383

die  Frage  auf,  ob  es  eines  selbständigen  Königs  würdig  sei  in
solcher  Weise  an  einen  anderen  Herrscher  zu  schreiben,  und  zwar
an  einen  solchen,  der  ihm  deutlich  zu  erkennen  gibt,  daß  er  nichts
mehr  von  ihm  wissen  will?

Man  erwiedert  uns  vielleicht,  daß  die  minder  Mächtigen  den
Großen  gegenüber  solche  Rücksichten  beweisen  müssen.  Warum
denn  müssen?  Wenn  Friedrich  II.  Rücksichten  gegen  Stärkere  beweisen
  wollte:  so  war  es  seine  Pflicht  sie  zu  beweisen  gegen  den
Kaiser,  der  geschichtlich  und  rechtlich  das  Oberhaupt  des  Kurfürsten
von  Brandenburg  war.  Das  eben  war  das  traurige  Geschick  der
deutschen  Nation,  daß  sie  an  sich,  auf  ihre  Kosten,  aus  ihrem
Blute  eine  neue  Macht  hatte  heraufwachsen  sehen,  die  ferner  zunehmen
  wollte  auf  Kosten  der  anderen  Deutschen  und  dennoch  auch
wieder  zu  schwach  war  in  sich  ein  selbständig  neues  Leben  zu  gestalten.
  Die  Macht  Friedrichs  II.  war  zu  groß,  um  klein  sein  zu
wollen,  und  zu  klein,  um  groß  sein  zu  können.  Darum  suchte  er
sich  anzulehnen,  hierhin,  dahin,  und  bat  und  flehete  bald  hier,  bald
da,  daß  man  sein  Anlehnen  ihm  verstatte.  Bis  an  sein  Lebensende
  beharrte  er  in  dieser  demüthig  flehenden  Stellung  vor  der
russischen  Czarin.  Hören  wir  darüber  einen  seiner  Verehrer  aus
jener  Zeit.

„Die  Schmeicheleien,“  sagt  Dohm,  1)  „mit  denen  der  König
die  Bundesgenossin  bei  guter  Laune  zu  erhalten  suchte,  waren  nicht
immer  eines  Friedrich  würdig;  doch  kam  ihm  zu  statten  und  bewahrte
  ihn  vor  noch  weiterer  Erniedrigung,  daß  Katharine  von
Jugend  auf  die  tiefste  Verehrung  für  ihn  hegte.“  Dohm  betheuert,
  er  könne  dies  mit  Wahrheit  sagen,  da  er  verschiedene
Briefe  Friedrichs  an  Katharine  gelesen,  von  denen  seines  Wissens
keiner  gedruckt  sei.  .

Wir  unsererseits  vermögen  nicht  etwas  für  oder  wider  diese

1)  Dohm  IV.  259.