nette  zu  Wien  vereint  waren,  so  hatte  ich  meinem  Kammer—
diener  den  Befehl  erteilt,  wenn  Kuriere  spät  abends  ankämen,
  mich  nicht  im  Schlafe  zu  stören.  Ungeachtet  dieses  Befehls
  brachte  mir  derselbe  gegen  6  Uhr  früh  eine  mittels
Estafette  eingelangte,  als  dringend  bezeichnete  Depesche.  Kls
ich  auf  dem  Kuvert  die  Worte  „vom  k.  k.  Generalkonsulate
in  Genua“  las  und  kaum  zwei  Stunden  im  Bette  war,  legte  ich
die  Depesche  uneröffnet  auf  den  nebenstehenden  Nachttisch  und
überließ  mich  wieder  der  Ruhe.  Einmal  gestört,  wollte  der
Schlaf  sich  nicht  wiederfinden.  Gegen  7⅛½  Uhr  morgens  entschloß
  ich  mich,  die  Schrift  zu  erbrechen.  Sie  enthielt  in  sechs
Seilen  die  Kuzeige:  der  englische  Kommissar  Campbell  sei  soeben
  erschienen,  um  sich  zu  erkundigen,  ob  sich  Uapoleon  zu
Genua  habe  blicken  lassen,  denn  von  der  Insel  Elba  sei  er
verschwunden.

Erzherzog  Johann  von  Esterreich  stellt  in  seinem  Tagebuch
die  Begebenheit  so  dar:  Es  war  am  5.  März,  als  alle  bei  dem
Kongreß  Knwesenden  bei  Hofe  versammelt  waren,  um  einer  Vor—
stellung  von  Tableaux  beizuwohnen,  daß  Kaiser  Klexander  die  Nachricht
  erhielt  und  mitteilte:  Sbfahrt  Napoleons  von  Elba
Metternich  machte  einen  Spaß  daraus;  mich  ärgerte  dies.

Gentz  über  das  Wiedererscheinen  Napoleons.
wien,  7.  März  1815.
Was  mich  betrifft,  so  betrachte  ich  das  ganze  Kbenteuer
als  einen  von  der  Derzweiflung  eingegebenen  Narrenstreich,
und  welche  Richtung  er  auch  einschlagen  mochte,  so  habe  ich
das  sichere  Dorgefühl,  daß  seine  Laufbahn  damit  zu  Ende
geht  und  seine  letzte  Stunde  bald  schlagen  wird.

Markgraf  Wilhelm  von  Baden  über  die  Wirkung
vom  Wiedererscheinen  UNapoleons.

Ich  hatte  die  beste  Gelegenheit,  zu  beobachten,  wie  der
elektrische  Ichlag  auf  die  verschiedenen  Physiognomien  wirkte.
Alles  steckte  die  Köpfe  zusammen,  sprach  von  nichts  als  von
dem  großen  Ereignis  des  Tages  und  frug  sich  in  fieberischer
Unruhe,  wohin  Uapoleon  wohl  gegangen.  Ich  hörte  mehrere
Generale  und  Diplomaten  laut  äußern,  diesmal  müsse  man
mit  dem  wortbrüchigen  Despoten  ohne  Gnad  und  Barmherzig-460

