Beilage  zum  „Kriegsamt.  Amtliche  M

aft.

Nr.  27.

——

*  Die  verwertung  der  Uesselfaser.
von  6.Schürhoff,  Direklor  der  Neyefaser-Verwertunge-Gef.  m.  b.  H.
Bevor  die  Baumwolle  ihren  Siegeszug  durch  die  europäische
  Welt  begann,  wurde  in  manchen  Gegenden  die
Brennessel  als  Fasernflanze  verwertet.  Aus  Resselfasern
wurden  grobe  Garne  hergestellt,  die  entweder  für  Vischereizwecke,
  oder  als  Bindematerial,  oder  für  grobe  Gewebe
Verwendung  fanden.  Muster,  die  aus  jener  Zeit  noch  vorhanden
  sind,  geigen  einen  groben,  mit  Unreinigkeiten
(Rinden-  und  Holzteilen)  durchsetzten  Faden,  der  sehr  viel
Aehnlichkeit  wit  Leinenwerggarn  hat.  Feinere  Nummern,
etwa  über  die  Nummer  8  englisch  hinaus,  scheinen  damals
nicht  hergestellt  zu  sein.  —  Bielfach  wurde  auch  die  Nesselsaser
  in  Verbindung  mit  Flachs  und  Hanf  verarbeilet,  mit

welchen  Fasern  sie  auch  die  Gewinnung  teilt.  ·

Versuche,  die  Nesselfaser-Verwerkung  zu  beleben,
sanden  in  Deutschland  im  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderte
  zur  Zeit  der  Kontinentalsperre,  in  den  60iger  Jahren
während  des  Sezessionskrieges  und  serner  Ende  der  70iger
Anfang  der  80iger  Jahre  auf  Veranlassung  der  Nesselkommission
  statt.  Trotz  aller  Mühe  gelang  es  indessen
nicht,  einen  Fortschriklt  gegen  früher  zu  erzielen  und  die

Resselfrage  mußte  daber  auch  damals  allmählich  wieder
einschlasen.  —-t-.l’l  ,.»«,«

Die  Schönheit  der  Nesselfaser,  wie  sie  laboratoriumsmäßig
  sich  herstellen  ließ,  bewog  indessen  immer  aufs  neue
einzelne  Erfinder,  sich  mit  der  Pflanze  zu  beschäftigen,  und
die  Literatur  unserer  Patentschriften  gibt  uns  hierfür  den
Beweis.  1  ,»

Schon  Grothe  haite  hervorgehoben,  daß  die  Hauptschwierigkeit
  darin  bestand,  die  Isolierung  der  Faser  durchzuführen
  und  den  ganzen  Gehalt  an  Fasern  zu  ersassen,
uUnd  er  machte  schon  damals  darauf  aufmerksam,  daß  eine
Lösung  der  Nesselfrage  davon  abbinge,  in  wie  weit  es  gelänge,
  diese  Schwierigkeiten  z  beben.  -

Obgleich  manche  Verfahren,  die  vor  dem  Kriege  bekannt
  geworden  sind,  diesem  Ziel  näher  gekommen  zu  sein
schienen,  gelang  es  noch  nicht,  die  Industrie  für  diese  Faser
soweit  zu  begeistern,  daß  Versuche  im  grohen  durchgeführt
wurden.  Erst  die  Kriegszeit  selbst  brachte  hierin  eine
Aenderung.  Als  allmählich  die  Baumwollvorrate  immer
knapper  wurden  und  sich  die  Notwendigkeit  zeigte,  die  vorhandenen
  Bestände  nach  Möglichkeit  zu  schonen,  erwachte
ein  größeres  Interesse  an  der  Resselfaser.  Mit  deutscher
Gründlichkeit  wurde  das  Problem  aufgenommen  und,  wie
jetzt  gesagt  werden  kann,  mit  Erfolg  durchgeführt.  Mr
sind  heute  in  der  Lage,  und  darauf  beruhen  die  Aussichten
für  die  weitere  Verwertung  der  Nesselfaser.  nicht  nur  die
isolierte  Faser,  sondern  auch  die  Faserer  estlos  zu  gewinnen.
  «  .  5  .sz
Auf  dieser  Basis  ließ  sich  weiter  arbeiten.  Es  galt
nunmehr  in  praktische  Versuche  einzutreten,  die  Resselfaser
bestmöglichst  zu  verwerten.  —  Abweichend  von  anderen
Verfahren  hielt  es  die  Resselfaser-Verwertungsgesellschaft
für  ihre  Pflicht,  mit  Rücksicht  auf  die  Schönheit  und  Güte
der  Einzelfaser,  zunächst  zu  versuchen,  Resselfasern  ohne
Beimischung  anderer  Rohstoffe  zu  vers.inmen.

Da  die  Aufstellung  neuer  Maschinen  während  der

Nur  die  mit  einem  "  bezeichneten  Abschnitte  sind  zum  Abdrucke  freigegeben.

gesellschaft,  Berlin

Kriegszeit  mit  Schwierigkeiten  verbunden  war,  und  weil
andererseits  nach  Möglichkeit  die  vorhandenen  Einrichtungen
  ausgenutzt  werden  sollten,  bieß  es  einen  Weg  zu
finden,  der  mit  diesen  beiden  Ersordernissen  in  Einklang
gebracht  werden  konnte.  z»

Es  ist  selbstverständlich  viel  einsacher,  für  neuc  Fasern
neue  Verarbeilungsmaschinen  zu  konstruieren,  als  Fasern
vorhandenen  Betrieben  anzupassen.  Aber  auch  dileser
Schwierigkeit  ist  man  Herr  geworden,  und  während  es  noch
vor  einem  halben  Jahre  einen  besonderen  Ersolg  bedeutete,
16er  englisch  und  20iger  englisch  Garn  rein  aus  Resselfasern
  berzustellen.  st  es  jetzt  gelungen  EDiger  engl.  Garn
im  großen  zu  fabrizieren  und  die  seineren  Nummern  (bis
100er  engl.)  befinden  sich  auf  den  Maschinen.  DHiermit  eröffnet
  sich  nalürlich  für  die  Verwerkung  der  Resselfaser  eine
ganz  andere  Perspektive.  Wir  sind  jetzt  in  der  Lage,  die
Faser  ihrem  Wert  entsprechend  zu  verarbeiten,  und  während
  man  früher  nur  erwartete,  ein  Material  zu  erhalten,
daß  zur  Not  als  Ersatz  für  Baumwolle  dienen
konnte,  kann  man  behaupten,  mit  der  Resselfaser
ein  Matersal  gefunden  zu  baben,  das  noch  hochwertiger
  ist,  als  die  seine  ägyptische  (9  *xr  Baumwolle.
  Durch  diese  Verarbeitung  zu  feinm  und  seinstem
Garn  ist  natürlich  auch  die  Möglichkeit  gegeben,  den  Verwendungskreis
  wesentlich  weiter  zu  erstrecken.  Nicht  nur
Militärköpver  und  grobe  Gewebe,  sondern  auch  Trikotagen
und  Strümpfe  jeder  Art,  Luxusartitel  wie  Florgewebe  und
Batiste  und  sogar  Flugzeugssosse  können  nunmehr  ohne
Schwierigkeit  aus  der  Resselfaser  hergestellt  werden.  Ze
edler  die  Faser,  je  seiner  das  Garn,  das  daraus  hergestellte
se  wertvoller  die  Gewebe,  die  sich  wiederum  aus  den
Garnen  fertigen  lassen,  um  so  kostbarer  ist  natürlich  auch
die  Faler  und  ein  um  so  höherer  Preis  kann  für  sie  angelegt
werden.  "

Schon  bierin  beruht  die  Konkurrenzfähigkeit  der  Resselfaser,
  wenn  es  gelingt,  sie  zu  einem  Preis  zu  gewinnen,  der
ihrem  Werte  emspricht.  )  .  ·.

Es  ist  nun  selbstredend,  daß  während  des  Krieges
nicht  an  einen  Preis  gedacht  werden  kann,  der  dem  Friedenspreis

  der  Baumwolle  gleichkommt,  da  die  Arbeitsmethode

  während  des  Krieges  durch  böhere  Preise  für
Kohle,  Themikalien  und  Arbestskräfte  von  selbst  verteuert
wird.  Dennoch  läßt  sich  bei  Zugrundelegung  normaler
Verhältnisfe  jetzt  schon  sagen,  daß  die  Nesselsaser  nach
Friedensschluß  zu  einem  Preise  geliesert  werden  kann,
welcher  nicht  nur  ihrer  Güte  entspricht,  sondern  vor  allem
eine  Konkurrenz  mit  der  Baumwolle  ermöglicht.  Diese  Tatsache

  ist  auch  der  Grund  gewesen,  weshalb  die  ursprünglich

  mit  einem  kleinen  Kapital  gegründete  Nessel-  Anbau-·
  SW.  68,  Schützenstraße  65/66,  nunmehr
  ihr  Kapital  auf  5  000.000  Mark  erhöht  hat  und  aus
dem  gleichen  Grunde  wird  jetzt  der  Anbau  des  ehemaligen
Ankrauts,  der  Brennessel,  im  großen  vorgenommen.
Es  ist  indessen  klar,  daß  große  Anbauflächen,  wie  sie
zur  Gewinnung  einer  in  die  Wagschale  fallenden  Menge

Nesselfasern  notwendig  sind,  nicht  von  heute  auf  morgen
geschaffen  werden  können,  einstweilen  muß  daher  die

Sammlung  der  wildwachsenden  Ressel  noch  fortgesetzt
werden.  Gerade  aber  die  Möglichkeit,  in  der  Nesselfaler