Mische  Deinen  gerechten  Schmerz  nicht  mit  Bitterkeit  und  Murren,
sondern  vergegenwärtige  Dir,  daß  Dir  ein  Sohn  und  eine  Tochter
  bleibt  und  daß  Du  mit  ihnen,  und  selbst  in  dem  Gefühl  ein
geliebtes  Rind  16  Jahre  lang  besessen  zu  haben,  Dich  als  gesegnet
  betrachten  mußst  im  Vergleich  mit  den  Vielen  welche  Kinder
  niemals  gehabt  und  Elternfreuden  nicht  gekannt  haben.  Ich
will  Dir  nicht  mit  schwachen  Trostgründen  lästig  werden,  sondern
  Dir  nur  in  diesen  Zeilen  sagen,  wie  ich  als  Freund  und  Bruder
Dein  Leid  wie  mein  eignes  fühle  und  bis  ins  Innerste  davon
ergriffen  bin.  Wie  verschwinden  alle  kleinen  Sorgen  und  Verdrießlichkeiten
  welche  unser  Leben  täglich  geleiten  neben  dem
ehernen  Auftreten  wahren  Unglücks,  und  ich  empfinde  wie  ebensoviele
  Vorwürfe  die  Erinnerung  an  alle  Klagen  und  begehrlichen
  Wünsche,  über  welche  ich  so  oft  vergessen  habe,  wieviel
Segen  Gott  uns  giebt,  und  wieviel  Gefahr  uns  umringt  ohne
zu  treffen.  Wir  sollen  uns  an  diese  Welt  nicht  hängen  und  nicht
in  ihr  heimisch  werden;  noch  20  oder  50  Jahre  im  glücklichsten
Falle,  und  wir  beide  sind  über  die  Sorgen  dieses  Lebens  hinaus,
und  unsre  Kinder  sind  an  unserm  jetzigen  Standpunkt  angelangt,
und  gewahren  mit  Erstaunen,  daß  das  eben  so  frisch  begonnene
Leben  schon  bergab  geht.  Es  wäre  das  an-  und  ausziehn  nicht
werth,  wenn  es  damit  vorbei  wäre;  erinnerst  Du  Dich  noch  dieser
Worte  eines  Stolpmünder  Reisegefährten?  Der  Gedanke,  daß
der  Tod  ein  Uebergang  zu  einem  andern  Leben  ist,  wird  Deinen
Schmerz  freilich  wenig  lindern,  denn  Du  konntest  glauben,  daß
Dein  geliebter  Sohn  Oir  die  Feit  hindurch  die  Du  auf  dieser
Erde  noch  lebst  ein  treuer  und  lieber  Begleiter  sein,  und  Dein
Andenken  hier  in  Segen  fortpflanzen  werde.  Der  KRreis  derer
die  wir  lieben  verengt  sich  und  erhält  keinen  Fuwachs,  bis  wir
Enkel  haben.  Wan  schließt  in  unsern  Jahren  keine  neuen  Derbindungen
  mehr  die  uns  die  absterbenden  ersetzen  könnten.  1aß
uns  darum  um  so  enger  in  Liebe  zusammenhalten,  bis  auch  uns
der  Tod  von  einander  trennt,  wie  setzt  Deinen  Sohn  von  uns.

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