B  eilage  zum  „Kriegsamt.

Nur  die  mit  einem  “  bezeichneten  Ab

schnitte  sind  zum  Abdrucke  freigegeben.

chaft.

*  Die  Entwickelung  der  italienischen
Kriegsindustrie.

Eine  Kriegsindustrie  im  engeren  Sinne,  5.  h.  auf  die
Herstellung  von  direktem  Kriegsbedarf,  vornehmlich  also
von  Gewehren,  Geschützen  und  Munition  eingestellte  Industriebetriebe,
  besaß  Italien  bis  zum  Ausbruch  bes  Well.
krieges  nur  in  sehr  geringem  Amfange.  In  der  Hauptsache
kamen  lediglich  die  staatlichen,  der  Militärverwallung
  unterstellten  Werkstätten  (Arsenale)  in  Turin,
Genua,  Brescia,  Terni  und  Neapel,  an  staatlichen  Schiffsbauwerkstälten
  die  von  Castellamare  di  Stabiae  und  La
Spezia  in  Betracht.  Die  Privatindustrie  nahm
nur  in  den  Stahlwerken  von  Terni  geringen,  qualikatio
zumeist  wenig  erfolgreichen  Anteil  an  der  Geschützfabrikation.
  Unter  biesen  Umständen  mußte  Stalien  den  größken
  Teil  seines  Kriegsbedarfs  aus  dem  Auslande  bezlehen.
In  erster  Linie  traf  bies  für  Artillerkematerial  zu.  Geschüttze
  vor  allem  kamen  hauptsächlich  aus  Deutschland
(Krupp  und  Ebhrhardt),  in  den  letzten  Jahren  auch  aus
Frankreich  (Schneider-Creuzot).  Aber  auch  die  Artilleriemunition
  stammte  größtenteils  aus  dem  Ausland.  Zwar
hatte  Italien  bereits  in  den  letzten  Jahrzehnten  eine  verbältnismäßig,
  nämlich  in  Anbetracht  des  gänzlichen  Mangels
  an  Steinkohlen  und  des  ungenügenden  Vorkommens
an  Eisenerzen,  ansehnliche  Schwerindustrie  zur  Entwicklung
  gebracht;  doch  war  ihre  Produktion,  in  erster  Linie
an  Maschinen,  Turbinen,  Lokomotiven  und  Waggons,  so
gut  wie  ausschließlich  für  ben  Friebensbedarf  eingerichtet.

Da  brach  der  Weltkrieg  aus.  War  auch  Ztalien  zunächst
  noch  am  Kampfe  undeteiligt,  so  rechnete  es  doch  von
vorpheresn  mit  der  Möglichkeit,  ja  Wahrscheinlichkeit  eines
aktiven  Eingreifens  und  traf  alle  Vorbereitungen  für
„leinen  Krieg“.  Die  ersten  und  hauptsächlichsten  Anstrengungen
  galten  der  Sicherung  des  Kriegsbebarfs.
  Den  veränderten  politischen  Verhältnissen  entsprechend
  war  man  dabei  zunächst  auf  sich  selbst  angewiesen.
  Die  eigene  kriegsindustrielle  Produktion  mußte
gesteigert  und  erweitert  werden.  Die  darauf  gerichteten
Bestrebungen  setzten  sehr  frühzeitig  ein  und  führten  bereits
während  der  italienischen  Neutralitätsperiobe  (bis  23.  Mal
1915)  zu  beträchtlichen  Erfolgen.  Die  staatlichen
Werkstätten  wurden  vergrößert  und  arbeiteten  intensiver.
  Ein  gut  Teil  der  durch  die  italienische  „Rüstungsanleihe“
  vom  Januar  1915  dem  Staat  zugegangenen  Gelder
  mögen  hierzu  verwendet  worden  sein.  Die  Prvatladustrie
  aber,  und  das  ist  entscheidend,  begann  sich
auf  die  Fabrikation  von  Kriegsbedarf  umzustellen.  Die
notwendigen  Geldmittel  hierzu  haben  die  italienischen
Eilenindustriellen  bereits  in  dieser  Zeit  zu  einem  großen

englischen  ranzösischen  Kapitalisten  erlangt.

Durch  den  Eintritt  IJtaliens  in  die  Reihe  der  krfegflihrenden
Mächte  wurde  dann  diese  Entwickelung  immer  alschrenot
ter  und  gewann  immer  größere  Ausdehnung.  Es  ist  er.
staunlich,  wie  rasch  sich  die  an  sich  naturgemäß  längere
Zeit  beanspruchende  tlmwandlung  der  Indufstrie  vollzogen
bat.  Der  Anteil  der  Privatindustrie  an  der  Lieferung  des
Kriegsbedarfes  war  denn  auch  schon  recht  umfangreich,  bevor
  noch  der  Staat  ihre  Heranziehung  zu  diesem  Kriegs-.
zwecke  umfassend  zu  organisieren  begonnen  hatte.  Naturgemäß
  waren  es  gerade  die  größten  und  leistungsfähigsten
Werke,  die  bereits  im  zweiten  Halbjahr  1915  ihre  Umstellung
  am  weitesten  gesörbert  hatten.  Von  solchen  seien
bier  nur  genannt  die  Werke  von  Giov.  Ansaldo  in  Sampierdarena
  und  Sestri  Ponente  bei  Genua  (früber  Lokomotiv-
  und  Schiffsmaschinenfabrikatlon),  die  Stahlwerke
in  Terni,  die  Fiatwerke  in  Turin  (früher  Krastwagenfabrik,
  dann  Hauptstelle  für  Maschinengewehrfabrikation),
die  von  Engländern  geleiteten  Armstrongwerke  in  Pozzuolf
  und  die  Vickerswerke  in  Reapel  und  Terni,  nicht  zuletzt
  auch  die  Ilva-Werke  in  Bagnoli  bei  Reapel.  )

Inm  Herbst  1915  nun  begann  die  Regierung  die  Mobilisierung
  der  gesamten  Industrie  des  Landes  planmäßig
und  großzügig  zu  organisieren.  Offenbar  war  die
bis  dahin  noch  allgemeine  Hoffnung  auf  ein  rasches  Kriegsende
  nun  doch  geschwunden.  Die  Entwicklung  bieser  Organssation
  erstreckte  sich  naturgemäß  über  einen  längeren
Zeitraum,  doch  hatte  sie  rasch  genug  einen  vorläufigen  Abschluß
  erreicht,  um  bald  wirksam  werden  zu  können.  Heute
stellt  sich,  soweit  bei  den  dürftigen  Nachrichten  überhaupt
ein  Bild  gewonnen  werden  kann,  die  kriegsindustrielle
  Organisation  Naliens  wie  folgt  dar:

Die  oberste  Zentralbehörde  für  das  gesamte  Kriegsmaterial-Beschaffungswesen
  ist  das  sogenannte  Munikionsministerium.
  In  dieser  Form,  als  selbständiges
  Ministerium,  besteht  es  erst  seit  den  jüngsten  (Mitte
Jum  1917)  Veränderungen  im  italienischen  Kabinett.  Es
war  aus  einem  Anterstaatssekrekariat,  als  welches  es  Porher
  eingerichtet  war,  in  der  genannten  Weise  vor  dllem
zu  dem  Zwecke  umgebildet  worden,  um  selnem  Leiter,  dem
bisherigen  Lnterstaatssekretär  und  jetzigen  Minister,  dem
General  Dall  Olio,  größere  Selbständigkeit  und  umfassendere
  Vollmachten  zu  verleihen,  von  denen  er  hauptsächlich
Gebrauch  machen  soll,  um  in  der  ressortmäßigen  Konkurrenz
  mit  anderen  Ministern,  zunächst  denen  für  Finan-