<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Gefahren des Geburtenrückganges.</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Hermann</forname>
            <surname>Kötsche</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>koetsche_gefahren_1917</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        Schützengraben- 
Bücher 
für das deutsche Volk 
Die Gesahren des Geburten: 
rückganges 
von 
Hermann Kösschke 
Berlin 1017 
PVerlag von Karl Siegismund 
— 
Kgl. Sächs Hosbuchhöndler
        <pb n="2" />
        Inhalt. 
Seite 
I. Die Bevölkerungspolitik und der 
Nahrungsspielraum ....... 
Bevölkerungszahlen im Altertum und Mittel- 
alter. Wachstum im vorigen Jahrhundert. Mal- 
thus. Malthus' Irrtum. Die Unterhaltsmittel wach- 
sen schneller als die Menschen. Die menschliche 
Arbeit ist produktiver geworden. Die Verbilligung 
der Waren. Deutschland tauscht Industriewaren 
gegen landwirtschaftliche ein. Bringt der Krieg eine 
dichte Bevölkerung in Hungersgefahr? Vorteile des 
Industriestaats gegenüber dem Agrarstaat. Aus- 
wanderung und Einwanderung. Überfüllung nur in 
den oberen Schichten. 
II. Der starke Rückgang der Bevölke 
rungsvermehrung ) 
Furchtbares Sinken der Geburten. In den Städ- 
ten stärker als auf dem Lande. Die Ursachen des Ge- 
burtenrückganges. Der Sozialismus und die Bevöl- 
kerungspolitik. Stärkster Geburtenrückgang bei den 
Beamten. Abnahme der Heiraten. Deutschland und 
die anderen Länder. Abnahme der Sterbeziffern- 
Noch immer sehr starke Säuglingssterblichkeit. Die 
sinkenden Zahlen des Bevölkerungsüberschusses. Die 
Gefahr der Erdrückung durch die Slawen. 
III. Auf zur Abwehrl 
Weitere Herabdrückung der Sterblichkeitsziffern. 
Früheres Heiraten. Hauptzweck der Ehe sind viele 
Kinder. Kinderzulagen. Hebung der Lage der Un- 
ehelichen. Der Kampf gegen die Geschlechtskrank- 
heiten. Verbesserung der Wohnungsverhältnisse. 
3
        <pb n="3" />
        I. Die Bevölkerungspolitik und der 
Nahrungsspielraum. 
Bevölkerungszahlen im Altertum und 
ittelalter. " 
Vom Standpunkte der Bevölkerungspolitik aus kann 
man die Geschichte eigentlich in zwei Zeitalter einteilen: 
in die alte Zeit, die etwa schlankweg genommen mit 
dem 18. Jahrhundert zu Ende geht, und in die moderne 
Zeit, die mit dem Jahre 1800 beginnt. 
Bis Anfang des vorigen Jahrhunderts vermehrt 
sich die Bevölkerung in allen Ländern nur schwach. Wir 
haben allerdings darüber nur wenige leidlich zuverlässige 
Zahlen. Ordentliche Volkszählungen gab es bis dahin 
nicht. Einiges sei angeführt: Agypten soll schon im Al- 
tertum seine heutige Bevölkerung von 7 Millionen ge- 
habt haben, etwa 200 auf den Quadratkilometer. Auch 
China ist wohl schon immer sehr stark bevölkert ge- 
wesen. Das westliche Kleinasien dürfte im ersten Jahr- 
hundert nach Chr. 8 bis 9 Millionen Menschen gezählt 
haben, mindestens eben ungefähr soviel wie heute, Grie- 
chenland mit Ausschluß von Kreta und Mazedonien 
2¼ Millionen, ebenfalls reichlich soviel wie heute. 
Das alte Spanien zählte zur Zeit der Antonine 
schon 9 Millionen, ging dann bis auf 11 Millionen 
unter Karl V. in die Höhe, sank dann aber unter 
Philipp II. sehr stark und kam erst 1787 wieder auf 
10,26 Millionen, heute 18 Millionen. England hat im 
11. Jahrhundert 14 Millionen Menschen, im 12. Jahr- 
hundert etwa 2¼ Millionen. Dann lichtete der schwarze 
Tod die Bevölkerung sehr stark, so daß man noch im 
1*
        <pb n="4" />
        4—— « — 
16. Jahrhundert die gleiche Zahl annimmt. Von da an 
ging es in die Höhe. Ende des 17. Jahrhunderts zählte 
man 5 Millionen, 1750 7 Millionen, 1801 wurden or- 
dentlich gezählt 9,8 Millionen und gleichzeitig in Schott- 
land 1,6 Millionen, in Irland bereits 4 Millionen. Das 
letztere ging dann bis 1842 auf 8,2 Millionen in die 
Höhe, ist dann aber, weil die Pächter unter dem Groß- 
grundbesitz nicht vorwärts kamen, sondern teilweise aus- 
wanderten, fast bis auf den Stand von 1801 zurück- 
gegangen. · 
Deutschland ist im Altertum und früher nur sehr 
schwach bevölkert gewesen. Von 800 bis 1300 zeigt sich 
ein starker Aufschwung. Dann brachte der schwarze 
Tod eine große Verheerung. Aber zur Zeit der Re- 
formation hatten Stadt und Land wieder eine viel 
dichtere Besiedlung erlangt. Man schätzt 15 bis 16 Mil- 
lionen. Dann schmolz das deutsche Volk durch den 
dreißigjährigen Krieg vielleicht auf den dritten Teil 
seiner Beyölkerung zusammen und konnte sich nur lang- 
sam erholen. Am dichtesten bevölkert waren schon früh 
Rheinland, Westfalen, Hessen und Württemberg. Würt- 
temberg zählte Ende des 18. Jahrhunderts schon 70 Ein- 
wohner auf den Quadratkilometer, Hessen 53, Rhein- 
land 49, Westfalen 36, das Königreich Sachsen 76, da- 
gegen z. B. Pommern nur 18. .. 
Von besonderem Interesse ist es, die Bevölkerungs- 
verhältnisse in den Städten der früheren Zeit zu 
verfolgen. Die Volkszahl Roms wird um 1600. auf 
110 000, die Venedigs um die Mitte des 16. Jahrhun- 
derts auf 165 000, von Florenz zur selben Zeit auf 
59 000 angegeben. Venedig zählte um 1642 nur noch 
117 000 und befand sich, weil der Orienthandel jetzt über 
den Atlantischen Ozean ging, im Rückgange, erholte sich 
aber wieder und zählte um 1750 140 000, Rom um 
diese Zeit 153 000, Florenz 81 000. Die größte Stadt 
im Mittelalter war Paris. Es zählte schon am Ende 
des 13. Jahrhunderts 200 000 Seelen, 1687 415 000.
        <pb n="5" />
        5 
Auch London war schon früh sehr bedeutend. Schon 
unter Wilhelm dem Eroberer soll es gegen 30 000 Men- 
schen gehabt haben. Es blieb dann lange ungefähr auf 
dieser Zahl stehen. 1377 wurden 35.000 gezählt. Dann 
ging es aber gewaltig in die Höhe. 1660 hatte es mit 
Million schon Paris überholt. Dann ging es vor- 
übergehend wieder etwas zurück. 1665 raffte die Pest 
68 000 Menschen weg, 1666 zerstörte ein Brand 13 200 
Häuser. Auch die flandrischen Städte Gent und Brügge 
waren im Mittelalter sehr volkreich. Gent zählte unter 
Karl V. 175 000 Einwohner und von Brügge berichtet 
man dasselbe. 
Deutschland litt im Mittelalter sehr darunter, daß 
die Kaiser sich keine Hauptstadt erkoren hatten, infolge- 
dessen stieg keine Stadt in vernehmlicher Weise über die 
anderen empor und konnte sich zum Mittelpunkt 
Deutschlands aufschwingen, sondern verschiedene hielten 
sich die Wage, und die Städte wechselten im Vorrang. 
Die größte Stadt im Mittelalter war das Haupt der 
Hansa, Lübeck, es soll in der ersten Hälfte des 14. Jahr- 
hunderts 70 bis 80 000 gezählt haben. Danzig hatte 
1450 40 000. Demgegenüber werden von Hamburg nur 
folgende geringe Zahlen berichtet: 1311: 7000, 1419: 
28 000, 1526: 12 000. Verhältnismäßig recht klein 
waren auch die mittel= und süddeutschen Städte. Frank- 
furt a. M. zählte 1387 gegen 10 000, von Straßburg 
und Nürnberg werden im 15. Jahrhundert je 26 000 
berichtet, von Augsburg 18 000, von Ulm 20 000, von 
Leipzig gar nur 4000. Berlin hatte, als die Hohenzollern 
in die Mark kamen, gegen 10 000 Einwohner und ist 
dann bis zum Großen Kurfürsten auf dieser Zahl 
stehen geblieben. Von 1550 an gingen fast alle deutschen 
Städte an Einwohnerzahl zurück, weil Deutschland von 
den Handelswegen abgedrängt wurde infolge der Ent- 
deckung des Seewegs nach Ostindien und der Entdeckung 
Amerikas. - «
        <pb n="6" />
        Wachstum im vorigen Jahrhundert. 
Im ganzen ist, wie gesagt, bis ums Jahr 1800 die 
Bevölkerung Europas nur sehr langsam und durchaus 
nicht ununterbrochen gewachsen. Dann aber war es, 
als wäre der Faden gerissen, dann gingen die Zahlen 
steil in die Höhe, wie einen schwindelnden Berg hinan. 
Wir führen folgende Zahlen an: 
1800 1900 
Europäisches Rußland 59 Mill. 111 Mill. 
Österreich-Ungargn. . 23 „ 45 „ 
Deutschland . 21 „ 56 „ 
Frankreic 27 „ 39 „ 
Großbritannien . 16 „ 42 „ 
Italien . . .. 18 „ 32 „ 
Ann stärksten ist Rußland gewachsen und hat seine 
Bevölkerung fast verdreifacht, Deutschland hat sie reich- 
lich verzweieinhalbfacht. Das bevölkertste Land Europas 
war um 1900 Belgien mit 227 Einwohnern auf den 
Quadratkilometer. Die Niederlande hatten 154, Groß- 
britannien 132, England allein ohne Schottland und 
Irland 215, Italien 113, Deutschland 104, unter den 
deutschen Bundesstaaten steht Sachsen obenan mit 280. 
Weiter unten kommen Frankreich und Österreich-Un- 
garn mit je 72, Dänemark mit 62 usw. Rußland steht 
ziemlich tief mit 20. 
Malthus. 
Kein Mensch hätte ums Jahr 1800 ein solches 
Wachstum für möglich gehalten. Ein englischer Geist- 
licher, Malthus, der im Anfang des 19. Jahrhunderts 
lebte, sah, daß in Europa der Menschheitsbaum sich 
dehnte und streckte, und die einzelnen Völker, besonders 
auch das englische, sich stärker zu vermehren begannen. 
Er hielt dieses Wachstum für äußerst bedenklich und 
erklärte, daß es ungesund sei, und daß das Land soviel
        <pb n="7" />
        7 
Menschen nicht tragen werde. Er schrieb mehrere 
Bücher zur Theorie der Bevölkerungslehre. Darin stellte 
er den Satz auf: Die Bevölkerung hat das Bestreben, 
sich viel schneller zu vermehren als die Nahrungsmittel. 
Er drückte sich so aus: Die Bevölkerung vermehrt sich 
in geometrischer Progression, die Nahrungsmittel in 
arithmetischer. Um dem Zwangsterben an Hunger zu 
entgehen, muß die Menschheit die Kindererzeugung ein- 
schränken. » 
Seine Theorie gewann ungeheuer viel Anklang. 
Die meisten bürgerlichen Nationalökonomen bekannten 
sich zu ihr. Sogar bis zum Ende des Jahrhunderts be- 
heurschte sie die Wissenschaft. Trotzdem konnten auf- 
merksame Beobachter und feinfühlige Naturen sehr bald 
merken, daß Malthus im Irrtum war. 
Malthus' Irrtum. Die Unterhaltsmittel 
wachsen schneller als die Menschen. 
4 a) Agrarprodukte. 
Die Nahrungsmittel haben sich nämlich umgekehrt 
viel schneller und stärker vermehrt als die Menschen. 
Die Landwirtschoft hat im 19. Jahrhundert einen Auf- 
schwung genommen wie vorher kaum in tausend Jahren. 
Die Erbuntertänigkeit fiel, die Dreifelderwirtschaft wurde 
beseitigt, die Brachen hörten fast ganz auf, der künstliche 
Dünger wurde eingeführt, die mannigfachsten Ma- 
schinen kamen auf usw. usodiese Weise gelang es z. B. 
der deutschen Landwirtschaft im vorigen Jahrhundert, 
die Erzeugnisse etwa um das Dreieinhalbfache zu stei- 
gern. In neuentdeckten Ländern wie Amerika ist die Ent- 
wicklung natürlich noch hundertmal schneller gegangen. 
Zur Zeit seiner Entdeckung hat Nordamerika vielleicht 
kaum ein paar Millionen Menschen ernährt. Heute er- 
nährt es nicht nur seine eigene, über 100 Millionen 
starke Bevölkerung, sondern führt auch noch massenhaft 
aus. Philippowitsch erzählt in „Wirtschaftlicher Fort- 
schritt und Kulturentwicklung“: auf den großen Weizen-
        <pb n="8" />
        8 
feldern von Dakota soll gegenwärtig zur Gewinnung 
von 5500 Bushels Weizen (1 Bushel — 60 Pfd.) nur die 
Arbeitskraft eines einzigen Mannes notwendig sein. 
In der großen Mühle von Minnesota vermag ein 
Mann im Laufe des Jahres diese 5500 Bußfhels, nach 
Abzug von 500 Bushels für die Aussaat, in 1000 Bar- 
rels (1 Barrel — 90 Kilogramm) Mehl zu verwan- 
deln. Zwei Leule genügen, um dieses Mehl auf der 
Bahn nach Neuyork zu bringen, und der Aufschlag eines 
Bruchteils eines Cent zum Preise des Pfundes genügt, 
um das Mehl nach irgend einem Hafen zu bringen. 
Es genügt das Zusammenwirken von wenig Leuten 
während eines Jahres, um eine Menge Mehl herbei- 
zuschaffen, die hinreicht, 1000 Erwachsene während eines 
Jahres mit Brot, dem wichtigsten Nahrungsmittel, zu 
ernähren. Bei den alten Indianern hatte das Fami- 
lienoberhaupt vielleicht Mühe, um für seine Familie 
eine dem Brote etwa gleichwertige Nahrung sich zu 
verschaffen. So gewaltig hat sich die Produktivität der 
Arbeit gesteigert. 
Nun könnte man vielleicht allerdings befürchten, daß 
die Produktivität der Landwirtschaft begrenzt sei. Man 
spricht von einem Gesetz des abnehmenden Bodenertrags 
in der Landwirtschaft. Das ist so zu verstehen, daß man 
nicht denken darf, daß, je mehr man Kapital in den 
Landboden hinein steckt, der Ertrag sich in demselben 
Maße steigert. Doch das Gesetz hat nur beschränkten 
Wert. Es können technische Umwälzungen auftreten, 
die das Gesetz außer Kraft setzen. Wir kommen später 
darauf zurück. 
b) Industrieprodukte. 
Noch viel stärker ist die Herstellung von Industrie- 
waren gewachsen. In den ältesten Zeiten sind mancher- 
lei Kriege um den Besitz von Salzquellen geführt wor- 
den. Das ist heute völlig unmöglich. Wir gewinnen 
heute um das Vielfache mehr Salz als vor hundert
        <pb n="9" />
        9 
Jahren und können aus dem Seewasser noch beliebig 
viel Salz herausholen. Eine der wichtigsten Grund- 
lagen unzerer Industrie ist die Kohle. Im Anfang des 
vorigen Jahrhunderts lag der Kohlenbergbau bei uns 
noch in den Anfängen. Die Industrie arbeitete damals 
noch mit der Holzkohle. Ums Jahr 1860 förderten wir 
schon 15 Millionen Tonnen. 1909 dagegen 217 Mil- 
lionen, also über vierzehn mal so viel. Unsere Kohlen- 
schätze in der Erde reichen, den jetzigen Abbau gerechnet, 
noch 1800 Jahre. Außerdem find wir dabei, schon jetzt 
anderen Kräfteersatz zu schaffen. ’ 
Nächst der Kohle ist der wichtigste Rohstoff für die 
Industrie das Eisen. Auch die Förderung der Eisenerze 
in größeren Mengen und ihre Verschmelzung in Hoch- 
öfen ist eine junge Industrie. Im 18. Jahrhundert 
hatte man bei uns noch die sogen. Wolfsöfen, die mit 
Blasebälgen betrieben wurden. Der erste Hochofen ent- 
stand in Schlesien 1821, der erste Koksofen 1796 in Glei- 
witz. Im Jahre 1800 wurden in der ganzen Welt 
kaum zwei Millionen Tonnen Eisenerze gewonnen, 
1850 schon 10,8, 1901 dagegen 85 Millionen. Deutsch- 
land kam gleich nach den Vereinigten Staaten mit 16 
bis 17 Millionen. So könnten wir alle möglichen In- 
dustriewaren, Rohstoffe sowohl wie Fertigfabrikate, 
durchgehen, wir würden eine außerordentliche Steige- 
rung finden. Wir wollen nur noch die Baumwolle an- 
führen. Trotzdem wir diese gänzlich einführen müssen, 
verarbeiteten wir in den letzten Fahren vor dem Kriege 
gegen 4¾ Millionen Doppelzentner, gegen noch nicht 
90 000 in den 30 er Jahren des vorigen Jahrhunderts, 
das ist eine Steigerung um reichlich das Fünfzigfache. 
Alle Industrien erzielen heute mit immer weniger Roh- 
stoffen größere Erfolge. Mit der elektrischen Beleuchtung 
hat man in den letzten Jahrzehnten Fortschritte gemacht, 
daß man mit demselben Material zwanzigfach stärkere 
Lichtstärken hervorbringt.
        <pb n="10" />
        10 
Die menschliche Arbeit ist produktiver 
geworden. 
In Zusammenhang damit ist die menschliche Arbeit 
gewaltig ergiebiger geworden. Noch sind in unserer 
aller Erinnerung die ländlichen Nagelschmiede, welche 
von 4 Uhr morgens bis in den späten Abend hinein 
bei emsiger Arbeit 900 bis 1000. S herstellten, 
während uns heute eine Hufnagelmaschine, von durch- 
schnittlich zwei Arbeitern bedient, täglich 75 Pfund lie- 
fert. Noch arbeiten bei uns Männer an alten Hand- 
webstühlen, womit sie bei 16 bis 18 stündiger Arbeit 
3000 bis 4000 Ellen im Jahr fertig bringen können, 
während der maschinelle Fortschritt das Fahresprodutt 
eines Arbeiters bei zehnstündiger Arbeitszeit auf 
30 000 Ellen gesteigert hat. Die Herstellung von Steck- 
nadeln zerfiel schon unter Adam Smith in 18 ver- 
schiedene Teilarbeiten. Aber selbst wenn nur zehn 
Männer beschäftigt waren, konnten schon etwa 48 000 
Stecknadeln hergestellt werden, während ehedem ein 
Mann allein höchstens 20 anfertigen konnte. Jetzt lie- 
fert eine Maschine schon längst 180 000 Stecknadeln 
täglich. Dabei kann ein Arbeiter mehrere Maschinen be- 
dienen (Kötschke, die Gefahren des Neumalthusianis- 
mus). Ein europäischer Spinner liefert heute soviel 
Arbeit wie 1600 Chinesen oder 3000 Hindus. Oder — 
um ganz entfernte Zeiten zu vergleichen — Cheops soll 
zum Bau einer Pyramide 30 000, nach andern 100 000 
Menschen gebraucht haben. Zum Bau des Panama- 
kanals dagegen wurden Maschinen von zusammen we- 
nigstens 60 000 Pferdekräften oder 600 000 Menschen- 
kräften gebraucht. Hertzka rechnete schon vor Jahr- 
zehnten die Summe der gegenwärtigen Maschinenkräfte 
auf 5 Milliarden Menschenkräfte, macht für die Familie 
der abendländischen Bevölkerung soviel als 60 Diener, 
während im alten Athen auf einen Vollbürger nur 
zehn Sklaven kamen.
        <pb n="11" />
        11 
Die Verbilligung der Waren. 
Müßten nun unter Berücksichtigung alles dessen die 
Waren nicht entsetzlich billig geworden sein? In ein— 
zelnen Fällen ist das auch erreicht. Die Landwirtschaft 
litt ja so unter der billigen Konkurrenz des Auslandes, 
daß sie immer höhere Zölle durchgedrückt hat. Beson- 
ders am Zucker kann man in der Landwirtschaft einen 
recht deutlichen Preissturz ablesen. Zucker war im Mit- 
telalter nur eine Kostbarkeit für reiche Leute. In Nürn- 
berg kostete im 16. Jahrhundert ein Zentner Zucker 
durchschnittlich 228 Mark. Wer Bienen hatte, konnte sich 
Honig leisten oder auch wohl noch etwas davon abgeben. 
Rübenzucker kam in Deutschland erst während der Kon- 
tinentalsperre unter Napoleon auf. Aber auch nach der 
Kontinentalsperre, 1814, kostete der Zeniner ordinäre 
Raffinade in Hamburg noch 50 Taler. In Preußen 
war er noch teurer, weil er Monopol war. Dagegen 
jetzt vor dem Kriege, selbst mit Steuer, zahlte man 
höchstens 25 Mark für den Zentner. 
Am schärfsten sind die Preise in der Industrie ge- 
sunken. Ehemals kostete das Polieren einer bestimmten 
gußeisernen Fläche 10 bis 11 Mark, jetzt verrichtet eine 
Metallhobelmaschtur diese Arbeit für 10 Pfennige. 
Im Jahre 1779 kostete 1 Pfund Baumwolle 16 Mark, 
1892 nur 60 Pfennig. Die gleiche Menge Bessemer 
Stahl, die früher 50 bis 60 Pfennig kostete, wird heute 
für 5 bis 6 Pfennig hergestel! Die ersten Stahlfedern 
kaufte man für 5 bis 10 Me das Stück. 
Die Verbilligung der W’#ren ist allerdings sehr un- 
gleichmäßig erfolgt. In der Hauptsache deshalb, weil 
auch ihre Vermehrung sehr ungleichartig vor sich ge- 
gangen ist. Z « 
Jedenfalls ist das die allgemeine Folge der Pro- 
duktionssteigerung, daß wir heute viel mehr verbrauchen 
und das Leben überhaupt an Kulturgütern für uns 
viel reichgaltiger geworden ist. Nehmen wir z. B. die
        <pb n="12" />
        12 
Fleischnahrung, so erzählt uns Magister Lauckhardt in 
seinem Leben und seinen Schicksalen, daß zu seiner Zeit 
(es war um 1800) der kleine Mann auf dem Lande oft 
das ganze Jahr hindurch nicht zu einem Lot Fleisch- 
nahrung gekommen ist. Der Fleischverbrauch hat sich 
dann auch von 1816 bis 1912 in Deutschland von 17,3 kg 
auf 52.3 Ee vermehrt. Das ist eine reichliche Verdrei- 
fachung. Der Zuckerverbrauch im deutschen- Zollverein 
betrug 1884 2½ Pfund auf den Kopf, 1913/14 17,4 kg. 
Auch die AÄrmsten besitzen heute vielerlei, was ehedem 
die Reichen entbehren mußten. Im 15. Jahrhundert 
soll die Gattin Karls VII. von Frankreich die cinzige 
Französin gewesen sein, die mehr als 2 Hemden 
besessen. Noch im 16. Jahrhundert kam es baufig vor, 
daß eine Fürstin ihrem Gatten einzelne Hemden 
schenkte. Die Königin von England mußte sich zur Zeit 
Luthers erst einen flandrischen Gärtner kommen lassen, 
um Salat zu bekommen. 
Deutschland tauscht Industriewaren 
gegen landwirtschaftliche ein. 
Aus alledem geht hervor, daß die Angstlichkeit bei 
Malthus selbst vielleicht zu verstehen war. Bei seinen 
so sehr verbreiteten Schülern aber, die die'moderne Ent- 
wicklung miterlebten, wurde es allmählich völlig unver- 
ständlich, daß sie immer noch an der Befürchtung fest- 
hielten, Europa könnte seine wachsende Bevölkerung 
nicht mehr ernähren. Davon konnte im Zeitalter des 
Verkehrs um so weniger die Rede sein, als die euro- 
päischen Länder infolge der gewaltigen Verkehrsmittel 
in der Lage waren, alle möglichen landwirtschaftlichen 
Produkte aus dem Ausland gegen Industriewaren ein- 
zutauschen. So führte Deutschland vor dem Kriege 
für etwa 27 Milliarden als Zuschuß zu unserer 
Ernährung ein. Und zwar für 1 Milliarden Mark 
direkte menschliche Nahrungsmittel und gegen 1000 Mil- 
lionen Mark Viehfutter.
        <pb n="13" />
        — 1 
Dabei brauchte uns diese Einfuhr als starke Ab- 
hängigkeit vom Auslande zunächst gar nicht zu ängstigen. 
Denn unsere Ausfuhr von Industriewaren stieg rätsel- 
haft. Und Deutschland verarmte nicht etwa, sondern 
sein Reichtum wuchs. Und das Ausland war darauf 
angewiesen, uns seinen Überschuß an landwirtschaft- 
lichen Erzeugnissen zu verkaufen. Nordamerika und 
Argentinien waren Länder, deren Agrarprodukte noch 
sehr ausdehnungsfähig waren. Namentlich Argen- 
tinien kann seine Landwirtschaft fast noch unbegrenzt 
entwickeln. Es hat erst wenige Prozente seiner unge- 
heuren äußerst fruchtbaren Flächen angebaut. 
Bringt der Krieg eine dichte Bevölke- 
rung in Hungersgefahr? 
Da hat nun allerdings der Krieg manche Gemüter 
ängstlich gemacht. Er hat gezeigt, daß die Abhängigtkeit 
vom Auslande auch seine Schattenseiten hat, und daß die 
Einfuhr im Kriege uns fast ganz abgeschnitten werden 
kann. Aber dagegen ist doch verschiedenes geltend zu 
machen. Selbst der Krieg hat bewiesen, daß Deutschland 
jahrelang auch ohne große Einfuhr durchhalten kann, 
wenn auch die Ernährung nicht voll befriedigt hat. 
Dann ist ein zweiter ähnlicher Krieg wohl kaum wieder 
zu erwarten. Ferner müßte man sich für einen etwaigen 
weiteren Krieg durch Anlegung von Juliustürmen für 
Getreide vorsehen. Das alte Beispiel des biblischen 
Josef in Agypten braucht ja nur nachgeahmt zu werden. 
Außerdem hätten wir recht gut und bequem durchhalten 
können, wenn wir während des Krieges zu völlig 
vegetarischer Ernährung übergegangen wären. R. C. 
May hät in der Berliner klin. Wochenschrift vom Mai 
1917 ausgerechnet, daß wir gegen 50 bis 60 Millionen 
Menschen in Deutschland mehr ernähren könnten, wenn 
wir die Schweine völlig abgeschlachtet hätten. Denn das 
Schweinefleisch ist zwar eine ganz angenehme Nahrung, 
es ist auch als Fettbildner sehr wertvoll, aber das
        <pb n="14" />
        14 
Schwein gibt uns in seinem Fleisch höchstens # der 
,Nährstoffe wieder, die es verzehrt. Durch Olfrüchte 
Raps und Rübsen kommen wir viel billiger zu Fett als 
mit Hilfe des Schweines. Einige Jahre aber kann der 
Mensch bequem und ohne jeden Schaden auf Schweine- 
fleisch verzichten und sich mit kleinsten Mengen von 
Rindfleisch, Hammelfleisch, Kaninchen, Ziegen, Wild, 
Fischen usw. begnügen. Dabei könnte man bei den 
Kriegern und den Munitionsarbeitern immerhin noch. 
mit der Zubilligung von etwas Schweinefleisch eine 
Ausnahme machen, da wir die Schweine nicht ganz ab- 
zuschaffen brauchen. 
Vorteile des Industriestaats gegenüber 
dem Agrarstaat. 
Jedenfalls wäre es völlig verkehrt, nun etwa die 
Folgerung zu ziehen: wir. dürfen nur soviel Menschen 
im Lande haben, als wir mit unserer eigenen Land- 
wirtschaft ernähren können. Agrarstaaten vertragen 
nur eine verhältnismäßig sehr dünne Besiedlung. 
Wären wir vorwiegender Agrarstaat geblieben, so hätten 
wir vielleicht nicht mehr Menschen ernähren können, als 
um die Mitte der siebziger Jahre, wo wir 42,7 Millionen 
Einwohner hatten. Denn um jene Zeit fingen wir an, 
Getreide einzuführen. Oder wenn wir auch durch 
größere Regsamkeit seither im eigenen Lande mehr 
grarprodukte erzeugen als vor 40 Jahren, so hätten 
wir es doch als Agrarstaat niemals über 50 Millionen 
hinausbringen können. Was aber ein Mehr von 
17 Millionen Menschen, mit dem wir in den Krieg 
getreten sind, also ungefähr ein Viertel unserer Bevöl= 
kerung zu bedeuten hat, das braucht man nicht erst lange 
auseinanderzusetzen. # 
Außerdem ist es allerdings auch sehr gut möglich, 
daß unfre Landwirtschaft solche technischen Fortschritte 
macht, daß sie eine vielfach zahlvreichere Bevölkerung 
ernähren kann. Ja solche Fortschritte sind bereits vor-
        <pb n="15" />
        15 
bereitet. Wir haben jetzt während des Krieges ange- 
fangen, den Stickstoff aus der Luft zu gewinnen. Er 
ist da in unbegrenzten Mengen vorhanden. Vorläufig 
wird er hauptsächlich noch zur Munition gebraucht. Wie 
er die landwirtschaftlichen Erträge steigern wird, muß 
man abwarten. 
Etwas anderes erscheint noch wichtiger. Nämlich 
die künstliche Beregnung. Gerade die beiden heißen 
und trockenen Kriegsjahre 1915 und 1917 haben die 
Schäden mangelnden Regens gezeigt. Die künstliche 
Beregnung aber, die man z. B. in der landwirtschaft- 
lichen Akademie in Bromberg und ähnlich auf dem 
Gute Kaltenhausen bei Jüterbog seit einigen Jahren 
eingeführt hat, hat bei Roggen, Gerste und Kartoffeln 
sogar Mehrerträge von 50½ erzielt bei verhältnis- 
mäßig geringen Unkosten. Die Unkosten kamen um 
das Fünf= bis Sechsfache wieder herein. Weiterhin hat 
die technische Hochschule in Dresden durch Zuführung 
künstlicher Wärme das Reifen der Ackerfrüchte zu be- 
schleunigen verstanden und dadurch auch die Erntemenge 
vergrößert. - 
Endlich kann man noch darauf hinweisen, daß wir 
späterhin vieles auf anorganischeni Wege herstellen 
werden, was wir heute auf dem Umwege durch Orga— 
nismen erlangen. Das Pferd brauchen wir in Zukunft 
sicher nicht mehr so nötig wie heute. Die elektrische 
Kraft hat ihm schon erhebliche Konkurrenz gemacht. Da- 
mit sparen wir die Nahrung für die Pferde. Alkohol 
können wir heute nach Patenten einer Schweizer Aktien- 
gesellschaft aus Acetylen erzeugen. Das Acetylen wird 
aus Karbid, dieses durch Zusammenschmelzen von Kalk 
und Kohle gewonnen. Nach dem gleichen Verfahren 
kann man auch zu Essigsäure kommen. Man kann über- 
haupt heute noch nicht wissen, wieweit wir noch auf 
dem Wege der Herstellung für unsere wichtigsten Er- 
nährungsprodukte auf anorganischem Wege gelangen 
werden. Der Grundpfeiler unserer Ernährung, die
        <pb n="16" />
        16 
grüne Pflanze, nimmt den Kohlenstoff, den sie zum 
Aufbau ihres eigenen Körpers braucht und den auch 
der tierische und menschliche Körper nötig hat, aus der 
Kohlensäure der Luft, den Stickstoff aus dem Boden. 
Nun ist aber der Stickstoff in der Luft in größeren 
Mengen vorhanden als die Kohlensäure. Es wäre also 
von reinem Zweckmäßigkeitsstandpunkt richtiger, den 
Stickstoff aus der Luft zu nehmen und den Kohlenstoff 
der Erde zu entziehen. Was zweckmäßig ist, wird 
schließlich immer auch auf irgendeinem Wege erreicht 
werden, genau wie es beim Stickstoff der Luft schon 
erreicht ist. Doch wir wollen diesen Zukunftsplänen 
nicht weiter nachjagen. Nur das steht fest, daß die 
Menschheit die Nahrungsknappheit, auch wenn sie je 
vorübergehend eintreten sollte, immer überwinden wird. 
Das wäre sogar jetzt im Kriege wohl der Fall, wenn er 
sehr lange dauern sollte. Not macht immer erfinderisch. 
Auswanderung und Einwanderung. 
In den 70 er und 80 er Jahren konnte es so aus- 
sehen, als sei bei uns eine zu starke Bevölkerung zu 
befürchten. Wir hatten damals eine sehr starke Ab- 
wanderung. Sie war am stärksten 1881 und betrug 
damals 220 000, 1885 waren es immer noch 110 000 
und 1890 noch 97 000. Von da an aber sinkt die Zahl 
sehr stark auf 37 000 im Jahre 1895 und geht 1900 auf 
22 000 zurück. In dieser Höhe hat sie sich ungefähr ge- 
halten. Die Auswanderung ist zurückgegangen, weil die 
Agrarzölle in den 80 er Jahren der deutschen Landwirt- 
schaft einen Schutz gegenüber der Überschwemmung mit 
billigem amerikanischen Getreide gewährt hatten. Es 
waren gerade sehr viele Kleinbauern, die in den 70 er 
und Anfang 80 er Jahren ausgewandert waren. Dann 
aber setzt unter Caprivi die stärkere Industrialisierung 
ein und drängt endgültig die Auswanderungslust gurück. 
Ja nicht nur dies. Sondern wir sind nach und nach 
Einwanderungsstaat geworden.
        <pb n="17" />
        17 
Die Einwanderungsziffern sind folgende: 
1875 . 290 799 
1885 3372792 
18990000 433254 
19000 778 737 
190 128560 
1910 1259878. 
Der größte Teil der Einwanderer stammt aus 
Osterreich-Ungarn, namentlich aus Galizien, dann 
folgen Russen, Niederländer und Italiener. Die meisten 
finden Arbeit in der Landwirtschaft, ein anderer be- 
deutender Teil im Bergbau. Die Italiener nehmen 
vorwiegend bei Bauten Arbeit, stecken aber auch zahl- 
reich im lothringischen Erzbergbau. # 
Wir können uns also in keinem Falle beklagen, daß 
unsere Volkswirtschaft das deutsche Volk nicht be- 
schäftigen kann. Im Gegenteil: wir sind, wie gesagt, 
Einwanderungsland geworden. Man kann geradezu be- 
haupten, daß in manchen Gegenden die Einwanderung 
schon fast eine Gefahr bedeutet. In manchen Gutsbe- 
zirten ist die Zahl der Polen schon recht stark geworden. 
Im Regierungsbezirk Potsdam ist sie z. B. in den 
Gutsbezirken von 1871 bis 1905 von 0,9 auf 11,95 ge- 
stiegen, im Regierungsbezirk Frankfurt a. O. von 
1 auf 8,929. In der lothringischen Eisenindustrie waren 
sogar 402 Ausländer tätig, im Ruhrbergbau 8,737. 
Einzelne westfälische Gemeinden sind schon gu hohen 
Prozentsätzen mit Polen durchsetzt. . 
Man hat nicht mit Unrecht betont, wenn der Krieg 
im Winter ausgebrochen wäre, wo die ländlichen 
Wanderarbeiter Deutschland in der Regel kurze Zeit 
verlassen, so wäre das für unsere Landwirtschaft sehr 
verhängnisvoll gewesen, denn sie hätte dann an großem 
Arbeitsmangel gelitten. Aber auch so ist es doch sehr 
unangenehm, daß die Landwirtschaft jetzt zum Teil sich 
mit feindlichen Arbeitern im Kriege behelfen #n 
Kötschke, Die Gefahren des Geburtenrückganges
        <pb n="18" />
        18 -...-. .. 
Überfüllung nur in den oberen Schichten. 
Wie kommt es nun, daß trotzdem viele Leute bei uns, 
wenigstens bis vor kurzem, der Meinung waren, wir 
wären ihrer zu viele und hätten nicht genug Nahrungs- 
spielraum und Ellbogenfreiheit? . 
DiesGefühlistganzerklärlich-VieleBerufesind 
oder waren wenigstens bis zum Kriege tatsächlich 
überfüllt. Das war vor allem der Fall bei den ge— 
lehrten Berufen. Die Beamten mit akademischer Vor- 
bildung wurden viel zu alt, ehe sie eine feste auskömm- 
liche Stellung erhielten. Von den rzten hatten viele in 
den Großstädten nur ein notdürftiges Auskommen, weil 
sie zu dicht saßen. Allerdings hätte auf dem Lande oder 
in den Kleinstädten wohl noch mancher Arzt sein Unter- 
kommen finden können. Bei den technischen Privat- 
angestellten mußte der Durchschnitt ebenfalls zu lange 
auf eine ausreichende Besoldung warten. Bei den kauf- 
männischen Angestellten war es wohl nicht ganz so 
schlimm. Denn der Kaufmann ist beweglicher und man- 
nigfaltiger zu verwenden. Ihm steht eher die ganze 
Welt offen. Aber ohne Rippenstöße ging es auch hier 
nicht ab. Gesucht waren gute Handwerker, weil viele 
nicht mehr daran glauben wollten, daß auch heute 
noch das Handwerk in vieler Beziehung einen goldenen 
Boden hat. Und Arbeiter, sowohl gelernte wie Hand- 
arbeiter. Die letzteren am meisten. Besonders in der 
Landwirtschaft. Der Beruf des Landarbeiters war aus 
verschiedenen Gründen am wenigsten begehrt. Deshalb 
schlüpften hier am meisten Ausländer unter. 
Diiese Erscheinung, daß in den oberen Schichten die 
Leute etwas dicht aufeinander hocken und in den un- 
teren Lücken entstehen, ist das Zeichen eines aufstreben- 
den Volkes. Wir haben überall gute Schulen. Jeder 
will etwas Tüchtiges lernen. Die Bäter wollen, daß ihre 
Söhne etwas Besseres werden und es leichter haben, als 
sie selbst, deshalb lassen sie ihnen eine gute Schulbildung
        <pb n="19" />
        .— 19 
zuteil werden und suchen es dahin zu bringen, daß sie 
in eine höhere Schicht gelangen. Das ist an sich durch- 
aus gesund. Wenn es’ so wäre wie in Amerika, wo auch 
die untauglichen Elemente aus den höheren Schichten 
leichter wieder hinabgestoßen werden, als bei uns, wo 
sie vielfach etwas als Ballast mitgeschleppt werden, so 
wäre es noch besser. Denn das Auf= und Abfluten ist 
natürlicher. Aber auch in Amerika ist doch im allge- 
meinen das afstengen von Schichten und Geschlechtern 
die Regel, das Hinabsinken die Ausnahme. Denn tüch- 
tige Völker befinden sich in stetem Aufstieg. In Amerika 
werden die niedrigen Arbeiten im allgemeinen auch 
nicht von Eingeborenen, sondern von den neu einge- 
wanderten Slawen oder Italienern verrichtet. 
Was zu tun ist, um die oberen Schichten von der zu 
starken Konkurrenz zu entlasten, das können wir hier 
nur andeuten, weil es uns zu weit führen würde. Die 
Entlastung ist heute bereits teilweise dadurch erfolgt, 
daß diese ins Ausland gehen und sich hier ein Unter- 
kommen schaffen. Unter den etwa 25 000 jährlichen Aus- 
wanderern dürften sehr viele den oberen Schichten an- 
gehören. Den deutschen Kaufmann, zum Teil auch den 
Ingenieur finden wir heute überall auf der Welt. Nur 
das ist ungünstig, daß er heute sehr leicht seine Natio- 
nalität verliert. Wenn es uns gelänge, ein ausgedehn- 
tes Kolonialreich zu schaffen, wo der gebildete strebsame 
junge Mann ein Tätigkeitsfeld fände, sei es auch nur 
auf eine längere Reihe von Jahren, wie das in Eng- 
land der Fall ist, so wäre das nach den verschiedensten 
Beziehungen ein großer Vorteil. Sonst müßte man 
sehen, daß wir das Nationalgefühl unserer Auswan- 
derer mehr wecken und entwickeln, damit sie unserer 
Rasse weniger leicht verloren gehen. 
Vorläufig wird der Krieg in den oberen Klassen so- 
viel Lücken gerissen haben, daß eine Überfüllung nur 
noch an wenigen Stellen vorhanden sein dürfte. 
2* 
—
        <pb n="20" />
        20 
II. Der starke Rückgang der Bevölkerungs- 
vermehrung. 
Furchtbares inken der Geburten. 
Wir gehen jetzt dazu über, das Wachstum des deut- 
schen Volkes im Laufe der letzten Jahrzehnte zu be- 
trachten. Da werden wir finden, daß leider die Angst 
vor Übervölkerung nicht bei der nationalökonomischen 
Wissenschaft stehengeblieben ist. Hier ist sie bereits im 
Absterben begriffen. Aber sie sitzt um so fester im gan- 
zen Volke. 
Wir hatten die höchste Geburtenziffer in Deutsch- 
land Mitte der siebziger Jahre. 1875 und 1876 betrug 
unsere Geburtenziffer auf je 1000 Menschen 42,3 bis 
42,6. Von da an geht sie ständig zurück. Sie sank in 
den achtziger Jahren von 39,1 auf 37,7, in den neun- 
ziger Jahren auf 37,0. Hier war der Rückgang noch sehr 
mäßig. Aber dann geht es lawinenartig. Seit 1900 
haben wir folgende Ziffern: 36,8, 36,9, 36,2, 34,9, 35,2, 
34,0, 34,1, 33,2, 33,0, 33,2. Am meisten erschrickt der Sta- 
tistiker über die Zahlen im letzten Jahrzehnt. Von 1910 
an haben wir folgendes Bild: 1910: 30,7, 1911: 29,5, 
1912: 29,1, 1913: 28,8, 1914: 27,6. Während des Krieges 
war der Rückgang natürlich noch unheimlicher. Aber das 
läßt sich verstehen. Hier waren die Verhältnisse anor- 
mal. Aber schon vor dem Kriege hatten wir Verhältnisse 
in der Geburtenstatistik, daß man hätte glauben können, 
es wäre Krieg. Machen wir das noch durch einige 
Zahlen deutlich: Im Jahrzehnt von 1871 bis 1880 ent- 
frelen auf 1000 Einwohner jährlich durchschnittlich 40,7 
Geburten. In den ersten zehn Jahren des 20. Jahr- 
hunderts sank diese Ziffer im Durchschnitt auf 33,9, so 
daß auf 1000 Einwohner jährlich 6,8 weniger geboren 
wurden. Bei Zugrundelegung der am 1. Dezember 1905 
ermittelten Bevölkerung des Deutschen Reiches von 
60 641 489 Einwohnern ergibt sich demnach für die Zeit
        <pb n="21" />
        — 21 
von 1901 bis 1910 ein Geburtenrückgang von 6,8 mal 10 
mal 60 641 = 4 091 588 Seelen. Seit dem Jahre 1910 
war der Geburtenrückgang noch erheblich stärker, so daß 
man für die letzten vier Jahre mit einem Durchschnitt 
von noch nicht 29 Geburten rechnen kann. Es entfallen 
demnach für diese Zeit auf je 1000 Einwohner über 11,7 
Geburten weniger als in den Jahren 1871 bis 1880. Bei 
Zugrundelegung der am 1. Dezember 1910 festgestellten 
Bevölkerungsziffer von 64 925 993 Einwohnern ergibt 
sich danach ein Geburtenrückgang von mindestens 11,7 mal 
64 925 mal 4 = 3 038 488 Seelen. Zusammen erreicht 
also der Geburtenrückgang in den ersten vierzehn 
Jahren dieses Jahrhunderts die erstaunlich hohe Ziffer 
von 7 180 076. Wir hätten also 1914 statt rund 68,1 
Millionen vielmehr 76,2 Millionen Einwohner haben 
können, ein ganz gewaltiger Unterschied. Dabei muß 
besonders auf die fortschreitende Tendenz hingewiesen 
werden, so daß wir uns mit Riesenschritten einem 
jährlichen Geburtenrückgang von 1 Million nähern. 
In den Städten stärker als auf dem 
Lande. 
Dieser starke Geburtenrückgang ist nun sehr ungleich- 
mäßig. Er ist in den Städten im allgemeinen größer 
als auf dem Lande. Wir haben in den drei Jahren 
vor dem Kriege in Preußen, wo wir eine genaue Sta- 
tistik über Stadt und Land haben, folgende Geburten- 
zahlen: 
« Staat: Städte: Land: 
1913: 29 26,6 32,2 
1912: 29,8. 26,2 32,9 
1911: 30,3 26,8 33,4. 
Noch wichtiger ist es, wenn wir die Fruchtbarkeit der 
Frauen in Stadt und Land vergleichen. Denn auf diese 
kommt es an bei einem Vergleich. Die einfache Gé- 
burtszahl besagt da weniger, weil die Bevölkerung oft
        <pb n="22" />
        22— 
sehr ungleichmäßig aus jungen und alten Leuten, ver- 
heirateten und nicht verheirateten, zusammengesetzt ist. 
Auf 1000 Frauen zwischen dem 15. und dem 45. Le- 
bensjahre entfielen nun durchschnittlich jährlich Lebend- 
geborene: 
1876 bis 1880: 
im Staat: in der Stadt: auf dem Lande: 
174,60 160,64 182,93 
1906 bis 1910: 
142,94 117,61 168.77. 
Dieser Unterschied ist sehr auffällig. Jedenfalls ent- 
hüllt er uns bereits eine Ursache des Geburtenrück- 
gangs. Wir waren bei der Reichsgründung noch in der 
Hauptsache ein Landvolk. Nur ein Drittel wohnte da- 
mals in Städten. Heute sind es zwei Drittel, und die 
Hälfte davon, also ein Drittel des ganzen, sind Groß- 
stadtmenschen. 
Allerdings wird die Linie Stadt und Land noch von 
anderen durchkreuzt. Zum 14. Internationalen Kon- 
greß für Hygiene und Demographie 1907 gab das Kaiser- 
liche Statistische Amt eine Denkschrift heraus, worin die 
Geburtenziffern für die einzelnen Bezirke genau berech- 
net sind. Da ergeben sich folgende Zahlen berechnet auf 
1000 Geburten im Durchschnitt der Jahre 1898/1902. 
Kreise mit den höchsten Geburtenziffern sind: 
Ldkr. Beucthen 538.7 
Bezirksamt Nürnberr 5707 
Kr. Posen Ost.. 646,8 
Kr. Hindenburg 566,4 
Ldkr. Gelsenkirhdhhen 556,.1 
Bezirksamt Ingolstat 53322 
Kr. Recklinghausen 53411 
Ldkr. Kattomi 53300 
Amtsbezirk Schwetzingen 52,2 
Stkr. Königshüuüte 520
        <pb n="23" />
        Ldkr. Bochum .. ..... 51,4 
Kr. Randow. . .... 510,0 
Kr. Strelno 50.7 
Kr. Ruhrort. . 5007 
Ldkr. Dortmund .. .50,6 
Bezirksamt Stadtamhof Oberpfalg . 40,6 
Kr. Schroda in Posen . 40,4 
Kr. Hohensallgag 492 
Ldkr. Thorn. .49,2 
Beßirksamt Friedberg (Oberbahern) .49,1 
Ldkr. Essen . .--48,9 
Kr. Tarnowitz (Oberschl.) 433 
Ldkr. Gelsenkirchen 400,1. 
Demgegenüber setzen wir die Kreise mit den nie- 
drigsten Geburtsziffern: 
Ddkr. Potsdam 20,4 
Skkr. Lindau am Bodensee. .. 21,4 
Kr. Lüchow (Lüneburger Heide) 22,2 
Stkr. Dillingen in Württemberg . 22,9 
Stkr. Neuburg a. Donau 23,5 
Stkr. Passan 2444 
Stkr. Nördlingen 24—57 
Stkr. Cottbhbhbsss. 24,8 
Stkr. Cbarlottenburg 235, 1 
Ldkr. Celle 25,6 
Ldkr. Deggendorf in Niederbayern . 2ß5,8 
Kr. Dannenberg (Lüneburger Heide) 25,8 
Ldkr. Wiesbaden 25,9 
Bezirksamt Uffenheim (Mittelfranken) 26,0 
Bezirksamt Müllheim (Scwarswald 26,1 
Kr. ülzen (Lüneburger Heide) 26,2 
Stkr. Hondsberg (Oberbahern). 26,3. 
Es folgen dann bald Oberamt Gerabronn im Jagst- 
kreis und die Amtsbezirke Stauffen und Waldshut in 
Südbaden, ferner der Unterlahnkreis und in Oberhessen 
Kreis Schotten.
        <pb n="24" />
        24 l 
.VergleichenwirbeideReihenmiteina-nder,sofinden 
wir durchaus nicht immer in den ländlichen Bezirken 
die meisten Geburten und in den Städten die geringsten. 
Zwar gibt auch diese Tabelle noch kein ganz einwand- 
freies Bild. Denn manche der angeführten Land- 
kreise haben fast städtischen Charakter, weil sie stark 
industriell sind. Immerhin läßt sich daraus wohl fest- 
stellen: Oberschlesien hat stärkste Geburtenziffern, auch 
in seinen Städten und Industriebezirken. Ebenso das 
Ruhrgebiet. Manche rein ländlichen Bezirke sind da- 
gegen sehr kinderarm. So namentlich die Lüneburger 
Heide. Ferner gewisse Striche in Niederbayern, im süd- 
lichen Schwarzwald und in Hessen-Nassau. 
Trotzdem bleibt es natürlich dabei, daß in den 
Städten, besonders in den Großstädten, der Kinder- 
schwund am schlimmsten ist. Berlin steht zwar in den 
Reihen der obigen kinderarmen Bezirke erst an sech- 
zehnter Stelle. Aber das besonders Bedenkliche ist, daß 
in Berlin und den meisten anderen Großstädten der Ge- 
burtenrückgang recht neuen Datums ist, während gewisse 
ländliche Gegenden schon immer mit dem Makel einer 
geringen Kinderzahl behaftet gewesen sind. Keine Groß- 
stadt Europas und vielleicht der Welt hat von Mitte der 
siebziger Jahre an einen solchen Geburtenrückgang ge- 
habt wie Berlin, das in den siebziger Jahren geradezu 
glänzend stand. Die Geburtenzahl ging in den 
38 Jahren von 1876 bis 1913 von 472 auf 202 bei je 
10 000 zurück, also um über die Hälfte. Rechnen wir 
nur die drei Jahrzehnte von 1880 bis 1910, so ist in 
dieser Zeit eine Abnahme um 184 von 399 auf 215 bei 
10 000 Menschen festzustellen. Dagegen in Paris bei- 
spielsweise in dieser Zeit nur eine Abnahme von 76. 
Der Rückgang war also in der deutschen Reichshaupt- 
stadt mehr als doppelt so groß wie im sog. Seine-Bobel. 
Einen ähnlich großen Geburtensturz zeigte die zweit- 
größte Stadt Deutschlands Hamburg mit einem Minder 
von 152 Geburten seit 1880, wo man noch 384 Geburten 
–––...E
        <pb n="25" />
        25 
zählte, bis 1910. Ferner München mit einem Minder 
von 162 (auf 396), ebenso Dresden mit einem Minder 
von 135 (auf 376). (Das Zweikindersystem im Anmarsch 
von Julius Wolf, Berlin 1913.) Wohl war die Ge- 
burten zahl Berlins vor dem Kriege noch ein wenig 
höher als in Paris, 202 gegen 180. Aber der Unterschied 
war kaum noch nennenswert. Einzelne Berliner Vor- 
orte lassen Paris gar schon weit hinter sich. So ver- 
zeichnete Schöneberg 1910 nur 164 Geburten, 1912 so- 
gar nur 135. Ahnlich Wilmersdorf 1911: 156, Char- 
lottenburg 1911: 189. Das ist ein Zustand, der eigent- 
lich nicht mehr erträglich ist, sondern unmittelbar ins 
Verderben führt. Denn da hat man das Gefübl, daß die 
Geburtenabnahme nicht bei einer geringen Kinderzahl 
haltgemacht. Viele glauben nämlich, es müsse da mal 
eine Grenze geben, über die hinaus die Geburten nicht 
mehr abnehmen, weil nur die wenigsten Menschen völlig 
auf Kinder verzichten möchten, ein einziges Kind auch 
nur ein Sorgenkind ist, und auch das Zweikindersystem 
als zu nüchtern und zu mathematisch ausgeklügelt gilt. 
Aber dieser Glaube scheint zu trügen. 
Die Ursachen des Geburtenrückgangs. 
Woher kommt nun dieser so entsetzliche Geburten- 
rückgang innerhalb weniger Jahrzehnte? Er ist wie 
eine furchtbare Epidemie, wie eine schreckliche Krank- 
heit über das deutsche Volk gekommen. Wie Hela in 
Niflheim sinnt er auf Verderben. Freilich ist nicht nur 
das deutsche Volk davon betroffen. Alle Kulturvölker 
find in gleicher Verdammnis. Die Unfruchtbarkeit ist 
eine Kulturkrankheit wie die Nervosität und der Selbst- 
mord. Freilich hat dieser Wurm gerade bei uns, die 
wir bis in die siebziger Jahre hinein von dieser mo- 
dernen Krankheit noch nichts wußten, mit seinen Fang- 
armen ganz besonders verheerend gewirkt. 
Die Ursachen sind sehr verschieden. So eine verhee- 
rende Krankheit, wie stark verringerte Fruchtbarkeit, be-
        <pb n="26" />
        26 
weist, daß der Volkskörper von den mannigfachsten 
Übeln bedenklich angegriffen ist. Der Mittelpunkt 
des Übels aber ist folgender: Früher war der 
Zeugungsakt für die Menschen ein Naturvorgang, 
dem die Empfängnis und später die Geburt 
eines Kindes naturnotwendig folgte. Eine Frau 
bekam, sobald sie verheiratet war, soviel Kinder als die 
Natur zuließ. Bis auf einen gewissen Grad wenigstens. 
Meist gönnte man ihr allerdings etwas Schonzeit. Das 
Stillen des Kindes, sagt man, bildet von selbst einen 
gewissen Schutz gegen die nächste Empfängnis. Aber 
mindestens alle zwei Jahre ein Kind zu bekommen, war 
für eine Ehefrau in alter Zeit fast die Regel. Frauen, 
die zehn bis zwölf Kinder gebaren, wenn sie leidlich ge- 
sund waren, waren fast der Durchschnitt. Trotzdem sic oft 
hart und schwer arbeiten mußten und sich auch während 
der Schwangerschaft zuweilen nur wenig schonen konnten, 
sobald die Gattin eine Bäuerin oder eine Handwerker- 
frau oder eine Krämerin war, sahen es die Ehefrauen 
doch als gottgewollte Schickung an, sich hinsichtlich der 
Zahl der Kinder, denen sie das Leben schenkten, keinen 
Zwang aufzuerlegen. Selbst wenn sie durch die häufi- 
gen E##wabgerschaften sehr geschwächt waren und eine 
neue Empfängnis für sie lebensgefährlich werden 
konnte, nahmen sie das als unabänderlich hin. Nur auf 
den Dörfern sahen in manchen Gegenden die Frauen 
darauf, daß sie nicht zu viel Kinder bekamen. Der 
Bauernhof sollte nicht zu sehr zerteilt werden. Man er- 
zählt da bekanntlich auch, daß solche Bauernfrauen 
mancherlei Volksmittel angewandt haben sollen. 
Die Sterblichkeit der Kinder war natürlich unter den 
genannten Umständen in den kindergesegneten Ehen 
sehr groß. Aber auch das nahmen die Leute als 
Schickung hin. 
Nach und nach aber hat der Mensch zu den geschlecht- 
lichen Vorgängen eine ganz andere Stellung erlangt. 
Die Naivität ist verloren gegangen und das Nachdenken
        <pb n="27" />
        27 
erwacht. Der Mensch fand, daß der Geschlechtsakt von 
der Begattung sich trennen ließ, daß er den Genuß 
haben konnte, ohne die Folgen mit in Kauf zu nehmen. 
Was ist da leichter, sagte er sich, als daß er sich den 
Genuß leistete, die Folgen aber ablehnte? OZ 
Die Kinder waren ehedem die schönste Gottesgabe, 
jetzt fingen sie an, teilweise als unangenehme Zugabe 
zur Ehe zu gelten. Das Sprichwort: je mehr Kinder, 
je mehr Segen, kam ab, und die Eltern, die mit eines 
großen Schar Kinder spazieren gingen, brauchten für 
den schändlichen Spott nicht zu sorgen. 
Die Gattin will nicht sofort Kinder haben in der 
Ehe, sie will erst ihr Leben genießen — das wurde der 
morderne Standpunkt. Später will sie ihre Taille nicht 
verlieren, angeblich nicht zu schnell alt werden. Die 
Schwangerschaft macht Beschwerden, zwingt sie ebenso 
wie der Säugling, sich eine Zeitlang von der Gesell- 
schaft zurückzuziehen. Kinder kosten Geld, machen 
Sorge. · - 
Diese veränderte Stellung zur, Geburt von Kindern 
wird namentlich durch zwei Erscheinungen begünstigt. 
Erstens durch das Schwächerwerden religiöser Einflüsse. 
Der Standpunkt der Bibel lautet: Seid fruchtbar und 
mehret euch! Das ganze Alte Testament hält reichen 
Kindersegen für das höchste Glück auf Erden. Daher 
haben auch die Juden bis in die neueste Zeit hinein in 
der Regel viele Kinder und ein glückliches Famllien— 
leben als höchsten Schatz betrachtet. Wo aber die Auf- 
klärung in das Judentum eingedrungen ist, hat sofort 
die Kinderzahl nachgelassen. Und die Juden sind in 
solchen Fällen dem Aussterben fast nahe. 
Wie stark das religiöse Moment die Geburterzahl 
beeinflußt, sieht man auch daran, daß die Katholiken, 
bei denen das göttliche Gebot und die religiöse Sitte 
fester sitzt und durch den Beichtstuhl lebendig erhalten 
wird, eine stärkere Vermehrung haben als die Prote-
        <pb n="28" />
        28 
stanten. In Preußen besitzen wir eine genaue Konfes- 
sionsstatistik. Hier hat sich in den rein protestantischen 
Ehen die Kinderzahl von 1891 bis 1913 von 4,18 auf 2,93 
Kinder verringert, in den rein katholischen Ehen von 5,16 
auf 4,15. Die Verminderung in den katholischen Ehen ist 
nicht annähernd so stark gewesen, wie bei den protestan- 
tischen. Wir wollen gleich hinzufügen, daß sich bei den 
jüdischen Ehen eine, Verminderung von 3,29 auf 2,22 
erwiesen hat. Zahlreiche Einzelstudien sind zu demsel- 
ben Ergebnis gekommen. Man hat auch gefunden, daß 
die gemischten Ehen am unfruchtbarsten sind. In katho- 
lischen Gegenden ist u. a. festgestellt worden, daß z. B. 
die sog. Missionen (Erweckungsversammlungen) günstig 
auf die Geburtenziffern gewirkt haben. In protestanti- 
schen Gegenden, wo die religiöse Überlieferung noch am 
stärksten haftet, ist allerdings die Religion weniger eine 
Triebkraft für zahlreiche Kinder. Außer etwa bei 
Pastoren und dem alteingesessenen Adel. 
In den Kreisen, wo die Frömmigkeit nachgelassen 
hat, ist kein gleichwertiger Faktor, der den Geschlechts- 
trieb veredeln könnte, an die Stelle getreten. Die rein 
weltliche Glücksmoral leistet äußerst wenig. Denn zahl- 
reiche Kinder zu haben ist zwar auch ein großes Glück. 
Aber das liegt nicht so auf der #berfläche sondern muß 
aus der Tiefe einer idealen Weltanschauung und eines 
starken Pflichtbewußtseins und Tätigkeitsdranges ge- 
holt werden. Diese sind ohne Frömmigkeit bei der 
großen Masse nicht ohne weiteres vorhanden. Das 
Staatsgefühl, das ein starkes, sich kräftig vermehren- 
des Volk verlangt, das das eigene Volk so zahlreich 
machen will als möglich, leistet bisher noch zu wenig. 
In Zusammenhang, mit der religiösen Aufklä— 
rung hat die naturwissenschaftliche ungünstig gewirkt. 
Diese hat bisher den Prozeß der Befruchtung mit sehr 
unkenschen Augen betrachtet. Der Mensch hat die Kußer- 
lichkeiten beobachtet. Das rein Sinnliche wurde ihm 
zur Hauptsache. Der wunderbare Vorgang, der zur
        <pb n="29" />
        29 
größten Andacht stimmen muß, wurde entheiligt. Statt 
sich der Wirkung und der etwaigen Erfolge zu freuen, 
ersann der Mensch technische Mittel, um den Genuß 
vom Erfolg zu trennen und den letzteren mit allen Mit- 
teln zu verhüten. Wie der moderne Aufkläricht religiös 
verwüstend gewirkt hat, so hat er auch die Heiligkeit 
des Zeugungsaktes ins Schamlose und in den Bereich 
gemeinster Witze hinabgezogen, die auf jedes auch nur 
einigermaßen edeldenkende Gemüt entsetzlich abstoßend 
wirken. ·- 
Das schlimmste aber ist, daß sich an den netur— 
wissenschaftlichen Materialismus eine gewissenlose Ge- 
schäftsreklame angelehnt hat, die empfängnisverhütende 
Mittel mit geradezu scheußlichem Raffinement in den 
Handel geworfen hat. Diese Mittel sind leider heute 
ast Gemeingut unseres Volkes geworden. Noch viel 
fast uem aber sind die Abtreibungen. In Deutschland 
erfolgen jährlich gegen 800 Verurteilungen wegen Ab- 
treibungen. Aber das will gar nichts besagen. Man 
rechnet hunderttausende krimineller Aborte. Selbst Ehe- 
frauen geben ihr mütterliches Empfinden preis und 
lassen, wie man nachgewiesen hat, mehr als man denkt, 
einen so unnatürlichen Prozeß an sich vollziehen. Ge- 
heimrat Krohne teilte vor einigen Jahren in einem 
Vortrage mit, daß in manchen Städten der vierte Teil 
der Entbindungen Fehlgeburten sind, und daß diese zu 
90 Prozent auf Abtreibungen beruhen. 
Der Handel mit empfängnisverhütenden und Ab- 
treibungsmitteln hat solche Formen angenommen, daß 
der Reichstag sich schon ernstlich damit beschäftigt hat, 
ihren Gebrauch gesetzlich einzuschränken und in seiner 
Allgemeinheit zu verbieten. Selbst sehr vorurteilslose 
Politiker stimmen dem zu. Einen gewissen Wert haben 
allerdings die Vorbeugungsmittel zur Verhinderung von 
Geschlechtskrankheiten. Die deutsche Gesellschaft zur Be- 
kämpfung dieser Krankheit hält diesen aber für se be- 
deutungsvoll, daß sie im allgemeinen die jetzige
        <pb n="30" />
        80 
Strafpraxis zur Bekämpfung für mehr als ausreichend 
hält. Sie will nur eine gröbliche, den Anstand 
verletzende Reklame verboten wissen. Im übrigen sollen 
die gefährlichen fruchtabtreibenden Mittel aus 
dem Handel verschwinden. Dabei muß man zugestehen, 
daß der Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten von 
größter Bedeutung ist, und daß es niemals gelingen 
wird, den außerehelichen Geschlechtsverkehr etwa durch 
bloß moralische Mittel wesentlich einzudämmen, so lange 
ein frühes Heiraten nicht allgemein befördert wird. 
Der Sozialismus und die Bevölkerungs- 
politik. 
Man konnte früher denken, daß der Sozialismus 
einen gewissen Schutz gegen den Neumalthusianismus 
bilden würde. Marx und Engels waren der Ansicht, daß 
das Proletariat, das ja davon seinen Namen hat, daß 
es hauptsächlich durch starke Fortpflanzung sich auszeich- 
net, dauernd dem Ursprung seines Namens Ehre machen 
werde. Denn die kapitalistische Gesellschaft könnte nur 
dadurch oder dadurch wenigstens am schnelluen über- 
wunden werden, daß das Proletariat durch seine starke 
Vermehrung den Kapitalismus am üppigsten zur Ent- 
faltung bringt, die Kapitalistenklasse immer dünner 
werden läßt und schließlich ablöst. So dachten auch die 
älteren Sozialisten allgemein. Der Sozialismus be- 
deutete diesen zugleich eine Art Verjüngung und Auf- 
frischung der Menschheit. Seine Anhänger waren von 
einer gewaltigen Hoffnungsfreudigkeit erfüllt und 
glaubten, daß, wenn sie auch nicht selbst, so doch wenig- 
stens ihre Kinder am Zukunftsstaate teilnehmen 
könnten. · . 
Dieser Idealismus ist aber größtenteils verflogen. 
Eine jüngere Richtung ist aufgekommen, welche einen 
anderen Standpunkt vertritt. Sie will die Lohn- 
drückerei durch geringeres Angebot von Arbeitskräften 
beseitigen und glaubt, daß das am besten durch ge-
        <pb n="31" />
        31 
ringere Kinderzahl geschehen könnte. Das ist aber nur 
ein Mittel für den oberflächlichen Beurteiler. Der 
tiefer Nachdenkende weiß, daß z. B. in Frankreich trotz 
seiner geringen Kinderzahl die Löhne nicht höher, son- 
dern niedriger sind. In Frankreich hat der Sozialis- 
mus gar keine Zukunft, weil die Arbeiterschaft dort 
viel zu gering an Zahl ist. Soll sich die kapitalistische 
Gesellschaft voll entwickeln und reif werden für den So- 
zialismus, nach der Anschauung der Marxisten, so muß 
die Arbeiterschaft übermächtig werden und schon durch 
ihre Zahl imstande sein, die Kapitalistenklasse vollständig 
zu überrennen. Die Kapitalisten müssen ausländische 
Arbeiter einstellen, sobald sie nicht genug einheimische 
haben, wenn die Gesellschaft richtig durchkapitalisiert 
und zum Unschlag für den Sozialismus reif werden 
soll. Die Lohndrückerei ist in der Hauptsache durch ge- 
werkschaftliche Organisation zu bekämpfen. 
Doch die jüngere Richtung, welche die Arbeiterschaft 
zum Kleinhalten der Familien ermahnt, ist leider über- 
mächtig geworden. Der große Rückgang der Geburten- 
ziffern seit Anfang dieses Jahrhunderts dürfte gerade 
durch die Umstrickung der Arbeiter vom Neumalthusia- 
nismus erreicht worden sein. Wenigstens stellt der Di- 
rektor des Berliner Statistischen Amts Dr. Siloergleit 
fest, daß innerhalb Berlins gerade auf die Berliner Ar- 
beiterbezirke der stärkste Ausfall an Geburten in dieser 
Zeit sich bezieht. Die Arbeiterschaft hat eben dem Ver- 
derben, das im Bürgertum eingerissen ist, nicht wider- 
stehen können. 
Stärkster Geburtenrückgang bei den 
Beamten. 
Am stärksten ist im Bürgertum der Geburtenrück- 
gang bei den Beamten. Auffälligerweise. Trotzdem das 
Ideal der Deutschen der festangestellte Beamte ist, der 
genau weiß, was er hat, der auch bis an sein Lebens- 
ende versorgt ist, so daß er mit seinen Kindern so gut
        <pb n="32" />
        32 
wie niemals auf die Straße geworfen werden kann, hat 
der Beamte die wenigsten Kinder. Ein bekannter Be- 
weis dafür ist eine Umfrage, welche das Reichspostamt 
am 1. Oktober 1912 bei seinen Beamten veranstaltet 
hat. Danach hatten die Unterbeamten, soweit sie ver- 
eiratet waren oder gewesen waren, im Durchschnitt nur 
2,4 Kinder. Bei den mittleren Beamten war der Pro- 
zentsatz 1,9 und bei den höheren 1,7. Der Kinderstand 
an einem bestimmten Termin beweist zwar darüber 
nichts, wieviel die Postbeamten überhaupt Kinder be- 
kommen. Aber nimmt man etwa die Postbeamten über 
60 Jahre, bei denen die Wahrscheinlichkeit, daß sie noch 
Kinder bekommen, sehr gering ist, so haben diese in den 
unteren Gehaltsklassen 3,9 Kinder, in den mittleren 
2,8, in den oberen 2,5. Fügen wir noch hinzu, datß eine 
Anzahl Beamter unverheiratet bleibt, besonders in der 
oberen Schicht, so dürfte auf die oberen Postbeamten 
im Durchschnitt so ziemlich die Zweikinderzahl zutreffen. 
Abnahme der Heiraten. 
Etwas mag der Geburtenrückgang auch durch die Ab- 
nahme der Heiraten verursacht sein. Seit 1900 haben 
wir folgende Heiratziffern auf je 1000 Einwohner 8,5, 
8,2. 7,9, 8,0, 8,1, 8,0, 7,8, 7.7,. 7,8, 7,9 7,7. Die 
letzten Ziffern 1913. Die Gründe dafür sind nicht ganz 
klar. Sie hängen aber wahrscheinlich mit der Er- 
schlaffung der Sitten und den äußeren Annehmlich- 
keiten zusammen, die die Großstädte den Junggesellen 
bieten; liegen also auf einer ähnlichen Linie wie die 
Abnahme der Kinder. Sie erklären ebenfalls zum Teil 
den Kinderschwund. 
Deutschland und die anderen Länder. 
Ziehen wir zum Vergleich die anderen Länder 
heran! Im Jahre 1900 — neuere Zahlen sind leider 
noch nicht einwandfrei zu haben — haben wir folgende 
Geburtenziffern auf je 1000 Einwohner: «
        <pb n="33" />
        88 
Rußland. .46,8 IJtalken 3199 
Bulgarien 44,0 Niederlande 30,4 
Serbien 41,8 Dänemark 28., 7 
Rumänien 39,9 England und Wales 27,1 
Ungarn 36,i“ Schweez 26,9 
Osterreich 35,2 Norwegen 26,8 
Spanien 34,1 Schweden 25.7 
Portuga 383,7| Belgen 25.7 
Deutschland 383,1 Frankreich. 20,5. 
Abnahme der Sterbeziffern. 
Nun haben wir glücklicherweise eine große Gegenwir- 
kung, die den Geburtenrückgang in Deutschland etwas 
erträglicher macht, als er ohne sie wäre. Das ist die 
Abnahme der Sterblichkeit. Sie ist eine Folge der ge- 
samten Hygiene der modernen Zeit. Teilweise ist sie 
auch schon die selbstverständliche Ergänzung der Klein- 
haltung der Familien. Denn wenn weniger Kinder 
geboren werden, so können natürlich die Eltern diese 
sorgfältiger pflegen und behüten. 
Wir können einen ständigen Fall der Sterbeziffern 
verzeichnen seit Anfang der siebziger Jahre. Die höchste 
Sterbeziffer — mit Ausnahme der Kriegsjahre 1866 
und 1871 — hatten wir 1872, nämlich 30,6 auf 1000. 
Sie war sogar höher als im Kriegsjahre 1870, wo sie 
nur 29,0 betragen hatte. In den siebziger Jahren des 
vorigen Jahrhunderts fällt die Sterbeziffer auf 27,5, 
in den achtziger Jahren auf 25,6 und 1900 steht sie 
auf 23,2. Dann geht sie weiter zurück auf 17,10 im 
Jahre 1910, erhebt sich allerdings nochmals infolge 
großer Säuglingssterblichkeit im heißen Sommer 1911 
auf 18,1, sinkt aber dann 1912 wieder. 
Das Sinken der Sterbeziffern ist ungemein er- 
freulich. Es bedeutet einen der wichtigsten Kulturfort- 
schritte der modernen Zeit. Es beseitigt viel Schmerz 
und Trauer, indem es das frühzeitige Insgrabsinken 
Kötschke. Die Gefahren des Geburtenrückganges. 3
        <pb n="34" />
        84 
unvollendeter Menschenknospen und -blüten verringert 
und das Familienleben glücklicher macht. Es ist auch 
volkswirtschaftlich von großer Bedeutung, indem es ver- 
hindert, daß nicht zu viel Menschenleben, deren Pflege 
und Erziehung viel Opfer gekostet haben, verloren 
gehen, ohne der Menschheit die Opfer vergolten zu 
haben. Man hat — mit einem Stich ins Sarkastische 
— Kinderleichen den schlimmsten Luxus genannt. 
RNoch immer sehr starke Säuglingssterb- 
lichkeit. 
Einen großen Anteil am Rückgang der Todesfälle 
hat der Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit. Aller- 
dings hat dieser erst in diesem Jahrhundert begonnen. 
Seit den siebziger Jahren hatten wir bis zum Ende des 
Jahrhunderts fast gar keine Abnahme der sterbenden 
Säuglinge. Von da an aber sind große Erfolge zu 
verzeichnen. Von 1901 an sinkt z. B. in Preußen, das 
in Deutschland etwa in der Mitte steht, die Tätigkeit 
des Würgengels an den Säuglingen von 200 auf 1000 
Lebendgeborene, die im ersten Jahre starben, auf 147 
in den Jahren 1912 bis 1913, ein wundervolles Zeichen 
dafür, was durch Umsicht und Energie möglich ist. 
Wir haben auf diese Weise den gewaltigen Vor- 
sprung, den die gesündesten Länder Europas hinsicht- 
lich der Lebenskraft der Säuglinge vor uns voraus 
hatten, ein wenig eingeholt. Immerhin sind uns noch 
sehr viele voraus. Eine Statistik, die allerdings erst das 
Jahr 1908 umfaßt, stellte damals folgende Länder besser. 
Preußen hatte damals eine Säuglingssterblichkeit 
von 173 auf 1000 Geburten, 
Bulgarten 170 Dänemark. 128 
Serbteen 158 England und Wales 120 
Italtken . 158 Schweez 119 
Belgien .147 Schweden 85 
Frankreich 1835 Norwegen 7J8 
Niederlande 125
        <pb n="35" />
        85 
Ganz Deutschland hatte 1909 bis 1911 174,3, am 
besten stand Kr. Lauterbach i. Hessen: 66,1, am schlech- 
testen Bez. Kelheim i. Bayern: 369,7. 
Wir führen zugleich die allgemeine Sterb- 
lichkeit innerhalb der verschiedenen Länder Europas 
an, bei der Deutschland etwa in der Mitte steht. Es 
starben 1906, berechnet auf 1000 der Bevölkerung: 
Rußland 29,8F Frankreich 19,9 
Spanien 26,2 Deutschland 189,2 
Ungarn 25, Schwez 106,.6 
Serbien 24,1 Belgeien 16,4 
Rumänien 23.9 England und Wales 15,4 
OÖsterreich 22.6 Niederlande 14,8 
Bulgarien 23,3 Schweden 14.4 
Portugal 22,2 Dänemark 13266. 
Itallen 20,8 
Es gibt Leute, die die Sterblichkeit zum Maßstab 
der Höhe der Volkskultur machen. Der Sache liegt 
sicher ein wichtiger Gedanke zugrunde. Wenn das Klima 
gleichmäßig wäre, würde tatsächlich die Art, wie einem 
Volke der Kampf gegen den Tod gelingt, einen verhält- 
nismäßig recht guten Maßstab für die Höhe seiner 
Kultur abgeben können. Denn um das Leben zu ver- 
längern, gehört nicht nur materielle, sondern auch 
geistige Kultur. 
Die sinkenden Zahlen des Bevölke- 
rungsüberschusses. 
Aus Geburtenzahlen und Sterblichkeit setzt sich nun 
der Überschuß der Bevölkerung zusammen. Auf diesen 
kommt es für die Zukunft eines Volkes an. Der Ge- 
burtenüberschuß war bei uns recht hoch Mitte der sieb- 
ziger Jahre, nämlich 1876 hatten wir auf je 1000 Ein- 
wohner 14,55 Geburtenüberschuß über die Sterbefälle. 
g*
        <pb n="36" />
        86 
Er schwankt dann hin und her, 1883 und 1886 sinkt 
er unter 11 Prozent, 1896 und 1898 und 1901 und 1902 
ist er wieder besonders hoch, nämlich über 15 Prozent. 
Von da an aber geht er ständig zurück. Wir stoßen da 
auf folgende Zahlen: 13,87, 14,53, 13,16, 14,88, 14,22, 
13,97, 13,84, 13,62, 11,33, 12,70. Die letztere Zahl 1912. 
Den absolut höchsten Geburtenüberschuß hatten wir 
1906 mit 910 275. Die Zahlen seit 1901 sind folgende: 
16501. 858 000 190. 879 000 
1902 p902000F 1909 884 000 
1908 812 000 1910 879 000 
1904 862 000 1911. 739000 
1900 8892000 1912 340 000 
1906 910 0001918 834 000. 
1907 882 000 
Dabei ist zu bedenken, daß auf die Bevölkerung von 
1901 mit 57 Millionen der Geburtenüberschuß 1,5 Pro- 
zent betrug, auf die Bevölkerung von 1913 mit fast 
68 Millionen aber nur 1,2 Prozent erreichte. Wehe, 
wenn das so weiter in den Abgrund ginge! 
Vergleichen wir die europäischen Länder mitein- 
ander, so könnten wir uns ja noch sehen lassen. Die. 
Statistik nennt 1906 auf je 1000 Einwohner folgenden 
Bevölkerungsüberschuß: 
Bulgariin 21.7 England und Wales 11,7 
Serbten 17,2 Portugll. 1155 
Rußland 17,0 Schweden. 11,3 
Rumänien . 16,0 Italien 1s, 
Niederlande . 15,6 Schweiz 10,2 
Dänemart 15,1| Belggen 9V3 
Deutschland .14,9 Spnnien 79,9 
Norwegen 18,2 Frankreich 0,7. 
Osterreich 12,6
        <pb n="37" />
        37 
Da wir seit 1906 einen sehr starken Rückgang zu 
verzeichnen haben, nämlich auf 12,4 im Jahre 1918, so 
bet un mittlerweile Norwegen überholt, das 1913 noch 
2,6 hatte. 
Die Gefahr der Erdrückung durch die 
Slawen. 
Das besonders Bedenkliche ist, daß die Slawen sehr 
viel günstigere Überschußzahlen haben als wir. Bei 
Rußland finden wir fast noch gar keinen nennenswerten 
Geburtenrückgang und keinen Überschußrückgang. Die 
Statistik ist in Rußland allerdings sehr unzuverlässig. 
Rußland hatte 1897 eine zuverlsässige Zählung. Diese 
ergab 128 Millionen. Für Mittẽ 1913 neunt der Leiter 
der russischen Medizinalstatistik Dr. Novosselsky 169 Mil- 
lionen. Der Zuwachs beträgt also gegen 3 Millionen 
jährlich. Nach Sundbärg waren 1800 von je 10000 
Europäern 2078 Russen, 1860;: 2298, 1900;: 2739, 1905: 
2787. Europa wird also immer russischer. Man hat 
schon vor Jahren die russische Bevölkerung für 1950 
auf etwa 250 Millionen berechnet. Die Kriegsver- 
luste dürften daran nicht viel ändern. Deutschland 
könnte man 1950 vielleicht höchstens einige 90 Millionen 
zurechnen. 
Kurz, für uns Germanen ist die Bevölkerungsfrage 
deshalb so wichtig, weil wir als Grenznachbarn im 
heftigen Kampf gegen die Slawen stehen und uns von 
ihnen nicht überrennen lassen dürfen. Uns erscheint die 
Bevölkerungspolitik daher auch noch wichtiger als die 
Rüstungspolitik. Denn erst der Mensch, dann die Rü- 
stung. Zwar ist bei den Slawen in Zukunft auch eine 
geringere Geburtenzahl zu erwarten. Aber die Slawen 
sind uns Deutschen doch an Zahl so voraus, daß wir 
allen Anlaß haben, den Abstand nicht zu groß werden 
zu lassen.
        <pb n="38" />
        38 
III. Auf zur Abwehr! 
Weitere Herabdrückung der Sterblich- 
keitsziffern. 
Die große Frage erhebt sich nun: Können wir 
Deutsche die bisher gekennzeichneten Tatsachen abändern, 
können wir in den Gang der bevölkerungspolitischen 
Ereignisse eingreifen? Und was läßt sich in dieser Be- 
ziehung tun? 
Die Optimisten, überhaupt diejenigen, welche die 
geschilderten Tatsachen für gar nicht so bedenklich halten, 
sagen: es genügt, wenn wir die Sterblichkeitsrate weiter 
herunterdrücken. Hier ließe sich zweifellos noch viel er- 
reichen. Das ist richtig. Wir haben oben gesehen, daß 
wir noch eine hohe Sterblichkeit aufweisen, und daß eine 
große Anzahl Länder uns darin voraus ist. Diese ein- 
zuholen, sollte uns nicht so schwer- fallen. Namentlich 
dem Säuglingstod können wir noch mächtig auf den Leib 
rücken. Wären wir z. B. in den Jahren 1885 bis 1895 
mit Kinderleben schon so sparsam umgegangen, wie in 
den letzten fünf Jahren, so hätten wir eine Million mehr 
Kerntruppen zwischen 20 bis 30 Jahren im Auguft 
1914 ins Feld stellen können!! 
Wir hatten oben als günstigste Sterblichkeitsziffer 
bei unseren Säuglingen 147 erreicht. Norwegen und 
Schweden standen schon vor Jahren unter Hundert. 
Auch die sonstige Lebensdauer kann noch verlängert 
werden. Von 15,0 je Tausend 1913 können wir noch auf 
12 bis 13 herunter kommen, tiefer aber auf die Dauer 
zunächst wohl nicht. 
Früheres Heiraten. 
Wir müssen also noch andere Wege beschreiten, um 
unsere Bevölkerung stärker zu vermehren. Ein Bilick 
auf die flawischen Völker könnte uns anregen, bei der 
Ehe einzusetzen. Wir haben schon oben betont, daß bei
        <pb n="39" />
        39 
uns die Heiratsziffer zurückgegangen ist. Wir tehen 
hier ziemlich ungünstig. Von je 1000 der über 15 Jahre 
alten weiblichen Bevölkerung waren ledig: 
in England und Wales .1911: 395, 
Osterreich 10900: 367, 
Deutschland . 1910: 347, 
Italien . 1911: 325, 
Frankreich . 1901: 286, 
Griechenland 1907: 268, 
Rußland . .1·897:224, 
Bulgarien " 1905: 200, 
Rumänien . 1899: 194, 
Serbien . . .. 1900: 151. 
In Serbien beträgt das mittlere Alter heiratender 
Mädchen noch nicht 20 Jahre. Von je 1000 heiratenden 
Bräuten waren in Rußland 1900 bis 1904 571 noch 
nicht 20 Jahre alt, in Deutschland 1910 bis 1913 nur 93. 
Die slawische Frühheirat vermehrt aber nicht nur die 
Zahl der bestehenden Ehen und der etwaigen Wieder- 
verheiratungen, sondern erhöht vor allem auch ihre 
durchschnittliche Fruchtbarkeit. Nun sind die slawischen 
Frühehen nicht etwa eine Folge eines südlicheren 
Klimas, das trifft wenigstens für Rußland nicht zu, 
sondern es hängt mit seinem agrarischen und weniger 
zibilisierten Charakter zusammen. Bei uns kann man 
in den Städten als Junggeselle eher leben. Man hat 
da Bequemlichkeiten genug. Man wird bei uns auch, 
wenigstens in den höheren Schichten, später selbständig. 
Leider können wir aber nicht ohne weiteres zu früberen 
Verhältnissen, die auch bei uns wohl so gewesen sind, 
zurück. Etwas indes läßt sich schon tun. Daß z. B. die 
Junggesellen heute nicht mehr Steuern zahlen. als 
kinderreiche Väter in derselben Einkommenstufe, ist ein 
schreiendes Unrecht, das boffentlich am längsten be- 
standen hat. Andere Maßnahmen sind schwieriger. Da 
aber der Andrang zu den höheren Berufen infolge der
        <pb n="40" />
        40 
Dezimierung durch den Krieg zurzeit etwas nachgelassen 
haben wird, werden die jungen Männer wohl vorläufig 
früher selbständig und heiratslustig werden. Anderer- 
seits werden freilich die Mädchen, die ja besonders wäh- 
rend des Krieges immer mehr in die männlichen Berufe 
eingedrungen sind, leider immer weniger Neigung zu 
Frühehen verspüren. Es wird dies überhaupt ihre 
Heiratslust nicht gerade erhöhen. Im alten Rom ver- 
ordnete der Kaiser Augustus für Mädchen, die das 
20. Lebensjahr überschritten und noch nicht geboren 
hatten, Strafen. Aber das können und wollen wir 
nicht nachmachen. Geholfen hat das übrigens damals 
auch nicht. 
Hauptzweck der Ehe sind viele Kinder. 
Das wichtigste ist, daß wir den Wert der Ehe und 
besonders der kinderreichen Ehe dem Volke ganz anders 
zum Bewußtsein bringen als bisher. Bisher wurde die 
Ehe viel zu sehr individualistisch gewertet als Versor- 
gungsanstalt für die Frau und — wenigstens in den 
Städten — als das beste Mittel, dem Manne einen 
ordentlichen Lebenswandel anzugewöhnen und ihn gut 
zu verpflegen. Als Bäuerin, Kaufmanns= und Hand- 
werkersfrau erleichterte die Frau dem Manne zugleich 
den Beruf und half ihm bei der Arbeit. Die Arbeiter- 
frau verdiente zum Teil ebenfalls mit. Diese Auffassung 
von der Ehe reicht aber nicht aus. Sie ist zu indivi- 
dualistisch und betont nur die Seite, daß die Ehe das 
Leben erleichtern soll. Die Ehe hat aber auch eine 
äußerst wichtige soziale Seite. Die Ehe ist für das Volk, 
den Staat, die Menschheit da, diese fortzupflanzen und 
zu verewigen. Die Kinder sollen bei der Ehe, auch schon 
bei der Wahl und der Schließung der Ehe im Vorder- 
grunde stehen. Mann und Weib sollen sich suchen und 
finden, um möglichst gesunde, tüchtige und viele Kinder 
zu bekommen. Auch das preußische Landrecht betont 
in Teil II Titel 1 § 1: „Der Hauptzweck der Ehe ist
        <pb n="41" />
        41 
die Erzeugung und die Erziehung der Kinder“. „Seid 
fruchtbar und mehret Euch“, wird mit gutem Grund 
bei der Trauung gepredigt. 
Die Rassenhygieniker sind oft etwas phantastisch in 
ihren Bestrebungen. Aber das ist richtig an ihnen, daß 
der Gedanke einer Veredlung und Verstärkung der Rasse 
die Brautleute erheben und begeistern muß. Eine 
kinderlose Ehe hat daher eigentlich ihren Beruf ver- 
fehlt. Und wenn man eine solche Ehe auch nicht 
zwangsweise für ungültig erklären soll, so sollte man 
doch ihre Auflösung erleichtern. Kinderlosigkeit sollte 
wieder ein Scheidungsgrund werden, wie er es früher 
gewesen ist. 
Das kinderreiche Elternpaar soll wieder das normale 
werden. Für den Hagestolz ist einzig und allein die 
lächerliche, alberne und engbrüstige Figur passend, wie 
sie es bei allen gesunden und vorwärtsstrebenden 
Völkern, auch bei uns früher, gewesen ist. Ihn muß 
die Verachtung des Volkes treffen, wenn er nicht etwa 
aus edlen Motiven, daß er keine gesunden Kinder be- 
kommen kann, sich sein Los gewählt hat. Im alten 
Griechenland konnte ein Mann, der ohne zwingenden 
Grund ehelos blieb, sogar bestraft werden. Auch bei 
uns schrieben im Mittelalter viele Städte zur Beklei- 
dung mancher Amter, zum Meisterrecht usw. Verehe- 
lichung vor. — ·- 
Besonders nach verheerenden Kriegen sind jedesmal 
kinderreiche Eltern und Kinder sehr in Kurs ge- 
shegen. Im Mittelalter wurde sonst Ehebruch sehr 
chwer bestraft, und uneheliche Mütter wurden arg be- 
nachteiligt und geächtet. Aber nach dem 30 jährigen 
und dem 7 jährigen Kriege z. B. stellte man sich 
ganz anders zu unehelichen Kindern und Müttern. 
Friedrich der Große hob die Kirchenbuße für uneheliche 
Mütter auf und verbot bei Strafe, ihnen Vorwürfe zu 
machen. Das Trauerjahr bei Witwern beschränkte er 
auf 8 Monate und bei Witwen auf 9 Monate.
        <pb n="42" />
        42 
Auch heute muß der Verheiratete in jeder Weise 
bevorzugt werden. Der umgekehrte Fall, der leider auch 
noch vorkommt, selbst bei Behörden, muß zu den Un- 
möglichkeiten gehören. Wenn die Leistungen der Ver- 
heirateten und der Unverheirateten ziemlich gleich sind. 
verdient der Verheiratete entschieden den Vorzug, der 
kinderreiche aber ganz besonders. Die Anschauung, daß 
es lediglich auf die Leistungen im Beruf ankommt, ist 
völlig verkehrt. Wenn jemand außer den Berufs- 
leistungen dem Staat noch eine Anzahl tüchtiger 
Kinder schenkt, so ist er unendlich viel mehr wert als 
ohne dies. 
Kinderzulagen. 
Die Beamten dürfen auch nicht nur nach dem Alter 
in höhere Gehaltsklassen aufsteigen. Sondern der 
Beamte muß sein Grundgehalt bekommen, außerdem 
Zulagen für die Frau und für die Kinder. Damit ist 
sicher eine Begünstigung der Frühehe gegeben, sowie 
ein Anreiz, möglichst bald Kinder zu bekommen. Die 
Höhe der Zulage wird sich natürlich nach dem Grund- 
gehalt richten müssen. Für mittlere Beamte wie Lehrer 
hat man z. B. für jedes Kind 200 Mark vorgeschlagen. 
Die Zulagen können natürlich die Erziehungskosten nicht 
völlig ersetzen. Das sollen sie auch nicht. Sie sollen 
aber wenigstens etwas den größeren Aufwand aus- 
gleichen, den kinderreiche Beamte gegenüber kinderlosen 
oder kinderschwachen haben. Sie sollen ferner den 
größeren Staatswert der Kinderreichen bezeugen. Das 
innere Glück, Kinder aufzuziehen, ist für gesund und 
kräftig empfindende Menschen schon einer ziemlichen 
Belastung fähig. Es soll nur vor Überlastung geschützt 
werden. In Ungarn sind beispielsweise seit 1912 solche 
Kinderzulagen für Beamte bereits eingeführt. Die oberen 
Beamten bekommen für jedes Kind 200 Kronen Zulage, 
die unteren Beamten die Hälfte. Auch bei uns hat man 
im Krieg schüchtern mit Kinderzulagen angefangen.
        <pb n="43" />
        48 
In ähnlicher Weise muß auch bei den Nichtbeamten 
ein Ausgleich geschaffen werden. Natürlich können die 
Arbeiter und Angestellten usw. nicht verlangen, daß sie 
in Privatbetrieben mehr verdienen, wenn sie viele Kinder 
haben. Die Arbeitgeber können die Lasten der Kinder- 
erziehung der gegenseitigen Konkurrenz willen nicht tragen. 
Sie sind ja auch an der Volksvermehrung nicht unmittel- 
bar interessiert. Da muß schon der Staat einspringen. 
In der letzten Zeit sind von Sozialpolitikern verschie- 
dene solcher Möglichkeiten erwogen worden, wie der 
Staat mit öffentlichen Mitteln die Kindererziehung er- 
leichtern könnte. Da müssen nicht nur die Schulgelder 
in den Volksschulen abgeschafft werden, die in manchen 
Bundesstaaten noch nicht völlig beseitigt sind. Dasselbe 
muß auf den Gymnasien geschehen. Ebenso müsfen sich die 
Vorlesungen auf den Hochschulen den Studenten unentgelt- 
lich erschließen. Das erfordert auch schon der neuerdings 
aufgestellte Grundsatz: „Die Bahn frei jedem Tüchtigen!“ 
Aber wir müssen noch weiter gehen. Es ist eine Art 
Kinderversicherung empfohlen worden. Zu dieser muß 
jedermann von einem bestimmten Alter an, sobald er 
ein leidliches Verdienst hat, beisteuern. Und zwar sein 
ganzes Leben hindurch, solange er über ein bestimmtes 
Einkommen verfügt. Jedermann hat Pflichten gegen 
die Nachkommenschaft. 
Die Gelder wären zu verwenden für die Erziehung 
kinderreicher Familien, und zwar etwa vom dritten 
Kinde an. Man dürfte wohl annehmen, daß jedes Ehe- 
paar, sich im allgemeinen verpflichtet fühlt, wenigstens 
zwei Kinder ohne staatliche Zubuße aufzuziehen. Aber 
vom dritten Kinde an ist ein Anreiz durch einen kleinen 
Lastenausgleich angebracht. Man könnte die Kosten für 
die Kinder in den ersten Jahren wohl niedriger bemessen 
als für die späteren Lebensalter. Man hat für jedes 
Kind in den unteren Schichten 100 Mark vorgeschlagen, 
vielleicht bis zum 6. Jahre nur 75 Mark. Im Mittel- 
stande könnte man wohl 200 Mark ansetzen. In den
        <pb n="44" />
        4 .- 
oberen vielleicht 250 Mark. Für die reichen Leute ist 
diese Summe natürlich noch ein zu schwacher Hände- 
druck. Die läßt man am besten ganz aus. 
Die sogenannte Mutterschaftsversicherung ließe sich 
mit unserer Versicherung ohne weiteres verbinden, in- 
dem man die Mütter, denen ein Verdienst entgeht, schon 
einige Wochen vor der Kindesgeburt entschädigt und ihnen 
Entbindungsbeihilfen gewährt. Ob dies auch schon bei den 
ersten zwei Kindern geschehen soll, ist eine Sache für sich. 
Natürlich kommen im ganzen riesige Summen für 
die gedachte Versicherung zusammen. Aber erstens ist 
die Versicherung nur eine Einkommensverschiebung aus 
der einen Hand in die andere. Jeder junge Mensch, 
der in die Versicherung zahlt, kann sich sagen, daß er 
selbst später ziemlich sicher in die Lage kommt, davon 
Nutzen zu ziehen. Dann aber sind wir durch den Krieg 
an große, riesenhafte Summen gewöhnt worden. Man 
kann wohl sagen, wir schrecken jetzt vor der Höhe irgend- 
welcher Kosten überhaupt nicht mehr zurück. Daher 
kann der Einwand, nach dem Kriege sei kein Geld da 
für dergleichen Versuche, uns nicht an die Wand 
drücken. Für alle wichtigen Zwecke muß Geld da sein. 
In unserem Falle um so mehr, als die Versicherung sich 
glänzend rentiert. Denn viele Kinder sind die beste 
Kapitalsanlage eines Volkes. Das hat schon der alte 
Fritz erkannt mit seinem Ausspruch: Die Einwohner- 
zahl bildet den Reichtum der Herrscher. 
Die Beihilfe des Staats bei den Erziehungskosten 
wird mit dazu beitragen, den Kinderreichtum wieder 
richtig einzuschätzen. Vor dem Kriege standen viele Leute 
auf dem Standpunkt, wir wären schon zu viel Menschen 
in Deutschland. Da sei es nicht nur sorgenfreier, keins 
oder nur wenige Kinder zu haben, sondern es wäre 
vielleicht auch ganz verdienstlich. Künftig wird aber 
jedermann — von besonderen Ausnahmen abgesehen — 
es für seine Pflicht ansehen müfsen, wenigstens 4 oder 
5 Kinder dem Staate zu schenken und damit seinen
        <pb n="45" />
        — 46 
Beitrag für die Dauer und die Stärkung der Rasse zu 
leisten. Wir haben jetzt Söhne und Väter dem Vater- 
lande geopfert, kostbares Blut für die Sicherung und 
den Bestand unseres Volkes gegen äußere Feinde. Und 
wir sollten nicht mit viel größerem EKifer uns Mühe 
geben, die Kriegsverluste an Menschenleben wiederein- 
zubringen und für die Größe und Macht unseres Volkes 
durch die so viel erfreulichere Aufzucht einer zahl- 
reicheren Nachkommenschaft bedacht zu sein! Unser Volk 
muß die Aufgabe in allen seinen Gliedern nur richtig er- 
fassen. Dann ist es in seiner Tüchtigkeit und Opferwillig= 
keit auch zu allem fähig. Dessen können wir sicher sein. 
Daß die Anwendung materieller Mittel allein den 
Kinderreichtum nicht fördert, das hat zur Genüge die 
Gesetzgebung im alten Rom erwiesen, wo man sehr aus- 
giebige Staatsmittel in Bewegung setzte. Der Miß- 
erfolg war völlig. Die sittliche Beeinflussung ist außer- 
ordentlich viel wertvoller. Wir sind aber der Ansicht, 
daß unser Volk gezeigt hat, daß es auch einen Chim- 
borasso ersteigen kann, wenn es nur richtig geleitet wird. 
Wir brauchen ihm daher die Aufgabe, unsere Rasse zu 
stärken und zu vermehren, nur mit dem nötigen Nach- 
druck als eins der allerwichtigsten Ziele ins Gewissen 
zu schieben und wir sind gewiß, der Ruf wird bis in die 
kleinste Hütte hinein nicht ungehört verhallen. Der 
kategorische Imperativ ist in unserem Volke noch mäch- 
tig lebendig. - 
Wie groß hat Friedrich Nietzsche über den Wert der 
Nachkommenschaft gedacht, wiewohl er selbst damit nicht 
begnadet war! Sein Ausspruch: Wenn der Mensch keine 
Söhne hat, so hat er kein volles Recht, über die Be- 
dürfnisse eines einzelnen Staatswesens mitzureden — 
befürwortet geradezu die Wahlrechtsentziehung. 
Hebung der Lage der Unehelichen. 
Miit etlichen besonderen Hemmnissen müssen wir uns 
noch befassen, die auf die Volksvermehrung schädlich ein-
        <pb n="46" />
        46 
wirken. Wir müssen uns künftig anders stellen zu den 
unehelichen Müttern und Kindern. Die Folge 
unserer Spätheiraten ist einerseits die Prostitution, 
andererseits die große Zahl der unehelichen Mütter. 
Denn so wertvoll es ist, wenn man die jungen Menschen 
beiderlei Geschlechts zur völligen geschlechtlichen Enthalt- 
samkeit erziehen will bis zur Verheiratung — die 
jungen Leute, bei denen das gelingt, sind weitaus am 
besten dran —, so ist im großen die durchschlagende 
moralische und religiöse Beeinflussung leider ein Ruf 
aus der Ewigkeit, für das die wenigsten ein genügend 
feines Gehör haben. Das ist hinreichend erwiesen. Dazu 
ist der Geschlechtstrieb zu mächtig und zu wertvoll. 
Da sind nun zweifellos die unehelichen Verhältnisse, 
welche von natürlichen Folgen begleitet sind, vor der 
wahllosen Liebe und Prostitution ohne weiteres vorzu- 
ziehen. Wenn sich junge Leute gegenseitig hingeben, so 
sollen sie sich auch der natürlichen Folgen bewußt sein. 
Das verlangt die Natur, und das ist in der Ordnung. 
Der Akt soll heilig sein. Deshalb dürfen die unehelichen 
Mütter nicht mehr der gesellschaftlichen Achtung unter- 
liegen. Noch mehr sollten die unehelichen Kinder von 
einer solchen verschont sein. Denn diese können gar 
nichts dafür, daß ihre Väter sich nicht zu ihnen bekennen. 
Für manches Mädchen, das bei der Männerknappheit 
nach dem Kriege nicht zur Verehelichung gelangen wird, 
ist es vielleicht eine große Wohltat, wenn ihr eine vor- 
übergehende Liebe ein Kind zuführt. 
Bisher ist das Los der unehelichen Kinder. ungemein 
traurig. Unter einem Jahre starben von 100 Lebend- 
geborenen 
1900 1910 1911 
bei den ehelich Geborenen 16,0 15,2 18,2, 
unehelich Geborenen 26,8 25.7 29,9. 
Aber auch das spätere Leben hindurch sind die un- 
ehelichen Kinder sehr benachteiligt. Sie stellen den
        <pb n="47" />
        — 47 
größten, Prozentsatz zu den Verbrechern. Die Art, wie 
bisher die unehelichen Mütter und Kinder von Gesetz 
und Sitte behandelt worden sind, zeugt von sehr ein— 
seitiger Männerherrschaft in Staat und Gesellschaft. 
Wenn die Frauen öffentlich ihre Macht mehr geltend 
machen werden, wird sich hier manches ändern. Es ist 
3. B. etwas Unerhörtes, daß Männer davor geschützt 
sind, irgendwelche Kosten für ihre etwaigen unehelichen 
Kinder zu tragen, sobald sie irgendwie nachweisen, daß 
sie nicht die einzigen Männer sind, mit denen die un- 
ehelichen Mütter verkehrt haben möchten. 
Der Kampf gegen die Geschlechtskrank- 
heiten. 
Dieser Gegenstand führt uns zu den Geschlechts- 
krankheiten, deren Bekämpfung von allergrößtem 
Werte ist. Diesen furchtbaren Seuchen müssen wir 
energisch zu Leibe gehen. Sie sind an sehr vielen kinder- 
losen und kinderarmen Ehen schuld, ganz abgesehen von 
den sonstigen Leiden, die sie verursachen. Man sagt, 
daß sie bei uns die Geburt von mindestens 200 000 
Kindern verhindern. Wenn man sich über die zahl- 
reichen kinderlosen oder einkindrigen Ehen wundert, so 
bedeuten uns die Sachkundigen, daß daran häufig die 
Geschlechtskrankheiten schuld sind. Es ist hier nicht ber 
Ort, diesen Dingen weiter nachzugehen. Nur die Hoff- 
nung wollen wir aussprechen, daß das ganze, Volk der 
häßlichen verheerenden Seuche mit allen nur erdenk- 
lichen Mitteln zu Leibe geht. Wir sind schon so mancher 
Seuche Herr geworden. Wir müssen auch hier den 
Lindwurm packen 
Verbesserung der Wohnungs- 
verhältnisse. 
Endlich wird die großstädtische Wohnungs- 
not für die Kinderarmut verantwortlich gemacht. Die 
Massenmietshäuser, wo die Menschen eingepfercht und
        <pb n="48" />
        48 
verstaut werden wie die Akten in einem Schrank, sind 
gar nicht für kinderreiche Familien berechnet. Sie 
könnten von Anhängern des Malthus erfunden sein und 
dürften von ihnen prämiiert werden. Für die Kinder 
ist da nirgends gesorgt. Mietet man als kinderreicher 
Vater in einer solchen Mietskaserne und fragt nach 
einem Spielplatz oder einem sonstigen Aufenthalt für 
die Kinder, so wird man von den Hauswirten meist 
ganz verwundert angesehen in dem Gefühl, daß die 
Hauswirte in dieser Beziehung nicht die geringste Ver- 
antwortung tragen. Dabei sind die Wohnungen in der 
Regel so teuer, daß ein besonderes Kinderzimmer sich 
nur wenige Menschen leisten können. Die meisten 
Eltern sind in der größten Verlegenheit, was sie wohl 
mit ihren Kindern anfangen sollen. Zum überfluß 
haben die Hauswirte auch noch in den Häusern an- 
geschlagen: Kindern ist der Aufenthalt auf den Treppen, 
Höfen und Fluren verboten. Wo sollen die Eltern nun 
mit den armen Kindern hin? — Die Straße ist doch 
sicher der allerungeeignetste Spielplatz. * 
Weil die Mietskasernen für kinderreiche Eltern nicht 
eingerichtet sind, bekommen diese in den Großstädten 
auch schwer Wohnung. Man kennt die Klagelieder, die 
darüber in die Offentlichkeit gelangt sind. 
Allmählich ist es glücklicherweise weiten Kreisen zum 
Bewußtsein gekommen, daß wir andere Häuser und 
Wohnungen bauen müssen, wenn kinderreiche Familien 
in den Großstädten sich wohl fühlen sollen. Wir müssen 
zum Kleinhaus und zum Flachbau zurückkehren und 
wo es irgendwie angängig ist, den Garten hinzunehmen. 
Wo z. B. Baugenossenschaften in diesem Sinne ihre 
Baupolitik abgeändert haben, sind auch sofort die Woh- 
nungen von mehr Kindern bevölkert worden. 
–.—— 
Julius Sineneld. bofbuchdrucker. Berlin W. #
        <pb n="49" />
        . Sahiheugrebentöcr füt das beursche Voll 
Deehring, Lic. theol. Bruno, Hof= und Domprediger, Heer und Heimat 
2. Einn, eerner, Die —“’* Lnnserer Fee. Felnde 
48. Hoetsch, Drof. Dr. Otto, Polen in angenheit und Gegenwart 
« . dich-ff rx Eeßen eutschland 
.v. Blume, Gen. d. Iuf. 3. D. W., e 1916 in Umrissen 
4. Neuberg, Geh. Reg.-Rat Johs., G* 8 — des Rechts 
. v. Forstner, Kop.-Ct. Geor9-Günther Frelb., B3 E——— Unlerstand! 
robotz, Bernhard Max, Kum änlen. war und wie es ist 
- St Izu VI »Zum-Z MEIMQBN quItaaäuz Wie wir 2 d. Weg bauien 
of. Dr. Herm, O s u. Englands Kraft 
. 3 Hans, Was kriegen die S. essen ¾ sinans. 
81. Marqua Dr. Hugo, Geogr. Refer. wPe r — 
133. —— 5n gleoh. ie Naturwissensch 
89. B Englands wahres Gesicht, eine brannengesch 
, . Dr. Kari Bulga Natur, Voll und Boden 
61. es, Prof. Dr. Franz, Aus AltFlandern 
E#. Friedberger, Prof. Dr. E. Aber Kriegsseuchen einst und jetzt 
G. Braun, Pfarrer Dicx, S. Freiwill-Armee unier d. Banner d. Roten Kreuzes 
. gä. Resmbgnö 7 El “m# 4 Siec z #aeluuts * 5“ Ländern 
6 eh. Justizrat Job# enstgese 
W. os, Julius, Stad und TLand 
8 Zrenbia- Or. Hans, Was lehrt uns der Welitrieg? 
68. Ostwald, Lhan, Die Kriegsfürsorge 3 “ e- 
609. #ckeley, Dr. Alfred, Univ.-rof. inn 
20. v. Olberg, Masor Alfred. Wie W ant #.% des 4. Krieg 
71. # n, F., M. d. K. u. M. b. A. O Arbeit — — 8 
. Goetz, Prof. Dr. Waster, Tiaer b. K., Der deutsche Volksgeist 
« .PaulWieunker-Jugend den Krieg erlebt 
» II Ködfchke, German-h Die ehen des Geburten-J## zhoen 
*2r 5 biun 
F . Jur. Karl s“v * * und Kriegsausga 
77 gueeen Anton. Um was es eigenilich 
ichel, Oskar, Vom deutschen 88 en 
Vor ng: 
Kühnemann, r. Eugen, Amerika als Deufst r*rsr i“ 
Ka#e Drof. W““* Otto, Das Werk der Hobenzollern land 
# Handwerksk. Syndikus Dr. Josef. Die o. v Handwerks 
des deuischen Handes 
Se: Dr. Franz, Die 
E— 5 Vie * m von den Deutschen verwal 
Otresemonn, Dr. G., M. d. R. Welt##ieg u. d. doauust— W—im 
of. Dr. Hermann, 5. W erer de 
—— org, 7 ergangewirtschaft vom 7* — 
Bie s die im Osten esetzten Teile verwastei: 
Flaischlen, Dr. W Lei 1 von — 
XL . 
Zu bezlehen durch alle Zuchhandlungen und vom 
Verlas Karl Siegismund in Berlin 8W, Dessauer Str. 13 
— —
        <pb n="50" />
        Verlag von Karl Siegismund in Berlin 
Heinrich von Jordan 
Erinnerungsblätter und Briefe 
eines jungen Freiheitskämpfers 
aus den Jahren 1813 und 1814 
Zusammengestellt von 
Ludwig von Jordan 
334 S. gr. 8°, mit 4 Karten 
Preis M. 4,80, gebunden M. 6— 
Das Gedenkbuch eines treuen Sohnes an seinen 
Vater! Aber auch das Gedenkbuch einer großen Zeit! 
... so können wir das Such des deutschen Jünglings, 
des treuen Sohnes seines Königs allen Nenschen 
empfehlen, die sich an Großem noch erwärmen können, 
denen das Feuer der Begeisterung noch nicht erloschen ist. 
(Deutsche Tageszeitung.) 
.Die Lektüre dieser Briefe wird niemand gereklen 
und wird manchem die Erkenntnis bringen, woher nicht 
uletzt die Ecsolse jener Tage für Preußens und Deutsch- 
ands Geschicke gekommen sind. 
- (Braunschweig. Landeszeitung.) 
.. einfach und wahrhaft klingen Jordans Schilde- 
numgen aus jenem großen Feldzuge. 
(Neue Freie Presse. Wien.) 
.. So kam auch dies Buch als ein wertvoller Bei- 
trag zur Erinnerung an die Zeit vor 100 Jahren betrachtet 
werden. (Danziger Zeitung.) 
.. . wird man auch mit Freuden diesobengenannten 
Aufzeichnungen lesen, denn sie geben Unmittelbare 
Kunde vom Geist und Gescheh en jener Tage. 
(Kritische Rundschau, München.) 
Zu beziehen durch alle Zuchhandlungen und vom 
Derlag Karl Sieglsmund, Berlin SW, Dessauerstr. 13 
Julius Sittenfeld, Oofbuchdrucker., Verlin W 8.
        <pb n="51" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
