36

seinem  zu  Mistrauen  und  Argwohn  geneigten  Gemüthe  eine  andere
Furcht  empor,  eine  Furcht,  die  als  ein  Erbübel  seines  Hauses  erscheinen
  mußte.

Hundert  Jahre  zuvor  hatte  Georg  Wilhelm  seinem  Sehne
und  Nachfolger  Friedrich  Wilhelm  nicht  getraut.  1)  Die  eindringlichsten
  Vorstellungen  des  Ministers  Schwarzenberg,  daß  der  Kurfürst
  seinen  Sohn  und  Erben  mit  Anstand  und  Wohlwollen  behandeln
  möge,  hatten  nur  mit  Mühe  vermocht  ein  leidlich  gutes
Verhältnis  herzustellen.  Dieselbe  Stellung  zwischen  Vater  und
Sohn  kehrt  wieder  zwischen  Friedrich  Wilhelm  und  Friedrich,  dem
späteren  ersten  Könige.  Immerhin  mochte  die  Stiefmutter  daran
einen  guten  Theil  der  Schuld  tragen.  Dasselbe  Verhältnis  kehrt
wieder  zwischen  Friedrich  I.  und  Friedrich  Wilhelm  I.  Auch  dies
Mal  liefen  die  Neigungen  auseinander.  Wiederum  sehen  wir
Friedrich  Wilhelm  I.  erbittert  gegen  seinen  Sohn.  Freilich,  auch
dies  Mal  schlugen  Vater  und  Sohn  so  ganz  verschiedene  Wege
ein.  War  es  denn  bloß  das?  —

Im  Angust  1730  versuchte  Friedrich  zu  fliehen.  Er  ward  angehalten.
  Was  dann  weiter  geschah,  ist  bekannt.  Das  Kriegsgericht
  erkannte  gegen  den  Mithelfer  Katt  die  Festungsstrafe.  Der
König  war  damit  nicht  zufrieden.  Er  verschärfte  das  Urtheil  zur
Todesstrafe,  und  fügte  die  Gründe  der  Verschärfung  hinzu.  Der
hauptsächlichste  und  erste  dieser  Gründe  ?7)  ist:  „Weil  dieser  Katt
mit  der  künftigen  Sonne  tramirt“  u.  s.  w.  Er  hat  nach  allen
Rechten  verdient  mit  glühenden  Zangen  gerissen  und  aufgehängt
zu  werden,  meint  der  König,  und  will  es  als  eine  Gnade  angesehen
  wissen,  daß  er  den  Katt  nur  zum  Schwerte  verurtheile.

Warum  ist  Friedrich  geflohen  und  was  hat  er  gewollt?  Es
ist  das  eine  Frage,  für  welche  bis  heute  die  Antwort  nicht  offen
liegt.  Friedrich  schreibt  aus  seinem  Arreste  an  seinen  Vater  und

1)  Cosmar:  Schwarzenberg  S.  163.  —  2)  Preuß:  Friedrich  der  Große.  I.  43