Erfahrungen  mit  Arbeiterinnen—-porten.



Der  aufmerksame  Beobachter  des  Verkehrslebens
kann  in  der  letzten  Zeit  eine  neuartige  Erscheinung  wahrnehmen:
  Größere  Transporte  von  Arbeiterinnen,  bie  von
ihren  alten  Beschästigungs-  und  Wohnplätzen  In  entserntere
  Gegenden  überführt  werden.  Die  beträchtlichen
Verschiebungen,  die  sich  aus  der  kriegswirtschaftlichen  Umschichtung
  der  Industrie  ergeben  haben,  und  die  Notwendigkeit
  sortschreitenden  Ersatzes  männlicher  durch
weibliche  Arbeitskräfte,  sind  die  Ursachen  dieser  immer
wichtiger  werdenden  Binnenwanderung.  Es  hat  sich  gezeigt,
  bab  derartige  Transporte  ganz  besonders  sorgsamer
Vorbereitung  unb  Fürforge  bedürfen,  da  bei  der  seelischen
Veranlagung  der  Frauen  die  auf  der  Relse  und  gleich  nach
ber  Ankunft  am  Bestimmungsorte  gewonnenen  Erstelndrücke
  vielfach  für  die  Möglichkeit  ber  Anpassung  an
dle  neuen  Verhältnisse  bestimmend  sind.  Nach  den  der
Frauen-Arbeitszentrale  vorllegenden  Beobachtungen,  die
in  dleser  Richtung  von  Lesterinnen  der  Transporte  ober

von  Fabrskpflegerinnen  gemacht  worden  sind,  seien  die

solgenben  Einzelheiten  wiedergegeben:

Zun  einem  Falle  hatten  viele  der  Neuangekommenen
der  neuen  Arbeitsstälte  alsbald  wieder  den  Nücken  gekehrt.
  Die  Nachforschungen  ergaben,  daß  keine  Vorforge
gekroffen  war,  die  frierenden  und  hungernden  Arbeiterinnen,
  denen  in  der  Hesmat  frele  Beförderung  zur  Fabrik
neben  freler  Kost  und  Wohnung  versprochen  war,  sogleich

zu  verpflegen  und  nach  dem  Arbeits-  bzw.  Wohnplatze  zu
befördern.  Sie  mußten  vielmehr  auf  ben  erst  geraume
Zelt  später  fahrenden  Arbeiterzug  warten  und  hatten
inzwischen  Gelegenheik,  zu  allerhand  Unterhaltungen,  durch
bie  die  Stimmung  gründlich  verdorben  wurde.  Schließlich

  ging,  insolge  mangelnder  Aufsicht,  auch  noch  ein  Teik
des  Gepäckes  verloren.  In  Berichten  einiger  Arbeiterinnen
  an  den  Arbeitsnachweis,  der  die  Vermittelung  besorgt
bat,  kommt  gleichfalls  die  tiefe  Enttäuschung  über  den
Mangel  an  Vorsorge  für  Empfang  und  Anterbringung
zum  Ausdruck.  Auf  Anregung  der  zuständigen  Frauenarbeits-Hauptstelle
  in  Verbindung  mit  dem  Arbeitsverwalkung

  entsprechend  instruiert.  Die  Neuangekommenen
hakten  denn  auch  keine  Klagen  vorzubringen.

In  einem  anderen  Falle  hatte  beim  Transport  von
Textilarbeiterinnen  die  zuständige  Kriegsamtstelle  weitgehende
  Fürsorgemaßnahmen  veranlassen  können.  Die
Fürsorge  -  Vermittlungsstelle  des  Ankunftsortes  wurde
rechtzeitig  vom  Abgang  des  Transportes  benachrichtigt.
Die  Arbesterinnen  standen  unter  Führung  eines  militärischen
  Begleiters,  der  an  Ort  und  Stelle  Arbeits-,  Ernährungs-
  und  Unterkunftsverhältnisse  zu  prüfen  hatte.
Verpflegung  war  mitgegeben  worden,  das  Rote  Kreuz
verabfolgte  Kaffee  ober  Suppe.  Sogleich  bel  Ankunft
wurden  den  Arbeiterinnen  die  neuen  Lebensmittelkarten
ausgehändigt  und  ihre  Einteilung,  je  nach  Wunsch,  zu
zwelen  oder  dreien  in  berestgehaltene  Quartiere  veranlaßt,
so  daß  kaum  1½  Stunden  nach  der  Ankunft  bereits  alle
unkergebracht  waren.

Da  die  Fabrik  auch  weiterhin  ihr  Möglichstes  tat,
um  den  Frauen  die  Trennung  von  der  Heimat  zu  erleichtern
  (gutes  Essen  in  einer  Kriegsspeiseanstalt,  gemeinsamer
  Theaterbesuch  usw.),  kamen  diese  über  die  erste
schwierige  Aebergangszeit  leichter  hinweg,  blieben  der
Arbeit  treu  und  bewiesen  ein  Mah  von  Arbeitsfreudigkeit,
Über  das  die  Betriebslestung  sich  recht  anerkennend  ausgesprochen
  hat.  «