495

braucht  für  seine  Person.  Friedrich  Wilhelm  II.  war  freigebig
und  verschwenderisch  gegen  Günstlinge  aller  Art,  gegen  Menschen,
welche  der  redliche  Bürger  tief  verachtete.  Friedrich  II.  war  arbeitsam
  und  thätig  gewesen  bis  zum  letzten  Tage  seines  Lebens.  Für
Friedrich  Wilhelm  II.  schien  das  Vergnügen  seine  erste  Pflicht  zu
sein.  Man  verglich  die  alte  und  die  neue  Zeit.  Da  man  die
Wucht  der  ersten  nicht  unmittelbar  mehr  fühlte,  fiel  der  Vergleich
der  Perfönlichkeiten  zum  Vortheile  der  stärkeren,  energischen  aus.

Und  dazu  trat  ein  anderes  wichtiges  Verhältnis.  Fast  ein
halbes  Jahrhundert  hindurch  hatte  man  sich  unter  einem  Könige,
der  mit  Vorliebe  die  Verächter  aller  positiven  Religion  zu  seiner
Gesellschaft  aussuchte,  an  diese  Art  von  Philosophie  gewöhnt.  Das
Wort  von  der  Fagon  hatte  die  Schichten  der  höheren,  tonangebenden
  Lebensstände  durchdrungen.  Wir  sehen  es  an  zeinem  besonderen
  Beispiele.  Friedrich  II.  hatte  es  untersagt,  daß  die  Verbrecher
  zur  Hinrichtung  von  Geistlichen  begleitet  würden.  Der
Grund  war,  daß  solche  Geistliche  häufig  die  Bußfertigkeit  der  Unglücklichen
  priesen,  ihnen  dafür  die  Seligkeit  des  Himmels  verhießen,
  daß  mithin  dadurch  die  Strafe  an  der  Kraft  der  Abschreckung
zu  verlieren  schien.  Und  ein  solches  Verbot  der  Begleitung  des
Missethöters  auf  seinem  letzten  Gange  durch  den  Diener  der  Kirche
galt  in  den  Augen  eines  rechtschaffenen  Mannes  wie  Dohm  für
Weisheit!  Es  war  in  Berlin  dahin  gekommen,  daß  wenige  Jahre
später  Schleiermacher  Reden  über  die  Religion  schrieb,  mit  ausdrücklicher
  Bestimmung:  für  die  Gebildeten  unter  ihren  Verächtern.
Das  Wort  ist  inhaltsschwer  nach  mehr  als  einer  Seite.  Derselbe
Geist  goß  sich  aus  durch  das  ganze  Land.  Ein  Historiker  jener
Zeit  bringt  schüchtern  die  Behauptung  vor:  er  könne  doch  sich  noch
nicht  überzeugen,  daß  die  Orthodoxie  nothwendig  entweder  auf
Dummheit  oder  auf  Heuchelei  beruhe.

In  einem  folchen  Zeitalter  wagten  die  Minister  „riedrich
Wilhelms  II.  in  schnurgeradem  Widerspruche  gegen  den  Strom