72·

Das  befremdet  ihn  sehr,  warum  der  König  das  thue,  wo  er  dem
Tode  nahe  sei.  Er  verspricht  seiner  Schwester:  „Im  Falle,  daß
sich  ein  Unglück  ereignet:  so  werden  Sie  zuerst  Nachricht  erhalten.
Was  mich  betrifft:  so  habe  ich  nichts  zu  fürchten,  und  bin  völlig
in  Ruhe.“

Allein  der  König  hat  noch  gar  keine  Lust  zu  sterben.  Vielmehr
  wenden  sich  die  Dinge.  Am  10.  Januar  1735  schreibt
der  Prinz:  „Ich  muß  mit  dem  größten  Erstaunen  von  der  Welt
anzeigen,  daß  der  König  sich  besser  befindet.  Er  fängt  an  zu  gehen,
er  befindet  sich  besser  als  ich,  und  ißt  und  trinkt  für  vier.“  Der
erregbare,  unruhige  Gemüthszustand  des  Königs  bereitet  seiner
völligen  Herstellung  allerlei  Hindernisse;  aber  das  Mistrauen  des
Prinzen,  der  sich  getänscht  glaubt,  wächst  nun  recht  empor.  Der
Markgräfin  geht  die  Geduld  aus.  „Ich  erwarte  mit  Ungeduld,"
schreibt  sie,  „die  Entfaltung  der  großen  Epoche.  Da  Sie  mir  darüber
  nichts  melden,  so  glaube  ich,  que  cela  va  mieux.“)  Der
Prinz  dagegen  schreibt  in  denselben  Tagen  seiner  Schwester:  „Die
Krankheit  des  Königs  ist  nur  Politik.  Er  befindet  sich  besser,  sobald
  er  dazu  Lust  hat,  und  macht  sich  kränker,  wenn  er  es  für
geeignet  hält.  Ich  bin  im  Anfange  getäuscht;  aber  jetzt  komme
ich  hinter  das  Geheimnis.  Sie  können  darauf  rechnen,  meine  liebe
Schwester,  daß  er,  Dank  sei  Gott,  die  Natur  eines  Türken  hat,
und  daß  er  die  künftige  Nachwelt  überleben  wird,  wenn  er  nur  Lust
dazu  hat  und  sich  schonen  will.  Was  die  Königin  anbetrifft,  so
kennen  Sie  ihr  gutes  Herz.  Ich  habe  keine  Ursache  mich  über  sie
zu  beklagen.“?)

Und  dann  schießt  die  Philosophie  des  23jährigen  Prinzen
empor.  1

„Angeekelt  von  der  Welt  auf  allen  Seiten,  wie  ich  es  bin,
ergebe  ich  mich  völlig  dem  Nachdenken,  welches  mich  mehr  und

1)  Oeuv.  XXVII.  1.  p.  29.  —  2)  a.  a.  O.