117

„Es  ist  sehr  wahrscheinlich,“  äußerte  Friedrich  sich  später,)
„daß  eine  französische  Armee,  welche  damals  gleich  im  Beginne
nach  Deutschland  geschickt  wäre,  den  König  Ludwig  XV.  zum
Schiedsrichter  der  streitenden  Fürsten  gemacht  und  sie  genöthigt
hätte  sich  über  die  östreichische  Erbschaft  freundlich  nach  seinem  Willen
zu  vertragen.  Es  ist  sicher,  daß  Frankreich  nach  der  Rolle,  die  es
beim  westfälischen  Frieden  gespielt  hat,  nicht  eine  schönere  und  größere
spielen  konnte.  Aber  darf  man  Ludwig  XV.  anklagen,  weil  das
Unglück  und  eine  Kette  von  Ereignissen  diesen  Planen  nicht  günstig
waren?“  Also  Ludwig  XV.  sollte  die  Erblande  des  Hauses  Oestreich
austheilen,  diesem  viel,  jenem  wenig,  das  Meiste  dem  Könige  von
Preußen,  weil  er  durch  den  Anfang  mit  der  Niederwerfung  des
Hauses  Oestreich  so  viele  Verdienste  um  Frankreich  hatte.  Denn
daß  Friedrich  und  zwar  er  allein  den  schauerlichen  Krieg  hervorgerufen,
  dessen  ist  er  selber  sich  vollans  bewußt  und  klar.  Indem
  er  seinen  Einmarsch  in  Schlesien  beschreibt,  indem  er  erörtert,
  daß  Maria  Theresia  seine  Forderungen  nicht  bewilligt,  fügt
er  hinzu:  „So  war  also  das  Signal  zum  Kriege  für  Europa  gegeben.“


Am  23.  Dezember  1740  betrat  der  König  Schlesien.  Es  war
kein  Feind  da.  Wie  auch  war  das  möglich?  Er  streute  ein  Manifest
  aus,  des  Inhalts,  daß  es  seine  Absicht  sei  diese  Provinz  in
Besitz  zu  nehmen,  um  sie  vor  den  Einfällen  eines  Dritten  zu
sichern.  Nach  seiner  Ansicht  zeigte  dies  Manifest  deutlich  genug,
daß  er  das  Land  nicht  gutwillig  wieder  räumen  werde.  Der  Adel
und  das  Volk  von  Schlesien  meinten  daraus  zu  entnehmen,  daß
dieser  Angriff  nicht  ein  feindlicher  Ueberfall  sei,  sondern  ein  gefälliger
  Beistand,  den  ein  Bundesgenosse  seinem  Nachbar  leiste.
Also  wollte  es  der  König,  und  freilich  mochte  auch  ja  dem  bürgerlichen
  Menschenverstande  der  Gedanke  des  wirklichen  ungeheuren

1)  Oeuv.  IX.  p.  145.