184

ich  Sie  belästige  mit  meinem  Schmerze  und  meinen  Klagen;  aber
meine  Seele  ist  so  voll  davon,  mein  Herz  so  davon  durchdrungen,
daß  dies  den  Sieg  davon  getragen  hat  über  das  Schweigen,  dem
ich  mich  geweiht  hatte.  Darum  wage  ich  es  vor  dem  Einzigen,
der  die  Ursache  meiner  Sorgen  ist,  mein  Herz  zu  entladen.  Sie
sind  zu  gnädig,  um  nicht  es  mir  zu  verzeihen  und  sich  hinein  zu
denken  in  meinen  gerechten  Schmerz.  Ich  empfehle  mich  der  Ehre
Ihrer  Freundlichkeit  und  Ihres  Wohlwollens,  und  verbleibe  mit
vollkommener  Anhänglichkeit,  völliger  Ergebenheit  und  aller  erdenklichen
  Zärtlichkeit  u.  s.  w.  —

Der  König  erwiedert  ihr:  „Madame,  die  Menge  der  Geschäfte
hat  mich  bislang  gehindert  Ihnen  zu  schreiben.  Deshalb  richte
ich,  um  Abschied  von  Ihnen  zu  nehmen,  an  Sie  diesen  Brief,  indem
  ich  Ihnen  Gesundheit  und  Zufriedenheit  wünsche  während  der
Unruhen,  die  sich  zu  erheben  beginnen.  Ich  bin“  u.  s.  w.

Man  sieht,  die  Schuld  seiner  Vereinsamung  lag  nicht  an  derjenigen,
  welche  das  Recht  und  die  Pflicht  hatte  im  Leben  ihm  zunächst
  zu  stehen.  Man  wolle  dagegen  nicht  sagen,  daß  dieses  rein
persönliche  Verhältnis  beschränkt  blieb  auf  die  Personen,  und  nicht
die  Schicksale  einer  Nation  betraf.  Wir  haben  schon  bemerkt  und
werden  es  ferner  sehen,  daß  die  Persönlichkeit  dieses  Königs  die
Schicksale  der  Millionen  bedingt,  nicht  bloß  derer,  die  unmittelbar
ihm  unterthan  waren,  sondern  noch  vieler  anderen  dazu.

Dasselbe  Verhältnis  im  Wesentlichen  kehrt  wieder  bei  denen,
welche  durch  die  Bande  des  Blutes  dem  Könige  nahe  standen.
Schon  in  den  ersten  Jahren  sprießt  der  in  seinem  Hause  traditionelle
  Argwohn  gegen  den  Thronfolger  in  ihm  empor.)  Er  vergleicht
  1747  seinen  Bruder  Wilhelm  dem  Könige  Heinrich  IV.,
und  schließt  mit  den  Worten  Voltaires:

Le  héros  vertuenz  se  cachait  A  lui-meme
Que  la  mort  de  son  roi  lui  donne  un  diademe.

1)  Oeuv.  XXVI.  94.