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Varzin  28.  Oct.  1309.
Mein  geliebtes  Schwesterherz

ich  bin  leider  verurtheilt,  einsam  das  Saus  zu  hüten;  Johanna
wird  Dir  sagen,  wie  es  im  Hunkte  der  Gesundheit  steht.  Ich  bin
mit  Gottes  Hülfe  in  der  Erholung,  aber  doch  noch  in  solcher
Derfassung,  daß  die  gestern  vollendete  Crise  Sepdt-Camphausen!)
ohne  mich  abgespielt  werden  mußte;  sie  ging  brieflich  glatter  ab,
als  ich  gehofft  hatte.

Ich  hätte  Dich  so  gern  als  Großmutter  und  Silberbraut  im
Staate  gesehn,  und  Dir  das  Feugniß  gegeben,  daß  Du  die  vorzeitigen
  Ehren  des  Alters  trägst  wie  unsre  Rosen  den  heutigen
Octoberschnee,  sie  sehn  nur  umso  frischer  unter  ihm  aus.  Ich  hätte
so  gern  mit  Dir  Oscars  Brautfahrt  in  Kniephof  und  Uaugard,  Antonie
  )  und  Schönhausen  und  alle  todten  Hochzeitgäste  mit  Dir
beredet  und  ganz  abgetragne  Betrachtungen  über  traumbafte
Slüchtigkeit  des  Lebens  mit  Dir  neu  aufgebügelt.  Man  verzichtet
so  spät  auf  die  Illusion,  daß  das  Leben  nun  bald  anfangen  soll,
und  hält  sich  so  lange  bei  der  Vorbereitung  auf,  daß  es  solcher
Meilensteine  von  25  Jahren  bedarf,  um  sich  durch  den  Rückblick
klar  zu  machen,  wie  lang  die  zurückgelegte  Strecke  ist,  und  wie
viele  gute  und  schlechte  Stationen  man  passirt  hat.  Ist  es  ein
Beweis  unsrer  Ungenügsamkeit  oder  der  Dankbarkeit  unfres  Erinnrungsvermögens,
  oder  ist  es  nur  mein  Sehler,  daß  mir
die  gegenwärtige  Station  immer  unbehaglicher  erscheint  als  alle
früheren,  und  daß  man  nicht  aufhört  rastlos  vorwärts  zu  trei-1)

  Dgl.  über  dieselbe  den  Brief  an  Roon  vom  277.  Sept.  1309,  Bismarckbriefe,
  3.  Aufl.,  r.  413,  S.  453  ff.
9  von  Blanckenburg;  siehe  oben  S.  2  Anm.  1.

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