276

eine  Hoffnung,  dort  eine  Hoffnung  an.  Sie  zerrann,  ein  anderer
Stern  tauchte  empor,  um  abermals  zu  zerrinnen.  Diese  Hoffnungen
  erhielten  ihn  aufrecht.  Aber  er  ward  alt  vor  der  Zeit  an
Geist  und  Körper.  Das  geringe  Vertrauen  auf  die  Ehrlichkeit
und  Rechtlichkeit  der  Menschen,  das  er  bei  seinem  Lebensgange
hatte  erlangen  und  behalten  können,  schwand  nun  völlig  dahin.
Mehr  als  einmal  preist  er  das  Glück  der  Todten,  die  frei  sind
von  allem  Kummer  und  aller  Unruhe.  „Ich  kenne  aus  Erfahrung,“
spricht  er  zu  seinem  Bruder  Heinrich  1),  „diese  zweifüßige,  unbefiederte
  Gattung,  und  wenn  Sie  nicht  annehmen  wollen,  daß  gerade
  ich  unter  die  Erz-Canaille  gerathen  bin:  so  müssen  Sie  zugeben,
  daß  gute  Charaktere  so  selten  sind,  wie  die  Kometen  und
Conjunctionen  der  Planeten.“  Ob.  das  Vertrauen  anderer  Menschen,
  die  den  König  Friedrich  kannten,  zu  ihm  fester  und  sicherer
war,  als  das  seinige  zu  ihnen,  scheint  er  sich  nicht  klar  gemacht  zu
haben.  Er  ist  kurze  Zeit  nach  dem  Unglückstage  von  Kunersdorf
zu  der  Armee  seines  Bruders  Heinrich  gegangen,  und  meldet  diesem
  im  Dzbr.  1759  einige  Nachrichten.  Der  Prinz  Heinrich  empfängt
  den  Brief  und  schreibt  für  sich  in  der  Stille  seine  Kritik
auf  denselben  nieder  2).  „Ich  verlasse  mich  nicht  auf  diese  Nachrichten:
  sie  sind  widersprechend  und  ungewis,  wie  sein  Charakter.
Er  hat  uns  in  diesen  grausamen  Krieg  gestürzt:  die  Tapferkeit
der  Generale  und  Soldaten  kann  allein  uns  heraus  reißen.  Seit
dem  Tage,  wo  er  meine  Armee  erreicht,  hat  er  Unordnung  und
Unglück  mitgebracht.  Alle  meine  Mühen  in  diesem  Feldzuge,  und
das  Glück,  das  mir  wohlwollte,  ist  verloren  durch  Friedrich.“
Im  Januar  1762  ist  das  Gemüth  des  Königs  so  tief  hinabgedrückt,
  wie  vorher  noch  nie  3).  Er  sieht  keinen  Ausweg  mehr,
und  erwägt  einen  Plan  der  Verzweiflung.  Wir  meinen  nicht  denjenigen
  des  Selbstmordes;  denn  diesen  hat  er  bereits  seit  der

1)  Oeuv.  XXVI.  187.  —  2)  a.  a.  O.  208.  —  3)  a.  a.  O.  235.