466

schenkte,  mithin  acht  Mill.  Thaler  mehr,  als  Launay  nach  seiner
Berechnung  dem  Könige  eingebracht  haben  wollte.  Was  denn  war
das  Ergebnis  dieser  Schenkungen?

Wir  sehen  zwischen  diesen  Schenkungen  und  dem  Wohlstande
der  Länder  ein  umgekehrtes  Verhältnis.  Diejenigen  Provinzen
erhielten  sich  am  kräftigsten,  denen  der  König  am  wenigsten  schenkte:
es  waren  die  westfälischen.  Der  Kurmark  dagegen  schenkte  der
König  in  den  letzten  vier  Jahren  reichlich  3½  Mill.  Thaler,  fast
dreimal  so  viel,  als  Schlesien  in  derselben  Zeit  erhielt  und  drei
Achtel  dessen,  was  er  überhaupt  in  dieser  Zeit  verschenkte.  )  Der
Erfolg  lag  zu  Tage.  Nirgends  auf  deutschem  Boden  erreichte
die  Bettelei  eine  so  erstaunliche  Höbe,  wie  in  der  Kurmark
Brandenburg.

Warum  ließ  der  Mann,  der  so  augenscheinlich  sich  angelegen
sein  ließ  etwas  für  das  Volk  zu  thun,  nicht  der  Thätigkeit  desselben
  freien  Raum?  Sein  Geben  war  vielleicht  eben  so  schädlich,
wie  sein  Nehmen.  Aber  so  hing  es  zusammen  mit  der  innersten
Natur  Friedrichs,  mit  der  Grundanschauung  seines  Lebens.  Glauben
  an  die  moralische  Kraft  der  Menschen  hatte  er  nie  gehabt.
Und  weil  er  diesen  Glauben  nicht  hatte:  so  konnte  auch  in  ihm
der  Gedanke  nicht  erwachen,  daß  sein  Schenken,  nicht  seiner  Absicht
nach,  aber  durch  den  Erfolg  die  moralische  Kraft  der  Menschen
ertödte.  Diese  sittliche  Lahmung  durch  das  Geben  freilich  lag  nicht
so  offen  vor  Augen,  als  der  Druck  durch  das  Nehmen.  Der  nagende
  Wurm  einer  in  aller  Beziehung  überspannten,  regulirenden,
fiskalischen,  inquisitorischen  Staatsverwaltung  machte  die  Länder
unglücklich.

Die  Menschen  duldeten  still.  Dennoch  sind  sie  nicht  so  verschwiegen,
  daß  nicht  häufig  aus  der  gepreßten  Brust  Seufzer  emporstiegen,
  die  selbst  bis  nach  Sanssouci  hinauf  drangen.  „Worüber

1)  Mir.  u.  Mauv.  I.  469.