Dieser  Sustand  moralischer  Ermattung  und  gänzlicher
Gleichgültigkeit  gegen  alle  äußeren  Derhältnisse  war  bereits
eingetreten,  der  Seldmarschall  dachte  nur  daran,  das  Kommando
  der  Krmee  niederzulegen  und  diese  zu  verlassen;  jede
Meldung,  jeder  Dortrag,  gleichviel  über  welchen  Gegenstand
oder  von  welcher  Person  er  kam,  war  ihm  ekelhaft  und
zuwider.

Uur  wenige  Stunden  des  Tages  durfte  ich  mich  aus  seinem
  Simmer  entfernen,  oft  mußte  ich  auch  des  Nachts  darin
zubringen;  es  schien  ihm  eine  Beruhigung,  mich  in  der  Nähe
zu  haben.

Seinem  Arzt,  dem  Doktor  Bieske,  dem  er  stets  sehr  gewogen
  war,  und  in  dessen  Behandlung  er  großes  Dertrauen
setzte,  ging  es  ebenso  wie  mir;  auch  er  durfte  nur  selten
das  Simmer  verlassen,  meist  mußten  wir  beide,  wenigstens
aber  einer  von  uns,  bei  ihm  bleiben.  Diese  Kufgabe  war
ebenso  langweilig  als  schwierig;  in  einer  zur  Schonung  der
Augen  ganz  finster  gemachten  Stube,  worin  sich  nur  im
entfernten  Winkel  eine  mattbrennende,  verhangene  Lampe  befand,
  saß  man  oft  stundenlang,  während  der  Feldmarschall
entweder  schlummerte  oder  über  seinen  Zustand  grübelte;  kein
Wort  ward  gesprochen,  und  eine  wahre  Totenstille  herrschte,
welche  nur  durch  das  Schlagen  zweier  darin  befindlicher
Uhren  unterbrochen  wurde.

Lesen  konnte  man  nicht,  weil  es  zu  finster  war,  und
miteinander  sprechen,  selbst  wenn  es  ganz  leise  geschah,
durfte  man  nicht,  weil  es  dem  Feldmarschall  unangenehm  war.
Eine  solche  stundenlange  Dause  ward  endlich  dadurch  unterbrochen,
  daß  der  Feldmarschall  aus  seinem  Lehnstuhl  aufstand,
anfing  in  der  Stube  umherzugehen  und  die  in  betreff  seines
Befindens  gemachten  Beobachtungen  oder  gehabten  Empfindungen
  mitzuteilen;  bei  allem,  was  nun  geantwortet  oder
überhaupt  gesprochen  ward,  mußte  jedes  ort  wohl  erwogen
werden,  damit  den  trüben  Erübeleien  keine  neue  Nahrung
und  dem  Argwohn  keine  Eelegenheit  gegeben  ward,  zu  glauben,
  daß  wir  gegen  unsere  Überzeugung  den  Krankheitszustand
  für  völlig  gefahrlos  hielten.  Uur  die  innigste  persön-390

