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        <title>Ich suche die Wahrheit!</title>
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            <forname>Wilhelm von</forname>
            <surname>Preußen</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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          <msIdentifier>
            <idno>kronprinz_wahrheit_1925</idno>
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        ch  suche
die  Wohrheit!

WVILHELM

Kronpri  nz
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        Ich  suche  die  Wahrheit!
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        Ich  suche  die  Wahrheit!

Ein  Buch  zur  Kriegsschuldfrage

Von

Wilhelm

Kronprinz

 

 

 

 

J.  G.  Cokta'sche  Buchhandlung  Nachfolger
Stutktgartk  und  Berlin
        <pb n="8" />
        7.—30.  Tausend  «

Alle  Rechte,  insbesondere  das  Übersetzungsrecht,
vorbehalten  /  Für  die  Vereinigten  Staaten  von
Amerika:  Copyrightigas,by  J.  G.  Cotta'sche  Buchhandlung
  Nachfolger,  Stuttgartund  Berlin
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        Inhalt

Vorwortkt  .........  ...
Einleitung:  Der  Begeif-  der  e  im  von

Versailles  .  .  7
Erster  Teil:  Heucschende  Fredenopoliise  vom  Frane.
furker  Frieden  bis  zur  Thronbesteiguns  !ê••  Wilhelms
  II.  23
Erstes  Kapitel:  Die  Enser  r  und  der  —6
von  Frankfurt  ....  25
Zweites  ite  Husschlande  r  s  bie
1888.  .  51
Drittes  Lapitel.  di  deussche  Kolentalpolti  und  die
Krisen  in  den  Jahren  1885—37  .  63
Zweiter  Teil:  Deutschlands  Friedenspolitik  von  der
Thronbesteigung  Kaiser  Bilhelm-  II.  bis  zum  Jobet
1904  .......  .  .121
Viertes  Kapitel:  relhund.—Zwestund—  Schumonolelr  123
Eünfkes  Kapitel:  Weltpolitik.  ...  .159
Sechstes  Kapitel:  Deulschlande  Friedenspolick  im  Burenkriege
  .............  190
GSiebentes  Kapitel:  Waertrüsten  .....  217
Dritter  Teil:  Die  Einkreisung  251

Achtes  Kapitel:  Dreibund  und  Dreiverband
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        VI  Inhalt

Neuntes  Kapitel:  Die  zweite  Haager  Friedenskonferenz

—  Die  bosnische  Krise  —  Agadir.  33636
Zehntes  Kapitel:  Poincaré  und  Jswolskj  311
Elftes  Kapitel:  Der  Mord  von  Serajewo  —  Die  Etplo

sion  der  Pulverfässer  .  354
Zwoͤlftes  Kapitel:  Die  Auferstehung  der  Wobrhen.  392
        <pb n="11" />
        Vorwork

Ni  die  Einsamkeit  der  nebelumgrauten  Nordseeinsel,
  nicht  die  Trennung  von  Heimat  und  Familie,
nicht  das  Gefühl  der  Tiefe  unseres  Sturzes  lasteten  während
  der  fünf  mir  endlos  erscheinenden  Jahre,  die  ich  in
Wieringen  zubrachte,  am  schwersten  auf  meiner  Seele,
sondern  das  Bewußtsein,  daß  mir  alle  Wege,  die  mich  zu
einer  für  mein  Vaterland  ersprießlichen  Arbeit  führen
konnten,  verschlossen  waren.  Die  Hiobsbotschaften  aus
der  Heimat  trafen  mich  deshalb  viel  schwerer  als  Millionen
  von  anderen  Deutschen,  weil  ich  meinem  niedergeworfenen
  Vaterlande  auch  nicht  den  bescheidensten  Dienst
leisten  konnte.  Ich  sann  darüber  nach,  ob  es  nicht  irgend
eine  Möglichkeit  gäbe,  mich  aus  dem  unerkräglichen  Zustande
  dieser  Ohnmacht  zu  befreien.  Diese  Möglichkeit
glaubte  ich  gefunden  zu  haben,  als  ich  im  Juni  1919  in
der  im  Namen  der  verbündeten  Regierungen  von  Clémenceau
  an  den  Grafen  Brockdorff-Rantzan  gerichteten  sogenannten
  Mantelnote  zum  erstenmal  in  einem  amtlichen
Aktenstück  zusammengefaßt,  die  unerhörten  Lügen  las,
mit  denen  schon  gleich  nach  Beginn  des  Krieges  die  feindliche
  Propaganda  die  ganze  Welt  gegen  uns  empört  hatte.
Die  zur  Erläuterung  des  Artikels  231  des  Vertrages  von
Versailles  in  diese  Mantelnote  aufgenommenen  Worte,

Kronprinz  Wilhelm,  Ich  suche  d.  W.  1
1
        <pb n="12" />
        durch  die  die  Eimwendungen  der  deutschen  Friedensdelegakion
  gegen  diesen  Arkikel  widerlegk  werden  sollten  —
ohne  daß  auch  nur  der  Versuch  gemachk  wurde,  diese
Widerlegung  durch  irgend  einen  Beweis  zu  begründen  —,
enkhielken  nach  der  JIeinung  unserer  Feinde  die  Rechkfertigung
  für  das  von  den  Anklägern  selbst  verfaßte
Strafurkeil,  als  das  dieser  VBerkrag  der  Welk  erscheinen
sollte.  Wenn  die  in  dieser  Mankelnoke  enkhaltenen  Lügen
über  Deukschlands  Schuld  am  Kriege  als  solche  erwiesen
werden  konnken,  so  wurde  diesem  Verkrag  die  moralische
Grundlage  enkzogen.  Er  wurde  aus  einem  Skrafurkeil
zu  einem  Gewalkakk  und  unkerschied  sich  durch  nichts  von
anderen  „Friedens“-Verkrägen  als  durch  die  beispiellose
Härke  seiner  Bedingungen.  Er  beruhre  dann  auf  keinem
anderen  Rechk  mehr  als  auf  dem  des  Siegers.  Diese  Anklage
  mußke  dann  aller  Welk  als  das  Brennusschwerk  erscheinen,
  das  Clémenceau  wie  einst  der  Gallierkönig  mit
dem  höhnischen  Rufe  =  Vae  victise  in  die  Wagschale  geworfen
  hakte.

Als  Oberbefehlshaber  der  fünften  Armee  und  der  Heeresgruppe
  Deutscher  Kronprinz  habe  ich  schon  während
des  Krieges  erkennen  müssen,  daß  die  Verleumdungen  und
Haßausbrüche,  die  sich  bis  zu  unserer  Waffenstreckung
nur  gegen  meinen  Vaker  und  seine  verantworklichen  Rakgeber
  richkeken,  nachdem  sie  im  Ausland,  in  der  Heimak
und  an  der  Fronk  ihre  verhängnisvollen  Wirkungen
ausgeübk  hakten,  nun  auch  auf  das  ganze  deutsche  Volk
ausgedehnk  werden  würden.  Der  Verkrag  von  Versailles
  hak  diese  Annahme  bestätigk,  und  die  Mankel-2
        <pb n="13" />
        note  hat  ausdrücklich  das  ganze  deutsche  Volk  schuldig
gesprochen.

Unter  dem  Eindruck  dieses  Schriftstückes,  für  das  es  in
der  Geschichte  der  Friedensverkräge  kein  Beispiel  gibs,
schien  sich  mir  die  Möglichkeik,  nach  der  ich  so  lange  gesuchk
  hatte,  endlich  zu  eröffnen.  Ich  faßke  den  Entschluß,
nach  meinen  Kräfken  an  der  Zerstörung  der  Schuldlüge
mitzuarbeiten,  die  aus  einer  Lüge  gegen  die  Ehre  meines
Haufes  zu  einer  Verleumdung  des  ganzen  deutschen  Volkes
  und  Vakerlandes  geworden  war.

In  der  Einsamkeit  von  Wieringen  konnke  diese  Absicht
  aber  nur  unker  den  größten  Schwierigkeiken  ausgeführk
  werden.  Das  an  mich  dorkhin  gelangende  Matkerial
war  zu  lückenhaft,  und  wäre  es  mir  auch  reichlicher  zugeflossen,
  so  hätte  ich  doch  Bedenken  gekragen,  damals  vor
der  Offentlichkeit  aus  ihm  die  notwendigen  Schlüsse  zu
ziehen,  weil  ich  sah,  wie  Monat  für  Monat  neues  Be—-weismakerial
  bekannk  wurde,  das  unenkbehrlich  war,  um
die  große  Welk  mit  der  Überzeugung  zu  durchdringen,
an  deren  Richkigkeik  ich  selbst  nie  gezweifelk  hakte.

Jetzk  aber,  nach  der  Veröffenklichung  der  vier  ersten
Serien  der  Akten  des  Auswärtigen  Amkes  und  besonders
des  Briefwechsels  Iswolskis,  des  russischen  Bocschafters
in  Paris,  und  der  anderen  Dokumenke  aus  den  russischen
und  österreichischen  Archiven,  scheink  mir  der  Augenblick
gekommen,  meinen  Entschluß  zur  Ausführung  zu  bringen.
Denn  auf  Grund  des  jetzt  vorliegenden  Makerials  läßt
sich  schon  heule  das  beweisen,  was  zu  beweisen  nölig  ist,
um  dem  Verkrag  von  Versailles  die  moralische  Rechtferki-3
        <pb n="14" />
        gung  zu  entziehen,  auf  die  allein  ihn  Deutschlands  Feinde
gegründek  haben.  Es  läßt  sich  beweisen,  daß  die  Behauptung
  der  Mantelnote  vom  16.  Juni  1919  eine  bewußte
Unwahrheit  ist.

Keinen  anderen  Zweck  hat  dieses  Buch.

Ich  bin  mir,  indem  ich  es  in  die  Welt  hinausgehen
lasse,  wohl  bewußt,  daß  es  manchen  als  eine  oratio  pro
domo  im  wahrsten  Sinne  des  Wortes  erscheinen  wird.
Ihnen  allen  möchte  ich  versichern,  daß  die  Welkabgeschiedenheit,
  in  der  ich  fünf  Jahre  lebke,  zu  selbstquälerischem
Nachdenken  über  die  Ursachen,  die  sie  herbeigeführk  haben,
gebiekerisch  zwang,  und  darum  objektive  Bekrachtungen
reisen  mußten.  Niemand  kann  zwar  die  Ungerechtigkeit
des  Hasses  gegen  den  Kaiser  kiefer  empfinden  als  ich,  weil
dieser  Haß  seinen  Grund  in  jener  verleumderisch  über  die
ganze  Welt  verbreiteken  Uberzeugung  hat,  daß  mein
Vaker  den  Krieg  gewollk  und  herbeigeführk  habe,  während
  ich  doch  fast  käglich  Zeuge  davon  war,  daß  keine
Sorge  so  schwer  auf  seinem  Herzen  lasteke,  wie  die  um
die  Erhalkung  des  Friedens.  Aber  das  Bewußksein  von
der  Ungerechtigkeit  dieses  Hasses  hak  mich  niemals  dagegen
  blind  gemachk,  daß  menschliches  Irren  das  aus  reinsten
  Absichken  und  oft  aus  kiefster  Gewissensnok  quellende
Wollen  meines  Vatkers  nicht  selken  in  unrichkige  Bahnen
gelenkt  hak,  und  daß  auch  seine  Rakgeber,  wenn  auch  in
bester  Absicht,  verhängnisvolle  Fehler  begangen  haben.

Schon  in  meinen  „Erinnerungen“  habe  ich  aus  dieser
meiner  Auffassung  kein  Hehl  gemachk.

Es  kann  deshalb  nicht  meine  Absichk  sein,  den  Rach-
        <pb n="15" />
        weis  der  Richtigkeit  der  deutschen  Politik  während  der
Regierung  meines  Vaters  zu  führen.  Mit  der  Richtigkeit
  der  Polikik  eines  Skaakes  hak  die  Schuld  im  Sinne
des  Verkrages  von  Versailles  überhaupk  nichks  zu  kun.
Im  Machtkampf  der  Völker  entscheidek  letzten  Endes
über  die  Richkigkeik  der  diplomatischen  und  milikärischen
Mittel  und  Maßregeln  nur  der  Erfolg.  Mit  dem,  was
ich  als  Fehler  der  deutschen  Politik  ansehe,  werde  ich
mich  deshalb  in  diesem  Buche  nur  insofern  beschäftigen,
als  die  gegen  uns  verbündeten  Feinde  diesen  Fehlern  das
Brandmal  des  Verbrechens  aufzuprägen  versucht  haben.

Nun  hat  freilich  die  Schuldfrage  eine  kaum  mehr  zu
übersehende  Literatur  in  allen  Sprachen  gezeitigt,  und
es  haben  sich  in  Deutschland  die  hervorragendsten  Gelehrken
  und  viele  berufene  und  unberufene  Federn  mit
ihr  beschäftigk.  Es  darf  deshalb  von  diesem  Buche  nicht
erwarkek  werden,  daß  es,  abgesehen  von  einigen  ganz  persönlichen
  Erfahrungen,  den  zünftigen  Historikern,  die  diese
Likerakur  kennen,  allzuviel  Neues  sagen  wird.  Trotzdem
glaube  ich,  meinem  Vakerlande  mit  diesem  Buch  einen
Dienst  leisten  zu  können,  weil  die  Kriegsschuldfrage  zu
den  Fragen  gehörk,  deren  praktische  Lösung  zwar  durch
die  wissenschaftliche  Forschung  vorbereitek  werden
mus,  aber  nichk  herbeigeführk  werden  kann,  denn  sie
ist  eine  im  weikesten  Sinne  politische  Frage  von  größker
Bedentung.  Als  politische  Frage  wird  sie  erst  praktisch
gelöst  werden,  wenn  die  Wahrheir  nichk  nur  wissenschaftlich
  erforscht  und  begründek,  sondern  auch  in  der  ganzen
Welk  verbreikek  ist.
        <pb n="16" />
        Das  Schicksal  hatte  meine  Wiege  an  die  Stufen  des
deutschen  Kaiserthrones  gestellt.  Deutschland  ist  heute  eine
Republik,  aber  auch  ich  habe  wie  jeder  andere  Deutsche
nicht  nur  das  Recht,  sondern  halte  es  geradezu  für  meine
Pflicht,  meine  Stimme  zu  erheben,  um  der  Wahrheit
zum  Siege  zu  verhelfen.  Nur  sie  allein  suche  ich,  und  zur
Verbreikung  der  gefundenen  Wahrheit  beizutragen,  ist
die  Absicht  dieses  Buches.  Ich  will  sie  unker  der  Flagge
meines  Namens  in  die  Welkschicken,  weil  sie  unker  ihr  vielleicht
  in  weikere  Kreise  dringk,  als  unker  der  Flagge  der
deutschen  Forschung.

Illögen  die  Blätker  dieses  Buches  das  Licht  der  Wahrheit
  in  Länder,  Städke  und  Häufer  kragen,  die  dem  schweren
  Streikwagen  der  Wissenschaft  ihre  Tore  verschließen.
Wenn  sie  das  kun,  so  ist  ihr  Zweck  erfüllt.

Oels,  im  Frühjahr  1925.
Wilhelm
        <pb n="17" />
        Einleitung

Der  Begriff  der  Schuld  im  Vertrag  von  Versailles

ie  Erklärung,  die  in  anderen  Staatsverträgen,  die

Kriege  beenden,  in  feierliche  Worte  gekleidet,  an  der
Spitze  zu  stehen,  die  den  Inhalk  der  sogenannken  Präambel
  zu  bilden  pflegk  und  in  der  gesagk  wird,  aus  welchem
  Grunde  die  Sieger  den  Besiegken  die  Bedingungen
auferlegen,  deren  Erfüllung  sie  für  die  Gewährung  des
Friedens  verlangen,  die  Erklärung  also,  die  den  ganzen
Verkrag  moralisch  rechkfertigen  soll,  findek  man  im  Verkrage
  von  Versailles  in  dem  Abschnikt  verborgen,  der  von
den  Entschädigungen  handelk.  Den  Grundstein  dieses
Baues,  der  doch  für  die  Ewigkeik  errichkek  werden  sollke,
haben  die  Bauherren  nichk  mit  drei  Hammerschlägen  und
weikhin  hallenden  Weiaheikssprüchen  in  die  Erde  gesenkk,
wie  es  Banherrn  kun,  die  stolz  auf  den  Plan  ihrer  Schöpfung
  sind,  sondern  sie  haben  ihn  in  aller  Heimlichkeik  in
die  zweihunderkeinunddreißigste  Zelle  ihrer  Fronfeste  vermauert,
  als  ob  sie  sich  seiner  schämken.

Was  in  dem  Artikel  231  des  Verkrags  von  Versailles
als  Grund  für  die  Forderung  der  von  Deuktschland  zu
zahlenden  Enkschädigung  bezeichnek  wird,  das  ist,  wie
Lloyd  George  in  der  Londoner  Konferenz  vom  Jahre
192a1  im  Namen  aller  Signakarmächke  erklärk  hat,  der

7
        <pb n="18" />
        Grund  und  der  Unkerbau  für  den  Gesamkinhalk  des  Verkrages.
  Wird  erwiesen,  daß  dieser  Unkerbau  morsch  ist,
so  stürzk  mit  ihm  —  so  ist  die  Ansicht  derer,  die  diesen  Bau
ersonnen  haben  —  das  ganze  Gebäude  zusammen.

Darum  mußte  jedermann  erwarken,  daß  diese  Erklärung,
  ohne  deren  erwiesene  Richkigkeit  ein  solcher  Verkrag
  nach  der  eigenen  Ansichk  seiner  Schöpfer  unmöglich
gewesen  wäre,  an  die  Spitze  sämtlicher  Bedingungen  gestellt
  werden  würde.  Wenn  das  nichk  geschah,  so  muß  ein
besonderer  Grund  dafür  vorhanden  gewesen  sein,  sie  zu
verstecken.  Der  Grund  kann  kein  anderer  sein  als  das
schlechte  Gewissen  der  M#änner,  die  sie  ersonnen  hakken.

Der  Präsidenk  der  Vereinigken  Skaaken  und  die  drei
Ministerpräsidenken,  die  im  Frühjahr  des  Jahres  1919
diesen  Verkrag  schufen,  der  schon  äußerlich  dadurch  seines
Verkragscharakkers  beraubk  und  als  Dikkak  gekennzeichnek
  wurde,  daß  man  auf  sein  Titelblakt  das  Work  „Friedensbedingungen“"
  schrieb,  waren  sich  bewußk,  daß  sie  ekwas
ersinden  mußten,  um  ihr  Werk  zu  rechkferkigen.  Es  ist  begreiflich,
  daß  sie  die  Unwahrheit  nicht  als  weikhin  strahlende
  Inschrifk  in  die  Fronk  meißelken.  Sie  haben  sie  in
vier  harmlos  erscheinende  Worke,  in  die  Worke:  „pour
les  avoir  causés-,  die  in  der  amtlichen  deukschen  Ubersetzung
  mit  den  Worken  „als  Urheber"  wiedergegeben
sind,  gekleidet.  Mit  diesen  vier  Worten,  die  ein  unbewiesenes
  Urteil  aussprachen,  glaubten  sie  die  Zerstücke—
lung,  die  Enkrechkung,  die  Enkmannung  und  die  wirkschaftliche
  Fersklavung  eines  großen  Volkes  rechkferligen
zu  können.

8
        <pb n="19" />
        Da  die  Widerlegung  dieser  Worte  den  Gegenstand
dieses  Buches  bildet,  sollen  sie,  obwohl  sie  jedem  Deutschen
  ins  Herz  gebrannt  sind,  in  ihrem  Zusammenhang
hier  abgedruckt  werden:

„Die  allüerken  und  afsoziierken  Regierungen  erklären,
und  Deutschland  erkennk  an,  daß  Deutschland  und  seine
Verbündeten  als  Urheber  (pour  les  avoir  causés,  for  causing)
  für  alle  Verluste  und  Schäden  verantwortlich  sind,
die  die  allüerken  und  afsoziierken  Regierungen  und  ihre
Skaatsangehörigen  infolge  des  Krieges,  der  ihnen  durch
den  Angriff  Deukschlands  und  seiner  Verbündeken  aufgezwungen
  wurde,  erliklen  haben.“

Dieser  Arkikel  behaupkek  also  erstens,  daß  Deutschland
für  die  Schäden,  welche  die  assozüerken  und  allüerken  Regierungen
  im  Kriege  erlikten  haben,  deshalb  verankworklich
  sei,  weil  Deutschland  sie  verursacht  habe.  Zweitens,
daß  Deutschland  und  seine  Verbündeken  durch  ihren  Angriff
  den  allüerken  und  assozüerken  Regierungen  den  Krieg
aufgezwungen  haben.

Ich  möchke  hier  gleich  einschalken,  daß  die  zweite  dieser
  beiden  Behauptungen,  selbst  wenn  man  annimmk,
daß  die  deukschen  Kriegserklärungen  keine  Verkeidigungsmaßregeln
  waren,  deshalb  falsch  ist,  weil  sie  höchstens  auf
zwei  von  den  Signakarmächken  zukriffk.

Deutschland  hak  keiner  anderen  Machk  den  Krieg  erklärk
  als  Frankreich  und  Rußland.  Die  gegen  uns  am
4.  August  rg#4  ausgesprochene  Kriegserklärung  Englands
  kann  man  vielleicht  noch,  immer  unker  der  Vorausletzung,
  daß  diese  beiden  Kriegserklärungen  und  der  Ein-9
        <pb n="20" />
        marsch  in  Belgien  keine  Verkeidigungsmaßregeln  waren,
wenigstens  als  miktelbar  erzwungen  bekrachten,  weil  die
englische  Regierung  im  Gegensatz  zu  der  am  10.  August
1870  im  Unkerhause  von  Gladstone  gehalkenen  Reden  sich
angeblich  durch  den  Neuktralitätsverkrag  von  1839  für
verpflichtek  hielk,  zum  Schutze  Belgiens  in  den  Krieg  einzukreken,
  und  die  Verletzung  dieses  Verkrages  als  Grund
für  ihre  Kriegserklärung  bezeichnek  hak.  Aber  welcher
Angriff  Deutschlands  und  seiner  Verbündeken  hak  denn
den  anderen  allüerken  Regierungen  und  den  Vereinigken
Stkaaken  den  Krieg  aufgezwungen?  Welcher  deutsche  oder
österreichische  Angriff  hak  unseren  ehemaligen  Bundesgenossen,
  Jkalien  und  Rumänien,  den  Krieg  aufgezwungen,

 

1)  Beim  Ausbruch  des  deutsch-französischen  Krieges  von  1870  hielc
die  englische  Regierung  die  Verletzung  der  belgischen  Neutralicäé  für
möglich.  Gladstone  wollte  die  Gefahr,  daß  England  durch  den  Einrict
dieser  Möglichkeit  in  den  Krieg  hineingezogen  werden  könnte,  soolel  in
seinen  Kräften  stand,  ausschalten.  Er  schloß  deshalb  mie  dem  Norddeutschen
  Bund  und  mit  Frankreich  Verträge  ab,  durch  die  England
sich  im  Fall  der  Verletzung  der  belgischen  Neutralltät  durch  einen  der
Kriegführenden  die  Hilfe  des  anderen  Kriegführenden  zum  Schutze  der
belgischen  Neutralitäé  sicherke.  Diese  Verträge  sollken  den  Krieg  noch
um  zwölf  Monate  überdauern.  Dann  sollie  der  Bürgschafktsvertrag  von
1839  wieder  die  belgische  Neutralität  gewährleisten.

Wegen  dieser  Verträge  wurde  Gladstone  im  Unkerhaus  heftig  angegriffen.
  Es  wurde  ihm  vom  Abgeordneten  Osborne  sogar  vorgeworfen,
daß  der  Vertrag  von  1839  sich  nie  von  dem  Schlage  erholen  würde,
den  ihm  Gladstone  dadurch  versetzt  habe,  daß  er  ihn  für  ergänzungsbedürfeig
  erklärte.  Darauf  antworkete  Gladstone  unter  anderem  wörctlich
  folgendes:  „Ich  gebe  zu,  die  Vertragsverpflichtung  liegt  vor.  Es
ist  niche  nöcig,  und  die  Zeit  würde  es  mir  nicht  erlauben,  in  die  verwickelte
  Frage  nach  der  Narur  der  Verpflichtung  dieses  Vertrages  einzutrelen,
  aber  ich  vermag  niche  der  Lehre  derer  beizustimmen,  die  in

10
        <pb n="21" />
        welche  Bedrohung  von  deutscher  Seite  Amerika  drei
Jahre  nach  dem  Kriegsausbruch  zur  Kriegserklärung  genötigt,
  welcher  Angriff  Deutschlands  die  südamerikani—
schen  Staaten,  Japan,  China,  Portugal  und  sogar  die
Republik  Liberia  gezwungen,  in  den  Krieg  einzutreten?
Alle  diese  Staaten  gehören  aber  zu  den  Signakarmächken
  des  Vertrags  von  Versailles.  Und  schon  aus  diesem
Grunde  enkhälk  diese  zweile  Behaupkung  des  Arkikels  237
eine  aller  Welk  offenbare,  den  Taksachen  ins  Gesiche  schlagende
  Umwahrheik.  Doch  das  nur  nebenbei.

In  welchem  Sinne  wird  nun  in  diesen  beiden  Behaupkungen
  Deutschland  die  Schuld  an  der  Enxrfesselung  des
Krieges  zugeschrieben?  Diese  Frage  ist  aus  dem  Wort- 



diesem  Hause  die  Behaupüung  vertreten  haben,  daß  die  einfache  Taksache
  des  Vorliegens  einer  Bürgschaft  jeden  Teilnehmer  an  ihr  zum
Eingreifen  verpflichte,  völlig  ohne  Rücksicht  auf  die  besondere  Lage,  in
der  er  sich  in  dem  Zeitpunkt  befinden  mag,  in  dem  der  Anlaß,  der  Bürgschafe
  gemäß  zu  handeln,  ein  #ritt.  Die  großen  Autoritäten  auf  dem  Gebiet
  der  auswärtigen  Policik,  auf  die  ich  zu  hören  gewöhnt  bin,  wie
Lord  Aberdeen  und  Lord  Palmerfton,  haben  meines  Wissens  niemals
diese  starre  und,  wenn  ich  so  sagen  darf,  unprakeische  Ansicht  von  der
Börgschaft  gehabt.“

Damit  erklärte  also  Gladstone,  daß  der  Bürgschafesvertrag  von  1839
keinem  seiner  Unterzeichner  eine  absolure  Verpflichtung  auferlege,  sondern
  das  bewaffnete  Einkreten  gegen  den  Verletzer  des  Vertrages  ganz
allein  von  der  besonderen  Lage  abhinge,  in  der  sich  der  Garant  zur  Zeit
der  Vertragsverletzung  befinde.  Gerade  mit  Berufung  auf  diese  Außerung
  Gladstones  vertrat  Lord  Grey  in  seiner  Rede  vom  3.  August  1914
den  Eintritt  Englands  in  den  Krieg.  Die  besondere  Lage  Englands,  so
meinte  er,  erfordere  die  Kriegserklärung.

Gerade  durch  die  Berufung  auf  Gladstone  gab  er  aber,  ohne  es  zu
wollen,  zu,  daß  sie  durch  den  Vertrag  von  1839  völkerrechtlich  nicht  erzwungen
  war.

L
        <pb n="22" />
        laut  des  Artikels  a31  heraus  nichk  erschöpfend  zu  beankworken.
  Und  in  der  Tat  hat  noch  vor  kurzem  eine  pazi—
fistische  Zeitschrift,  den  Spuren  des  ehemaligen  Reichsministers
  Dr.  Köster:  folgend,  behaupkek,  daß  der  Arkikel
  2u  gegen  Deutschland  und  seine  Verbündeken  garnicht
  den  Vorwurf  erhebe,  die  Schuld  am  Kriege  zu  kragen,
  sondern  nur  zum  Ausdruck  bringe,  daß  es  ihn  erklärt
und  veranlaßk  habe,  und  daß  Deutschland,  auch  wenn
dieser  Arkikel  nicht  gestrichen  würde,  ohne  seiner  Ehre  und
seiner  Würde  ekwas  zu  vergeben,  bedenkenlos  in  den
Völkerbund  einkreken  könnke.  Eine  solche  Auslegung  ließe
sich  selbst  dann  nichk  rechkfertigen,  wenn  über  den  Sinn
des  Arkikels  nur  sein  Worklauk  entscheiden  könnke.  Denn
wer  einen  Krieg  erzwingk,  verschuldek  ihn  auch.  Aber  es
handell  sich  garnichk  um  das,  was  der  Artikel  sagt,  sondern
  um  das,  was  er  nach  der  Ansicht  seiner  Verfasser
sagen  sollte,  was  das  deutsche  Volk,  als  es  seinen  Inhalt
  erfuhr,  die  deuksche  Volksvertrekung,  als  sie  über
ihn  verhandelke,  und  die  deulschen  Bevollmächtigken,  als
sieihn  unkerzeichneken,  in  ihm  erblickken  und  was  die  ganze

 

1)  Die  „Menschheie“  vom  3.  November  1924.

a)  Dr.  Köster  hat  in  der  unter  dem  Titcel  „Deutschland  und  die
Schuldfrage“  von  Dr.  Wilhelm  Ziegler  im  Verlag  für  Policik  und  Wirtschaft
  berausgegebenen  Aufsatzsammlung  den  Versuch  gemacht,  nachzuweisen,
  daß  durch  den  Arcikel  231  nur  die  zivilrechtliche  Entschädigungspfliche
  sestgestelle  werden  sollte.  Dr.  Eugen  Fischer,  Sekretär  im  parlamentarischen
  Untersuchungsausschuß,  hat  ihn  in  seiner  Schrife  „Kriegsschuldfrage
  und  Außenpolitik“  durch  den  Hinweis  darauf  widerlegt,  daß
die  zioilrecheliche  Ersaszfliche  ja  allen  am  Kriege  beteiligten  Staaken,
die  Schäden  verursacht  haben,  hätte  auferlegt  werden  müssen.

12
        <pb n="23" />
        Welt  aus  ihm  herausgelesen  hat  und  herauslesen  sollte.
Es  kann  nun  aber  kein  Zweifel  darüber  bestehen,  daß  es
die  Absichk  der  assoziierken  und  alliierken  JMächte  war,
durch  diesen  Arkikel  Deutschland  der  vorbedachten
und  vorbereikeken  Herbeiführung  des  Welkkrieges
zu  beschuldigen,  und  daß  das  deutsche  Volk,  die  deutsche
Regierung  und  ihre  Bevollmächkigken  und  die  ganze
Welk  diese  Anklage  im  Arkikel  231  ausgesprochen  sahen.
Schon  in  der  Rede,  mik  der  Graf  Brockdorff-Rantzan
kapfer  und  freimütig  die  Ansprache  beankworkeke,  die  Clémenceau
  bei  der  Überreichung  der  Friedensbedingungen
bielk,  erhob  er  Einspruch  dagegen,  daß  von  Deutschland
verlangk  würde,  es  solle  sich  dazu  bekennen,  allein  am
Ausbruch  des  Krieges  schuldig  zu  sein.  Er  sagke:  „Es
wird  von  uns  verlangk,  daß  wir  uns  als  die  allein  Schuldigen
  am  Kriege  bekennen.  Ein  solches  Bekennknis  wäre
in  meinem  Munde  eine  Lüge.“  In  der  Noke  vom  13.  Mai
erhob  er  von  neuem  Einspruch  gegen  den  Artikel  231,  indem
  er  den  grundlegenden  Gedanken  des  Verkrages,
die  Enkschädigungspflicht  durch  die  Alleinschuld  Deutschlands
  am  Kriege  zu  begründen,  zurückwies.  „Das  deutsche
Volk“,  so  wird  in  dieser  Noke  gesagk,  „hak  den  Krieg
niemals  gewollt  und  würde  einen  Angriffskrieg  niemals
unkernommen  haben.  Im  Bewußtsein  des  deutschen  Volkes
  ist  dieser  Krieg  steks  ein  Verkeidigungskrieg  gewesen.
Auch  die  Auffassung  der  allüerken  und  assoziierken  Regierungen,
  wer  als  Urheber  des  Krieges  zu  beschuldigen
ist,  wird  von  den  deutschen  Delegierken  nichk  gekeilk.  Sie
vermögen  der  früheren  deutschen  Regierung  nichk  die

13
        <pb n="24" />
        alleinige  und  hauptsächliche  Schuld  an  diesem  Kriege  zuzusprechen.
  In  dem  vorgelegten  Entwurf  eines  Friedensvertrages
  findet  sich  nichts,  was  jene  Auffassung  kaksächlich
  begründek,  keinerlei  Beweise  werden  für  sie  beigebracht.
  Die  deutschen  Delegierken  bikken  deshalb  um  die
Mibteilung  des  Berichks  der  von  den  allüerken  und  afsoziierken
  Regierungen  eingesetzten  Kommission  zur  Prüfung
der  Verantworklichkeit  der  Urheber  des  Krieges.“

Darauf  ankworkete  Clémenceau,  daß  schon  in  der  Noke
Lansings  vom  5.  November  1918,  auf  die  sich  die  deutschen
  Delegierken  als  auf  die  Grundlage  der  die  Bedingungen
  des  Waffenstillstandes  und  des  Friedens  in  großen
Umrissen  festlegenden  Urkunde  berufen  hakten,  von  den
durch  den  Angriff  Deutschlands  zu  Lande,  zu  Wasser
und  in  der  Lufk  verursachken  Schäden  die  Rede  sei.  Da
Deutschland  gegen  diesen  Ausdruck  nicht  Berwahrung
eingelegt  habe,  habe  es  stillschweigend  anerkannk,  daß  es
der  Angreifer  gewesen  sei.  Den  Hinweis  der  deutschen
Note  auf  den  Mangel  jeden  Beweises  für  die  Alleinschuld
  Deutschlands  am  Kriege  ließ  er  überhaupk  unbeachkek,
  und  die  an  ihn  geknüpfte  Bitke  um  Kennknisgabe
des  Berichks  der  zur  Prüfung  der  Schuldfrage  eingesetzken
  Kommission  lehnke  er  ab.

Gehk  aus  der  Rede  des  Grafen  Brockdorff-Rantzau  und
dem  angeführken  Nokenwechsel  zwar  hervor,  daß  die
deulschen  Delegierken  in  dem  Artikel  231  den  Vorwurf
erblickken,  daß  Deutschland  allein  den  Krieg  verschuldek
  habe,  so  hätken  diese  Kundgebungen  wohl  noch  klarer
die  Ansichk  der  Feindmächke  zum  Ausdruck  bringen  müs-14
        <pb n="25" />
        sen,  daß  die  deutsche  Regierung  den  Krieg  absichtlich
herbeigeführt  habe.

Daß  aber  der  Artikel  231  diese  Anschuldigung  in  seinem
Wortlaut  verbergen  sollte,  geht  aus  dem  Bericht  hervor,
den  der  von  der  Friedenskonferenz  in  Versailles  zum
Zweck  der  Unkersuchung  der  Schuldfrage  eingesetzte  Ausschuß
  erstaktek  hak.  Dieses  Machwerk,  wohl  die  oberflächlichste
  und  umwahrste  Urkunde,  die  jemals  zur  Begründung
  einer  Behaupkung  von  so  gewaltiger  Bedenkung
  zusammengebrauk  worden  ist,  wird  durch  den  folgenden
  Satz  eingeleikek:

„Nachdem  die  Kommission  die  zahlreichen  amklichen
Urkunden,  die  sich  sowohl  auf  den  Ursprung  des  Welékrieges
  als  auch  auf  die  Neukralitäts=  und  Grenzverletzungen,
  Begleikerscheinungen  des  Kriegsbeginns,  beziehen,
  geprüfk  hak,  hat  sie  in  der  Frage  der  Verankworklichkeit
  der  Urheber  des  Krieges  festgestellt,  daß  die  Verankworkung
  in  vollem  Umfange  den  UMeächken  zukommt,
die  ihn  erklärk  haben,  um  einer  Angriffspolitik  zu
dienen,  deren  Verheimlichung  dem  Ursprung  dieses
Krieges  den  Charakker  einer  geheimen  Verschwörung
  gegen  den  europäischen  Frieden  verleiht.  Diese
Verankworkung  lastek  erstens  auf  Deukschland  und  Osterreich,
  zweikens  auf  der  Türkei  und  Bulgarien.“

Dieser  Einleikung  entsprechend  krägk  der  erste  Abschnikt
dieses  Berichks  die  Uberschrifk:,  Vorgefaßkte  Absichk,  Krieg
führen  zu  wollen“.  Und  das  Ergebnis  ihrer  Unkersuchung
fassen  die  Verfasser  des  Berichks,  der  Rechksgelehrke  Sir
Ernest  Pollock  für  England,  André  Tardien  für  Frank-15
        <pb n="26" />
        reich,  Scialoja  für  Italien  und  Rolin-Macquemyns  für
Belgien,  in  folgende  Entschließung  zusammen:  „Der
Krieg  ist  von  den  Zentralmächten  ebenso  wie  von  ihren
Verbündeken,  der  Türkei  und  Bulgarien,  mit  Vorbedacht
geplank  worden,  und  er  ist  das  Ergebnis  von  Handlungen,
  die  vorsätzlich  und  in  der  Absicht  begangen  wurden,
  ihn  unvermeidlich  zu  machen.  In  Ubereinstimmung
  mil  Osterreich-Ungarn  hak  Deutschland  vorsätzlich
daran  gearbeitek,  die  zahlreichen  vermikkelnden  Vorschläge
der  Enkenkemächtke  auf  die  Seite  zu  schieben  und  ihre  wiederholken
  Bemühungen,  den  Krieg  zu  verhüten,  zunichke
zu  machen.“

Das  ist  der  Berichk,  um  dessen  M#i#kkeilung  Graf  Brockdorff-
  Rantzau  in  der  oben  erwähnken  Noke  vom  13.  Mai
bak,  und  dessen  Herausgabe  Clémenceau  mit  der  Begründung
  verweigerke,  daß  die  Akken  der  Friedenskonferenz
  keiner  Macht,  die  an  ihr  nichk  keilgenommen  habe,
bekannkgegeben  werden  dürften.  Er  gelangke  aber  auf
inofffziellem  Wege  dennoch  in  den  Besitz  der  deutschen
Friedensdelegation  und  wurde  durch  die  Darlegungen
beantworkek,  die,  von  Professor  Hans  Delbrück,  dem  Grafen
  Max  Monkgelas,  Max  Weber  und  Albrecht  Men—
delssohn  Bartholdi  verfaßt,  am  27.  Mai  1919  unter  dem
Titel  „Bemerkungen  zum  Bericht  der  Kommission  der
alliierten  und  assoziierten  Regierungen  über  die  Verankwortlichkeiten
  der  Urheber  des  Krieges“  an  die  Friedensdelegakion
  der  Enkenke  abgesandt  und  päker  in  einem
deulschen  Weißbuch  veröffentlicht  wurden.

Als  Ankwork  auf  dieses  Aktenstück,  in  dem  schon  da-10
        <pb n="27" />
        mals  die  so  schlecht  begründeten  Anklagen  der  feindlichen
Friedensdelegation  schlagend,  aber  selbstverständlich  niche
so  gründlich,  wie  es  heute  möglich  ist,  widerlegk  wurden,
gilk  nun  die  Jantelnoke  vom  16.  Juni,  durch  die
alle  Einwendungen  der  deutschen  Friedensdelegation  gegen
  den  Vertrag  von  Versailles  mikwenigen  Ausnahmen
endgültig  zurückgewiesen  wurden.  Diejenigen  Sätze  dieser
UKantelnoke,  die  sich  auf  die  Schuldfrage  beziehen,  enthalken
  zusammen  mit  dem  oben  erwähnten  Berichk  die
maßgebenden  Erläuterungen  zum  Artikel  231
des  Vertrages  von  Versailles.  Was  in  diesen  Worten
Deukschland  und  seinen  Verbündeken  vorgeworfen  wird,
und  nichks  anderes,  ist  die  sogenannke  Schuldlüge.  Immer
wieder  muß  sich  jeder,  der  sich  mit  diesem  Problem  beschäftige,
  diese  Worke  vor  Augen  halken.  Denn  durch  sie
wollken  und  wollen  die  Meächte  der  Enkenke  den  Frieden
von  Versailles  rechkfertigen.  Sie  lauken  folgendermaßen:

„Die  allüerken  und  assoziierken  Meächte  halten  es  für
notwendig,  ihre  Ankwork  mitl  einer  scharf  umrissenen  Darlegung
  ihres  Urkeils  über  den  Krieg  zu  beginnen,  eines
Urkeils,  das  kaksächlich  und  letzten  Endes  nahezu  das  der
ganzen  zivilisierten  Menschheit  ist.  Nach  Ansicht  der  alli—
ierten  und  assoziierten  Mächte  war  der  Krieg,  der  am
1.  August  1914  begann,  das  größte  Verbrechen  gegen  die
Menschheit  und  die  Freiheit  der  Völker,  das  irgendeine
Nation,  die  sich  zivilisiert  nennt,  jemals  bewußterweise
begangen  hat.  Während  langer  Jahre  haben  die  Regie—
rungen  Deutschlands,  getreu  der  preußischen  Überliefe—

rung,  die  Vorherrschaft  in  Europa  angestrebt.  Sie  waren
Kronprinz  Wilhelm,  Ich  suche  d.  W.  2
17
        <pb n="28" />
        nicht  zufrieden  mit  jenem  wachsenden  Wohlstand  und  dem
Einfluß,  zu  dem  Deutschland  berechtigt  war  und  den  ihm
alle  Nakionen  innerhalb  der  Gesellschaft  freier  und  gleicher
  Völker  bereitwillig  zugestanden.  Sie  haben  danach
gekrachket,  ein  unkerworfenes  Europa  beherrschen  und
kyrannisieren  zu  können,  so  wie  sie  ein  unkerworfenes
Deurschland  beherrschken  und  kprannisierten.  Um  ihr  Ziel
zu  erreichen,  haben  sie  durch  alleihnen  zur  Verfügungstehenden
  Mitkel  ihren  Unkerkanen  die  Lehre  eingeprägk,  daß
im  Verkehr  zwischen  den  Bölkern  Machts  Recht  sei.  Sie
hörken  niemals  auf,  die  Rüstungen  Deutschlands  zu  Lande
und  zur  See  zu  erweitern  und  die  lügnerische  Behaupkung
  zu  verbreiken,  daß  dies  nötig  sei,  weil  Deukschlands
Nachbarn  auf  seinen  Wohlstand  und  seine  Macht  neidisch
  seien.  Sie  suchken  Feindschaft  und  Mißtrauen  zwischen
  den  Bölkern  zu  säen,  stakt  Freundschaft.  Sie  enkwickelken
  ein  Sostem  der  Spionage  und  der  Inkrigen,  das
ihnen  gestakken  sollte,  inneren  Aufruhr  und  Unruhen  auf
dem  Gebiekihrer  Nachbarn  zu  erregen.  Ja,  sie  krafen  selbst
heimliche  Vorbereikungen  zu  Angriffszwecken,  um  diese
Nachbarn  im  gegebenen  Augenblick  mik  größerer  Sicherheit
  und  Leichtigkeit#zerschmekkern  zu  können.  Sie  hielken
Europa  durch  Drohungen  und  Gewalk  in  einem  Zustande
der  Gärung,  und  als  sie  fanden,  daß  ihre  RNachbarn  enkschlossen
  waren,  ihren  anmaßenden  Plänen  zu  widerstehen,
  beschlossen  sie,  ihre  Vorherrschaft  in  Europa  durch
Gewalk  zu  begründen.  Sobald  ihre  Vorbereikungen  beendek
  waren,  ermutigken  sie  einen  von  ihnen  abhängigen
Bundesgenossen,  Serbien  mit  achkundvierzigstündiger

18
        <pb n="29" />
        Frist  den  Krieg  zu  erklären,  in  der  vollen  Kenntnis,  daß
dieser  Krieg,  dessen  Spieleinsatz  die  Kontrolle  des  Balkans
  war,  nicht  lokalisiert  werden  könnte  und  beinahe
sicher  einen  allgemeinen  Krieg  bedeute.  Um  diesen  allge—-meinen
  Krieg  doppelt  sicher  zu  machen,  wiesen  sie  jeden
Versuch  der  Schlichtung  und  der  Aussprache  zurück,  bis
es  zu  spät  war  und  der  Wellkkrieg,  zu  dessen  Herbeiführung
  sie  sich  verschworen  hatken  und  für  den  allein  sie
unker  den  Nakionen  vollständig  gerüster  und  vorbereiket
waren,  unvermeidlich  wurde.“

Klar  und  deuklich  wird  in  diesen  Worken  ausgesprochen,
  was  der  Verkrag  von  Versailles  unker  dem  Begriff
der  Schuld  am  Kriege  verstanden  wissen  will.  Die  Herrscher
  Deutschlands  und  Preußens  und  ihre  Regierungen
werden  des  größken  Verbrechens  der  Welkgeschichte  beschuldigk,
  und  das  ganze  deutsche  Volk  wird,  weil  es  diese
Herrscher  und  Regierungen  erkrug,  der  Mitlschuld  an  diesem
  Verbrechen  bezichtigk.  Es  soll  als  das  verachlungswürdigste
  Volk  der  Erde  gekennzeichnek  werden,  damit
das  ihm  aufgezwungene  Joch  dieles  Verkrages  als  ein
gerechtes  Strafgerichk  erscheink.  Dadurch,  daß  bei  der
Erörkerung  der  Schuldfrage  auch  von  vielen  Verkeidigern
  Deutschlands  der  in  diesen  Worken  ganz  unzweideulig
  gekennzeichneke  Begriff  der  dolosen  verbrecherischen
  Schuld  nichk  streng  von  dem  Begriff  der  Schuld
als  einer  fehlerhaften  Politik  geschieden  worden  ist,
ist  der  Streik  über  die  Schuld  am  Kriege  komplizierk  und
verwirrk  worden.  So  wichkig  auch  für  eine  Darstellung
der  Ursachen  des  Welkkrieges  die  Erörkerung  der  Fehler

10
        <pb n="30" />
        ist,  die  auf  beiden  Seiken  begangen  wurden,  für  das  Problem
  der  Schuld  im  Sinne  des  Friedens  von  Versailles
hak  diese  Erörkerung  keine  Bedenkung.  Es  sind  die  oben
wiedergegebenen  ungeheuerlichen  Anklagen  der  Nokte
vom  16.  Juni  1919,  die  zu  widerlegen  sind,  und  deren
Widerlegung  genügk,  um  dem  Verkrag  von  Versailles
völlig  seine  moralische  Rechtferkigung  zu  enkziehen.

Wenn  Mac  Donald  in  Genf  vor  der  Bölkerbundsversammlung
  sagke,  daß  die  Frage  nach  der  Schuld  am
Kriege  erst  in  einem  halben  Jahrhunderk  beankworket
werden  könnke,  so  hat  er  damik  zwar  ein  vernichkendes
Urteil  über  die  JI#änner  gesprochen,  die  diese  Frage  schon
ein  halbes  Jahr  nach  Beendigung  des  Krieges  mik  der
keinen  Widerspruch  duldenden  Sicherheit  dieser  Note  beantworkek
  haben,  aber  er  kann  dabei  nichk  an  die  Schuld
im  Sinne  des  Verkrages  von  Versailles  gedachtk  haben.
Denn  die  Frage  nach  der  Ark  von  Schuld,  auf  die  der
Vertrag  von  Versailles  aufgebauk  ist,  kann  schon  heute
beankworkek  werden.  Es  bedarf  dazu  nichk  einmal  der
Offnung  der  noch  verschlossenen  Archive.

Das  Brandmal,  das  der  Verkrag  von  Versailles  dem
deulschen  Volke  und  seinen  Regierungen  aufgeprägk  hat,
kann  schon  heule  bis  auf  den  letzten  Rest  ausgekilgk  werden.
  Es  kann  bewiesen  werden,  daß  jeder  von  den  oben
mikgekeilken  Sätzen  der  Noke  vom  16.  Juni  und  der  Arkikel
  231,  den  sie  erläuterk,  der  Wahrheib  ins  Gesicht  schlägt.

Der  JKangel  an  Klarheit  über  den  Begriff  der  Schuld
im  Sinne  des  Verkrags  von  Versailles  hak  es  bewirkt,
daß  schon  in  der  Ankwork  der  deutschen  Friedensdelega-20
        <pb n="31" />
        tion  vom  27.  Mai  r919  wenigstens  zwischen  den  Zeilen
das  Eingeständnis  der  M  it  schuld  Deukschlands  gemacht
worden  ist,  und  daß  sogar  deutsche  Gelehrke,  die  es  sich
zur  Aufgabe  gemachk  haben,  die  Schuldlüge  zu  zerstören,
sich  immer  wieder  dagegen  verwahren,  den  Beweis  der
vollkommenen  Unschuld  Deutschlands  am  Ausbruch  des
Krieges  erbringen  zu  wollen.  Sie  kun  das  zwar  in  der
löblichen  Absicht,  Einwendungen  vorzubengen,  wie  sie
gegen  Gedankengänge  erhoben  zu  werden  pflegen,  durch
die  zuviel  bewiesen  werden  soll.  Sie  vergessen  aber  dabei,
  daß  dieses  Zugeständnis  der  Mitschuld  Deutschlands
dem  Verkrag  von  Versailles  gegenüber  ganz  unangebrachk
  ist,  denn  der  Verkrag  von  Versailles  wirfk  ja
Deutschland  garnichk  vor,  in  dem  Sinne,  in  dem  es  von
diesen  Gelehrken  in  ihren  Berwahrungen  gemeink  ist,  das
heißt  im  Sinne  einer  sehlerhaften  Politik,  die  Alleinschuld
am  Kriege  zu  haben.  Diese  Frage  ist  garnichk  der  Gegenstand
  des  Arkikels  231  und  seiner  Erläukerungen  in  der
Noke  vom  16.  Juni.  Der  Verkrag  von  Versailles  und
die  Noke  behaupten  vielmehr,  daß  Deutschland  unker
allen  Mächten  der  Erde  allein  den  Krieg,  und  zwar
den  allgemeinen  Krieg,  gewollt  und  absichtlich
herbeigeführk  habe,  und  leiken  ganz  allein  aus  dieser
dolosen  Schuld  das  Rechk  der  Siegerstaaken  auf  ein
fürchkerliches  Serafgerichk  ab.  Es  gilk,  die  Quelle  dieses
Rechkes  zu  zerskören  und  klar  und  deutlich  ohne  jedes  Zugeständnis
  nachzuweisen,  daß  Deutschland  in  dem  Sinne,
in  dem  der  Begriff  der  Schuld  im  Verkrag  von  Versailles
  angewandk  wird,  am  Ausbruch  des  Krieges  auch

21
        <pb n="32" />
        nicht  mit  schuldig  war,  ja  daß  es  den  Krieg  nicht  nur
nicht  gewollt,  sondern  gefürchtet  hat.

Aber  der  Beweis  gegen  die  Schuldlüge  kann  schon
heuke  auf  Grund  des  vorliegenden  historischen  Quellenmakerials
  über  diese  Grenze  der  Verkeidigung  hinaus
auf  das  Gebiek  des  Angriffs  ansgedehnt  werden.  Es
kann  mit  völliger  Sicherheit  nachgewiesen  werden,  daß
mindestens  auf  zwei  von  unseren  Feinden  fast  das  Gegenleil
  zukriffk,  daß  die  Regierungen  Rußlands  und  Frankreichs,
  die  während  der  letzten  Jahre  vor  dem  Kriege  die
Verankworkung  für  die  Politik  ihrer  Skaaten  krugen,
den  Krieg  wenn  nichk  absichtlich  im  Juli  und  August  1914
enkfesselk,  so  doch  ihn  von  langher  vorbereikek,  herbeigewünscht
  und  erhoffk  haben.
        <pb n="33" />
        Erster  Teil

Deutschlands  Friedenspolitik  vom  Frankfurter  Frieden
bis  zur  Thronbesteigung  Kaiser  Wilhelms  II.
        <pb n="34" />
        <pb n="35" />
        Erstes  Kapitel
Die  Emser  Depesche  und  der  Frieden  von  Frankfurt

icht  allein  gegen  die  Regierung  des  Kaisers  Wilhelm

  II.,  meines  Vaters,  erhebt  die  Note  vom
16.  Juni  den  Vorwurf,  „das  größte  Verbrechen  gegen
die  Menschheit  und  gegen  die  Freiheit  der  Völker“,  den
am  1.  August  1914  zum  Ausbruch  gekommenen  Krieg,
veranlaßt  und  vorbereitet  zu  haben,  sondern  sie  behauptet
  auch,  daß  die  Regierenden  Deutschlands  das  Ziel
dieses  Verbrechens,  die  Vorherrschaft  in  Europa  „gekreu
  der  preußischen  Tradition“  seit  langen  Jahren  an—-gestrebt
  haben.  Sie  sagt  nicht  klar  und  deutlich,  ob  sich
dieses  Streben  nach  der  Vorherrschaft  in  Europa  auf  die
Zeit  beschränkt,  die  seit  den  Kämpfen  um  die  Einigung
Deutschlands  verflossen  ist,  also  auf  die  Zeik  Wilhelms  I.
und  Bismarcks,  aber  die  Worke  „gekren  der  preußischen
Tradition“  lassen  darauf  schließen,  daß  ihre  Verfasser
die  Wurzeln  dieses  „Verbrechens“  zum  mindesten  schon
im  achtzehnken  Jahrhunderk  enkdeckl  zu  haben  glauben,
vielleicht  sogar,  daß  sie  meine  Vorfahren  bis  zum  Groben
  Kurfürsten  hinauf  für  die  Enkstehung  dieses  Krieges
verankworklich  machen  wollen.  Die  leikenden  Skaaksmänner
  Englands  und  Frankreichs  haben  diesen  Gedanken
  schon  während  des  Krieges  in  vielen  Reden  ausgesprochen,
  und  Viviani  hak  in  dem  Buch,  das  er  im  Anschluß
  an  die  Erinnerungen  meines  Vakers  unker  dem
Titel  „Réponse  au  Kaiser  hakt  erscheinen  lassen,  den

*5
        <pb n="36" />
        „durch  die  Hohenzollern  dem  preußischen  Volke  aner—
zogenen  Geist  der  rohen  Gewalt“  für  die  Enkstehung  des
Krieges  verantwortlich  gemacht.  Ja,  er  hat  die  preußische
Literatur,  die  preußische  Wissenschaft,  die  preußische  Philosophie
  beschuldigt,  die  Eroberung  um  der  Eroberung  willen,
  den  Krieg  um  des  Krieges  willen,  nicht  zur  Verbesserung
  des  Loses  der  Bevölkerung,  sondern  ganz  allein  zur
Stärkung  der  Macht  des  Staates,  gelehrt,  verherrlicht
und  betrieben  zu  haben.  Und  diese  Schlußfolgerung  wird
dadurch  bestätigt,  daß  in  dem  siebenten  Kapitel  der  Ankwork
  der  allüerken  und  assoziierten  Mächte  auf  die  deutschen
  Gegenvorschläge  zu  den  Versailler  Friedensbedingungen,
  in  dem  Kapitel,  das  der  Verantwortlichkeit
Deutschlands  an  der  Entstehung  des  Krieges  gewidmet
ist,  die  Schuld  am  Kriege  längst  dahingegangenen  Generationen
  des  preußischen  Volkes  klar  und  unzweideutig
zur  Last  gelegt  wird.  Es  heißt  da:

„Die  ganze  Geschichte  Preußens  ist  durch  den
Geist  der  Beherrschung,  des  Angriffs  und  des
Krieges  charakterisiert.  Hypnotisiert  durch  den  Erfolg,
mit  welchem  Bismarck,  der  Tradition  Friedrichs
des  Großen  folgend,  die  Nachbarn  Preußens  be—
raubte  und  die  deutsche  Einheit  durch  Blut  und  Eisen
schmiedete,  unterwarf  sich  das  deutsche  Volk  nach  1871
fast  vorbehaltlos  dem  Einfluß  und  der  Führerschaft  seiner
preußischen  Herrschaft.

„Der  preußische  Geist  war  nicht  damit  zufrieden,  daß
Deutschland  einen  großen  und  einflußreichen  Platz  im
Rate  gleicher  Nationen  einnehme,  auf  den  es  ein  Anrecht
hatte  und  der  ihm  zugesichert  war.  Er  konnte  durch  nichts
Geringeres  befriedigk  werden,  als  durch  Erlangung  höch-26
        <pb n="37" />
        ster  und  autokratischer  Gewalt.  In  einem  Augenblick
also,  als  die  westlichen  Nationen  ernstlich  bestrebt  waren,
die  Rüstungen  einzuschränken,  an  Stelle  der  Rivalität
in  den  internationalen  Angelegenheiten  Freundschaft  zu
setzen  und  den  Grundstein  zu  einer  neuen  Ara  zu  legen,
in  der  alle  Nationen  freundschaftlich  an  der  Leitung  der
Geschäfte  der  Welt  zusammenwirken  sollten,  haben  die
Lenker  Deutschlands  unauf  hörlich  Mißtrauen  und  Feindschaft
  zwischen  allen  ihren  Nachbarn  gesät,  haben  mit
allen  Elementen  der  Unruhe  in  allen  Ländern  gemeinsame
  Sache  gemacht  und  haben  unausgesetzt  die  Rüstungen
  Deutschlands  vergrößerk  und  seine  milikärische  und
marikime  Macht  befestigt.  Sie  machken  alle  Hilfsmiktel,
über  die  sie  verfügken,  mobil,  die  Universikäten,  die  Presse,
die  Kanzel,  den  ganzen  U#echanismus  der  Skaaksmaschine,
um  ihr  Evangelium  des  Hasses  und  der  Gewalt  zu  predigen,
  damit  bei  gegebener  Zeit  das  deutlsche  Volk  auf
ihren  Ruf  antworten  könne.  Das  Ergebnis  war,  daß  in
deen  letzten  Jahren  des  neunzehnken  Jahrhunderks  und
während  des  zwanzigsten  Jahrhunderks  die  ganze  Politik
  Deutschlands  darauf  gerichtek  war,  sich  eine  Skellung
  zu  sichern,  kraft  deren  sie  herrschen  und  dikkieren
könnte.“

Ich  betrachte  es  nicht  als  meine  Aufgabe,  diese  enkweder
  überhaupk  nichk  oder  durch  offenbare  Geschichksfälschungen
  begründeken  Anklagen  zu  widerlegen,  soweit
sie  sich  auf  die  Zeik  beziehen,  die  vor  der  Gründung  des
Deutschen  Reiches  liegk.  Denn  es  ist  ein  vergebliches  Bemühen,
  diese  Beschuldigungen  in  irgendeinen  Zusammenhang
  mik  der  Enkstehung  des  Krieges  von  1914  zu
bringen.  Und  es  wird  ihnen  die  Spitze  schon  dadurch  ab-27


E—'
        <pb n="38" />
        gebrochen,  daß  sie  in  einem  Akkenstück  stehen,  das  die  Unterschrift
  eines  Franzosen  trägt,  und  im  Namen  der  Regierungen
  von  Ländern  erhoben  worden  sind,  deren  ganze
Geschichte  durch  das  Streben  nach  der  Vorherrschaft  in
Europa,  ja  in  der  Welt  auf  dem  Wege  des  Krieges  und
der  Eroberung  gekennzeichnet  wird.  Man  kann  es  auch
nicht  ernst  nehmen,  wenn  ein  Bürger  des  Staates,  dessen
Volk  einem  Ludwig  XIV.  und  einem  Napoleon  Bonaparke
  einft  fast  görtliche  Ehren  erwies,  dem  Preußen  Friedrichs
  des  Großen  vorwirfk,  Kriege  allein  zum  Zwecke  der
Eroberung  geführk  zu  haben.  Und  man  brauchk  nur  den
Ausspruch  des  Sonnenkönigs:  „Der  Stkaak  bin  ich“  dem
Ausspruch  meines  großen  Ahnen:  „Der  König  ist  der
erste  Diener  des  Skaakes“  gegenüberzustellen,  um  die
ganze  Halklosigkeit  des  Vorwurfs,  daß  die  Hohenzollern
Preußen  nur  der  Machf  ihres  Hauses  wegen  und  nicht
zum  Wohl  ihrer  Unterkanen  zur  Großmachk  emporgeführk
  haben,  wie  mit  einem  Scheinwerfer  zu  beleuchken.

Die  ganze  Geschichte  Englands  und  Frankreichs  im
siebzehnken  und  achtzehnken  Jahrhunderk  ist  ein  Kampf
um  die  Vorherrschafk  in  Europa,  während  die  Geschichte
Preußens  in  diesen  Jahrhunderken  ein  Kampf  um  die
Selbstbehaupkung  ist.  Wenn  ein  Angehöriger  des  Volkes,
  das  am  hundertsten  Jahreskage  des  Todes  Napoleons
  I.  zum  Grabe  des  Korsen  im  Invalidendom  wallfahrkeke
  wie  zu  einem  Nakionalheiligkum,  das  noch  heute
den  Arc  de  kriomphe,  in  dessen  Steinen  nur  die  Namen
von  gewonnenen  Schlachten  und  siegreichen  Feldherren
eingemeißelk  sind,  als  das  Denkmal  des  französischen
Ruhmes  verehrk  und  keinen  würdigeren  Platz  für  die
Ruhestäkte  des  unbekannken  Soldaken  gefunden  hak  als

28
        <pb n="39" />
        den  vor  diesem  Triumphbogen,  wenn  ein  Angehöriger
dieses  Volkes  vom  Streben  nach  der  Vorherrschaft  in
Europa  auf  dem  Wege  des  Krieges  und  der  Eroberung
als  von  einer  preußischen  Tradition  spricht  und  solchem
Streben  den  Stempel  des  Verbrechens  aufprägen  will,
dann  erscheint  er  ebenso  unerträglich,  wie  die  Gracchen,
wenn  sie  über  den  Aufstand  Klage  führten.  «

Aber  selbst  wenn  die  Behauptung,  Preußen  habe  seit
den  Zeiten  des  Großen  Kurfürsten  und  Friedrichs  des
Großen  nach  der  Vorherrschaft  in  Europa  gestrebt,  wahr
wäre,  dürfte  kein  Franzose  und  kein  Engländer  dem  preußischen
  Volke  und  seinen  Herrschern  einen  Vorwurf  daraus
  machen,  weil  Engländer  und  Franzosen  noch  heute
gerade  die  ihrer  eigenen  Herrscher  am  meisten  verehren,
die  das  gleiche  gewollk  haben.  Und  wenn  der  Milikarismus,
  die  begeisterke  Verehrung  des  Wehrstandes,  die  in
Preußen  aus  der  Nok,  in  Frankreich  und  England  aber
aus  der  Herrschsuchk  geboren  wurde,  als  verachkungswürdige,
  verbrecherische  und  kulkurfeindliche  Geburk  preubischer
  Barbarei  verstucht  wird,  so  möchke  ich  die  Frage
aufwerfen,  woher  es  denn  kommé,  daß  fast  alle  milikärischen
  Bezeichnungen  in  allen  europäischen  Sprachen  französischen
  Ursprungs  sind.  Das  kann  doch  unmöglich  ein
Zufall  sein,  sondern  kann  nur  darin  seinen  Grund  haben,
daß  auch  der  milikärische  Geist,  der  sich  in  den  durch  französische
  Worke  bezeichneken  Organisationen  verkörperke,
seinen  Ursprung  in  Frankreich  hat.

Fürst  Bülow  hat  in  dem  vorkrefflichen  Kapitel  seines
Buches  „Deuksche  Politik“,  das  von  der  „Wehrkraft  und
dem  Milikarismus“  handelk,  dargelegk,  daß  die  preu-Hische
  Armee  und  ihr  eigenartiger  Einfluß  auf  die  preu-29
        <pb n="40" />
        ßische  Geschichte  die  naturnotwendige  Folge  der  geographischen
  Lage  des  preußischen  Staates  war,  der  im  Unterschiede
  von  allen  seinen  Nachbarn  keine  geschützte  Grenze
hatte.  Sie  war  ein  Berteidigungsmittel,  kein  Eroberungswerkzeug,
  und  gerade  deshalb  ist  sie  mit  so  großer  Liebe
gepflegt  und  entwickelt  worden  und  hat  eine  so  wichtige
Rolle  in  der  preußischen  und  deutschen  Geschichte  gespielt.
„In  den  großen  Kriegen,“  so  schreibt  Fürst  Bülow,  „die
Prenußen  während  eines  Vierteljahrtausends  hat  bestehen
müssen,  ist  nur  1866  und  1870/71  der  Boden  der  Heimat
von  feindlichen  Heeren  und  Schlachtverwüstungen  verschonk
  geblieben.  Fehrbellin  und  Zorndorf,  Cylau  und
Friedland,  die  Katzbach,  Großbeeren  und  Warkenburg
erzählen  in  der  Vergangenheik  davon,  daß  Freiheik  und
Leben  von  Vakerland  und  Volk  abhingen  von  Sieg  und
Niederlage  der  Armee.  In  diesem  Wellkkriege  reihen  sich
die  Mamen  Tannenberg,  Angerburg  und  Mülhaufen
den  alken  Namen  an.  Die  Geschichte  hak  uns  früh  erkennen
  gelehrk  und  nichk  vergessen  lassen,  daß  die  Wehrkraft
  ihre  erste  und  vornehmste  Bestimmung  im  Schutz
und  in  der  Verkeidigung  der  Heimak  hak.“

Wenn  nun  angesichts  dieser  unbestreitbaren  geschichtlichen
  Taksachen  die  führenden  Männer  von  Völkern,
die  Jahrhunderke  lang  den  Boden  Deutschlands  zum
Schlachkfelde  ihrer  Welkherrschafksgelüste  gemacht  haben,
solche  Vorwürfe  gegen  Preußen  erheben,  wie  die  Verfasser
der  oben  zikierken  Begründung  der  Roke,  dann  wird  die
Absicht  der  Geschichksfälschung  zu  dem  polikischen  Zweck
der  Begründung  der  Schuldlüge  so  offenbar,  daß  eine  ins
einzelne  gehende  Widerlegung  nichk  nokwendig  ist.  Das
Recht  aber  zu  solchen  Anklagen  kann  den  Männern  nicht

30
        <pb n="41" />
        zuerkannt  werden,  die  das,  was  sie  Preußen  zum  Vorwurf
machen,  geradezu  verherrlichen,  wenn  es  in  ihren  Ländern
  geschiehr.  Wie  kann  ein  italienischer  Staaksmann
den  Hohenzollern  einen  Vorwurf  daraus  machen,  die
Führung  in  den  Kämpfen  um  die  Einheik  der  deutschen
Stämme  übernommen  zu  haben,  wenn  er  die  Savoyer
preist,  weil  sie  die  Führung  im  Kampf  um  die  ikalienische
Einheit  übernommen  haben  und  die  Beherrscher  Ikaliens
geworden  sind  ?  Wie  kann  ein  englischer  Staaksmann
Preußen  und  Deutschland  einen  Vorwurf  daraus  machen,
daß  es  sich  in  harken  Kämpfen  zu  einer  Großmachk  enkwickelt
  hak,  wenn  er  auf  nichks  stolzer  ist  als  darauf,  daß
Großbrikannien  durch  die  gewallsame  Unkerdrückung  aller
anderen  Seemächke  die  Herrschaft  über  ein  Driktel  der
Erde  errungen  hak?  Wie  kann  ein  französischer  Staatsmann
  Preußen  und  Deutschland  Weltherrschafksgelüste
zum  Verbrechen  anrechnen,  wenn  er  auf  die  Eroberungen
Ludwigs  XIV.  und  der  beiden  Bonaparke  zurückblickk,
wie  auf  große  und  verdienstliche  Heldenkaken,  und  das
große  Kolonialreich,  das  sich  Frankreich  mit  Bluk  und
Eisen  eroberk  hak,  für  einen  unankastbaren  Besitz  hält?

Weil  die  Verfasser  der  sogenannken  historischen  Begründung
  der  Noke  vom  16.  Juni  genötigk  sind,  die  ganze
Geschichte  ihrer  Länder  in  ihrem  Wesen  zu  verleugnen,
wenn  sie  wollen,  daß  man  sie  ernst  nimmt,  bedürfen  diese
Anklagen  keiner  Widerlegung.  Sie  bedürfen  einer  solchen
Widerlegung  umso  weniger  in  diesem  Buche,  als  sie  doch
in  einem  nur  sehr  losen  Zusammenhang  mit  der  eigenklichen
  Schuldfrage  stehen.

Nichk  das  gleiche  läßk  sich  von  den  Anklagen  sagen,
die  gegen  die  Politik  Preußens  und  Deutschlands  in  der

31
        <pb n="42" />
        Ara  Kaiser  Wilhelms  I.  und  Bismarcks  erhoben  werden,
denn  in  Beziehung  auf  diese  Zeik  verdichten  sie  sich  zu  dem
Vorwurf  ausgesprochener  Kriegsabsicht  zur  Eroberung
der  Weltherrschaft.  Deshalb  will  ich,  obwohl  dieser  Vorwurf,
  selbst  wenn  er  gerechkferkigk  wäre,  für  die  Schuld
Deutschlands  am  Welkkriege  nichks  beweisen  würde,  zu
diesen  Anklagen  Stellung  nehmen.

Durch  die  ersten  sechs  Bände  der  großen  Akkenpublikaktion
  des  Auswärtigen  Amtes  ist  die  von  der  französischen
  Geschichtsschreibung  aufgestellte  BZehaupkung,  daß
Fürst  Bismarck  nach  dem  Abschluß  des  Frankfurker  Friedens
  immer  wieder  nach  Gelegenheiken  zu  einem  Kriege
gespähr  habe,  durch  den  Frankreich  für  alle  Zeiken  unschädlich
  gemachk  werden  sollte,  schlagend  widerlegt  worden.
Diese  Akkenstücke,  die  kaum  noch  eine  Unklarheit  über  die
Beweggründe  der  Bismarckschen  Politik  bestehen  lassen,
beweisen,  daß  der  beherrschende  Gedanke  der  deutschen
Politik  während  der  beiden  Jahrzehnte  nach  1870  die
Erhaltung  des  Friedens  war,  ja,  daß  der  von  anderer
  Seike  bedrohle  Frieden  Europas  durch  Bismarcks
Staakskunst  mehrere  I##ale  während  dieses  Zeitraums
geradezu  von  ihm  gerekkek  worden  ist.  Bevor  ich  auf  diese
Höhepunkke  der  inkernationalen  Spannungen  der  Regierung
  meines  Urgroßvakers  eingehe,  will  ich  aber  die
Legenden,  welche  französische  Polikiker  und  Historiker  über
die  Enkstehung  des  Krieges  von  1870  immer  noch  aufrecht
  erhalken  und  die  auch  bei  der  Begründung  von
Deutschlands  Schuld  am  Weltkkrieg  eine  gewisse  Rolle
spielen,  zu  widerlegen  versuchen.

Auch  der  Krieg  von  1870  soll  von  Bismarck  absichtlich
  herbeigeführk  worden  sein,  um  Deutschland  die  Vor-32
        <pb n="43" />
        herrschaft  in  Europa  zu  verschaffen,  und  er  soll  sich  zu  diesem
  Zwecke  einer  Geschichksfälschung  bedienk  haben,  der
Fälschung  der  sogenannten  Emser  Depesche.  Demgegenüber
  muß  festgestelle  werden,  daß  der  Krieg,  der  zur  Einigung
  Deurschlands  führte,  ganzunzweifelhaft  von  Frankreich
  gewollt  worden  ist.  Schon  die  Behaupkung,  Bismarck
  habe  die  Aufstellung  der  Kandidatur  des  Prinzen
Leopold  von  Hohenzollern  für  den  spanischen  Königskhron
veranlaßt,  und  zwar  mil  der  Absicht  veranlaßt,  den  Krieg
zwischen  Frankreich  und  Preußen  herbeizuführen,  widerricht
  den  einfachen  historischen  Taksachen.  Die  Kandidakur
  des  Prinzen  von  Hohenzollern  ist  ganz  ohne  Zukun
der  preußischen  Regierung  und  sehr  zum  Verdruß  des
Königs  Wilhelm  von  dem  spanischen  Ministerium  aufgestellt
  worden,  und  Bismarck  war,  als  er  dem  widerstrebenden
  König  riek,  ihr  keinen  Widerstkand  enkgegenzusetzen,
  durchaus  nichk  davon  überzeugk,  daß  Frankreichs
Inkeressen  gefährdek  werden  würden,  wenn  ein  Hohenzoller
  den  spanischen  Königskhron  bestiege.  Er  erzählk  in
seinen  „Gedanken  und  Erinnerungen“,  daß  er  nach  der
Schlacht  von  Sedan  auf  dem  Wege  nach  Donchery  auf
Befragen  eines  der  ihn  begleikenden  Offtziere  nach  der
Enkstehung  des  Krieges  geankworkek  habe,  er  hätte  geglaubk,
  der  Prinz  Leopold  werde  dem  Kaiser  Napoleon
kein  unerwünschker  RNachbar  sein  und  seinen  Weg  nach
Madrid  über  Paris  nehmen,  um  dork  Fühlung  mil  der
französischen  Politik  zu  gewinnen,  weil  hier  die  Vorbedingungen
  lagen,  unter  denen  er  Spanienregieren  mußte.
Wir,  so  habe  er  damals  gesagk,  wären  vielmehr  berechtigt
  gewesen  zu  der  Besorgnis  vor  einem  engeren  Bündnis
  zwischen  der  spanischen  und  der  französischen  Krone,
Kronprinz  Wihelm,  Ich  suche  d.  W.  3

33
        <pb n="44" />
        als  zu  der  Hoffnung  einer  spanisch-deutschen  und  anti—
französischen  Konstellation  nach  Analogie  Karls  V.;  ein
König  von  Spanien  könne  eben  nur  spanische  Politik
treiben,  und  der  Prinz  wäre  Spanier  geworden  durch
Übernahme  der  Krone  des  Landes.  Wenn  auch  Prinz
Leopold,  den  Bismarck  unker  seinen  Begleitern  nicht  bemerkt
  hatte,  sosort  Einspruch  gegen  diese  Behauptung
erhoben  habe,  was  inmitten  des  Schlachtfeldes  von  Sedan
für  einen  hohenzollernschen  Prinzen  und  deutschen  Offizier
ganz  natürlich  gewesen  sei,  so  hätte  er  ihm  doch  nichts  anderes
  antworten  können,  als  daß  der  Prinz  sich  als  König
von  Spanien  nur  von  spanischen  Interessen  hätte  leiten
lassen  können,  und  daß  zu  solchen,  namenklich  zur  Befestigung
  des  neuen  Königlums,  zunächst  eine  schonende  Behandlung
  des  mächkigen  Rachbarn  an  den  Pyrenäen  gehörk
  haben  würde.  Bismarck  war  viel  zu  sehr  Realpolitiker,
  als  daß  er  sich  Illusionen  über  die  Machk  dynastischer
  Einflüsse  gegenüber  der  viel  größeren  Machk  staaklicher
  Inkeressen  hätte  machen  können.  Und  er  glaubke
kaksächlich  nicht,  daß  man  in  Paris  anders  denken  würde.
Darum  hak  er  auch  die  Wufc,  die  sich  der  französischen
Regierung  und  unter  der  Einwirkung  ihrer  Presse  des
französischen  Volkes  bemächtigke,  als  die  Kandidakur  des
Prinzen  Leopold  aufsgestellt  wurde,  nichk  für  aufrichtig
gehalken,  sondern  für  eine  künstliche  Erregung,  um  die
endlich  gebokene  Gelegenheit,  mit  dem  Sieger  von  Sadowa
  abzurechnen,  unker  Zustimmung  des  ganzen  französi
  ischen  Volkes  benutzen  zu  können.

Es  ist  freilich  nicht  zu  leugnen,  und  Bismarck  selbst  hat
es  in  den  „Gedanken  und  Erinnerungen“  ohne  jede  Reue
zugegeben,  daß  ihm  dieser  Krieg,  der  von  Frankreich  ge-34
        <pb n="45" />
        wollt  war  und  der  ihm  unwermeidlich  erschien,  sehr  willkommen
  war,  weil  die  Krönung  seines  Lebenswerkes,  die
Einigung  der  deulschen  Stämme  im  Reich,  nur  auf  Grund
einer  Auseinandersetzung  mikt  Frankreich,  das  sie  mit  allen
Mitteln  verhindern  wollke,  möglich  war.  Wer  ihm  daraus
  einen  Vorwurf  machen  wollte,  der  müßke  auch  gegen
Cavour  denselben  Vorwurf  erheben,  der  den  Krieg  mit
Osterreich,  ohne  dessen  Besiegung  die  Einigung  Italiens
nichk  möglich  war,  vielleichk  noch  inbrünstiger  herbeisehnke
  als  Bismarck  den  Krieg  mit  Frankreich.  Daß
Frankreich  den  Krieg  wollke,  gehl  aus  der  Enktäuschung
hervor,  mit  der  in  Paris  die  Nachrichk  vom  Verzicht
des  Prinzen  Leopold  auf  die  (panische  Krone  aufgenommen
  wurde.  Die  Rede,  die  Gramonk  am  6.  Juli  1870  in
der  Sitzung  des  gesetzgebenden  Körpers  hielk,  war,  wie
Bismarck  schreibk,  schon  eine  amkliche  Bedrohung  mil  der
Hand  am  Degengriff,  vor  der  Preußen,  ohne  sich  zu  demütigen,
  nicht  mehr  zurückweichen  konnke.  Enkschlossenster
  Kriegswille  spricht  aus  den  Worken  des  französischen
  Ministers  des  Außeren:  „Wir  glauben  nichk,  daß
die  Achkung  vor  den  Rechken  eines  Nachbarvolkes  uns
verpflichkek  zu  dulden,  daß  eine  fremde  Machk  einen
ihrer  Prinzen  auf  den  Thron  Karls  V.  sete  ..  Dieser
Fall  wird  nicht  einkreken,  dessen  sind  wir  ganz  gewiß..
Sollte  es  anders  kommen,  so  würden  wir  unsere  Pflicht
ohne  Zaudern  und  ohne  Schwäche  zu  erfüllen  wissen.“

Häklte  aber  noch  jemand  an  Frankreichs  Kriegswillen
zweifeln  können,  so  hätte  er  von  seinem  Vorhandensein
überzeugk  werden  müssen,  als  Frankreich  nach  dem  Verzicht
  des  Prinzen  Leopold,  bei  dem  König  Wilhelm  aufakmeke,
  jene  berüchkigke  Forderung  an  den  König  stellte,

35
        <pb n="46" />
        deren  Nichterfüllung  den  Krieg  herbeigefübrt  hat,  die
Forderung  sich  durch  eine  Erklärung  für  alle  Zeiten  zu
verpflichten,  daß  niemals  ein  hohenzollernscher  Prinz  den
[panischen  Königskhron  besteigen  würde.  Zu  solcher  Forderung
  hakte  Frankreich  nichk  das  geringste  Recht;  es
mußke  ihre  Zurückweisung  voraussehen.  Sie  wurde  nur
gestellt,  um  den  Krieg  herbeizuführen.

Die  französische  Geschichtschreibung  will  es  nun  so  erscheinen
  lassen,  als  ob  krotz  der  Zurückweisung  dieser  Forderung
  der  Krieg  nichk  entstanden  wäre,  wenn  Bismarck
diese  ganz  selbstverständliche  Ablehnung  einer  unerhörken
  Zumukung  den  preußischen  Gesandkschafken  und  der
Offenklichkeit  nicht  in  der  Form  mitgekeilt  härte,  durch
die  er  die  Emser  Depesche  des  Herrn  Abeken,  wie  Moltke
lagke,  aus  einer  Chamade  in  eine  Fanfare  verwandelk
hak.  Er  soll,  so  wirft  man  ihm  noch  heute  in  Frankreich
vor,  durch  die  Form  dieser  Mikkeilung  eine  Geschichtsfälschung
  begangen  haben.  Wir  wissen  jetzt,  daß  das
Gegenteil  richkig  ist.  Er  hak  inkuikiv  aus  dem  Gefühl  heraus,
  daß  sein  König  die  unwerschämke  Forderung  des
Grafen  Benedekti  nicht  in  so  milder  Form  zurückgewiesen
  haben  konnke,  wie  es  nach  der  Emser  Depesche  des
Herrn  Abeken  erschien,  den  Vorgang  in  Ems  vollkommen
  richkig  geschildert.  Aus  dem  königlichen  Hausarchiy
sind  im  Jahre  1921  in  der  Festschrift,  welche  die  Kaiser-Wilhelms-Gesellschafk
  zur  Feier  ihres  zehnjährigen  Bestehens
  herausgab,  die  Aufzeichnungen  veröffenklicht  worden,
  die  König  Wilhelm  I.  über  seine  Unkerredung  mit
Benedekti  in  Ems  niedergeschrieben  hak.  Der  Berichk
ist,  wie  es  die  Gepflogenheik  des  Königs  war,  wenn  er
wichtige  Gespräche,  die  er  mit  politischen  Persönlichkei-36
        <pb n="47" />
        ten  hatte,  aufzeichnete,  in  Dialogform  und  in  derselben
Sprache  abgefaßk  worden,  in  der  die  Unkerhalkung  geführk
  wurde,  in  diesem  Fall  in  französischer  Sprache.  Es
geht  aus  ihm  klar  hervor,  daß  die  von  Bismarck  auf
Grund  der  Emser  Depesche  veröffenklichte  Darstellung
des  welkgeschichtlichen  Jorgangs  die  Behandlung  Benedettis
  um  keine  Spur  schroffer  erscheinen  läßt,  als  sie  kaksächlich
  war.  Diese  wenig  bekannk  gewordene  Aufzeichnung
  läßt  von  der  Fälschung  der  Emser  Depesche,  wie
Herman  Granier,  der  sie  mikgekeilk  hak,  richtig  sagk,
nichks  mehr  übrig,  und  sie  soll  deshalb  hier  im  Worklauk
  übersetzt  wiedergegeben  werden:

„Als  ich  meine  Brunnenpromenade  wie  gewöhnlich
von  acht  bis  zehn  Uhr  machte,  brachte  mir  Oberstleuknank
Prinz  Radziwill  [Flügeladjukank  des  Königs)  ein  Telegramm
  aus  Paris,  welches  ihm  Graf  Benedekti  soeben
einhändigen  ließ,  mit  der  Rachricht  aus  Madrid,  daß
der  Fürst  von  Hohenzollern  der  panischen  Regierung
lseines  Sohnes  Rückkritt  von  der  Annahme  der  spanischen
Krone  offziell  angezeigk  habe.  Da  ich  diese  Nachricht
noch  nicht  selbst  erhalten  hakke,  ließ  ich  dem  Grafen  Benedetti
  dies  sagen  und  für  die  Mikleilung  sehr  danken,  da
sie  von  so  hoher  Wichtigkeit  sei.  Als  ich  nach  Vollendung
der  Promenade  nach  Hause  gehen  wollke,  begegneke  mir
Graf  Benedekti  nahe  dem  Direktionsgebäude.  Ich  ging
auf  ihn  zu,  und  die  Hand  ihm  reichend  sagte  ich  svon  hier
ab  ist  der  Berichk  in  französischer  Sprache  geschrieben!:
„Ich  freue  mich,  Ihnen  zu  begegnen,  um  Ihnen  mündlich
für  die  wichtige  Mitteilung  zu  danken,  die  Sie  mir  soeben
  gemachk  haben;  Sie  sehen,  daß  Sie  in  diesem  Augenblick
  besser  und  früher  unkerrichkek  sind  als  ich  selbst,  denn

37
        <pb n="48" />
        ich  habe  diese  gute  Nachricht  noch  nicht  direkt  erhalten.
Ich  habe  nur  ein  Privattelegramm  svom  Fürsten  Anton
von  Hohenzollern;  Anm.  d.  Herausg.  erhalten,  das  sagt,
daß  Prinz  Leopold  wahrscheinlich  auf  die  Krone  verzichten
  werde.  Damit  ist  also  diese  Angelegenheit  erledigt,
die  uns  bei  der  Art,  wie  man  sie  bei  Ihnen  aufgefaßt  hat,
hätte  entzweien  können.“

Benedetti:,  Sicher,  Majestät,  ist  diese  Nachricht  sehr
erfreulich,  und  wir  können  uns  zum  Entschluß  des  Prinzen
  von  Hohenzollern  nur  beglückwünschen.  Aber  da  nur
der  Vaker  des  Erbprinzen  im  Namen  des  letzkeren  die
Mitteilung  des  Prinzen  weikergegeben  hat,  muß  man
noch  abwarken,  daß  dieser  seinen  Verzichk  bestätigk.“

Ich  enkgegneke  ihm,  daß  mir  diese  letzte  Forderung  verletzend
  für  den  Fürsten  von  Hohenzollern  erscheine,  da  er
doch  ganz  entschieden  nur  mit  Vorwissen  und  in  Ubereinstimmung
  mit  seinem  Sohn  eine  so  wichtige  Enkscheidung
offiziell  habe  geben  können.  Ubrigens  fehlken  mir  noch
alle  direkken  offiziellen  Mikkeilungen  vom  Fürsten,  die
ich  wahrscheinlich  im  Laufe  des  Tages  erhallen  und  ihm
mitkeilen  würde.  6

Benedekti:,  JMan  könnre  aber  dem  Fehlen  der  Erklärung
  des  Prinzen  Leopold  abhelfen,  wenn  Eure  Mojestät
uns  mikkeilen  wollten,  daß  Sie  sich  verpflichte,  niemals
zu  erlauben,  daß  Prinz  Leopold  darauf  zurückkommen
würde,  die  spanische  Krone  anzunehmen,  wenn  man  sie
ihm  wieder  anbieken  sollte.“

Ich  (meine  Überraschung  über  ein  solches  Ansinnen
nicht  verbergend)  ankworkeke:,  Sie  verlangen  da  von  mir
eine  Erklärung,  die  ich  unmöglich  abgeben  kann.  Unker
so  schwerwiegenden  Umständen  kann  man  sich  niemals  im

38
        <pb n="49" />
        voraus  die  Hände  binden,  solche  Fragen  kreken  immer  unker
  anderen  Formen,  Voraussetzungen  (conjectures)  usw.
in  die  Erscheinung,  so  daß  man  sie  von  neuem  und  gründlich
  prüfen  muß,  bevor  man  so  wichtige  Enkscheidungen
krifft.  Jch  bin  übrigens  überzeugk,  daß  Prinz  Leopold
nichkt  zum  zweikenmal  daran  denken  wird,  sich  auf  eine
solche  Unkernehmung  einzulassen,  nachdem  er  gesehen  hat,
welche  politischen  Verwicklungen  sie  zur  Folge  hak.

Benedekki:  „Es  ist  gewiß  nichk  wahrscheinlich,  daß  der
Prinz  nach  den  Erfahrungen,  die  er  gemachk  hak,  daran
deenkt,  auf  die  Sache  zurückzukommen,  die  er  aufgegeben
zu  haben  scheink,  aber  wir  sind  dessen  nicht  sicher.  Wenn
Eure  Moaxjestät  uns  die  Erklärung  abgeben,  die  ich  Ihnen
unkerbreikek  habe,  so  ist  die  Sache  sofork  und  für  immer
aus  der  Welk  geschafft."

Ich:  Ich  muß  wiederholen,  daß  ich  eine  solche  händebindende
  Erklärung  unmöglich  geben  kann,  und  niemand
an  meiner  Stelle  würde  es  kun.  Nehmen  wir  folgenden
  Fall  an:  Sie  als  Familienoberhaupk  haben  Ihre
Zustimmung  zur  Heirak  eines  JM#kgliedes  Ihrer  Familie
gegeben,  nach  einiger  Zeit  wünschen  die  Verlobten,  ihre
Verlobung  rückgängig  zu  machen,  ein  Drikker,  der  diese
Heirak  mißbilligk,  verpflichkek  Sie,  Ihr  Work  darauf  zu
geben,  daß  Sie  niemals  wieder  Ihre  Zustimmung  geben,
falls  die  jungen  Leute  nach  reiflicher  Uberlegung  in  der
UÜberzeugung,  daß  ihr  Glück  davon  abhängk,  wünschen,
ihre  Verbindung  zu  erneuern;  in  welcher  Lage  würden
Sie  sich  dann  diesem  Drikken  gegenüber  befinden,  wenn
Sie  selbst  überzeugk  sind,  daß  das  Glück  Ihres  VBerwandken
  von  dieser  Verbindung  abhängt?“

Benedekki:  „O,  das  würde  ja  nur  eine  Privakangelegen-39
        <pb n="50" />
        heit  sein;  die  ist  nicht  von  solcher  Wichtigkeit  wie  eine
Frage  der  hohen  Politik,  die  im  Begriffe  steht,  die  ver—
derblichsten  Folgen  für  uns  zu  haben.“

Ich:  ,Aber  wer  übernimmt  die  Verantwortung  dafür,
daß  nicht  in  einiger  Zeit  Kaiser  Napoleon  selbst  findet,
daß  der  Prinz  von  Hohenzollern  der  beste  Kandidat  für
den  spanischen  Thron  ist,  und  was  könnte  ich  in  diesem
Falle  tun,  wenn  ich  ihm  gegenüber  die  formellen  Verpflichtungen
  übernommen  hälte,  die  Sie  von  mir  verlangen?“


Benedekti:,  Aber  das  wird  niemals  geschehen,  die  öffenkliche
  I#Seinung  ist  zu  sehr  gegen  diese  Kandidakur  eingenommen,
  als  daß  der  Kaiser  jemals  daran  denken  könnke,
sie  wieder  aufleben  zu  lassen.  Die  Erregung  in  Paris  und
in  meinem  Lande  wächst  von  Stunde  zu  Stunde  und
läßk  das  Schlimmste  befürchken,  wenn  Eure  Moajestät  die
Erklärung,  die  ich  sordere  Gollicite),  nicht  abgeben.“

Jch:  „Mit  demselben  Rechk,  mit  dem  Sie  versichern,
daßder  Kaiser  niemals  wieder  auf  die  Kandidakur  Hohenzollern
  zurückkommen  wird,  könnke  ich  selbst  versichern,
daß  die  vom  Vaker  des  Prinzen  abgegebene  Erklärung
die  Frage  der  Kandidakur  für  immer  erledigt  hat.“

Nach  einer  Pause  sagke  Benedekti:,  J  umwohl,  Majestär,
  kann  ich  also  meiner  Regierung  schreiben,  daß  Eure
Moajestät  Ihre  Zustimmung  dazu  gegeben  haben,  zu  erklären,
  daß  Sie  dem  Prinzen  Leopold  niemals  erlauben
werden,  auf  die  in  Frage  stehende  Kandidakur  zurückzukommen?“


Ich  krat  bei  diesen  Worken  einige  Schrikte  zurück  und
sagte  in  sehr  ernstem  Ton:  „Es  scheink  mir,  Herr  Bokschafker,
  daß  ich  so  klar  und  deutlich  auseinandergesetzt

40
        <pb n="51" />
        habe,  daß  ich  niemals  eine  solche  Erklärung  abgeben  werde,
daß  ich  nichts  anderes  hinzuzufügen  habe."  Dabei  zog  ich
meinen  Hukt  und  ging  sort.“  —

Wer  kann  angesichks  dieser  unker  dem  frischen  Eindruck
  des  Erlebnisses  aufgeschriebenen  eigenhändigen  Aufzeichnung
  eines  Herrschers,  dessen  peinliche  Genauigkeikt
in  der  Wiedergabe  seiner  Gespräche  über  jeden  Zweifel
erhaben  ist,  behaupken,  daß  Bismarck  die  Geschichke  gefälscht
  hak,  wenn  er  diese  Unterhalklung  und  das,  was  ihr
folgk,  mit  der  durch  ihren  Zweck  bestimmken  Kürze  in  folgenden
  Worken  wiedergab:  „Nachdem  die  Nachrichken
von  der  Enkfagung  des  Erbprinzen  von  Hohenzollern  der
kaiserlich  französischen  Regierung  von  der  königlich  spanischen
  amtlich  mikgekeilk  worden  sind,  hak  der  französische
Botschafker  in  Ems  an  Seine  Moajestät  den  König  noch
die  Forderung  gestellt,  ihn  zu  autorisieren,  daß  er  nach
Paris  kelegraphiere,  daß  Seine  Majestät  der  König  sich
für  alle  Zukunft  verpflichte,  niemals  wieder  seine  Zustimmung
  zu  geben,  wenn  die  Hohenzollern  auf  ihre  Kandidakur
  wieder  zurückkommen  sollten.  Seine  Majestät
der  König  hak  es  darauf  abgelehnk,  den  französischen  Botschafter
  nochmals  zu  empfangen,  und  dem  Boflschafter
durch  den  Adjukanken  vom  Dienst  sagen  lassen,  daß  Seine
Majestät  dem  Botschafter  nichks  weiter  mitzukeilen  habe.“
Die  durch  den  Adjukanken  übermikkelke  Nachrichk,  von
der  in  dieser  Mikteilung  die  Rede  ist,  und  die  auch  der
Bericht  Abekens  enthält,  war  also  nur  eine  nochmalige
Bestätigung  der  Zurückweisung,  die  dem  französischen
Boftschafter  vom  König  direkt  zuteil  geworden  war.

Frankreich  hakke  auf  eine  von  wilden  Kriegsdrohungen
begleikeke,  durch  nichts  gerechkferkigke  und  nur  zum  Zweck

41
        <pb n="52" />
        der  Demütigung  erhobene  Forderung  vom  König  auf
öffentlicher  Promenade  die  gebührende  Zurückweisung  erfahren,
  und  der  französische  Nakionalstolz  verkrug  es
nichk,  daß  diese  diplomakische  Riederlage  von  der  in  der
brukalsten  Weise  herausgeforderken  preußischen  Regierung
  nichk  verheimlichk  wurde.  Darum  erklärte  Frankreich
  den  Krieg.  Es  hoffke  durch  ihn  seine  seit  zehn  Jahren
schon  bestehende  Vorherrschaft  in  Europa  für  alle  Zeiken
zu  begründen.  Heuke  noch  hälk  die  französische  Geschichkschreibung
  an  der  Auffassung  fest,  daß  es  zu  diesem  Kriege
völkerrechtlich  und  moralisch  berechkigk  war,  und  zerstörk
schon  durch  diese  Taksache  allein  die  Beweiskraft  der  historischen
  Begründung  der  Mankelnoke.

Frankreich  erklärke  den  Krieg,  weil  es  fürchkeke,  die
Erschükterung  seines  Prestiges  könnke  auch  seine  Vorherrschaft
  in  Europa  zum  Wanken  bringen.  Den  Deutschen
aber  war  diese  Kriegserklärung  nichk  deshalb  willkommen,
  weil  sie  hoffken,  durch  die  Miederzwingung  des  Friedensbrechers
  die  Erben  des  französischen  Welkeinflusses
zu  werden,  sondern  weil  nur  durch  diesen  Krieg  die  Einigung
  der  deutschen  Stkämme,  die  das  ganze  neunzehnke
Jahrhunderk  beherrschende  Sehnsucht  aller  Deutschen,
erfüllt  werden  konnke,  eine  Sehnsuchk,  die  Frankreich  dem
ikalienischen  Volke  zur  höchsten  Ehre,  dem  deutschen  Volke
aber  zum  Verbrechen  anrechnek.

Als  Folgedieser  Einigungerhoffke  und  erreichte  Deutschland
  nichk  ekwa  die  Vorherrschaft  in  Europa,  sondern
endlich  die  seinen  kulkurellen  Leistungen  für  die  Menschheit
  gebührende  und  ihm  immer  verweigerke  Gleichberechkigung.
  Die  Geschichte  der  Enkstehung  des  Krieges  von
1870  beweist  also  genau  das  Gegenkeil  von  dem,  was  die

42
        <pb n="53" />
        verbündeten  Mächte  in  ihrer  Antwort  auf  die  deutschen
Einwände  gegen  die  Friedensbedingungen  behaupten.  Es
war  nicht  der  preußische  Geist,  der  sich  nicht  damit  begnügte,
  daß  Deutschland  einen  großen  und  einflußreichen
Platz  im  Rate  gleicher  Nationen  einnehme,  sondern  es
war  der  gallische  Geist,  jener  von  der  Zeit  der  Bourbonen
  auf  die  Zeit  des  ersten  und  zweiten  Kaisertums
vererbte  Geist  maßlosen  Hochmuts,  der  sich  nicht  damit
absinden  konnke,  durch  Deutschlands  Aufstieg  zum  Abstieg,
  von  der  Vorherrschafk  zur  Gleichberechkigung  gezwungen
  zu  werden.  Und  der  Krieg  von  1870  hak  im
wesenklichen  darin  seinen  Grund,  daß  Frankreich  dem
denkschen  Volke  das  Anrechk  auf  diesen  einflußreichen
Platz  im  Rake  der  Nationen,  von  dem  die  Mankelnoke
behaupkek,  daß  er  ihm  niemals  verweigerk  worden  sei,
nichk  zugestehen  wollte.

Und  auch  nur  aus  diesem  Grunde,  um  diesen  Platz  behaupken
  zu  können,  nichkt  um  Deutschland  die  Vorherrschaft
  in  Europa  zu  sichern,  hak  Bismarck  sich  dazu  enkschlossen,
  nach  siegreichem  Kriege  die  Länder  wieder  mit
Deutschland  zu  vereinigen,  die  ihm  vor  zweihunderk  Jahren
  geraubt  worden  waren.  Denn  nichk  der  Besitz  des
Rheines,  sondern  erst  der  Besitz  der  Vogesen  konnke
Deutschland  vor  neuen  französischen  Angriffen  sichern,
die  nach  den  Erfahrungen  einer  kausendjährigen  Geschichte
gewiß  nichk  ausgeblieben  wären,  wenn  Deuktschland  auf
die  Wiedergewinnung  seines  rechkmäßigen  Eigenkums
verzichkek  häkke.  Ein  Volk,  das  sogar  Rache  für  Preubens
  Sieg  bei  Sadowa  verlangke,  würde  doch  erst  recht
Rache  für  den  am  eigenen  Leib  empfundenen  Sieg  von
Sedan  genommen  haben.  Bismarck  hak  dieser  Überzeu-43
        <pb n="54" />
        gung  in  dem  Rundschreiben,  in  dem  er  am  13.  September
  1870  den  europäischen  Mächten  ankündigke,  daß  er
die  Rückgabe  von  Elsaß-Lokhringen  verlangen  würde,
mit  folgenden,  den  französischen  Volkscharakker  richtig
kennzeichnenden  Worken  Ausdruck  gegeben:  „Es  ist  die
Niederlage  an  sich,  es  ist  die  siegreiche  Abwehr  ihres  frevelhaften
  Angriffes,  welche  die  französische  Nakion  ung
nie  verzeihen  wird.  Wenn  wir  jetzk  ohne  alle  Gebieksabkrekung,
  ohne  jede  Konkribution,  ohne  irgendwelche  Vorkeile
  als  den  Ruhm  unserer  Waffen  aus  Frankreich  abzögen,
  so  würde  doch  derselbe  Haß,  dieselbe  Rachsuchk
wegen  der  verletzken  Eitelkeik  und  Herrschsuche  in  der  französischen
  Nation  zurückbleiben,  und  sie  würde  nur  auf  den
Tag  warken,  wo  sie  hoffen  dürfke,  diese  Gefühle  mik  Erfolg
  zur  Tak  zu  machen.  Es  war  nichk  der  Zweifel  an  der
Gerechtigkeit  unserer  Sache  und  nicht  die  Besorgnis,  daß
wir  nichk  stark  genug  wären,  welche  uns  im  Jahre  1867
von  dem  uns  schon  damals  nahe  genng  gelegken  Krieg
abhielk,  sondern  die  Schen,  gerade  durch  unseren  Sieg
jene  Leidenschaften  aufzuregen  und  eine  Ara  gegenseitiger
Erbikterung  und  immer  erneuker  Kriege  heraufzubeschwören,
  während  wir  hoffken,  durch  längere  Dauer  und  aufmerksame
  Pflege  der  friedlichen  Beziehungen  beider  Nakionen
  eine  seste  Grundlage  für  eine  Tra  des  Friedens
und  der  Wohlfahrk  beider  zu  gewinnen.  Jetzk,  nachdem
man  uns  zu  dem  Krieg,  dem  wir  widerstrebken,  gezwungen
  hak,  müssen  wir  danach  streben,  für  unsere  Verkeidigung
  gegen  den  nächsten  Angriff  der  Franzosen  bessere
Bürgschaften  als  die  ihres  Wohlwollens  zu  gewinnen.“

Wenn  also  Wilson  im  achten  von  seinen  vierzehn  Punkten
  behauptet,  daß  das  im  Jahre  1870  von  Preußen

44
        <pb n="55" />
        Frankreich  in  bezug  auf  Elsaß-Lothringen  angekane  Unrecht
  fünfzig  Jahre  lang  den  Frieden  Curopas  bedroht
härte,  so  irrk  er.  Der  Sieg  von  Sedan  und  nichk  die  Annexion
  von  Elsaß-Lokhringen  hak  den  Frieden  Europas
bedrohrt.  Und  die  Annexion,  die  Erzwingung  der  Rückgabe
  dieser  Gebieke  war  auch  kein  Unrechk,  sondern  im
Gegenkeil  die  Wiedergukmachung  eines  Deukschland  angelanen
  Unrechts.

Kein  Franzose  wird  das  freilich  je  zugeben,  und  die
französische  Geschichtschreibung  leugnek  noch  heute,  daß
Ludwig  XIV.  deutschen  Boden  geraubt  hak.  Ja,  es  gibtf
in  Frankreich  ernst  zu  nehmende,  angesehene  Historiker
und  Publizisten  —  ich  nenne  nur  Maurice  Barrés  —
die  behaupten,  daß  die  Bevölkerung  des  Elsaß  der  deutschen
  Rasse  garnicht  angehöre,  sondern  keltischen  Ur-(prungs
  sei,  die  Erwin  von  Skteinbachs  Straßburger
Münster  für  das  Werk  des  französischen  Baumeisters
„Horvéde  Pierrefonds“  ausgeben,  dessen  Name  nur  barbarisch
  verdeutsche  worden  sei,  und  die  ersinden,  daß  die
Bevölkerung  des  Elsaß  während  des  ganzen  Mittelalkers
  mit  Widerwillen  das  deutsche  Joch  gekragen  und
Ludwig  XIV.  wie  einen  Befreier  begrüßkt  häkte,  daß  ferner
  kein  Deutscher  auch  nur  den  geringsten  Schmerz  über
den  Verlust  dieser  gesegneken  deutschen  Länder  empfunden
  habe.

Schon  die  französische  Sprache  straft  diese  Legenden
Lügen.  Denn  sie  nennk  ja  ganz  Deutschland  nach  dem
deulschen  Stamm,  der  das  Elsaß  bewohnk.  Wie  deutsch
diese  Gebieke  nach  zweihunderkjähriger  französicher  Herrschaft
  geblieben  sind,  dafür  will  ich  hier  nur  einen  Beweis
  aufführen,  den  auch  jeder  Franzose  für  umwiderleg-45
        <pb n="56" />
        lich  halten  muß.  Im  Jahre  1892  richtete  der  „Figaro“
eine  Rundfrage  an  hervorragende  deutsche  Politiker,  Ge—
lehrte  und  Dichter,  durch  die  er  ermitteln  wollte,  wie
man  in  Deukschland  über  die  Zurückgabe  von  Elsaß-Lokhringen
  oder  seinen  Auskausch  gegen  französische  Kolonien
oder  über  die  Verwandlung  der  Reichslande  in  einen  neukralen
  Staat  denke.  Unker  den  auf  diese  Fragen  eingegangenen
  Ankworken,  die  im  „Figaro“  vomH.  März  1892
veröffenklicht  wurden,  befindek  sich  auch  die  des  Professors
  Lujo  Brenkano.  Ich  will  sie  hier  zum  Teil  in  ihrem
Worklaut  wiedergeben,  weil  sie  bezeichnend  für  die  Stimmung
  ist,  die  damals  selbst  so  maßvolle  und  friedliebende,
der  Verständigung  mit  Frankreich  so  zugekane  I#änner
beherrschte,  wie  es  der  berühmfe  IRünchener  Naktional-=ökonom
  war  und  ist.  Ich  erwähne  sie  aber  hauptsächlich
deshalb,  weil  sie  ein  Schriftstück  enthälk,  durch  das  der
oben  erwähnte  Beweis  geführk  wird.

Die  Ankwork  Brenkanos  lautek  in  deutscher  Übersetzung:
  „Sehr  geehrker  Herr!  Sie  richken  an  mich  eine
Reihe  von  auf  Elsaß-Lothringen  bezüglichen  Fragen,  die
ich  nur  auf  Ihr  dringendes  Verlangen  und  in  der  Hoffnung
  beantworke,  daß  Sie  es  mir  nichf  verübeln,  wenn
ich  meine  Ansichk  ganz  offen  ausspreche.  Ich  halke  die
Rückgabe  von  Elsaß-Lokhringen  an  Frankreich  oder  die
Neukralisterung  dieser  Gebieke  für  vollkommen  unmöglich.

„Keine  Gegenleistung,  sei  es  in  Geld  oder  in  der  Abkrekung
  von  Tonkin  oder  IUadagaskar,  würde  jemals
vom  deutschen  Volke  angenommen  werden.  Die  Erklärung
  dafür  muß  man  in  der  Geschichke  suchen.  Skraßburg
  wurde  seinerzeik  mikken  im  Frieden  Deukschland  durch
Ludwig  XIV.  enkrissen.  Das  Gefühl  für  diese  schmachvolle

40
        <pb n="57" />
        Ungerechtigkeit  ist  im  deutschen  Volke  niemals  erloschen,
zumal  das  Elsaß,  solange  es  französisch  war,  Frankreich
immer  als  Einfallstor  gegen  Deutschland  gedient  hat.
Deutschland  wird  niemals  damit  einverstanden  sein,  daß
dieses  für  seine  Sicherheit  so  gefährliche  Gebiet  jemals
wieder  in  fremde  Hände  kommt,  solange  in  Europa  Ge—
wehre  und  Kanonen  über  das  Schicksal  der  Völker  ent—
scheiden.  Ich  will  nicht  bestreiten,  daß  eine  große  Anzahl
der  Bewohner  von  Elsaß-Lohringen  noch  wider  ihren
Willen  Deutsche  sind,  und  mit  Bikkerkeik  ihre  Gefühle
den  politischen  Inkeressen  Deurschlands  geopferk  sehen.
Ich  bestreite  ebensowenig,  daß  der  Entschluß  Deutschlands,
  Elsaß-Lothringen  um  seiner  Sicherheik  willen  zu
behalten,  diesem  Lande  gleichzeikig  schwere  Opfer  an  Geld
und  Menschen  auferlegk.  Aber  Sie  dürfen  die  Zahl
der  Elsaß-Lokhringer  nichk  überschätzen,  deren  Liebe  zu
Frankreich  den  Sieg  über  ihre  anderen  Inkeressen  davonkrägk.
  Die  Masse  der  elfässischen  Bevölkerung  ist
unter  der  französihen  Herrschaft  nichk  französisch  geworden.
  Ich  hoffe,  daß  Sie  nichk  annehmen,  ich  häkke,  wenn
ich  das  sage,  auch  nur  die  geringste  Absichk,  Sie  zu  verletzen;
  aber  Sie  glauben  vielleicht,  daß  ich  in  ukopistischen
Illusionen  befangen  bin.  Wenn  das  der  Fall  sein  sollte,
so  erlauben  Sie  mir,  daß  ich  Ihnen  klassische  Zeugen  für
meine  Zehaupkung  vorführe:  Im  Jahre  1869,  also  kurze
Zeit  vor  dem  Kriege,  richkeken  die  Herren  Charles  Kestner,
  Louis  Chauffour,  J.  B.  Rudolf,  Dr.  Klippel,  Alfred
  Köchlin  und  August  Scheurer  aus  JMülhaufen  einen
Aufruf  in  deutscher  Sprache  an  die  Arbeiker  von  Elsaß-Lokhringen.
  Warum  in  deukscher  und  nichk  in  französsscher
  Sprache?  In  ihrem  Aufruf  ankworken  sie  selbst  auf

47
        <pb n="58" />
        diese  Frage  mit  folgenden  Worten:  „Einzig  und  allein
deshalb,  weil  die  Mehrheit  und  die  überwiegende  Mehrheit
  des  elsässischen  Volkes  deutsch  denkt,  deutsch  fühlt,
deutsch  spricht,  ihren  Religionsunterricht  in  deutscher
Sprache  empfängt,  nach  deutscher  Sitte  lebt  und  die
deutsche  Sprache  nicht  vergessen  will.  Eine  große  Zahl
unter  ihnen  sprechen,  schreiben  und  lesen  freilich  auch  französisch,
  aber  auch  die,  die  Französisch  gelernt  haben,  denken,
  fühlen  und  unkerhalken  sich  mikeinander  krotzdem  auf
deuksch,  und  darum  sprechen  wir  zu  ihnen  in  der  Sprache
ihrer  Mürker,  der  Sprache  ihrer  Kindheit,  der  Sprache,
in  der  sie  ihre  Kinder  erziehen  und  liebkosen,  in  der  sie
um  ihre  Frauen  werben  und  sich  beim  Tode  ihrer  Elkern
frösten.“

Kann  man  mit  glühenderen  Worken  bestätigen,  daß
die  Bewohner  von  Elsaß-Lokhringen  noch  bis  in  die  Knochen
  deutsch  waren,  nachdem  sie  schon  zwei  Jahrhunderke
unker  französischer  Herrschaft  gelebk  hakten,  als  es  hier
dieselben  Elsässer  kun,  die  zwei  Jahre  späker  in
der  Nationalversammlung  von  Bordeaux  feierlichen
  Einspruch  gegen  den  Frankfurker  Friedenerhoben?
  Läße  sich  angesichks  dieses  wirklich  klassischen
  Zeugnisses  die  fünfzig  Jahre  lang  immer  wiederholke
  Behauptung  noch  aufrechk  erhalken,  daß  wir  im
Jahre  1871  „ein  Stück  aus  Frankreichs  Fleisch  geschnikten“
  und  Elsaß-Lokhringen  von  der  amere  patriee  —  das
ist  der  immer  wieder  angewandke  pleonastische  Ausdruck
—  losgerissen  hätten?  Woran  erkennk  man  denn  die
JRukker  eines  Kindes,  wenn  nichk  daran,  daß  dieses  Kind
dieselbe  Sprache  spricht  und  ebenso  denkt  und  fühlt  wie
sie,  und  daß  beide  das  Band  gemeinsamer  Sikken  und

48
        <pb n="59" />
        Gebräuche  umschlingt?  Dann  aber  ist  die  »mère  patrie«
von  Elsaß-Lokhringen  nach  dem  eigenen  Urteil  der  Ver—
treter  des  elsässischen  Volkes  Deutschland,  und  Frankreich
  ist  höchstens  die  Stiefmutker,  die  in  zweihunderkjährigem
  Bemühen  die  Kinder  der  nakürlichen  Ilukker
enkfremdek  hak.

Der  Behaupkung  aber,  daß  die  Bevölkerung  des  Elsaß
Ludwig  XIV.  mit  Begeisterung  als  ihren  Herrscher  begrüße
habe,  und  daß  der  Verlust  von  Straßburg  von  keinem
Deutschen  schmerzlich  empfunden  worden  sei,  will  ich  nur
zwei  zeikgenössische  Zeugnisse  gegenüberstellen.  Im  Jahre
1664  schrieb  der  ehrsame  Straßburger  Schuhmachermeister
  Mathias  Tauberer  in  sein  „Hausbüchlein“:  „Drey
Wochen  vor  Ostern  ist  der  Masserin  (Mazarin)  hierhergekommen
  und  hat  die  Statt  begehrt  under  sein  Joch  zu
bringen,  und  die  Leit  sind  in  großen  engsten  gewesen  hir
in  der  Statt,  aber  Gott  hat  uns  erhalten  vor
seinem  Joch.  Gott  woll  uns  ferner  erhalten.“
Und  als  nun  die  Franzosen  doch  in  Straßburg  einzogen,
da  schreibt  derselbe  Straßburger  Chronist:  „Anno  1673
hat  uns  Gott  doch  gestrafft  mit  den  Franzosen.“  Und  im
Jahre  1681  schrieb  die  brave  Liselotte  von  der  Pfalz,  die
Herzogin  von  Orleans,  die  sich  ihr  deutsches  Herz  am  französischen
  Hofe  bewahrt  hatte,  an  ihren  Bruder:  „Ich
habe  geheult,  als  ich  mit  dem  König  in  die  alte  deutsche
Reichsstadt  einzog.“

Das  „Unrecht“,  das  Deutschland  im  Jahre  1871  begangen
  und  das  den  Frieden  Europas  fünfzig  Jahre  gestörk
  haben  soll.  besteht  darum  einzig  und  allein  darin,  daß
wir  die  Bevölkerung  von  Elsaß  Lokhringen,  die  deutsch
(prach,  dachfe  und  fühlte,  ohne  ihre  ausdrückliche
Kronprinz  Wilbelm,  Ich  suche  d.  W.  4

49
        <pb n="60" />
        Zustimmung  an  das  Deutsche  Reich  angeschlossen  haben.
Wenn  das  ein  Unrecht  war,  so  haben  die  Mächte,  die
uns  die  Friedensverkräge  von  1919  dikkierk  haben,  für
alle  Zeiken  das  Rechk  verwirkk,  es  uns  vorzuwerfen,
denn  sie  haben  in  diesen  Verkrägen  nichk  nur  dasselbe
Unrechk  begangen,  das  sie  uns  nichk  verzeihen,  sondern  sie
haben  von  Deutschland  und  Osterreich  Bevölkerungen
losgerissen,  die  deutsch  sprechen,  denken  und  fühlen,  während
  die  Elsässer  niemals  französisch  gesprochen,  gedacht
und  gefühlt  haben.  Sie  haben  das  gekan,  obwohl  sie  sich,
indem  sie  die  vierzehn  Punkke  Wilsons  zur  Grundlage
der  Friedensverkräge  zu  machen  versprachen,  verpflichket
hakten,  es  nicht  zu  kun.  Wer  Danzig,  I##emel  und  Südfirol
  aus  ihrem  Skaaksverbande  gerissen  hak,  wer  das
Selbstbestimmungsrecht  der  Einwohner  von  Cupen  und
AMealmedy  durch  gewalksame  Verhinderung  der  freien
JReinungsäußerung  mit  Füßen  gekreken  hak,  wer  Oberschlesien
  krotz  einer  Abstimmung,  die  klar  und  deuklich
zum  Auedruck  brachte,  daß  es  deutsch  bleiben  wollke,  seinen
  schlimmsten  Feinden  auslieferte  und  den  polnischen
Korridor  durch  deutsches  Gebiek  legke,  der  hak  nichk  das
geringste  Rechk  dazu,  die  Wiedervereinigung  von  Elsaß-Lothringen
  mit  seinem  Mukkerlande  für  ein  Unrechk  zu
erklären.  Ja  das  Unrechk,  das  er  mit  dieser  Verstümmelung
  Deukschlands  begehe,  ist  viel  größer  als  das,  was
Deutschland  an  Frankreich  begangen  haben  soll,  weil
eben  das  Elsaß  ein  deuksches  Land  war.  Und  sein  Unrechk
  ist  umso  unentschuldbarer,  weil  es  von  Mächken
begangen  wird,  die  erklären,  daß  das  angebliche  Unrecht
pon  1871  den  Frieden  CEuropas  fünfzig  Jahre  bedroht
habe,  von  Meännern  also,  die  bei  Begehung  ihres  Un-50
        <pb n="61" />
        rechts  das  Bewußtsein  haben  mußten,  durch  diesen  Raub
unzweifelhaft  deutschen  Landes  den  Frieden  Europas  in
viel  höherem  Grade  zu  bedrohen,  als  Deutschland  durch
die  Wiedernahme  von  Elsaß  Lothringen.  Zweifellos
konnte  Deutschland  beim  Abschluß  des  Frankfurter  Friedens
  die  Hoffnung  hegen,  seine  ihm  entfremdeten,  aber
durch  Rasse,  Sprache  und  Kultur  immer  verbunden  gebliebenen
  Volksgenossen  mit  der  Zeit  auch  politisch  wieder
  zu  gewinnen.

Zweites  Kapitel
Deutschlands  Friedenspolitik  1671—1885

m  18.  Januar  1871  war  durch  die  Begründung  des

deutschen  Kaiserreiches  das  deutsche  Volk  als  gleichberechkigker
  Fakkor  in  das  System  der  europäischen  Mächte
eingetreten.  Es  war  nichk  seine  Schuld,  daß  seine  Sehnsuchk
  nach  der  Einheik  und  nach  der  Machtstellung,  die
ihm  zukam  und  nur  auf  dieser  Einheit  begründek  werden
konnke,  durch  einen  Krieg  erfüllt  werden  mußke.  Das
lag,  wie  im  ersten  Kapitel  dargelegk  worden  ist,  nicht  am
milikärischen  Wesen  des  preußischen  Geistes,  sondern  an
der  unbegründeken  Furché  und  dem  NReid  seines  Nachbarn.
  Der  Gedanke,  den  nach  der  Erfüllung  dieser  Sehnsucht
  Kaiser  Wilhelm  I.  und  sein  großer  Reichskanzler
während  zweier  Jahrzehnke  zum  Leikstern  ihrer  Politik
machten,  war  der  der  Sicherung  des  so  schwer  Errungenen.
  Eine  Politik  aber,  die  von  diesem  Gedanken  geleikek
war,  konnke  nur  auf  die  Erhalkung  des  Friedens  gerich-51
        <pb n="62" />
        tet  sein,  denn  jeder  Krieg  mußte  bei  der  Eifersucht,  mit
der  nicht  nur  der  durch  seine  Niederlage  am  meisten  geschädigte
  westliche  Nachbar,  sondern  auch  andere  Großmächte
  den  Aufstieg  Deutschlands  ansahen,  den  Bestand
des  Reiches  gefährden.

Daß  ein  Skaak,  der  nach  Jahrhunderke  währenden
Kämpfen  zu  der  ihm  immer  verweigerken  Gleichberechtigung
  emporsteigt,  sich  den  mit  blutigen  Opfern  erkaufken
  Platz  unker  den  Großmächken  zu  sichern  suchk,  ist  bisher
  in  der  Geschichke  immer  und  überall  für  selbstverständlich
  gehalken  worden,  und  jedes  Volk  hätte  Regierungen,
  die  diese  heiligste  aller  ihrer  Pflichten  nicht
mit  Aufbiekung  ihrer  ganzen  Krafk  erfüllt  hätten,  mir
Recht  verurkeilk  und  hinweggefegk.  Dem  deutschen  Kaiser
  aber  und  seinem  leikenden  Skaaksmann  wird  es  von
den  zu  Richkern  gewordenen  Anklägern  der  Enkenkemächte
  zum  Vorwurf  gemachk,  daß  sie  eine  so  selbstverständliche
  Politik  gekrieben  haben.  J—Uan  glaubk  seinen
Augen  nicht  zu  krauen,  wenn  man  in  dem  Buch  von
E.  Bourgeois  und  G.  Pages!  über  die  Ursachen  und  die

 

1)  E.  Bourgeois  und  G.  Pages,  Les  origines  et  les  responsabilités
de  la  grande  guerre.  Preuves  et  avenz  Paris  1922.  Dieses  Buch  ist
niches  anderes  als  die  Ausgestaltung  des  im  Sommer  1919  erstattelen,
  aber  erst  am  9.  Januar  1937  im  „Journal  officiel“  veröffentlichteen
  Berichtes  der  Senakskommission,  die  zur  Unkersuchung  der  Schuldfrage
  eingesetzt  worden  war.  Ich  werde  im  wesentlichen  melnen  Ausführungen
  diese  Anklageschrife  zugrunde  legen,  weil  sie  sich  wenigstens
bemähtr,  ihre  Behauptungen  zu  beweisen,  und  unker  allen  Schriften,  die
Deutschlands  dolose  Schuld  am  Kriege  nachweisen  wollen,  noch  die  objektivste
  ist,  durch  ihre  Widerlegung  also  alle  oberflächlicher  begründeten
Anklagen,  die  in  der  Schuldfrage  gegen  Deutschland  erhoben  worden
sind,  erst  recht  widerlegt  werden.

52
        <pb n="63" />
        Berantwortlichkeit  des  großen  Krieges  die  Feststellung
dieser  Selbstverständlichkeik  im  Tone  des  Borwurfs
ausgesprochen  siehk,  und  wenn  in  jenem  Buch  die  Erfüllung
  dieser  selbstverständlichen  Pflicht,  die  Verkeidi--gung
  der  Machkstellung  und  der  endlich  wiedergewonnenen
  rechkmäßigen  Grenzen  des  deutschen  Reiches,  dafür
verankworklich  gemacht  wird,  daß  der  Frieden  Europas
beständig  bedrohr  war.

Auf  Grund  dieser  den  Sachverhalt  umkehrenden  Behauptung
  schreiben  die  Herren  Bourgeois  und  Pages:
„Damit  sie  (die  „Annektion")  endgülkig  werden  konnke,
mußke  Frankreich  enkweder  jede,  auch  serne  Hoffnung  auf
die  Revision  des  Frankfurter  Friedens  preisgeben  und
damik  gleichzeikig  die  verlorenen  Provinzen  und  das  Recht
der  Völker  verletzen,  oder  Deutschland  mußte  Frankreich
so  schwächen,  daß  es  von  ihm  nichks  mehr  zu  fürchken
hakte.  Das  waren  die  beiden  allein  möglichen  politischen
Ziele,  solange  der  Vertrag  von  Frankfurk  in  Kraft  blieb,
zwei  Ziele,  zwischen  denen  die  Regierung  in  Berlin  von
1871  bis  1914  hin  und  her  schwankke.“  1  Dabei  vergessen
die  Herren  die  drikte  Möglichkeit,  daß  die  Regierung
durch  Bündnisse,  die  auf  die  Erhalkung  des  Friedens
  gerichkek  waren,  und  durch  ihr  Schrikthalken
mit  den  Rüstungen  der  anderen  europäischen  Bölker
den  von  Deutschlands  Nachbarn  im  Osten  und  im  Westen
  bedrohfen  status  quo  in  Curopa  aufrechkerhalten
konnke.

Fürst  Bismarck  hak  mit  allen  Milkeln  seiner  großen
Staalskunst  diese  drikte  Möglichkeik  während  der  bei- 



1)  A.  a.  O.  Seite  152.

53
        <pb n="64" />
        den  Jahrzehnte  seiner  Reichskanzlerschaft  zur  Wirk—
lich  keit  gemacht.

Es  ist  eine  akkenmäßig  beweisbare  Entstellung  der
Wahrheit,  daß  er  die  Verwirklichung  der  zweiten
Mooglichkeit,  die  freilich  mur  durch  einen  Krieg  häkkte  herbeigeführk
  werden  können,  jemals  versucht  habe.

Was  hier  als  das  Ziel  der  Bismarck'schen  Politik  bingestellt
  wird,  das  haben  vielmehr  gerade  die  Jächte,  die
sich  zu  unserer  Vernichkung  verbündek  hakken,  im  Jahre
1919  nicht  nur  angestrebk,  sondern  erreichk:  die  Schwächung
  des  Feindes  bis  zur  vollkommenen  Wehrlosigkeik.
  Das  ist  der  Gedanke,  der  jeden  Arkikel  des
Verkrags  von  Versailles  durchwehl,  der  Deutschland
gegenüber  verwirklichk  worden  ist.

Wer  häkte  das  siegreiche  Dentschland  im  Jahre  18)1
verhindern  können,  Frankreich  ähnliche  Bedingungen
aufzuerlegen,  wie  sie  die  Enkwaffnungsarkikel  des  Verkrages
  von  Versailles  Deutschland  auferlegk  haben?  Bismarck
  hak  niche  einmal  den  Versuch  gemachr,  dem  Recht
Frankreichs  auf  die  unbegrenzle  Stärkung  seiner  Wehrmacht
  im  Frankfurker  Frieden  auch  nur  die  geringste
Schranke  in  den  Weg  zu  stellen.  Und  Frankreich  har
von  diesem  Recht  schon  wenige  Jahre  nach  dem  Abschluß
des  Friedens  den  ausgiebigsten  Gebrauch  gemachk.  Am
12.  April  16875  konnke  der  Skaakssekrekär  Bernhard
v.  Bülow  in  einem  Immediakbericht  an  Kaiser  Wilhelml.,
der  Besorgnisse  über  die  Bedrohung  des  Friedens  geäuherk
  hatte,  schreiben:  „Frankreich,  welches  jetzk  noch  zirka
36  100  000  Einwohner  zählé,  sollte  bisher  und  ohne  die
jetzt  beschlossene  Fermehrung  der  Infankeriekadres  nach
dem  Budgek  von  1898  eine  Friedensstärke  von  442  04

54
        <pb n="65" />
        auf  eine  Kriegsstärke  von  zusammen  (mit  den  Reserven
der  Aktiven-  und  der  Territorialarmee)  2423  164  Mann
erreichen.“1

Mit  einem  Schlage  vermehrke  Frankreich  seine  Armee
vier  Jahre  nach  dem  Frieden  um  144  Bakaillone.  Und
dieselben  Männer,  die  dem  Fürsten  Bismarck  Herrschaftsgelüste
  vorwerfen,  weil  eine  solche  Vermehrung  des  Heeres
  gegenüber  einem  Nachbarn,  der  nichks  wollte,  als  den
status  quc  erhallen,  ihn  beunruhigke  und  zu  diplomakischen
Gegenmaßregeln  veranlaßte,  wagen  jetzk,  das  deutsche
Volk  der  Bedrohung  des  Friedens  zu  bezichkigen,  weil
es  angeblich  einige  für  den  Kriegsfall  garnicht  brauchbare
  Waffen  mehr  besitzen  soll,  als  der  Verkrag  von
Versailles  ihm  erlaubk.  Sind  sie  sich  nicht  bewußk,  daß
sie  mit  solcher  Anklage  der  Anklage  den  Boden  entziehen,
  die  sie  in  ihrem  Berleumdungefeldzug  gegen  die  diplomakische
  Sicherungsakkion  Bismarcks  im  ersten  Jahrfünfk
nach  der  Begründung  des  Reiches  erheben?

Das  oben  zitierke  Buch  der  Herren  Bourgeois  und
Pages  erkennk  übrigens  an,  daß  Fürst  Bismarck  während
der  ersten  zwei  Jahre  nach  dem  Frankfurker  Frieden  an
keinen  Krieg  gegen  Frankreich  gedacht  hak.  Aber  es  behaupkek,
  daß  er  auch  schon  während  dieser  Zeit  Drohungen
  zur  Einschüchterung  Frankreichs  ausgesprochen  habe,
aus  denen  auf  die  Gewalkkätigkeit  der  deutschen  Politik
zu  schließen  sei.  Welche  Beweise  führk  es  dafür  an?

Während  der  Dauer  der  Okkupation  waren  im  No- 



1)  Die  große  Polltik  der  europlschen  Kabinecte  1871—1914.  Sammlung
  der  diplomatischen  Akten  des  Auswärtigen  Amées,  herausgegeben
von  Johannes  Lepfius,  Albreche  Mendelssohn-Bartholdy,  Friedrich
Thimme.  Zd.  I,  S.  257.  Im  folgenden  kurz  „Akeen“  genanne.

55.
        <pb n="66" />
        vember  1871  zwei  deutsche  Soldaten  von  Franzosen  ermordek
  worden.  Die  Mörder  wurden,  obwohl  sie  geständig
  waren,  freigesprochen.  Bismarck  beauftragke  darauf
den  damals  noch  außerordenklichen  deultschen  Gesandken
in  Paris,  den  Grafen  Arnim,  die  französische  Regierung
auf  die  Folgen  solcher  Taken  und  Urkeile  hinzuweisen,
und  genehmigke  die  Einführung  des  Belagerungszustandes
  in  den  besetzten  Gebieken,  um  dadurch  die  Milikärgerichksbarkeik
  für  Verbrechen  gegen  die  Truppen  zu
sichern.  Die  Anklageschrift  der  Herren  Bourgeois  und
Pages  neunk  das  einen  ungerechtfertigten  Gewalkakt,  weil
Fürst  Bismarck  gewußk  habe,  daß  die  französische  Regierung
  auf  die  Urkeile  der  Geschworenengerichte  keinen  Einfluß
  habe,  und  bezeichnek  die  Veröffenklichung  des  Brieses
  an  den  Grafen  Arnim,  in  dem  Fürst  Bismarck  diese
Maßregelrechrfertigke,  als  eine  Provokation.  Uber  solche
Enkrüstungen  brauchke  man  schon  deshalb  kein  Workt  zu
verlieren,  weil  sie  von  Mhännern  herrühren,  die  es  für  vollkommen
  gerechtferkigk  halken,  daß  in  den  jetzt  von  fremden
Truppen  besetzken  Gebieken  Deutschlands  jeder  Deutsche,
der  sich  des  kleinsten  Vergehens  gegen  die  Besatzungskruppen
  schuldig  macht,  nichk  vor  ein  deutsches,  sondern
vor  ein  französisches  Kriegsgerichk  gestellt  und  in  summarischem
  Verfahren  zu  den  furchkbarsten  Strafen  verurkeilt
  wird.  Sie  halken  es  also  für  erlaubt,  ja  für  nolwendig,
  daß  der  Zustand,  den  Bismarck  erst  infolge  zweier
ungefühnk  gebliebener  IMorde  in  Frankreich  herbeiführte,
vonvornherein  für  fünfzehn  Jahre  den  besetzken  Provinzen
Deukschlands  durch  das  Rheinlandabkommen  aufgezwungen

  worden  ist.  Wenn  man  nun  aber  gar  erst  den  Worklauk

  des  Brieses  liest,  dessen  Weröffenklichung  hier  für

50
        <pb n="67" />
        eine  Provokation  erklärt  wird,  und  ihn  mit  den  während
der  Dauer  der  Besetzung  von  der  französischen  Regierung
und  von  der  Rheinlandkommission  aller  Welt  bekanntgegebenen
  Verordnungen  gegen  die  Bevölkerung  der  besetzten
  Gebieke  und  mit  den  Noken  vergleichk,  die  die  Entenkemächte
  an  die  deutsche  Regierung  bei  ähnlichen  Anlässen
  seit  fünf  Jahren  gerichkek  haben,  dann  wirkk  der  bei
dieser  Gelegenheit  erhobene  Vorwurf  der  Provokakion
wie  ein  schlechker  Scherz.  Denn  der  vom  7.  Dezember
1871#  datierke  Brief  Bismarcks  an  den  Grafen  Arnim  begann
  mit  folgenden  Worken!:  „Euer  pp.  haben  durch
die  Presse  Kunde  von  den  Eindrücken  erhalken,  welche
die  Freisprechungen  in  Melun  und  Paris  auf  die  öffentliche
  M#einung  Deutschlands  gemachk  haben;  so  verschiedene
  Parkeien  es  auch  bei  uns  geben  mag,  diesen  Taksachen
  gegenüber  sind  sie  alle  derselben  Meinung.  Es  liegt
uns  fern,  der  französischen  Regierung  eine  Verantworklichkeit
  für  die  Aussprüche  der  Geschworenen  beizumessen,
und  wir  wollen  gern  glauben,  daß  sie  auch  die  Stimmung
  der  bei  solchen  Prozessen  bekeiligken  Beamken  zu
beherrschen  nicht  imstande  ist.  Im  Gegenkeil,  die  Daksache,
  daß  das  Rechksgefühl  in  Frankreich  auch  in  den
Kreisen,  in  welchen  man  vorzugsweise  die  Freunde  der
staatlichen  Ordn#ungund  der  gesicherken  Rechkepflege  sucht,
so  vollständig  verloren  gegangen  ist,  setzt  Europa  in  den
Stand,  die  Schwierigkeiken  zu  würdigen,  welche  die  französische
  Regierung  bei  ihren  Bestrebungen  sindek,  den
Sinn  für  Rechk  und  Ordnung  von  dem  Drucke  zu  befreien,
  unker  welchem  er  durch  die  Leidenschaftlichkeit  der

 

1)  Akten  Bd.  I,  S.  103.

57
        <pb n="68" />
        Massen  gehalten  wird.  Wenn  ich  Ew.  pp.  dennoch  ersuche,
  den  Gegenstand  mit  Herrn  v.  RNémufakt  zu  besprechen,
  so  geschiehl  dies  nicht,  um  die  Vorwürfe  der  deutschen
  Presse  an  die  Adresse  der  französischen  Regierung
zu  bringen,  sondern  um  dem  Einwand  vorzubengen,  daß
wir  unsere  Ansichk  über  die  Folgen,  welche  sich  an  die
Wiederholung  ähnlicher  Vorgänge  knüpfen  könntken,
nicht  rechtzeilig  geäußerk  hätten.“

An  diese  Einleikung  knüpft  sich  nun  nichk  ekwa  die  Mitleilung,
  daß  Repressalien  ergriffen  werden  würden,  wenn
solche  Fälle  sich  wiederholten,  sondern  die,  daß  „der  Grad
der  sittlichen  Bildung  und  das  ehrliebende  Rechksgefühl,
das  dem  deutschen  Volke  eigen  sei,  die  naheliegende
Anwendung  des  jus  talionis  ausschließe".  Und  die
Veröffenklichung  dieses  Briefes,  der  nicht  mit  einer  Anklage,
  sondern  im  Gegenkeil  mit  einer  Enkschuldigung
  der  französischen  Regierung  eingeleikek  wird,  und
die  nur  erfolgke,  weil  die  französische  Presse  über  die  Sicherung
  der  deutschen  Truppen  durch  die  Einführung  der
Milikärgerichksbarkeik  ganz  aus  dem  Häuschen  geraken
war,  wagen  die  Verfasser  des  Berichkes  der  Senakskommission
  eine  Provokakion  zu  nennen,  während  sie  die  immerwährende
  Androhung  und  Anwendung  von  willkürlichen
  Repressalien  im  besetzten  Deutschland  für  erlaubt
halten.  Wenn  das  eine  Provokakion  ist,  dann  ist  jede
Rede  gegen  die  Bevölkerung  der  Rheinlande,  die  seit
1919  von  französischen  Staaksmännern  gehallken  worden
ist,  und  jede  Ordonnanz  der  Rheinlandkommission  eine
kausfendfache  Provokation!

 

1)  Minister  des  Außeren.

58
        <pb n="69" />
        Es  ist  richtig,  daß  Bismarck,  durch  das  wüste  Rachegeschrei
  der  französischen  Presse,  die  unauf  hörlich  den  Krieg
verlangke,  beunruhigk,  dem  französischen  Geschäftskräger
in  Berlin  erklärte,  es  wäre  vielleicht  vernünftig,  wenn
Deutschland  die  Wahl  des  Zeitpunkkes  der  Eröffnung
der  Feindseligkeiken,  falls  diese  doch  einmal  vom  französischen
  Volke  begehrk  würden,  nichk  der  französischen
Regierung  überließe,  also  hier  den  Gedanken  des  Prävenkipkrieges
  angedenukek  hak.  Aber  es  besteht  kein  Zweifel
  darüber,  daß  er  auch  damals  nichk  ernstlich  daran  gedacht
  hak,  einen  Prävenkivkrieg  zu  führen.  Das  Gespräch
mik  Herrn  Gabriac,  dem  französischen  Geschäftskräger,
das  in  dem  Berichke  der  Senakskommission  erwähnt  wird
und  während  dessen  diese  Außerung  siel,  war  nur  eine
durch  die  maßlose  Sprache  der  französischen  Presse  vollkommen
  gerechtferkigke  ernste  Warnung,  wohl  gemerkt,
eine  Warnung  gegen  ein  Volk,  das  beständig  mit  dem
Kriege  drohrte,  gegen  eine  Regierung,  die  gleich  nach  dem
Frieden  zu  rüsten  begonnen  hakle,  und  zwar  nicht  ekwa
deshalb,  weil  Frankreich  durch  Deutschland  bedroht  war
—  die  Verfasser  des  Berichkes  geben  ja  selbst  zu,  daß
Bismarck  während  der  ersten  Jahre  nach  dem  Frankfurter
  Frieden  den  Krieg  nichk  wollte  —,  sondern  weil  sie
mit  dem  Zustande  Europas  nichk  zufrieden  war  und  ihn
ändern  wollte.

Noch  vor  der  endgültigen  Räumung  des  französischen
  Gebiekes,  die  General  v.  Mankeuffel  dem  Fürsten
Bismarck  am  15.  Sepkember  1893  durch  folgendes  Delegramm
  ankündigte:  „Ich  habe  mil  den  letzken  deutschen
Truppen  soeben  die  deutsche  Grenze  überschrikken,  Frankreich
  ist  somit  vollständig  geräumt“,  war  durch  die  Schuld

59
        <pb n="70" />
        von  hochgestellten  und  einflußreichen  Franzosen  eine  Verschärfung
  der  deutsch-französischen  Beziehungen  eingetreten.
  Der  Bischof  von  Nancy  hakte  am  3.  August  1873
in  den  Kirchen  der  Diözesen  Nancy  und  Toul,  und  zwar
auch  in  solchen,  die  in  Deuksch-Lokhringen  lagen,
Gebete  für  die  Wiedervereinigung  von  Metz  und  Straßburg
  mit  Frankreich  angeordnek.1  Der  Senaksberichk  der
Herren  Bourgeois  und  Pages  gestehr  zwar  zu,  daß  diese
amandementse  sehr  inopporkun  gewesen  seien,  daß  sie
aber  keinen  offensiven  Charakker  gehabt  hätten.  Wenn
heute  der  Erzbischof  von  Mainz  in  den  Kirchen  seiner
Diözese  Gebeke  für  die  Wiedervereinigung  von  Skraßburg
  und  Metz  mit  Deutschland  anordneke,  würde  er
ohne  Zweifel  vor  ein  französisches  Kriegsgericht  gestells
und  zu  vieljährigen  Zuchkhausstrafen  verurkeilk  werden.
Für  so  „offensiv“  würde  selbst  die  Regierung  Herriok  eine
solche  Kundgebung  halken.

Obwohl  Rancy  und  Toul  noch  von  deutschen  Truppen
  besetzk  waren,  ist  den  beiden  Kirchenfürsten  damals
kein  Haar  gekrümmt  worden.  Bismarck  hat  sich  darauf
beschränkk,  durch  den  Grasen  Arnim  die  Aufmerksamkeit
des  Herzogs  von  Broglie,  der  nach  dem  durch  die  klerikale
  Parkei  bewirkten  Sturze  von  Thiers  und  nach  der
Wahl  Mac  Mahons  zum  Präsidenken  Minister  des
Außeren  geworden  war,  auf  das  herausfordernde  Mandemenk
  zu  lenken  und  um  die  Bestrafung  des  Bischofs
zu  ersuchen,  weil  er  den  zwischen  Frankreich  und  Deutschland
  geschlossenen  Staaksverkrag  verletzk  habe.  Als  die
französische  Regierung  es  ablehnke,  für  die  Kundgebung

 

1)  Akten  Bd.  I,  S.  211,  Nr.  131.

60
        <pb n="71" />
        des  Bischofs  verantwortlich  gemacht  zu  werden,  und  eine
Bestrafung  für  unmöglich  erklärte,  aber  doch  andererseits
  das  Vorgehen  des  Bischofs  bedauerte  und  unzulässig
fand,  wollte  sich  Bismarck  mit  einer  öffentlichen  Mißbilligung
  begnügen.:  Auch  das  vermochke  er  in  dreimonaklichem
  Schriftwechsel  nichk  durchzusetzen  und  verzichkeke
schließlich  im  Februar  1874  auf  eine  weitere  Verfolgung
der  Angelegenheik.“

Wenn  man  bedenk',  daß  die  Verhandlungen  über
dieses  Vorkommnis  mikken  in  den  damals  enkbrannten
Kulkurkampf  hineinplatzken  und  die  französischen  Bischöfe
in  Erlassen  an  ihre  Diözesen  in  diesem  Kampfe  leidenschaftlich
  gegen  die  deutsche  Regierung  Parkei  ergriffen,
und  daß  all  diese  Kundgebungen  von  einer  wilden  Sprache
der  Presse  begleikek  waren,  so  wird  man  krotz  des  festen
Tones,  den  Bismarck  von  dem  ihm  viel  zu  weichen  Grasen
  Arnim  in  Paris  verlangke,  den  Eindruck  gewinnen
müssen,  daß  der  Leiker  der  deutschen  Politik  wahrlich  nicht
daran  dachte,  einen  Krieg  heraufzubeschwören,  sondern
sich  auch  bei  diesen  diplomakischen  Aktionen  auf  die  Desenstwe
  beschränkke.  Mik  wie  feinfühligem  Verständnis
für  die  Empfindungen  des  französischen  Volkes  Fürst  Bismarck
  selbst  während  dieser  unerquicklichen,  von  französi.
schen  Staaksbürgern  veranlaßken  Auseinandersetzungen
auf  den  französischen  Stolz  Rücksicht  nahm,  beweist  die
solgende  Stelle  einer  Instruktion,  die  er  an  den  Grafen
Arnim  am  3o.  Okkober  18w73  absandke.  Sie  war  dadurch
veranlaßk  worden,  daß  der  sonst  wiel  zu  wenig  energische
Gesandte  in  einer  Unkerredung  mit  dem  Herzog  von

 

1)  Akten  Bd.  1,  S.  a213,  Nr.  133.
2)  Ebendaselbst  S.  138,  Nr.  150.

61
        <pb n="72" />
        Broglie  die  jetzigen  Grenzen  Frankreichs  und  die  poli—
tische  Verfassung  Deutschlands  als  die  ohne  Hinterge—
danken  von  Frankreich  anzunehmende  Basis  für  freundschaftliche
  Beziehungen  bezeichnek  halte:  „Ich  kann  nicht
verbergen,  daß  Ew.  pp.,  indem  Sie  dem  Herzog  die  Annahme
  dieser  Basis  ohne  Hinkergedanken,  wenn  auch  nur
hopothekisch  zumnukeken,  einigermaßen  aus  dem  Gedankenkreis
  herausgekreken  sind,  in  dem  sich  mein  Erlaß  Nr.  188
(vom  10.  Okkober)  bewegt.  M#ankann  einer  Großmachlt,
die  mit  Gebieksverlust  aus  einem  Kriege  herausgegangen
ist,  nicht  sobald  eine  solche  Enksagung  zutrauen,  und  der
Verzichtleistung  eines  einzelnen  Ministers  wäre  nicht
mehr  Aufrichtigkeit  und  Bestand  zuzuschreiben,  als  der
sonst  üblichen  Klausel  der  Friedensverkräge,  daß  zwischen
den  kontrahierenden  Teilen  immerwährende  Freundschaft
bestehen  werde.“  Vergeblich  würde  man  in  den  Instruktionen
  der  verschiedenen  Minister,  die  seit  dem  Friedens.
schluß  von  1919  in  Frankreich  einander  gefolgk  sind,  eine
so  verständnisvolle  Außerung  suchen,  wenn  man  Einblick
in  sie  gewinnen  könnte.  In  die  veröffentlichken  Akkenstücke
  hat  sich  jedenfalls  nichk  die  geringste  Spur  einer
solchen  Rücksichknahme  verirrk,  wie  sie  hier  der  Sieger
von  1870  dem  Besiegten  gegenüber  bekundek.  Und  doch
behaupkek  der  Berichk  der  Senakskommission,  daß  die
aggressive  Politik  Bismarcks  in  dieser  Zeik  in  schroffstem
Gegensatz  zu  der  klugen  und  würdevollen  Halkung  der
französischen  Regierung  gestanden  habe.  Um  das  zu  beweisen,
  bedienen  sich  die  Herren  Bourgeois  und  Pages
einer  kleinen  Geschichksfälschung,  die  hier  festgenagelt  sei.

 

1)  Akten  Bd.  J,  S.  a20,  Nr.  137.

62
        <pb n="73" />
        Sie  sagen  nämlich,  daß  der  Reichskanzler  schon  vor  der
Veröffentlichung  der  mandements.  der  französischen  Bischöfe,
  die  so  große  Enkrüstung  in  Deutschland  hervorriefen,
  in  der  von  ihm  abhängigen  Presse  eine  drohende
Sprache  geführk,  also  ganz  grundlos  provozierk  habe,
und  zikieren  in  diesem  Zusammenhang  einen  Arkikel  der
Provinzialkorrespondenzvom  24.  September,  in  dem  Bismarck,
  ohne  übrigens  Frankreich  zu  nennen,  unker  Hinweis
  auf  die  durch  „gewisse  Strömungen  und  Tendenzen“
  in  anderen  Staaten  enkstandene  Beunruhigung  auf
die  Bedenkung  aufmerksam  machen  ließ,  die  die  damals
erfolgken  Besuche  des  Königs  von  Ikalien  in  Wien  und
Berlin  für  die  Gestalkung  der  europäischen  Machkverhältnisse
  härtken.  Nun  ist  aber  das  emandemente,  das
in  Deutschland  die  größke  Empörung  enkfachte,  das  des
Bischofs  von  Nancy,  das  Gebete  für  die  Wiederver.
einigung  von  Straßburg  und  Metz  mit  Frankreich  anordnete,
  am  3.  August  1873  erlassen  und  Anfang  Sepkember,
  also  drei  Wochen  vor  der  offiziösen  Warnung
der  Provinzialkorrespondenz,  in  Deutschland  bekannk  geworden.?
  Es  kann  also  auch  in  diesem  Falle  von  einer
unbegründeten  Herausforderung  keine  Rede  sein.  —  —
Und  ganz  dasselbe  gilk  von  dem  berühmten  Kriegin-Sicht-Artikel
  der  „Post“  vom  g.  April  1875,
der  wiederum  durch  eine  im  höchsten  Grade  beunruhigende
Moaßregel  der  französischen  Regierung  veranlaßk  worden
  war,  aber  in  dem  Berichk  der  Senakskommission  selbst
als  eine  Herausforderung  bezeichnek  wird.
Demgegenüber  ist  zunächst  festzustellen,  daß  bieser  er  Ar-1)

  Bourgeois  und  Pages  a.  a.  O.  S.  160.
2)  Akten  S.  271,  Nr.  137.

 

63
        <pb n="74" />
        tikel  nicht  von  Bismarck  veranlaßt  worden  ist.  Er  ent—
stammke  der  Feder  von  Konstankin  Rößler,  1  und  weder
von  ihm  noch  von  einer  fünf  Tage  späker  erschienenen
Wiener  Korrespondenz  der  „Kölnischen  Zeitung“  (Neue
Allianzen)  hakke  das  Auswärkige  Amt  vor  deren  Veröffenklichung
  auch  nur  die  enkfernkeste  Kennknis."

Die  Arkikel  aber  waren  durch  eine  im  höchsten  Grade
befremdliche  IUaßregel  der  französischen  Regierung  veranlaßk
  worden,  die  beim  Fürsten  Bismarck  zwar  Beunruhigung
  hervorgerufen,  aber  die  Befürchkung  eines  sofortigen
  französischen  Uberfalls  nicht  erweckt  hakke.  Die
Maßregel  bestand  in  dem  an  deutsche  Pferdehändler  ergangenen
  Aufkrag,  10000  Milikärreitpferde  gegen  eine
Provision  von  Ho  Franken  ohne  jede  Preisbeschränkung
  für  Frankreich  anzukaufen.  Dieser  Auflrag  war
der  deultschen  Regierung  am  26.  Februar  bekannk  geworden.
  In  dem  Telegramm,  in  dem  Bismarck  den  Fürsten
Hohenlohe,  den  Rachfolger  des  Grafen  Arnim  auf  dem
Bokschafterposten  in  Paris,  ersuchk,  ihm  über  die  Tragweike
  dieser  erstaunlichen  Ilaßregel  Berichk  zu  erstakten,
sagk  er  ausdrücklich:  „Ich  glaubenichk  an  Kriegsabsichen
  im  nächstken  Jahr,  aber  tloooo  Reikpferde
wäre  ein  Aderlaß,  den  wir  noch  empfinden  würden,  wenn

 

1)  Der  bekannte  Publizist  wurde  erst  zwel  Jahre  später  Leiter  des
offiziösen  Litterarischen  Bureaus.

))  -Die  beiden  Artikel  hielten  die  Gefahr  eines  Revanchekrieges  für
drohend.  Die  „Kölnische  Zeltung“  sprach  von  einem  „französisch-österreichisch-italienischen
  Bündnis,  einer  katholischen  Liga  gegen  Preußen-Deusschland“,
  und  die  „Post“  betrachtere  die  Forderung  Mac  Mahons,
die  Dauer  seiner  Präsidentschaft  auf  zehn  Jahre  zu  erhöhen,  als  den
Ausdruck  des  Wunsches,  den  Revanchekrieg  als  Seaatsoberhaupt  zu
erleben.  Akten  Bd.  l,  S.  253  Anm.

64
        <pb n="75" />
        wir  in  etwa  drei  Jahren  mobil  zu  machen  hätten,  und
wenn  wir  die  Vorbereikungen  Frankreichs,  welches  außerhalb
  Deutrschlands  diese  Menge  von  brauchbaren  Pferden
  schwer  findet,  auch  nur  verlangsamen,  so  kann  auch
darin  schon  ein  Gewinnliegen.“  1  Der  den  deutschen  Pferdehändlern
  erkeilte  Aufkrag  stand  nakürlich  im  Zusammenhang
  mit  dem  der  Nationalversammlung  damals  vorliegenden
  oben  erwähnken  Heeresgesetz.  Aber  daß  den
Beaufkragken  gar  keine  Preisgrenze  vorgeschrieben  wurde,
mußte  den  Verdachk  erwecken,  daß  man  die  Reorganisakion
  der  Armee  in  sieberhafter  Hast  durchzuführen  beabsichtigte.
  Dazu  kam,  daß  in  der  driklen  Lesung  des  Armeekadregesetzes
  von  der  Armeekommission  eine  Veränderung
  der  Vorlage  vorgeschlagen  und  im  Plenum  angenommen
  worden  war,  durch  die  bewirké  wurde,  daß
die  vierken  Bataillone  der  144  Infankerieregimenker  nicht
erst  bei  der  Moobilisation  gebildek,  sondern  schon  im  Frieden
  vorhanden  sein  sollken.:  Dadurch  verstärktke  sich,  wie
oben  bereiks  gesagk,  die  Fried  enspräsenzstärke  der  französischen
  Armee  mit  einem  Schlage  um  744  Bakaillone.
Ist  es  nichk  begreiflich,  daß  solche  Heeresverstärkungen
kaum  vier  Jahre  nach  Friedensschluß  in  Deutschland  Beunrühigung
  verursachten  und  in  der  denkschen  Presse  Artikel
  erschienen,  die  dieser  Beunruhigung  Ausdruck  gaben?

IJNn  stelle  sich  einmal  vor,  daß  der  Verlrag  von  Versailles
  keine  Vorschriften  über  die  deutschen  Rüstungen  enkhielke
  und  das  deutsche  Reichswehrministerium  im  Jahre
1923  französischen  Pferdehändlern  den  Auftrag  erkeilt

1)  Akten  Bd.  1,  S.  245,  Nr.  155.

a)  Bericht  des  Milicäracéachés  in  Paris,  Majors  v.  Bülow.  Akten
Rd.  I.,  S.  250/57,  Nr.  159.
Kronprinz  Wilhelm,  Ich  süche  d.  W.  5

 

65
        <pb n="76" />
        hätte,  in  Frankreich  10000  Pferde  ohne  Preisbeschränkung
  anzukaufen,  und  daß  gleichzeitig  der  deutsche  Reichstag
  eine  so  bekrächtliche  Erhöhung  der  Friedenspräsenzstärke
  vorgenommen  häkte  wie  die  französische  Rakionalversammlung
  am  r2.  Meärz  1875.  Die  ganze  französische
Presse  von  der  „Actkion  françgaise“  bis  zur  „Humanité“
würden  von  Hunderken  von  Krieg-in-Sicht-Arkikeln
widergehallk  haben,  gegen  deren  Sprache  sich  die  Arti—
kel  der  „Post“  und  der  „Kölnischen  Zeikung“  ausgenommen
  hätten  wie  das  Säuseln  des  Zephirs  gegen  einen
Gewitkersturm.  Sind  doch  sogar  nach  dem  Frieden  von
Versailles  in  der  französischen  und  in  der  englischen  Presse
fünf  Jahre  lang  Krieg-in-Sicht-Arkikel  erschienen,  obwohl
  Deutschland  in  seinem  jetzigen  Zustande,  und  solange
  die  Enkwaffnungsbestimmungen  des  Friedens  von
Versailles  in  Kraft  sind,  nur  nach  Ansichk  von  Wahnlinnigen
  einen  Angriffskrieg  wagen  kann.

Die  französische  Regierung  würde  sich  aber  in  solchem
Falle  mit  der  Entsesselung  eines  Pressesturms  nichk  begnügk
  haben,  sondern  sie  würde  —  das  muß  man  nach
allem,  was  während  der  letzten  fünf  Jahre  von  ihr  in  der
Sicherheiksfrage  unkernommen  worden  ist,  annehmen  —
eine  so  plötzliche  und  große  Erhöhung  der  Friedens=  und
Kriegspräsenzstärke  mit  einem  drohenden  Ultimakum  beantworkek
  haben.

Was  aber  kat  Fürst  Bismarck?  Er  ließ  in  der  „Norddeukschen
  Allgemeinen  Zeitung“  einen  Tag  nach  dem  Erscheinen
  des  Artikels  der  „Post“  erklären,  daß  die  von
diesem  Blakke  ausgesprochenen  Befürchtungen  eines  österreichisch-ikalienisch-französischen
  Bündnisses  grundlos  seien,
und  seiner  Besorgnis  über  die  französischen  Rüstungen

66
        <pb n="77" />
        nur  mit  folgenden  gewiß  höchst  maßvollen  Worken  Ausdruck
  geben:  „Was  Frankreich  anbelangk,  so  fragen  freilich
  die  dork  in  bezug  auf  die  Reorganisakion  der  Armee
feils  bereils  ausgeführken,  teils  beschlossenen  Maßnahmen
einen  beunruhigenden  Charakker  an  sich.  Es  leuchkek  ein,
daß  dieselben  nicht  auf  eine  solide  Herstellung  der  französischen
  Wehrkrafk  berechnek  sind,  da  auch  das  reichste
Volk  die  dadurch  auf  das  Land  gewälzte  Uberlast  nur
auf  kurze  Zeik  erkragen  kann,  daß  damik  nur  Rüstungen
ad  hoc  mit  Konsequenz  bekrieben  werden,  deren  Zweck
keinem  Sehenden  verborgen  bleibt.“  Dem  Ankauf  deukscher
  Pferde  für  die  französische  Armee  aber  begegneke  er
nur  mik  einem  Pferdeausfuhrverbotk.

Freilich  genügken  schon  diese  milden  Mitrkel,  um  die
französische  Regierung  zur  Abgabe  von  Versicherungen
ihrer  Friedensliebe  zu  veranlassen.  Es  liegk  mir  auch  fern,
die  Aufrichtigkeit  dieser  damals  bekundeken  Friedensliebe
zu  bezweifeln.  Aber  ebenso  fest  bin  ich  heuke  und  war  die
deutsche  Regierung  damals  davon  überzengk,  daß  der  Revanchegedanke
  mit  unveränderker  Kraft  unker  der  Asche
dieser  erzwungenen  Friedensliebe  weikerglühre.

Gehr  aus  dem  Verhalten  Bismarcks  in  jenen  Aprilkagen
  des  Jahres  1875  gewiß  nichk  hervor,  daß  er  damals
  einen  Krieg  provozieren  wollte,  so  mus  der  letzke
Zweifel  an  der  deutschen  Friedensliebe  durch  eine  Aufzeichnung
  Kaiser  Wilhelms  I.  beseitigk  werden,  der  auch
durch  einen  Bismarck  seine  kaiserlichen  Vorrechke  niemals
  beschränken  ließ,  und  ohne  dessen  Zustimmung  kein
Krieg  geführk  werden  konnte.  Diese  Aufzeichnung  soll
hier  wörtlich  wiedergegeben  werden,  weil  sie  alle  Verdächtigungen
  schlagend  widerlegk,  die  von  den  wissen-67
        <pb n="78" />
        schaftlichen  und  unwissenschaftlichen  Verteidigern  der
Kriegsschuldlüge  über  die  hinker  dem  Krieg-in-Sichk-Arkikel
  der  „Post“  verborgenen  Absichten  der  deutschen
Politik  aufrechterhallen  werden.  Es  sind  Bemerkungen
zu  einem  in  der  „Kölnischen  Zeikung“  vom  6.  Ma#  abgedruckken
  Arkikel  des  offiziösen  französischen  „Monikeur“,
der  sich  gegen  die  in  den  Preußischen  Jahrbüchern  verkrekene
  Theorie  des  Prävenkivkrieges  gewandk  hatke.  Der
Kaiser  schreibt  am  9.  Mai::  „Diesem  Artikel  (des  „Monikeur“)
  gebe  ich  meine  volle  Zustimmung.  Er  sprichk  dasselbe
  aus,  was  ich  über  die  „Kölnische“  und  „Post“-Alarmierung
  sofork  dem  Minister  v.  Bülow  schrieb.  Unrichtig
ist  nur,  daß  ich  Gonkank  jene  Worke  gesagk  hälke,  die  ich
nur  dem  p.  Polignac  sagke,  da  ersterer  damals  garnicht
hier  warz;  es  ist  aber  der  Zusatz  vergessen,  den  ich  sagke:
und  das  ist  erzeugk  durch  den  nonsens  zweier
Zeikungsarkikel.  Da  weder  „Köln.“  noch  „Post“,
soviel  ich  weiß,  offiziöse  oder  inspirierke  gouvernemenkale
Arkikel  aufnimmk,  man  also  keinen  offlziellen  Einfluß  auf
dieselben  äußern  kann,  so  scheink  es  mir  doch  durchaus
gerafken  und  geboken,  beide  Redaktionen  aufmerksam  zu
machen,  wohin  dergleichen  unsinnige,  gänzlich  aus  der  Luft
gegriffene  Raisonnemenks  führen  können,  die  ganz  Europa
in  Alarm  gesetzt  haben  und  das  nach  und  nach  erwachende
Verkrauen  auf  Friedensdauer  dermaßen  erschütkerk  haben,
daß  es  in  allen  Klassen  der  Bevölkerung,  auf  Handel

 

1I)  Akten  Bd.  I,  S.  277/78.

a)  In  dem  Arctikel  des  „Moniteur“  war  auch  erwähnt  worden,  daß
Kaiser  Wilhelm  I.  zu  dem  französischen  Bocschafter  Gontaut-Biron  und
dem  Militärakkaché  Prinzen  de  Polignac  geäußert  haben  sollee:  „Man
wollte  uns  entzwesen.“

68
        <pb n="79" />
        und  Industrie,  den  allernachteiligsten  Eindruck  geäußert
hatte,  wovon  ich  mich  auf  meiner  Reise  nach  und  in
Wiesbaden  vielfach  überzeugt  habe.  Man  muß  jenen
Redakteuren  also  das  Gewissen  schärfen  und  zeigen,  was
sie  für  Unheil  angerichtet  haben!  Ich  wünsche  zu  wissen,
was  darin  geschehen  kann.“

Nun  ist  es  den  Berichterstattern  der  Untersuchungs—
kommission  des  französischen  Senaks  nicht  unbekannt  geblieben,
  daß  Kaiser  Wilhelm  von  einem  Prävenkivkriege
nichks  wissen  wollke,  denn  die  oben  erwähnte  Unkerredung
des  Kaisers  mik  dem  Prinzen  Polignac  war  ja  im  „Monikeur“
  veröffenklichk  worden.  Sie  müssen  deshalb,  um
die  Legende  vom  Kriegswillen  aufrechkerhalken  zu  können,
zu  der  Behauptung  ihre  Zuflucht  nehmen,  daß  in  dieser
Frage  eine  tiesgehende  Meeinungsverschiedenheit  zwischen
dem  Kaiser  und  seinem  Kanzler  bestanden  habe,  und  daß
Bismarck  die  Friedensliebe  des  Kaisers  durch  die  Erdichtung
  der  von  Frankreich  drohenden  Kriegsgefahr  überwinden,
  durch  Erregung  der  öffenklichen  Meinung  in
Deukschland  seinen  Herrn  vor  eine  vollendete  Taksache
stellen  und  ihn  zur  Kriegserklärung  bewegen  wollte.
Wenuigstens  glauben  sie  das  aus  Bismarcks  Außerungen
schließen  zu  können,  wenn  sie  auch  vorsichkiger  als  Poincaré
  und  Viviani,  die  in  ihren  Büchern!  von  Bismarcks
Kriegswillen  wie  von  einer  erwiesenen  Taksache  reden,
die  Frage  nicht  für  endgülkig  entschieden  halken,  weil  man
niemandemins  Herzsehen  könne.  Sie  müssen  zugeben,  daß
Bismarck  selbst  in  seinen  „Gedanken  und  Erinnerungen“
auf  das  enkschiedenste  in  Abrede  gestellt  hak,  den  Krieg

1)  Viviani,  Réponse  au  Kaiser,  S.  38.  Poincaré,  Les  origines  de  la
—————

 

69
        <pb n="80" />
        gewollt  zu  haben.  Wer  rückschauend  die  Weltlage  des
Jahres  1878  betrachtet,  der  kann  allerdings  nur  dann  zu
der  Ansicht  gelangen,  daß  der  Leiter  der  deutschen  Politik
im  Jahre  1878  den  Krieg  enkfesseln  wollte,  wenn  er  annimmk,
  daß  damals  die  Geschicke  Deutschlands  in  die
Hand  eines  kurzscchkigen,  nur  an  die  nächsten  Ziele  denkenden
  Skaaksmannes  gelegt  waren.  Die  Eigenschaft
des  weiken,  in  die  Ferne  spähenden  Blickes  aber  und  der
vorsichtig  abwägenden  Vorausberechnung  des  Erfolges
hak  dem  großen  denkschen  Skaaksmann  selbst  kein  einziger
  seiner  erbitterksten  Feinde  abgesprochen.  Durch  einen
Krieg  hätte  Bismarck  damals  sein  ganzes  Lebenswerk
leichtsinnig  aufs  Spiel  gesetzk,  denn  es  ist  durchaus  wahr,
was  er  in  seinen  Gedanken  und  Erinnerungen  schreibk:

„Mir  lag  die  Absichk,  im  Jahre  1875  Frankreich  zu
überfallen,  damals  und  späker  so  fern,  daß  ich  eher  zurückgekreken
  sein  würde,  als  zu  einem  vom  Zaun  zu  brechenden
  Krieg  die  Hand  zu  bieken,  der  kein  anderes  Mokiv
gehabk  haben  würde,  als  Frankreich  nichk  wieder  zu  Akem
und  zu  Kräften  kommen  zu  lassen.  Ein  solcher  Krieg  häkrke
meiner  Ansichk  nach  zu  nichk  haltbaren  Zuständen  in  Enropa
  auf  die  Dauer  geführk,  wohl  aber  eine  Ubereinstimmung
  von  Rußland,  Osterreich  und  England  in  Mißkrauen
  und  evenkuell  in  aktivem  Vorgehen  einleiken
können  gegen  das  neue  und  noch  nichk  konsolidierke  Reich,
das  damik  die  Wege  betreken  haben  würde,  auf  denen
das  erste  und  zweike  französische  Kaiserreich  in  einer  forkgesetzten
  Kriegs=  und  Prestigepolitik  ihrem  Unkergang  enkgegengingen.
  Europa  würde  in  unserem  Verfahren  einen
Meßtbrauch  der  gewonnenen  Skärke  erblickt  haben,  und
jedermanns  Hand,  einschließlich  der  zentrifugalen  Kräfte

70
        <pb n="81" />
        im  Reich  selbst,  würde  dauernd  gegen  Deutschland  erheben
  oder  am  Degen  gewesen  sein.  Gerade  der  friedliche
  Charakker  der  deukschen  Polikik  nach  den  überraschenden
  Beweisen  der  milikärischen  Kraft  der  Nakion  hat
wesentlich  dazu  beigekragen,  die  fremden  Uächke  und  die
inneren  Gegner  früher,  als  wir  erwarkeken,  wenigstens
bis  zu  einem  tolerari  posse  mit  der  neudeulschen  Kraft.
enkwicklung  zu  versöhnen,  und  das  Reich  zum  Teil  mit
Wohlwollen,  zum  Teil  als  einstweilen  annehmbaren
Friedenswächker  sich  enkwickeln  und  festigen  zu  sehen.“1

Daß  aber  Bismarck  sich  an  dieser  Skelle  seines  Buches
nichk  ekwa  nachkräglich  Gedanken  erdichkeke,  die  ihm  damals
  fern  lagen,  das  wird  nichk  nur  durch  die  aus  der
Welklage  erhellende  innere  Wahrscheinlichkeit  bewiesen,
  die  diesen  Uberlegungen  innewohnte,  sondern  dafür
haben  wir  auch  ein  Zeugnis  in  der  Leidenschaftlichkeit,
mik  der  er  in  der  an  den  Grasen  Münster,  den  deukschen
Bokschafker  in  London,  gerichkeken  Noke  vom  r4.  Mai
1875  den  von  der  englischen  Regierung  gehegten  Verdacht
  des  deutschen  Kriegswillens  wie  eine  schwere  Beleidigung
  zurückweist  und  die  über  Deutschlands  Kriegsabsichken
  in  London  verbreikeken  Gerüchke  für  lügenhafke
Erfindungen  erklärt.:  Schon  ein  Jahr  früher  aber,  als
man  in  Frankreich  wegen  der  infolge  der  mandementsc

 

1)  Gedanken  und  Erinnerungen,  Bd.  II,  S.  qol.

2)  Aklten  Bd.  l,  S.  279,  Nr.  180.  Vergl.  auch  die  Instruktion  an
Graf  Münster  vom  123.  Mail,  die  gleichzeitig  abging  und  zur  Mitteilung
  an  die  englische  Regierung  bestimmt  war,  während  die  schärfere
Note  vom  14.  Mai  streng  vertraulich  war  und  gerade  darum  beweist,
daß  die  Enkrüstung  über  die  englische  Anzweiflung  der  deutschen  Friedensliebe
  aufrichtig  war.

71
        <pb n="82" />
        der  Bischöfe  enkstandenen  Verschärfung  der  deutsch-französischen
  Beziehungen  an  einen  Präventiokrieg  glaubte,
ha#  Fürst  Bismarck  in  einem  an  den  Prinzen  Reuß,  den
deuklschen  Bolschafter  in  Pekersburg,  gerichkeken  Erlaß
seiner  Friedensliebe  mit  folgenden  Worken  Ausdruck  gegeben:
  „Für  uns  ist  die  Rachestimmung  in  Frankreich
nichk  erwünscht;  wir  haben  den  Ernst  und  die  Leiden
jedes  Krieges,  auch  eines  siegreichen,  würdigen  gelernk
und  sind  enkschlossen,  denselben  zu  vermeiden,
solange  sich  uns  nichk  die  Uberzeugung  aufdrängk,  daß  er
unwermeidlich  ist.“  Und  der  Erlaß  schließk  mit  den  Worken:
  „Es  ist  unser  lebhaftester  Wunsch,  mit  Frankreich
in  Frieden  zu  leben,  und  wir  werden  kein  Mitlkel  unwersucht
  lassen,  um  die  französische  Regierung  für  die  gleiche
Anschauung  zu  gewinnen.“1

Wenn  Poincaré  und  Viviani  übereinstimmend  behaupten,
  daß  nur  die  Vorstellungen  Englands  und  Rußlands
  damals  Deutschland  verhinderk  haben,  über  Frankreich
  herzufallen,  und  wenn  die  Herren  Bourgeois  und
Pages  die  Richtigkeit  dieser  Annahme  zum  mindesten  für
sehr  wahrscheinlich  halken,  so  widersprichk  das  diesen  urkundlichen
  Außerungen  Bismarcks,  aber  es  beweist  auch

 

1)  Akten  Bd.  I,  S.  335,  Nr.  147.  Gerade  dieser  Erlaß,  der  in  seinem
Wortlaut  erst  durch  die  Abktensammlung  des  Auswärtigen  Amtes  bekannt
geworden  ist,  und  der  vertraulich  mit  der  ausdrücklichen  Weisung,  daraus
  keinen  Anlaß  zu  Außerungen  ihrerseits  zu  entnehmen,  an  die  Boéschafter
  in  London,  Wien,  Paris  und  Rom  geschickt  wurde,  hat  die  Behaupcung
  veranlaßt,  daß  im  Januar  1874  ein  Präventiokrieg  beabsichtige
  gewesen  sei.  Wie  aus  Schuleheß'  Europäischem  Geschichtskalender
von  1874  zu  ersehen  ist,  wurde  damals  diese  Zirkulardepesche  enoestelle
veröffeneliche,  so  daß  man  das  Gegenceil  von  dem,  was  sie  beabsichtigte,
aus  ihr  herausgelesen  hat.

72
        <pb n="83" />
        eine  Unterschätzung  der  staatsmännischen  Fähigkeiten  des
Reichskanzlers,  die  in  schroffstem  Widerspruch  zu  der  Bewunderung
  steht,  die  ihm  selbst  in  Frankreich  von  seinen
Hassern  gezollt  worden  ist.  Denn  wenn  diese  Annahme
richtig  wäre,  so  müßte  man  glauben,  daß  Bismarck  der
Ansicht  war,  England  und  Rußland  würden  der  vollständigen
  Vernichkung  Frankreichs  stillschweigend  zusehen.
Und  solche  leichksinnige  Kurzsichrigkeit  ist  doch  wahrlich
dem  Moanne,  der  seit  dem  Frankfurter  Frieden  immer
unfer  dem  vcauchemar  des  coalitionse  likk,  nichk  zuzukrauen.


Daß  aber  die  in  der  oben  zilierken  Randbemerkung
Kaiser  Wilhelme  I.  sich  offenbarende  Friedensliebe  nicht
eklwa  durch  den  Eingriff  Englands  und  Rußlands  enkfache
  worden,  also  kein  Erzeugnis  der  Furcht  war,  das
beweist  ihr  Dakum.  Sie  stammk  vom  7.  Mai,  und  der
Schrict  Odo  Russels,  des  englischen  Bokschafters  in  Berlin,
  der  Bismarck  in  solche  Aufregung  versetzte,  erfolgke
erst  am  g.  JIl#ai.  1  Die  Unkerredung  aber  zwischen  Kaiser
Wilhelm  I.  und  Kaiser  Alegander  von  Rußland,  der
Gorkschakow  fälschlich  in  seinem  von  Berlin  dakierken
kelegraphischen  Zirkular  das  Verdienst  an  der  Erhalkung
  des  Friedens  zugesteht,  als  ob  er  —  so  schreib  Bismarck
  in  seinen  „Gedanken  und  Erinnerungen“  —  vorher
  bedrohf  gewesen  wäre,"  hak  erst  am  11.  Mai  starégefunden.


Die  Legende  über  die  deutschen  Kriegsabsichken  im
Jahre  1875,  deren  Unzerstörbarkeit  Bismarck  in  seinen

 

1)  Akten  Bd.  1,  S.  272,  Nr.  174.
2)  A.  a.  O.  Bd.  II,  S.  174.
3)  Aklten  Bd.  J,  S.  273,  Nr.  175.
        <pb n="84" />
        Lebenserinnerungen  bedauerk,  wird  durch  die  Akkensammlung
  des  Auswärtigen  Amkes  als  solche  erwiesen.

Ich  will  aber  aus  diesen  Akken  noch  ein  Zeugnis  für
den  friedlichen  Charakker  der  deukschen  Polikik  anführen,

 

1)  Dlese  Legende  ist  bekanne#lich  so  schwer  zerstörbar  gewesen,  weil  der
russische  Kanzler  Fürst  Goreschakow  die  Nachriche  verbreitet  hakte,  daß
die  außerordentliche  Mission  des  Herrn  v.  Radowitz,  den  Bismarck  im
Februar  1875  aus  ganz  anderen  Gründen  nach  Petersburg  schickte,  den
Zweck  gehabe  häcte,  Deueschland  für  den  Fall  eines  deutschen  Angriffs
auf  Frankreich  der  Neutralität  Rußlands  zu  versichern,  aber  mic  einem
vollkommenen  Fiasko  geendet  habe.  In  dieser  Ansicht  wurde  man  in
Frankreich  bestärke  durch  die  unrichtige  Wiedergabe  eines  Gesprächs,
das  der  französische  Bocschafter  Goncaut-Biron  im  Mal  18y5  bei  einem
gelegentlichen  Zusammentreffen  mit  Radowitz  gehabt  hat.  Im  Jahre
1880  erschien  die  erste  urkundliche  Miccellung  der  Pecersburger  Erfindungen
  in  Ernest  Daudets#SCuvenirs  de  la  Présidence  du  Maréchal
Mac  Mahon--.  Im  Jahre  188)  lebee  die  Legende  wieder  auf  durch  die
aufsehenerregenden  Veröffenclichungen  des  Generals  Le  Glö  im  „Eigaro“,
  der  im  Jahre  1875  französischer  Botschafter  in  Pekersburg  gewesen
  war  und  der  Mission  des  Herrn  v.  Radowitz  auf  Grund  derselben
Quellen  dieselben  Beweggründe  andichtete  wie  Gortschakow.  Leider
haben  zur  Aufrechterhaltung  der  Legende  auch  zwei  deuesche  Schriftsteller
  beigetragen,  nämlich  Professor  Geffken  und  Hans  Blum,  sener
in  seinem  zuerst  in  der  „Deutschen  Revue“  veröffentlichten  Aufsatz:
„Die  rufsisch-französische  Alliance  und  der  Dreibund  in  geschichtlicher
Beleuchtung“  und  dleser  in  seinen  im  November  1892  erschienenen
„Gesprächen  mit  Biemarck“.

In  den  Akken  Bd.  I.,  S.  275,  Nr.  177  ist  das  Gespräch  zwischen
Radowitz  und  Gontauk  nach  einer  Aufzeichnung  von  Radowitz  veröffenelicht.
  Es  bewelst,  daß  der  Franzose  Radowitz  mißverstanden  hat.

In  den  während  der  Drucklegung  dieses  Buches  erschienenen  Aufzeichnungen
  und  Erinnerungen  aus  dem  Leben  des  Boischafters  Joseph
Maria  v.  Radowitz  (S.  286—333)  wird  die  Enestehung  der  Legende,
die  Absicht,  die  damit  verfolge  wurde,  und  ihre  vollkommene  Unwahr-=heic
  bis  in  alle  Einzelheiten  dargelegt,  so  daß  sie  nun  wohl  als  für  alle

74
        <pb n="85" />
        das  besonders  schwer  ins  Gewicht  fällt,  weil  es  prinzi—
piell  zur  Frage  des  Prävenkivkrieges  Stellung  nimmt.
Es  ist  eine  andere  Randbemerkung  Kaiser  Wilhelms  I.,
zu  der  ihn  ein  in  der  „Gegenwark"  erschienener  Arkikel
über  das  Verhälknis  zwischen  Frankreich  und  Deurschland
  veranlaßte.!  Sie  lautek:  „Den  anliegenden  Artikel
unkerschreibe  ich  von  A  bis  Z.  Nur  der  Schluß,  namentlich
  die  mik  einem  (7)  bezeichneke  Stelle  schmeckk  ekwas
nach  der  auch  in  neuester  Zeik  wieder  gangbar  gewordenen
  deutschen  Prahlerei:  man  müsse,  wenn  Frankreich
wirklich  nur  bis  zur  Wiederherstellung  seiner  Armee  Frieden
  halken  werde,  ihm  nicht  den  Zeitpunkk  zum  Losschlagen
  überlassen,  sondern  unsererseiks  das  Prävenire
spielen  und  an  Frankreich  den  Krieg  zukragen,  ehe  es
ferkig  ist  mit  seinen  Rüstungen.  Dies  ist  eine  Ansichk,  die
im  gemeinen  Leben  ekwas  für  sich  hak;  nichk  so,  wo  Staaten
  sich  bekämpfen  sollen.  Um  glückliche  Kriege  zu  führen,
muß  dem  Angreifenden  die  Sompakhie  aller  edel  gesinnken
  Menschen  und  Länder  zur  Seite  stehen,  und  auf  den,
der  ungerechk  den  Krieg  zukrägk,  wird  die  öffenkliche
Stimme  den  Skein  werfen.  Dies  war  das  Geheimnis
des  Enkhusiasmus  im  Jahre  1870!  Wer  ungerechkferkige
zu  den  Waffen  greifk,  wird  die  öffenkliche  Skimme  gegen
sich  haben,  er  wird  keinen  Allüerken  sinden,  keine  vn#eutres
bienveillantsc,  ja  überhaupk  wohl  keine  Neukralen,  wohl
aber  Gegner  fsinden.  —  Dies  Raisonnemenk  habe  ich  dem

 

Zeit  erledigt  gellen  kann.  Vergl.  hierzu  auch  Haso  Holborn:  „Bismarcks
  Europdische  Polieik  zu  Beginn  der  siebziger  Jahre  und  die  Mission
  Radowitz“.  Auch  dieses  Buch  erschien  erst  während  der  Drucklegung,
  kommée  aber  zu  dem  gleichen  Ergebnis.

1)  Akten  Bd.  I,  S.  283,  Nr.  181  Anm.

75
        <pb n="86" />
        Kaiser  Alexander  vorgehalken,  und  er  erfaßke  meine  beiden
  Hände  und  sprach  seine  volle  Ubereinstimmung  aus!
(Rußland  hat  1883  und  Osterreich  1859  und  1866  dies
erfahren.)"  Wilhelm  16.  5.75.

 

Da  dieses  Buch,  nach  der  in  der  Einleikung  begründeten
  Begrenzung  seines  Skoffs  keine  Geschichte  der  dentschen
  Politik  sein  soll,  sondern  allein  die  Zurückweisung
der  Schuldlüge  zum  Zweck  hat,  so  kann  ich  über  das  dem
Jahre  1875  folgende  Jahrzehnk  hinweggehen,  weil  auch
die  Anklageschrifk,  die  den  Arkikel  231  des  Verkrags  von
Versailles  begründen  soll,  der  mehrerwähnke  Berichk  der
Senatskommission  aus  den  Federn  der  Herren  Bourgeois
und  Pages,  ihre  Anklage  auf  diese  Zeik  nicht  ansdehnk.
Freilich  wird  die  Verbesserung  der  Beziehungen  zwischen
Deutschland  und  Frankreich  in  dieser  Zeik,  ohne  daß  dafür
  ein  Grund  angeführk  wird,  dem  Umstande  zugeschrieben,
  daß  Deutschland  vom  Jahre  1875  ab  wieder  mit
dem  erholten  und  wiedererstarklen  Frankreich  rechnen
mußte.  Aber  das  änderte,  selbst  wenn  es  wahr  wäre,
nichks  daran,  daß  man  in  der  Polikik  Deukschlands  während
  dieses  Jahrzehnks  selbst  mik  der  Lupe  der  seindseligsten
  Voreingenommenheit  keinen  deutschen  Kriegswillen
zu  enkdecken  vermochke.  Die  Anklageschrift  schreibt  wörklich:!
  „Nunmehr  beginnk  in  der  Geschichke  der  Beziehungen
  Frankreichs  zu  Deurschland  eine  andere  Periode
von  ungefähr  zehn  Jahren,  während  deren  Bismarck,  der
Frankreich  nicht  verhindern  konnke,  sich  wieder  zu  erheben,

 

1)  A.  a.  O.  G.  174.

76
        <pb n="87" />
        es  seiner  Politik  zu  verbinden  und  es  so  allmählich  dazu
zu  bringen  suchte,  daß  es  vergaß  und  sich  mit  seiner  Verstümmelung
  abfand.  Während  dieser  Periode  werden  —
wenigstens  im  ganzen  —  die  Beziehungen  der  beiden  Länder
  besser.  Sie  scheinen  sich  sogar  zu  gewissen  Zeitpunkten
einander  zu  nähern;  die  französische  Regierung  weigert  sich
nicht,  gewisse  Unternehmungen  des  Kabinetts  von  Berlin
zu  unterstützen,  das  seinerseits  unseren  überseeischen  Unternehmungen
  seine  diplomatische  Hilfe  gewährt.  Es  ist  eine
Periode  beschränkker  Zusammenarbeik,  die  ohne  Zweisel
  nützlich  für  Frankreich  war,  und  während  deren
die  Politik  der  Annäherung  —  mit  der  Beschränkung,
von  der  wir  sprechen  werden  —  in  Berlin  in  den  Personen
  von  zwei  einander  folgenden  Botschaftern,  dem
Grafen  v.  Saink-Vallier  und  dem  Baron  v.  Courcel,
überzeugte  und  geschickte  Verkeidiger  hakke.“

Aber  die  Anklageschrift  der  Senakskommission  gehr
mit  dieser  ausdrücklichen  Anerkennung  der  deutschen  Friedensliebe
  während  der  Jahre  1875  bis  1688  längst  niche
weit  genug,  denn  in  dieser  Zeit  hak  Deutschland  nicht
nurversuchk,  durch  die  Begünstigung  der  kolonialen  Unkernehmungen
  Frankreichs  eine  Annäherung  zwischen  den
beiden  Völkern  herbeizuführen,  sondern  es  hat  sich  kaksächlich
  durch  die  Lokalisierung  des  Krieges,  der  im  Jahre
1877  zwischen  Rußland  und  der  Türkei  ausgebrochen
war,  ein  Verdienst  um  die  Erhaltung  des  Welkfriedens
erworben,  das  allein  schon  genügk,  um  die  Anklagen
der  Noke  vom  16.  Juni  1919  zu  enkkräften.  Das  Verhalken
  Bismarcks  nach  dem  Frieden  von  San  Stefano
  ist  gleichzeitig  eine  glänzende  Widerlegung  der  Behauptung,
  daß  die  Einberufung  des  Berliner  Kongresses

77
        <pb n="88" />
        die  deutsche  Hegemonie  in  Europa  endgültig  befestigen
sollte.

Denn  Fürst  Bismarck  hat  sich  bekanntlich  lange  gewei—
gert,  die  Konferenz  in  Berlin  stattfinden  zu  lassen,  die  zur
Bermeidung  des  Krieges  notwendig  geworden  war,  der
nach  dem  Frieden  von  San  Stefano  zwischen  England
und  Rußland  auszubrechen  drohte.  Hätten  ihn  hegemonische
  Gelüste  geleitet,  so  würde  er,  wie  Napoleon  II.
nach  dem  Krimkriege,  die  Hauptstadt  des  eigenen  Landes
als  Ort  der  Verhandlung  selbst  vorgeschlagen  haben,  um
als  Schiedsrichker  Europas  in  die  Erscheinung  zu  kreken.

Schon  im  August  1876  hakte  Bismarck  die  Aufforderung
  Gortschakows,  einen  Kongreß  zur  Lösung  der  auf
dem  Balkan  durch  die  Erhebung  der  flawischen  Bölker
an  der  Adria  entstandenen  Konflikke  einzuberufen,  abgelehnk.
  Er  hak  diese  Ablehnung  auedrücklich  damit  begründet,
  daß  er  nichk  geneigk  sei,  die  Führung  in  den
europäischen  Angelegenheiten  zu  übernehmen.
In  der  Instruktion,  die  er  an  den  Staatssekrekär  v.  Bülow
  aus  Varzin  am  14.  August  sandre,  schreibt  er:1  „Das
Dreikaiserbündnis  ist  bisher  die  Bürgschaft  des  Friedens;
wird  es  gelockerk  und  durch  die  Wahlverwandtschaft
Osterreich-England  resp.  Rußland-Frankreich  gelöst,  so“
drängt  die  Unwerkräglichkeit  der  österreichisch-englischrussischen
  Inkeressen  im  Orienk  auf  den  Krieg  hin..
An  Deutschland  würde  Tag  für  Tag  der  Anspruch  herankreten,
  zwischen  den  beiden  feindlichen  Gruppen  des
Kongresses  das  Schiedsrichkeramk  zu  übernehmen,  das
Undankbarste,  was  uns  zufallen  kann.  Und  da  wir  nicht

 

1)  Akeen  Bd.  II,  S.  31/34,  Nr.  228.

78
        <pb n="89" />
        geneigt  sein  können,  von  Hause  aus  und  fest  und  rück—
sichtslos  eine  der  beiden  Parkeien  zu  ergreifen  und  festzuhalten,
  so  hätten  wir  die  beste  Aussichk,  daß  unsere  drei
Freunde,  Rußland,  Osterreich  und  England,  den  Kongreß
  in  übler  Stimmung  für  uns  verließen,  weil  keiner
von  uns  so  unkerstützt  worden,  wie  er  es  erwarkeke
Gerade  weil  wir  die  einzige  uninkeressierke  I—acht  sind  .
würden  wir  allein  die  Verantworklichkeik  für  den  voraussichtlich
  üblen  Erfolg  des  Kongresses  zu  fragen  haben.“
Auf  die  Anregung  Gorkschakows  aber  ließ  er  ankworken,
daß  Deutschland  bei  aller  Teilnahme  für  das  Geschick
der  Christen  sich  doch  nichk  berufen  fühle,  plötzlich  aus
der  bisherigen  Zurückhaltung  zur  Rolle  der  Führung
  Europas  überzugehen.

So  sprichk  gewiß  kein  IU#ann,  dem  die  Hegemonie  in
der  Welt  ein  erstrebenswertes  Ziel  ist.  Oenn  mik  diesen
Sätzen  wird  ja  geradezu  die  Ubernahme  einer  Führerrolle
  in  Europa  abgelehnt,  abgelehnk  um  der  Erhalkung
des  Friedens  willen.  Es  würde  den  Rahmen  dieses  Buches
(prengen,  wenn  ich  auf  die  Entstehungsgeschichke  des  Berliner
  Kongresses  näher  einginge.  Sie  wird  durch  die  Akkenpublikation
  des  Auswärtigen  Amkes,  die  sich  hier  liest
wie  die  bewegke  Schilderung  einer  dramakischen  Handlung,
  bis  in  die  kleinsten  Einzelheiken  durchleuchkek.  Aber
auf  eine  Phase  der  Vorgeschichte  des  Kongresses  muß  ich
eingehen,  weil  sie  auf  das  schlagendste  beweist,  was  ich
oben  behaupkek  habe,  daß  nämlich  der  Berichk  der  Senakskommission
  selbst  da  den  historischen  Taksachen  nichk  enk-Hricht,
  wo  er  sagk,  daß  die  deutsche  Politik  während  des
Jahrzehnks  von  1898  bis  1885  der  Nok  gehorchend,  nicht
dem  eigenen  Triebe,  friedliebend  gewesen  sei.

79
        <pb n="90" />
        Die  Politik  des  Fürsten  Bismarck  hat  im  Jahre  1878
nicht  nur  Liebe  zum  Frieden  bekundet,  sie,  und  zwar  sie
allein,  hat  den  Frieden  Europas  mit  geradezu  meisterhafter
  Staatskunst  und  durch  entschlossene  Initiative
gerettet.  Die  rettende  Tat  war  das  Telegramm,  das
Fürst  Bismarck  am  9.  April  1878  an  die  deutschen  Botschafter
  in  London  und  Petersburg  sandte.  Wie  hatte
sich  die  Weltlage  am  Tage  der  Absendung  dieses  Telegramms
  gestalkek?  Nach  Abschluß  des  Friedens  von  San
Stefano  am  3.  März  hakken  während  des  ganzen  Monaks
  Verhandlungen  über  einen  europäischen  Kongreß  zur
Lösung  der  Konflikte,  die  durch  diesen  in  Osterreich  sowohl
  wie  in  England  für  unannehmbar  gehalkenen  Verkrag
  enkstanden  waren,  staklgefunden.  Die  Initiakive  war
von  Rußland  ausgegangen,  und  wieder  hatte  Gorkschakow
  Berlin  als  Kongreßork  vorgeschlagen.  Diesmal  hakke
Bismarck,  wenn  auch  widerstrebend,  den  Vorschlag  angenommen,
  aber  vorsichkig  abgelehnk,  die  Inikiatiwe  zu
ergreifen,  um  auch  den  Schein  hegemonischer  Gelüste  zu
vermeiden.  Während  des  Monats  März  waren  in  einem
Auskausch  sich  geradezu  jagender  Noken  zwischen  den  Kabinekken
  von  Pekersburg,  London,  Wien  und  Berlin  alle
Schwierigkeiken,  auf  die  hier  nichk  näher  eingegangen
werden  kann,  beseikigk  worden,  bis  aufeine:  England
bestand  darauf,  daß  der  ganze  Verkrag  von  San  Ekefano
  Artikel  für  Arkikel  den  Gegenstand  der  Verhandlungen
  der  Konferenz  bilden  sollke.  Rußland  wollke
sich  das  Rechk  vorbehalken,  in  einer  Vorkonferenz  zu  bestimmen,
  welche  Arkikel  der  Konferenz  vorgelegk  werden
sollten.  Am  28.  März  hielten  Lord  Derby,  der  englische
Außenminister,  und  Graf  Schuwalow,  der  russische  Bot-80
        <pb n="91" />
        schafter  in  London,  der  unermũdlich  für  den  Frieden  gearbeikek
  hakke,  den  Kongreß  für  gescheikerk.:  Lord  Beaconsfield
  schlug  der  Königin  die  Einberufung  der  Reserven
vor,  Lord  Derby  gab,  weil  er  diese  Maßregel  nichk  billigke,
  seine  Demission  und  Lord  Salisbury,  der  vor  dem
Krieg  nichk  zurückschente,  trak  an  seine  Stelle."  Vor  Konstankinopel
  aber  lag  die  englische  Flotte,  die  schon  im
Februar  ohne  Genehmigung  des  Sulkans  die  Dardanellen
  passierk  hakte,  und  rührke  sich  nicht  vom  Fleck,  während
  zoooo  Mann  rufssischer  Truppen  dicht  vor  Konstankinopel
  standen.  Fürst  Bismarck  erkannke,  daß  der
Krieg  bei  der  ungeheuren  Spannung,  die  Ende  Meärz  eingekreken
  war,  unvermeidlich  wurde,  wenn  nichk  eine  größere
  Distanz  zwischen  die  sich  gegenüberstehenden  Streikkräfte
  der  aufeinander  erzürnken  Meächte  gelegk  würde.
In  dieser  höchsten  Noklage  des  europäischen  Friedens
sandke  er  das  oben  erwähnte  Telegramm  am  g.  April
nach  London  und  Pekersburg  und  bok  darin  seine  Vermittlung
  zu  einer  Vereinbarung  an,  der  er  gleich  die  folgende
  ganz  präzise  Form  gab:s  „Die  englische  Flokte  verläßt
  die  Gewässer  von  Konstantinopel  und  passierk  die
Dardanellen.  Gleichzeitig  zieht  Rußland  seine  Streikkräfte
  vom  Bosporus  auf  eine  Entfernung  zurück,  die  in
derselben  Zeit  zurückgelegk  werden  kann,  welche  die  englische
  Flokke  braucht,  um  ihre  jetzigen  Skellungen  wieder

 

1)  Akeen  Bd.  II,  S.  24  4/44,  Nr.  372.

))  Kaiser  Wilhelm  schrieb  an  den  Rand  der  Depesche,  in  der  Graf
Mühnster  die  Demission  Lord  Derbys  und  die  Ernennung  Galisburys
meldete,  gewiß  mit  schmerzlichem  Empfinden  die  Worte:  „So  ist  denn
der  Würfel  gefallen.“

3)  Akeen  S.  262/63,  Nr.  381.

Kronprinz  Wilhelm,  Ich  süche  d.  W.  6

L
        <pb n="92" />
        einzunehmen.“  Die  beiden  Mächte  nahmen  nach  Gel—
tendmachung  von  Bedenken  über  die  von  den  russischen
Truppen  einzunehmenden  Stellungen,  die  Bismarck  durch
schnelle,  kurze  und  meisterhaft  formulierke  Vorschläge  beleitigte,
  die  angerakene  Vereinbarung  schließlich  an.  Damit
  war  die  Zeit  gewonnen,  die  nötig  war,  um  die  bis
dahin  unverföhnbar  erscheinenden  Gegensätze  zwischen
England  und  Rußland  auszugleichen  und  den  Konferenzgedanken
  zu  rekten.  Wie  diese  Gegensätze  ausgeglichen
wurden,  liest  man  mik  größter  Bewunderung  für  die  mit
zielklarer  Takkrafk  verbundene  Mäßigung  des  Leikers  der
deulschen  Politik  in  den  Akken  des  Auswärtigen  Amkes.

Hier  kam  es  mir  nur  darauf  an,  zu  beweisen,  daß  es
Bismarck  und  Kaiser  Wilhelm,  der  durch  perfönliches
Eingreifen  am  23.  I#ärz  in  einem  Erlaß  an  den  Stkaakssekretär
  v.  Bülow  akkives  Vorgehen  zur  Erhalkung  des
Friedens  von  seinen  Ministern  verlangk  hakke,  1  zu  verdanken
  war,  daß  im  April  1878  Europa  der  Frieden  erhalten
  wurde.

Von  dieser  rekkenden  Tak  des  deutschen  Reichskanzlers
  ist  in  der  historischen  Begründung  der  Senakskommission
  mit  keinem  Work  die  Rede.  Härke  doch  deren
Erwähnung  die  ganze  Beweisführung  dieses  Teiles  der
Anklageschrift  restlos  über  den  Haufen  geworfen.

Es  kann  aber  heuke  keinen  ernsten  Skaaksmann  und
keinen  gewissenhafken  Historiker  mehr  geben,  der  nach  der
Kennknis  der  Akken  des  Auswärtigen  Amkes  noch  annehmen
  kann,  daß  die  deutsche  Politik  während  der  zwanzig
  Jahre,  die  dem  Frieden  von  Frankfurk  folgken,  nichf

 

1)  Akten  G.  240,  Nr.  369

82
        <pb n="93" />
        bei  jeder  Gelegenheit  für  die  Erhaltung  des  Friedens  eingetreten
  ist,  und  daß  in  einem  Falle,  nämlich  nach  dem
Abschluß  des  Friedens  von  San  Stefano,  Europa  ihn
ausschließlich  der  deutschen  Politik  geradezu  verdankte.

Drittes  Kapitel

Die  deutsche  Kolonialpolitik  und  die  Krisen  in  den
Jahren  1885—87

ährend  des  letzken  Jahrfünfks  seiner  Reichskanzlerschaft

  soll  Fürst  Bismarck  nach  der  Ansichk  der
Ankläger  Deutschlands  nicht  nur  die  Hegemonie  in  Curopa
  angestrebk,  sondern  er  soll  auf  die  Enkfesselung  eines
Krieges  geradezu  hingearbeikel  haben.  „Die  Periode  der
Annäherung,  die  der  Krise  von  18)5  folgke,  war  beendetk“,
  1  so  schließen  die  Herren  Bourgeois  und  Pages
das  Kapikel  ihres  Buches,  das  sich  mit  den  Ereignissen
des  Jahres  1884  beschäftigt.  Und  sie  beginnen  das  folgende
  Kapikel  mik  der  Behauptung,  daß  sich  an  das  verflossene
  Jahrzehnk  der  Annäherung  an  Frankreich  eine
neue  Krisis  anschloß,  die  eine  auffallende  Ahnlichkeit  mit
der  des  Jahres  1878  harke,  sowohl  durch  die  Ark,  in  der
sie  vorbereikek  wurde,  als  durch  die  Form  ihrer  Entwicklung.
  Sie  wollen  damit  nichks  anderes  sagen,  als  daß
Fürst  Bismarck  mit  vollem  Bewußtsein  vom  Jahre  18885
ab  den  Krieg  mit  Frankreich  vorbereikek  hak  und  nur
durch  die  Zurückhalkung,  Vorsicht  und  Friedensliebe  der

1)  A.  a.  O.  S.  216.
2)  A.  a.  O.  G.  212.
        <pb n="94" />
        verschiedenen  einander  folgenden  französischen  Regierungen
  und  durch  das  Eingreifen  Rußlands  verhinderk  worden
  sei,  seine  Absicht  auszuführen.  Als  sie  diese  Beschuldigungen
  erhoben,  kannten  sie  noch  nichk  die  ersten  sechs
Zände  der  Akkensammlung  des  Auswärtigen  Amtkes.
Selbst  sie  würden  sonst  ihre  Ansicht  nicht  aufrechkerhallen
  haben,  denn  sie  stehr  in  so  schroffem  Gegensatz  zu  den
Taksachen,  die  sich  aus  diesen  Akken  ergeben,  daß  auch
eine  zu  polikischen  Zwecken  geschaffene  Tendenzschrift  sie
hätte  preisgeben  müssen,  weil  ihre  Aufrechkerhaltung  auch
die  auf  die  nachbismarck'sche  Zeit  bezügliche  Beweisführung
  des  Senaksberichles  enkkräftek  häfte.!

Die  Friedensliebe  des  Fürsten  Bismarck  ist  während
der  letzten  Jahre  seiner  Kanzlerschaft  nicht  minder  groß
gewesen  als  während  der  ersten  anderkhalb  Jahrzehnte
nach  dem  Frankfurker  Frieden.  Sein  komplizierkes  Bündnissystem
  hakke  keinen  anderen  Zweck  als  die  Erhallung
des  Friedens,  weil  jeder  Krieg,  auch  jeder  siegreiche  Krieg,
sein  Lebenswerk  gefährden  mußke.  Er  hatke  zehn  Jahre
lang  versuchk,  durch  eine  Annäherung  an  Frankreich,

 

1)  Leider  gibt  es  Historiker,  die  auch  nach  der  Veröffenelichung  der
Akten  des  Auswärtigen  Amtes  an  ihrer  vorgefaßten  und  unhalebaren
Ansicht  über  den  Charakter  der  Bismarck'schen  Policik  festhalten.  Zu
ihnen  gehört  der  amerikanische  Professor  Fuller,  der  in  seinem  Buch
Bismarck's  Diplomacy  at  its  Zenith-,  das  1g22  erschienen  ist,  die  Bismarck
  'sche  Politik  vor  und  während  der  deutsch-französischen  Krisis  vom
Februar  und  April  1887  iIn  der  unwissenschaf  lichsten  Weise  und  in
klarem  Widerspruch  zu  den  Akken  verdächtige  und  verleumder  wie  nur
irgend  ein  Franzose.  Seine  erste  Schrift  über  die  Krieg-in-Siche-Krise
des  Jahres  187  ist  von  Herzfeld  in  seiner  in  den  „Forschungen  und
Darstellungen  aus  dem  Reichsarchiv“  erschienenen  Arbeit  gründlich
widerlegt  worden.  Miet  dieser  zweiten  unentschuldbaren  —  weil  nach

84
        <pb n="95" />
        dessen  fortdauernde  Rachegelüste  die  für  Deutschland  gefährlichste
  Bedrohung  des  enropäischen  Friedens  bedeukeken,
  das  Ziel  der  Befriedung  Europas  zu  erreichen,  und
er  häkte  diese  seine  Bemühungen,  die  eine  Stärkung  der
französischen  Machtstellung  schon  zur  Folge  gehabt  hakken,
forkgesetzt,  wenn  Frankreich  nach  dem  Sturze  des  Ministeriums
  Ferry  diesen  seinen  Bestrebungen  nichk  unüberwindliche
  Hindernisse  in  den  Weg  gelegk  hätte.

Es  sei  hier  gleich  gesagk  und  ausdrücklich  anerkannk,  daß
es  viel  weniger  die  Regierungen  Frankreichs  waren,
die  zur  Unkergrabung  der  gewiß  nicht  freundschaftlichen,
aber  doch  erkräglich  gewordenen  Beziehungen  zwischen
den  beiden  Rachbarvölkern  während  der  sich  seit  1888
vorbereikenden  Krise  beigetragen  haben,  als  das  französische
  Tolk,  oder  vielleichk  auch  nur  eine  I#inderheit
  des  französischen  Volkes,  die  wegen  des  geringen
Widerstandes,  den  sie  bei  der  Mehrheit  und  bei  den  Regierungen
  fand,  immer  wieder  der  bestimmende  Fakklo#r
des  Geistes  der  französischen  Politik  zu  werden  drohre.

Der  Berichk  der  Senakskommission  enthüllk  selbst  die

 

der  Veröffentelichung  der  Aken  erschienenen  —  Schrift  rechnet  Heinz
Trügschler  v.  Falkenstein  ab  in  seinem  Buch  „Bismarck  und  die  Kriegsgefahr
  des  Jahres  1887“.  Fuller  unterscheidet  sich  in  diesen  Schriften
sehr  ungünstig  von  vielen  unter  seinen  amerikanischen  Fachgenossen  und
Policikern,  unter  denen  während  der  letzten  Jahre  die  Gegner  der  Schuldlüge
  zahlreicher  geworden  sind  als  deren  Verteidiger.  Und  ganz  besonders
  bedauerlich  ist  es,  daß  auch  ein  deutscher  Gelehrker,  der  Serafrechtslehrer
  Kankorowicz  in  Freiburg,  aus  den  Akten  das  Gegenkeil  von  dem
herausliest,  was  darin  steht,  und  den  Feinden  Deutschlands  Wasser  auf
ihre  Schuldlügenmählen  treibt.  Oer  im  „Tagebuch“  Nr.  9  vom  1.  März
1994  erschienene  Aufsatz  dieses  Herrn  wird  im  Augustheft  1924  des  „Archios
  für  Policik  und  Geschichte“  von  Dr.  Thimme  schlagend  widerlegt.

85
        <pb n="96" />
        Gründe,  aus  denen  es  auch  für  den  unbedingt  friedlieben—
den  deutschen  Staatsmann  nicht  möglich  war,  an  die
Dauerhaftigkeit  guter  Beziehungen  zwischen  Frankreich
und  Deutschland  zu  glauben.  Er  enthält  nämlich  das  folgende
  Eingeständnis:  „Dieses  Mal  wurden  Verhandlungen:
  eingeleitet,  und  Bismarck  verbarg  dem  Baron
v.  Courcel  (dem  französischen  Botschafter  in  Berlin)  nicht,
daß  er  seit  Jahren  eine  Annäherung  an  Frankreich
wünschte,  daß  sich  diesem  Wunsche  aber  immer  gegenseitiges
  Mißtrauen  in  den  Weg  gestellt  hätte,  und  daß  der
Augenblick  ihm  günstig  zu  sein  schiene,  um  sich  zu  vergewissern,
  ob  dieses  Mißtrauen  unüberwindlich  sei  und  ob
er  seine  Polikik  danach  einrichten  könne.  Aber  das,  was  er
nicht  sagte,  und  was  Jules  Ferry  ebenso  wie  der  Baron
v.  Courcel  sehr  bald  merkten,  das  war,  daß  er  viel  mehr
wollte,  als  irgendein  französisches  Ministerium  ihm  jemals
  bewilligt  haben  würde.  Er  wollte  und  er  wollte
immer,  daß  sich  Frankreich  mit  der  Vergangenheit  abfände
  oder  sie  vergäße.“

Hier  wird  also  offen  eingestanden,  daß  kein  französisches
  Ministerium  sich  jemals  mit  dem  Frankfurker  Frieden
  absinden  und  Sedan  vergessen  konnke.  Das  aber
kann  nichks  anderes  bedeuten,  als  daß  die  Grundlage  der
französischen  Politik,  daß  ihr  wesenkliches,  alle  anderen  Erwägungen
  in  seinen  Bann  ziehendes  Ziel  die  Wiederholung
  des  Unrechks  war,  das  Ludwig  XIV.  vor  zwei  Jahrhunderken
  an  dem  wehrlosen  Deutschland  begangen  hakke.

 

1)  A.  a.  O.  S.  20g9.  Dlese  Berhandlungen  waren  im  Mai  1884  von
Bismarck  eingeleitet  worden  und  betrafen  ein  Übereinkommen  zwischen
Frankreich  und  Deutschland  über  die  afrikanischen  Eragen.  Sie  mündeken
  schließlich  im  Oktober  in  der  Kongokonferenz.

86
        <pb n="97" />
        Die  Verfasser  des  Berichtes  der  Senatskommission
haben  ganzrechtk,  wenn  sie  sagen,  daß  Bismarck  von  Frankreich
  das  „Sichabsinden“  mik  der  Vergangenheit  verlangke.
  Sie  haben  aber  unrechk,  wenn  sie  ihm  das  zum
Vorwurf  machen.  Denn  es  ist  doch  klar,  daß  ein  Volk
und  daß  Regierungen,  deren  ganze  Außenpolitik  von  einer
einzigen  Sehnsucht  beherrscht  wird,  nakurnokwendig  jede
Gelegenheit  ergreifen  müssen,  die  sich  ihnen  zur  Erfüllung
dieser  Sehnsuchtk  biekek.  Und  deshalb  war  dieses  „Sichabsinden“
  mit  der  Vergangenheit  für  jeden  Staaksmann,
der  die  schwer  errungene  Machtstellung  seines  Landes
nicht  gewalkfam  ankasten  lassen  wollke,  eine  durchaus  berechtigke
  Forderung,  und  nichk  der,  der  sie  erhob,  sondern
  der,  der  sie  für  unerfüllbar  erklärke,  bedrohte  den
europäischen  Frieden.

Gerade  weil  alle  Versuche,  durch  Unkerstützung  französischer
  Expansionsgelüste  während  des  Jahrzehnks  von
1875  bis  1888  Frankreich  zu  versöhnen,  nichk  zu  diesem
Ziel  geführk  hakten,  ohne  dessen  Erreichung  der  Frieden
Europas  nichtk  gesicherk  werden  konnte,  mußke  Bismarcks
Politik  darauf  gerichkek  sein,  durch  Bündnisse  zu  verhindern,
  daß  Frankreich  Bundesgenossen  zur  Befriedigung
seiner  friedenstörenden  Wüncsche  fand.

Dieser  Grundgedanke  beherrschk  in  der  Tak  die  Politik
  des  großen  Meisters  im  Schachspiel  der  Diplomakie
während  der  letzten  Jahre  seines  Wirkens.  Der  Abschluß
  des  Dreikaiserbündnisses,  seine  Erneuerung,  der
Dreibund  und  die  im  Jahre  1888  versuchte  Annäherung
an  die  englische  Politik,  die  nach  den  Verfassern  des
Senaksberichkes  keinen  anderen  Zweck  harke,  als  durch
die  Isolierung  Frankreichs  die  deutsche  Herrschaft  auch

87
        <pb n="98" />
        ũber  das  Mittelmeer  auszudehnen,  seine  russenfreundliche
  und  höchst  unpopuläre  Stellungnahme  zur  bulgarischen
  Krise  des  Jahres  1886  enkspringen  ebenso  wie  der
Rückversicherungsverkrag  diesem  Grundgedanken  seiner
Politik.  Keines  dieser  Bündnisse  war  dazu  bestimm#,  die
Hegemonie  Deutschlands  in  Curopa  herbeizuführen,  denn
kaksächlich  hat  Bismarck  in  all’'  den  Jahren,  während
deren  er  sich  auf  diese  Bündnisse  stützen  konnke,  nichks
unkernommen,  um  irgendeine  Machkerweikerung
für  Deutschland  durchzusetzen.  Es  ist  bekannk,  daß  er
sich  nur  widerstrebend  und  unker  dem  Druck  der  Bevöl-=kerungszunahme
  Deutschlands  und  des  Takendranges
der  deutschen  Kaufmannschaft  und  der  deutschen  Jugend,
die  zum  Unkerschied  von  der  Jugend  aller  anderen  Großmächte
  kein  Bekätigungsfeld  hakke,  dazu  enkschloß,  überleeische
  Besitzungen  für  Deutschland  zu  erwerben.  Er  kat
es  nur  an  den  Stellen  der  Erde,  an  denen  aller  Voraussichk
  nach  die  mit  Kolonien  gesältigken  anderen  Großmächkekeineirgendwielebenswichtigen
  Inkeressenhaken.!
Das  auf  diese  Weise  friedlich  erworbene  Kolonialreich  war
an  Umfang,  an  Einwohnerzahl  und  an  Bodenschätzen  so
ungeheuer  viel  kleiner  als  der  Kolonialbesitz  aller  anderen
Großmächke,  daß  seine  Erwerbung  für  die  welkpolitische
Machkstellung  Deutschlands  nichk  die  geringste  Rolle
spielke.  Dennoch  haben  die  Ankläger  Deurschlands  selbst

 

1)  Eine  einzige  Ausnahme  bildeé  die  Besitzergreifung  von  Südwestafrika,
  wo  die  deuksche  Flagge  dem  deueschen  Kaufmann  gefolgt  war
und  nicht  wieder  niedergeholt  werden  konnte.  Aber  auch  wegen  dieler
Kolonie,  gegen  deren  Besitzergreifung  England  Einspruch  erhob,  ist  es
zu  einem  ernsten  Konflikr  nicht  gekommen.  —  S.  Akten  Bd.  1V,  S.  56
bis  108,  Nr.  ?41—761

88
        <pb n="99" />
        in  diesen  kolonialen  Erwerbungen  der  Bismarck'schen  Ara
einen  Beweis  dafür  erblickt,  daß  Deutschland  auf  die  Gefahr
  hin,  den  Frieden  der  Welt  zu  erschüttern,  seine  Herrschaft
  ausgedehnt  hat.  Wie  unbegründet  diese  Anklage
ist,  wird  schlagend  bewiesen  durch  das  Verhalten  Bismarcks
  in  dem  Konflikt,  der  zwischen  Deutschland  und
Spanien  wegen  der  Besetzung  der  Karolinen  entstanden
war.  In  keiner  der  zahllosen  Schriftken,  die  aus  den  feindlichen
  Lagern  zur  Charakkerisierung  der  Bismarck'schen
Politik  hervorgegangen  sind,  ist  von  diesem  Verhalken
die  Rede.  Weil  es  aber  einer  der  stärksten  Beweise  für
die  Friedferkigkeik  der  Bismarck'schen  Politik  ist,  will  ich
es  an  dieser  Stelle  in  Erinnerung  bringen.

Die  westlich  von  den  damals  noch  panischen  Philippinen
  gelegenen  Palao=  oder  Karolineninseln  waren  im
Jahre  1875,  als  der  spanische  Konsul  in  Hongkong  Amtkshandlungen
  auf  ihnen  vornehmen  wollke,  durch  Noken  der
deutschen  und  englischen  Regierung  vom  3.  und  4.  März
als  Gebieke  bezeichnek  worden,  auf  die  sich  die  spanischen
Hoheiksrechke  nichk  erstreckken.  Die  spanische  Regierung
hakke  infolge  dieser  Noken  ihren  Konful  in  Hongkong  angewiesen,
  sich  aller  Eingriffe  in  den  Handelsverkehr  fremder
  Schiffe  im  Karolinenarchipel  in  Zukunft  zu  enkhalten,
und  diese  Inseln  als  herrenlose  Länder  anerkannk.  Als  nun
im  August  1888  deutsche  Kaufleute,  die  auf  diesen  Inseln
Niederlassungen  hakten,  die  deussche  Regierung  um  ihren
Schuß  baken,  krug  Fürst  Bismarck  kein  Bedenken,  dieser
Bilke  zu  willfahren.  Er  kündigke  am  6.  August  durch  den
deulschen  Gesandten  in  JMadrid,  den  Grafen  Solms-Sonnenwalde,
  der  spanischen  Regierung  an,  daß  Kaiser  Wilhelm
  beschlossen  habe,  die  deutsche  Flagge  auf  den  Karo-80
        <pb n="100" />
        linen  zu  hissen.  Die  deutsche  Regierung  war  im  höchsten
Grade  überrascht,  als  die  spanische  Regierung  am  12.  August
  gegen  diese  Besitzergreifung  Einspruch  erhob.  Am
21.  August  erschien  vor  der  Insel  Dap  das  spanische
Kriegsschiff  „Manila“.  Der  Kapitän  ließ  zwar  Truppen
landen,  aber  es  kam  zu  keiner  Flaggenhissung,  weil  der
für  diese  Zeremonie  den  Spaniern  unentbehrlich  erscheinende
  Altar  nicht  zur  Stelle  war  und  erst  von  Manila
herbeigeschafft  werden  sollte.  Inzwischen  aber  war  das
deutsche  Kanonenbook  „Ilkis“  vor  der  Insel  angekommen.
  Als  es  am  24.  August  kaum  vor  Anker  gegangen
war,  ließ  der  Kommandank  der  sofork  gelandelen  Truppen
  auf  der  Fakkorei  der  Herren  Robertson  und  Herrnsheim
  unker  Trommelschlag  die  kaiserliche  Kundgebung
verlesen  und  die  deutsche  Flagge  hissen.  Der  Befehlshaber
  des  spanischen  Schiffes  erklärke,  als  ihm  mikgekeilt
wurde,  daß  die  Insel  von  jetzt  ab  unter  deutscher  Schutzherrschaft
  stünde,  er  hätte  die  Absicht  gehabk,  am  27.  die
spanische  Schutzherrschaft  über  die  Inselgruppe  zu
verkündigen.

Noch  bevor  die  Nachrichk  won  der  Flaggenhissung  in
Europa  bekannk  geworden  war,  enkstand  in  der  spanischen
  Bevölkerung  auf  Grund  der  nichk  geheim  gebliebenen
  Milkeilung  des  deutschen  Gesandken  eine  ungeheure
Erregung.

Fürst  Bismarck  nahm  von  dieser  Volksbewegung,  die
von  republikanischen  und  anarchistischen  Elemenken  geschürk
  wurde,  keine  Motiz,  sondern  beankworkeke  den  Einspruch
  der  spanischen  Regierung  am  31.  August  durch  eine
Note,  in  der  er  zwar  nachwies,  daß  jeder  Anspruch  Spaniens
  auf  diese  Insel  unbegründek  sei,  daß  er  aber  den

00
        <pb n="101" />
        lebhaften  Wunsch  habe,  den  entstandenen  Konflikt  durch
freundschaftliche  Verhandlungen,  äußerstenfalls  durch
ein  Schiedsgericht  aus  der  Well  zu  schaffen.  Er  handelte
dabei  genau  nach  den  auf  der  Kongokonferenz  aufgestellken
  Grundsätzen,  obwohl  diese  Grundsätze  nur  für  die  Belitzstreitigkeiken
  um  afrikanische  Länder  Gülkigkeit  haben
slollten.

Troß  dieses  Enkgegenkommens  wuchs  die  Erregung  der
Bevölkerung,  und  am  4.  Sepkember  riß  der  Madrider
Pöbel  die  deutsche  Flagge  vom  Gesandtschaftsgebäude
herunker.  Diese  Beleidigung  der  deutschen  Flagge  wurde
vom  Fürsten  Bismarck  als  ein  Ereignis  bekrachkek,  das
auf  seine  Enkschließungen  keinen  Einfluß  haben  konnke.
Der  spanische  Ministerpräsidenk  entschuldigke  sich  auf
der  deutschen  Gesandktschaft,  und  das  deuksche  Wappen
wurde  unker  den  üblichen  Zeremonien  wieder  über  dem
Tor  des  Gesandtschafksgebäudes  angebrachk.  Am  10.  Okkober
  schlug  Bismarck  der  spanischen  Regierung  zur  größlen
  ÜUberraschung  der  ganzen  Welk  vor,  den  Skreik  durch
Seine  Heiligkeit  den  Papst  Leo  XlII.  entscheiden  zu  lassen,
also  durch  eine  Persönlichkeit,  die  ganz  gewiß  der  kreuesten
  Tochker  der  karholischen  Kirche  als  ein  annehmbarer
Richter  erscheinen  mußke.  Das  Erstaunlichste  aber  war,
daß  er  von  seinem  Vorschlage  nicht  zurückkrak,  als  die
spanische  Regierung  den  Papst  nur  als  Vermikkler,
nichk  als  Schiedsrichter  anerkennen  wollte  und  sich
das  Recht  vorbehielk,  sich  dem  päpstlichen  Spruch  nicht
zu  sügen,  wenn  er  ihr  nichk  gesiele.  Die  Enkscheidung  des
Papstes  siel  bekanntlich  zugunsten  Spaniens  aus.  Sie
unkerwarf  die  Karolinen  der  spanischen  Oberhoheik,  den
Deutschen  aber  wurde  Freiheik  des  Handels  und  der

91
        <pb n="102" />
        Schiffahrt  und  das  Recht  zugesprochen,  eine  Flotten—
station  und  ein  Kohlenlager  auf  einer  der  Inseln  zu  errichten.


Kann  es  einen  schlagenderen  Beweis  für  die  Friedensliebe
  des  Mannes  geben,  den  die  französische  Geschichtsschreibung
  den  rücksichkslosesten  Werkreker  des  Grundsatzes
  „Machk  gehk  vor  Rechk"  nennk,  als  Bismarcks
Verhalken  in  diesem  Falle,  in  dem  er  durch  Gewalkanwendung
  unzweifelhafk  seinen  Willen  häkke  durchsetzen
können,  aber  krotz  der  Beleidigung  der  deutschen  Flagge
das  Schiedsgericht  einer  Machk  anrief,  die  Spanien
näher  stand  als  dem  Deutschen  Reich?  Handelk  so  ein
Mann,  der  von  keinem  anderen  Streben  beseelk  ist,  als
dem,  die  Hegemonie  seines  Landes  in  der  Welk  aufzurichten?


Beweist  diese  praktische  Anwendung  des  Schiedsgerichtsgedankens
  schon  die  ganze  Haltlosigkeit  der  Verdächtigungen
  der  Bismarck'schen  Politik,  mit  denen  der
Bericht  der  Senatskommission  gespickt  ist,  so  wird  der
Vorwurf,  daß  hinter  allen  diplomatischen  Schritten  des
deutschen  Reichskanzlers  Weltherrschaftsgelüste  standen,
ganz  schlagend  widerlegt  durch  die  Tatsache,  daß  es  Fürst
Bismarck  war,  der  den  Schiedsgerichtsgedanken  durch
eine  von  vierzehn  Mächten  unterzeichnete  Urkunde,  wenn
auch  nur  für  ein  bestimmtes  Gebiek,  in  das  moderne  Völkerrecht
  eingeführt  hat.  Dieser  Schiedsgerichtsgedanke,
den  die  in  Genf  versammelten  Vertreter  von  vierzig
Staaten  wie  ein  neuentdecktes  Allheilmittel  zur  Erhaltung
  des  Friedens  priesen,  ist  in  der  Tak  schon  wor  vierzig
  Jahren  von  dem  Manne  zur  Grundlage  eines  inkernationalen
  Abkommens  gemachk  worden,  der  von  unse-92
        <pb n="103" />
        ren  Feinden  für  den  imperialistischsten  Staatsmann  der
neueren  Geschichte  erklärt  wird.

Der  zwölfte  Artikel  des  dritten  Abschnittes  der  Kongoakte,
  die  von  Belgien,  Dänemark,  Großbritannien,  Italien,
  den  Niederlanden,  Osterreich-Ungarn,  Porkugal,
Rußland,  Spanien,  den  (kandinavischen  Ländern  und
den  Vereinigken  Staaten  und  späker  auch  von  der  Türkei
unterzeichnek  worden  ist,  laukek:  „Für  den  Fall,  daß  unker
den  Jächten,  welche  diese  Akle  unkerzeichnek  haben,  oder
sich  ihr  späkter  anschließen  würden,  ein  ernster  Streik  in
bezug  auf  die  Grenzen  oder  innerhalb  der  Grenzen  der
in  Artikel  1  erwähnken,  unker  das  Gesetz  der  Handelsfreiheit
  gestellten  Gebieke,#11  entsteht,  so  verpflichten  sich  diese
UAlächte,  bevor  sie  die  Waffen  ergreifen,  die  Permiktlung
einer  oder  mehrerer  verbündeken  Meächre  anzurufen.  In
demselben  Fall  behalten  sich  dieselben  JMächke  den  wahlweisen
  Ankrag  auf  schiedsgerichkliches  Verfahren  vor.“
Wenn  auch  in  diesem  Artikel,  ebensowenig  wie  im  Skakuk
des  Völkerbundes,  die  Verpflichkung  zur  Anerkennung
eines  gefällken  Schiedsspruches  eingeführk  wird,  so  enthält
  er  doch  die  obligakorische  Bestimmung,  daß  vor  dem
Appell  an  die  Waffen  eine  Vermiktlung  nachgesucht  werden
  muß,  und  unkerscheidet  sich  in  seiner  Wirkung  ——
natfürlich  nur  auf  Skreikigkeiten  über  ein  engbegrenztes
Gebiek  —  nichk  sehr  wesentlich  von  den  Vorschriften  des
Artikels  r12  der  Bölkerbundakte.

Daß  mil  diesem  Artikel  ekwas  ganz  Neues  in  das  moderne
  Völkerrechk  eingeführk  wurde,  ist  damals  unum- 



1)  Unter  den  im  Arrikel  1  erwähnten  Gebleen  sind  alle  Terrikorien,
die  zum  Geromgebiet  des  Kongo  und  seiner  Nebenflüsse  gehören,  zu

verstehen.
93
        <pb n="104" />
        wunden  anerkannt  worden.  Fürst  Bismarck  selbst  sagte
in  der  Rede,  mit  der  er  die  Kongokonferenz,  die  vom
15.  November  1884  bis  zum  26.  Februar  1883  in  Berlin
  gekagk  hakke,  schloß:  „In  demselben  Gedankengang
haben  Sie  sich  bemüht,  Mißverständnissen  und  Zerwürfnissen
  zuvorzukommen,  zu  denen  neue  Besitzergreifungen
an  den  Küsten  Afrikas  Anlaß  geben  könnken.  Die  Erklärung
  über  die  Förmlichkeiten,  welche  erfüllt  werden
müssen,  wenn  solche  Besitzergreifungen  als  rechtmäßig
anerkannk  werden  sollen,  führk  in  das  Völkerrechk  eine
neue  Regel  ein,  die  ihrerseis  beitragen  wird  zur  Verhükung
  von  Störungen  des  Völkerfriedens.“

Auf  dem  Stkudenkenkommers,  der  Ende  Februar  1885
zu  Ehren  von  Theodor  Mommsen  stattfand,  erklärte  der
Historiker  Karl  Wilhelm  Nietzsch  in  einer  Rede  auf  Bis—
marck,  unter  Bezugnahme  auf  dieses  Ergebnis  der  Kongokonferenz,
  den  Reichskanzler  für  den  Juristken  der  Tak,
wie  er  schon  lange  der  Historiker  der  Tak  sei,  denn
es  sei  dem  neuen  Reich,  das  er  erschaffen,  ein  neues  Recht
entsprungen,  das  Völkerrechk  des  Welkfriedens,  in  dessen
Festlegung  die  Afrikaakke  einen  hochbedenkenden  Forkschritt
  darstellke.:  Solchen  Eindruck  machtke  die  Kongokonferenz
  auf  die  I#enschen,  die  sie  mikerlebken.  Sie  erschien
  ihnen  als  die  erste  Anbahnung  einer  inkernakionalen
  Einrichkung  zur  Erhalkung  des  Welkfriedens,  einer
Einrichkung,  von  deren  Ausdehnung  auf  die  ganze  Welk
dieselben  Määnner,  die  ihren  Schöpfer  jetzt  als  den  bewußkten
  Störer  des  Welkfriedens  verleumden,  das  Glück  der
Zukunfk  des  Menschengeschlechkes  erwarkeken.  Mit  wöl-=I)

  S.  Oncken,  Das  Zeitalter  Kaiser  Wilhelms,  Bd.  2,  S.  916  und
Gareis,  Institutionen  des  Völkerrechts,  Gießen  1888.

 

94
        <pb n="105" />
        kerrechtlichen  Methoden,  wie  sie  in  der  Kongoakte  festgelegt
  sind,  läßt  sich  der  Anspruch  auf  die  Welthegemonie
nichk  vereinigen,  weil  sie  durch  den  Schiedsgerichksgedanken
  gerade  verhinderk  werden  soll.  Daß  aber  diese  „neue
Regel“  des  Völkerrechks  für  ihren  Schöpfer  nichk  nur
auf  dem  Papier  stand,  bewies  Fürst  Bismarck  eben  dadurch,
  daß  er  sie  schon  wenige  Monake  späker  im  deutschspanischen
  Konflikk,  also  in  einem  Fall  amwandke,  für  den
sie  gar  nicht  vorgesehen  war.  Wie  aber  haben  sich  seit
jener  Zeik  andere  I#chte  zum  Gedanken  des  Schiedsgerichks
  verhalten?

Im  Jahr  1904  wurde  am  12.  Juli  zwischen  England
und  Deutschland  ein  Vertrag  abgeschlossen,  nach  dem
alle  die  Ehre  und  die  Lebensinkeressen  der  beiden  verkragschließenden
  Bölker  nicht  berührenden  Streitigkeiken
durch  Schiedsgerichk  geschlichkek  werden  sollten.

Als  nach  dem  Burenkriege  Meinungsverschiedenheiten
zwischen  den  Regierungen  Großbrikanniens  und  Deutschlands
  über  die  Höhe  der  Enkschädigungen  enkstanden
waren,  die  den  in  Transvaal  anfässigen  durch  den  Krieg
geschädigken  Deutschen  gezahlk  werden  sollten,  und  die
von  England  eingesetzten  Enkschädigungskommissionen
die  Einsprüche  der  deutschen  Regierung  gegen  deren  zu
niedrige  Schätzung  der  Schäden  ablehnken,  beankragke
Deutschland  nach  langjährigen  fruchklosen  Verhandlungen
  im  Jahre  rg#  unker  Berufung  auf  jenen  Vertrag,
die  Meinungsverschiedenheik  durch  ein  Schiedsgerichk
enkscheiden  zu  lassen.  Diese  Forderung  lehnke  die  englische
  Regierung  mit  der  Begründung  ab,  daß  es  die
Ehre  Großbrikanniens  verbieke,  die  von  seinen  Kommissionen
  getroffenen  Enkscheidungen  einem  Schiedsgericht

95
        <pb n="106" />
        zu  unterbreiten.  Bismarck  hat  es  also  mit  der  Ehre  Deutschlands
  für  vereinbar  gehalten,  die  Rechtsgültigkeit  einer
feierlichen  kaiserlichen  Proklamation  einem  Schiedsgericht
zu  unterbreiten.  Lord  Lansdowne  hat  es  mit  der  Ehre
Englands  für  unvereinbar  gehalten,  die  Höhe  von  Enkschädigungen,
  die  von  englischen  Kommissionen  festgesetzt
worden  waren,  durch  ein  Schiedsgericht  überprüfen  zu
lassen.  Und  die  Deutschen  in  Transvaal  mußten  sich  fügen.
Kann  jemand,  der  das  Verhalten  Bismarcks  im  Karolinenkonflikt
  mit  dem  Verhalken  Lansdownes  nach  dem
Burenkriege  vergleichk,  im  Zweifel  darüber  sein,  in  welchem
  von  beiden  Ländern  der  Schiedsgerichksgedanke  ehrlicher
  angewendek  worden  ist?  Mir  scheink,  die  Frage
stellen,  heiße  sie  verneinen.

Als  der  Streit  um  die  Karolinen  einen  Krieg  zwischen
Deutschland  und  Spanien  heraufzubeschwören  schien,
flammke  das  Revanchegeschrei  in  Frankreich  wieder  auf
und  beruhigke  sich  nichk  einmal,  als  der  Schiedsgerichksvorschlag
  Bismarcks  bekannt  wurde.  Das  erschien  dem
deutschen  Reichskanzler  wie  eine  Bestätigung  seines  niemals
  schlummernden  JMißtrauens  gegen  die  französische
Volksstimmung.  Er  schrieb  am  21.  September  1885  an
den  Fürsten  Hohenlohe:!  „Der  Eindruck,  welchen  die
spanische  Episode  bei  ihrem  ersten  Erscheinen  auf  die  Franzosen
  aller  Parkeien  machke,  hak  uns  gezeigk,  daß  letzkere,
so  uneinig  sie  sonst  sein  mögen,  doch  in  der  Absicht,  die
erste  günstige  Gelegenheik  zum  Bruch  mit  Deukschland
zu  benutzen,  alle  einig  sind.  Fünfzehn  Jahre  freundlichen
Enkgegenkommens  auf  jedem  Gebiek  der  Politik  mit  all- 



1)  Siehe  Akten  Bd.  III,  S.  452,  Nr.  70).

96
        <pb n="107" />
        einiger  Ausnahme  des  Elsaß  haben  hierin  eine  Wandlung
  oder  Ermäßigung  nichk  bewirken  können.  Das  Mißtrauen,
  womil  die  französische  Bevölkerung  unser  langjähriges
  Enkgegenkommen  aufgenommen  ha,  ihre  nichk
bloß  im  geheimen  günstige  Halkung  gegenüber  dem  Treiben
  der  Pakriokenliga,  der  Terror,  den  letzkere  durch
ihre  zum  Teil  aus  öffentlichen  Fonds  fubvenkionierten
Presseorgane  auf  die  öffentliche  Ieinung  ausübt,  die
Forkdauer  agikakorischer  Einwirkungen  auf  die  Bevölkerung
  der  Reichslande,  das  sind  IXomenke,  die  wir  nicht
unberücksichtigk  lassen  können,  und  die  uns  die  Nokwendigkeit
  nahelegen  würden,  beim  Ausbruch  eines  deuktschspanischen
  Krieges  auf  die  Sicherung  der  westlichen  Reichsgrenze
  Bedachk  zu  nehmen.  Unsere  Rüstungen  würden
dann  französische  Gegenmaßregeln  hervorrufen,  und  durch
die  Wechselwirkung  der  allmählichen  Skeigerung  von
Rüstung  und  Stimmung  kann  es  schließlich  dahin  kommen,
  daß  Frankreich  von  innen  heraus  in  die  Akkion  gedrängk
  wird.  Es  ist  wahrscheinlich,  daß  eine  Erwägung
dieser  Ark  diejenigen  Franzosen,  welche  überhaupk  den
Frieden  wollen,  auch  hinsichklich  der  deutsch-spanischen
Frage,  in  friedlichem  Sinne  beeinflussen  wird.  Ew.  wollen
Ihre  Sprache  bei  sich  biekenden  Anlässen  demenksprechend
einrichken,  aber  niemals,  ohne  hinzuzufügen,  daß  wir
lortfahren  werden,  unsererseiks  den  Frieden
und  die  gute  RNachbarschaft  zupflegen,  daß  aber
das  Verkrauen,  daß  dies  auch  von  französischer  Seite
dauernd  der  Fall  sein  werde,  für  uns  schwer  festzuhalken
  sei.“

Auch  aus  der  Sprache  dieser  leisen  Warnung  spricht
krotz  allen  Zweifeln  an  der  Friedensliebe  des  französischen

Kronprinz  Wilbelm,  Ich  suche  d.  W.  7

97
        <pb n="108" />
        Volkes  die  redliche  Absicht,  in  gutem  Emvernehmen  mit
dem  unruhigen  Nachbar  zu  bleiben.

Die  Anklageschrift  der  Herren  Bourgeois  und  Pages
behauptek  nun,  daß  Bismarck  zu  solchem  Zweifel  an  der
Friedensliebe  Frankreichs  keinen  Grund  hakke,  daß  er
diesem  Zweifel  nur  Ausdruck  gab,  um  Kriegsgründe  zu
finden,  daß  er  an  die  Aufrichtigkeit  der  französischen  Friedensliebe
  nichk  glaubke,  weil  er  nichk  an  sie  glauben
wollte.!  Eswerden  zur  Begründung  dieser  Ansicht  zahlreiche
  Versicherungen  der  leikenden  französischen  Staaksmänner
  angeführk,  aus  denen  —  man  kann  es  nichk  leugnen
  —  aufrichkig  scheinende  Friedensliebe  sprichk.  Und  es
ist  dem  Fürsten  Bismarck  auch  nichk  eingefallen,  an  der
Aufrichkigkeik  dieser  Friedensliebe  zu  zweiseln.  Das  siehl
man  zum  Beispiel  aus  den  Randbemerkungen,  die  er  zu
dem  von  seinem  Sohn  aufgezeichneken  Gespräch  machkt,
mit  dem  der  französische  Botschafter,  Baron  de  Courcel,
die  oben  erwähnke  durch  Hohenlohe  weikergegebene  Warnung
  im  Aufkrage  Freycineks,  des  französischen  Ministerpräsidenten,
  beankworkeke.  Baron  Courcel  sprach  Freycineks
  lebhaftes  Bedauern  darüber  aus,  daß  die  deutsche
Presse  Zweisel  an  der  Loyalität  des  Verhalkens  Frank.
reichs  in  dem  deutsch  spanischen  Konflikt  geäußerk  hälke.
Zum  Worte  „Verhalkens“  bemerkl  Bismarck  „der  Regierung
  schwerlich“.  Und  die  Versicherung  Freycineks,
daß  die  französische  Regierung  sich  von  Anfang  an  in  dieser
  Frage  ganz  korrekt  benommen  habe,  bestätigk  er  durch
das  Work  „gewiß“,  setzt  aber  hinzu  „aber  alle  Parkeien?“.:

 

1)  A.  a.  O.  S.  216.  Si  Bismarck  ne  fut  pas  convaincu,  en  eflet,  ceez
bien  qw’il  ne  voulait  pas  T’étre.

2)  Akten  Bd.  III,  S.  453,  Nr.  708.

0  8
        <pb n="109" />
        Bismarck  fürchtete  und  mußte  schon  im  Rückblick  auf
die  Entstehung  des  Krieges  von  1870  fürchten,  daß  die
Regierung  durch  eine  Volksbewegung,  wenn  sie  bedrohlichen
  Umfang  annahm,  fortgerissen  werden  würde.  Denn
die  französischen  Regierungen  sind  immer  von  Volksbewegungen
  viel  abhängiger  gewesen,  als  die  aller  anderen
europäischen  Großmächte.

Hatte  nun  Bismarck  triftige  Gründe,  in  den  Jahren,
die  dem  Jahrzehnk  der  deuksch-französischen  Annäherung
folgken,  zu  fürchken,  daß  eine  solche  Volksbewegung  das
französische  Volk  in  ähnlicher  Weise  ergreifen  und  forkreißen
  würde  wie  18702

Bei  der  Beankworkung  dieser  Frage  steigk  zwangsmäßig
  die  Erinnerung  an  den  Namen  Boulanger
auf.

Weil  dieser  General  am  Himmel  der  französischen
Politik  wie  ein  leuchtendes  Meteor  auftauchte  und  verschwand,
  hat  man  ganz  vergessen,  daß  mit  ihm  die  deutsch—
französische  Kriegsgefahr  des  Jahres  1887  aufs  engste
zusammenhängk.  Darum  kann  man  diese  Frage  nichk  beantworken,
  ohne  daß  man  sich  vergegenwärkigk,  wie  die
französische  Volksstimmung,  durch  Boulanger  aus  ihrem
lakenken  Zustand  befreik  und,  aller  Fesseln  ledig,  kaksächlich
  den  Frieden  Europas  bis  an  den  Rand  der  Kakastrophe
  geführk  hat.  Es  ist  durchaus  unrichkig,  wenn  der
Berichk  der  Senakskommission  behaupkek,  daß  gewisse
geräuschvolle  Unkernehmungen  (initiatives  tapageuses)
des  Generals  Boulanger  den  friedlichen  Versicherungen
der  französischen  Regierungen  gegenüber  garnichk  ins
Gewichk  sielen.  Die  französische  Regierung  selbst  war
vielmehr  damals  in  der  größten  Sorge  darüber,  daß  sie

99
        <pb n="110" />
        durch  die  von  Boulanger  entfachte  Volksbewegung  hinweggefegk
  werden  würde.1

Schon  vor  seinem  Einkrikt  in  das  Ministerium  Freycinek,
  der  im  Jahre  1886  erfolgke,  war  General  Boulanger
  einer  der  volkstümlichsten  Inänner  Frankreichs,  und
es  ist  schon  bezeichnend  für  den  milikaristischen  Grundzug
der  französischen  Volksstimmung,  auf  welche  Weise  er
zuerst  Begeisterung  erweckke.  Er  war  zum  Kommandanken
  der  Truppen  in  Tunis  ernannk  worden  und  reichke
seinen  Abschied  ein,  weil  er  durch  ein  ministerielles  Dekrek
dem  Zivilgouverneur  unkerstelle  werden  sollke.  Um  dieser
Tak  willen  begannen  seine  Freunde  in  Paris,  an  ihrer
Spitze  Clémenceau,  die  Glocken  für  ihn  zu  läuken.  Sein
Abschiedsgesuch  hakke  den  Kampf  um  ein  politisches  Prinzip
  entfesselt.  Nach  seinem  Einkrikt  ins  Kriegsministerium
gewann  er  die  Gunst  des  Volkes  und  der  Armee  durch
den  Erlaß  zahlreicher  demokrakischer,  die  Disziplin  lockernder
  Dienstvorschriften.

Am  13.  Meärz  1886  sprichk  er  in  der  Debakke  über  das
Verhalken  der  Soldaken  gegen  die  ausständigen  Bergarbeiker
  in  Décazeville  die  denkwürdigen  Worke:  „Vielleichk
  keilt  jeder  Soldakt  zur  Stunde  seine  Suppe  und
sein  Kommißbrok  mit  einem  Bergmann!“  und  enrfesselt
damit  einen  Beifallsturm  nichk  nur  im  Parlamens,  sondern
  auch  in  der  ganzen  republikanischen  Presse.  Den
Kadekken  von  Saint  Cor  rufk  er  zu:  „Offnek  eure  Herzen
  weik  den  Ideen  eures  Jahrhunderks,  laßt  den  Hauch
des  Forkschrikks  eindringen,  der  eure  Generakion  so  hoch
und  so  weik  zu  führen  beginnk.“  Bei  Schützen-und  Turn-1)

  Die  folgende  Darstellung  beruht  auf  Aufzeichnungen  eines  Gewährsmannes,
  der  die  boulangistische  Bewegung  in  Paris  miterlebt  hat.

 

100
        <pb n="111" />
        festen  in  Nantes  und  in  Limoges,  in  Romans  und  Bourg
hält  er  Reden  mit  politischen  Anspielungen,  wie  man
sie  bisher  von  Kriegsministern  nicht  gewöhnt  war,  und
sorgt  mit  großer  Geschicklichkeit  dafür,  daß  alle  diese  Reden
  in  der  Presse  ein  weithin  schallendes  Echo  finden.
Schon  ist  seine  Volkstümlichkeit  so  groß  geworden,  daß
Ranc  sich  veranlaßk  sieht,  im  „Makin“  die  Versicherung
abzugeben,  die  ganze  republikanische  Parkei  werde  ohne
Unkerschied  niemals  einen  General  als  Präsidenken  der
Republik  noch  als  Ministerpräsidenken  annehmen.  Dagegen
  rufk  der  greise  Radikale  JMadier  de  Montjan
in  Valence  bei  einer  Rede  auf  den  gefeierken  Kriegsminister
  unker  stürmischem  Beifall  aus:  „Nur  der  wird
wirklich  ein  Volksheer  schaffen,  der  auf  der  Tribüne  gesagt
  hak,  daß  der  Soldak  sein  Kommißbrok  mik  den  Arbeikern
  keilen  werde.“  Seine  Machtstellung  ist  bereiks  so
stark,  daß  er  es  ungestraft  wagen  kann,  so  hervorragenden
  Offizieren  wie  dem  General  Gallifek,  dem  Führer
der  kodeskühnen  Kavallerieakkacke  von  Sedan,  und  dem
General  Saussier,  dem  Befehlshaber  von  Paris,  öffenkliche
  Verweise  zu  erkeilen.  Ja,  er  läßt  diese  Verweise  —
und  dabei  rechnek  er  auf  den  Eindruck,  den  alles  Ungewöhnliche
  auf  seine  Landsleute  zu  machen  pflegkt  —  durch
die  offtzielle  Telegraphenagenkur  verbreiken.  Durch  sein
äußeres  Aufkreken  weiß  er  der  Begeisterung  des  Volkes
immer  neue  Nahrung  zu  geben.  Er  ist  ein  guker  und  eleganker
  Reiker  und  erscheink  bei  der  Parade  in  Longchamps
auf  einem  herrlichen  arabischen  Rappen.  Man  vergißk
über  diesem  prächtigen  Kriegsminister,  der  in  seiner  Generalsuniform
  so  startlich  auf  dem  seurigen  Araber  die
Fronk  enklangsprengk,  den  unscheinbaren  Grévy  in  seiner

101
        <pb n="112" />
        Präsidenkenloge.  Der  eigenkliche  Bertreter  der  Republik
ist  an  diesem  Tage  der  demokratische  General.  Nicht  wie
ein  General,  der  eine  Heerschau  abgehalten  hat,  sondern
wie  ein  Feldherr,  der  aus  siegreichen  Schlachken  heimkehrt,
  reitet  er,  umtobt  von  dem  tausendstimmigen  Jubel
des  Volkes,  durch  den  Triumphbogen  in  Paris  ein.  Diese
Stimmung  weiß  er  auszunutzen.  Zwei  Tage  nach  der
Parade  weiht  er  den  Cercle  militaire  ein,  der  sich  in  der
Bevölkerung  einer  größeren  Beliebtheit  erfreut  als  im
Heere,  und  vor  dem  am  Opernplatz  gelegenen  Gebäude
läßt  er  Soldaten  mit  Fackeln  vorbeiziehen.  Der  Pöbel
von  Paris  dankt  ihm  dieses  Schauspiel  mit  einer  jubelnden
  Huldigung.  Am  17.  Juli  vergleicht  der  „Figaro“
schon  die  Stimmung  der  Bevölkerung  mit  der  Begeiste—
rung,  die  Louis  Napoleon  Bonaparte  im  Jahre  1850
entfesselt  hatte.  Der  „Soleil“  nennt  die  Huldigung  vor
dem  Cercle  militaire  sogar  die  Apothéoser  Boulangers,
und  Delafosse  schreibkt  im  „MMakin“  unker  dem  Titel
Vive  Boulanger-,  daß  das  Land  in  seinem  Durst  nach
Abwechslung  dem  General  die  Freiheikt  gäbe,  zwischen
Brumaire  und  Fruckidor  zu  wählen.  Das  Schreckgespenst
des  Skaakestreiches  ist  an  die  Wand  gemalk.

Unter  allen  diesen  Kundgebungen  schlummerke  nakürlich
  der  Revanchegedanke,  zuerst  verhüllt  unker  der  Begeisterung
  für  die  Armee,  dann  immer  offener  zukage
trekend.  Er  war  die  kreibende  Kraft  dieser  stürmischen
Bewegung.

Von  jeher  sind  die  Erfolge  von  Gassenhauern  richtige
Maßstäbe  für  Volksstimmungen  gewesen.  Es  ist  deshalb
ein  durchschlagender  Beweis  für  die  Skärke  der  suggestiven
  Machk,  die  Boulanger  schon  über  die  Geister  seines

102
        <pb n="113" />
        Volkes  gewonnen  hatte,  wenn  der  Liedersänger  Paulus,
der  König  der  cafés  chantants  von  Paris,  ihm  zum  mächligen
  Verbündeken  wird.  Eines  der  blödsinnigsten  Lieder,
die  je  gedichtek  worden  sind  —  es  beginnt  mil  den  Worfen:
  en  revenant  de  la  revue  —,  wird,  nachdem  es  Paulus
  zum  erstenmal  gesungen  hat,  überall  angestimmk,  wo
pakriokische  Franzosen  beisammen  sind.  Es  krikt  in  Wekteiser
  mit  der  Marseillaise.  In  dem  Beifall,  der  ihm  gespendek
  wird,  offenbark  sich  schon  die  Gewalk,  die  der  Revanchegedanke
  über  die  Seele  des  Volkes  gewonnen  hak.
Denn  wenn  der  alberne  Vers  erscholl:

Ma  tendre  é6pouse  bat  les  mains
En  voyant  V’nir  les  Saint  Cyriens,
Ma  belle-mére  pousse  des  cris

En  regardant  des  Spahis

Moi,  je  n’fais  quadmirer

Le  brave  Général  Boulanger,

dann  wurde  er  regelmäßig  von  der  Galerie  der  Scala
mit  dem  Rufe:  à  bas  la  Prusse“  beankworkek.

Zehn  Tage  nach  der  Komödie  auf  demschwarzen  Pferde
schreibt  Ph.  Girardin  im  „Figaro“  unker  dem  Tikel  Boulanger
  c'est  la  guerre  einen  Arkikel,  in  dem  folgende
Worke  vorkommen:  „Man  brauchk  nichk  lange  nachzudenken,
  um  zu  begreifen,  daß  der  einzige  General,  der  imstande
  ist,  Frankreich  end  gültig  zu  meistern,  derjenige  ist,

1)  Mein  keures  Weibchen  applaudiert,
Kommt  der  Kadett  dahermarschiert,
Der  Schwiegermutter  Auge  glühe,
Wenn  sie  Spahis  reiken  siehe,
Doch  ich  bewundre  nur  und  seh'
Den  tapferen  General  Boulanger.
        <pb n="114" />
        der  dem  trauernden  Patriotismus  die  Genugtuung  für
Metz  und  Sedan  verschaffen  wird.  Und  das  ist  der  Gedanke,
  der  sich  unker  diesem  Paradenenkhusiasmus  verbirgk.
  Ja,  dieser  General  will  den  Krieg,  und  um  ein
Wort  zu  wiederholen,  das,  wie  man  mir  versicherk,  ausgesprochen
  worden  sein  soll,  der  neue  Fructidor  wird  nur
das  Vorspiel  sein  zu  einem  zweiten  Marengo."  1

In  derselben  Zeik  erscheink  eine  Karikakur,  die  darstellt,
  wie  Raben  mit  Pickelhauben  auf  den  Köpfen  von  der
französischen  Grenze  fliehen,  wo  Boulanger  als  Vogelscheuche
  aufgestellt  ist  Darunker  stehen  die  Worke:

Les  vieux  corbeaux  Teutons  semblent  glacés  d’effroi
Au  moeindre  vent  soufflant  de  Lorraine  et  Alsacc.
Boulanger,  ombre  en  chair,  au  ventre  leur  fait  froid
Et  ciest  avec  terreur,  du’ils  Cvitent  la  place.

Aber  in  dem  Organ,  das  sich  der  Chauvinismus  geschaffen
  hak,  im  „Ekendard“,  erscheink  ein  im  politischen
Delirium  geschriebenes  Gedicht,  das  den  Höhepunkt  der
Volksbewegung  am  Ende  des  Jahres  1886  bezeichnek.
Es  lautet:

Tire  nous  de  l'abime  où  notre  orgueil  se  traine,
Conduis  nos  légions  au  glorieux  chemin.
Rend  nous  l'honneurl  Rends  nous  l'Alsace  et  Lorraine,
Reviens,  en  ramenant  les  deux  soeurs  à  la  main.
1)  Bei  Marengo  erfocht  Bonaparke  den  ersten  Sieg  über  die  auswärtigen
  Feinde  Frankreichs.
a)  Die  alten  teukonischen  Raben,  sie  wollen  vor  Schreck  schier  vergehen,
Wenn  noch  so  leise  die  Winde  aus  Elsaß  und  Lochringen  wehen.
Ein  Schatten  in  Fleisch  und  Bein  wacht  Boulanger  der  Held,
Sie  klappern  bis  ins  Mark,  sie  räumen  entsetzt  das  Feld.

104
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        Alors  tu  seras  tout,  tu  seras  l'aube  blanche,

Que  le  pays  attend  sur  le  vieux  Rhin  en  seu,

Tu  seras  plus  qu'un  roi,  tu  seras  plus  qu'un  Dieu
Car  tu  seras  la  France,  o  Général  Revanche.  1

Um  dieselbe  Zeit  singt  Marius  Richard  in  der  Scala
ein  Lied,  das  allabendlich  Stürme  des  Beifalls  entfesselt.
In  diesen  Versen  schlägt  die  Glut  der  Rachesehnsucht
lodernd  zum  Himmel.  „Ich  will  deinen  Namen  nicht
wissen,“  so  heißt  es  darin,  „wir  nennen  dich  Hoffnung,  die
Bräute  bringen  dir  ihre  Verlobten,  die  Mütter  ihre
Söhne,  die  Matrosen  kommen  aus  der  Tiefe  des  Aklantischen
  Ozeans  und  schwellen  die  Fluten  der  Ostsee  mit
preußischem  Blute.  Die  Soldaten  schreien  ihm  „Vorwärks
  zu,  und  die  Toten  von  1870  versprechen  ihm,  „ihn
zum  Gokt  zu  machen“.  Elsaß-Lokhringen  bikkek  ihn,  es  dem
Vakerlande  wiederzugeben.  Mikt  einem  Blitz  deines  Säbels
  erwecke  die  Moorgenröle.  Zeige  unseren  Fahnen  den
Weg  zum  Rheine!  Erscheine!  Wir  erwarken  dich,  General
  der  Rache!“

Im  Jannar  1687  verstieg  sich  Rochefork,  als  die  Soerl.
lung  des  Kriegsministers  durch  die  Halkung  des  Parlamenks
  gegenüber  den  ungeheuren  Forderungen  für  die
Armee  erschükkerk  war,  zu  einem  Arkikel,  in  dem  er  ganz

 

1)  Ret  uns  vom  Abgrund,  schwer  liegt  unser  Stolz  darnieder,
Führ'  unser  Heer  den  Dfad  zum  alten  Ruhmesland,
Gib  unsere  Ehre  uns,  Elsaß-Lochringen  wieder,
Die  beiden  Schwestern  führ'  zurück  an  deiner  Hand.

Dann  wirst  du  alles  sein,  der  Morgenröle  Tagen,

Die,  heiß  ersehnt  im  Land,  durchflamme  den  alten  Rhein,
Kein  König  wird  dich  dann,  kein  Got#  selbst  überragen,
O  General  Revanche,  dann  wirst  du  Frankreich  sein.

105
        <pb n="116" />
        offen  mit  der  Revolution  drohte.  „An  dem  Tage,  an
dem  Boulanger  gestürzt  wird  —  so  heißt  es  da  —,  wird
der  Aufruhr  durch  Paris  toben  und  die  Armee  wird  nicht
auf  der  Seite  der  Regierung  stehen.“

In  den  ersten  Monaken  des  Jahres  1887  nimmt  der
Boulangismus  seinen  Flug  in  die  hohe  Polikik.  In  bonlangistischen
  Bläkkern  wird  zuerst  der  Gedanke  eines
Bündnisses  mit  Rußland  besprochen  und  sindek  im  Zarenreiche
  lebhaften  Widerhall.  Es  erscheink  eine  Abordnung
  von  rufsischen  Pakrioken  in  Paris,  die  dem  General
einen  Ehrensäbel  überreichk,  auf  dessen  Klinge  die  Worke
eingraviert  sind:  „Qui  viver  La  France  et  Boulangerle
Auf  der  anderen  Seite  der  Klinge  steht  in  rufsfischer
Sprache:  „Wag's!  Gotk  schützt  die  Kühnen!“  Auf  dem
Bügel:  „  Au  plus  digne  1887.  La  Russie.

Ist  es  gerechk,  einem  Staaksmann,  der  aus  der  Beobachkung
  der  französischen  Presse  und  aus  den  Berichken,
  die  ihm  von  Augenzeugen  aus  Frankreich  zugingen,  1
erfuhr,  daß  das  französische  Volk  von  einem  pakriokischen
Paroxysmus  ergriffen  war,  zu  der  Überzeugung  gelangte,
daß  ein  dauernder  Friede  mik  einem  so  gearkeken  Volke
nichk  möglich  sei  —  ist  es  gerechk,  einem  solchen  Skaaksmann
  unberechtigkes  Mißtrauen  vorzuwerfen,  wenn  er
sich  die  Uberzeugung  nicht  rauben  ließ,  daß  Frankreich
über  Deutschland  herfallen  würde,  sobald  es  einen  Bundesgenossen
  fand?  Und  verdienen  jene  Glauben,  die  behaupken,
  daß  er  dieses  Mißfrauen  nur  heuchelke,  um  Vorwände
  für  Prävenkivkriege  zu  finden?

Ist  es  nicht  vielmehr  verständlich,  daß  Bismarck  durch

1)  Vergl.  besonders  die  Berichte  des  deutschen  Militärackachés  v.  Villaume.
  —  Akeen  Bd.  IV,  S.  127  u.  f.,  Nr.  1223,  1234,  1228,  1232.

 

106
        <pb n="117" />
        die  Friedensversicherungen  eines  Ministerpräsidenten,  zu
dessen  Kabinett  ein  solcher  Kriegsminister  gehörte,  seine
politischen  Entschlüsse  nicht  beeinflussen  ließ,  und  daß  er
die  ungeheure  Heeresvermehrung,  die  Boulanger  von  der
Kammer  verlangte,  mit  der  Agitation  der  Septennakswahlen
  beantwortete?  Ja,  ist  es  nicht  ein  Beweis  von
leidenschaftsloser  Mäßigung,  daß  er  angesichts  einer  solchen
  Volksbewegung  immer  wieder  in  Paris  versichern
ließ,  daß  er  die  freundschaftlichen  Beziehungen,  die  bis
zum  Jahre  1888  forkgedauerk  hakten,  weiker  zu  pflegen
wünschte?

Daß  er  die  Orgien,  die  der  französische  Chauvinismus
feierke,  nicht  zum  Worwand  für  einen  deutschen  Angriff
nehmen  wollte,  beweist  ein  Schreiben,  das  er  am  16.  Februar
  1887,  also  mitken  in  der  Hochfluk  der  bonlangistischen
  Bewegung,  durch  seinen  Sohn  Herberk  nach  Wien
lsandte,  weil  man  dork  auf  Grund  von  Pariser  Berichken
zu  fürchken  begann,  daß  dem  Kanzler  die  Geduld  reißen
würde,  und  weil  auch  der  russische  Bokschafter  in  Wien,
Fürst  Lobanow,  dem  deutschen  Bokschafker,  dem  Prinzen
Reuß  VII.,  gegenüber  geäußerk  hakte,  daß  man  in  Pekersburg
  den  Krieg  zwischen  Deutschland  und  Frankreich  für
unvermeidlich  halke.  Ich  will  die  wichtigste  Skelle  aus
diesem  Schreiben  hier  folgen  lassen,  weil  sie  ganz  besonders
  charakkeristisch  für  die  Ansichten  Bismarcks  über  Prävenkivkriege
  ist.1

„Der  Herr  Reichskanzler  hak  es  als  vollkommen  korrekt
bezeichnek,  daß  Ew.  Ihrem  russischen  Kollegen  erklärt
haben,  wir  würden  einen  Krieg  niemals  aus  dem  Grunde

 

1)  Akten  Bd.  IV,  S.  ½02,  Nr.  1249.

107
        <pb n="118" />
        führen,  weil  es  früher  oder  später  wahrscheinlich  doch  zu
einem  solchen  kommen  würde.  Niemand  kann  der  gött—
lichen  Vorsehung  so  weik  vorgreifen,  um  dies  mik  unbedingker
  Sicherheit  behaupten  zu  können,  denn  es  können
sich  im  Laufe  der  Zeiken  allerhand  unberechenbare  Vorfälle
  ereignen,  welche  den  Ausbruch  eines  französisch-beuk.
schen  Krieges  verhindern.  Ich  erinnere  nur  an  die  Zeit
von  181  bis  1870,  in  der  wir  mit  Frankreich  in  ununkerbrochenem
  Frieden  gelebk  haben,  obgleich  das  Verlangen
nach  „  Revanche  pour  Waterloo  im  Anfang  und  während
  der  Mitte  dieses  Zeitraums  gewiß  sehr  lebendig
war.  Es  ist  ferner  eine  geschichkliche  Taksache,  daß  die
Beziehungen  zwischen  Frankreich  und  dem  uns  bei  Wakerloo
  verbündeken  England  unker  der  ganzen  Regierung
Lonis  Philipps  so  gespannk  waren,  daß  man  während  der
Dauer  derselben  in  jedem  Jahre  einem  Krieg  zwischen  den
beiden  genannken  Mächten  enkgegensah.  Trotzdem  ist  es
nichk  zu  einem  solchen  gekommen,  sondern  die  Wechselsälle
  der  Politik  haben  Frankreich  und  England  sogar
zu  der  entente  cordiale  der  fünfziger  Jahre  geführk.“
Von  dieser  friedlichen  Gesinnung  hakke  aber  Bismarck
schon  einen  JIX#onak  früher  die  breike  Offenrlichkeit  unkerrichkek,
  als  er  am  171.  Jannar  1887  im  Reichskag  das
Work  zur  Militärvorlage  ergriff:  „Wir  werden
Frankreich  nicht  angreisen,  unker  keinen  Umständen,“
  hakke  er  erklärk  und  war  sogar  so  weik  gegangen,
  daß  er  versicherke,  festes  Verkrauen  zur  gegenwärkigen
  Regierung  Frankreichs  zu  haben,  zu  einer  Regierung,
  der  ein  Boulanger  angehörke.  Er  fügke  allerdings
  hinzu,  daß  der  historische  Prozeß,  der  seik  drei  Jahrhunderken
  zwischen  uns  und  Frankreich  schwebe,  nicht  zu

108
        <pb n="119" />
        Ende  sei,  und  daß  wir  darauf  vorbereitet  sein  müßten,
ihn  von  französischer  Seite  fortgesetzt  zu  sehen.  Er  sagte
in  dieser  Rede  wörtlich:  „Nach  meiner  Überzeugung
haben  wir  einen  Krieg  zu  fürchten  durch  den  Angriff
Frankreichs,  ob  in  zehn  Tagen  oder  in  zehn  Jahren,  das
ist  eine  Frage,  die  ich  nicht  entscheiden  kann,  das  hängt
ganz  von  der  Dauer  der  Regierung  ab,  die  gerade  in
Frankreich  ist.  Es  ist  an  jedem  Tag  möglich,  daß  eine
französische  Regierung  ans  Ruder  kommk,  deren  ganze
Politik  darauf  berechnek  ist,  von  dem  feu  sacié  zu  leben,
das  jetzt  so  sorgfälkig  unker  Asche  unkerhalten  wird.  Darüber
  können  mich  auch  keine  friedlichen  Versicherungen,
keine  Reden  und  Redensarken  vollständig  beruhigen.“
Wenn  er  diese  Worke  hinzufügke,  so  war  das  wahrlich
das  mindeste,  was  er  angesichks  der  Zustände,  die  die
ZBoulangerbegeisterung  in  Frankreich  herbeigeführk  hatte,
sagen  konnke.

So  friedliche  Reden  beankworkeke  der  französische
Kriegsminister  mit  der  Ankündigung,  daß  er  die  Probemobilisakion
  eines  ganzen  Armeekorps  anordnen  werde.

Mittken  in  diese  durch  diechauwinistische  Welle  in  Frankreich
  erzeugke  Spannung  hinein  fällk  nun  die  Verhaftung
des  Polizeikommissars  Schnäbele  aus  Pagny,  mil  der  die
Krisis  des  Jahres  18687  ihren  Höhepunkt  erreichke.  Sie
wird  bekanntlich  immer  wieder  als  Beweis  dafür  bekrachkek,
  daß  ismarck  den  Krieg  wollke.  Auch  der  Bericht
der  Senakskommission  enthälk,  krotzdem  ihren  Verfassern
die  wesenklichen  Akkenstücke  über  diesen  Fall  bekannt  sind,
den  unverständlichen  Ausruf:  „Was  erwarkeke  der  Kanzler
  denn  von  dieser  Verhafkung,  wenn  nichk  den  Krieg?
Und  kann  man  glauben,  daß  er  solche  Ereignisse  sich  hätte

109
        <pb n="120" />
        entwickeln  lassen,  wenn  er  wirklich  so  besorgt  um  die  Erhaltung
  des  Friedens  gewesen  wäre,  wie  er  behauptete?
Wir  begnügen  uns  damit,  zum  Schluß  diese  Fragen  zu
stellen.“  Diese  rhetorischen  Fragen  der  Herren  Bourgeois
und  Pages  lassen  sich  mit  Hilfe  der  Akkensammlung  des
Auswärtigen  Amkes  unschwer  beankworken.

Ein  in  Skraßburg  wohnender  Agenk  namens  Tobios
Klein  wurde  am  17.  Februar  1887  wegen  Landesverraks
  verhaflek.  Bei  seiner  Vernehmung  belasteke  er  den
französischen  Polizeikommissar  Schnäbele  in  Pagny  derark,
  daß  der  Unkersuchungsrichker  es  für  dringlich  hielt,
Schnäbele,  wenn  er  wieder  deukschen  Boden  bekräke,  verhafken
  zu  lassen.  Durch  den  Staakssekrekär  im  Reichsjustizamk,
  Schelling,  wurde  der  Reichskanzler  von  diesem
Beschluß  des  Unkersuchungsrichkers  unkerrichkek.  Der
Staakssekretär  erklärte  gleichzeitig,  daß  er  sich  seinerseits
nicht  für  befugt  halte,  in  die  Maßnahmen  des  Unter—
suchungsrichters  einzugreifen.  Bismarck  erwiderte  am
12.  März,  daß  er  vom  politischen  Standpunkte  aus  kein
Hindernis  gegen  die  Verhaflung  Schnäbeles  sähe,  sobald
  er  ekwa  auf  deulschem  Boden  bekroffen  werde.!
Nach  dem  Sinn  der  rhekorischen  Fragen  des  Berichks
der  Senakskommission  und  nach  den  zahlreichen  anderen
französischen  Darstellungen  der  Affäre  Schnäbele  habe
Bismarck  diese  Erklärung  in  der  Absicht  abgegeben,  durch
die  Verhafkung  Schnäbeles  einen  solchen  Skurm  des  Unwillens
  in  Frankreich  zu  erregen,  daß  sich  die  französische
Regierung  unker  dem  Druck  der  französischen  Volksstimmung
  zu  einer  Kriegserklärung  fortreißen  lassen  würde.

 

1)  S.  hierzu  Akten  Bd.  VI,  S.  182—189,  Nr.  1257—7266.

110
        <pb n="121" />
        Genau  zwei  Monate  vorher  hatte  der  Reichskanzler
in  der  oben  erwähnten  Rede  vom  11.  Januar  vor  der
ganzen  Welt  erklärt,  daß  er  unter  keinen  Umständen
Frankreich  angreifen  würde;  er  hatte  in  verschiedenen
Instruktionen  an  die  Vertreter  des  Deutschen  Reiches  in
fremden  Staaten  zum  Ausdruck  gebracht,  daß  ein  Krieg
zwischen  Frankreich  und  Deutschland  ihm  im  höchsten
Grade  unwillkommen  sein  würde.  Er  hakke  den  unerhörken
  Provokakionen  eines  Mikgliedes  der  französischen  Regierung
  gegenüber  die  größte  Geduld  an  den  Tag  gelegk.
Aber  so  weit  hätte  doch  die  Furchk  vor  der  kochenden  französischen
  Volksseele  selbst  bei  dem  sanftmütigsten  Leiker
der  deutschen  Politik  nicht  gehen  können,  daß  er  aus  polikischen
  Gründen  einer  gerichtlichen  Unkersuchung  in  den
Arm  siel,  die  den  Zweck  hakke,  einen  französischen  Beamken,
  der  auf  deulschem  Gebiek  Spionage  krieb,  vor  der
Verhafkung  zu  bewahren.  Wenn  Bismarck  dem  Staakssekrekär
  Schelling  geankworkek  häkte,  der  Polizeikommissar
  Schnäbele  dürfe  unker  keinen  Umständen  verhafkek
  werden,  so  häkke  er  sich  nichk  nur  eines  Eingriffs  der
Exekukivgewalk  in  ein  schwebendes  Gerichtsverfahren
schuldig  gemachk.  Er  häkte  damik  auch  bekundek,  daß
Deutschland  durch  die  Orgien,  die  der  französische  Chauvinismus
  während  der  letzken  zwei  Jahre  veranstalket
hakte,  und  die  gerade  in  diesen  Tagen,  wie  wir  gesehen
haben,  auf  ihrem  Höhepunkl  angelangk  waren,  so  eingeschüchterk
  worden  sei,  daß  seine  Regierung  nicht  mehr
wagke,  französischen  Spionen  auf  deulschem  Boden  das
Handwerk  zu  legen  und  sie  zur  Rechenschaft  zu  ziehen,
wenn  diese  Spione  französische  Beamke  waren,  während
doch  die  Beamkeneigenschafk  eines  Spions  nichk  ein  mil-111
        <pb n="122" />
        dernder,  sondern  gerade  ein  erschwerender  Umstand  ist.
Es  ist  auch  vollkommen  sicher,  daß  jeder  französische  Minister,
  der  sich  einer  Meldung  seines  Justizministers  gegenüber
  in  der  gleichen  Lage  befunden  hätte,  wie  Fürst  Bismarck
  an  jenem  11.  März  1887,  genau  so  gehandelt  hätte
wie  er.

So  wurde  denn  der  Polizeikommissar  Schnäbele,  der
unter  dem  dringenden  Verdacht  stand,  der  Mittelpunkt
der  französischen  Spionage  in  Elsaß-Lokhringen  zu  sein,
am  20.  April,  als  er  wieder  deulschen  Boden  bekrat,  verhaftek.
  Es  stellke  sich  heraus,  daß  die  Verhaftung  zu  Recht
erfolgk  sei,  weil  sie  auf  vollgültigen  Beweisen  seiner
Schuld  beruhre.

Bismarck  schreibt  darüber  am  28.  April  an  den  französischen
  Bokschafker  in  Berlin,  Herrn  Herbelke:!  „Das
gerichkliche  Verfahren  gegen  Schnäbele  hak  das  Verbrechen
  des  Landesverraks,  begangen  im  Gebieke  des  Deutschen
  Reiches,  zum  Gegenstand  und  gründek  sich  auf  vollgüllkige
  Beweise  seiner  Schuld,  bestehend  in  Geständnissen
des  in  gleicher  Sache  angeklagken  Reichsangehörigen
Klein  und  in  eigenhändigen,  in  Metz  zur  Post  gegebenen
  und  von  Schnäbele  seitdem  anerkannten  Briefen
des  letzteren.  Auf  Grund  der  erwiesenen  und  später  von
Schnäbele  selbst  eingestandenen  Schuld  hak  das  Reichsgericht
  befohlen,  denselben  verhafken  zu  lassen.  Dies  ist
der  Fall  gewesen  am  20.  d.  Jli.  bei  Gelegenheik  einer
zwischen  Schnäbele  und  dem  deutschen  Polizeikommissar
Gautsch  verabredeten  Zusammenkunfk  auf  deutschem  Gebiek
  und  ohne  Uberschreikung  der  französischen  Grenze.“

 

1)  Akten  Bd.  VI,  S.  187,  Nr.  1263.

112
        <pb n="123" />
        Dieser  Brief,  der  unker  Beifügung  der  die  Schuld  Schnäbeles
  erhärkenden  Akktenstücke  an  Herbekte  gerichkek  war,
beweist,  daß  ein  die  Verhaftung  verhindernder  Befehl  des
Reichskanzlers  eine  unerhörke  Pflichvergessenheik  gewesen
  wäre.  Es  ist  deshalb  eine  nichk  nur  durch  die  öffenklichen
  Versicherungen  seiner  Friedensliebe,  sondern  auch
durch  die  vollkommer  klare  Lage  des  Falls  selbst  erwiesene
Verleumdung,  daß  Bismarck  die  Verhaftung  Schnäbeles
  deshalb  nicht  verhinderk  habe,  weil  er  eine  französische
Kriegserklärung  provozieren  wollke.  Es  wäre  vielmehr
ein  klarer  Beweis  für  die  Kriegsabsichken  des  französischen
Volkes  gewesen,  wenn  es  um  dieser  Verhafkung  willen
zu  einem  Kriege  gekommen  wäre.

Es  war  aber  von  einer  unkergeordneken  Skelle  bei  dieseer
  Verhaftung,  selbstverständlich,  ohne  daß  der  Leiter
der  deurschen  Policik  etwas  davon  wußke,  ein  Versehen
begangen  worden.  Am  20.  April  halte  Schnäbele  insolge
  der  Einladung  eines  deutschen  Polizeibeamken
  deutschen  Boden  bekreken.  Sobald  Bismarck
die  Beweise  dafür  eingereicht  wurden,  daß  der  französische
Kommissar  auf  Grund  der  Einladung  eines  deutschen
Grenzbeamten  nach  Deutschland  gekommen  war,  ordneke
er  ohne  irgendwelches  Zögern  die  Freilassung  dieses  des
Landesverraks  überführken  französischen  Beamten  an,
obwohl  keineswegs  erwiesen  war,  daß  die  Einladung  an
Schnäbele  von  Polizeikommissar  Gaursch  aus  Ars  zu  dem
Zweck  ergangen  war,  um  ihn  verhaften  zu  lassen.  Bismarck
  begründete  dem  französischen  Bokschafter  Herbekke
diesen  Enkschluß  im  oben  erwähnken  Brief  vom  28.  April
durch  folgende  Worke:  „Wenn  der  Unkerzeichneke  dennoch
  für  seine  Pflicht  gehalken  hak,  den  Befehl  zur  Frei-Kronprinz
  Wilbelm,  Ich  suche  d.  W.  8

113
        <pb n="124" />
        lassung  Schnäbeles  von  dem  Kaiser,  seinem  allergnädigsten
  Herrn,  zu  erbirken,  so  ist  er  dabei  von  der  völkerrechklichen
  Auffassung  geleitek  worden,  daß  Grenzüberschreikungen,
  welche  auf  Grund  dienstlicher  Berabredungen
zwischen  Beamken  benachbarker  Skaaken  erfolgen,  jederzeit
  als  unker  der  stillschweigenden  Zusicherung  freien
Geleikes  stehend  anzusehen  seien.  Es  ist  nicht  glaublich,
daß  der  Beamte  Gautsch  den  Schnäbele  zu  einer  Besprechung
  in  der  Absicht  aufgeforderk  habe,  seine  Verhafkung
  möglich  zu  machen;  es  liegen  aber  Briefe  vor,  welche
beweisen,  daß  Schnäbele,  als  er  verhafkek  wurde,  sich  an
der  Stelle,  wo  dies  geschah,  infolge  einer  mit  dem  diesseitigen
  Beamken  gekroffenen  Verabredung  befand,  um
gemeinsame  amkliche  Geschäfte  zu  erledigen.  Wenn  die
Grenzbeamken  bei  derarkigen  Gelegenheiken  der  Gefahr
ausgesetzt  wären,  auf  Grund  von  Ansprüchen,  welche  die
Gerichte  des  Nachbarstaakes  an  sie  machen,  verhafkek  zu
werden,  so  würde  in  der  dadurch  gebokenen  Vorsichk  eine
Erschwerung  der  Grenzgeschäfle  liegen,  welche  mit  dem
Geiste  und  den  Traditionen  der  heutligen  inkernakionalen
Zeziehungen  nichk  im  Einklang  stehen.  Der  Unkerzeichneke
  ist  daher  der  I#einung,  daß  derarkige  geschäftliche
Zusammenkünfte  jederzeit  als  unker  dem  Schutze  gegenseitig
  zugesicherken  freien  Geleikes  stehend  gedacht  werden
  sollen.“

Und  da  soll  ein  Mann,  der  die  Verletzung  des  Grundsatzes
  freien  Geleites  —  obwohl  freies  Geleit  in  diesem
Falle  nicht  zugesichert  war  —  aus  Gründen  der  Billigkeit
  sowohl  als  aus  praktischen  Gründen,  die  auf  dem
Gebiek  des  Grenzverkehrs  zwischen  Beamten  benachbarker
  Rakionen  liegen,  konstruierk  und  eingestehk,  diesen

114
        <pb n="125" />
        ganzen  Fall  vorbedacht  herbeigeführt  haben,  um  einen
Krieg  mit  Frankreich  zu  entfesseln?

Heute  sollte  es  auch  in  Frankreich  keinen  Menschen
geben,  der  diese  Frage  nicht  verneint.  Denn  der  Fall
Schnäbele  schreit  geradezu  nach  dem  Vergleich  mit  dem
Fall  des  Generals  v.  Nathusius.  General  v.  Nathusius
  hatte,  um  die  Gräber  seiner  Angehörigen  zu  besuchen,
die  Erlaubnis  der  Einreise  nach  Frankreich  erbeten.  Sie
war  ihm  durch  ein  französisches  Paßvisum  erkeilk  worden.
Wenn  einem  Deutschen,  der  von  einem  französischen  Gericht
  verurkeilk  ist,  auf  Grund  eines  Ankrags  wie  ihn
General  Nathusius  gestellt  hakte,  die  Einreiseerlaubnis
erkeilt  wird,  so  ist  diese  Erlaubnis  gleichbedenkend  mit
der  Zusicherung  freien  Geleites.  Trotzdem  wurde  General
  Nakhusius  verhaftek.  Die  deutsche  Regierung  hak
nicht  verfehlk,  die  französische  Regierung  auf  diesen  Vertragsbruch
  aufmerksam  zu  machen;  sie  ist  nicht  einmal
einer  Ankwork  gewürdigk  worden.  Und  General  v.  Na- 



 

1)  Als  der  deuesche  Geschäftsträger  Graf  Leyden  —  Graf  Münster
war  in  den  entscheidenden  Tagen  nichtin  Paris  —  Bismarck  am  24.  April
mitteilte,  daß  die  vom  Reichskanzler  zur  Verhaftung  Schnäbeles  gegebenen
  Erläuterungen  die  zuerst  hochgradig  aufgeregte  allgemeine  Stimmung
  und  den  Minister  Flourens  zuversichtlicher  gemacht  hätten,  beauferagte
  Bismarck  an  demselben  Tage  den  Grafen  Leyden,  gelegentlich
  davon  Mieteilung  zu  machen,  daß  die  Reichsregierung  an  der  ganzen
  Sache  unbekeilig'  sei,  da  der  ganze  Vorgang  auf  der  Initiative  der
Gerichte  beruhe  in  Anknöpfung  an  eine  schwebende  Untersuchung,  und
daß  er,  wenn  Mißgriffe  dabei  vorgekommen  seien,  sie  lebhaft  bedauern
und  mißbilligen  würde.  Dieses  Telegramm  beweist  doch,  daß  Bismarck
die  durch  seine  ersten  Erläuterungen  bewirkte  Enespannung  freudig  begrüßte
  und  die  Absicht  hatte,  die  erregke  öffentliche  Meinung  durch  diese
neue  Versicherung  vollends  zu  beruhigen.  —  Akten  Bd.  VI,  S.  183,
Nr.  1260.

115
        <pb n="126" />
        thusius  ist  in  einem  Gerichtsverfahren,  das  selbst  in
Ländern,  die  in  enger  Bundesgenossenschaft  mit  Frank—
reich  stehen,  für  eine  lächerliche  Komödie  erklärt  worden
ist,  zu  schweren  Zuchthausstrafen  wegen  eines  Verbre—
chens  verurteilt  worden,  das  er  ganz  zweifellos  nicht  begangen
  hat.  Er  hat  seine  Schuld  geleugnet.  Schnäbele
hatte  sie  eingestanden.  Schnäbele  ist  sofort  freigelassen
worden,  als  sich  herausstellte,  daß  dem  Geiste  der  völker—
rechtlichen  Grundsätze  nach  eine  Verletzung  des  freien
Geleites  vorlag.  Und  der  Mann,  von  dem  die  Anklage—-schrift
  sagt,  daß  er  durchaus  den  Krieg  mit  Frankreich
herbeiführen  wollte,  hat  diese  Freilassung  veranlaßt  und
ausführliche  Rechenschaft  über  den  Fall  erstakkek.  Dem
General  v.  Rakhusius  gegenüber  ist  die  ausdrückliche  Zusicherung
  freien  Geleikes  —  denn  nichtks  anderes  bedeukek
das  französische  Paßvisum  im  vorliegenden  Fall  —  gebrochen
  worden,  und  es  ist  nicht  nur  keinem  französischen
UMinister  eingefallen,  diese  Bölkerrechksverletzung  zuzugestehen
  und,  wie  Bismarck  es  kak,  die  soforlige  Freilassung
des  Verhafteken  zu  erwirken,  sondern  man  hat  es  nicht  einmal
  der  Mühe  für  werk  gehalken,  sich  auf  irgendeine  Diskussion
  über  die  Verhafkung  einzulassen.  Die  Begnadigung
war  unker  diesen  Umständen  nichks  anderes,  als  eine  Bestätigung
  der  Rechksgültigkeit  des  französischen  Vorgehens.
Bi#smarcks  Verhalken  im  Fall  Schnäbele  war  durchaus
  korrekt  und  bestätigk  nur  die  öffenklich  von  ihm  damals
  abgegebene  Versicherung  seiner  Friedeneliebe.
Wenn  die  Anklageschrift  der  Herren  Bourgeois  und
Pages  behauptek,  es  hätte  nur  wenig  daran  gefehlk,  daß
der  Fall  Schnäbele  den  Krieg  zur  Folge  gehabt  härte,
so  ist  das  vielleicht  richkig.  Aber  nur  deshalb,  weil  ein

116
        <pb n="127" />
        Mann  wie  General  Boulanger  Kriegsminister  in  Frankreich
  war,  und  nicht  deshalb,  weil  Fürst  Bismarck  an
der  Spitze  des  Deutschen  Reiches  stand.  Der  Krieg  ist
nicht  durch  die  Geschicklichkeit  des  französischen  Außenministers
  und  durch  die  Friedensliebe  des  Präsidenken
Grévy  verhinderk  worden,  sondern  durch  die  vom  Fürsten
  Bismarck  veranlaßke  Freilassung  des  französischen
Grenzkommissars.  Wäre  sie  nichk  erfolgk,  so  hätte  die
Friedensliebe  Flourens'  und  Grévys,  an  der  selbst  Bismarck
  nicht  zweifelke,  und  an  der  wir  nach  der  Veröffenklichung
  der  Akten  des  Auswärtigen  Amtkes  erst  recht
nichk  mehr  zweifeln  können,  den  Krieg  nichk  verhinderk,
weil  sich  der  „General  Revanche“,  den  Präsidenk  Grévy
selbst  dem  Grafen  Münster  gegenüber  nach  seiner  Beseitigung
  vcet  animal  de  général  démagoguece  nannfe,.#
dann  auf  eine  so  starke  Volksbewegung  hälte  stützen
können,  daß  er  in  die  Lage  gekommen  wäre,  seine  lange
gehegken  Absichten  zu  verwirklichen.  Herr  Goblek,  der
Präsidenk  des  französischen  Kabinekks,  sagke  sogar,  als
am  1.  Mai  der  Botschafter  Herbette  nach  Paris  kam  und
von  Grévy  und  Flourens  mik  offenen  Armen  empfangen
wurde:  „Die  Angelegenheik  ist  erledigk,  aber  es  wäre
vielleicht  vorzuziehen  gewesen,  ein  für  allemal  durch
einen  Krieg  mit  allen  diesen  2querelles  d'’Allemands=
  ein  Ende  zu  machen.“  Wir  kennen  diesen
Ausspruch  aus  der  Anklageschrift  der  Herren  Bourgeois
und  Pags,s,  also  aus  einer  gewiß  unverdächtigen  Quelle.
Sie  enkstammk  einer  Randbemerkung  des  SBotschafters
Herbette  zu  den  Akken  über  den  Fall  Schnäbele.,  Es

1)  Akeen  VI,  G.  204.
2)  G.  a.  a.  O.  S.  a229.
        <pb n="128" />
        war  also  der  französische  Ministerpräsident
und  nicht  der  deutsche  Reichskanzler,  der  damals
die  Eventualität  eines  Präventivkrieges  nicht  nur  erwog,
sondern  ganz  offen  von  ihr  sprach.

Trotzder  inerster  Linie  dem  Fürsten  Bismarck  zu  verdankenden
  friedlichen  Beilegung  des  Zwischenfalles  Schnäbele
  verlangke  zwei  Wochen  später  General  Boulanger
in  der  französischen  Kammer  einen  Kredik  von  fünf  Millionen
  Franken  zum  Zwecke  der  Probemobilmachung  eines
Armeekorps,  obwohl  man  in  Frankreich  davon  überzengt
war,  daß  eine  so  ungewöhnliche  J—aßregel  von  neuem
große  Beunruhigung  in  Deutschland  hervorrufen  würde.
Die  Erklärungen,  die  Flourens  am  I1.  Mai  in  einem
Gespräch  mit  Graf  Münster  zu  machen  für  nökig  hielt,
lassen  keinen  Zweifel  daran  bestehen,  daß  das  französische
Ministerium  sich  der  Gefährlichkeit  dieser  Maßregel,  mit
der  nur  der  Minister  des  Außeren  nicht  einverstanden
war,  bewußt  gewesen  ist.:  Trotzdem  wurde  Boulanger
ermächtigk,  seine  Kreditforderung  einzubringen.

Achk  Tage  späker  wurde  das  Ministerium  Goblek  gestürzt
  und  das  Ministerium  Rouvier  gebildek,  in  das
Boulanger  nichk  mit  aufgenommen  wurde.

 

1)  Graf  Münster  berichtet  an  diesem  Tage:  „Als  ich  gestern  den
Vertrag  von  Sansibar  mie  dem  Minister  besprochen  hatte,  sagee  er  mir,
ich  würde  wohl  aus  den  Zeitungen  erfahren  haben,  daß  der  General
Boulanger  den  Mobilmachungsplan  für  ein  Armeekorps  dem  Conseil
vorgelegk  habe,  und  daß  er  leider  ermäch  #gt  worden  sei,  ihn  den  Kammern
  vorzulegen.  Herr  Flourens  habe  auf  das  allerenergischste  dagegen
protestiert,  er  findet  den  Momene  für  sehr  inopportun  und  die  Sache
selbst  für  gefährlich.  Was  ihn  aber  dabei  beruhige,  sei,  daß  er  die
fesie  Uberzeugung  habe,  daß  die  Kammern  den  Gesetzentwurf  nicht  akzeptieren
  würden.“  Akten  Bd.  VI,  S.  189,  Nr.  1265.

113
        <pb n="129" />
        Die  Anklageschrift  der  Senatskommission  behauptet,
daß  trotz  der  Beseitigung  des  Generals  Boulanger  „alles
sich  so  entwickelte,  als  ob  der  Fall  Schnäbele  der  deutschen
  Reichsregierung  neue  Gründe  zum  Mißtrauen  gelieferk
  hälte“.  1  Einen  Beweis  für  diese  Behaupkung  erbringk
  der  Berichk  nichk.  Er  gesteht  vielmehr  zu,  daß  sich
in  dieser  Zeik  die  ersten  Symptkome  der  Annäherung  zwischen
  Frankreich  und  Rußland  bemerkbar  machren,  die
nach  dem  Sturze  Bismarcks  zum  russisch-französischen
Bündnis  führken,  daß  sich  damals  also  eine  Enkwicklung
der  Ereignisse  vorbereikeke,  die  Deutschland  zu  der  größken
  Beunruhigung  höchst  begründete  Veranlassung  gab.

JKakerial  zur  Begründung  der  Schuldlüge  konnken
die  Berichkerstakker  der  Senalskommission  auch  in  den
französischen  Akken,  die  sich  auf  dieses  letzte  Jahr  der  Regierung
  Kaiser  Wilhelms  I.  beziehen,  nicht  sinden.  Ich
habe  mich  deshalb  mit  den  Ereignissen  dieser  Zeik,  obwohl
sie  für  die  Gestalkung  der  inkernationalen  Lage  von  größter
  Bedeukung  waren,  hier  nicht  zu  beschäftigen.

Wer  die  französischen  Zeitungen  vom  Md#  bis  in  den
Juli  des  Jahres  188)  durchliest,  der  wird  sie  erfüllk  finden
  von  den  heftigsten  Angriffen  gegen  Deukschland,  obgleich
  damals  in  Deukschland  nichks  anderes  geschah,  als
was  in  Frankreich  vorher  geschehen  war  und  wozu  die
vom  Osten  aufsteigenden  Wolken  dringende  Veranlassung
  gaben:  eine  Verstärkung  der  deulschen  Wehrmachk.:


Daß  aber  diese  Verstärkung  der  deutschen  Rüstung
nichk  durch  Angriffsabsichken  veranlaßk  war,  das  gehl  am

1)  A.#  a.  O.  S.  830.
a)  S.  im  Kapitel  VII.  Das  Wertrüsten.

 

119
        <pb n="130" />
        deutlichsten  aus  einer  Instruktion  hervor,  die  Fürst  Bismarck
  aus  Varzin  durch  den  Grafen  Rantzau  an  den  deukschen
  Bokschafter  in  Paris  am  g.  Juli  1887  gelangen
ließ.  Er  forderk  in  diesem  Schreiben  Graf  Münster  auf,
über  den  französischen  MMoobilmachungsplan  nichk  zu  reden
  und  nichks  zu  kun,  und  fügke  diesem  Aufkrag  folgende
Worte  hinzu:  „Wenn  wir  wirklich  Frankreich  überfallen
  wollken,  so  wäre  allerdings  der  Momenk,  wo  die
Franzosen  sich  den  Luxus  einer  parkiellen  IXUobilmachung
erlaubten,  hierzu  ein  sehr  günstiger,  da  ihre  Haupkmobilmachung
  dadurch  ohne  Zweifel  erschwerk  würde.  Aber
mit  Zustimmung  des  Herrn  Reichskanzlers
würde  ein  Überfall  Frankreichs  nichk  geschehen;zer
  wäre  dafür,  daß  wir  den  Angriff  unker
allen  Umständen  abwarken  und  uns  durch  keine
Provokationen  in  diesem  Entschluß  irremachen
ließen,  wohl  aber  uns  in  unserem  Verhalten  diesseiks
der  französischen  Grenze  nichk  daran  kehrken,  ob  wir  die
ohnehin  schon  an  das  Irrenhaus  streifende  Deutschfeindlichkeit
  der  Franzosen  noch  steigerken  oder  nicht.“1

 

1)  Akeen  Bd.  VI,  S.  201,  Nr.  1273.

120
        <pb n="131" />
        Zweiter  Teil

Deutschlands  Friedenspolitik  von  der  Thronbesteigung
Kaiser  Wilhelms  II.  bis  zum  Jahre  1904
        <pb n="132" />
        <pb n="133" />
        Vierkes  Kapitel
Dreibund  —  Zweibund  —  Schimonoseki

ehn  Tage  nach  seiner  Thronbesteigung  hielk  mein
VBaker  vor  dem  Reichskag  seine  erste  Thronrede.  Die
Stelle  in  ihr,  die  sich  auf  die  auswärtige  Politik  bezog,
ist  von  diesem  Tageab  bis  zu  dem  schicksalsschweren  Abend
des  31.  Juli  1914,  an  dem  er  auf  dem  Balkon  des  Schlosses
die  Worte  sprach:  „Man  hat  uns  das  Schwert  in  die
Hand  gedrückt“,  die  Richtschnur  seiner  Regierung  geblieben.
  Sie  lankek:  „In  der  auswärtigen  Politik  bin  ich
enkschlossen,  Frieden  zu  halten  mit  jedermann,  soviel  an
mir  liegk.  JIl#eine  Liebe  zum  deutschen  Heere  und  meine
Stellung  zu  demselben  werden  mich  niemals  in  Versu--chung
  führen,  dem  Lande  die  Wohlkaken  des  Friedens  zu
verkümmern,  wenn  der  Krieg  nichk  eine  durch  den  Angriff
auf  das  Reich  oder  auf  dessen  Verbündeke  uns  aufgedrungene
  Rokwendigkeit  ist.  Unser  Heer  soll  uns  den
Frieden  sichern  und,  wenn  er  uns  dennoch  gebrochen  wird,
imstande  sein,  ihn  mit  Ehren  zu  erkämpfen.  Das  wird  es
mit  Goktes  Hilfe  vermögen  nach  der  Stärke,  die  es  durch
das  von  Ihnen  einmütig  beschlossene  jüngste  Wehrgesetz
erhallen  hak.  Diese  Stärke  zu  Angriffskriegen  zu  benutzen,
  liegk  meinem  Herzen  sern.  Deukschland  bedarf
weder  neuen  Kriegsruhms  noch  irgendwelcher  Eroberungen,
  nachdem  es  sich  die  Berechtigung,  als  einige  und  unabhängige
  Nakion  zu  bestehen,  endgültig  erkämpft  hat.“
Es  kommt  in  diesen  Worken  derselbe  aufrichtige  Frie-123
        <pb n="134" />
        denswille  zum  Ausdruck,  der,  wie  ich  im  ersten  Teil  dieses
Buches  nachzuweisen  versuchke,  die  beiden  fast  vollendeten
  Jahrzehnte  der  Polikik  beherrschte,  die  mein  Urgroßvaker
  und  sein  großer  Reichskanzler  mit  unerschükkerlicher
Folgerichtigkeik  zur  Grundlage  des  Verhälknisses  zwischen
  Deutschland  und  den  anderen  Meächken  gemacht
haben.  Das  war  selbstverständlich,  denn  diese  Thronrede
trug  ja  die  Gegenzeichnung  desselben  Reichskanzlers,  der
die  deutsche  Politik  während  der  Regierung  Kaiser  Wilbelms
  I.  geleikek  hakte.

Das  Buch  der  Herren  Bourgeois  und  Pagés  stellt
denn  auch  auesdrücklich  fest,  daß  die  Polikik  meines  Vakers
sich  im  Grunde  niemals  von  der  des  Fürsten  Bismarck
unkerschieden  habe.  Freilich  meinen  die  Herren  von  ihrem
Standpunkke  aus  mik  dieser  Behaupkung  das  Gegenleil
  dessen,  was  ich  darunker  verstehe,  wenn  ich  sage,  daß
die  Politik  Bismarcks  von  meinem  Vatker  forkgesetzk  worden
  ist.  Sie  stellen  an  die  Spitze  des  Abschnikkes  ihrer
Anklageschrifk,  mik  dem  sie  in  die  Kritik  der  Polikik  Wilhelms
  II.  einkreken,  solgende  Sätze:  „Nach  der  langen
Regierung  Wilhelms  I.  hakten  Deurschland  und  ganz
Europa  den  Eindruck,  daß  das  Erscheinen  eines  jungen,
kakkräftigen,  ehrgeizigen  Kaisers  den  Beginn  einer  neuen
Epoche  bezeichneke;  und  die  starke  Persönlichkeik  Wilhelms
  II  war  in  der  Entwicklung  der  deutschen  Politkik  in
der  Tak  kein  unbeachkliches  Elemenk.  Aber  man  darfnichtsdestoweniger
  nicht  glauben,  daß  die  Polikik  Wilhelms  II.
grundsätzlich  jemals  sehr  verschieden  von  der  Bismarckschen
  Polikik  gewesen  ist.  Die  war  zu  fest  in  der  hunderkjährigen
  Uberlieserung  der  Hohenzollern,  besonders  in  der
Friedrichs  II.  verwurzelk,  als  daß  die  persönliche  Wesens-124
        <pb n="135" />
        art  eines  Kaisers  starken  Einfluß  auf  sie  hätte  gewinnen
können.  Die  deutsche  Polikik  hatte  zuweilen  unker  Wilhelm
  II.  neue  Gesten  und  gleichsam  ein  neues  Gewand;
ihr  Geist  änderke  sich  nichk.  Und  zunächst  blieb  ja  auch
Bismarck  fast  noch  zwei  Jahre  hindurch  ihr  Leiker.  Die
Ereignisse  dieser  beiden  Jahre  aber  schienen  sein  Werk
zu  befestigen:  die  Hegemonie  Deukschlands  in  Curopa.“

Zum  Beweis  nun  für  diese  Behauptung,  daß  Bismarcks
  Werk,  die  Hegemonie  in  Curopa,  während  der
ersten  beiden  Jahre  der  Regierung  meines  Vakers  befestigt
  wurde,  behaupkek  die  Anklageschrift  der  Herren
Bourgeois  und  Pages,  daß  die  Erneuerung  und  besonders
  die  Ausgestalkung  der  Dreibundverkräge  im  Februar
1887  und  die  gleichzeitige  Annäherung  Deukschlands  an
England  Deutschlands  Hegemonie  in  Europa  sichergestelle
habe.  Sie  sagk  in  diesem  Zusammenhang:  „Wenn  es  jemals
  eine  Einkreisung  gegeben  hak,  so  war  es  die,  die
Bismarck  auf  solche  Weise  gegen  Frankreich  verwirklicht
hat,  indem  er  es  bis  ins  Mitkelmeer  mit  einer  gemeinsamen
  Aktion  der  ikalienischen  und  englischen  Flokke  bedrohte.“


Es  scheink  mir  bei  der  Prüfung  dieser  Anschuldigung
nokwendig  zu  sein,  Klarheit  über  das  zu  schaffen,  was  die
gegen  uns  im  Kriege  verbündeken  IMächtke  unker  dem  Begriff
  „Hegemonie“  verstehen.  Er  spielk  ja  in  der  Schuldfrage
  eine  geradezu  ausschlaggebende  Rolle,  insofern  die
Ankläger  behaupken,  daß  der  Kaiser  den  Krieg  von  r914
enkfesselt  habe,  um  die  Hegemonie  Deukschlands  in  Europa
  für  alle  Zeit  zu  begründen.  Unter  Hegemonie  in
dem  kadelnden  Sinne,  wie  dieser  Begriff  in  der  Erläukerung
  des  Artikels  231  und  in  den  vielen  Reden  engli-125
        <pb n="136" />
        scher,  französischer,  russischer  und  auch  italienischer  Minister
  während  des  Krieges  gebraucht  worden  ist,  kann  nichts
anderes  verstanden  werden,  als  die  Vereinigung  einer  so
großen  Macht  in  der  Regierung  eines  Staates,  daß  alle
anderen  Mächte  zusammen  ihr  keinen  Widerstand  entgegensetzen
  können,  sondern  sich  allen  Wünschen  dieses
Staates,  so  schädlich  sie  auch  für  sie  oder  einige  unter
ihnen  sein  mögen,  fügen  müssen.

Eine  solche  Hegemonie  hat  seit  dem  Beginn  des  neunzehnten
  Jahrhunderts  nur  ein  einziger  Staat  und  auch
der  nur  für  die  kurze  Zeit  eines  Jahrzehnts  ausgeübt.
Dieser  Staat  aber  war  gerade  der,  dessen  Regierungen
sich  jetzt  am  wükendsten  über  die  hegemonischen  Gelüste
Deutschlands  enkrüsten,  es  war  das  Frankreich  Rapoleons
  I.  Er  hak  Könige  nach  seinem  Belieben  ein=  und
abgesetzt  und  kaksächlich  die  Bölker  Europas  mit  Ausnahme
  von  England  und  Rußland,  deren  Niederwerfung
  ihm  nichk  gelang,  von  1803  bis  1873  in  den  Dienst
ausschließlich  französischer  Inkeressen  gestellt,  wie  jedes
Widerstandes  beraubte  Sklaven.

Seitdem  hat  es  keine  europäische  Hegemonie  mehr  gegeben.
  Es  hak  vielmehr  immer  ein  Gleichgewichk  der
Machtverhältnisse  zwischen  den  Bölkern  Curopas  bestanden,
  und  die  Aufrechkerhalkung  dieses  Gleichgewichts
ist  auch  der  Grundgedanke  der  Politkik  geblieben,  die
Deukschland,  seitdem  es  als  geeinigker  Skaak  in  die  Reihe
der  Großmächre  eingekreken  ist,  immer  gekrieben  hak.  Dem
Zwecke  der  Aufrechkerhalkung  des  Gleichgewichks  galt
die  Bismarcksche  Bündnispolitik,  gall  auch  die  Bündnispolikik
  meines  Vakers,  und  der  Krieg  ist  nur  deshalb
zum  Ausbruch  gekommen,  weil  das  Ziel  der  Gleichge-1260
        <pb n="137" />
        wichtspolitik,  die  Sicherung  des  status  quo,  der  fast  nie
ohne  Krieg  geändert  werden  kann,  weder  von  England,
noch  von  Frankreich,  noch  von  Rußland,  noch  endlich  auch
von  Italien  für  wünschenswert  gehalten  wurde,  weil  alle
europäischen  Großmächte  außer  Deutschland  Wünsche
hatten,  die  nur  durch  Kriege  erfüllt  werden  konnten.

Die  Begriffe  „Hegemonie“  und  „Gleichgewichk“  schliehen
  sich  gegenseitig  aus,  und  schon  aus  diesem  Grunde
kann  man  Deukschland  nichk  den  Vorwurf  machen,  die
Hegemonie  in  Curopa  angestrebt  zu  haben.

Gerade  die  in  der  Anklageschrift  der  Senakskommission
  zum  Beweis  für  die  Absichten  Deutschlands  herangezogene
  Urkunde,  der  am  20.  Februar  1887  abgeschlossene
  Zusatzvertrag  zum  Dreibundverkrag  von  1882,  bestätigt
  die  Behaupkung,  daß  Deutschland  nichks  anderes
verlangke,  als  die  Aufrechterhalkung  des  status  quo,
also  des  Friedens,  denn  er  war  gegen  die  Mächte  gerichkek,
  die  den  labilen  Zustand  Europas  stören  wollken.
  1  Und  vollends  unsinnig  ist  dieser  Vorwurf  deshalb,

1)  Die  beiden  Arcikel  des  Separatvertrages  vom  20.  Februar  188),
auf  die  es  in  diesem  Zusammenhang  ankommt,  haben  folgenden  Wortlaut:
  „Artikel  III.  Sollte  es  sich  ereignen,  daß  sich  Frankreich  anschickte,
seine  Okkupation  oder  aber  sein  Protekkorat  oder  seine  Souveränikäc
unker  irgendeiner  Form  auf  die  nordafrikanischen  Gebieke  auszudehnen,
und  sollte  infolge  dieser  Tatsache  Italien  zur  Bewahrung  seiner  Stellung
  im  Mittelmeer  sich  verpflichtet  glauben,  selber  eine  Aktion  in  den
genannten  nordafrikanischen  Gebieten  zu  unternehmen,  oder  aber  auf
dem  französischen  Landgebiete  in  Europa  zu  den  äußersten  Maßregeln
zu  greifen,  so  würde  der  sich  daraus  ergebende  Kriegszustand  zwischen
Jtalien  und  Frankreich  ohne  weiteres  auf  das  Verlangen  Italiens  und
zu  gemeinsamen  Lasten  der  beiden  Verbündeten  den  casus  foederis  mit
allen  Wirkungen,  die  durch  die  Ark##kel  II  und  V  des  oben  erwähnten  Vertrages
  vom  20.  Mai  1882  vorgesehen  sind,  ebenso  herstellen,  als  wenn

 

127
        <pb n="138" />
        weil  dieser  Zusatzvertrag,  der  angeblich  die  Einkreisung
Frankreichs  zum  Zweck  hatte,  garnicht  um  der  Sicherung
deutschen  Besitzes  oder  deutscher  Interessen  willen,  sondern
  um  italienischer  Interessen  willen  abgeschlossen  worden
  ist.  Nicht  Deutschlands  Rechte,  sondern  Deutsch—

 

eine  derartige  Möglichkeit  ausdrücklich  darin  ins  Auge  gefaßt  waäre.  —
Artikel  IV.  Sollten  die  Wechselfälle  eines  jeden  solchen  gemeinsam  gegen
Frankreich  unternommenen  Krieges  Italien  dazu  führen,  im  Hinblick
auf  Frankreich  fuͤr  die  Sicherheit  der  Grenzen  des  Koͤnigreichs  und  seiner
Machtstellung  zur  See,  ebenso  auch  im  Hinblick  auf  die  Dauerhaftigkeit
  des  Friedens,  territoriale  Sicherheiten  zu  suchen,  so  wird  Deutschland
  dem  kein  Hindernis  in  den  Weg  legen  und  nach  Bedarf  und  in
einem  mit  den  Umständen  verträglichen  Maße  sich  anschicken,  die  Mittel
zur  Erreichung  eines  derartigen  Zweckes  zu  erleichtern.“

1)  Die  grundlegende  Urkunde  fuͤr  den  Beweis,  daß  die  Initiative  zu
diesem  Separatabkommen  von  Italien  ausgegangen  ist,  ist  der  Bericht
des  deutschen  Botschafters,  Herrn  v.  Keudell,  an  den  Fürsten  Bismarck
vom  5.  Oktober  1886,  der  eine  Untcerredung  mie  dem  Grafen  Robilant,
dem  italienischen  Minister  des  Außeren,  wiedergibe.  In  dieser  Unterredung,
  in  der  Herr  v.  Keudell  im  Auferage  Bismarcks  anfragte,  ob  es
der  italienischen  Reglerung  erwünscht  sei,  den  mie  den  Zentralmächten
geschlossenen  Bertrag  auf  denselben  Basen  zu  erneuern,  sagee  Robilane:
  „Es  sei  ihm  wichtig  zu  erfahren,  ob  Seine  Durchlaucht  geneigt
sein  würden,  bei  bezüglichen  Verhandlungen  die  Erörterung  der  für
Italien  überaus  wichtigen  Mitetelmeerinteressen  zuzulassen.
  Bejahendenfalls  würde  vor  allem  von  der  Aufrechterhaltung
des  status  quo  in  Tripolis  die  Rede  sein“,  und  legte  in  längeren  Ausführungen
  dar,  daß  ein  Sturm  der  Encrüstung  gegen  die  Mietelmächte
ganz  Italien  erregen  würde,  wenn  den  Franzosen  ein  Handstreich  auf
Tripolis  gelänge.  Er  deutete  an,  daß,  wenn  Deueschland  sich  niche  verpflichee,
  die  „Miccelmeerinter#essen  Italiens  in  den  Dreibundvertrag  einzubeziehen,
  zwar  nicht  er  selbst,  der  den  Dreibund  unter  allen  Umständen
  erhalten  wissen  wolle,  aber  sedes  andere  Ministerium  geradezu  in
die  Acme  Frankreichs  getrieben  werden  würde.“  Akten  Bd.  IV,  S.  186,
Nr.  823.

128
        <pb n="139" />
        lands  Pflichten  wurden  durch  ihn  vergrößerk,  und  Bismarck,
  der  sich  bekanntlich  immer  dagegen  gesträubk  hakte,
die  Bündnispflichk  Deukschlands  auch  auf  die  Sicherung
des  status  quo  im  Mitlelmeer  auszudehnen,  hat  sich  nur
dazu  verstanden  ihn  abzuschließen,  weil  auf  andere  Weise
die  Erneuerung  des  Dreibundes  nicht  möglich  war.  Hakke
ihm  doch  Graf  Robilank,  der  ikalienische  Minister  des
Außeren,  mikgekeilk,  daß  Frankreich  ihm  die  verlockendsten
  Anerbiekungen  gemachk  habe,  um  Ikalien  als  Bundesgenossen
  zu  gewinnen.

Wenn  sich  also  Deutschland  in  dem  Zusatzverkrage
vom  20.  Februar  verpflichkeke,  in  einem  Kriege,  der  durch
UÜbergriffe  Frankreichs  in  die  Inkeressensphäre  Ikaliens
im  Mditkelmeer  enkstehen  konnke,  auf.  Jkaliens  Seike  zu
stehen,  und  für  den  Fall  des  Sieges  in  solchem  Kriege
versprach,  ekwaigen  Wünschen  Italiens  nach  kerrikorialen
  Erweikerungen  zum  Schutz  seiner  Grenzen  im  Mittelmeer
  kein  Hindernis  zu  bereitken,  so  ist  das  gerade  ein
Beweis  dafür,  daß  es  die  Hegemonie  in  Europa  nicht
besaß.  Denn,  weik  davon  enkfernt,  seinen  Bundesgenossen
jenseils  der  Alpen  zur  Verlängerung  der  Verträge  zwingen
  zu  können,  die  seine  Grenzen  schützken,  mußte  es  ihm

 

1)  Zehn  Tage  nach  der  obenerwähnten  Unterredung  mie  Keudell  ließ
Robilant  dem  Fürsten  Bismarck  einen  Beriche  des  icalienischen  Boéschafeers
  in  Daris,  Reßmann,  streng  vertraulich  micteilen,  der  über  ein
Gespräch  mie  Freycinet  berichtet.  In  diesem  Gespräch  versuchte  der  französische
  Ministerpräsidene  Jcalien  geradezu  zum  Abschluß  eines  Bündnisvertrages
  durch  die  weitestgehenden  Versprechungen  zu  verlocken.
Graf  Launay,  der  ikalienische  Boeschafter  in  Berlin,  bemerkte  in  dem
Gespräch,  in  dem  er  Robilants  Auftrag  ausführte:  „Ereycinet  spiele
den  Versucher  und  führt  Graf  Robilant  auf  den  Berg  mit  den  Worten:
Dies  alles  soll  Dir  gehören.“  Akten  Bd  IV,  S.  189/792,  Nr.  83
Kronprinz  Wilhelm,  Ich  suche  d.  W.  9

129
        <pb n="140" />
        sehr  wider  seinen  Willen  Zugeständnisse  machen,  deren
Folge  höchstens  eine  Erweiterung  des  Besitzes  seines  Bundesgenossen
  sein,  für  Deutschland  selbst  aber  keinen  Machtzuwachs
  bedeuten  konnke.  Wenn  die  Verfasser  der  Anklageschrift
  also  auf  Grund  dieses  Verkrages  den  Vorwurf
  erheben,  daß  er  Frankreichs  Einkreisung  bezweckke,
so  richten  sie  ihn  an  die  falsche  Adresse,  indem  sie  ihn  gegen
Deutschland  erheben.  Denn  es  war  Ikalien,  das  diese  Einkreisung
  verlangke,  und  lediglich  in  seinem  Inkeresse,  nicht
im  Inkeresse  Deutschlands,  dessen  europäische  Stellung
durch  die  zusatzlose  Ernenerung  des  Verkrages  von
1882  in  gleicher  Weise  gesicherk  worden  wäre,  ist  dieser
Separakverkrag  abgeschlossen  worden.  Die  „Einkreisung“
Frankreichs  war  der  Inikiakiwe  Ikaliens  enksprungen,  das
im  Welkkrieg  an  der  Seite  Frankreichs  gefochken  hat
und  jetzt  die  Anklagen  der  Noke  vom  16.  Juni  1919  miterhebt.


In  diesem  Zusammenhang  möchte  ich  gleich  hier  auf
eine  Taksache  hinweisen,  deren  Beweiskraft  im  Kampf
um  die  Schuldfrage  meines  Wissens  noch  nichk  verwerkek
worden  ist.

Wenn  Deutschland,  wie  die  Noke  vom  16.  Juni  1979
behauptek,  Jahrzehnke  lang  den  Krieg  vorbereikel  und
den  Anspruch  erhoben  hätke,  die  Hegemonie  in  Europa  an
sich  zu  reißen,  dann  hätke  Ikalien  von  Rechtks  wegen  als
Angeklagker  an  seiner  Seike  sitzen  müssen.  Denn  es  war
jawährend  dieser  ganzen  Zeit  der  Bundesgenosse  Deutschlands
  und  hat  noch  im  Jahre  1912  den  Verkrag  erneuert,
der  doch  seit  dreißig  Jahren  die  Grundlage  der  Politik
bildeke,  durch  die  wir  angeblich  die  Herrschaft  der  Welt
an  uns  reißen  wollken.  Dreißig  Jahre  lang  hat  Italien

130
        <pb n="141" />
        freiwillig  die  Berpflichtung  auf  sich  genommen,  die  Sicherheit
  „dieses  von  Weltherrschaftsgelüsten  aufgeblähten
Volkes“  mit  den  Waffen  zu  gewährleisten  und  mit  Kanonen
  und  Gewehren  zu  verhindern,  daß  „das  große  Un—
recht,  das  fünfzig  Jahre  den  Frieden  Europas  störte“,
wieder  gutgemacht  würde.  Wenn  es  jetzt  trotzdem  nicht
mit  Deutschland  auf  der  Anklagebank  sitzt,  weil  es  sich
nach  einjährigem  Schwanken  auf  die  Seite  von  Deutschlands
  Feinden  gestellt  hat  und  nun  mit  ihnen  auch  die
Anklagen  gegen  Deutschland  erhebt,  die  sich  auf  die  Zeit
seiner  Bundesgenossenschaft  mit  den  Mittelmächten  beziehen,
  so  ist  schon  diese  Tatsache  allein  ein  Beweis  dafür,
daß  alle  diese  Anklagen  nachträglich  ersonnen  worden
sind,  um  aus  ihnen  das  Recht  zu  einem  so  ungeheuerlichen
Friedensdiktat  abzuleiten,  wie  es  der  Verkrag  von  Versailles
  ist.  Denn  es  ist  undenkbar,  daß  alle  die  italienischen
  Regierungen,  die  während  der  dreißigjährigen  Bundesgenossenschaft
  einander  gefolgk  sind,  von  den  „hegemonischen
  Gelüsten“  Deutschlands  nichks  gemerk  haben
sollten,  wenn  solche  Gelüste  wirklich  unserer  Politik  die
Richkung  gegeben  hätten.  Ja  auch  der  italienische  Minister,
  der  schließlich  den  Einkrikt  Italiens  in  den  Krieg
herbeigeführk  hak,  Sidney  Sonnino,  kann#  selbst  nach  dem
Ausbruch  des  Welkkrieges  an  die  verbrecherische  Schuld
Deukschlands  nichk  geglaubt  haben,  weil  sonst  der  Verkragsentwurf,
  den  er  am  8.  April  1975  der  österreichischen
  Regierung  vorschlug,  ganz  unverständlich  gewesen
wäre.  Rach  diesem  Vorschlag  wollke  sich  Ikalien  bereit
erklären,  während  der  ganzen  Dauer  des  Krieges  neukral
zu  bleiben,  wenn  Osterreich  ihm  Südtirol  nicht  einmal
bis  zum  Brenner,  sondern  nur  bis  Bozen  abkräte  und

131
        <pb n="142" />
        aus  Triest  ein  Freistaak  gemacht  würde.  1  Ich  glaube
nichk,  daß  Jkalien  einen  solchen  Vorschlag  gemachk  hätte,
wenn  es  davon  überzeugk  gewesen  wäre,  daß  Deutschland
  im  Sinne  des  Vertrags  von  Versailles  und  der
Noke  vom  16.  Juni  am  Kriege  schuldig  gewesen  sei.
Denn  es  würde  ja  dann,  falls  Osterreich  seine  Bedingungen
  sofort  angenommen  häktte,  gegen  Enkgelt  durch
die  Verpflichkung  zur  NReutralikät  sich  zum  Mitschuldigen
des  Erfolges  „des  größken  Verbrechens  an  der  Menschbeit“
  gemachk  haben.  Aus  diesen  Gründen  sollte  Ikalien
  die  erste  Macht  sein,  die  im  Kampf  gegen  die  Schuld- 



1)  Dieser  Vertragsentwurf  ist  in  der  Note  enthalken,  die  Sonnino
am  8.  April  1915  an  den  Herzog  von  Avarna,  den  léalienischen  Botschafter
  in  Wien  schickte.  Die  Noke  beginnt  mit  folgenden  Worten:
„Um  dem  Verlangen  zu  enksprechen,  das  Ihnen  der  Baron  Burian  ausgesprochen
  hat,  zeichne  ich  im  folgenden  die  Bedingungen  auf,  welche
die  königliche  Reglerung  für  unerläßlich  hält,  um  zwischen  den  beiden
Staaten  einen  normalen  und  dauerhaften  Zustand  gegenseiciger
Herzlichkeit  zuschaffen  und  die  zukünfeige  Zusammenarbeit
  zu  gemeinsamen  Zielen  derallgemeinen  Politik
zuermöglichen.“  Und  der  Ar#kel  X  dieses  Vertragsentwurfs  lautet:
„JItalien  verpflichtek  sich,  während  der  ganzen  Dauer  dieses  Krieges
uollkommene  Neutrallät  gegenüber  Osterreich-Ungarn  und  Deutschland
zu  bewahren.“  Jtalienisches  Grünbuch  Nr.  6.

2)  Am  3.  August  1914,  also  nach  dem  Ausbruch  des  Welckrieges,
hatte  der  König  von  Italien  dem  deutschen  Militärattaché  und  Flügeladjutanten
  des  Kaisers,  Oberstleucnant  v.  Kleist,  der  ihn  im  Auftrag
des  Kaisers  um  die  sofortge  Mobilmachung  der  Armee  und  Marine
und  um  Bundeshilfe  ersucht  hatte,  gean  #vortet,  „daß  er  persönlich  von
ganzem  Herzen  bei  Deutschland  sei  und  noch  vor  wenigen  Wochen  keinen
Augenblick  zwelfelte,  daß  bei  Krieg  Jtalien  eren  den  Verbündeten  helfen
  werde“.  Die  deutschen  Dokumente  zum  Kriegsausbruch,  herausgegeben
  von  Graf  Max  Monegelas  und  Professor  Waleer  Schücking,
Bd.  IV,  S.  33,  Nr.  771.

132
        <pb n="143" />
        lũge  auf  unsere  Seite  tritt.  Wenn  es  in  diesem  Kampf
—  wenigstens  offiziell  —  auf  der  Seite  unserer  Feinde
bleibt,  so  kann  es  dem  Schicksal  nicht  entgehen,  einen
Teil  der  Schuld  auf  sich  zu  nehmen.

Wird  die  Behauptung,  daß  der  Kaiser  auf  Grund  der
Separatverträge  des  Jahres  1887  während  der  ersten
Jahre  seiner  Regierung  eine  Politik  getrieben  habe,  die
zur  Isolierung  Frankreichs  führen  sollte,  schon  durch  den
oben  geführten  Nachweis  widerlegt,  daß  jene  Verträge
aus  der  Initiative  Italiens  hervorgingen,  also  nicht  dentschen
  Einkreisungsabsichten  entsprungen  sein  können,  so
beweisen  die  vielen  Versuche,  die  mein  Vater  zur  Anbahnung
  eines  besseren  Verhälknisses  zwischen  Deutschland
  und  Frankreich  unkernahm,  vollends  die  Unsinnigkeit
  dieser  Behaupkung.

Wenn  man  auch  auf  die  dem  französischen  Volke  erwiesenen
  Höflichkeitsbezeugungen,  an  denen  es  der  Kaiser
während  der  ersten  Jahre  seiner  Regierung  nicht  fehlen
ließ,  kein  allzu  großes  Gewichk  legen  will,  weil  sie  ja  für
Deukschland  billig  waren,  so  ist  es  ganz  unmöglich,  sie  mi#
Kriegsabsichken,  Kriegsvorbereikungen  oder  dem  Wunsche
in  Einklang  zu  bringen,  durch  Isolierung  Frankreichs  die
deutsche  Hegemonie  in  CEuropa  herbeizuführen.  Denn  sie
beweisen  doch  zum  mindesten,  daß  man  Gewichk  darauf
legke,  die  durch  die  Patriokenliga  noch  immer  genährke
Revanchestimmung  aus  der  Welk  zu  schaffen  und  jene
„moralische  Abrüstung",  wie  sie  Frankreich  jetzt  durch  die
seit  dem  Frieden  von  Versailles  Deutschland  gegenüber
befolgke  Politik  absichtlich  unmöglich  machk,  zu  erwirken,
um  dadurch  ein  kriegverhinderndes  Element  in  die  Beziehungen
  der  europäischen  Mächte  hineinzukragen.  Zu  den

133
        <pb n="144" />
        solche  Absichten  bekundenden  Versuchen  gehört  die  Reise,
die  die  Kaiserin  Friedrich  im  Februar  1891  nach  Paris
machke,  die  Kranzspenden  des  Kaisers  beim  Tode  Meissoniers
  und  Mac  Mahons  und  die  warme  Beileidsbezeugung
  nach  der  Ermordung  des  Präsidenken  Carnok,
sowie  die  Begnadigung  von  zwei  französischen  Marineofftzieren,
  die  wegen  Spionage  verurkeilt  waren,  am
Tage  der  Beerdigung  des  ermordeken  Präsidenken.  Als
diese  Annäherungsversuche  zwanzig  Jahre  nach  dem
Frankfurker  Frieden  nichk  nur  keinen  Widerhall
fanden,  sondern,  wie  der  Besuch  meiner  Großmukter,
neue  Haßausbrüche  in  der  französischen  Presse  auslösten.7

1)  Die  Kaiserin  Friedrich  weilte  vom  18.  bis  36.  Februar  in  Paris.
Sie  beschränkte  sich  bei  diesem  Besuch  lediglich  auf  Kundgebungen  ihres
Interesses  für  die  französische  Kunst  und  vermied  jede  politische  Äußerung,
  lehnte  auch  den  Empfang  von  Miegliedern  der  Familie  Orleans
ab.  Trotzdem  gelang  es  Herrn  Deroulèede  und  seinen  Anhängern,  diese
Freundlichkeit,  die  die  beabsichtigte  Beteiligung  fcanzösischer  Künstler
an  der  Berliner  Ausstellung  erleichtern  sollte,  zum  Anlaß  eines  aneideutschen
  Pressesturms  zu  machen,  sodaß  Fürst  Münster  erleichtert  aufatmete,
  als  er  meine  Großmutter  glücklich  an  Bord  des  Schiffes  gebracht
hatte,  das  sie  nach  Calals  bringen  sollte.  Akten  Bd.VII,  S.79,  Nr.551.

Wie  wenig  Frankreich  damals  eingekreist  war,  geht  daraus  hervor,
daß  man  in  Rußland,  wo  man  die  deutschen  Annäherungsversuche  mic
verhaltener  Wut  beobachtek  hatke,  die  lebhafteste  Freude  über  den  neuen
Sieg  des  französischen  Chauvinismus  empfand.  „Auch  nicht  eine  Zeilung“,
  so  schreibt  der  deursche  Milicärattaché  v.  Billaume  aus  Petersburg,
„hatte  ein  Wort  der  Mißbilligung  für  die  kaktlosen  Manifestationen  der
Chauolnisten.....  Alle  schieben  Oeutschland  die  Schuld  in  die  Schuhe.“
Der  „Grashdanin“  schreibt:  „Der  Sieger,  der  es  wagt,  nach  Nieder-=werfung,
  Ruinierung  und  Beleidigung  des  Schwächeren  so  ganz  ohne
Umschweife  sich  in  der  von  ihm  zerstörten  Stadt  einzufinden,  muß  auf
solche  Ablehnung  gefaßt  sein.“  Akien  Bd.  VII,  S.  196,  Nr.  1439.

In  England  wurde  das  Verhalken  der  französischen  Presse  auf  das

 

134
        <pb n="145" />
        also  bewiesen,  daß  der  Revanchegeist  noch  äußerst  lebendig
  war,  trug  begreiflicherweise  das  Mißtrauen  meines
Baters  gegen  Frankreich  wieder  den  Sieg  davon  und
machte  sich  in  Außerungen  Luft,  die  mißverstanden  werden
  konnten.  1  Auf  die  deutsche  Politik  aber  hat  dieses
Meißtrauen  keinen  Einfluß  gehabk."  General  v.  Caprivi
hak  ebensowenig  wie  Fürst  Bismarck  an  einen  Prävenkivkrieg
  gedacht  und  hak  auf  den  Gebieken,  auf  denen  überhaupk
  eine  Verständigung  mit  Frankreich  möglich  war,
die  Inikiakive  zu  Verhandlungen  ergriffen.

Eine  solche  Möglichkeit  der  Verständigung  bok  sich
auf  dem  Gebieke  der  Kolonialpolitik  im  Herbst  1693z.  Caschärfste

  verurkeilt.  Oer  „Standard“  schrieb,  daß  es  dazu  beigetragen
habe,  die  Sieuation  zu  klären  und  der  Welt  von  neuem  zu  zeigen,  daß
das  französische  Revanchegefühl  nicht  verschwunden  sei,  sondern  immer
noch  denselben  bedenklichen,  den  Frieden  störenden  Charakter  habe.  Beriche
  des  Botschafters  Graf.  Hatzfeld  vom##y.  Februar  1891.  Akeen  Bd.VII,
S.  283,  Nr.  1553.

1)  Das  Mißterauen  des  Kaisers  kam  übrigens  nur  in  Randbemerkungen
  zu  den  Berichten  des  Grafen  Mönster,  die  ihm  zu  opeimistisch
erschienen,  zum  Ausdruck,  drang  aber  nicht  in  die  Offenclichkeit  und
wurde  zudem  noch  genährt  durch  Mitceilungen,  die  ihm  bei  einem
Aufenchalt  in  Darmstade  von  Major  v.  Huene,  dem  früheren  Milicäraktaché
  in  Paris,  gemacht  wurden.  Ein  nordamerikanischer  Großindustrieller
  und  ein  nordamerikanischer  Offizier  hatten  diesem  Herrn  miegekeilk,
  daß  in  sranzösischen  Armee-und  Marinekreisen  behauptek  würde,
im  Herbst  werde  es  Krieg  mie  Deueschland  geben.  Akeen  Bd.  VII,  S.  a95,
Nr.  1565  und  S.  299,  Nr.  1567.

a)  Der  in  meinem  VBater  durch  das  Zusammenkreffen  eines  optimistischen
  Berichts  des  Grafen  Münster  mit  anderen  widersprechenden,
ihm  glaubhafter  erscheinenden  Nachrichten  ausgelöste  Wunsch  der  Ersesung
  Münsters  durch  General  Graf  Wedel  stieß  im  Auswärtigen  Ame
auf  Widerstand,  und  mein  Vater  bestand  nicht  auf  seiner  Erfüllung.
Akten  Bd.  VII,  S.  296,  Nr.  1566.
        <pb n="146" />
        privi,  der  vorher  schon  im  September  1891,  den  Wün—-schen
  Ribots  entgegenkommend,  den  elsaß-lokhringischen
Paßzwang  aufgehoben  hatte,  benutzte  sie  trotz  der  neuen
chauvinistischen  Welle,  die  anläßlich  des  Besuchs  der  französischen
  Flotte  in  Kronstadt  über  Frankreich  hingebraust
war  und  trotz  der  sich  immer  enger  gestalkenden  russischfranzösischen
  Freundschaft.

Im  September  1892  hatte  die  Kolonialabteilung  des
Auswärtigen  Amtes  in  einer  „Denkschrift  betreffend  die
Sicherung  des  Hinterlandes  von  Kamerun“  angeregt,
neuerdings  von  Frankreich  in  jenen  Gegenden  erhobenen
Ansprüchen  durch  die  Entsendung  einer  deutschen  wissenschaftlichen
  Expedition  entgegenzutreten.  Caprivi  hatte
das  mit  folgenden  Worten  abgelehnt:  „Solange  wir  die
Abrechnung  über  Elsaß-Lothringen  noch  vor  uns  haben,
werden  wir  gut  tun,  Situationen  zu  vermeiden,  die  um
fragwürdigen  kolonialen  Besitzes  willen  zu  Verwicklungen
mit  Frankreich  führen  können,  bei  denen  die  Skellung
unserer  Bundesgenossen  und  vollends  Englands  mindestens
  ungewiß  wäre  .  .  Im  vorliegenden  Fall  wird  es
gul  sein,  Händel  mit  Frankreich  zu  vermeiden,  auf  die
letzten  Mitkel  der  großen  Politik  nicht  zu  rechnen  und
unsere  Ziele  mik  unseren  zurzeit  verfügbaren  kolonialen
Meilkeln  in  Einklang  zu  bringen.“1

Am  15.  Juli  189z  kam  Skaakssekrekär  Freiherr  von
Marschall  auf  diese  Angelegenheik  zurück,  die  schon  im
Jahre  1890  zu  Verhandlungen  geführk  hatke,  aber  nicht
zum  Abschluß  gekommen  war  und  die  deuktsch-französischen
Reibungsflächen  vermehrke.  Er  forderke  den  französischen

 

1)  Akten  Bd.  VII,  S.  329,  Nr.  1489.

136
        <pb n="147" />
        Botschafter  Herbette  zur  Wiederaufnahme  der  Berhandlungen
  auf  und  überreichte  eine  Denkschrift  über  die  Forderungen
  Deutschlands  im  Osten  von  Kamerun.:  Erst
am  15.  März  1894  führken  diese  Verhandlungen,  zu
denen  im  Dezember  der  Direkkor  der  französt  ichen  Kolonialabkeilung
  nach  Berlin  gekommen  war,  zu  einem  Abkommen.


Deutschland  setzte  in  diesem  Verkrag  durchaus  nicht
alle  seine  Forderungen  durch,  sondern  überließ  bei  der
Abgrenzung  der  Inkeressensphären  den  nördlichen  Teil
des  Hinterlandes  von  Kamerun  bis  zum  Scharilauf  dem
französischen  Einfluß,  sodaß  dadurch  die  Seraße  zum  Bar
el  Ghazal  und  nach  Faschoda  für  Frankreich  freigegeben
wurde.

Wie  armselig  muß  das  Beweismakerial  für  die  hegemonischen
  Gelüste  Deutschlandes  sein,  das  seinen  Anklägern
  zur  Verfügung  stehk,  wenn  sie  selbst  diese  Verhandlungen,
  die  doch  zu  einem  für  Frankreich  günstigen
Ergebnis  führken  und  die  Reibungsflächen  zwischen  den
beiden  RNachbarstaaken  verminderken,  als  Beweis  für  die
Verschlagenheit  der  deutschen  Politik  anführen.  Die
Herren  Bourgeois  und  Pages  werfen  nämlich  allen
Ernstes  die  Frage  auf,  ob  diese  Verhandlungen  von
Deukschland  nicht  deshalb  eingeleikek  wurden,  um  Konflikte
  zwischen  England  und  Frankreich  herbeizuführen.
Zu  dieser  Frage  glauben  sie  sich  berechkigk,  weil  zwischen
England  und  Deutschland,  bevor  die  deutschfranzösischen
Verhandlungen  abgeschlossen  waren,  am  15.  Rovember
1893  ein  Verkrag  geschlossen  wordenwar,  in  dem  England

 

1)  Akten  Bd.  VII,  S.  335,  Nr.  1598.

137
        <pb n="148" />
        das  ganze  Hinkerland  von  Kamerun  bis  zum  15.  Längengrad
  in  dessen  ganzer  Ausdehnung  von  der  südlichen
Grenzlinie  bis  zum  Tschadsee  Deutschland  überließ,  während
  England  die  Rechke  auf  die  Gebieke  östlich  des  Tschadsees
  bis  zum  Nil  zugesichert  wurden.

Hier  gehen  also  die  Ankläger  Deutschlands  so  weit,
daß  sie  gegen  Deutschland  den  Verdachk  aussprechen,
es  hälle  zu  Frankreichs  Gunsten  auf  ihm  sehr  wichkig  erscheinende
  Kolonialgebiete  nur  deshalb  verzichkek,  damit
die  französischen  Expansionsgelüste  einen  französisch-englischen
  Konflikt  heraufbeschwören  sollken.  Hälten  wir  dem
englischen  Wunsche  gemäß  den  französischen  Ansprüchen
nicht  nachgegeben,  sondern,  auf  unserer  ursprünglichen
Forderung  bestehend,  den  Franzosen  den  Weg  zum  Nil
durch  unseren  Besitz  verriegelk,  so  würden  wir  doch  ganz
gewiß  hegemonischer  Gelüste  beschuldigk  worden  sein.
Weil  wir  es  nichtk  gekan  haben,  weil  wir  Frankreichs
und  nicht  Englands  Wuncsch  erfüllken,  werden  uns  ebenfalls
  hegemonische  Gelüste  vorgeworfen.  Der  Brandstifter
selbst  beschuldigk  uns,  daß  wir  ihn  nichk,  seine  böse  Absicht
  voraussehend,  rechtzeitig  daran  verhinderk  haben,
Feuer  in  Afrika  anzulegen.

Wie  schleche  muß  es  um  eine  Anklage  stehen,  wenn  sie
mit  solchen  Milteln  arbeiket!

Es  soll  dabei  gar  nichk  in  Abrede  gestellt  werden,  daß
Deutschland  den  Ausgleich  der  zwischen  Frankreich  und
England  bestehenden  Gegensätze  nichk  begünstigke,  sondern
  ein  sehr  dringendes  Inkeresse  daran  hakte,  daß  keine
zu  freundschaftliche  Annäherung  zwischen  den  beiden  West- 



1)  Bourgeols  und  Pages,  S.  245.

138
        <pb n="149" />
        mächten  stattfand.  Wenn  es  in  dieser  Richtung  wirkte,
vermehrte  es  nicht,  sondern  verminderte  die  Kriegsmöglichkeiken.
  Denn  —  die  Welklage  des  Sommers  1914
hat  es  ja  zum  Entsetzen  der  Menschheit  bewiesen  —  der
Eintritt  Englands  in  das  russisch-französische  Bündnis
mußte  Europa  in  einen  von  Pulverfässern  erfüllten  Erdteil
  verwandeln,  den  jedes  Streichholz  in  Brand  setzen
konnte.

Ist  es  aus  diesem  Grunde  schon  unsinnig,  uns  vorzuwerfen,
  daß  wir  eine  Annäherung  zwischen  England  und
Frankreich  deshalb  nicht  gern  sahen,  weil  wir  Europa
beherrschen  wollten,  so  ist  jedenfalls  keine  der  Mächte,
die  sich  gegen  uns  verbündet  haben,  berechtigt,  uns  die—
sen  Vorwurf  zu  machen,  denn  ihrer  aller  Politik
erschöpft  sich  ja  geradezu  in  dem  Bestreben,  das
Zuskandekommen  geger  sie  gerichkeker  Bündnisse
  zu  verhindern.  Daraus  ist  ihnen  kein  Vorwurf
zu  machen.  Darum  müssen  aber  auch  wir  für  uns  das
Rechk  in  Anspruch  nehmen,  keiner  hegemonischen  Gelüste
  bezichtigk  zu  werden,  wenn  wir  den  Zusammenschluß
der  Staaken,  denen  der  status  quo  in  Europa  nichk  gesiel,
  mit  dem  Staate,  der  die  Meere  beherrschte,  durch
alle  uns  zu  Gebote  stehenden  friedlichen  Mittel  zu  ver—
hindern  suchten.  Gerade  dadurch,  daß  es  uns  nicht  ge—
lungen  ist,  dieses  Unglück  auch  im  zwanzigsten  Jahr—
hundert  zu  verhindern,  ist  der  Welkkrieg  möglich  geworden.


Wie  wenig  berechtigk  aber  gerade  Fran  kreich  ist,
uns,  wie  es  schon  die  Noke  vom  16.  Juni  r919  kuk,  und
wie  der  Senaksbericht  wiederholk,  vorzuwerfen,  daß  wir
Unfrieden  zwischen  den  Mächten  Curopas  zu  säen  ver-130
        <pb n="150" />
        suchten,  das  geht  aus  den  immer  wieder  unternomme—
nen  Versuchen  hervor,  die  die  Loslösung  Italiens
vom  Dreibund  zum  Zweck  hakten.  Gerade  in  den
Tagen,  in  denen  in  Paris  nach  dem  Besuch  der  Kaiserin
Friedrich  die  Wogen  des  Chauwinismus  so  hoch  gingen,
und  Graf  Münster  in  jenem  dem  Kaiser  so  opkimistisch
erscheinenden  Berichk  dem  Auswärkigen  Amk  die  Versicherungen
  der  Friedensliebe  des  Herrn  von  Freycinek
übermitkelte,  machke  Frankreich  in  Rom  einen  allerdings
rechk  plumpen  Versuch  zur  Unkergrabung  des  Dreibun--des,
  der  zwar  dank  der  vornehmen  Halkung  des  Königs
Humberk  und  des  Marchese  di  Rudini  mißglückke,  darum
aber  nichk  weniger  verwerflich  war.  Denn  er  war  ein
Zestechungsversuch  in  optima  forma,  der  unkernommen
wurde,  um  Jkalien  zum  Verrak  an  seinem  Bundesgenossen
  zu  verleiken.  In  Berlin  erfuhr  man  von  diesem
Versuch,  ekwa  zehn  Tage,  nachdem  er  gescheikerk  war,
durch  einen  Berichk,  den  Oberstleuknank  von  Engelbrechk,
  der  deutsche  Milikärakkaché  in  Rom,  an  den  Kaiser
  sandte.  Er  erstakkeke  ihn  auf  Grund  von  Mitteilungen
des  Königs  Humbert  selbst,  der  sie  ihm  mit  Zustimmung
des  Moarchese  di  Rudini,  eines  aufrichtigen  Freundes
Deutschlands  und  eines  Edelmannes  im  besten  Sinne  des
Works,  gemachk  halke.!  Dieser  Versuch,  der  erst  durch
die  Akktenpublikakion  des  Auswärkigen  Amkes  bekannk
geworden  ist,  scheink  mir  die  Berechkigung  Frankreichs
zu  so  schwerwiegenden  VBorwürfen,  wie  sie  gerade  die
Regierung  dieses  Landes  gegen  die  „Hinkerhältigkeit
und  das  Zwiekrachtsäen“  der  deutschen  Politik  erhebr,

 

1)  Akeen  Bd.  VII,  S.  91,  Nr.  1418.

140
        <pb n="151" />
        so  gründlich  zu  zerstören,  daß  ich  ihn  in  seinem  Worklaut
  hier  zum  Abdruck  bringen  will:

Rom,  den  28.  April  1891.

Der  französische  Botschafter,  Herr  Billot,  welcher
seinerzeit  der  Begräbnisfeierlichkeit  des  verstorbenen
Prinzen  Napoleon  ferngeblieben  war,  hatte  wenige
Tage  nach  derselben  eine  Audienz  erbeten,  um  Seiner
Majestät  dem  Könige  das  Beileid  der  französischen  Regierung
  auszudrücken.!

Bei  dieser  Gelegenheit  hak  Herr  Billok  es  für  passend
gefunden,  das  Ansinnen  der  Veröffenklichung  des  Vertrages
  zwischen  Deutschland  und  Italien,  in  noch  dazu
sehr  enkschiedener  Weise,  zu  stellen.

Der  Verlauf  der  Unkerhalkung  über  diesen  Gegenstand
  ist  folgender  gewesen:

Auf  die  gegenseitigen  Beziehungen  beider  Länder  das
Gespräch  überführend,  äußerke  Herr  Billok  sein  Bedauern,
  daß  es  bisher  noch  nichk  gelungen  sei,  dieselben
den  Inkeressen  beider  Länder  entsprechend  zu  gestalken.
Es  liege  allein  beim  Könige,  einen  wohltätigeren  Zustand
hier  einkreken  zu  lassen,  und  nun  sprach  Herr  Billok  die
Bikke  aus,  den  Verkrag  mit  Deukschland  zu  veröffentlichen,
  da  es  sonst  für  Frankreich  nicht  möglich  sei,  auf
dem  Weg  des  Enkgegenkommens  weiter  forkzuschreiken.

Der  König  erwiderke,  daß  die  Veröffenklichung  eines
Verkrages  nur  mik  Zustimmung  beider  Konkrahenken
geschehen  könne;  man  möge  daher  diesem  Wursche  auch
in  Berlin  Ausdruck  geben.  Herr  Billok  deukeke  darauf

 

1)  Prinz  Jéröme  Napoleon,  der  Gemahl  der  Prinzessin  Clothilde
von  Savoyen,  war  am  17.  März  1819  in  Rom  gestorben

141
        <pb n="152" />
        hin,  in  welche  schwierige  Lage  Frankreich  versetzt  wäre;
man  könnte  doch  nicht  verlangen,  daß  es  seine  Mittel
einem  Lande  zur  Verfügung  stelle,  von  welchem  man
wisse,  daß  es  im  Falle  eines  Krieges  sein  Gegner  sein
werde.

Die  Erklärung  des  Königs,  daß  Frankreich  weder  von
Italien  noch  von  Deutschland  eine  Aggression  zu  be—
fürchten  habe,  daß  der  Vertrag  lediglich  auf  Erhaltung
des  Friedens  hinziele,  vermochke  den  Argwohn  des  Bokschafkers
  nichk  zu  beseikigen.  Derselbewurde  eindringlicher,
konnke  auch  die  bisher  beobachkeke  Ruhe  nichk  bewahren
und  ließ  sich  zur  Außerung  verleiken,  daß  es  schwer  zu
verstehen  sei,  daß  sich  Männer  zur  Bildung  einer  Regierung
  fänden,  ohne  die  übernommenen  Verträge  zu
kennen,  er  (Herr  Billokl)  würde  in  ein  solches  Ministerium
  nicht  eintreken.

Die  Verkräge,  so  bemerkte  der  König,  seien  von  ihm
eingegangen  worden;  dieselben  zu  kennen  brauche  nur  der
Minister  des  Außeren;  außer  Mancini,  Robilank,  Crispi
und  Rudini  habe  in  Italien  niemand  von  den  Verkrägen
Kennknis  erhalken.  Da  Herr  Billok  auch  nun  noch  weiter
insistierke,  so  erklärke  der  König,  dem  SBotschafter  in  der
Auffassung,  die  Veröffentlichung  des  Verkrages  zu  einem
Gegenstand  von  Leistung  und  Gegenleistung  zu  machen,
nicht  solgen  zu  können;  für  ihn  sei  es  eine  Frage  der
Würde;  er  könne  es  nur  bedauern,  wenn  die  von  einem
Souverän  gegebene  Versicherung  hinsichklich  des  Charakkers
  des  Verkrages  nichk  zur  Beseikigung  unrichkiger  Vorstellung
  beizukragen  vermöchte,  und  stellke,  das  Gespräch
beendigend,  Herrn  Billok  anheim,  sich  an  den  IM#arquis
di  Rudini  zu  wenden,  der  mil  seinen  Instruktionen  ver-142
        <pb n="153" />
        sehen  sei.  Einige  Tage  später  sah  Marquis  di  Rudini
Herrn  Billot  und  unterließ  nicht,  demselben  sein  Befremden
  über  die  Ark  auszudrücken,  in  welcher  der  Botschafker
  die  erwähnte  Angelegenheik  mik  dem  Könige  verhandelt
  habe.  ·

Manwatgescheitett,denBettraganfdiesemWege
zu  erfahren,  und  schlug  nunmehr  einen  andern  ein.

Es  mögen  ungefähr  zehn  Tage  her  sein,  als  sich  bei
dem  Minister  des  Außeren  Herr  Padova,  der  Agent
Rothschilds,  in  Italien  melden  ließ.

Derselbe  war  Träger  eines  Briefes  des  Hauses  Rokhschild,
  in  welchem  dasselbe  mik  auesdrücklicher  Zustimmung
  des  auswärtigen  Ministers,  Herrn  Ribok,  der
ikalienischen  Regierung  die  nokwendigen  Geldmikel
  zur  Disposition  stellte,  unbeschadek  des  weikeren
  Verbleibens  Italiens  in  der  Alliance  mit  Deutschland.
  Dahingegen  möge  Ikalien  nur  in  einer,  evenkuell
geheim  zu  halkenden  schriftlichen  Erklärung  die  Verhältnisse
  und  Bedingungen  angeben,  unker
denen  es  sich  an  einem  Kriege  Deutschlandsgegen
  Frankreich  bekeiligen  werde.

UMarquis  di  Rudini  enkgegneke  Herrn  Padova,  daß
er  bedauere,  einen  Ikaliener  wvor  sich  zu  sehen,  welcher  der
Regierung  seines  VBakerlandes  eine  so  unwürdige  Handlung
  zumute.  Herr  Padova  singierke  über  diesen  „unverdienken“
  Vorwurf  Enkrüstung  und  erwiderke,  daß  er  geglaubk,
  als  Pakriok  zu  handeln,  um  sein  Land  aus  der
schwierigen  Lage  zu  befreien.  Der  Margquis  schnikt  indes
das  Gespräch  mit  der  Bemerkung  ab,  daß  jede  Diekussion

1)  Dieses  Gespräch  erinnert  auffällig  an  die  Szene,  die  sich  im  Juli
180  zwischen  König  Wilhelm  I.  und  Benederei  in  Ems  abgespielt  hat.

 

143
        <pb n="154" />
        über  die  Angelegenheit  mit  dem  unnütz  sei,  welcher  kein
richkiges  Fühlen  für  dieselbe  habe,  und  bat  Herrn  Padova,
ihn  nie  wieder  in  dieser  Sache  aufzusuchen.

Dem  König  über  diesen  Vorfall  Berichk  erstakkend,
fügke  der  Minister  hinzu,  daß  im  ersten  Moment  die
Versuchung  groß  für  ihn  gewesen  sei,  den  schmutzigen
Hebräer  an  den  Hals  zu  fassen  und  ihn  mit  einem  Fußkrikk
  aus  der  Tür  hinanszubefördern,  doch  habe  ersich  krotz
leiner  Indignation  gesagk,  daß  dies  einem  Marquis  di
Rudini  nichk  wohl  angestanden  haben  würde.  Die  stolze
Gesinnung  des  Marquis  hat  sich  vor  solchem  Schmutz
gebäumk,  und  er  hak  deshalb  auch  nichk  gewollk,  daß  durch
eine  Meikkeilung  an  seine  auswärkigen  Organe  diesen  bekannk
  werde,  mit  welcher  Zumukung  man  an  ihn  herangekreken
  sei.

Auf  die  ausdrückliche  Frage,  ob  der  Vorfall  mir  mitgekeilk
  werden  dürfe,  hak  der  Minister  nichks  dagegen
einzuwenden  gehabk,  und  da  dieser  Vorgang  sowie  der
eingangs  erwähnte  für  die  Beurkeilung  der  Perfönlichkeit
der  leikenden  auswärkigen  Minister  am  Tiber  und  an
der  Seine  von  Wert  sein  kann,  so  habe  ich  gewagk,  in
liefster  Ehrfurchk  allerunkerkänigsten  Berichk  darüber  zu
erstatten.  gez.  von  Engelbrecht.

Der  Marchese  di  Rudini  hielt  es  für  richtig,  nur  das
Werkzeug  der  französischen  Politik  zum  Gegenstand  seiner
Verachkung  zu  machen.  Im  Grunde  seines  Herzens  wird
er  wohl  von  demselben  Gefühl  gegen  die  Auftraggeber
an  der  Seine  durchdrungen  gewesen  sein.

Einem  Lande,  dessen  Regierung  sich  solcher  Mictel  bedienk,
  um  Unfrieden  zwischen  Verbündeten  zu  stiften,  die

144
        <pb n="155" />
        keine  andere  Absicht  hatten,  als  den  status  quo  in  Europa
gegen  Mächte  zu  schützen,  die  nicht  müde  wurden,  auf
seine  Anderung  hinzuarbeiten,  steht  es  schlecht  an,  Anklagen
  gegen  Deutschland  zu  erheben.

Es  hat  selten  jemand  mit  Steinen  geworfen,  der  in
einem  so  zerbrechlichen  Glashause  saß,  wie  die  Franzosen,
die  Deutschland  beschuldigen,  die  Saat  der  Zwietracht
ausgestreut  zu  haben,  um  den  Weltkrieg  vorzubereiten.

Die  Absicht,  das  russisch-französische  Bündnis  zu  zertrümmern,
  unterstellen  dieselben  Männer,  die  die  Auflösung
  des  Dreibundes  durch  so  verwerfliche  Mittel  für
ein  gutes  Recht  Frankreichs  halten,  auch  dem  Verhalten
Deutschlands  im  japanisch-chinesischen  Kriege  und
benutzen  diese  Unterstellung  als  willkommenes  Material
für  den  Bau  ihres  Schuldlügengebäudes.

Die  Herren  Bourgeois  und  Pages  fassen  ihr  Urteil
über  die  Politik,  die  Deutschland  vor  und  nach  dem  Frieden
  von  Schimonoseki  befolgke,  in  folgenden  Worken
zusammen:  „Zu  derselben  Zeit  (während  des  japanischchinesischen
  Konflikkes)  machk  sich  Deutschland,  um  seine
Handlungsefreiheit  außerhalb  Europas  voll  zu  behalken,
zum  Hüter  des  Friedens.  Aber  wie  es  sich  die  Gestalkung
  der  Zukunft  vorbehälk,  so  will  es,  daß  der  Friede
einzig  und  allein  von  ihm  abhängt.  Es  will  ihn  nur  als
Bürgschaft  für  die  deutsche  Hegemonie.  Es  läßt  nicht
zu,  daß  es  andere  Bündnisse  gibt,  als  die  deukschen,  weil
einst  ein  Tag  kommen  könnte,  an  dem  solche  Bündnisse
  den  Frieden  gegen  Deuklschland  selbst  auf
Kosken  von  dessen  ehrgeizigen  Plänen  schützen
könnken.  Daher  die  Anstrengungen,  die  es  machte,  um
das  rufsisch-französuche  Bündnis  aufzulösen,  so  friedlich
Kronprinz  Wilhelm,  Ich  suche  d.  W.  10

745
        <pb n="156" />
        dieses  auch  war,  und  die  Ausnutzung  aller  Gelegenheiken,
  die  sich  boken,  um  den  einen  der  Verbündeten  bei
dem  anderen  zu  verdächtigen.“1

In  diesem  Urkeil  wird  die  Wahrheik  deshalb  auf  den
Kopf  gestellk,  weil  die  deutsche  Polikik,  also  die  Dreibundpolitik,
  —  wiederum  ganz  ohne  Rücksichk  auf  Ikalien,
den  späteren  Verbündeken  der  Enkenke,  der  durch  diese
Anklage  mikgekroffen  wird,  —  als  ehrgeizig,  die  Politik
des  Zweibundes  aber  als  friedliebend  dargestellt  wird.
Das  Umgekehrke  war  richkig.  Die  Herren  Bourgeois  und
Pages  können  denn  auch  kein  einziges  von  den  ehrgeizigen
Zielen  nennen,  auf  deren  Erreichung  die  Dreibund-Politik
  angeblich  gerichker  sein  sollte.  Sie  operieren  auch  hier
immer  wieder  nur  mit  dem  unbestimmbaren  Begriff  des
Strebens  nach  der  Hegemonie.

Deutschland  war  ein  gesättigker  Skaak.  Es  befand  sich,
wie  die  Anklageschrift  selbst  ausführk,  gerade  im  Jahr
1898  in  einem  unerhörken  Aufstieg;  einem  Aufstieg,  der
ausschließlich  mit  friedlichen  MMikteln  geförderk  wurde,
der  auf  der  überlegenen  Leistungsfähigkeit  seiner  Arbeirerschaft,
  seiner  Industrie,  seiner  Technik  beruhke.  Jeder
Krieg  mußke  diesen  Aufstieg  stören.  Es  hatte  also  das
dringendste  Inkeresse  an  der  Aufrechkerhalkung  des  Friedens,
  und  es  wird  auch  von  dem  Senaksberichk  kein  Grund
angegeben,  aus  dem  es  ein  Inkeresse  an  seiner  Störung
gehabk  haben  sollte.

Die  U#ächte  des  Zweibundes  aber  hakken  zwei  ehrgeizige
  Ziele,  auf  die  ihre  Politik  seit  Jahrzehnken  gerichket
war,  und  die  ohne  Krieg  nichk  erreicht  werden  konnken:  die

 

1)  A.  a.  O.  S.  260.

140
        <pb n="157" />
        Wiedergewinnung  von  Elsaß-Lokhringen  und  den  Besitz
von  Konstankinopel.  Und  das  vorläufig  noch  zwischen
diesen  beiden  Mächtegruppen  stehende  England  sah  in
Deutschland  einen  mächkigen  Rivalen  auf  dem  Welkmarkt
  emporkommen  und  betrachkeke  diesen  friedlichen
deutschen  Aufstieg  mit  Argwohn  und  Furchk.  So  war
der  Friede  Europas  nichk  durch  den  Dreibund,  sondern
durch  den  Zweibund  bedroht.  Und  die  Mdachtk,  die  diesen
  Bund,  dessen  Ziel  nicht  die  Erhalkung  des  status  quo,
sondern  seine  Anderung  war,  von  seinen  nur  durch  Gewaltmikkel
  zu  erreichenden  Zielen  ablenkte  und  zu  einer
gemeinsamen  Aktion  gegen  eine  neue  Machkbildung
zusammenfaßke,  war  die  wahre  Hüterin  des  Friedens
in  Europa.  Die  Absicht  solcher  Zusammenfassung  von
Mächten  beider  Bündnisgruppen  war  die  in  der  Tiefe
schlummernde  Triebkrafkt  der  deutschen  Politik  im  japanisch-chinesischen
  Konflikk.

Es  ist  nicht  meine  Aufgabe  zu  unkersuchen,  ob  diese
Politik  den  deutschen  Inkeressen  förderlich  war  oder  nichk.
Daß  sie  aber  den  Frieden  Curopas  nichk  stören  wollte,
sondern  vielmehr  gerade  seine  Erhaltung  zum  Zweck
hatke,  ist  über  jeden  Zweifel  erhaben  und  wird  durch  die
Akren  des  Auswärtigen  Amkes  unwiderleglich  erwiesen.

Immer  wieder  kommt  in  den  Instrukkionen,  die  Herr
von  Marschall,  der  Stkaakssekrekär  des  Außeren,  und
der  Reichskanzler  Fürst  Hohenlohe  an  die  deulschen  Verkreker
  im  Auslande  schickken,  dieser  Grundgedanke  zum
Ausdruck.  Er  fürchkekl,  der  Sieg  Japans  über  China,
seine  Festsetzung  an  der  ostasiakischen  Küste,  die  Zerkrümmerung
  des  gewaltigen  chinesischen  Reiches  könne  zu  europäischen
  Konflikten  führen,  weil  es  dann  ein  „Erbe“  zu

147
        <pb n="158" />
        teilen  gäbe,  das  man  bei  den  gewalkigen  wirkschaftlichen
Inkeressen  aller  europäischen  Großmächke  in  Ostasien  der
aufstrebenden  gelben  M#ashk  auf  den  Inseln  des  Stillen
Ozeans  nicht  allein  zur  Ausbeukung  überlassen  wolle.
Darum  solle  versucht  werden,  China  vor  dem  stammverwandken
  Sieger  zu  rekken,  damit  nichk  erst  Erbschaftsstreitigkeiten
  entstehen  könnken.

In  diesem  Bestreben  nun  spielte  Deutschland  durchaus
  nicht  die  führende  Rolle.  Es  verlangke  auch  bei
der  Lösung  dieser  Frage  nichk  die  Hegemonie,  sondern
nur  die  Anerkennung  seiner  Gleichberechkigung.  Es
wollke,  wenn  der  oben  gekennzeichneke  Plan  mißglückte,
wenn  es  zu  einer  Festsetzung  Japans  an  der  chinesischen
Küste  kam,  und  infolge  davon  auch  England  und  Frankreich
  ihren  Anfpruch  auf  chinesische  Küstenplätze  anmeldeken,
  nicht  leer  ausgehen.  Aber  die  erste  Anregung  zur
Einmischung  in  den  japanisch-chinesischen  Konflikt  ist  nicht
von  Deutschland,  sondern  von  England  ausgegangen,
also  von  der  Machk,  die  sich  dann  allein  unker  den  europäischen
  Großmächten  im  enkscheidenden  Augenblick  von
einer  gemeinsamen  Akktion  gegen  Japan  zurückzog.  Schon
am  6.  Okkober  1894  forderke  es  Deutschland  zu  einer  Kooperakion
  der  europäischen  Kriegeschiffe  in  den  chinrsischen
  Gewässern  auf.:  Freiherr  v.  Marschall  antworkeke
  dem  englischen  Botschafter,  daß  sich  Deutschland  an
einem  solchen  Zusammemwirken  nur  bekeiligen  könne,  wenn
es  ausschließlich  den  Zweck  habe,  die  Fremden  zu  schützen.
Schon  am  folgenden  Tage  stellte  England  in  Berlin,
Paris,  Pekersburg  und  Was  hingkon  den  Ankrag  zu  einer

 

1)  Akten  Bd.  IX,  S.  242,  Nr.  2274.

148
        <pb n="159" />
        gemeinsamen  Intervention  zwischen  Japan  und  China
auf  der  Grundlage  der  Unabhängigkeit  von  Korea,  um
dessentwillen  der  Krieg  ausgebrochen  war,  und  einer  von
China  an  Japan  zu  zahlenden  Kriegsenkschädigung.1
Freiherr  v.  Marschall  ankworkeke  auf  diese  Anregung
ablehnend.  Und  aus  den  bei  dieser  Gelegenheit  gebrauchten
  Worken  geht  deuklich  hervor,  daß  Deutschland  keine
führende  Rollein  dieser  Angelegenheikt  zu  spielen  wünschte,
was  doch  seine  Absichk  hätte  sein  müssen,  wenn  die  gegen
Deukschland  gerichkeken  Vorwürfe  der  oben  zitierken
Stelle  des  Senaksberichks  gerechkfertigk  wären.  Marschall
  sagke,  es  wäre  ihm  wünschenswerk,  die  Stellung  der
nächstinkeressierken  IU#acht,  nämlich  Rußlands,  zu  der
vorgeschlagenen  Inkervention  kennen  zu  lernen.  Und  als
ihm  der  englische  Bokschafker  ankworkeke,  daß  er  darüber
nichk  orienkierk  sei,  erklärke  er,  daß  ihm  die  Inkervenkion
verfrühf  erscheine.“

Die  Zurückhaltung  Deutschlands  hak  damals  ohne
Zweifel  dazu  beigekragen,  daß  Lord  Rosebery  schon  wenige
Tage  später,  am  12.  Okkober,  den  Inkerventionsgedanken
  vorläufig  fallen  ließ.  Auch  eine  im  Novwember  von
China  an  Deutschland  gerichkeke  Bitte  um  Vermilklung
lehnke  Freiherr  v.  Marschall  mit  der  Begründung  ab,  daß
ihm  die  Annahme  der  chinesischen  Vorschläge  —  es  waren
die  gleichen,  die  England  einen  Jlonak  früher  gemachk
hatte  —  von  seiken  Japans  ausgeschlossen  erscheine."
Die  vom  deutschen  Kaiser  auf  Grund  von  ihm  zugegange- 



1)  Akeen  Bd.  IX,  G.  243,  Nr.  2215.

ayAksen  Bd.  IX,  S.  243,  Nr.  2216,  vom  9.  Oktober  1894.
3)  Akeen  Bd.  IX,  S.  a44  Nr.  2277,  Anm.

4)  Akeen  Bd.  IX,  S.24  5,  Nr.  2318.

140
        <pb n="160" />
        nen,  ũbrigens  nicht  zutreffenden  Nachrichten  wenige  Tage
später  dem  eben  erst  zum  Reichskanzler  ernannken  Fürsten
  Hohenlohe  gegenüber  ausgesprochene  Anregung,  sich
mit  Japan  darüber  zu  verständigen,  daß  Deutschland
sich  in  Formosa  festsetzen  könne,  wenn  England  und  Frankreich
  chinesische  Küstenplätze  für  sich  in  Anspruch  nähmen,
wird  vom  Auswärtigen  Amk  im  wesenklichen  deshalb
abgelehnk,  weil  „jedes  Hervorkreken  Deutschlands  mit
Ansprüchen  dieser  Ark  in  diesem  Augenblick  bei  allen
INächten  Mißkrauen  erwecken  und  unsere  Politik  schwer
kompromikkieren  würde“.  Der  Kaiser  fügke  sich  diesen
Einwänden  seiner  Minister.  Lord  Kimberley,  der  englische
  MMinister  des  Außeren,  keilte  dann  dem  deukschen
Boftschafter  Grafen  Hatzseld  mik,  daß  Rußland  lebhaft
auf  einen  Gedankenauskausch  über  die  durch  die  bevorstehenden
  Friedensverhandlungen  in  Ostasien  geschaffene
Sikuakion  dränge,  und  prach  den  dringenden  Wunsch
aus,  daß  Deulschland  aus  seiner  Reserve  herauskräke
und  seine  eigenen  großen  Inkeressen  in  Ostasien  wahrnähme.s
  Darau#hin  erhielt  Graf  Hatzfeld  am  r.  Me#ärz
den  Aufkrag  zu  erklären,  daß  Deutschlands  Handelsbeziehungen
  durch  den  Kriegszustand  nicht  in  so  hohem
Maße  gelitten  hätten,  daß  es  allein  um  derenkwillen  die
Einsetzung  seiner  JMachkmikkel  mit  allen  den  unübersehbaren
  Konsequenzen,  die  sich  daran  knüpfken,  vor  der

 

1)  Akeen  Bd.  IX,  S.  245,  Nr.  2219,  vom  17.  November  1893.

2)  Akten  Bd.  IX,  S.  247,  Nr.  2220.

3)  Die  deutsche  Ausfuhr  nach  China  hatte  nach  der  deutschen  Statistik
  einen  Wert  von  400  Millionen  Mark.  war  aber  wahrscheinlich
viel  größer,  weil  viele  deutsche  Waren  auf  englischen  Schiffen  nach
China  befördert  wurden.

150
        <pb n="161" />
        öffentlichen  Meinung  rechtfertigen  könnte.i  Erst  auf  einen
am  3.  März  wiederholten  dringenden  Wunsch  Chinas,
doch  in  Japan  darauf  hinzuwirken,  daß  Chinas  Existenz
nichk  durch  die  japanischen  Friedensbedingungen  bedrohr
würde,  läßt  Freiherr  v.  Marschall  in  vorsichtigster  Weise
in  Tokio  darauf  aufmerksam  machen,  daß  die  europäischen
  Großmächte  von  China  zur  Inkervenkion  aufgeforderk
  worden  seien  und  daß  es  deshalb  im  Inkeresse  Japansläge,
  seine  Friedensforderungen  nichk  zu  überspannen,
weil  sonst  die  von  China  erbekene  Inkervenkion  schwerlich
vermieden  werden  würde.  Auch  dieser  Schrikk  hing  auf
das  engste  mit  dem  oben  erwähnten  Grundgedanken  der
deulschen  Politik  zufammen,  die  Inkegrikät  Chinas  nach
Aöglichkeit  zu  erhalten,  damik  durch  die  japanischen
Expansionsgelüste  der  europäische  Frieden  nicht  gestört
würde.  In  einem  ausführlichen  Immediakberichk,  den
Fürst  Hohenlohe  aus  Anlaß  eines  am  g.  März  vom  Kaiser
  von  China  an  den  deutschen  Kaiser  gerichkelen  Telegramms
  am  19.  Meärz  verfaßte,"  wird  die  bisher  in  der
ostasiakischen  Frage  von  Deutschland  beobachkeke  Politik
eingehend  dargelegk  und  begründek.  Es  ist  klar,  daß  dieses
lediglich  für  den  Kaiser  bestimmte  Akkenstück  nur  die  wahren
  Beweggründe  der  deutschen  Politik  enkhallen  kann.
Aus  ihm  aber  gehkl  deutlich  hervor,  daß  diese  Politik  hegemonische
  Ziele  nicht  verfolgke,  daß  man  sich  in  der  Wilhelmstraße
  vielmehr  bewußk  war,  geringere  Inkeressen
in  Ostasien  zu  haben  als  Rußland,  England  und  Frankreich,
  und  sich  aus  diesem  Grunde  die  größte  Reserve  auferlegen
  müsse.  „Bei  unserer  Bekeiligung  an  einer  ledig-1)

  Akten  Bd.  1X,  S.  251,  Anm.
)  Akten  Bd.  IX,  S.  353,  Nr.  3227.

 

151
        <pb n="162" />
        lich  auf  Herstellung  des  Friedens  gerichteten  Interven—
tion  Englands  und  Rußlands“,  so  schreibt  Fürst  Hohenlohe
  in  diesem  Bericht,  „würden  wir  somit  vorwiegend
die  Geschäfte  dieser  Staaten  besorgen,  und  zwar  voraussichtlich
  mit  erheblichen  Opfern  für  uns,  denn  es  liegt
wohl  auf  der  Hand,  daß  dem  siegreichen  Japan  gegenüber
  nur  eine  bewaffnete  Intervention  oder  wenigstens
die  Entfaltung  sicher  überlegener  Machtmittel  auf  dem
Kriegsschauplatz  selbst  Aussicht  auf  Erfolg  hätte.“

Wenn  Fürst  Hohenlohe  in  diesem  Berichk  ganz  selbstverständlich
  auch  die  Frage  erwog,  wie  sich  Deukschland
zu  verhalken  habe,  falls  JMachtverschiebungen  der  europäischen
  Großmächke  in  Ostasien  einkräken,  so  war  er  dabei
  so  wenig  von  hegemonischen  Gelüsten  geleikek,  daß  er
auf  das  dringendste  davon  abriek,  das  Signal  zu  diesen
Machtverschiebungen  zu  geben.  Er  schreibt  wörklich:
„Nakurgemäß  kann  es  nicht  Sache  Deukschlands  als
der  verhältnismäßig  am  wenigsten  direkt  bekteiligken
Machs  sein,  durch  ein  Hervorkreken  mit  Ansprüchen  dieser
  Ark  gewissermaßen  das  Signal  zu  einer  ersten  Teilung
  des  chinesischen  Reiches  zu  geben.  Bielmehr  werden
  wir  damit  zu  warken  haben,  bis  ekwa  andere  Mdeächte
sich  zur  Verwirklichung  ähnlicher  Absichken  anschicken
sollten.“

Es  ist  kaum  möglich,  mit  größerer  Enkschiedenheit  jede
auch  nur  den  Anschein  hegemonischer  Bestrebungen  erweckende
  Politik  zurückzuweisen,  als  es  Fürst  Hohenlohe
in  diesem  Immediakbericht  kak.  Und  mit  den  Richklinien
des  Berichkes  erklärke  sich  mein  Vaker  in  seiner  abschließenden
  Randbemerkung  ausdrücklich  einverstanden.

Im  Widerspruch  zu  dem  durch  die  Akken  des  Auswär-152
        <pb n="163" />
        tigen  Amtes  erhärteten  Verhalten  Deutschlands,  das
ich  darzulegen  versuchte,  behauptet  nun  der  Bericht  der
Senatskommission,  daß  Deutschland  Rußland  zu  der  bekannklich
  nach  Mikkeilung  der  rigorosen  japanischen  Forderungen
  dennoch  zustande  gekommenen  Inkervenkion
angeregt  habe.  Er  stütze  sich  dabei  auf  eine  Mikkeilung
des  Herrn  v.  Mohrenheim,  des  russischen  Bokschafkers
in  Paris,  der  die  Skellung  des  Grafen  Münster  durch
niedrige  Inkrigen  zu  untergraben  versuchke.  Dieser  soll
dem  Minister  Hanokaux  am  7.  April  gesagk  haben,
Deutschland  habe  von  Rußland  verlangk,  in  das  Vorgehen
  der  drei  Meächte  (damals  noch  England,  Frankreich
  und  Rußland)  in  Ostasien  eingeweihl  zu  werden
(Tetre  initice  à  Taction  des  trois  puissances),  und  wolle
sich  an  ihm  bekeiligen.  Wenn  das  richkig  ist,  so  hak  Mohrenheim
  enkweder  gelogen  oder  er  ist  von  seiner  Regierung
umrichkig  informierk  worden.  Denn  Deutschland  hakte
am  23.  März  in  Petersburg  lediglich  mikkeilen  lassen,
daß  es  regen  Anteil  an  der  Entwicklung  in  Ostasien  nehme
und  es  billige,  daß  Fürst  Lobanow  eine  Einmischung  in
die  militärischen  Operationen  der  beiden  kriegführenden
Mächte  abgelehnt,  sich  aber  bereit  erklärt  habe,  auf  diplomatischem
  Wege  seinen  Einfluß  zugunsten  eines  raschen
Friedensschlusses  geltend  zu  machen.  Es  harke  sich  seinerseiks
  bereit  erklärk,  mik  Rußland  in  einen  Meinungs-=auskausch
  einzukreken,  weil  seine  Inkeressen  mik  denen

 

1)  A.  a.  O.  S.  351.

2)  Mohrenheim  hatte  seiner  Regierung  berichtet,  Graf  Muünster
triebe  in  Paris  eine  antirussische  Politik,  und  dieser  Bericht  wurde  dem
deutschen  Geschaäfts  träger  in  Petersburg  mitgeteilt.  Akten  Bd.  IX,
G.  406,  Nr.  2349.

153
        <pb n="164" />
        seines  östlichen  Jrachbarn  nichk  kollidierken.  1  Es  ist  ekwas
anderes,  ob  ich  verlange,  in  BNerhandlungen  eingeweihl
  zu  werden,  oder  ob  ich  mich  bereik  erkläre,
  in  einen  Meinungsaustausch  einzutreten.

Die  Anregung  zu  einer  gemeinsamen  Intervention  ist
nach  jenem  im  Okkober  1894  von  England  unkernommenen,
  aber  erfolglos  gebliebenen  Schrikt  von  Rußland
ausgegangen,  als  Japan  auf  das  Drängen  Englands
endlich  am  a.  April  1898  seine  Forderungen  bekannkgegeben
  hakle.  Diese  Forderungen,  die  Abtrekung  von  Formosa,
  der  Fischerinseln  und  der  Halbinsel  von  Liaokung
mit  Pork  Arthur,  das,  in  ein  astatisches  Gibralkar  umgewandelk,
  Nordchina  mit  Peking  in  ein  Prokekkoraksver--hältnis
  zu  Japan  zu  bringen  drohke,  erregken  deshalb
in  Berlin  große  Besorgnisse,  weil  sie  in  ihren  Folgen  den
europäischen  Frieden  gefährden  konnken.?  In  Pekersburg
  war  man  derselben  Ansicht,  und  darum  regte  Rußland
  in  Berlin,  Paris  und  London  am  8.  April  den  Gedanken
  an,  die  Anschauung  der  europäischen  Mächte  in
freundschafklicher  Form  Japan  dahin  kundzugeben,  „daß
die  Annexion  von  Pork  Arkhur  ein  dauerndes  Hindernis
für  die  Anknüpfung  guker  Beziehungen  zwischen  China
und  Japan  und  eine  beständige  Bedrohung  des  Friedens
  in  Ostasien  sei“.3

Diese  Aufforderung  erst  hat  Deukschland,  nachdem  das
Gukachtken  des  Herrn  v.  Brandtk,  des  langjährigen  deutschen
  Gesandten  in  China,  eingeholk  worden  war,“  ver- 



1)  Akten  Bd.  IX,  S.  258,  Nr.  2228.
a)  Akeen  Bd.  IX,  S.  261,  Nr.  2232/33  vom  4.  April.
3)  Akeen  Bd.  IX,  S.  265,  Nr.  2337.
4)  Akeen  Bd.  IX,  S.  265,  Nr.  2238.

154
        <pb n="165" />
        anlaßt,  sich  an  der  Intervention  zu  beteiligen,  die  Japan
  nach  dem  Abschluß  des  Friedens  von  Schimonoseki
Halt  gebot.

Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  für  diesen  Entschluß
das  Interesse  an  der  Aufrechterhaltung  des  Besitzstandes
Chinas  und  die  Besorgnisse  vor  Rückwirkungen  ostasiatischer
  Machtverschiebungen  auf  den  europäischen  Frieden
in  erster  Linie  maßgebend  gewesen  sind.  Aber  ebenfo  sicher
ist  es,  daß  man  durch  das  Zusammengehen  mit  Rußland
und  Frankreich  eine  Versöhnung  der  Gegensätze  herbeizuführen
  beabsichtigke,  die  zwischen  dem  Dreibund  und  dem
Zweibund  bestanden.  Herr  v.  Brandk  sagt  ausdrücklich
in  dem  Promemoria,  das  augenscheinlich  enkscheidenden
Einfluß  auf  diesen  folgenschweren  Enkschluß  der  denkschen
  Regierung  gehabk  hak:  „Wichliger  aber  dürfte  noch
die  politische  Seike  der  Frage  sein,  da  ein  Zusammengehen
  mit  Rußland  in  dieser  afstatischen  Angelegenheit
von  nichk  zu  unkerschätzendem  Einfluß  auf  die  Skellung
Rußlands  zu  uns  und  auch  in  Europa  sein  müßke.“  1  Aus
welchen  Gründen  sich  diese  Hoffnung  nicht  verwirklicht
hak,  habe  ich  hier  nichk  zu  unkersuchen.  Daß  aber  Deutschland
  durch  seinen  Anschluß  an  die  ankijapanische  Inkervenkion
  nichk  von  hegemonischen  Absichten  geleitek  war,
sondern  durch  sie  vielmehr  eine  Enkspannung  der
europäischen  Gegensätze  zu  bewirken  wünschte,
kann  nichk  bestrikken  werden.  Die  Wahrheik  wird,  wie
gesagk,  auf  den  Kopf  gestellt,  wenn  der  Senaksbericht
das  Gegenkeil  behaupkek.  Und  diese  Wahrheiksverdrehung
  ist  umso  unenkschuldbarer,  als  ihre  Urheber,  um

 

1)  Akten  Bd.  IX,  S.  266

135
        <pb n="166" />
        die  schwierige  Stellung  zu  erklären,  in  die  Frankreich
durch  den  Anschluß  Deutschlands  an  die  von  Rußland
angeregte  Intervention  kam,  immer  wieder  darauf  hinweisen,
  wie  peinlich  es  für  die  Republik  gewesen  sei,  Seite
an  Seite  mit  Deutschland  in  eine  diplomatische  Aktion
einzutreten.  Klingt  es  nicht  wie  ein  ungewolltes  Eingeständnis
  der  aggresswen  Tendenz,  die  für  Frankreich  der
Zweibund  hatte,  wenn  die  Verfasser  des  Berichtes  schreiben:
  „Wenn  Frankreich  an  dem  gemeinsamen  Schritt
teilnahm,  um  den  Zaren  nicht  zu  verletzen,  so  schwächte
es  sein  Bündnis  mit  Rußland  ebenso  sehr,  als  wenn  es
seine  Mitwirkung  verweigerte,  indem  es  Deutschland  als
Dritten  in  den  Bund  einführte;  es  gab  gewissermaßen
seine  Zustimmung  dazu,  die  Spitze  dieses  Bündnisses
  abzustumpfen.“1

Ich  frage:  Wer  liebk  den  Frieden  mehr,  der,  der  mit
seinem  Gegner  ohne  Bedenken  sich  zu  einer  gemeinsamen
Aktion  zur  Vermeidung  von  Machtwwerschiebungen  verbindek
  und  gleichzeitig  eine  Entspannung  der  europäischen
Gegensätze  dadurch  herbeizuführen  hoffk,  oder  der,  der
die  Aufforderung  zu  solchem  gemeinsamen  Vorgehen  mit
dem  Gegner  als  eine  Störung  seiner  Politik  bekrachket
und  sich  zu  ihm  nur  mit  größkem  Widerstreben  entschließt,
weil  er  Inkeresse  daran  hat,  die  Enkspannung  der  europäischen
  Gegensätze  zu  verhindern?

Daß  England  sich  ganz  überraschenderweise  in  letzker
St#unde,  nämlich  in  einem  am  8.  April  abgehaltenen
UMinisterrak,  Uolierke,  indem  es  behaupteke,  „daß  die
Inkeressen  Englands  in  Ostasien  durch  die  japanischen

 

1)  Beourgeois  und  Pages,  S.  252.

156
        <pb n="167" />
        Friedensbedingungen  nichk  hinreichend  verletzt  würden,
um  eine  Inkerventkion  zu  rechkfertigen“.  1  war  nichk
Deukschlands  Schuld.  Es  war  umso  überraschender,  als
England  die  Initiakive  zur  Inkervenkion  in  Ostasien  ergriffen
  halke.  Es  wäre  ebenso  wie  in  Paris  auch  in  Berlin
  lieber  gesehen  worden,  wenn  sich  England  dem  „ostasiatischen
  Dreibund“  angeschlossen  häkke.

Wie  falsch  es  aber  ist  zu  behaupten,  daß  Deutschland
auch  in  dieser  Frage  die  Führung  Europas  an  sich  gerissen
  habe,  gehk  auch  daraus  hervor,  daß  es  während
der  Verhandlungen  mikt  Japan,  die  der  Inkervention
folgken,  vollkommen  vergeblich  gegen  eine  Abschwächung
  der  Friedensbedingungen  zugunsten  Chinas
einkrak,  und  daß  es  hinkerlistig  von  der  Bekeiligung  an

1)  Akien  Bd.  IX,  S.  366,  Nr.  2339.

2)  Die  deuesche  Regierung  erak,  nachdem  Japan  am  6.  Mat  erkläre
hatte,  daß  es  auf  den  sreundschafelichen  Ract  Deutschlands,  Frankreichs
und  Rußlands  sich  eneschlossen  habe,  auf  die  dauernde  Besitznahme  der
Halbinsel  Liaoung  einschließlich  Port  Arthurs  zu  verzichken,  dafür  ein,
daß  die  von  Japan  für  die  Räumung  geforderte  Entschädigung  von
50  Millionen  Taels  nicht  herabgesetzt  werde,  und  daß  die  Räumung  erst
erfolgen  solle,  nachdem  China  diese  Entschädigung  und  die  erste  Rate  der
Kriegskosten  bezahlt  habe.  JIm  Laufe  der  Verhandlungen  kam  es  sogar
zu  einem  ernsten  Zusammenstoß  zwischen  dem  deutschen  Botschafter  in
Detersburg,  dem  Fürsten  Radolin,  und  dem  Fürsten  Lobanow,  dem  russischen
  Minister  des  Außeren.  Aber  die  deutsche  Regierung  setzte  ihre  zugunsten
  Japans  erhobenen  Forderungennicht  durch.  Akten  Bd.IX,  S.zo#
bis  Zas,  Nr.  2285—29Zo.  Dabei  ist  noch  besonders  hervorzuheben,  daß
der  Kalser  in  der  Räumungsfrage  die  Haltung  Deueschlands  geradezu
von  der  Frankreichs  obhängig  machte.  Er  kelegraphierte  dem  Reichskanzler
  am  31.  August  folgendes:  „Die  Angelegenheit  Liaocung  betreffend
  würde  meines  Erachtens  dermaßen  zu  behandeln  seln,  daß  in  Paris
unser  Geschäfesträger  zunächst  die  Ansichten  Fürst  Radolins  mitgeteile
bekommté  mit  dem  Auftrage,  absolut  sicher  und  autheneisch  festzustellen,

 

157
        <pb n="168" />
        der  Anleihe  ausgeschlossen  wurde,  die  Rußland  und  Frank.
reich  China  zur  Bestreitung  der  Kriegsentschädigung  ge—
währten.  1  Wäre  Deutschland  wirklich  die  führende  Machs
in  Europa  gewesen,  so  hätte  das  nichk  eintreken  können.
Ja,  es  wurde  ihm  in  der  Anleihefrage  nichk  einmal  die
Gleichberechkigung  zuerkannk.

Die  Deutsche  Politik  war  auch  während  der  ostasiakischen
  Krise  des  Jahres  1895  auf  die  Enkspannung  der  Gegensätze
  zwischen  den  europäischen  JMächken  und  auf  die
Erhaltung  des  Welkfriedens  gerichket.  Und  sie  hak  auch
bei  dieser  Gelegenheik  gerade  deshalb,  weil  sie  sich  zu  ausschliehlich
  und  ohne  Rücksicht  auf  die  Machwirkungen  von
ihrer  Friedensliebeleiken  ließ,  zur  Enkstehung  der  ungünstigen
  politischen  Konstellation  beigekragen,  unker  der  die  Kakastrophe
  schließlich  über  Deukschland  hereingebrochen  ist.

 

welche  Stellung  Hanokaux  endgültig  zu  den  russischen  Forderungen
nehmen  wird.  Bis  die  Antwort  aus  Daris  eintriffe,  würde  ich  vorschlagen,
  die  Angelegenheit  Rußland  gegenüber  dilakorisch  zu  behandeln.
Läße  Frankreich  seine  Bedenken  fallen,  so  gehen  auch  wir  mie  und  müssen
  versuchen,  vermictelnd  und  beruhigend  auf  Japan  zu  wirken.“  Akeen
Rd.  IX,  S.  322,  Nr.  2299.

1)  Akeen  Bd.  IX,  S.  3o05,  Nr.  2283.  Auch  dieser  Brüskierung  gegenüber
  übte  Deutschland  die  größte  Zurückhaltung.  Der  Unterstaatssekre-(är
  Freiherr  v.  Rotenhan  telegraphierte  am  6.  Juli  an  den  Fürsten  Radolin:
  „Die  letzten  hier  eingegangenen  Nachrichten  lassen  keinen  Zweifel
übrig,  daß  die  russisch-französische  Anleihe  an  China  zustande  gekommen
  ist,  und  wir  müssen  in  Zukunfe  mit  dieser  Tatsache  rechnen.  Es
erscheint  uns  nicht  erwünscht,  einer  Verstimmung  über  den  von  Nußland
  herbeigeführten  Zwischenfall  jetze  sichtbaren  Ausdruck  zu  verleihen;
wir  werden  vielmehr  gue  kun,  vorläufig  über  den  Schachzug  des  Herrn
Wiete  hinwegzusehen,  seine  Folgen  auf  das  rein  finanzielle  Gebiee  zu
verweisen  und  in  unserem  politischen  Verhalten  zu  Rußland  eine  Anderung
  nicht  eintreten  zu  lassen.“

158
        <pb n="169" />
        Fünftes  Kapitel
Weltpolitik

ie  Ansicht  ist  weit  verbreitet,  daß  Deutschland  erst

seit  dem  Eintritt  des  Fürsten  Bülow  in  die  Leitung

der  auswärtigen  Politik  begonnen  habe,  weltpolitische
Ziele  zu  verfolgen.  Fürst  Bülow  selbst  hat  in  seiner
„Deukschen  Politik“  zwar  behaupkek,  daß  sich  Deutschland
  unker  der  Führung  Kaiser  Wilhelms  II.  und  seiner
Reichskanzlerschafk  von  der  rein  europäischen  Polilik  des
ersten  Kanzlers  auf  neue  welkpolitische  Bahnen  entfernk
habe,  aber  er  hat  zugleich  bekonk,  daß  die  welkpolitischen
Aufgaben  des  zwanzigsten  Jahrhunderks  die  rechke  Forkführung
  der  konkinenkal  polikischen  Aufgaben  gewesen
seien,  die  Bismarck  erfüllk  hakte.  1  In  Wahrheit  haben  uns
-och  schon  die  ersten  kolonialen  Erwerbungen  in  Ost=  und
Südafrika  zwangsläufig  in  den  Strom  der  Weltpolitik
geführt.  Und  die  erste  große  weltpolitische  Bekätigung
war  die  von  Bismarck  einberufene  Kongokonferenz,  auf
der,  wie  ich  im  zweilen  Kapitel  dargelegk  habe,  Gegensätze
  ausgeglichen  werden  sollten,  die  durch  die  Verfolgung
  welkpolitischer  Ziele  zwischen  europäischen  Skaaken
enkstanden  waren.  Und  eine  welkpolitische  Aktion  war
auch  die  Bekeiligung  Deukschlands  an  dem  ostasiakischen
Dreibund,  von  dessen  Enkstehung  ich  im  vorigen  Kapitel
gesprochen  habe.
Kann  man  es,  wie  die  Herren  Bourgeois  und  Pages
und  mik  ihnen  viele  andere  es  kun,  dem  Fürsten  Bismarck
  und  seinen  Nachfolgern,  kann  man  es  Kaiser  Wil- 



1)  Gürst  Bölow,  Oeuesche  Dolicik,  S.  13.

159
        <pb n="170" />
        helm  II.  zum  Vorwurf  machen,  daß  Deutschland  unter
ihrer  Führung  diese  welkpolitischen  Bahnen  bekreken
hak?  Diese  Frage  wäre  selbst  dann  nichk  zu  bejahen,
wenn  die  Leiker  der  dentschen  Politik.  Deukschlands  Einfluß
  nur  deshalb  über  den  europäischen  Konkinenk  hinaus
  ausgedehnt  hätken,  um  ihr  Land  zu  größerem  Reichkum
  und  zu  stärkerer  Machk  emporzuführen.  Denn  zu
allen  Zeiken  und  in  allen  Ländern  sind  die  Skaaksmänner
  und  Herrscher  am  meisten  verehrk  und  am  höchsten
gepriesen  worden,  die  den  Reichkum  und  die  JMachk  ihrer
Völker  zu  größerer  Höhe  entwickelk  und  am  festesten  begründek
  haben.  Nicht  einmal  das  durch  den  Welkkrieg
ausgelöste  Anschwellen  der  pazifistischen  Strömungen  hat
daran  ekwas  geänderk.  Die  Befestigung  und  die  Ausdehnung
  des  Welkeinflusses  ihrer  Länder  ist  auch  heute
noch  eingestandenermaßen  der  wichkigste  Gegenstand  des
Nachdenkens  der  Skaaksmänner  aller  Großmächke.  Ja
die  Zahl  der  Länder,  deren  Leiker  solche  Gedanken  zur
Richtschnur  ihrer  Polikik  machen,  ist  durch  die  Staaksschöpfungen
  des  Jahres  1919  noch  um  einige  vermehrk
worden.  Jahrhunderkelang  haben  alle  die  Großmächtke,
die  sich  zu  unserer  Vernichkung  verbunden  haben,  es  als
ihre  wichkigste  Aufgabe  bekrachkek,  ihren  Reichkum  und
ihre  Machtstellung  zu  erhöhen,  so  daß  ihre  Geschichke  geradezu
  die  Geschichke  des  Skrebens  nach  diesen  Zielen  ist.
Keine  einzige  von  ihnen  hätte  deshalb  selbst  dann  das
Rechk,  gegen  Deukschland  den  Vorwuf  zu  erheben,  daß
es  Welkpolitik  gekrieben  habe,  um  seinen  Reichkum  und
seine  Macht  zu  vergrößern,  wenn  das  Skreben  nach  diesen
  Zielen  der  einzige  und  ausschließliche  Beweggrund
seiner  Welkpolikik  gewesen  wäre.

160

—
        <pb n="171" />
        So  selbstverständlich  das  ist,  es  muß  ausgesprochen
werden,  denn  die  Anklagen,  die  zur  Begründung  der
deutschen  Schuld  im  Sinne  des  Friedens  von  Versailles
gegen  Deutschland  erhoben  werden,  setzen  tatsächlich  voraus,
  daß  man  den  Deutschen  allein  unter  allen  Völkern
der  Erde  dieses  selbstverständliche  Recht  nicht  zugestehen
wollte.  Weil  Deutschland  als  letzter  unter  den  Staaten
Europas  in  die  Reihe  der  Großmächte  eingetreten  ist,
verweigerte  man  ihm  die  Gleichberechkigung.  Der  „Emporkömmling“
  sollte  Verzicht  leisten.  Alle  anderen  Staaken
  sind  frei  von  hegemonischen  Gelüsten,  wenn  sie  auch,
wie  England,  ihre  Herrschaft  über  ein  Fünfkel  der  Erde
ausdehnen  und,  wie  Frankreich,  in  allen  Konkinenken
Einfluß  zu  gewinnen  versuchen,  Deutschland  aber  wird
nachträglich  schuldig  gesprochen,  weil  es  nur  einen  ganz
bescheidenen  Ankeil  an  überseeischen  Besitzungen  und  wirkschaftlichem
  Einfluß  in  außereuropäischen  Ländern  zu  gewinnen
  versucht  hat.

Die  Ungerechtigkeit  dieses  Vorwurfs  steigk  aber  deshalb
  zum  Gipfel,  weil  die  Weltpolikik  der  Ankläger
Deutschlands  ihren  Beweggrund  ganz  allein  in  der  Eroberungssuchk
  hakte,  Deurschlands  Welkpolitik  aber,
wegen  der  Zunahme  seiner  Bevölkerung,  eine  Lebensnotkwendigkeik
  war,  und  weil  alle  anderen  Kolonialmächke
  ihren  überseeischen  Besitz  durch  langwierige  und
blulige  Kriege  erworben  haben,  Deutschland  allein  aber
ausschließlich  durch  friedliche  Mittel.

Das  verhälknismäßig  dünn  bevölkerke,  ja  seit  vielen
Jahrzehnken  an  einem  Rückgang  seiner  Geburkenziffern
leidende  Frankreich  schuf  sich  zum  Teil  mitl  rücksichkslosen
Gewalktmikteln  einen  riesigen  überseeischen  Besitz,  ohne

Kronprinz  Wilhelm,  Ich  süche  d.  W.  11
101
        <pb n="172" />
        eines  solchen  zur  Ernährung  seiner  Bevölkerung  unbe—
dingt  zu  bedürfen.  Das  große  russische  Reich  besaß  so  unerschöpf
  liche  Bodenschätze,  daß  es,  ohne  sich  auszudehnen,
eine  doppelte  Bevölkerung  hätte  ernähren  können,  und
es  strebte  doch  danach,  seinen  ostasiatischen  Besitz  bis  zu
den  Küsten  des  Stillen  Ozeans  auszudehnen  und  das
alte  Byzanz  zu  erobern,  von  dem  Napoleon  behauptet
hat,  daß  mit  seinem  Besitz  die  Herrschaft  der  Welt  verbunden
  wäre.  Auch  die  britischen  Inseln  waren,  bevor
  ihre  Landwirkschaft  durch  den  Freihandel  vernichkek
wurde,  reich  genug  an  Bodenerzeugnissen,  um  die  auf
ihnen  wohnende  Bevölkerung  zu  ernähren,  und  wenn
auch  nach  der  Zerstörung  des  englischen  Ackerbaues  die
Erschließung  außerbrikischer  Lebensmikkelquellen  erforderlich
  wurde,  so  läßt  sich  doch  die  gewalksame  Vernichkung
  aller  anderen  Seemächke,  durch  die  England  die
Herrschaft  über  die  Meere  errang,  und  die  Ausdehnung
seines  Besitzes  auf  den  fünfken  Teil  unseres  Planeken
nichk  aus  Lebensnokwendigkeiken  erklären,  sondern  nur
aus  Herrschaftsgelüsten  und  Eroberungswillen.
Deutschland  aber,  dessen  Bevölkerungszunahme  nach
der  Reichsgründung  so  groß  wurde,  daß  es  sich  eine  Industrie
  schaffen  mußte,  um  Waren  ausführen  zu  können,
wenn  es  keine  Menschen  ausführen  wollte,  und  das,  um
die  notwendigen  Lebensmittel  bezahlen  zu  können,  für  seine
Waren  auch  Absatzmärkte  suchen  mußte,  ist  also  nach
langem  Zögern  durch  Lebensnotwendigkeiten  auf
die  Bahnen  der  Weltpolitik  gedrängk  worden.  Hegemonische
  Gelüste  und  Eroberungssucht  haben  dabei  keine
Rolle  gespielt.  Und  es  hak  im  Unkerschied  von  den  Staaten
  seiner  Ankläger  mit  der  größken  Vorsicht  vermieden,

162
        <pb n="173" />
        irgendein  Lebensinkeresse  der  Bölker  zu  verletzen,  die  die
Erde  schon  fast  ganz  unker  sich  verkeilt  hakken,  als  es  von
der  Kontinenkalpolitik  zur  Welkpolitik  überging.  Richt
Eroberungesuchk,  nichk  Welkherrschaftsgelüste,  sondern
die  von  der  Nakur  dem  deutschen  Volke  gegebenen
Lebensbedingungen  haben  seine  Führer  gezwungen,  ihren
Blick  über  die  Grenzen  Europas  hinauszurichken.  Fürst
Bülow  hat  vollkommen  rechk,  wenn  er  diesen  Gedanken
mit  folgenden  Worken  zum  Ausdruck  bringk:  „Die  Enkwicklung
  der  Dinge  hat  die  deufsche  Politik  längst
hinausgekrieben  aus  der  Enge  des  alten  Curopas  in  die
weikere  Welk.  Es  war  nichk  ehrgeizige  Unruhe,  die  uns
drängke,  es  den  Großmächten  gleichzukun,  die  seit  langem
die  Wege  der  Welkpolikik  gingen.  Die  durch  die  staarliche
  Wiedergeburk  verjüngken  Kräfte  der  Naktion  haben
in  ihrem  Wachskum  die  Grenzen  der  alten  Heimak  gesprengk,
  und  die  Politik  solgte  den  neuen  nationalen
Inkeressen  und  Bedürfnissen.  In  dem  Maße,  in  dem
unser  nakionales  Leben  ein  Weltleben  geworden  ist,  wurde
die  Politik  des  Deutschen  Reiches  zur  Welkpolikik.“  1
Den  Anklägern  Deutschlands  aber  möchtke  ich  in  diesem
  Zusammenhang  eine  Talsache  enkgegenstellen,  die
sie  bei  der  Nachforschung  nach  den  Beweggründen  der
in  Bismarcks  Zeitk  begonnenen  und  unker  Kaiser  Wilhelm
  II.  weikerenkwickellen  Welkpolitik  Deukschlands
übersehen.  Gerade  die  Kreise  des  deulschen  Volkes,  die
von  ihnen  immer  für  die  Träger  milikaristischer  Gedanken
  und  hegemonischer  Gelüste  gehalken  werden,  die
Kreise  der  preußischen  Konservativen,  haben  den  Ein- 



1)  A.  a.  O.  S.  64.

163
        <pb n="174" />
        tritt  Deutschlands  in  die  Reihe  der  weltpolitisch  handelnden
  Mächte  eher  bekämpft.  Und  es  ist  vielmehr  der
deutsche  Liberalismus  gewesen,  aus  dem  die  Bewegung
  ihre  stärksten  Kräfte  zog.  Ja  bis  in  die  Reihen  der
Sozialdemokratie  hinein  hak  der  Gedanke  der  Kolonial—-—
politik,  der  ja  der  Ausgangsgedanke  der  Weltpolitik
gewesen  ist  und  sein  mußke,  warme  Befürworker  gefunden.:
  Und  die  deutsche  Flotte,  die  in  der  Überzeugung
geschaffen  wurde,  daß  sie  das  unenkbehrliche  Instrument
  der  Welkpolitik  sei,  verdankt  ihre  Schöpfung  und
Ausgestalkung  in  viel  höherem  Grade  dem  deutschen  Liberalismus
  als  dem  preußischen  „Junkerkum“,  das  dem
Großadmiral  Tirpitz  nur  widerstrebend  auf  seinen  Wegen
folgke.  Die  erste  unker  dem  Hammer  verendete  deutsche
Flotte  war  geradezu  eine  Schöpfung  des  deutschen  Liberalismus
  und  wurde  ihm  zum  Symbol.  Schon  aus  dieler
  Uberlegung  heraus  müßken  die  Ankläger  Deutsch-1)

  Es  sind  hauptsächlich  die  „Sozialistischen  Monatshefee“  gewesen,
die  sich  für  eine  kraftvolle  sozialpolicische  Betäk#igung  einsetzten.  In  dieser
  sozialistischen  Zeieschrife  schrieben  die  Genossen  Maurenbrecher,
Quessel,  Schippel  und  Gerhard  Hildebrand  in  diesem  Sinne.  Der  letztere
  ist  auch  in  seinem  Buch:  „Die  Erschüceerung  der  Industrieherrschaft
  und  der  Industriesozialismus“,  für  die  Erwerbung  von  Kolonien
eingetreten.  Aber  nicht  nur  Theoretiker  des  Sozialismus,  sondern  auch
führende  sozialdemokratische  Parlamentarier  haben  es  für  nokwendig
erklärt,  daß  Deutschland  Kolonien  besitze.  Sie  konnsen  sich  dabei  sogar
auf  Bebel  berufen,  der  nach  dem  „Vorwärks“  vom  28.  August  1907  im
Reichskag  sagte:  „Daß  Kolonialpolicik  getrieben  wird,  ist  an  und  für
sich  kein  Verbrechen.  Es  kommt  nur  darauf  an,  wie  sie  getrieben  wird.
Richtig  berrieben  kann  sie  zu  einer  Kulturmission  werden.“  Und  der  Abgeordnete
  Hus,  der  sozialistische  Verereker  der  deutschen  Bergarbeiker  im
Reichskag  und  im  preußischen  Landetag,  sagte  im  November  1911  auf
dem  westfälischen  Parteikag  der  deutschen  Sozialdemokratie  wörtlich:

 

164
        <pb n="175" />
        lands,  die  ja  immer  sagen,  daß  die  Berantwortung  für
den  Krieg  in  erster  Linie  den  preußischen  Milikarismus
kreffe,  zu  der  Uberzeugung  kommen,  daß  die  Weltpolitik
Deutschlands  ihren  Grund  nichk  in  hegemonischen  Gelüsten
  gehabt  haben  kann,  sondern  eine  Nokwendigkeit
seiner  staatlichen  Enkwicklung  war.

Wenn  unnauch  der  Ubergang  Deutschlands  zur  Welkpolitik
  ganz  andere  Beweggründe  hakke  als  die,  die  ihm
die  Skaaksamwällke  der  Enkenke  im  Prozeß  um  die  Schuldlüge
  andichken,  so  wäre  es  doch  immerhin  möglich,  daß
die  IKekhoden,  die  bei  der  Durchführung  dieser  Politik
angewendek  wurden,  keine  Rücksicht  darauf  nahmen,  daß
ein  Welkbrand  durch  sie  entzündek  werden  konnke.  Und
in  der  Tak  läufk  die  Anklageschrift,  die  am  eingehendsten
den  Ursachen  des  Krieges  nachforschk,  eben  der  so  oft
zikierke  Senaksberichk,  daranf  hinaus,  den  Methoden  der
deutschen  Weltpolitik  diesen  Makel  anzuheften.

Talsache  aber  ist,  daß  die  Methoden,  die  die  kaiserliche

„Unter  Berufung  nicht  auf  Maurenbrecher  und  Hildebrand,  sondern
auf  Bebel  kann  ich  sagen,  daß  wir  Sozialdemokraten  keine  grundsätzlichen
  Gegner  der  Kolonialpolitik  sind.  Wir  halten  es  durchaus  für
notwendig,  daß  für  die  Industrie  neue  Absatzquellen  und  neue  Rohstoffauellengebiete
  erschlossen  und  die  zurückgebliebenen  Gebiete  an  die
allgemeine  Kultur  angeschlossen  werden“  („Vossische  Zeitung“  vom
10.  November  1911).  Der  Genosse  Quessel  sagte  am  20.  September
1913  auf  dem  Chemnitzer  Parteitag  der  Sozialdemokratie:  „Ich  stehe
auf  dem  Stcandpunkté,  daß  wir  eine  zivilisatorische  Kolonialpolicik  brauchen,
  wie  sie  der  Genosse  Bebel  seinerzeie  um  Relchstag  unter  dem  Jubel
  der  Eraktion  sormuliert  hat.“  Selbst  Noske  ist  noch  im  März  1918
dafür  eingekreten,  daß  kein  Frieden  uns  unseren  Kolonialbesitz  rauben
dürfe,  wie  er  auch  schon  im  Mai  1914  im  Reichstag  erklärt  hat,  daß
der  Vorschlag,  die  Kolonien  wegzugeben  oder  sich  selbst  zu  überlassen,
von  der  Sozlaldemokratie  niemals  gemache  worden  dst.

 

105
        <pb n="176" />
        Politik  unter  der  Reichskanzlerschaft  Hohenlohes  und
Bülows  verfolgke  und  die  die  Ankläger  Deutschlands
als  „hinterlistig  und  verlogen“,  als  „wetterwendisch  und
Zwietracht  säend“  und  als  „Betätigung  von  Weltherrschaftsgelüsten“
  verurteilen,  grundsätzlich  von  dem  Bestreben
  geleikek  war,  die  durch  unsere  Bevölkerungszunahme
  als  primäre  und  die  forkschreikende  Industrialisierung
  als  sekundäre  Ursache  erzwungene  Wellkpolitik
nicht  zum  Anlaß  von  europäischen  Konflikten  werden  zu
lassen.  Wenn  diese  Merhoden  schließlich  zur  Isolierung
der  Mikkelmächte  führken  und  wenn  im  Jahre  1914  eine
Weltlage  enkstand,  die  ungeheure  Kriegsgefahren  in  sich
barg,  so  können  wir  Deutsche  vielleicht  unseren  Regierungen
  daraus  einen  Vorwurf  machen,  nie  und  nimmer
aber  steht  dies  unseren  Feinden  zu,  die  in  vollkommener
Verkennung  unserer  friedlichen  Absichken  und  mir  kluger
und  bewußker  Ausnutzung  unserer  aus  dem  „Alpdruck  der
Bündnisse“  geborenen  Politik  auf  die  Bildung  einer  ihren
Zielen  günstigen,  aber  kriegsschwangeren  europäischen
Akmosphäre  hingearbeikek  haben.

Niemand  kann  übrigens  sagen  —  das  möchte  ich  beiläufig
  den  zahlreichen  Kritikern  der  Politik  des  wilhelminischen
  Zeikalters  zurufen  —,  ob  nicht  gleiche  Kriegsgefahren
  enkstanden  wären,  auch  wenn  wir  andere  Mekthoden
  angewendek  hätken.  Standen  uns  doch  zwei  Meächte
gegenüber,  die  mit  dem  status  quo  in  Europa  nichk  zufrieden
  waren  und  die  das  größte  Inkeresse  daran  hakten,
ihn  zu  ändern.  Wenn  der  Hilloriker  zum  rückschauenden
Propheken  wird,  vergißk  er  nur  zu  leichk,  daß  das  Geflecht
von  Ursachen  und  Wirkungen  ungeheuner  verwickelk  ist,
und  daß  es  deshalb  fast  niemals  möglich  ist,  zu  sagen,

166
        <pb n="177" />
        was  eingetreten  wäre,  wenn  in  einer  gegebenen  politischen
Lage  statt  der  wirklich  ergriffenen  eine  andere  Maß—
regel  ergriffen  worden  wäre.

Die  Frage  aber  —  ich  kann  es  nicht  oft  genug  wiederholen
  —,  ob  unsere  Politik  sehlerhaft  war  oder  nichk,
stehr  hier  nicht  zur  Erörkerung.  Denn  wir  sind  von  unseren
Feinden  nichk  wegen  unserer  Fehler,  am  allerwenigsten
wegen  der  Fehler,  die  ihnen  zugute  kamen,  vor  das
Weltgericht  gestellt  worden,  sondern  wegen  der  „schrankenlosen
  Herrschaftsgelüste",  von  denen  „ohne  Rücksicht
auf  den  Frieden  der  Welt“  unsere  Politik  ausschließlich
geleikek  gewesen  sein  soll.  Diese  bewußt  unwahre  Behaupkung
  will  ich  widerlegen,  und  darum  habe  ich  nur
nachzuweisen,  daß  die  Methoden,  mit  denen  wir  Welkpolitik
  trieben,  von  solchen  Absichten  nicht  geleitet  waren,
sondern  von  den  gerade  entgegengesetzten.

Gelingt  mir  das,  so  ist  die  Behauptung  von  unserer
Kriegsschuld  als  Lüge  erwiesen.

Der  leikende  Gedanke,  der  die  deutsche  Politik  beherrschte,
  nachdem  sie  sich,  der  Rok  gehorchend,  nicht  dem
eigenen  Triebe,  außereuropäischen  Zielen  zugewandkhakke,
kommt  am  klarsten  in  einer  Aufzeichnung  zum  Auedruck,
die  Herr  v.  Holstein,  der  geheimnisvolle  Rakgeber  aller
Reichskanzler,  die  seik  Bismarcks  Sturz  bis  zu  Holsteins
  Ausscheiden  aus  dem  auswärkigen  Dienst  einander
  gefolgk  sind,  am  zo.  Dezember  1898,  vier  Tage  vor
der  Absendung  der  Krügerdepesche,  niedergeschrieben
hak.  Die  in  dieser  Aufzeichnung  niedergelegken  Richklinien
  verdanken  zwar  ihre  Enkstehung  der  durch  die
Spannung  zwischen  Deutschland  und  England  zur  Zeikt
ihrer  Abfassung  enkstandenen  Welklage.  Aber  sie  solltken

167
        <pb n="178" />
        doch  für  die  zukünftige  Politik  Deutschlands  maßgebend
lein,  solange  nicht  Ereignisse  einkraken,  die  ihre  Vorausletzungen
  zerstörken.  Denn  der  Einkrikt  Deutschlands  in
die  Weltpolikik  mußke  ja  dauernd  mit  ähnlichen  englisch-deulschen
  Spannungen  rechnen,  wie  die,  die  damals
durch  den  Jamesonschen  Einfall  in  Transvaal  heraufbeschworen
  worden  waren.

Ich  will  dieses  wichtige  Schrifkstück,  durch  das  mancher
  schwer  verständliche  Schrick  der  deutschen  Diplomakie
  erklärk  wird,  auch  deshalb  in  seinem  Wortlank
hierhersetzen,  weil  es  auch  durch  seinen  Stil  für  diesen
Mann,  der  länger  als  zwei  Jahrzehnte  eine  so  ausschlaggebende
  Rolle  in  der  auswärkigen  Polikik  Deutschlands
  gespielk  hak,  ohne  an  einer  enkscheidenden  Stelle
zu  stehen,  sehr  bezeichnend  ist.

Der  Leser  muß  sich  dabei  immer  vergegenwärkigen,  daß
auch  dieses  Schrifkstück  auf  eine  gegebene  Situakion  berechnek
  war.1

„Jlalien“,  so  schreibt  Herr  v.  Holstein,  „wird  auch  von
England  verhöhnk,  weil  letzkeres  überzeugk  ist,  daß  Ikalien
  doch  Heeresfolge  leisten  muß,  sobald  England  es
brauchk.  Wenn  Ikalien,  wie  Blanc  drohte,  allein  zu

 

1)  Akten  Bd.  XI,.  S.  67,  Nr.  3640.

2)  Am  ag.  Oktober  1895  hatte  Herr  v.  Bülow  aus  Rom  über  eine
Uncerredung  mie  Baron  Blanc,  dem  italienischen  Minister  des  Außeren,
berichtet,  in  der  dieser  erklärte,  daß  ein  freundliches  Nebeneinanderleben
zwischen  Jkallen  und  Frankreich  unmöglich  sel,  solange  Italien  zum
Dreibund  gehöre.  Frankreichs  Dolitik  gegenüber  Icalien  verfolge  nur
das  Ziel,  die  Halbinsel  zum  Austritt  aus  dem  Dreibund  zu  zwingen.  Die
französische  Gegnerschaft  sei  zu  stark,  als  daß  Iralien  ihr  auf  die  Dauer
gewachsen  wäre,  wenn  Deutschland  und  England  ihm  niche  vereint  den
Räcken  stärkten.  Akeen  Bd.  XI,  S.  287.

168
        <pb n="179" />
        den  Franko--Russen  übergeht,  hängt  es  von  deren  Gnade
ab,  weil  es  einsam  und  schwach  ist.  Wie  aber,  wenn
Deutschland  nach  den  Erfahrungen  wegen  Transvaal,
Voltagrenze  pp.  mit  Italien  auf  die  franko-russische
Seite  tritt?

„Zunächst  muß  dann  Osterreich  auch  mit,  denn  allein
kann  es  nicht  bleiben,  und  ein  Separatabkommen  mit
den  Franko-Russen  ist  gerade  in  dem  Augenblick  undenkbar.
  Was  könnken  jene  dafür  an  Osterreich  versprechen?
Ekwa  Teile  von  Deutschland,  beziehungsweise  Ikalien?
Die  Franko-Russen  werden  an  diese  Teile  nichk  denken
in  dem  Augenblick,  wo  Jtalien  und  Deurschland  sich  bereikerklären,
  für  bestimmk  definierke  franko-russische  Zwecke
zu  wirken.  Also  Osterreich  bleibt  einfach  im  Dreibund,
auch  wenn  Deukschland  und  Jkalien  sich  temporairement
mit  den  Franko-Russen  vereinigen  zur  Erreichung  konkreter
  Ziele.

„Wäre  Frankreich  vielleicht  durch  den  Kongostaat  zu
gewinnen?  Kompensationen  des  Kongostaakes  gegen  die
Anerkennung  des  Verkrages  von  Ucciallil  und  einige
afrikanische  Konzessionen  an  Deutschland.  Die  Ark,  wie
Cromer  zu  Hepyking  von  der  überflüssigen  Existenz  des
Kongostaakes  sprach,#  läßk  vermuten,  daß  er  denselben

 

1)  Durch  den  Vertrag  von  Uccialli  vom  2.  Mai  1889  war  Italien
vom  Negus  Menelik  von  Abessinien  der  Besitz  von  Massaua  bestaͤtigt
und  die  Vertretung  Abessiniens  in  allen  auswärtigen  Angelegenheiten
übertragen  worden.  Weder  Rußland  noch  Frankreich  hatten  den  Verctrag
  anerkannk.  Akten  Bd.  VIII,  S.  343  Anm.

)  Der  Bericht  Heykings  über  diese  Außerungen  Lord  Cromers  ist
in  den  Akten  nicht  abgedruckt,  sondern  nur  in  einer  Note  Marschalls  an
Bölow  vom  28.Dezember  1895  erwähnt.  Akten  Bd.  XlI,  S.  233,  Nr.  2759.
In  einer  Anmerkung  zu  dieser  Note  sagen  die  Herausgeber:  „Die

169
        <pb n="180" />
        im  geeigneken  J—omenk  peisen  oder  keilen  möchte.  Rußland
  —  Korea.  Japan  würde  dann,  falls  es  für  Korea
lechten  will,  schwerlich  auf  englische  Unkerstützung  rechnen
können,  weil  England  sich  isolierk  siehk.  Osterreich,  welches
  nach  Goluchowskys  Versicherung  nichks  will  als  den
balkanischen  status  quo,  könnte  in  der  Hinsicht  Zusicherungen
  von  Rußland  erhalken,  vielleichk  auch  darüber
hinaus  ekwas  Zukünfliges,  falls  sein  Sinn  danach  stehr.
Deutschland  nimmk  Tschusan,  sagk  aber  während  der
vorbereikenden  Pourparlers  garnichks,  sondern  wartek,
bis  die  Sache  möglichst  weit  vorgeschrikken  ist.  (Der  ganz
genaue  Moment  läßt  sich  schwerlich  vorausbezeichnen.)

„Der  Dreibund  würde,  wenn  er  sich  mit  den  Franko-Russen
  verbündet,  nur  über  ganz  beslimmte  Objekte  sich
verständigen:  Kongo  (mit  Nebenfragen),  Vertrag  von
Uccialli,  Korea,  österreichische  Wünsche,  für  Deutschland
eine  chinesische  Kohlenstation  mit  Handelsvorteilen,  außerhalb
  der  Zone  des  Gelben  Meeres,  zunächst  noch  nicht  zu
bezeichnen,  weil  man  noch  sucht  und  prüft;  vielleicht  auch
eine  Bestimmung  wegen  Transvaal.  Die  Erhaltung  des
dortigen  status  quo  wũrde  auch  im  Interesse  Frankreichs
liegen.

„Jedenfalls  bleibt  Indien  mit  seinen  Zugängen  (Ägyp- 



Außerungen  Lord  Cromers  zu  dem  deutschen  Generalkonsul  Freiherrn
v.  Heyking  stellen  sich  nach  dessen  Bericht  als  eine,  wahre  Strafpredigt
gegen  die  Jkaliener"  heraus.“

1)  Tschusan  ist  eine  schon  während  deschinesisch-jopanischen  Krieges
auf  Grund  von  Denkschriseen  des  Chinaforschers  Professors  v.  Richehofen
  aus  den  Jahren  1869  und  1870  als  deuesche  Erwerbung  ins  Auge
gefaßte  chinesische  Insel,  die  am  Ausgang  der  Hong'schou-Buche  südlich
  von  Wufung  liegt.  Siehe  Marschalls  Instrukc#on  für  den  Grafen
Hagzfeld  Akeen  Bd.  IX,  S.  249,  Nr.  2222.

170
        <pb n="181" />
        ten,  Persien)  von  der  Vereinbarung  unberührt.  Denn
solange  England  diese  behält,  ist  es  schließlich  doch  genötigt,
  sich,  falls  es  nicht  ohne  Schwertstreich  zurückweichen
  will,  dem  Dreibund  wieder  zu  nähern.  Es  wird  diese
Notwendigkeit  dann  erst  recht  einsehen,  wenn  es  —  wie
der  gegenwärtige  Vorschlag  ihm  darzutun  bezweckt  —
die  Erfahrung  gemacht  haben  wird,  daß  der  Drei—
bund  nicht  unter  allen  Umständen  Heeresfolge
  leistet.“

Man  kann  dieses  Schriftstück  nicht  besser  erläutern,
als  es  die  Herausgeber  der  Akten  in  ihrer  Fußnote  tun,
die  deshalb  ebenfalls  im  Wortlaut  hierhergesetzt  werden
soll:  „In  der  obigen  Aufzeichnung  Holsteins  kommt  zum
erstenmal  der  Gedanke  einer  Konkinenkalligagegen
England  auf  amtklicher  Seite  zum  Vorschein.  Er  war
Deutschland  nichk  allein  durch  die  deutsch-englische  Spannung
  in  der  Transvaalfrage  nahegelegk,  sondern  auch
durch  die  tiefe  Mißstimmung  der  italienischen  Skaaks-=männer
  gegen  England  wegen  dessen  Haltung  in  der
abessinischen  Frage,  aus  der  heraus  jene  schon  seit  der
ersten  Hälfte  November  mit  einer  Annäherung  an  die
franko-russische  Gruppe  drohten.  Indem  Holstein  nun
den  Gedanken  aufnahm,  ob  Deutschland  gemeinschaftlich
mit  Italien  Anschluß  an  die  franko-russische  Gruppe
suchen  sollke,  hoffle  er  einerseiks  Italien  von  einem  vorzeikigen
  Abspringen  vom  Dreibund  zurückzuhallen,  andererseiks
  aber  auch  England  den  Werk  näherer  Beziehungen
  zu  den  Dreibundmächten  rechk  drastisch  vor  Augen
zu  führen.  Daß  es  keineswegs  Holsteins  Absicht  war,

1)  Siehe  Akten  Bd.  VIII,  Kap.  z4,  S.  343  ff.  und  Bd.  Xl,  Kap.  68,
G.  a13  u.  ff.

 

171
        <pb n="182" />
        den  Gedanken  der  Kontinentalliga  mit  aller  Kraft  zu
verfolgen  und  durchzuführen,  ergibt  sich  schon  daraus,
daß  er  von  der  Verständigung  mit  Frankreich  und  Rußland
  von  vornherein  diejenige  Frage  ausschloß,  auf  die  es
Frankreich  in  erster  Linie  ankommen  mußke:die  ägypkische.

„Holsteins  politisches  Sostem  lief  also  unker  dem  Druck
der  Transvaalkrise  darauf  hinaus,  den  Dreibund  geschlossen
  ohne  Seikensprünge  Jkaliens  beisammenzuhalken,
  mik  ihm  unker  Deutlschlands  Führung  eine  Politik
der  freien  Hand  zu  kreiben,  durch  eine  solche  Polikik
womöglich  England  zu  dreibund=  und  deutschfreundlicher
  Polikik  zurückzuführen,  mit  der
franko-russischen  Gruppe  sich  aber  ernsklich
und  auf  der  ganzen  Linie  nur  einzulassen,  wenn
England  kein  Einsehen  zeigen  sollte.“"  —  —
Abgesehen  von  den  Einzelheiten  dieses  weikangelegken
Planes,  dessen  Verwirklichung  wie  die  Durchführung
jeder  diplomakischen  Aktion  von  unvorhersehbaren  Ereignissen
  abhing,  war  das  Ziel  der  hier  vorgezeichneken
Politik  die  Enkspannung  der  europäischen  Gegensätze
  durch  die  Verbindung  der  beiden  Jl#ächkegruppen,
die  sich  seindlich  in  Europa  gegenüberstanden,  also  doch
gewiß  ein  im  höchsten  Grade  friedliches  Ziel.  Der
Widerstand,  den  Deutschland  von  seiken  Englands  fast
überall  dork  fand,  wo  es  außerhalb  Europas  wirtschafklich
  oder  kerrikorjal  Fuß  fassen  wollke,  nöfigke  —  so  dachke
Holstein  —  der  nach  der  Enkspannung  zwischen  Dreibund
  und  Zweibund  zu  schaffenden  Konkinenkalliga  eine
gegen  England  gerichkeke  Tendenz  auf.  Diese  Tendenz
aber  gefährdeke  in  keiner  Weise  die  Lebensinkeressen
Englands  —  denn  Indien,  Persien  und  Agypken  sollken

172
        <pb n="183" />
        ja  der  unbeschränkten  Ausbeutung  Großbritanniens  überlassen
  bleiben  —,  sondern  sie  wandte  sich  nur  gegen  die
Alleinherrschaft  Englands  auf  dem  ganzen  Erdball,
also  gegen  solche  Herrschafksgelüste,  wie  sie  unsere  Ankläger
  uns  andichten  wollen,  und  wie  sie  gerade  zur  Zeit
der  Abfassung  dieses  Holsteinschen  Memorandums  in
dem  folgenschweren  Vorspiel  zum  Burenkriege  in  die  Erscheinung
  getreten  waren.

Die  Ausführung  dieses  Planes  hakke  gerade  deshalb,
weil  er  den  Bruch  der  zu  bildenden  Kontinenkalliga  mit
England  wenn  irgend  möglich  verhindern  und  die  Annäherung
  Englands  an  das  européische  Festland  erwirken,
  also  durch  realpolikische  mit  gegebenen  Machkverhältnissen
  rechnende  Mitkel  den  Welkfrieden  sichern
wollte,  nakurnokwendig  ein  Lavieren  zwischen  dem
franko-russischen  Bündnis  und  England  zur  Folge.  Diesses
  Lavieren  ist  es,  das  in  der  Anklageschrifk  unserer
Feinde  als  Beweis  von  Hinkerlist  und  Unredlichkeit  und
als  ein  Ausfluß  von  Welkherrschaftsgelüsten  bezeichnet
wird;  in  Wirklichkeik  wurzelk  es  in  der  Absicht,  die  Spannung
  zwischen  den  Festlandsmächten  und  England  nie
so  groß  werden  zu  lassen,  daß  ein  Konflikt  aus
ihr  enkstehen  konnte.

Dieser  Absichk  entsprang  der  Gedanke,  der  den  Kaiser
veranlaßte,  zwei  Jllonake  nach  der  Absendung  der  Krugerdepesche,
  durch  die  ja  schon  so  ekwas  wie  eine  Kontinenkalliga
  zustande  gebracht  wurde,  am  Tage,  an  dem
die  Nachricht  von  Ikaliens  Riederlage  bei  Adna  in  Berlin
  eingekroffen  war,  in  einem  Gespräch  mit  dem  englischen
  Bokschafker  in  Berlin,  Herrn  Frank  Lascelles,  jene
Expedition  nach  Dongola  anzuregen,  die  gleichzeitig  die

173
        <pb n="184" />
        durch  den  verlorenen  abessinischen  Feldzug  so  schwer  bedrohte
  Stellung  Italiens  in  Afrika  stärken  und  Englands
  Vorherrschaft  in  Agoypten  sichern  sollte.:  Aus  derselben
  Absicht  heraus  versicherke  der  Kaiser  in  dem  Brief,
den  er  am  8.  Jannar  1896,  also  fünf  Tage  nach  dem
Krügerkelegramm,  an  die  Kaiserin  Biktoria,  seine  Großmukter,
  schrieb,  daß  er  mit  der  Depesche  an  den  Präsidenken
  von  Transvaal  keine  Drohung  gegen  England  habe
aussprechen  wollen,  sondern  nur  seiner  Entrüstung  über
die  Freibenker,  die  Transvaal  mikken  im  Frieden  überfallen
  hakten,  und  die  ja  von  der  englischen  Regierung
selbst  preisgegeben  worden  seien,  Ausdruck  zu  geben  beabsichtigke."


1)  Der  Kaiser  war  am  Abend  des  3.  März,  nachdem  er  dem  ttallenischen
  Botschafter  Graf  Lanza  sein  Beileid  ausgesprochen  hatte,  zur
englischen  Botschafe  gefahren  und  hatte  mit  Frank  Lascelles  ein  Gespräch
  gehabe,  das  sich  bis  Mit#ernacht  ausdehnte,  und  in  dem  er  darauf
  hinzuwirken  suchte,  daß  England  Jkallen  in  Abessinien  zu  Hilfe
käme.  Er  machie  dem  englischen  Botschafeer  klar,  daß  die  Losreißung
Frankreichs  vom  russischen  Bündnis  unmöglich  sel,  und  daß  England
mit  einer  Macht,  die  der  Verbündete  des  Feindes  sei,  der  ihm  überall
tn  der  Welt  enigegenträte,  doch  niche  zu  einer  Verständigung  kommen
könne.  Deshalb  sei  es  ein  großer  Fehler  der  englischen  Politik,  daß  sie,
state#  Itallen  zu  unkerstützen,  ihm  in  Afrika  Schwierigkeiten  mache.  Die
sanzösisch-russische  Policik  arbelte  gegen  die  Aktion  Italiens  in  Abessinien,
  um  dort  sesten  Fuß  zu  fassen  oder  eine  Mache  zu  schaffen,  die
den  Engländern  den  Weg  nach  Indien  verlegen  könne.  Jetze  nach  der
Nlederlage  Icaliens  müsse  ihm  England  zu  Hilfe  kommen.  Wenn  es
niche  möglich  sei,  ihm  militärisch  von  Agypten  aus  beizuspringen,  müsse
es  Icalien  wenigstens  durch  Geld  unterstützen.  Akten  Bd.  XI,  S.  235
bis  237,  Nr.  2770/71.

2)  Siehe  Die  Krügerdepesche.  Genesis  und  historische  Bedeutung,
voa  Friedrich  Thimme  in  „Europäische  Gespräͤche“  vom  Juni  1924,
S.  243.

 

174
        <pb n="185" />
        Die  Enkstehung  aber  der  deutsch-englischen  Spannung
  im  Winter  1898s|96,  die  durch  das  Krügerkelegramm
  nur  ihren  Höhepunkk  erreicht  hakte,  aber  nicht
veranlaßt  worden  war,  und  die  durch  jene  Unkerredung
des  Kaisers  mit  Frank  Lascelles  gemilderk  werden  sollte
und-  gemilderk  worden  ist,  fällt  ganz  allein  England,
nichk  Deutschland  zur  Last,  wenn  man  die  Verankworklichkeit
  für  inkernakionale  Krisen  mit  dem  Maßstab  mißt,
mik  dem  die  Ankläger  Deutschlands  sie  messen,  und  mit
dem  sie  also  auch  der  Verkeidiger  der  denkschen  Politik
messen  muß.

Denn  es  war  England,  das  den  status  quo  in  Afrika
stören,  das  die  durch  den  Verkrag  vom  27.  Februar  1884
geschaffene  Rechksgrundlage  des  Burenstaates  ankasten
wollte.  Der  ehrgeizige  Skaakengründer  Cecil  Rhodes
halke  das  Programm  der  Aufsaugung  von  Transvaal
  zum  Zweck  der  Schaffung  eines  großen  südafrikanischen
  Reiches  von  Englands  Gnaden  ganz  offen  verkündek.
  Deukschland  aber  wollke  den  status  quc  in  Afrika
nicht  ankasten  lassen,  weil  es  die  Verletzung  der  makeriellen
  Inkeressen,  die  Deukschland  in  Transvaal  harke,1
nicht  dulden  konnke.  Diese  Inkeressen  gebolen,  das  hakte
Herr  v.  Marschall  schon  dem  englischen  Bokschafker  Sir
Edward  Malek  im  Februar  1895  gesagk,  die  Aufrechterhaltung
  Transvaals  als  selbständigen  Skaakes  und
die  Sicherung  des  status  quo  bezüglich  der  Bahnen  in
der  Delagoabai."

 

1)  Es  waren  in  Transvaal  5oo  Millionen  Mark  deutsches  Gold
angelegt,  und  es  lebten  dort  15  ooo  Deutsche.  Akeen  Bd.  XI,  S.  33,
Nr.  2613.

3)  Akten  Bd.  XI,  S.4,  Nr.  2577.

175
        <pb n="186" />
        Die  englische  Regierung  kümmerte  sich  aber  nicht  nur
nicht  um  diese  Warnung,  sondern  sie  sah  die  Pläne  Cecil
Rhodes  mit  offenbarer  Genugtuung  ihren  Zielen  ent—
gegenreifen  und  beklagte  sich  immer  wieder  in  Berlin
darüber,  daß  die  Buren  in  der  doch  so  gerechtfertigten
Besorgnis  um  ihre  Selbständigkeit  ihre  Hoffnungen
auf  Deutschland  setzten  und  die  Antwort  erhielten,  daß
Deutschland  für  die  Aufrechterhaltung  des  Vertrages
von  1884  einkreken  würde.  Der  Anlaß  der  deuksch-englischen
  Spannung  war  also  die  Absicht  Englands,  die
Selbständigkeit  eines  kapferen  kleinen  Volkes  germanischer
  Rasse  zu  vernichken,  und  nichk  irgendwelche  hegemonischen
  Pläne  Deutschlands.  Ihren  ptpychologischen
Ursprung  hatke  die  Konferenz  vom  3.  Jannar  im  Reichskanzlerpalais,
  aus  der  die  Krügerdepesche  hervorging,
nicht  in  Welkherrschafksgelüsten  des  Kaisers,  sondern  in
dem  vollkommen  berechkigken  Umwillen  darüber,  daß  die
Eifersucht  Englands,  die  jenseits  der  Meere  keine  Nebenbuhler
  zu  Einfluß  und  Ansehen  kommen  lassen  wollte,
jeder  welkpolitischen  Bekätigung  Deukschlands  enkgegenkrak.


Diesem  Unwillen  hakke  Herr  v.  Marschall  in  dem  Abschiedsgespräch
  mik  Sir  Edward  Malek,  der  im  Herbst
1895  abberufen  wurde,  Ausdruck  gegeben.  In  diesem
Gespräch,  das  dem  Kaiser  zehn  Tage  später  Veranlassung
  gab,  dem  englischen  Milikärbevollmächtigten  Oberst
Swaine  in  sehr  deuklicher  Form  zu  sagen,  was  er  von  England
  befürchke,  hakke  sich  der  englische  Bokschafter  sogar
zu  Drohungen  verleiken  lassen,  die  Kriegsdrohungen  zum

1I)  Akten  Bd.  XI,  S.  ö,  Nr.  2578.
a)Akten  Bd.  XI,  S.  60,  Nr.  2579.

 

176
        <pb n="187" />
        mindesten  sehr  ähnlich  sahen.i  Da  hielt  es  Marschall  für
richtig  ihm  klarzumachen,  daß  sich  Deutschland  England
gegenüber  seit  fünf  Jahren  im  Zustande  der  Verteidigung
  befände.  „Überall“,  so  erklärte  er,  „mißgönnt  man
uns  den  kleinsten  territorialen  Fortschritt;  in  Witu  hat
man  durch  Entthronung  des  Sultans  unser  Abkommen
vom  Jahre  1890  verletzt,  ohne  bisher  die  verlangte  Remedur
  eintreten  zu  lassen,  im  Togogebiet,  im  Hinterland
des  Niger  und  anderswo  scheiterte  jede  Verhandlung  an
der  englischen  Weigerung,  uns  irgendeine  Konzession  zu
machen.  Die  Besorgnis,  daß  einige  Interessenten  in  der
englischen  Presse  über  Beeinträchtigung  ihrer  Interessen
Lärm  schlagen  könnken,  beeinflußk  die  englische  Regierung
  offenbar  mehr  als  der  Wunsch,  sich  die  Sympakhien
Deutschlands  zu  erhalten.“

Daß  dieser  Umwille  nichk  ekwa  in  unberechtigten  Machtansprüchen
  Deutschlands  seinen  Ursprung  hakte,  beweist
die  Empörung  der  öffentlichen  IK#einung  der  ganzen  Welk
über  Englands  damaliges  Vorgehen.  Gerade  diese  Gemeinsamkeit
  der  durch  die  englischen  Eroberungspläne  in
Südafrika  in  allen  europäischen  Ländern  entfesselken  Enkrüstung
  hak  wahrscheinlich  Herrn  v.  Holstein  veranlaßt,
die  Gelegenheit  zum  Versuch  einer  Annäherung  zwischen
Dreibund  und  Zweibund  zu  ergreifen  und  durch  diese  Zu- 



1)  Nach  der  Aufzeichnung  des  Staatssekretärs  v.  Marschall  sagte
Eir  Edward  Male  in  dieser  Untkerredung,  „für  England  enestehe  daraus
  (aus  dem  angeblich  auf  deuesche  Versprechungen  zurückzuführenden
Wachsen  der  englandfeindlichen  Seimmung  der  Buren)  ein  unerträglicher
  Zustand,  und  er  wolle  ganz  offen  sagen,  daß  die  Fortsetzung  der
deutschen  Haltung  gegenüber  Transvaal  zu  ernsten  Verwicklungen  führen
  könne“.

Kronprinz  Wilhelm,  Ich  suche  d.  W.  12
177
        <pb n="188" />
        sammenfassung  bisher  sich  befehdender  Staaten  der  tra—
ditionellen  Politik  Englands,  durch  die  es  sein  erdumspannendes
  Reich  geschaffen  und  zusammengehalken  halke,
endlich  ein  Ende  zu  machen,  nichk  aber  zu  dem  Zweck,  das
englische  Welkreich  in  seinen  wichtigsten  Machtstellungen
zu  erschüttern.  Es  handelke  sich  nur  darum,  ihm  die  Eroberung
  neuer  Gebieke  und  Einflußsphären  zu  erschweren,
  damit  nichk  auch  die  spärlichen  Reste  noch  herrenlos
gebliebener  Gebieke  der  Welk  in  seine  mächtigen  Hände
fielen.

Aus  dem  Programm  des  Herrn  v.  Holstein,  das  durch
den  Kampf  der  Buren  um  ihre  Selbständigkeit  und  durch
die  Mißstimmung  Italiens  gegen  England  entstanden
war,  geht  deutlich  hervor,  daß  das  Ziel  der  deutschen
Weltpolitik  die  Anerkennung  unserer  Gleichberechti—-gung
  in  überseeischen  Ländern,  nicht  aber,  wie  unsere  Ankläger
  behaupten,  Deutschlands  Vorherrschaft  war.
Daß  die  Methode,  die  Herr  v.  Holstein  in  jenem  Me—
morandum  vom  zo.  Dezember  18985  empfahl,  nicht  zum
Erfolg  führte,  lag  im  wesentlichen  an  Frankreich,  das  für
ein  solches  Programm  nichk  zu  haben  war,  weil  die  Wiedergewinnung
  von  Elsaß-Lothringen  der  grundlegende
Gedanke  seiner  Außenpolitik  blieb.  Ihm  wurden  alle
Vortkeile,  die  ein  Zusammengehen  mit  Deurschland  auf
welkpolitischem  Gebiek  in  Aussichk  stellte,  unkergeordnek.
  Die  Undurchführbarkeit  des  Holsteinschen  Gedankens
  hakte  sich  schon  im  JMai  1896  so  klar  herausgestellk,
daß  Fürst  Hohenlohe  die  um  diese  Zeit  (z.  Mai  1890)
an  ihn  vom  Fürsten  Lobanow  ergangene  Aufforderung,
anläßlich  der  Besetzung  von  Suakim  an  der  Ostküste
Agpptens  durch  indische  Truppen  die  Suezkanalfrage

178
        <pb n="189" />
        zum  Gegenstand  einer  gemeinsamen  diplomatischen  Aktion
zu  machen,  1  mik  einer  Begründung  ablehnte,  in  der  das
Scheitern  des  von  Holstein  vor  einem  halben  Jahre  aufgestellten
  Planes  eingestanden  und  Frankreich  zur  Last
gelegk  wurde.  Diese  Begründung  ist  so  bezeichnend  für
die  Friedensliebe,  von  der  unsere  Außenpolitik  geleiket
war,  sie  erklärk  den  Wechsel,  der  sich  in  der  Haltung
Deutschlands  im  Laufe  des  Jahres  1896  vollzog,  so  lichtvoll,
  und  sie  legk  auch  die  Beweggründe,  die  Deutschland
im  Jahre  1895  zu  gemeinsamem  Vorgehen  mit  Frankreich
  und  Rußland  gegen  Japan  leikeken,  so  schleierlos
dar,  daß  ich  sie  hier  in  ihrem  Wortlauk  milkeilen  will.
Da  sie  nur  den  Inhalk  der  Erklärungen  wiedergibt,  die
Fürst  Hohenlohe  dem  russischen  Botschafter  in  Berlin
selbst  gelegentlich  seiner  Aufforderung  gemachk  hat,  so
beweist  sie  auch,  wie  enkfernk  von  jeder  Geheimniskrämerei
  und  Hinterlist  unfer  Verhalken  war.  Denn  bei  den
zwischen  Rußland  und  Frankreich  bestehenden  freundschaftlichen
  Beziehungen  wußte  der  deutsche  Reichskanzler
  nakürlich  ganz  genan,  daß  seine  Erläuterungen  sofort
nach  Paris  weikergegeben  werden  würden.

Fürst  Hohenlohe  schreibt::  „In  Erwiderung  des  rufiischen
  Ankrages,  anläßlich  der  Besetzung  von  Suakim
durch  indische  Truppen  die  Suezkanalfrage  zum  Gegenstand
  einer  diplomatischen  Kollektivaktion  zu  machen,

 

1)  Akten  Bd.  XI,  S.  180,  Anlage.

)  Akten  Bd.  XI,  S.  188,  Nr.  2735.  Brief  an  den  deutschen  Bokschafeer
  in  Petersburg.
3)  Dieser  Versuch  Rußlands,  Deutschland  für  eine  gemeinsame  Aktion
  gegen  England  an  dessen  empfindlichster  Stelle  zu  gewinnen,  wird
von  den  Herren  Bourgeois  und  Pages  verschwiegen,  obwohl  er  ihnen

179
        <pb n="190" />
        habe  ich  heute  dem  russischen  Geschäftsträger  das  hier
beigefügke  Aicke  mémoire!  ausgehändigk  und  dasselbe
mündlich  im  nachfolgenden  Sinne  erlänkerk.

„Als  die  kaiserliche  Regierung  sich  im  vorigen  Jahre
aus  eigenem  Antriebe  zur  Mi#wirkung  bei  der  Herabminderung
  der  japanischen  Friedensbedingungen  erbok,
bestand  zwischen  dem,  was  wir  dabei  wagken,  und  dem,
was  wir  unmikkelbar,  d.  h.  in  Ostasien,  erreichen  konnten,
  ein  Mißverhältnis,  welches  wiederholk  in  der  auswärktigen
  Presse  mit  abfälliger  Kritik  besprochen  wurde.
In  Wirklichkeit  war  auch  der  hauptsächliche  Beweggrund
  für  jene  Aktion  nichk  in  Ostasien  zu  suchen,  sondern
in  der  Absicheé  der  kaiserlichen  Regierung,  durch  einen
Versuch  festzustellen,  ob  der  Gedanke,  schwebende  Zeitfragen
  vermiktelst  Zusammenwirkens  Deutschlands  mit
Rußland  und  Frankreich  zu  lösen,  im  Inkeresse  sowohl
der  drei  Bekeiligken  wie  auch  im  Inkeresse  möglichster
  Sicherung  des  Welkfriedens  sich  verwirklichen
  lasse.

„Die  Erfahrungen,  welche  wir  seildem  gemacht  haben,
sind  für  eine  Wiederholung  des  Versuchs  nichk  günstig,
  denn  wir  wissen  heute,  daß  Frankreich  bemühr  gewesen
  ist,  die  durch  jene  ostasiatische  Aktion  zwischen
Deutschland  und  England  geschaffene,  späker  durch  die

 

durch  die  französischen  Akeen,  die  ihnen  zur  Verfügung  standen,  bekanne
  sein  mußte.  Häcte  er  doch  die  Beweiskraft  ihrer  Darstellung  erschüctere,
  insofern  man  aus  ihm  mit  derselben  Berechiigung,  mit  der  sie
behaupten,  daß  Deutschland  zwischen  England  und  dem  Zweibunde
Zwletracht  säen  wollte,  den  Schluß  ziehen  kann,  daß  der  Zweibund
zwischen  England  und  Deutschland  Zwietrache  saen  wollte.

1)  Akten  Bd.  XI,  S.  190,  Anlage.

180
        <pb n="191" />
        Vorgaͤnge  in  Transvaal  noch  vermehrte  Entfremdung
lediglich  im  Interesse  einer  Revision  des  Frankfurter
Friedens,  d.  h.  also  gegen  Deutschland  auszunutzen.
Diejenigen  französischen  Staatsmänner,  welche  in  den
ersten  Monaten  dieses  Jahres  den  Gedanken  der  Revanche
  mit  englischer  Hilfe  zu  verwirklichen  suchten,  sind
auch  heute  noch  in  leitenden  Stellungen,  und  es  liegt
kein  Grund  vor,  einen  Wechsel  ihrer  Anschauungen
zu  mutmaßen.  Um  einen  solchen  Wechsel  glaubhaft
zu  machen,  würden  sie  positive  Garantien  zu  geben
haben,  die  sie  in  keinem  Fall  werden  geben  wollen,
weil  das  Kokettieren  mit  chauvinistischen  Instinkten  des
französischen  Volkes,  welches  den  französischen  Skaaksmännern
  in  schwierigen  Augenblicken  bisher  immer
die  besten  Schlagworte  gelieferk  hak,  danach  aufhören
müßte.

„Einen  ähnlichen  Versuch  wie  unseren  vorjährigen
machte  Fürst  Bismarck  im  Jahre  1888,  als  er  auf  Bilken
  des  Bokschafters  Baron  de  Courcel  seine  wirksame
Vermikklung  für  Beendigung  der  damaligen  französischchinesischen
  Feindseligkeiten  einkreken  ließ.  Der  kaiserliche
Gesandte  v.  Brandk  war  beauftragt,  der  Regierung  in
Peking  dringend  zum  Frieden  zu  raten.  ODie  erste  Anbah  ·
nung  französisch-chinesischer  Verhandlungen  fand  in  der
Wohnung  des  Stkaakssekrekärs  Grafen  Hatzfeld  statt.
Kaum  war  aber  dank  unserer  Mitwirkung  das  französisch-chinesische
  Abkommen  gesicherk,  als  das  Kabinekt
Ferry  einem  Entrüstungssturm  der  Chauvinisten  zum
Opfer  fiel,  weil  Ferry  sich  nicht  geschämt  habe,  sich  zum
Schuldner  des  Fürsten  Bismarck  zu  machen",  —  ein  Vorwurf,
  von  dem  Ferry  sich  zeitlebens  nichk  wieder  erholt

181
        <pb n="192" />
        hat.1  Innerhalb  zehn  Jahren  haben  also  zwei  verschiedene
  deutsche  Regierungen  zweimal  versucht,  ein
politisches  Zusammemwirken  mit  Frankreich  herbeizuführen
  in  solchen  Fragen,  welche  außer  Verbindung  mit  dem
Frankfurker  Frieden  stehen.  Die  Erfahrungen,  welche  wir
jedesmal  gemachk  haben,  sind  nichk  geeignek,  uns,  wie  die
Dinge  nun  einmal  liegen,  zu  einem  drikten  Versuch  zu
ermutigen.  Wir  müssen  aus  dem  Erlebten  den  Schluß
ziehen,  daß  Frankreich  alle  Fragen  der  einen  Revancheidee
  unkerordnek,  und  daß  auch  der  Jubel,  welcher  die
russisch-französische  Feier  in  Kronstadt  und  Toulon  französischerseiks
  begrüßke,  lediglich  dem  Gedanken  des  frankorussischen
  Krieges  gegen  Deukschland  galk."  Ob  in  den
französischen  Politikern  der  Gegenmwark  der  Gedanke
lebendig  ist,  noch  andere  polikische  Ziele  durch  das  Zusammengehen
  mikt  Rußland  zu  erreichen,  werden  die  nächsten
  Monate  zeigen.  Aber  schon  heute  können  wir  uns
nach  ruhiger  Erwägung  der  gemachken  Erfahrungen  dem
Eindruck  nichtk  verschließen,  daß  durch  die  bloße  Taksache
des  Beitrikks  Deutrschlands  zur  franko-russischen  Aktionsgruppe
  diejenige  Strömung  in  Frankreich  gestärkt  werden.
würde,  welche  darauf  hindrängk,  die  afrikanischen  Fragen
lieber  mit  als  gegen  England  zu  lösen.“

Fürst  Hohenlohe  übersiehr  hier,  daß  Deukschland  während
  der  Transvaalkrise  auf  Grund  des  Holsteinschen  Programms
  ja  schon  den  drikken  Versuch  eines  Zusammengehens
  mit  Frankreich  gemachk  hakke,  und  daß  auch  in  die- 



1  lber  diese  Phafe  der  deutsch-französischen  Beziehungen  war  Fürst
Hohenlohe  ganz  genau  unterrichtet,  weil  er  damals  deutscher  Botschafler
  in  Paris  war.  Siehe  Bd.  III,  S.  443,  Fußnoke  zu  699.

))  Akten  Bd.  VII,  Nr.  1502  ff.  und  Nr.  15299  ff.

182
        <pb n="193" />
        sem  Falle  die  französische  Regierung  nichts  Eiligeres  zu  tun
gehabt  hat,  als  sich  England  zur  Verfügung  zu  stellen  und
ihm  zu  erkennen  zu  geben,  wie  es  bei  jeder  Differenz  mit
Deutschland  auf  Frankreichs  Unkerstützung  rechnen  könne.
Graf  Mdünster  berichket  am  19.  Fanuar  1896:  „Da  Frankreich,
  wenn  nichk  bei  Transvaal,  so  doch  bei  Lorenzo  J#arques
  als  dem  Exporkhafen  für  I#adagaskar,  in  gleichem,
wenn  nichk  in  höherem  M#aße  wie  Deutschland  inkeressierk
  ist,  konnken  wir  von  französischer  Seite  eine  wenigstens
  kheoretische  Unkerstützung  unseres  Vorgehens  erwarten.
  Skakk  dessen  hat  sich  nicht  nur  die  unabhängige,  sondern
  auch  die  offiziöse  französische  Presse,  insbesondere  das
Organ  des  französischen  auswärtigen  Ministeriums,  der
„Demps“,  nach  einigen  Tagen  der  Beobachkung  die  Aufgabe
  gestellk,  nachzuweisen,  daß  Transvaal  nichk  geeignek
sei,  die  Aufmerksamkeik  von  Elsaß-Lokhringen  abzulenken.
Das  Schlagwork  des  Temps“,  nach  welchem  planmäßig
von  der  übrigen  Presse  gearbeikek  wurde,  lautele  keine
unnatürlichen  Allianzen‘.  Man  mochte  in  Paris  gehofft
haben,  daß  ein  deutsch-englisches  Duell  nicht  mehr  zu  vermeiden
  sei,  und  versprach  sich  davon  vielleicht  eine  Revision
  des  Frankfurker  Friedens.“  1  Diese  Auffassung  des
Grafen  MMünster  wird  bestätigt  durch  den  Freiherrn  von
Eckardtstein,  dessen  Angaben  volle  Ubereinstimmung  mit
der  Auffassung  des  Grasen  Münster  zeigen.  Er  erzählk,
daß  ihm  Lord  Salisbury  im  Jahre  1899  bei  einem  Gespräch
  über  das  Krügerkelegramm  gesagk  habe,  wenn
Denutschland,  wie  es  die  ursprüngliche  Absicht  des  Kaisers
  war,  deulsche  Soldaken  durch  porkugiesisches  Terri=—



1)  Akeen  Bd.  XI,  S.  82,  Nr.  2651.

 

183
        <pb n="194" />
        torium  nach  Transvaal  geschickt  hätte,  würde  keine  englische
  Regierung  stark  genug  gewesen  sein,  um  das  englische
  Volk  daran  zu  verhindern,  die  Kriegserklärung
gegen  Deukschland  zu  erzwingen,  und  aus  diesem  Kriege
würde  ein  Weltkrieg  geworden  sein.  Denn  der  französische
  Bokschafter  in  London,  Herr  v.  Courcel,
  Habe  ihm  bereiks  im  Aufkrage  seiner  Regierung
  mirgekeilt,  daß  im  Falle  eines  englisch-deukschen
  Krieges  Frankreich  eine  sehr
wohlwollende  Neukralikät  beobachken,  wahrscheinlich
  sich  aber  auch  akkiv  am  Kriege  bekeiligen
  würde.

Selbst  die  Lehren  dieses  drikken  Versuchs  haben  die
Hoffnung,  daß  Frankreich  sich  dennoch  einmal  zu  aufrichtigem
  Anschluß  an  den  Dreibund  enkschließen  würde,  nicht
ganz  erstickt.  Auch  Herr  v.  Bülow  hak,  als  er  Skaakssekrekär
  geworden  war,  vorsichtige  Schrikke  in  dieser  Richkung
  unkernommen,  und  sie  haben  sich  nach  mehrmaligen
Wiederholungen  schließlich  sogar  zu  einem  Verkrage  verdichtet,
  der  wiederum,  weil  Frankreich  nicht  für  ihn  zu  gewinnen
  war,  die  Lebenskraft  einer  Einkagsfliege  hakte,  zu
dem  Verkrag  von  Björkö.  Die  Anklageschrift  der  Herren
Bourgeois  und  Pagss  erhebk  deshalb,  weil  diese  Annäherungsversuche,
  wie  in  der  Transvaalkrise,  immer
wieder  von  Verständigungsversuchen  mit  England  abgelöst
  wurden,  den  Vorwurf,  daß  wir  dabei  nur  die  Absicht
gehabt  hätten,  zwischen  England  und  Frankreich  oder
zwischen  Frankreich  und  Rußland  Zwiekrachk  zu  säen,
um  nach  dem  Grundsatz  divide  et  imperar  die  Vorherr-=1)

  Siehe  „Lebenserinnerungen  und  policische  Denkwürdigkeiten“  von
Hermann  Freiherr  v.  Eckardestein,  Bd.  1.  S.  276.

 

184
        <pb n="195" />
        schaft  in  der  Welt  zu  erlangen.  Sie  verwechselt  dabei
erstens  Ursache  und  Wirkung  und  legt  uns  zweitens  Beweggründe
  unter,  die  unseren  wirklichen  Beweggründen
gerade  entgegengesetzt  waren.  Sie  verwechselt  Ursache
und  Wirkung,  weil  das  Lavieren  zwischen  dem  Zweibund
  und  England  durch  die  Unvwerföhnlichkeit  Frankreichs
  veranlaßk  wurde  und  nicht  ekwa  die  Unversöhnlichkeit
  Frankreichs  durch  unser  Lavieren,  und  sie  legk  uns
ZBeweggründe  unter,  die  unseren  wirklichen  Beweggründen
  gerade  enkgegengesetzt  waren.  Denn  dieses  Lavieren
war  offenbar  —  die  oben  mikgekeilke  Noke  des  Fürsten
Hohenlohe  beweist  es  schlagend  —  ganz  allein  von  der
Besorgnis  davor  geleikek,  daß  unser  Streben  nach  wellpolikischen
  Zielen  jenen  Zusammenschluß  zwischen  England
  und  dem  Zweibund  zur  Folge  haben  könnke,  den
die  französische  Politik  immer  wieder  herbeiführen  wollke,
und  den  wir  leider  schließlich  doch  nicht  zu  verhindern
vermochten.  Dieser  Zusammenschluß  aber  —  das  bewies
das  Jahr  1914  —  steigerke  die  Kriegsgefahr  in  ungehenrem
  Il#aße,  denn  er  bewirkte,  daß  die  auf  die  gewaltsame
Anderung  des  status  quo  gerichkeken  Bestrebungen  Rußlands
  und  Frankreichs  mächtig  geförderk  wurden,  weil
nun  der  Erfolg  ihnen  winkke,  während  die  Mächte,  die
an  der  Erhalkung  des  status  quo,  also  an  der  des  Friedens,
  ein  Lebensinkeresse  hatken,  und  das  waren  Deukschland
  und  Osterreich-Ungarn,  in  die  ungünstigste  Lage  gerieken.


Alle  die  Annäherungsversuche  an  den  Zweibund  und
die  Versuche  einer  Verständigung  mit  England  enksprangen
  nichk  der  Absicht,  durch  Zwiekracht  und  Krieg  die
Vorherrschaft  Deutschlands  in  der  Welk  zu  begrün-185
        <pb n="196" />
        den,  sondern  im  Gegenteil  der  Furcht  davor,  daß  wir
durch  einen  Krieg  die  im  Jahre  1871  errungene  Einheit
des  Reiches  und  alle  auf  ihr  beruhenden  Vorteile  und
mit  ihnen  jede  weltpolitische  Betätigung,  die  zum  Lebensinteresse
  für  uns  geworden  war,  wieder  verlieren  würden.
Nur  aus  dieser  Besorgnis  ist  auch  der  Gedanke  der
Schöpfung  einer  großen  deutschen  Flotte  entstanden.
Es  liegt  nicht  in  meiner  Absicht,  mich  in  den  Streit
darüber  einzumischen,  ob  die  Verwirklichung  dieses  Gedankens
  den  Anschluß  Englands  an  den  Zweibund  zur
Folge  gehabk  hak,  oder  ob  die  Tripleenkenke  vielmehr  die
Folge  unseres  wirkschafklichen  Aufschwungs  war  undschon
viel  früher  zustande  gekommen  wäre,  wenn  wir  auf  den
Floktenbau  verzichkel  hätten,  weil  es  für  die  Beurkeilung
der  Schuldfrage  —  das  heißk  der  Frage,  ob  Deukschland
absichtlich  seit  Jahrzehnken  auf  den  Krieg  hingearbeiket
hat  —  ganz  gleichgültig  ist,  wie  dieser  Skreik  enkschieden
  wird.?  Ich  habe  hier  nur  nachzuweisen,  daß  auch  die
Schöpfung  der  deutschen  Flokte  der  Absicht  der  Erhalkung
  des  Friedens  entsprang,  daß  sie  ebenso  wie

1)  Dlese  Absiche  dichten  die  Herren  Bourgeois  und  Pages  allen
Versuchen,  die  von  Deueschland  vom  Jahre  1896  bis  zum  Vertrag
oon  Björkö  unternommen  wurden,  beweislos  an.  Eie  müssen  aber  im
Widerspruch  dazu  crotzdem  zugestehen,  daß  der  Kaiser  um  seden  Preis
den  Frieden  so  lange  erhalten  mußte,  wie  das  Flottenprogramm  von
1goo  niche  durchgeführt  war.  II  lui  faut,  à  tout  prix,  conserver  la  paix,
tant  que  le  progamme  naval  de  1900  ’aura  pas  66  exécuté.4  A.  a.  O.
G.  365.

))  In  diesem  Zusammenhang  habe  ich  nur  das  Verhältnis  unseres
Floctenbaus  zur  Schuldfrage  zu  erörtern.  Meine  Gtellung  zum  Risikogedanken
  des  Herrn  v.  Tirpitz  habe  ich  in  meinen  „Erinnerungen“  S.vo
u.  ff.  dargelegt.

186
        <pb n="197" />
        unsere  Rüstungen  zu  Lande  nicht  dem  Angriff,  sondern
nur  der  Verteidigung  dienen  sollte.

Ganz  wie  der  Grundgedanke  des  Programms  des  Herrn
v.  Holstein  vom  30.  Dezember  1895  wollke  auch  der  Flokkengedanke
  das  Risiko  Englands  bei  den  Konflikten  vergrößern,
  die  zwischen  ihm  und  uns  dadurch  enkstehen  konnten,
  daß  wir  in  die  Reihe  der  Welkpolikik  freibenden
Uiächte  einkraken.  Diese  Absicht  aber  war  eine
ausgesprochen  defensive.  Denn  sie  hakte  ihren
Grund  darin,  daß  wir  in  der  Lage  sein  mußken,  die  immer
wieder  bedrohfke  Gleichberechkigung  im  weltpolitischen
  Wektbewerb  auch  nachdrücklich  zu  verkeidigen.

Auch  die  deutsche  Flotke  sollte  wie  jenes  Programm
dazu  beitragen,  England  zu  der  Überzeugung  zu  bringen,
daß  es  für  seine  Zwecke  nützlicher  sei,  einer  auf  die  Veränderung
  des  status  quo  hinstrebenden  deukschfeindlichen
UMaächtegruppe  nichk  beizutreken.  Bei  Beurkeilung  der
Schuldfrage  aber  kommk  es  allein  auf  diese  Absiche
an,  nichk  darauf,  ob  diese  Absicht  von  Erfolg  gekrönt  war.
Wer  kann  übrigens  heute  enkscheiden,  ob  England  in
einen  Krieg,  der  aus  der  gleichen  Veranlassung  wie  der
von  1914  ausgebrochen  wäre,  nicht  eingegriffen  hälke,
wenn  eine  deutsche  Flotke  nicht  vorhanden  gewesen  wäre?
Darüber  kann  man  nur  Vermukungen  anstellen.  Und
mir  scheink  die  Annahme  wahrscheinlicher,  daß  England
in  diesem  Falle  den  Krieg  erst  recht  durch  die  Blockade
der  deutschen  Küsten  zu  unseren  Ungunsten  entschieden
hätke,  weil  es  dann  die  Beseiktigung  eines  Konkurrenken
auf  dem  Weltmarkkohnejede  Gefahr  häfke  erreichen
können.

Man  hat  nun  aus  der  Absicht  des  Herrn  v.  Tirpitz,

187
        <pb n="198" />
        die  Flotte  so  stark  zu  machen,  daß  sie  sich  nicht  auf  die  Verteidigung
  der  deutschen  Küsten  zu  beschränken  brauchte,
sondern  auch  die  englischen  Küsten  angreifen  konnte,  den
Schluß  gezogen,  daß  Deutschland  beim  Bau  seiner  Flotte
von  aggressiven  Absichten  geleitet  war.  Dieser  Schluß
ist  ebenso  falsch  wie  der,  daß  ein  Feldzugsplan,  der  auf
dem  Gedanken  aufgebaut  ist,  den  Krieg  in  das  feindliche
Land  zu  tragen,  nicht  von  einem  Strategen  ersonnen
werden  kann,  dessen  Regierung  den  Frieden  erhalten  will.
Auch  zur  See  gilt  letzten  Endes  der  Grundsatz,  daß  der
Hieb  die  beste  Verkeidigung  ist,  und  der  Risikogedanke
des  Herrn  v.  Tirpitz  wird  nichk  deshalb  aus  einem  Gedanken,
  der  defensivwe  Absichken  hegte,  zu  einem  Gedanken,
  der  offensive  Absichten  verfolgke,  weil  er  das
Risiko  Englands  bis  zur  Gefahr  eines  deutschen  Angriffs
auf  seine  Küsten  steigerke.  Der  mit  diesem  Gedanken  angestrebte
  friedliche  Zweck  konnke  vielmehr  erst  dadurch
vollkommen  erreichk  werden,  daß  England,  wenn  es  sich
mik  unseren  Feinden  zu  unserer  Vernichkung  verband,
mit  einem  Angriff  auf  seine  Küsten  zu  rechnen  hakke.
Brauchke  es  das  nichk,  so  mußke  ihm  der  Anschluß  an
unsere  Feinde  viel  weniger  gefährlich  erscheinen.  Aus
bieser  Uberlegung  heraus  —  das  hat  Herr  v.  Tirpitz  in
seinem  Buch  über  den  „Aufbau  der  deutschen  Welkmacht“
schlagend  nachgewiesen  —  ist  der  Plan  zum  deukschen
Flotktenbau  entstanden.  Darum  können  die  Ankläger
Deutschlands,  wenn  sie  ehrlich  sind,  in  diesem  Plan  keine
Waffe  zur  Begründung  ihrer  Schuldlügen  finden.  Sie
könnken  es  selbst  dann  nichk,  wenn  der  Beweis  gelingen
sollke,  daß  der  Floktenbau  das  Gegenkeil  der  Absicht,  die
sein  Schöpfer  mik  ihm  verfolgke,  erreicht  häte,  daß  Eng-188
        <pb n="199" />
        land  gerade  durch  ihn  in  das  Lager  unserer  Feinde  gekrieben
  worden  wäre.  Denn  dieser  Nachweis  würde  doch
nur  einen  Fehler  in  der  Berechnung  der  Wirkung  feststellen,
  die  der  Kaiser  und  seine  Rakgeber  vom  Flottenbau
  erwarkeken,  nie  und  nimmer  aber  eine  Erschükterung
des  Glaubens  an  den  Friedenswillen  der  Männer  bewirken
  können,  die  die  deutsche  Flokke  geschaffen  haben.

Ich  möchke  den  Inhalk  dieses  Kapitels  zum  Schluß
noch  einmal  kurz  zusammenfassen:  Welkpolitische  Bekäligung
  war  für  Deutschland  eine  Lebensnokwendigkeik.  Sie
hatte  Deutschlands  Vorherrschaft  in  Europa  nichk  zur
Voraussetzung,  sondern  sie  brauchke  im  Gegenkeil,  wenn
ste  Erfolg  haben  wollte,  Frieden  in  Europa,  den  jede
deutsche  Vorherrschaft  gefährden  mußke.  Sie  wollke  die
Welcstellung  keiner  einzigen  Machk  erschütkern,  sondern
sie  verlangke  nur  Gleichberechkigung.  Sie  bedurfke  zu  ihrer
Auswirkung  einer  Flokke,  die,  wenn  sie  auch  stark  genug
zum  Angriff  sein  mußke,  doch  nur  zum  Zweck  der  Verteidigung
  erbauk  wurde.

Kriegsgefahren  wurden  infolge  unserer  weltpolitischen
Zekätigung  nur  dadurch  heraufbeschworen,  daß  England,
häufig  von  Frankreich  gegen  dessen  eigene  Inkeressen  unkerstützt,
  immer  wieder  versuchte,  uns  die  Berechkigung  zu
welkpolitischer  Bekätigung  und  zum  Schutz  der  durch  sie
in  überseeischen  Gebieken  geschaffenen  Inkeressen  abzusprechen.
  Es  war  ja  auch  nicht  die  Welkpolitik,  die  schließlich
  den  Krieg  von  1914  herbeigeführk  hak.  Der  Krieg
hakte  seinen  Ursprung  vielmehr  in  jener  östlichen  Gefahrenquelle,
  aus  der  im  letzken  halben  Jahrhunderk  Krieg
auf  Krieg  geboren  wurde.  Unvermeidlich  für  uns,  ja  vielleicht
  erst  möglich  ist  er  freilich  durch  eine  Mrächkegrup-189
        <pb n="200" />
        pierung  geworden,  die  allen  unseren  Verständigungsversuchen
  zum  Trotz  unter  Mitwirkung  von  Einflüssen
entstanden  ist,  die  unsere  vollkommen  berechtigte  und  für
die  Erhaltung  unserer  Volkskraft  notwendige  Weltpolitik
  ausgelöst  hat.

Sechstes  Kapitel
Deutschlands  Friedenspolitik  im  Burenkriege

C□ch  habe  versucht,  im  vorigen  Kapitel  darzulegen,  daß
„Diie  verschiedenen  Annäherungsversuche  an  den  Zweibund
  im  Friedenswillen  des  Kaisers  und  seiner  Rakgeber
begründek  waren.  Es  war  also  ein  Beweis  für  die  Skärke
dieses  Friedenswillens  und  nicht,  wie  Deutschlands  Ankläger
  behaupten,  für  die  Ränkesucht  der  deutfschen  Regierung,
  wenn  man  in  Berlin  verhüten  wollte,  daß  diese
Annäherungsversuche,  wie  es  in  Paris  und  Pektersburg
erstrebt  wurde,  zu  einem  Bruch  zwischen  Deutschland  und
England  führken,  und  wenn  man  deshalb  ängstlich  vermied,
  sich  mik  dem  Zweibund  in  Aktionen  einzulassen,  die
englische  Inkeressen  gefährdeken.

Solche  Vorsicht  erschien  umsomehr  geboken,  als  man
zu  der  Uberzeugung  gekommen  war,  daß  der  Holsteinsche
Plan  am  Widerstande  Frankreichs  scheikern  mußke,  und
als  man  gewahr  wurde,  daß  eine  Verschärfung  der  englisch-deutschen
  Spannung  Frankreich  veranlaßke,  die  angebahnte
  Verständigung  zwischen  Deulschland  und  dem
Zweibund  preiszugeben  und  sich  England  zur  Verfügung
zu  stellen.

Beim  Ausbruch  des  Burenkrieges,  der  schon  monake-190
        <pb n="201" />
        lang  wie  eine  dunkle  Wolke  den  Weltfrieden  bedrohte,
war  man  sich  deshalb  s  ofort  klar,  welche  Stellung  man
einzunehmen  hatte.  Auch  bei  dieser  Gelegenheit  war  es
Herr  v.  Holstein,  der  die  Richtlinien  der  deutschen  Politik
  bestimmke.  Er  hatte  sie  schon  im  Juni  1899,  also  vier
Monate  vor  dem  vom  Präsidenten  Krüger  an  die  eng—
lische  Regierung  gerichkeken  und  von  dieser  schroff  abgelehnken
  Ulkimaklum  —  Präsident  Krüger  hakte  von
England  verlangk,  daß  es  anerkenne,  keine  Snzeränikät
über  Transvaal  zu  besitzen  —  in  einer  Aufzeichnung  niedergelegk,
  von  deren  Ratschlägen  krotz  aller  Versuche,
die  von  seiken  des  Zweibundes  an  Deutschland  herankraken,
  während  der  ganzen  Dauer  des  Burenkrieges
nicht  um  eines  Haares  Breike  abgewichen  wurde.  Schon
bevor  diese  Richklinien  festgelegt  wurden,  hatte  Stkaakssekrekär
  v.  Bülow  nichk  direkk,  sondern,  um  in  Prekoria
kein  Mißtrauen  zu  erregen,  durch  die  niederländische  Regierung
  den  Präsidenken  Krüger  auf  die  große  Gefahr
aufnerksam  machen  lassen,  1  die  Transvaal  für  den  Fall
bedrohre,  daß  es  in  der  Frage  der  Uitlander,  denen  man
die  politischen  Rechke  versagke,  #  keine  Konzessionen  machke.
Schon  dadurch  hakke  die  deutsche  Regierung  bewiesen,
wieviel  ihr  an  der  Erhaltung  des  Friedens  lag.  Sie
hakke,  um  auch  in  London  keinen  Verdacht  zu  erregen,
der  englischen  Regierung  von  diesem  Schrict  Milkeilung
gemachk,  und  Lord  Salisbury  hatte  dem  Reichskanzler
seinen  Dank  dafür  aussprechen  lassen.

 

1)  Akten  Bd.  XV.  S.  369/70,  Nr.  4357—4359.

a)  Dielliclander  waren  zum  größten  Teil  in  Transvaal  ansässige  Engländer.
  Sie  sollten  erst  nach  fünfzehn  Jahren  das  Bürgerrechte  erwerben.

3)  Akeen  Bd.  XV,  S.  370,  Nr.  4360  u.  4361.

191
        <pb n="202" />
        Herr  v.  Holstein  fürchtete  wahrscheinlich  und,  wie  sich
später  herausstellte,  mit  großem  Recht,  daß  diese  vorsichtige
  Einmischung  den  Mächten  des  Zweibundes  Anlaß
dazu  geben  könnte,  Deutschland  zu  einer  Vermiktlungsaktion
  zu  bestimmen.  Diese  Besorgnis  hak  ihn  augenscheinlich
  dazu  bestimmk,  in  weiser  Vorahnung  kommender
  Ereignisse  die  obige  Aufzeichnung  zu  machen,  die  hier
wiederum  deshalb  mitgekeilt  sei,  weil  sie  die  Beweggründe
der  von  Deutschland  während  des  Burenkrieges  befolgten
  Politik  aufdeckt  und,  da  Holsteins  Ratschläge  kaksächlich
  befolgk  wurden,  Zeugnis  für  den  Friedenswillen
der  deutschen  Politik  ablegk.1

„Auf  die  Vermittlung  zwischen  England  und  Trans—-—
vaal“,  so  schreibt  Herr  v.  Holstein  am  8.  Juni  1899,
„sollten  wir  uns  womöglich  nicht  einlassen.  Ohne  erheb—
liches  Zurückziehen  des  einen  Teiles  ist  der  Streit  nicht
auszugleichen.  Muten  wir  Transvaal  Konzessionen  zu,
die  dort  böses  Blut  machen,  so  haben  wir  Unannehmlichkeiten
  mit  der  deutschen  öffentlichen  Meinung.  Raten
wir  den  Engländern,  ihre  Stellung  als  Vormacht,  das
heißt  als  Suzerän,  nicht  länger  zu  beanspruchen,  so  kommen
  wir  England  gegenüber  auf  einen  Standpunkt  aku—
ten  Mißtrauens.  Deshalb  dürfte  es  sich  empfehlen,  zunächst
  abzuwarten,  ob  das  Ansuchen  um  Vermittlung
wirklich  an  uns  gestellt  wird,  und  uns  vorher  gar  nicht
zu  äußern,  weder  in  einem  noch  im  anderen  Sinne.  Wird
das  Ansuchen  wirklich  gestellt,  dann  wäre  etwa  folgen—
des  zu  antworten:

„Nachdem  die  Tatsache,  daß  Deutschland  und  England

 

1)  Alten  Bd.  XV,  G.  372,  Nr.  4362.

192
        <pb n="203" />
        hinsichtlich  der  Transvaal  benachbarten  südafrikanischen
Gebieke  ein  Abkommen:  geschlossen  haben,  in  die  Offenklichkeit
  gelangk  sei,  eigne  Deurschland  sich  nicht  mehr  zum
Vermittkler.  Jede  andere  als  eine  absolut  ankienglische
Entkscheidung  würde  als  parkeüsch,  als  das  Ergebnis  der
von  England  uns  gemachten  Konzessionen  hingestellk  werden.
  Es  sei  deshalb  auch  für  England  besser,  uns  nicht
in  den  Vordergrund  kreken  zu  lassen.  Dem  deutschen
Inkeresse  werde  wie  in  fast  allen  anderen  Fällen
souauch  hier  durch  Vermeidung  des  Krieges  am
besten  Rechnung  gekragen.  Wir  häkken  deshalb,  sobald
wir  entdeckten,  daß  hierin  Ubereinstimmung  zwischen  uns
und  der  niederländischen  Regierung  bestehe,  letzkere  beaufkragt,
  unseren  friedlichen  Rak  gleichzeikig  mik  dem  ihrigen
  nach  Präkoria  zu  übermikkeln.  Ohne  die  unverdächtige
  niederländische  Begleikung  würden  wir  vermuklich
mit  unserem  Rat  zurückgehalken  haben  in  der  Idee,  daß
der  durch  unser  südafrikanisches  Abkommen  bei  der  Transvaalregierung
  hervorgerufene  Eindruck  das  Gewichk  unserer
  Rakschläge  erheblich  herabmindern  müsse.  Als  der
geeignekste  Vermiktler  unker  allen  erscheine  uns  die  nordamerikanische
  Republik.  Einerseils  stehe  dieselbe  in  der
Gegenwark  unbedingk  England  am  nächsten  unker  allen
zivilisierken  Skaaken;  andererseiks  nehme  das  holländische
Elemenk  im  amerikanischen  Staaks=  und  Gesellschafksleben
  bis  zum  heutigen  Tage  eine  markanke  Stellung  ein.
Dieser  Umstand,  sowie  die  republikanische  Skaaksform
würden  nakurgemäß  den  Buren  Verkrauen  einflößen.“

 

1)  Das  Abkommen  vom  5.  September  1898  über  die  evenkuelle  Teilung
  des  portuglesischen  Kolonialbesitzes,  durch  das  Deutschland  ein
eminentes  Interesse  an  allen  Vorgängen  in  Südafrika  gewann.
Kronprinz  Wilhelm,  Ich  suche  d.  W.  13

193
        <pb n="204" />
        Nach  der  Behauptung  des  Senatsberichts  befand  sich
Deutschland  um  die  Jahrhundertwende,  also  ein  halbes
Jahr  nachdem  diese  Aufzeichnungen  niedergeschrieben  und
zur  Richtschnur  der  deutschen  Politik  gemacht  wurden,
im  unbestrittenen  Besitz  der  Hegemonie  in  Europa.  Wer
die  Vorherrschaft  in  der  Welt  besitzt,  kann  aber  nun
und  nimmermehr  solche  Polikik  kreiben,  wie  sie  hier  vorgeschlagen
  wird.  Denn  diese  Politik  bedeukeke  doch  den
Verzichk  auf  jeden  Einfluß  in  einer  Frage,  die  Deutschlands
  Inkeressen  wegen  der  in  Transvaal  angelegken
großen  deutschen  Kapikalien  und  der  vielen  dork  angesiedelken
  Deutschen  und  der  Zukunfksaussichken  des  Angloabkommens
  auf  das  engste  berührke.  Und  solcher  Verzicht
  ist  unvereinbar  mik  dem  Bewußtsein  der  Vorherr-W


Es  steht  nicht  im  Widerspruch  zu  den  in  Holsteins  Aufzeichnungen
  festgelegten  Richtlinien,  wenn  der  inzwischen
durch  den  Grafentitel  ausgezeichnete  Herr  v.  Bülow  acht
Tage  nach  dem  Ausbruch  des  Burenkrieges  am  18.  Oktober
  1899  den  französischen  Botschafter  Marquis  de
Noailles  besuchte,  um  ihm  mitzuteilen,  daß  die  französischen
  und  die  deutschen  Interessen  in  der  Welt  identisch
seien,  und  in  Bezug  auf  Afrika  sagte:  „Sie  sehen,  daß
unsere  Interessen  dort  ganz  die  gleichen  sind.  Abgesehen
vom  kleinen  Dreieck,  von  dem  ich,  wie  Sie  wissen,  nicht
sprechen  kann,  gibt  es  keinen  Punkt,  über  den  wir  uns
nichk  verständigen  könnken.“1  Denn  eine  Verständigung
mit  Frankreich  über  afrikanische  Fragen  war  doch  in  die- 



1)  Über  diesen  Besuch  enchalten  die  Akten  des  Auswärtigen  Amtes
nichts,  und  schon  daraus  gehe  hervor,  daß  ihm  Graf  Bülow  keine  große
Bedeutung  beimaß.  Wir  erfahren  von  ihm  durch  den  Senaksbericht,  in

194
        <pb n="205" />
        sem  Augenblick,  in  dem  der  wegen  Faschoda  zwischen  England
  und  Frankreich  entstandene  Konflikt,  der  beinahe
zum  Kriege  geführt  hatte,  schon  beigelegt  war,  sehr  wohl
möglich,  ohne  daß  englische  Interessen  dadurch  verletzt
wurden.  Wenn  Herr  Delcassé,  der  französische  Minister
des  Außeren,  in  Beankworkung  des  ihm  über  diese  Unkerredung
  zugehenden  Berichkes  sich  darüber  beklagt,  daß
die  kaiserliche  Regierung  krotz  ihrer  Uberzeugung  von  der
Gemeinschafflichkeit  der  deukschen  und  französischen  Inkeressen
  sich  niemals  zu  positiven  Vorschlägen  veranlaßk  gesehen
  habe,  so  beweist  das  ja  am  besten,  daß  Graf  Bülow
mit  seinem  Besuch  kein  deutsch-französisches  Vorgehen
gegen  England  vereinbaren  wollte,  um  Frankreich  dann
im  Stich  zu  lassen,  denn  sonst  hätte  er  doch  posikive  Vorschläge
  gemacht.  Dieser  Besuch  hakte  gerade  im  Augenblick
  des  Kriegsausbruchs  keinen  anderen  Zweck  als  den,
zu  bekonen,  daß  ein  freundschaftliches  Verhälknis  zwischen
  Deutschland  und  Frankreich  möglich  sei.  Es  konnken
ja  krotz  des  festen  Entschlusses  Deutschlands,  die  Neukralitäl
  im  Burenkriege  streng  zu  beobachten,  Konflikke
zwischen  Deutschland  und  England  ausbrechen,  und  es
mußre  der  deutschen  Regierung  nakürlich  daran  liegen,  für
diesen  Fall  wenigstens  zum  Zweibund  in  einem  möglichst
guken  Verhälknis  zu  stehen.  Solcher  Konflikt  ist  bekanntlich
  katfächlich  ausgebrochen,  als  England  nacheinander
drei  Dampfer  der  Ostafrikalinie  widerrechklich  beschlagnahmte.
  Irgendeine  Hinterlist  verbarg  sich  nicht  hinker
dieser  Absichk,  das  leidliche  Verhälknis  aufrechtzuerhaldem
  ein  Bruchstück  elnes  auf  ihn  bezüglichen  Briefes  des  Marquis  de

Noailles  vom  18.  Okkober  1899  und  die  Antwort  Delcassés  auf  diesen
Brief  vom  3o.  Oktober  mitgeteilt  werden.  A.  a.  O.  S.  286.

 

195
        <pb n="206" />
        ten,  das  sich  zwischen  Deutschland  und  Frankreich  während
der  Zeit  der  französisch-englischen,  in  der  Presse  Frankreichs
  zu  gehässiger  Feindschaft  gesteigerten  Entfremdung
gebildet  hatte.  Die  Gehässigkeit  der  Angriffe  der  französischen
  Presse  während  der  Dauer  des  wegen  Faschoda
ausgebrochenen  Konflikts  und  während  des  Burenkrieges
übersteigt  alle  Grenzen  des  Anstandes  und  stellt  alles  in
den  Schatten,  was  ein  Teil  der  deutschen  Presse  sich  in
dieser  Zeit  gegenüber  England  sehr  gegen  den  Wunsch
und  den  Willen  der  deutschen  Regierung  geleistet  hat.  Besonders
  die  französischen  Witzblätter  strotzten  von  schweren
Beleidigungen  gegen  die  Königin  Viktoria  und  das  ganze
englische  Volk.  In  der  Nummer  des  „Rire“  vom  15.  Oktober
  1899  ist  zum  Beispiel  die  Königin  Viktoria  in  einer
Badewanne  mit  der  Krone  auf  dem  Kopf,  die  Bibel
lesend,  abgebildet,  und  darunter  stehen  die  Worte:  „Gott
sei  gelobt,  daß  ich  noch  ein  Bad  im  Christenblut  nehmen
kann,  bevor  ich  sterbe.“  Ein  anderes  Bild  zeigt  den  geflügelten
  Tod,  wie  er  mit  der  Britannia  in  den  Knochenarmen
  zum  Himmel  fährt,  während  auf  der  Erde  Freu—
denfeuer  aufleuchten.  Darunter  stehen  die  Worte:  „Der
Tag,  an  dem  das  perfide  Albion  krepiert,  wird  ein  Freudentag
  für  die  ganze  Welt  sein.“  Ein  drittes  Bild  derselben
  Nummer  zeigt  die  Königin  von  England  verzweifelnd
  in  kniender  Stkellung  vor  dem  Präsidenten  Krüger
und  krägk  die  Unkerschrift:  „Beruhigen  Sie  sich,  alke
Dame,  Sie  sind  nur  in  der  Achtung  der  anständigen
Menschen  entthront.“  In  der  Nummer  vom  33.  November,
  die  der  berühmte  Karikaturenzeichner  Willette
ganz  und  gar  den  Engländern  gewidmet  hat,  sieht  man
Napoleon  J.  auf  Sankt  Helena  abgebildet  und  darunter

196
        <pb n="207" />
        die  Worte:  „Ich  habe  alle  Völker  besiegt  und  bin  der
Gefangene  des  feigsten.  O  Gott,  wie  bist  du  grausam!“

Daß  Deutschland  im  Burenkriege  für  eine  Aktion  nicht
zu  haben  war,  die  den  Bruch  mit  England  hätte  herbei—
führen  können,  darüber  konnke  man  in  Paris  krotz  dieses
Besuchs  des  Grasen  Bülow  beim  Marquis  von  Noailles,
auf  den  die  Herren  Bourgeois  und  Pages  so  viel  Gewicht
legen,  nicht  lange  im  Zweifel  sein.  Dennschon  am  ag.  Oktober,
  elf  Tage  nach  jenem  Besuch,  ergriff  der  Kaiser  selbst
die  Gelegenheil,  dem  französischen  Botschafter  darüber
reinen  Wein  einzuschenken.  An  diesem  Tage  kraf  er  mit
dem  MMarquis  im  Theaker  in  einer  Vorstellung  der  „Madame
  Sans  Gene“  zusammen,  und  als  der  Marquis
sich  besorgk  über  die  Weltlage  äußerke  und  vorsichtig  sondierke,
  ob  nichk  die  in  Afrika  interessierken  Nationen  ein
Inkeresse  daran  hälten,  gegen  die  englischen  Expansionsgelüste
  Vorsichksmaßregeln  zu  ergreifen,  ankworkeke  er
ihm:  „Wir  erleben  die  Neugründung  eines  zweiken  groben
  Kolonialreiches  wahrscheinlich  an  der  Stelle  von
Indien.  Zu  hindern  sei  das  jetzt  nicht  mehr.  Wenn  die
Engländer  bei  ihrem  Geschäfte  jetzt  irgendwie  gestört
würden,  würden  sie  durch  eine  leise  Ellbogenbewegung
uns  andere  an  der  Peripherie  Afrikas  Sitzenden  glatt
ins  Meer  werfen,  ohne  daß  wir  das  geringste  dagegen
machen  könnten.  Im  Jahre  1896  wäre  die  englische
Flotte  unvorbereikek  und  um  ein  Drikkel  schwächer  und
durch  sein  Telegramn  (gemeink  ist  das  Krügerkelegramm)
das  Land  völlig  überrascht  gewesen.  Wenn  damale  alle
Stkaaken  sich  an  uns  angeschlossen  häctten,  wäre  ekwas
zu  machen  gewesen.  Noailles  Vorgänger  Herbekte,  der
„Richelien“"  Frankreichs,  Hanokaux  und  Fürst  Lobanow

107
        <pb n="208" />
        hätten  uns  hohnlachend  den  Rücken  gedrehk  und  alles  gehofft
  von  einem  Zusammenstoß  zwischen  England  und  uns.
Jetzt  sei  die  Lage  eine  ganz  andere,  Englands  Flotte  jeder
Koalition  gewachsen,  Deutschland  so  gut  wie  ohne  Flotte.
Er  sei  also  nicht  in  der  Lage,  aus  der  strengsten  Neu—
tralität  herauszutreten,  und  müsse  sich  erst  eine  Flotte  besorgen.
  Nach  zwanzig  Jahren,  wenn  dieselbe  fertig  sei,
werde  er  eine  andere  Sprache  führen.“  Der  Inhalk  dieser
  Unkerredung  ist,  um  Zwiekracht  zu  säen,  in  ihr  Gegenkeil
  verdreht  worden,  und  zwar  wahrscheinlich  von  französischen
  Agenken,  wie  aus  der  folgenden  Darlegung  hervorgeht.
  Und  diese  enkstellken  I—eldungen  hat  noch  im
Jahre  1922  Eugen  Laukier  für  bare  Münze  genommen
und  im  „Homme  libre“  vom  9.  Okkober  dieses  Jahres
erzählk,  der  Kaiser  habe  damals  zu  dem  Marquis  von
Noailles  gesagk:  „Wir  müssen  uns  verständigen.  Wir
müssen  uns  mil  Ihnen  gegen  England  verständigen.  Das
ist  der  Angenblick  zum  Handeln.“  Mit  Rechk  sagt  der
Herausgeber  der  Akken,  daß  der  Kaiser  genau  das  Gegenkeil
  gesagk  hak.1

Wenn  der  Marquis  de  Noailles  seine  Regierung  über
diese  Unkerredung  richkig  unkerrichkek  hak,  konnke  man
schon  am  zo.  Okkober  in  Paris  nicht  mehr  im  Zweifel
darüber  sein,  daß  Deutschland  sich  während  des  Burenkrieges,
  wie  immer  er  auch  ausgehen  sollke,  aus  seiner
Nenukralikät  nichk  herauslocken  lassen  würde.  Und  dieses
Verhalken  war  eben  auch  ein  Ausfluß  des  deutschen  Friedenswillens,
  während  die  französisch-russischen  Versuche,
eine  Koalition  gegen  England  zustande  zu  bringen,  wenn

1)  Beriche  des  Kaisers  an  den  Grafen  Bülow.  Akten  Bd.XV,  S.4o6,
Nr.  4396  und  S.408,  Anm.

 

108
        <pb n="209" />
        sie  von  Erfolg  gekrönk  gewesen  wären,  einen  europäischen
Krieg  im  höchsten  Grade  wahrscheinlich  gemacht  häkten.
Denn  es  unkerliegk  keinem  Zweifel,  daß  in  dem  Augenblick,
  in  dem  Deutschland  sich  zur  Einmischung  in  den
Burenkrieg  hätte  verlocken  lassen,  das  französische  Volk
den  neuen  Haß  sofork  dem  alken  geopferk  hätke,  weil  es
keinen  Franzosen  gab,  für  den  Elsaß-Lokhringen  nichk
wichtiger  war  als  das  enklegene  Transvaal.

Trotz  der  nichk  mißzuverstehenden  Ankwork,  die  der
französische  Bokschafter  vom  Kaiser  erhalten  hakke,  versuchte
  er  acht  Tage  späker  nocheinmal,  den  Grafen  Bülow
zu  sondieren.  Er  berichkek  darüber  an  Herrn  Delcassé  am
6.  November:  „Jch  habe  den  Skaakssekrekär  rein  perlönlich
  und,  um  mich  selbst  zu  orientieren“  —  war  er  durch
jenes  Gespräch  im  Theaker  denn  noch  nichk  ausreichend
orienkierkworden?  (d.  Verf.)  —  „gefragk,  ob  ermir  eine  Andeutung
  über  die  Ark  machen  könnke,  wie  er  unsere  gegenseitigen
  Inkeressen  auffasse.  Graf  Bülow  bemerkke  nakürlich
  sofork,  was  mit  dieser  Sondierung  beabsichkigk  war,
und  beschränkke  sich  darauf,  aufmerksam  zuzuhören  und  zu
ankworken,  daß  die  Frage  ihn  außerordenklich  inkeressiere,
daß  er  aber  Zeit  brauche,  um  sie  so  gründlich  zu  studieren,
wie  sie  es  verdiene.“  1  Herr  Delcassé  bemerkke  endlich,  daß
der  JMarquis  de  Noailles  Frankreich  durch  seine  Zudringlichkeit
  in  eine  ungünstige  Lage  brächte,  und  schrieb  ihm:
„Ich  erfahre  aus  Berlin,  daß  Agenken  des  Ministeriums
des  Außeren  erzählen,  Sie  häkten  dem  Herrn  v.  Bülow

 

1)  Auch  über  diese  Uncerredung  enkhalten  die  deucschen  Akten  nichts.
Wir  erfahren  von  ihrem  Inhale  und  der  Anewort  Delcassés  auf  den
Beriche  über  sie  nur  durch  das  Buch  der  Herren  Bourgeolts  und  Pages.
S.  a.  a.  O.  G.  282.

199
        <pb n="210" />
        Eröffnungen  gemacht,  die  er  mit  Reserve  aufgenommen
hätte.  Diese  Umkehrung  der  Rollen  macht  die  größte
Vorsicht  notwendig.  Da  die  kaiserliche  Regierung  verschiedentlich
  im  Laufe  der  letzten  Jahre  die  Meinung  ausgesprochen
  hat,  daß  die  Interessen  Deutschlands  und
Frankreichs  in  Asien  und  Afrika  identisch  seien,  und  bedauert
  hat,  daß  ihre  Isolierung  ihre  Wahrnehmung  verbinderk,
  so  ist  es  ihre  Sache,  wenn  sie  es  für  richkig  hälk,
ihren  Gedanken  zu  präzisieren  und  zu  vervollständigen.“

In  Wahrheit  lag  aber  keine  Umkehrung  der  Rollen
vor,  wie  Herr  Delcassé  seinen  ungeschickten  Boschafter
glauben  machen  wollke,  sondern  Frankreich  hak  offenbar
die  Notlage  Englands  benutzen  wollen,  um  Deutschland
als  Prellbock  russisch-französischer  Inkeressen  verwenden  zu
können,  und  ist  an  der  Geschicklichkeit  der  deutschen  Diplomakie
  bei  diesem  Vorhaben  gescheiterk.  Herr  Delcassé  ist
freilich  nicht  gerade  auf  sein  Ziel  losgegangen.  Er  hat
von  vornherein  die  Absichk  gehabk,  das  Odium  der  Initiafie
  einer  ankienglischen  Aktion  auf  Deutschland  abzulenken.
  Das  hak  er  ganz  offen  in  der  Antwork  ausgesprochen,
  die  er  am  a8.  Februar  1900  dem  Grafen
IUnurawiew  auf  dessen  Anfrage  gab,  ob  er  mik  Rußland
zusammen  in  Berlin  eine  gemeinschaftliche  Inkervenkion
anregen  wolle.  Von  diesem  Versuch  wird  im  Folgenden
noch  ausführlich  die  Rede  sein.  Zunächst  hat  er  sich  dazu
nicht  seines  offiziellen  Verkrekers  in  Berlin,  sondern  eines
schon  mehrfach  im  Dienste  Frankreichs  tätig  gewesenen
Agenken,  des  Herrn  Jules  Hansen,  eines  Dänen,  bedienk,
um  feststellen  zu  lassen,  ob  Deutschland  für  eine  Einmischung
  in  den  Burenkrieg  zu  haben  sei.  Dieser  Herr  war
schon  im  Jahre  1696  auf  Veranlassung  Hanokaux'  durch

200
        <pb n="211" />
        dieselbe  Mittelsperson,  nämlich  Herrn  von  Huhn  von
der  Kölnischen  Zeikung,  an  die  deutsche  Regierung  herangetreten,
  um  eine  Annäherung  zwischen  Frankreich  und
Deutschland  herbeizuführen.  Schon  am  6.Okkober,  also
zwölf  Tage  vor  dem  Besuch  des  Grasen  Bülow  bei  dem
Moarquis  de  Noailles,  ließ  man  von  Berlin  aus  den  Grafen
  Hatzfeld  wissen,  daß  dieser  Agenk  durch  Vermittlung
des  Herrn  von  Huhn,  des  Berliner  Vertrekers  der  Kölnischen
  Zeitung,  um  eine  Audienz  beim  Staakesekrekär  nachgesucht
  habe,  „weil  er  beanftragk  sei,  ekwas  Wichtiges  über
südafrikanische  Angelegenheiten  mitzukeilen,“  und  daß
man  ihn  abschlägig  beschieden  habe.  Vergebens  bemühen
sich  also  die  Herren  Bourgeois  und  Pagss  auch  in  diesem
Falle  wiederum,  die  deutsche  Politik  der  Hinkerlist  und
Zwiespältigkeit  zu  bezichtigen.  Sie  war  nur  vorsichtig  und
zurückhaltend,  also  von  irgendwelchen  hegemonischen  Bestrebungen
  gewiß  nichk  geleikek.  Sie  pochke  nichk,  wie  man
ihr  nachkräglich  andichten  will,  auf  die  Stärke  ihrer  Stkellung
  in  Europa,  sie  mißbrauchke  nichk  die  im  Anfang  des
Burenkrieges  wirklich  im  höchsten  Grade  gefährdeke  Lage
Englands  in  Südafrika  zu  Inkrigen  gegen  England,  sondern
  leistete  allen  Versuchen,  sie  zu  einer  ankienglischen
Akrion  zu  bewegen,  entschlossenen  Widerstand.  Wenn
ihre  Leiker  die  Gelegenheit  benutzken,  um  ihre  welkpolitiscchen
  Ziele  weiter  zu  verfolgen,  und  den  angekündigken
Besuch  des  Kaiserpaares  in  London,  der  als  weithin
wirkendes  Zeichen  vollkommenen  Einverständnisses  gerade

 

1)  Auch  damals  war  die  um  Transvaals  willen  entstandene  Spannung
  zwischen  Deueschland  und  England  der  Anlaß  für  Frankreich
(Hanokaux),  eine  Verständigung  mie  Deueschland  zu  suchen.  S.  Akeen
Bd.  XI,  Nr.  284  2,  G.  324  u.  ff.
        <pb n="212" />
        in  den  kritischen  Novembertagen  des  Jahres  1899  für
England  von  der  größten  Wichtigkeit  war,  so  lange  hinausschoben,
  bis  die  immer  wieder  von  England  vertagte
Regelung  der  Besitzverhältnisse  auf  Samoa  zustande  gekommen
  war,  so  handelten  sie  nur  pflichtgemãß.  Es  wäre
unverantwortlich  gewesen,  wenn  sie  die  für  Deutschland
ungewöhnlich  glückliche  Weltlage  um  die  Wende  des
Jahrhunderts  nichk  dazu  benutzt  hätten,  um  die  Gleichberechligung
  Deutschlands  auf  den  Gebieken  weltpolitischer
  Bekätigung  zu  verlangen.

Auch  in  dieser  so  außerordenklich  günstigen  Lage  erhoben
  sie  keine  überkriebenen  Ansprüche.  Denn  was  bedeulek
  das  Verlangen  der  Aufhebung  des  Kondominiums
auf  den  Samoainseln  gegenüber  den  Ansprüchen,  die
Frankreich,  England  und  Jbalien  immer  gelkend  machken,
wenn  sich  für  sie  eine  ähnlich  günstige  Welklage  bildeke,
wie  für  Deutschland  während  des  Burenkrieges!  Nur  die
größte  Berlegenheit  über  den  Mangel  an  urkundlichem
Stoff  für  den  Beweis  von  Deutschlands  hegemonischen
Absichten  kann  die  mit  der  Erhärtung  von  Deutschlands
Schuld  am  Kriege  beauftragten  Juristen  und  Politiker
veranlaßt  haben,  diese  bescheidene  Ausnutzung  einer  günstigen
  politischen  Situation  als  einen  Beweis  für  die
Hinterlist  unserer  Politik  auszugeben.  Ohne  es  zu  wollen,
sprechen  sie  vielmehr  ein  Lob  und  keinen  Tadel  für  die
deutsche  Politik  aus,  wenn  sie  die  Gesandtschaftsberichte
aus  London  und  Wien  abdrucken,  aus  denen  hervorgeht,
daß  das  Ergebnis  der  deutschen  Politik  eine  sehr  beträchtliche
  Stärkung  der  Machkstellung  Deukschlands  war.1

 

1)  S.  a.  u.  O.,  S.  283.

·

202
        <pb n="213" />
        Denn  diese  Stärkung  war  ja  ausschließlich  durch  friedliche
  Mittel  erreicht  worden.  „Das  Jahr  1900“,  so
sagt  der  Senatsbericht,  „war  für  ihn  (den  Kaiser)  eine
Art  Triumphjahr.  Nach  dem  englisch-deutschen  Abkommen
  vom  September  1898,  das  der  deutschen  Kolonisation
  in  Afrika  fast  unbegrenzte  Aussichten  eröffnete;
nach  der  Reise  nach  Konstankinopel  und  Palästina  (im
Herbst  1898),  wo  der  Plan  der  Bagdadeisenbahn  Gestalt
  gewann,  der  Deukschland  die  Ausdehnung  seines
Handels  und  seines  Einflusses  durch  das  kürkische  Asien
hindurch  bis  zu  den  Grenzen  Persiens  und  Indiens  versprach;
  nach  der  Erwerbung  der  Karolinen  und  Marianen
  (Ende  1899),  deren  Besitz  ihm  die  Konkrolle  der
ganzen  den  Küsten  Ostasiens  benachbarken  Gegend  des
Stillen  Ozeans  möglich  machke  (sic!);  nach  der  Annahme
  des  zweiken  Flokkengesetzes  (im  Juni  rgoo),  das
ihm  für  die  Zukunfk  eine  der  englischen  gleiche  (ic!)
deulsche  Flotkte  sicherke;  nach  der  inkernationalen  Expedition
  vom  August  1920,  bei  der  Chinesen  an  der
Spitze  der  Truppenkonktingenke  aller  Meächke  einen  deukschen
  Feldmarschall  sahen,  bestritt  kein  Mensch  mehr
dem  Reich  die  „Weltkrolle“,  die  seine  wirkschaftliche  Takkraft
  und  seine  milikärische  JMacht  ihm  zu  spielen  gestakkeken.“
  1

Wenn  diese  Darstellung  auch  stark  überkreibk,  so  nimmt
an  ihr  doch  nur  eins  wunder,  daß  sie  in  einer  Anklageschrift
  gegen  Deutschland  und  nichk  in  einem  Buche  stehr,
dessen  Zweck  die  Verherrlichung  des  deutschen  Volkes
und  seiner  Regierung  ist,  die  allen  seindlichen  Mächrten

 

1)  S.  a.  a.  O.,  S.  288g.

203
        <pb n="214" />
        zum  Trotz  durch  ausschließlich  friedliche  Mittel  so  beispiellose
  Erfolge  erzielten.

Leider  ist  dieses  Bild  der  Stellung  Deutschlands  unter
den  Weltmächten  ganz  falsch  gezeichnet,  weil  ihm  alle
Schattenseiten  fehlen.  Denn  die  Größe  der  Gefahren,
die  Deutschland  gerade  wegen  dieser  Erfolge  bedrohten,
begann  um  die  Jahrhundertwende  zu  wachsen,  weil  sich
bald  nach  ihr  jene  Annäherung  zwischen  England  und
dem  Zweibund  vorzubereiten  begann,  die  wir  bis  dahin
zu  verhindern  gewußt  hatten.  Hätten  wir  während  des
Burenkrieges  eine  andere  Politik  verfolgt  als  die,  die
wir  ganz  konsequent  betrieben  haben,  so  hätte  sich  diese
Neubildung  der  europäischen  Bündnissysteme,  die  den
Wellkkrieg  in  ihrem  Schoße  barg,  schon  viel  früher  vollzogen.
  Der  Senaksbericht  schläge  deshalb  der  Wahrheit
ins  Gesichk,  wenn  er  dem  Kaiser  und  seinen  Rakgebern
diese  Politik  zum  Vorwurf  machk.  Aber  er  begnügt  sich
nichk  damik,  sondern  er  greift  auch  bei  dieser  Gelegenheit
wieder  zum  Mitkel  einer  ähnlichen  Geschichksfälschung,
wie  sie  im  Anschluß  an  die  Mission  des  Herrn  v.  Radowitz
  im  Jahre  18678  von  Gortschakoff  angezekkelt  wurde.  1
Von  ihr  muß  ich  noch  sprechen,  weil  die  Anklageschrift
aus  ihr  ganz  besonders  schwerwiegende  Schlüsse  zur  Begründung
  ihrer  grundlegenden  Thesen  von  Deutschlands
Schuld  zieht.

Der  im  Okkober  mißglückle  Versuch,  Deutschland  zu
einer  Einmischung  in  den  Burenkrieg  zu  bewegen,  wurde
im  Februar  1900,  als  nach  den  anfänglichen  Mißerfolgen
der  Sieg  Englandsnichk  mehr  zweifelhaft  erschien,  wieder- 



1)  Slehe  Kapicel  II,  S.  04.

204
        <pb n="215" />
        holk;  diesmal  aber  von  russischer,  nichk  von  französlscher
Seite  und  auf  dem  üblichen  diplomakischen  Wege.  Die
Herren  Bourgeois  und  Pages  schildern  diesen  Versuch
im  allgemeinen  richtig.  Ihre  Schilderung  wird  in  ihrem
ersten  Teil  durch  die  Akten  des  Answärkigen  Amkes  bestärtigt.
  Sie  ziehen  aus  ihr  nur  falsche  Schlüsse.  Sie  erzählen,
  daß  Graf  Murawiew,  der  russische  Minister  des
Außeren,  am  28.  Februar  bei  einem  Besuch  in  Paris  zu
Herrn  Delcassé  sagte,  seine  Regierung  sei  der  Ansicht,
daß  man  Deutschland  bewegen  müsse,  Parkei  zu  ergreifen,
indem  man  die  kaiserliche  Regierung  frage,  ob  sie  den
Augenblick  nicht  für  gekommen  halke,  einen  gemeinsamen
Schritkt  in  London  zu  kun,  um  den  Frieden  wieder  herzustellen.
  Delcassé  erwiderke,  daß  er  an  einen  Erfolg  dieses
Schriktes  nichk  glaube  —  was  beweist,  daß  er  über  die
Absichken  der  deutschen  Regierung  genau  unterrichket
war  —  daß  er  sich  aber  von  der  russischen  Regierung  nicht
frennen  wolle.  Er  ging  also  auf  den  Gedanken  ein,  aber
nur  unter  der  Bedingung,  daß  der  russische  Bokschaf-=ker
  in  Berlin  zugleich  im  Namen  Rußlands  und  Frankreichs
  spreche,  und  daß,  wenn  eine  Einigung  zustande
komme,  nichk  der  Zweibund,  sondern  Deurschland
  die  Inikiatkive  zu  einer  Vermiktlung  zwischen
  England  und  der  Transvaalrepublik  ergreifen  müsse.
Milt  einem  Work,  er  wollte,  daß  Deukschland  für  den
Zweibund  die  Kastanien  aus  dem  Feuer  holke.!  So  weik
die  Mitteilungen  des  Senaksberichks  über  das  Pariser
Vorspiel  des  Versuches,  Deutschland  zur  Teilnahme  an
einer  Inkervention  in  London  zu  veranlassen.  Aus  den

 

1)  A.  a.  O.,  S.  286/88.
        <pb n="216" />
        deutschen  Akten  erfahren  wir  nun,  daß  fast  gleichzeitig
in  Pekersburg  ein  anderes  Vorspiel  inszenierk  wordenwar.
Der  deutsche  Bokschaftker  am  russischen  Hofe  berichket  am
5.  Februar  über  ein  Gespräch,  das  er  mik  dem  dorkigen
englischen  Bokschafler,  Herrn  Charles  Scokk,  hakte.
Durch  dieses  Gespräch  wurde  eine  ganz  niederkrächtige
Inkrige  enthüllt,  über  deren  Ursprung  ganzsichere  Rachrichten
  nicht  vorliegen.  Herr  Scokk  sagke  nämlich  zum
Grafen  Radolin,  in  einem  übrigens  sehr  freundschaftlichen
Tone,  daß  die  in  Rußland  herrschende  antienglische  Stimmungauf
  Einflüsterungenvon  Deutschland  zurückzuführen
lei,  die  darauf  ausgingen,  Unfrieden  zwischen  Rußland
und  England  hervorzurufen.  „Was  soll  ich“,  so  fuhr  Herr
Scot  fork,  „dazu  sagen,  wenn  ich  höre,  daß  Seine  Moajestät
  der  Kaiser  kürzlich  in  Gegenwark  eines  fremden  Diplomaken
  sich  dazu  geäußerk  habe,  jetzt  wäre  der  MXomenk  für
die  Mächte  gekommen,  über  England  herzufallen,  es
wundere  ihn  nur,  daß  das  nichk  geschehe.“  Er  fügkte  hinzu,
„die  Worke  des  Kaisers  sind  sicherlich  verdreht  worden,
um  böses  Blut  zu  machen.  Taksache  aber  ist  es,  daß  solche
Außerungen  geglaubt  werden,  und  daß  folgerichtig  angenommen
  werden  muß,  daß  Deutschland  hetz.“  Es  kann
sich  hier  nur  um  eine  böswillige  Enkstellung  jener  oben
miktgekeilten  Unterredung  handeln,  die  der  Kaiser  am
29.  Oktober  mit  dem  Marquis  de  Noailles  hatte,  und  in
der  er  in  nicht  mißzuverstehender  Weise  jede  Einmischung
in  den  Burenkrieg  ablehnte.  Daß  der  Marquis  de
Noailles  selbst  die  vom  Kaiser  gesprochenen  Worte  so
wiedergegeben  hat,  wie  sie  nach  Petersburg  gelangt  sind,

 

1)  Akten  Band  XV,  GS.  513,  Nr.  4469.

206
        <pb n="217" />
        ist  nicht  anzunehmen,  denn  wenn  die  Herren  Bourgeois
und  Pagẽs  in  den  Akten  des  Quai  d'Orsay  eine  solche
Außerung  des  Kaisers  gefunden  hätten,  so  hätten  sie  sie
sich  gewiß  nicht  entgehen  lassen.  Es  ist  aber  wahrscheinlich
  —  und  der  Herausgeber  der  Akten  nimmt  es  auch
an  —  daß  diese  Gerüchte  von  Herrn  Jules  Hansen,  dem
französischen  Agenten,  verbreitet  wurden,  der,  wie  oben
erzählt,  im  Okkober  vergeblich  eine  Audienz  beim  Grafen
Bülow  erbeten  hakte,  und  sich  seildem  bemühkre,  in  London
  den  Glauben  zu  erwecken,  daß  Deutschland  eine
Koalition  gegen  England  zusammenbringen  wolle,  aber
bei  den  „lopalen  Regierungen  in  Paris  und  Petersburg“
auf  verschlossene  Türen  stoße.  Herr  von  Eckardkstein  behaupkek
  das  in  seinen  inkeressanken  Lebenserinnerungen
mit  großer  Bestimmkheik,  und  es  scheink  mir  angebracht,
seine  Erzählung  über  die  Unkerredung,  die  er  über  diese  Angelegenheit
  mik  dem  Prinzen  von  Wales  harte,  hier  im
Wortlaut  wiederzugeben.  Der  Prinz  war  damals  gerade
von  einer  Reise  nach  Dänemark  zurückgekehrk  und  auf  der
Durchreise  in  Alkona  vom  Kaiser  begrüßk  worden.  Bei
dieser  Begegnung  war  Eckardkstein  zugegen  gewesen,  und
der  König  hakke  ihn  gebeken,  ihn  sofork  nach  seiner  Rückkehr
  nach  London  aufzusuchen,  weil  er  ihm  Wichtiges
mitzukeilen  habe.  Auf  Grund  dieser  Einladung  fand  das
Gesprächstakk,  das  Eckardtstein  folgendermaßen  schilderk:
„Als  ich  vom  Prinzen  von  Wales  in  seinem  Arbeitszimmer
  empfangen  wurde,  drückke  er  zunächst  in  herzlichen
Worken  seine  Freude  über  den  unerwarkeken  Empfang
seikens  des  Kaisers  auf  dem  Bahnhof  in  Altona  aus.

1)  Hermann  von  Eckardtstein,  Hebenserinnerungen  und  politische
Denkwärdigkeiten,  Band  II,  S.  169ff.

 

207
        <pb n="218" />
        Dann  kam  er  sofort  auf  den  Murawiewschen  Interventionsvorschlag
  zu  sprechen  und  sagte  wörtlich:  „Zunächst
  bitte  ich  Sie  darum,  keinen  offiziellen  Gebrauch  von
dem  zu  machen,  was  ich  Ihnen  jetzt  mitteilen  werde.  Alles,
was  ich  Ihnen  sage,  ist  im  strengsten  Vertrauen.  Die
Tatsache  eines  russisch-französischen  Inkervenkionsvorschlages
  in  Berlin  ist  mir  ja  längst  aus  Briefen  des
Kaisers  bekannt,  ebenso  wissen  auch  die  Minister  davon.
Geitdem  hat  man  aber  wiederholt  aus  Petersburg  hier
mitteilen  lassen,  daß  Deutschland  unausgesetzt  versuche,
eine  Intervention  herbeizuführen.  Niemand  hat  aber
hier  diesen  Insinuationen  Glauben  geschenkt.  Leider  bin
ich  selbst  aber  während  meines  kürzlichen  Aufenthaltes  in
Kopenhagen  stutzig  geworden.  Es  ist  mir  dort  unter  anderem
  sogar  ein  schriftliches  Memorandum  in  der  Interventionsfrage
  überreicht  worden.  Hier  liegt  dieses  Schriftstück,
  welches  ich  Sie  durchzusehen  bitte.“

„Darauf  reichke  mir  der  Prinz  das  Skripkum  und  ich
las  es  durch.  Es  war  eine  Aufzeichnung  in  französischer
Sprache,  ohne  Unkerschrift  und  ohne  Dakum,  und  ihr
kurzer  Sinn  war  folgender:

„„Bereiks  vor  Ausbruch  des  Burenkrieges  häkte  die
deutsche  Regierung  wiederholk  in  Pekersburg  und  Paris
sondiert,  ob  beide  Mächte  evenkuell  dazu  bereik  sein
würden,  im  Kriegsfalle  sich  mit  Deutschland  zusammenzuschließen,
  um  England  in  den  Rücken  zu  fallen  und
eine  Neuregelung  des  kolonialen  Besitzstandes  in  Afrika,
in  Asien  und  im  Pazifik  herbeizuführen.  Weder  in  Pekersburg
  noch  in  Paris  sei  man  aber  auf  die  perfiden  Lokkungen
  der  deutschen  Diplomakie  eingegangen.  Erst  ganz
kürzlich  sei  wieder  ein  neuer  Vorstoß  in  dieser  Richtung

208
        <pb n="219" />
        von  Berlin  aus  erfolgt.  Man  habe  sich  an  die  Regierung
in  Petersburg  gewandt  und  ihr  nahegelegt,  in  Frank—
reich  dahin  zu  wirken,  für  die  Zukunft  jede  feindliche  Tendenz
  gegen  Deutschland  fallen  zu  lassen.  Falls  Rußland
und  Frankreich  mit  Deutschland  zusammengingen,  so
könnte  Rußland  in  Asien  und  Frankreich  in  Ägypten
sowie  anderen  Gebieten  Afrikas  bei  einer  etwaigen  Auf—
teilung  des  britischen  Kolonialreiches  große  Vorteile  erlangen.
  Selbstverständlich  sei  auch  diese  perfide  Zumutung
mit  Entrüstung  abgelehnk  worden.  Es  sei  aber  an  der
Zeik,  daß  das  englische  Kabinekk  endlich  einmal  die  großen
Dienste  anerkenne,  welche  Rußland  und  Frankreich  dem
brikischen  Reiche  durch  ihre  Loyalikät  geleistet  hätten  und
weiler  leisteken."“  Nachdem  ich  dieses  Schrifkstück  voll  Erstaunen
  durchgelesen  harte,  fragke  mich  der  Prinz,  was
ich  davon  hielke.  Darauflachte  ich  laut  auf  und  erwiderke,
daß  dieses  zweifellos  aus  der  Feder  von  Jules  Hansen
stammende  Dokumenk,  welches  ein  Phänomen  von  Verlogenheik
  und  Perfidie  darstelle,  nur  ein  neuer  Beweis
dafür  sei,  wie  emsig  daran  gearbeitek  würde,  England
und  Deurtschland  zu  enkzweien.  Der  Prinz  bemerkke  hierauf:
  Wer  der  ursprüngliche  Verfasser  dieses  Memorandums
  ist,  weiß  ich  nicht;  übergeben  wurde  es  mir  durch
eine  hochgestellke  Persönlichkeit  am  dänischen  Hofe  mit
der  Bemerkung,  daß  es  direkkaus  dem  Ministerium
in  Petersburg  stamme.“

So  wie  in  diesem  M#morandum  geschilderk  wird,
sollte  der  mißglückte  Inkerventionsversuch  Rußlands,
der  diese  beiden  Vorspiele  in  Paris  und  Pekersburg  hatte,
in  London  erscheinen.  Wie  aber  hat  er  sich  in  Wirklichkeit
  abgespielt?

Kronprinz  Wilhelm,  Ich  suche  d.  W.  14
209
        <pb n="220" />
        Am  3.  März  1900  übergab  der  russische  Botschafter
in  Berlin,  Graf  Osten-Sacken,  dem  Staakssekrekär  Grafen
  v.  Bülow  ein  Schrifkstück,  in  dem  die  Frage  angeregk
  wurde,  ob  es  nichk  möglich  sei,  dem  südafrikanischen
Krieg  durch  eine  gemeinsame  Vermitktlung  von  Rußland,
Frankreich  und  Deukschland  ein  Ende  zu  machen.  Dieses
Schriftstück  scheink  mir  zu  beweisen,  daß  der  vom  Grafen
UM#nurawiew  gemachrke  Vorschlag  russischer  Initiakive  entsprang
  und  gar  nichk  von  Deutschland  angeregk  worden
sein  kann.  Es  schlägk  die  Legende,  die  von  Pekersburg
aus  verbreikek  wurde  und  auch  heute  noch  von  den  Herren
Bourgeois  und  Pagés  als  Makerial  zu  ihrem  Schuldlügengebäude
  verwerkek  wird,  kok  und  soll  deshalb  in
seinem  Worklauk  hier  wiedergegeben  werden.

Es  ist  in  französischer  Sprache  abgefaßk  und  in  derselben
  Sprache  auch  zugleich  mit  der  Ankwork  des  Grafen
Bülow  an  den  deutschen  Botschafter  in  Pekersburg  geschicke
  worden.  Es  folgt  hier  die  deutsche  Ubersetzung:

„Das  kaiserliche  Kabinekt  ist  der  Ansichk,  daß  angesichts
  der  letzten  Ereignisse  und  des  neuerlichen  Erfolges
der  englischen  Waffen  für  die  Konkinenkalmächke,  die  in
besonderer  Weise  an  den  afrikanischen  Angelegenheiten
inkeressierk  sind,  der  Augenblick  gekommen  ist,  die  schweren
Folgen  zu  beschwören,  welche  die  vollkommene  Vernich--kung
  der  südafrikanischen  Republiken  haben  könnke.  Ein
freundschaftlicher  Druck  der  europäischen  Regierungen,
der  den  Zweck  härte,  dem  blutigen  Kampf  in  Afrika  ein
Ende  zu  machen,  erscheink  umsomehr  wünschenswerk,  als
die  öffenkliche  UI##einung  in  allen  Ländern  einstimmig  mit

 

1)  Akten  Bd.  XV,  S.  516,  Nr.  4472

210
        <pb n="221" />
        der  heroischen  Verteidigung  des  tapferen  Burenvolkes,
das  für  seine  Unabhängigkeit  kämpft,  sympathisiert  und
sich  gegen  die  Gleichgültigkeit  empört,  welche  die  Regierungen
  gegenüber  dem  ungleichen  Kampf  gegen  die
Macht  Großbritanniens  bekunden.  Der  Augenblick  erscheint
  in  umso  günstigerem  Lichte,  als  der  Kriegsschauplatz
  aus  den  englischen  Gebieken  Südafrikas  in  den
Oranjefreistaak  verlegk  worden  ist,  wo  die  englischen
Truppen  soeben  einen  Sieg  davongekragen  haben,  der
geeignek  ist,  ihren  Makionalstolz  zu  befriedigen.  Für  den
Fall,  daß  die  Regierungen  Deutschlands  und  Frankreichs
mit  dem  Gedanken,  einen  freundschaftlichen  Druck  auf
England  auszuüben,  einverstanden  sind,  würde  das  kaiserliche
  Kabinekk  sich  nicht  weigern,  im  Zusammenarbeiten
mit  der  zwischen  Deutschland  und  Frankreich  herbeigeführken
  Verständigung  über  das  zu  erreichende  Ziel,
seinen  moralischen  Beistand  einem  Werke  zu  gewähren,
das  den  humanitären  Grundsätzen  enkspricht,  zu  denen
sich  die  Mächte  auf  der  inkernationalen  Konferenz
im  Haag  bekannt  haben.“

Dieses  Schriftstück,  das  in  besonders  feierlicher  Form
im  Aufkrage  des  Kaisers  Nikolaus  überreichk  wurde,
trägk  so  deutlich  die  Kennzeichen  seines  ruffischen  Ursprungs,
  daß  es  von  Deulschland  nicht  angeregk  worden
  sein  kann.  Ist  es  denkbar,  daß  es  von  einer  solchen
Anregung  kein  Work  verlauten  ließe,  wenn  es  nicht
aus  der  eigenen  Inikiative  der  rufsischen  Regierung  hervorgegangen
  wäre?  Ein  solcher  Hinweis  häkke  in  diesem
  Fall  schon  deshalb  in  diesem  Dokumenk  nichk  gefehlk,
  weil  man  in  Pekersburg  Gewicht  darauf  legen
mußte,  urkundlich  beweisen  zu  können,  daß  die  Anre-211
        <pb n="222" />
        gung  zur  Vermiktlung  von  Deukschland  ausgegangen
  sei.

Und  wäre  es  möglich,  daß  die  Ankwork  auf  dieses
Schriftstück  so  ausgefallen  wäre,  wie  sie  ausgefallen
ist,  wenn  die  deutsche  Regierung  jemals  in  Pekersburg
den  Wunsch  nach  einer  Inkervention  hälte  verlauten
lassen?

Graf  Bülow  ankworkeke  nämlich  solgendes:  „Diese
Anregung,  welche  der  Ausdruck  deredlen  und
menschenfreundlichen  Gesinnungen  Seiner
Majestät  des  Kaisers  Rikolaus  isk,  kann  uns
umso  weniger  überraschen,  da  sie  nakurgemäß  aus  der
Stellung  folgk,  welche  den  Zaren  veranlaßte,  die  Friedenskonferenz
  im  Haag  zusammenzuberufen.  Diese  leikende
  Skellung  bringk  es  auch  mit  sich,  daß  Seine  JMajestäl
  der  Kaiser  Nikolaus  zunächst  won  sich  aus  ermitkelk,
welche  Aufnahme  der  Friedensgedanke  bei  der  Regierung
Ihrer  Moajestät  der  Königin  Vikkoria  findek.

„Was  Deutschland  berriffk,  so  möchke  ich  schon  heute
ohne  Bezugnahme  auf  dievorliegende  Frage
ganzallgemeinundprinzipiellbemerken,  daß
die  deutsche  Polikik  die  JIl#öglichkeik  von  Verwicklungen
mit  anderen  Großmächken  und  namenklich  mit  anderen
Seemächken  besonders  sorgfältig  vermeiden  muß,  solange
wir  nichk  der  Halfung  unseres  Nachbarn,  Frankreich,
sicher  sind.  Diese  Sicherheik  würde  nur  durch  eine  Abmachung
  geboken  werden,  durchwelche  die  verkragschließenden
  Mächte  für  eine  längere  Reihe
von  Jahren  sich  ihren  Besitzstand  gegenseitig
  garankieren.  Eine  solche  Abmachung  ist  deshalb
für  uns  die  nokwendige  Vorbedingung,  um  zu  erwägen,

212
        <pb n="223" />
        ob  wir  uns  in  neue  und  weitgehende  Kombinakionen  einlassen
  können.“

Hier  lehnte  also  Graf  Bülow  jedes  Eingehen  auf  den
russischen  Vorschlag  ab,  bevor  nicht  durch  Rußland  in
London  festgestellt  worden  sei,  ob  England  geneigt  sei,
die  Bermittlung  der  Kontinentalmächte  anzunehmen.

Er  wollte  eben,  weil  es  ihm  galt,  den  europäischen  Frieden
  zu  erhalten,  keinen  Druck  auf  England  ausũben,  und
er  legte  seine  Karten  so  offen  auf  den  Tisch,  daß  er  den
beiden  Nachbarn  den  Grund  für  dieses  sein  Verhalten
sagte.  Es  war  der  triftigste  Grund,  der  sich  denken  läßt,
nämlich  der,  daß  man  in  Frankreich  immer  wieder  und
zu  allererst  an  Elsaß-Lothringen  dachte,  daß  keine  deutsche
Regierung  sich  den  Luxus  eines  Zerwürfnisses  mit  England
  gestatten  könnte,  solange  seine  Westgrenze  nicht  gesicherk
  war.  Wie  berechtigk  diese  Stellungnahme  war,
hak  das  Jahr  1974  mit  schrecklicher  Klarheik  offenbark.
Und  die  Berechkigung  zur  Aufstellung  dieser  Bedingung
wird  auch  durch  die  Ankwork  erhärkek,  die  Graf  MMurawiew
  auf  die  Begründung  gab,  in  der  in  der  Takt
der  Schlüssel  zu  unserer  ganzen  Politik  zu
finden  ist.  Graf  IUurawiew  sagte  nämlich  dem  Fürsten
Radolin:  Richt  24  Stunden  würde  sich  in  Frankreich
ein  Min##sterium  halken  können,  das  sich  dazu  verstände,
auf  solche  Verpflichkung  Deutschland  gegenüber  einzugehen.


Die  Verfasser  des  Senaksberichks  aber  machen  es  der
deulschen  Regierung  zum  ganz  besonderen  Vorwurf,  daß
sie  den  russischen  Vorschlag  mik  dieser  Begründung  ab- 



1)  Akten  Bd.  XV,  S.  528.

#12
-—
□z
        <pb n="224" />
        gelehnt  hat.  Dazu  haben  Angehörige  einer  Nation  nicht
die  geringste  Berechtigung,  die,  obwohl  sie  durch  eigene
Macht  und  die  Bürgschaftsartikel  des  Vertrags  von
Versailles  so  stark  gegen  jeden  Angriff  geschützt  ist,  wie
keine  andere  Macht  auf  Erden  es  jemals  war,  seit  fünf
Jahrenununterbrochen  nach  einem  Sicherheitspaktschreit,
der  ihren  Besitzstand  garantieren  soll.

Die  Verfasser  der  sranzösischen  Anklageschrift  behaupten
  weiter,  daß  die  Ablehnung  des  russischen  Vorschlags
nach  den  verschiedenen  Versuchen  Deutschlands,  eine
Verständigung  mit  Frankreich  und  Rußland  herbeizu—
führen,  die  Doppelzüngigkeit  der  deutschen  Politik  zur
Evidenz  beweise.  Wir  haben  gesehen,  daß  diese  Behauptung
  den  Tatsachen  widerspricht.  Mit  ihrer  Aufstellung
begnügen  sie  sich  aber  nicht,  sondern  sie  sagen,  daß  sich
der  russische  Vorschlag  gar  nicht  anders  als  durch  eine
Anregung  von  seiten  Deutschlands  erklären  lasse,  weil
vierzehn  Tage  vorher  Murawiew  und  General  Kuropatkin
  nach  einem  Bericht  des  französischen  Botschafters
in  Petersburg  erklärt  hätten,  daß  ein  solcher  Schritt  in
Berlin  keinen  Erfolg  haben  würde.  Und  in  der  Tak
sagte  auch  Mk#urawiew  dem  Fürsten  Radolin,  als  dieser
ihm  die  Ankwork  des  Grafen  Bülow  am  5.  Meärz  überbrachke,
  „er  habe  auf  Grund  von  früheren  Meldungen,
die  ihm  aus  Paris  und  Berlin  zugegangen
seien,  angenommen,  daß  er  durch  seinen  Vorschlag
der  auf  die  Erhaltung  des  Welkfriedens  gerichkeken  Politik
  des  Kaisers  und  den  Inkenkionen  der  kaiserlichen
Regierung  enkgegengekommen  sei“.:  In  dem  Bericht,

1)  A.  a.  O.  S.  288.

2)  Akten  Bd.  XV.  S.  ö19,  Nr.  4464.

 

214
        <pb n="225" />
        den  Fürst  Radolin  diesem  Telegramm  am  11.  März
folgen  ließ,  teilt  er  mit,  Graf  Murawiew  sei  bestrebt
gewesen,  den  Eindruck  hervorzurufen,  als  sei  der  an
Graf  Osten-Sacken  erteilke  Aufkrag  lediglich  die  Folge
von  Außerungen  Seiner  Majestät  des  Kaisers
und  Königs  an  denrussischen  Bokschafter  in
Berlin  gewesen,  die  auf  den  Wunsch  einer
Inkervention  behufs  Beilegung  des  Krieges
hinzielken.  Der  Kaiser  erklärte  diese  Behaupkung  in
zwei  drastischen  Randbemerkungen  für  eine  Lüge.

In  den  Akken  des  Auswärkigen  Amkes  findekt  sich  über
solche  MXeldungen  und  solche  Außerungen  des  Kaisers
nichks,  dagegen  aber  die  seit  dem  Januar  mehrfach  wiederholte
  Versicherung,  daß  Deutschland  für  eine  Inkervenkion
  nicht  zu  haben  sei.1

Dennoch  erheben  die  Herren  Bourgeois  und  Pages,
lediglich  auf  vage  Vermukungen  hin,  die  durch  die  obige
Darstellung  widerlegk  werden,  die  furchtbare  Anklage,
daß  der  Kaiser  in  Pekersburg  nur  deshalb  eine  dork  gar
nicht  beabsichtigke  Inkervention  angeregk  habe,  um  sie
der  Königin  Wikkoria  als  feindselige  Handlung  Rußlands
  und  Frankreichs  denunzieren  zu  können.  Und  knüpfen
  daran  die  folgende  Frage:  Kann  man  eine  PoliLik,
die  solche  Mittel  anwendet,  eine  Politik  des  Friedens
nennen?*

Ich  will  die  gleiche  Frage  nichk  an  die  Adresse  Frankreichs
  richten,  weil  es  nichk  möglich  ist,  zu  beweisen,  daß
das  dem  Prinzen  von  Wales  in  Kopenhagen  überreichke
Memorandum  in  Paris  fabriziert  worden  ist,  sondern

1)  Akten  Bd.  XV,  Nr.  4463  und  4464.
2)  A.  a.  O.  S.  288
        <pb n="226" />
        nur  feststeht,  daß  es  von  Petersburg  seinen  Weg  nach
der  dänischen  Hauptstadt  genommen  hat.  Aber  es  ist  doch
im  höchsten  Grade  wahrscheinlich,  daß  dieses  lügenhafte,
in  französischer  Sprache  abgefaßte  Schriftstück  wenigstens
aus  der  Feder  eines  französischen  Geheimagenten
stammt.  Auf  den  französischen  Ursprung  dieser  Verleumdung
  kann  man  auch  daraus  schließen,  daß  Graf
Metternich  am  28.  und  31.  März  berichtete,  dem  Lord
Rothschild  sei  aus  Paris  die  Mitteilung  zugegangen,
Deutschland  versuche  Frankreich  und  Rußland  zur  Intervention
  im  südafrikanischen  Kriege  zu  bewegen,  stelle  aber
dabei  für  sich  selbst  ganz  exorbitante  Forderungen,  und
dem  Lord  sei  auf  Anfrage  in  Paris  die  Ankwork  zugegangen,
  daß  Deutschland  von  der  französischen  und  russischen
  Regierung  die  Garankierung  des  permanenken  Belitzes
  von  Elsaß-Lothringen  verlangk  habe.1  Graf  Bülow
sagke  die  reinste  Wahrheik,  als  er  dem  Grafen  Metternich
  auf  diese  Nachrichk  ankworkeke:  „Die  französische
JKeldung  ist  eine  Lüge.  Die  deutsche  Regierung  haf
weder  offkziell,  noch  inoffiziell  ekwa  durch  Mitelspersonen,
versuchk,  Frankreich  und  Rußland  zur  Inkervention  im
südafrikanischen  Kriege  zu  bewegen.  Dagegen  sind  an
uns  seit  Jahr  und  Tag,  sowohl  vor  wie  nach  dem  Ausbruch
  des  Transvaalkrieges  mehr  als  einmal  Anregungen
  von  verschiedenen  Seiten  herangekreken,  welche
bezweckken,  die  UM—ikwirkung  Deutschlands  für  die  Bildung
einer  antienglischen  Konkinenkalgruppe  zu  gewinnen.“?

Also  auch  diese,  die  deutsche  Politik  so  schwer  belastende
niederkrächtige  Verleumdung  wird  durch  die  Akken  des

1)  Aklen  S.  534,  Nr.  4493  und  G.  639,  Nr.  4495.
a)  Akten  S.  542/¼¾3,  Nr.  4497.

 

210
        <pb n="227" />
        Auswärkigen  Amkes  als  solche  gekennzeichnek,  und  dadurch
  einer  der  Tragpfeiler  des  Schuldlügengebäudes  in
Trümmer  gelegk.  Aus  diesem  Grunde  habe  ich  mich  so
ausführlich  mit  dieser  Angelegenheit  beschäftigk.

Siebenkes  Kapikel.
Wettrüsten

D  Jahre,  die  dem  Burenkrieg  folgten,  sind  zwar
von  der  größten  Wichtigkeit  für  die  Geschicke
Deutschlands  geworden,  weil  sich  in  ihnen  der  Anschluß
Englands  an  Frankreich  und  durch  Frankreich  an  den
Zweibund  vollzog,  und  weil  Italien  und  Frankreich  zu
einer  Verständigung  über  ihre  Miittelmeerinteressen
kamen.  Aber  sie  geben  gerade  deshalb,  weil  diese  Vorgänge
  sich  noch  weniger  als  die  Ereignisse  des  letzken
Jahrzehnks  des  neunzehnken  Jahrhunderts  mit  der  Behaupkung
  in  Einklang  bringen  lassen,  daß  Deutschland
die  Hegemonie  in  Europa  eroberk  habe,  den  Anklägern
Deutschlands  nichk  die  geringste  Gelegenheit  zur  Begründung
  der  von  ihnen  aufgestellken  Thesen.  So  geht
denn  auch  der  Senakseberichk  der  Herren  Bourgeois  und
Pagés  über  die  Jahre  von  1901  bis  1904  mit  einer
Schilderung  hinweg,  die  eigenklich  alles  über  den  Haufen
wirfk,  was  diese  Herren  auf  den  vorhergehenden  150  Seiken
  beweisen  wollken.  Denn  sie  erzählen  da,  daß  es  der
Geschicklichkeit  Delcassés  gelang,  die  Versöhnung  und
schließlich  die  restlose  Verständigung  über  alle  kolonialen
Streitigkeiten  zwischen  England  und  Frankreich  herbei-217
        <pb n="228" />
        zuführen,  und  daß  die  Aggresswkraft  des  Dreibundes  in
diesen  Jahren  ganz  systematisch  gebrochen  wurde,  daß
Rußland  eine  Annäherung  zwischen  Deutschland  und
Frankreich  herbeizuführen  suchte  und  daß  der  französische
Zotschafter  in  Berlin,  Herr  Bihourd,  nach  dem  fast
gleichzeitigen  Besuch  des  Präsidenken  Loubek  in  London
und  des  Königs  Viktor  Emanuel  III.  in  Paris  kriumphierend
  schrieb:  „das  sind  unker  den  gegenwärkigen
Verhälknissen  nichk  mehr  inkernationale  Höflichkeiksbezeugungen,
  das  muß  starken  Eindruck  auf  Wilhelm  II.
machen.“  Und  sie  zitieren  die  Reichskagsrede  des  Grafen
Bülow  vom  20.  Jannar  19g0#  3,  in  der  der  deutsche  Reichskanzler
  sagke,  er  sei  überzeugk,  daß  die  ruhigen  und  friedlichen
  Beziehungen  zwischen  Frankreich  und  Deutschland
den  Inkeressen  und  dem  Wohl  der  beiden  Länder  dienen,
daß  es  eine  Reihe  von  Fragen  gebe,  in  denen  sie  in  ihrem
gegenseikigen  Inkeresse  Hand  in  Hand  gehen  können,
und  daß  er  seinerseits  forkfahren  werde,  den  guken  Beziehungen
  zum  RNachbarn  im  Westen  die  sorgfältigste
Pflege  zu  widmen.  Mit  all'  dem  schildern  sie  doch  einen
Zustand,  der  mik  einer  Vorherrschaft  Deutschlands  in
Europa  ganz  unvereinbar  ist.  Wer  immer  wieder  Annäherung
  und  Verständigung  sucht,  der  kann  die  Hegemonie
  weder  besitzen,  noch  erstreben  und  kann  erst  recht
nicht  auf  einen  Krieg  mit  den  Nachbarn  hinarbeiken,  mik
denen  er  sich  verständigen  will.

Aber  diese  Feststellungen,  die  sich  in  einer  Anklageschrift
  höchst  sellsam  ausnehmen,  hindern  ihre  Verfasser

nichk  daran,  in  dem  ihre  Ausführungen  zusammerfas- 



1)  A.  a.  O.  S.  29%  g3
218
        <pb n="229" />
        senden  Schlußabsatz  des  Abschnittes,  dem  sie  den  Titel
„Die  deutsche  Hegemonie“  gegeben  haben,  Deutschland
zu  beschuldigen,  daß  es  während  der  ganzen  Zeit  von
1871  bis  1914  den  Krieg  vorbereitet  habe.  Und  sie  spielen
  da  zum  Schluß  ihren  letzten  Trumpf  aus,  indem  sie
schreiben:!  „Von  1871  bis  1914  hak  Deutschland  niemals
  aufgehörk,  seine  Rüstungen  zu  verstärken.  Nachdem
  es  seiner  Armee  eine  ständige  Organisakion  gegeben
  hakke,  die  durch  das  erste  Sepkennak  vom  April  1874
unabhängig  von  den  parlamentarischen  Strömungen
geworden  war,  hak  sich  die  kaiserliche  Regierung  nichk
damit  begnügk,  die  Septennake  immer  vor  ihrem  Ablauf
  zu  erneuern,  sie  hak  auch  von  Erneuerung  zu  Erneuerung
  oder  durch  Spezialgesetze  unanfhörlich  die  auf
dem  Volk  ruhenden  Lasten  gesteigerk  und  die  Friedenspräsenzstärke,
  wie  im  Jahre  1888,  und  die  Kriegsstärke,
wie  im  Jahre  1893,  erhöht.  Sie  wollte  ein  möglichst
starkes  Heer  haben,  und  wollke,  daß  diese  Armee  durch
ihre  Organisation  und  ihre  Ausbildung  immer  bereik  sein
sollke,  in  die  Fronk  einzukreten  (sic!).  Und  als  dann
Deukschland  durch  seine  Expansionspolikik  in  der  Welt
in  Wektbewerb  mik  den  Seemächten  krak,  verstärkte  die
kaiserliche  Regierung  ihre  Flokke,  wie  sie  ihr  Landheer
verstärkt  hatte,  und  das  Flottengesetz  von  1900  folgte
dem  von  1898,  wie  sich  bis  dahin  die  Milikärgesetze  einander
  gefolgk  waren.  In  Wahrheit  bereikeke  sie  nichf
allein  die  Armee  und  die  Flokte  vor,  sondern  den
Krieg.  Der  Große  Generalstab  stellt  —  (was  seines
Amkes  ist)  —  einen  Operakionsplan  gegen  jeden  seiner

 

1)  A.  a.  O  S.  294/2953.
        <pb n="230" />
        Nachbarn  auf  und  paßt  ihn  von  Tag  zu  Tag  den  veränderten
  Verhältnissen  an.  Aber  nach  der  Aufstellung
dieses  Planes  unterstützt  die  Regierung  seine  materielle
Vorbereikung  im  Osten  sowohl  wie  im  Westen  durch
Befestigungswerke,  durch  strakegische  Bahnen,  milikärische
  Werladungsstellen  und  Ubungsplägze,  soweit  es  der
Friedenszustand  nur  irgend  erlaubk.,  Sie  wollen  immer
bereik  sein",  schreibt  Herr  Cambon,  von  den  Deutschen
sprechend,  im  Mai  1913.  Und  es  war  immer  so  in  der
Zeit  Bismarcks  und  Kaiser  Wilhelms  II.“

Mit  diesen  Ausführungen  wird  Deutschlands  Kriegswille
  so  wenig  bewiesen,  daß  sie  nach  ganz  geringen  sachlich
  nichts  bedeukenden  Anderungen  auch  zukreffend  blieben,
  wenn  man  in  ihnen  die  Worke  „Deutschland  und
die  kaiserliche  Regierung“  durch  die  Worke  „Frankreich
und  die  Regierung  der  Republik“  oder  „Rußland  und
die  Regierung  des  Zaren“  ersetzte.

Denn  es  ist  an  Hand  der  Taksachen  leichk  zu  beweisen,
daß  diese  beiden  Länder  seit  1873  ganz  dasselbe  gekan
haben,  was  die  Herren  Bourgeois  und  Pagss  hier
Deukschland  vorwerfen,  daß  sie  aber  viel  weniger  Grund
dazu  hakken,  weil  sie  nicht  von  einem  Zweifronkenkrieg
bedroht  wurden.  Das  har  schon  Lloyd  George  anerkannk,
  als  er,  damals  in  der  Opposikion,  im  Parlament
Deutschland  gegen  den  Vorwurf  verkeidigke,  daß  es  sich
ein  zu  starkes  Heer  schaffe.  Trotzdem  will  ich  im  Folgenden
  nachweisen,  daß  sich  Deutschland  auch  mil  seinen
Rüstungen  immer  im  Zustande  der  Verteidigung  befand,
daß  es  das  Gegenkeil  der  Wahrheit  ist,  wenn  seine  Ankläger
  behaupten,  seine  Armee  sei  so  stark  wiemöglich
  gewesen,  und  daß  Deutschland,  als  der  Krieg

220
        <pb n="231" />
        ausbrach,  nicht,  wie  die  Noke  vom  16.  Juni  1919  behaupkek,
  allein  unker  allen  Völkern  für  den  Krieg  gerüstek
  war,  sondern  daß  im  Gegenkeil  seine  verbündeken
Feinde  ihm  und  seinen  Verbündeken  an  Zahl  und  an
Bewaffnung  gewalkig  überlegen  waren,  daß  also,  wenn
man  aus  der  Stärke  der  Rüstungen  —  was  ich  in  Abrede
  stelle  —  überhaupk  einen  Schluß  auf  den  Kriegswillen
  eines  Volkes  ziehen  könnte,  der  Kriegswille  ganz
allein  auf  der  Seite  unserer  Feinde  gewesen  sein  müßte.
Geradezu  lächerlich  wirke  es,  wenn  es  in  dieser  Schilderung
  als  ein  erschwerender  Umstand  berrachket  wird,  daß
die  deulsche  Armee  durch  ihre  Organisation  und  ihre
Ausbildung  immer  bereik  sein  sollte,  „an  die  Fronk  zu
gehen"“,  als  ob  das  nicht  zu  jeder  Zeit  und  in  allen  Ländern
die  selbstverständliche  Bestimmung  aller  Heere  gewesen
wäre,  die  ekwas  anderes  sein  sollten,  als  Spielzeuge  für
prunkliebende  Herrscher.  Ebenso  lächerlich  ist  es,  daß  dem
deutschen  Generalstabe  vorgeworfen  wird,  Feldzugspläne
für  alle  Möglichkeiten  aufgestellt  und  sie  immer  den  veränderken
  Verhälknissen  angepaßt  zu  haben.  Als  ob  nicht
in  jedem  Lande  jeder  Generalstab,  der  das  nicht  käke,  mit
Fug  und  Rechk  als  werklos  zum  Teufel  gejagk  werden
würde,  weil  er  durch  solche  Unkerlassungssünden  seine
Daseinsberechtigung  verlöre!

Durch  die  deutschen  Rüstungen  wird  nichks  an  der
Wahrheik  der  Worte  geänderk,  die  mein  Vatker  in  seiner
oben  ziklierken  Thronrede  sagke,  daß  es  seinem  Herzen
sern  läge,  die  durch  das  jüngste  Wehrgesetz  geschaffene
Stärke  seiner  Armee  zu  Angriffskriegen  zu  benutzen,  und
daß  Deutschland  weder  neuen  Kriegsruhmes  noch  neuer
Eroberungen  bedürfe,  nachdem  es  die  Berechligung,  als

221
        <pb n="232" />
        einige  und  unabhängige  Nation  zu  bestehen,  endgültig
erkämpft  habe.

Mit  welchem  Ereignis  begann  das  Wettrüsten  unter
den  europäischen  Völkern  nach  18717  Es  begann  mit
dem  französischen  Rekrutierungsgesetz  von
1872,  das  neun  Jahrgänge  zur  Einreihung  in  die  akkive
Armee  disponibel  machke  und  Frankreich  in  den  Stand
setzte,  mit  den  Reserven  der  akkiven  und  Terrikorialarmee
bei  einer  Bevölkerung  von  36  Millionen  ein  Heer  von
2000ooo  Mann  ins  Feld  zu  stellen.

Die  Ankläger  Deutschlands  behaupkten,  daß  das  deuksche
  Heeresgesetzvom  Jahre  18y74  das  Signal  zum  Wettrüsten
  gegeben  habe.  Sie  behaupken  das,  obwohl  durch
dieses  Gesetz  die  seit  1867  verfassungsgemäß  festgelegke
Friedenspräsenzstärke  von  1%%  der  Bevölkerung  nicht
erreicht,  geschweige  denn  erhöhr  wurde.  Dieses  Gesetz
war  aber  nur  die  spät  erkeilte  Ankwork  auf  das  französische
  Gesetz  von  1872  und  steigerke  die  Friedenspräsenzstärke
  nur  auf  4016699  Mann  bei  einer  Bevölkerung
  von  41  Millionen,  und  die  Kriegsstärke  einschließlich
  der  Ersatztruppen  und  der  Besatzungskruppen  auf
1271350  Mann  ohne  Landsturm,  während  nach  dem
französischen  Gesetz  von  1872  die  budgetmäßige  Friedenspräsenz
  für  das  Jahr  1876  bei  einer  Bevölkerung
von  nur  36  Millionen  442014  Mann,  die  Kriegsstärke
ohne  die  Terrikorialtruppen  aber  1200000,  mit  ihnen
2  200000  Mann  bekrug.1

In  der  Rede,  die  Generalfeldmarschall  Helmuth  von
M-oltke  während  der  ersten  Lesung  des  Heeresgesetzes

1)  S.  den  Bericht  des  Staakssekretärs  v.  Bülow  vom  12.  April  1875
an  Kaiser  Wilhelm  I.  Akten  Bd.  I.  S.  255  ff.,  Nr.  163.

 

222
        <pb n="233" />
        von  1874  am  16.  Februar  hielt,  einer  Rede  übrigens,  die
unseren  Anklägern  auch  deshalb  zum  Rachlesen  empfohlen
  sei,  weil  sie  aus  ihr  ersehen  können,  daß  selbst  der
Chef  des  deutschen  Generalstabes  nur  an  Verteidigung,
nichk  an  Angriff  dachte,  begründek  er  die  Nokwendigkeik
  der  durch  den  Gesetzenkwurf  bezweckken  Verstär-=kung
  unserer  Rüstung  gerade  durch  die  Feststellung  der
auf  dem  Gesetz  von  1872  beruhenden  zahlenmäßigen
UÜberlegenheil  des  französischen  Heeres.  Er  sagke:!  „Man
hak  in  Frankreich  die  allgemeine  Wehrpflicht  eingeführk
  und  hat  dabei  eine  zwanzigjährige  Verpflichkung
  zugrunde  gelegk,  während  wir  nur  eine  zwölfjährige
  haben;  man  hat  ferner  dem  Gesetze  rückwirkende
  Kraft  gegeben,  so  daß  viele  Franzosen,  welche
längst  ihre  Jahre  abgedienk  haben,  plötzlich  wieder  wehrpflichtig
  geworden  sind.  Die  französische  Regierung  ist
schon  heute  berechtigk,  für  die  aktive  Armee  1200000  und
für  die  Terrikorialarmee  ebenfalls  rooccoo  Mann  zu
den  Waffen  zu  rufen.  Um  diese  auch  nur  teilweise  einstellen
  zu  können  —  denn,  meine  Herren,  es  kommk  nicht
nur  auf  die  Zahl  der  Wehrpflichtigen  an,  sondern  auf
die  Kadres,  in  welche  sie  eingestellt  werden  sollen  —  ich
sage,  um  diese  IMassen  einreihen  zu  können,  war  es  nokwendig,
  die  Kadres  zu  vermehren.  Nachdem  Deufschland
  seine  Reichslande  wieder  an  sich  genommen  hak,
habenwir,  mit  Ausnahme  einiger  weniger  Spezialwaffen,
mrr  die  bestehende  Last  auf  mehr  Schulkern  überkragen.
In  Frankreich,  welches  um  1½  Miellionen  Einwohner
ärmer  geworden  ist,  sind  seildem  sehr  erhebliche  For-1)
  Gesammelte  Schriften  und  Denkwürdigkeicen  des  Generalfeldmarschalls
  Grafen  Helmueh  v  Molcke,  Bd.  VII,  S.  220  ff.

 

223
        <pb n="234" />
        makionen  ausgeführk.  Die  Zahl  der  bis  zum  Kriege  bestehenden
  Infankerieregimenker  in  Frankreich  befrug  116,
gegenwärkig  152,  es  sind  also  hinzugekreken  36  Infankerieregimenker,
  außerdem  9  Jägerbakaillone.  Es  find
seit  dem  Frieden  fornliert  14  neue  Kavallerieregimenker;
die  Zahl  der  Bakkerien  betrug  bis  zum  Kriege  164,  sie
bekrägk  jetzt  323,  es  sind  hinzugekreken  159  Baktkerien.
Diese  Augmenkakionen  sind  noch  nicht  abgeschlossen;  die
Friedenspräsenz  ist  in  Frankreich  noch  nie  so  stark  gewesen
  wie  gegenwärtkig,  sie  ist  seit  871  um  4oooo  Köpfe
gewachsen.  Die  Durchschniktsziffer  der  budgeemäßigen
Stärke  beträgt  pro  1874  47##1701  Mann  und  99310
Pferde.  Statt  der  acht  Armeekorps,  mit  welchen  uns
die  Franzosen  zu  Anfang  des  Krieges  enkgegenkraken,
stellt  Frankreich  künftighin  18,  ein  neunzehnkes  für  Algier
nicht  mikgerechnek.  Das  Militärbudget  —  ich  nenne
die  Zahlen  in  Taler  überkragen,  zur  leichkeren  Vergleichung
  mit  unseren  Ziffern  —  ist  seit  1871  um  über
25  Miellionen  gewachsen;  es  bekrägk  im  Ordinarium  für
die  Landarmee  125  Millionen  Taler,  im  Exkraordinarium
  46  Millionen,  zusammen  171  Millionen  Taler.
Meine  Herren,  die  französische  Nationalversammlung
hat  ohne  Rücksicht  auf  die  Skaaksfinanzen  und  ohne
Unkerschied  der  Parkeien  bereikwillig  ein  jedes  Opfer  gebrachk,
  welches  für  die  Wiederherstellung  und  Erweikerung
  der  französischen  Heeresmachk  geforderk  wurde;  sie
ist  sogar  noch  weiter  gegangen:  kriegerischer  als  der

 

1)  Der  Unterschied  zwischen  der  narürlich  auch  von  dem  Generalstab
stammenden  Zahl  „442014“  im  Bersche  des  Staakssekretärs  v.  Bülow
an  den  Kaiser  (siehe  S.  54)  und  der  hier  von  Molcke  angegebenen  Zahl
beruht  wohl  darauf,  daß  letztere  auch  die  Offiziere  mitumfaßé.

224
        <pb n="235" />
        Kriegsminister  hat  sie  für  einen  gewissen  Zweck,  die  Heranziehung
  der  »seconde  portion«,  in  diesem  Jahre  17  Millionen
  Franken  der  Militärkommission  geradezu  aufgenötigft.
  Die  französischen  Kommunen  sind  in  ihrem
Pakriokismus  nichk  zurückgeblieben,  sie  weisen  Exerzierplätze,
  Baulichkeiten  für  Offzierskasinos  an,  sie  errichken
Kasernen  usw.  Dies  alles,  meine  Herren,  gibt  uns  ein
Bild  von  der  Stimmung  in  Frankreich.,  Ich  glaube  nun
zwar,  die  große  Mehrheik  der  Franzosen,  welche  ohne
Zweifel  ihr  Mißgeschick  mik  mehr  Besonnenheit  und
Würde  trägk,  als  man  glauben  sollte,  wenn  man  nur
die  französischen  Volksredner  hörk  oder  die  französischen
Journale  liest  —  daß  diese  Meehrheit  wohl  durchdrungen
ist  von  der  unbedingken  Nokwendigkeik,  zunächst  Frieden
zu  bewahren.  Ich  sehe  eine  Bestätigung  dafür  auch  in
dem  Umstand,  daß  eben  ein  einsichksvoller  Militär  an
der  Spitze  der  französischen  Regierung  stehk.  Aber  meine
Herren,  wir  haben  alle  erlebk,  wie  die  französischen  Parteien,
  die  ihren  Ausdruck  in  Paris  finden,  Regierung  und
Volk  zu  den  außerordenklichsten  Beschlüssen  hinreißen
können.  Was  von  jenseits  der  Vogesen  zu  uns  herüberdringt,
  ist  ein  wüstes  Geschrei  nach  Rache  für  die  selbst
heraufbeschworene  Riederlage.

„Nun,  meine  Herren,  wir  sind  unserem  Nachbarn
nichkgefolgt  auf  dem  Wege,  die  Armee  zu  vergrößernz;
  wir  glauben  mit  dem  auskommen  zu  können,
was  in  dieser  Gesetzesvorlage  enkhalken  ist.  Aber,  meine
Herren,  die  innere  Güte  unserer  Armee  dürfen  wir  nicht
schwächen  lassen,  weder  durch  Abkürzung  der  Dienstzeit,
noch  durch  Herabsetzung  der  Präsenzstärke.“

Und  in  der  Rede,  die  der  greise  Feldherr  am  14.  April
Kronprinz  Wilhelm,  Ich  süche  d.  W.  15

225
        <pb n="236" />
        bei  der  zweiten  Lesung  des  Gesetzes  hielt,  hob  er  noch
einmal  hervor,  wie  außerordentlich  maßvoll  die  Forderungen
  der  deutschen  Regierung  angesichts  der  Rüstungen
waren,  von  denen  wir  bedroht  wurden.  „Rings  um  uns
her,  meine  Herren,“  so  führte  er  aus,  „haben  alle  größeren
Mächte  ihre  kriegerischen  Mittel  wesentlich  erhöht,  wir
sind  bei  dem  einen  Prozenk  der  Bevölkerung  einer  früheren
  Zählung  geblieben.  Wir  können  nicht  auf  numericsche
Überlegenheit  rechnen,  wir  müssen  unser  Verkrauen  setzen
in  die  innere  Tüchtigkeit  unserer  Armee,  und  diese  hängk
eng  zusammen  mikt  der  Dienstdauer  jedes  einzelnen
Mannes.  Der  französische  Infankerist  dienk  katsächlich
bei  der  Fahne  3—3  Jahre;  wir  hoffen  bei  der  krefflichen
  Anlage  unferer  Leuke,  bei  der  sich  mehr  und  mehr
enkwickelnden  Schulbildung,  bei  den  eingeführken  Turnübungen
  und  im  Verkrauen  auf  die  rastlose  Arbeikskätigkeit
  unserer  vom  Morgen  bis  zum  Abend  angestrengken
Unteroffiziere  und  Offiziere  in  einer  kürzeren  Frist  eine
tüchtige  Infankerie  erzielen  zu  können.“

UMan  kann  einem  Heeresgesetz,  das  einem  racheschnaubenden
  Rachbar  eine  so  große  numerische  Uberlegenheit
verschaffke,  wie  das  französische  Gesetz  vom  Jahre  1872,
nicht  mik  maßvolleren  Rüstungen  begegnen,  als  es  das
deutsche  Kriegsministerium  und  der  deutsche  Generalstab
im  Jahre  1874  gekan  haben.  Trotzdem  hat  es  die  größke
AMrühe  gekostek,  dieses  Gesetz  im  Reichskag  zur  Annahme
zu  bringen,  während,  wie  Generalfeldmarschall  v.  Moltke
in  seiner  ersten  Rede  ausführte,  die  französische  Kammer
ihrem  Kriegsminister  mehr  bewilligte,  als  er  geforderk
hakke.  Auf  welcher  Seike  der  französisch-Heutschen  Grenze
wohnke  also  das  kriegslüsternere  Volk?  Trotzdem  aber  alle

2260
        <pb n="237" />
        Heeresgesetze,  die  von  1874  bis  1913  dem  Reichstag  vorgelegt
  wurden,  auf  den  größten  Widerstand  der  Volksvertretung
  sließen,  während  mit  Ausnahme  des  Gesetzes
üũber  die  Wiedereinführung  der  dreijährigen  Dienstzeit
im  Jahre  1912  die  französischen  Heeresvorlagen  nur  gegen
sehr  zahme  Widerstände  verteidigt  zu  werden  brauchten,
hat  die  deutsche  Regierung,  ihrem  ursprünglichen  Plan
entgegen,  sich  dazu  verstanden,  sich  alle  sieben  Jahre  der
Gefahr  einer  Herabsetzung  des  Heeresbudgets  auszusetzen.
Solche  Herabsetzung  ist  freilich  infolge  der  Rüstungen
unserer  Nachbarn  nie  ernstlich  in  Frage  gekommen.  Aber
ihre  Gefahr  bedrohte  uns  doch,  durch  das  allmähliche  Anwachsen
  der  sozialdemokratischen  Partei  anschwellend,  in
jedem  siebenken  Jahre.  Die  vom  Senaksberichk  aufgestellte
  Zehaupkung,  daß  durch  das  Sepkennak  die  deutsche
Regierung  in  bezug  auf  die  Organisakion  und  Rüstung
der  Armee  für  sieben  Jahre  unabhängig  vom  Parlamente
geworden  sei,  ist  vollkommen  falsch.  Das  Sepkennak
beschränkrte  nichk,  sondern  erhöhte  den  Einfluß  des
Reichskags  auf  die  Organisakion  der  Armee,  weil  bis  zu
seiner  Annahme  auf  Grund  des  Arkikels  63  der  Reichsverfassung
  der  Kaiser  den  Präsenzstand  der  Konkingenke
des  Reichsheeres  bestimmfte.  Wenn  das  Sepkennak  auch
das  Parlamenk  seeben  Jahre  verhinderke,  die  Ausgaben
  für  das  Heer  ohne  die  Zustimmung  der  Regierung
herabzusetzen,  so  verhinderte  es  doch  auch  gleichzeitig
die  Regierung,  sie  ohne  die  Zustimmung  des  Reichskags
  zuerhöhen.  Es  kann  also  won  einer  der  Regierung
durch  die  Annahme  des  Sepkennaks  für  die  Heeresrüstungen
  erkeilken  Blankovollmacht,  wie  es  die  Herren  Bourgeois
  und  Pagés  anzunehmen  scheinen,  nichk  die  Rede  sein.

227
        <pb n="238" />
        Das  Heeresgesetz  von  1874,  das  den  von  der  französischen
  Armee  erreichken  Vorsprung  noch  nichk  einmal
ausglich,  wurde  nun  schon  im  nächsten  Jahre  von  Frankreich
  mit  der  Vorlage  beankwortek,  von  der  ich  im  Zulammenhang
  mil  der  Besprechung  der  Krise  vom  Jahre
1675  schon  berichkek  habe.  Dieses  Gesetz  vermehrke  bekanntlich
  die  französische  Infankerie  um  144  Bakaillone.
Da  die  Zahl  der  Kompagnien  gleichzeitig  für  jedes  Bafaillon
  um  zwei  herabgesetzk  wurde,  erhöhre  sich  durch  dieses
  Gesetz  zwar  die  Zahl  der  M#annschafken  auf  dem  Friedensfuße
  nicht,  es  wurde  aber  möglich,  da  die  Kriegsstärke
des  Bakaillons  rooo  Mann  bekrug,  im  Mobilmachungsfalle
  144000  MWann  mehr  sofork  in  die  Fronk  einzustellen.
Unter  Beibehaltung  der  mmerischen  Überlegenheit  wurde
also  durch  dieses  Gesetz  die  Schlagkraft  der  französischen
Armee  bekrächtlich  erhöhr.  Trotz  dieses  Mißverhälknisses,
das  unerkräglich  gewesen  wäre,  wenn  es  nichk  durch  die
gründlichere  Ausbildung  des  deutschen  Soldaken  und  die
überragende  Tüchkigkeik  des  deutschen  Offzierskorps  einigermaßen
  ausgeglichen  worden  wäre,  wurde  an  der  durch
das  Gesetz  von  1874  geschaffenen  deutschen  Heeresorganisakion
  sechs  Jahre  lang  nichks  geänderk.  Im  Jahre  1880
aber,  als  man  wegen  der  durch  den  Berliner  Kongreß  veranlaßken
  Entfremdung  zwischen  Deutschland  und  Rußland
schon  mit  der  Möglichkeit  eines  Zweifronkenkrieges  rechnen
  mußte,  dessen  Gefahren  durch  den  Abschluß  des  deutschösterreichischen
  Bündnisses  von  1879  wohl  verminderk
wurden,  aber  doch  außerordenklich  bedrohlich  blieben,
war  das  Stärkeverhälknis  der  deutschen  und  österreichischen
  Armee  einerseiks  und  der  französischen  und  rufsischen
Armee  andererseiks  so  ungünstig  geworden,  daß  man  sich

228
        <pb n="239" />
        schon  drei  Vierkeljahre  vor  Ablauf  des  Septennats  entschloß,
  die  Friedenspräsenzstärke  des  deutschen  Heeres  zu
erhöhen.  Der  aus  den  Wahlen  von  1878  hervorgegangene
  Reichstag  eröffnete  die  Aussicht  auf  die  Bewilligung
einer  sich  in  bescheidenen  Grenzen  haltenden  Heeresvermehrung.
  Nach  einer  Aufstellung  des  Kriegsministeriums
aus  dem  Jahre  1879  verhielten  sich  die  Kriegsformationen
  der  Mächte,  die  voraussichtlich  im  Kriege  einander
gegenüberstehen  würden,  solgendermaßen:

Deutschland  verfügke  über
923  Infankeriebakaillone,
557  Schwadronen,
2640  Geschütze  in  440  Bakkerien,
232  Fußarkilleriebakkerien  und
121  Pionierkompagnien.
Osterreich  über
732  Infankeriebakaillone,
395  Schwadronen,
1620  Geschütze  in  205  Bakterien,
72  Fußartilleriebatterien  und
96  Pionierkompagnien.
Frankreich  dagegen  über
1266  Infankeriebakaillone,  zu  denen  sich
20  Kompagnien  Chasseurs  forestiers  und
20  Bakaillone  Douaniers  gesellten,
471  Schwadronen,

 

1)  Frelherr  L.  Rüdt  v.  Collenberg,  Die  deutsche  Armee  von  1897bis
1914.  Forschungen  und  Darstellungen  aus  dem  Reichsarchio,  Hefe  IV.
Berlin  19a,  S.  25.  Auf  diese  Schrift  stützen  sich  im  wesenelichen  die
tatsächlichen  Angaben  der  folgenden  Darstellung.  Ihr  sind  auch  die  eingefügten
  Tabellen  enenommen.

229
        <pb n="240" />
        4572  Geschütze  in  762  Batterien,
271  Fußartilleriebatterien  und
184  Pionierkompagnien.  Dazu  kamen  noch
19  Schwadronen  Eclaireurs  volontiers.
Das  russische  Heer  bestand,  abgesehen  von  Lokalkruppen,
  irregulären  Truppen  und  Reichswehr,  aus
1484  Infankeriebakaillonen,
412  Schwadronen,
3584  Geschützen  in  481  Halbbakkerien,
210  Bakterien  Fußarkillerie  und
121  Pionierkompagnien.

Frankreich  allein  war  also  um  diese  Zeik  Deutschland
  um  334  Bakaillone  Infankerie  und  fast  2000  Geschüte
  überlegen,  von  der  ungeheuren  Uberlegenheik  der
russischen  über  die  österreichische  Armee  gar  nichk  zu  reden.
Einzig  allein  die  für  die  Enkscheidung  im  modernen  Krieg
nicht  ausschlaggebende  Kavallerie  der  Mikkelmächke  war
der  unserer  beiden  Nachbarn  um  50  Schwadronen  überlegen.
  Wer  also  hatke  das  Wekkrüsten  während  der
zweiten  Hälfke  der  siebziger  Jahre  forkgesetzt  2  Ist  irgend
jemand  berechtigk,  dem  deutschen  Volke  oder  der  deutschen
  Regierung  die  Schuld  an  der  Steigerung  der  Rüstungen
  zu  geben,  wenn  Deukschland  unker  dem  Druck
dieser  furchkbaren  numerischen  Uberlegenheit  seiner  Nachbarn
  schon  drei  Vierkeljahre  vor  Ablauf  des  Septennaks
versuchte,  diese  gefährlichen  Nachkeile  nicht  ekwa  auszugleichen
  —  daran  konnke  gar  nichk  gedacht  werden  —,
sondern  ein  wenig  zu  vermindern?

Das  Heeresgesetz  vom  16.  Mai  1880  erhöhte  vom
1.  April  1887  ab  bis  zum  zr.  März  1887  die  Friedenspräsenzstärke
  nur  um  22  402  Mann  und  3212  Unkeroff=230
        <pb n="241" />
        ziere  und  vermehrte  die  Zahl  der  Friedensformationen
von  469  auf  503  Infankeriebakaillone,  von  zoo  auf  340
Feldartilleriebatterien,  von  29  auf  31  Fußartilleriebatterien
  und  von  18  auf  19  Pionierkompagnien,  während  die
Zahl  der  Schwadronen  dieselbe  blieb.

War  nun  das  drikte  Heeresgesetz,  das  Friedensprälenzgesetz
  vom  11.  Mai  168),  bis  zu  dessen  Annahme  an
der  Stärke  und  Organisation  der  deulschen  Armee  nichts
geänderk  wurde,  obwohl  in  dieser  Zeik,  wie  ich  im  drikten
  Kapikel  dargelegk  habe,  der  Bonlangiemus  in  Paris
leine  Orgien  feierke  und  die  freundschaftlichen  Beziehungen
  zwischen  Rußland  und  Frankreich  sich  immer  enger
gestalkeken,  eine  von  Deutschland  an  die  Adresse  seiner
Nachbarn  gerichkele  Herausforderung?

Das  Stärkeverhälknis  der  Heere  der  für  einen  europäischen
  Landkrieg  in  Bekracht  kommenden  fünf  NMeächte
—  der  Dreibund  war  inzwischen  abgeschlossen  worden  —
hakte  sich  Ende  1886  so  gestaltek,  wie  es  die  folgende  Tabelle
  veranschaulicht:

 

Zahl  der  in  ##

ahre  888  senzstärke  im  Süärken  Gesame-Seeat

  e  den  Den436.,  ber  Feld.,  eregestärk
kenn,und  Alaom.-eimeen  im  im  Jahre  1886

schafren  schaften)  Jahre  1886

 

Neurlchland  .  ..  1798271)  427  2742  1000  o00  1  509  1044
sterreich-Ungarr4“0  ?  1077  1046
Italien  .....  82  ooo  2156752]  5300  o00  ?
Frankreichghoss4871  1150  o00  1800  oooi
Rußland  ..  ..  230000  790698  1830000  srund  20000002

Bemerkungen:  1)  Jahrgang  1886,  Eingestellte  einschl.  der  Freiwilligen
  (ohne  Marine)  und  4  527  Mann  zum  Dienst  ohne  Waffe.  —
2)  Etatsstärken.  —  3)  Ohne  Landsturm  und  besondere  Formationen.  —
4)  Für  k.  und  k.  Heer  und  Kriegsmarine.  —  5)  Einschl.  Landwehren.—
6)  Ohne  Landsturm.  —  7)  Durchschnieksstärke.  —  8)  Nach  einer  Aus- 



 

 

 

231
        <pb n="242" />
        kunft  des  italienischen  Kriegsministers  in  der  Kammer  am  16.  Februar
1886.  —  9)  Eingestellte,  J.  und  II.  Portion  ohne  Freiwillige.  —
10)  Durchschnietsstärke  ohne  Gendarmen.  —  11)  Auoschl.  Reserve  der
Terricorialarmee.  —  12)  Einschl.  Kosaken  und  Irreguläre,  ausschl.
Landsturm.

Die  Friedenspräsenzstärke  des  Dreibundes  blieb  also
hinter  der  der  beiden  Mdäächte,  mit  deren  gemeinsamem
Angriff  damals  schon  zu  rechnen  die  Pflicht  der  deutschen
Regierung  und  des  deutschen  Generalstabes  war,  im  Jahre
1886  um  337  358  Mann,  der  Präsenzstand  Deukschlands
  hinker  dem  Frankreichs  um  44537  Mann  zurück.
  Die  Kriegsstärke  der  beiden  Mächtegruppen  wies
einen  Unterschied  von  mehr  als  450  000  zuungunsten  des
Dreibundes  auf,  wenn  man  annimm0,  daß  die  unbekannte
Kriegsstärke  der  ikalienischen  Armee  in  demselben  Verhälknis
  zur  Skärke  ihrer  Feldarmee  stand,  wie  die  Kriegsstärke
  des  deutschen  Heeres  zur  Skärke  seiner  Feldarmee,
also  ekwa  ?500o  Mann  betrug.  Die  Kriegsstärke
Frankreichs  allein  war  der  Deutschlands  um  fast  zooooo“
Mann  überlegen.

Wenn  also  Fürst  Bismarck,  auch  diesmal  wieder  ein
Jahr  vor  Ablauf  des  Septennats,  eine  Erhöhung  der
Friedenspräsenzstärke  auf  468  409  Mann  forderte,  weil
Deutschland  im  Frühjahr  1887,  wie  ich  im  dritten  Kapi—-kel
  dargelegk  habe,  im  Osten  und  im  Westen  von  Kriegsgefahren
  bedrohl  war,  so  folgke  er  nur  dem  Beispiele
der  Skaaksmänner  und  Generäle  unserer  beiden  Nachbarvölker.


Die  französische  Armee  war  zwar  seit  188o  nichk  nennenswerk
  vermehrk  worden,  aber,  da  sie  der  deutschen
schon  bekrächklich  an  Zahl  überlegen  war,  so  konnke  dieses
  Mißverhälknis  nichk  weikerbestehen,  sobald  die  poli-232
        <pb n="243" />
        tische  Konstellation  in  Europa  dem  chauvinistisch  erregten
Frankreich  ein  Land  als  Bundesgenossen  zuzuführen
drohte,  dessen  Bevölkerung  die  des  Deutschen  Reiches
um  100  Prozent  und  dessen  Kriegsstärke  die  des  dent—
schen  Heeres  um  33  Prozent  überstieg.  Und  diese  bei
weitem  noch  keinen  Ausgleich  herbeiführende  Verstär—
kung  der  deutschen  Wehrmacht  war  umso  notwendiger,
als  in  Frankreich  ein  Gesetzenkwurf  zur  Berakung  stand,
der  eine  zweckmäßigere  Gliederung  und  eine  Verstärkung
der  Armee  vorfah,  durch  die  die  Ausbildungsmöglichkeiken
  und  die  Schlagkrafk  des  französischen  Heeres  bekrächklich
  gesteigerk  wurden.  Dieser  Gesetzenkwurf,  der
im  Juli  1887  Gesetzeskraft  erlangke,  vermehrke  aber  auch
die  Friedensformationen  der  französischen  Armee  durch
die  Errichkung  von  18  neuen  Infankerie=  und  r3  Kavallerieregimenkern.


Gleichzeikig  hakte  die  Zahl  der  Formationen  in  Rußland
  zugenommen,  der  Ausbau  der  rufsischen  Eisenbahnen
  war  geförderk  und  dadurch  eine  Beschleunigung  des
Aufmarsches  möglich  geworden.  Kurz,  es  war  in  Frankreich
  und  Rußland  alles  das  geschehen,  was  die  Herren
ZBourgeois  und  Pagss  als  Beweis  für  Deutschlands
Kriegswillen  ansehen,  obwohl  wir  auch  mit  unseren  Rüstungen
  im  Jahre  1887  den  beiden  uns  benachbarken
Milikärmächken  nachhinkken  und  weder  ihre  Kriegs=  noch
ihre  Friedensstärke  erreichken.  Da  das  nichk  der  Fall  war,
mußke  der  Unkerschied  der  Stärkeverhälknisse  wenigstens
durch  ein  neues  Wehrgesetz  einigermaßen  ausgeglichen
werden,  das  unker  dem  Druck  der  machtvollen  Rede  Bismarcks
  vom  6.  Februar  1888  im  Reichskag  angenommen
wurde.  Durch  dieses  Gesetz  wurde  die  Verpflichkung  zum

233
        <pb n="244" />
        Dienst  bei  den  Fahnen,  in  der  Reserve  und  in  der  Landwehr,
  die  in  Deulschland  bis  dahin  12,  in  Frankreich  24,
in  Rußland  aber  sogar  19  Jahre  betrug,  ebenfalls  auf
19  Jahre  und  die  Landsturmpflicht  bis  zum  45.  Lebensjahre
  ausgedehnk.  Aber  diesem  Gesetz  wurde  im  Unkerschied
  von  dem  französischen  Rekrutlierungsgesetz  von  1872
keine  rückwirkende  Kraft  gegeben.

Kaum  waren  die  Gesetze  von  1887  und  1888  in  Kraft
gekreken,  durch  die,  wie  gesagk,  nicht  einmal  die  numerische
UÜberlegenheit  Frankreichs  ausgeglichen  wurde,  da  gab  die
Republik  wieder  das  Signal  zu  neuem  Wektrüsten  durch
das  Rekrutierungsgesetz  vom  Jahre  1889.  Die  Gesamtdienstpflicht
  wurde  durch  dieses  Gesetz  freilich  wie  in
Deutschland  nur  auf  25  Jahre  ausgedehnk,  —  also  in
diesem  einen  Falle  folgke  Frankreich  dem  Beilspiele
Deutschlands  —  aber  dadurch,  daß  ihm  rückwirkende
Kraft  für  alle  gegeben  wurde,  die  das  45.  Lebensjahr
überschrikken  hatken,  standen  etwa  600000  Mann,  die  bereits
  aus  jedem  Dienstverhältnis  ausgeschieden  waren,  dem
Kriegsminister  wieder  zur  Verfügung.  Gleichzeitig  aber
hatte  sich  die  Zahl  der  Jahrgänge  für  das  stehende  Heer
in  Rußland  (Aktive  und  Reservepflicht)  auf  18  vermehrt.
Dem  russischen  Kriegsminister  aber  wurden  zur  Vervollständigung
  der  Heeresorganisakion  und  zu  dem  Zweck,
bedeukende  Skreitkräfte  möglichst  schnell  an  der  Westgrenze
  zu  konzenkrieren,  für  fünf  Jahre,  von  1889  bis
1893,  eine  Summe  von  1060  Millionen  Rubel  außer
einem  allmählich  zu  verbrauchenden  Kredik  von  20  bis  60
Millionen  Rubel  zu  freier,  unkonkrollierker  Verfügung
gestellt.  Dadurch  wurde  bewirkt,  daß  er  jährlich  über  eine
Summe  von  3  Milliarden  Mark  für  Heereszwecke  ver-234
        <pb n="245" />
        fügen  konnte,  während  Deutschland  nach  dem  Staatshaushalt
  für  188990  nur  eine  Milliarde  bewilligt  hatte.

So  hielt  der  Kriegsminister  Verdy  du  Vernois,  der
unker  dem  Eindruck  dieser  Rüstungen  schon  im  Jahre  1889
eine  Erhöhung  der  Friedenspräsenz  verlangkt,  aber  wegen
  der  politischen  Lage  Bismarcks  Zustimmung  nichk  erhalken
  hakte,  im  Frühjahr  1890  eine  Verzögerung  der
Heeresverstärkung  nichk  mehr  für  möglich.  Das  Verhälknis
  der  Rüstungen  der  europäischen  Meächte,  wie  es
sich  um  diese  Zeit  gestalkek  hakke  (siehe  Spalte  2)  und  wie
es  sich  nach  der  Annahme  dieses  Gesetzes  darstellte  (siehe
Spalke  4),  erhellk  aus  der  folgenden  Tabelle:

 

 

abre  1888  ser#stärke  im!  Jahre  1891  senzstärke  im
um  Dienst  im  Jahre  1889  zum  DOienstim  Jahre  1892
eer  ausgeboCUnceroffiziere.Heer  ausgeho.  (Unceroffiziere
benen  Mann.  umd  Man#nen  Manm-und  Mannschaften

  schaften)  schaften  schaften)
1  2  3  4

eutschland  185  6004468  4009  3o6  3

sterreich-Ungarn  .  .  472SS  42“
Jtalien  8ooo235009%000  222731
Frankreich  .....  .  170  150  489  o0oo  s  208000  519  000
Rußland  3—  —.  —————

Bemerkungen:  1)  Eingestellte,  einschl.  aller  Frelwilligen  und
4180  bzw.  3600  Mann  z.  D.  ohne  Waffe.  —  2)  Ekatsstärke.  —  3)  Für
k.  und  k.  Heer  und  Kriegsmarine.  —  4)  Einschl  Landwehr.  —  5)  Für
k.  und  k.  Heer  und  Landwehren.  —  6)  Orrchschnittsstärke.  —  7)  affectés.
—  8)  Einschl.  Koncingent  für  die  Flotle.  ·

Der  Unterschied  der  Friedenspräsenzstärke  Frankreichs
und  Rußlands  einerseiks  und  des  Dreibundes  andererseits
  hakke  sich  also  seit  der  letzten  Heeresverstärkung  wieder
  zu  unseren  Ungunsten  vergrößerk.  Er  war  fast  auf
4400%%  Mdann  gestiegen,  während  die  deutsche  Friedenspräsenz
  allein  immer  noch  um  21  000  Mann  geringer  war

der  im  Friedensprä-  1ei  ———

 

Staat

 

 

 

 

 

 

 

235
        <pb n="246" />
        als  die  französische.  Das  Gesetz  vom  15.  Juli  18go  glich
mit  einer  Erhöhung  von  nur  15  307  Mann  diesen  Unkerschied
  wiederum  nichk  einmal  aus.  Zum  drikten  Male  war
Deukschland  seinen  beiden  Nachbarn  mit  seinen  Rüstungen
  nachgehinkk,  ohne  sie  zu  erreichen.  Das  Wesentliche
bei  der  Heeresverstärkung  des  Jahres  1890  war  die  Vermehrung
  der  Arkillerie  von  Z40  auf  434,  also  um  0  Balkerien.
  Damit  hakke  aber  unsere  Armee  noch  längst  nicht
die  Zahl  der  Geschütze  erreichk,  über  die  Frankreich  schon
seit  Jahren  verfügtke.

Aber  schon  im  Jahre  1892  hakte  sich  das  Verhälknis
zwischen  den  Kriegsstärken  des  Zweibundes  und  des  Dreibundes
  zu  Deutschlands  Ungunsten  in  solchem  Ausmaß
verschlechkerk,  daß  die  größke  Erhöhung  der  Friedenspräsenz
  nokwendig  wurde,  die  mit  Ausnahme  der  Heeresvermehrung
  von  r9113  die  deutsche  Armee  überhaupk  erfabren
  hak.  Sie  wurde  bekannklich  mik  der  Herabsetzung
der  Dienstzeit  der  unberikkenen  Truppen  auf  zwei  Jahre
verbunden.

In  einer  Denkschrift  vom  6.  April  1892  berechneke
der  Reichskanzler  Caprivi  die  Kriegsstärken  der  beiden
AUdächtegruppen  folgendermaßen:

 

Deutschland  2662  00o  Mann

Osterreich-Ungarn  ....  2#6000  „

Jkalin  1  1080oo  „
Dreibund  4986  ooo  Mann.

Rußland  ausschl.  Asien  3364000  Mann
Frankreich  ausschl.  Afrika  2778000  „
Zweibund  6142000  Mann.
Diese  gewaltige  numerische  ÜUberlegenheit  war  überhaupk
  nichk  mehr  auszugleichen.  Trotzdem  wurde  das

 

236
        <pb n="247" />
        neue  Heeresgesetz  noch  bis  zum  Sommer  des  nächsten  Jahres
  hinausgezögerk,  sehr  zum  Berdruß  des  Chefs  des  Generalstabs,
  Grasen  Waldersee.  Dieser  machte  am  26.  April
1892  in  seinem  Tagebuch  seinem  bedrückken  Herzen  in
einem  Zukunfksbild,  das  sich  26  Jahre  späker  wenigstens
zum  Teil  verwirklichen  sollke,  Luft:  „Auf  beiden  Fronfen“,
  so  schrieb  er,  „stehen  wir  einem  numerisch  weit  überlegenen
  Feinde  gegenüber,  und  bedeutek  ein  unglücklicher
Krieg  doch  fraglos  unseren  völligen  Niederbruch.  Die
anderen  Stkaaken  können  es  aushalken,  geschlagen  zu  werden
  —  wir  nichk.  Das  Deutsche  Reich  fällt  auseinander,
Preußen  wird  kleingeschlagen  und  noch  unker  den  Besitzstand
  von  r875  herabgedrückk.  Die  republikanischen  Reigungen
  erhalken  die  Oberhand  und  das  Haus  Hohengzollern
  kann  ins  Exil  gehen.“

Erst  im  Jahre  1893  aber  wurde  endlich  ein  Gesetz  eingebrachk,
  durch  das  die  verfassungsmäßige  Stkärke  der
Friedenspräsenz  von  1  Prozenk  der  Bevölkerung  erreicht
werden  sollte.  Aber  der  auf  dieses  Ziel  gerichkeke  Wunsch
des  Kriegsministers  und  des  Reichskanzlers  v.  Caprivi
ging  nichk  in  Erfüllung.  Der  Reichskag  machke  so  starke
Abstriche,  daß  längst  nichk  alle  dienstkauglichen  Wehrpflichtigen
  eingestellt  werden  konnken.  Die  Jahresdurchschnictsstärke
  der  M##annschaften  ohne  Unkeroffiziere  wurde
um  59  267  Mann  auf  479  229  erhöht,  es  wurde  aber  aus
Sparsamkeiksrücksichken  der  organisakorische  Fehler  begangen,
  diese  Mannschaften  auf  173  Halbbataillone  zu
verteilen.  Am  1.  Oktober  1893  wurden  die  Neuforma—
tionen  gebildet.

Auch  dieses  Gesetz  glich  die  numerische  Überlegen—
heit  der  Mächte  nicht  aus,  die  als  unsere  zukünftigen

237
        <pb n="248" />
        Gegner  im  Kriege  betrachtet  werden  mußten.  Im  Jahre
1897  schon  zeigte  die  Friedensstärke  der  europäischen
Mächte  folgendes  Bild:

 

 

——

Zahl  der  im  Jahre  1½  riedenspräsenzstärkelm

GStaat  Wmtlr-  -  Fet  1898  (l#meroff•-gehobenen

  Mannschaften  ziere  und  Mannschaften)
Heutschlond  ....  2616061  557436«
sterreich-Ungarn  124013=  330  916“
Italien  ...  ...  98  ooo  209  37
Erankreich  262  ooo“  560  542
Rußland  297  7007  rund  1  ooo  ooo

 

 

Bemerkungen:  1)  Eingestellte  einschl.  aller  Freiwilligen  und
4512  Mann  zum  Dienst  ohne  Waffe.  —  2)  Etatsstaͤrke.  —  3)  Für
k.  und  k.  Heer  und  Landwehren.  —  4)  Einschl.  Landwehren.  —  5)  Durchschniktsstärke.
  —  6)  aflecics.  —  7)  Einschl.  Konringentk  für  die  Flocte.

Der  Zweibund  war  auch  jetzt  wieder  dem  Dreibund  um
fast  eine  halbe  Million  Mann  überlegen.  In  Frank—
reich  hatte  sich  der  Effektivbestand  der  Truppen  der  ersten
Linie  dadurch  verdoppelt,  daß  die  Reserve  der  aktiven
Armee  drei  Jahresklassen  mehr  umfaßte.  Dazu  kam  im
Jahre  1893  eine  Vermehrung  der  Offiziersstellen,  die,
wie  eine  französische  Denkschrift  ausführt,  einen  Ausgleich
zwischen  der  Leistungsfähigkeit  des  Reserveregiments
und  des  Linienregiments  herbeiführen  sollte,  und  einen
für  die  Kriegsvorbereilung  nokwendigen  Schrikt  bedenleke,
  zu  dem  wir  uns  erst  wenige  Jahre  vor  dem  Kriege
enkschlossen.  Im  Jahre  1897  wurde  ein  Gesetz  erlassen,
das  bei  145  Infankerieregimenkern  im  Laufe  der  nächsten
Jahre  vierke  Bakaillone  einführke,  und  im  Jahre  1898
wurde  ein  zwanzigstes  Armeekorps  gebildek.  Gleichzeitig
stieg  die  Anzahl  der  Formationen  derrussischen  Armee
auf  gr  Infankeriebakaillone,  627  Schwadronen,  464

238
        <pb n="249" />
        Batterien  und  37  Bataillone  Ingenieurtruppen,  wobei
die  Reserve=  und  Festungskruppen  sowie  68  Bakaillone,
95  Schwadronen,  34  Bakkerien  und  38  Kompagnien  Ingenieurkruppen,
  die  in  Asien  standen,  nicht  eingerechnek  sind.

Sowurdenwir  auch  zu  der  sechsten  Heeresvermehrung
vom  25.  Meärz  1899  durch  die  Rüstungen  unserer  zukünftigen
  Gegner  gezwungen.  Diese  hakken  sich  inzwischen
  durch  ein  politisches  Abkommen  in  Gestalk  einer
Milikärkonvention  verbunden,  die  ihre  Spitze  ausschließlich
  gegen  Deutschland  richteke.

Dieses  Gesetz  erhöhle  die  Friedenspräsenzstärke  nur
um  162y71  Mann  auf  495  50,  ausschließlich  der  Unkerofflziere,
  sah  jedoch  vor,  daß  diese  JI#annschafksstärke  erst
Ende  1903  erreicht  werden  sollte.  Gleichzeitig  fand  aber
eine  tiefeingreisende  Umorganisakion  des  Heeres  stakt,  für
deren  Durchführung  ein  besonderes  Gesetz  eingebracht
wurde,  das  die  Zahl  der  Armeekorps  um  3  auf  23  vermehrke.
  Erst  durch  dieses  Gesetz  wurden  auch  endlich  die
JKaschinengewehre  in  die  deutsche  Armee  eingeführt.

Mit  jener  Umorganisation  wurde  deshalb  ein  bekrächk.
licher  Forlschrikk  gemacht,  weil  durch  sie  die  Jerwendungsbereilschaft
  des  Heeres  im  Kriegsfall  bedeutend  gesteigert
wurde.  Das  war  aber  auch  im  höchsten  Grade  nokwendig.
Denn  angesichks  der  gewaltigen  numerischen  Überlegenheit
  unserer  voraussichklichen  Gegner  war  die  größkmögliche
  Beschleunigung  unserer  Mobilisakion  geradezu  eine
Lebensfrage  für  Deutschland.

Die  nächste  Erhöhung  der  Friedenspräsenzstärke  krak
erst  im  März  des  Jahres  1905  ein.  Diesmal  wurde  die
Frist,  die  das  Gesetz  von  1899  festgelegk  hakte,  also  nicht
nur  innegehalken,  sondern  um  ein  Jahr  überschrikken.

239
        <pb n="250" />
        Die  Erhöhung  betrug  nur  10393  Mann.  Die  folgende
Tabelle  stellt  dar,  wie  sich  vor  dem  Einbringen  dieses
Gesetzes  die  Verhältnisse  der  Friedensstärken  der  Mächtegruppen

  gestaltet  hatten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LKo#
Zahl  der  imie.:  d  6.  r  8..  Auf  den  K
——“
—  are190453-i00  .'rune·in.
Staat  i%  (lnteroßieten  .  8  z  S  Marine  r#  arine
Manuschafschaften)
ten  Millionen  Mark  Mark
1  2  3  4  5  6
Deutschland%  16,38
Osterreich-Ungarnn28650““342E4

  8,03“
Jlalir86  2071628  1g2,86289,6  8,90
Frankreich00000080,  949,3  24,20
Rußland  33ü0  Sooov98400004,  4%  7,20

 

 

 

 

 

Bemerkungen:  1)  Eingestellée  einschl.  aller  Freiwilligen  und
3670  Mann  zum  Dienst  ohne  Waffe.  —  2)  Etaksstärke,  einschl.  Einjährig-Ereiwilliger
  und  Volksschullehrer.  —  3)  K.  und  k.  Heer  und
Landwehren.  —  4)  Ausschl.  Kosten  für  Marine.  —  5)  Jahrgang  rg90,
Eingestellte;  ausgehoben  101  814  Mann.  —  6)  Durchschnitetsstärke.  —
7)  aflectés;  die  Erglebigkeit  des  Ersatzgeschäftes  war  in  diesem  Jahr
sehr  gering;  die  Zahl  betrug  1902  275000,  1904  263000  Mann.  —
8)  Einschl.  Kolonialkorps  in  Frankreich.  Die  Stärke  beirug  1903
595000,  1905  591000  Mann.  (Die  tatsächliche  Frledensstärke  der
französischen  Armee  wechselte  jährlich  je  nach  der  Stärke  der  Rekrutenkontingente,
  an  deren  Tauglichkeie  beim  alljährlichen  Aushebungs-=verfahren
  wechselnde  Maßstäbe  angelegt  wurden.)  —  9)  Einschließlich
  Koncingent  für  die  Flotte.  —  10)  Nur  Europa  und  Karkasus,
dazu  55000  Mann  im  Militärbezirk  Turkestan,  in  Ostasien  die  moblle
Armee.

Bemerkungen  zu  Spalte  4  bis  6:  1.  Deutschland:  Alle
Ausgaben  für  Heer  und  Flotte  nach  dem  ordentlichen  und  außerordentlichen
  Etat  helte  Pensionen,  ausschl,  der  Kosten  für  den  Feldzug  in
Sädwestafrika.  a.  Osterreich-Ungarn:  Alle  Ausgaben  für  die  k.  und  k.
Armee,  die  beiden  Landwehren  und  die  bosnisch-herzegowinischen  Truppen,
  einmalige,  fortlaufende  und  alle  außerordenelichen  Ausgaben.  3.  Italien:
  Alle  Ausgaben  einschl.  Pensionen.  4.  Frankreich:  Alle  Ausgaben

240
        <pb n="251" />
        einschl.  Pensionen.  In  den  Ausgaben  für  das  Landheer  sind  die  Kosten
für  das  Kolonialkorps  in  Frankreich  und  für  die  Gendarmerie  einbegriffen.
  Die  Aufwendungen  für  die  Operationen  in  Marokko  und  für
die  Pulverfabrikation  sind  niche  enthalten.  5.  Rußland:  Lediglich  Ausgaben
  des  ordentlichen  Budgets,  nicht  die  außerordenrlichen  und  außeretaksmäßigen
  Ausgaben.  Pensionen  und  Aufwendungen  für  den  ostasiacischen
  Feldzug  sind  nicht  enchalten.

Die  Friedenspräsenz  des  deutschen  Heeres  hakke  freilich
  die  des  französischen  zum  ersten  Male  überstiegen,
aber  nur  um  12000  Mann.  Die  Gesamkstärke  des  Zweibundes
  aber  überkraf  die  des  Dreibundes  noch  immer  um
40000%00  Mann.  Da  man  jedoch  nach  dem  Abschluß  des
Abkommens  zwischen  Jkalien  und  Frankreich  vom  Jahre
1902  in  unserem  Generalstab  kaum  noch  auf  ein  akliwes
Mikgehen  Ikaliens  in  einem  deutsch  französischen  Kriege
rechnele,  und  nach  dem  durch  den  Verkrag  von  ug04  erfolgken
  Ubergang  Englands  zum  Zweibund  nichk  mehr
mit  Sicherheik  auf  die  Neutralikät  Englands  hoffen
konnte,  so  war  das  Verhällnis  der  Truppenstärken  der
Ilächtegruppierungen  in  Wirklichkeit  im  Jahre  1904
noch  viel  ungünstiger  für  uns  geworden,  als  es  jemals
gewesen  war.!  Dennoch  wurde,  wie  gesagk,  die  Friedenspräsenz
  nur  um  ekwa  10oo  Mann  erhöhtl.

Obwohl  das  Gesetz  nur  vom  15.  April  190#„  bis  zum
31.  März  1910  gülkig  sein  sollte,  ist  Deutschland  erst
am  1.  April  1971  zu  einer  neuen,  übrigens  sehr  geringfügigen
  Erhöhung  seiner  Friedenspräsenzstärke  geschrikten.
Inn  muß  hierbei  bedenken,  daß  sich  um  diese  Zeit  im

 

1I)  Daß  auch  die  Belastung,  die  dem  einzelnen  Franzosen  durch  die
Kosten  für  Heer  und  Flokte  auferlegt  wurde,  viel  höher  war  als  die,  die
der  Deutsche  zu  kragen  hakte,  geht  aus  der  sechsten  Spalte  der  Tabelle
auf  S.  240  hervor.

Kronprinz  Wilhelm,  Ich  suche  d.  W.  16

241
        <pb n="252" />
        Osten  und  im  Westen  dunkle  Gewitterwolken  zusammenbrauten,
  die  den  europäischen  Frieden  zu  stören  drohten,
daß  im  Jahre  1907  auch  der  für  unüberbrückbar  gehal—-tene
  Gegensatz  zwischen  England  und  Rußland  durch  das
Abkommen  vom  31.  August  ausgeglichen  und  inzwischen
durch  das  Gesetz  von  1906  der  Grundsatz  der  allgemeinen
Wehrpflicht  in  Frankreich  bis  zu  seinen  letzten  Konsequenzen
  durchgeführt  worden  war,  so  daß  im  Jahre  1908
z.  B.  83  %  aller  Wehrpflichtigen  eingestellt  wurden,  während
  Deutschland  nur  53,7  5%  aller  Gemusterken  in  diesem
Jahre  einstellke.  Da  kann  man  wahrlich  nicht  behaupten,
daß  diese  bescheidene,  um  ein  Jahr  verzögerke  Erhöhung
der  Friedensstärke  um  9482  Mann  irgendeinen  anderen
Zweck  gehabk  haben  kann  als  den,  die  Aussichken  einer
erfolgreichen  Selbstbehaupkung  bei  einem  Zweifronkenangriff
  ekwas  günstiger  zu  gestallen.  Daß  diese  Erhöhung
keine  Angriffsabsichken  zur  Veranlassung  haben  konnte,
gehk  aus  folgender  Aufstellung  hervor,  die  darstellt,
welche  Formationen  am  Ende  des  Jahres  1910,  also  vor
Einbringung  dieses  Gesetzes,  die  fünf  Festlandsmächte
und  England  mobil  machen  konnken.!

 

 

Armers-  Kavallerie.  Reservekorps

  divisionen  divisionen
Deutschlanndd  26  11  22
Österreich-Ungoeen  15  9  16
Deutschland  u.  Osterreich-Ungarn  41  20  38
Frankreich  .........  ...  .  .  ...  21  8  18
Rußland  ........  .  .  .  .  .  .  .  ..  31  36  33
Frankreich  und  Rußland  52  44  51

 

1)  Diese  Tabelle  beruhe  auf  Nachrichten,  die  dem  Großen  Generalstab
  im  Jahre  1910  vorlagen.

242
        <pb n="253" />
        Armee.  Kavallerie.  Reserve-.

 

 

korps  divisionen  divislonen

Also  mehr  als  Deueschland  und

Osterresch-Ungarn  +11  +  +13
Englisches  Expedicionskorp#s.  3  1  —
Triple-Entente,  also  mehr  als

Deutschland  und  Osterrelch-Unggngnen

  +4  25  +13
Jalin  12  3  8

Die  Mannschaftsstärke  der  Armeekorps  war  dabei
sowohl  in  Frankreich  wie  in  Rußland  größer  als  in
Deutschland,  denn  in  Rußland  bestand  jedes  Korps  aus
za,  in  Frankreich  aus  zo,  in  Deutschland  aber  nur  aus
25  Bakaillonen  von  je  rooo  Mann,  während  das  österreichische
  Armeekorps  ebenfalls  aus  zo  Bakaillonen  bestand.!


Das  Gesetz  von  1911  hakte  freilich  auch  eine  Vermehrung
  von  Moaschinengewehren  zur  Folge,  aber  durch
den  Ausbau  auch  dieser  für  die  moderne  Feldschlacht  so
ausschlaggebend  gewordenen  Waffe  ist  das  zwischen  dem
Zweibund  und  Deukschland  bestehende  Mißverhälknis
nichk  enkfernt  ausgeglichen  worden.  Denn  am  r.  Okkober
1911  besaß  Frankreich  1796,  Rußland  2800,  Deukschland
aber  nur  1068  Maschinengewehre.

Am  Ende  des  Jahres  19711  war  infolge  gewalkiger
russscher  Rüstungen  das  Mißverhälknis  zwischen  den
Heeren  des  Dreibundes  und  des  Zweibundes  so  groß
geworden  wie  noch  nie  zuvor.

 

1)  Die  Jahl  der  Pferde  der  Kavallerie  und  die  Anzahl  der  Geschüte
war  im  ganzen  genommen  bei  den  Korps  der  beiden  Gruppen  zlemlich

gleich.

248
        <pb n="254" />
        Es  betrug  die  Friedenspräsenzstärke  einschließlich  der
Unteroffiziere:

 

in  Deutschland  610  Ooo  Mann

in  Osterreich-Ungarn  3671  936  „

in  Italien  240000  „
zusammen  1  217  936  Mann

in  Frankreich  589  coo  Mann

in  Rußland  1225  000

 

zusammen  1  814  000  Mann

Da  man  in  unserem  Generalstab  schon  seit  Jahren
nichk  mehr  mit  der  Hilfe  Ilaliens  rechneke,  waren  die
Heere  des  Zweibundes  denen  ihrer  voraussichklichen
Gegner  um  80%  überlegen.  Nur  weil  dieser  Zustand
angesichts  der  Weltlage  —  der  Balkan  hatktke  sich  infolge
  des  kripolikanischen  Krieges  in  einen  Bulkan  verwandelt,
  in  dem  die  Ausbrüche  nichk  aufhörken  —
unabsehbare  Gefahren  in  sich  barg,  entschloß  sich  die
Regierung  auf  die  dringenden  Vorstellungen  des  Kriegsministers
  von  Heeringen  und  des  Generalstabschefs  von
Moltke,  eine  ekwas  größere  Heeresvermehrung  schon
nach  Ablauf  des  ersten  Jahres  des  Quinquennaks  vorzunehmen,
  auf  das  das  Gesetz  vom  Jahre  1911w  befristet
war.  Die  Friedenspräsenzstärke  wurde  durch  dieses  Gesetz
um  28890  Mann  erhöhr.  Gleichzeikig  wurden  zwei  neue
Armeekorps  eingerichtet  und  die  Friedenssormakionen  um
17  Bakaillone,  6  Schwadronen,  41  Feldbakkerien  und
4  Pionierkompagnien  vermehrk.  Aus  der  obigen  Aufsiellung
  über  die  Friedenspräsenzstärke  am  Ende  des  Jahres
1911  ist  zu  ersehen,  daß  diese  Erhöhung  kros  ihrer  star-244
        <pb n="255" />
        ken  finanziellen  Bedeutung  nur  wirken  konnte  wie  ein
Tropfen  auf  den  heißen  Stein.  Im  Oktober  1912  brach
nun  der  Balkankrieg  aus,  und  Frankreich  erließ  Anfang
1913  neue  Kadresgesetze,  vermehrte  seine  Formationen
auf  Kosten  ihrer  Etatsstärken  —  das  mußte  man  tun,
wenn  man  nicht  auch  alle  Krüppel  einstellen  wollte.  Das
einzige  Mittel,  durch  das  wir  die  numerische  Überlegenheit
  unserer  Gegner  einigermaßen  ausgleichen  konnten,
die  große  Schnelligkeit  unserer  Mobilisation,  wurde  da—
durch  wenn  auch  noch  nicht  vollständig  wettgemacht,  so
doch  bekrächtlich  enkwerkek.  Infolgedessen  brachke  die  Regierung
  im  Frühjahr  1973  wieder  ein  Heeresgesetz  ein,
das  die  größke  Erhöhung  der  Friedenspräsenzstärke  zur
Folge  haben  sollke,  die  seik  dem  Bestehen  des  Reiches
staklgesunden  hakke.

Durch  dieses  Gesetz,  das  der  Friedenspräsenzstärke  eine
auf  zwei  Jahre  verkeille  Erhöhung  um  117  267  M#ann
brachke  und  am  3.  Juli  1973  in  Kraft  krak,  wurde  nakürlich
  das  Unmögliche,  nämlich  die  Erreichung  der  Friedenspräsenz
  und  der  Kriegsstärke  der  verbündeken  Heere
unserer  Gegner,  auch  noch  nichk  enkfernk  verwirklichk,
obwohl  die  Ausführung  dieses  Gesetzes  einschließlich
der  einmaligen  Ausgaben  über  eine  Milliarde  kosten
ollke.

Als  der  Krieg  ausbrach,  war  aber  das  Gesetz  noch
nichk  einmal  vollkommen  durchgeführk.  In  Frankreich  jedoch
  war  einen  Monak  nach  der  Annahme  des  letzten
deutschen  Heeresgesetzes  die  schon  vor  der  Einbringung
des  deutschen  Wehrgesetzes  geplanke  dreijährige  Dienstzeit
  wieder  eingeführk  worden.  Und  in  Rußland  war
ein  Wehrgesetz  in  der  Durchführung  begriffen,  das  im

245
        <pb n="256" />
        Winker  1918  die  Friedenspräsenzstärke  auf  die  ungeheure
  Höhe  von  2230000  Mann  bringen  sollte,  wäh—
rend  gleichzeitig  vier  neue  Armeekorps  aufgestellt  wurden.
  Die  folgende  Tabelle  gibt  ein  Bild  von  der  Friedensstärke,
  welche  die  Großmächke  und  Belgien  im
Sommer  192„4  bei  Ausbruch  des  Krieges  erreicht
  hakten.

Zahl  der  im  Friedensprä-=  „#
Jahre  1913  senzstäcke  im  *
zum  Dienst  im  Sommer  19143

Herr  ausgeho-(Unteroffiziere  —8
benen  Mann-  und  Mann-  Offiziere

 

 

 

Staat

 

schaften,chaften)
Deutschland  359  1561  24  1492  760  908
Osterreich-Ungarn  ..  202  2527  74  42.  477  950
Jralen  130  000“  250  ooo  unbekannt
Frankreich:

a)  Franzosen  468  ooob  765  3665

b)  Eremde  u.  Garbige  85  7007  883  5662

c)  Summe  851  066
Rußlandd  ..  505  o00ꝰ  15390000  1581  o0000
Belgien  35  o00  58  o00  671  282

 

 

 

Bemerkungen:  1)  Eingestellte,  einschl.  aller  Freiwilligen  und
2752  Mann  zum  Dienst  ohne  Waffe.  —  2)  Einschl.  aller  Freiwilligen
und  7  535  Mann  zum  Dienst  ohne  Waffe.  —  3)  K.  u.  k.  Heer,  Landwehren
  und  boonisch.per  egowinische  Truppen.  —  4)  Koncingene  für
das  Jahr  1912,  Eingestellte.  —  5)  afkectés,  Jahrgänge  1912  und  1913,
einschl.  33zoco  Mann  zum  Dienst  ohne  Waffe.  —  6)  Elrnschl.  45000
UMann  zum  Dienst  ohne  Waffe.  —  7)  Fremdenleglonäre,  Araber,
Marokkaner,  Senegalneger.  —  8)  Nach  Berechnung  des  deutschen
Großen  Generalstabes  vor  dem  Krieg.  General  Buak,  Die  deutsche
Armee  im  Welekrieg  (deuesche  Ausgabe,  München  19217,  S.  19),  gibt
9ioooo  Mann  an.  —  9)  Einschl.  9  60  für  die  Flocte.  —  10)  Einschl.
Kosaken,  ausschl.  Grenzwache.

Die  Kriegs  stärken,  mit  denen  die  Heere  der  Länder
ins  Feld  rücken  konnken,  die  sich  im  August  r9#4  gegen

246
        <pb n="257" />
        überstanden,  läßt  das  Mißverhältnis  der  Mächtegruppen
  —  wie  aus  der  folgenden  Tabelle  ersichtlich  ist  —
geradezu  ungeheuerlich  erscheinen.

 

 

 

Bevoͤl-  Kriegsstaͤrke  im  Sommer  19141
kerungs-=Staat
  ahl  1914  Iusan.  gavallerie.  /  Feid.  schwere  Ge]  goyf  ·

teriedivi.  Oiwillomen  geschütze  deed  gterken?

 

—.

 

*,  eschlandä8bg  1  5358  578  12147  o00
sterreich-Ungarn

  .  .  .  514  57  11  23701  168  11400  o00

Gumme  .  Mal-sag  77287463547000

Nußlqnd...166,t«1187ss4o«68123602712000
Frankreich  »ng  757  10  4108)  232  12150000
6

 

nglande.  .  .  454  1u.  a2  selb  462  28  132000
ständige
Brigaden

Gerbien  4,6  10  1  360  40-50  285  o00

Belgien  7.4  6  1  468
Gumme  .  215½  54  1  |656—666  5379000

100000

 

 

 

 

 

 

 

Bemerkungen:  1)  Ohne  immobile  Ersatzformationen;  ohne
Landwehr  und  Landsturm  in  Deutschland,  ohne  Landsturm  in  Oslerreich-Ungarn,
  ohne  Territoclalarmee  in  Frankreich,  ohne  Reichswehr
in  Rußland.  —  2)  Einschl.  Osfiziere.  —  3)  Einschl.  6  ½  mobile  Ersfatzdivisionen.
  —  4)  Eimopa  und  Ten.  —  5)  Einschl.  der  kaukasischen,
sibirischen  und  kurkestanischen  Korps.  —  6)  Einschl.  13  Kosakendivisionen.
  —  7)  Davon  zwel  erst  im  Oktober  1914  aufgestellt.  —  8)  Nur
Expedieionskorps.

 

1)  In  dieser  Tabelle  sind  die  Zahlen  für  die  Kopfstäcken  nach  den
Angaben  des  großen  Werkes:  „Der  Welikrieg  von  1914—1916“  eingesetzt
  (Bd.  1.,  S.  25),  das  das  Reichsarchiv  herausgibe.  Nach  den  Angaben
  der  Schrife  des  Freiherrn  Rüdt  von  Collenberg,  die  wlederum
auf  den  bekannten  Löbellschen  Jahresberichten  beruhen,  war  das  Mißverhälenis
  noch  um  fast  2  zocooo  Mann  größer,  well  von  ihm  die  russische
  Armee  um  etwa  650  coo  Mann  höher  eingeschätzt  worden  lst.

247
        <pb n="258" />
        Es  erhellt  aus  dieser  Tabelle,  daß  die  verbündeten
Feinde  Deutschlands  den  Mittelmächten  an  Kopfstärke
um  1  832  o00  und  unter  Zurechnung  der  afrikanischen
Truppen  Frankreichs  und  des  sibirischen  Rußlands  um
2  zog  o000  Mann,  an  Infanteriedivisionen  um  73,  an
Kavalleriediwisionen  um  za,  an  Geschützen  um  4482  überlegen
  waren,  und  daß  die  einzige  Waffe,  mik  der  Deutschland
  bei  diesem  ihm  aufgezwungenen,  vierzigjährigen
Rüsten  günstig  abgeschnikken  hatke,  die  schwere  Arkillerie
des  Feldheeres  war.  Der  überzeugenden  Sprache  dieser
Zahlen  hat  sich  der  Chef  des  französischen  Generalstabs,
General  Buak,  der  als  militärischer  Sachverständiger
den  Ministerpräsidenken  Briand  nach  Walhingkon  zur
Abrüstungskonferenz  begleikeke,  beugen  müssen,  und  hat,
die  von  Clémenceau  unkerzeichneke  Moke  wom  16.  Juni
1919  rücksichkslos  Lügen  strafend,  in  seinem  Buche:#  L'Armee
  allemande  pendant  la  guerre  1914—1918,  geschrieben:
  „Es  ist  nicht  nur  unrichkig  zu  sagen,  daß  Deutkschland
  1914  die  größkmögliche  Gesamkanstrengung  gemacht
hätte,  sondern  es  ist,  wenn  man  den  Unterschied  der  Bevölkerung
  in  Bekracht  ziehl,  ebenso  falsch  zu  behaupken,
daß  Deukschland  in  Ausnützung  der  Reserven  ebenso  weit
gegangen  sei  wie  Frankreich.“

Uei  diesem  Zugeständnis  sagk  freilich  auch  er  noch  nicht
die  volle  Wahrheit.  Denn  was  ist  durch  die  Darlegungen
dieses  Kapitels  zweifelsfrei  erhärkek  worden?

Erstens,  daß  das  Wektrüsten  in  Europa  nicht  von
Deutschland,  sondern  von  Frankreich  eingeleikek  worden
Die  Franzosen  selbst  (Bericht  Doumer)  schätzten  ihre  Kriegsstärke  auf
agooooo  Mann,  also  um  750000  Mann  höäher  ein  als  der  deutsche
Generalstab.

 

248
        <pb n="259" />
        ist.  Zweitens,  daß  die  zehn  Wehrgesetze,  welche  die  deutschen
  Regierungen  seit  1874  vorgelegt  und  durchgeführt
haben,  alle  ohne  Ausnahme  die  Wirkungen  und  nicht
die  Ursachen  der  Rüstungen  unserer  voraussichtlichen
Feinde  waren.  Drittens,  daß  die  Behaupkung,  die  deuksche
  Armee  sei  so  stark  wie  möglich  gewesen,  als  der
Krieg  ausbrach,  falsch  ist,  da  im  Jahre  1913  38000  voll—-kommen
  taugliche,  wehrpflichtige  Männer  nicht  eingestellt
  wurden,  während  Frankreich  an  der  Grenze  seiner
Leistungsfähigkeit  angelangt  war.  Vierkens,  daß  die  numerische
  Uberlegenheit  der  gegen  die  Mitkelmächke  ververbündeten
  Länder  am  1.  August  1974  so  ungeheuer
war,  daß  der  Sieg  der  deukschen  Waffen  nur  durch  Wunder
  von  Tapferkeit  und  geniale  Heeresführung  erhofft
werden  konnke,  daß  also  die  Behauptung  der  Noke  vom
16.  Juni  1919,  Deutschland  allein  unker  allen
UMächten  sei  vollkommen  vorbereikek  in  den
Krieg  eingekreken,  nicht  nur  unwahr,  sondern  das
Gegenkeil  die  Wahrheik  ist,  und  daß  deshalb  fünfkens
  Deutschland  im  Sommer  1974  nicht  deshalb  den
Krieg  herbeigeführk  haben  kann,  weil  es  sich  besser  gerüstek
  wußke  als  seine  Feinde.

Es  liegk  mir  aber  fern,  auf  Grund  dieser  nichk  mehr
bestreikbaren  Talsache  nun  den  Spieß  umzudrehen  und
zu  behaupten,  daraus,  daß  unsere  Feinde  uns  überlegen
waren,  lasse  sich  schließen,  sie  hätten  den  Krieg  herbeigeführk.
  Ich  habeschon  oben  gesagk,  daß  sich  aus  der  Stärke
der  Bewaffnung  nichk  auf  den  Kriegswillen  schließen
läßf.  Auch  die  gewaltigsten  Heere  können  lediglich  zur  Verkeidigung
  geschaffen  werden,  und  es  kann  ihren  Schöpfern
jede  Angriffsabsicht  sehlen.  Der  Kriegswille  unserer
        <pb n="260" />
        Feinde  kann  durch  ihre  militärische  Überlegenheit  allein
nichk  erhärkek  werden.  Da  aber  die  Verleumder  Deutschlands
  gerade  die  Skärke  seiner  Waffen  immer  als  einen
der  wichtigsten  Beweise  für  seinen  Kriegswillen  bezeichnek
haben  und  ihre  Anklageschrift  ihn  als  ihren  letzten  Trumpf
ausspielk,  mußtke  ich  ihnen  diese  vergisteke  Waffe  aus  den
Händen  schlagen.

250
        <pb n="261" />
        Dritter  Teil

Die  Einkreisung
        <pb n="262" />
        <pb n="263" />
        Achtes  Kapitel
Dreibund  und  Dreiverband

ch  übernehme  den  Titel  dieses  Kapitels  aus  der  Anklageschrift

  der  Herren  Bourgeois  und  Pagès.  Sie
haben  ihn  über  ihre  Darstellung  der  Ereignisse  des  Zeitraumes
  gesetzt,  der  zwischen  dem  Abschluß  des  französischenglischen
  Vertrages  vom  8.  April  1904  und  der  Mordkak
  von  Serajewo  liegk.  Ich  übernehme  den  Titel  nicht
nur  deshalb  von  den  Anklägern  Deuktschlands,  weil  meine
folgenden  Ausführungen  den  unker  dem  gleichen  Schlagwork
  erschienenen  Abschnikt  ihrer  Anklageschrifk  widerlegen
  sollen,  sondern  auch  deshalb,  weil  er  das  ungewollke
  Eingeständnis  enthält,  daß  Deutschland  sich  während
  dieses  Zeikraums  im  Zustande  der  Verkeidigung  besunden
  hat,  also  schon  an  sich  geeignek  ist,  die  Beweise
zu  enkkräften,  die  auch  in  diesem  Abschnikt  zur  Erhärkung
  von  Deutschlands  Kriegswillen  und  Machrpolitik
zusammengelragen  werden.  Denn  der  Zusammenschluß
des  Dreiverbandes,  der  seinen  ersten  urkundlichen  Ausdruck
  in  jenem  Verkrage  vom  8.  April  1904  fand  und
durch  das  englisch-französische  Abkommen  vom  31.  August
  1907  vollendek  wurde,  konnte  doch  keinen  andern
Zweck  haben  als  den,  Deutschlands  weltpolitische  Betätigung
  und  konkinenkale  Machrstellung  durch  überlegene
  Kräfte  einzuengen.  Freilich  waren  die  Verkräge,
durch  die  England  seinen  Anschluß  an  Frankreich  und
Rußland  vollzog,  zunächst  dazu  bestimmt,  Meinungsver—
schiedenheiken  zwischen  den  Verkragschließenden  aus  der

253
        <pb n="264" />
        Welt  zu  schaffen,  aber  das  war  doch  nur  ihr  nächster
Zweck.  Sie  wurden  in  der  Absicht  geschlossen,  ein  diplo—
matisches  Zusammenwirken  der  Vertragschließenden  in
allen  europäischen  und  welkpolitischen  Fragen  herbeizuführen,
  ein  Zusammenwirken,  das  seine  Spitze  gegen
Deutschland  richkete.  Diese  Absicht  ist  die  Veranlassung
dazu  gewesen,  daß  die  dentsche  Regierung  und  das  deutsche
Volk  die  Entstehung  des  Dreiverbandes  und  die  Versuche
  zu  seiner  Erweikerung,  an  denen  es  nichk  gefehlt
ha,  als  den  Ausdruck  einer  Politik  der  Einkreisung
bekrachkek  haben,  durch  die  Deutschland  in  den  Zustand
der  Verkeidigung  versetzt  wurde.  Die  Ankläger  Deutschlands
  sind  auch  selbst  weit  davon  enkfernk,  zu  leugnen,
daß  der  Dreiverband  solche  Absichken  verfolgke.  Sie  verwahren
  sich  aber  gegen  die  Anwendung  des  Workes
„Einkreisung“  auf  ihr  Vorgehen,  weil  dieser  Ausdruck
den  Verdacht  einer  Angriffsabsicht  in  sich  birgk.  Sie  behaupken,
  dieser  Zusammenschluß  sei  selbst  eine  Verkeidigungsmaßnahme
  gewesen,  wie  sie  gegen  wilde  Tiere
ergriffen  zu  werden  pflegk,  die  man  zwischen  Gilkern  einsperrk,
  damit  sie  nicht  schaden  können,  und  sie  bemühen
sich,  die  Nokwendigkeit  dieses  Zusammenschlusses  durch
das  Verhalten  Deutschlands  seit  dem  Frankfurker  Frieden
zu  beweisen.  Sie  haben  dabei  aber  von  der  Gefährlichkeit
  Deutschlands  ungefähr  dieselbe  Vorstellung  wie  der
witzige  Direkkor  des  jardin  des  plantes  in  Paris,  der  die
Charakkeristik  eines  seiner  ausgestellken  Tiere  in  dem  Vers
zusammenfaßke:  „Cet  animal  est  tres  méchant,  duand
#n  H’attaque,  il  se  désende.1

 

1)  Schon  im  April  1go5  schien  dem  Grafen  Bülow,  als  man  der
deutschen  Marokkopolieik  allerlei  düstere  Pläne  zuschoh,  dieser  Spruch

254
        <pb n="265" />
        Es  wird  die  Aufgabe  dieses  Kapitels  sein,  zu  beweisen,
daß  Deutschlands  „Schlechtigkeit“  auch  in  der  Zeit  von
1904  bis  1914  nur  darin  bestanden  hat,  sich  gegen  unberechtigte
  Bersuche  zur  Beschränkung  seiner  nakürlichen
Entwicklung  und  seines  Lebensrechks  und  zur  Untergrabung
  der  staaklichen  Existenz  eines  Verbündeken  zur  Wehr
zu  setzen,  dessen  Vernichkung  seine  eigene  europäische  Stellung
  so  geschwächt  häkke,  daß  es  der  Erreichung  der  Ziele,
die  der  Dreiverband  verfolgke,  aussichksreichen  Widerstand
  nicht  mehr  hätte  entgegensetzen  können.

Ich  habe  schon  in  den  vorhergehenden  Teilen  dieses
Buches  nachgewiesen,  daß  jene  Ziele  nur  durch  eine  Veränderung
  des  status  qduc  in  Europa  zu  Ungunsten  der
Mittelmächte  erreicht  werden  konnten.

In  dem  letzten  Jahrzehnk  vor  Ausbruch  des  Krieges
ist  durch  das  Zustandekommen  des  Dreiverbandes  die
Aussicht  auf  die  Erreichung  dieser  Ziele  in  bedrohlicher
Weise  gewachsen,  und  alle  diplomakischen  Schrikke,  die
von  seiten  Deutschlands  von  1904  bis  1914  getan  wurden,
  haben  nur  dem  einen  Zweck  gedient,  durch  friedliche
Mittel  die  Kriegsgefahr  abzuwenden  oder  womöglich  zu
beseitigen,  die  mik  der  Beränderung  des  status  quo  nach
dem  Sinne  unserer  beiden  Nachbarn  verbunden  war,  und
den  für  den  Wohlstand  und  die  Weltkstellung  Deutschlands
  nahezu  vernichkenden  Folgen  einer  solchen  Veränderung
  vorzubengen.  Daß  die  deutsche  Politik  keinen
anderen  Zweck  verfolgtke,  ist  so  klar,  daß  selbst  die  Herren
Bourgeois  und  Pagées  den  in  der  Noke  vom  16.  Juni

 

auf  Deueschland  zu  passen.  Er  zieiert  ihn  in  einem  Brief  an  den  englischen
  Botschafter  Grafen  Mekternich  vom  77.  April  1905.  S.  Akten
Bd.  XX,  2,  S.  606,  Nr.  6843.

255
        <pb n="266" />
        1919  erhobenen  Vorwurf,  Deutschland  habe  ein  halbes
Jahrhundert  lang  den  Krieg  vorbereitet,  gerade  für  dieses
letzte  Jahrzehnt  nicht  mehr  aufrechterhalten,  in  dem  es
von  Mächten  umgeben  war,  die  durch  Verträge  zusammengeschlossen
  und  bis  an  die  Zähne  bewaffnek  waren.
Sie  schreiben  nämlich:  „Wilhelm  II.  wollte  gewiß
  nichk  den  Krieg,  obwohl  er  glaubte,  sein  einziger
ruhmreicher  Meister  zu  sein,  indem  er  gewissenhaft  mit
Überlegung  und  Methode  als  Offizier,  der  eine  Leidenschaft
  für  Heeresangelegenheiken  hak,  seine  Pflicht  als
oberster  Befehlshaber  erfüllke.  Aber  er  scheute  doch  vor
der  furchkbaren  Verankworkung  zurück,  die  mit  dieser
Aufgabe  verbunden  war.  Er  wußtke,  daß  in  einem  künftigen
  Kriege  Deutschland  den  außerordenklichen  Aufschwung
  aufs  Spiel  setzte,  den  es  seinen  Siegen  verdankle.
  Das,  was  er  gern  gewollk  häkke,  war,  wie  Bismarck
  nach  1871,  seine  Gegner  zum  Rückzug  zu  zwingen
und  das  Duell  zu  vermeiden“.

Wahrlich  die  Berge  kreißen,  und  ein  kleines  JIl#käuslein
  wird  geboren.  Von  der  These,  die  die  Anklage  beweisen
  soll,  läßk  das  Eingeständnis  dieses  Satzes  kaum
noch  ekwas  übrig.  Ihre  Verfasser  müssen  also  doch  in  all'
ihrem  archivalischen  Makerial  Beweise  für  den  Kriegswillen
  des  Kaisers  nichk  gesunden  haben.  Mik  diesem
kümmerlichen  Rest  der  furchtbaren  Anklage  kann  selbst
der  schrankenloseste  Haß  die  Forderung  eines  Welkgerichts
  über  Kaiser  Wilhelm  II.  nichk  mehr  rechkferkigen.
Denn  mir  scheink,  daß  die  Skaakskunst  aller  Herrscher
und  Politiker,  seitdem  es  eine  Diplomakie  gibk,  sich  ge- 



1)  A.  a.  O.  S.339

250
        <pb n="267" />
        radezu  in  der  Tätigkeit  erschöpft  hat,  die  man  mit  diesen
Worten  dem  Kaiser  vorwirft,  in  der  Tätigkeit,  die  staatlichen
  Absichten  zu  erreichen,  die  man  ins  Auge  gefaßt
hak,  ohne  daß  es  zum  Kriege  kommt.  Ja,  ich  bin  überzeugk,
  daß  es  keinen  Franzosen,  keinen  Engländer,  keinen
Italiener,  keinen  Amerikaner  und  keinen  Japaner  gibk,
der  es  irgend  einem  seiner  Skaaksmänner  nichk  zur  größken
  Chre  anrechnen  würde,  dem  es  gelänge,  die  Macht
seines  Landes  dadurch  zu  steigern,  daß  er  andere  Skaaten,
ohne  einen  Krieg  heraufzubeschwören,  zum  Zurückweichen
zwänge.

Um  nichk  ihr  ganzes  Beweisgebäude  zusammenstürzen
zu  lassen,  müssen  die  Ankläger  Deutschlands  zum  wenigsten
  die  Behaupkung  aufrechkerhalken,  daß  die  Leiker  der
deutschen  Politik  bald  den  einen,  bald  den  anderen  der
Staaten,  die  sich  zu  Deuklschlands  „Bändigung“  zusammengeschlossen
  hakten,  nur  deshalb  zum  Zurückweichen
zwingen  wollken,  weil  sie  sich  mit  der  Gleichberechtigung
  nichk  begnügken,  sondern  die  Supremakie  in
Europa  anstreblen.  Bis  zum  Zustandekommen  des  Dreiverbandes
  sei  ihnen  das  gelungen,  nach  seinem  Zustandekommen
  häkken  sie  sich  nichk  mehr  durchsetzen  können  und
hättken  von  1904  bis  1914  fast  in  allen  Fällen,  mit  Ausnahme
  desjenigen,  der  zur  bosnischen  Krise  führke,  zurückweichen
  müssen,  weil  ihre  Rüstung  noch  nichk  vollendek
gewesen  wäre.  Erst  als  sie  sich  nach  Annahme  des  Wehrgesetzes
  von  1913  stark  genug  gewußk  hätten,  um  den
Kampf  aufnehmen  zu  können,  seien  sie  nichk  mehr  zurückgewichen,
  sondern  hätten  lediglich,  um  die  Weltherr-=schaft
  zu  gewinnen,  den  Krieg  begonnen.  Wilhelm  II.
habe  zwar  den  Frieden  gewollk,  aber  einen  Frieden,  wie

Kronprinz  Wilbelm,  Ich  suche  d.  W.  17
257
        <pb n="268" />
        er  ihn  auffaßte;  einen  Frieden,  der  ihm  alles,  seinen
Feinden  aber  nichts  erlaubte.n

Man  kann  nicht  einmal  dieses  Mäuslein  am  Leben
lassen.

Es  ist  nämlich  gerade  das  Umgekehrte  richtig.  Der
Dreiverband  wollte  einen  Frieden,  der  Deutschlands
Bewegungsfreiheit  einschränkte  und  jedem  seiner  Mit—
glieder  nur  verwehrke,  die  Inkeressen  der  Erwerbsgesellschafk,
  die  er  selbst  darstellke,  zu  verletzen,  aber  der  Verfolgung
  von  Zielen,  durch  die  die  Inkeressen  der  Mikelmächte
  verletzk  wurden,  keine  Schranke  setzke.

Ich  habe  schon  im  sechsten  Kapikel  nachgewiesen,  daß
England,  weil  es  mit  dem  durch  das  Abkommen  von  1884
in  Südafrika  geschaffenen  Zustand  nichk  zufrieden  war,
den  Krieg  in  Transvaal  heraufbeschwor,  um  diesen  Zustand
  zu  ändern.  Der  Friede,  der  um  die  Jahrhunderkwende
  in  der  Welk  herrschke,  entsprach  eben  nichk  der
Auffassung,  die  Großbrikannien  von  ihm  hakte,  und  mußte
deshalb  geänderk  werden,  nichk  durch  ein  Schiedsgericht,
  wie  es  wenige  Monate  vorher  gerade  der  Vertreter
  Englands,  Herr  Pauncefote,  auf  der  Haager  Konferenz
  hatte  permanent  und  für  gewisse  Streitigkeiten
obligatorisch  machen  wollen,  sondern  durch  einen  Krieg.

Auch  der  japanisch-russische  Krieg,  der  im  Februar  1904
ausbrach,  ist  doch  nur  entstanden,  weil  nicht  nur  die  beiden
  Mächte,  die  ihn  ausfochten,  sondern  auch  das  seit
zwei  Jahren  mit  Japan  durch  einen  Vertrag  verbundene
  England  mit  dem  Frieden  nicht  einverstanden  waren,
der  in  Ostasien  herrschte.  Jede  der  drei  Mächte  wollte

 

1)  A.  a.  O.  S.  320.

258
        <pb n="269" />
        ihn  nach  ihrem  Willen  gestalten.  Deutschland  hat,  wie
durch  die  Akten  des  Auswärtigen  Amtes  zweifelsfrei  nachgewiesen
  werden  kann,  während  dieses  Krieges  die  strengste
Neukralikät  beobachkek.  Aber  es  hak  allerdings  die  Gelegenheit
  benutzk,  um  noch  einmal  den  schon  zweimal  mißglückten
  Versuch  des  Zusammenschlusses  der  drei  großen
Konkinenkalmächke  zu  unkernehmen,  durch  dessen  Gelingen
  ohne  Zweifel  der  Welkfriede  zum  Vorkeil  aller
Mächte  des  Zweibundes  und  des  Dreibundes  gesicherk
worden  wäre.  Die  Weltstellung  Englands  sollte  durch
solchen  Zusammenschluß  nicht  erschüttert  werden;  es
hätte  nur  nicht  mehr  von  seiner  Gnade  abgehangen,  wieviel
  Spielraum  auf  welkpolikischem  Gebieke  es  den  anderen
  Völkern  der  Erde  überlassen  wollke.  Dieser  Versuch
ist  wiederum  an  derselben  Klippe  gescheiterk,  an  der  die
beiden  vorhergehenden  zerschellt  sind:  Frankreich  hak  den
status  quco  in  Curopa  nichk  anerkennen  wollen  und  konnke
nicht  für  ein  Bündnis  mit  einer  Macht  gewonnen  werden,
  die  mit  vollstem  Recht  auf  dieser  Anerkennung  bestand.


Die  äußere  Veranlassung  zur  Erneuerung  dieses  Versuchs
  gab  der  Vorfall  bei  der  Doggerbank.  Der  Kommandank
  der  russischen  Flokke  hakke  in  der  Nacht  vom
21.  auf  den  22.  Okkober  1904  englische  Fischerbooke  beschossen,
  weil  er  sie  für  japanische  Torpedoboote  hielk.
Die  ganze  englische  Presse  flammke  in  Zorn  über  diesen
für  das  meerbeherrschende  Großbrikannien  unerhörken

 

1)  Die  Richelinien  für  die  deutsche  Policik  während  des  russisch-japanischen
  Krieges  hacte  wiederum  Herr  v.  Holstein  schon  anderthalb  Jahre
vor  dem  Ausbruch  am  12.  Juli  1902  aufgezeichnek.  Abten  Bd.  XIX.  u1
S.  ö,  Nr.  5921.

25
Iu#
O
        <pb n="270" />
        Angriff  auf,  der  Zweifel  an  der  Unverletzlichkeit  seiner
Seeherrschaft  aufkommen  lassen  konnke.  Die  englische
Regierung  verlangke  Genugkuung.  Ganz  Curopa  erwarkeke
  einen  offenen  Bruch  zwischen  England  und  Rußland.
  Sofork  wurde  —  und  das  ist  schon  ein  nichk  zu
widerlegender  Beweis  dafür,  daß  sich  Deutschland  im
Verkeidigungszustand  befand  —  die  deutsche  Regierung
in  dem  Organ  der  englischen  Marine,  der  „Army  and
Navy  Gazekte“  beschuldigk,  an  dem  Zwischenfall  schuld
zu  sein,  weil  es  Rußland  vor  dem  Auslaufen  der  Ostseeflotte
  vor  japanischen  Angriffen  gewarnk  und  dadurch  den
russischen  Flolkenkommandeur  nervös  und  mißkranisch  gemacht
  habe.1  Diese  Anklage  war  aus  der  Luft  gegriffen.
Der  deutsche  Bokschafler  in  London  harke  zwar  pflichtmäßig
  gemeldek,  ihm  sei  von  verkrauenswürdiger  Seile
mikgekeilt  worden,  daß  Minen  im  Sund  oder  Kattegat
im  Auftrage  von  japanischen  Agenten  gelegt  werden
sollten.“  Herr  v.  Richthofen  aber,  der  Staatssekretär
des  Außeren,  hatte  die  Weitermeldung  an  die  russische
Regierung  abgelehnt,  weil  sie  mit  der  Neutralität  nicht
vereinbar  sei.ꝰ  Es  lãßt  sich  erklären,  daß  der  Kaiser  durch
so  unbegründete  Angriffe  in  große  Erregung  geriet,  und
daß  er  in  zahlreichen  Randbemerkungen  zu  den  Berichken
  des  deulschen  Botschaflers  aus  London  seiner  Enkrüstung
  Ausdruck  gab.  Die  durch  die  Schuld  der  britischen
Presse  entstandene  Spannung  zwischen  England  und
Deutschland  steigerke  sich  dadurch,  daß  England  die  Belieferung
  russischer  Kriegsschiffe  mit  Kohlen  für  einen
1)  S.  Akten  Bd.  XIX.  1.  S.  281  Anm.

2)  S.  Akeen  Bd.  XIX.  1,  Nr.  6100.
3)  S.  Akten  Bd.  XIX.  1,  S.  281  Anm.

 

260
        <pb n="271" />
        Neutralitätsbruch  erklärte  und  deutschen  Schiffen,  die  in
englischen  Häfen  Kohlen  verluden,  die  für  Rußland  be—
stimmt  waren,  das  Auslaufen  verbok.1

Unter  dem  Eindruck  dieser  Vorkommnisse  richkeke  der
Kaiser  am  27.  Okkober  rgo4  ein  Telegramm  an  den
Zaren,  in  dem  er  auf  das  von  Herrn  v.  Holstein  vier
Jahre  früher  vorgeschlagene  Bündnis  zwischen  Rußland,
Deutschland  und  Frankreich  zurückkam,  damit  sich  die  verbündelen
  Konkinentalmächte  gegen  englische  Ubergriffe
schützen  könnten.)  Der  Zar  ging  sofork  auf  diesen  Vorschlag
  ein.  „Es  ist  sicher  die  höchste  Zeik,“  so  ankworkeke  er
unker  anderem  am  29.  Okkober,  „daß  Deutschland,  Rußland
  und  Frankreich  sich  mikeinander  verbünden,  um  der
englisch-japanischen  Anmaßung  und  Unverschämtheit  ein
Ende  zu  machen.  Willst  Duso  guk  sein,  die  Richklinien
eines  solchen  Verkrages  festzustellen  und  sie  mich  wissen
zu  lassen.  Sobald  er  von  uns  angenommen  issé,
wird  Frankreich  genötigk  sein,  sich  ihm  anzuschließen.
  An  diese  Kombinakion  habe  ich  oft  gedacht.
Sie  bedeutet  Frieden  und  Ruhe  für  die  Welk.““

Auf  diese  Aufforderung  hin  ging,  damik  das  Geheimnis
  gewahrk  würde,  ein  Feldjäger  mit  einem  Ankworkschreiben
  des  Kaisers  nach  Petersburg  ab  und  überbrachke

1)  Akten  Bd.  XIX.  1,  Kap.  133.

a)  Akten  Bd.  XIX.  1,  Nr.  6718.

3)  Dleses  Telegramm  war  nur  eine  Foreführung  und  Unterstützung
der  Aktion  des  Auswärtigen  Amtes,  die  in  einem  Gespräch  Holsteins
mit  dem  russischen  Botschafter  v.  Osten-Sacken  am  24.  Okcober  904
eingeleitet  worden  war,  und  alle  in  dieser  Sache  von  meinem  Vater  an
den  Zaren  gerichteken  Telegramme  und  Briefe  sind  vom  Auswärcigen
Amée  enkworfen  worden.  G.  Akten  Bd.  XIX.  1,  S.  zo3z  Anm.

4)  Akien  Bd.  XIX.  1,  Nr.  6119.

 

261
        <pb n="272" />
        einen  Vertrag  in  vier  Artikeln,  in  dessen  Präambel  als
sein  Zweck  die  Lokalisierung  des  russisch-japanischen  Krie—-ges
  bezeichnet  wurde.  Der  erste  Artikel  lautete:  „Für  den
Fall,  daß  eines  der  beiden  Reiche  durch  eine  europäische
Macht  angegriffen  würde,  so  wird  es  sein  Verbündeter
mit  allen  seinen  Kräften  zu  Lande  und  zu  Wasser  unkerstützen.
  Die  beiden  Verbündeken  werden  Frankreich  gemeinsam
  die  Verpflichtungen  in  Erinnerung  bringen,  die
ihm  das  rufsisch-sranzösische  Bündnis  auferlegk.“!

Der  Verkrag  kam  aber  nichk  zustande,  denn  der  Zar
wollte  ihn,  durch  Lambsdorff  umgestimmk,  nichk  unkerzeichnen,
  bevor  nichk  Frankreich  Kennknis  von  ihm  erhalken
  habe.  Zur  Erfüllung  dieser  Forderung  aber  konnken
sich  weder  der  Kaiser  noch  Graf  Bülow  aus  zwei  Gründen
  entschließen.  Erstens  deshalb,  weil  Frankreich,  wenn
man  es  nichk  vor  eine  vollendeke  Taksache  gestellé  härte,
alles  aufgeboken  haben  würde,  um  das  Zustandekommen
des  Verkrages  zu  verhindern.  Zweikens  deshalb,  weil
man  fürchkeke,  daß  das  Geheimnis  in  Paris  nichk  gewahrk
werden  würde.

Die  französischen  Ankläger  Deuktschlands  erblicken  nun

 

1)  Im  Senatsbericht  heißk  es  zu  diesem  Vertrag:  1I  serait  bien
curieux  de  connaftre  ce  projet  de  traité.=  Die  Neuglerde  der  Herren
Bourgeois  und  Pages  ist  nun  durch  die  deutsche  Akeenpublikation  befriediget.
  Sie  können  aber  sogar  mit  deutscher  Hilfe  aus  diesen  Akeen  erfahren,
  daß  der  Zar  durch  die  Anderung  der  Präambel,  die  als  Zweck
des  Vertrages  die  Lokalisierung  des  russisch-japanischen  Krieges  bezeichnele,
  den  deutschen  Entwurf  in  einen  Vertrag  zur  Aufrechkerhaltung  des
Friedens  verwandeln,  das  Bündnis  also,  wie  Graf  Bülow  diese  Anderung
  erläuterte,  fester,  wuchtiger  und  länger  dauernd  machen  wollee.
Akten  Bd.  XIX,  S.  308,  Anlage  2,  und  S.  317,  Anlage,  und  S.  312,
Nr.  6125.

2602
        <pb n="273" />
        in  diesem  neuen  Versuch  zur  Herbeiführung  einer  Verständigung
  zwischen  den  Kontinentalmächten  nichts  anderes
  als  die  Absicht,  Frankreich  von  Rußland  zu  trennen,
um  durch  die  Sprengung  des  Zweibundes  Deutschland
zum  unumschränkten  Herrscher  Europas  zu  machen,  und
erklären  es  für  ganz  besonders  heimkückisch  und  verwerflich,
  daß  man  Frankreich  vor  eine  vollendete  Taksache
stellen  wollte.

Die  erste  Behaupkung  wird  durch  den  Worklaut  des
Vertrages  selbst  widerlegk.  Denn  es  war  ja  in  ihm  der
Beikrikt  Frankreichs,  das  seine  Weltstellung  ganz  außerordentklich
  verstärkt  hätte,  ausdrücklich  vorgesehen.  Es
hing  also  ganz  von  ihm  ab,  ob  es  aus  dem  Zweibund
ausscheiden  wollke  oder  nichk.  Wenn  den  Verfassern  des
Senaksberichks  ein  russisch-deutscher  Defensivverkrag  wie
eine  JIlaßregel  erscheink,  durch  die  Frankreich  isolierk
werden  sollke,  so  kann  das  nur  darin  seinen  Grund  haben,
daß  sie  meinen,  das  Bündnis  mik  Rußland  häkte  jedes
Inkeresse  für  Frankreich  verloren,  sobald  in  ihm  Deutschland
  der  Drikte  wurde.  Dann  konnke  es  freilich  kein
Bündnis  zur  Rückeroberung  von  Elsaß  und  Lothringen
mehr  bleiben,  und  doch  war  es  von  Frankreichs  Seike
nmur  geschlossen  worden,  damit  bei  der  ersten  sich  darbietenden
  Gelegenheik  diese  Rückeroberung  ins  Werk  gesetzt
werden  könnke.

Wenn  aber  wirklich  die  Sprengung  des  rufsisch-französischen
  Bündnisses  erfolgt  wäre,  weil  die  Franzosen
nichk  auf  ihre  Revanchegelüste  verzichken  wollken,  so  wäre
Deutschland  nicht  der  Herr  Europas  geworden,  sondern
nur  gegen  die  es  immer  bedrohende  Gefahr  eines  Zweifronkenkrieges
  geschützt,  aber  dafür  von  anderen  großen

263
        <pb n="274" />
        Gefahren  bedroht  worden.  Das  hat  Graf  Metternich,
der  deutsche  Botschafter  in  London,  in  einer  Denkschrift
ausführlich  begründet,  die  er,  auf  Veranlassung  des
Grafen  Bülow  nach  Berlin  gerufen,  niederschrieb.  In
ihr  beantwortete  er  sieben  Fragen,  die  ihm  der  Reichskanzler
  vorgelegt  hatte,  weil  ihm  Bedenken  darüber  ge—
kommen  waren,  ob  nicht  ein  russisch-deutsches  Defenswbündnis
  den  Krieg  mit  England  herbeiführen  könnte.  Ein
solcher  Krieg  erschien  ihm  umso  gefährlicher,  als  Deutsch—
land  eine  wirksame  Unterstützung  von  seiten  des  neugewonnenen
  Verbündeten,  der  seine  Flotte  verloren  hatte
und  zu  Lande  geschlagen  worden  war,  nicht  erwarten
konnte.  Diese  doch  nur  für  den  inneren  Dienst  bestimmken
  Fragen,  die  nie  bekannk  werden,  sondern  nur  den
Grasen  Mekkernich  in  die  wahren  Absichken  der  deutschen
  Regierung  einweihen  sollken,  waren  nichk  darauf
berechnek,  irgend  jemanden  zu  täuschen.  Ihre  Formulierung
  beweist,  daß  der  Kaiser  und  sein  Reichskanzler
ganz  im  Sinne  jenes  von  Herrn  v.  Holstein  am  3u.  Dezember
  1899  niedergeschriebenen  Planes  England  nicht
bis  zum  Bruch  reizen,  sondern  nur  bewirken  wollken,  daß
es  den  Konkinenkalmächken  seinen  Willen  nichk  mehr  aufzwingen
  konnte.  Denn  die  erste  dieser  Fragen  hakte  folgenden
  Worklauk:  „Unsere  Absichten  gegenüber  England
lind  absolut  friedliche.  Wir  werden  England  gegenüber
so  vorsichkig  wie  möglich  operieren.  Wir  werden  in  jeder
Weise  beftrebt  sein,  Zwischenfälle  zu  vermeiden.  Unsere
Flokkenverstärkung  geht  in  langsamerem  Tempo  vor  sich
als  die  mancher  anderen  Länder.  Die  für  nächsten  Winker
  zu  erwarkende  Flokkenvorlage  wird  sich  in  verhälknismäßig
  bescheidenen  Grenzen  halken,  ohne  Flokkenagi-264
        <pb n="275" />
        tation  und  ruhig  vertreten  werden.  Ist  trotzdem  Gefahr
vorhanden,  daß  wir  in  absehbarer  Zeit  von  England  angegriffen
  werden?“  1

Graf  Mektternich  hak  seiner  ganzen  Einstellung  nach
diese  Frage  verneink."  Und  seine  Darlegungen  haben,
wie  mir  scheink,  sehr  wesenklich  dazu  beigekragen,  daß  der
Gedanke  eines  ruffisch-deulschen  Bündnisses  nichk  weiker
verfolgk  wurde.  Er  wäre  wohl  auch  nichk  weiker  verfolgt
worden,  wenn  der  Zar  auf  die  von  ihm  gestellte  Bedingung,
  Frankreich  vor  der  Unkerzeichnung  zu  unkerrichken,
verzichkek  hälte.  Daraus  aber  ergibk  sich  klar  und  deuklich,
  daß  der  Vorschlag  des  Kaisers  vom  27.  Okkober  aus
dem  Bewußtsein  hervorgegangen  war,  es  stehe  ein  englischer
  Angriff  bevor,  daß  er  also  einen  ausschließlich
defensiven  Charakker  hakke.  Die  Anklage  fällt  vollends
in  sich  zusammen,  weil  sie  nichk  gleichzeitig  gegen  den  eigenen
  Verbündeken  Frankreichs  erhoben  wird.  Der  Zar
war  ja  nichk  nur  geradezu  mik  Begeisterung  auf  den  deukschen
  Vorschlag  eingegangen,  sondern  er  hakke  eine  vorsichtige
  Anregung  mit  der  Aufforderung  beankworkek,  sofort
  einen  Verktrag  zu  enkwerfen.  Ja  der  Vorschlag,
Frankreich  vor  eine  vollendete  Taksache  zu  stellen,  war
gar  nichkt  von  Deukschland,  sondern  vom  Zaren  ausgegangen,
  der  in  seinem  an  den  Kaiser  gerichkeken  Brief
schreibt:  As  soon  as  accepted  by  us  France  is  bound  to
join  her  ally.“  Erst  später  ist  der  Zar  auf  Veranlassung
des  Grafen  Lambsdorff  von  diesem  Gedanken  zurückgekommen.
  Geradeso  wie  Ikalien,  das  im  Jahre  1887  eine

 

1)  Akten  Bd.  XIX.  1,  S.  331,  Nr.  6139.
)  Akten  Bd.  XIX.  1,  Nr.  6140.

2605
        <pb n="276" />
        Erweiterung  des  Dreibundvertrages  verlangte!  und  dͤreißig
  Jahre  lang  die  „Weltkherrschaftsgelüste“  Deutschlands
  unterstützte,  müßte  auch  Rußland  wegen  seines
Verhaltens  im  Herbst  1904  als  Mitangeklagter  in  der
französischen  Anklageschrift  erscheinen.  Da  das  nicht  der
Fall  ist,  wird  schon  deshalb  der  aus  diesem  Anlaß  gegen
Deutschland  erhobenen  Anklage  die  Spitze  abgebrochen.

Wenn  die  Polikik  Deukschlands  wirklich  die  Welkherrschaft
  angestrebt  häkte,  dann  wäre  gerade  der  rufsisch-zapanische
  Krieg  die  günstigste  Gelegenheit  gewesen,
sie  zu  ihrem  Ziele  zu  führen.  Es  hak  von  1871  bis  zum
Jahre  1914  keine  europäische  Konstellation  gegeben,  in
der  Deutschland  sich  und  seinen  Verbündeken  leichker  auf
lange  Zeit  hinaus  vor  jedem  Angriff  seiner  beiden  Nachbarn
  hälte  sichern  und  auf  Grund  der  dann  errungenen
Bewegungsfreiheit  in  Europa  durch  den  Ausbau  seiner
Flokte  England  die  Herrschaft  auf  den  Meeren  hätte
streitig  machen  können,  als  die  durch  den  rufsisch-japanischen
  Krieg  geschaffene  Welklage.

Deukschland  hak  von  dieser  Möglichkeik  keinen  Gebrauch
  gemacht,  sondern  nur  versuchk,  einen  „Sicherheikspakt“
  zu  schließen,  und  das  wird  ihm  jetz  von  Politikern
und  Historikern  eines  Volkes  zum  Vorwurf  gemachk,  für
dessen  Regierung  ein  Sicherheikspakt  zum  Leikstern  ihrer
ganzen  Politik  geworden  ist,  obgleich  die  Gefahren,  die
Frankreich  heute  bedrohen,  Hirngespinste  sind.  Deutschland
  aber  sah  sich  im  Jahre  rgo  von  einer  Koalikion  bedrohl,
  die  nur  durch  lebensgefährdende  Schädigungen
Deutschlands  zu  erreichende  Ziele  verfolgte.

 

1)  Siehe  oben  S.  130/J1

200
        <pb n="277" />
        Wie  falsch  die  Ankläger  Deutschlands  den  Zweck  beurteilen,
  den  der  Kaiser  und  Graf  Bülow  mit  diesem
neuen  Versuch  zu  einem  Zusammenschluß  der  drei  großen
Kontinentalmächte  verfolgten,  geht  auch  aus  der  Beur—-teilung
  hervor,  die  sie  für  einen  in  der  „Norddeutschen
Allg.  Zeitung“  vom  29.  Oktober  erschienenen  Artikel
finden,  in  dem  der  Genugtuung  darüber  Ausdruck  gegeben
  wurde,  daß  die  Weisheit  der  russischen  und  der
englischen  Regierung  eine  friedliche  Beilegung  des  durch
die  Schießerei  an  der  Doggerbank  entstandenen  Konfliktes
  ermöglicht  habe.  Sie  erklären  ihn  für  eine  heuchle—
rische  Lüge,  weil  ja  der  Kaiser  durch  diesen  neuen  Versuch
gerade  eine  Verschärfung  des  Konfliktes  häktte  herbeiführen
  wollen.

Es  läßt  sich  an  der  Hand  der  deutschen  Akken  nachweisen,
  daß  das  Gegenkeil  richtig  ist.  Denn  in  dem  vom
Grafen  Bülow  entworfenen  Brief  des  Kaisers  an  den
Zaren  vom  3r.  Okkober  findet  sich  folgende  Stelle:
„Nakürlich  muß  der  verdammke  Huller  Zwischenfall  erst
beigelegk  sein,  bevor  wir  ekwas  unkernehmen  und  an
Frankreich  herankreken.  Meine  Nachrichken  lassen  keine
Zweifel  darüber,  daß  in  dieser  Frage  Delcassé  und  Cambon
  bereiks  die  französische  Regierung  im  anglophilen
Sinne  festgelegt  haben.  Wir  würden  also,  wenn  wir
Frankreich  gerade  in  dieser  Frage  zwingen,  zu  oplieren,
es  auf  die  englische  Seite  drängen.“  1  Die  friedliche  Beilegung
  des  Huller  Zwischenfalls  wird  also  hier  geradezu
als  die  nokwendige  Voraussetzung  des  Erfolges  dieses
Versuches  bezeichnek,  und  der  Artikel  der  Norddeutschen

 

1)  Akten  Bd.  XIX.  3,  S.  370,  Nr.  6133.

267
        <pb n="278" />
        Allgemeinen  Zeitung  entsprach  darum  der  wirklichen
Meinung  des  Leiters  der  deutschen  Politik  und  war
keine  heuchlerische  Lüge.  Ich  widerlege  auch  diese  viel—
leicht  nebensächlich  erscheinende  Verdächtigung  der  deutschen
  Politik,  weil  man  gerade  aus  ihr  mit  Sicherheit
auf  die  Verkehrkheik  der  Voraussetzungen  schließen  kann,
die  sie  bestätigen  soll.

Von  den  gleichen  falschen  Voraussetzungen  gehen  die
Ankläger  Deutschlands  aus,  wenn  sie  die  Enkstehung  der
Reibungen,  die  um  Marokkos  willen  zwischen  Deutschland
  und  Frankreich  im  Herbst  1904  entstanden  sind
und  in  ihrem  weiteren  Verlauf  zur  Fahrt  des  Kaisers
nach  Tanger,  zur  Konferenz  von  Algesiras,  zum  Abkom—
men  von  19o0g9  und  endlich  zu  dem  Panthersprung  nach
Agadir  bis  an  den  Rand  des  Krieges  führken,  dem  deutschen
  Imperialismus  zur  Last  legen.  Sie  behaupken  da,
daß  der  zwischen  Frankreich  und  Spanien  geschlossene
Verkrag  über  die  Abgrenzung  der  Einflußsphären  in
UMarokko  von  der  deutschen  Regierung  als  eine  Verletzung
  deutscher  Rechte  bekrachtek  worden  sei  und  ihr
zum  Vorwand  für  ihre  franzosenseindliche  Marokko-=politik
  gedienk  habe.:  Es  ergibk  sich  aber  aus  den  Akken
des  Auswärtigen  Amkes,  daß  Deutschland  hinker  den
Kulissen  gerade  an  dem  Zustandekommen  dieses  Verkrages
  mikgearbeikek  und  der  spanischen  Regierung  durch
Ratlschläge  wichkige  Dienste  im  Kampf  um  Spaniens
Rechke  in  M#arokko  geleistek  hak.  Es  krak  mik  seinem
Rat  während  der  äußerst  schwierigen  Verhandlungen,
die  im  Sommer  1904  staktfanden,  für  die  Rechte  eines

 

1)  A.  a.  O.  G.  307.

268
        <pb n="279" />
        schwächeren  Skaakes  gegen  die  Ansprüche  auf,  die  Frankreich,
  auf  das  mik  England  getroffene  Abkommen  vom
8.  April  1904  gestützt,  erhob,  und  die  schon  damals  die
Tendenz  erkennen  ließen,  Marokko  zu  einem  ausschließlich
  französischen  Anebeukungsobjekt  zu  machen.1

Der  deulsche  Beschaker  in  Ish#adrid,  Herr  von  Radowitz,
  konnke  am  1½3.  Okkober  an  das  Auswärkige  Amt
kelegraphieren:  „König  und  Königin  sprechen  mir  heute
wärmsten  Dank  dafür  aus,  daß  nur  infolge  unserer  hier
rechtzeikig  erkeilten  Winke  die  VPerhandlungen  mit  Frankreich
  über  Marokko  zu  einem  den  Umständen  nach  gün—-stigen
  Resultat  geführt  hätten.  Die  Königin  sagte,  in
Paris  sei  nur  widerwillig  den  Konzessionen  an  Spanien
zugestimmt  worden,  sie  mache  sich  auch  keine  Illusionen
darüber,  daß  Spanien  in  Marokko  gegenüber  Frankreich
  noch  in  die  schwierigsten  Sikuationen  kommen
werde;  man  werde  von  Anfang  an  die  erworbenen
Rechte  gegen  die  Franzosen  verkeidigen  müssen.  Hoffenklich
  werde  England  dann  im  eigenen  Inkeresse  Spanien
unkerstützen.“?

Nichk  der  spanisch-französische  Verkrag,  wohl  aber  die
bei  den  Verhandlungen  über  ihn  sich  enthüllenden  imperialistischen
  Absichten  Frankreichs  haben  Deutschland
veranlaßk,  für  die  von  Frankreich  bedrohfe  Unabhängigkeit
  des  Sulkans  von  dem  Augenblick  an  einzutreken,  in
dem  sie  durch  das  englisch-französische  Abkommen  bedrohr
  zu  sein  schien.  Wenn  dieses  Abkommen  auch  die
Unabhängigkeit  des  Sulkans  nichk  ankasteke,  so  war  es
doch,  wie  alle  zwischen  europäischen  Skaaken  geschlossenen

1)  Akten  Bd.  XX.  1,  S.  169—  194.
2)  Ebenda  S.  192,  Nr.  6570.

 

260
        <pb n="280" />
        Verträge  über  die  Abgrenzung  von  Einflußsphären
in  überseeischen  Ländern,  nur  die  Vorbereikung  für  ein
Prokektorak,  und  es  war  leicht  vorauszusehen,  daß  die
Unabhängigkeik  des  J#aghzen  sehr  bald  wie  die  des  BVizekönigs
  von  Agypten  eine  Scheinunabhängigkeit  werden
würde.  Dessen  war  man  sich  auch  in  England  bewußt,
und  deshalb  konnke  sich  Graf  Bernstorff,  der  kurz  nach
dem  Abschluß  des  Verkrages  den  nach  Berlin  gerufenen
Grasen  Mekkernich  in  London  verkrak,  „den  in  der
Welkgeschichke  unerhörken  Vorgang,  daß  England  mit
einer  anderen  Macht  eine  »societas  leonina«  eingegangen
sei,  bei  welcher  der  britische  Löwe  sich  gegen  seine  Gewohnheit
  mit  dem  Ankeil  des  wilden  Esels  begnügte“,
nur  dadurch  erklären,  daß  das  zwischen  den  beiden  Westmächtken
  hergestellte  guke  Verhälknis  England  unker
Ausnutzung  des  ostastatischen  Krieges  so  viele  Vortkeile
in  seinem  weltpolitischen  Ringen  mit  Rußland  verschaffen
würde,  daß  die  Auslieferung  JIMarokkos  an  Frankreich
dadurch  aufgewogen  wurde.*

Wie  kam  nun  Deurschland  dazu,  dieses  weit  von  ihm
gekrennke  Land,  auf  das  Frankreich  schon  wegen  seiner
geographischen  Lage  einen  stärkeren  Einfluß  beanspruchen
konnke  als  alle  anderen  Mächte  mit  Ausnahme  von
Spanien,  nichk  dem  französischen  Imperialismus  widerstandslos
  preiszugeben?

Haben  wirklich  nur  Prestigegründe  und  „uferlose  Herrschaftsgelüste“"
  Deutschlands  Mdarokkopolitik  bestimmt,
oder  wurde  die  deutsche  Regierung  nichk  vielmehr  durch
sehr  kriftige  und  sehr  berechkigke  wirkschaftliche  Inker= 



1)  Akten  Bd.  XX.  1.  S.  16.  Nr.  6376.

270
        <pb n="281" />
        essen  dazu  bewogen,  seiner  Ausschaltung  in  Marokko
vorzubeugen?  Das  erzreiche  Gebiet  im  nordwestlichen
Afrika,  das  nur  noch  in  losem  politischen  Zusammenhang
  mit  dem  türkischen  Kalifat  stand,  war  eine  von
den  wenigen  Gegenden  der  Erde,  in  denen  sich  für  einen
Industriestaat  wie  Deutschland  die  so  dringend  erforderliche
  Möglichkeit  zu  wirtschaftspolitischer  Betäti—
gung  eröffneke.  Es  konnke  nicht  nur  der  deutschen  Industrie
  unenkbehrliche  Rohstoffe  liefern,  sondern  es  konnke
auch  durch  die  von  seinen  Fürsten  und  seiner  Bevölkerung
  gewünschke  Lösung  kostspieliger  Kulkuraufgaben
zu  einem  der  wichtigsten  Absatzgebieke  für  die  Erzeugnisse
  der  deulschen  Industrie  und  zu  einem  einkräglichen
Arbeitefeld  für  die  deuksche  Technik  werden.  Unker  allen
großen  Meächken  der  Erde  besaß  Deurschland  das  kleinste
Kolonialgebiek;  alle  anderen  Skaaken  verfügken  über  ergiebigere
  und  ausgedehnkere  Rohstoffquellen  als  Deutschland.
  Verlangke  es  da  zuviel,  wenn  es  forderte,  daß
ihm  die  letzke  Mdglichkeik,  diesen  RNachkeil  wenigstens
einigermaßen  auszugleichen,  nichk  versperrk  wurde?
Mußte  es  nicht  jeden  Versuch,  ihm  die  vollkommene
Gleichberechtigung  im  Wektbewerb  um  die  kulkurelle
und  wirkschaftliche  Verwerkung  dieser  letzten  noch  verfügbaren
  Eisenschätze  der  Erde  zu  versagen,  als  eine  Beeinkrächkigung
  im  höchsten  Grade  gerechkferkigker  Inkeressen
  ansehen,  und  befand  es  sich  nichk  im  Zustande  der
Verkeidigung,  wenn  es  nach  dem  Grundsatz:  principiis
  obstar  von  dem  Augenblick  an,  in  dem  durch  den
englisch-französischen  Verkrag  eine  solche  Beeinkrächkigung
  wahrscheinlich  geworden  war,  deutlich  zu  erkennen
gab,  daß  man  auch  in  Marokko  über  deutsche  Inker-271
        <pb n="282" />
        essen  nicht  ohne  Deutschlands  Mitwirkung  entscheiden
dürfe?

Solche  Erwägungen,  nicht  Herrschaftsgelüste,  haben
die  deutsche  Regierung  veranlaßt,  sich  für  das  Zustandekommen
  des  spanisch-französischen  Marokkoabkommens
vom  3.  Okkober  einzusetzen,  damit  nichk  durch  die  Ausschallung
  Spaniens  ein  Präzedenzfall  geschaffen  würde,
und  aus  solchen  Erwägungen  sind  alle  JKaßnahmen  der
deulschen  Polikik  von  der  Fahrk  meines  Vakers  nach
Tanger  bis  zur  Enksendung  des  „Panthers"  nach  Agadir
hervorgegangen.

Der  Zufall  har  es  gewollk,  daß  gerade  im  Augenblick,
in  dem  der  französisch-englische  Verkrag  vom  8.  April
eine  ernstliche  Bedrohung  der  deutschen  Inkeressen  in
UMarokko  möglich  gemachk  hatke,  zu  den  schon  vorhandenen
  ungelösten  Konflikken  ein  neuer  zwischen  der  marokkanischen
  Regierung  und  Deurschland  entstanden  war.
Am  7.  Aärz  hakkte  der  Pascha  von  Fes  einen  als  Angestellten
  einer  deukschen  Firma  der  deutschen  Schutzherrschaft
  unkerstehenden  Eingeborenen  widerrechtlich  verhaften
  lassen.  Der  deuksche  Konsul  in  Fes  hatkte  vergeblich
  versucht,  seine  Freilassung  zu  erwirken.  Ja,  man
hakke,  um  der  deufschen  Regierung  das  Rechk  zu  solchem
Verlangen  zu  entziehen,  den  Gesangenen  gezwungen,
schriftlich  auf  sein  Schutzrechk  zu  verzichken.  Diesen  erzwungenen
  Verzichk  erkannte  der  deutsche  Gesandke  im
Tanger,  Herr  v.  Mentzingen,  nichk  an  und  verlangke
die  sofortige  Freilassung.  Solchem  Verlangen  wurde
unker  Angabe  leicht  zu  widerlegender  Ausflüchke  nicht
entsprochen.  Herr  v.  Mentzingen  berichkeke  nach  Berlin,
  daß  die  scherifische  Regierung  sich  schon  seit  Monaten

272
        <pb n="283" />
        allen  Verpflichtungen  gegen  Deutschland  zu  entziehen
suchte.

Es  ist  nun  ein  schlagender  Beweis  für  die  Friedferkigkeit
  der  deulschen  Politik,  daß  die  vom  Gesandten  in
Tanger  angerakene,  vom  Grafen  Bülow  dem  auf  einer
Milkelmeerreise  besindlichen  Kaiser  vorgeschlagene  Enksendung
  von  Kriegeschiffen  nach  Jlarokko  von  meinem
Vaker  durch  ein  Telegramm  aus  Messina  abgelehnt
wurde.  Der  Kaiser  schlug  vor,  sich  mit  den  drei  anderen
  in  Marokko  interessierten  Mächten  Frankreich,  Spanien
  und  England  über  ein  gemeinsames  Vorgehen  gegen
die  scherifische  Regierung  zu  verständigen.  Fünf  Tage
später  wurde  der  englisch-französische  Bertrag  veröffent—
licht,  und  von  diesem  Augenblick  wurde  jeder  Gedanke
an  ein  gewaltsames  Vorgehen  gegen  Marokko  aufgegeben,
  „weil  es  leicht  mißdeutet  und  zu  Kombinationen
ausgenutzt  werden  könnte,  die  der  deutschen  Politik  fremd
waren“.  So  begründeke  der  Staatssekretär  im  Auswärtigen
  Amt,  Herr  v.  Mühlberg,  die  Instruktion,  die
er  am  21.  Mai  an  Herrn  v.  Mentzingen  sandte,  und  ordnete
  gleichzeitig  an,  daß  gegenüber  der  scherifischen  Regierung
  so  lange  Zurückhaltung  zu  beachten  sei,  bis  sich
übersehen  ließe,  welchen  Einfluß  die  Überlassung  Ma—
rokkos  an  Frankreich  auf  die  auswärkigen  Beziehungen
des  maurischen  Reiches  ausüben  werde.  Aus  denselben
Gründen  wurde  die  Nachrichk,  daß  der  Sulkan  beabsichlige,
  den  Kailser  um  Hilfe  gegen  die  Eingriffe  Frankreichs
in  seine  Souveränikäksrechke  anzugehen,  durch  die  am

 

1)  Akten  Bd.  XX.  1,  S.  198  u.  ff.,  Nr.  6512.
)kten  Bd.  XX.  1,  S.  199,  Nr.  6513  vom  3.  April  2904.
3)  Akien  Bd.  XX.  1,  S.  206,  Nr.  6520.

Kronprinz  Wilbelm,  Ich  suche  d.  W.  18

273
        <pb n="284" />
        19.  Mai  an  den  Gesandten  in  Tanger  abgegangene  Anweisung
  beantwortet,  dem  Sultan  von  einem  solchen
Unterstützungsgesuch  abzuraten.  Kann  angesichts  dieser
urkundlich  nachweisbaren,  an  Zaghaftigkeit  grenzenden
Vorsichk,  mit  der  Deutschland,  doch  lediglich  um  einen
Konflikt  mit  Frankreich  zu  vermeiden,  in  der  marokkanischen
  Angelegenheit  vorging,  ernstlich  noch  behaupket
werden,  daß  die  MXekhoden  Deutschlands  in  diesem  Falle
die  eines  rücksichkslosen  Imperialismus  waren?

Aber  wie  belohnte  Frankreich  diese  Zurückhaltung?  Es
versuchte,  sich  sofork  nach  dem  Abschluß  des  Verkrages
vom  B.  April  das  Monopol  für  alle  Konzessionen  und
Lieferungen  an  die  scherifische  Regierung  zu  verschaffen,
und  hielk  es  nichk  für  nötig,  sich  mik  den  anderen  Mächken
  (außer  England  und  Spanien),  die  wirtschaftliche
Interessen  in  Marokko  hakten  —  und  unker  ihnen  stand
Deutschland  an  erster  Skelle  —,  auch  nur  auseinanderzusetzen.


Erst  als  es  unzweifelhaft  feststand,  daß  Frankreich  ganz
wie  in  den  anderen  ihm  unkerstellken  Schutzgebieken  seinen
  politischen  Einfluß  dazu  benutzen  würde,  die  scherifische
  Regierung  an  der  Erkeilung  von  Konzessionen  an
deutsche  Staaksangehörige  zu  verhindern,  erwog  man  in
Berlin,  ob  man  von  Frankreich  unter  Bezugnahme  auf
die  Madrider  Konwenkion  und  das  im  unkündbaren
deufsch-marokkanischen  Handelsverkrag  uns  eingeräumte
Meistbegünstigungsrecht  die  Zusicherung  verlangen  solle,
daß  es  den  freien  Wekebewerb  Deutschlands  auch  auf
dem  Gebieke  der  Skaakslieferungen  nichk  beeinkrächkigen
würde.  Weil  mik  der  Einleikung  solcher  Verhandlungen
die  Anerkennung  der  Vormachkstellung  Frankreichs  aus-274
        <pb n="285" />
        gesprochen  war,  damit  zugleich  aber  der  folgenschwere
Grundsatz  anerkannt  wurde,  daß  es  zwei  Mächten  erlaubt
  sei,  durch  einen  Vertrag,  der  ohne  Mitwirkung,
ja  ohne  Benachrichtigung  anderer  Mächte  zustande  gekommen
  war,  über  den  politischen  und  wirtschaftlichen
Einfluß  in  aussichtsreichen  Kolonialgebieten  Enkscheidungen
  zu  treffen,  schwankte  man  lange,  ob  man  diesen  Weg
einschlagen  solle.  Als  zweiter  Weg  blieb  die  Möglich—
keit,  sich  auf  Grund  der  Madrider  Konvention  und  des
Handelsverkrages  in  der  friedlichen  Durchdringung  Marokkos
  und  in  der  selbständigen  Wahrnehmung  der  deutschen
  Rechte  daselbst  nicht  beirren  zu  lassen,  bis  sich
Frankreich  genötigk  sähe,  selbst  eine  Verständigung  herbeizuführen.
  Damik  häkte  es  den  großen  Fehler  gukgemachk,
  den  es  begangen  haktke,  als  es  sich  mit  England,
dessen  völkerrechkliche  Skellung  zu  J#arokko  sich  von  der
Deurschlands  nichk  unkerschied,  über  seine  Vorherrschafe
in  JNarokko  verständigke,  mit  Deukschland  aber  nichk.]

Erst  als  durch  den  Druck,  den  der  französische  Verkreker
  in  Fes,  gestützt  auf  die  inzwischen  eingerichkeke  französische
  Militärkonkrolle,  auf  den  Sulkan  auszuüben  versuchte,
  eine  fremdenseindliche  Bewegung  entstand  und
die  Europäer  aus  dem  Innern  Marokkos  an  die  Küsten
strömten,  enkschloß  man  sich  in  Berlin,  den  deulschen  Einfluß
  dadurch  zu  rekten,  daß  man  dem  Sultan  den  Rücken
stärkte.  Zu  diesem  Zweck,  und  zu  keinem  anderen,  ging
auch  mein  Vaker,  widerstrebend,  darauf  ein,  auf  der  Mit- 



1)  Die  ausführliche  ODarlegung  dieser  Entwicklung  der  deutschen  Politik
  findet  sich  in  dem  Brlef  des  Grafen  Bülow  an  den  deutschen  Botschafter
  in  Paris  vom  21.  Juli  19od  und  dessen  Antwork  vom  a#.  Juli.
Akten  Bd.  XX.  1,  Nr.  6523  u.  6524.

275
        <pb n="286" />
        kelnieerfahrk,  die  er  im  März  1905  ankrak,  in  Tanger  zu
landen  und  dork  öffenklich  zum  Auedruck  zu  bringen,  daß
Deutschland  die  Selbständigkeik  der  scherifischen  Regierung
  für  unankastbar  halke.  Nichk  der,  der  diese  Erklärung
  abgab,  sondern  der,  der  dem  deutschen  Kaiser  die
Berechtigung  zu  solcher  Erklärung  bestrikk,  setzte  sich  mit
den  bestehenden  Verkrägen  in  Widerspruch.  Um  jeder
Mißdeutung  seines  Besuches  in  Tanger  vorzubeugen,
sagke  der  Kaiser  in  der  Rede,  die  er  am  Tage  vor  seiner
Abreise  auf  der  „Hamburg“  bei  der  Enkhüllung  des  Denkmals
  seines  Großvakers  in  Bremen  hielk:  „Ich  habe  mir
gelobk,  auf  Grund  meiner  Erfahrungen  aus  der  Geschichke
niemals  nach  einer  öden  Welkherrschaft  zu  streben.  Das
Welkreich,  das  ich  mir  gekräumt  habe,  soll  darin  bestehen,
daß  vor  allen  Dingen  das  neuerschaffene  Deulsche  Reich
von  allen  Seiken  das  absolureste  Verkrauen  als  das  eines
ruhigen,  ehrlichen  und  friedlichen  Nachbarn  genießen  soll
und  daß,  wenn  man  dereinst  vielleichk  von  einem  deutschen
  Weltreich  oder  einer  Hohenzollernwelkherrschaft
reden  sollke,  sie  nicht  auf  Politik  begründek  sein  soll  durch
das  Schwerk,  sondern  durch  das  Verkrauen  der  nach
gleichen  Zielen  strebenden  Nakionen.“  Und  mil  der  Erinnerung
  an  diese  Rede,  die  Geschichkskundige  schwerlich
  vergessen  haben  können,  sagen  die  Herren  Bourgeois
und  Pagss,  daß  dem  deutschen  Kaiser  nach  der  Niederlage
  der  Russen  bei  IUukden  der  Augenblick  gekommen
zu  sein  schien,  zur  Herausforderung  und  zur  Drohung
überzugehen,  und  erklären  die  vom  Kaiser  dem  französischen
  Verkreker  in  Tanger  abgegebene  Versicherung,
daß  er  zum  Schutz  der  Inkeressen  Deutschlands  gegen
jedes  JXUonopol  und  gegen  jede  Annexion  nur  mik  dem

270
        <pb n="287" />
        freien  und  unabhängigen  Sulkan  von  Marokko  verhandeln
  werde,  für  einen  Frankreich  hingeworfenen  Fehdehandschuh.
  In  Wahrheik  hatke  mein  Vaker  mit  diesen
Worken  nur  den  Fehdehandschuh  aufgenommen,  den
Frankreich  allen  Meächten,  die  in  Marokko  wirtschaftliche
  Inkeressen  hakken,  dadurch  hingeworfen  hakke,  daß
es  den  freien  Skaat  M#arokko,  ohne  sie  zu  befragen,  unker
französisches  Prokekkorak  zu  zwingen  begann.  Der  Kaiser
ist  in  Tanger  für  die  Gleichberechtigung  Deutschlands
und  aller  anderen  Nationen  in  Marokko  eingekreten,  er
hak  für  Deulschland  keine  Vorzugsstellung  in  Anspruch
genommen.

Daß  Frankreich  das  Gegenkeil  wollte,  haben  die  Phasen
  der  Entwicklung  gezeigk,  die  das  Verhälknis  zwischen
Frankreich  und  IUarokko  bis  zum  Jahre  1911  durchlaufen
  hat.

Unter  diesen  Phasen  hat  die  der  Entstehungsgeschichte
der  Konferenz  von  Algesiras  den  Anklägern  Deukschlands
  die  größten  Schwierigkeiten  bereitet.  Denn  die
Herren  Bourgeois  und  Pages  müssen  in  den  Akten  des
Quai  d'’Orsay  sehr  viele  Beweise  dafür  gefunden  haben,
daß  der  Mann,  der  im  Jahre  r905  die  französische  Außen-=polilik
  seit  sieben  Jahren  leileke,  nach  dem  eigenen  Urkeil
  seiner  Ministerkollegen  eine  imperialistische  Politik
gekrieben  hak,  die,  gestützt  auf  sein  Werk:  die  Enkenke
mit  England,  Deukschland  als  gänzlich  unbeachtlich  behandeln
  zu  dürfen  glaubke.  In  dem  Kampf,  der  sich  um
den  Konferenzgedanken  zwischen  Frankreich  und  Deutschland
  entspann,  verkrat  Herr  Delcassé  Anfprüche,  die
sich  mik  den  abgeschlossenen  Verkrägen  nicht  vereinigen
ließen,  und  Deutschland  verkrak  das  durch  diese  Ver-277
        <pb n="288" />
        träge  geschaffene  Recht.  Das  bestreiten  die  Ankläger
Deutschlands  selbstverständlich,  aber  die  Schilderung,  die
sie  selbst  von  den  diplomalischen  Verhandlungen  enkwersen,
  strafe  sie  Lügen.  Zikieren  sie  doch  aus  einer  Noke  Delcassés
  an  den  französischen  Verkreker  in  Fes  die  folgenden
Worke:  „Sie  werden  Ben-Sliman  (dem  marokkanischen
Minister  des  Anßeren)  kakegorisch  erklären,  daß  es  keine
vermikkelnde  Machk  zwischen  der  französischen  Regierung
und  der  marokkanischen  Regierung  geben  kann,  und  daß
zwischen  Marokko  und  dem  algerischen  Frankreich  kein
Land  liegk.  Frankreich  allein  grenzt  an  Marokko.“1
Dabei  war  es  so  klar  wie  die  Sonne,  daß  die  Konvention
  von  Madrid  keiner  Machk  das  Reche  gab,  ohne  die
Zustimmung  aller  anderen  Signakarmächke  dieses  Verkrages
  an  dem  status  quo  in  Marokko  irgend  ekwas
durch  direkle  Ferhandlungen  mil  der  marokkanischen  Regierung
  zu  ändern.  Richk  um  durch  Gewalk  England
von  Frankreich  zu  krennen,  wie  die  Anklageschrift  behaupkek,
  sondern  um  die  von  Delcassé  mißachteken  Rechre
Deutschlands  in  seiner  Eigenschafk  als  Signakarmacht
der  Konvention  von  Madrid  zu  verkeidigen,  ist  Fürst
Bülow  für  den  Konferenzgedanken  eingekreken,  weil  ihm
nach  der  Verständigung  zwischen  Frankreich  und  England,
  die  bereiks  bis  zur  Vorbereikung  des  Abschlusses
eines  Defensiv=  und  Offensivbündnisses  geführk  hakke,  eine
direkle  Verständigung  mit  Delcassé  unmöglich  erschien,
der  es  als  das  Recht  Frankreichs  bekrachteke,  M##arokko
zu  kunisieren.  Ich  habe  hier  nichk  zu  unkersuchen,  ob  es
ein  Fehler  des  Fürsten  Bülow  war,  mit  solcher  Hark- 



1)  A.  a.  O.  S.  3og.

278
        <pb n="289" />
        näckigkeit  auf  dem  Konferenzgedanken  zu  bestehen,  nachdem
  Delcassé,  der  entschlossen  war,  auf  die  Gefahr  eines
Krieges  hin  den  Sultan  mit  Gewalt  zur  Annahme  der
französischen  Reformpläne  zu  zwingen,  am  12.  Juni  1905
seine  Demission  gegeben  hatte.  Denn  selbst,  wenn  es  ein
Fehler  war,  kann  er  nicht  in  die  Wagschale  der  Schuld
im  Sinne  des  Verkrages  von  Versailles  geworfen  werden.
  Alle  jene,  die  des  Fürsten  Bülow  auch  in  dieser
Frage  wieder  von  Herrn  v.  Holstein  fuggerierke  Politik
verurkeilen,  kun  es  ja  gerade  deshalb,  weil  sie  der  Ansicht
sind,  daß  durch  eine  direkte  Verständigung  mik  Frankreich
  mehr  häkke  erreichk  werden  können,  als  schließlich
auf  der  Konferenz  erreichk  worden  war.  Sie  meinen,
daß  es  möglich  gewesen  wäre,  mik  Frankreich  zu  einer
Teilung  der  Einflußsphären  in  Marokko  zu  gelangen,
daß  eine  bekrächklichere  Pergrößerung  unseres  Kolonialbesitzes
  hätte  durchgesetzt  werden  können,  als  sie  im
Jahre  r9##  durch  Kiderlen-Wächker  erreichk  worden
ist.  Wenn  Deutschland  durch  direkte  Verständigung  mit
Frankreich  unker  Ausschalkung  der  anderen  Signakarmächte
  der  Madrider  Konvention  seine  überseeischen  Besitzungen
  durch  den  Erwerb  von  Sũdmarokko  vermehrt
hätte,  dann  hätte  es  seine  ganze  Marokkopolikik  desavonieren
  müssen,  die  auf  dem  Gedanken  der  Unwerletzlichkeik
  der  Rechke  des  Sulkans  aufgebauk  war,  und  es
häkke  sich  zudem  eines  Verrakes  an  dem  Sulkan  und  am
König  von  Spanien  schuldig  gemachk,  dem  der  Kailser
auf  seiner  Mikkelmeerreise  in  Bigo  versprochen  hattke,
keine  Landerwerbungen  in  Marokko  zu  erstreben.!  Das

 

1)  Akten  Bd.  XVII.  S.  363,  Nr.  5208.

279
        <pb n="290" />
        wollke  weder  der  Kaiser  noch  sein  Reichskanzler,  und  deshalb
  stellen  die  Ankläger  Deukschlands  auch  hier  wieder
die  Wahrheir  auf  den  Kopf,  wenn  sie  behaupken,  daß
Deutschland  auf  dem  Konferenzgedanken  bestanden  habe,
weil  es  Frankreich  demütigen  wollke.

Das  ist  so  wahr,  daß  die  Verfasser  der  Anklageschrift,
deren  Rakionalstolz  es  nichk  gestakkel,  zuzugeben,  daß
Frankreich,  als  es  nach  langem  Stkräuben  die  Konferenz
annahm,  gedemütigk  worden  sei,  schreiben,  Rouvier  wäre
auch  nach  der  Demission  Delcassés  nicht  um  einen  Zoll
breik  von  dessen  Politik  abgewichen,  denn  die  Göllkigkeit
der  Verkräge  mit  England  und  Spanien  sei  während
der  Verhandlungen  mit  Deutschland  niemals  angezweifelt
  worden.

Diese  Behaupkung  stehr  im  schroffsten  Gegensatz  zu  der
wenige  Zeilen  vorher  zum  Beweise  für  Deutschlands  Gewaltpolitik
  zitierken  Skelle  aus  Tardiens  Buch  „Frankreich
  und  seine  Bündnisse“,  die  folgenden  Worktlaut  hat:
„Wenn  der  Kaiser  darauf  bestand,  daß  die  Konferenz
starkfinden  sollke,  so  geschah  das  deshalb,  weil  schon  die
Tarsache  der  Konferenz  vor  aller  Wele  feststellke,  daß  die
Verkräge  Frankreichs  nicht  ausreichken,  wenn  Deutschland
  sich  ihnen  widersetzte;  und  weil  diese  Konferenz,  an
die  Deutschland  gegen  unsere  Politik  in  Fes  Berufung
einlegke,  ein  Denkmal  war,  das  der  Macht  Deurschlands
errichkek  wurde,  eine  Drohung  gegen  jeden,  der  sich  anmaßte,
  seine  politische  Unabhängigkeit  anzustreben.“

Es  ist  sehr  verständlich,  daß  sich  die  Anklageschrift  in
solche  Widersprüche  verwickell,  weil  der  französische  Mi-1)

  A.  a.  O.  S.  311.  Sie  berufen  sich  dabei  auf  die  Erklärung,  die
Rouvier  selbst  am  10.  Juli  1905  in  der  Kammer  abgegeben  hat.

 

280
        <pb n="291" />
        nisterpräsidenk,  Herr  Rouvier,  se  Ibst  die  Methoden,  die
sein  eigener  Minister  des  Außeren  angewendek  hakke,  verurkeille.
  In  einer  Unterredung,  die  Herr  v.  Holstein  mit
einem  Abgesandten  des  Ministerpräsidenken,  dem  französischen
  Finanzmann  Betzold,  am  2.  Mai  1905  führte,
und  in  der  er  die  ganze  Schuld  an  der  Verschärfung  der
Gegensätze  zwischen  Deutschland  und  Frankreich  Herrn
Delcasse  zugeschrieben  hakke,  sagke  der  Verkrauke  des  französischen
  Il##inisterpräsidenken  zum  Schluß,  „daß  Rouvier
hinsichtlich  Delcassés  die  deutsche  Auffassung
vollkommen  keile  und  ihm  nichküber  den  Weg
kraue“.  !  Die  Ankläger  Deukschlands  verkreken  in  ihrer
Schilderung  der  Vorgeschichke  der  Algesiraskonferenz
eine  verlorene  Sache,  weil  sie  sich  vergebens  bemühen,
zu  verbergen,  daß  Delcassé  von  seinen  eigenen  Ministerkollegen
  für  eine  Kriegsgefahr  gehalken  wurde,  und
daß  darum  der  französische  Ministerpräsidenk  in  diesem
Kampfe,  ähnlich  wie  im  Jahre  1887  Freycinel  gegen
Boulanger,  Zeugnis  gegen  Delcafsé  abgelegk  und  damik
  zugleich  die  deulsche  Politik  gerechtferkigtk  hat.

Auf  den  Verkrag  von  Björkö,  dessen  Abschluß  am
24.  Juli  19o5  mikken  in  die  Zeit  der  Verhandlungen
über  die  Marokkokonferenz  fällt,  brauche  ich  hier  nicht
näher  einzugehen,  denn  die  Anklagen,  die  in  bezug  auf
ihn  gegen  Deutschland  erhoben  werden,  sind  die  gleichen,
die  gegen  den  ein  Jahr  früher  unkernommenen  Versuch,
ein  Defensivbündnis  mit  Rußland  zustandezubringen,
gelkend  gemachk  wurden,  und  können  mik  denselben  Gründen
  widerlegk  werden.  Auch  dieses  Bündnis  war  zur

1)  Akten  Bd.  XX.  2,  S.  359,  Nr.  6646.
a)  S.  oben  S.  359  ff.

 

281
        <pb n="292" />
        Erhaltung  des  Friedens  geschlossen  worden  und  hätte
den  Frieden  wirklich  er  halten,  wenn  der  Zar,  der  es  mit
Begeisterung  unterzeichnet  hatte,  nicht  unter  dem  Einfluß
  seiner  Rakgeber,  vor  allem  des  Grafen  Lambedorff,
die  Gültigkeik  des  Defensivbündnisses  im  Widerspruch
zum  Worklaut  des  Verlrages  vom  Beikrikt  Frankreichs
abhängig  gemachk  wissen  wollke,  der  krotz  der  inzwischen
erfolgten  Einigung  in  der  Marokkokrise  nichk  zu  erreichen
  war.1

Nur  auf  eine  Anklage,  die  im  Zusammenhang  mit
diesem  Verkrage  erhoben  wird,  muß  ich  eingehen,  weil
sie  wiederum  den  Vorwurf  der  Gewaltkätigkeik  der  deutschen
  Politik  in  sich  birgk  und  darum  im  engen  Zusammenhang
  mil  der  Schuldfrage  steht,  aber  sehr  leicht  widerlegk
  werden  kann.  Im  Anschluß  an  einen  von  Rügen
datierken  Brief  des  Kaisers  an  den  Zaren  vom  2.  August,
  der  nach  einem  Aufenthalk  am  dänischen  Hofe  geschrieben
  worden  ist,  werfen  die  Herren  Bourgeois  und
Pageés  nämlich  dem  Kaiser  vor,  daß  er  außer  der  Versklavung
  Frankreichs  die  Vers  klapvung  Dänemarks
vom  Verkrage  von  Björkö  erwarkeke.?  Der  Kaizer  schreibs
in  diesem  Brief:  „Im  Laufe  einer  langen  Unkerredung,
die  ich  mit  Jowoleki  hakte  (Iswolski  war  damals  rufsischer
  Gesandker  in  Kopenhagen),  habe  ich  die  Gewißheit

 

1)  Der  Zar  schrieb  am  a7.  September  190„5  an  den  Kaiser:  -But  if
France  were  to  refuse  to  join  us,  then,  not  only  would  art.  IV  drop
-away,  but  also  the  meaning  of  art.  Iwould  change  radically,
  because  its  obligations  in  the  present  wording  point
at  any  European  power  and  France  too  —  Kussia's  ally.
Akien  Bd.  XIX.  2,  Nr.  6247.

2)  A.  a.  O.  G.  317.

282
##  4—
        <pb n="293" />
        gewonnen,  daß  der  jetzige  Minister  des  Auswärtigen,
Graf  Raben,  und  eine  Anzahl  anderer  einflußreicher  Personen
  jetzt  zu  der  Überzeugung  gekommen  sind,  daß  im
Fall  eines  Krieges  und  eines  Angriffs  auf  die  Ostsee  von
seiten  einer  fremden  Macht  die  Dänen  infolge  der  Unmöglichkeit,
  auch  nur  den  Schakken  einer  Neukralikät
gegen  die  Inwasion  ihres  Landes  aufrechkzuerhalken,  erwarken,
  daß  Rußland  und  Deutschland  sofort  Maßregeln
  ergreifen,  um  ihre  Inkeressen  zu  schützen,  die  Hand
auf  Dänemark  legen  und  es  während  der  Dauer  des
Krieges  besetzt  halten,  was  übrigens  eine  Bürgschaft  für
ihr  Land,  für  dessen  Zukunft  und  die  der  Doynastie  wäre.“1

Wie  man  aus  diesen  Workten  schließen  kann,  daß  der
Kaiser  die  Versklavung  Dänemarks  beabsichkigke,  ist  an
sich  vollkommen  unersindlich,  denn  die  Besetzung  Dänemarks
  sollte  ja  im  Falle  eines  Krieges  mit  Einverständnis
  der  dänischen  Regierung  und  zum  Schutze  der  dänischen
  Renkralität  erfolgen.  Aber  die  Ankläger  richken
ihren  Vorwurf  zudem  noch  an  eine  falsche  Adresse.  Denn
dieser  Brief  ist  nichks  anderes  als  der  Berichk  über  das
Ergebnis  eines  Auftrages,  den  der  Zar,  also
Frankreichs  Bundesgenosse,  dem  Kaiser  mir
auf  den  Weg  nach  Kopenhagen  gegeben  hakke.

In  dem  Brief,  den  der  Kaiser  über  das  Zustandekomkommen
  des  Verkrages  von  Björkö  an  den  Grafen  Bü- 



1)  Man  ersiehe  übrigens  aus  dlesem  Brief  und  der  Korrespondenz
des  Kaisers  mit  dem  Fürsten  Bülow  in  jenen  Julitagen  des  Jahres  1905,
daß  mein  Vater  während  seines  damaligen  Aufenthalts  in  Kopenhagen
  die  Frage  der  Neutralisierung  Dänemarks,  im  Widerspruch  zum
Wunsche  des  Zaren,  dem  König  Christian  gegenüber  auf  den  Rat  des
Fürsten  Bülow  nicht  zur  Sprache  gebracht  hat.

15
00
02
        <pb n="294" />
        low  sandke,  erzählt  er  zum  Schluß:  „Es  wurde  auch
viel  über  Dänemark  gesprochen,  und  drückte  der  Zar
den  Wunschaus,  wir  möchken  in  Erwägung  ziehen,
ob  nichk  irgend  eine  Form  zu  sinden  wäre,  durch  die  wir
beide  dem  König  Christian  seinen  Länderbesitz  garankieren
  könnken,  da  eine  Neukralikätserklärung  uns  nichks
nütze,  bei  der  die  Dänen,  ihrer  Ansichk  nach  mit  Recht,
seindliche  Schiffe  direkk  in  die  Ostsee  vor  unsere  Häfen
loolsen  könnten.  Im  Falle  der  Gegner  die  Neukralikät
  Dänemarks  nicht  respekliere,  was  bei  der  großen
Schwäche  des  Ländchens  anzunehmen  sei,  dann  lege  er
sofork  die  Hand  darauf,  und  das  neutrale  Reich  sei  auf
des  Feindes  Seike  zum  Mikkun  gezwungen  und  gewähre
ihm  eine  vorkreffliche  Basis  für  seine  Operationen  gegen
unsere  Küsten.  Dänemark  sei  nun  einmal  ein  Oflseestaar
und  keine  Nordseemacht.  Ich  versprach,  mik  Ihnen  darüber
  zu  beraken.“?

Wer  alfo  die  Absichr,  für  den  Fall  eines  Krieges  Dänemark
  zum  Schutze  seiner  Neutralikät  zu  besetzen,  zum
Gegenstand  einer  Anklage  machen  will,  der  muß  diese
Anklage  gegen  den  Zaren,  den  Enkel  des  Königs  von
Dänemark  und  den  Bundesgenossen  Frankreichs,  richken,
  über  dessen  Friedferkigkeit  und  Lopyalikät  die  Anklageschrift
  einige  Seiten  vorher  ein  rühmendes  Loblied

1)  Akten  XIX.  2,  S.  464,  Nr.  6220.

2)  S.  hierzu  auch  die  Urkunden  im  Kap.  129,  Bd.  XIX.  1  der  Akten
über  die  Sperrung  der  Ostsee,  aus  denen  hervorgeht,  daß  die  Neutralisierung
  Dänemarks  vom  Prinzen  Hans  von  Glöcksburg,  dem
Bruder  des  Königs  Christian,  schon  im  Jahre  1903  angeregt  worden
war  und  der  Zar  schon  damals  den  Vorschlag  gemacht  harte,  im  Fall

eines  Krieges  mit  England  Dänemark  mit  Deutschland  gemeinsam  zum
Schutze  seiner  Neukralikäk  zu  besetzen.

 

284
        <pb n="295" />
        angestimmt  hat,  und  wird  schon  durch  diese  zwingende
Notwendigkeit  ad  absurdum  geführt.

Der  Vertrag  von  Björkö  ist  von  meinem  Vater  niemals
  als  ein  Werkzeug  zur  Unterjochung  irgend  eines
anderen  Staates  betrachtet  worden,  sondern  als  eine  Befreiungstat,
  deren  Gelingen  ihm  wie  ein  Wunder
Gottes  erschien.  Das  geht  deutlich  aus  dem  oben  erwähnlen
  Brief  hervor,  den  er  noch  am  Tage  der  Unterzeich—
nung  vor  Wisby  an  den  Grafen  Bülow  schrieb.  Er  sagt
darin:  „So  ist  der  Morgen  des  24.  Juli  1905  ein  Wendepunkt
  in  der  Geschichte  Europas  geworden,  dank  der
Gnade  Gottes,  und  eine  große  Erleichterung  der  Lage
für  mein  teures  Vaterland,  das  endlich  aus  der
scheußlichen  Greifzange  Gallien-Rußlandbefreik
  werden  wird.“!1

Das  Wunder  ist  nicht  zur  Wirklichkeit  geworden,  weil
der  Zar,  nachdem  er  durch  den  mit  Hilfe  Deutschlands
zustande  gekommenen  Frieden  von  Porksmouth  der  ostastalischen
  Gefahr  enkledigk  war,  am  ro.  November  als
Zusatz  zum  Verkrage  von  Björkö  eine  Erklärung  einsandre,
  durch  die  festgestellt  werden  sollke,  daß  dieser
Verkrag  auf  einen  Krieg  mik  Frankreich  —  wohlgemerkt
auch  auf  einen  durch  Frankreich  provozierken  Krieg  —
nicht  angewendek  werden  dürse.  Da  der  Verkrag  von
deutscher  Seike  vornehmlich  geschlossen  war,  um  Deutschland
  gegen  einen  französischen  Angriff  zu  schützen,  hatte
er  für  uns  durch  diesen  Zusatz  jeden  Werk  verloren.

 

1)  Akten  Bd.  XIX.  2,  S.  463.

3)  Der  Vertrag  sollte  Deutschland  natürlich  auch  gegen  einen  englischen
  Angriff  schützen.  Da  aber  ein  englischer  Angriff  höchst  wahrscheinlich
  nur  im  Falle  eines  französischen  erfolgt  wäre,  verlor  der  Ver-285
        <pb n="296" />
        Anderthalb  Jahre  später  vollzog  sich  dagegen  ein  anderes
  Wunder,  auf  dessen  angenommene  Unmöglichkeit
die  ganze  von  Holstein  inspirierke  deutsche  Politik  seit
Jahren  beruhke,  das  Wunder  der  Ausgleichung  der
Gegensätze  zwischen  England  und  Rußland
durch  den  Verkrag  vom  31.  August  1907.  Die
Anklageschrifk  behauptek,  daß  dieser  Verkrag  ebenso  wie
der  durch  Eduard  VII.  zustande  gekommene  japanischfranzösische
  Verkrag  vom  10.  Juni  1907  und  der  rufsisch-japanische
  Verkrag  vom  Zo.  Juli  r907  nur  zur  Erhaltung
  des  Friedens  geschlossen  worden  sei,  und  fragk:
„Hakte  Eduard  VII.  nichk  rechk,  als  er  ein  Jahr  [päter
in  Berlin  erklärke,  daß  alle  seine  Anstrengungen  auf  die
Erhalkung  des  Welkfriedens  und  auf  das  Glück  aller
Natkionen  in  diesem  Frieden  gerichkek  seien?“

Ich  krage  nicht  das  geringste  Bedenken,  den  ersten
Teil  dieser  Frage  zu  bejahen.  Nach  der  vollzogenen  Einkreisung
  Deutschlands  hakke  Eduard  VII.  erreichk,  was  er
wollke,  einen  Frieden  nach  Englands  Geschmack,  der  ihn
zum  arbiter  mundi  machke.  Daß  er  solchen  Frieden  erhalten
  wollke,  ist  anzunehmen.  Ebenso  entschieden  aber
muß  ich  den  zweiten  Teil  dieser  Frage  verneinen,  denn
der  wesentliche  Zweck  dieser  Verkräge  war  der,  Deutschland
  den  ihm  zukommenden  Teil  an  den  Segnungen  dieses
  Friedens  wenn  nichk  ganz  zu  verwehren,  so  doch  nach
Iltöglichkeik  zu  schmälern,  und  darum  versetzken  sie
Deutschland  nun  vollends  in  den  Zustand  der  Verkeidigung.
  Das  Werk  der  Einkreisung  war  abgeschlossen.

König  Eduard  VII.  hätke  diese  Deukschland  endgültig

trag  tarsächlich  seinen  ganzen  Wertk,  wenn  er  Rußland  der  Pflicht  enkband,
  im  Falle  eines  französischen  Angriffs  zu  Hilse  zu  kommen.

 

286
        <pb n="297" />
        in  die  Defenswe  drängenden  Verträge  nicht  zustande
bringen  können,  wenn  nicht  im  Mai  1906,  kurz  nach
dem  Abschluß  der  Konferenz  von  Algesiras,  der  verhäng—
nisvolle  Mann  Minister  der  auswärtigen  Angelegen-—
heiten  in  Rußland  geworden  wäre,  der  die  Leitung  der
Geschäfte  am  Palastplatz  mit  dem  Programm  übernahm,
aus  dem  heraus  der  Weltkrieg  geboren  wurde.  Ich  meine
Alexander  Petrowitsch  Iswolski,  den  die  Geschichte  den
„Vater  des  Weltkrieges“  nennen  wird.

Zwei  Monate  vor  seinem  Amtsantritt  versammelte
er  in  Frankreichs  Hauptstadt,  wie  er  selbst  in  seinen  Memoiren
  erzählt,  die  in  Paris,  London  und  Rom  beglaubigken
  Bolschafker  um  sich  und  verabredeke  mik  ihnen  die
Politik,  die  er  folgerichkig  als  Minister  des  Außeren  und
seit  1910  als  Botschafter  in  Paris  bis  zum  Welkkrieg  betrieben
  hak.  Ihr  Ziel  war  die  Eroberung  der  Meerengen,
  die  unumschränkte  Herrschaft  auf  dem  Balkan
und  die  Zerstörung  aller  Widerstände,  die  solcher  Politik
im  Wege  standen.  Er  fand  zwei  Jahre  vor  dem  Kriege
in  Poincaré  einen  Bundesgenossen,  der,  wie  er  selbst,  ein
Ziel  verfolgke,  das  nur  durch  Krieg  erreicht  werden  konnke.

Die  ersten  Schritke  auf  dem  Wege  zu  diesem  Ziel
waren  die  Verkräge  vom  zo.  Juli  und  vom  3r.  August
1907,  mit  denen  Rußland  seine  ostasiatische  Politik  liqui—
dierte  und  sich  seinen  mächtigsten  Feind,  Großbritannien,
zum  Freunde  machte.  Da  Jswolski  fest  entschlossen  war,
den  Preis  dieser  Politik,  wenn  er  sich  nicht  auf  friedlichem
Wege  gewinnen  ließe,  durch  einen  Krieg  zu  erobern,  so
kann  man  wohl  sagen,  daß  mit  seinem  Eintritt  in  die  Regierung
  des  Zarenreiches  der  Wendepunkt  der  europäischen
  Geschichke  erreichk  war.  Aber  diese  Geschichke  wen-287
        <pb n="298" />
        dete  sich  nach  einer  Richtung,  die  der,  die  ihr  mein  Vater
vergeblich  durch  den  Verkrag  von  Björkö  hatte  geben
wollen,  gerade  enkgegengesetzk  war.

Neunkes  Kapikel

Die  zweire  Haager  Friedenskonferenz  —  Die  bosnische
Krise  —  Agadir

ie  Anklageschrift  der  Senakskommission  erblickk  in

der  Tatsache,  daß  die  Denkschrifk  der  deutschen  Historiker,
  die  der  Friedensdelegakion  im  Jahre  r919  übergeben
  wurde,  um  den  Berichk  der  Enkenkekommission  über
die  Verankworklichkeit  Deutschlands  für  den  Welkkrieg
zu  enkkräften,  über  die  diplomatischen  Unkernehmungen
der  deulschen  Reichsregierung  während  der  Jahre  1904
bis  1908  fast  nichts  enthälk,  so  ekwas  wie  ein  Schuldbekennknis.
  Sie  sagk:  „Sie  (die  Verfasser  der  deutschen
Denkschrift)  haben  den  Verbündeken,  die  ihr  Land  und
ihren  Kaiser  mit  Beweisen  in  der  Hand  beschuldigken,
den  Krieg  gewollk  zu  haben,  vorgeworfen,  daß  sie  die
Prüsung  der  Verankworklichkeit  auf  das  Jahr  1914  beschränkk
  und  rückblickende  Bekrachkungen  vernachlässige
haben.  Sie  ihrerseiks  haben  aber  vollkommen  und
sostematisch  die  durch  ihren  Kaiser  und  seine  Diener  von
1904  bis  1908  gegen  den  Frieden  der  Welk  geschmiedeken
  Komplokte  vernachlässigk,  Komplokke  zur  Verfolgung
  von  polikischen  und  wirkschaftlichen  Inkeressen,  die
nur  durch  einen  Krieg  verwirklicht  werden  konnken“.“  1

1)  Hier  ziciert  die  Anklageschrife  ironisch  die  auf  Rußland  und  Frankreich
  angewendeten  Worte  der  deutschen  Denkschrifé.

288
        <pb n="299" />
        Wenn  die  Verfasser  der  deutschen  Denkschrift  den  Er—
eignissen  dieser  Jahre  keine  gründliche  Unkersuchung  gewidmet
  haben,  so  hatte  das  —  die  Ausführungen  des
vorigen  Kapitels  scheinen  es  mir  zu  beweisen  —  seinen
Grund  nicht  in  dem  Bewußtsein,  daß  eine  Verkeidigung
der  deutschen  Diplomatie  während  dieser  Jahre  unmöglich
  sei.  Sie  haben  vielmehr  wohl  deshalb  geschwiegen,
weil  sie  nicht  auf  den  Gedanken  kommen  konnten,  daß  es
jemandem  einfallen  könne,  diese  Jahre  der  Einkreisung,
während  deren  sich  Deutschland  ununterbrochen  im  Zustande
  der  Verteidigung  befand  und  während  deren
es  durch  Verständigungsversuche  mit  seinen  Nachbarn
Kriegsgefahren  beseitigen  wollte,  in  das  System  der
erhobenen  Anklagen  einzuflechten.  Was  die  Herren
Bourgeois  und  Pagẽès  hier  Komplotte  gegen  den  Welt—-frieden
  nennen,  waren  in  Wirklichkeit  Versuche  zu  seiner
Erhalkung.  Wären  sie  nichk  am  Widerstande  Frankreichs
  gescheikerk,  so  härke  selbst  der  Mord  von  Serajewo
nichk  die  Veranlassung  zum  Hereinbrechen  der  großen
Kakastrophe  werden  können.  —

Um  nun  zu  beweisen,  daß  die  Einkreisung  von  Deuktschland
  selbst  nicht  als  Bedrohung  empfunden  wurde,  wirft
die  Anklageschrift  die  folgende  Frage  auf:  „Wenn
Deutschland,  wie  es  immer  wieder  klagke,  sich  durch  die
mik  dem  französisch-russischen  Bündnis  und  dem  herzlichen
  Einvernehmen  auf  der  ganzen  Welk  verbundenen
Vereinbarungen  bedrohkl  fühlte,  hätke  es  da  nichk  in  der
Haager  Friedenskonferenz  das  beste  Verteidigungemittel
  gefunden?  Es  zog  aber  diesem  Papierfetzen
sein  Schwerk  vor  und  schärfte  es.“  1

1)  A.  a.  O.  S.  325.
Kronprinz  Wilbelm,  Ich  süuche  d.  W.  19

 

280
        <pb n="300" />
        Diese  Frage  gibt  mir  Beranlassung,  auf  Deutschlands
Verhalken  während  der  zweiten  Haager  Friedenskonfe—
renz  einzugehen,  das  ja  in  der  Propaganda  für  die  Schuldlüge
  eine  so  wichkige  Rolle  gespielt  hak  und  unseren  Feinden
  als  einer  der  stärksten  Beweise  dafür  gilt,  daß  Deutschland
  sich  durch  keine  inkernakionalen  Abmachungen  den
Weg  zur  Gewalkamwendung  verschließen  lassen  wollke.
Kann  man  die  Frage  der  Anklageschrift  aber  nach  den
Erfahrungen,  die  die  Menschheit  selbst  unter  der  Herrschaft
  des  Völkerbundstatuts  gemacht  hat,  noch  ernst  nehmen?
  Des  Völkerbundstatuts,  das  weder  den  polnischrussischen
  Krieg,  noch  den  griechisch-kürkischen  Krieg  verhindern
  konnte,  und  das  den  Mitsgliedern  der  Gesellschaft
der  Nationen  so  wenig  Sicherheit  gegen  zukünftige  Kriege
zu  verbürgen  scheint,  daß  sie  Sicherheitspakte  jetzt  für  noch
unentbehrlicher  halten  als  früher  und  ihre  Rüstungen
nicht  ablegen?

Wie  kann  man  auf  den  Gedanken  kommen,  daß  die
auf  der  zweiten  Haager  Friedenskonferenz  eingebrachten
Anträge,  die  das  obligatorische  Schiedsgericht  durch  die
Einschaltung  der  sogenannten  Ehrenklausel  auf  Fragen
beschränkten,  um  derentwillen  Kriege  niemals  mehr  ent—
stehen  konnken,  aber  alle  Fragen,  die  Kriegsmöglichkeiken
  in  sich  bargen,  nach  wie  vor  durch  die  üblichen  Mitkel
  der  Diplomatie,  und  wenn  sie  versagken,  durch  das
Schwerk  entscheiden  lassen  wollken,  dem  eingekreisten
Deutschland  ein  Mi#tkel  zur  Verkeidigung  hätten  werden
  können?  Gerade  deshalb,  weil  es  über  jeden  Zweifel
erhaben  war,  daß  kein  einziger  Krieg  durch  ein  schiedsgerichtliches
  Verfahren,  wie  es  von  den  schon  damals  gegen
Deutschland  verbündeten  Mächten  vorgeschlagen  war,

290
        <pb n="301" />
        verhindert  werden  würde,  konnte  Deutschland  um  seiner
Sicherheit  willen  nicht  aufhören,  sein  Schwerk  zu  schärfen,
  nicht  zum  Angriff,  sondern  auseschließlich  zur  Verkeidigung.
  «

Von  dieser  Überzeugung  waren  in  Wirklichkeit  auch
alle  Mächte  durchdrungen,  die  die  Frage  der  Abrü—
stung  und  des  obligatorischen  Schiedsgerichts  durch  die
zweite  Haager  Friedenskonferenz  lösen  wollten.  Sie
haben  ihre  Anträge  nicht  etwa  deshalb  eingebracht
und  Deutschland  hat  sie  nicht  deshalb  abgelehnt,
weil  ihre  Friedensliebe  größer  war  als  die  Deutsch—
lands,  sondern  deshalb,  weil  sie  den  Schein  erwecken
wollten,  als  glaubten  sie,  ihre  Anträge  könnten  Kriege
verhindern.  Und  Deutschland  hat  es  nicht  deshalb  abgelehnk,
  sich  an  der  Diskussion  dieser  Ankräge  zu  bekeiligen,
  weil  seine  Friedensliebe  geringer  war  als  die
der  anderen  Uächte,  sondern  weil  es  körichkerweise
zu  ehrlich  war,  um  wie  die  anderen  zu  verbergen,
daß  es  an  die  kriegsverhindernde  Kraft  der  Beschlüsse
nicht  glaubke,  die  aus  solchen  Ankrägen  hervorgehen
konnten.

Wer  kann  daran  noch  zweifeln,  wenn  er  erfährk,  daß
Iswolski,  der  Außenminister  der  Macht,  die  selbst  die
Konferenz  einberufen  hatte,  während  der  Vorverhandlungen
  eingestand,  daß  er  dem  von  England  eingebrachten
  Ankrag,  die  Rüstungsbeschränkungen  auf  die  Tagesordnung
  zu  setzen,  sehr  fkeptisch  gegenüberstände,  aber
Deutschland  den  Rak  erkeilte,  die  Engländer  auf  der
Konferenz  ihren  Ankrag  ruhig  einbringen  zu  lassen,  und
ihm  ein  Begräbnis  erster  Klasse  zu  bereiken,
und  daß  Ikalien  und  Frankreich  dieser  Ansicht  beipflich-291
        <pb n="302" />
        keken.  1  Ein  garnicht  hoch  genug  anzuschlagender  Beweis
für  die  unker  der  Enkrüstung  über  Deutschlands  Verhallen
  auf  den  Haager  Konferenzen  verborgene  Heuchelei
  ist  das  Gespräch,  das  der  deulsche  Marinedelegierke
Kapikän  z.  S.  Siegel  mit  dem  Vizeadmiral  Sir  John
Fisher,  dem  Marinedelegierken  Englands  und  spätkeren
Seelord  der  Admiralikät,  am  28.  Juni  1899  während
der  ersten  Haager  Friedenskonferenz  hakke.  Dieser  sehr
offenherzige  Seemann,  der  sich  bekannklich  auch  in  seinem
Briefwechsel  mit  Tirpitz  als  das  „enfant  terrible  der  englischen
  Diplomakie  offenbark  hak,  machke  gar  kein  Hehl
daraus,  daß  sich  England  im  Ernstfalle  um  ekwaige
Beschlüsse  der  Haager  Konferenz  nicht  kümmern  würde.
Dem  Kapikän  Siegel  erklärke  Sir  John  Filher,  der
damals  der  Oberbefehlshaber  des  englischen  Mitkelmeergeschwaders
  war,  wörtlich  folgendes:  „Man  hat
mich  als  Delegierten  zur  Konferenz  befohlen,  weil  man
meine  Ansichken  über  den  Seekrieg  und  dessen  Erfordernisse
  kennt.  Ich  bin  aus  Westindien  geholk  worden,  ehe
die  Zeit  meines  Kommandos  abgelaufen  gewesen  ist,  und
habe  der  Admiralität  von  vornherein  erklärk,  daß  ich
nur  den  einzigen  Grundsatz  kenne:  mmight  is  righte.
Über  meine  persönlichen  Ansichken  habe  ich  auch  den  Minister
  Goschen  nichk  im  unklaren  gelassen,  als  ich  mein
neues  Kommando  erhalten  habe,  und  ihm  freigestellk,

 

1)  Erich  Brandenburg,  Von  Bismarck  zum  Welekrieg,  S.  237.  Die
große  Aktenpublikation  des  Auswärtigen  Amtes  ist  zur  Zeic  der  Drucklegung
  dieses  Buches  noch  nicht  bis  zur  zweiten  Haager  Konferenz  gelangt.
  Ich  benutee  statt  ihrer  im  solgenden  deshalb  das  Buch  von  Erich
Brandenburg,  dem  die  Akten  für  die  Jahre  von  1907  bis  1974  zur  Verfügung
  standen.

292
        <pb n="303" />
        einen  anderen  Admiral  als  Chef  des  Mittelmeergeschwaders
  zu  wählen,  wenn  man  damit  nicht  einverstanden  sei.
Ich  würde  mich  im  Falle  eines  Konfliktes  im
Mittelmeernicht  einen  Augenblickbesinnen.
auch  ohne  Instruktionen  und  gegen  etwaige
zweifelhafte  Abmachungen  über  Schiedsge—
richke  und  Vermikklungen  loszuschlagen,  wenn
ich  überzeugk  bin,  daß  die  politische  und  milikärische
  Lage  und  der  Vorkeil  meines  Landes
das  erfordern.“1

Kann  man  wirklich  behaupken,  daß  es  milikaristische
Gesinnung  und  Kriegswillen  war,  was  Deutschland  veranlaßte,
  gegen  das  obligakorische  Schiedsgerichk  zu  stimmen,
  wenn  man  weiß,  daß  die  deutsche  Regierung  durch
solche  Berichke  über  die  wahren  Absichten  unkerrichket
war,  die  sich  hinker  Englands  Schiedsgerichksankrag
verbargen?

Deshalb  weil  es  so  kriftigen  Anlaß  hatte,  an  der  Aufrichkigkeit
  der  Ankragsteller  zu  zweifeln,  und  aus  juristischen
  Gründen  rein  sormaler  Nakur,  nichk  deshalb,  weil
es  fürchtete,  es  könne  ein  von  ihm  gewollker  Krieg  einmal
  durch  ein  Schiedsgericht  verhinderk  werden,  hak  es
gegen  das  obligakorische  Schiedsgericht  in  rein  juristischen
  Fragen  gestimmft.  Milikaristische  Gesinnung  und
Kriegslüsternheit  konnten  schon  deshalb  nichk  die  Beweggründe
  seiner  Abstimmung  sein,  weil  das  Schiedsgericht
  ja  in  Fragen,  aus  denen  Kriege  überhaupk  enkstehen
  konnken,  garnichk  angerufen  werden  sollke.  Ich
will  nicht  in  Abrede  stellen,  daß  unker  den  Delegierken,

 

1)  S.  Akten  Bd.  XV,  S.  22930,  Nr.  405.
        <pb n="304" />
        die  damals  im  Haag  versammelt  waren,  sich  aufrichtige
Pazifisten  befanden,  die  glaubten,  daß  die  beantragten
Bestimmungen  über  das  obligatorische  Schiedsgericht
auch  mit  der  Ehrenklausel,  die  sie  gerade  in  den  Fällen
außer  Kraft  setzen  sollke,  in  denen  sie  einen  Krieg  verhindern
  konnten,  den  Frieden  sichern  könnken.  Auf  den  Lippen
  ihrer  Auftraggeber  aber  mußke  schon  damals
jeder  ernste  Polikiker,  der  mik  realen  Taksachen  rechnete,
das  Lächeln  der  Auguren  sehen.  Und  heure,  da  wir,  wie
ich  im  drikken  Kapikel  dieses  Buches  dargelegt  habe,  wissen,
  daß  England  z.  B.  krotz  eines  mit  Deutschland  abgeschlossenen
  Schiedsgerichtsvertrages  in  einer  rein  juristischen
  Frage,  in  der  seine  Ehre  und  seine  Lebensinkeressen
  garnichk  in  Frage  kamen,  ein  Schiedsgericht  abgelehnk
  hak,  1  und  daß  England  sowohl  als  Ikalien  das
Genfer  Prokokoll  deshalb  nichk  unkerschreiben,  weil  es
ihnen  als  ein  Eingriff  in  ihre  Souveränitäksrechte  erscheink,
  kann  doch,  wie  Erich  Brandenburg  sehr  richtig
sagt,  nur  ein  politisches  Kind  behaupken,  daß  die  Annahme
  der  damals  vorgeschlagenen  Fassung  der  Bestimmungen
  über  das  obligakorische  Schiedsgericht  irgendeinen
  der  späteren  Kriege  verhindert  haben  würde.)“

Das  Verhalten  Deutschlands  auf  der  zweiten  Haager
Friedenskonferenz  war  gewiß  unklug,  weil  es  allzu  ehrlich
  war,  aber  gegen  seine  Friedensliebe  beweist  es  nichts,
ebensowenig  wie  die  Ankräge  der  anderen  Ulächke  für
deren  Friedensliebe  zeugen.“

 

1)  S.  oben  S.  95.

2)  Erich  Brandenburg  a.  a.  O.  S.  238.

3)  Zu  dleser  Ansiche  har  sich  auch  der  parlamentarische  Untersuchungsausschuß
  in  seiner  Entschließung  vom  22.  Dezember  1923  unter  Zu-294
        <pb n="305" />
        Hinsichtlich  der  Abrüstungen  kam  freilich  für  Deutschland
  noch  ein  Beweggrund  in  Frage,  der  schon  auf
der  ersten  Haager  Konferenz  geltend  gemacht  wurde:
seine  besonders  gefährliche  geographische  Lage  und  die
Unmöglichkeit,  den  richtigen  Maßstab  für  die  auf  die
Stärke  des  Heeres  zum  Zwecke  des  Ausgleichs  dieser  Gefahr
  anzuwendenden  Bestimmungen  zu  finden.  Das  hatte
der  militärische  Vertreter  Deutschlands  auf  der  ersten
Haager  Konferenz,  Oberst  v.  Schwarzhoff,  so  rückhalklos
  und  meisterhaft  auseinandergesetzk,  daß  er  alle  anderen
  Delegierken  überzeugke.  1  JI#ansollke  meinen,  daß
gerade  das  heutige  Frankreich  ganz  besonderes  Verständnis
  für  Deutschlands  damalige  Abneigung  gegen  Abrüstungen
  haben  müßte,  weil  es  krotz  einer  Sicherheit
gegen  seindliche  Angriffe,  wie  sie  niemals  ein  Volk  besessen
  hak,  jeder  Beschränkung  seiner  Rüstungen  den  größkten
  Widerstand  enkgegensetzk  und,  viel  radikaler  als
Deutschland  vor  der  zweiten  Haager  Friedenskonferenz,
vor  der  Walhingkoner  Konferenz  erklärk  hak,  daß  es
sich  an  ihr  nicht  bekeiligen  würde,  wenn  die  Abrüstung
  zu  Lande  auf  die  Tagesordnung  gecsetzk  werden
sollte.  MMüffen  nichk  die  Franzosen,  die  heute  das  Verhalten
  Deutschlands  auf  der  zweiten  Haager  Konferenz
als  einen  der  Beweise  für  unsere  dolose  Schuld  am  Kriege
stimmung  des  Herrn  Professor  Schücking  und  seiner  sozialdemokrarischen
  Mieglieder  bekarme.

1)  Die  Ablehnung  des  obligakorischen  Schiedsgeriches  hat  die  Reichsregierung
  auf  beiden  Konferenzen  auch  deshalb  für  notwendig  gehaleen,
weil  diese  Einrichkung  im  Falle  wirklicher  Kriegsgefahr  den  für  Deueschland
  zum  Ausgleich  der  numerischen  Uberlegenhei#t  seiner  voraussichtlichen

  Gegner  unenrbehrlichen  Vorkeil  der  größeren  Schnelligkeie  der
Mobilisation  beseicigt  härte.

 

1P
—
##
        <pb n="306" />
        in  ihren  Anklagen  verwerten,  darauf  gefaßt  sein,  daß  man
diese  von  Frankreich  gestellte  Bedingung  einmal  gegen
Frankreich  verwertet,  indem  man  sich  auf  ihre  Anklagen
gegen  Deutschland  beruft?  Sie  können  diese  Frage  kaum
verneinen,  wenn  sie  nicht  von  dem  Hochmut  ganz  erfüllt
sind,  den  sie  gerade  Deutschland  in  ihrer  Anklageschrift
vorwerfen,  dem  Hochmut,  der  für  das  eigene  Volk  in  Anspruch
  nimmt,  daß  ihm  erlaubt  sei,  was  allen  anderen
Völkern  verboten  ist.

Auch  darin,  daß  die  deutsche  Denkschrift  über  die  An—
nexion  von  Bosnien  und  der  Herzegowina  mit
einigen  Zeilen  hinweggehtl  und  die  Geschichte  der  Balkankrise
  erst  mit  dem  September  des  Jahres  rgos#  beginnk,
  glauben  die  Ankläger  Deutschlands  das  schlechte
Gewissen  der  deutschen  Historiker  erkennen  zu  dürfen  und
erklären,  daß  sie  die  Lücke  der  deulschen  Denkschrift  ihrerseiks
  ausfüllen  wollen.  Dann  würde  man  sehen,  daß
Deutschland  und  Osterreich  und  nichk  der  Zarismus  für
die  lange  Balkankrise  verankworklich  seien,  an  der  sich
der  große  europäische  Brand  entzündete.

Es  ist  nun  sehr  eigenkümlich,  daß  die  Beweisführung
der  Anklageschrift  —  weil  es  wirklich  nicht  anders  ging  —
den  Haupkangeklagken,  nämlich  Deuktschland,  geradezu
entlastek  und  dem  im  Jahre  1906  ins  Ministerium  am
Ballplatz  eingezogenen  Baron  v.  Ahrenkhal  die  wesentliche
  Schuld  an  der  Auslösung  der  Balkankonflikte  in
die  Schuhe  schiebk.  Es  läßt  sich  nämlich  mit  dem  besten
Willen  nichk  aufrechkerhalken,  daß  Deutschland  Osterreich
  zur  Annexion  der  beiden  Provinzen  aufgereizk  hak,
die  der  Verwalkung  der  Mo%onarchie  durch  den  Berliner
Kongreß  auf  unbegrenzke  Zeit  anverkraut  worden  waren.

296
        <pb n="307" />
        Aber  die  Enklastung  Deutschlands  durch  seine  Ankläger
  ist  noch  viel  gründlicher,  als  sie  in  der  unumgänglichen
  Feststellung  dieser  negakiven  Taksache  erscheink.
Das  Vorgehen  des  Barons  v.  Ahrenkhal  wird  geradezu
als  eine  Reaktion  gegen  das  Ubergewicht  Deutschlands
im  Dreibunde  bezeichnek.  Als  sein  wesenklicher  Beweggrund
  wird  die  Absicht  hingestellk,  einmal  zu  zeigen,  daß
Osterreich-Ungarn  stark  genug  sei,  um  sich  nicht  immer,
wie  in  Algesiras,  mit  der  Rolle  des  „brillanken  Sekundanken“
  begnügen  zu  müssen,  sondern  auch  einmal  der
Prominenke  in  diesem  Bunde  werden  zu  können.  Die  Herren
  Bourgeois  und  Pagés  haben  im  Archiv  des  Quai
d'  Orsay  einen  Berichk  des  französischen  Botschafters  in
Wien,  des  Herrn  v.  Saink  Aulaire,  gefunden,  in  dem
laksächlich  ekwas  Ahnliches  behauptek  wird.  Er  schreibt
in  einem  aus  dem  Januar  des  Jahres  r1913  stammenden
Rückblick  auf  das  Jahr  1906,  man  habe  von  Ahrenkhal
bei  Ankritt  seines  Amkes  erwarkek,  daß  er,  ohne  das  Bündnis
  mik  Deukschland  zu  erschüttern,  Osterreich  innerhalb
dieses  Bündnisses  eine  größere  Selbständigkeik  verschaffe.
Die  Herren  scheinen  es  nun  Deutschland  zum  Vorwurf
machen  zu  wollen,  daß  es  sich  eine  solche  Umkehrung  der
Rollen  habe  gefallen  lassen.  Es  ist  klar,  daß  sie  mit  dieser
  Motivierung  der  Politik  des  Herrn  v.  Ahrenthal
Deulschlands  Verankworkung  für  die  bosnische  Krise
eigentlich  vollkommen  ausschalken.  Denn  es  ist  ja  gerade
die  „Deukschland  eigenkümliche  Gewalktätigkeit  gegen
Freund  und  Feind“,  die  das  Fundamenk  des  Schuldlügengebäudes
  bildet;  dieses  Fundamenk  aber  wird  auf

 

1)  A.  a.  O.  S.  328.
        <pb n="308" />
        das  heftigste  erschüttert,  wenn  den  Leitern  der  deutschen
Politik,  weil  es  deren  Anklägern  in  diesem  Falle  besser
in  ihren  Kram  paßt,  allzu  großer  Mangel  an  Gewalktätigkeik
  vorgeworfen  wird.!

Nakürlich  irrk  sich  aber  der  rückschauende  Herr  v.  Saink.
Aulaire.  Die  Politik  Ahrenkhals  hakte  ganz  andere,  viel
triftigere  Beweggründe  als  die  Emanzipakion  der  österreichischen
  Politik  von  Deutschlands  Einfluß.

Die  ganz  legitimen  Beweggründe  dieser  Politik  enksprangen
  dem  nakürlichen  Selbsterhalkungskrieb  der
Donaumonarchie.  Die  Verfasser  der  Anklageschrift  scheinen
  doch  eine  Ahnung  von  den  Gefahren  zu  haben,  die
das  Erwachen  des  serbischen  Nationalismus  für  Osterreich-Ungarn
  in  sich  barg,  wenn  sie  schreiben:  „Mehr  und
mehr  erschien  Serbien  auf  dem  Balkan  wie  eine  Nakion,
die  fähig  war,  dem  Beispiel  Piemonks  folgend,  nicht  ekwa
Osterreich  anzugreifen,  aber  es  an  der  Anstiftung  von
Schaden  zu  verhindern.“?  Falsch  an  diesem  Satz  ist  jedenfalls,
  daß  Serbien  nichk  fähig  war,  Osterreich  anzugreifen,
wenn  man  unter  „angreifen“  nicht  gerade  einen  Angriff
mik  den  Waffen  versteht.  Es  war  nichk  nur  fähig,  eine
große  Gefahr  für  den  Bestand  der  MMonarchie  zu  werden,
sondern  es  hakke  auch  den  sesten  Willen  dazu.  Oder  liegt
nichk  schon  eine  Angriffsabsichk  darin,  wenn,  wie  der  Senatsbericht
  ganz  harmlos  erzählk,  König  Peker  Karageor- 



1)  Die  nokwendige  Folgerung  aus  der  Fesistellung  der  Emanzipation
Osterreichs  von  Deutschlands  Einfluß,  nämlich  die  Unschuld  Deutschlands
  an  der  bosnischen  Krise,  ziehe  der  Senatsberiche  nicht,  sondern  er
folgert  vielmehr  aus  dieser  seiner  Feststellung,  wie  wir  sehen  werden,
mit  einem  jede  Logik  verleugnenden  Gewaltschluß  das  Gegenteil.

2)  A.  a.  O.  GS.  319.

298
        <pb n="309" />
        gewitsch  im  Jahre  1903  sich  von  den  kroatischen  Patrioten
in  Belgrad  mit  dem  Rufe  begrüßen  ließ:  „Es  lebe  der
König  von  Kroatien!“?

Die  Politik  Ährenthals  verfolgte  einzig  den  Zweck,
den  Gefahren,  mit  denen  der  serbische  Nationalismus
die  Monarchie  bedrohte,  einen  Damm  entgegenzubauen,
also  einen  Verteidigungszweck,  ohne  dessen  Erreichung
den  österreichischen  Staat  vollkommener  Zerfall  bedrohte.
Denn  der  serbische  Nationalismus  erstrebte  unter  den
Karageorgewitsch  nicht  nur  die  Vereinigung  von  Bosnien
  und  der  Herzegowina  mik  dem  serbischen  Königreich,
  sondern  die  Losreißung  aller  jugoslavischen  Gebieke
aus  dem  Verbande  der  Monarchie,  also  die  Zerkrümmerung
  des  österreichischen  Staates.  Dieser  Gefahr  vorzubeugen,
  war  Selbsterhalkungspflicht,  und  wenn  Osterreich-Ungarn
  zur  Bekämpfung  dieser  sein  Leben  bedrohenden
  großfserbischen  Expansionsbestrebungen  sich  mit
dem  jungen  Staake  verband,  dem  von  diesen  Bestrebungen
  ähnliche  Gefahren  drohten,  mit  Bulgarien,  so  kann
ihm  niemand  daraus  einen  Vorwurf  machen,  der  den
Nationalikätenstaak  an  der  Donau  nichk  als  ein  Skaaks-=gebilde
  bekrachteke,  das  keine  Daseinsberechtigung  härke,
weil  es  den  Ideen  der  Zeil  nichk  enkspräche,  verschiedene
Völkerrassen,  die  auseinanderstrebten,  in  einem  Staaksverbande
  zusammenzuhalken.  In  der  Tak  schimmerk  hinker
  den  Vorwürfen,  die  gegen  Osterreichs  Balkanpolitik
erhoben  werden,  immer  dieser  Gedanke  hindurch,  wenn
er  auch  nicht  offen  ausgesprochen  wird.  Die  Ankläger  der
Mittelmächke  bekrachken  im  Grunde  ihres  Herzens  auch
die  Verkeidigung  Osterreich-Ungarns  gegen  die  flavischen
  Unkerwühlungsversuche  als  ein  Verbrechen  gegen

290
        <pb n="310" />
        das  Selbstbestimmungsrecht  der  Völker.  Es  fehlk  diesen
Anklägern,  und  gerade  ihnen,  jegliches  Rechk  dazu,
weil  sie  an  Stelle  dieses  einen  Nakionalikätenstaakes,
der  übrigens  im  Begriff  war,  den  in  ihm  vereinigten
Völkern  eine  weikgehende  Aukonomie  zu  gewähren,  drei
Narionalitätenstaaken  geschaffen  haben,  in  denen  Millionen
  von  Menschen,  die  der  sie  beherrschenden  Rasse
nicht  angehören,  rechkloser  sind,  als  die  Slaven  und  Italiener
  je  in  Osterreich  waren.  Die  Schöpfer  eines  so  künstlichen
  Gebildes,  wie  es  der  polnische  Staak  ist,  um  dessenkwillen
  man  eine  ehrwürdige  Stätte  deutscher  Kulkur  wie
Danzig  aus  ihrem  nakürlichen  Skaaksverbande  gerissen
und  den  geographischen  Zusammenhang  uralken  preußischen
  Koloniallandes  mit  dem  Mukkerlande  sinnlos  zerschnitken
  hak,  klagen  sich  selbst  an,  wenn  sie  der  österreichisch-ungarischen
  Monarchie,  wie  sie  bis  zum  Frieden
von  Saint  Germain  bestand,  die  Daseinsberechtigung
absprechen.  In  ihrem  M#unde  klingt  dieses  Argumenk
wie  Selbstverhöhnung.

Aber  ich  habe  hier  nichk  die  österreichische  Politik  zu
verkeidigen.  Selbst  wenn  die  VBorwürfe,  die  der  Senatsberichk
  gegen  sie  erhebt,  gerechlfertigt  wären,  beweisen
sie  gegen  Deutschland  nichks  im  Sinne  der  ihm
im  Verkrag  von  Versailles  und  dessen  Erläukerungen
  zur  Last  gelegken  Schuld.  Das  gilt  selbst
dann,  wenn  es  auch,  was  vielleicht  möglich  ist,  gelingt
nachzuweisen,  daß  der  Ubergang  der  Führung  der  Orienkpolitik
  der  Miktelmächte  von  Deutschland  auf  Osterreich,
  der  sich  damals  vollzog,  die  Kriegsgefahr  kaksächlich
  erhöht  hat.  Denn  für  Deutschland  konnke  irgend
ein  direkker  Gewinn,  der  seine  Machtstellung  in  Europa

300
        <pb n="311" />
        steigerte,  die  Folge  dieser  österreichischen  Politik  nicht
ein.
s  Fürst  Bülow  hat  freilich  damals  die  rückhaltlose  Bertretung
  österreichischer  Interessen  zum  obersten  Grundsatz
seiner  Orientpolitik  gemacht.  In  mehreren  an  den  Kaiser
gerichteten  Denkschriften  hat  er  diese  seine  Stellungnahme
begründet.  Sie  gipfelke  in  dem  Satze,  den  Erich  Brandenburg
  aus  einer  dieser  Denkschriften  zitierk:  1  „Wenn  es
erlaubt  ist,  unsere  Halkung  gegenüber  der  gegenwärtigen
Phase  der  Orientpolitik  in  eine  Formel  zu  kleiden,  s#
würde  sie  lauten:  Für  unsere  Haltung  in  allen  Balkanfragen
  sind  in  erster  Linie  die  Bedürfnisse,  Inkeressen  und
Wönsche  Osterreich-Ungarns  maßgebend.“  Der  Beweggrund
  für  die  Aufstellung  dieses  Grundsatzes  war  aber
nicht  die  Absicht  einer  deulschen  VMachkerweikerung,  sondern
  im  Gegenteil  die  Furcht  vor  vollkommener  Isolierung,
  die  Besorgnis  vor  dem  Verlust  des  letzten  Bundesgenossen,
  den  wir  noch  in  Europa  hakten.  Der  Reichskanzler
  wird  in  den  Archiven  des  Auswärtigen  Amtes  jenen
berühmften  Brief  gefunden  haben,  den  Bismarck  im
Jahre  1887  an  Lord  Salisbury  gerichkek  hak,  und  darin
  die  Stelle:  „Die  Existenz  Österreichs  als  einer
starken  und  unabhängigen  Großmachk  ist  für
Deukschland  eine  Notwendigkeik,  an  der  die
persönlichen  Sympakhien  des  Herrschers  nichts  zu  ändern
vermögen.  Osterreich  ebenso  wie  Deutschland  und  das
heutige  England  gehörk  zu  der  Zahl  der  zufriedenen,
sakurierken,  um  mit  dem  verstorbenen  Fürsten  Ieekternich

 

1)  A.  a.  O.  S.  267.  Berichte  des  Fürsten  Bülow  an  Kaiser  Wilhelm
  II.  vom  17.  und  23.  Juli  rgo8.

301
        <pb n="312" />
        zu  sprechen,  und  folglich  friedliebenden  und  erhaltenden
Mächte.  Osterreich  und  England  haben  in  aufrichtiger
Weise  den  status  quo  des  Deutschen  Reiches  anerkannt
und  haben  kein  Interesse,  dasselbe  geschwächt  zu  sehen.
Frankreich  und  Rußland  dagegen  scheinen  uns  zu  bedrohen:
  Frankreich,  indem  es  den  Traditionen  des  letzken
Jahrhunderks  kreu  bleibt,  in  dem  es  sich  als  den  beständigen
  Feind  seiner  Nachbarn  erwiesen  hak,  und  infolge  des
französischen  Nakionalcharakkers;  Rußland,  indem  es
heuke  Europa  gegenüber  die  den  europäischen  Frieden
beunruhigende  Halkung  einnimmé,  die  Frankreich  unker
den  Regierungen  Ludwigs  XIV.  und  Napoleons  I.  kennzeichneke.
  Es  ist  auf  der  einen  Seile  der  flavische  Ehrgeiz,
der  die  Verankworkung  für  diesen  Zustand  trägk;  andererseiks
  muß  mandie  Gründefür  dieherausfordernde  Hallung
Rußlands  und  seiner  Armeen  in  den  innerpolitischen  Fragen
  suchen;  die  russische  Umsturzparkei  erhoffk  von  einem
auswärktigen  Kriege  die  Befreiung  von  der  Monarchie;
die  Monarchisten,  im  Gegensatz,  erwarken  von  demselben
  Kriege  das  Ende  der  Revolution.“!  Wenn  auch  die
Weltlage  im  Jahre  190#8#  von  der  des  Jahres  188)  sehr
verschieden  war,  so  verstärkte  doch  diese  Veränderung
nur  das  Bedürfnis  Deutschlands  nach  der  Erhalkung  eines
starken  und  selbständigen  Osterreichs,  weil  inzwischen  auch
noch  England  in  das  Lager  der  Mächke  übergegangen
war,  die  Bismarck  zwanzig  Jahre  früher  als  solche  bezeichnek
  hakke,  denen  nur  ein  Krieg  lang  gehegke  Hoffnungen
  erfüllen  konnke.  Das  Bewußksein  der  Rokwendig- 



1)  S.  Akten  Bd.  IV,  S.  378,  Nr.  930  und  Occo  Hammann:  Zur
Vorgeschichte  des  Weltkriegs,  S.  157,  wo  dieser  Brief  zuerst  in  deutscher

  Übersetzung  erschien.

302
        <pb n="313" />
        keit  der  Erhaltung  Osterreichs  als  eines  selbständigen  und
starken  Staates  war  der  Beweggrund  dafür,  daß  Fürst
Bülow  jene  Richtlinien  für  die  deutsche  Politik  aufstellte.
Wenn  die  Annexion  Bosniens  und  der  Herzegowina,
deren  Vorgeschichte  ich  hier  nichk  eingehend  darstellen
kann,  von  den  Anklägern  der  Milkelmächtke  als  eine  den
Frieden  bedrohende  Verletzung  der  Akke  des  Berliner
Kongresses  bezeichnek  wird,  so  ist  dabei  noch  die  sehr  wichkige
  Taksache  zu  berücksichtigen,  daß  für  diesen  Schritt
Ahrenthals  das  grundsägzliche  Einverständnis  Rußlands
auf  der  Zusammenkunft  in  Buchlau  vom  15.  Sepkember
  1go8  gewonnen  war.  Das  war  nakürlich  nichk  ohne
Gegenleistung  geschehen.  Osterreich  hakte  sich  verpflichker,
der  Lösung  der  Meerengenfrage  nach  russischen  Wünschen,
  also  einer  anderen  Verletzung  der  Akte  des  Berliner
  Kongresses,  keine  Schwierigkeiken  zu  bereiken  und
den  Sandschak  von  Novibazar  zu  räumen.  Wenn  das
Verbrechen  also  in  einer  Verletzung  bestehender  Verkräge
  bestand,  so  ist  Rußland  der  Mitschuldige  an  diesem
  Verbrechen  aus  imperialistischen  Beweggründen  gewesen.
  Die  Kriegsgefahr  aber  enkstand  erst  dadurch,  daß
Jswolski  für  seine  mit  Osterreich  über  die  Meerengen
gekroffene  Vereinbarung  die  Zustimmung  Englands  und
Frankreichs,  seiner  eigenen  Bundesgenossen,  nichk  fand
und  in  seinem  Arger  darüber  die  für  diese  Vereinbarung
gewährte  Konzession  rückgängig  machen  wollke.

Alle  Schleier,  die  die  Enkstehungsgeschichte  der  bosnischen
  Krise  verhüllen,  sind  noch  niché  gelüstek.  Über
die  Zusammenkunft  von  Buchlau,  in  der  sie  ihren  Ursprung
  hatte,  haben  die  beiden  Beteiligten,  Ahrenthal
und  Iswolski,  einander  widersprechende  Auskünfke  ge-303
        <pb n="314" />
        geben.  Aber  auch  wenn  man  annimmt,  daß  der  österreichische
  Skaaksmann  den  rufsischen  betrogen,  und  daß
er  keine  Selbstbehaupkungspolitik,  sondern  eine  Prestigepolikik
  betrieben  habe,  als  er  endlich  in  den  beiden  Provinzen
  das  dreißigjährige  Provisorium  in  ein  ODefinitivum
  verwandelte,  —  Deutschland  kann  niemand  eine  im
Sinne  des  Vertrags  von  Versailles  dolose  Schuld  an
den  Kriegsgefahren,  die  durch  die  österreichisch-russischen
Inkeressengegensätze  damals  enkstanden,  zur  Last  legen,
ohne  sich  nicht  nur  an  der  geschichklichen  Wahrheik,  sondern
  auch  an  den  Gesetzen  der  einfachsten  Logik  zu  versündigen.


Unter  dem  Druck  der  Aufgabe,  den  RNachweis  zu  führen,
  daß  Deutschland  für  alle  Kriegsgefahren,  die  Enropa
  seit  1871  bedroht  haben,  verankworklich  sei,  machen
sich  denn  auch  die  Verfasser  des  Senaksberichtes  solcher
Verfündigung  in  einem  an  das  Grotkeske  streifenden
Ilaße  schuldig.  Sie  konstruieren  nämlich  den  folgenden

 

1)  Ahrenchal  behauptete,  daß  Jswoleki  die  Annexion  geradezu  angeboten
  habe,  wenn  Osterreich  in  der  Meerengenfrage  entgegenkomme.
Iswolski  dagegen,  daß  die  Annexion  in  Buchlau  nur  akademisch  erörtert
  und  kein  Termin  für  sie  festgesetzt  worden  sei,  Ahrenthal  also  die
Verabredung  gebrochen  habe.  S.  Erich  Brandenburg  a.  a.  O.  S.  40
Die  Anklageschrift  behauptek,  daß  Iswolski  die  Zustimmung  der  Signakarmächte
  des  Verkrags  von  Versailles  zu  den  in  Buchlau  getroffenen
Vereinborungen  ausdrücklich  zur  Bedingung  ihrer  Güleigkeie#  gemache
habe.  Das  ist  wenig  wahrscheinlich,  obwohl  es  Iswolski  behauptek,  da  er
gegen  die  am  5.  Oklober  erfolgte  Annexion  so  lange  nichts  einwendete,
als  er  noch  auf  die  Zustimmung  Englands  und  Frankreichs  zur  rufsischen
Lösung  der  Meerengenfrage  hoffte.  Siehe  hierzu  auch  die  Berichte  der
serbischen  Gesandten  in  London  und  Paris  vom  5.  und  13.  Oktober  1908,
Boghieschewiesch,  Kriegsursachen,  S.  151  und  157.

304
        <pb n="315" />
        erstaunlichen  Trugschluß:  Deutschlands  Gewalttätigkeit
hatte  Osterreich  jeder  Selbständigkeit  beraubt.  In  dem
nach  der  Konferenz  von  Algesiras  gefallenen  Ausspruch
des  Kaisers  vom  „brillanten  Sekundanten“1  wurde  sterreichs
  Vasallentum  aller  Welt  verkündigt.  Darum  erhielt
  der  neue  Minister  des  Außeren,  Herr  v.  Ahrenthal,
  den  Auftrag,  irgend  etwas  zu  unternehmen,  was
der  Welt  bewiese,  daß  Osterreich  auch  selbständig  handeln
könne.  Zum  Zweck  der  Erbringung  dieses  Beweises  annektierke
  er  Bosnien  und  die  Herzegowina,  folglich  ist
die  Gewalttätig  keit  des  deutschen  Kaisers  letzten
Endes  für  die  Kriegsgefahren  verankworklich,  die  infolge
dieser  Annexion  den  Frieden  Europas  bedrohten.

Diese  Schlußfolgerung  erscheink  so  unsinnig,  daß  meine
Leser  vielleichk  denken,  ich  hätte  die  Verfasser  des  Senaksberichts
  mißverstanden.  Darum  folge  hier  der  Worklaut
  dieses  Satzes,  in  dem  die  alberne  Verlogenheik  der
Anklageschrift  sich  mit  dem  Fluch  der  Lächerlichkeit  be-1)

  In  der  französischen  Übersetzung  brillant  second.  gewi##t  dieser
  Ausspruch  einen  verletzenden  Doppelsinn,  den  das  Work  „Sekundant“
  nicht  hat,  noch  im  Munde  des  Kaisers  haben  sollte.  Das  an
Goluchowski  gerichtete  bekannte  Telegramm  des  Kaisers  vom  13.  April
1906,  in  dem  dlese  Charalterisierung  Osterreichs  enthalten  ist,  hat  übrigens
  in  Wien  garniche  die  Wirkung  gehabt,  die  ihm  der  Senatsberiche
zuschreibt.  Es  wurde  dork  und  nicht  in  Berlin  veröffenclicht,  und  die
Presseerörkerungen,  die  sich  daran  knüpften,  wurden  niche  dadurch  veranlaßk,
  daß  man  in  ihm  eine  Verletzung  der  österreschischen  Gleichberechtigung
  im  Dreibunde  erblickte,  sondern  vielmehr  dadurch,  daß  das
dem  kreuen  Bundesgenossen  gespendete  Lob  wie  eine  Lektion  für  den
treulosen  Bundesgenossen,,  Jtalien,  betrachtet  wurde.  Die  Genugtuung,
  die  man  darüber  in  Wien  empfand,  kam  in  der  österreichischen
Presse  ganz  offen  zum  Ausdruck.  S.  Akeen  Bd.  XXI,  S.3za,  Nr.7139
und  Anm.

Kronprine  Wilhelm,  Ich  suche  d.  W.  20

 

305
        <pb n="316" />
        lastet,  in  französischer  und  deulscher  Sprache:  La  réalité
çiest,  qu’entre  la  Serbie,  ranimée  par  une  dynastic  nationale,
  sCveillant  à  une  vie  nouvelle,  s'ouvrant  à  un  avenir,
dui  inquistait  1  Autriche,  et  Autriche-Hongrie  impatiente
avec  le  baron  d’Aehrenthal  de  donner  à  ses  Souverains,
humiliés  du  rölc  secondaire  auquel  prétendait  les  réduire
J’Emperecur  allemand,  la  satisfaction  d’'une  manifestation
de  force  ct  de  puissancce,  la  crise  inévitable  s’est  ouverte
en  1907.  Et  de  cette  crise  encore,  en  dernière  analyse,  la
véritable  responsabilité  rémonte  au  Souverain
de  Berlin,  qdui  avec  son  peuple,  en  était  venu  à  traiter
een  vassauf  ses  alliés  et  1  Europe  en  rebelle,  s'ils  n’sobéis
saient  pas  à  ses  lois.

„Die  Dinge  haben  sich  so  zugekragen:  Zwischen  einem
durch  eine  nationale  Doynastie  gestärkten  Serbien,  das  zu
neuem  Leben  erwachke  und  sich  einer  Zukunfk  öffneke,  die
Osterreich  beunruhigte,  und  einem  Osterreich-Ungarn,
das  seit  Ahrenthals  Amtsankrikk  ungeduldig  seinen  Herrschern,
  die  sich  in  der  ihnen  vom  deukschen  Kaiser  zugewiesenen
  Nebenrolle  gedemütigt  fühlken,  die  Genugkuung
einer  Machtk=  und  Kraftäußerung  verschaffen  wollke,  ist  die
unvermeidliche  Krisis  im  Jahre  1907  ausgebrochen.  Und
darum  kriffk  im  letzten  Grunde  die  wirkliche  Verankworkungauch
  für  diese  Krife  den  Herrscher  in
Berlin,  der,  im  Einvernehmen  mil  seinem  Volk,  dazu
gekommen  war,  seine  Verbündeken  wie  Vafallen  zu  behandeln
  und  Europa  wie  einen  Rebellen,  wenn  sie  seinen
Befehlen  nichk  gehorchken.“

Entlastenderes  als  dieser  unsinnige  Schuldbeweis
läßk  sich  schwer  ersinnen.  Denn  wer  zu  solchen  Akrobakenkünsten
  der  Logik  seine  Zuflucht  nimmk,  um  die  ihm  ob-306
        <pb n="317" />
        liegende  Beweispflicht  zu  erfüllen,  muß  schon  vollkommen
  daran  verzweifelt  haben,  wirklich  belastende  Be—
weise  finden  zu  können.

Durch  einen  Vermikklungsvorschlag  Deutschlands,  den
Iswolski  nur  deshalb,  weil  Rußland  sich  damals  für
einen  Krieg  nicht  hinreichend  gerüstet  fühlte,  mit  Zähneknirschen
  und  Rachegefühlen  im  Herzen  annahm,  fand
die  bosnische  Krise  ihr  Ende.  Dieser  Vermiktlungsvorschlag
  wurde  sowohl  in  Pekersburg  wie  in  London  bekanntlich
  als  ein  Ulkimakum  aufgefaßk  und  ist  niemals
vergessen  worden.  Die  Annexion  von  Bosnien  wurde,
nachdem  Osterreich  die  Aufhebung  des  Artikels  35  der
Akte  des  Berliner  Kongresses  nachgesucht  hafte,  von
allen  Mächken  anerkannk,  und  Serbien  versprach  in  der
Noke  vom  31.  März  1909,,r  sich  jeder  großserbischen  Propaganda
  im  Gebieke  der  Monarchie  zu  enkhallen.  Aber
es  hakte  schon  damals  den  festen  Vorsatz  gefaßk,  dies
Versprechen  nichk  zu  erfüllen.  Der  serbische  Fationalismus
  bedrohte  nach  wie  vor  den  Frieden  Curopas.

Anderthalb  Monake  vor  der  Erstickung  des  Kriegsseuers
  im  nahen  Orient  war  das  ebenfalls  unker  der  Asche
der  Konferenz  von  Algesiras  in  M#arokko  weiterschwelende
  Feuer  scheinbar  erstickt  worden.  Am  8.  Februar
1909  hakte  Deutschland  mik  Frankreich  das  Abkommen
  geschlossen,  das  zum  erstenmal  ein  Zusammenwirken
deutscher  und  französischer  wirkschaftlicher  Unkernehmungen
  ermöglichke  und  Frankreich  unker  Aufrechkerhalkung
der  Unabhängigkeit  des  Sulkans  die  politische  Vormachkstellung
  in  I—#arokko  zugestand.  Während  der  vorhergehenden
  Jahre  sind  alle  Zwistigkeiken,  die  in  dem
unruhigen  Lande,  von  der  Ermordung  des  französischen

3°7
        <pb n="318" />
        Arztes  Mauchamp  in  Marrakesch  bis  zu  der  durch  den
deutschen  Konsul  begünstigten  Flucht  der  Fremdenlegio—
näre  in  Casablanca  und  dem  Thronstreit  zwischen  Abdul
Aziz  und  Mulay  Hafid,  zwischen  Frankreich  und  Deutschland
  entstanden  waren,  durch  das  persönliche  Ein—
greifen  des  Kaisers  gütlich  beigelegt  worden.  Am
G  .  Oktober  1908  schrieb  er  zu  einem  Bericht  des  Fürsten
Bülow  über  die  durch  die  Annexion  von  Bosnien  und
der  Herzegowina  geschaffene  Lage  die  solgende  Randbemerkung:
  „Angesichks  dieser  Verhälknisse  muß  aber  die
elende  Marokkoaffäre  zum  Abschluß  gebrachk  werden,
schnell  und  endgüliig.  Es  ist  nichts  zu  machen,  französisch
wird  es  doch!  Also  mik  Anstand  aus  der  Affäre  heraus,
damit  wir  endlich  aus  den  Friktionen  mikt  Frankreich
herauskommen  jetzk,  wo  große  Fragen  auf  dem  Spiele
stehen.“  Die  Anregungen,  Schiffe  in  marokkanische  Häfen
  zu  schicken,  die  verschiedenklich  von  der  Regierung  an
ihn  herangebrachk  wurden,  hat  er  mehrere  Male  zurückgewiesen.
  Erst  als  Frankreich  auch  die  neue  Abmachung
vom  8.  Februar  1909  immer  wieder  umging,  als  es  schließlich
  den  M#arsch  nach  Fez  ankrak,  hak  er  widerstrebend
nach  einem  Vorktrag  von  Kiderlen-Wächker  in  Kiel  seine
Zustimmung  zur  Enksendung  eines  Schiffes  nach  Agadir
  gegeben.  Während  der  Verhandlungen,  die  zwischen
  Kiderlen-Wächker  und  Cambon  zur  Beseiligung
der  hierdurch  entstandenen  ungeheuren  Spannung  geführk
  worden  sind,  hak  er  auf  einen  Berichk  des  Reichskanzlers
  v.  Bekhmann  Hollweg  über  diese  Verhandlungen,
  in  dem  ihm  mitgeleilt  wurde,  daß  Kiderlen=Wächter
  erklärk  habe,  „es  müsse  sehr  kräftig  aufgekreken
werden“,  antworken  lassen,  daß  er,  wenn  der  Skaaks-308
        <pb n="319" />
        sekrekär  ein  einer  Drohung  gleichkommendes  Auftreten
für  geboten  halken  sollte,  sofork  von  seiner  Nordlandreise
  zurückkehren  müsse.  In  seiner  Abwesenheit  dürfe
das  keineswegs  geschehen.  Und  der  den  Kaiser  begleikende
  Gesandte  v.  Treukler  hatte  kelegraphierk,  daß  er
nachks  aus  dem  Bekk  geholk  worden  sei,  um  dieses  Telegramm
  abzuschicken,  und  hinzugefügk,  es  müsse  mit  dem
Abbruch  der  Reise,  mit  der  Insormation  der  Allüerken
und  damit  gerechnek  werden,  daß  es  schwer  sein  werde,
Seine  Majestät  für  Schrikte  zu  gewinnen,  von
denen  er  annähme,  daß  sie  den  Krieg  herbeiführen
  könnken.  Es  läßt  sich  also  nichk  bezweifeln,
daß  der  Kaiser  um  Marokkos  willen  keinen  Krieg  führen
  wollke.  Es  gehr  aber  auch  aus  Privakbriefen  Kiderlen-Wächters,
  die  durch  Verrak  in  die  Hände  der  französischen
  Regierung  gefallen  sind,  hervor,  daß  auch  der
Staakesekrekär  garnicht  an  Krieg  dachte.:  Auch  er  war
der  Uberzeugung,  daß  die  Verwandlung  Marokkos  in
ein  französisches  Prokekkorak  nichk  mehr  zu  verhindern  sei,
und  wollte  nur  für  die  dem  deutlschen  Handel  und  der
deutschen  Industrie  dadurch  erwachsenden  Nachtkeile  eine
Kompensaktion  durchsetzen.

Die  Geschichke  und  der  Ausgang  der  Marokkoaffäre
zeigt  Deutschland  als  den  Verkeidiger  von  Rechken,  die
durch  Verkräge  verbrieft  waren,  und  Frankreich  als  den
Verkreker  einer  mik  diesen  Verträgen  in  Widerspruch
stehenden,  imperialistischen  Expansionspolikik.  In  diesem
Kampf,  in  dem  allerdings  auch  die  französischen  Regie- 



1)  Siehe  Kiderlen-Wächter  als  Staatsmann  und  Mensch.  Briefwechsel
  und  Nachlaß.  Herausgegeben  von  Ernst  Jäckh,  S.  190  u.  ff.
)  Siehe  Agadir  von  Caillaux,  S.  330/340.

309
        <pb n="320" />
        rungen  Rouviers  im  Jahre  190t  und  Caillaux'  im  Jahre
1911  erkennen  ließen,  daß  sie  den  Krieg  nicht  wollten,  ist
Frankreich  durch  die  Friedensliebe  des  deutschen  Kaisers
Sieger  geblieben.  Die  Anklageschrift  fällt  denn  auch  in
ihrer  Darstellung  des  Ausgangs  der  Krise  von  1911  ganz
aus  ihrer  Rolle.  Es  klingk  fast  wie  ein  imperialistisches
Triumphlied,  wenn  ihre  Verfasser  schreiben:  „Die  milikärische
  Unkernehmung  Frankreichs  (gegen  Fez)  harte
die  spanische  Besetzung  von  Larache  und  d'El  Kasar
enkschieden.  Es  schien,  als  ob  Europa  sich  ohne
Deutschland  in  Marokko  niederließe.“
Obwohl  Frankreich  seinen  Willen  restlos  durchgesetzt
hakke,  obwohl  mit  dem  letzten  Marokkoabkommen  vom
4.  Rovember  1911  sein  Kolonialbesitz,  der  den  Deutschlands
  schon  um  das  Vielfache  überstieg,  um  ein  reiches
Land  vermehrt  worden  war,  obwohl  es  nur  eine  Frage
der  Zeik  war,  daß  Marokko  ein  neues  Tunis  werden
würde,  bekrachkeke  der  gallische  Hochmuk  die  Abkrekung
des  kleinen,  fast  werklosen  Teils  des  französischen  Kongo,
den  es  Deutschland  als  Kompensation  hakte  überlassen
müssen,  schon  als  eine  unerkrägliche  Demütigung.  Das
Ministerium,  das  auf  solchen  Verkrag  eingegangen  war,
wurde  geslürzt.  Und  das  war  vielleicht  die  verhängnisvollste
  Folge  der  MSarokkopolitik  des  Herrn  v.  Kiderlen-Wächter.
  Denn  nun  erhob  der  französische  Chauvwinismus
  den  Mann  zur  Leitung  der  Regierung  der  Republik
  empor,  der  im  Bunde  mit  dem  rufsischen  Botschafker
in  Paris  den  großen  europäischen  Krieg,  den  seine  Vorgänger
  ebenso  wie  die  Leiter  der  deutschen  Politik  gefürchkek
  hatken,  erhoffke.  Rapmond  Poincaré  zog  in
das  Ministerium  am  Quai  dOrsay  ein  und  fand  in  Is-310
        <pb n="321" />
        wolski  den  nach  gleichen  Zielen  strebenden  bösen  und  intriganten
  Genossen.  Der  Augenblick,  in  dem  das  geschah,
war  der  denkbar  ungünstigste  für  den  Frieden  Europas.
Denn  infolge  des  französischen  Eroberungszuges  nach
Marokko  entbrannte  der  italienisch-türkische  Krieg  um
Tripolis,  durch  den  wieder  das  immer  noch  glühende
Feuer  auf  dem  Balkan  zur  lodernden  Flamme  angefacht
und  schließlich  die  ganze  Welt  in  Brand  gesteckt  wurde.
Dem  französischen  Revanchegedanken  wurden  hier  die
Flügel  geschaffen,  die  ihn  zu  seinem  Ziele  trugen.

Zehntes  Kapitel
Peincaré  und  Jswolski

m  Schluß  der  Einleikung  dieses  Buches  habe  ich  die

Zehauptung  aufgestellk,  es  könne  mit  völliger  Sicherheit
  nachgewiesen  werden,  daß  die  Regierungen  Rußlands
  und  Frankreichs,  die  während  der  letzken  Jahre
vor  dem  Ausbruch  des  Krieges  die  Verankworkung  für
die  Politik  ihrer  Staaten  krugen,  den  Krieg  vorbereikek,
herbeigewünschk  und  erhofft  haben.  Es  wird  die  Aufgabe
dieses  Kapikels  sein,  diese  Behauptung  urkundlich  zu  erhärken.
  Sehr  wahrscheinlich  wird  diese  Behaupkung  schon
dadurch,  daß  Beobachker  der  polikischen  Vorgänge  an  den
Brennpunkten  der  europäischen  Policik,  die  nach  der  geographischen
  Lage  ihres  Landes,  nach  der  Rasse  ihres  Volkes
  und  nach  dessen  politischen  und  wirkschaftlichen  Beziehungen
  mit  ihren  Sympakhien  auf  der  Seike  des  Dreiverbandes
  standen,  ich  meine  die  Verkreker  Belgiens

311
        <pb n="322" />
        in  den  europäischen  Hauptstädten,  in  ihren  Berichten  und
die  belgische  Regierung  selbst  in  ihren  Zirkularen  Petersburg
  und  Paris  schon  von  1897  ab  als  die  Herde  der
Kriegsgefahren  und  Deutschland  als  die  Macht  bezeich—
neten,  der  die  Erhaltung  des  Friedens  in  Europa  vornehmlich
  zu  verdanken  sei.1

Es  ist  nichk  anzunehmen,  daß  die  belgischen  Skaaksmänner
  sich  jahrelang  über  die  Absichten  der  europäischen
Politik  so  gründlich  geirrk  haben,  daß  sie  das  Gegenkeil
der  Wahrheik  berichteken.  Ich  häkke  die  Berichke  der  belgischen
  Gesandken  schon  bei  der  Bekrachtung  aller  der
Krisen,  die  seit  1897  den  europäischen  Frieden  bedrohlen,
als  Zeugnisse  für  den  Friedenswillen  der  deutschen  Politik
und  ganz  besonders  für  die  Friedensliebe  meines  Bakers
verwerken  können.  Denn  sie  begleiken  alle  diese  Vorgänge
ganz  unparkeüsch  mit  ihren  Erklärungen  wie  der  Chor  in
der  Tragödie.

Sie  haben  in  der  Polemik  gegen  die  Schuldlüge  oft
Verwendung  gefunden,  und  ihre  Stichhaltigkeik  wird
dadurch  bekräftigk,  daß  die  Ankläger  Deurschlands  diese

 

1)  Die  belgischen  Gesandtschaftsberichte  aus  den  Jahren  1gos  bis
1914  sind  in  einer  Auswahl  schon  im  Jahre  1915  in  einem  deueschen
Weißbuch  veröffentliche  worden.  Im  Jahre  1918  hae#  sie  Oberst  Schwertseger
  zusammen  mit  Professor  Alfred  Doren  und  Dr.  Wilhelm  Käöhler
unter  dem  Ticel  „Zur  europälschen  Dolicik  189y—1914“  in  vler  Bänden
und  einem  fünften  unker  dem  Titrel  „Revancheidee  und  Panslawismus“
in  französischer  Sprache  herausgegeben.  Einen  Leiefaden  dazu  hat  Oberst
Schwertfeger  in  seinem  Buch  „Der  Fehlspruch  von  Verfailles“  geschrieben.
  Alle  diese  Veröffentlichungen  erscheinen  jetzt  in  elner  neuen  Ausgabe,
und  zwar  die  sämelichen  belgischen  Berichte  und  die  auf  ihnen  beruhenden
  1917  aufgefundenen  Zirkulare  der  belgischen  Außenminister  in  deutscher

  Übersetzung.

312
        <pb n="323" />
        gegen  ihre  Thesen  sprechenden  Zeugnisse  beharrlich  totschweigen.
  Sind  es  doch  Zeugnisse  aus  ihrem  Lager.
Ja,  der  belgische  Gesandke  in  Berlin  selbst,  Baron  von
Beyens,  der  zu  diesen  Zeugnissen  einige  der  wertvollsten
beigesteuerk  hak,  weiß  sich  in  seinem  Buch  „  Allemagne
avant  la  guerre  gegen  sich  selbst  durch  keine  andere
Methode  zu  verkeidigen,  als  die  der  VBerleugnung
aller  der  Berichke,  die  er  an  seine  Regierung  geschrieben
hak.  Denn  er  erwähnk  sie  in  diesem  Buch  mit  keinem
Wort,  obgleich  er  ihren  Urkeilen  auf  vielen  Seiken  in
schroffster  Weise  widersprichk.

Zur  Kennzeichnung  der  „Wahrheitsliebe“  des  Barons
v.  Beyens  stelle  ich  hier  eine  Skelle  aus  einem  seiner  Berichke
  einer  Skelle  aus  seinem  Buche  gegenüber,  von  denen
die  erste  über  den  Charakker  meines  Vakers  genau  das
Gegenkeil  von  dem  sagk,  was  die  zweile  behaupkek.  Am
8.  März  r913;  schreibt  er  an  seinen  Minister:  „Was  die
kriegerischen  Pläne  bekriffk,  die  man  Deuktschland  zuschreibk,
  so  genügk  es,  jeden  Morgen  eine  Pariser  Zeikung
  zu  öffnen,  um  sich  darüber  klar  zu  werden.  Derarkige
Pläne  stimmen  schlecht  zu  dem  im  tiefsten  Sinne
religiösen  und  friedliebenden  Charakter  des
Kaisers,  dessen  Mystizismus  sich  mehr  und  mehr  in
den  zahlreichen  Reden  zu  verstärken  scheink,  die  Seine
AKjestät  in  diesem  Jahre  zu  halken  Gelegenheik  hat.
Die  glorreichen  Erinnerungen  an  die  Zeit  vor  hunderk
Jahren,  als  Deutschland  siegreich  kämpfte,  um  seine  Unabhängigkeik
  wiederzugewinnen,  und  auf  den  Schlachkfeldern
  die  Grundpfeiler  seiner  nakionalen  Einheik  errichleke,
  werden  nakürlich  darin  angerufen.  Aber  der  Kaiser
sieht  immer  in  diesen  Zusammenhängen  den  Finger  Gok-313
        <pb n="324" />
        tes,  der  das  deutsche  Volk  für  seinen  religiösen  Glauben
belohnke,  indem  er  es  von  dem  französischen  Joche  befreike.
  Das  ist  nicht  die  Sprache  eines  Mannes,
der  Kriegs=  und  Eroberungspläne  im  Ginne
hat.“

Und  zwei  Jahre  später,  während  des  Krieges,  im  Jahre
1915,  schreibt  er  in  seinem  Buche:  „Il#an  möchte  glauben,
  daß  er  (der  Kaiser)  lange  gezweifelk  hätte,  bevor  er
den  dunklen  Weg  bekrak,  der  sich  vor  ihm  öffneke.  Man
möchte  sich  vorstellen,  daß  sein  Gewissen  sich  bei  der  Vision
der  Blutströme  und  der  Leidensfluken  empörke,  die  der
bevorstehende  Kampf  kosten  würde,  daß  er  aber  wider
Willen  durch  sein  Schicksal  hineingezogen  worden  sei.
Das  sind  falsche  Bermukungen!  Der  Angriff  war
mehrere  Monate  im  voraus  bedacht,  der  Plan  bis  in
seine  kleinsten  Einzelheiten  vorbereitet,  und  mit  voller
Absicht  hak  der  Kaiser  das  Signal  zu  den  Feindseligkeiten
  voreilig  gegeben,  indem  er  durch  seine  Ungeduld
die  Besprechungen,  welche  die  Mi#ächtke  des  Dreiverbandes
harknäckig  und  verzweifelk  sorksetzen  wollken,  abschnikt.
Diese  Vorsätzlichkeit  wird  der  Nachwelk  erwiesen
erscheinen,  welche  die  von  ihm,  seinem  Kanzler  und  seiner
Presse  gegen  seine  Gegner  erhobene  Anklage  vernichken
wird,  durch  die  er  sich  vor  der  öffentlichen  Meinung
Deulschlands  und  der  fremden  Bölker  rechtfertigen  will.“

Wer  ein  gutes  Gewissen  hak,  wenn  er  so  schwere  Anklagen
  niederschreibk,  muß  solchen  offenbaren  Widerspruch
  zu  dem  zwei  Jahre  früher  gefällten  Urkeil  irgendwie
  zu  erklären  versuchen.  Herr  v.  Beyens  kuk  das  aber
nicht  und  kann  deshalb,  als  er  solche  Worte  schrieb,  kein
gukes  Gewissen  gehabt  haben.  Als  er  den  Berichk  vom

314
        <pb n="325" />
        8.  März  1913  schrieb,  hatte  er  keine  Veranlassung  zu
lügen.  Als  er  mikten  im  Kriege  sein  Buch  schrieb,  hatte
er  kausend  Gründe  zur  Verhüllung  der  Wahrheik.  Darum
  muß  man  annehmen,  daß  er  selbst  das  Urkeil,  das
er  vor  dem  Kriege  über  meinen  Vaker  fällte,  innerlich
auch  heute  noch  für  das  richtige  hälk.

Je  sorgfältiger  die  Verfasser  dieser  Gesandtschafksberichte
  sie  jetzt  verleugnen,  je  harknäckiger  die  Berichte  von
unseren  Verleumdern  kokgeschwiegen  werden,  umsomehr
Veranlassung  haben  wir  Deutsche,  immer  wieder  auf
sie  hinzuweisen.  Und  die  Herren,  die  es  Oberst  Schwerkfeger
  jetzt  möglich  gemachk  haben,  die  ganze  Sammlung
nebst  ihrem  Kommenkar  in  deutscher  Sprache  heranszugeben,
  haben  sich  mik  ihm  ein  nichk  hoch  genug  einzuschätzendes
  Verdienst  im  Kampf  gegen  die  Schuldlüge
erworben.

In  diesen  Berichten  nun  erscheinen  während  der  beiden
letzten  Jahre  vor  dem  Ausbruch  des  Krieges  die  beiden
Männer,  deren  Namen  ich  über  dieses  Kapikel  geschrieben
  habe,  als  diejenigen,  durch  deren  politische  Tätigkeit
der  Friede  in  Europa  am  meisten  bedrohk  wird.  Dieses
  Urkeil  wird  vollauf  bestätigk  durch  die  Dokumenke,
die  im  Aufkrage  des  Auswärtigen  Amtes  Dr.  Stieve

 

1)  So  schreibe  der  belgische  Gesandte  in  Wien  am  aa.  November
1911  kurz  nach  der  Beilegung  der  Marokkokrise,  als  eine  Verschärfung
der  Lage  durch  den  Zwischenfall  von  Prizrend  eingetreten  war,  über  Iswolski:
  „Es  ist  niche  die  Regierung  des  Jaren,  die,  wie  man  sagé,  diese
Agleacion  hervorruft.  .  .  ..  Nicht  in  St.  Pecersburg,  sondern  in  Paris
muß  man  den  Urheber  dieser  Intrigen  suchen.  Herr  Iswolski,  der  den
ihm  vom  Grafen  Ahrenthal  mie  der  Annektion  von  Bosnien  und  der
Herzegowina  zugefügten  Schlag  nicht  vergessen  kann,  ist  unaufhörlich
damie  beschäfeige,  sich  zu  rächen.“

□
—
—
        <pb n="326" />
        herausgegeben  hat,  nachdem  die  meisten  von  ihnen  bereits
zum  Teil  in  dem  von  der  Sowjetregierung  veröffentlichten
  »Livre  noir«,  zum  Teil  in  dem  Bande  abgedruckt
worden  waren,  den  der  ehemalige  Sekretär  der  russischen
Botschaft  in  London,  B.  v.  Giebert,  unter  dem  Titel
„Diplomakische  Akkenstücke  zur  Geschichte  der  Enkenkepolitik
  der  Vorkriegsjahre“  herausgegeben  hat.1

Die  Fülle  der  Beweise  für  die  verhängnisvolle  Tätigkeit
  dieser  beiden  Männer  ist  so  groß,  daß  selbst  in  Frankreich
  die  Frage,  ob  Poincaré  den  Krieg  wollte,  aufgeworfen
  und  bejaht  worden  ist,  und  daß  fast  kein  Monat
vergehr,  in  dem  nichk  in  irgendeinem  der  gegen  uns  verbündek
  gewesenen  Länder  ein  Buch  erscheink,  das  Poincaré
  und  Iswolski  für  den  Ausbruch  des  Krieges  geradezu
  verankworklich  machk.  Ich  gehe,  wie  ich  schon
oben  gesagt  habe,  nichk  so  weik.  Denn  man  kann  Niemandem
  ins  Herz  schauen.  Beweisen  aber  kann  man,  daß
im  wesentlichen  unker  dem  Einfluß  dieser  beiden  JIl#änner
in  Rußland  und  Frankreich  eine  Polikik  gekrieben  worden
  ist,  aus  der  die  Hoffnung  auf  den  Krieg  hervorleuchkeke,
  während  die  Polikik  Deutschlands  won  der
Furche  vor  seinem  Ausbruch  gekragen  war.  Es  ist

 

1)  Die  im  Auftrage  des  deutschen  Auswärtigen  Amés  herausgegebene
Sammlung  des  diplomatischen  Briefwechsels  Iswolskis  ist  eine  Quelle
ersten  Ranges  für  die  Ursachen  des  Welekrieges.  Die  in  ihr  enehaltenen
Urkunden  sind  aus  den  russischen  Orlginalen  übersetzt.  Die  bereles  aus
dem  .  Livre  noire  und  dem  v.  Sliebere'schen  Werk  bekanneen  Akeen  sind
durch  über  5oo  neue  Stücke  ergänze.  Das  Werk  umfaßt  vier  Bände,  und
es  ist  ihm  als  Leitfaden  ein  vom  Herausgeber,  Herrn  Dr.  Stieve,  verfaßter
  Band  beigegeben.  Während  der  Drucklegung  dieses  Buches  erschien
  ein  fünfter  Band,  der  den  Briefwechsel  Iswolskis  vom  Juli  1914
bis  1917  enthaält  und  von  mir  nicht  mehr  benutzt  werden  konnte.

316
        <pb n="327" />
        aber  klar,  daß  eine  Politik,  die  die  Erreichung  ihrer  Ziele
auf  eine  Kriegehoffnung  gründek,  ganz  unwillkürlich  dazu
  gelangen  muß,  Mdßregeln  zu  ergreifen,  hinker  denen
die  Absicht  wirki,  den  Krieg  herbeizuführen,  während  eine
Politik,  die  den  Krieg  fürchtek,  auf  dem  Wunsch  beruhen
  muß,  ihn  zu  verhindern.

Warum  nun  erhofften  die  Regierungen,  die  sich  zum
Zweibund  zusammengeschlossen  hatten,  den  Krieg,  und
warum  fürchtete  ihn  keine  Großmacht  in  Europa  mehr
als  Deutschland?  Ich  habe  in  den  vorhergehenden  Kapiteln
  schon  an  verschiedenen  Stellen  darauf  hingewiesen:
Weil  jene  Mãächte  ihre  Ziele  nur  durch  einen  enropäischen
  Krieg  erreichen  konnten,  die  deutsche  Politik  aber
überhaupt  kein  anderes  Ziel  hatte,  als  die  Erhaltung
unserer  für  keine  andere  Nakion  abträglichen  Einheit  und
Machtstellung.

Es  gibt  nun  ein  rechk  frühes  Zeugnis  dafür,  daß  sich
die  russische  Regierung  bewußk  war,  ihr  Ziel  könne  nur
durch  einen  europäischen  Krieg  erreicht  werden.  Es  ist  der
Artikel  5  des  während  eines  ganzen  Jahrzehnks  geheim
gehalkenen  Verkrages,  den  Rußland  im  Dezember  des
Jahres  1909  mik  Bulgarien  abgeschlossen  hak.  Obgleich
  dieser  Verkrag  den  Charakker  einer  Milikärkonvention
  hakke,  war  er  seinem  Sinne  nach  ein  politischer
Bündnisverkrag  reinsten  Wassers.  Ja,  er  war  der  einzige
  ausgesprochene  Offensivverkrag,  der  überhaupk
  im  Laufe  dieses  Jahrhunderks  abgeschlossen  worden
  ist,  und  muß  schon  dadurch  den  Verdachk  erregen,  daß
der  mächtigere  der  beiden  Skaaken,  die  ihn  vereinbark
hatten,  einen  Angriffskrieg  zu  führen  beabsichkigte.  Er
unkerschied  sich  auch  von  allen  anderen  Verkrägen  ähn-317
        <pb n="328" />
        licher  Ark  dadurch,  daß  er  wohl  den  schwächeren  Bundesgenossen
  verpflichkeke,  selbst  für  den  Fall,  daß  der  stärkere
  einen  Angriffskrieg  führen  wollke,  ihm  mit  seiner
ganzen  Machk  beizustehen,  dem  stärkeren  aber  nur  die
Pfliche  der  Hilfeleistung  für  den  Fall  eines  nichk  provozierken
  Angriffs  auf  den  schwächeren  auferlegke.1
Der  ArkikelV  dieses  einseitigen  Offensivverkrages  lauket
nun  folgendermaßen:  „In  Anbekrachk  dessen,  daß  die  Verwirklichung
  der  hohen  Ideale  der  slawischen  Völker  auf

1)  Der  Artikel  1  dieses  Vertrages  laukek:  „Im  Falle  eines  gleichzeieigen
  bewassneten  Zusammenstoßes  Rußlands  mie  Deueschland,  Osterreich-Ungarn
  und  Rumänien  oder  mit  Osterreich-Ungarn  und  Rumänien,
ebenso  im  Falle  eines  bewaffneten  Zusammenstoßes  mie  der  Türkel  —
ungeachtee  dessen,  wer  die  Initiatcive  zu  dlesen  Zusammenstößen
  ergriffen  haben  sollee  —  verpflichtet  sich  Bulgarien,
  auf  Verlangen  seine  gesamten  Gtreitkräfee  sofort  zu  mobilisieren,
kriegerische  Aktionen  nach  vorher  ausgearbeiteken  Plänen  soforc  einzuleiten
  und  sie  niche  vor  der  vollständigen  Erreschung  der  durch  die  uncen
bezeichneten  Pläne  vorgezelchneten  Ziele  elnzustellen,  in  jedem  Fall  aber
nicht  eher,  als  bis  die  russische  Regierung  ihre  Zustimmung  dazu  gegeben
  hat.“

Der  Arcikel  II  lautet:  „Wenn  Österreich-Ungarn  mit  einer  anderren
  Macht  Bulgarien  angreifen  sollte,  ohne  dazu  herausgefordert
  worden  zu  sein,  so  verpflichtet  sich  Rußland,  Bulgarien  aktiven
  Beistand  zu  leisten.“

Und  im  Areikel  111  wurde  Bulgarien  russische  Hilfe  für  den  Fall  eines
unprovozlerten  Angriffs  der  Türkei  versprochen.  S.  Boghitschewitsch,
  Kriegsursachen,  Anlage  I.  S.  115.  Hier  ist  dieser  Vertrag  meines
Wissens  zum  erstenmal  veröffeneliche.  Radoslawow  hat  ühn  in  seinem
Buch  „Bulgarien  im  Welkkrieg“  auf  S.  39  abgedruckt,  ihn  aber  irreömlich
  in  das  Jahr  rgog  verlegt,  in  dem  im  Mal  eine  andere  bulgarlschserbische
  Milicärkonvention  rein  defensiven  Charakeers  abgeschlossen  war,
die  Herrn  Iswolski  nach  der  bosnischen  Krise  nicht  mehr  genügte.  Sie
ist  im  Anhang  des  Bandes  „Iswolski  und  der  Welkkrieg“  von  Friedrich
  Seieve  abgedruckt  worden,  G.  277.

 

318
        <pb n="329" />
        der  Balkanhalbinsel,  die  dem  Herzen  Rußlands  so  nahe
stehen,  nur  nach  einem  günstigen  Ausgang  des
Kampfes  Rußlands  mit  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn
  möglich  ist,  übernimmk  Bulgarien  die
seierliche  Verpflichkung,  sowohl  in  diesem  Falle,  als  auch
im  Falle  des  Beitrikts  Rumäniens  oder  der  Türkei  zu  der
Koalition  der  oben  genannken  Ul#ächte  die  größten  Anstrengungen
  zu  machen,  um  jegliche  Anlässe  zu  einer  weiteren
  Ausdehnung  des  Konfliktes  zu  beseitigen.  Was
dagegen  die  in  Bundes=  oder  freundschafklichen  Beziehungen
  zu  Rußland  stehenden  Mächte  berrifft,  so  wird
die  bulgarische  Regierung  diesen  gegenüber  eine  enksprecchende
  freundschaftliche  Haltung  einnehmen.“!1

Hier  besitzen  wir  also  ein  urkundliches  Zeugnis  dafür,
daß  Rußland  schon  im  Jahre  rg09  die  Erreichung  der
Ziele,  die  ihm  am  meisten  am  Herzen  lagen,  nur  durch
einen  Krieg  gegen  Deutschland  und  Osterreich  zu  erreichen
  hoffte.  Die  durch  das  Streben  nach  diesen  Zielen
bestimmte  Polikik  aber  hak  Iswolski  nach  dem  unglücklichen
  Ausgang  des  russisch-japanischen  Krieges,  sobald  er
Minister  des  Außeren  geworden  war,  wieder  aufgenommen.
  Seine  Politkik  sowohl  als  die  seiner  Nachfolger  war
also  auf  Ziele  gerichkek,  die  mach  dem  eigenen  Eingeständnis
  der  rusfsischen  Regierung  nur  durch  einen  Krieg  erreichk
  werden  konnten.

1)  Wie  schlecht  das  Gewissen  Rußlands  beim  Abschluß  dieses  Verctrages
  war,  geht  aus  den  Artikeln  XV  und  XVI  hervor,  von  denen  der
erste  bestimmte,  daß  er  streng  geheim  zu  halten  sel,  und  der  zweite  die
Vertragschließenden  verpflichtete,  die  Originalexemplare  zu  vernichh(en,
  wenn  er  gekündige  werden  sollte.  Das  ist  auch  der  Grund  dafür,

warum  die  Sowjetregierung  nur  noch  den  Entwurf  des  Vercrages  vorgefunden
  hat.

 

319
        <pb n="330" />
        Daß  auch  das  Ziel  der  Wiedervereinigung  von  Elsaß=Lokhringen
  mit  Frankreich,  das  kein  französischer  Staaksmann
  seik  dem  Frankfurker  Frieden  jemals  aus  den
Augen  verloren  hatk,  nur  durch  einen  Krieg  zu  erreichen
war,  wußte  man  in  Frankreich  ganz  genau.  Und  das  rufsilch-französische
  Bündnis  ist  zu  keinem  anderen  Zweck  geschlossen
  worden  als  zur  Erreichung  dieses  Zieles.

Ich  habe  ja  in  den  vorigen  Kapikeln  schon  nachgewiesen,
  daß  alle  Annäherungsversuche  Deutschlands  lediglich
  deshalb  scheiterken,  weil  es  keinen  französischen  Staaksmann
  gab,  der  auf  dieses  Ziel  verzichken  wollke.  Auch
Caillaux  wollte  es  nicht,  aber  er  war  vielleicht  der  einzige
Ministerpräsident,  der  nicht  entschlossen  war,  unker  allen
Umständen  in  einem  zwischen  Deutschland  und  Rußland
entstandenen  Konflikt  an  Rußlands  Seite  einzugreifen.
Herr  Poincaré  hak  vom  ersten  Tage  seiner  Ministerpräsidenkschaft
  ab  diesen  festen  Enkschluß  gehabk  und  ist
deshalb  von  Iswolski  als  sein  Bundesgenosse  bekrachkek
  worden.  Der  russische  Bokschafter  stimmt  sofork  nach
dem  am  14.  Jannar  1912  erfolgken  Amtsankrikl  des
Lokhringers,  der  ihn  am  Tage  nach  seiner  Ernennung
zum  Ministerpräsidenken  besucht  und  versprochen  hakke,
die  Außenpolitik  Frankreichs  in  vollstem  Einvernehmen
mit  Rußland  zu  führen,  1  einen  Lobeshymmnus  auf  ihn  an?
und  weiß  ihn  schon  fünf  JMonake  nach  der  Bildung  des
„großen  Meinisteriums“  zu  einem  Schrikt  zu  bewegen,

 

1)  Der  diplomatische  Schriftwechsel  Iswolskis  1911—1914.  Im
Auftrage  des  Auswärtigen  Amtes  in  deutscher  Übersetzung  herausgegeben
  von  Friedrich  Stieve  (in  folgendem  „Iswolsk!“  zitiert),  Bd.  II,
GS.  35,  Nr.  186.

2)  Iswolaki  Bd.  1I,  Nr.  187  vom  16.  Januar  1912.

320
        <pb n="331" />
        der  bewies,  daß  er  in  dem  französischen  Ministerpräsiden-=ten
  einen  Verbündeken  seiner  Kriegspläne  gefunden  hakke.
Am  8.  Mai  #912  nämlich  ließ  Poincaré  durch  ein  kategorisches
  Telegramm  seines  politischen  Direklors  Paléologue
  den  französischen  Botslchafker  in  Pekersburg,  Herrn
Georges  Louis,  auffordern,  seine  Versetzung  an  einen
anderen  Posten  zu  verlangen.!  Durch  die  Veröffenklichung
  des  Tagebuchs  des  im  Jahre  1917  verstorbenen
  Herrn  Louis  und  durch  die  von  Judek  in  seinem
Buch  „Georges  Louis“  unkernommene  Ehrenrekkung  des
verstorbenen  Freundes  ist  jetzt  bewiesen,  was  Fernand
Goukktenoire  de  Toury  in  seiner  bereiks  1920  erschienenen
Schrift  Poincaré  at-il  voulu  la  guerre##  behaupkek  hat,
daß  nämlich  Poincaré  während  der  Jahre  1912,  1913
und  1914  der  IJNUann  der  Politik  Iswolskis  und  der
Gegner  der  Politik  des  Herrn  Georges  Louis  gewesen
ist,  und  daß  die  Tätigkeik  des  Herrn  Louis  in  Pekersburg
darauf  gerichkek  war,  zu  verhindern,  daß  Frankreich  zum
Werkzeug  der  ehrgeizigen,  nur  durch  einen  Krieg  zu  verwirklichenden
  Pläne  der  russischen  Panflawisten  gemacht
würde,  während  Poincarés  Politik  gerade  dadurch,  daß
sie  Frankreichs  ganze  Machk  rückhaltlos  in  den  Dienst
dieser  kriegerischen  Pläne  stellte,  sein  eigenes  Ziel,  nämlich
  die  Zurückgewinnung  von  Elsaß-Lothringen,  zu  er-1)

  Judet,  „Georges  Louis“  S.  28.  Paléologue  schreibt  in  diesem
Telegramm:  Der  Ministerpräsident  sei  zu  seinem  größten  Bedauern
davon  unterrichtet  worden,  daß  die  russische  Regierung  Erankreich  durch
einen  Botschafter  vertreten  zu  sehen  wünschte,  der  mehr  Aktivität  in
seiner  policischen  Tätigkeie  und  seinen  gesellschaftlichen  Beziehungen  enkfalte,
  und  fährt  dann  fort:  M.  Poincaré  invoque  donc  votre  patriotisme

  pour  mettre  votre  Ambassade  A  sa  disposition,  en  se  réservant
de  vous  chercher  le  plus  töt  possible  un  autre  poste.

Kronprinz  Wilhelm,  Ich  süche  d.  W.  21

 

321
        <pb n="332" />
        reichen  hoffte.  Herr  Georges  Louis  war  sich  bewußt,  daß
die  panslawistische  Politik  der  russischen  Großfürsten  und
der  Militärs,  die  Sasonow,  obgleich  er  für  sie  bereiks  gewonnen
  war,  nur  sehr  vorsichkig  in  die  Tak  überführen
wollte,  die  aber  in  Jswolski  einen  vorwärks  drängenden
Vorkämpfer  gesunden  hakke,  die  größken  Gefahren  für
den  europäischen  Frieden  in  sich  barg.  Er  gehörte  aber
wie  Caillanx  zu  den  Franzosen,  die  solche  Gefahren  nicht
heraufbeschwören  wollken.  Lediglich  aus  diesem  Grunde
mußte  er  beseitigt  werden.

Die  Ausführung  dieser  Absicht  mißlang  damals,  weil
Herr  Louis  sich  zur  Wehr  setzke,  und  sowohl  der  ruffische
Minister  des  Außeren,  Herr  Sasonow,  als  der  Ministerpräsidenk
  Kokowzow  Herrn  Iswolski  desavonierken.
Ihnen  schien  im  Frühjahr  1912  der  Angenblick  noch  nich#
gekommen  zu  sein,  um  eine  so  großes  Aufsehen  erregende
Maßnahme  zu  kreffen,  wie  die  Abberufung  eines  Bokschafkers,
  der  in  der  diplomakischen  Welk  als  ein  Gegner
der  zum  Kriege  kreibenden  Politik  der  Panflawisten  bekannt
  war.  Obwohl  Sasonow  schon  im  April  1912  Herrn
Iswolski  gedrahrlek  hatke,  daß  er  mit  Herrn  Louis  unzufrieden
  sei,n  erklärte  der  russische  Ministerpräsident,  als
Herr  Louis,  den  Stier  bei  den  Hörnern  packend,  ihn  fragte,
ob  es  wahr  sei,  daß  die  russische  Regierung  in  Paris  seine
Abberufung  verlangt  habe,  man  hätte  gelogen,  wenn
man  das  behauptet  hätte.?  Darauf  fuhr  Herr  Louis
nach  Paris  und  zerriß  für  dieses  Mal  die  zwischen  Poincaré,
  Iswolski  und  Sasonow  gegen  ihn  geschmiedete  In—

 

1)  Iswolski  Bd.  II,  S.  85,  Nr.  254.
2)  Judek,  „Georges  Louis“  S.  42  in  einem  Telegramm  Louis’  an
Poincaré.

322
        <pb n="333" />
        krige.  Ein  Jahr  später  erst  setzte  Poincaré  seine  Abberufung
  dennoch  durch  und  machte  den  Schöpfer  der  ventente
cordialec,  Delcassé,  zum  Botschafter  in  Petersburg.  Es
war  seine  erste  außenpolitische  Tat  nach  seiner  Wahl  zum
Präsidenten  der  Republik.

In  der  Darstellung,  die  Poincaré  selbst  von  diesen  Ereignissen
  gab,  als  er  noch  nicht  fürchkeke,  daß  die  Korrespondenz
  Iswolskis  und  der  Rachlaß  von  Georges  Louis
einmal  veröffentlicht  werden  könnken,  führk  er  die  Abberufung
  von  Georges  Louis  darauf  zurück,  daß  die  freundschaftlichen
  Beziehungen  zwischen  den  beiden  Verbündeken
  sich  durch  die  Schuld  des  französischen  Bokschafkers
getrübt  häkken.  Er  verschweigt  aber,  daß  Herr  Louis  in
Pekersburg  deshalb  mißliebig  geworden  war,  weil  er
Frankreich  nicht  in  das  Schlepptau  einer  zum  Kriege  kreibenden
  panfslawistischen  Politik  nehmen  lassen  wollte,  und
daß  er  sich  gerade  aus  diesem  Grunde  auch  bei  ihm  selbst
unbeliebk  gemacht  hatte.

Georges  Louis  hak  nach  dem  Ausbruch  des  Krieges  rückblickend
  in  einem  Gespräch,  das  er  am  1.  November  1914
mit  Jules  Cambon,  dem  ehemaligen  Botschafker  in  Berlin
  hakke,  als  der  ihn  fragke,  ob  der  Krieg  häkke  vermieden
  werden  können,  geantworkek:  „Nicht  mehr  Ende  Juli.
Aber  wir  würden  ihn  vermieden  haben,  wenn  unsere
Regierung  im  Jahre  1912  in  anderen  Händengewesen
  wäre.  Um  Präsidenk  der  Republik  zu  werden,  hat
Poincaré,  indem  er  seine  Reise  nach  Pekersburg  ausbenleke
  und  sich  mit  Hilfe  von  geheimen  Fonds  der  Presse  bemächtigke,
  sich  zum  Werkzeug  Iswolskis  machen  lassen.“!

1)  Siehe  die  Zeitschrift  „Europe“  vom  15.  November  1924,  in  der
Auszüge  aus  Louis  Tagebuch  veröffenelicht  worden  sind,  S.  278.

 

323
        <pb n="334" />
        Und  am  14.  Januar  1915  zeichneke  Herr  Louis  in  sein
Tagebuch  folgendes  Gespräch  mit  Herrn  Pichon,  dem
früheren  Minister  des  Außeren,  ein:  „Skephan  Pichon:
„Ach,  wenn  man  Sie  als  Bofkschafter  in  Pekersburg  gelassen
  hätke,  und  wenn  ich  im  Auswärkigen  Amk  geblieben
  wäre,  hälten  wir  den  Krieg  nichk  gehabt.“  Georges
Louis:  „Gewiß,  wenn  Sie  am  Quai  d'Orsay  und  Fallires
  im  Elisée  gewesen  wären,  wäre  der  Krieg  nichk  ausgebrochen.
  Ich  habe  das  viele  JIU#ale  meinen  Freunden
gesagk."  Pichon:,Dukasta,  der  vor  vierzehn  Tagen  in
Pekersburg  war,  hak  auch  zu  Sasonow  gesagk:  Wenn
Fallicres  und  Pichon  im  Amke  geblieben  wären,  wäre
der  Krieg  vermieden  worden.  Und  Sasonow  hat  geankworkek:
  In  der  Tat,  vielleichk.“  1  Gegen  die  Richtigkeie
dieser  Aufzeichnungen  haben  Poincaré,  Jules  Cambon
und  Pichon  sehr  nichkssagende  Ableugnungen  veröffenklicht,
  denen  niemand  Glauben  geschenkk  hak.  Die  Herren
ZBourgeois  und  Pagss  aber  gehen  in  ihrer  Anklageschrift
über  diese  Inkrige  gegen  Georges  Louis  mit  Stillschweigen
  hinweg.  Wenn  ihnen  auch  die  Tagebücher  des  französischen
  Bokschafkers  in  Pekersburg  noch  nicht  bekanns
waren,  als  sie  ihr  Buch  verfaßken,  so  kannken  sie  doch
die  oben  erwähnke  Schrift  von  Goukkenoire  de  Toury
und  härken  sie  enkkräften  müssen,  wenn  sie  es  gekonnt
härten.

Die  Beseikigung  des  Herrn  Louis  war  —  dos  ist  jetzt
unwiderleglich  erwiesen  —  der  erste  Schrikk  auf  dem  verhängnisvollen
  Wege,  den  die  beiden  Verbündeken  Iswolski
  und  Poincaré  beschrikten  haben,  um  die  Ziele  ihrer

 

1)  Siehe  die  Zeitschrife  „Europe“  vom  15.  November  1924,  S.  279.

324
        <pb n="335" />
        Politik  zu  erreichen.  Und  sie  wußten,  daß  dieser  Weg
zum  Kriege  führte.

Diesem  Schritt,  den  der  französische  Präsident  der  Republik
  und  der  russische  Botschafter,  hinter  den  Kulissen
von  Sasonow  unterstützk,  auf  dem  Wege  zu  ihren  Zielen
kaken,  war  ein  anderer  vorangegangen,  der  mik  ihm  im
Zusammenhang  stand,  aber  der  russischen  Polirik
allein  zur  Last  fällt:  Die  Begründung  des  Balkanbundes.
  Sie  war  dadurch  veranlaßk  worden,  daß
der  Krieg  um  Tripolis  das  morsche  Gebäude  des  kürkischen
  Staakes  in  seinen  Grundfesten  zu  erschükkern  schien.
Rußland  glaubte  deshalb  den  Augenblick  gekommen,
durch  den  Zusammenschluß  der  Balkanvölker  die  Türken
aus  Europa  verkreiben  und  das  Ziel  seiner  Jahrhunderte
alken  Sehnsuchk  erreichen,  die  Dardanellen  in  eine  rufsische
  Meeresstraße  verwandeln  zu  können.  Der  Artikel  V
der  oben  mitgekeilken  russisch-bulgarischen  Milikärkonvention
  ist  nichk  der  einzige  Beweis  dafür,  daß  die  russtschen
  Skaaksmänner  sich  bewußk  waren,  ihre  Ziele  nur
durch  die  Zerkrümmerung  der  österreichisch-ungarischen
Monarchie  erreichen  zu  können.  Im  engen  Zusammenhang
  mit  dem  berechtigken  Streben  nach  dem  freien  Ausgang
  ins  Mikkelmeer  stand  die  Verwirklichung  der  pan-[lawistischen
  Gedanken,  deren  einflußreichste  Träger  am
Zarenhofe  die  mik  den  Töchkern  des  Königs  von  Monkenegro
  verheirakeken  Großfürsten  waren.  Die  Schöpfung
des  großferbischen  Skaakes,  wie  er  schließlich  aus  dem
Welkkriege  hervorgegangen  ist,  war  das  wichkigste,  aber
auch  das  für  den  Frieden  Europas  gefährlichste  Ideal
der  panslawistischen  Bewegung.  Schon  während  der  bosnischen
  Krise  hakte  Jswolski  als  Minister  des  Außeren

325
        <pb n="336" />
        den  festen  Entschluß  gefaßt,  wenn  es  sein  müßte,  über  die
Trümmer  der  Donaumonarchie  zur  Verwirklichung  dieses
  Ideals  zu  schreiken.  Am  10.  Miärz  19og  berichtet  der
lerbische  Gesandte  in  Pekersburg,  Iswolski  habe  ihm  gesagk,
  Serbien  werde  so  lange  zu  einem  kärglichen  Leben
verurkeilk  sein,  bis  der  JI#h##menk  des  Verfalls  Osterreich-Ungarns
  eingekreken  sein  werde.  Die  Annexion  habe  diesen
  Moment  näher  herangerückk,  und  wenn  er  einkreke,
werde  Rußland  die  serbische  Frage  aufrollen  und  lösen.
Der  Kampf  mik  dem  Germanenkum  sei  unabweisbar.1
Und  Gukschkow,  der  Führer  der  Kadekklenparkei  in  der
Duma,  spendeke  dem  serbischen  Gesandken  ähnlichen  Trost,
indem  er  ihm  sagke,  wenn  Rußlands  Rüstung  erst  einmal
vollkommen  ausgeführk  sei,  werde  es  sich  mit  Osterreich=Ungarn
  auseinandersetzen."  Ganz  ähnliche  Verkröstungen
  meldeken  die  serbischen  Gesandken  in  Paris  und  London
  nach  Belgrad  in  Berichken  über  Gespräche,  die  sie
mit  Iswolski  bei  dessen  Besuch  in  den  Hauptstädten  der
Westmächke  hakken.  Ja,  sogar  der  Zar  selbst  sagke  dem

1)  Deutsches  Weißbuch  von  1919,  Unteranlage  9  zu  Anlage  VI.  Die
serbischen  Urkunden  des  Weißbuchs  sind  während  des  Krieges  in  unsere
Hände  gefallen  wie  die  belgischen.  Es  ist  ein  Zeichen  des  schlechten  Gewissens
  der  Staatsmänner  der  Entente,  daß  dieses  Weißbuch  bis  vor
ganz  kurzer  Zeit  der  Offentlichkeit  vorenthalten  worden  ist.  Erst  in  diesem
  Jahr,  im  April  1925,  ist  es  von  R.  Menne##  dem  Herausgeber
der  „Politischen  Dokumenke“,  in  französischer  Übersetzung  veröffentlicht
worden.  Das  in  Deueschland  allgemein  bekanntee  Material  dieser  ersten
Widerlegung  der  Schuldlüge  wirkte  in  Frankreich  sechs  Jahre  nach
seiner  Publikation  wie  eine  Enthüllung.  Unter  dem  Titel:  „Une
Révélation=  kündigte  Victor  Margqueritte  in  der  „Ere  nouvelles  vom
5.  April  1928  seine  endlich  erfolgte  Veröffentlichung  an.

)  Ebenda  Unteranlage  8.

3)  Siehe  die  Unkerredung  von  Vesniesch  in  Paris  und  Gruiesch  in

 

326
        <pb n="337" />
        Vorsitzenden  der  Duma,  Chomjakow,  am  14.  März,  er
habe  die  Empfindung,  daß  der  Zusammenstoß  mit  dem
Germanentum  unvermeidlich  sei  und  daß  man  sich  darauf
  vorbereiken  müsse.:  Eine  Vorbereikung  für  diesen
Kampf  und  nichks  anderes  war  die  Begründung  des
Balkanbundes,  dessen  Fundamenk  mik  dem  Abschluß  des
lerbisch-bulgarischen  Verkrages  vom  13.  März  1912  gelegk
  wurde.  Poincaré  hak  zwar  wvon  diesem  Verkrage
erst  nach  seinem  Abschluß  ekwas  erfahren,  aber  er  konnte
aus  den  Berichken  des  Herrn  Louis,  der  nichk  müde
wurde,  die  große  Gefahr  zu  schildern,  die  nach  seinen
Informationen  aus  panflawistischen  Kreisen  über  dem
Frieden  Europas  schwebke,  enknehmen,  daß  Rußland  die
durch  den  kürkisch-ikalienischen  Krieg  bewirkte  Erschütkerung
  des  osmanischen  Reiches  zu  einem  änußerst  gefährlichen
  Vorgehen  benutzen  würde."  Als  er  bei  seinem  Besuch
  in  Pekersburg  im  August  1912  den  Wortlauk  des
Verkrages  kennen  lernke,  begriff  er  sogleich,  wie  große  Ge- 



London  mie  Iswolski  vom  5.  und  17.  Oktober  1908.  Ebendaselbst  Unceranlage
  1  und  4.

1)  Ebenda  Unceronlage  10:  Bericht  des  serbischen  Gesandken  in  Petersburg
  vom  19.  März  1900.

)  Siehe  Judek,  „Georges  Louis“  Kap.V:  L  politique  de  Georges
Louis  S.  131  u.  ff.  Seit  dem  Januar  1912  lenkt  Georges  Louis  die  Aufmerksamkeit
  seines  Chefs  immer  wieder  auf  die  von  Iswolski  in  Szene
gesetzte  rufsisch-italienische  Poliük,  und  am  14.  Februar,  einen  Mona#
vor  dem  Abschluß  des  serbisch-bulgarischen  Vertrages,  übermickelt  er  einen
Fragebogen  Sasonows  nach  Paris,  der  den  Zweck  hatte,  ein  gemeinsames
  Vorgehen  Rußlands  und  Frankreichs  für  folgende  drei  Fälle
vorzubereiten:  1.  für  den  Fall  einer  Reglerungskrise  in  der  Türkei,
3.  für  den  Fall  eines  aktiven  Eingreifens  Osterreichs  im  Sandschak  und
in  Albanien,  3.  für  den  Fall  eines  bewaffneten  Konflikts  zwischen  der
Türkei  und  einem  Balkanstaat.  A.  a.  O.  S.  174.

327
        <pb n="338" />
        fahren  er  in  sich  barg.  Kann  es  ein  klassischeres  Zeugnis
dafür  geben,  daß  Rußland  und  nichk  Osterreich  oder  gar
Deutschland  der  Staak  war,  der  schon  1912  den  Frieden
Europas  gefährdete,  als  den  Berichk,  den  Poincaré  über
seine  Unkerredung  mit  Sasonow  damals  nach  Paris
sandke?  Er,  der  in  der  Rede,  mik  der  er  am  19.  Jannar
1979  den  Friedenskongreß  in  Versailles  eröffneke,  die
Mitkelmächke  seierlich  beschuldigke,  den  Krieg  seit  Jahrzehnken
  vorbereilek  und  vorbedachk  enkfesselt  zu  haben,
muß  in  diesem  Berichk  das  folgende  Eingeständnis  machen:
„Der  Verkrag  enkhälk  im  Keime  nichk  nur  einen  Krieg
gegen  die  Türkei,  sondern  auch  einen  gegen
Osterreich.  Er  errichkel  außerdem  eine  Hegemonie  Rußlands
  über  die  beiden  slawischen  Königreiche,  da  Rußland
zum  Schiedsrichker  in  allen  Fragen  bestimmk  ist.  Ich  bemerkle
  Sasonow,  diese  Vereinbarung  enkspräche  in  keiner
Weise  den  mir  darüber  gegebenen  Aufklärungen,  sie  sei
geradezu  ein  Kriegsverkrag  und  enkhülle  nichk  nur
Hinkergedankern  bei  den  Serben  und  Bulgaren,
sondern  man  müsse  auch  befürchken,  daß  Rußland  ihre
Hoffnungen  zu  ermuligen  scheine,  und  daß  die  mögliche
Teilung  einen  Anreiz  für  ihre  Begehrlichkeiten  bilde.“1

Poincaré  fühlkewohl,  daß  dieses  Eingeständnis  mik  den
Anklagen  der  Noke  vom  16.  Juni  1979  unwereinbar  sei,
daß  es  für  die  Anhäufung  des  Zündstoffes  in  Europa
Rußland  zum  mindesten  zum  Mikschuldigen  der
Mikttelmächte  machke,  und  hak  deshalb  in  seinem  Buch
behaupkek,  Osterreich  und  Deukschland  hätten  zu  Unrechk
erklärk,  daß  Rußland  diese  Verkräge  inspirierk  habe;  sie

 

1)  Siehe  Poincaré--  Les  origines  de  la  guerre.  G.  196.

328
        <pb n="339" />
        seien  in  Petersburg  erst  nach  ihrem  Abschluß  durch  Herrn
Danew,  den  bulgarischen  Ministerpräsidenken,  und  durch
den  russischen  Gesandken  in  Sofia  mikgekeilt  und  auch
Frankreich  viel  später  zur  Kennknis  gebrachk  worden.
Nunmn  ist  aber,  nachdem  Herr  Poincaré  diese  Behaupkung
ausgestellt  hakke,  durch  die  Rußland  enklastet  und  Deutschland
  und  Osterreich  der  Geschichtsfälschung  bezichtigk  werden
  sollken,  damik  die  Schuldlüge  in  ihrem  ganzen  Umfang
aufrechkerhalken  werden  könnke,  die  Noke  bekannk  geworden,
  durch  die  Herr  Sasonow  dem  französischen  Ministerpräsidenken
  von  dem  Abschluß  der  Verkräge  Mit.
leilung  machen  ließ.  Der  Wortlauk  dieser  Noke  beweist
unwiderleglich,  daß  Poincaré  diese  für  Rußland  und
für  Frankreich  enklastende  Behaupkung  wider  besseres
  Wissen  aufgestellk  hat.  Sasonow  kelegraphierke
am  zo.  März  1912  an  Jswolski:  „Zwischen  Serbien  und
Bulgarien  ist  mit  unserem  Willen  ein  Bündnis  abgeschlossen
  worden  zu  gegenseikiger  Verkeidigung  und  zum
Schutze  gemeinsamer  Inkeressen  für  den  Fall  der  Veränderung
  des  status  quco  auf  dem  Balkan  oder  des  Angriffs
  einer  drikken  Machk  auf  eine  der  verkragschließenden
  Parkeien.  Ich  bitte  Sie,  einen  Ihrer  Ansicht  nach  richkigen
  Zeilpunkt  zu  benutzen,  um  Poincaré  Obiges  mündlich
  zu  seiner  persönlichen  Information  mitzukeilen,  indem
Sie  ihn  auf  die  allerernsteste  Weise  darauf  aufmerksam
machen,  daß  der  Abschluß  des  Bündnisses  unbedingk  geheimgehalken
  werden  muß.“1

Schon  wenige  Tage  späker  hielt  Iswolski  „den  richligen
  Zeilpunkt  für  gekommen“,  um  Poincaré  diese  Mit= 



1)  Iswoleki  Bd.  II.  S.  76,  Nr.  243.

329
        <pb n="340" />
        teilung  zu  machen,  denn  wir  erfahren  aus  einem  Telegramm
  Sasonows  vom  6.  April  1912,  daß  Poincaré  die
ihm  von  Iswolski  gemachte  Mitteilung  über  den  serbischbulgarischen
  Geheimvertrag  durch  ein  Chiffretelegramm
Herrn  Louis  zur  Information  nach  Petersburg  weitergegeben
  hak.1  Herr  Poincaré  wußke  also  schon  vierzehn
  Tage  nach  ihrem  Abschluß,  daß  die  Verkräge,
durch  die  der  Balkanbund  begründek  wurde,  nicht  nur
mit  Rußlands  Wissen,  sondern  mit  Rußlands  Willen
abgeschlossen  waren.  Wenn  er  in  seinem  Buche  trotzdem
das  Gegenkeil  behaupkek,  wenn  er  den  Glauben  erwecken
will,  daß  Rußland  selbst  durch  Bulgarien  und  Serbien
vor  eine  vollendete  Taksache  gestellt  worden  sei,  so  sagk  er
eine  bewußke  Unwahrheik,  um  die  Schuldlüge  aufrechkerhalken
  zu  können,  und  lieferk  denen,  die  die  Wahrheit
suchen,  damit  wider  Willen  ein  sehr  werkvolles  Beweismakerial
  zu  deren  Enkkräflung.  Es  ist  dabei  ganz  besonders
  belastend,  daß  der  französische  MMinister  des  Außeren,
der  aus  seinen  eigenen  Akten  und  seiner  Erinnerung  wissenmußte,
  daß  der  serbisch-bulgarische  Verkrag  unker  dem
Prokekkorak  Rußlands  zustande  gekommen  war,  sich  zum
Beweise  des  Gegenkeils  auf  das  im  Jahre  1915  erschienene
  Buch  Geschows,  des  bulgarischen  Ministerpräsi-1)

  Iswolski  Bd.  II,  S.  9,  Nr.  248.  Es  ist  bezeichnend  für  die  große
Angst  Rußlands  vor  dem  Bekanntwwerden  dieses  so  ernste  Gefahren  in
sich  bergenden  Verkrages,  daß  Sasonow  in  diesem  Telegramm  seiner
Enérüstung  über  die  Weicermeldung  dieser  nur  für  ihn  perfönlich  bestimmten
  Mitteilung  Luft  macht.  „Belieben  Sie,“  so  drahtet  er  an  Iswoleki,
  „die  Aufmerksamkeit  Poincarés  darauf  zu  richten,  daß  ein  derartiges
  Verhalken  zu  einem  erstgradigen  inkernationalen  Geheimnis  ernste
Befürchtungen  für  die  Möglichkeit  der  ferneren  Bewahcrung  dieses  Geheimnisses
  erweckt.“

 

330
        <pb n="341" />
        denten,  v»L'alliance  balcaniques  beruft,  das  nichts  anderes
als  eine  nunmehr  durch  die  Akten  widerlegbare  Streit—-schrift
  ist.

Wer  trotz  der  Worte  „mit  unserem  Willen“  in  der
oben  zikierken  Depesche  noch  bezweifeln  sollte,  daß  Rußland
  die  Begründung  des  Balkanbundes  herbeigeführt
hat,  den  muß  das  Telegramm  des  russischen  Botschafters
in  Wien  vom  38.  Okkober  1911  an  Sasonow  bekehren,
in  dem  es  wörklich  heiße:  „Geschow  sagke  mir,  daß  unsere
(also  die  russischen)  Gesandken  in  Sosia  und  Belgrad
energisch  auf  dem  Abschluß  eines  Bündnisses
zwischen  Bulgarien  und  Serbien  unker  dem
Prokektorak  Rußlands  bestehen.“!  Dieses  geradezu
  erdrückende  Beweismakerial  verhinderk  die  Herren
  Bourgeois  und  Pages  nichk,  auf  die  Aukorikät  Poincarés
  gestützk,  ihrer  Anklageschrift  den  solgenden  Satz
einzuverleiben:  „Es  ist  also  sicher,  daß  Frankreich  vor  dem
Monat  August  1912  nichks  von  dem  seit  mehreren  Monaten
  unterzeichneken  Verkrage  zwischen  den  Balkanstaaten
  wußte,  ja,  daß  zu  dieser  Zeit  Rußland  selbst  die
zwischen  Griechenland  einerseiks  und  Bulgarien  und
Serbien  andererseits  gekroffenen  Vereinbarungen  nicht
kannte,  und  daß  auf  die  von  England  und  Frankreich
von  neuem  unkernommenen  Schrikke,  hinker  das  Geheimnis
  und  die  Tragweike  dieser  Verkräge  zu  kommen,  Sasonow
  noch  im  Okkober  seine  vollkommene  Unkennknis
der  aggresstwen  Absichken  der  gegen  die  Türkei  verbündelen
  Balkanstaaken  erklären  konnke.“

Daran  knüpfk  die  Anklageschrift  die  nunmehr  wie

1)  Siebert  a.  a.  O.  S.  152.  Damik  wird  die  posthume  Darstellung
Geschows  durch  seine  eigenen  Worte  widerlegé.

 

331
        <pb n="342" />
        eine  erstaunliche  Frechheit  erscheinende  Frage:  „Wo  ist
denn  nun  in  den  Urkunden  der  Beweis  für  das  große
Komplott  zu  finden,  das  unter  Mitwissen  Frankreichs
und  Englands  und  mik  den  Balkanvölkern  als  Helfern
geschmiedek  sein  soll?"  Und  sie  stellt  zum  Schluß  dieser
der  Wahrheir  ins  Gesichk  schlagenden  Ausführungen  die
erweislich  falsche  Behauplung  auf,  daß  die  Regierung
des  Zaren,  ohne  vorher  unkerrichkek  worden  zu
sein,  in  eine  Unkernehmung  verstrickt  worden  sei,  zu  der
sich  die  Balkanwölker  gegen  Osterreich  zusammengeschlossen
  hakken.:  Das  ist  umso  unentschuldbarer,  als  auch  bevor
  dieses  Akkenmakerial  bekannk  wurde,  nur  sehr  körichte
Menschen  geglaubt  haben  können,  daß  Rußland  durch
die  Gründung  des  Balkanbundes  überrascht  worden  sei.
Denn  der  serbisch-bulgarische  Berkrag  enkhäll,  wie  Poincaré
  in  seinem  oben  zitierken  Berichk  felbst  hervorhebt,
eine  Bestimmung,  durch  die  Rußland  das  Schiedsrichkeramk
  in  allen  aus  dem  Verkrag  ekwa  enkstehenden  Streitigkeiken
  überkragen  wird,  und  es  erscheink  undenkbar,
daß  zwei  Meächte,  die  ein  Bündnis  miteinander  schließen,
eine  drikte  Machk  zum  Schiedsrichter  bestimmen,  ohne  sich
vorher  vergewisserk  zu  haben,  ob  diese  das  Schiedsrichkeramk
  auch  annimmt.

Die  von  Poincaré  beabsichrigke  Enklastung  Rußlands
ist  also  vollkommen  mißlungen.  Es  ist  durch  den  französischen
  Ministerpräsidenken  selbst  festgestellt  worden,  daß
ein  von  Rußland  herbeigeführker  Verkrag  den  Keim  eines
Krieges  nicht  nur  gegen  die  Türkei,  sondern  auch  gegen
Osterreich  in  sich  krug,  daß  also  mit  der  Gründung  des

 

1)  A.  a.  O.  G.  353.

332
        <pb n="343" />
        Balkanbundes  ein  Schritt  auf  dem  Wege  gemacht  worden
  ist,  der  zur  Entflammung  eines  ganz  Europa  bedrohenden
  Feuers  führen  konnte.  Dieses  Urteil  war  vollkommen
  berechtigk,  denn  der  serbisch-bulgarische  Vertrag
gab  zwar  vor,  die  Erhalkung  des  status  quo  auf  dem
Balkan  zu  bezwecken,  war  aber  in  Wirklichkeik  nur  dazu
  bestimmk,  eine  Veränderung  des  status  quo  herbeizuführen,
  insofern  sowohl  die  Verkragschließenden  als  ihr
mächtiger  Prokekkor  ganz  genau  wußken,  daß  enkweder
Serbien  oder  Bulgarien  oder  Griechenland,  oder,  wie
es  nachher  geschah,  IUonkenegro,  die  sich  alle  durch  ähnliche
  Verklräge  wie  die  beiden  erstgenannken  Skaaken  mikeinander
  verbunden  harken,  sich  gerade  durch  das  Bewusßtsein
  der  Stärke,  das  ihnen  ihr  Bündnis  verlieh,  veranlaßk
  sehen  würden,  den  status  quc  auf  dem  Balkan  zu
ändern,  da  ja  die  Verkreibung  der  Türken  und  die  Herstellung
  des  großserbischen  Reiches  seik  Jahrzehnken  ihr
sehnlichster  W#unsch  war.

Herr  Poincaré  war  über  die  Gründung  des  Balkanbundes
  nicht  sowohl  deshalb  erschrocken,  weil  er  ihn  sofort
  als  einen  Kriegsvertrag  erkannte,  sondern  weil
er  es  für  eine  Verletzung  des  russisch-französischen  Bündnisses
  hielt,  daß  diese  Verkräge,  die  für  Frankreich  den
asus  foederis  herbeiführen  konnken,  ohne  sein  Wissen
abgeschlossen  und  ihm  erst,  wenn  auch  schon  vierzehn
Tage  und  nichk,  wie  er  glauben  machen  will,  viele  Monake
  nach  ihrem  Abschluß  als  vollendeke  Taksache  milgekeilk
  worden  waren.  —  Er  hak  sich  von  seinem  Schrecken
sehr  schnell  erholt.  Denn,  als  die  beabsichtigte  und  notwendige
  Folge  der  unker  Rußlands  Schutz  zustande
gekommenen  Verkräge  der  Balkanstaaken  eintrak,  die

333
        <pb n="344" />
        christlichen  Balkanstaaken  am  zo.  Sepkember  mobilisierten,
  am  8.  Oktober  der  König  Nikita  von  Montenegro
der  Türkei  den  Krieg  erklärte  und  die  Verbündeten  sich
ihm  am  17.  und  18.  anschlossen  und  in  unerwartet  schnellem
  Siegeslauf  die  Türken  schlugen,  fürchkeke  Poincaré
so  wenig  den  Eintritt  des  casus  foederis,  daß  er  aus  freien
Stücken,  ohne  dazu  aufgeforderk  zu  sein,  dem  russischen
Botschafter  die  Versicherung  abgab,  daß  Frankreich,
wenn  es  zwischen  Serbien  und  Osterreich  zu  einem  Konflikt
kommen  sollte,  der  nicht  lokalisierk  werden  könne,  seine
Bündnispflichken  erfüllen  würde.  Solche  und
ähnliche  Versicherungen  hak  Poincaré  Herrn  Iswoleki#
im  Laufe  des  November  und  Dezember  zu  verschiedenen
Malen  abgegeben,  obgleich  Rußland  an  ein  aggressives
Vorgehen  Osterreichs  gegen  Serbien  gar  nichk  glaubte.
Diese  Versicherungen  sind  umso  merkwürdiger,  als  es  ja
nach  den  Siegen  der  verbündeten  Balkanstaaten  nicht
Osterreich  war,  das  eine  Anderung  des  status  quc  auf
dem  Balkan  erstrebte,  sondern  die  serbische  Forderung
nach  einem  albanischen  Hafen  an  der  adriakischen  Küste
den  Frieden  bedrohfe.  Weder  Osterreich  noch  Ikalien
wollten  eine  Festsetzung  Serbiens  an  der  Adria  zulassen.

 

1)  Am  4é.  November  1912  machtk  er  aus  eigener  Inikiative  den  Vorschlag
  eines  Zusammenwirkens  zwischen  Rußland,  England  und  Frankreich
  zum  Zweck  der  Verhinderung  jeder  Annexion  kürkischen  Gebiekes
durch  eine  Großmacht  und  antwortet  auf  Iswolskis  Frage,  ob  er
sich  auch  die  Folgen  eines  solchen  Vorschlages  überlege  habe:  er  sel  sich
vollkommen  klar  darüber,  daß  Frankreich  hierbei  in  militärische
  Aktionen  hineingezogen  werden  könne.  JIswoleski
Rd  II,  S.  336.

a)  Siehe  Iswolski  Bd.  1I,  S.  346,  Nr.  560  und  S.  347,  Nr.  569,
S.  376,  Nr.  603.

334
        <pb n="345" />
        Sie  waren  es,  die  den  status  quo  verteidigten,  und
Serbien  wollte  ihn  stören.  Wäre  aus  diesen  Meinungsverschiedenheiken
  ein  bewaffneker  Konflikt  entstanden,  so
wäre  Osterreich  ohne  Zweifel  die  provozierte  Macht  gewesen.
  Und  krotzdem  erklärte  Herr  Poincaré  ganz  spontan
  immer  wieder,  daß  er  zum  bewaffneken  Eingreifen  bereik
  sei.  Ja,  er  versicherke  seine  Bereikwilligkeit  nicht  nur
Rußland,  sondern  er  sagte  auch  dem  italienischen  Botschafter,
  Herrn  Tirkoni,  der  kein  Hehl  daraus  machte,
daß  Italien  sich  Osterreich  gegenüber  verpflichtek  habe,
die  Unwerletzlichkeit  Albaniens  zu  verkeidigen,  daß  Rußland,
  wenn  der  österreichisch-serbische  Konflikt  zu  einem
allgemeinen  Krieg  führen  sollte,  voll  und  ganz  auf  die
bewaffneke  Unkerstützung  Frankreichs  rechnen  könnte.1

Einer  der  schwersten  Vorwürfe,  den  die  Ankläger
Deutschlands  zur  Begründung  der  Schuldlüge  erhoben
haben,  ist  bekannklich  der,  daß  die  deulsche  Regierung  am
5.  Juli  1914  ihrem  Verbündekten  erklärte,  daß  sie,  wenn
der  Konflikt  mit  Serbien  sich  nichk  lokalisieren  ließe,  ihre
Bündnispflichken  erfüllen  würde.  Diese  Erklärung  —  o“
behaupken  sie  —  beweise,  daß  Deutschland  den  Krieg  gewollt
  habe,  denn  sonst  häkte  es  Osterreich  durch  die  Verweigerung
  seiner  Hilfe  von  der  Absendung  des  Ultimakums
  an  Serbien  zurückgehalten.  Das  durch  den  Briefwechsel
  Iswolskis  nunmehr  aufgedeckle  Verhalken  Poincarés
  während  der  serbisch-österreichischen  Krise  im  Winker
  1912  entkzieht  diesem  Vorwurf  und  damit  einer  der
wichkigsten  Stützen  der  Schuldlüge  jede  Berechtigung.
Wir  haben  unserem  Verbündeten,  als  die  Jordkak  von

 

1)  Jewolski  Bd.  II,  S.  350,  Nr.  573.

335
        <pb n="346" />
        Serajewo  die  ungeheure  Gefahr,  mit  der  die  auch  vor
dem  furchtbarsten  Verbrechen  nicht  zurückscheuende  großserbische
  Bewegung  die  Monarchie  in  ihrem  Leben  bedrohte,
  wie  mit  einem  Scheinwerfer  beleuchtete,  freie
Hand  zur  Forderung  einer  ausreichenden  Genugtuung
gelassen,  Frankreich  hak  im  Jahre  1912  seinem  keineswegs
  in  irgendeinem  Lebensinkeresse  bedrohken  Verbündeken,
  ohne  daß  er  es  überhaupk  verlangke,  seine  bewaffneke
  Hilfe  in  einem  Konfliké  versprochen,  der  durch  die
Unkerstützung  der  den  status  quo  bedrohenden  Expansionsgelüste
  eines  den  Frieden  gewohnheiksmäßig  bedrohenden
  Balkanstaakes  auszubrechen  drohke.

Es  war  das  Vorspiel  der  Katastrophe  von  1914,  und
eine  Kakastrophe  wäre  vornehmlich  durch  Frankreichs
Schuld  schon  damals  über  Europa  hereingebrochen,  wenn
Rußland  mit  seinen  Rüstungen  ferkig  und  der  Zweibund
des  Eingreifens  Englands  sicher  gewesen  wäre.  Denn  die
immer  wiederholken  Versicherungen  Frankreichs  hälten
wie  eine  Aufforderung  zu  bewaffnekem  Eingreifen  gewirkk.

Um  wenigstens  für  zukünftige  ähnliche  Fälle  das  Eingreifen
  Englands  an  der  Seile  des  Zweibundes  niche
unmöglich  zu  machen,  hakte  Poincaré  im  Februar  r912
bewirkk,  daß  Lord  Grey  das  von  Bekhmann  Hollweg
als  Bedingung  für  ein  Einvernehmen  über  den  Flokkenbau
  gestellte  Verlangen  nach  einem  Neukralitätsvertrag
  ablehnke,  und  uns  dadurch  die  Durchbrechung  der
Einkreisung  unmöglich  gemachk.  Wir  erfahren  das  aus
einem  Bericht  Iswolskis  über  seine  während  der  kritischen
  Monate  November  und  Dezember  1912  mit
Poincaré  gehabten  Unterredungen.  „In  meinen  Unter—
redungen  mit  Poincaré  und  Palcologue“,  so  heißt  es

336
        <pb n="347" />
        da,  „konnte  ich  streng  vertraulich  erfahren,  daß  gele—
gentlich  der  bekannken  Reise  Lord  Haldanes  nach  Berlin
  (im  Februar  dieses  Jahres)  Deutschland  England
einen  ganz  bestimmken  Vorschlag  gemachk  hat,  der  darauf
  hinauslief,  das  Londoner  Kabinekk  solle  schrifklich
die  Verpflichkung  eingehen,  die  Neulralität  zu  wahren,
wenn  Deutschland  in  einen  Krieg  hineingezogen  würde,
der  von  seiner  Seite  nicht  provozierk  worden  sei.  Das
Londoner  Kabinekt  hak  Poincaré  hiervon  benachrichtigt
und  anscheinend  gezögerk,  diesen  Vorschlag  anzunehmen
  oder  abzulehnen.  Herr  Poincaré  sprach
sich  aufs  nachdrücklichste  gegen  eine  solche  Verpflichtung
  aus.  Er  hak  der  englischen  Regierung
gegenüber  darauf  hingewiesen,  daß  die  Unkerzeichnung
eines  solchen  Verkrages  mit  Deutschland  durch  England
  den  gegenwärtigen  französisch-englischen
  Beziehungen  mit  einem  Schlage  ein
Ende  machen  würde,  da  zwischen  Frankreich  und
England  keine  schriftliche  Vereinbarung  allgemein  politischen
  Charakkers  existiere.  Dieser  Einwurf  hakte  den
enksprechenden  Erfolg.  Das  Londoner  Kabinekk  lehnte
den  Vorschlag  Deutschlands  ab,  was  in  Berlin  eine  lebhafte
  Unzufriedenheit  hervorrief.“1

Um  eine  Enkspannung  der  inkernationalen  Lage,  wie
sie  durch  ein  deulsch-englisches  Menkralitälsabkommen  bewirkt
  worden  wäre,  zu  verhindern,  hak  also  Poincaré  damals
  sein  stärkstes  Geschütz  aufgefahren,  die  Drohung
mit  dem  Ende  der  ventente  cordialec.  Diese  damals  noch
sehlende  „schristliche  Vereinbarung  allgemein  politischen

 

1)  Iswolski  Bd.  II,  S.  377,  Nr.  608.
Kronprinz  Wilhelm,  Ich  süche  d.  W.
        <pb n="348" />
        Charakters“  wurde  bekanntlich  gerade  während  des  ersten
Balkankrieges,  zu  derselben  Zeit,  zu  der  Herr  Poincaré
immer  wieder  versicherte,  daß  er  zur  Erfüllung  seiner
Bündnispflichten  bereit  sei,  zustande  gebracht.  Sie  fand
ihren  urkundlichen  Niederschlag  in  dem  Briefwechsel  zwischen
  Grey  und  Cambon  im  November  1912,  durch  den,
wie  Lloyd  George  am  7.  August  1918  im  Parlament
eingestand,  England  die  Ehrenpflicht  auferlegt  wurde,  in
einem  französisch-deutschen  Konflikt  Frankreich  zu  Hilfe
zu  kommen.

Ich  will  nun  durchaus  nicht  behaupten,  daß  Rußland
schon  während  des  Balkankrieges  zum  Zwecke  der  Erreichung
  des  Zieles,  auf  das  Iswolskis  und  Sasonows  Politik
  gerichkek  war,  eine  europäische  Konflagrakion  herbeiführen
  wollke.  Es  har  sich  vielmehr  damals  bemühr,
sie  zu  verhindern.  Es  ist  aber  außerordentlich  bezeichnend,
  daß  dem  Leiker  der  französischen  Politkik  die  Rücksicht
  auf  die  Erhalkung  des  europäischen  Friedens,  die
Rußlands  Verhalken  gegen  Osterreich  offenbarke,  viel  zu
weik  ging.  Obgleich  Frankreich  nur  als  zur  Waffenhilfe
verpflichkeker  Verbündeker,  also  nur  mitkelbar  daran
inkeressierk  war,  daß  der  status  quo  auf  dem  Balkan
nichk  zugunsten  Osterreichs  und  zum  Schaden  Serbiens
veränderk  würde,  legke  sein  Ministerpräsidenk  eine  viel
größere  Besorgnis  vor  österreichischen  Expansionsgelüsten
  an  den  Tag  als  Sasonow.  Ich  habe  schon  oben  erwähnk,
  daß  Poincaré  aus  eigener  Inikiative  am  4.  November
  r1912  den  Vorschlag  machke,  daß  Frankreich,  England
  und  Rußland  sich  darüber  verständigen  sollten,  wie
sie  sich  verhalken  würden,  wenn  Osterreich  kerrikoriale
Vergrößerungen  auf  dem  Balkan  vorzunehmen  gewillt

338
        <pb n="349" />
        sein  sollte,  und  daß  er  sich  bewußt  war,  dieser  Vorschlag
könne  kriegerische  Perwicklungen  heraufbeschwören,  in  die
Frankreich  hineingezogen  werden  würde.  Sasonow  ant.
workeke  ihm,  daß  zwar  Rußland  ebensowenig  wie  Frankreich
  elwaigen  kerrikorialen  Vergrößerungen  Osterreichs
keilnahmlos  gegenüberstehen  würde,  daß  aber  Osterreich
wenigstens  in  diesem  Augenblick  nicht  nach  Landgewinn
zu  streben  scheine.:  Durch  diese  Versicherung  des  Außenministers
  des  am  Balkan  meist  inkeressierken  Skaakes  läßt
sich  aber  Poincaré  nicht  beruhigen.  Er  ist  um  die  Sicherheit
  Rußlands  viel  besorgker  als  der  Zar  und  seine  Rakgeber.
  Am  11.  Dezember  berichkek  Iswolski  über  ein  Gespräch
  mit  Poincaré,  das  keinen  anderen  Zweck  gehabt
haben  kann,  als  Rußland  zu  kriegerischen  Vorbereikungen
  zu  veranlassen.  Er  sagk  dem  russischen  Botschafter,
daß  nach  seinen  Nachrichten  Osterreich  inkensive  Kriegsvorbereikungen
  kreffe  und  in  allernächster  Zeit  aktiv  gegen
Serbien  vorgehen  werde,  daß  aber  Rußland  sich  dieser
Lage  gegenüber  vollkommen  ruhig  verhalte  und  gar  keine
Vorbereikungen  gegen  Osterreich  treffe.  Und  als  auf
diese  Meldung  hin  dem  französischen  Milikärakkaché  in
Petersburg,  der  sich  besorgt  nach  Rußlands  militärischen
Maßnahmen  an  der  österreichischen  Grenze  beim  russischen
  Generalstab  erkundigke,  versicherk  wurde,  daß  Osterreich
  an  der  russischen  Grenze  nur  defensive  I—#aßregeln
ergreise,  daß  man  an  einen  österreichischen  Angriff  auf
Rußland  nichk  glaube  und  einen  öskterreichischen
Angriff  auf  Serbien  für  höchst  unwahrschein-1)
  Iswolski  Bd.  II,  Nr.  566,  S.  345.

a)  Iswolski  Bd.  II,  Nr.  620,  S.  383/84.  Bericht  Iswolskis  vom
11.  Dezember  1912.

 

330
        <pb n="350" />
        lich  halte,  ja,  daß  selbst  für  den  Fall  eines  Angriffs
  auf  Serbien  Rußland  nicht  Krieg  führen
  werde  und  so  fest  von  der  Erhaltung  des  Friedens
überzeugk  sei,  daß  der  Kriegsminister  beabsichtige,  nach
Deutschland  und  Südfrankreich  zu  reisen,  geräk  Poincaré
  in  die  größte  Aufregung.  Iswolzskiberichkek  darüber
  am  14.  Dezember:!  „Poincaré  und  das  gesamke
Kabinekk  sindinfolge  dieser  Rachrichten  höchse
bestürzkund  aufgeregt,  da  man  hier,  wie  ich  schon
kelegraphierke,  von  dem  kriegerischen  Charakker  der  österreichischen
  Vorbereikungen  überzeugk  ist  und  befürchker,
daß  wir  überraschk  werden  und  der  Angriff  Deurschlands
auf  Frankreich  erleichkerk  werde.  Ich  habe  alles  gekan,
um  Poincaré  zu  beruhigen,  und  ihm  auseinandergesetzt,
daß  schon  vor  zwei  MXonaken,  gleich  bei  Beginn  der  Krise
bei  uns,  ernste  J—aßregeln  beschlossen  worden  seien,  um
unsere  milikärischen  Kräfte  an  der  österreichischen  Grenze
in  möglichste  Bereitschaft  zu  bringen,  daß  seikher  keine
Enklassungen  von  den  Fahnen  statkgefunden  hätlen  und
so  weiker.  Ich  erlaube  mir  jedoch  zu  bemerken,  daß  es
sehr  erwünschk  wäre,  die  französische  Regierung,  die
ernstlich  mit  der  Möglichkeit  eines  Krieges  rechnek,  sowohl
  über  die  von  uns  ergriffenen  Kriegsmaßnahmen
als  auch  über  unsere  Ansichken  von  den  ekwa  möglichen
  Ereignissen  zu  unkerrichken,  denn  die  jetzige  Unkenntnis
  ruft  hier  ohne  Zweifel  Nerwosität  hervor,  die
auch  in  das  Publikum  und  in  die  Presse  zu  dringen  beginnk,
  und  es  fällk  mir  immer  schwerer,  hier  eine  für
uns  günstige  Stimmung  zu  erhalken.  Ich  bitte  drin- 



1)  Iswoleki  Bd.  II,  Nr.  630,  S.  388.

340
        <pb n="351" />
        gend  um  Weisungen  zur  ausführlichen  Eroͤrterung  mit
Poincaré.“"  1

An  demselben  Tag  hakke  der  rufsische  Milikärakkacheé
Ignatjew  eine  Untkerredung  mit  Millerand,  in  deren
Verlaufder  französische  Kriegsminister,  als  Ignatjewihm
erklärke,  Rußland  wünsche  keinen  europäischen  Krieg  hervorzurufen
  und  keine  JMaßnahmen  zu  ergreifen,  die  einen
enropäischen  Brand  enkfachen  könnten,  sagke:  „Folglich
werden  Sie  Serbien  seinem  Schicksal  überlassen  müssen.
Das  ist  Ihre  Sache,  man  muß  aber  nur  wissen,  daß
dies  nicht  durch  unsere  Schuld  geschieht:  Wir
sind  bereit,  und  das  muß  in  Rechnung  gestelle
werden.  Können  Sie  nicht  wenigstens  erklären,  was
man  in  Rußland  überhaupk  über  den  Balkan  denkt?“
Und  als  Ignatjew  ankworkek,  die  flawische  Frage  liege
Rußland  nach  wie  vor  am  Herzen,  die  Geschichte  habe  es
jedoch  selbstverständlich  gelehrt,  vor  allen  Dingen  an  die
eigenen  staaklichen  Inkeressen  zu  denken  und  sie  nichk  abstrakten
  Ideen  zum  Opfer  zu  bringen,  versteigt  sich  Millerand
  zu  der  folgenden  Bemerkung:  „Aber  Sie  verstehen
  doch,  Herr  Oberst,  daß  es  sich  hier  nicht  um  Albanien,
nicht  um  Serbien,  nicht  um  Durazzo,  sondern  um  die  Vorherrschaft
  Osterreichs  auf  der  gesamken  Balkanhalbinsel
handelt?...  Sie  tun  doch  wohl  etwas  auf  militärischem
Gebieke?“

 

1)  Diese  Beförchtungen  des  französischen  Ministerpräsidenten  waren
umso  unbegründeter,  als  Graf  Berchthold  schon  om  6.  November  in
Paris  und  Petersburg  hatte  erklären  lassen,  daß  Osterreich  keine  Gebietekompensationen
  für  sich  zu  fordern  beabsichtige.  Iswolski  Bd.  II,
Nr.  549  und  550.

a)  E.  Adamow,  Istwestijfa  vom  29.  Juli  rgak,  Nr.  171

341
        <pb n="352" />
        Man  kann  sich  angesichts  dieses  fast  stürmischen  Drängens
  Poincarés,  Millerands  und  Iswolskis  des  Gedankens
  nicht  erwehren,  daß  Frankreich  befürchkeke,  Rußland
könne  eine  unwiederbringliche  Gelegenheit  zur  Enkfesselung
  eines  europäischen  Krieges  und  darum  zur  Zurückgewinnung
  von  Elfaß-Lothringen  vorübergehen  lassen.
Jedenfalls  aber  beweisen  diese  Berichte  Jowolskis,  daß
Frankreich  schon  im  Jahre  1912  fest  enkschlossen  war,  auf
Rußlands  Wink  über  Deutschland  herzufallen,  wenn  infolge
  eines  österreichisch-serbischen  Konflikks  Rußland  die
Donaumonarchie  angreifen  und,  was  man  in  Paris  auf
Grund  der  Kennknis  des  Dreibundverkrages  mit  Bestimmkheit
  erwarkeke,  Deutschland  ihm  zu  Hilse  kommen
würde.  Mdan  hielk  es  in  Pekersburg  für  nötig,  den  französischen
  AMMinisterpräsidenken,  der  „zaristischer  als  der
Zar“  war,  doch  endlich  zu  beruhigen,  und  ließ  ihm  in  bezug
  auf  den  oben  erwähnten  Berichk  des  französischen
Milikäraktachés  in  Pekersburg  am  18.  Dezember  1912
sagen,  daß  die  Behauptung,  Rußland  werde  selbst  im
Falle,  daß  Osterreich  Serbien  angriffe,  nicht  kämpfen,
wohl  kaum  von  irgendeiner  verankworklichen  Person
aufgestellt  worden  sein  könne,  und  daß,  wenn  die  Regierung
  derarktiges  wirklich  beschlossen  haben  sollte,  Frankreich
  auf  einem  anderen  Wege  darüber  unkerrichkek  werden
  würde,  als  der  war,  auf  Grund  dessen  der  französische
  Botschafker  es  für  nötig  erachkek  habe,  die  Mitlkeilung
  an  seine  Regierung  gelangen  zu  lassen.!

Aus  dieser  Mitteilung  ersiehl  man,  daß  auch  Rußland
schon  1912  enkschlossen  war,  Serbien,  wenn  es  durch  sein

 

1)  Iswolski  Bd.  II,  Nr.  640,  S.  400.

342
        <pb n="353" />
        Vorgehen  gegen  Albanien  Osterreich  zu  bewaffnekem  Eingreisen
  veranlassen  sollke,  nichk  im  Stich  zu  lassen.  Es
hakte  nur  zwei  kriftige  Gründe,  dahin  zu  wirken,  daß  ein
serbisch-österreichischer  Konflikt  damals  vermieden  würde.
Erstens  den,  daß  es  noch  nichk  hinreichend  genug  für  den
Krieg  vorbereikek  war,  und  zweitens  den,  daß  damals
Ikalien  dem  Vordringen  Serbiens  bis  ans  Adriakische
Meer  und  dieses  serbische  Expansionsgelüst  war  in
der  Krise  des  Jahres  1912/13  die  große  Gefahr  für  den
europäischen  Frieden  —  mit  derselben  Entschlossenheit  enkgegengetreten
  war  wie  Osterreich.:  Sasonow  war  deshalb
  im  Gegensatz  zu  Poincaré  damals  ganz  zufrieden
darüber,  daß  Osterreich  sich  durch  das  provokakorische
Vorgehen  Serbiens,  das  allen  Warnungen  zum  Trotz
bis  zur  Küste  durch  Albanien  vorgedrungen  war  und
Durazzo  besetzt  hakte,  nicht  zu  militärischen  I—##ßregeln
verleiten  ließ.  Es  erklärke  zwar  kakegorisch,  daß  es  eine
dauernde  Festsetzung  Serbiens  am  Adriatischen  Me#e#rnichk
  dulden,  aber  die  vorübergehende  Besetzung  albanischer
  Küstenstädte  als  berechkigke  Kriegsmaßnahme  bekrachten
  würde,  und  schlug  selbst  vor,  Serbien  durch  den
Bau  der  Donau-Adria-Bahn  einen  Handelsweg  zur
Adriatischen  Küste  zu  verschaffen.  Es  befand  sich,  wie  gesagt,
  dabeiin  vollkommener  Übereinstimmung  mit  Ikalien.

1)  Wenn  die  Ankläger  der  Mittelmächte  den  Widerstand  Ostecreichs
  gegen  die  Terrikorlalfestsetzung  Serbiens  an  der  Adria  als  einen
Beweis  für  Osterreichs  Kriegswillen  becrachten,  und  das  kun  die  Herren
Bourgeois  und  Pages,  so  müssen  sie  notwendigerweise  auch  in  diesem
Falle  wie  in  ähmichen  früheren  Fällen  denselben  Vorwurf  gegen  Jtalien
  erheben,  das  während  der  ganzen  Krise  gegen  die  serbischen  Forderungen

  Ge  te  an  Geite  mit  Osterresch  focht.  Oaß  sie  es  nicht  #un,  beweist
  die  Haltlosigkeit  ihrer  Beschuldigung

 

343
        <pb n="354" />
        Wenn  die  Herren  Bourgeois  und  Pagss  behaupten,
daß  Ende  1912  Frankreich  und  England  ihre  Anstrengungen
  vereinigk  härken,  um  einem  allgemeinen  Brande
vorzubeugen,  während  Osterreich  seine  in  Bosnien  und
in  der  Herzegowina  stehenden  Truppen  mobilisierte,  also
andentken  wollen,  daß  schon  damals  nur  durch  die  Friedensliebe
  Frankreichs  und  Englands  der  Welkkrieg  verbinderk
  wurde,  so  verschweigen  sie  geflissentlich  alle  die
diplomatischen  Schrikte,  die  Osterreich  damals  kak,  um
den  Frieden  aufrechkzuerhalken.  Daß  es  einen  Teil  seines
Heeres  mobilisierte,  ist,  da  serbische  Truppen  an  der  bosnischen
  Grenze  standen  und  die  serbische  Presse  eine  geradezu
  drohende  Sprache  gegen  Osterreich  führke,  selbstverständlich.
  Wir  haben  gesehen,  daß  die  milikärischen
Maßregeln  Osterreichs  selbst  in  Pekersburg,  wo  sie  doch
nakurgemäß  eigenklich  größere  Besorgnisse  häktten  erwecken
  müssen  als  in  Paris,  für  Verkeidigungsmaßregeln
gehalten  wurden.

Das  Rokbuch,  das  Osterreich  nach  Abschluß  des  dritken
  Balkankrieges  über  die  Krisen  der  Jahre  1912  und
1913  veröffentlichk  hak,  und  dessen  Dokumenke  mir  bei
der  Erörkerung  der  Schuldfrage  nichk  hinreichend  genug
  berücksichtigk  zu  sein  scheinen,  enkhälk  zahlreiche
Beweise  dafür,  daß  Osterreich  in  jenen  kritischen  Jahren
  von  aufrichtiger  Friedensliebe  erfüllt  und  bemühr
war,  den  berechtigken  serbischen  Forderungen  enkgegenzukammen.!


 

1)  Siehe  Diplomatische  Aktenstücke  bekreffend  die  Erelgnisse  auf  dem
Balkan  vom  13.  August  1912  bis  zum  6.  November  1913,  Wien  1914,
Telegramm  Nr.  84  vom  ro.  November  1912  vom  Grafen  Berchthold  an
den  Freiherrn  v.  Giesl  in  Cetinje:  „Besetzung  Alessios  und  San  Gio-344
        <pb n="355" />
        Außer  den  unken  angeführken  Telegrammen  will  ich
aus  der  Fülle  dieses  Materials  nur  einen  Brief  des  Grasen
  Berchthold  an  den  österreichischen  Bokschafter  in  London
  vom  15.  Dezember  197  anführen,  in  dem  der  österreichische
  Minister  des  Außeren  sein  Balkanprogramm

 

vanni  di  Meduas  durch  montenegrinische  Truppen  wäre  einer  mir  zugekommenen
  Nachriche  zufolge  als  eine  zugunsten  Serbiens  unternommene
  Aktion  onzusehen.  Wle  dem  auch  sei,  wollen  Euer  Hochwohlgeboren
  S.  M.  König  Nikolaus  in  meinem  Namen  darauf  aufmerksam
machen,  daß  wir  die  montenegrinischen  Kriegsoperationen  in  keiner
Weise  stören  wollen,  daß  aber  eine  dauernde  Besstzergreifung  der  albanischen
  Küste  mie  der  von  uns  ins  Auge  gefaßten  Schaffung  eines  auconomen
  Albaniens  unvereinbar  sein  würde.“

Am  8.  November  telegraphlert  Graf  Berchehold  an  den  österreichischen
  Gesandten  in  Belgrad:  „Osterreich-Ungarn  hat  seie  dem  Beginn
des  Balkankrieges  durch  seine  Haltung  bewiesen,  daß  es  den  Balkanscaaten
  und  spezlellauch  Serblen  das  größte  Wohlwollen
  enkgegenbringt.  In  dieser  Beziehung  braucht  bloß  darauf
  hingewiesen  zu  werden,  daß  wir  die  militärischen  Operalionen
  Serbiens,  die  sich  im  Sandschak  bis  ganz  in  die  Nähe
unserer  bosnischen  Grenze  erstreckten,  in  keiner  Weise  gestöre
haben.  In  meinen  füngsten  Erklärungen  vor  den  Delegationen  habe
ich  auch  diesen  wohlwollenden  Standpunke  präzisiert  und  erkläre,  daß
wir  der  durch  die  Siege  der  Balkanstaaten  geschaffenen  Sicuation  in
weitgehendem  Maße  Rechnung  tragen  wollen.  In  diesem  Einne  beabsichtigen
  wirt,  einer  bedeutenden  Ausdehnung  Serbiens
unsererseits  keine  Hindernisse  in  den  Weg  zu  legen,
vorausgesetzt,  daß  unsere  kommerziellen  und  Verkehrsinteressen  gewahrt
werden.  Wir  anerkennen  die  Berecheigung  des  Wunsches  Gerbiens,
eine  gesicherte  Verbindung  nach  dem  Meere  als  Debouché  seines  Handels
  zu  besitzen.  In  dieser  Beziehung  weisen  wir  auf  die  von  uns  bereits
  ausgebaute  Transversalbahn  von  Serbien  durch  Bosnien  bis  an
die  dalmatinische  Küste  hin,  sowie  auf  die  BVerbindung  durch  den  Sandschak
  und  Montenegro  zur  Adria  und  auf  den  möglichen  Ausbau  der
Donau--Adria-Bahn  durch  albanesisches  Gebiek.“  Nur  cterrikoriale  Er-345
        <pb n="356" />
        ganz  klar  darlegt.  Er  ist  fast  gleichzeitig  mit  dem  oben  erwähnten
  Bericht  geschrieben,  in  dem  Iswolski  über  Poincarés
  Angst  vor  den  österreichischen  Kriegsmaßnahmen  berichkek,
  und  bemerkk  über  die  einzige  damals  noch  den  Frieden
  gefährdende  Frage,  die  Schaffung  eines  serbischen
Zugangs  zur  Adria,  dasselbe,  was  sein  Verfasser  auch,
wie  oben  mikgekeilk,  nach  Belgrad  berichtet  hat.  Er  fährt
aber  dann  fork:  „Insofern  es  sich  um  die  Sicherung  eines
wirkschaftlichen  Debouchés  Serbiens  an  die  Adria  handelt,
  sind  wir  nichk  nur  bereik,  in  eine  Diskussion  über  dieen
  Gegenstand  einzutreken,  sondern  wollen  diese  Gelegenheit
  benutzen,  um  durch  großes  Enkgegenkommen
ein  für  allemal  der  Mär  ein  Ende  zu  bereiken,
als  wolle  Osterreich  das  Nachbarreich  wirtschaftlich
  erdrosseln.  Nach  unserer  Auffassung  könnte
Serbien  durch  Ausbau  einer  kurzen  Bahnstrecke  auf  seinem
  Terrikorium  die  Verbindung  durch  Bosnien  an  das
AKeer  erhallen,  wobei  wir  ihm  bezüglich  der  Durchfuhr
die  nötigen  Garantien  zu  gewähren  gewillt  sind.  Überdies
  könnke  der  Ausbau  der  sogenannken  Donau-Adria-ZBahn
  zu  diesem  Zwecke  ins  Auge  gefaßk  werden.“
Angesichts  solcher  Außerungen  aufrichtiger  Friedensliebe
  läßk  sich  die  Behaupkung  nichk  aufrechkerhalken,  daß
Osterreich-Ungarn  im  Winker  1912  den  Frieden  Curo- 



werbungen  Serbiens  an  der  Adria  werden  in  diesem  Telegramm  unter
Hinweis  auf  die  rein  albanische  Bevölkerung  dieser  Gebiete  abgelehnt,
weil  die  dadurch  herbeigeführte  Zerstückelung  des  albanesischen  Gebietes
die  von  Osterreich-Ungarn  und  Italien  in  Aussicht  genommene  Gelbständigkeic
  Albaniens  verhindern  würde.

Siehe  auch  ebendaselbst  die  Telegramme  Nr.  95  vom  12.  November
1912  an  Graf  Mensdorf  in  London  und  Nr.  107  vom  17.  November
an  Herrn  v.  Merey  in  Rom.

346
        <pb n="357" />
        pas  bedrohte.  Der  Friedensstörer  war  auch  damals  das
durch  seine  Siege  berauschte  Serbien,  und  die  Kriegsgefahr
  für  Europa  enkstand  nur  dadurch,  daß  die  Wünsche
dieses  Friedensstörers  nach  Landgewinn  am  Adriaktischen
Meer  deshalb  Unterstützung  fanden,  weil  man  ihre  Erfüllung
  in  Pekersburg  und  in  Parie  für  das  Vorspiel  zur
Zerkrümmerung  der  Donaumonarchie  bekrachkeke.  Vollends
  unsinnig  erscheinen  aber  die  auch  aus  diesem  Anlaß
gegen  Deukschland  erhobenen  Anklagen.  Insbesondere
  war  die  Besorgnis,  daß  aus  dem  serbischen  Verlangen
  nach  Adriahäfen  ein  Welkkrieg  entstehen  könne,  bei
Kaiser  Wilhelm  II.  so  groß,  daß  er  #m  Gegensatz  zu  Bekhmann
  Hollweg  und  Kiderlen  Osterreich  dazu  raten  wollte,
den  Serben  ihren  Adriahafen  zu  lassen,  und  erklärte,
daß  er  dieser  Frage  wegen  noch  weniger  als  um  des  Sandschaks
  willen  einen  Krieg  gegen  Rußland  und  Frankreich
  auf  sich  nehmen  würde.  Der  Dreibund  decke  nur  den
wirklichen  Besitzstand  der  Verbündeken,  nichk  andere  Ansprüche.
  „Ich  würde  das“,  so  schrieb  er  am  w.  November
1913  an  das  Auswärkige  Amk,  „weder  vor  meinem  Volk
noch  vor  meinem  Gewissen  verankworken  können.“  Die
Meinungsverschiedenheik  zwischen  dem  Kaiser  und  seinen
Ministern  spitzte  sich  damals  fast  bis  zu  einer  Ministerkrisis
  zu.  Der  Reichskanzler  eilte  nach  Letzlingen,  wo  sich
der  Kaiser  aufhielk.  Der  Kaiser  aber  blieb  dabei,  daß  ein
Zweifronkenkrieg,  an  dem  wahrscheinlich  auch  England
  auf  der  gegnerischen  Seite  keilnehmen
würde,  ein  Unkernehmen  sei,  bei  dem  alles  aufs  Spiel
gesetzzt  werden,  Deutschland  evenkuell  unkergehen
  könne.  In  einen  solchen  Krieg  könne  man  Albaniens
  und  Durazzos  wegen  nichk  einkreken;  das  Bünd-347
        <pb n="358" />
        nis  besage  nicht,  daß  das  deutsche  Heer  und
Volk  den  Launen  der  auswärkigen  Polikik  eines
anderen  Staakee  direkk  dienstbar  gemachk  und
duasi  dafür  zur  Verfügung  gehalkten  werden
müsse.“  Er  erreichk  durch  seine  Eimwendungen  wenigstens
  so  viel,  daß  man  in  Wien  wissen  ließ,  Osterreich  solle
so  verfahren,  daß  es  als  der  provozierke  Teil  erscheine.1

Die  Kriegsgefahr,  die  während  der  Balkankriege  über
Europa  schwebte,  war,  wie  diese  urkundlichen  Zeugnisse
beweisen,  nichk  nur  nichk  durch  die  Mikkelmächte  heraufbeschworen
  worden,  sie  wurde  von  ihnen  gefürchtet
und  mit  allen  Milkeln  bekämpff,  die  sich  mic  ihren  Lebensinteressen
  vereinbaren  ließen.

Wenn  das  Gewitter  sich  damals  noch  nicht  entlud,  so
trug  aber  dazu  ein  Ereignis  bei,  ohne  dessen  Eintreten
das  serbische  Expansionsbedürfnis  sich  wahrscheinlich  nicht
hätte  dämpfen  lassen.

Dieses  Ereignis  war  der  Ausbruch  des  merkwürdigen
Kampfes  der  slawischen  Brũdervölker  um  die  im  kürkischen
  Kriege  eroberte  Beute.  Dieser  Kampf  gebot  noch
einmal  dem  Vormarsch  Rußlands  zu  den  Meerengen
Halt.  Freilich  löste  er  auch  in  Osterreich  neue  Besorgnisse
vor  den  großserbischen,  den  Bestand  der  Monarchie  bedrohenden
  Eroberungsgelüsten  des  durch  seine  Erfolge
berauschten  Nachbarstaates  aus.  Denn  durch  den  Frieden
  von  Bukarest  und  Rumäniens  überraschende  anti—
österreichische  Politik  war  Serbien  der  stärkste  Balkanstaat
  geworden.  Aus  diesen  Besorgnissen  ging  die  Anfrage
  hervor,  die  Graf  Berchkhold  im  August  1973  nach

 

1)  Siehe  Erich  Brandenburg,  G.  368/369.

348
        <pb n="359" />
        Rom  richtete,  und  deren  Geheimnis  Giolitti  während
des  Krieges  im  italienischen  Parlament  enthüllt  hat.  Es
war  im  wesentlichen  das  Verdienst  Deutschlands,  daß
Osterreich.  Ungarn  damals  daran  verhindert  wurde,  mit
Waffengewalt  gegen  Serbien  vorzugehen.  Die  Anklageschrift
  der  Herren  Bourgeois  und  Pags,s  schreibk  dieses
Verdienst  aueschließlich  Italien  zu,  weil  durch  Anerkennung
  des  Verdienstes  der  deulschen  Regierung  an  der  Erhalkung
  des  Friedens  der  Schuldlügenfeldzug  empfindlich
  gestört  worden  wäre.  Sie  führk  es  auf  die  ablehnende
Antwork,  die  San  Giuliano,  von  Gieolikti  beraken,  damals
  nach  Wien  sandke,  zurück,  wenn  Osterreich  auf  die
Aueführung  des  hinter  seinen  Anfragen  schlummernden
Planes  verzichkeke.  Ja,  sie  erblickt  darin,  daß  das  deutsche
Weißbuch  von  #911g  keines  von  den  Akkenstücken  enthält,
die  vom  Mai  bis  zum  September  19rZ  zwischen  Wien
und  Berlin  gewechselk  worden  sind,  so  ekwas  wie  ein  Eingeständnis
  des  deutschen  Kriegswillens  und  legk  den  in
Gioliklis  Telegramm  an  San  Ginliano  ausgesprochenen
Wunsch,  daß  auch  Deutschland  Österreich  von  jeder
abenkeuerlichen  Polikik  abraken  möge,  so  aus,  als  ob  auch
der  italienische  Skaaksmann  Zweifel  an  der  Friedensliebe
  Deutschlands  habe  aussprechen  wollen.1!  Das  Verlangen
  der  Anklageschrift  nach  der  Bekanntgabe  der
zwischen  Wien  und  Berlin  in  jener  kritischen  Zeit  ausgekauschken
  Briefe  und  Telegramme  wird  durch  die  Veröffenklichung
  der  großen  deutschen  Akkensammlung  bald
erfüllt  sein.  Sie  ist  im  Jahre  1919  nicht  deshalb  unkerblieben,
  weil  sie  Deutschlands  Kriegswillen  offenbart

1)  Siehe  hierzu  Giovanni  Glolltei,  Denkwürdigkeiten  meines  Lebens,
deutsche  Übersetzung  S.  218  und  alg.

 

349
        <pb n="360" />
        hätte,  sondern  deshalb,  weil  die  Rücksicht  auf  Osterreich
es  damals  noch  verbot,  alle  Schleier  von  der  Entwicklung
der  Ereignisse  zu  ziehen.  Längst  bevor  die  ablehnende  Ankwort
  San  Giulianos  in  Wien  eintraf,  war  man  dork  darüber
  unterrichtet,  daß  Deutschland  für  ein  bewaffnetes
Einschreiten  Osterreichs  gegen  Serbien  nichk  zu  haben
sein  würde.]

So  ging  die  Kriegsgefahr  noch  einmal  vorüber.  Es
war  nur  eine  Akempaufe!  Denn  der  serbische  Gefahrenherd
  glühre  weiter,  und  sein  Feuer  wurde  durch  den  rufsilchen
  Gesandten  am  Belgrader  Hof,  Herrn  v.  Harkwig,
einen  Gesinnungsgenossen  Iswolekis,  geschürk.  Die  beiden
  großen,  den  Frieden  Europas  bedrohenden  Gefahren,
das  Streben  Rußlands  nach  den  Meerengen  und  der
feste  Wille  Frankreichs,  Elsaß-Lokhringen  zurückzugewinnen,
  sobald  das  serbische  Feuer  durch  die  darübergestreuke
Asche  zum  Himmel  auflodern  würde,  blieben  bestehen.
Im  Anfang  des  Jahres  1914  nimmk  der  Kriegswille
Rußlands  ganz  konkreke  Formen  an.  Es  sind  drei  Akkenstücke,
  die  uns  darüber  aufklären:  Ein  Bericht  Sasonows
an  den  Zaren  vom  8.  Dezember  1973,  das  Prokokoll  über

 

1)  Schon  einen  Mona#t  vor  der  Anfrage  in  Rom  vom  g.  August,
oon  der  Glolicei  berichtet,  am  3.  Juli  1913,  war  unter  ausföhrlicher
Darlegung  der  Lebensgefahr,  mit  der  die  großserbische  Bewegung  Osterreich
  bedrohte,  dieselbe  Anfrage  nach  Berlin  gerichtet  worden.  Vom
Staakssekretär  Zimmermann  unterrichtek,  erklärte  sich  der  von  Berlin
abwesende  Kaiser  damit  einverstonden,  daß  auf  Wien  beruhigend  emgewirke
  und  verlange  werde,  daß  Osterreich  nichts  unkernehme,  ohne  die
deutsche  Regierung  vorher  gehörk  zu  haben.  Siehe  den  Berichte  des  Grafeen
  Montgelas  an  den  ersten  Untersuchungeausschuß  der  parlamentarischen
  Untersuchungskommission.  „Deutsche  Allg.  Zig.“  vom  #2.  März
1920,  Nr.  123.

350
        <pb n="361" />
        eine  Sonderkonferenz  des  russischen  Ministeriums  vom
31.  Dezember  1913,  die  unter  dem  Vorsitz  Kokowzefs
stattfand,  und  das  Protokoll  der  mit  den  Spitzen  des
Heeres  und  der  Marine  am  8.  Februar  abgehaltenen
Konferenz  des  russischen  Ministerrats.

Der  Bericht  an  den  Zaren  vom  8.  Dezember  19131  muß
unter  Berücksichtigung  der  friedlichen  Gesinnung  des  M#onarchen
  gelesen  werden,  für  den  er  bestimmt  war.  Er  sollte
Nikolaus  II.  die  Nokwendigkeit  bewaffnelen  Eingreifens
Rußlands  zur  Wahrung  der  rufsischen  Inkeressen  im
Schwarzen  Me#er#  erläutern  und  doch  in  ihm  keine  Zweifel
an  der  Friedensliebe  seiner  I##nister  aufkommen  lassen.
Darum  findek  sich  in  diesem  Berichk  die  Versicherung  mehrere
  Male  wiederholk,  daß  Rußland  das  größke  Inkeresse
  an  der  Erhalkung  der  Türkei  habe  und  nichks  unkernehmen
  wolle,  um  ihre  Auflösung  zu  beschleunigen;  aber
es  wird  doch  ganz  klar  dargelegk,  daß  die  Erfüllung  dieses
  Wunsches  höchst  unwahrscheinlich  ist,  und,  was  das
wichkigste  ist,  es  wird  offen  ausgesprochen,  was  schon  in
jenem  Artikel  V  der  russisch-bulgarischen  Militärkonvention
  gesagk  worden  war,  daß  die  Meerengenfrage
ohne  europäische  Verwicklungen  nich'  gelöse
werden  könne.  Und  dann  wird  ein  bis  in  die  Einzelheiten
  durchgeführkes  Programm  der  Politik  und  der
militärischen  Akdjß½nahmen  enkworfen,  die  durchzuführen
seien,  wenn  es  zu  solchen  VBerwicklungen  käme.  Mit  dieseem
  Bericht  hak  Sasonow  die  zurückhalkende  Polikik  aufgegeben,
  die  er  dem  Drängen  Poincarés  gegenüber  noch
im  Jahre  1912  befolgk  hakte,  um  mik  klarem  Entschluß

 

1)  IJswoleki  Bd.  III,  Nr.  1157,  S.  374  ff.

351
        <pb n="362" />
        den  Weltkrieg  als  Mittel  zu  der  endlichen  Erreichung
des  Zieles  zu  benutzen,  das  Peter  der  Große  in  seinem
Testament  als  das  wichtigste  Ziel  der  russischen  Politik
bezeichnet  hatte.

Die  Prokokolle  der  beiden  Konferenzen,  die  am  31.  Dezember
  und  am  8.  Februar  stakkfanden,  wirken  auf  den,
der  sie  heuke  liest,  wie  Berichte  über  einen  schwer  noch
vermeidlichen  und  zur  Erreichung  dieses  russischen  Zieles
notwendigen  Krieg.

Die  Sonderkonferenz  vom  Zr.  Dezember:  hakte  ihren
Grund  darin,  daß  der  deutsche  Kaiser  dem  ihm  ausgesprochenen
  Wunsch,  den  General  Liman  von  GSanders
zum  Höchstkommandierenden  der  kürkischen  Landfruppen
zu  machen,  enksprochen  hakke.

Im  Einvernehmen  mit  Frankreich  und  England  beschloß
  Rußland,  nichk  zu  dulden,  daß  deutschen  Offizieren
der  Befehl  der  Truppen  in  Konstankinopel  überkragen
würde.  Es  wußte  sich  bei  seinem  Einspruch  der  Unkerstützung
  Frankreichs  sicher,  das  seinerseits  nichk  zulassen
wollte,  daß  deutsche  Offiziere  in  Smyrna  und  Beirut  besehligken.
  In  der  Konferenz  vom  31.  Dezember  wurde
mun  erwogen,  was  zu  kun  sei,  wenn  sich  die  Türkei  und
Deutschland  diesem  Einspruch  nichk  fügken.

Die  Verhandlungen  dieser  Konferenz  lassen  erkennen,
daß  Rußland  damals  einen  Krieg  zwar  noch  nicht  herbeiführen,
  aber  es  auf  ihn  ankommen  lassen  wollte,  wenn
es  der  Unkerstützung  Frankreichs  und  Englands  dabei
sicher  wäre.  Durch  Deutschlands  Rachgiebigkeik  ist  bekannklich
  auch  diese  Krise  noch  glücklich  ohne  Krieg  über- 



1)  Friedrich  Stieve,  Iswolski  und  der  Welekrieg,  Anhang  G.  234  ff.

352
        <pb n="363" />
        wunden  worden.  General  Liman  von  Sanders  wurde
nicht  Oberbefehlshaber  der  kürkischen  Truppen,  sondern
es  wurden  ihm  nur  die  Vollmachten  für  die  allgemeine
Inlpektion  des  kürkischen  Heeres  überkragen,  wogegen
Rußland  nichks  einzuwenden  hatkke.1

Trotzdem  fand  am  8.  Februar  die  zweite  Sonderkonserenz
  statk,  der  jener  Berichk  Sasonows  an  den  Zaren
vom  8.  Dezember  zugrunde  gelegk  wurde,  und  in  der
nichks  weniger  als  ein  bis  ins  einzelne  gehender
Kriegsplan  zur  Besitzergreifung  der  Meer--engen
  vereinbark  worden  ist.  Dieser  Plan  wurde,
wie  aus  den  in  der  Konferenz  abgegebenen  Erklärungen
Sasonows  und  des  Chefs  des  Generalstabes  hervorgehr,
in  dem  Bewußtsein  enkworfen,  daß  der  Kampf  um  Konstankinopel
  ohne  einen  allgemeinen  europäischen
  Krieg  nichkmöglich  sein  würde.

Seit  dem  Besuch  Poincarés  in  Pekersburg  im  Jahre
1912  hatte  sich  Rußland  durch  eine  Marinekonvention
mik  Frankreich  militärisch  noch  enger  verbunden  und  seik
dem  Juni  1914  durch  eine  M#arinekonvention  mit  England
  den  Feldzugeplan  gegen  die  Mitlkelmächte  vervollständigk.
  Hinker  allen  diesen  Kriegsvorbereikungen
schlummerke  der  Gedanke,  den  Sasonow  schon  am  6.  Mai
1913  in  einem  Brief  an  den  russischen  Gesandten  Harkwig
  in  folgende  Worke  gekleidek  hakle:  „Serbiens
verheißenes  Land  liegk  im  Gebiekte  des  heurigen
  Osterreich-Ungarn  und  nichk  dork,  wohin
es  jetzt  strebl,  und  wo  auf  seinen  Wegen  die
Bulgaren  stehen.“  Daraus  ergibt  sich,  daß  im  Som-1)

  Siehe  Deutsches  Weißbuch,  Unteranlage  1  zu  Anlage  IX,  Nr.  14;:
v.  Jagow  an  den  deutschen  Botschafter  in  Pekersburg  am  6.  Januar  1914.
Kronprinz  Wilbelm,  Ich  suche  d.  W.  33

 

353
        <pb n="364" />
        mer  des  Jahres  1914,  obwohl  sich  um  diese  Zeit  äußerlich
durch  Deutschlands  Verhandlungen  über  ein  Kolonialabkommen
  mit  England  die  internationale  Lage  günstiger
  gestaltet  zu  haben  schien,  durch  die  sich  kreuzenden
Verträge  zwischen  den  Mächten  des  Dreiverbandes
und  durch  die  großserbische  Bewegung,  die  durch  solche
Verkräge  ermutigk  wurde,  so  viel  Pulverfässer  um  die
Mitkelmächke  aufgestellk  worden  waren,  daß  selbst  ein
Streichholz  und  nichk  eine  Brandfackel,  wie  der  Mord
von  Gerajewo  es  war,  genügk  hätte,  um  sie  zur  Explosion
  zu  bringen  und  die  Welk  in  Brand  zu  stecken.

Elftes  Kapikel

Der  Mord  von  Serajewo  —  Die  Explosion  der
Puloerfässer

enn  die  deulschen  Regierungen  und  das  deuksche

Volk,  wie  ich  in  den  zehn  vorangehenden  Kapiteln
  nachzuweisen  versuchk  habe,  seit  der  Gründung  des
Reiches  die  Erhalkung  des  Friedens  als  die  wesenkliche
Aukgabe  ihrer  Außenpolitik  bekrachkek  haben,  wenn  sie
noch  kurz  vor  dem  Kriegsausbruch  durch  die  von  Rußland
  geforderke  Beschränkung  der  Aufgaben  des  Generals
  Liman  von  Sanders  ihren  Friedenswillen  bekundek
hakken,  wenn  sie  keine  Ziele  verfolgken,  die  nur  durch  einen
Krieg  zu  erreichen  waren,  wenn  sie  sich  der  ungeheuren
Uberlegenheit  der  Heere  und  Flokken  des  Dreiverbandes
über  die  des  Dreibundes  bewußk  waren  (siehe  das  siebente.
Kapikel),  und  wenn  sie  auf  die  Unkerstützung  Ikaliens

354
        <pb n="365" />
        nicht  rechneten,  dann  konnte  die  Mordtat  von  Serajewo
in  Deutschland  nun  und  nimmermehr  als  willkommener
Anlaß  zur  Enkfesselung  eines  europäischen  Krieges  betrachtek
  werden.  Sie  mußke,  ganz  abgesehen  von  der
menschlichen  Teilnahme  mit  den  grausam  getökeken
Opfern  und  dem  durch  diesen  neuen  schweren  Schicksalsschlag
  getroffenen  alken  Kaiser  Franz  Joseph,  auch  deshalb
  für  ein  furchtbares  Unglück  gehalken  werden,  weil
sie  eine  Kriegsgefahr  heraufbeschwor,  wie  sie  größer  auch
während  der  Balkankriege  den  Frieden  Curopas  nicht
bedrohl  hakte.  Die  Behaupkung,  daß  Deutschland  mit
diesem  JMord  endlich  die  Gelegenheit  für  gekommen  hielk,
um  die  Welk  in  Brand  zu  stecken,  wird  schlechkerdings
für  diejenigen  zum  vollkommenen  Unsinn,  die  davon  überzeugk
  worden  sind,  daß  Deutschland  seit  dem  Frankfurker
Frieden  den  Krieg  nichk  erhofft,  sondern  gefürchtet  hat.

Darumscheink  es  mir,  wennich  den  Beweis  für  Deutschlands
  Friedenswillen  erbrachk  habe,  nichk  nokwendig  zu
sein,  nun  auch  nachzuweisen,  daß  der  deutsche  Kaiser  und
die  deutsche  Regierung  oder  gar  das  deuksche  Volk  während
  des  Juli  1974  den  Krieg  nicht  herbeizuführen,  sondern
  zu  verhindern  suchken.  Ich  will  mich  deshalb  darauf
  beschränken,  die  Taksachen  anzuführen,  aus  denen
hervorgeht,  daß  weder  der  Kaiser  noch  irgendeiner  seiner
Rakgeber  den  durch  den  Mord  von  Serajewo  herbeigeführken
  Konflikt  zwischen  Osterreich  und  Serbien  zur  Entfachung
  eines  Wellbrandes  benutzk  haben  kann,  und  daß
in  den  vom  28.  Juni  bis  zum  1.  August  von  der  deutschen
Regierung  ausgegangenen  diplomatischen  Kundgebungen
  nichk  eine  Spur  von  Kriegswillen  oder  Kriegshoffnung
  zu  finden  ist,  daß  aber  die  Feinde  Deurschlands,  in

355
        <pb n="366" />
        erster  Linie  Rußland,  darauf  hingearbeitet  haben,  den
serbisch-österreichischen  Konflikt  durch  ihre  widerrechtliche
Einmischung  in  einen  europäischen  zu  verwandeln.

Eine  der  wichrkigsten  unker  diesen  Taksachen  ist  die,  daß
die  Männer,  die  für  den  Einkrikt  Deutschlands  in  den
Krieg  verankworklich  sind,  keine  Kriegsziele  hakken.
Es  ist  doch  undenkbar,  daß  irgendein  Mensch,  der  seiner
Sinne  mächtig  ist,  mit  Absicht  einen  Krieg  herbeisührk,
ohne  sich  vorher  überlegk  zu  haben,  was  er  durch  einen
solchen  Krieg  erreichen  will.  I#an  wird  aber  vergebens
nach  irgendeinem  Schriftstück  oder  irgendeiner  Außerung
deutscher  Fürsten  oder  Staaksmänner  suchen,  worin  vor
dem  Kriege  eine  solche  Uberlegung  Ausdruck  gefunden  hak.
Dagegen  besitzen  wir  eine  ganze  Reihe  von  urkundlichen
Zeugnissen  dafür,  daß  russische  und  französische  Staaksmänner
  vor  dem  Ausbruch  des  Krieges  mikeinander  verabredek
  haben,  was  sie  im  Fall  eines  allgemeinen  europäischen
  Konfliktes  für  ihre  Länder  verlangen  wollken.
Auf  ein  in  den  Papieren  Iswolskis  enkhalfenes  unwiderlegliches
  Dokumenk  dieser  Ark  will  ich  hier  hinweisen.

In  einem  Telegramm,  das  Iswolski  am  13.  Okkober
1914  aus  Bordeaux  an  Sasonow  sandte,  teilte  er  mit,
daß  er  ausführlich  mit  Delcassé  über  Frankreichs  und
Rußlands  Kriegsziele  gesprochen  habe.  Welche  Ziele  das
waren,  das  habe  ich  in  den  vorhergehenden  Kapiteln  des
öfkeren  erwähnk.  Rußland  verlangke  die  M#eerengen  und
Konstankinopel,  Frankreich  Elsaß-Lokhringen,  und  der
russische  Botschafter  und  der  französische  Minister  des
Außeren  waren  sich  darüber  einig,  daß  das  Deutsche
Reich  vernichlek  und  die  milikärische  und  politische  Kraft
Preußens  soviel  wie  möglich  geschwächt  werden  sollke.

356
        <pb n="367" />
        England  würde  die  Wiederherstellung  eines  unabhängigen
  Hannover  und  die  deutschen  Kolonien  verlangen,
Schleswig  Holstein  müßte  an  Dänemark  abgetreten  werden.
  Nachdem  Iswolski  die  Kriegsziele  der  Verbündeten
  in  solcher  Weise  gekennzeichnek  hat,  fährt  er  wörklich
sork:  „Hierbei  berief  sich  Delcassé  auf  die  Verhandlungen,
  die  in  Petersburg  im  Jahre  1913  Hkaktgefunden
  haben,  und  bak  inständigst,  Ihre
Aufmerksamkeik  darauf  zu  lenken,  daß  die  Forderungen
  und  Wünsche  Frankreichs  dieselben
geblieben  sind,  mik  Ausnahme  des  notwendigen
  Wunsches,  die  polikische  und  ökonomische
Krafté  Deukschlands  zu  vernichten.“

Also  schon  ein  Jahr  vor  dem  Ausbruch  des  Krieges
hat  Herr  Delcassé,  der  damals  französischer  Botschafter
in  Pekersburg  war,  mit  dem  russischen  Minister  des  Außeren
  über  die  Kriegsziele  ihrer  beiden  Länder  verhandelk.
Es  ist  mit  den  Gesetzen  der  Logik  unvereinbar,  daß  ein
Staat  einen  Krieg  herbeiführk  oder  auch  nur  erhofft,  der
sich  nicht  vorher  ein  genaues  Bild  davon  gemachk  hat,
welchen  Gewinn  er  aus  solchem  Kriege  ziehen  will.  Der
obige  Bericht  Iswolskis  beweist,  daß  Frankreich  und
Rußland  mindestens  ein  Jahr  vor  der  Mordtak  von
Serajewo  ein  klares  Bild  von  den  Kriegszielen,  die  sie
anstrebken,  gewonnen  und  über  dessen  Ausgestalkung  verhandelt
  hatten.  Wer  keine  Kriegsziele  hak,  kann  keinen
Krieg  wollen.  Wer  milten  im  Frieden  über  Kriegsziele
verhandelk,  deren  Erreichung  seiner  Politik  fast  ein  halbes
  Jahrhunderk  lang  die  Richkung  gegeben  hak,  lädt

 

7)  Siehe  Stieve,  Iswolski  und  der  Welekrieg,  S.  36  /½68.

357
        <pb n="368" />
        zum  mindesten  den  Verdacht  auf  sich,  den  Krieg  auch  zu
erhoffen.

Ein  besonders  schlagender  urkundlicher  Beweis  dafür,
daß  Kaiser  Wilhelm  II.,  den  die  Ankläger  Deutschlands
als  den  Hauptschuldigen  verurkeilt  haben,  den  Krieg  nicht
herbeigesehnk  und  auf  seinen  Ausbruch  nichk  hingearbeitek
haben  kann,  ist  die  Bemerkung,  die  er  an  den  Rand  der
serbischen  Ankwork  auf  das  österreichische  Ultimakum
schrieb.  Sie  laukek:  „Eine  brillanke  Leistung  für  eine
Frist  von  nur  48  Stunden.  Das  ist  mehr,  als  man  erwarken
  konnke.  Ein  großer  moralischer  Erfolg  für  Wien;
aber  damit  fällt  jeder  Kriegsgrund  fork  und
Gieslhätte  ruhig  in  Belgrad  bleiben  sollen!
Daraufhin  hätte  ich  niemals  Mobilmachung  befohlen.“

Ist  es  denkbar,  daß  ein  Mann,  der  seit  fünfundzwanzig
  Jahren  Tag  und  Nachr  darauf  sinnk,  wie  er  am  besten
einen  europäischen  Krieg  enkfesseln  könne  —  so  stellen  doch
die  Verfasser  der  Noke  vom  16.  Juni  1919  die  Gedankengänge
  meines  Vakers  dar  —,  der  durch  die  Ermordung
des  österreichischen  Erzherzogpaares  endlich  die  Gelegenheit
  zur  Erfüllung  dieses  Wunsches  gekommen  siehr,  der
einige  Wochen  vorher  bereiks  in  dem  berühmten  Kronrak
vom  5.  Juli  (der  niemals  stalkgefunden  hat)  den  Enkschluß
  gefaßk  haben  soll,  loszuschlagen,  eine  solche  Bemerkung
  niederschreibt,  wenn  er  ein  Akkenstück  erhält,  das  ihm
diese  Hoffnung  zu  zerstören  scheink?  Hätte  der  Kaiser,
wenn  er  den  Krieg  seit  einem  Vierkeljahrhunderk  vorbereitet
  und  immer  nur  auf  eine  Gelegenheik  gewarkek  hätte,
um  ihn  zu  enrfesseln,  nichk  auf  diese  Urkunde  hin,  die
die  wesenklichste  Forderung  Osterreichs  nicht  erfüllte,  seine
Freude  darüber  aussprechen  müssen,  daß  Osterreich  doch

358.
        <pb n="369" />
        mobilisiert  habe?  Hätte  es  den  ihm  angedichteten  Gedankengängen
  nicht  entsprochen,  wenn  er,  wie  es  Osterreich
tat,  erklärt  hätte,  daß  eine  solche  Antwort  den  Krieg
erst  recht  nölig  mache?  Er  aber  stellt  sofork  fest,  daß  mit
dieser  Ankwork  jeder  Kriegsgrund  entfällt,  und  fügt
binzu,  er  hätle  auf  eine  solche  Antwork  hin  nie  mobilisiert.
  Ja,  er  schreibk  sofork  dem  Skaakesekrekär  des
Auswärkigen  einen  eigenhändigen  Brief,  der  mil  folgenden
  Worten  beginnk:  „Nach  Durchlesung  der  serbischen
  Antwork,  die  ich  heute  morgen  erhielk,  bin  ich  der
Überzeugung,  daß  im  großen  und  ganzen  die  Wünsche
der  Donaumonarchie  erfüllk  sind.  Die  paar  Reserven,
welche  Serbien  an  einzelnen  Punkken  macht,  können
meines  Erachtens  noch  durch  Verhandlungen  wohl
geklärt  werden.  Aber  die  Kapitulation  demütigster
Ark  liegk  darin  urbi  et  orbi  verkündek,  und  durch  sie
entfällt  jeder  Grund  zum  Kriege.“1  Die  letzten
Worte  hat  der  Kaiser  unkerstrichen.  In  demselben  Brief
schlägk  er  freilich  wegen  der  Unzuverlässigkeit  Serbiens
vor,  daß  Osterreich  als  Faustpfand  für  die  Erzwingung
der  Versprechungen  Belgrad  besetzen  möge,  ein  Vorschlag,
  der  nach  dem,  was  wir  jetzt  wissen,  im  höchsten
Grade  nokwendig  war,  aber  das  kak  er  doch  in  der  festen
Uberzeugung,  solche  Forderung  ohne  Kriegserklärung
würde  auf  dem  Wege  der  Verhandlung  durchzusetzen
sein.  In  demselben  Brief  forderk  er  Herrn  v.  Jagow  auf,
auch  in  Wien  mitzukeilen,  daß  kein  Kriegsgrund
mehr  vorhanden  sei,  weil  der  Rückzug  Serbiens  in  sehr
demütigender  Form  erzwungen  sei,  und  der  österrei-1)

  Die  deutschen  Dokumente  zum  Kriegsausbruch,  Bd.  II,  S.  18,
Nr.  293.

 

359
        <pb n="370" />
        chischen  Regierung  zu  diesem  Erfolg  zu  grakulieren.
  Es  ist  vollkommen  unmöglich,  daß  ein  Herrscher,
der  die  Absicht  hak,  den  Welkkrieg  zu  enkfesseln,  dem
Verbündeken,  durch  dessen  Vorgehen  er  diesen  Zweck  zu
erreichen  hoffk,  Glückwünsche  dazu  auesprechen  läßk,  daß
die  Kriegsgefahr  nunmehr  vermieden  sei,  und  ihm  durch
die  Versicherung,  daß  kein  Kriegsgrund  mehr  vorhanden
sei,  den  Entschluß  suggerierk,  von  einer  Kriegserklärung
abzusehen.  In  Osterreich  faßke  man  die  serbische  Ankwork
  bekannklich  nichk  so  optimistisch  auf,  und  ehe  der
Herrn  v.  Jagow  gegebene  Aufkrag  noch  ausgeführk  werden
  konnte,  war  der  Krieg  gegen  Serbien  schon  erklärt
worden.  —  —  —

Das  österreichische  Ulkimakum  vom  23.  Juli  ist  bekannklich
  als  einer  der  wichtigsten  Beweise  für  Osterreichs
  Kriegswillen,  und  die  Taksache,  daß  es  von  Deutschland
  nichk  verhinderk  worden  ist,  als  Beweis  dafür  betrachkek
  worden,  daß  auch  Deulschland  den  Krieg  gewollt
habe.  Ich  will  kein  allzu  großes  Gewichk  darauf  legen,  daß
man  in  Berlin  den  Worklauk  des  Ulkimakums  nichk  gekannt
  hat,  als  es  abgesandk  wurde,  denn  es  läßt  sich  nicht
in  Abrede  stellen,  daß  man  über  seinen  wesenklichen  Inhalt
  unkerrichkek  war  und  mit  der  Taksache  der  Ablehnung
  seikens  Serbiens  rechneke.  Der  Berichk  des  Akkachés
der  baprischen  Gesandkschafk  in  Berlin,  des  Herrn  von
Schön,  an  seine  Regierung,  den  Kurt  Eisner  niederkrächtigerweise
  unker  Forklassung  aller  der  Stkellen  veröffenklichke,
  aus  denen  der  feste  Enkschluß  der  deutschen  Regierung,
  den  serbisch-österreichischen  Krieg  zu  lokalisieren,
hervorging,  beweist  auch  in  seiner  richtiggestellken  Form,
daß  man  in  Berlin  wußtke,  das  Ulkimakum  würde  die  For-360
        <pb n="371" />
        derung  enthalten,  daß  österreichische  Delegierte  die  gerichtliche
  Untersuchung  gegen  die  an  der  Ermordung  des  Erzherzogpaares
  mitschuldigen  Serben  überwachen  sollken.
Es  handelk  sich  nicht  darum,  ob  Deukschland  den  Worklauk
  oder  nur  den  Inhaltk  des  österreichischen  Ultimakums
an  Serbien  kannke,  sondern  darum,  ob  Osterreich  berechtigk
  war,  ein  solches  Ultimakum  zu  stellen.  Und  diese  Frage
muß  nach  der  heute  erwiesenen,  damals  von  der  österreichischen
  Regierung  als  sicher  angenommenen!  Taksache
der  Mitlschuld  der  serbischen  Regierung  am  Akktenkat
von  Gerajewo  bejaht  werden.

Ich  habe  in  den  vorigen  Kapikeln  nachgewiesen,  daß
die  serbischen  Expansionsgelüste  den  österreichischen  Staat
in  seinen  Lebensbedingungen  bedrohlen.  Der  Mord  am
Thronfolgerpaar  enkhüllke  die  ungeheure  Gefahr  der
großserbischen  Bewegung  vor  der  ganzen  Welt.  Denn  er
offenbarke,  daß  der  Haß  gegen  den  Nachbarstaak  eine
alle  Schranken  überflukende  Höhe  erreichk  hakte.

Um  seiner  Selbsterhaltung  willen  mußte  Osterreich,
  wenn  es  nichk  anders  ging  auch  durch  einen  Krieg,
dieser  Bewegung  endlich  einen  sichereren  Damm  enkgegenbauen,
  als  es  das  serbische  Versprechen  vom  3#.  März
des  Jahres  rgog  war.  Keiner  von  den  Skaaken,  deren
Staatsmänner  in  dem  österreichischen  Ultimakum  und  nicht
im  Mord  von  Serajewo  den  Anlaß  zum  österreichisch- 



1)  Wenn  man  in  Wien  damals  auch  nicht  über  den  ganzen  Umfang
der  Mieschuld  der  serbischen  Regierung  unterrichtet  war,  so  wußke  man
doch,  daß  diese  Reglerung  ihren  Versprechungen  und  Verpflichtungen
zuwider  die  Geheimorganisationen  in  Serbien  ganz  unbehellige  gelassen
hatte,  von  denen  der  Mord  geplanc  und  vorbereltet  worden  war,  und
daß  sie  damie  mictelbar  am  Morde  mitschuldig  war.

361
        <pb n="372" />
        serbischen  Krieg  und  nicht  in  der  russischen  Mobilisation,
sondern  in  der  deutschen  Kriegserklärung  den  Anlaß  zum
Weltkrieg  sehen,  hätte  an  Osterreichs  Stelle  anders  handeln
  können,  ja,  es  ist  wahrscheinlich,  daß  jeder  von  ihnen
viel  schneller  und  viel  schärfer  gegen  einen  Skaak  vorgegangen
  wäre,  auf  dessen  Boden  der  Gedanke  des  Mordes
ihres  Thronfolgers  ausgebrükek  worden  war.

Ich  setze  folgenden  Fall:  Der  englische  Thronfolger
hätte  mit  seiner  Frau  vor  dem  Burenkrieg  die  Kapkolonie
  besucht  und  wäre  in  Kapstadt  durch  in  Transvaal
hergestellte  Bomben  und  durch  englische  Unkerkanen
von  buerscher  Nationalitäl  ermordek  worden.  Es  wäre
im  höchsten  Grade  wahrscheinlich  gewesen,  daß  die  englische
  Regierung  überhaupk  kein  Ultimalum  gestellk,  sondern
  die  englische  Flotke  nach  Afrika  geschickt,  das  Land.
eroberk  und  sich  unkerworfen  häkte,  und  sie  hätke  gleichzeitig
  der  ganzen  Welk  zu  wissen  gegeben,  daß  sie  jede
Einmischung  in  diesen  Streik,  der  nur  England  angehe,
als  eine  feindselige  Handlung  betrachken  würde.  Ich
frage  jeden  Engländer  auf  Ehre  und  Gewissen,  ob  solches
Vorgehen  seiner  Regierung  nichk  von  ihm  erwarkek
worden  wäre,  und  ob  eine  englische  Regierung,  die  sich
ekwa  die  Einmischung  Deutschlands  —  wenn  es  überhaupk
  denkbar  gewesen  wäre,  daß  die  Buren  in  solchem
Fall  nicht  sofork  die  Sompakhien  des  gesamten  deurschen.
Volkes  verloren  hätten  —  in  einen  derark  enkstandenen
Konflikt  hätke  gefallen  lassen,  vom  Unwillen  der  britischen
Bevölkerung  nicht  hinweggefegt  worden  wäre.  Kein  ehrlicher
  Brike  wird  diese  Frage  verneinen,  obwohl  die  Burenbewegung
  höchstens  eine  englische  Kolonie,  die  großserbische
  Bewegung  aber  den  Bestand  der  österreichischen

362
        <pb n="373" />
        Monarchie  bedrohte.  Wer  könnte  heute  noch  daran
zweifeln,  daß  das  österreichische  Vorgehen  gegen  Serbien
im  Jahre  1914  im  Verhältnis  zu  den  Maßnahmen,  die
Großbrikannien  in  dem  von  mir  konstruierken  Falle  gegen
Transvaal  ergriffen  häkte,  als  milde  und  schonend  bekrachkek
  werden  müßte,  da  wir  seildem  erfahren  haben,
welche  Genugkuung  England  schon  forderk,  wenn  es  sich
nicht  um  seinen  Thronfolger,  sondern  um  einen  General
und  um  ein  Volk  handelk,  das  der  englischen  Weltherrschaft
  keinen  größeren  Abbruch  kun  kann,  als  ein  Mdäückenstich
  einem  Riesen.  Drei  Tage  nach  der  Ermordung  Sir
Lee  Stacks,  des  Oberbefehlshabers  der  englischen  Truppen
im  Sndan,  richkeke  die  britische  Regierung  an  die  ägyptische
  Regierung  ein  Ultimakum,  das  ihr,  ohne  daß  ein
Beweis  dafür  erbrachk  war,  die  Verankworkung  für  den
Mord  aufbürdeke  und  an  Agopten  folgende  Forderung
stellte:  1.  Weikgehende  Enkschuldigungen  für  das  Verbrechen,
  2.Durchführung  der  Unkersuchung  nach  dem  Urheber
des  Verbrechens  mit  äußerster  Energie  und  ohne  Rücksiche
auf  Personen  und  die  Bestrafung  der  Verbrecher,  wer
immer  und  welchen  Alkers  sie  sein  mögen,  3.  die  Unkersagung
  und  energische  Unkerdrückung  aller  politischen  Kundgebungen,
  4.  die  soforkige  Zahlung  einer  Buße  von  einer
halben  Million  Pfund,  5.  die  Zurückziehung  aller  ägypltischen
  Offiziere  und  rein  ägyptischen  Einheiken  aus  dem
Sudan,  6.  Mitlkeilung  an  die  zuständige  Behörde,  daß
die  Regierung  des  Sudans  das  zu  bewässernde  Gebiek  bei
Gizera  dem  Bedarf  enksprechend  bis  zu  einer  unbegrenzken
  Höhe  erweikerk,  7.  Verzichk  auf  jeden  Widerstand  gegen
  die  Wünsche  der  britischen  Regierung,  soweik  sie  den
Schutz  der  auswärtigen  Inkeressen  in  Agypten  bekreffen.

363
        <pb n="374" />
        Für  die  Forderungen  5  bis  7  gibk  es  im  österreichischen
  Ulkimakum  überhaupk  keine  Parallele.  Professor
Kern  sagk  mit  vollem  Rechk,!  wenn  der  Geist  dieser
Forderungen  das  österreichische  Ultimalum  beherrscht
hätte,  hätte  Osterreich-Ungarn  von  Serbien  verlangen
müssen,  binnen  24  Stunden  alle  Offziere  und  Truppen
aus  dem  Sandschak  Rovibazar  zurückzunehmen,  der  von
k.  und  k.  Truppen  besetzt  werden  würde,  und  daß  Serbien
  seinen  Behörden  mitzukeilen  habe,  es  müßken  in  Zukunfk
  die  österreichischen  und  ungarischen  Grenzen  dem
Bedarf  der  Monarchie  entsprechend  für  serbische  Ausund
  Einfuhr  beliebig  gesperrk  bleiben,  Serbien  dürfe
keine  M#öglichkeic  erhalten,  sich  für  den  gesperrken  Handel
  irgendwie  Ersatz  zu  verschaffen,  und  habe  auf  jeden
Widerstand  gegen  die  Wünsche  der  k.  und  k.  Regierung,
soweik  sie  die  auswärkigen  serbischen  Inkeressen  bekreffen,
zu  verzichken.

UMan  kann  ermessen,  was  England  erst  gefordert  haben
würde,  wenn  sein  Thronfolger  in  Transvaal  von  den
Buren  ermordek  worden  wäre,  und  daß  es  auch  vor  einem
Wellkkrieg  nichk  zurückgescheuk  wäre,  wenn  seine  Forderungen
  nichk  erfüllt  worden  wären  und  Transvaal  ekwa
bei  Deukschland  dieselbe  Unkerstützung  gefunden  häfte,
die  Serbien  bei  Rußland  fand.

Der  Berichk  der  Kommission,  der  von  der  Friedenskonferenz
  in  Versailles  die  Begründung  der  Verankworklichkeit
  der  Miktelmächte  für  die  Enkstehung  des  Welkkrieges
  überkragen  worden  war,  beruft  sich  nun  zum  Beweis
  für  das  von  Oesterreich  Serbien  angekane  Unrecht

 

1)  „Die  Kriegsschuldfrage“  vom  Jannar  r925,  S.44

364
        <pb n="375" />
        auf  jene  Depesche  des  Herrn  v.  Wiesner,  des  zur  Untersuchung
  des  Verbrechens  nach  Serajewo  entsandten  österreichischen
  Agenten,  vom  13.  Juli,  in  der  —  wie  wir  jetzt
wissen,  allzu  voreilig  —  gemeldek  wurde,  daß  die  Mitwissenschaft
  der  serbischen  Regierung  an  der  Leitung  oder
Vorbereikung  des  Mordes  nicht  erwiesen,  vielmehr  ausgeschlossen
  sei.  Es  ist  ein  Beweis  für  die  Unaufrichkigkeit
jenes  Kommissionsberichtes,  daß  er  nur  den  ersten  Teil
dieses  Telegramms  abdruckk,  den  zweiten  aber  worklos
unkerschlägk.  In  diesem  zweiken  Teil  aber  erklärke  Herr
v.  Wiesner  es  als  festgestellt,  daß  das  Komplokk  in  Belgrad
  beschlossen  wurde,  und  daß  ein  Jerbischer  Staaksbeamker
  und  ein  serbischer  Offzier  dazu  Bomben,
Mdunition  und  Gifk  gelieferk  hälken.  Da  eine  Regierung
für  Schandkaken  ihrer  Beamten  verantworklich  ist,  so
wären  die  ösflerreichischen  Forderungen  auch  dann  berechkigk
  gewesen,  wenn  der  erste  Teil  der  Depesche  des  Herrn
v.  Wiesner  den  Taksachen  entsprochen  häkte.  Heuke  wissen
  wir,  daß  die  Ermordung  des  Erzherzogs  Franz  Ferdinand
  durch  den  Chef  des  Informakionsbureaus
des  serbischen  Generalstabes,  den  Obersten
Dragutin  Dimikriewiklsch,  veranlaßk  worden
ist,  und  daß  die  Mörder  von  ihm  gedungen
waren.  Der  Oberst  Dimitriewiksch  wurde  in  dem  hinker
  verschlossenen  Türen  verhandelten  Prozeß  von  Saloniki,
  der  im  Jahre  1917  gegen  eine  Gruppe  von
Offzieren  der  sogenannken  „Schwarzen  Hand“  durchgeführk
  wurde,  wegen  eines  angeblichen  Akkenkaksversuches
  auf  den  damaligen  Thronfolger  und  jetzigen  König

 

1)  „Die  Kriegsschuldfrage“  vom  Januar  7925,  S.  44.

363
        <pb n="376" />
        Alexander  von  Serbien  zum  Tode  verurteilt  und  erschossen.
  Im  Verlaufe  dieses  Prozesses  sagte  Dimitriewitsch
aus,  daß  nicht  nur  der  russische  Militärakkaché
in  Belgrad,  Arkamanow,  sondern  auch  der  rufsische
  Gesandte  Hartwig,  der  damalige  und  heutige
  M#  iniskerpräsidenk  Paschirsch,  ja  selbst  der
damalige  Thronfolger  und  Regenk  und  jetzige
König  Alexander  über  das  beabsichtigke  Akkenkak  auf
den  Erzherzog  Franz  Ferdinand  genau  unterrichkek  gewesen
  seien.

Die  Geheimnisse  des  Prozesses  hak  Nikola  Renadowitsch
  in  der  Zeitschrift  La  Fédération  balcaniquer  vom
1.  Dezember  1924  entkhüllk,  und  der  frühere  serbische  Gesandte
  in  Berlin,  Dr.  Bogitschewitsch,  har  sie  im  Januarheft
  der  „Kriegeschuldfrage“  weikerverbreikek  und  dazu
bemerkk,  daß  sie  in  eingeweihten  Kreisenschon
seit  längerer  Zeit  bekannk  waren  und  für  richtig
befunden  worden  sind.  Daß  Herr  Paschitsch,  der  serbische
Ministerpräsidenk,  und  sein  Minister  des  Innern,  und
durch  sie  das  gesamke  serbische  Ministerium,  ekwa  vier
Wochen  vor  der  Ausführung  des  Akkenkaks  von  der
Absicht  des  Mordanschlages  unkerrichtek  waren,
dafür  ist  dem  Prozeß  gegen  die  Schuldlüge  jetzk  ein  geradezu
  klassischer  Zeuge  in  der  Person  eines  dieser  Mitwisser,
  des  Unkerrichksministers  Ljuba  Jowaneowiktsch,
  erstanden.  Er  hak  in  einer  von  dem  russischen
Journalisten  und  Emigranken  Al.  Ksunfin  zum  zehnjährigen
  Gedenklag  des  Kriegsausbruches  herausgegebenen
Sammelschrift  „Bluk  des  Slawenkums“  einen  Aufsfatz
unker  dem  Titel  „Nach  dem  Vidov  (Sankt  Veikskage)
von  1914“"  geschrieben,  in  dem  er  die  erstaunliche  Meitl-=366
        <pb n="377" />
        teilung  macht,  die  ich  hier  in  ihrem  Worklaut  wiedergeben
  will.1  Herr  Jowanowitsch,  der  ehemalige  serbische
Unterrichksminister,  schreibk:  „Jch  erinnere  mich  nicht,  ob
es  Ende  Mai  oder  Anfang  Juni  war,  als  uns  eines  Tages
  Herr  Paschitsch  sagte  —  diese  Dinge  bearbeitete  er
meist  nur  mit  Stojan  Protitsch,  der  damals  das  Ministerium
  der  inneren  Angelegenheiten  hatte,  aber  so  viel
sagte  er  auch  uns  anderen  —  daß  Einige  Vorbereitungen
trafen,  um  nach  Serajewo  zu  gehen  und  Franz  Ferdinand,
der  dork  einkreffen  und  am  Vormitkag  seierlich  empfangen
werden  sollte,  umzubringen.  Wie  man  mir  späker  sagte,
wurde  das  alles  aus  dem  Kreise  heimlich  organisierker
Leute  und  von  pakriokischen  bosnisch-herzegowinischen
Studenkenkreisen  in  Belgrad  vorbereitek.  Und  Herr
Paschitsch  und  wir  übrigen  meinken,  man  solle,  und  Stkojan
  übernahm  es  auch,  eine  Verfügung  an  die  Grenzbehörden
  an  der  Drina  erlassen,  daß  man  den  Ubergang
der  jungen  Leute  verhindere,  die  zu  diesem  Zweck  Belgrad
verließen.  Aber  diese  „Grenzbehörden'  waren  selbst  in
der  Organisakion  und  führken  die  Berfügung  Skojans
  nichk  aus,  sondern  meldeken  ihm  —  und  er  später
uns  —  seine  Weisung  habe  sie  zu  späk  erreichk,  denn
diese  jungen  Leute  wären  bereiks  über  den  Fluß  gesetzk.

„So  schlug  der  behördliche  Versuch,  die  Ausführung
des  Arkenkaks  zu  verhindern,  sehl,  wie  auch  der  Versuch
sehlschlug,  den  unser  Gesandter  in  Wien,  Herr  Joksa
Jowanowitsch,  beim  Minister  Bilinski  auf  eigene  Iniliakine
  unkernahm,  den  Erzherzog  von  der  geplanten  verhängnisvollen
  Reise  abzubringen.  So  wurde  das  Akten-1)

  Siehe  „Die  Kriegsschuldfrage“  vom  Februar  1925,  wo  der  Arcikel
des  Herrn  Ljsuba  Jowanowitsch  in  deutscher  Übersetzung  abgedruck  ist.

 

367
        <pb n="378" />
        tat  in  Serajewo  ausgeführt,  und  zwar  in  schrecklicherem
Umfange,  als  vorauszusehen  war,  und  mit  Folgen,  die
sich  damals  niemand  hätte  träumen  lassen.“  —  Die  von
der  serbischen  Regierung  immer  abgeleugnete  Mitwisserschaft
  an  der  folgenschwersten  Mordtat  der  Weltgeschichte
  ist  durch  dieses  Eingeständnis  eines  Mitwissers,
der  dieser  Regierung  angehörte,  schlagend  bewiesen.

Was  tat  nun  diese  Regierung,  um  das  Attentat  zu  verhindern?
  Sie  benachrichtigte  Grenzbehörden,  von  denen
sie  wußte,  daß  sie  zu  der  Organisation  gehörten,  von  der
das  Verbrechen  angeregk  worden  war,  und  nahm  die
Mitkeilung  dieser  Behörden,  daß  die  Verbrecher  die
Grenze  schon  passierk  hätfen,  einfach  zur  Kennknis.  Die
Ankwortk  der  Grenzbehörden  beweist  aber  auch,  daß  sogar
  die  Namen  der  Studenken  Princip  und
Cabrinovik,  die  zur  Ausführung  des  Aktenkats  auserkoren
  worden  waren,  dem  serbischen  Ministerpräsidenken
  bekannk  waren,  denn  wie  häkten  diese  Behörden  sonst
melden  können,  daß  die  zu  Verhaftenden  die  Grenze  schon
passiert  hakten?1

Nun  meldek  zwar  Jowanowicsch,  daß  der  serbische  Gelandte
  in  Wien,  sein  Namenswvetter,  aus  eigner  Initiakive
  den  Erzherzog  nicht  ekwa  durch  den  österreichischen
Minister  des  Außeren,  sondern  durch  den  gemeinsamen
Finanzminister  für  Bosnien,  Bilinski,  gewarnt  habe,  seine
Reise  nach  Bosnien  auszuführen.  Diese  Warnung  aber
erwähnte  mit  keinem  Work  das  der  serbischen  Regierung
bekannte  Akkenkak,  sondern  sie  wurde  damik  begründet,
daß  man  die  Reise  in  Serbien  als  einen  Akk  der  Provo-1)

  Jowanowiesch  erzähle  in  seinem  Ar##kel  auch,  daß  ihm  der  eine
der  Verbrecher,  der  Steudent  Princip,  persönlich  bekanne  war.

368
        <pb n="379" />
        kalion  betrachten  müsse,  daß  Manöver  unter  solchen  Umständen
  gefährlich  seien  und  daß  unter  der  serbischen  Jugend
  sich  jemand  finden  könne,  der  in  sein  Gewehr  oder
in  seinen  Revolver  nichk  ein  blindes,  sondern  ein  wirkliches
  Geschoß  steckt,  das  er  dann  abseuerk.  Und  diese  Kugel
  könnke  den  Herausforderer  kreffen.1  Der  serbische
Gesandke  in  Wien  hätke  sich  sagen  müssen,  daß  eine  solche
Warnung  den  Erzherzog  unmöglich  veranlassen  konnke,
seine  Reise  aufzugeben.  Der  Verzichk  auf  seinen  Besuch
in  Serajewo  wäre  von  der  gesamken  serbischen  Bevölkerung
  als  seige  Kapikulakion  vor  der  großserbischen  Bewegung
  bekrachkek  worden,  und  solcher  Triumph  häkke
diese  Bewegung  ins  Ungemeßne  gesteigerk.  Aber  selbst
diese  Warnung,  von  deren  Wirkungslosigkeit  der  Warner
  überzeugt  sein  mußte,  war  nichk  von  der  serbischen
Regierung  erkeilk  worden,  sondern  der  Inikiakive  des
serbischen  Gesandfken  in  Wien  entsprungen.  Die  serbische
  Regierung  selbse  hak,  obwohl  sie  die  Namen  der
zum  Morde  gedungenen  Studenken  kannke  und  über
den  ganzen  Plan  genau  unkerrichkek  war,  die  Händein
den  Schoß  gelegt  und  damik  nichk  nur  die  einfachsten
Pflichten  der  Merschlichkeit  verletzk,  sondern  sich  einer
Handlung  schuldig  gemachk,  die  das  deutsche  Strafgesetzbuch
  mit  Gefängnis  bestraft.

 

1)  So  teilte  der  serbische  Gesandte  in  Wien  selbst  Herrn  Dr.  Bogitschewitsch
  auf  seine  Anfrage  mie.  Siehe  „Die  Kriegsschuldsrage“  vom
Juli  19a4•:  Die  „Warnung“  vor  dem  Actentak  von  Serajewo.

2)  Ljuba  Jowanowlesch  hat  sich  gegen  die  von  der  mutigen  Vorkämpferin
  gegen  die  serbischen  Verbrechen,  Edieh  Durham,  von  Saekon
Watson  und  Alfred  v.  Wegerer  an  seine  Eingeständnisse  geknüpften
Anklagen  in  der  Revue  „Novi  Jivot“  zu  verkeidigen  gesucht.  Dlese  Ver-Kronprinz
  Wilhelm,  Ich  süche  d.  W.  24

369
        <pb n="380" />
        Wie  verlogen  erscheint  nach  diesen  Enthüllungen  die
von  dem  Mitwisser  Herrn  Paschitsch  in  der  serbischen
Antwortnote  abgegebene  Erklärung:  „Die  königliche
Regierung  war  peinlich  überrascht  durch  die  Behauptungen,
  nach  denen  serbische  Untertanen  an  der  Vorbereitung
  des  in  Serajewo  begangenen  Attentats  betei—
ligt  sein  sollen.“

Aber  damit  nicht  genug.  Die  serbische  Regierung  hat
auch  nach  dem  Aktenkak  nichks  unkernommen,  um  der
Mordanstifter  in  Serbien  habhaft  zu  werden,  obgleich
sie  wußte,  daß  alle  Fäden  des  Verbrechens  in  Serbien
gesponnen  worden  waren.  Es  ist  ganz  klar,  daß  diese  vollkommene
  Untäligkeit  der  serbischen  Behörden  und  Gerichke
  während  der  25  Tage,  die  zwischen  dem  Atktenkar
und  der  Überreichung  des  österreichischen  Ultimalums
lagen,  die  österreichische  Regierung  zu  der  Überzeugung
bringen  mußke,  daß  von  der  serbischen  Regierung  eine
wirksame  Meithilfe  zur  Sühne  des  Verbrechens  nur  zu
erwarken  war,  wenn  die  von  ihr  anzustellende  Unterfuchung
  von  österreichischen  Delegierken  überwacht  würde.
Auch  diese  Forderung  war  darum  vollkommen  berechtigk.
  Heuke  haben  übrigens  die  Ankläger  Deurschlands
das  Recht  endgültig  verwirkk,  diese  Forderung  als  einen
verbokenen,  anmaßenden  und  imperialistischen  Eingriff
in  die  serbische  Skaakshoheit  zu  bezeichnen,  weil  sie
selbst  im  Verkrag  von  Versailles  die  in  allen  Skrafgesetzen
  zivilisierker  Staaken  verbokene  Auslieferung  von
Staaksbürgern  zur  Aburkeilung  durch  fremde  Gerichke

teldigung,  von  der  „Die  Kriegsschuldfrage“  im  Aprilheft  und  im  Maiheft
  1925  eine  Ubersetzung  brachte,  entlastet  die  serbische  Reglerung
nicht  um  ein  Gramm  von  dem  Gewicht  der  auf  ihr  lastenden  Schuld.

 

37f%
        <pb n="381" />
        verlangt,  und  weil  sie  später  gefordert  haben,  daß  Verkreker
  der  Enkenke  die  Verhandlungen  gegen  die  sogenannten
  deutschen  „Kriegsverbrecher“  vor  dem  Reichsgericht
  in  Leipzig  überwachen.

Wer  kann  angesichks  der  Mirwisserschafk  der  serbischen
Regierung  und  der  ungeheuren  Gefahren,  mik  denen  die
großserbische  Agikakion  den  Bestand  der  österreichischen
Monarchie  bedrohte,  die  Forderungen  des  österreichischen
Ultimakums  für  zu  scharf  halken,  wer  kann  es  diesem
Staake  verdenken,  daß  er  die  Gelegenheik  ergriff,  um
diesen  Nachbar,  der  Osterreichs  staatliche  Organisation
zerkrümmern  wollte  und  der,  obwohl  er  dies  gekonnt
hätte,  nicht  verhinderke,  daß  Osterreichs  Thronerbe  ermordekt
  wurde,  so  unschädlich  wie  möglich  zu  machen,  und
wer  kann  es  Deutschland  zum  Vorwurf  machen,  daß  es
seinem  Verbündeken  bei  einem  so  gerechkfertigken  Vorgehen
  nicht  in  den  Arm  siel?

Herr  Morharde,  der  frühere  Generalsekretär  der-Ligue
des  droits  de  PThommeg,  also  ein  Franzose,  äußerke  sich  in
seinem  vorkrefflichen  Buche  „Les  Preuvese  mi#  folgenden
Worken  über  die  Berechtigung  des  österreichischen  Ultimakums:
  „Auf  die  Gefahr  hin,  daß  mir  von  der  Mehrzahl
der  wükenden  Narren  widersprochen  wird,  die  von  den
Prolegomena  des  Krieges  gesprochen  haben,  sagen  wir,  daß
die  österreichische  Note,  die  Osterreich  aus  einem  Gefühl
kindlicher  Furcht  heraus  niemals  als  Ulktimakum  hat  bezeichnen
  wollen,  im  Verhälknis  zur  empfangenen  Beleidigung
unendlich  maßvoll  war,  und  daß  sie  jedenfalls  unendlich
viel  annehmbarer  war  als  das  brutale  Ultimakum,  das
England  bei  Gelegenheit  der  Affäre  von  Faschoda  an  uns
richkeke,  oder  als  das  Ulkimakum,  das  die  Verbündeken

371
        <pb n="382" />
        an  Griechenland  richteten,  um  es  zu  zwingen,  seinen  König
  zu  wechseln  und  in  den  Krieg  einzukreken.“1

Dafür,  daß  Osterreich,  als  es  seine  Noke  vom  23.  Juli
in  Belgrad  überreichen  ließ,  sich  im  Zustande  der  Notwehr
  befand,  daß  der  Krieg  gegen  Serbien  ein  Akk  der
Verkeidigung  und  nichk  des  Angriffs  war,  liegen  so  viele
Beweise  vor,  daß  außer  Morhardk,  der  von  den  Franzosen
  wahrscheinlich  nichk  als  klassischer  Zeuge  bekrachtek
werden  wird,  weil  er  Sozialist  und  ausgesprochener  Pazisist
  und  aus  diesen  Gründen  heftigster  Gegner  Poincarés
  ist,  auch  ein  Franzose  aus  ganz  anderem  Lager,
Alcide  Ebrayh,  ein  früherer  Generalkonful,  Ministerrest
denk  und  politischer  Redakkeur  des  „Journal  des  Débaks“,
eines  Blaktes,  das  mit  besonderer  Hestigkeik  immer  für
alle  Kriegsschuldlügen  eingekreken  ist,  sich  nach  gründlichem
  Studium  der  Akken  zu  derselben  Uberzeugung  bekehrk
  hak,  die  Morhardk  in  seinen  2Preuvesc  vertrikk.
Er  schreibt  in  seinem  Buche  La  paix  malproprec,  das  er
geschrieben  hak,  um  die  Nokwendigkeit  der  Revision  des
Friedens  von  Versailles  zu  beweisen:  „Il#a#  ist  verpflichkek,
  anzuerkennen,  daß  Osterreich-Ungarn,  ohne  Selbstmord
  zu  begehen,  die  Bestrebungen  dieser  [der  jugoslawischen]
  Bölker  nichk  gewähren  lassen  konnke.  Denn  diese
zenkrifugale  Bewegung  bedeukeke  die  Zerstückelung  der
UMoonarchie.  Darum  hak  man,  wenn  man  die  österreichischungarischen
  Dokumenke  liest,  die  sich  auf  den  Krieg  beziehen,
  den  Eindruck,  daß  die  Monarchie  in  ihrer  Existenz
bedroht  war,  und  daß  sie  die  elemenkare  Pfliche  harke,
sich  zu  verkeidigen,  und  zwar  auch  durch  einen  Prä- 



1)  A.  a.  O.  S.  71/72.

372
        <pb n="383" />
        venkivkrieg.“1  Er  fügk  zwar  hinzu,  daß  Osterreich-Ungarn
  des  Daseins  nichk  würdig  war,  zu  dessen  Verkeidigung
  es  die  elemenkare  Pflicht  hakke,  aber  abgesehen
davon,  daß  diese  beweislos  aufgestellte  ZBehaupkung  von
Osterreichs  Feinden  selbst  dadurch  enkkräftek  wird,  daß
sie  durch  die  von  ihnen  erzwungenen  Friedensschlüsse
Skaaken.  geschaffen  haben,  die  an  ganz  denselben  Gebrechen
  leiden  wie  das  nun  zerstörke  Osterreich-Ungarn,
änderk  sie  nichts  daran,  daß  sich  Osterreich  im  Zustande
der  Verkeidigung  befand.  Das  aber  bestreiken  gerade  die
Verfechker  der  Kriegsschuldlüge,  und  sie  müssen  es  bestreiken,
  wenn  ihr  ganzes  Lügengebäude  nicht  zusammenbrechen
  soll.

Ebenso  sicher  wie  die  Absicht  Osterreichs,  auf  Grund
seiner  Noke  mik  dem  seit  Jahrzehnten  sein  Leben  bedrohenden
  Nachbar  abzurechnen,  ist  es  aber,  daß  weder  Osterreich-Ungarn
  noch  Deutschland  die  Ausdehnung  des
österreichisch-serbischen  Konflikkes  gewünschk  haben,  ja
nicht  gewünschk  haben  können,  weil  die  Herbeiführung
eines  Welkkrieges  ohne  jedes  reale  Ziel  mik  mehrfach  überlegenen
  Gegnern  ein  Wahnsinn  gewesen  wäre.  Es  gibt
kein  einziges  Dokumenk,  aus  welchem  Archiv  auch  immer,
aus  dem  man,  selbst  wenn  man  die  Lupe  parkeüschsten
Vorurkeils  anwendet,  die  Absicht  herauslesen  könnke,  daß
Osterreich-Ungarn  und  Deuktschland  den  Konflikt  mit
Serbien  zu  einem  europäischen  erweikern  wollten.  Es
gibt  dagegen  zahllose  Dokumenke,  die  ich  hier  nichk  anzuführen
  brauche,  weil  sie  allgemein  bekannk  sind,  aus
denen  mit  unwiderlegbarer  Sicherheit  hervorgehr,  daß

 

1)  Ebray,  La  paix  malpropre,  S.  13.

·Pt
□
        <pb n="384" />
        ihre  Bemühungen  während  des  ganzen  Juli  1914  darauf
  gerichkek  waren,  diesen  Konflikt  zu  lokalisieren.  Trotzdem
  bildet  die  Behaupkung,  daß  Deurschland  den  Krieg
zwischen  Osterreich  und  Serbien  zu  einem  allgemeinen
Krieg  erweitern  wollte,  um  durch  ihn  seine  Herrschaft  über
die  Welk  zu  begründen,  das  wesenkliche  Fundamenk  des
Kriegsschuldlügengebäudes.  Und  auch  dieser  Behaupkung
  gegenüber  ist  zu  sagen,  daß  sie  aufgestellk  werden
mußke,  wenn  nichk  das  ganze  Gebäude  zusammenbrechen
  sollte,  das  errichkek  worden  ist,  um  den  Arkikel  237
des  Verkrages  von  Versailles  und  seine  Erläukerungen
zu  begründen.

Wie  aber  standen  die  Miächte,  die  in  Versailles  über
Deutschland  zu  Gerichtk  saßen,  dem  Gedanken  der  Lokalisierung
  des  Krieges  gegenüber?  Sie  haben,  noch  bevor
ihnen  das  österreichische  Ulkimalum  an  Serbien  bekannt
war,  geradezu  mit  der  Erweikerung  des  österreichisch-serbischen
  Konfliktes  zum  Welrkriege  gedroht.  Und  sie
hatten  sich  über  diese  Drohung  verständigk.

Herr  Poincaré  hak  in  der  Rede  vom  6.  Juli  1922,  die
er  in  der  Kammer  hielk,  um  sich  gegen  die  Anklagen  zu
verkeidigen,  die  auf  Grund  der  im  „Livre  noir“  veröffenklichken
  Papiere  Iswolskis  gegen  ihn  erhoben  worden
waren,  gesagk,  daß  er  und  Biviani,  nur  um  dem  Frieden
zu  dienen,  im  Juli  1974  nach  Pekersburg  gefahren  seien,
und  in  diesem  Zusammenhang  die  folgenden  Wortke  gesprochen:
  „Als  das  Ulkimakum  in  Pekersburg  bekannk
wurde,  waren  wir  schon  auf  voller  Fahrk,  und  so  enksernt,
  an  die  Möglichkeit  eines  Krieges  zu
denken,  daß  wir  dem  König  von  Schweden  und
der  Skadk  Skockholm  den  verabredeken  Be-374
        <pb n="385" />
        such  abstatteten.“n  Die  eigenen  auf  dieser  Ostseefahrt
  abgesandten  Instruktionen  des  französischen  Ministers
  des  Außeren  strafen  diese  Behauptungen  Lügen.
Am  24.  Juli  sandte  Viviani  von  Reval  aus,  als  ihm
das  österreichische  Ultimatum  noch  nicht  bekannt  war,  ein
Telegramm  an  seinen  Stellvertreter  nach  Paris,  das  zur
Beurkeilung  der  Vorgänge,  die  sich  auf  dieser  „Friedensreise“
  Poincarés  und  seines  JMinisterpräsidenken  in  Pekersburg
  abgespielk  haben,  von  so  großer  Bedeutung  ist,  daß
ich  es  hier  im  Worklaut  wiedergeben  will.  Herr  Viviani
drahketk  an  Bienvenu-AMdrkin,  seinen  Stellverkreker:
„Ich  wäre  Ihnen  verpflichkek,  wenn  Sie  die  folgenden
Mitteilungen  und  Aufträge  an  Herrn  Dumaine  (französischen
  Bokschafter  in  Wien)  übermittelten:  Im  Laufe
meiner  Besprechungen  mit  dem  russischen  Minister  der
auswärtigen  Angelegenheiken  sind  wir  veranlaßk  worden,
  die  Gefahren  ins  Auge  zu  fassen,  die  aus  einem
evenkuellen  Schrikt  Osterreich-Ungarns  gegen  Serbien
anläßlich  des  Akkenkaks  enkstehen  könnken,  dessen  Opfer
der  Erzherzog  Thronfolger  geworden  ist.  Wir  sind  zu  der
gemeinse  amenllberzeugung  gekommen,  daß  wir  nichks  verläumen
  dürfen,  um  einer  Forderung  von  Erklärungen
  oder  einer  Drohung  vorzubeugen,  die  einer  Einmischung
  in  die  inneren  Angelegenheiken  Serbiens  gleichkäme
und  von  diesem  als  ein  Angriff  auf  seine  Skaakshoheit
und  Unabhängigkeit  betrachtek  werden  könnke.
„Infolgedessen  meinen  wir,  daß  dem  Grafen  Berchthold
  in  einer  freundschafklichen  Unkerhalkung  Ratschläge

1)  Die  Fahrt  nach  Stockholm  wurde  nur  deshalb  nicht  aufgegeben,
weil  der  Präsident  der  Republik  sich  der  Neutralität  Schwedens  versichern
  wollte.

 

375
        <pb n="386" />
        zur  Mäßigung  gegeben  werden  sollten,  die  geeignet  sind,
ihm  begreiflich  zu  machen,  wie  unangebracht  eine
Intervention  in  Belgrad  wäre,  in  der  man
eine  Drohung  des  Wiener  Kabinetts  sehen
könnte.

„Der  englische  Botschafter  hak,  von  Sasonow  ins  Verkrauen
  gezogen,  die  Überzeugung  ausgesprochen,  daß  seine
Regierung  sich  zweifellos  einem  solchen  Schrikk,  der  eine
Gefahr  für  den  allgemeinen  Frieden  heraufbeschwören
  könnte,  anschließen  würde,  und  hak  in
diesem  Sinne  an  seine  Regierung  kelegraphierk.

„Herr  Sasonow  hat  zu  diesem  Zweck  Instruklionen  an
Herrn  Schebeko  (rsischen  Botschafter  in  Wiens  geschickk.
Ohne  daß  es  sich  hier  um  einen  verabredeten  Kollekkivschritt
  der  Vertreker  des  Dreiverbandes  in  Wien  handeln
  soll,  biete  ich  Sie,  über  diese  Frage  mik  den  Bockschaftern
  Rußlands  und  Englands  Rücksprache  zu  nehmen
  und  sich  mik  ihnen  über  das  für  jeden  von  ihnen
geeignetste  Mittel  zu  verständigen,  um  unverzüglich  die
Ratschläge  zur  Mäßigung  an  den  Grafen  Berchthold
gelangen  zu  lassen,  die  uns  die  augenblickliche  Lage  zu
erfordern  scheint.  Ich  füge  hinzu,  daß  auch  Herr  M.
Cambon  (sranzösischer  Botschafter  in  London,  ersucht
werden  müßte,  die  Rützlichkeit  dieses  Schrikkes  Sir
Edw.  Grey  gegenüber  gelkend  zu  machen  und  die  Anregung,
  die  der  englische  Bokschaster  in  Rußland  zu  diesem
  Zwecke  im  Foreign  office  gegeben  hak,  zu  unkerstützen.
  Graf  Benckendorf  (der  rufsische  Bokschafter  in
London]  ist  angewiesen,  den  gleichen  Rak  zu  erkeilen.“1

 

1)  Französisches  Gelbbuch  Nr.  22.

376
        <pb n="387" />
        Was  geht  aus  diesem  Telegramm  hervor?  Daß  zwischen
  Sasonow,  Poincaré,  Viviani  und  Lord  Buchanan
während  des  Besuchs  des  Präsidenten  der  Republik,  der
angeblich  nur  die  Erhaltung  des  Friedens  zum  Zweck
hatte,  verabredek  worden  ist,  in  einer  Angelegenheik,  in
der  jede  Großmachk,  die  noch  eine  Spur  von  Selbstachkung
  besaß,  jede  Einmischung  anderer  Nächte  als  einen
seindseligen  Akk  betrachten  mußte  —  man  bedenke,  daß
es  sich  um  die  Ermordung  des  Thronfolgers  handelke  —
einen  Druck  auf  die  österreichische  Regierung  auszuüben,
damit  ein  Skaak,  dessen  Regierung,  wie  jetzk  feststehr,
passiye  Mi#wisserin  eines  graufamen  Mordes  war  und,
wie  schon  damals  feststand,  den  Nachbarstaak  in  seinen
Lebensbedingungenbedrohle,  gegen  Forderungengeschützt
würde,  die  ihr  wie  Drohungen  erscheinen  könnken.  Und
IR#änner,  die  solche  Verabredungen  getroffen  hakten,
wagen  es  acht  Jahre  späker,  zu  behaupken,  sie  seien  damals
  von  Pekersburg  abgereist,  ohne  auch  nur  an  die
entsfernke  Möglichkeit  eines  Krieges  gedacht
zu  haben.  Sie  glaubken  nichk  nur  an  die  Möglichkeit
eines  Krieges,  sondern  sie  hakten  sich  —  das  ist  der  unabweisbare
  Hinkergedanke  der  in  Pekersburg  gekroffenen
Verabredung  —  entschlossen,  solchen  Krieg  zu  einem
Weltkrieg  auszugeskalken,  wenn  der  Kollektivschritt,
  den  sie  heuchlerisch  nichk  als  solchen  bekrachket
wissen  wollken,  das  in  der  Verkeidigung  gegen  ein  ungeheures
  Verbrechen  begriffene  Osterreich  nicht  einschüchkern
  würde.

Diese  Absicht  gehl  auch  aus  den  Worken  hervor,  die
Herr  Poincaré  in  Pekersburg  zum  Grafen  Szapary,  dem
österreichischen  Bokschafter,  sagke:  „AMit  ekwas  gutem

377
        <pb n="388" />
        Willen  ist  diese  serbische  Angelegenheit  leicht  zu  ordnen.
Aber  sie  könnte  auch  ebenso  leicht  ausarten.  Serbien  hat
sehr  warme  Anhänger  im  russischen  Volke.  Und  Rußland
  hat  einen  Bundesgenossen,  Frankreich.
Was  könner  sich  da  für  Berwicklungen  ergeben?“

Diese  Worte,  in  denen  der  Mord  eines  Thronfolgerpaares
  fast  wegwerfend,  wie  eine  ganz  gleichgülkige,  leicht
zu  ordnende  Angelegenheit  bezeichnek  wird,  konnke  der
österreichische  Bofschafker  gar  nicht  anders  auffassen  als
wie  eine  Drohungmik  dem  Welrkrieg.  Und  als
solche  sollken  sie  auch  bekrachkek  werden.  Denn  sie  waren
die  Antwork  auf  die  folgende,  vollkommen  berechkigke,
den  unangemessenen  JIUahnungen  Poincarés  enkgegengehaltene
  Bemerkung  des  Grafen  Szapary:  „Wir  können
es  nichk  dulden,  Herr  Präsidenk,  daß  eine  fremde  Regierung
  auf  ihrem  Grund  und  Boden  Vorbereikungen  zu
einem  Anschlag  auf  unsere  Sorweränikäl  zuläßtk.“

Stärkerer  Beweise  dafür,  daß  Rußland  fest  enrschlossen
war,  wenn  ihm  die  Forderungen  Osterreichs  an  Serbien
zu  hark  erschienen,  den  Welkkrieg  zu  enkfesseln,  und  daß
sich  Frankreich  verpflichket  hakke,  in  diesem  Falle  auf  seiner
Seike  zu  stehen,  bedarf  es  nichk.

Schon  im  Besitz  der  Kennknis  des  bis  jetzt  bekannk  gewordenen
  urkundlichen  MM#akerials  muß  jeder  unparkesche
Richker  den  Worken  zustimmen,  mit  denen  Morhardt  in

 

1)  Stehe  Maurice  Paléologue:  Am  Zarenhofe  während  des  Welekrieges.
  Deutsche  Übersetzung  S.  9.  Dieses  Gespräch,  das  auf  Micceilungen
  des  Grafen  Szapary  beruht,  wird  bestäcige  durch  den  Bericht  des
deutschen  Botschafters  in  Petersburg,  Grafen  Pourkales,  vom  33.  Juli
1014  (Deuesche  Dokumente  zum  Kriegsausbruch,  Bd.1,  S.152,  Nr.  134)
und  den  Bericht  Szaparys  vom  33.  Juli  im  österreichischen  Rotbuch.

378
        <pb n="389" />
        seinem  oben  erwähnten  Buche  die  Schlußfolgerung  aus
der  Entstehungsgeschichte  der  Depesche  von  Reval  zieht:
„So  beweisen  die  am  22.  und  24.  Juli  aus  Pekersburg!
und  aus  Reval  an  die  russischen  und  französischen  Bokschafter
  gesandken  Instrukkionen,  daß  in  einem  Augenblick,
in  dem  weder  die  russische,  noch  die  französische,  noch  die
englische  Regierung  die  Ergebnisse  der  in  Serajewo  eröffneken
  gerichtlichen  Unkersuchung  gegen  die  Anstifter
und  die  Vollstrecker  des  Atkenkats  kannten,  dessen  Opfer
der  österreichische  Thronfolger  und  seine  Frau  geworden
waren,  die  Mächte  des  Dreiverbandes  sich  zu  offiziellen
Beschützern,  des  Mordes  aufwarfen.  So  hat  der  Krieg
für  das  Recht  begonnen.“

Dafür  aber,  daß  Deutschland  den  Krieg  lokalisieren
wollke,  besitzen  wir  außer  zahlreichen  Noken  des  deutschen
Auswärkigen  Amtes  an  alle  Großmächke  ein  Zengnis
von  der  Gegenseike,  das  besonders  werkvoll  ist,  weil
es  das  schlechke  Gewissen  des  Herrn  Sasonow  aus  einem
rufsischen  Akkenstück  ausgemerzt  hak.  In  einer  Depesche,
die  der  rufsische  Geschäftskräger  in  Paris,  Herr  Sewastopulo,
  am  a4.  Juli  an  seinen  Minister  des  Außeren  sandke,
freilich  nicht  in  dem  Abdruck  davon,  den  das  russische
Orangebuch  veröffenklicht  hak,  stehen  folgende  Worke:
„Deutschland  wünsche  heiß  die  Lokalisierung
des  Konflikks,  da  die  Einmischung  einer  anderen
Macht  auf  Grund  der  bestehenden  Verkräge  unberechenbare
  Folgen  nach  sich  ziehen  könnte.“?

 

1)  Am  ag.  Juli  hatte  Sasonow  dem  russischen  Botschafter  in  Wien
denselben  Auftrag  erteilt,  den  Biviani  am  a4.  Dumaine  übermitteln  ließ.

a)  „Die  Gälschungen  des  russischen  Orangebuches“,  von  Freiherrn  G.
o.  Romberg  G.  14.

379
        <pb n="390" />
        Schon  im  Beginn  des  Krieges,  als  das  Orangebuch
veröffentlicht  wurde,  war  man  entschlossen,  die  wahrheitswidrige
  Behauptung  aufzustellen,  daß  Deutschland  den
Weltkrieg  hervorrufen  wollte.  Darum  durfte  diese  Bemerkung
  eines  russischen  Diplomaten,  die  das  Gegenteil
besagte,  der  Welt  nicht  bekannt  werden.  Sie  wurde
unkerschlagen.  Und  noch  mehr  als  die  Bemerkung
se  Ibst  iüst  die  Enkhüllung  ihrer  Unkerschlagung  ein  vernichkender
  Schlag  gegen  die  Schuldlüge.

Dem  Vorwurf,  von  vornherein  zur  Enkfesselung  des
Welkkrieges  enkschlossen  gewesen  zu  sein,  wenn  Osterreich
Forderungen  aufstellen  sollke,  die  Rußland  zu  hark  erschienen,
  begegnen  die  Ankläger  Deutschlands  mit  dem
Hinweis  darauf,  daß  Rußland  sowohl  als  Frankreich
und  England  auch  in  Belgrad  zur  NMr#äßigung  und  zur
NachgiebigkeitF  geraken  häkten.  Alle  diese  Rarschläge
konnken  aber  auf  die  serbische  Regierung  keinen  Eindruck
mehr  machen,  nachdem  der  Regenk  von  Serbien,  der
Kronprinz  Alexander,  das  Telegramm  des  Zaren  vom
27.  Juli  erhalken  hakte.  Es  heißt  darin  zwar:  „Ich  zweifle
nichk,  daß  Eure  Königliche  Hoheit  und  die  königliche  Regierung
  den  Wunsch  hegen,  diese  Aufgabe  (die  Beilegung
der  gegemwärkigen  Schwierigkeiten)  zu  erleichkern,  indem
sie  nichks  vernachlässigen,  was  zu  einer  Lösung  führen
kann.“  Aber  es  wird  darin  gleichzeitig  ausgesprochen,
was  geschehen  würde,  wenn  das  nicht  gelänge:  „Wenn
wir“,  so  schließt  das  Telegramm,  „kroßz  unseres  aufrichtigen
  Wunsches  erfolglos  bleiben,  kann  Eure  Hoheit
sicher  sein,  daß  Rußland  sich  in  keinem  Falle
an  dem  Schicksal  Serbiens  desinkeressieren
wird."“

380
        <pb n="391" />
        Daß  ein  Versprechen,  welches  durch  die  Worte  „in
keinem  Falle“  aller  Schranken  beraubt  wurde,  die  mäßi--gende
  Wirkung  jeder  Mahnung  auf  eine  Regierung  im
Keime  ersticken  mußte,  die,  wenn  der  Weltkrieg  ausbrach,
die  Erfüllung  ihrer  heißesten  Sehnsucht  zu  erleben  hoffte,
mußte  der  Absender  dieses  Telegramms  wissen.  Wenn
seine  Ratschläge  also  ernst  gemeint  waren,  wenn  er
wuünschte,  daß  sie  befolgt  würden,  so  hätte  er  sie  nicht
durch  dieses  Versprechen  um  ihre  Wirkung  bringen
dürsen.  Es  hätte  ihm  dann  ja  immer  noch  freigestanden,
dem  slawischen  Brudervolke  zu  helfen.

Nach  diesen  Feststellungen  scheink  es  sich  mir  zu  erübrigen,
  Deutschland  gegen  die  auf  diese  Zeit  sich  beziehenden
  Anschuldigungen  seiner  Ankläger  und  insbesondere
der  Herren  Bourgeois  und  Pagss,  die  sich  im  wesenklichen
auf  die  Randbemerkungen  des  Kaisers  stützen,  eingehend
zu  verkeidigen.  Die  furchkbare  Erregung,  in  die  das  Vorgehen
  der  Enkenkemächte  gegen  Osterreich  den  Kaiser  verletzte,
  läßt  seine  Zornesausbrüche  begreiflich  erscheinen.
Alle  diese  Randbemerkungen  lassen  aber  den  Schluß
nichk  zu,  daß  er  den  Krieg  gewollk  habe,  sie  enkstammen
vielmehr  der  ihn  in  der  Tiefe  seines  Wesens  erschütkernden
  UÜberzeugung,  daß  der  Krieg  ihm  aufgezwungen
werden  sollke.  Und  dieses  Gefühl  war  durchaus  begründek.
  Eine  alle  Einzelheiken  berücksichtigende  Widerlegung
der  auf  den  Juli  bezüglichen  Anklagen  unserer  Feinde
scheink  mir  umso  weniger  nötlig,  als  gerade  sie  in  dicken
Büchern  von  deutschen  und  ausländischen  Forschern  widerlegtk
  worden  sind,  und  als,  wie  oben  gesagk,  die  in  den
vorigen  Kapikeln  eingehend  begründeke  Widerlegung
der  Behaupkung,  Deukschland  habe  den  Krieg  seik  Jahr-381
        <pb n="392" />
        zehnten  gewollt  und  vorbereitet,  die  Widerlegung  dieser
Anklagen  einschließt.

Die  Pulverfässer  waren  in  Gestalt  der  panslawistischen,
von  Rußland  geschürten  Bestrebungen  der  Balkanvölker
und  in  Gestalk  von  Bündnissen,  die  Panslawismus=  und
Revanchelust  gezeitigt  hakten,  und  die  durch  jährlich  revidierke
  Milikärkonvwenkionen  mik  ganz  besonders  gefährlichen
  Zündstoffen  gefüllt  waren,  rings  um  die  Mirkelmächre
  aufgestellt.  Der  Mord  von  Serajewo  steckte  eines
von  diesen  Fässern  in  Brand.  Deurschland  versuchte,  die
anderen  vor  der  Ausbreikung  des  Feuers  zu  schützen.  Am
30.  Juli  stand  das  gefährdete  Europa  dichk  vor  der  rekkenden
  Wirkung  dieser  Versuche.  Denn  am  Tage  vorher
  hakte  Bekhmann  Hollweg  abends  um  11  Uhr  dem
deulschen  Bokschafker  in  Pekersburg  milkeilen  lassen,  daß
er  in  Wien  darauf  hinwirke,  die  österreichische  Regierung
zu  der  Versicherung  zu  bewegen,  daß  ihre  milikärischen
JKaßnahmen  gegen  Serbien  nur  eine  vorübergehende
Besetzung  bezweckken,  um  Serbien  zur  Schaffung  von
Garankien  für  künftiges  Wohlverhalken  zu  zwingen.
In  derselben  Nacht  kelegraphierte  der  deutsche  Reichskanzler
  kurz  nacheinander  um  2  Uhr  556  und  um  ZUhr  zuerst
die  warnende  Depesche  Lord  Greys  vom  2g9.  Juli,  die  Englands
  erste  Kriegsdrohung  enthielk  und  damit  den  Vorschlag
  einer  Vermikklung  zu  Vieren  verband,  dann  ein
Telegramm  des  Grafen  Pourkalés  aus  Pekersburg,  der
meldeke,  Sasonow  habe  ihm  mitgekeilk,  daß  das  Wiener
Kabinekk  die  Aufforderung,  in  direkle  Verhandlungen
mit  Rußland  einzukreken,  mik  kakegorischer  Ablehnung

 

1)  Deutsche  Dokumenke  zum  Kriegsausbruch  Bd.  I1  Nr.  380.

382
        <pb n="393" />
        beantwortet  habe,  an  den  deutschen  Botschafter  in  Wien,
und  fügte  dem  ersten  Telegramm  die  Aufforderung  bei,
die  von  Grey  angeregte  Vermittlung  anzunehmen  oder
die  Verantworkung  für  alle  aus  der  Ablehnung  entstehenden
  Folgen  zu  tragen.  Im  zweiten  Telegramm  aber
verstieg  er  sich  sogar  zu  einer  Warnung  des  Verbündeken,
die  sich  von  einer  Drohung  mit  der  Ableugnung  des  casus
foederis  kaum  noch  unkerschied.  1  Gleichzeitig  beschwor
ein  Telegramm  des  Kaisers  —  abgesandk  am  2g.  Juli
6  Uhr  zo  abends  —  den  Zaren,  keine  neuen  milikärischen
Maßregeln  zu  ergreifen,  was  bekannklich  die  Zurücknahme
  des  bereiks  ergangenen  Mobilisationsbefehls  zur
Folge  hakke.  Alle  diese  Schrikke  der  deutschen  Regierung,
die  im  Laufe  des  3o.  Juli  durch  immer  dringender  werdende
  Mahnungen  nach  Wiem  und  durch  die  nach  London
  gerichkeke  Bikke  unkerstützt  wurden,  in  Pekersburg
den  Aufschub  weikerer  milikärischer  I##aCregeln  anzuraken,
  bis  das  Wiener  Kabinekk  sich  zu  den  dringenden
deulschen  Forderungen  geäußerk  habe,  begannen  gerade
  in  Wien  ihre  Wirkung  auszuüben.  Die
Enkscheidung  verzögerke  sich  nur,  weil  der  ungarische  JMinister
  Tisza  auf  der  Reise  von  Budapest  nach  Wien  war
und  manihn  hören  wollke.  Darang  am  Zo.  Juli,  um
1  Uhr  mikkags,  Sasonow,  vom  Generalfstab- 



1)  Deutsche  Dokumente  zum  Kriegsausbruch  Bd.  II  Nr.  395  und
396.  „Wir  sind  zwar  bereit,  unsere  Bündnispflicht  zu  erfüllen,  müssen
aber  ablehnen,  uns  von  Wien  leichtfertig  und  ohne  Beachtung  unserer
Ratschläge  in  einen  Welebrand  hineinziehen  zu  lassen.“

2)  Ebendaselbst  Nr.  437  Telegr.  des  Kaisers  an  Kalser  Franz  Joseph.
Nr.  441.

3)  Ebendaselbst  Nr.  4og  und  435.

383
        <pb n="394" />
        chef  Januschkewitschund  dem  Kriegsminister
Suchomlinow  beschworen,  dem  Zaren  zum
zweiken  Mal  den  Befehl  zur  allgemeinen
INobilmachung  ab.!  Um  6  Uhr  abends  dikkierke  der
General  Dobrorolski,  der  Chef  des  kechnischen  Dienstes  der
rusischen  IMobilisakion,  im  großen  Saale  des  Haupkkelegraphenamtes
  den  Mobilmachungsbefehl  und  warf  mit
ihm  die  Brandfackel  in  alle  Pulverfässer,  die  von  den
Udächten  des  Dreiverbandes  in  Europa  aufgestelltworden
waren.

Daß  die  rufsische  Ilobilmachung  den  Welkkrieg  unvermeidlich
  machke,  weil  sie  nach  rufsischer  Uberlieserung
gleichbedeukend  mik  der  Kriegserklärung  war,  ist  über
jeden  Zweifel  erhaben.

Wenn  der  Kaiser  wirklich  seit  Jahren  auf  die  Gelegenheit
  zur  Enkfesselung  eines  Welkkrieges  gewarkek  häkte,
so  wäre  es  psochologisch  gar  nichk  zu  erklären,  daß  er  die
Mobilisation  nichk  sofork  mit  der  Kriegserklärung  beankworkek
  hak.  Denn  dazu  gab  sie  ihm  das  nichk  abzustreikende
  Rechk.  Er  hat  aber  nichk  einmal  sofork  die  IKobilmachung,
  sondern  nur  den  Zuskand  der  drohenden
Kriegsgefahr  angeordnek  und  ließ  am  3r.  Juli  nachmikkags
  die  russische  Regierung  auffordern,  binnen  zwölf
Stkunden  zu  erklären,  ob  sie  die  I—Xobilmachung  rückgängig
machen  wolle.  Erst  als  diese  Aufforderung  abschlägig  beankworkek
  wurde,  erfolgke  die  Kriegserklärung,  dienichs
anderes  als  ein  Akt  der  Notwehr  in  höchster
Lebensgefahr  war.

 

1)  Dobrorolski,  Die  Mobilmachung  der  russischen  Armee,  S.  28.
2)  Siehe  Akeen  Bd.VI,  Nr.  275,  S.  Loh  und  französisches  Gelbbuch:
L  'Alliance  franco-russe  Nr.  71  S.  95  ff.

384
        <pb n="395" />
        Es  gibt,  glaube  ich,  keinen  denkenden  Menschen  auf
der  Welt,  der  heute,  nach  der  Veröffentlichung  der  Papiere
  Iswolskis,  noch  glaubt,  daß  Frankreich  neutral  geblieben
  wäre,  wenn  Deutschland  ihm  den  Krieg  nicht  erklärt
  hätte.  Die  Antwort,  die  Herr  Viviani  auf  die  Frage,
ob  Frankreich  neutral  bleiben  würde,  gab,  mußte  nach
allem,  was  wir  wußten,  für  gleichbedeutend  mit  einem
kategorischen  „Nein“  gehalten  werden.  Da  der  Schliefsensche
  Plan,  der  im  Falle  eines  uns  aufgezwungenen
Zweifronkenkrieges  unker  allen  Umständen  durchgeführt
werden  mußte,  den  milikärischen  Angriff  auf  Frankreich
  vorsah,  konnke  Deutschland  nichk  mit  Gewehr  bei
Fuß  an  der  französischen  Grenze  stehen  bleiben,  bis  Frankreich
  ihm  den  Krieg  erklärke.  Solches  Abwarken  wäre
gleichbedeukend  mit  dem  Verzichk  auf  den  Sieg  gewesen.

Die  Kriegserklärung  an  Frankreich  war  also  die
zwangsläufige  Folge  der  Kriegserklärung  gegen  Rußland.
  Die  Welk  war  in  Brand  gesteck.

Und  nun  will  ich,  obgleich  der  Einmarsch  in  Belgien
eigentlich  mil  der  Verankworklichkeit  für  den  Ausbruch
des  Weltkrieges  nichks  zu  kun  hat,  weil  er  nichk  eine  der
Ursachen,  sondern  eine  Folge  des  Kriegsausbruchs
war,  zum  Schluß  noch  einige  Worke  über  die  Verletzung
der  belgischen  Neukralikät  sagen,  weil  der  Einmarsch
in  Belgien  von  unseren  Feinden  dazu  benutzk  worden
ist,  die  Fluk  der  von  ihnen  gegen  Deutschland  enffesselten
Weltentrüstung  durch  den  Vorwurf  des  Völkerrechtsbruchs
  zu  noch  gewaltigerer  Höhe  anschwellen  zu  lassen.

Nach  den  Erklärungen,  die  Herr  v.  Bekhmann  Hollweg
  am  4.  August  im  Reichskag  und  vorher  dem  englischen
  Botkschafter  abgegeben  hat,  ist  es  überflüssig,  den
Kronprinz  Wilbelm,  Ich  suche  d.  W.  25

385
        <pb n="396" />
        Nachweis  dafür  zu  erbringen,  daß  wir  berechtigt  waren,
in  Belgien  einzumarschieren.  Denn  die  ganze  Schuldfrage
  ist  eine  moralische,  keine  völkerrechkliche
Frage.  Das  Völkerrecht  bekrachtet  keine  Kriegserklärung
  als  ein  Verbrechen.  Zum  Verbrechen  stempelk  sie
nicht  einmal  das  Völkerbundsstatuk,  sondern  erst  das
Genfer  Prokokoll,  das  voraussichtlich  niemals  Rechtskraft
  erlangen  wird.  Es  wird  deshalb  durch  den  Verkrag
von  Versailles  Deutschland  nur  vorgeworfen,  durch  die
Entfesselung  des  Welkkrieges  die  Gesetze  der  Moral
verletzt  zu  haben.  Und  deshalb  würde  es  unsere  Feinde
ebensowenig  veranlassen,  uns  wegen  der  Verletzung  der
belgischen  Meukralikät  nicht  mehr  mit  ihren  Vorwürfen
zu  überhäufen,  wenn  es  uns  gelänge,  zu  beweisen,  daß
wir  berechkigk  waren,  durch  Belgien  zu  marschieren,  wie
sie  das  uns  unzweifelhaft  völkerrechklich  zustehende  Recht
zur  Kriegserklärung  verhinderk  hat,  die  Entfesselung  des
Welkkrieges  für  das  größke  Verbrechen  der  Geschichte  zu
erklären.  Die  deulsche  Regierung  hakte  —  das  beweisen
die  Erklärungen  des  Reichskanzlers  —  das  Bewußk-=sein
  einer  Verkragsverletzung,  als  unsere  Truppen  die
belgische  Grenze  überschrikken,  und  diese  Taksache  würde
uns  moralisch  belasten,  auch  wenn  wir  nachweisen  könnken,
  keine  Verkragsverletzung  begangen  zu  haben,  und
darum  juristisch  freigesprochen  werden  müßken.  Sie
würde  uns  moralisch  belasten,  wenn  nichk  im  Leben
der  Völker  noch  viel  mehr  als  im  Leben  des
einzelnen  nichk  nur  im  jurifstischen,  sondern  auch
in  moralischem  Sinne  das  Rechk  zur  Notwehr
immer  anerkannk  worden  wäre.

Wir  befanden  uns  nichk  nur  in  dem  Glauben,  sondern

385
        <pb n="397" />
        es  war  auch  sicher,  daß  wir  den  uns  aufgezwungenen  Krieg
verlieren  mußten,  wenn  wir  nicht  durch  Belgien  marschiert
  wären.

In  dem  Kampf  gegen  gewaltige  Uberlegenheiken  gab
es  für  uns  nur  die  eine  Chance,  zunächst  über  einen  unserer
Gegner  einen  schnellen  und  enkscheidenden  Erfolg  zu  erringen.
  Frankreich  gegenüber  war  dies  nur  mit  unserem
durch  Belgien  ausholenden  Flügel  möglich.  So  wurde
der  Marsch  durch  Belgien  ein  Akk  der  Notwehr.

Während  des  Krieges  haben  die  Verbündeken,  trotzdem
bei  ihrer  gewaltigen  numerischen  und  wirtschaftlichen  Überlegenheit
  bei  ihnen  von  Nokwehr  nichk  die  Redesein  konnke,
die  Neutralität  Griechenlands  verletzk,  indem  sie,  den
Prokest  des  Königs  Konstankin  und  seiner  Regierung  mißachtend,
  Truppen  in  Saloniki  landeten.  Sie  haben  durch
diesen  Gewaltakt  eine  große  Kriegsgefahr  über  einen  Staak
heraufbeschworen,  zu  dessen  Schutz  die  drei  mächtigsten
von  ihnen  verkraglich  verpflichkek  waren.

Unker  allen  Völkern  der  Erde  hak  aber  keines  weniger
  Rechk,  uns  vorzuwerfen,  daß  wir  von  dem  Rechk  der
Notwehr  Gebrauch  gemachk  haben,  als  dasjenige,  das
uns  angeblich  um  der  Verletzung  der  belgischen  Neukralikät
  willen  den  Krieg  erklärk  har,  als  das  britische  Volk.
Denn  gerade  England  würde  in  gleicher  Lage  nichk  anders
  gehandelk  haben,  jahal  in  einer  Lage,  die  nicht  den
zehnten  Teil  so  gefährlich  für  seine  staatliche  Existenz
war  wie  die  Lage  Deutschlands  Ende  Juli  1974,  sich
noch  viel  weniger  um  das  Völkerrecht  gekümmerk  als
Deutschland.  Es  bombardierke  im  Jahre  1807  ohne
Kriegserklärung  Kopenhagen  und  raubke  die  dänische
Flotte,  weil  es  fürchkele,  daß  Dänemarks  Schiffe  die

387
        <pb n="398" />
        französischen  Geschwader  verstärken  würden.  Aber  nicht
sowohl  die  Tatsache  dieses  Völkerrechtsbruchs  beraubt
England  des  Rechts,  die  Schalen  seines  Zornes  über
Deutschland  auszugießen,  weil  wir  den  Verkrag  von
1839  verletzk  haben,  als  die  Gründe,  mit  denen  sein
König,  seine  Skaaksmänner  und  seine  Volksverkreker
diesen  VBölkerrechksbruch  verkeidigk  haben.

Zwei  Wochen  nach  der  Beschießung  von  Kopenhagen
und  dem  Raub  der  dänischen  Flokke  erließ  der  König
von  England  eine  Proklamation,  in  der  er  den  Angriff
auf  Dänemark  rechkferkigke.  Darin  heißk  es:  „Wenn  der
König  auch  die  graufame  Nokwendigkeik  bedauerk,  die
ihn  genötigt  hak,  zu  feindseligen  Handlungen  gegen  eine
Natkion  zu  schreiken,  mik  der  er  gemeinsame  Inkeressen  zu
verfolgen  und  im  Bunde  zu  stehen  ernstlich  bemühr  war,
so  erfüllé  ihn  doch  die  Zuwersichk,  daß  die  Rechtferkigung
seines  Vorgehens  von  Europa  und  von  der  Welk  in  der
gebiekerischen  und  unabweisbaren  Pflicht  gesunden
  werden  wird,  die  allen  anderen  Pflichken  eines
Herrschers  vorangehl,  in  der  Pflicht,  für  die  unmittelbare
  Sicherheik  seines  Volkes  zu  orgen,
  solange  es  noch  Zeik  ist.“1

Diese  Proklamation  wurde  am  3.  Februar  1808  zum
Gegenstand  einer  Debakte  im  Unkerhause  gemacht.  Ein
Meitglied  der  Opposikion,  der  Abgeordneke  Ponsonby,
sagke  zur  Begründung  der  von  ihm  eingebrachten  Inkerpellakion:
  „Riemals  hak  ein  Verkreker  des  Bölkerrechts
oder  des  gemeinen  Rechts  behaupkek,  daß  eine  Macht  berechtigk
  ist,  das  Eigenkum  einer  anderen  Machk  fortzu-1)

  Siehe  hierzu  und  zum  folgenden  William  Cobett,  Parliamentar?
Debates,  London  1808—1811,  Bd.  VIII,  S.  115  u.  ff.  und  G.  253  u.  ff.

388
        <pb n="399" />
        nehmen,  wenn  nicht  eine  dritte  Macht  da  sei,  die  sich  dieselben
  Dinge  aneignen  will  und  kann.“  Die  große  Mehrheit
  des  Hauses  stand  auf  enkgegengesetzkem  Standpunkt.

Der  Abgeordneke  Milnes  sagke:  „Kein  Nakurrecht
kann  durch  Maßregeln  verletzk  werden,  die  wir  zu  unserer
  eigenen  Sicherheit  ergreifen  mußken.  Es  ist  die  verwerflichste
  aller  Moralvorschriften  (the  most
flagitious  of  all  descriptions  of  morality),  die  das  Verlangen
  erhebk,  daß  man  eine  Gelegenheikt  zur
Selbsterhaltungnichk  benutzk.“

Der  Abgeordneke  Lushingkon  ging  noch  weiter.  Er
sagke:  „Das  ursprüngliche  Rakurrechk,  das  Fundament
des  Völkerrechts,  ist  die  Selbsterhalkung  des  Jenschen.
Auf  die  Kennknis  seiner  Nakur  muß  die  Wissenschaft
von  seinen  Pflichken  sich  gründen.  Wenn  er  fühlk,  daß
ihm  eine  gewaltige  Gefahr  droht,  und  sein  Verstand  ihn
die  Mittel  zu  ihrer  Abwehr  finden  läßk,  muß  er  den
sophistischen  Tropf  (the  sophistical  trifler)  zurückweisen,
  der  ihm  erzählk,  es  sei  seine  moralische  Pflicht
gegen  seine  M#i#tmenschen,  zu  warken,  bis  die  Gefahr  über
sein  körichkes  Haupk  hereinbrichk,  damik  er  dem  Werkzeug,
  durch  das  er  vernichkek  werden  soll,  nur  ja  keinen
Schaden  zufüge.  Auf  Grund  dieses  allgemeinen  Grundsatzes
  des  Nakurrechks  und  des  VBölkerrechts  behaupke
ich,  daß  die  Expedikion  gegen  Kopenhagen  moralisch
  und  nokwendig  war.“

Und  Lord  Palmerston,  der  damals  noch  sehr  junge,
später  so  berühmt  gewordene  große  briktische  Staaksmann,
  verkeidigke  die  Regierung  mit  folgenden  Worken:
„Es  ist  von  einem  ehrenwerken  Gentleman  sehr  viel  von
Völkerrechk,  Gerechkigkeik  und  Polikik  gesprochen  wor-389
        <pb n="400" />
        den.  Ich  bin  gewiß  ebenso  bereit  und  gewillt  wie  jeder
andere,  diesen  Dingen  Ehrfurcht  zu  zollen  und  ihre  Anwendung
  zu  empfehlen,  wenn  es  die  Umstände  nur
irgend  gestatten;  ich  fürchte  aber,  daß  diese  Dinge
viel  erörtert,  aber  wenig  verstanden  werden.  Die  Folge
davon  ist,  daß  manche  diese  Ausdrücke  mißbrauchen  und
verwechseln.  Im  vorliegenden  Fall  bin  ich  erfreut,  zu  beobachten,
  daß  wir  diese  Dinge  nicht  ohne  Not  abgeschafft
haben,  oder  mit  anderen  Worten,  daß  wir  sie  in
Übereinstimmung  mit  dem  Naturrecht  gebracht
haben,  das  die  Selbsterhaltung  vorschreibt  und
gebietet.“

Und  endlich  ergriff  auch  der  Minister  des  Außeren,
Herr  Canning,  das  Work  zu  der  folgenden  Erklärung,
die,  wenn  sie  sich  ein  deutscher  Skaaksmann  zur  Rechkferkigung
  der  Verletzung  der  belgischen  Neukralikät  erlaubt
hätte,  als  die  frechste  Ausgeburk  eines  maßlosen  Zonismus
  bezeichnek  worden  wäre.  Er  sagke:  „Wer  kann  behaupken,
  daß  wir  in  einem  Augenblick  unmiktelbarer  Gefahr
  und  dringender  Nokwendigkeik  auf  diese  Unkernehmung
  häkten  verzichken  sollen,  die  Klugheik  und  Politik
von  uns  erheischken,  um  Bedrängnisse  abzuwehren,  die
unsere  Sicherheit  und  unsere  Existenz  bedrohken,  nur  damik
  wir,  wenn  wir  unkergegangen  wären,  den
Trost  gehabk  hätken,  den  Beifall  der  Aunkorität
des  Herrn  Pufendorf  zu  verdienen?!“  —  Wie
milde,  wie  bescheiden,  wie  schüchtern  klingk  neben  diesen
den  ganzen  ungezügelten  Stkolz  des  die  Meere  beherrschenden
  Albion  ohne  jede  falsche  Scham  offenbarenden  Worken
  Cannings  des  Reichskanzlers  Bekhmann  Hollweg  so
viel  geschmähler  Ausspruch:  „Nok  kennk  kein  Gebok!“

390
        <pb n="401" />
        Der  Antrag  der  Opposition,  der  die  Regierung  auf—
forderte,  die  Urkunden  über  die  Verhandlungen  mit
Dänemark  vorzulegen,  wurde  nach  dieser  Debatte  mit
253  gegen  108  Stimmen  abgelehnt.

Ich  glaube  nicht,  daß  irgendein  heutiger  englischer
Staatsmann  eine  andere  Auffassung  von  der  Selbsterhaltungspflicht
  feines  Skaakes  hak  als  Herr  Canning
und  Lord  Palmerston  im  Jahre  1808,  und  ich  kann  deshalb
  nicht  zugeben,  daß  die  englische  Regierung  und  das
englische  Volk  das  Recht  haben,  ihr  Verdammungsurleil
  über  Deutschland  auszusprechen,  weil  es  den  Vertrag
von  1839  in  höchster  Nok  nichk  als  unüberwindliches  Hindernie
  für  den  Marsch  durch  Belgien  bekrachkek  hak.  Denn
auch  ich  bin  mit  Herrn  Canning  der  Ansichk,  daß  es  ein
schlechter  Trost  für  ein  Volk  ist,  den  Beifall  der  großen
Völkerrechkslehrer  zu  sinden,  wenn  es  durch  Verzicht
auf  das  Rechk  der  Selbsterhallung  seine  Freiheik,  seinen
Wohlstand  und  seinen  Welkeinfluß  verloren  hak.

Wir  haben  nun,  nichk  ekwa  weil,  sondern  krotzdem
wir  auf  das  Rechk  der  Selbsterhaltung  nichk  verzichkek
haben,  unsere  Freiheit,  unseren  Wohlstand  und  unferen
Weltkeinfluß  verloren,  weil  eine  Bölkerverbindung  von
nie  dagewesener  Machtfülle  sich  gegen  uns  zusammengesunden
  hak.  Aber  wir  haben  doch  wenigstens  diese  uns  so
ungeheuer  überlegenen  Feinde  durch  die  Wunder  der  Tapferkeit
  unserer  Heere  und  die  aufopferungsvolle  Leidenskraft
  aller  Schichten  unseres  Volkes,  nicht  zum  wenigsten
unserer  Frauen,  daran  verhinderk,  unser  heiliges  Vakerland
  zu  zerstören.  Auch  dieses  Wunder  wäre  nichk  geschehen,
wenn  wir  die  Kriegserklärungen  unserer  Gegner  abgewarkek
  und  die  belgische  Neukralikät  nicht  verletzt  hätken.

391
        <pb n="402" />
        Zwölftes  Kapitel
Die  Auferstehung  der  Wahrheit

Uir  dem  schwer  lastenden  Felsblock  des  Verkrages
von  Versailles  liegk  mik  der  Freiheit,  dem  Wohlstand
  und  dem  Welkeinfluß  Deukschlands  auch  die  Wahrheit
  begraben.  Aber  sie  ist  nicht  kok.  Wenn  man  ihrer
dunklen  Grabkammer  TLicht  und  Lufk  zuführk,  wird  es  in
ihrer  Gruft  beginnen  zu  keimen  und  zu  wachsen,  und
langsam,  aber  mik  unwiderstehlicher  Krafk  wird,  wie  aus
jenem  wundersamen  Grab  auf  dem  Friedhof  von  Hannover,
  der  Baum  emporwachsen,  dessen  Wurzeln  ihre  Unsterblichkeit
  nährk,  und  den  Felsen  sprengen,  der  auf  ihrem
Grabe  lastek.  Denn  noch  jede  Wahrheik,  die  Gewalt,
Verleumdung,  Furche  und  Irrkum  gemordek  haben,  hat
nach  ihrem  Golgatha,  und  wenn  es  noch  so  lange  gedauerk
  häkke,  ihre  Auferstehung  gefunden.

Dieses  Buch  soll  nichks  anderes  sein,  als  eines  von  den
Werkzeugen,  die  den  Felsen  durchbohren  helfen,  um  dem
Licht  und  der  Lufkt  den  Weg  in  die  Gruft  der  Wahrheit
zu  bahnen.

In  allen  Ländern  der  Erde,  und  nicht  am  wenigsten
wirksam  in  denen,  deren  VBölker  die  Schuldlüge  mit  unausroktbar
  scheinendem  Haß  gegen  Deutschland  beseelt
hak,  sind  solche  Werkzeuge  an  der  Arbeit.

Der  leidenschaftlichste  unker  diesen  Werkmeistern  im
Dienst  für  die  Befreiung  der  Wahrheik,  der  Engländer
E.  D.  Morel,  dessen  im  November  1924  erfolgter  Tod
einen  unersetzlichen  Verlust  bedeutek,  hak  seinem  letzten
  Aufsatz  gegen  die  Kriegsschuldlüge  den  Titel  „Kein

392
        <pb n="403" />
        Friede  ohne  Wahrheit“  gegeben.  Er  sagt  darin:  „Die
Ablehnung  der  bewußten,  vorbedachten  Schuld  am
Kriege  gründek  sich  auf  ein  Beweismakerial,  das  geradezu
  überwältigend  ist  .  Die  Annahme  des  Dawesplans
wird  als  der  Beginn  einer  neuen  Ara  begrüßtk.  Eine  kollere
  Selbstkäuschung  läßt  sich  garnichk  denken.  Er  bedeutet
  höchstens  eine  Pause,  in  der  man  Akem  schöpfen  kann.
Denn  er  legt  Bürden  auf,  er  stellt  Forderungen,  er  verlangk
  in  Permanenz  das  Recht  fremder  Einmischung  in
die  inneren  Angelegenheiken  eines  großen  Volkes  —  ein
in  der  Geschichte  unerhörker  Vorgang  —  und  diesen  Bürden,
  diesen  Forderungen  und  Ansprüchen  wird  eine  unanfechkbare
  Rechksgelkung  beigemessen,  weil  die  davon
betroffene  Nation  in  kalfer  Uberlegung  unrecht  gehandelk
  haben  soll.  Sobleibt  das  moralische  Brandmal,
  das  die  Seele  versengk,  bestehen.  Der
Mythus  von  der  deutschen  Werschwörung,  das  Postulak
von  der  Alleinschuld  Deutschlands  —  wie  man  das
Ding  auch  nennen  mag  —  diese  verderbliche  Legende
ist  der  Ursprung  allen  Unheils,  der  Tragö—
die  geschändeter  Gerechtigkeit,  der  Tragö-=die,
  worin  die  Verneinungder  Gerechtigkeit
zum  System  geworden,  der  Tragödie  eines
Europa,  das  abermals  zum  Kriege  rüstet.“
„Das  moralische  Brandmal,  das  die  Seele
versengtk.“  Um  die  Auskilgung  dieses  Brandmals,
durch  das  das  deutsche  Volk,  wie  in  früheren  graufamen
Zeiten  aus  dem  Zuchthaus  enklassene  Verbrecher,  aus  der
Gemeinschaft  der  Menschen  ausgeschieden  werden  sollte,
handelk  es  sich  in  diesem  Kampf.  IU#ögen  Wohlstand  und
Freiheit  und  Welteinfluß  durch  die  unbesiegbare  Kraft

393
        <pb n="404" />
        deutscher  Tüchtigkeit  und  deutschen  Arbeitswillens  allmählich
  zurückerobert  werden,  —  ohne  daß  dieses  Brandmal
  ausgelöscht  ist,  kann  es  in  Deutschland  keine  rechte
Freude  am  Aufstieg,  kein  rechtes  Glück  geben.  Darum  ist
nicht  die  Aufhebung  der  Bestimmungen  des  Vertrages
von  Versailles,  die  ihre  Dornenkrone  im  Dawesplan  gefunden
  haben,  das  wesentliche  Ziel  dieses  Kampfes.  Jch
glaube,  daß  sich  MMorel  täuschk,  wenn  er  annimmk,  daß
die  Bürden,  die  uns  dieses  neugeschmiedeke  Werkzeug
der  Demütigung  anuferlegk,  sofork  von  uns  genommen
werden  würden,  wenn  die  Wahrheit  erwiesen  wäre.  Das
nächste  und  erste  Ziel,  das  in  dem  Kampf  um  die  Befreiung
  der  Wahrheit  angestrebk  werden  muß,  ist  die  feierliche
  Zurücknahme  der  von  Clémenceau  unkerzeichneken
  Noke  vom  16.  Juni  1919,  die  den
Artikel  231  des  Verkrags  von  Versailles  erläuterk.
  Diese  feierliche  Zurücknahme  ist  meines  Erachkens
  auch  eine  unabweisliche  Vorbedingung  für  Deutschlands
  Einkritt  in  den  VBölkerbund.  Es  widerstrebt  dem
natürlichen  Empfinden,  daß  wir  uns  in  eine  Gesellschaft
begeben,  die  sich  weigerk,  dem  verleumdeken  deukschen
Volke  die  ihm  gebührende  Ehrenerklärung  abzugeben.
Mei#  einem  Brandmal  auf  der  Stirn  ist  man  nichk  gesellschaftsfähig.


Welche  Folgerungen  dann  aus  solcher  Ehrenerklärung
gezogen  werden,  läßk  sich  nichk  voraussehen.  Bei  der
Moachklosigkeit,  zu  der  uns  der  Verkrag  von  Versailles
verurkeilk,  ist  es  im  höchsten  Grade  wahrscheinlich,  daß
wir  uns  für  lange  Zeit  mik  dem  moralischen  Sieg  begnügen
  müssen,  der  mit  der  Zurücknahme  der  Beschuldigungen
  jener  Noke  errungen  sein  wird.  Der  Ban  des

394
        <pb n="405" />
        Verkrags  von  Versailles  wird  jeder  Logik  zum  Trotz  nicht
einstürzen,  wenn  auch  das  Fundamenk,  auf  dem  er  ausgebauk
  ist,  gründlich  zerstörk  sein  wird.  Wie  die  moderne
Technik  fertigen  Häusern  andere  Grundmauern  unkerschieben
  kann,  ohne  daß  diese  Bauken  zusammenbrechen,
so  wird  auch  die  Technik  der  Diplomakie  es  wohl  ferkig
bringen,  dem  Verkrag  von  Versailles  ein  neues  Fundamenk
  zu  geben.

Aber  dieser  Verkrag  wird  dann  als  das  erscheinen,
was  er  in  Wirklichkeit  ist,  als  ein  Denkmal  des  krotz  Bölkerbund
  noch  immer  unerschütkerk  bestehenden  politischen
Axioms:  „Macht  geht  vor  Recht“.

Die  letzte  Hülle  wird  von  der  Lüge  fallen,  daß  dieser
Friede  ein  Friede  der  Gerechkigkeitk  sei,  und  er  wird  kommenden
  Geschlechkern  als  der  brukalste  IK  ach  kfrieden
erscheinen,  den  Menschenhirne  je  ersonnen  haben.

Das  Brandmal  trägk  dann  nichk  mehr  das  deutsche
Volk,  sondern  dieses  M#denschenwerk,  durch  das  es  gedemütigk
  und  enkrechkek  werden  sollte.

Gerade  darum  verhehle  ich  mir  nichk,  daß  zwischen  der
Erkennknis  der  Wahrheik,  die  auf  dem  Marsch  ist,
und  dem  Eingestkändnis  des  weltkgeschichtlichen  Betruges
  noch  eine  große  Zeilspanne  liegen  wird.  Denn  es
ist  sehr  schwer,  vielleicht  unmöglich,  einen  durch  solches
Eingeständnis  in  so  hohem  Grade  moralisch  belasteken
Verkrag  gegen  alle  Anfechkungen  wirksam  zu  schützen,
die  er  dann  nokwendigerweise  erfahren  muß.  Die  Schöpfer
  des  Verkrages  müssen  befürchten,  daß  das  durch  die
Machk  geknechteke  Recht  durch  die  pfochologischen  Wirkungen,
  die  es  immer  in  der  Well  ausgeübk  hak  und  auch
in  diesem  Fall  ausüben  muß,  auch  die  V#achtverhälknisse

395
        <pb n="406" />
        verschiebt  und  dann  den  endgültigen  Sieg  davontragen
kann,  weil  es  die  Macht  in  seinen  Dienst  zwingt.  Sie
werden  darum  schwer  zu  dem  Eingeständnis  zu  bringen
sein,  das  Deutschland  von  ihnen  fordern  und  empfangen
muß,  bevor  es  in  ihre  Gesellschaft  eintritt.  «

Aber  der  Tag  wird  kommen,  an  dem  die  Wahrheit,
die  ich  gesucht  habe,  und  der  dies  Buch  geweiht  ist,  ebenso
fest  in  Millionen  Gehirnen  eingehämmert  sein  wird,  wie
die  Lüge  während  des  Krieges.  Und  dann  muß  dieses  Eingeständnis,
  weil  es  nicht  mehr  von  Deutschland  allein  gelorderk
  werden  wird,  sondern  von  allen  den  Millionen,
die  den  ungeheuren  Irrkum  erkannt  haben,  in  dem  sie  befangen
  waren,  uns  wie  eine  reife  Fruchk  in  den  Schoß
fallen.  Denn  warum  sollken  die  Massen  unker  der  Suggestion
  der  Wahrheit  unehrlicher  sein  als  unker  der  Suggestion
  der  Lüge?

Nichr  die  soforkige,  doch  die  unausbleibliche  Folge  dieses
  Eingeständnisses  wird  aber  die  Zerstörung  des  Geistes
sein,  der  den  Verkrag  von  Versailles  durchweht,  und  erst,
wenn  dieser  Geist,  der  die  Akmosphäre  unseres  Planeten
vergiftek,  zerstörk  ist,  wird  Deukschland,  wird  Europa,
wird  die  Menschheik  Ruhe  und  Frieden  sinden.

396
        <pb n="407" />
        Anzeigen  des
Cotta'schen  Verlages
        <pb n="408" />
        Erinnerungen  des
Kronprinzen  Wilhelm
251.—  270.  Tausend

In  Halbleinen  M.  6.—,  Ganzleinen  M.  6.50
Halbleder  M.  10.—

...  Das  Buch  ist  füsch  geschrieben,  bekundet  ein  warmes  Herz,
Jesunden  Mernschenverstand  und  scharfen,  zum  Urteil  befähigenden
Blick  für  das,  was  an  Menschen  und  staallichen  Einrichtungen
Schwäche  und  Stärke  ifl..  Kölnische  Zeitung

..  Das  Buch  des  Kronprinzen  splegelt  die  ganze  Leldenschafe
eines  wahren,  selbständigen  und  starken  Charakkers  wider,  wie  er
im  Feuer  unerhörter  Leiden  immer  mehr  zur  Persönlichkeie  sich
entwickelt  .  Münchener  Neuesse  Nachrichten

..  Das  Bild,  das  hier  vor  die  Seele  des  Lesers  crict,  läßt  ung
einen  innerlich  reisen  Menschen  erkennen,  der  frei  von  Verblendung,
  in  starker  Selbstkricik,  auf  die  Zeieströmungen  eingehe,  sie
klug  und  zurückhaléend  beurteilt  und  der  einen  Einblick  in  seine
eigene  Seele  gibt  Der  Tag,  Berlin

..  Oer  viel  verkannte  und  verleumdete  Kronprinz  Wilhelm
widerlegt  die  ihm  böswillig  angedichteten  Pläne  und  Absichten.
Was  er  darüber  schreibr,  genügt  vollständig,  um  ihn  in  jeder  Hinsiche
  als  einen  nachdenklichen  und  klaren  Kopf  zu  kennzeichnen,
der  das  Beste  nicht  nur  gewolle,  sondern  auch,  soweit  es  seine
Stellung  ihm  gestattete,  tackräfäg  erstrebe  hat..  .  Seine  Erinnerungen
  malen  uns  das  Bild  einer  tief  veranlagken  und  mit  reichen
Gaben  ausgestatteten  Dersönlichkeit,  die  ohne  eigene  Schuld  in
die  furchibare  Tragik  des  Schicksals  hineingerissen  wurde
Hamburger  Nachricheen
        <pb n="409" />
        A.  von  Tirpitz
Politische  Dokumente
#
Der  Aufbau  der  deutschen  Weltmacht

21.  -  25.  Tausend

Mit  Faksimile  eines  Briefes  von  Admiral  Jellicoe
an  Großadmiral  von  Tirpitz

Geheftet  M.  9.  —,  in  Halbleinen  M.  12.  —,  in
Ganzleinen  M.  13.—,  in  Halbleder  M.  17.  —

Das  neue  Buch  des  Schöpfers  der  deutschen  Flotte
besteht  zum  größten  Teil  aus  Aktenstücken,  aber  aus  Aktenstücken,
durch  welche  die  Geschichte,  die  militärischen  und  die  politischen
Gründe  der  Encstehung  der  deutschen  Seemache  bis  in  alle  Einzelheiten
  hinein  durchleuchtet  werden.  Und  da  die  deutsche  Polleik
unter  der  Herrschaft  Wilhelms  II.  durch  die  Flottenschöpfung
des  Großadmirals  von  Tirpitz  in  enescheidender  Weise  beeinflußt
worden  ist,  so  wird  dieses  Buch  als  eine  der  wichelgsten
Quellen  der  deutschen  Dolicik  im  wilhelminischen  Zeitalter  zu
betrachten  sein  und  auch  durch  die  Beröffentlichungen  der  Aktenstücke
  des  Auswärtigen  Amtes  nicht  enewertet  werden,  weil  es
eine  große  Anzahl  von  Urkunden  enthälé,  die  sich  niche  im  Archio
des  Auswärtigen  Amtes  befinden.  Berliner  Lokalanzeiger
Ein  ungeheures,  welepolitisches  Drama  wird  uns  mie  dem  kürzlich
  erschienenen  Bande  der  „Dolicischen  ODokumente“  des  Großadmirals
  von  Tirpitz  entrollt.

Münchener  Neuesse  Nachrichten

..  Wir  wünschen,  daß  recht  viele  Deutsche  das  Werk  nicht  nur
lesen,  sondern  gründlich  durcharbeiten,  denn  die  genaue  Kenntnis
gerade  des  darin  behandelten  Zeitabschnictes  unserer  Geschichte
ist  tedem  politisch  Interessierten  nokwendig.

Hamburger  Nachrichten
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        Tagebücher  des  Generalfeldmarschalls  Graf  von
Blumenthal  aus  den  Jahren  1866  und  1870/71.
Herausgegeben  von  Albrecht  Graf  von  Blumenéthal.
  Mie  zwei  Porträks  und  einem  Briefe  Kaiser
Friedrichs  in  Faksimile-Druck.  Gehefter  M.  5.—,  in
Ganzleinen  M.  7.50  ·

Fürst  Bismarck  1890  —1898.  Nach  persönlichen  Mitkeilungen
  des  Fürsten  und  eigenen  Aufzeichnungen
des  Verfassers,  nebst  einer  authentischen  Ausgabe  aller
vom  Fürsten  Bismarck  herrührenden  Artikel  in  den
„Hamburger  Nachrichten“.  Von  Hermann  Hofmann,
  früher  leikendem  politischen  Redakteur  der
„Hamburger  Nachrichten".  Mit  einem  Bildnis  des
Fürsten  Bismarck.  Drei  Bände  in  zwei  Bände  gebunden.
  Reunte  bis  elfte,  verbesserte  Auflage.  Geh.
M.  18.—,  in  Halblein.  M.  24.—,  Ganzlein.  M.25.—

Bismarck  -  Erinnerungen  des  Staaksministers
Freiberrn  Lucius  von  Ballhausen.  Mit  einem
Bildnis  und  Brieffaksimile.  4.—6.  Auflage,  ergänze
durch  ein  Register.  Geheftet  M.  8.50,  in  Ganzleinen
M.  11.—,  Halbleder  M.  20.—

Staatsminister  Adolf  von  Scholz,  Erlebnisse  und
Gespräche  mie  Bismarck.  Herausgegeben  von
Wilhelm  von  Scholz.  Mit  einem  Bildnis  und
zwei  Brieffaksimiles.  r.—  5.  Auflage.  Geh.  M.  2.40,
in  Halbleinen  M.  4.60
        <pb n="411" />
        Reinhold  Koser
Geschichte  Friedrichs  des  Großen

Vier  Bände

Band  1.  Mit  einer  farbigen  Karte  und  vier  Schlachtskizzen
6.  und  7.  Auflage.  Geheseee  M  10.—,  in  Halbleinen  M.  12.50
Band  2  und  3.  6.  und  7.  Auflage.  Unter  der  Presse
Band  4.  Anmerkungen,  Bibliographle,  Personenverzeichnis
4.  und  5.  Auflage.  Geheftet  M.  3.50,  In  Halbleinen  M.  5.50
in  Halbleder  M.  13.—

Friedrich  der  Große
Volksausgabe.  Mie  einem  Bildnis  des  Königs
12.—14.  Tausend.  Geheftet  M.  7.—,  Iin  Ganzleinen  M.  10.—

Aus  dem  Leben  Friedrichs  des  Großen

Denkwürdige  Worke  des  Königs  mil  kurzer
Erzählung  seiner  Taken/Mit  Bildnis

In  zweifarbigem  Umschlag  M.  —.70

Geschichre
der  brandenburgisch-preußischen  Polirik
Erster  Band:  Geschichte  der  brandenburgischen
Politik  bis  zum  Westfälischen  Frieden  von  1646

2.  Auflage.  Mit  einer  Karte
Geheftet  M.  12.  —,  in  Halbleder  M.  22.  —

Zur  preußischen  und  deutschen  Geschichte
Aufsätze  und  Vorträge.  1.  —  3.  Auflage

Geheftet  M.  6.50,  in  Halbleinen  M.  9.  —
        <pb n="412" />
        Der  König

Weg  und  Wende
Von

Karl  Rosner

1  15.  Tausend

 

101.

In  Halbleinen  M.  4.30,  Ganzleinen  M.  4.80
Halbleder  M.  8.—

...  Das  „Merschlich-NRäherbringen“  ist  Ziel  und  Erfolg  dieses
Buches,  ein  Ziel,  das  mit  reinsten  technischen  Mideteln  erstrebt,
ein  Erfolg,  der  mie  menschlicher  Anceilnahme  erreicht  wird.  Nur
wenige  Tage  aus  dem  Leben  des  unglücklichen  Monarchen  werden
uns  gezeigt,  aber  gerade  die  Tage,  welche  die  Schicksalswende
seines  Weges  bringen,  um  Mitte  Juli  1918  ...

Das  Literarische  Echo,  Berlin

...  Rosners  Charakterbild  Wilhelms  II.  ist  in  den  Grundzũgen
unverkennbar  echt  und  klar,  dabei  von  einer  überraschenden
Mannigfalügkeit  und  Feinheit  der  Farbentöne  ..  .  Ein  Buch
III
Velhagen  und  Klasings  Monatshefte

..  Kein  edel  denkender  Mensch  wird  das  Buch,  das  mie  feinem
künstlerischen  Sinn  aufgebaut  ist,  ohne  tiefe  Bewegung  lesen.
Kölnische  Zeltung

..  .  Man  hae  durchweg  wie  bei  einem  guten  Bildnis  das  Geföhl
einer  scharfen  sorgfältigen  Beobachtung,  die  durch  die  Außerlichkeiten
  in  den  Kern  der  Natur  eingedrungen  ist  ...  Dem  künftigen
  Geschichtschreiber  wird  das  Buch  als  beachtenswerte  Quelle
dienen.  Vossische=  Zeitung

 

Druck  der  Unlon  Denuesche  Verlagsgesellschafe  In  Seutegare
        <pb n="413" />
        <pb n="414" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
