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        <title>Lesebuch zur Geschichte Bayerns.</title>
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            <idno>kronseder_lesebuch_1906</idno>
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        EKelebuch

zur

Seschichte  Bayerns

Bearbeitet

von

Dr.  Otto  Kronseder

Gyomnastlalprofessor  am  K.  Ludwigs-Gymnasium  zu  München

Mit  58  Abbildungen

 

München
Druch  und  Verlag  von  R.  Oldenbourg
1906
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        Vorwort.

ieses  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns  ist  entstanden  im  Auftrag  des

K.  Bayerischen  Staatsministeriums  des  Innern  für  Kirchen=  und  Schulangelegenheiten.
  Die  hohe  Unterrichtsverwaltung  war  hiebei  von  dem  Wunsche
geleitet,  es  möchte  künftighin  an  den  Mittel=  und  Volksschulen  der  Unterricht  in
der  Geschichte  unseres  engeren  Vaterlandes  „in  einer  anregenderen,  die  Herzen
der  Jugend  erwärmenderen  und  so  für  das  spätere  Leben  nachhaltigere  Eindrücke
hinterlassenden  Weise  erteilt  werden;  die  lehrreichsten,  rühmlichsten  und  so
wissenswürdigsten  Partien  der  Geschichte  Bayerns  sollten  in  faßlicher,  anziehender
  Darstellung  ohne  alles  gelehrte  Beiwerk  zur  Veranschaulichung  gebracht
  werden“.  Kirchengeschichtliches  als  speziell  dem  Religionsunterricht  zugehörig
  war  von  der  Aufnahme  überhaupt  auszuscheiden;  dagegen  glaubte  der
Verfasser  dem  Kulturgeschichtlichen  einen  breiten  Platz  einräumen  zu  müssen,
zumal  heute  die  allgemeine  Forderung  dahin  geht,  daß  nicht  bloß  Kriegs=  und
Waffentaten  den  Gegenstand  des  Geschichtsunterrichtes  bilden  sollen,  sondern  daß
auch  die  Entwicklung  des  inneren  Volkslebens,  aus  der  heraus  erst  die  Gesamtzustände
  einer  Zeit  richtig  erfaßt  werden  können,  zu  anschaulicher  Darstellung  gelange

Der  Charakter  des  Lesebuches  bedingte  die  Aufnahme  möglichst  geschlossener
  Einzeldarstellungen.  Sie  sind  in  erster  Linie  gedacht  für  den  unmittelbaren
  Gebrauch  beim  Unterricht,  also  für  die  Hand  des  Lehrers.  Wer
Erweiterung  der  in  den  Lehrbüchern  weniger  ausführlich  behandelten  Gebiete
für  angezeigt  hält,  möge  in  vorliegender  Sammlung  Stoff  und  Anregung
finden.  Zwischen  den  hier  gebotenen  kulturgeschichtlichen  Ausführungen  und
dem  Lehrgang  der  politischen  Geschichte  den  harmonischen  Zusammenhang  herzustellen
  dürfte  nicht  schwer  fallen.  Wer  etwa  in  bestimmten  Schulen
für  einfachere  Verhältnisse  auszuscheiden  hat,  wird  leicht  ersehen,  was  sich
entbehren  läßt.  Wer  tiefer  dringende  Belehrung  sucht,  dem  wird  die
vom  Herausgeber  benutzte  und  zuverlässig  zitierte  Literatur  eine  willkommene
        <pb n="4" />
        IV  Vorwort.

Fundstätte  sein;  insbesondere  sei  auf  die  anziehenden  Werke  unserer  namhaftesten
vaterländischen  Geschichtsforscher  M.  Doeberl,  Karl  Theodor  von  Heigel,
Wilhelm  Heinrich  Riehl,  Siegmund  von  Riezler  hingewiesen.

Neben  dieser  ersten  und  vornehmlichen  Bestimmung  möchte  das  Buch
auch  der  Privatlektüre  im  weitesten  Sinne  dienen.  In  der  Hand  teilnehmender,
fortgeschrittener  Schüler  unserer  Mittel=  und  Fortbildungsschulen  sowie  im
Besitze  von  Geschichtsfreunden  möchte  es  zur  Steigerung  des  Interesses  an
den  Schicksalen  unseres  Volkes  und  zum  Verständnis  der  Gesamtentwicklung
unseres  Vaterlandes  beitragen.

Um  eine  derartige  Sammlung  loser  und  doch  des  inneren  Zusammenhanges
  nicht  entbehrender  Abhandlungen,  Bilder,  Charakteristiken  bieten  zu
können  war  einerseits  die  vorhandene  Literatur  durchzuprüfen,  anderseits,  besonders
  für  das  kulturgeschichtliche  Gebiet,  die  Unterstützung  berufener  Fachmänner
  zu  gewinnen.  Hier  nun  erfüllt  der  Herausgeber  die  angenehme  Pflicht
allen  denen,  die  aufs  bereitwilligste  seiner  Bitte  entgegenkamen  und  im  Interesse
  einer  gemeinnützigen  Sache  die  erbetenen  wissenschaftlichen  Beiträge  für
die  ausschließliche  Drucklegung  in  diesem  Buche  ausarbeiteten,  auch  an  dieser
Stelle  den  geziemenden  Dank  zu  erstatten.  Es  sind  dies  die  Herren  Dr.  Theodor
Bitterauf,  Privatdozent  an  der  Universität,  Dr.  Anton  von  Braunmühl,  Prof.
an  der  Technischen  Hochschule,  Univers.  Prof.  Dr.  M.  Doeberl,  Dr.  Max
Fastlinger,  erzbischöflicher  Bibliothekar,  Dr.  Ernst  Freys,  Kustos  an  der  Staatsbibliothek,
  Dr.  Christian  Gruber,  i  Professor  an  der  städtischen  Handelsschule,
Sr.  Exzellenz  Generalleutnant  z.  D.  Karl  Ritter  von  Landmann,  Dr.  Georg
Leidinger,  Sekretär  an  der  Staatsbibliothekl,  Dr.  Rudolf  Louis,  Tonkünstler
und  Musikschriftsteller,  Dr.  Siegfried  Graf  Pückler-Limpurg,  Privatdozent  an
der  Technischen  Hochschule  und  Konservator  an  der  K.  graphischen  Sammlung,
Univers.  Prof.  Dr.  Henry  Simonsfeld,  Gymn.-Prof.  und  Privatdozent  an  der
Technischen  Hochschule  Dr.  Hermann  Stadler,  Gymn.-Prof.  Dr.  Thomas
Stettner,  Konrektor  Dr.  Hermann  Stöckel,  Kunstschriftsteller  Dr.  Karl  Trautmann
  und  Dr.  Hermann  Uhde-Bernays,  Dr.  Karl  Voll,  Univers.  Prof.  und
Konservator  an  der  alten  Pinakothek,  Oberamtsrichter  a.  D.  Dr.  Franz  Weber
und  Gymn.-Lehrer  Dr.  Joseph  Widemann,  sämtliche  in  München;  ferner  Prof.
Dr.  Alois  Geistbeck  in  Kitzingen,  Gymn.-Prof.  Hans  Probst  in  Bamberg  und
Univers.-Prof.  Dr.  Theodor  Henner  in  Würzburg.  Durch  solche  weitgehende
Unterstützung  war  es  möglich  den  Ausschnitten  aus  den  Werken  unserer  namhaftesten
  bayerischen  Historiker  Originalbeiträge  dieser  fachwissenschaftlichen
Autoren  anzureihen  und  so  eine  Art  literarisches  Bayern  zusammenzustellen.
Zugleich  ließ  sich  durch  die  Verschiedenartigkeit  der  schriftstellerischen  Persönlichkeiten
  ein  vorteilhafter  Wechsel  in  Auffassung,  Stil  und  Darstellung  erzielen,
ein  Gesichtspunkt,  der  mitbestimmend  war  bei  Anlage  dieses  Buches.

Daß  der  Darstellung  der  neueren  Zeit,  insbesondere  dem  letzten  Jahrhundert,
  ein  breiterer  Raum  überlassen  wurde  und  daß  hauptsächlich  das
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        Vorwort.  v

jüngste  große  Ereignis,  der  Deutsch-Französische  Krieg,  eine  vielseitige  Beleuchtung
erfuhr,  wird  Billigung  finden.  Den  deutsch-nationalen  Standpunkt  des  Buches
erklärt  und  begründet  das  Wort  unseres  edlen  Königs  Maximilian  II.  „Wir
wollen  gute  Deutsche  sein  und  treue  Bayern  bleiben!“

Mit  den  wenigen,  an  passenden  Stellen  eingestreuten  Gedichten  sollte
nicht  etwa  Neues  und  Unbekanntes  gebracht,  sondern  gewissen  bedeutungsvollen
  Persönlichkeiten,  Tatsachen,  Stimmungen  eine  höhere  Weihe  gegeben  werden.

Die  Verlagsbuchhandlung  glaubt  durch  gediegene  Gesamtausstattung
und  einen  verhältnismäßig  billigen  Preis  alles  getan  zu  haben  um  dem
Buche  freundliche  Aufnahme  zu  sichern;  die  wenigen,  sorgfältig  ausgeführten
Abbildungen  wollte  sie  nicht  als  bloße  Schmuckstücke,  sondern  als  wesentlichen
und  wertvollen  Bestandteil  dem  Ganzen  beigeben.

Zum  Schlusse  spricht  der  Herausgeber  Sr.  Exzellenz  dem  K.  Staatsminister
  des  Innern  für  Kirchen=  und  Schulangelegenheiten,  Herrn  Dr.  Ritter
von  Wehner,  für  die  Gewährung  eines  achtmonatigen  Diensturlaubs  behufs
Bearbeitung  vorliegenden  Buches  den  ehrerbietigsten  Dank  aus.  Zu  innigstem
Dank  fühlt  er  sich  verpflichtet  seinem  hochverehrten  Lehrer,  Herrn  Geheimrat
Dr.  Karl  Theodor  von  Heigel,  Präsidenten  der  Akademie  der  Wissenschaften  in
München,  der  ihn  durch  vielfache  Anregung  und  wertvolle  Winke  gefördert
hat,  ferner  gegenüber  denjenigen  Herren,  die  ihm  bei  der  Durchsicht  der
Druckbogen  ihre  freundliche  Unterstützung  angedeihen  ließen.  Es  sind  dies
die  Herren:  Oberstudienrat  Dr.  Wolfgang  von  Markhauser,  Gymnasialrektor
Dr.  Georg  Gött,  Gymnasialprofessor  Joses  Flierle  und  Reallehrer  Dr.  Hans
Tempel.  Herzlicher  Dank  sei  ferner  ausgesprochen  der  Direktion  und  den
Beamten  der  Münchener  Staatsbibliothek,  die  mit  liebenswürdigstem  Entgegenkommen
  dem  Verfasser  reiche  Bücherschätze  zugänglich  gemacht  haben.

Garmisch  im  September  1906.

Dr.  Otto  Kronseder.
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        <pb n="7" />
        A.  Verzeichnis  des  Inhalts.

*bezeichnet  Originalartilel.

 

 

 

 

 

 

 

Nr.  Uüberschrift  Verfasser  Seite
1  Bayernlied  Alois  Dre  1
2  Wodnsid·  #a  Namen  und  Sprache,  Herkunft  des  Siemnn  *  Riezler  1

ayernvolkes
3  „  de  wbrrieh=  Zeit  des  Landes  Franz  Weber  5
4  Das  Land  im  Dämmerlichte  der  Geschichte  Franz  Weber  15
5  3  *  P  zu  Pfünz  (ad  pontes)  bei  Karl  Zettel  23
stätt.  icht

6  #a  Land  unter  ber  s  der  Römer  Siegmund  von  Niehler.  23
7|Die  Rzmerstraße.  G  Hermann  Lingg  27
Ausbreitung  des  Gheiich,  mns  in  den  bayerischen  Joseph  Schlecht  27

Landen,  Grundlegung  der  bayerischen  Kirchenverfassung


9Der  Sturz  Tassilos  Michael  Doeberl.  33

10  Kolonisierende  und  germanisierende  Tätigkeit  des  Michael  Doeberl  40

garcche  Stammes,  insbesondere  auf  dem

11  #lar  #  ernsee  Max  Fastlinger  43
12  Dechl  chlacht  an  der  Ennsburg  (am  5.  Juli  Friedrich  Beck.  49

7),  G

13  e  Heldentod  in  der  Ungarnschlacht  Hugo  Arnold.  50
14  Die  Ahnherrn  des  Wittelsbacher  —  Karl  Stiele  53
15  Die  Gründung  des  Bisums  Bambe  Wilhelm  von  Giescbrechi  56
16  er  Bamberger  Hans  Pr  obst  .61
17  Der  Bayernstamm  im  altdeutschen  Schrifttum  Hermann  Stöckel.  70
18  Bayerische  Stammesangehörige  als  Vertreter  des  Andreas  von  Nehensmittelalterlichen

  Chronistenstils  burg,  Aventin  u.  c.  76

19  Der  Regensburger  Dom  (deutsche  Gotik)  Seegfre  Graf  Pückler-20
  Die  Versch  impuig  3

ie  Versöhnten

21.  Deutsche  Treue  1  Balladen  Hermann  Ling  m
22  Kloster  Ettal  und  der  Pfassenwinkel  Karl  Trautmann  90
23  Keiser  Ludwigs  Ende,  Gedicht  Franz  Graf  Pocei  99
24%  Die  Residenzen  der  bayerischen  Herzog  Joseph  Widemann  100
25  Die  An  üänge  ver  der  LadwigMonemücbenkeshe  verstent  Max  Haushofer  ·06

Ingolste
26%  6  es  und  Entwicklung  der  hdruder-  Ernst  Freys  113
t  in  Bahern  bis  zum  Jahre

27  R  Fesichule  der  Meistersi  sigzer  August  Sach  42

28  Ritter,  Tod  und  Teufel  (Kupferstich  von  AlbrechtFranz  Graf  Pocei  415
Dürer),  Gedicht

29  Albrecht  Dürer  Siegfeied  Graf  Püickler-’z§1s37



30  Zur  Geburtsfeier  Albrecht  Dürers  (21.  Mai  1471),  Martin  Greif  .162

edicht

31»Nürnberg  und  seine  Kunst  Hermann  Uhde-Bernays  162
        <pb n="8" />
        VIII

A.  Verzeichnis  des  Inhalts.

 

 

 

 

 

 

 

 

At.  ülberschrift  Verfasser  Seite
32%  Die  K.  dyr  und  Staatsbibliothek  in  München  Leorg  Leidinger  163
33NDer  Trifels  August  Becker  168
34Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund  Karl  Traumann  173
35  Augsburger  Studien  Wilhelm  Heinrich  Riehl!190
36  Anteil  bedeutender  Bayern  an  der  rgrün  Anton  von  Braunmüht02
methode  im  17.  Jahrhundert
37  Der  Winterkönig.  Gedicht  Hermann  Lingg  207
38  Tillys  letzte  Tage  Hugo  Arnold  .208
39  Ein  bayerischer  veilestergeneral!  im  30  jährigen  Kriege  Johann  Heilmann..11
40  Die  Schlacht  bei  Aler  n  der  Wörnitz  gegen  Siegmund  von  Riezier  214
das  f  nzösisch-weimarüsch-  nhesishe.  T  4#%½%
41  Was,  1t  die  Residenzfassade  Kurfürst  Maxi=  Karl  Trautmann  218
milians  I.  sagt
42  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  I.  Sie  u-  von  Riezler24
43/  Kurfürst  Maximilion  I.  als  Dürersammler  rmrmi  .  234
44  Karl  Ludwigs  Rücklehr  in  die  Hiet  G.  Oktober  r-*s  *  er  240
1649);  Wiederherstelung  ver-  der
45/%  Der  Bucintoro  auf  dem  Heury  Simonsfeld  244
46Der  baherische  Hof  im  rtert  -  Ezuchen  Michael  Doeberl  250
4Spchloß  Scheißbeimn.  Gedicht  Hermann  Lingg  254
48/  Kurfürst  Max  Emanuel  im  Türkenkriege  1683—88,Karl  von  Landmann  255
49  Elisabeth  Chaklone  und  das  Heidelberger  Schloß,  Ernst  von  Wildenbruch  259
50  Träume  sind  Schäume  Alfons  Sieinberger  .  269
51|Kurfürst  Max  Emanuel  am  Scheidewege  Michael  Doeberl  273
52  %%  Der  Beginn  des  Spanischen  Ebbfeigektte  Karl  von  Lonomann  277
53Das  Gsangl  von  Anno  1705  Karl  von  Heigel  88
54Die  Sendlinger  Bauernschlacht,  Hans  Hopfen  283
55  Eine  Szene  aus  der  Sendlinger  Whalade  cch.  Anton  Hoffmann  286
56%  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Main  Theodor  Henner  291
57  Der-  Kur  W.  Hofbaumeister  Franz  Cuvillics  Karl  Trautmann  301
58  r  -  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Karl  von  Spruner  311
uchen
59Kulturelle  Zustände  in  Bayern  während  der  Re=  Wilhelm  Schreiber  314
gierung  des  Kurfürsten  Max  III.  Joseph
Herzogin  Maria  Anna  von  Bayern  Theodor  Bitterauf  319
—  Austrocknung  und  Myiedelung.  des  Donau-Christian  Gruber.  327
moores  unter  dem  Kurfürsten  Karl  Theodor
62  Die  letzten  Jahrzehnte  der  Ludwig-Maximilians=  Max  Haushofer  332
Unwestiet  in  Ingolstadt.  Ihre  Übersiedelung
na
63  Ein  Arrile  #ter  den  bayerischen  Volkscharakter  Lorenz  von  Westenrieder  335
64  ne  Jufenderinnerung  an  Westenrieder  Bnz  Graf  Pocc  338.
65  *  geistliche  S  Wilhelm  H#invich  Niehl  340
66Der  übergang  *—  Feurhtrtenuns  Pfalz-Bayern  Karl  Theodor  von  Heigel  349
an  das  Haus  Pfalz-Zweibrücken
67  Johann  Konrad  Grübel  als  Chronist  des  Lüne=  Hans  Probst  356
viller  Friedens
68  Napoleon  bei  Atensberg  und  Regensburg  lam  Albrecht  Adam.  359
.und  ril  )
69%  Das  bayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812  Karl  von  Landman=  362
70  Die  *m-  t  bei  Hanau  am  30.  und  31.  Ottober  Johann  Heilmann  372
181
71  Anteil  ——  Bayern  an  der  Entwicklung  Paul  von  Lossow.  380
72  Die  Isar  als  Verkehrsstraße  einst  und  jetzt  Lbeistien  Gruber  389
73  Ein  Königsidyll  vom  Tegernsee  Karl  Stieler  398
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        A.  Verzeichnis  des  Inhalts.  IX
Nr.  Überschrift  Verfasser  Seite
74Des  Kurfürsten  und  bEbnigs  Max  I.  Joseph  innere  Karl  Theodor  von  Heigel  401
und  äußere  Poli
750Ode  an  König  Ludwi  g  August  Graf  von  Platen  410
76  König=  Ludwigs  I.  Jugendzeit.  und  Lehrjahre  Karl  Theodor  von  Heigel  413
77|Ein  1  Beie  an  Kaiser  Franz  I.  von  Mrerreich  Kronprinz  Ludwig  419
78  Nachkeege  (1816),  Gedicht  Kronprinz  Ludwig  420
79  An  Herrn  Moc  Iver,  meines  Erstgebornen  Er=  Kronprinz  Ludwig  40
zeer.  Unterrichtsinstruktion  vom  Jahre  1817
80  Die  hohle  Weide,  (Herbst  1832)  Gedicht  Friedrich  Rückert422
81  |Die  Walhalla  Karl  Theodor  von  Heigel  422
82  Walhalla,  Gedicht  Martin  Greif  4426
83½  Gedanken  Jean  Fauts  über  seine  Zeit  Hans  Probst  426
*  Ludwig  I.  und  Goe  Thomas  Steitner.  432
85  Der  —  isproe  Johann  Andreas  Johann  Nepomuk  Sepp  437
me  ölz
86  Christoph  ##  unter  den  Kindern  Alexander  Schöppner  439
87½  Goldbergwerke  und  Goldwäschereien  in  Bayern  Alois  Geistbeck  441
88|  Die  Perlfischerei  in  Bayern  Herrmann  Stadler  444
89  Das  Münchener  RKunftersen  von  1840  Thomas  Stettner.  447
90  n  im  Knorrkeller,  München,  20.  Juli  Ludwig  Steub.  450
91  Des  onprinzen  Maximilian  Hochzeit  im  Oktober  Ludwig  Steub  453
92  An  Ii-  2ronprinzesßin  Marie  von  Bayern,  geb.  Franz  Graf  Pocci  457
Prinzessin  von  Preußen,  Gedicht
93  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volkes  Karl  Theodor  von  Heigel  458
94  Ludwig  lI.  und  die  Kunststadt  München  Siegmund  von  Riezler  469
95  An  München,  in  das  Goldene  Buch  der  Stadt  Martin  Greif  .1471
geschrieben
96  Vor  fünfundzwanzig  Jahren  (Februar  1895)  Karl  Trohor  m  von  beigel  471
97  Vor  dem  Königssarge  in  der  Münchener  Basilika,  Karl  Zett  46
98  nu  zur  hundertjährigen  Geburtsfeier  Martin  Greif.  477
König  Ludwigs  I.  von  Bayern  (1887
99  Festgedicht  zur  “  Füntz  Ludwigs  I.  Hermann  Lingg  478
von  Bayern  (1888)
100  Burg  Hohenschwangau  Karl  Stieler  478
101  Der  Schatz  auf  Hohenschwangau,  Gedicht  Friedrich  B  481
102  König  Maximilian  II.  von  Bayern.  (Aus  der  Wilhelm  **  Niehl  482
Erinnerung  gezeichnet)
103Eine  Fußreise  mit  König  Max  II  Wilhelm  Heinrich  Niehl
104  Ein  Erinnerungsblatt  an  König  Maximilian  II.  Franz  von  Kobell.  496
105  König  Maximilian  .  von  Bayern  und  die  Wissen=  Ingnaz  von  Döllinger  500
schaft,  Gedächtnis
106  Am  Ostersamstag  Vo  Mr  1864),  Gedicht  Emanuel  Geibel.  512
107/  Mit  einem  Königsherzen  Oskar  von  Redwitz  514
108  An  König  Ludwig  II.  von  Bayern.  Ode  Martin  Greif  23
109  Richard  Wagners  Berufung  durch  König  Lud-  Sebastian  Röckl  524
wig  II.  von  Bayern
110|  Der  Feldzug  vom  Jahre  1866  in  Süddeutschland  Heinrich  Friediung  5V28
111  Eine  Reise  König  Ludwigs  II  Friedrich  Lampert  .  532
112  Prinz  Karl  von  Bayern  (i  16.  Au  ust  1875)  Karl  Stie  537
113/  Der  Deutsch-  Französiche  gFries  1870/71.  EinleitungGraf  Helm  r  von  Moltke  542
114  urra,  Germania!  Sorsu  Freillgrath  543
115  breernn  b-r  Feldzugsplan,  544
ar
116  Die  ersten  Siege  (Weißenburg  und  Wörth)  Georg  Bleysteiner  550
117  Die  Schlacht  von  Beaumont  (30.  August)  Karl  Tanera  559
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        A.  Verzeichnis  des  Inhalts.

 

 

 

 

 

 

 

Nr.  Überschrift  Versasser
118Die  Schlacht  beie  Se  4.  eptember)  Hugo  Arnold  466
119  Der  Stre  ern  ampf  in  B  Karl  Bleibtren.  573
120  Sedan,  Gedicht  Karl  Gerokn  577
121  Die  Wasffenstreckung  bei  Sedan;  Zusammenkunft  Wilhelm  Onken  578.
der  Generale  zu  Doncher
122  Nolte  zum  90.  Gehurtktage,  26.  Okt.  1890),  Ernst  von  Wildenbruch.
edicht
1  Ein  Süteezer  aus  den  baherischen  Bergen  Karl  Stieler  590
124  Der  Volkskrieg  an  der  Loire  —  ein  neuer,  zweiter  Fritz  Hönig  593
125  o  ,  gegen  die  Loire,  Einnahme  von  Orlktans  Theodor  Lindner  595
(II.  Oklober),  der  Tag  von  Coulmiers  (9.  No-Al.
  e
126  Eine  gescbriche  Eisenbahnfahrt  Adolf  von  Sih  601
127  Ergebuisse  de  “  r  Schlacht  von  Orléans  am  3.  und  ermann  Kunz  605
ezem
128  Das  Ende  der  dreitägigen  Schlacht  bei  Beaugency=  Karl  Tanera  606
Cravant  (8.—10.  Dezember);  Rückkehr  der
Bayern  nach  Orléans
129  2°6  Lied  vom  „von  der  Tann·  Franz  Trautmann  610
180  Die  Bayhern  an  der  Loir  Karl  Bleibtreu  611
131  Deutschlands  Franen  Em,  Gedicht  Alois  rer  613
132|  Auf  Vorposten  vor  Paris  Karl  Stiele  614
133|Wir  bleiben  Adolf  von  rhord  616
134  Aus  cem  Briefwechsel  zwischen  König  Ludwig  II.  617
in  Bayern  und  Graf  Otto  von  Bismarck
135  Die  Verkündigung  des  Deutschen  Kaiser-=  Georg  Bleysteiner  619
s  am  t  1871  Persailles
136An  Deuesen  “  1871),  edi  Emanuel  Geibel.  624
137  Einzug.  der  bayerischen  Truppen  in  —  Hugo  Arnold  625
138|Gru  as  Heer,  Gedicht  Wilhelm  Hertz  629
139  22  Faricon  Hiein-  Karl  von  Heigel  630
140%  Bayreuth  Rudolf  Louis  632
141  Lön“  Luwigs  II.  Persönlichkeit  Theodor  Bitterauf  642
142  Unser  Prinzregent  Luitpold,  Festrede  Karl  Theodor  von  *-'  646
143  An  Prin  t“  Regenten  von  Bayern  (zum  Paul  Heyse  655
144  An  das  Biet=  10  Gedicht  Martin  Greif  656
        <pb n="11" />
        B.  Verzeichnis  der  Abbildungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nr.
des  Lese  Abbildungen  Seite
ceeb
16  Der  Bamberger  Dom,  Gesamtansicht.  63
Der  Georgenchor  im  Bamberger  Dom  66
Das  Fürstenportal  am  Bamberger  Dom  68
19  Grundriß  des  Regensburger  Domes  82
Inneres  des  Regensburger  Domes  83
Westansicht  des  Negensburger  Domes  85
24  Der  Alte  Hof  in  Mün  103
26-  Druckprobe  von  Abrechte  Päter  in  Bamberg.  (um  1460  114
Druckprobe  von  Anton  Koberger  in  Nürnberg  E  .  aus  vortmann
Schedels  Weltchronik.  121
Schlußschrift  des  ersten  Münchener  Druckes  von  Hans  Schauer  asn  125
28  Ritter,  Tod  und  Teufel,  Kupferstich  von  Albrecht  Dürer  136
29  Ruhe  auf  der  Flucht,  aus  dem  Marienleben  von  Albrecht  Dürer  137
31  Nürnberg  mit  der  Burg,  Südansicht  vom  Turm  der  Lorenzerkirch=  aus.  1ô3
St.  Lorenz,  Westansicht  155
Das  Sakramentshäuschen  in  St.  Lorenz  von  Adam  Kr  aft  168
Das  Sebaldusgrab  im  Ostchor  von  St.  Sebald  von  Peter  Vischer  169
34Die  St.  Michaelskirche  in  München,  Außenensicht  von  Südwest  .  179
Inneres  der  St.  Michaelskirche  in  München  181
Der  Grottenhof  in  der  Münchener  “  1!
35  Der  Augustusbrunnen  in  Augsburg  von  Hubert  Gerhard  .  191
41  Die  Fassade  der  Münchener  Residenz  im  Jahre  1700  nach  einem  kupjer
stich  von  Michael  Wening  218
Ausschnitt  aus  Jakob  Sandtners  Holzmoden  der  Stadt  München  1571.21
Das  Nordportal  der  Residenz  zu  München  221
Die  Patrona  Bavariae  an  der  Residem  zu  München  von  Hans.  Krumper  223
43Die  Stifter  des  Paumgartner  Altares  von  Albrecht  Dürer  255
O□C
#ba  n  ee  nach  dem  Gemälde  von  Albrecht  Dürer  25
45Der  Bucintoro  auf  dem  Starnberger  See  .  247
46  Schloß  Aum  enburg.  Stadtseite;  nach  einem  Suiche  von  M.  diset-  251
47KSchloß  Schleißheim,  Westseite  .  ..  254
49  D#  Heidelberger  Schloßruine  g  Lorrgh  gesehen  261
Das  Heidelberger  Schloß  nach  M  268
51  Jose  Ferdinand,  #im  von  Ssrerian.  nach  dem  Gemälde  v.  Jos.  Vivien  275
55  Bauer  mit  Sense  #  chlacht,  Federzeichn.  v.  Ant.  Hoffma  286
Isorwinkler  Schütze  endlingerschla  erzeichn.v.  Ant.  Hoffmann  287
Letzte  Szene  des  Kampfes  am  Kirchhof  von  Sendling  290
56/  Würzburg  mit  dem  Marienberg  von  Nordwesten  gesehen  291
Das  Grabmal  des  Abtes  Trithemius  im  Neumünster  zu  Wirrburg  von
ilman  Riemenschneider  295
Das  Würzburger  Schloß  von  Nordwest  .  298
Eisengitter  am  Würzburger  Horsgartentor  von  J.  G  299
57/Die  Amalienburg  im  Nymphenb  urger  Schloßgarten  ie  307
Die  Amalienburg  (Grundriß  308
        <pb n="12" />
        XII  B.  Verzeichnis  der  Abbildungen.
Nr.
des  Lese-  Abbildungen  Seite
üKückes
57/HPartie  aus  dem  gelben  Kabinett  der  Amalienbung  309
64  Lorenz  von  Westenrieder,  Federzeichnung  von  Franz  Graf  Pocei.  338
72  Das  Wirtshausk  zum  grünen  Baum  in  München  nach  einem  Süch  von
Jungwirth  397
74  Denkmünze  vom  Jahre  1806  auf  die  Annaine  der  Königswürde.  407
87  Flußdukaten  rex  auro  laa##se:  vom  830  .  44
116  Turko  in  voller  Ausrüstung,  Fdergeihmeng  von  Christian  Speyer  551
Französische  Artillerie  auf  den  Höhen  hinter  Wörth,  Federzeichnung  von.
Christian  Speyer  554
117Bayerische  Jäger  im  Laufschritt  während  der  Schlacht  bei  Beaumont,  Federzeichnung
  von  Anton  Hoffman  563
Fransössche  atterien  auf  der  enh  (in  der  Schlacht  von  Beaumong),
Federzeichnung  von  Christian  Speyer  565
118  haheriche  ImP  Infanterie  in  der  Plänklerlinie,  Sederzeichnung.  von  Anton  562
Ho  6
121  Leichenfeld  au  den  Höhen  vor  Jliy  9  Federzeichnung  von  579
125  Frontmarsch  der  Bayern  von  Artenay  nach  Orléans  Christian  Speyer  597
hoeri  u  Artillerie  im  Kampse=  bei  Coulmiers,  Federzeichnung  v.  Anton  5%
128  Auf  der  Rückeetr  nach  Orltans  .  609
132  Bayerische  Batterie  im  Süden  vor  Paris  Federzeichnung  v.  Chr.  Speyer  615

S.  533  ZB.  10  v.
S.  594  Z.  14  v.

lies  Wassen  statt  Wassen.
.  deruntergerutscht.

Druckberichtigungen.

S.  17  Z.  20  v.  o.  lies  ornamentiertes  statt  ornamentierte.
S.  66  Z.  5  v.  o.  lies  Hertmans  Ktatt  Hermans.
S.  199  Z.  15  v.  u.  lies  Hausfresken  statt  Hausfresken.
S.  256  B.  3  v.  u.  liet  seiner  statt  einer.
S.  370  Z.  18  v.  u.  lies  General  (I  abgebrochen).
S.  530  Z.  8  v.  u.  lies  Österreicher  statt  Osterreicher.

d.

2
        <pb n="13" />
        1.  Bayernlied.
Von  Alois  Dreyer.")

Gut  und  Leben  laßt  uns  weihen
Unserm  deutschen  Vaterland,
Daß  es  möge  froh  gedeihen,
Daß  kein  Feind  mit  frevler  Hand,
Reidend  Deutschlands  Ruhm,  bedräue
Seinen  festgefügten  Bau!
Aber  schwört  auch  inn'ge  Treue
Unsrer  Heimat  weiß  und  blau!

Mächt'ige  Ströme,  klare  Seen
Grüßen  sie  im  Silberglanz.
Dort  begrünte,  sanfte  Höhen,
Hier  von  Feld  und  Wald  ein  Kranz!
Stolze  Städte  seh'  ich  blühen,
Dörschen  schmuck  birgt  jeder  Gau;
Darum  unfre  Herzen  glühen
Für  die  Heimat  weiß  und  blau.

Und  das  Volk  in  seiner  Mitte
Hat  stets  unentwegt  bewahrt
Gottesfurcht  und  schlichte  Sitte
Und  der  Bäter  deutsche  Art.

 

Fleiß  ziert  es  und  Herzensgüte,
Scheint  sein  Wesen  oft  auch  rauh;
Reich  an  jeder  Tugend  Blüte

Ist  die  Heimat  weiß  und  blau.

Bayerns  Ruhm  und  Wohlfahrt  heben
Mill  sein  Fürst,  wie  er  versprach;
Darum  sind  wir  treu  ergeben
Unserm  Hause  Wittelsbach.

Huldigend  nah'n  wir  dem  Throne,
Unsre  Liebe  neu  zu  weih'n:
Hie  ist  in  der  Fürstenkrone
Wohl  der  schönste  Edelstein.

Nie  im  Glück  und  in  Gefahren
Löst  der  Eintracht  festes  Band!
Laßt  uns  Treue  auch  bewahren
Dem  geliebten  Bayerland!

Laßt  die  Hände  froh  uns  falten:
„Guter  Gott,  vom  Himmel  schau,
Gnädig  wollest  du  erhalten

Unfre  Heimat  weiß  und  blau!“

2.  Wohnsitze,  Namen  und  Sprache,  Herhunft  des  Bayernvolkes.
Von  Siegmund  von  Riezler.)

Von  allen  deutschen  Stämmen  gibt  heute  der  bayerische  allein  einem

Staate  den  Namen,  der  wenigstens  den  Kern  der  alten  Stammlande  zum

größeren  Teile  umschließt  und  in  dessen  Bevölkerungszahl  der  namengebende

Stamm  das  übergewicht  hat.
ünf  lichten  Höhen,  S.  23.

Dresden-Leipzig,  1897,  E.  Pierson.

))  Geschichte  Bayerns,  I.  Band,  S.  4  ff.  Gotha,  1878,  A.  Perthes.

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.
        <pb n="14" />
        2  2.  Wohnsitze,  Namen  und  Sprache,  Herkunft  des  Bayernvolkes.

Der  bayerische  Stamm,  wiewohl  unter  zwei  Staaten  zersplittert,  bildet
noch  heute  eine  durch  Sprache  und  Art  seiner  Angehörigen  unverkennbare
Einheit.  Ihm  gehören  vollständig  an  vom  Königreiche  Bayern  die  Provinzen
Oberbayern,  Niederbayern,  Oberpfalz  und  Regensburg  und  von  der  österreichisch-ungarischen
  Monarchie  die  Erzherzogtümer  Osterreich  ob  und  unter  der
Enns  und  das  Herzogtum  Salzburg.  Was  von  nichtbayerischem  Volke  in
diesen  Provinzen  saß,  ist  sehr  gering  und  frühzeitig  bajuwarisiert  worden.
Weit  mehr  von  nichtbayerischen  Elementen,  insbesondere  Slaven,  haben  die
Bayern  im  Lande  unter  der  Enns  in  sich  aufgesogen.  Von  der  bayerischen
Provinz  Schwaben  und  Neuburg  sind  die  Bewohner  des  letzteren  Gebietes
Bayern.  In  Oberfranken  ist  die  Bevölkerung  um  das  Fichtelgebirge,  in  Mittelfranken,
  dessen  Name  den  ethnologischen  Verhältnissen  nicht  entspricht,  die  der
südlichen  und  östlichen  Teile,  ungefähr  ein  Drittel  bis  zur  Hälfte  des  Ganzen
von  bayerischer  Abkunft,  reiner  im  Eichstättischen,  mehr  mit  Franken  gemischt
im  Nürnbergischen;  immerhin  ist  der  Nürnberger  Dialekt  bayerisch,  nur  fränkisch
  angehaucht,  nicht  etwa  umgekehrt.  Nur  auf  Verkennung  dieser  Tatsachen
beruht  die  zuweilen  ausgesprochene  Behauptung,  daß  im  Königreiche  Bayern
mehr  Franken  als  Bayern  sitzen.  Von  Steiermark,  Kärnten  und  Tirol  gehört
  dem  bayerischen  Stamme  die  gesamte  deutsche  Bevölkerung  an.  Aber  in  ganz
Deutschtirol  —  mit  Ausnahme  wahrscheinlich  des  nördlichsten  Unterinntales
und  seiner  Seitentäler  —  haben  die  Bayern  nicht  nur  wie  anderwärts  vereinzelte
  Nichtgermanen  sondern  eine  starke  räto-romanische  Bevölkerung  baiuwarisiert.
  Endlich  gehören  dem  bayerischen  Dialekte  und  größtenteils  wohl  auch
dem  Ursprunge  nach  dem  bayerischen  Stamme  an  die  Deutschen  in  Ungarn
und  die  im  Egerlande,  an  den  böhmischen  Abhängen  des  Böhmerwaldes  und
an  der  Thaya.  Die  Seelenzahl  des  bayerischen  Stammes  wird  man  heute  in
runder  Schätzung  etwa  auf  9—10  Millionen  anschlagen  dürfen,  von  denen
über  2½  Millionen  im  Königreiche  Bayern,  alle  lübrigen  in  der  österreichischungarischen
  Monarchie  leben.

Oberbayern,  Niederbayern,  Oberpfalz  und  Regensburg,  Neuburg,  die
bayerischen  Teile  von  Mittelfranken,  Osterreich  ob  der  Enns,  Salzburg  und
Deutschtirol  bilden  die  alten  Stammlande,  in  denen  sich  die  Bayern  im  Laufe
des  6.  Jahrhunderts  festgesetzt  haben.  Von  dort  aus  breiteten  sie  sich  allmählich
  weiter  nach  Osten  aus.  In  das  8.  Jahrhundert  fällt  in  der  Hauptsache
die  Besiedlung  von  Kärnten  und  Steiermark,  in  das  9.  und  10.  die  der
Ostmark,  in  das  11.  und  12.  vornehmlich,  wie  es  scheint,  die  Einwanderungen
in  Urgarn  und  Böhmen.  Mit  der  Kolonisierung  des  Egerlandes,  die
wahrscheinlich  am  Schlusse  des  11.  und  in  den  ersten  Jahrzehnten  des
12.  Jahrhunderts  erfolgte,  hat  die  räumliche  Ausbreitung  des  Stammes
ihren  Höhepunkt  und  Stillstand  erreichtt,  und  kaum  ist  dies  geschehen,  so
nimmt  seine  schon  vorher  beginnende  politische  Zersplitterung  größere  Ausdehnung
  an.
        <pb n="15" />
        2.  Wohnsitze,  Namen  und  Sprache,  Herkunft  des  Bahernvolkes.  3

Zuletzt  unter  den  vier  großen  deutschen  Stämmen  hat  der  bayerische
seine  heutigen  Wohnsitze  gewonnen  und  diese  Tatsache  bestimmt  bereits  ein
gutes  Stück  seiner  Geschichte.  Schon  beginnen  sich  die  Wogen  der  Völkerwanderung
  zu  glätten,  schon  hat  im  ganzen  Westen  und  Nordwesten  von
Deutschland  die  bleibende  Bevölkerung  sich  niedergelassen  und  Franken,  Sachsen,
Schwaben  haben  bereits  eine  Geschichte  hinter  sich,  als  die  Bayern  zuerst  in
ihren  heutigen  Wohnsitzen  erscheinen.  Etwa  um  520  nennt  den  Baioarier  die
sogenannte  fränkische  Völkertafel,  ein  kahles  Verzeichnis  von  Volksnamen,  dem
jedoch  außer  der  ersten  Nennung  der  Bayern  auch  der  Umstand  besonderen
Wert  verleiht,  daß  hier  des  Tacitus  Scheidung  der  Germanen  in  Ingävonen,
Istävonen  und  Herminonen,  genauer  Erminonen,  noch  einmal  wiederkehrt.  Im
Jahre  565  sodann  spricht  der  Dichter  Venantius  Fortunatus  von  dem  Lande
Baioarien,  das  er,  von  Italien  zum  fränkischen  Könige  Sigibert  reisend,
zwischen  Inn  und  Lech  durchwandert  habe.  Als  eines  Volkes,  das  zwischen
Augsburg,  dem  Inn  und  den  Alpen  sitzt,  erwähnt  derselbe  Venantius  auch  der
Baioarier  in  seinem  Lobgedichte  auf  den  heiligen  Martinus.

Die  ältesten  Namensformen,  die  bei  Schriftstellern  und  in  Urkunden,  seit
dem  8.  Jahrhundert  auch  in  einheimischen  Denkmälern  auftreten,  sind:  Baioarii,
Baiovarii,  Baiuwarii,  Baiuvarii,  auch  schon  gekürzt:  Bawarii  und  Bawari.
In  deutscher  Sprache  erscheinen  zuerst  in  einer  Wessobrunner  Handschrift  und
in  den  romanisch-deutschen  Kasseler  Glossen,  beide  aus  dem  8.  Jahrhundert,
die  Namen  Peigira  und  Peigirolant,  wie  denn  im  Munde  der  alten  Bayern
jedes  b  im  Anlaut  zu  p  verhärtet  wurde.

Über  die  Bedeutung  dieses  Namens  kann  kein  Zweifel  obwalten,  wenn
man  sich  der  analog  gebildeten  Stammnamen  Amsiwarli,  Chatwarli,  Ripuarü
erinnert.  Baiuwarii  sind  die  Bewohner  des  Landes  Baia  oder  Baias.

Baias  nennt  der  Geograph  von  Ravenna  einen  Teil  des  ausgedehnten
Gebietes,  das  er  nach  seinem  Hauptstrome  als  das  Elbeland  bezeichnet.  Es
ist  dasselbe  Land,  das  dem  Tacitus  Boihemum  heißt.  Seine  ältesten  Bewohner
  in  historischer  Zeit  waren  die  Bojer,  ein  keltischer  Stamm.  Als  sie
durch  die  Markomannen  verdrängt  wurden,  gaben  diese  dem  neugewonnenen
Lande  den  Namen:  das  Heim  der  Bojer,  Boioheim,  Böheim,  Böhmen,  der
noch  heute  sowohl  am  Lande  als  an  seinen  jetzigen  Bewohnern  haftet.  Die
Volksnamen  Bayern  und  Böhmen  haben  also  ursprünglich  dieselbe  Bedeutung:
Bewohner  von  Böhmen.  Noch  im  5.  Jahrhundert  saßen  die  Markomannen
in  Böhmen.  Im  siebten  zuerst  begegnen  dort  die  slavischen  Czechen,  die  aber
wahrscheinlich  schon  früher,  gleich  nach  dem  Abzuge  der  Markomannen,  eingedrungen
  sind;  wenigstens  läßt  sich  zwischen  den  letzteren  und  ihnen  kein
anderes  Volk  dort  nachweisen.

Die  Bayern  führen  bei  ihrem  ersten  Auftreten  in  der  Geschichte  rein
deutsche  Personennamen  und  rein  deutsch  sind  ebenso  die  Ortsnamen,  die  sie
ihren  neuen  Niederlassungen  beilegen.  Nur  in  Zeiten,  denen  das  Licht  der

1
        <pb n="16" />
        4  2.  Wohnsitze,  Namen  und  Sprache,  Herkunft  des  Bayernvolkes.

Sprachforschung  noch  nicht  einmal  dämmerte,  war  es  möglich,  die  Bedeutung
solcher  Tatsachen  zu  übersehen  und  diese  Wolstregil  und  Poapo,  Eigil  und
Wazaman,  die  Gründer  von  Feldmoching  und  Holzhausen,  Hessellohe  und
Ebersberg  für  Nachkommen  der  keltischen  Bojer  zu  erklären.  Indem  man
richtig  eine  etymologische  Verwandtschaft  der  beiden  Namensvettern  folgerte,
übersah  man  doch,  einmal,  daß  dieselbe  noch  keine  leibliche  in  sich  schließt,
und  weiter,  daß  auch  die  etymologische  erst  durch  den  dazwischen  liegenden
Namen  des  böhmischen  Landes  vermittelt  wird.  Schon  im  7.  Jahrhundert
hatte  der  Mönch  Jonas  von  Bobbio  Bayern  und  Bojer  verwechselt.  Wie
der  Irrtum  hier  und  in  verwandten  Heiligenleben  nur  beiläufig  ausgesprochen
ward,  hatte  er  auch  keine  weiteren  Folgen.  Seine  Einführung  in  die  bayerische
Literatur  rührt  erst  von  der  übelberatenen  Gelehrsamkeit  der  Landeschronisten
des  15.  und  16.  Jahrhunderts,  zuerst  von  Veit  Arnpeck  her.  Am  meisten  zu
seiner  Einbürgerung  hat  dann  Aventin  beigetragen  und  länger  als  sonst  wohl
wahrscheinlich  gewesen  ward  der  falschen  Hypothese  dadurch  das  Leben  gefristet,
daß  undeutsche  Gesinnung  in  den  Tagen  des  Rheinbundes  sie  begünstigte  und
politisch  verwertete.

Können  wir  nur  in  einem  germanischen  Stamme,  der  einige  Zeit  in
Böhmen  den  dauernden  Wohnsitz  hatte,  die  Ahnen  unserer  Bayern  suchen,  so
werden  wir  schon  hierdurch  zu  dem  Schlusse  gedrängt,  daß  die  Bayern  mit
den  Markomannen  zusammenhängen.  Dieses  Ergebnis  wird  befestigt,  wenn
wir  jenem  Führer  folgen,  an  den  man  sich  in  ethnologischen  Fragen  stets
zuerst  zu  wenden  hat.  Die  Sprache  der  Bayern  schließt  nicht  nur  die  keltische
Abkunft  des  Stammes  aus  sondern  zeigt  auch,  welcher  Platz  demselben  innerhalb
  der  germanischen  Nation  anzuweisen  ist.  Der  bayerische  Dialekt  ist  mit
keinem  anderen  näher  verwandt  als  mit  dem  schwäbischen.  Mit  diesem  zusammen
  bildet  das  Bayerische  einen  deutschen  Hauptdialekt,  das  sogenannte
Oberdeutsche.  Die  Schwaben  oder  Alamannen,  was  gleichbedeutend,  gehören
zur  suevischen  Völkergruppe  und  haben  deren  Namen  im  verengerten  Sinne
bis  heute  erhalten;  ihren  Kern  bildeten  höchstwahrscheinlich  die  alten  Semnonen.
Auch  die  Bayern  müssen  also  der  suevisch-erminonischen  Gruppe  zugewiesen
werden.  Als  Suevenstämme  nennt  Tacitus,  der  hier  durch  alle  sonstigen
Zeugnisse  nur  Bestätigung  findet,  außer  den  Semnonen  die  Langobarden,
Hermunduren,  Narisker,  Markomannen,  Quaden  und  die  kleinen  Völker  der
Marsinger  und  Burer.  Von  diesen  sind  die  Langobarden  nach  Italien  gewandert,
die  Hermunduren  die  Ahnen  unserer  Thüringer.  Der  kleine  Stamm  der  Narisker
saß  in  der  heutigen  Oberpfalz,  im  Westen  der  Markomannen,  von  denen  er  von
Anfang  an  wohl  nur  einen  Ableger  bildete;  die  Quaden,  fast  stets  mit  den
Markomannen  zusammen  genannt,  wohnten  in  deren  Osten,  im  heutigen  Mähren,
die  Marsinger  und  Burer  in  deren  Rücken,  etwa  um  das  Riesengebirge.

Nehmen  wir  also  Namen  und  Sprache  des  Volkes  zusammen,  so  bleiben
für  die  Frage  nach  seiner  Herkunft  nur  zwei  Antworten  offen:  die  Bayern
        <pb n="17" />
        3.  Die  vorgeschichtliche  Zeit  des  Landes.  5

sind  entweder  kein  anderes  Volk  als  die  Markomannen  oder  sie  sind  aus
einer  Vereinigung  suevischer  Stämme  erwachsen,  in  der  die  Markomannen  den
Kern  bildeten,  wozu  überdies  die  Quaden,  vielleicht  auch  Narisker  und  kleinere
suevische  Stämme  stießen.  Auf  solchem  Wege,  durch  die  Verbindung  mehrerer
verwandten  Stämme  haben  sich  sehr  wahrscheinlich  die  drei  anderen  großen
deutschen  Stämme  des  Mittelalters,  Franken,  Sachsen  und  Schwaben  gebildet.
Auch  für  die  Bayern  wird  man  geneigt  sein,  der  Annahme  einer  Vereinigung.
aus  Markomannen  und  einigen  nahe  verwandten  und  benachbarten  Suevenstämmen,
  insbesondere  Quaden,  den  Vorzug  zu  geben,  wenn  man  die  Analogie
der  allgemeinen  Entwicklung  berücksichtigt,  die  Größe  des  von  den  Bayern
besetzten  Gebietes,  die  namhafte  Schwächung,  welche  die  Markomannen  und
ihre  suevischen  Nachbarn  in  den  Römer-,  wohl  auch  Hunnenkriegen  erfuhren,
endlich  den  Umstand,  daß  gleichzeitig  mit  dem  Markomannennamen  auch  jener
der  Quaden  verschwindet.

3.  Die  vorgeschichtliche  Zeit  des  Landes.
Von  Franz  Weber.“

Die  Spuren  des  Menschen  reichen  weit  über  alle  geschichtliche  Zeit
hinüber  in  vergangene  Erdperioden.  Dem  geologischen  Abschnitt,  in  welchem
wir  gegenwärtig  leben,  dem  Alluvium,  ging  eine  lange  Erdperiode  voraus,
das  Diluvium,  deren  Dauer  von  den  Geologen  auf  1000000  Jahre  berechnet
wird,  und  dieser  wieder  eine  andere,  die  Tertürzeit.  Bis  jetzt  sind  sichere
Spuren  des  Menschen  im  Tertiär  nirgends  gefunden  worden,  die  Möglichkeit
  seines  Vorhandenseins  auch  in  dieser  frühen  Periode  ist  aber  keineswegs
ausgeschlossen.  Dagegen  ist  seine  Existenz  in  der  Diluvialzeit  sicher  nachgewiesen.
  Während  dieser  Erdperiode  änderte  sich  das  milde  Klima  des
Tertiär  und  begann  eine  allmähliche  Erkältung,  welche  zur  Vereisung  eines
großen  Teils  des  Kontinents  führte,  der  sogenannten  Eiszeit.  Man  unterscheidet
  mehrere  Eisperioden  mit  dazwischenliegenden  eisfreien  Unterbrechungen,
den  Zwischeneiszeiten,  in  denen  die  Vergletscherung  etwas  zurückging  und  Landstriche
  eisfrei  wurden,  die  beim  Wiedervorrücken  der  Gletscher  sich  neuerdings
mit  Eis  bedeckten.  In  diesen  Zwischeneiszeiten  von  sehr  langer  Dauer  war  die
Möglichkeit  menschlichen  Lebens  auch  in  diesen  Landstrichen  gegeben,  wie  sie
in  den  vom  Eise  nie  erreichten  Gebieten  von  Mitteleuropa  schon  vor  der
Eiszeit  immer  vorhanden  war.  Hier,  in  Frankreich,  Belgien,  Mitteldeutschland,
wurden  denn  auch  die  sicheren  Spuren  des  Menschen  zuerst  nachgewiesen,
Spuren,  die  über  die  Eiszeit,  deren  Beginn  auf  15000—20000  Jahre  vor
dem  Alluvium  angesetzt  wird,  hinaufgehen.  Aber  auch  in  dem  innerhalb
des  Bereichs  der  Gletscher  gelegenen  Gebiete  Europas  hat  man  menschliche
Spuren  gefunden,  die  auf  seine  Anwesenheit  daselbst  in  einer  Zwischeneiszeit,
jedenfalls  in  der  postglazialen  Zeit,  hinweisen.
        <pb n="18" />
        6  3.  Die  vorgeschichtliche  Zeit  des  Landes.

Unser  engeres  Heimatland  Bayern  war  zum  Teil  im  Bereich  der  vollständigen
  Vereisung  zum  Teil  außerhalb  dieser.  Von  den  Alpen  im  Süden
gingen  die  Gletscher  bis  an  die  Donau  hinaus.  Jenseits  dieser  aber  blieb
das  Land  vom  Eise  frei.  Es  haben  sich  denn  auch  in  den  Höhlen  an  der
Donau  und  im  schwäbischen  Ries  wie  in  dem  Fränkischen  Juragebiet  Reste  des
Diluvialmenschen  gefunden,  am  unzweifelhaftesten  in  den  ungestörten  Schichten
in  der  Ofnethöhle  und  im  Hohlenfels  im  Ries,  während  sich  südlich  der  Donau
bis  jetzt  dessen  Spuren  aus  dem  Diluvium  nicht  nachweisen  ließen.

Die  Reste  des  Menschen  aus  diesen  frühen  Zeiten  sind  sehr  spärlich  und
unscheinbar.  Grauenhaft  und  schrecklich,  von  unserem  Kulturstandpunkt  zurückgesehen,
  muß  sich  das  Leben  in  Mitte  einer  noch  unwirtlichen  Natur,  in  der
Umgebung  der  gewaltigen  und  unheimlichen  Tierreihen  des  Diluviums  ab.
gewickelt  haben.  In  den  Fundschichten  dieser  Periode  zeigen  sich  weder  Kohle
und  Asche  noch  Scherben  von  Tongefäßen;  der  Mensch  kannte  noch  nicht  das
Feuer,  noch'  nicht  die  roheste  Töpferei.  Unter  den  Knochen  der  Tiere  in  den
Höhlenschichten  finden  sich  nur  solche  wilder  Tiere;  der  Mensch  hatte  noch  kein
Haustier  gezähmt.  Er  genoß  das  Fleisch  der  erlegten  Tiere  roh,  trank  deren
Blut  und  sog  das  Mark  aus  den  aufgeschlagenen  Knochen,  die  zahlreich  mit
den  Spuren  der  Offnung  in  den  Fundschichten  vorkommen.  Als  Waffe  und
Geräte  dienten  ihm  nur  der  Baumast  und  der  Stein,  den  er  durch  Behauen  in
verschiedene  Formen  brachte,  so  daß  er  ihn  als  Beil,  Meißel,  Messer  und
Schaber  verwenden  konnte.  Er  wählte  das  härteste  Gestein,  das  er  finden
konnte,  den  Feuerstein,  zur  Bearbeitung.  Auch  die  Kiefer  der  großen  Tiere
benutzte  er  als  Hiebwaffe,  wie  er  die  Schädel  kleinerer  als  Trinkgeschirr
gebrauchte.  So  armselig  war  der  Hausrat  des  Menschen,  der  meist  in  natürlichen
  Höhlen  Unterkunft  suchte  und  fand,  um  deren  Besitz  er  oft  genug  mit
den  Tieren  kämpfen  mußte.  Und  doch  finden  sich  schon  aus  dieser  frühen
Zeit,  da  der  Mensch  noch  als  völlig  „Wilder“  in  die  Erscheinung  tritt,  zwar
nicht  bei  uns,  aber  in  Frankreich  und  in  Italien,  in  den  Wohnhöhlen  Spuren
einer  überraschenden  naturalistischen  Kunstübung  in  eingeritzten  und  mit  Farben
umrissenen  Darstellungen  von  Tieren,  wie  sich  auch  in  Schweizer  Höhlen
plastische,  aus  Bein  und  Knochen  geformte  Tiergebilde  von  erstaunlicher
Natürlichkeit  gefunden  haben.  In  unseren  Höhlen  fanden  sich  wenigstens
Rötelbrocken,  von  denen  man  annimmt,  daß  sie  der  Höhlenmensch  zur  Bemalung
  des  Körpers  verwendete,  sowie  durchbohrte  Tierzähne  zum  Anhängen,
  womit  also  auch  das  Bedürfnis  des  Körperschmucks  schon  zum  Ausdruck
  kam.

Von  der  Verwendung  des  Gesteins  zum  Gebrauche  als  Waffe  und
Werkzeug,  deren  Formen  aber  nur  durch  rohes  Behauen  der  natürlichen
Knollen  hervorgebracht  sind,  nennt  man  diese  erste  nachweisbare  Periode  des
Menschen  die  „ältere  Steinzeit“  im  Gegensatz  zu  einer  nun  folgenden  vorgeschrittenen
  Kulturperiode,  der  sogenannten  „jüngeren  Steinzeit"“.
        <pb n="19" />
        3.  Die  vorgeschichtliche  Zeit  des  Landes.  7

Keine  bisher  erkennbar  überbrückte  Kluft  führt  von  dem  „Wilden“  der
älteren  Steinzeit  zu  dem  mit  einem  Schlage  schon  von  einer  gewissermaßen
hohen  Kultur  umgebenen  Menschen  der  jüngeren  Steinzeit.  Wie  nach  dem
Zurückweichen  der  Eismassen  und  dem  Verlaufen  der  Wasserfluten  auf  den
Moränen  und  den  Schlammniederschlägen  sich  allmählich  ein  freundliches
Landschaftsbild  mit  grünen  Matten,  blauen  Seen  und  lichten  Flußarmen  entwickelte;
  wie  die  Tierwelt  nach  dem  Untergang  und  der  Auswanderung  der
ungeheuerlichen  Typen  der  Diluvialzeit  eine  unserer  jetzigen  sich  annähernde
Gestaltung  annahm,  so  hatte  sicher  auch  das  Außere  des  Alluvialmenschen
nicht  mehr  Form  und  Gestalt  des  Wilden  der  älteren  Steinzeit.  Nach  den
körperlichen  Überresten,  die  sich  aus  der  jüngeren  Steinperiode  des  Menschen
erhalten  haben,  glich  dieser  in  Bau  und  Erscheinung  schon  vollkommen  dem
späteren  Menschen  und  war  der  direkte  Ahnherr  des  jetzt  lebenden  Geschlechts;
von  ihm  reicht  bis  in  unsere  Tage  der  Faden  der  Kulturentwicklung  ohne
Unterbrechung  herab.  Die  Dauer  der  Alluvialperiode,  in  der  wir  gegenwärtig
leben,  und  damit  der  Beginn  der  menschlichen  Kultur  der  jüngeren  Steinzeit
wird  von  den  Geologen  auf  7000—10000  Jahre  geschätzt.

Auch  jetzt  war  der  Mensch  noch  ohne  jede  Kenntnis  der  Metalle  und
ihrer  Verwendbarkeit.  Er  schuf  sich  alle  Waffen  und  Geräte,  soweit  nicht  Holz
oder  Knochen  hierzu  Verwendung  fanden,  aus  Stein.  Aber  nicht  mehr  durch
bloßes  rohes  Behauen  wußte  er  diesen  zu  formen;  er  hatte  jetzt  gelernt  den
Stein  zu  schleifen  und  zu  glätten  und  gab  seinen  Bedarfsgeräten  allmählich
nicht  nur  äußerst  praktische  sondern  auch  gefällige  Formen.  Es  heißt  daher
diese  Periode  die  „jüngere  Steinzeit“  oder  die  Periode  des  geschliffenen  Steines.
Was  aber  diese  im  Vergleich  zu  der  älteren  charakterisiert,  ist  nicht  bloß  eine
größere  Fertigkeit  in  der  Behandlung  und  Ausnutzung  der  Gesteinsarten,  sondern
  eine  auf  ganz  anderer  Grundlage  beruhende  Lebensführung  überhaupt.
Wir  kennen  eine  Menge  Niederlassungen  aus  dieser  Periode  mit  dem  gesamten
Hausinventar  der  Menschen  in  den  Pfahlbauten  der  Voralpenseen
wie  in  zahlreichen  Landansiedelungen;  speziell  bei  uns  in  Bayern  sind  solche  in
dem  Pfahlbau  an  der  Insel  des  Würmsees,  der  sogenannten  Roseninsel,  in
den  Landansiedelungen  auf  dem  Auhögl  bei  Hammerau  (Bezirksamt  Laufen),
in  den  Ebenen  bei  Inzkofen  (Bezirksamt  Freising),  bei  Regensburg  und  Straubing,
  in  den  Höhlen  des  Fränkischen  Jura  und  der  Fränkischen  Schweiz  wie
in  den  zahlreichen  Wohngrubenresten  des  Spessarts  bekannt.

Aus  diesen  reichlichen  Uberresten  entrollt  sich  ein  vollständiges  Bild
der  Kulturstufe  jener  Periode.  Der  Mensch  lebte  nicht  mehr  bloß  in  Familien
wie  der  der  älteren  Steinzeit,  sondern  hatte  sich  in  dorfartigen  Siedelungen
zu  Sippenverbänden  zusammengetan;  er  hatte  fast  alle  Haustiere,  die  wir
jetzt  noch  verwenden;  er  trieb  Ackerbau  und  baute  verschiedene  Getreidearten;
er  verstand  zu  weben,  flechten  und  spinnen;  die  Töpferei  war  allgemein
Hausbetrieb  wie  die  Verfertigung  der  Stein=  und  Knochengeräte,  Fischfang
        <pb n="20" />
        8  3.  Die  vorgeschichtliche  Zeit  des  Landes.

und  Jagd  wurden  eifrig  gepflegt.  Außer  dieser  durch  die  Notdurft  des
Lebens  gebotenen  Tätigkeit  hat  sich  aber  auch  das  Bedürfnis  wie  der  Sinn
für  eine  Verfeinerung  der  Lebensführung  entwickelt:  reichlicher  Schmuck  in
allen  möglichen  Formen  aus  Bein  und  Stein  war  in  Verwendung,  die  Töpfergeschirte
  wurden  mit  von  Geweben  entlehnten  Motiven  in  mannigfaltigster
Weise  verziert,  die  Formen  der  Waffen  und  Geräte  nahmen  künstlerische  Gestalt
  an,  man  begnügt  sich  nicht  mehr  den  Stein  nur  zu  schleifen,  man  bringt
auch  hier  Verzierung  durch  eingeschliffene  Linien  und  Kanten  an.  Dagegen
fehlt  jede  Spur  der  vom  Menschen  der  älteren  Steinzeit  geübten  naturalistischen
  Kunst,  deren  Kenntnis  wieder  verloren  gegangen  zu  sein  scheint.

Auch  in  dem  psychischen  Leben  ging  eine  gewaltige  Veränderung  vor  sich,
wenn  sich  auch  naturgemäß  hiervon  nicht  so  deutliche  Spuren  erhalten  haben
wie  vom  mechanischen  Leben.  Während  der  „Wilde“  der  älteren  Steinzeit
seine  Toten  noch  ohne  Grauen  in  seiner  Wohnhöhle  unter  seiner  Lagerstätte
verscharrte,  hatte  der  Mensch  der  jüngeren  Steinzeit  schon  gesonderte  Begräbnisplätze,
  in  denen  er  seine  verstorbenen  Sippen  mit  gewissen  Gebräuchen  und
unter  Beigabe  von  Geschenken,  von  Schmuck,  von  Gefäßen  mit  Lebensmitteln
bestattete  und  so  den  Beweis  dunkler  Vorstellungen  von  einem  Leben  nach  dem
Tode  gab.  «

In  der  Hauptsache  sehen  wir  also  schon  jetzt  die  Kultur  der  Vorzeit  in
ihren  Grundzügen  ausgeprägt.  Der  Gesamteindruck,  den  die  Ansiedelungen  der
jüngeren  Steinzeit  machen,  ist  ein  freundliches,  arbeitsfreudiges  Lebensbild  reger
Schaffenslust  nach  allen  Richtungen  mit  hellen  Lichtblicken  in  die  sich  hieraus
entwickelnde  Zukunft  der  Menschen.

Es  steht  somit  nach  den  Funden  unumstößlich  fest,  daß  es  einst  eine
reine  Steinzeit  in  Bayern  wie  in  ganz  Mitteleuropa  gegeben  hat.  Diese  um.
faßte  einen  sehr  langen,  über  mehrere  Jahrtausende  reichenden  Zeitraum  und
es  lassen  sich  verschiedene  Zeitabschnitte  in  aufsteigender  Entwicklung  unterscheiden.
  Aber  irgend  einen  Anhalt  für  die  ethnologische  Feststellung  der  Steinzeitleute
  geben  deren  Uberreste,  wie  sie  bisher  auf  uns  gekommen,  nicht.  Eine
gewisse  allgemeine  Verwandtschaft  aber  muß  wenigstens  in  Bayern  bei  der
steinzeitlichen  Bevölkerung  geherrscht  haben.  Die  wenigen  somatischen  sowie
die  zahlreichen  mechanischen  Überreste  weisen  auf  ein  körperlich  mäßig  entwickeltes
  Volk,  von  dem  wir  nicht  wissen,  ob  es  auf  dem  Boden  des  von  ihm
bewohnten  Landes  einheimisch  oder  dort  eingewandert  war.

Auf  die  jüngere  Steinzeit  folgt  bei  uns  wie  in  den  Nachbarländern  die
sogenannte  Metallzeit  und  zwar  als  deren  erste  deutlich  abgegrenzte  Stufe  die
Bronzezeit.  Eine  eigentliche  Kupferperiode,  die  der  Bronzezeit  vorangegangen
wäre,  läßt  sich  für  Bayern  wenigstens  an  der  Hand  der  Funde  nicht  nachweisen,
  obwohl  man  nach  der  natürlichen  Entwicklung  eher  annehmen  müßte,
daß  Kupfer,  der  Hauptbestandteil  der  Bronze,  ursprünglich  allein  verarbeitet
wurde,  ehe  man  auf  die  Legierung  dieses  Metalls  mit  Zinn  und  damit  auf
        <pb n="21" />
        3.  Die  vorgeschichtliche  Zeit  des  Landes.  9

die  Herstellung  der  Bronze  geriet.  Wie  die  Erdperioden  reißen  auch  die
Kulturperioden  nicht  plötzlich  und  mit  einemmale  ab,  sondern  gehen  langsam
ineinander  über.  Schon  am  Ende  der  jüngeren  Steinzeit  treten  vereinzelt
Schmucksachen  und  Geräte  von  Bronze  auf.  In  der  Ansiedlung  am  Auhögl
wurde  Bronze  verarbeitet,  wie  Reste  von  Gußklumpen  und  Tropfen,  von
Schmelztiegeln  mit  anhaftender  Bronzemasse,  von  Gußformen  und  einige  wenige
offenbar  an  Ort  und  Stelle  gegossene  Schmuckstücke  (Spiralen  und  Nadeln)
sowie  Geräte  beweisen.  Das  Haupterzeugnis  der  jüngeren  Steinzeit  war  das
Steinbeil,  erst  als  Keil  in  Schuhleistenform,  später  mit  durchgebohrtem  Loch
zum  Anstecken  eines  Holzstiels,  noch  später  zum  förmlichen  Steinhammer  ausgebildet;
  außerdem  kommen  Pfeilspitzen  und  Dolche  vor.  Alle  diese  Gegenstände
  werden  nun  in  anfänglich  gleichen  Formen  in  Bronze  nachgebildet.  Wie
die  Kenntnis  der  Bronze  ins  Land  kam,  vermögen  wir  vorerst  noch  nicht  nachzuweisen,
  wahrscheinlich  wurde  sie  schon  als  Rohmaterial  eingeführt  und  dann
im  Lande  verarbeitet;  denn  man  findet  namentlich  in  Südbayern  große
Mengen  rohgearbeiteter  Bronzebarren  in  Ring=  und  Spangenform  und  erklärt
sich  diese  Funde  als  Handelsware.  Es  wäre  aber  auch  möglich,  daß  das  Erz
im  Lande  selbst  bereitet  wurde,  denn  sowohl  Kupfer  als  Zinn  kommt  in
Bayern  vor,  ersteres  in  den  Gebirgen  im  Süden,  letzteres  im  Fichtelgebirge.
Auch  fertige  Ware  kam  durch  den  Handel  ins  Land.

Noch  vor  dem  Jahre  2000  v.  Chr.  beginnt  die  Bronzezeit  bei  uns,  auf
deren  frühester  Stufe  gleichzeitig  noch  Stein  in  Verwendung  kam,  der  aber
bald  von  dem  neuen  Material  verdrängt  wurde.  Auf  dieser  ältesten  Stufe
der  Bronzezeit  fehlt  von  den  Wassen  noch  das  Schwert  und  die  Lanze,  obwohl
man  letztere  schon  in  der  Steinzeit  kannte.  Uberhaupt  wird  das  glänzende
neue  Material  vor  allem  zum  Schmuck  verwertet.  Schon  in  dieser  frühen
Zeit  lernte  man  nicht  nur  Bronze  gießen  sondern  auch  als  Draht  ziehen  und
zu  Blech  aushämmern.  In  Gräberfunden  des  südlichen  Bayerns  und  zwar
sowohl  im  östlichen  Teil  an  der  Salzach  wie  nördlich  und  westlich  an  der
Donau  treten  übereinstimmend  als  Schmuckstücke  auf:  lange,  dünne  Blechröhren,
  deren  mehrere  untereinander  in  horizontalen  Reihen  auf  beiden  Seiten
der  Brust  am  Kleide  befestigt  waren;  ferner  ziemlich  große  Spiralen  aus
Bronzedraht  in  Schneckenform  aufgerollt,  die  als  Kopfputz  oder  Haarschmuck
verwendet  wurden.  Die  Gleichmäßigkeit  dieser  Schmuckausstattung  im  Osten
und  Westen  von  Südbayern  läßt  auf  eine  gewisse  Verwandtschaft  der  Bewohner
  schließen.  Denn  wenn  auch  die  Bronzekultur  im  allgemeinen  über
ganz  Europa  verbreitet  war  und  schon  aus  diesem  Grunde  nicht  ein  einziges
Volk  als  Träger  dieser  Kultur  angenommen  werden  darf,  so  können  doch
lokale  Eigentümlichkeiten  für  ein  begrenztes  Gebiet  hervortreten,  die  für  dieses
Gebiet  auf  einen  einheitlichen  Volksstamm  hinweisen.  Noch  deutlicher  macht
sich  eine  solche  Verschiedenheit  in  der  nachfolgenden  Stufe  der  älteren  Bronzezeit
bemerkbar,  insoferne  hier  nördlich  der  Donau  mehrfach  Formen  des  Bronze-
        <pb n="22" />
        10  3.  Die  vorgeschichtliche  Zeit  des  Landes.

schmucks  auftreten,  die  südlich  dieser  fehlen,  wie  z.  B.  die  Kleidernadeln  mit
Radscheibenkopf,  die  herzförmigen  Halsschmuckgarnituren  u.  a.  Es  gewinnt  dadurch
die  Annahme  einen  gewissen  Halt,  daß  in  Bayern  in  dieser  Zeit  nördlich  der
Donau  ein  anderer  Volksstamm  saß  wie  südlich.  In  dieser  zweiten  Entwicklungsstufe
  der  älteren  Bronzezeit  sehen  wir  Technik  und  Stil  auf  einem
Höhepunkt,  der  später  nur  noch  an  Mannigfaltigkeit  der  Formen,  nicht  mehr
an  Stilgehalt  und  Feinheit  des  Geschmacks  übertroffen  wird.  In  den  Hügelgräbern
  dieser  Zeit,  in  denen  nun  im  Gegensatz  zu  den  Flachgräbern  der  Steinund
  ältesten  Bronzezeit  statt  der  Skelette  Leichenbrand,  wenn  auch  nicht  ausschließlich,
  auftritt,  findet  man  als  Ausrüstung  der  Männerleichen  wiederholt
gleiche  Waffengarnituren,  bestehend  in  Schwert,  Dolch  und  Beil  von  Bronze,
neben  ebenfalls  typischer  Schmuckausstattung  mit  einem  Handreif  und  einer
langen  Nadel,  die  Mantel  oder  Gewand  zusammenhielt;  in  den  Frauengräbern
meist  ein  Paar  solcher  Nadeln  und  mehrere  Arm=  und  Handgelenkringe  von
breiten  Bronzebändern  oder  gewundenem  Bronzestab;  an  Stelle  der  horizontal
gelegten  Bronzeröhren  treten  als  Kleiderbesatz  nun  Zierbuckel  in  größerer  oder
kleinerer  Form  aus  dünnem  Bronzeblech,  oft  mit  getriebenen,  perlenförmigen
Punkten  verziert,  bis  zu  50  Stück  und  mehr,  auf;  statt  der  Schneckenspiralen
werden  trichterförmige  Hohlbleche  im  Haare  getragen.  Auch  diese  Ausstattung
zieht  sich  in  Südbayern  von  Osten  bis  zum  Bodensee  gleichmäßig  durch.  Als
Schmuckstücke  treten  jetzt  auch  Spiralen  und  Ringe  von  Gold,  Perlen  von  Bernstein
  und  blauem  Glas  auf,  die  jedenfalls  durch  einen  ausgedehnteren  Handelsverkehr
  aus  Norden  und  Süden  ins  Land  kamen.  Der  hochentwickelte  Formensinn
  der  Zeit  tritt  ebenso  in  der  Schönheit  und  Eleganz  der  Waffen  hervor
wie  in  der  Zierlichkeit  der  Schmucksachen,  von  denen  namentlich  die  Fingerringe
  mit  Spiralwindungen,  der  Halsschmuck  von  feinem  gerollten  Bronzedraht
mit  im  Kreise  herabhängenden  feinen  Spiralscheibchen  einen  außerordentlich
zierlichen  Eindruck  machen  und  fern  von  jeder  Uberladung  sind.  Auch  die
Mannigfaltigkeit  der  Nadeln  und  des  Armschmucks  weicht  nie  von  einer  gewissen
einfachen  Vornehmheit  der  Form  ab.  Auf  den  beiden  folgenden  Stufen  der
jüngeren  Bronzezeit  treten  gahlreiche  neue  Einzelheiten  bei  Waffen  und
Schmuck  auf,  im  großen  und  ganzen  bleiben  aber  die  typischen  Formen
bestehen.

Die  Keramik  der  Bronzezeit  hat  nicht  mehr  die  reiche  Verzierung  der
steinzeitlichen  Gefäße,  dafür  hat  sich  aber  deren  Gestalt  wesentlich  stilvoller
und  schöner  entwickelt.  Charakteristisch  bleibt  auch  für  die  Bronzezeit  wie  für
die  vorhergehende  Steinzeit  das  Fehlen  jeder  Motive  aus  der  Pflanzen=  und
Tierwelt  bei  der  Verzierungsweise;  auch  keine  Spur  einer  plastischen  oder
bildlichen  Darstellung  des  Menschen  ist  bis  jetzt  bei  uns  gefunden.  Es  läßt
sich  vielleicht  hieraus  der  Schluß  ziehen,  daß  der  Mensch  der  Bronzezeit  sich
noch  nicht  zur  Vorstellung  persönlicher  Götter  erhob,  die  man  allenfalls  in
menschlichen  Gestalten  nachgebildet  hätte.
        <pb n="23" />
        3.  Die  vokgeschichtliche  Zeit  des  Landes.  11

Unzweifelhaft  ist  in  unserem  Lande  von  der  jüngeren  Steinzeit  ein
ununterbrochener  Fortschritt  der  Entwicklung  bis  auf  die  Höhe  der  Bronzezeit
  zu  erkennen.  Wenn  man  die  ÜUberreste  dieser  beiden  Perioden  aufmerksam
verfolgt,  sgewinnt  man  den  Eindruck,  daß  hier  ein  und  derselbe  Volksstamm
sich  zu  einer  ihm  erreichbaren  Kulturhöhe  entwickelt  hat.  Auch  die  wenigen
bisher  gefundenen  Wohnstätten  mit  ihrem  Inventar  deuten  darauf  hin,  daß
die  Leute  der  jüngeren  Stein=  und  der  Bronzezeit  in  ununterbrochener  Geschlechterreihe
  aufeinanderfolgten,  daß  kein  Bevölkerungswechsel  während  dieser
Perioden  eintrat.  Wie  sich  in  den  steinzeitlichen  Niederlassungen  auf  dem  Auhögl
und  auf  der  Insel  im  Würmsee  die  ersten  Spuren  der  Metallverwendung  zeigen,
so  treten  in  der  bisher  einzigen  im  südlichen  Bayern  gefundenen  bronzezeitlichen
  Niederlassung  unter  der  Burgruine  in  Karlstein  bei  Reichen  hall
die  letzten  Spuren  der  Verwendung  von  Steinmaterial  neben  der  schon
herrschenden  Bronze  zutage.  Diese  kleine,  in  entlegener  Gebirgsgegend  befindliche
  Ansiedlung  gibt  in  ihren  Resten  nur  das  Bild  von  ärmlichen  Behausungen,
  nicht  von  der  Höhe  der  bronzezeitlichen  Kultur.  Immerhin  aber
gewährt  sie  einen  Einblick  in  das  Leben  und  Treiben  ihrer  Bewohner.  Am
Fuße  des  steilen  Bergkegels  und  terrassenförmig  am  Berghang  übereinander
lagen  die  Hütten,  die  am  Berg  in  der  Weise  in  den  Hang  eingeschnitten
waren,  daß  der  natürliche  Felsen  die  Rückwand  bildete  und  der  Aushub  nach
vorn  abgelagert  wurde  um  Raum  zu  gewinnen.  Der  ebene  Boden  war  festgestampft
  und  Spuren  von  Pfostenlöchern  lassen  annehmen,  daß  Vorder=  und
Seitenwände  aus  Holzstämmen  zusammengefügt  waren.  Das  Dach  ruhte
schräg  auf  dem  Felsen  der  Rückwand  und  den  Stämmen  der  Vorderwand.
Eine  oder  auch  zwei  Feuerstellen  waren  im  Hüttenraum  aus  großen  Steinen
halbkreisförmig  angebracht.  Das  Hausinventar  bestand  aus  großen  Tonkufen
für  Wasservorrat,  aus  Mahlsteinen  und  Reibern  von  Granit,  mit  denen  von
den  Weibern  sdas  Getreide  gemahlen  wurde;  viele  Nähnadeln  von  Bronze,
Spinnwirtel  und  Webstuhlgewichte  von  Ton  deuten  darauf  hin,  daß  hier  von
ihnen  gesponnen,  gewoben  und  die  Kleidung  bereitet  sowie  Netze  gestrickt
wurden.  Denn  die  Männer  oblagen  dem  Fischfang  (Funde  von  Angeln  aus
Bronze,  vieler  Netzsenker)  und  der  Jagd  (Pfeilspitzen  von  Feuerstein  und  Bronze);
sie  beschäftigten  sich  mit  Bronzegießen  (Gußklumpen,  Gußform,  Schmelztiegelreste,
  neue  Stücke  mit  Gußnaht).  Viele  vorkommende  kleine  Bronzepunzen
oder  Stichel  (wie  sie  auch  in  den  Schweizer  Pfahlbauten  zahlreich  auftreten)
dienten  zu  irgend  einem  hier  betriebenen  Handwerk.  Am  natürlichen  Felsboden
der  Hütten  und  ihrer  Umgebung  fanden  sich  abgesprungene  Schneiden  von
Bronzebeilen,  ein  Beweis,  daß  die  Männer  hier  den  Felsboden  zur  Herstellung
der  Hütten  und  das  Holz  der  Stämme  bearbeitet  hatten.  Außerordentlich
häufig  waren  die  Scherben  der  Töpfe,  die  ebenfalls  hier  von  den  Weibern
hergestellt  wurden.  Selbst  ganz  kleine  Geschirrchen,  offenbar  Kinderspielzeug,
fanden  sich  vor.  Zerbrochene  oder  verlorene  Schmucksachen  von  Bronze  ließen
        <pb n="24" />
        12  3.  Die  vorgeschichtliche  Zeit  des  Landes.

erkennen,  daß  die  Ansiedlung  von  der  frühesten  Bronzezeit  bis  an  deren  Ende
bewohnt  war.  Auch  Grabstätten  dieser  Zeit  wurden  in  der  Nähe  unter  dem
Schutt  einer  späteren  römischen  Niederlassung  gefunden.

Ein  anderes  charakteristisches  Kulturbild  der  Zeit  geben  die  an  vielen
Orten  Bayerns  aufgefundenen  Gießstätten  und  Vorräte  neuer,  fertiger  Waren
wie  angesammelte  zerbrochene  Geräte  und  Schmucksachen,  die  wegen  des  kostbaren
  Materials  zum  Einschmelzen  bestimmt  waren.  Diese  Funde  deuten  auf
sehhafte  oder  herumziehende  Bronzeschmiede,  von  deren  Kunst  die  Sagen  der
späteren  Zeit  berichten.  Wir  lernen  aus  diesen  wie  aus  den  Massenfunden
der  Rohmaterialien  die  Verkehrswege  kennen,  die  durch  das  Land  führten,  und
die  Richtung,  die  der  Handel  und  die  Einfuhr  nahmen.  Diese  Entwicklung
des  Verkehrs  deutet  wieder  auf  eine  lange,  friedliche  Periode,  die  auch  die
hohe  Vollendung  des  Kunstgewerbes  der  Bronzezeit  ermöglichte.  Diese  tritt
namentlich  in  den  Beigaben  der  in  den  Grabhügeln  dieser  Zeit  Bestatteten
hervor.  Wie  bei  den  Griechen  wurden  auch  bei  uns  nur  den  Angesehenen
des  Volkes  und  ihren  Frauen  Hügel  aufgerichtet  und  eine  reiche  Ausstattung
mit  ins  Grab  gegeben.  Die  Bronzezeit  des  westlichen  Europa  entspricht  überhaupt
  zeitlich  der  im  östlichen  Teile  herrschenden  sogenannten  mykenischen  Periode
und  füllt  ebenfalls  in  mehrfachen  Abstufungen  das  zweite  vorchristliche  Jahrtausend
  aus,  wenn  sie  auch  nur  ein  schwacher  Abglanz  des  reichen  Kulturbildes
der  letzteren  in  materieller  und  künstlerischer  Hinsicht  ist.

Die  Bronzezeit  hat  bei  uns  weit  über  ein  Jahrtausend  gedauert.  Über
die  ethnologische  Zugehörigkeit  des  Bronzezeitvolkes  in  unserem  Lande  sind
wir  noch  ebenso  ohne  jede  Kenntnis  wie  hinsichtlich  der  Steinzeitleute.  Aber  die
somatischen  Überreste  nicht  minder  wie  Waffen,  Geräte  und  Schmucksachen
setzen  einen  schlanken  und  eher  kleinen  Menschenschlag  voraus  wie  in  der  vorhergehenden
  Periode,  so  daß  auch  in  dieser  Richtung  einer  Kontinuität  der
Bevölkerung  der  Stein=  und  Bronzezeit  nicht  widersprochen  wäre.

Als  ein  wichtiges  Kulturereignis  in  der  Vorgeschichte  ist  das  Auftreten
und  die  Verwendung  des  Eisens  zu  betrachten.  Mit  dem  neuen  Metall
entwickelte  sich  bald  auch  ein  neuer  Formenkreis,  der  sich  ganz  Mitteleuropa
von  den  östlichen  (nicht  klassischen)  Ländern  bis  an  die  Westküste  Frankreichs
eroberte.  Schon  viel  früher  hatten  die  klassischen  Länder  des  Mittelmeergebietes
  Eisen  kennen  gelernt  und  anfangs  als  kostbares  Metall  nur  zu  kleineren
Schmuckstücken  oder  als  Einlage  auf  Bronze  verwendet.  Der  Beginn  der
Eisenzeit  ist  daher  für  die  europäischen  Länder  zeitlich  ganz  verschieden  und
so  wenig  wir  die  Bevölkerung,  welche  die  Bronzekultur  ausgenommen  hat,
als  eine  einheitliche,  als  ein  Volk  annehmen  können,  so  wenig  ist  das  für
den  Kreis  der  Eisenkultur  vorauszusetzen.  Man  hat  in  Deutschland  und
Osterreich  diese  alte  Eisenkultur  nach  dem  ersten  größeren  Fundgebiet,  wo  sie
deutlich  als  etwas  Neues  erkennbar  auftrat,  nach  dem  durch  seinen  Bergbau
auf  Salz  bekannten  Gebirgsort  Hallstatt  im  Salzkammergut,  die  Hall-
        <pb n="25" />
        3.  Die  vorgeschichtliche  Zeit  des  Landes.  13

stattperiode  genannt  und  dieser  Name  ist  ihr  denn  auch  seither  bei  uns
geblieben.  Man  wird  also  das  Auftreten  der  Hallstattperiode  oder  älteren
Eisenzeit  für  jedes  Land  besonders  erforschen  müssen,  da  sie  nicht  auf  einmal
und  gleichmäßig  in  den  mitteleuropäischen  Ländern  sich  verbreitet  hat.

In  Bayern,  namentlich  im  Süden  der  Donau,  macht  sich  schon  gegen
das  Ende  der  reinen  Bronzezeit  einer  gewisse  Unruhe  durch  das  Erscheinen
mannigfacher  neuer  Formen  und  Typen  bemerkbar,  die  zwar  noch  sämtlich
aus  Bronze  hergestellt  sind,  aber  in  den  früheren  Abschnitten  nicht  auftreten.
Alle  diese  neuen  Erscheinungen  kommen  über  die  Alpen  aus  dem  Süden,  mit
dem  schon  während  der  Bronzezeit  nachweisbar  ein  reger  Verkehr  stattfand.
Es  sind  dies  neue  Schwerttypen,  Messer  von  Bronze,  geschweifte  Messer  mit
dünnen,  flachen  Klingen  und  durchbrochenen  Stielen,  die  man  für  Bartmesser
hält,  Nadeln  mit  verschiedenen  neuen  Kopfformen  und  als  besonders  wichtig
die  Sicherheitsnadeln  (Fibeln).  Diese  Typen  sind  in  Oberitalien  zugleich  mit
den  ersten  Eisenerzeugnissen  gefunden  worden  und  gehören  dort  schon  dem
neuen  Kulturkreis  an.  Bei  uns  fanden  sich  mit  diesen  Typen  noch  keine
Eisensachen,  insoweit  das  Eisen  nicht  als  Einlagemetall  z.  B.  an  Schwertgriffen
  erscheint.  Man  hat  das  Auftreten  dieser  noch  ausschließlich  aus  Bronze
bestehenden  Typen  bei  uns  als  den  ältesten  Abschnitt  der  Hallstatt-Kultur  bezeichnet,
  obwohl  es  kaum  einem  Zweifel  unterliegt,  daß  es  bei  uns  noch  die
bisherige  bronzezeitliche  Bevölkerung  war,  die  diese  neuen  Formen  bei  sich
aufnahm  und  einbürgerte.  Dieser  Abschnitt,  den  man  als  das  letzte  Ausklingen
  der  Bronzezeit  oder  als  das  Aufdämmern  einer  neuen  Kultur  betrachten
kann,  umspannt  etwa  ein  paar  Jahrhunderte  des  1.  Jahrtausends  vor  unserer
Zeitrechnung.  Dann  aber  beginnt  mit  einemmale  etwas  Fremdartiges  in
den  Hügelgräbern  unseres  Gebietes  aufzutreten.  Das  Eisen,  bisher  kaum
merklich  vorhanden,  ist  jetzt  bereits  das  herrschende  Metall,  Bronze  tritt  mehr
und  mehr  in  den  Hintergrund.  Auch  Formen,  Stil  und  Größenverhältnisse  der
jetzt  im  Grabinventar  erscheinenden  Gegenstände  ändern  sich.  Lange  Eisenschwerter
  mit  mächtigen  Griffen  von  Bein  und  Horn,  oft  mit  Goldblech  überzogen,
  lange  spitze  Eisenlanzen,  große  Beile  mit  breiten  und  langen  Lappen,
meist  noch  von  Bronze,  aber  auch  schon  von  Eisen,  große  Eisendolche  mit
Bronzegriffen  mit  hörnerartig  aufgebogenen  Enden  treten  auf;  die  Bestatteten
haben  breite  Gürtel  und  große  tonnenförmige  Armreife  von  dünnem
Bronzeblech,  breite,  halbmondförmige  Fibeln  mit  Vogelgestalten  an  den
Enden  und  herabhängenden  Klapperblechen,  ineinandergegossene  Ringe  von
Bronze  und  sonstiges  Gehänge  an  den  Gürteln.  Dieses  so  ausgestattete  Volk
liebte  offenbar  (das  Glitzernde,  Lärmende,  Prunkvolle  und  die  massigen  und
breiten  Formen  setzen  einen  entsprechenden  großen  Körperwuchs  voraus.  Als
ganz  neues  Element  tritt  jetzt  auch  das  Figurale  in  Verzierungsmotiven  auf:
auf  den  Gürtelblechen  wie  auf  Bronzegefäßen,  ebenfalls  eine  neue  Erscheinung
  im  Grabinventar,  sind  Tiere  (Vögel,  Pferde,  Hirsche  2rc.)  dargestellt,
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        14  3.  Die  vorgeschichtliche  Zeit  des  Landes.

auch  Menschen  in  verschiedenen  Körperstellungen.  Ebenso  ist  die  Keramil
eine  andere  als  die  der  Bronzezeit,  außerordentlich  reichhaltig  in  den  Formen,
unter  denen  namentlich  die  birnförmige  Vase  oft  in  sehr  großen  Verhältnissen
  erscheint,  und  mit  schönen  Mustern  teils  in  vertieftemn  Eindrücken,
teils  in  bunten  Farben  rot,  weiß  und  schwarz  bemalt.  Zum  erstenmal  erscheinen
  jetzt  auch  Pferdegeschirre  und  Wagenreste  in  den  Grabhügeln.

Betrachtet  man  dieses  auf  drei  Abschnitte  der  Hallstattperiode  sich  verteilende
  Material,  das  mit  dem  einfachen,  zierlichen  Inventar  der  Bronzezeit
in  auffallendem  Gegensatz  steht,  so  erscheint  es  innerlich  unmöglich,  daß  beide
Kulturarten  einem  und  demselben  Volk  bei  uns  angehört  haben.  Nach  Art  wie
Form  der  Typen  ist  man  gezwungen  an  einen  Bevölkerungswechsel  zu  denken.
Da  zugleich  in  den  Gräbern  der  reinen  Hallstattzeit  eine  sehr  kriegerische  Ausstattung
  mit  vielen  Schwertern,  Dolchen,  Lanzen,  Beilen,  Streitwagen  und
Pferdeausrüstung  auftritt  und  die  Hügel  mit  dem  früheren  Bronzeinventar
jetzt  auch  ganz  verschwinden,  wird  man  wohl  an  eine  kriegerische  Invasion
eines  fremden  Volkes  und  an  eine  Unterwerfung  der  bisherigen  bronzezeitlichen
Bevölkerung  zu  denken  haben.  Die  ganze  neue  Kulturwelt  erscheint  im  klassischen
Sinne  als  eine  barbarische  und  da  ihr  Zusammenhang  nach  Osten  weist,  hat
man  an  eine  von  thrakischeillyrischen  Stämmen  ausgehende
Wanderung  nach  Westen  gedacht,  die  zur  Überflutung  des  westlichen
Mitteleuropas  führte.  Wie  in  den  österreichischen  Alpenländern  hat  sich  auch
bei  uns,  wenn  auch  nicht  annähernd  so  reich  und  prunkvoll  wie  dort,  der
Hallstattkulturkreis  nördlich  und  südlich  der  Donau  durch  alle  Phasen  hindurch,
bisher  aber  nur  in  Gräbern,  nachweisen  lassen.  Wohnstätten  der  reinen  Hallstattzeit
  sind  bei  uns  noch  nicht  gefunden.  Nur  in  Karlstein  wurden  aus  der
ersten  Phase  einige  wenige  Wohnstätten  mit  einem  kleinen  Begräbnisplatz  aufgefunden,
  wobei  jedoch  noch  keine  Spur  des  Eisens  zutage  kam  und  deren
lberreste  offenbar  noch  demselben  bronzezeitlichen  Stamme  angehören,  der
dort  seine  Spuren  aus  der  älteren  Zeit  zurückgelassen  hat.  Man  kann  daher
die  häusliche  Kultur  der  Hallstattleute  bisher  nicht  so  erkennen  wie  die  der
Stein=  und  Bronzezeit,  eine  besondere  Industrie,  eine  Erweiterung  des  Kulturlebens
  läßt  sich  nicht  aus  den  Funden  entnehmen.  Daß  auch  jetzt  der  Handelsverkehr
  nicht  stillgestanden,  ergibt  sich  aus  dem  Vorkommen  von  Gold=  und
Bernsteinschmuck  und  von  Glasperlen  wie  bisher,  wogegen  auch  jetzt  noch
Silber  ganz  fehlt.  Die  Gefäße  werden  noch  nicht  auf  der  Drehscheibe,  sondern
aus  freier  Hand  geformt.  Der  Grabritus  wie  die  Form  der  Gräber  scheinen
keine  Anderung  erlitten  zu  haben.  Von  der  Religionsanschauung  und  Außerung
dieser  Zeit  wissen  wir  so  weng  wie  von  denen  der  früheren  Perioden.

Die  als  kriegerisches  Herrenvolk  auftretende  Hallstattbevölkerung  scheint
nach  nicht  sehr  langer  Zeit  degeneriert  zu  sein.  Im  jüngsten  Abschnitt,  etwa
dem  6.  Jahrhundert  v.  Chr.,  werden  die  Grabhügel  bei  uns  arm  an  Waffen
und  Schnmuck,  dagegen  häufen  sich  die  keramischen  Beigaben,  jedoch  meist  in
        <pb n="27" />
        4.  Das  Land  im  Dämmerlichte  der  Geschichte.  15

ärmlicher  Ausstattung.  Die  Blütezeit  der  Kultur  hat  bei  uns  nur  ein  paar
Jahrhunderte,  etwa  durch  das  8.  und  7.  Jahrhundert  v.  Chr.,  gedauert.  Über
die  ethnologische  Zugehörigkeit  der  Hallstattbevölkerung  Bayerns  herrscht  die
Vermutung,  daß  sie  illyrische  Veneter  waren,  eine  Annahme,  die  etymologisch
aus  einigen  Resten  von  topographischen  Namen  gestützt  wird,  wie  dem  alten
Namen  des  Bodensees  —  lacus  venetus,  dem  Namen  des  Venetberges  in
Tirol,  vielleicht  auch  dem  des  Venedigers  u.  a.  Unbegründet  und  irrig  aber  ist
die  weitverbreitete  Bezeichnung  der  Bevölkerung  sowohl  der  Bronzezeit  als  der
Hallstattleute  als  „Kelten“.

4.  Das  Land  im  Dämmerlichte  der  Geschichte.
Von  Franz  Weber.=Mit

  dem  Anbruch  des  5.  Jahrhunderts  vor  unserer  Zeitrechnung
beginnt  ein  neues  Stilelement  in  den  im  antiken  Sinn  barbarischen  Ländern
Mitteleuropas  aufzutreten,  das  den  größten  Teil  des  Kontinents  bis  auf
die  klassischen  Länder  ergreift  und  auf  Jahrhunderte  beherrscht.  Diese  Stilart
ist  aber  nicht  wie  die  früheren  von  Süd  und  Ost  her  von  den  Mittelmeergebieten
  hereingedrungen,  sondern  es  läßt  sich  ihr  Ursprung  mit  Sicherheit
  aus  dem  westlichen  Europa,  dem  Sitz  der  keltischen  Gallier,  nachweisen.
Hier  in  Frankreich  hatte  sich  seit  alter  Zeit  unter  dem  Einfluß  der  griechischen
  Küstenstädte  ein  nationaler  Stil  gebildet,  der  nunmehr  seine  Blüte
erreicht  hatte.  Wahrscheinlich  im  Zusammenhang  mit  dieser  erlangten  Kulturhöhe
  stehen  die  nach  sagenhaften  Nachrichten  der  antiken  Schriftsteller  um
diese  Zeit  beginnenden  Wanderzüge  der  Kelten,  die  durch  die  Vermehrung
der  Bevölkerung  und  das  Bedürfnis  nach  Ausdehnung  veranlaßt  worden
sein  und  halb  im  Dämmer  der  Sage,  halb  im  Frühlicht  der  Geschichte
über  Mitteleuropa  bis  Kleinasien  und  über  Italien  sich  ergossen  haben
sollen.  Auf  diesen  Wanderzügen  soll  auch  das  Land  zwischen  den  Alpen
und  dem  Main,  das  heutige  Bayern,  wie  auch  Böhmen  von  keltischen
Stämmen  dauernd  besetzt  worden  sein  und  zwar  nördlich  von  Helvetern  und
Bojern,  südlich  von  Vindelikern  und  Norikern.  Inwieweit  zu  diesem  sagenhaften
geschichtlichen  Gerippe  die  archäologischen  Überreste  und  Funde  des  Landes  die
Gewandung  abgeben  können,  soll  hier  an  deren  Hand  näher  untersucht
werden.

Der  La  Tenestil,  wie  diese  neue  Periode  allgemein  genannt  wird,
hat  seinen  Namen  von  dem  ersten  größeren  Fundort  im  Kanton  Neuenburg
in  der  Schweiz,  der  diese  neue  Stilrichtung  deutlich  erkennen  ließ.  Auch  diese
Periode  zerfällt  in  mehrere  Abschnitte,  von  denen  die  beiden  ersten  auf  eine
ältere  Stilart,  die  das  5.  und  4.  vorchristliche  Jahrhundert  ausfüllt,  die
beiden  letzten  auf  eine  jüngere  hinweisen,  von  denen  die  eine  das  3.  und  2.,
die  andere  das  1.  Jahrhundert  vor  unserer  Zeitrechnung  umfaßt.  Die  ältere
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        16  4.  Das  Land  im  Dämmerlichte  der  Geschichte.

Hölfte  der  Periode  ist  bei  uns  in  Hügelgräbern,  häufig  auch  in  Nachbestattungen,
in  solchen  der  Hallstattzeit,  seltener  in  Flachgräbern  vertreten.  Denn  es  ist  ein
durch  die  spätere  Vorgeschichte  gehender  allgemeiner  Zug,  daß  man  die  schon  vorhandenen
  Begräbnisplätze  immer  wieder  benutzte,  so  daß  sich  in  Grabhügelfeldern
  der  Bronzezeit  Gräber  der  Hallstatt=  und  La  Tenezeit,  unter  Flachgräbern
der  späteren  germanischen  Zeit  solche  der  La  Tenezeit  finden.  Die  in  den  älteren
Gräbern  mehr  nördlich  als  südlich  der  Donau  vorkommenden  Funde  unterscheiden
sich  vollständig  von  den  Erzeugnissen  der  Hallstattzeit  und  haben  mit  diesen
keine  Verwandtschaft.  Sie  bestehen  in  Eisenmessern  mit  geschweiften  einschneidigen
Klingen  mit  Holz=  und  Beingriff,  Tierkopffibeln,  Fibeln  mit  Menschenmasken,
Gürtelschließen  mit  Tierköpfen,  Kurzschwertern  in  Bronzescheiden,  Metallgefäßen
  griechischen  Imports  (Massilia),  geperlten  Armreifen  von  Bronze  mit
petschaftförmigen  Enden,  Halsringen  von  Bronze  und  Eisen,  Fibeln  mit  breitem
Bügel  und  zurückgeschlagenem  Fuß,  winkelförmig  gebogenen  Arm=  und  Fußringen
  aus  rundem  Bronzestab,  Gehängen  von  Glas=  und  Bernsteinperlen  u.  a.
Im  allgemeinen  ist  aber,  soweit  sich  dies  jetzt  schon  erkennen  läßt,  die  Verbreitung
des  La  Tenestils  in  dieser  älteren  Hälfte  bei  uns  in  Bayern  nicht  so  durchgreifend,
daß  man  an  eine  Einwanderung  einer  zahlreichen  Volksmenge  denken  könnte,  und
jedenfalls  sind  die  Überreste  viel  weniger  reichhaltig  und  kostbar  wie  in  den
Gallien  näher  liegenden  Rheinlanden.  Wohnstätten  aus  dieser  Zeit  sind  beie
uns  bis  jetzt  nicht  aufgedeckt  worden.

Diese  Verhältnisse  ändern  sich  jedoch  vollkommen  in  der  zweiten  Hälfte
der  La  Teneperiode  und  deren  beiden  letzten  Abschnitten  vom  3.  Jahrhundert
n.  Chr.  abwärts.  Südlich  der  Donau  tritt  jetzt  von  der  Ost=  bis  zur
Westgrenze  Bayerns  eine  Anzahl  von  Begräbnisplätzen  mit  tiefeingeschnittenen
Reihengräbern  auf,  in  denen  ein  kriegerisches  Volk  in  einer  bisher  unbekannten
  Waffenrüstung  und  Frauen  in  vielfach  neuen  Schmucktypen  ruhen.
Die  nahezu  gleiche  Ausstattung  der  Männer  mit  zweischneidigen  Kurzund
  Langschwertern  mit  dünnen,  flachen  Klingen  in  Eisenscheiden,  Lanzen
mit  breitem  und  langem  Blatt  und  einem  Eisenfuß  des  langen  Schafts,
großen  ovalen  Holzschilden  mit  breit  geflügeltem  Eisenbuckel  in  der  Mitte,
großen  Eisenfibeln  und  eisernen  Armreifen,  schweren  Gürtelketten  von  Eisen
oder  Ledergurten  mit  Eisenschließen;  die  mehr  verschiedene  der  Frauen  mit
Bronze=  und  Eisenfibeln,  großen  Hohlbuckelarmreifen  mit  Scharnierverschluß,
geschlossenen  Armreifen  aus  Lignit  und  weißem  und  blauem  Glas  mit  gelber
Schmelzeinlage,  Halsgehängen  von  kleinen  kobaltblauen  Glas=  und  von  Bernsteinperlen,
  Gürtelketten  von  Bronze  und  von  Eisen  mit  Tierkopfhaken,  Emailperlen
  u.  a.  deutet  unzweifelhaft  das  Auftreten  eines  neuen  Volksstammes
an.  Dazu  kommen  Tongefäße  von  ganz  anderen  Formen,  ohne  die  bisherige
Verzierungsweise  mit  geometrischen  Figuren,  auf  der  Drehscheibe  geformt  und
hart  und  klingend  gebrannt.  Das  gleiche  Grabinventar  findet  sich  auch  in
den  übrigen  Ländern,  wo  keltische  Stämme  saßen,  so  im  Westen  in  Baden  und
        <pb n="29" />
        4.  Das  Land  im  Dämmerlichte  der  Geschichte.  17

der  Schweiz,  im  Osten  in  Böhmen.  Die  in  Südbayern  gefundenen  zahlreichen
  Flachgräber  gleicher  Ausstattung  gehören  unzweifelhaft  den  Vindelikern
und  Norikern  an,  von  denen  wir  aus  den  Zeugnissen  der  alten  Schriftsteller
wissen,  daß  sie  keltischer  Abkunft  waren  und  in  unserem  heutigen  Bayern  südlich
  der  Donau  bis  an  den  Fuß  der  Alpen  ihre  Wohnsitze  hatten.

Sind  wir  für  die  vorletzte  Stuse  der  La  Tenezeit  in  Bayern  nur  auf
Gräberfunde  angewiesen,  so  kommen  für  die  letzte  Stufe  nunmehr  auch  Wohnstättenfunde
  in  Betracht.  An  zwei  Orten  Südbayerns  sind,  soweit  bekannt,
bisher  solche  zutage  gekommen,  in  Manching,  Bezirksamt  Ingolstadt,  und  in  Karlstein
  bei  Reichenhall.  In  Manching,  woselbst  eine  ausgedehnte  Umwallung
sich  befindet,  wurde  innerhalb  dieser  ein  großer  Fund  von  Geräten  und
Schmucksachen  gemacht,  der  unzweifelhaft  auf  eine  Wohnstätte  deutet.  Es
befanden  sich  darunter  Bestandteile  von  Wagenbeschlägen,  Rädern,  Pferdegeschirr,
  Bruchstücke  von  Luxusgeräten,  große  Glasringe,  Fibeln,  Tierfiguren
von  Bronze  u.  a.  In  Karlstein  stieß  man  auf  die  Wohnstätten  selbst,  die
sich  als  viereckige  Blockhäuser,  aus  Balken  gezimmert,  mit  Türen  und  Fenstern,
Feuerstellen  und  Vorplatz  erwiesen.  Die  gefundenen  vielen  Eisennägel  und
Klammern  rührten  von  der  Befestigung  und  Verbindung  der  Balken,  die
Eisenblechbeschläge  von  Türbändern  und  Schlössern  her,  zu  denen  auch  die
Schlüssel  von  Eisen  vorhanden  waren.  Ein  reich  ornamentierte  viereckiges
Eisengitter  mag  zu  einer  Fenster=  oder  Türöffnung  gehört  haben  und  setzt
die  Verwendung  von  Glas  voraus.  In  der  Kulturschicht  der  Wohnstätten
kamen  zutage  runde  Mühlsteine  von  Handmühlen,  große  Wasserkufen  von
Ton,  Eisengeräte  aller  Art,  darunter  Sensen  und  Ketten,  Spinnwirtel,  Netzsenker
  von  Ton,  Nähnadeln  von  Eisen  und  Bronze;  an  Schmuck  Bruchstücke
von  blauen  Glasarmreifen  mit  gelber  Schmelzunterlage,  vergoldete  Bronzeblechbeschläge
  von  Gürteln,  Fingerringe  von  Bronze  und  Eisen,  eine  Menge
Bronzezieraten,  zum  Teil  mit  Blutemail,  au  Waffen  lediglich  Pfeilspitzen  von
Eisen,  serner  eine  Menge  Tongefäßreste,  auf  der  Drehscheibe  geformt  und
hart  gebrannt.  Als  besonders  wichtig  aber  ist  der  Fund  von  Silbermünzen
keltischen  Gepräges  und  der  einer  ägyptischen  Bronzemünze  von  einem  der
drei  ersten  Ptolemäer  zu  verzeichnen,  welche  den  regen  Handelsverkehr  der
Zeit  bis  in  das  entlegene  Gebirgsdorf  andeuten.  Hier  wie  in  Manching  wurden
  außerdem  viele  Eisenschlacken  gefunden,  welche  auf  Verschmiedung  von
Eisen  an  Ort  und  Stelle  hinweisen.

Neben  diesen  Wohnstättenfunden  spielen  jetzt  auch  die  zahlreichen  Funde
von  goldenen  Münzen,  sogenannten  Regenbogenschüsselchen,  eine  wichtige  Rolle.
Solche  Funde  wurden  in  Südbayern  bis  zur  Donau  zahlreich  gemacht,  darunter
zwei  große  Schatzfunde,  von  denen  jeder  über  1000  Stück  enthielt.  Eine  solche
Menge  Münzen  kann  nur  da  zum  Vorschein  kommen,  wo  diese  als  Zahl=  und
Verkehrsmittel  umlaufen  und  geprägt  werden.  Auch  diese  gehören  den  beiden
letzten  Jahrhunderten  vor  unserer  Zeitrechnung  an.

Kronseder.  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  2
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        18  4.  Das  Land  im  Dämmerlichte  der  Geschichte.

Gräberfunde  aus  diesem  letzten  Abschnitt  der  La  Tenezeit  sind  bisher
wenige  bekannt.  Diese  schließen  sich  mit  ihrem  Inventar  vollkommen  an
die  Wohnstättenfunde  an.  Auch  hier  kommen  massive  Gürtelbeschläge  mit
Blutemail,  auf  der  Drehscheibe  geformte  Gefäße,  Fibeln  von  Eisen  und  Bronze,
blaue  Glasperlen,  Armreife  und  Fingerringe  von  Bronzedraht  vor.

Alle  diese  Funde  werfen  zusammen  ein  helles  Licht  auf  die  Kulturstufe  der
Vindeliker  und  Noriker  in  unserem  Lande,  die  sicher  seit  dem  3.  vorchristlichen
Jahrhundert,  vielleicht  schon  früher  hier  saßen.  Die  Überreste  dieser  Bewohner
beweisen,  daß  ihre  Kultur  schon  eine  hohe  Rangordnung  einnahm  und  sich
von  der  späteren  provinzialrömischen,  auf  die  sich  vieles  von  ihr  fortpflanzte,
nicht  bedeutend  unterschied,  daß  es  also  durchaus  nicht  die  Römer  waren,  die
hier  erst  die  Kultur  ins  Land  brachten.

Diese  Überreste  ergänzen  und  erläutern  auch,  was  die  antiken  Schriftsteller
  über  die  gallisch-keltischen  Stämme  berichten.  Schon  Cäsar  erwähnt
die  soziale  Gliederung  des  Volkes  in  drei  Klassen,  in  Priester,  Ritter  und  das
Arbeitsvolk.  In  den  Gräbern  von  Manching  u.  a.  O.  haben  wir  ohne  Zweifel
den  Ritterstand,  den  Adel  des  Stammes  vor  uns,  darauf  deuten  die  Reiterwaffen
  und  die  kriegerische  Ausrüstung.  Die  in  La  Tene-Wohnstätten  gefundenen
  Eisenschlacken  deuten  auf  die  ebenfalls  aus  den  Schriftstellern  bekannte
Geschicklichkeit  des  Volkes  in  der  Bearbeitung  des  Eisens.  Auch  die  in  Südbayern
in  Wäldern  und  auf  Heiden  erhalten  gebliebenen  Hochäcker  sind  aller  Wahrscheinlichkeit
  nach  auf  dieses  Volk  zurückzuführen.  Sie  setzen  einen  Großgrundbesitz
  und  ein  höriges  Arbeitervolk  voraus,  wie  es  Cäsar  bei  den  Galliern  schildert.

Ülber  den  Götterkult  sind  wir  durch  die  römischen  Schriftsteller  und  die
erhalten  gebliebenen  Altarsteine  aus  römischer  Zeit  einigermaßen  unterrichtet,
da  die  Römer  diese  Gottheiten  unter  die  ihrigen  aufnahmen.  Es  kommen
Lokalgottheiten  wie  Bedaius,  Grannus,  die  Alounge  u.  a.  auf  Inschriften
vor;  es  wurden  also  schon  personifizierte  Gottheiten  verehrt.  Handel  und
Verkehr  sind  durch  die  Funde  der  Münzen  wie  durch  solche  von  Roheisenbarren,
  Bernstein,  Glasperlen  und  Bronzegefäße  nachgewiesen.  Sicher  waren
auch  Straßenzüge  vorhanden,  die  die  Grundlage  der  späteren  Römerstraßen
bildeten.  Es  ist  kein  Zufall,  daß  die  späteren  großen  Heerstraßen  von  Süd
und  Ost  ursprünglich  auf  Kempten  —  Cambodunum  —  gerichtet  waren  und
erst  später  ihren  Lauf  nach  Augsburg  —  Augusta  Vindelicorum  —  erhielten;
ersteres  war  eben  eine  vindelikische  Stadt,  auf  welche  die  alten  Straßenzüge
zu  liesen,  während  letzteres  eine  römische  Neugründung  war.  Aus  den  Schriftstellern
  erfahren  wir,  daß  die  Kelten  in  Städten  und  Dörfern  wohnten.
Tatsächlich  haben  sich  in  Vindelikien,  und  Norikum  solche  Ortsnamen  in
der  römischen  Periode  erhalten,  wie  Cambodunum,  Abodiäcum  (Epfach),
Iuvavum  u.  a.,  Orte,  in  denen  überall  vorrömische  Funde  zutage  kamen,
ferner  viele  Namen  von  keltischen  Orten,  die  ihrer  Lage  nach  noch  nicht  sicher
bekannt  sind,  wie  Damasia,  Urusa,  Artobriga  u.  a.  Auch  viele  Fluß-
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        4.  Das  Land  im  Dämmerlichte  der  Geschichte.  19

und  Bergnamen  weisen  auf  die  einstigen  keltischen  Bewohner  des  Landes
zurück,  wie  die  der  Isar,  des  Lechs,  Inns  u.  a.  Die  Erhaltung  aller  dieser
Namen  beweist  auch,  daß  die  keltische  Bevölkerung  keineswegs  von  den  Römern
ausgerottet  wurde,  wie  man  früher  vielfach  annahm,  sondern  daß  sie  unter
römischer  Herrschaft  im  Lande  wie  bisher  fortlebte.

Die  Zivilisation  des  Volkes  war  eine  augenscheinlich  sehr  entwickelte,
die  Wohnstättenfunde  lassen  auf  eine  gewisse  Behaglichkeit  der  Wohnungen  und
auf  deren  Ausstattung  mit  vielem  Luxusgeräte,  wie  Spiegeln,  Bronzefiguren,
Glasgefäßen,  Zierat  aller  Art  schließen;  die  Körperpflege  wird  durch  die  in
Grabfunden  vorkommenden  Bartmesser,  Haarscheren,  Zängelchen  u.  a.  als
eine  schon  verfeinerte  erwiesen.  Gewebespuren  an  den  Eisen=  und  Holzresten
der  Gräberfunde  sowie  die  vielen  Fibeln  deuten  auf  das  Tragen  von  Leibröcken
  und  Mänteln,  von  langen  Frauenkleidern  und  Kopfschleiern  2c.  hin.
Der  reiche  Frauenschmuck  steht  dem  der  provinzial=  römischen  Zeit  nicht  nach.

Auch  die  von  Cäsar  geschilderten  gallischen  Verteidigungsanlagen  und
Zufluchtsstätten  (oppida)  finden  wir  in  unserem  Lande.  Der  große  Ringwall
von  Manching  ist  solch  eine  Volksberge  in  Kriegsnöten,  wie  ähnliche  in  Baden
(Zarten)  und  Böhmen  (Stradonitz)  bekannt  sind.  Auch  die  eigentlichen  Befestigungen
  an  Flüssen,  wie  z.  B.  an  der  Isar,  der  Mangfall,  dem  Lech,
welche  unter  dem  Namen  Bürgen,  Burgen  im  Volke  bekannt  sind,  rühren  aller
Wahrscheinlichkeit  nach  von  den  Vindelikern  her  und  stammen  vielleicht  aus
deren  letzten  blutigen  Kämpfen  mit  den  Römern  um  ihre  Unabhängigkeit.

Wir  finden  also  unmittelbar  vor  der  römischen  Eroberung  des  Landes  das
Volk  auf  einer  hochentwickelten,  national  eigentümlichen  Kulturstufe,  mehr  oder
minder  zivilisiert,  in  festem  staatlichen  Gefüge,  mit  gegliederten  sozialen  Ständen,
einem  entwickelten  Industrie=  und  Handwerksbetrieb,  einem  eigentümlichen,
ausgebildeten  Ackerbau,  in  Städten  und  Dörfern  wohnend,  mit  Verteidigungsanlagen
  und  Volksburgen.

Zum  erstenmal  ist  der  Schleier,  der  über  den  Völkern  der  Vorgeschichte
lagert,  etwas  gelüftet.  Wir  kennen  die  Stammeszugehörigkeit  und  den  Namen
des  Volkes  und  vieler  seiner  Städte.  Weit  abgerückt  ist  seine  Kultur  von
den  uns  mythologisch  anmutenden  dunklen  Lebensverhältnissen  der  vorgeschichtlichen
  namenlosen  Völker,  die  auf  unserem  Boden  vorher  wohnten.

Diesen  keltischen  Stämmen  der  Vindeliker  und  Noriker,  die  ihre  Wohnsitze
noch  behauptet  hatten,  als  ihre  nördlich  angesessenen  Stammverwandten,  die
Helveter  und  Bojer,  schon  dem  Ansturm  der  Germanen  weichen  mußten,  war  es
beschieden,  daß  sie  mit  den  erprobten,  festgefügten  Legionen  und  der  überlegenen
Staatskunst  Roms  den  Kampf  aufnehmen  mußten.  Der  Ausgang  war  schon  mit
Rücksicht  auf  die  beiderseitigen  Machtverhältnisse  nicht  zweifelhaft,  auch  wenn  die
keltischen  Stämme  nicht,  wie  wir  dies  von  den  Galliern  durch  Cäsar  bezeugt
wissen,  an  steter  Uneinigkeit  gelitten  hätten  und  politisch  in  fester  Hand  zusammengehalten
  gewesen  wären.  Die  Vindeliker  erlagen  im  Jahre  15  v.  Chr.

2.
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        20  4.  Das  Land  im  Dämmerlichte  der  Geschichte.

in  vereinzeltem  Kampf  dem  römischen  Schwert,  die  Noriker,  wie  es  scheint,  der
römischen  Politik  ohne  Kampf.  Das  Ende  beider  Volksstämme  war  ihr  Untergehen
  im  römischen  Reichs=  und  Staatsbürgertum  mit  seinem  kosmopolitischen
internationalen  Gepräge,  in  dem  die  Besonderheiten  jedes  selbständigen  Volkstums
  verschwinden  mußten.  Sprache,  Kult,  Staatseinrichtungen,  Lebensführung,
Tracht  und  Sitte  waren  schließlich  die  des  Reiches.  Nur  soweit  sich  Kunst
und  Handwerk  des  La  Tene  in  dem  provinzial  römischen  Stil  erhalten  haben,
geben  sie  auch  in  dieser  Zeit  noch  Kunde  von  dem  einstigen  selbständigen,
künstlerischen  Empfinden  und  technischen  Geschick  des  Volkes.

Meisterhaft  verstand  sich  Rom  auf  die  Durchführung  der  politischen  Ziele
wie  auf  nivellierende  Kulturbeeinflussung.  Es  kam  in  den  eroberten  Provinzen
zu  keiner  nationalen  Erhebung  mehr  während  der  römischen  Weltherrschaft.
Die  politische  Geschichte  der  Provinzen  Norikum  und  Rätien  (dem  Vindelikien
angegliedert  war)  bietet,  soweit  wir  sie  aus  den  Schriftstellern  kennen,  nichts
von  Belang.  Die  Kulturgeschichte  aber  weist  viele  interessante  Einzelheiten  des
provinzial  römischen  Lebens  während  seiner  fast  500  jährigen  Dauer  auf.  Man
richtete  sich  alsbald  nach  der  Unterwerfung  des  Gebietes  auf  die  Dauer  darin
ein.  Die  Grenze  bildete  erst  die  Donau,  später  der  sogenannte  Limes,  eine
markierte  Zoll=  und  Reichsgrenze  gegen  die  Germanen,  die  an  strategisch  wichtigen
Punkten  durch  dahinter  liegende  Kastelle  ihrem  ganzen  Lauf  entlang  gesichert
  war.  Im  Binnenlande  waren  Befestigungen  nicht  nötig,  wie  hier  auch
ständige  Garnisonen  außer  kleinen  Wach=  und  Etappenposten  nicht  vorhanden
waren.  Das  Militär  lag  in  den  Grenzkastellen.  Ein  Hauptaugenmerk  war
dem  Straßennetz  gewidmet,  dessen  Grundlagen  die  vorrömischen  Verkehrswege
bildeten,  soweit  nicht  militärische  und  politische  Gründe  eine  Anderung  verlangten.
  Das  gleiche  war  mit  den  bisherigen  Städten  der  Fall,  die  fortbewohnt
  wurden:  Neugründungen  von  Städten,  die  sich  durch  ihre  römischen
Namen  sofort  kennzeichnen,  wie  z.  B.  Augusta  Vindelicorum,  Castra  Regina
u.  s.  w.,  waren  aus  politischen  und  strategischen  Gründen  veranlaßt.  Man
lebte  unter  den  Juliern  und  Flaviern  bis  in  die  Zeit  Mark  Aurels  in  tiefem
Frieden;  man  sühlte  sich  vor  den  Germanen  jenseits  der  Grenze  so  sicher,  daß
z.  B.  hart  am  Limes  ein  reich  ausgestattetes,  mit  Kunstwerken  geschmücktes
Wohnhaus  sich  befand  (Westerhofen  b.  Ingolstadt).  Überreste  von  Staatsgebäuden,
  Tempeln,  Foren  wurden  in  größeren  Orten  gefunden,  wie  in  Augsburg,
  Regensburg,  Kempten,  Salzburg,  Epfach  2c.  Im  ganzen  römischen
Teile  unseres  Landes  wurden  große  Meierhöfe  mit  vielen  Funden  von  landwirtschaftlichen
  Geräten  und  Gebrauchsgegenständen  aufgedeckt.  Von  allen
römischen  Bauwerken  aber  hat  sich  über  dem  Boden  außer  der  eingebauten
Porta  praetoria  in  Regensburg  und  der  (vielleicht  römischen)  Heidenmauer  in
Lindau  nichts  im  Lande  erhalten.  Was  noch  an  römischem  Mauerwerk  vorhanden
  ist,  steckt  unter  dem  Boden  und  muß  erst  ausgegraben  werden,  wie
z.  B.  die  Grundmauern  der  Limeskastelle  und  ihrer  Gebäulichkeiten.
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        4.  Das  Land  im  Dämmerlichte  der  Geschichte.  21

Auch  von  Kunstwerken,  mit  denen  sich  der  reiche  und  gebildete  Römer
gern  umgab  und  wovon  gewiß  auch  in  die  Grenzprovinz  manches  gelangte,
haben  sich  nur  wenige  Bruchstücke  erhalten  (Statuenreste,  Skulpturen,  Bronzey),
die  jetzt  in  den  Museen  aufbewahrt  sind.  lberhaupt  ist  von  italischem  Import
wenig  zum  Vorschein  gekommen;  die  meisten  Überreste  gehören  einheimischen
provinzialen  Erzeugnissen  an.

Die  gewöhnlichen  Wohnhäuser  waren  nicht  hoch,  wahrscheinlich  kaum  mit
einem  Obergeschoß  versehen.  Jedes  hatte  aber  mindestens  ein  heizbares  Gemach,
  dessen  Erwärmung  aber  nicht  oberirdisch  durch  Ofen,  sondern  durch
Leitung  der  Wärme  in  die  Seitenwände  und  den  Fußboden  von  unten  geschah
(Hypokaustensystem).  Die  Wände  waren  zu  diesem  Behufe  mit  hohlen  Kacheln
verkleidet,  über  welche  erst  der  Verputz  kam.  Die  Zimmer  waren  mit  Wandmalereien
  (Arabesken,  selten  Figuren)  geschmückt,  der  Fußboden,  meist  Estrich,
war  manchmal  auch  mit  Mosaiken  geziert.  Die  Zimmer  hatten  Fenster  mit
Glastafeln  in  Eisenrahmen.  Man  hatte  keine  großen  Wohnräume,  schon  wegen
der  Schwierigkeit  der  Beheizung.  Die  Türen  waren  von  Holz  mit  eisernem
Beschläge;  Schlösser  und  Schlüssel  sind  vielfach  erhalten.  Die  Häuser  selbst
waren  nicht  aus  gebrannten  Ziegelsteinen,  sondern  aus  Feld=  und  Bruchsteinen
in  reicher  Mörtelbettung  gebaut.  Ziegel  verwendete  man  nur  zum  Bodenbelag,
zu  den  Hypokausten  und  als  Platten  zum  Dacheindecken.  Bei  dem  Wohnhaus
war  meist  getrennt  von  diesem  ein  Baderaum.

Zahlreich  sind  im  Schutt  der  Wohnhäuser  die  Überreste  der  häuslichen
Gebrauchsgegenstände  aller  Art,  besonders  von  Keller-,  Küchen=  und  Tafelgeschirr,
  letzteres  die  sogenannten  Sigillaten,  hartgebranntes,  rotes,  mit  Firnis
überzogenes  Tongeschirr  in  Becher-,  Schalen=  und  Tellerform.  Jedes  Haus  hatte
davon  einen  großen  Vorrat.  In  einer  Abfallgrube  eines  römischen  Hauses
bei  Friedberg  am  Lechrain  konnten  Reste  von  168  verschiedenen  Gefäßen  erhoben
werden.  Außer  Küchengeschirr  aller  Art,  großen  Vorratsbehältern  für  Flüssigkeiten
  kamen  Reste  feinen  Tafelgeschirrs  von  roter  und  schwarzer  Farbe  mit
Bildwerk  und  von  niedlichen  Toilettegefäßchen  in  allen  Farben  vor.  Auch  Glasgefäße
  waren  in  Gebrauch.  Aus  Bronze  und  Eisen  wurden  Lampen,  Glocken,
Schlüssel,  Messer,  Gabeln,  Seiher,  Gefäßhenkel,  Schnellwagen,  Gewichte,
Schreibgriffel,  Scheren,  Handwerkszeug  aller  Art,  Garteninstrumente,  Nadeln
zum  Netstricken  u.  s.  w.  fast  bei  jedem  Wohnhaus  gefunden.  An  landwirtschaftlichem
  Inventar  fanden  sich  in  ausgegrabenen  Meierhöfen:  Wagenbestandteile
und  Pferdegeschirr  aller  Art,  Sensen  und  Sicheln,  Kuhglocken,  Radschuhe,
Ketten,  Pflugeisen  u.  s.  w.  Die  römischen  Muster  vieler  dieser  Gegenstände
blieben  für  das  Mittelalter  und  selbst  für  unsere  Zeit  vorbildlich.

Auch  an  Körperschmuck  ergaben  die  Hausfunde  reicheres  Material  als
die  Gräberfunde.  Es  sind  bei  uns  zwar  keine  so  kostbaren  Schmucksachen
zutage  gekommen  wie  vielfach  in  Gallien  und  am  Rhein,  immerhin  legen
auch  bei  uns  einzelne  Funde  von  Fibeln,  Armreifen,  Nadeln,  Fingerringen
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        22  4.  Das  Land  im  Dämmerlichte  der  Geschichte.

aus  Gold  und  Silber  Zeugnis  ab  von  dem  einstigen  Luxus  im  Römerreich.
Gewöhnlicher  Schmuck  aus  Bronze  kam  überall  massenhaft  zum  Vorschein.
Ganz  spärlich  dagegen  sind  die  Waffenfunde  aus  dem  Innern  des  Landes,
abgesehen  von  den  Grenzkastellen,  von  denen  namentlich  Eining  (Abusina,
am  Beginn  des  Limes  an  der  Donau)  einen  Reichtum  an  Waffen  aller  Art
geliefert  hat.  In  den  Hausfunden  gehören  sie  zu  den  größten  Seltenheiten,
mit  Ausnahme  der  kleineren  Jagdwaffen;  in  den  Gräbern  verschwinden  sie  ganz.
Ersteres  beweist  den  geordneten  und  langen  Friedenszustand  des  Reiches,  in
dem  nur  der  Berufssoldat  Waffen  trug;  letzteres  die  geänderte  Anschauung
gegenüber  der  vorrömischen  Zeit.

Weit  verbreitet  sind  im  ganzen  südlichen  Bayern  die  Münzfunde.  Man
darf  die  wieder  ans  Tageslicht  gezogenen  römischen  Münzen  sicher  auf  Hunderttausende
  schätzen.  Natürlich  hat  sich  davon  nur  der  kleinere  Teil  in  den
öffentlichen  Sammlungen  erhalten,  der  größere  ist  in  Privatsammlungen  und
im  Antiquitätenhandel  wieder  verschollen,  ohne  daß  selbst  nur  die  Fundorte
bekannt  wurden.  Die  erhaltenen  Münzen  reichen  von  Augustus  bis  an  den
Schluß  der  Kaiserzeit.  Münzen  der  Republik  und  des  oströmischen  Reiches
sind  selten.  Auch  nach  dem  Ende  der  römischen  Herrschaft  zirkulierten  diese
Münzen  noch  als  Geld  in  Bayern  bis  in  die  Tage  der  Karolinger.  Größere,
einst  vergrabene  Schatzfunde  beweisen  die  später  zunehmende  Unsicherheit  infolge
  der  Einfälle  der  Germanen.  Nach  den  Geprägen  dieser  Funde  läßt  sich
vielfach  die  Zeit  dieser  Einfälle  annähernd  feststellen.  Auf  diese  Weise  tragen
auch  sie  zur  Aufhellung  der  Lokalgeschichte  bei.

Der  Grabritus  der  römischen  Zeit  ist  ein  ganz  anderer  als  der  der  vorrömischen.
  Er  wird  nicht  mehr  von  dem  Gedanken  eines  Fortlebens  in  bisheriger
  Lebensweise  bestimmt,  so  daß  der  Tote  mit  allem  ausgestattet  werden  muß,
wessen  er  im  Leben  bedurfte,  sondern  der  Totenkult  ist  nur  eine  höherer  geistiger
Kultur  entsprechende  Erinnerungsfeier.  Der  Tote  bekommt  noch  Liebesgaben
mit,  aber  nur  als  Angedenken  seiner  Angehörigen.  Die  Leiche  wird  in  der
vorkonstantinischen  Zeit  verbrannt  und  die  Asche  in  einem  Gefäß  beigesetzt,
später  womöglich  in  einem  Steinsarkophag,  einer  Steinkiste  oder  wenigstens
in  einem  Plattenbehältnis  bestattet.  Die  antike  Sitte,  Denkmäler  über  dem
Grab  zu  errichten,  hat  uns  eine  stattliche  Zahl  von  Inschriftsteinen,  oft  mit
figürlichen  Darstellungen,  erhalten,  wenn  diese  auch  nicht  annähernd  die  Fülle
und  Schönheit  der  rheinischen  erreichen.

Wir  sehen  also  das  bürgerliche  Leben  namentlich  in  der  Blüte  der
Kaiserzeit  bis  zu  Mark  Aurel  in  hoher  Kultur,  auf  der  es  sich  noch  bis  in
die  konstantinische  Zeit  trotz  der  schon  beginnenden  Zuckungen  der  sogenannten
Völkerwanderungsperiode  im  allgemeinen  erhält.  Aber  allmählich  kommt  die
Gefahr  näher;  die  harmonische,  geordnete  Lebensführung  hört  auf,  man  muß
sich  auf  plötzliches  Verlassen  einrichten;  Neues  wird  jetzt  kaum  mehr  entstanden
sein.  Erst  muß  die  Grenze  verlegt,  das  nördlich  der  Donau  liegende  Land
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        6.  Das  Land  unter  der  Herrschaft  der  Römer.  23

preisgegeben  werden.  Dann  bröckelt  im  Osten  und  im  Westen  immer  mehr
Gebiet  ab,  Regensburg  geht  verloren,  die  Grenzen  bilden  jetzt  schon  im  Osten
Vallatum  (bei  Manching)  und  im  Westen  die  Illerlinie;  schließlich  können  nur
noch  die  mauerumgebenen  Städte  behauptet  werden  und  ain  Ende  zieht  die
offizielle  und  besitzende  Klasse  mit  dem  Rest  der  Garnisonen  über  die  Alpen
nach  Italien  zurück  (488).  Norikum  und  Nätien  mit  allen  Städten,  Staatsgebäuden,
  Kunstschätzen,  Staatseinrichtungen  und  allen  Errungenschaften  eines
fast  500  jährigen  zivilisatorischen  Wirkens  werden  aufgegeben  und  sinken  zu
einem  guten  Teil  in  Trümmer,  bis  neues  Leben  aus  den  Ruinen  erblüht.

5.  Auf  dem  Kastrum  zur  Pfünz  (ad  pontes)  bei  Eichstätt.
Von  Karl  Zettel.)
Wo  die  Spuren  trotziger  Quadermauer;  Bläst  der  in  das  Moos  gestrechte

Unter  Gras  und  Ginster  liegen,  Hirte  hlagende  Schalmei'n.

Lenht  die  Pflugschar  jetzt  der  Acherbauer  Zittergras  und  Herbstzeitlosen
Und  es  weiden  einsam  Ziegen;  Blüh'n  um  einen  Weihestein

Wo  die  Tuba  schmetternd  wechkte  Und  ein  Kranz  von  wilden  Rosen
Ehedem  die  Lagerreih'n,  Rahmt  der  Inschrift  Zeichen  ein.

6.  Das  Land  unter  der  Herrschaft  der  Römer.
Von  Siegmund  von  Riezler.")

Mit  der  Eroberung  durch  die  Römer  beginnt  die  historische  Periode  für
das  bayerische  Land.  Die  Ausdehnung  der  römischen  Herrschaft  über  die
Donaulandschaften  war  durch  die  Eroberung  Galliens  bedingt,  dessen  weit  nach
Norden  vorgeschobene  Grenze  eines  Schutzes  bedurfte.

Im  Jahre  15  v.  Chr.  bezwangen  Tiberius  und  Drusus,  die  Stiefsöhne
  des  Augustus,  nach  erbittertem  Kampfe  die  Völkerschaften  im  heutigen
Tirol,  in  der  Ostschweiz  und  auf  der  Schwäbisch-Bayerischen  Hochebene  westlich
vom  Inn.  Die  unterworfenen  Länder  wurden  von  den  Römern  als  zwei
Provinzen  eingerichtet:  Rätia  und  Norikum.  Deie  erstere  begriff  auch
Vindelikien  und  zeitweilig  das  obere  Rhonetal,  reichte  westlich  bis  Pfyn  (Fines)
im  Thurgau  und  in  das  Gebiet  der  Donauguellen,  östlich  bis  zum  Inn,  südlich
  bis  in  die  Gegend  von  Klausen  und  Meran.  Bei  Partschins  und  Seben
standen  Zollstätten.  Als  glänzendste  Kolonie  Rätiens  erhob  sich  Augsburg,
Augusta  Vindelicorum.  Auf  bayerischem  Boden  aber  befand  sich  in  Rätien
keine  bedeutende  Stadt  und  überhaupt  war  Rätien,  wie  es  scheint,  weniger
bevölkert  als  Norikum.  Schuld  daran  trug  wohl  nicht  nur  die  höhere,  also
auch  rauhere  Lage,  sondern  vielleicht  auch  der  Umstand,  daß  die  Bevölkerung

1)  Dichtungen,  S.  130.  Eichstätt  und  Stuttgart,  1874,  Krüll.
*)  Geschichte  Bayerns,  I.  Band,  S.  34  ff.
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        24  6.  Das  Land  unter  der  Herrschaft  der  Römer.

hier  durch  einen  nach  Römerart  grausam  geführten  Krieg  unterworfen  und
zum  Teil  ausgerottet  worden  war.

Unter  Domitian  ward,  zugleich  als  Landesgrenze  und  Landeswehr
zwischen  Germanien  und  Rätien,  der  Grenzwall  (limes)  vorgeschoben  und  die
Gegend  zwischen  ihm  und  der  Donau  bis  zur  Alb  mit  Rätien  verbunden.
Eben  dort  hat  sich  im  „Ries“  der  Name  der  römischen  Provinz  bis  heute
erhalten,  nachdem  er  noch  im  16.  Jahrhundert  einen  größeren,  auch  Augsburg
umfassenden  Bezirk  bezeichnete.  Seinen  vollen  Wert  für  die  Verteidigung  der
Provinz  erhielt  der  Grenzwall  erst  durch  die  dahinter  liegende  dichte  Reihe
von  Kastellen.  Er  ging  bei  Eining  von  der  Donau  ab,  setzte  bei  Kipfenberg
über  die  Altmühl  und  bei  Ellingen  über  die  Schwäbische  Rezat.  Das  Volk  nennt
seine  stellenweise  noch  sichtbaren  Überreste  die  Teufelsmauer,  wie  es  überhaupt
Dinge,  die  ihm  unerklärlich  sind,  gern  mit  dem  Teufel  in  Verbindung  bringt.

Norikum  ward  westlich,  wenigstens  von  der  Gegend  bei  Rosenheim  an,
vom  Inn,  nördlich  von  der  Donau,  östlich  vom  Ostabhange  der  Alpen  begrenzt.
  Zollstätten  begegnen  in  Boiodorum  (Innstadt  von  Passau),  in  Trojana
(Atrans  bei  St.  Oswald  in  Krain)  und  in  der  statio  Escensis  (Ischl?).
Ihrer  vertragsmäßigen  Unterwerfung  verdankte  diese  Provinz  eine  glücklichere
Lage  als  der  westliche  Nachbar,  sie  hatte  zahlreichere  Städte  und  nahm  früher
die  lateinische  Sprache  und  italienische  Kultur  an.  Auch  unter  römischer
Herrschaft  ward  sie  wohl  noch  als  Königreich  bezeichnet.  Beide  Provinzen
aber  blieben  wie  eine  Hausmacht  in  der  Hand  des  Kaisers,  der  sie  durch  einen
Hausbeamten  unter  dem  Titel  Prokurator  verwalten  ließ.  Der  von  Rätien
führte  den  Titel:  Procurator  et  pro  legato  provincise  Raetiae  et  Vindeliciae
  et  vallis  Poeninae.  So  lange  dieses  Verhältnis  währte,  standen
in  beiden  Provinzen  nur  Hilfstruppen,  die,  von  den  Untertanen  gestellt,  nach
heimischer  Sitte  unter  den  Waffen  dienten.  Aus  den  Rätiern  wurden  mindestens
acht,  aus  den  Vindelilern  vier  Kohorten  ausgehoben,  die  zu  den  geschätztesten
Truppen  des  Reiches  gehörten,  während  die  Noriker  weniger  Mannschaft  stellten.

An  Stelle  der  bisherigen  Organisation  nach  Völkerschaften  oder
Gauen  trat  nun  in  römischer  Weise  die  nach  Städten  mit  eigener  Verwaltung,
  denen  das  umliegende  Landgebiet  „kontribuiert“  war.  Kastelle  und
Standlager,  Schanzen  und  Warttürme,  die  sich  nahe  genug  standen,  um  ihre
Signale  vom  einen  zum  andern  tragen  zu  können,  deckten  die  Straßen,  besonders
  aber  die  Donaulinie  und  den  Grenzwall.

Bedeutsamen  Aufschwung  nahmen  Handel  und  Gewerbe,  deren  Vertreter
  man  oft  zu  Genossenschaften  verbunden  findet.  Auch  von  dem  Kunstleben
  der  Provinzen  sind  manche  Zeugnisse,  vornehmlich  Skulpturen  und
Mosaiken,  bewahrt;  Schönheit  und  gute  Erhaltung  zeichnen  besonders  einen
in  Westerhofen  bei  Ingolstadt  gefundenen  Fußboden  aus.

Vor  allen  Schöpfungen  der  römischen  Herrschaft  aber  beansprucht  das
Straßennetz  unsere  Aufmerksamkeit,  weil  auf  ihm  sicher  noch  in  der  bayerischen
        <pb n="37" />
        6.  Das  Land  unter  der  Herrschaft  der  Römer.  25

Zeit  zuerst  die  germanischen  Eroberer,  dann  die  christlichen  Sendboten  vorgedrungen
  sind.  Indem  wir  die  Hauptstraßen  verfolgen,  werden  wir  auch  zu  den
wichtigeren  Niederlassungen  geführt,  deren  Lage  ebenfalls  zum  großen  Teil
für  die  Entstehung  der  Städte  in  der  bayerischen  Periode  bereits  entscheidend  war.

Ülber  den  Brenner  als  niedrigsten  Paß  der  Tauernkette,  den  nur  mit
Saumtieren  vorher  die  Händler  überschritten  hatten,  zog  die  Hauptstraße  von
Italien  nach  Rätien,  die  schon  unter  Drufus  ausgesteckt,  unter  dessen  Sohne,
dem  Kaiser  Klaudius,  vollendet  und  nach  ihm  Claudia  Augusta  benannt
ward.  Sie  führte  von  Trient  über  Endidae  (Egna,  Neumarkt),  Pons  Drusi
(bei  Bozen),  Sublavio  (Seben),  Vipitenum  (Sterzing),  wovon  das  Wipptal
den  Namen  trägt,  Matreinm  (Matrei)  nach  Veldidena  (Wilten,  Vorstadt  von
Innsbruck),  einem  Verkehrsknotenpunkte  von  nicht  geringerer  Wichtigkeit  als
heute.  Denn  westlich  ging  hier  die  Straße  nach  Bregenz  (Brigantium)  ab,
nicht  über  den  Arlberg,  sondern  über  Lermoos,  Reutte,  dann  in  nicht
nachzuweisender  Richtung  über  Immenstadt.  Nordwestlich  gelangte  man  nach
Augsburg  über  Scarbia  (wahrscheinlich  Scharnitz),  Pbartanum  (Partenkirchen),
und  weiter  auf  doppeltem  Wege,  östlich  über  die  Stationen:  ad  pontes  Tessenios
  oder  Tesseninos  (nach  der  Meilenzahl  in  der  Gegend  von  Spatzenhausen
  beim  Staffelsee  zu  suchen),  und  Ambra  (wahrscheinlich  Schöngeising
bei  Bruck  an  der  Amper),  wo  die  Augsburg-Salzburger  Straße  kreuzte;  westlich
  über  das  unbekannte  Coveliacae,  Abudiacum  (Epfach),  wo  die  Straße
von  Pons  Aeni  nach  Cambodunum  (Kempten)  kreuzte,  und  ad  Novas  (unbekannt).
  Eine  dritte  Hauptstraße  führte  von  Veldidena  aus,  dem  Laufe
des  Inns  folgend,  nach  Pons  Aeni,  dessen  Name  in  Pfunzen  fortlebt  (Langenpfunzen
  am  Inn,  nordöstlich  von  Rosenheim),  über  die  Zwischenstationen
Masciacum  (Matzen)  und  Albianum.  Auch  der  Vinstgau  hatte  seine  Straße,
die  über  Töll,  Rabland  und  Teriolis  (Burg  Tirol)  zog.  Durch  das  Pustertal
  führte  die  Straße,  die  Vipitenum  mit  Julium  Carnicum  (Zuglio)  verband,
  über  Sebatum  (St.  Lorenz),  Littamum  (Innichen),  Aguontum  (bei
Lienz)  und  Loncium  (bei  Mauthen).

In  Pons  Aeni  kreuzte  die  Straße  von  Augsburg  nach  Salzburg,  die
sich  großenteils  noch  heute  verfolgen  läßt,  zuerst  zwischen  Althegnenberg  und
Jesenwang,  dann  über  Gauting,  Buchendorf,  durch  den  Forstenrieder  Forst,
bei  Baierbrünn  über  die  Isar,  durch  den  Grünwalder  und  Deisenhofer  Forst
und  über  Hofolding.  Die  Stationen  bis  zum  Inn  sind:  Ambra,  Bratanianum
  (wahrscheinlich  am  rechten  Isarufer,  südlich  von  Grünwald),  Isunisca
(bei  Helfendorf).  Nach  Pons  Aeni  folgen  Bedaium  (Seebruck  oder  in  dessen
Nähe)  und  Ariobriga  (zwischen  Teisendorf  und  Traunstein).  Juvavum
(Salzburg)  ward  gleich  den  meisten  norischen  Städten  unter  Klaudius  zur  Stadt
erhoben  und  hieß  daher  J.  Claudium.

Bei  Helfendorf  zweigte,  wie  man  noch  heute  erkennt,  eine  Straße  von
Pons  Aeni  nach  Regensburg  ab,  Erding,  Moosburg  und  Gammelsdorf  be-
        <pb n="38" />
        26  6.  Das  Land  unter  der  Herrschaft  der  Römer.

rührend,  während  ein  anderer  Straßenzug,  der  von  Pons  Aeni  über  Turum
#u  nd  Jovisura  nach  Castra  (wahrscheinlicher  Regensburg  als  Passau)  führte,
sich  nicht  bestimmen  läßt.  Reginum.  Castra  Regina  wird  auch  einfach  als
legio  oder  castra  bezeichnet;  neben  diesen  lateinischen  aber  muß  auch  der
keltische  Name  des  Ortes,  Radasbona,  Ratispona,  fortgelebt  haben,  da  ihn
noch  die  mittelalterlichen  Schriftsteller  gebrauchen.  Seit  Mark  Aurel  war
Regensburg  das  Standauartier  einer  Legion  und  der  Hauptwaffenplatz
  im  bayerischen  Rätien.

Von  Regensburg  zog  eine  Straße  über  Abusina,  Vallatum  (wohl
Oberstimm  bei  Manching),  Summontorium  nach  Augsburg  und  weiter  über
Guntia  (Günzburg)  und  Celio  Monte  nach  Cambodunum  (Kempten).
Abusina  lag  sicher  bei  Eining,  wo  das  Lager  jetzt  aufgedeckt  ist.  In  Abusina
zweigte  die  Straße  ab,  die  zwischen  dem  Grenzwall  und  der  Donau  nach
Westen  führte,  über  Celeusum  (wahrscheinlich  Pföring),  wo  man  noch  eine
römische  Befestigung  sieht,  Germanicum,  Vetoniana  (wahrscheinlich  Nassenfels),
  Biriciana  (Weißenburg  i.  B.,  wo  ebenfalls  jetzt  das  Lager  aufgedeckt  ist),
leiniacum  (Itzing,  nördlich  der  Lechmündung).  Römische  Inschriften  finden
sich  in  dieser  Gegend  ebenso  wie  um  den  Chiemsee  und  im  Salzburgischen
ziemlich  zahlreich,  während  das  Gebiet  zwischen  Inn  und  Lech  an  solchen  arm  ist.

Donauabwärts  führte  die  Straße  von  Regensburg  über  Augusta,  das
wenig  oberhalb,  und  Sorviodurum  (oder  Serviodurum?),  das  bei  Straubing
zu  suchen  ist;  ferner  über  Quintana  (Künzing  mit  Lager)  und  Pons  Rensibus
am  Vilsübergang  bei  Vilshofen  nach  Castellum  Boiodurum,  der  Innstadt
bei  Passau.  Der  Ort  hieß  auch  Batavis  nach  einer  hier  liegenden  Kohorte
der  Bataver  und  daraus  ist  Passau  entstanden.

Von  Boiodurum  folgte  die  Straße  dem  Laufe  der  Donau  über
Stanagum  oder  Stanacum,  das  bei  Engelhardszell,  und  Joviacum,  das  bei
Schlögen  unweit  Haibach  gesucht  werden  muß.  Über  das  Kastell  Lentia
(Linz)  erreichte  sie  dann  Lauriacum  (Lorch  bei  Enns),  einen  bedeutenden  Platz,
wiewohl  er  sich  gleich  Regensburg  wahrscheinlich  nie  zur  Stadt  aufschwang.
Südwestlich  von  Lauriacum  lag  an  der  Traun  die  Colonia  Aurelia  Antoniniana
  Ovilava  (das  heutige  Wels).  Von  dort  nach  Juvavum  war  die
Straße  geführt  wie  heute  und  berührte  die  Stationen  Tergolape  (vielleicht
Schwanstadt),  Laciaca  (Frankenmarkt)  und  Tarnanto,  wenig  unterhalb.
Neumarkt  beim  Wallersee.  Sehr  bevölkert  war  das  Salzkammergut.

Neben  diesen  Hauptstraßen  fehlte  es  nicht  an  Verbindungen  von  mehr
örtlicher  Bedeutung,  wie  denn  von  dem  Municipium  Teurnia  oder  Tiburnia
aus  (St.  Peter  im  Holz)  sogar  über  die  Krontauern  ein  Weg  nach  Gastein
führte,  von  dem  man  noch  heute  in  einer  „Heidenstraße“  bei  Malnitz  unzweideutige
  Spuren  erkennt.

Unter  Mark  Aurel  trat  in  der  Verwaltung  beider  Provinzen  eine
Anderung  ein:  jede  erhielt  nun  eine  Legion,  Rätien  die  dritte,  Concordia
        <pb n="39" />
        8.  Ausbreitung  des  Christentums  in  den  bayerischen  Landen.  27

oder  Italica,  Norikum  die  zweite,  ltalica,  die  vorher  Pia  hieß,  und  deren
Befehlshaber,  die  Legaten,  vereinigten  mit  der  militärischen  auch  die  oberste
Zivilgewalt,  führten  daher  den  Titel  Legatus  pro  praetore.  Diese  Umwandlung
  konnte  nur  dazu  beitragen,  den  Gang  der  Romanisierung  der
Bevölkerung  zu  beschleunigen,  sie  bildete  den  wirksamsten  Hebel  hiezu.

7.  Die  Römerstraße.

Von  Hermann  Lingg.))

1.  Man  spricht  im  Dorf  noch  oft  von  ihr,
Der  alten  drauß  im  tiefen  Walde,
Sie  zeige  sich  noch  dort  und  hier,
Am  Feldweg  und  am  Saum  der  Halde.
2.  Sie  zieht  herauf  und  steigt  hinab,
Es  weidet  über  ihr  die  Herde;
An  ihrer  Seite  manches  Grab:
So  liegt  sie  drunten  in  der  Erde.

3.  Es  führt  ob  ihr  dahin  der  Steg;
Der  Pflüger  mit  dem  Jochgespanne
Geht  über  ihren  Grund  hinweg
Und  Wurzeln  schlägt  auf  ihr  die  Tanne.

4.  Der  Römer  hat  sie  einst  gebaut
Und  ihr  den  Ruhm,  die  Pflicht,  die  Trauer,
Der  Gräber  Urnen  anvertraut
Und  seines  Namens  ew'ge  Dauer.

5.  Und  heut“,  aus  ferner  Zeiten  Nacht
Bewegt  es  mich  wie  nahes  Wehen,
Ein  Lichtstrahl,  wie  von  selbst  erwacht,
Ein  Augenblich  wie  Geistersehen.

 

6.  Mir  ist,  Kohorten  schreiten  dort
Gepanzert  nach  dem  Lagerwalle,
Es  tönt  der  Kriegstribunen  Wort
Vom  Turm  her  zu  der  Tuba  Schalle.

7.  Und  eine  Villa  glänzt  am  Strom,
Wo  Kähne  landen,  Shlaven  lärmen;
Der  Herr  des  Haufes  seufzt  nach  Rom,
Nach  Tibur  und  nach  Bajäs  Thermen.

8.  Zur  Grufthapelle  draußen  wallt,
Mit  Trauerspenden  ihrem  Sohne
Das  Grab  zu  schmücken,  die  Gestalt
Der  tiefverschleierten  Matrone.

9.  Der  Prätor  naht,  vom  Volk  umringt,
Liktoren  zieh'n,  behelmte  Reiter  —
Und  wie  sich  Bild  mit  Bild  verschlingt,
Am  Tagtraumwandelndschreit'ich  weiter.

10.  Da  plötzlich  ruft  ein  Laut  mich  wach,
Ein  Erdgedröhn  auf  nahen  Gleisen:
Ich  steh’'  am  Kreuzweg;  hier  durchbrach
Den  Römerpfad  der  Pfad  von  Eisen.

11.  Und  donnernd  rollt  der  Wagenzug
Vorbei  den  alten  Meilensteinen
Wie  Blitz  des  Zeus  und  Geisterflug,
Der  Erde  Völker  zu  vereinen.

8.  Ausbreitung  des  Thristentums  in  den  bayerischen  Landen,
Grundlegung  der  bayerischen  Kirchenverfassung.
Von  Joseph  Schlecht.")
Das  Blut  der  heiligen  Martyrer  hat  Bayerns  Boden  befeuchtet,  bevor
ihn  eines  Bayern  Fuß  betrat.  Die  Basilika  der  hl.  Afra  in  Augsburg,  die

Gedichte,  3.  Band,  S.  372  ff.  Stuttgart  1869.  J.  G.  Cotta.
*)  „Bayerns  Kirchen-Provinzen“,  S.  1  f.  München  1902.  Allgem.  Verl.-Ges.
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        28  8.  Ausbreitung  des  Christentums  in  den  bayerischen  Landen.

Martyrergräber  in  Regensburg,  die  Verehrung  des  hl.  Maximilian  und  Florian,
die  Bischofssitze  zu  Seben  und  Chur,  die  ja  im  7.  Jahrhunderte  in  bayerischen
  Landen  lagen,  weisen  in  die  Zeiten  Diokletians  zurück.  Ist  die  Annahme
richtig,  daß  die  Bayern  die  Stammesbrüder  der  Markomannen  sind  —  und  sie
findet  kaum  mehr  einen  Widerspruch  —  so  lagen  ihre  ersten  Siedelungen  dicht
an  den  Grenzen  des  Römerreiches  mitten  in  jenem  an  grünen  Tälern  so
reichen  Waldgebirge,  das  sich  von  der  Donau  zu  den  Quellbächen  des  Mains
erstreckt  und  gegen  die  Elbe  hin  in  fruchtbaren  Geländen  abfällt.  Dann  blühte
aber  auch  des  christlichen  Glaubens  zarte  Blume  schon  zu  Ende  des  vierten
Jahrhunderts  im  dunklen  Hochwald,  vom  sonnigen  Süden  in  Königin  Fritigils
Garten  herüberverpflanzt.  Sie  schickte  ihre  Gesandtschaft  zu  Mailands  großem
Bischofe,  zum  hl.  Ambrosius,  und  bat  ihn  um  schriftliche  Unterweisung  in  der
christlichen  Religion.  Und  als  sie  seinen  Brief,  der  einen  förmlichen  Katechismus
  in  sich  schloß,  erhalten  hatte,  eilte  sie  selbst  nach  Mailand;  aber
welcher  Schmerz  ergriff  sie,  als  sie  dort  hörte,  daß  der  Gottesmann  inzwischen  aus
dem  Leben  geschieden  seil!

Auch  vom  Westen  durch  das  völlig  christliche  PFannonien  und  aus  Norikum,
wo  der  hl.  Severin  machtvoll  wirkte,  empfing  das  jugendkräftige  Volk  des  Christentums
  Samen.  Der  Name  für  den  grundlegenden  Religionsbegriff  —  Kirche
—  stammt  aus  dem  Griechischen  und  die  hellenische  Bezeichnung  für  den
fünften  Wochentag  mußte  Donars  Herrlichkeit  verdrängen.  Der  Arianismus,
von  dem  ein  Teil  des  Volkes  angesteckt  erscheint  und  gegen  welchen  noch  die
fränkischen  Mönche  Eustasius  (gest.  625)  und  Agilus  (gest.  636)  zu  kämpfen
hatten,  mag  auf  diesem  Wege  und  durch  der  Goten  Nachbarschaft  nach  Bayern
getragen  worden  sein.  Aber  die  Dynastie,  abhängig  vom  Frankenreiche,  war
katholisch  und  wie  eine  Lichtgestalt  tritt  uns  aus  des  jungen  Reiches  Frührot
das  berühmte  Königskind  Theudelinde  entgegen,  Garibalds  Tochter  und  seit
589  die  Gemahlin  des  Langobardenkönigs  Autharis,  verständig,  kunstsinnig
und  fromm,  im  brieflichen  Verkehr  mit  Papst  Gregor  dem  Großen,  der  sie  hochschätzte
  und  ihre  Bemühungen  die  Langobarden  vom  Arianismus  zur  Kirche
zurückzuführen  unterstützte.  Dann  kam  die  Zeit,  wo  der  hl.  Valentin  unter
den  Bayern  wirkte,  die  jetzt  über  Donau  und  Inn  in  die  Gebirgstäler  der
Alpen  vorgedrungen  waren,  nicht  die  Römer  vor  sich  hertreibend,  wie  ein  Jahrhundert
  vorher  Odoaker  es  getan,  sondern  im  Frieden  mit  und  neben  ihnen
wohnend.  Heute  noch  erinnern  die  nach  den  Siedelungen  der  Welschen  benannten
  Seen  und  Ortschaften,  die  sich  von  Traunwalchen  und  Straßwalchen
bis  nach  Wahl  bei  Mittenwald  erstrecken,  an  den  geschlossenen  Frieden.

Seit  der  Mitte  des  7.  Jahrhunderts  unter  fränkischer  Oberherrschaft,
  wurde  die  Masse  des  bayerischen  Volkes  christlich,  wenn  auch  widerstrebend,
  so  doch  nicht  aus  Zwang;  und  obwohl  der  Merowingerkönig
Dagobert  (629—634)  geboten  hatte,  daß  jeder  in  seinem  Reiche  sich  taufen
lassen  müsse,  stehen  doch  immer  noch  unfern  den  Zellen  der  Mönche  und
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        8.  Ausbreitung  des  Christentums  in  den  bayerischen  Landen.  29

den  Holzkirchen  der  Priester  die  unvergessenen  Opfersteine  der  alten  Götter
und  das  Hauptfest  des  Christentums  muß  sich  nach  der  Frühlingsgottheit  Ostara
benennen  lassen.

Damals  reichten  des  Landes  Grenzen  vom  Lech  bis  zur  Enns,  von  den
Kuppen  des  Bayerischen  Waldes  bis  an  die  italienischen  Seen;  noch  im  Jahre
680  hält  der  bayerische  Graf  in  Bozen  Gericht.  Die  jetzige  Rheinpfalz,  die
übrigens  damals  nicht  zu  Bayern  gehörte,  war  längst  völlig  christlich.  Aus
dem  ehrwürdigen  Worms  kam  um  695  Bischof  Ruprecht,  ward  von  Herzog
Theodo  in  Regensburg  festgehalten,  predigte,  taufte,  weihte  Priester  und
gründete  dann  auf  den  Ruinen  der  ausgedehnten  Römerstadt  Juvavia  bei  der
Zelle  des  hl.  Maximus  die  Abtei  St.  Peter  und  das  Bistum  Salzburg,
von  nun  an  „eine  Hauptburg  des  Christentums  in  bayerischen
Landen".  Auf  ihn  folgen  andere  Glaubensboten  aus  dem  Frankenreiche:
der  Missionsbischof  St.  Erhard,  dem  in  Regensburg  die  älteste  christliche  Kultstätte
  geweiht  ist,  St.  Emmeram,  „demütig  gegen  die  Niedrigen,  gegen  die
Mächtigen  aber  mit  Löwenmut  sich  aufrichtend“,  und  zuletzt,  ein  Opfer  seines
hl.  Berufes,  St.  Korbinian,  nicht  minder  energisch  im  steten  Kampfe  gegen  die
das  Christentum  befleckenden  heidnischen  Unsitten,  der  Begründer  Freisings.

So  ward  an  den  Hauptplätzen  des  Landes,  wo  die  Herzoge  Hof
hielten,  das  religiöse  Leben  erweckt  und  gepflegt,  außen  im  „saatgrünen  Lande“
aber  erhoben  sich  bereits  Kirchen  und  Pfarreien,  waren  klösterliche  Niederlassungen
  und  einzelne  größere  Abteien  gegründet,  die  Frucht  der  emsigen  Arbeit
angelsächsischer  Mönche,  die  beim  Volke  wegen  ihrer  milden,  oft  nur  allzu  nachsichtigen
  Lehre  großer  Beliebtheit  sich  erfreuten,  manchmal  aber  auch,  wie  Kilian
und  seine  Gefährten,  wie  Marin  und  Annian,  ihren  Opfermut  mit  dem  Blute
besiegelten.

Aber  immer  noch  fehlte  dieser  Kirche  die  geschlossene  Einheit,  die  feste
Organisation.  Darum  machte  sich  im  Jahre  716  Herzog  Theodo  selber  auf
den  Weg  nach  dem  Mittelpunkte  der  Christenheit,  um  mit  dem  eifrigen  Papste
Gregor  II.  die  notwendigen  Schritte  zu  beraten,  welche  der  Kirche  seines
Landes  ein  festeres  Gesüge  und  damit  zugleich  seiner  Herrschaft  kräftige  Unterlage
  und  Stütze  bieten  sollten.  Mit  großen  Ehren  empfing  Rom  den  bayerischen
Herrscher;  war  er  doch  der  erste  seines  Geschlechtes,  welcher  die  Schwellen  der
Apostelfürsten  verehrend  aufsuchte.  Zwei  Jahre  später  sandte  derselbe  Papst
den  großen  angelsächsischen  Mönch  Wynfrith  in  das  Frankenreich,  der  wie  kein
anderer  die  Gabe  besaß  die  Geister  zu  lenken  und  die  edlen  und  rauhen  Herzen
der  Deutschen  für  des  Glaubens  Lehre  und  Gottes  Gebot  empfänglich  zu  machen.
Aber  es  vergehen  noch  zwei  Jahrzehnte,  bis  Bonifatius  die  Pläne  jenes  edlen
bayerischen  Fürsten  ausführen  kann.  —  Ihn  umgibt  ein  Kranz  wahrhaft
schöner  Seelen,  seine  Helfer  und  Mitarbeiter,  Burchhard  in  Würzburg,  Willibald
  in  Eichstätt,  Wynnebald  in  Thüringen,  sein  Schüler  Sturmi,  eines  bayerischen
  Grafen  Sohn,  sowie  die  frommen  Frauen  Lioba  in  Tauberbischofs-
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        30  8.  Ausbreitung  des  Christentums  in  den  bayerischen  Landen.

heim,  Walburga  in  Heidenheim,  Thekla  in  Kitzingen;  sie  alle  wetteifern  nicht
nur  die  Lehren  des  Evangeliums  sondern  auch  die  Segnungen  der  christlichen
Kultur  in  Bayerns  fruchtbaren  Gefilden  zu  verbreiten.  Die  Herzoge  Theodebert
  und  Hugibert  nehmen  die  Mönche  und  Nonnen  dankbar  auf  und  überlassen
  ihnen  Grund  und  Boden;  die  Grafen  des  Landes  machen  ihre  Stiftungen
zu  der  friedlichen  Stätte,  wo

Aus,  den  Tannenwipfeln  ragte

Eines  Türmleins  spitzer  Kegel,

First  und  Giebel  eines  Klosters

Nach  Sankt  Benediktus'  Regel.  (F.  Weber.)

Der  stolze,  kühne  Herzog  Oatilo,  ein  entschlossener  Gegner  der  Franken,
ein  Mann  des  Schwertes  und  des  Rates,  förderte  das  Werk  der  Glaubensboten:
  „Er  begann  die  Kirchen  Gottes  zu  bauen  und  zu  bereichern  und  die
Diener  des  höchsten  Herrn  zu  lieben.“  Für  das  innerlich  religiöse,  jugendfrische
Volk  gibt  es  aber  kein  höheres  Fest,  als  wenn  wieder  ein  neues  Gotteshaus
mit  weißem  Giebel  in  die  Lande  winkt  und  der  Bischof  kommt  es  einzuweihen.
Da  erscheint  im  Jahre  739  Bonifatius  als  pöäpstlicher  Legat,  durchreist  die
Gaue,  grenzt  die  Kirchensprengel  ab  und  gibt  ihnen  würdige  Vorsteher:  in
Freising  wird  Korbinians  Bruder  Erimbert,  in  Regensburg  Gaubald,  in  Salzburg
  der  Angelsachse  Johannes  eingesetzt.  Vivilo  von  Lorch  verlegt  seinen
Sitz  nach  dem  sicheren  Passau;  wenige  Jahre  später  kann  der  Legat  seinen
Freund  Burchhard  für  Würzburg  und  seinen  Verwandten  Willibald  für  Eichstätt
  aufstellen,  beide  längst  mit  der  bischöflichen  Würde  bekleidet.  So  hatte
Bonifatius  die  Grundlegung  der  bayerischen  Kirchenverfassung  im  engsten
Anschlusse  an  Rom  durchgeführt,  die  apostolische  Nachfolge  der  Bischöfe  gesichert.
—  Das  ist  sein  und  Herzog  Oatilos  Verdienst.

Im  Jahre  747  wurde  Bonifatius  Erzbischof  von  Mainz  und  das  von
ihm  bebaute  Missionsgebiet  in  Alamannien  und  Bayern  samt  den  alten  Diözesen
  Augsburg  und  Chur,  die  einst  zu  Aquileja  und  zu  Mailand  gehört
hatten,  in  den  Verband  dieser  großen,  die  gesamten  Rheinlande  bis  gegen
Tongern  umfassenden  Kirchenprovinz  aufgenommen.  Es  begann  der  Verzweiflungskampf
  der  Agilolfinger  gegen  die  fränkische  Oberherrschaft,  aber  die
Kirche  war  geborgen.  Nach  der  Absetzung  des  „Königs“  Tassilo  III.,  für
dessen  Seelenruhe  heute  noch  in  manchen  der  vielen  von  ihm  gestifteten  Klöster
gebetet  wird,  konnte  Karl  der  Große  einen  festeren  Zusammenschluß  der
bayerischen  Kirche  ins  Auge  fassen  und  798,  zehn  Jahre  nach  Tassilos  Sturz,
errichtete  Papst  Leo  III.  im  Einverständnisse  mit  dem  siegreichen  Herrscher
die  neue  Kirchenprovinz  mit  dem  Sitze  in  Salzburg,  welches  durch
den  eifrigen  hl.  Virgil  und  durch  die  Missionierung  der  Donau=  und  Alpenländer
  Pannonien  und  Karantanien  große  Bedeutung  erlangt  hatte;  dem  Erzbischof
  Arn  und  seinen  Nachfolgern  wurden  die  Sprengel  von  Regensburg,
Freising,  Passau  und  Seben,  das  früher  ebenfalls  zu  Aquileja  gehört  hatte,
        <pb n="43" />
        8.  Ausbreitung  des  Christentums  in  den  bayerischen  Landen.  31

unterstellt  sowie  das  Bistum  Neuburg  a.  D.,  das  jedoch  von  nur  kurzer
Dauer  war  und  bald  wieder  zu  Augsburg  und  damit  zur  Mainzer  Kirchenprovinz
  kam.

Die  neuen  Kirchen  und  Abteien  in  Ungarn  und  Karantanien  gehen
zumeist  von  Salzburg  aus.  Die  letzten  Karolinger  residieren  am  liebsten
in  der  alten  Donaustadt  Reganesburg;  Karlmann  nennt  sich  mit  Vorliebe
„König  der  Bayern“  und  haust  in  der  Pfalz  zu  Otting  am  Inn  neben  dem
von  ihm  gestifteten  Benediktinerkloster  des  Apostels  Philippus,  das  durch  die
Kapelle  der  hl.  Mutter  Gottes  eine  so  große  Berühmtheit  erlangt  hat.

Die  Selbständigkeit  Bayerns  ist  untergegangen  und  die  Versuche  sie
wieder  zu  erringen,  welche  der  sächsische  Lehensherzog  Heinrich  der  Zänker  im
Verein  mit  Bischof  Abraham  von  Freising  unternahm,  scheiterten.  Die  Ungarn
hatten  inzwischen  das  Land  mit  den  Trümmern  der  auf  ihren  Raubzügen
zerstörten  Kirchen  und  Klöster  bedeckt  und  der  edle  Markgraf  Luitpold  war
mit  den  Besten  des  Landes  im  Kampfe  gegen  sie  gefallen.  Aber  die  Bistümer
haben  diesen  und  andere  Stürme  überlebt.  Die  Klöster  blühten  wieder  empor
und  es  ist  zum  ehrenvollen  Ruhmestitel  der  einheimischen  Schyrenfürsten  geworden,
  daß  sie  fromme,  eifrige  Gönner  und  Beschützer,  keine  habgierigen
Minderer  des  Kirchengutes  waren.  Schenkten  sie  doch  ihr  Stammschloß  zu
Scheyern  den  Söhnen  des  hl.  Benediktus  zum  Preise  der  hl.  Jungfrau  Maria,
die  in  der  Burgkapelle  verehrt  wurde,  in  welcher  des  „Zänkers"  tugendreiches
Töchterlein  Gisela  dem  Könige  und  Apostel  der  Ungarn  die  Hand  zum  Ehebunde
  gereicht  hatte.

Als  ihr  gleich  frommer  Bruder,  Heinrich  der  Heilige,  noch  ein  weiteres
Bistum  gründete,  ward  es  keinem  von  den  bestehenden  Verbänden  angegliedert,
sondern  dem  hl.  Stuhle  unmittelbar  untergeben.  Als  Abzeichen  dieser  Ausnahme
  erhielt  der  Bischof  von  Bamberg  das  Pallium  und  der  römische  Stuhl
behielt  sich  das  Recht  vor  ihm  Bestätigung  und  bischöfliche  Weihe  zu  erteilen.

Unter  Kaiser  Heinrich  III.  erlebte  dann  die  bayerische  Kirche  ihre  ruhmreichsten
  Tage;  denn  aus  ihrem  Schoße  bestiegen  drei  hochangesehene  Bischöfe
den  Stuhl  des  hl.  Petrus:  Suidger  von  Bamberg  nannte  sich  Klemens  II.
(1046—1047),  Poppo  von  Brixen  (natione  Bojus)  Damasus  II.  (1047—1048),
Gebhard  von  Eichstätt  Viktor  II.  (1054—1057).  Der  Mittelpunkt  des  geistigen
Lebens  blieb  Regensburg,  wo  der  Eifer  des  großen  Bischofs  St.  Wolfgang,
der  einst  das  Evangelium  über  Böhmen  hinaus  bis  nach  Ungarn  getragen,
noch  lange  nachwirkte,  wo  von  Geistlichen  und  Mönchen  alle  schönen  Künste
gepflegt  wurden,  so  daß  ein  Zeitgenosse  diese  Stadt  „das  zweite  Athen“  nennt.
Zur  geistlichen  Macht  gesellt  sich  aber  auch  die  weltliche;  seit  dem  Ende  des
zehnten  Jahrhunderts  entwickelt  sich  schrittweise  die  politische  Unabhängigkeit  und
Landeshoheit  der  Bischöfe,  die  ihren  gesetzlichen  Ausdruck  findet  in  dem  großen
Frankfurter  Privilegium  des  Kaisers  Friedrich  II.  vom  Jahre  1228.  Seitdem
erscheint  das  Schwert  neben  dem  Krummstabe  über  dem  bischöflichen  Wappen.
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        32  8.  Ausbreitung  des  Christentums  in  den  bayerischen  Landen.

Die  Regierungszeit  der  Welfen,  von  deren  Freigebigkeit  zahlreiche  Stiftungen
  in  Ottobeuren,  Raittenbuch,  Steingaden  Zeugnis  geben,  bedeutet  die
Reform  der  bayerischen  Kirche,  deren  Ruhm  die  Namen  frommer,  gelehrter,
tatkräftiger  Männer  wie  Eberhard  von  Salzburg,  1  1164,  Hartmann  von
Brixen,  #  1164,  Otto  von  Freising,  k  1158  zu  Morimond,  Geroch  von
Reichersberg,  f#  1169,  verkünden.  Ist  doch  auch  der  größte  deutsche  Epiker
des  Mittelalters,  der  Sänger  des  heiligen  Grals,  bayerischen  Stammes!
Noch  1608  sah  man  in  der  Liebfrauenkirche  zu  Eschenbach  im  Bistum  Eichstätt
  das  Grabmal  des  sinnigen  Ritters,  der  von  heiligen  Dingen  so  schön
gesungen,  „daz  leien  munt  nie  baz  gesprach".  Zu  gleicher  Zeit  steht  an  der
Spitze  der  Mainzer  und  zeitweilig  auch  der  Salzburger  Kirchenprovinz  der
große  Staatsmann  Erzbischof  Konrad  von  Wittelsbach,  der  als  Legat  die
Sprengel  des  Landes  in  der  Treue  zum  hl.  Stuhl  erhält,  während  sein
Bruder  Otto  I.  durch  die  Belehnung  Barbarossas  i.  J.  1180  die  Herrschaft
der  neuen,  jetzt  noch  grünenden  Dynastie  begründet.

Freilich  war  das  neue  Herzogtum  an  Gebiet  bedeutend  geschmälert,  seit
Kaiser  Friedrich  I.  die  Ostmark  als  selbständiges  Herzogtum  an  die  Babenberger
  übergeben  hatte.  Aber  auch  die  Kirchenprovinz  Salzburg  hatte  sich
Einschränkungen  gefallen  lassen  müssen,  indem  Böhmen  schon  im  Jahre
973  von  Regensburg  losgetrennt  und  ein  eigenes  Bistum  Prag  errichtet
worden  war,  das  an  Mainz  angeschlossen  wurde.  Ebenso  löste  König
Stephan  I.  von  Ungarn  im  Einverständnisse  mit  Papst  Sylvester  II.  dadurch,
  daß  er  die  Hierarchie  in  Ungarn  mit  dem  Mittelpunkte  in  Gran
aufrichtete,  die  Tochter  von  der  bayerischen  Mutterkirche  und  machte  sie  selbständig.


Immerhin  war  das  Gebiet  des  Erzbischofs  von  Salzburg  auch  jetzt
noch  viel  zu  groß,  als  daß  er  es  selbst  hätte  gebührend  verwalten  können.
Schon  1072  hatte  deshalb  Gebhard  der  Heilige,  unterstützt  von  der  seligen
Gräfin  Hemma  und  mit  Genehmigung  des  Papstes  Alexander  II.,  für  die
Gebirgslande  der  südlichen  Steiermark  und  Kärntens  ein  eigenes  Bistum  mit
dem  Sitze  in  Gurk  errichtet,  dessen  Besetzung  er  sich  und  seinen  Nachfolgern
vorbehielt.  In  ähnlicher  Weise  erfolgte  nun  durch  den  frommen  Ekberhard  II.
die  Gründung  der  drei  weiteren  Bistümer  Chiemsee  (1216),  Seckau  (1218)
und  Lavant  (1228).  Vom  hl.  Stuhle  wurden  diese  Stiftungen  gutgeheißen
und  Eberhard  dafür  mit  der  Würde  eines  ständigen  Legaten  und  dem  Vorrechte
  den  Purpur  zu  tragen  ausgezeichnet  (1232),  ein  Privileg,  dessen  sich
seine  Nachfolger  heute  noch  erfreuen.

Von  den  neuen  Sprengeln  lag  nur  das  Bistum  Chiemsee  zwar  nicht
ganz,  aber  doch  zumeist  auf  bayerischem  Boden.  Auf  den  durch  die  weite,
abgrundtiefe  Wasserfläche  gegen  feindliche  Überfälle  so  gut  gesicherten  Inseln
hatten  schon  unter  den  Agilolfingern  zwei  Klöster  geblüht  und  in  dem  einen,
für  Männer,  des  hl.  Virgil  von  Salzburg  gelehrter  Freund,  der  Schotte
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        9.  Der  Sturz  Tassilos.  33

Dobda,  als  Abt  Wissenschaft  und  fromme  Zucht  gelehrt,  während  in  dem  der
Nonnen,  einer  Stiftung  Tassilos  III.,  die  büßende  Irmingard,  die  Tochter
Ludwigs  des  Deutschen,  als  Vorsteherin  gepriesen  und  als  Selige  verehrt
wird.  Indessen  war  hier  im  Jahre  1215  die  alte  Zucht  verfallen  und  der
Erzbischof  dachte  das  Frauenstift  aufzulösen  und  dessen  Besitz  zur  Gründung
eines  Hilfsbistums  zu  verwenden,  aber  der  Papst  bestimmte  Herrenwörth,  seit
1130  ein  Chorherrenstift,  zum  Mittelpunkt  des  kleinen  Sprengels,  der  nur
zehn,  allerdings  ausgedehnte  und  ins  Gebirge  tief  hineinreichende  Pfarreien
umfaßte,  und  ernannte  den  jeweiligen  Propst  zum  Bischof.  Da  er  aber  vom
Erzbischof  von  Salzburg  eingesetzt  und  belehnt  wurde,  erlangte  er  nie  die
Stellung  eines  Reichsfürsten.

Um  dieselbe  Zeit  hat  Kaiser  Friedrich  II.  dem  Hause  Wittelsbach
auch  die  schöne,  fruchtbare  Rheinpfalz  als  erbliches  Lehen  verliehen  und
seit  1214  herrscht  nun  auch  der  Bischof  von  Speyer  über  bayerisches  Gebiet
gleich  dem  von  Eichstätt,  während  jene  von  Würzburg  und  Bamberg  mehr
als  Grenznachbarn,  Lehensherren  und  Schutzvögte  in  Betracht  kommen.  Indessen
  wird  auch  der  Bamberger  noch  bis  in  die  Mitte  des  13.  Jahrhunderts
zu  den  Landtagen  der  Herzoge  von  Bayern  entboten,  gleich  den  Kirchenfürsten
  von  Salzburg,  Regensburg,  Freising,  Eichstätt,  Augsburg,  Passau
und  Brixen,  welche  diesem  Rufe  bis  1244  Folge  leisten,  ein  Zeichen,  daß
die  völlige  politische  Unabhängigkeit  von  der  herzoglichen  Gewalt  erst  jetzt
errungen  wurde.

9.  Der  Sturz  Tassilos.
Von  M.  Doeberl"!).

Um  die  Wende  des  5.  und  6.  Jahrhunderts  begegnen  uns  die  Bayern  in
ihren  neuen  Wohnsitzen  südlich  der  Donau.  Ihr  Gebiet  erstreckte  sich  damals
zwischen  Lech  und  Enns,  Alpen  und  Donau.  Bald  nach  ihrer  Einwanderung  erscheinen
  sie  in  politischer  Abhängigkeit  vom  merowingischen  Frankenreich.  Wann
und  wie  diese  Abhängigkeit  begann,  erzählt  keine  Quelle;  sicher  aber  ist,  daß
schon  der  Frankenkönig  Theudebert  (534—48)  eine  Art  Oberherrschaft  über  sie
ausübte

Der  bayerische  Stammesstaat  erscheint  seit  seinem  Auftreten  in  der
Geschichte  unter  Herzogen  aus  dem  Hause  der  Agilolfinger.  Die  geschichtlich
  sicher  beglaubigten  Herzoge  aus  diesem  Geschlechte  sind:  in  der  zweiten
Hälfte  des  6.  Jahrhunderts  Garibald  I.  und  Tassilo  l.;  in  der  ersten  Hälfte  des
7.  Jahrhunderts  Garibald  II.;  um  das  Jahr  700  Herzog  Theodo  mit  seinen
Söhnen  Theobald,  Theodebert  und  Grimoald  und  (dem  Sohne  oder  Enkel)
Tassilo  II.;  in  der  ersten  Hälfte  des  8.  Jahrhunderts  Hugibert  und  Oatilo,
endlich  von  748—88  Tassilo  III.

1)  Bgl.  „Entwicklungsgeschichte  Bayerns“  I.  S.  67  ff.  München  1906.  Oldenbourg.
Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  3
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        34  9.  Der  Sturz  Tassilos.

Der  letzte  Agilolfinger,  Tassilo  III.,  verließ  auf  dem  vierten  Feldzuge  gegen
den  Herzog  Waifar  von  Aquitanien  das  Heer  des  Frankenkönigs  Pippin  und  regierte
seitdem  wie  ein  völlig  selbständiger  Fürst.  Aber  unter  dem  Sohne  Pippins,  Karl
dem  Großen,  brach  die  Katastrophe  über  ihn  herein:  er  und  sein  Haus  wurden
entsetzt,  Bayern  wurde  eine  fränkische  Provinz.

„Die  Katastrophe  Tassilos  ist  keine  Tragödie.  Nie  ist  eine  Empörung  so
töricht  und  knabenhaft  geplant  und  ins  Werk  gesetzt  worden  als  die  seine;  er
verstand  nicht  den  rechten  Augenblick  zu  ergreifen,  in  dem  sein  Abfall  Aussicht
auf  Erfolg  gehabt  hätte;  er  verstand  ebensowenig  im  ungünstigen  Augenblick
den  Erfolg  zu  erzwingen,  indem  er  alles  aufs  Spiel  setzte.  Wo  er  hätte
handeln  sollen,  zögerte  er  und  als  seine  Sache  bereits  verloren  war,  handelte
er.“  „Das  schlimmste  Urteil  über  ihn  ist  seine  Begnadigung;  denn  sie  beweist,
daß  ihn  Karl  aufs  äußerste  gering  schätzte.“

So  lautet  das  strengste  Verdikt,  das  über  Tassilo  III.  und  seine  Regierung
gefällt  worden  ist.  Sehen  wir  zu,  ob  das  Urteil  über  die  Schuld  Tassilos
an  seinem  Verhängnis  ein  gerechtes  ist.  Die  oberste  Pflicht  des  Geschichtschreibers
  ist  nicht  anzuklagen,  sondern  zu  verstehen.

Seit  dem  Jahre  763  war  der  Bayernherzog  Tassilo  tatsächlich  unabhängig.
  Aber  diese  Unabhängigkeit  war  auf  keiner  festen  Grundlage  aufgebaut.
Bayern  war  zu  klein,  um  aus  eigenen  Mitteln  innerhalb  des  europäischen
Staatensystems  seine  Selbständigkeit  aufrechtzuerhalten,  namentlich  einer  zugreisenden
  Nachbarmacht  gegenüber  —  wenn  man  den  Franken  zum  Nachbarn,
aber  nicht  zum  Freunde  hatte.  Tassilo  dankte  nur  einer  besonders  günstigen
Konstellation  der  auswärtigen  Verhältnisse  die  lange  Aufrechterhaltung  seiner
Unabhängigkeit.

Der  Aufstand  Aquitaniens  gegen  das  Frankenreich,  der  Zwist  im  karolingischen
  Königshause  zwischen  den  Brüdern  Karl  (dem  Großen)  und  Karlmann,
der  Rückhalt  an  dem  Papste  und  dem  verwandten  Langobardenkönige  waren,
ich  möchte  sagen,  die  Lebensbedingungen  der  bayerischen  Selbständigkeit.

Den  Traditionen  des  karolingischen  Hauses  entsprach  aber  das  Verhältnis
Bayerns  zum  Frankenreiche  keineswegs.  Die  Karolinger  arbeiteten  von  Anfang
an,  seit  Pippin  dem  Mittleren  und  Karl  Martell,  bewußt  auf  das  Ziel  hin,
die  westgermanischen  Stämme,  die  von  Chlodwig  und  dessen  Söhnen  in  die
Unterordnung  unter  das  Frankenreich  gebracht  worden  waren,  in  das  alte,
wenn  möglich  in  ein  noch  strafferes  Abhängigkeitsverhältnis  zurückzuführen.
Karl  der  Große  ist  den  alten  Traditionen  seines  Hauses  nicht  bloß  tren  geblieben,
  in  ihm  hat  —  modern  ausgedrückt  —  der  karolingische  Imperialismus
seinen  festesten  und  folgerichtigsten  Vertreter  gefunden.  Es  ist  zu  erwarten,
daß  er  zu  diesen  Traditionen  auch  Bayern  gegenüber  zurückkehren  werde  von
dem  Augenblicke  an,  da  er  sich  der  Fesseln  entledigt,  die  ihm  Tassilo  gegenüber
  die  Hände  gebunden  haben.  Hat  doch  Karl  der  Große  später,  nach  der
Einverleibung  Bayerns  ins  Frankenreich,  ausdrücklich  erklärt,  er  habe  nur  zu-
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        9.  Der  Sturz  Tassilos.  35

rückgewonnen,  was  die  bösen  Menschen  Oatilo  und  Tassilo  dem  Reiche  der
Franken  zeitweise  entfremdet  hätten.

Bereits  ist  der  Widerstand  Aquitaniens  endgültig  gebrochen.  Karlmann
ist  gestorben  und  damit  in  der  Person  Karls  des  Großen  die  Einheit  des
fränkischen  Reiches  wieder  hergestellt.  Bereits  ist  auch  das  Langobardenreich
der  Frankenherrschaft  einverleibt  und  die  römische  Kurie  in  das  engste  Verhältnis
  zu  Karl  dem  Großen  getreten.  Selbst  der  Widerstand  der  bisher
freien  Sachsen  ist  so  weit  zurückgedämmt,  daß  man  an  die  Einteilung  des
Landes  in  Missionsbezirke  wie  an  die  Einführung  der  fränkischen  Grasschaftsverfassung
  denken  kann.  Nunmehr  erachtet  Karl  den  Zeitpunkt  gekommen  um
an  die  Lösung  der  bayerischen  Frage  heranzutreten.  Damit  war  dem  bayerischen
  Herzogtum  das  Schicksal  gesprochen,  der  Herzog  konnte  es  durch  sein
Verhalten  wohl  beschleunigen,  aber  —  bei  der  größten  Befähigung  —  nicht
aufhalten.

Ostern  781  weilte  Karl  am  päpstlichen  Hofe.  Eben  hatte  er  dem  langobardischen
  Reiche  in  seinem  Sohne  Pippin  einen  König  gegeben  und  er  suchte
diese  Neuordnung  zu  sichern  gegen  Angriffe  im  Norden  wie  im  Süden.  Das
Ergebnis  der  in  Rom  zwischen  König  und  Papst  gepflogenen  Verhandlungen
war  die  Abordnung  einer  gemeinsamen  Gesandtschaft  an  Tassilo,  um  den  Herzog
an  den  Eid  zu  erinnern,  den  er  Pippin,  dessen  Söhnen  und  den  Franken
im  Jahre  757  zu  Compiêgne  geschworen  habe.

Völlig  isoliert,  jedes  Rückhalts  beraubt,  kann  Tassilo  gegenüber  dem
päpstlich-fränkischen  Bündnis  an  einen  bewaffneten  Widerstand  nicht  denken;
hatte  er  ja  wenige  Jahre  vorher  den  stärkeren  Langobarden  dieser  Koalition
erliegen  sehen.  Wohl  aber  fordert  der  Herzog,  dem  schon  damals  das
Schicksal  seines  langobardischen  Schwiegervaters  vorschweben  mochte,  Geiseln
für  seine  persönliche  Sicherheit.  Er  erscheint  dann  auf  einer  Reichsversammlung
zu  Worms,  erneuert  hier  den  Vasalleneid  und  stellt  zwölf  auserlesene
Geiseln  als  Unterpfand  dafür,  „daß  er  alles  halte,  was  er  dem  König  Pippin
eidlich  gelobt,  in  Sachen  des  Königs  Karl  und  seiner  Getreuen“.  Mit  den
„Getreuen“  des  Frankenkönigs  sind  die  königlichen  Vasallen  in  Bayern
gemeint,  die  eine  dem  Herzogtum  gefährliche  Zwitterstellung  einnahmen;  trotz
der  Selbständigkeit  Tassilos  hatten  noch  778  königliche  Vasallen  aus  Bayern
am  fränkischen  Feldzug  teilgenommen.

In  Bayern  herrschte  nach  dem  Tage  von  Worms  Stille;  es  war  die
Stille  vor  dem  Gewitter.  Einzelne  Vorgänge  zeugten  von  der  zunehmenden
Spannung.  785  kam  es  im  Süden,  bei  Bozen,  zu  einem  blutigen  Zusammenstoß
  zwischen  Bayern  und  Franken.  Es  findet  sich  kein  Beleg,  daß  den
Herzog  eine  Schuld  traf;  es  hat  eher  den  Anschein,  daß  der  Befehlshaber
der  Franken,  Hrodbert,  den  Kampf  auf  eigene  Faust  unternahm.  Ebenso
wenig  findet  sich  ein  Beleg,  daß  der  Herzog  der  Auflehnung  seines  Schwagers
Arichs  von  Benevent  gegen  den  Frankenkönig  näherstand;  jedenfalls  hat  er

3*
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        36  9.  Der  Sturz  Tassilos.

ihm  gegen  Karl  keine  Hilfe  geschickt.  Sicher  beglaubigt  aber  sind  die  Reibereien
  zwischen  dem  herzoglichen  Hose  und  den  fränkisch  gesinnten  Mitgliedern
des  höheren  Klerus,  namentlich  dem  Bischof  Arbeo  von  Freising.

Sein  Nachfolger  auf  dem  bischöflichen  Stuhl  von  Freising  hat  später
nach  der  Katastrophe  von  788  den  Schleier  etwas  gelüftet:  „Tassilo  und
seine  Gemahlin  Liutbirga  hätten  der  Freisinger  Kirche  viele  Gotteshäuser
entzogen  aus  Unwillen  über  den  Bischof  Arbeo,  den  sie  beschuldigten,  daß  er
dem  König  Karl  und  den  Franken  treuer  sei  als  ihnen.“  Der  Grund  lag
tiefer.  Als  Ausfluß  des  germanischen  Begriffes  vom  Eigentum  an  Grund
und  Boden  hatte  sich  in  Bayern  das  Eigenkirchensystem,  das  Eigentum  des
Grundherrn  an  den  von  ihm  gegründeten  Kirchen,  herausgebildet  und  im
Zusammenhang  damit  das  Recht  den  Vorstand  der  Kirche  zu  bestellen.  Bischof
Arbeo  von  Freising  suchte  dieses  Eigenkirchensystem  zu  zerstören  und  der  alten
kirchenrechtlichen  Anschauung,  daß  die  Bischöfe  Eigentümer  des  gesamten
Kirchenvermögens  ihrer  Diözese  seien,  Geltung  zu  verschaffen.  Der  Bischof
zwang  die  Eigenkirchenpriester  die  Kirchen  an  die  Kathedralkirche  zu  übertragen.
Auch  die  Grundherren  selbst  wurden  veranlaßt  ihre  Eigenkirchen  an  die
Kathedralkirche  zu  schenken.  In  vielen  Fällen  wurde  das  Ziel  erreicht.
Schwieriger  war  der  Kampf  gegen  die  Klöster.  Die  Bischöfe  forderten
Ülbergabe  auch  der  klösterlichen  Eigenkirchen  in  das  bischöfliche  Eigentum.
Sie  forderten  von  den  Mönchen  namentlich  Herausgabe  der  öffentlichen
Kirchen  und  Einstellung  ihrer  Seelsorgetätigkeit.  Die  Bischöfe  suchten  und
fanden  in  dem  Streite  eine  Stütze  im  Frankenreich,  die  Klöster  suchten  und
fanden  einen  Rückhalt  an  der  heimischen  Dynastie.  Darüber  kam  es  bei  der
politischen  Spannung  zu  einem  schweren  Konflikt.  Die  bischöfliche  Partei
beschuldigte  den  Herzog,  namentlich  aber  die  Herzogin  Liutbirga  der  Feindseligkeit
  gegen  die  Bischöfe,  der  Begünstigung  der  Klöster.  Das  herzogliche
Haus  beschuldigte  den  Bischof  von  Freising  fränkischer  Gesinnung.

Es  kam  ebenso  zu  Reibereien  zwischen  dem  Herzog  und  den  ins  fränkische
Interesse  gezogenen,  dem  Herzog  zu  Aufsehern  gegebenen  königlichen  Vasallen
in  Bayern.  Das  ist  nicht  bloß  zu  schließen  aus  der  warmen  Fürsorge,  mit
der  Karl  deren  Interesse  gegen  das  Herzogtum  im  Jahre  781  vertrat,  sondern
auch  aus  den  späteren  Ereignissen  des  Jahres  788.  Vermutlich  strebten  diese
Vasallen  eine  Stellung  außer  oder  über  der  bayerischen  Stammesverfassung
an  und  wurden  in  diesem  Bestreben  von  den  Franken  ermuntert,  die  sichtlich
ihre  Aufgabe  nicht  in  einer  Versöhnung,  sondern  in  einer  Verschärfung  der
Gegensätze  erblickten.

Zugleich  scheint  die  Forderung  unbedingter  Heeresfolge  auf  den  Widerstand
  des  Herzogs  gestoßen  zu  sein,  dessen  Interessen  wie  früher  so  auch
damals  auf  dem  avarisch-slavischen  Kriegsschauplatze  im  Südosten  lagen.
Unter  diesen  Verhältnissen  ist  es  begreiflich,  daß  sich  Tassilo  zu  Außerungen
hinreißen  ließ:  selbst  wenn  er  zehn  Söhne  hätte,  würde  er  sie  lieber  opfern
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        9.  Der  Sturz  Tassilos.  37

als  die  beschworenen  Verträge  fortbestehen  lassen,  lieber  sterben  als  ein  solches
Leben  führen.

Doch  in  seiner  Bedrängnis,  unmittelbar  vor  der  hereinbrechenden  Katastrophe
  ruft  der  Herzog  durch  eine  Gesandtschaft  noch  einmal  die  pöäpstliche
Vermittelung  an.  Der  Augenblick  schien  günstig  gewählt;  eben  damals  (787)
weilte  Karl  auf  der  Rückkehr  vom  Feldzug  gegen  Benevent  neuerdings  in
Rom.  Wirklich  schien  der  Papst  anfänglich  entgegenzukommen.  Doch  Karl
hintertrieb  das  päpstliche  Friedenswerk.  In  Anwesenheit  des  Papstes  verlangte
er  von  den  Gesandten  Ubernahme  gewisser  Verpflichtungen.  Die  Erklärung
der  Gesandten,  eine  solche  Bindung  ginge  über  die  ihnen  erteilte  Vollmacht
hinaus,  gab  dem  Frankenkönig  Gelegenheit  den  Bayernherzog  als  Störenfried
hinzustellen.  Nunmehr  erklärte  sich  der  Papst  entschieden  für  das  Recht  des
Frankenkönigs,  ließ  den  Herzog  Tassilo  ermahnen  dem  König  Karl  und  dem
Volke  der  Franken  in  allem  gehorsam  zu  sein,  damit  es  zu  keinem  Blutvergießen
  und  zu  keiner  Verletzung  seines  Landes  komme,  bedrohte  den  Herzog.
mit  dem  Banne,  wenn  er  die  Pippin  und  Karl  geschworenen  Eide  nicht  halte,
und  machte  ihn  verantwortlich  für  all  das  Unglück,  das  er  damit  über  Bayern
bringe;  Karl  aber  und  seine  Franken  sollten  in  ihrem  Gewissen  von  jeder
Schuld  frei  sein.

Nach  der  Rückkehr  ins  Frankenreich  ordnete  Karl  eine  Gesandtschaft  an
Tassilo  ab  mit  der  Aufforderung  dem  Befehl  des  Papstes  und  seiner  beschworenen
  Pflicht  nachzukommen  und  sich  vor  dem  König  zu  stellen.  Tassilo,
der  dem  König  nicht  mehr  traute,  weigerte  sich  vor  demselben  zu  erscheinen.
Als  aber  Karl  von  drei  Seiten  her,  von  Süden,  Westen  und  Norden,  den
fränkischen  Heerbann  gegen  Bayern  aufmarschieren  ließ,  als  nicht  bloß  der
fränkisch  gesinnte  Teil  des  Klerus  und  die  fränkisch  gesinnten  königlichen
Lehensleute  gegen  den  Herzog  Partei  ergriffen,  als  die  Drohung  mit  dem
päpstlichen  Bann  auch  unter  der  übrigen  Bevölkerung  zu  wirken  begann,
suchte  der  Herzog  noch  einmal  sein  Heil  in  einer  vollständigen  Unterwerfung
  unter  den  Frankenkönig.  Am  3.  Oktober  787  stellte  er  sich  im  Lager
Karls  auf  dem  Lechfelde.  Er  mußte  sich  in  allem  schuldig  bekennen  und  sein
Herzogtum  als  verwirkt  dem  Frankenkönig  symbolisch  (unter  Überreichung
eines  Stabes)  auflassen.  Als  Lehen  erhielt  er  es  nach  Erneuerung  der  früheren
Eide  zurück.  Fortan  ist  nicht  bloß  der  Herzog  Vasall,  auch  sein  Herzogtum
ist  ein  Lehen  des  Frankenkönigs.  Bereits  tritt  Karl  in  unmittelbare  Verbindung
  mit  den  Untertanen  des  Herzogs;  das  gesamte  Volk  der  bayerischen
Lande  muß  dem  Frankenkönig  den  Treueid  leisten.  Zugleich  wurde  dem
Herzog  die  Stellung  weiterer  zwölf  Geiseln  auferlegt,  darunter  des  eigenen
Sohnes,  den  er  bereits  zum  Mitregenten  angenommen  hatte.  Das  war  im
Oktober  des  Jahres  787.

Im  Sommer  des  folgenden  Jahres  fand  ein  Reichstag  zu  Ingelheim
statt.  Wie  die  anderen  königlichen  Vasallen  findet  sich  auch  der  Bayernherzog
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        38  9.  Der  Sturz  Tassilos.

ein.  In  offener  Versammlung  wird  er  entwaffnet  und  festgenommen.  Königsboten
  eilen  nach  Bayern  und  schleppen  die  Gattin,  die  Söhne,  die  Töchter,
das  zahlreiche  Gesinde  samt  dem  herzoglichen  Schatze  nach  Ingelheim.  Der
Herzog,  so  lautete  die  Anklage,  habe  mit  den  Avaren  verräterische  Verbindungen
  angeknüpft,  er  habe  des  Königs  Vasallen  zu  verderben  gesucht,  er
habe  seine  Untertanen  ermahnt  dem  Frankenkönig  den  Treueid  nur  mit  einem
hinterlistigen  Vorbehalt  zu  schwören,  er  habe  hochverräterische  Reden  geführt.
Als  Ankläger  bezeichnet  der  offizielle  Berichterstatter  „dem  König  getreue
Bajuwaren“.  Es  sind  zweifellos  die  ins  fränkische  Interesse  gezogenen  königlichen
  Vasallen  in  Bayern;  die  Anklage  stammt  also  aus  dem  Munde  der
seit  Jahren  erbitterten  Gegner  des  Herzogs.  Anklage  und  Verfahren  erregen
die  schwersten  Bedenken.  Nicht  der  Herzog  erscheint  als  der  Dränger,  der
durch  sein  Verhalten  die  Katastrophe  heraufbeschwört,  sondern  der  König,  der
den  Herzog  beseitigen  will;  die  königlichen  Vasallen  in  Bayern  sind  die
Werkzeuge  in  fränkischen  Diensten.  Der  Eindruck  der  Mache  wird  noch  erhöht
durch  das  Urteil  selbst.  Um  verurteilen  zu  können,  greist  man  zurück  auf
das  Vergehen  Tassilos  gegen  König  Pippin,  erinnert  man  sich  noch  zu  guter
Stunde,  daß  sich  Tassilo  vor  25  ())  Jahren  gegen  Pippin  der  Harisliz
(Desertion)  schuldig  gemacht  habe.  Und  auf  Grund  dieser  längst  verjährten
und  vergessenen  Schuld  wird  er  wegen  Hochverrats  zum  Tode  verurteilt.
Doch  die  „Gnade“  des  Frankenkönigs  verwandelt  die  Todesstrafe  in  lebenslängliche
  Einschließung  in  ein  Kloster.  Mit  Mühe  ringt  der  unglückliche
Herzog  dem  Frankenkönig  die  weitere  Gnade  ab,  daß  er  nicht  schon  in  Ingelheim
  vor  versammeltem  Hof,  sondern  erst  in  St.  Goar  am  Rhein  zum
Mönche  geschoren  wird,  um  dann  im  Kloster  Jumieges  (an  der  Mündung  der
Seine),  später  im  Kloster  Lorsch  (bei  Worms)  interniert  zu  werden.  Das
gleiche  Schicksal  traf  die  Familie  des  Herzogs.  Die  Söhne  wurden  geschoren,
Gemahlin  und  Töchter  gezwungen  den  Schleier  zu  nehmen;  getrennt  voneinander
  endeten  sie  hinter  der  Klostermauer.  Die  Bayern  aber  —  nach
offiziellem  Berichte  seien  es  wenige  gewesen  —  die  sich  nicht  ruhig  in  die
neue  Ordnung  fügen  konnten,  wurden  „ins  Elend  geschickt“.

Bayern  scheint  aber  trotzdem  nicht  sobald  zur  Ruhe  gekommen  zu  sein.
Die  Regensburger  Verschwörung  von  792  scheint  unter  ihren  Mitgliedern  auch
altergebene  Anhänger  des  agilolfingischen  Hauses  gezählt  zu  haben.  So  wird
denn,  um  die  Gemüter  zu  beruhigen  und  dem  Verfahren  von  788  den  Schein
der  Gerechtigkeit  zu  geben,  Tassilo  noch  einmal  aus  der  Enge  der  Klosterzelle
hervorgeholt  und  muß  auf  einer  der  glänzendsten  Versammlungen,  die  unter
Karl  dem  Großen  gehalten  wurden,  auf  der  Reichsversammlung  zu  Frankfurt
  794,  um  Verzeihung  bitten  für  all  das,  was  er  unter  Pippin  und  Karl
gegen  den  König  und  das  Volk  der  Franken  verbrochen,  und  erklären,  daß  er
allen  Groll  wegen  des  Geschehenen  aufgebe,  endlich  für  sich  und  seine  Kinder
allen  Ansprüchen  auf  das  Herzogtum  endgültig  entsagen.  Drei  Exemplare
        <pb n="51" />
        9.  Der  Sturz  Tassilos.  39

wurden  von  der  Abdikationsurkunde  ausgefertigt,  eines  für  den  König,  eines
für  das  Kloster  des  Herzogs,  eines  wird  in  der  Kapelle  des  Palastes,  im
Reichsarchiv,  hinterlegt.  Noch  empfiehlt  der  unglückliche  Herzog  seine  Kinder
der  Gnade  des  Siegers,  seitdem  ist  er  und  seine  ganze  Familie  für  uns  verschollen;
  wir  kennen  nur  seinen  Sterbetag  (11.  Dezember),  nicht  sein  Todesjahr,
nicht  einmal  mit  Bestimmtheit  den  Sterbeort.

Bayern  hat  keinen  Geschichtschreiber  gefunden  wie  Paulus  Diaconus,
der  den  Griffel  aus  der  Hand  legte,  als  er  den  Untergang  des  langobardischen
Königshauses  schildern  sollte.  In  Bayern  haben  sich  sogar  die  eigenen  Großen
an  der  Vernichtung  des  agilolfingischen  Herzogs  beteiligt.  Doch  vergessen
wurde  der  letzte  Agilolfinger  nicht.  Das  Andenken  lebte  fort  in  den  Klöstern
und  im  Volke.  Dort  beging  man  jährlich  den  Sterbetag  des  freigebigen
Stifters,  hier  ließ  man  den  letzten  Agilolfinger  in  blutiger  Feldschlacht  erliegen.
Auf  Befehl  des  Siegers  wird  er  nach  der  Sage  geblendet,  auf  Bitten  der
Fürsten  aber  begnadigt  und  ihm  die  Freiheit  zurückgegeben.  Unerkannt  kommt
er  nach  dem  Kloster  Lorsch.  Hier  sieht  der  Frankenkönig  während  einer  nächtlichen
  Andacht  in  der  Kirche,  wie  der  unbekannte  Blinde  von  der  Hand  eines
Engels  von  Altar  zu  Altar  geleitet  wird.  Erst  im  Todesfieber  enthüllt  Tassilo
seine  Herkunft.

Tassilo  verdient  nicht  weniger  unsere  Achtung  als  der  Sachse  Widukind.
Der  Unbestand,  den  er  vielleicht  zuletzt  zeigte,  ist  nicht  einem  schwankenden
Charakter  zuzuschreiben,  sondern  einer  unseligen  Verkettung  der  Verhältnisse.
Die  Verurteilung,  die  Tassilo  in  der  Geschichte  erfahren,  geht  auf  den  Bericht
der  annales  Laurissenses  maiores  zurück  und  doch  ergibt  eine  Prüfung  der
Annalen,  daß  sie  von  Anfang  bis  zu  Ende  die  Tendenz  verfolgen  die  Handlungsweise
  des  Frankenkönigs  zu  rechtfertigen.  Je  mehr  Worte  der  fränkische  Berichterstatter
  macht,  desto  mehr  verrät  sich  das  böse  Gewissen,  die  Schwäche
der  zu  verteidigenden  Sache;  der  Bericht  macht  den  Eindruck  einer  bestellten
Arbeit.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  ist  auch  das  angebliche  Geständnis  Tassilos
zu  würdigen.  Der  Bayernherzog  wird  nicht  frei  von  Schuld  gewesen  sein;
aber  der  letzte  Grund  seines  Verhängnisses  lag  nicht  in  seiner  Schuld,  sondern
in  dem  Bestand  des  bayerischen  Herzogtums.  In  seinem  Schicksal  liegt
eine  Tragödie.

Tassilo  ist  nicht  dem  Mangel  an  Herrscherbefähigung  erlegen  —  die  innere
Verwaltung  Bayerns  beweist  das  Gegenteil  —  vielmehr  den  Mitteln  eines
überlegenen  Weltreiches,  dem  Willen  einer  alle  Zeitgenossen  überragenden  und
erdrückenden  Persönlichkeit.

„Tassilo  wurde  später  vor  den  König  geladen  und  ihm  nicht  erlaubt
zurückzukehren.“  Das  sind  die  einzigen  Worte,  mit  denen  Einhard  der  für
Bayern  wie  für  das  Frankenreich  so  folgenschweren  Ereignisse  des  Jahres  788
gedenkt.  Dieses  Schweigen  ist  nicht  minder  vielsagend  wie  die  Beredsamkeit
der  Annalen.
        <pb n="52" />
        40  10.  Kolonisierende  und  germanisierende  Tätigkeit  des  bayerischen  Stammes.

Karls  Regierung  ist  reich  an  Gewalttaten.  Wie  sehr  man  seinen  schöpferischen
  Geist,  seine  Willenskraft,  seinen  Unternehmungssinn  bewundern  mag,  in
einzelnen  seiner  politischen  Maßregeln  verrät  er  noch  die  Spuren  altgermanischer
Barbarei.  „Verschwunden  hinter  der  Klostermauer“"  kehrt  fast  wie  ein  regelmäßiger
  Refrain  in  der  Geschichte  Karls  des  Großen  wieder.

10.  Kolonisierende  und  germanisierende  Tätigkeit
des  bayerischen  Stammes,  insbesondere  auf  dem  Nordgau.
Von  M.  Doeberl.

Wie  das  Leben  des  einzelnen  erst  dann  einen  höheren  Wert  erlangt,
wenn  er  heraustritt  aus  dem  engen  und  beengenden  Kreise  jener  Tätigkeit.
die  lediglich  seiner  Selbsterhaltung  gewidmet  ist,  und  sich  in  den  Dienst  einer
größeren  Gemeinschaft,  in  den  Dienst  einer  höheren  sittlichen  Aufgabe  stellt,
so  ist  es  auch  mit  dem  Leben  eines  Volkes.  Eine  höhere  Mission  erfüllt
ein  Volk,  wenn  es  entweder  produktiv  weiterarbeitet  an  der  kulturellen  Entwicklung
  der  Menschheit,  oder  wenn  es  seine  Nationalität  und  die  überkommene
  Gesittung  schützt  gegen  den  Ansturm  barbarischer  Völker,  noch  mehr,
wenn  es  ihm  gelingt  diese  Kultur  und  diese  Nationalität  hinauszutragen  in
barbarische  oder  halbbarbarische  Nachbarländer  und  zugleich  Raum  zu  gewinnen
  für  nachkommende  Generationen.  Eine  Kulturaufgabe  nach  beiden
letztgenannten  Richtungen  hin  ist  vornehmlich  zwei  deutschen  Stämmen  zugefallen,
  die  an  der  Ostmark  des  Reiches  saßen  und  so  manche  Charaktereigenschaft
miteinander  teilten,  dem  sächsischen  und  dem  bayerischen,  jenem  im  Nordosten,
diesem  im  Südosten.  Man  hat  mit  Recht  diese  Kolonisation  des
Ostens  die  größte  Tat  des  deutschen  Volkes  genannt;  mehr  als
die  Hälfte  des  heute  von  Deutschen  bewohnten  Gebietes  ist  so  gewonnen
worden,  die  Wiege  unserer  beiden  deutschen  Großmächte  stand  nicht  innerhalb
der  alten  Gebiete  des  Reiches,  sondern  auf  einem  Felde,  das  erst  bayerische
und  sächsische  Kulturarbeit  erschlossen.

Der  Sieg  des  Deutschtums  auf  dem  ungeheuren  Gebiete  von  der  Elbe
bis  zum  Peipussee  in  Rußland,  auf  der  noch  heute  sogenannten  „wendischen
Ebene“,  ist  das  Werk  der  nordöstlichen  Kolonisation.  Aber  diese  Ausbreitung  des
Deutschtums  erfolgte  erst  im  12.  und  13.  Jahrhundert.  Damals,  als  im
Nordosten  der  deutsche  Ritter  und  der  deutsche  Bauer,  wie  der  deutsche  Mönch
über  die  Elbe  drangen,  klangen  bereits  vom  bayerischen  Kolonisationsgebiete,
vom  Hofe  der  Babenberger  Markgrafen,  in  die  deutschen  Lande  herüber  die
Lieder  und  Weisen  eines  Ritters  von  Kürenberg,  eines  Reinmar  des  Alten,
eines  Walter  von  der  Vogelweide.  Der  bayerische  Stamm  ist  eben  am  frühesten

1)  Vgl.  Beilage  der  Allgem.  Zeitung,  München  1904,  Nr.  141  und  142,  und
M.  Doeberl  „Entwicklungsgeschichte  Bayerns“  I.  S.  123,  132  ff.
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        10.  Kolonisierende  und  germanisierende  Tätigkeit  des  bayerischen  Stammes.  41

vor  die  Lösung  seiner  Kulturarbeit  gestellt  worden,  schon  im  8.  Jahrhundert,
als  die  Sachsen  ihre  heidnischen  Götter  noch  gegen  fränkisches  Christentum
verteidigten.

Diese  Kulturarbeit  des  bayerischen  Stammes  erstreckte  sich  über  ein
weites,  wechselreiches  Gebiet:  im  Norden  bis  zu  den  dunkelbewaldeten  Granitmassen
  des  Fichtelgebirges,  im  Osten  zu  den  weichen  Wassern  des  Plattensees,
im  Süden,  vorbei  an  hochragenden  Firnen  und  tiefgründigen  Schluchten,  einerseits
  zu  den  Steinwüsten  des  Karst,  anderseits  zu  den  Pforten  des  Landes,
„wo  die  Zitrone  blüht  und  das  blaue  Gewässer  dämmert  unter  der  Sonne
Homers“.  Das  Arbeitsfeld  liegt  vornehmlich  in  den  heutigen  deutsch-österreichischen
  Ostalpenländern  oder  Innerösterreich,  in  den  Landen  an  der
mittleren  Donau  oder  Niederösterreich,  in  den  Landen  nördlich  der
oberen  Donau  entlang  dem  Böhmerwalde,  auf  dem  sogenannten  Nordgau.
Das  Ergebnis  dieser  mehrhundertjährigen  Tätigkeit  war  die  vorherrschende  Geltung
des  Deutschtums  in  Steiermark,  Kärnten  und  Krain,  die  ausschließliche  Herrschaft
  des  Deutschtums  in  Niederösterreich,  in  der  heutigen  Oberpfalz,  in
Teilen  von  Mittel=  und  Oberfranken  und  im  Egerlande.  Die  bayerische  Kolonisation
  griff  aber  auch  über  die  politischen  Grenzen  deutscher  Herrschaft
hinaus  und  gewann  ausgedehnte  Gebiete  im  nordöstlichen  Italien,  im  westlichen
  Ungarn,  im  südlichen  Mähren,  im  südlichen  und  westlichen  Böhmen.

Die  zukunftsreichsten  Markenländer,  Niederösterreich  und  Innerösterreich,
sind  dem  bayerischen  Staate  verloren  gegangen.  Der  Nordgau  ist  zum
größeren  Teile  bei  Bayern  verblieben.  Hier,  auf  dem  Nordgau,  begann  die
Kolonisation  schon  in  der  Zeit  der  letzten  Agilolfinger:  in  der  Gegend  von
Cham  hatten  die  Mönche  von  St.  Emmeram  schon  im  8.  Jahrhundert  großen
Besitz,  schon  damals  erstand  hier  die  „cella  apud  Chambe“  (Chammünster).  Indes
systematisch  wurde  die  Kolonisation  erst  betrieben  seit  der  markgräflichen  Organisierung
  des  Landes  durch  Karl  den  Großen.

Bei  ihrer  Einwanderung  hatten  die  Bayern  von  dem  nördlich  der  Donan
gelegenen  Lande  nur  ein  südwestliches  Stück  in  Besitz  genommen.  Noch  bedeckte
weitaus  den  größeren  Teil  des  späteren  Nordgaus  Urwald,  vom  Bayerischen
Wald  im  Südosten  bis  zur  Pegnitz  im  Nordwesten,  vom  Fichtelgebirge  im
Norden  bis  tief  herab  ins  Nabtal.  Es  genügt  hinzuweisen  auf  die  zahlreichen
späteren  Ortsnamen  auf  reut,  schwand,  brand,  hau,  gefell,  loh,  wald,  sowie
auf  die  Ausdehnung,  welche  die  Urkunden  dem  Nordwald  geben,  und  auf  die
örtliche  Lage  einzelner  Rodklöster.

Innerhalb  dieses  Waldlandes  saßen  zerstreut  Slaven,  sowohl  Sorbenwenden,
  die  von  Norden  und  Westen  her  vordrangen,  als  auch  Tschechen,  die
von  Osten  her  einwanderten,  ganz  besonders  in  den  Flußtälern  der  Eger,
Wondreb  und  Nab.
        <pb n="54" />
        42  10.  Kolonisierende  und  germanisierende  Tätigkeit  des  bayerischen  Stammes.

Von  Norden  her  waren  die  Slaven  bis  in  die  Gegend  von  Eichstätt  einerseits,
  von  Premberg  (B.-A.  Burglengenfeld)  anderseits  vorgedrungen.  Von
Osten  her  hatten  sie  zum  mindesten  den  mittleren  Regen  erreicht;  noch  in  der
Karolingerzeit  begegnen  Slaven  in  der  Gegend  von  Pösing  bei  Cham.

Hier  nun  setzt  die  bayerische  Kolonisation  ein  und  dringt  Schritt  für
Schritt  nach  dem  Norden  vor,  indem  man  teils  die  slavischen  Siedelungen
besetzt  teils  auf  neugerodetem  Boden  deutsche  Kolonistendörfer  anlegt.  Noch
in  dem  Kapitulare  von  805  erscheint  das  uralte  Premberg  als  Grenzpunkt
deutschen  Lebens.  Gerade  ein  Jahrhundert  später,  905,  ist  man  über
Nabburg  hinaus  bis  an  die  Luhe  vorgerückt;  ein  Vasall  des  Markgrafen
Luitpold  erhält  hier  eine  Hufe,  die  vordem  ein  Slave  besessen.  Um  die
Wende  des  10.  und  11.  Jahrhunderts  erreicht  man  die  Waldnaab,  einen
der  Quellflüsse  der  Nab;  hier,  in  der  Gegend  von  Falkenberg,  Altneuhaus
und  Schwarzenschwal,  scheint  die  deutsche  Vorwärtsbewegung  einige  Zeit  halt
gemacht  zu  haben.  Aber  noch  in  der  ersten  Hälfte  des  11.  Jahrhunderts  gewinnt
  man  dem  Urwalde  und  der  slavischen  Rasse  eines  der  schönsten  deutschen
Länder  ab,  das  zwischen  dem  Böhmerwalde,  Fichtelgebirge  und  Erzgebirge  sich
hinziehende  Egerland;  bereits  in  einer  Königsurkunde  von  1061  erhalten  wir
Kunde  nicht  bloß  von  der  Existenz  der  Stadt  Eger  sondern  auch  von  der
Reichsstraße,  die  Eger  mit  Nürnberg  verbindet.  Am  Schlusse  des  11.,  am
Anfange  des  12.  Jahrhunderts  ist  man  bis  zur  Grenze  des  Schönbacher
Ländchens  (im  heutigen  Vogtland),  bis  zum  Fleissenbache  vorgerückt.  Ja  bereits
  greift  die  Kolonisation  nach  dem  sogenannten  Regnitzlande  bei
Hof  über.

Es  war  ein  gewaltiges  Resultat  bajuwarischer  Kulturarbeit;  von  Premberg
bis  zur  Waldsteinkette  und  bis  in  das  Vogtland  bei  Aadorf  hinein  erinnern
heutzutage  nur  mehr  slavische  Orts=  und  Flußnamen  daran,  daß  hier  ehemals
Slaven  gesessen.  Diese  nationale  Verschiebung  vollzog  sich  teils  durch  deutsche
Einwanderung  teils  durch  Entnationalisierung  der  Slaven,  nicht  aber  durch
Vernichtung  derselben.  Daß  in  dem  heutigen  Sprachgebiet  auch  nach  der
bajuwarischen  Einwanderung  eine  nicht  unbedeutende  flavische  Bevölkerung  zurückblieb,
  das  beweist  das  Auftreten  flavischer  Personennamen  in  den  Urkunden
noch  des  13.  und  14.  Jahrhunderts  und  die  Menge  der  slavischen  Ortsnamen
vorbajuwarischer  Entstehung.  Aber  die  Geschlossenheit  der  Ansiedelungen  hält
die  bajuwarische  Kraft  zusammen;  nicht  der  Bayer  wird  zuletzt  von  dem  Slaven
assimiliert,  sondern  der  Slave  von  dem  Bayern.

Auch  hier  geht  wie  in  Inner=  und  in  Niederösterreich  die  Kolonisation
vom  Großgrundbesitz  aus.  Bis  an  die  Wende  des  11.  und  12.  Jahrhunderts
  sind  die  Führer  vorwiegend  Laiengewalten:  die  Krone,  die  Markgrafen,
  namentlich  die  babenbergischen,  ferner  die  gräflichen  und  freiherrlichen
Geschlechter,  wie  die  Sulzbacher,  Leuchtenberger,  die  Herren  von  Velburg,  Altendorf
  und  Laber,  endlich  ganz  besonders  die  zahlreichen  Ministerialengeschlechter.
        <pb n="55" />
        11.  Kloster  Tegernsee.  43

Hat  sich  schon  bisher  auch  die  Kirche  an  dieser  Kulturarbeit  beteiligt,  die
bischöfliche  Kirche  von  Regensburg  mit  den  Mönchen  von  St.  Emmeram  in
der  Gegend  von  Cham,  die  bischöfliche  Kirche  von  Eichstätt  zwischen  Altmühl
und  Pegnitz,  die  bischöfliche  Kirche  von  Bamberg  seit  den  Schenkungen  Heinrichs
  des  Heiligen  zwischen  Pegnitz,  Regnitz  und  Vils:  so  bekommt  das  Kolonisationswerk
  von  geistlicher  Seite  her,  während  die  Laienkräfte  immer  mehr  auf
den  italienischen  Boden  abgezogen  werden,  neue  Impulse  durch  die  Klostergründungen
  der  ersten  Hälfte  des  12.  Jahrhunderts:  Enedorf,  Michelfeld,
Reichenbach,  Speinshart,  ganz  besonders  durch  die  Niederlassung  der  Zisterzienser
  zu  Waldsassen.  Gerade  die  Ordensvorschrift  fern  von  den  Wohnstätten
  weltlicher  Personen  ihren  Sitz  aufzuschlagen  ließ  sie  mit  Vorliebe  Sumpfund
  Waldgegenden  für  ihre  Siedelungen  wählen.  Solche  fanden  sie  vereinzelt  in
Innerdeutschland,  überreich  aber  waren  an  solchen  die  dünn  bevölkerten  slavischen
Lande.  Waldsassen  ist  für  den  Nordgau  dasselbe  geworden,  was  das  Zisterzienserkloster
  Marienzelle  für  Meißen,  Dobrilugk  für  die  Niederlausitz,  Lehnin  und  Zinna
für  die  Mark  Brandenburg,  Doberan  für  Mecklenburg,  Leubus  für  Schlesien  gewesen
  ist.  Waldsassen  bringt  nicht  bloß  neues  Leben  in  die  innere  Kolonisation,
  in  den  Ausbau  des  dem  Deutschtum  bereits  gewonnenen  Bodens,  es
greift  von  Anfang  an  über  die  von  der  deutschen  Kolonisation  hier  erreichte
Siedlungsgrenze  hinaus  und  gewinnt  ausgedehnte  flavische  Gebiete  dauernd
für  deutschen  Anbau  und  deutsche  Kultur:  im  nordöstlichen  Winkel  der  heutigen
Oberpfalz  das  Mähringer  Ländchen,  zwischen  Erzgebirge  und  Egertal  drei  umfangreiche
  Gebiete,  das  Schönbacher  Ländchen,  einen  Distrikt  um  Chodau  und
Ellenbogen,  endlich  einen  noch  größeren  zwischen  Erzgeb.rge,  Kaaden  und  Saaz;
das  hier  von  Waldsassener  Mönchen  angelegte  Neudorf  ist  der  erste  deutsche
Dorfname  in  Böhmen.  Hieran  stößt  das  Arbeitsfeld  des  in  einem  Ausbau
des  Erzgebirges  gegründeten  und  noch  heute  bestehenden  Waldsassener  Tochterklosters
  Ossegg,  das  seine  Besitzungen  bis  Leitmeritz  erstreckte.

So  hat  Waldsassen  mit  seiner  Ossegger  Kolonie  zwischen  den  Hängen
des  Erzgebirges  und  dem  Tal  der  Eger  ein  deutsches  Siedlungs=  und  Sprachgebiet
  geschaffen.

11.  Kloster  Tegernsee.
Von  Max  Fastlinger.“

Um  das  Jahr  500  n.  Chr.  sind  die  Bajuwaren  aus  Böhmen  in  das
heutige  Altbayern  eingewandert.  Sie  ließen  sich  zuerst  auf  dem  von  Kelten
und  Romanen  angebauten,  damals  bereits  verlassenen  Boden  nieder.  Weite
Gaue  des  Landes  aber,  jetzt  größtenteils  Eigentum  der  bayerischen  Herzoge  und
Adeligen,  lagen  noch  wüst  und  mit  Urwald  bedeckt  da.  Einmal  seßhaft  geworden
vermehrte  sich  die  bayerische  Bevölkerung  sehr  rasch.  Zu  ihrer  Ernährung  war
neues  Ackerland  nötig,  das  nun  aus  den  Sümpfen  und  Urwäldern  gewonnen
werden  mußte.
        <pb n="56" />
        44  11.  Kloster  Tegernsee.

Einer  so  schwierigen  und  umfangreichen  Kulturarbeit  jedoch  waren  die
einzelnen  Grundbesitzer  nicht  gewachsen.  Mit  Aussicht  auf  raschen  Erfolg  konnte
damals  nur  eine  im  Mönchtum  einheitlich  geordnete  und  zahlreiche  Arbeiterschaft
den  Anbau  ganzer  Länderstriche  wagen.  Die  Stiftung  eines  Klosters  kam  in  jencn
Zeiten  einer  wahren  Großtat  gleich;  denn  jedes  Kloster  bedeutete  für  seinen
weiten  Umkreis  einen  Brennpunkt  für  das  wirtschaftliche  wie  für  das  geistige
Leben.

Oatilo  und  Tassilo,  die  letzten  bayerischen  Herzoge  aus  dem  Geschlechte  der
Agilolfinger,  hatten  ihr  Land  mit  einem  Neb  von  Klöstern  überzogen.  Mit
ihnen  wetteiferten  die  Edlinge,  allen  voran  jene  aus  der  Sippe  der  Housi,  die
so  güterreich  waren,  daß  man  nach  ihnen  einen  eigenen  Gau,  den  Housigau,
benannte.  Die  Klöster  Altomünster,  Ilmmünster,  Schlehdorf  und  Benediktbeuern,
  im  Housigau  gelegen,  sind  Stiftungen  dieser  reichen  bayerischen  Adelssippe.
  Doch  auch  im  Sundergau,  im  Gebiete  der  Mangfall,  besaßen  die  Housi
nicht  wenige  Ländereien.  Und  gerade  hier  sollte  durch  ihren  praktischen,  religiösen
Sinn  ein  Kloster  erstehen,  das  an  äußerem  Glanz  und  geistigem  Streben  nicht
bloß  alle  anderen  Housiklöster  übertraf  sondern  sogar  manches  herzogliche  Kloster
gleich  von  Anfang  an  in  den  Schatten  stellte,  das  Kloster  Tegernsee.

Vor  fast  1200  Jahren  gehörten  der  Tegernsee  und  seine  weitere  Umgebung
zwei  Brüdern  aus  der  Housisippe,  namens  Adalbert  und  Otkar.  Der  Welt
entsagend  hatten  die  beiden  beschlossen  sich  selbst  samt  ihrem  Eigentum
Gott  zu  weihen.  Dicht  am  östlichen  Seeufer  erhoben  sich  ihrem  Willen
gemäß  bald  ein  Kloster  nach  der  Regel  des  hl.  Benediktus  und  eine  Kirche,
die  später  einen  kostbaren  Schatz,  den  aus  Rom  feierlich  übertragenen  Leib
des  hl.  Martyrers  Quirinus,  bergen  sollte.  Als  erstes  Weihtum  wurden
St.  Quirins  Mönchen  der  fischreiche  See,  die  Berge,  Wälder  und  Sümpfe
ringsum  und  der  benachbarte  fruchtbare  Warngau  überlassen;  ferner  erhielten
sie  Salzquellen  zu  Reichenhall  und  Weinberge  bei  Bozen.

Mit  dem  Weihtum  hatten  die  Tegernseer  die  übliche  Verpflichtung  übernommen
  Sümpfe  auszutrocknen  und  den  Urwald  zu  roden.  Am  Nordufer  des
Sees  breitete  sich  ein  weites  Moor  aus.  Da  konnte  man  alsbald  sehen,  wie  die
Mönche  das  Gestrüpp  ausbrannten,  Gräben  zogen  um  das  Wasser  abzuleiten,
die  Torfschollen  zerstießen  und  umlegten  und  wie  allmählich  unter  ihren  nie
rastenden  Händen  fette  Wiesen  und  Weiden  und  die  sogenannten  Riederhöfe,
dann  Kailsried  und  Georgenried,  Ortschaften  bei  Gmund  gelegen,  entstanden.
Der  nahe  „Finsterwald“,  der  schon  durch  den  Namen  seine  frühere  Wildnis
verrät,  erdröhnte  unter  den  Axthieben  der  Mönche.  Erschien  ihnen  das
Dickicht  allzu  groß,  dann  legten  sie  Feuer  an  und  der  Brand  mußte  die
Arbeit  der  Menschenhände  verrichten.  Dicke  Feuersäulen  loderten  zum  Himmel
empor,  um  dem  Sonnenlicht  den  Zugang  in  die  Waldesnacht  zu  bahnen  und
Platz  für  neue  Siedelungen  zu  schaffen.  Immer  lichter  wurde  es  im  „Finsterwald“.
  Aus  den  Lichtungen  aber  schauten  später  Acker  und  Wiesen,  Gärten
        <pb n="57" />
        11.  Kloster  Tegernsee.  45

und  Gehöfte  hervor,  die  an  Klosterhörige  gegen  Reichung  eines  jährlichen
am  St.  Quirinstag  fälligen  Zinses  verpachtet  wurden.  Einige  vordem  wilde
Bergbäche  flossen  jetzt  zahm  und  gehorsam  in  künstlich  hergestellten  Rinnsalen
und  waren  gezwungen  Mühlen  zu  treiben.  Durch  das  ganze  der  Kultur
neu  erschlossene  Land  zogen  sich  Straßen  und  Wege,  Brücken  und  Stege.
Von  den  Höhen  herunter  grüßte  da  und  dort  eine  Kirche  oder  Kapelle,  erbaut
  zur  Ehre  Gottes  und  jener  Heiligen,  unter  deren  Schutz  die  Mönche
ihre  Kulturarbeiten  gestellt  hatten.  Als  Schützer  solcher  Kulturarbeiten  aber
wurden  mit  Vorliebe  Heilige  gewählt,  denen  die  altchristliche  Kunst  das  Bild,
des  Drachen  beigegeben  hat,  wie  St.  Georg,  St.  Michael  oder  St.  Margaret.
  Der.  Drache  veranschaulicht  Satan,  den  Urheber  alles  Bösen,  aller
Unfruchtbarkeit  und  aller  Wildnis.  Dumpffeuchte  Moore  und  finstere  Wälder
galten  unseren  Vorfahren  als  Wohnstätten  Satans;  hier  hausten  der  Sage
nach  auch  die  Drachen,  in  deren  Vernichtung  der  Hörnene  Siegfried  seine
junge  Kraft  stählte.  Nicht  zufällig  finden  wir  darum  die  Kirche  in  Georgenried
  bei  Gmund  dem  heiligen  Georg,  die  Kirche  in  Wald  bei  Finsterwald
der  heiligen  Margaret  geweiht;  beide  Ortschaften  und  Kirchen  verdanken
nämlich  dem  Kulturfleiß  der  Tegernseer  Mönche  ihre  Entstehung.  In  Georgenried
  hatten  sie  also  gleichsam  den  Moordrachen,  in  Wald  den  Walddrachen
erlegt.

Zu  dem  so  mühsam  aus  Moor  und  Urwald  gewonnenen  Neuland  gesellten
  sich  im  Laufe  der  Zeit  Ländereien,  geschenkt  aus  Liebe  zum  Klosterpatron
  St.  Quirinus  und  zwar  so  zahlreich,  daß  bereits  zu  Beginn  des
9.  Jahrhunderts  Tegernsee  zu  jenen  Abteien  des  fränkischen  Reiches  zählte,
die  dem  Kaiser  außer  Geschenken  auch  Kriegsdienste  zu  leisten  hatten.  Die
Kriegsbereitschaft  setzt  für  unser  Kloster  ein  hochentwickeltes  Handwerk  voraus.
Ausdrücklich  erwähnt  denn  auch  die  Klosterchronik  Werkstätten  und  namentlich
Schmiede  und  Drechsler.  Für  den  tegernseeischen  Salztransport  aus  Reichenhall,
  für  den  Weintransport  aus  Tirol  war  eine  Brücke  und  Lände  am  Inn
von  größter  Wichtigkeit.  Schon  im  Jahre  795  sehen  wir  die  alte  Römersiedlung
  Pfunzen  (—  pons)  bei  Rosenheim  im  Besitze  des  Klosters.  Noch
in  unseren  Tagen  heißt  dort  ein  Platz  die  „Weinländ“;  die  Straße  aber,  die
von  Rosenheim  am  Fuß  des  Irschenberg  vorüber  nach  Tegernsee  zieht,  heißt
die  Scheiblerstraße.  Ihren  Namen  trägt  sie  von  den  Scheiblern,  d.  h.  von
den  Fuhrleuten,  welche  zu  Klosters  Zeiten  von  Reichenhall  her  über  Pfunzen
kommend  das  in  Scheiben  gepreßte  Salz  nach  Tegernsee  führten.

Dank  dem  wirtschaftlichen  Geschick  der  Quirinusmönche  hatte  sich  bis
zum  13.  Jahrhundert  das  tegernseeische  Klostergebiet  zu  zehn  großen  Wirtschaftsämtern
  ausgegliedert.  Warngau,  der  Hauptort  des  gleichnamigen
Gaues,  nahm  als  Stapelplatz  die  tegernseeischen  Bodenerzeugnisse  auf.  Was
Kloster  und  klösterliche  Meiereien  davon  entbehren  konnten,  wanderte
zum  Austausch  oder  Verkauf  nach  Holzkirchen  auf  den  Klostermarkt.
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        46  11.  Kloster  Tegernsee.

Tegernsees  Grundbesitz  und  Handel  stellte  im  südlichen  Bayern  eine
wirtschaftliche  Großmacht  dar.  Wie  eine  agrarische  Katastrophe  mag  es  darum
gewirkt  haben,  als  der  Bayernherzog  Arnulf  zu  Beginn  des  10.  Jahrhunderts
das  tegernseeische  Klostergut  an  sich  zog,  um  mit  demselben  den  kostspieligen
Reiterdienst  zu  entschädigen,  den  seine  Vasallen  im  Kriege  gegen  die  Hunnen
zu  leisten  hatten.  Nur  114  Hufen  Landes  waren  den  Mönchen  verblieben.
Alsbald  zerfiel  auch  des  Klosters  innere  Ordnung.  In  die  von  den  Mönchen
verlassenen  Zellen  drangen  die  herzoglichen  Jäger  ein;  das  Münster  des
heiligen  Quirinus  widerhallte  vom  Gebelle  der  Jagdhunde.  Zuletzt  zerstörte
eine  mächtige  Feuersbrunst  Kirche  und  Kloster.  Adalberts  und  Otkars  herrliche
  Stiftung  lag  in  Trümmern.  Ein  Brennpumkt  für  die  wirtschaftliche
Kultur  des  südlichen  Bayerlandes  war  erloschen,  ein  mächtiger  wirtschaftlicher
Organismus  war  zerstört,  doch  nicht  für  immer.  Nach  70  Jahren  gänzlicher
Verödung  sollte  neues  Leben  aus  den  Ruinen  sproßen  und  Tegernsee  zu
einer  zweiten  und  um  so  höheren  Blüte  gelangen,  je  mehr  sich  jetzt  das  geistige
Leben  in  den  Vordergrund  drängte.

Es  war  am  10.  Juli  979,  als  Kaiser  Otto  II.  auf  Bitten  des  Bayernherzogs
  Otto  die  Wiederherstellung  des  Klosters  und  die  Rückgabe  der  meisten
früheren  Klostergüter  anordnete.  Auch  Ottos  unmittelbare  Nachfolger  wendeten
dem  Kloster  Tegernsee  ihre  königliche  Gunst  zu.  Besonders  gut  bedachte  es
Kaiser  Heinrich  II.,  indem  er  dem  heiligen  Quirinus  unter  anderm  im  handelsreichen
  Regensburg  eine  Hofstatt  und  in  der  Ostmark  kostbare  Weinberge
überließ.  Heinrichs  Gemahlin  aber,  die  Kaiserin  Kunigunde,  spendete  dem
Quirinusmünster  ihr  Brautkleid.  Das  daraus  gefertigte  Meßgewand  pflegte
man  alljährlich  am  Kunigundentag  (3.  März)  beim  feierlichen  Gottesdienste  zu
gebrauchen.  Die  Kaiser  Friedrich  I.  und  Heinrich  VI.  hinwiederum  statteten
das  Kloster  mit  umfassenden  Vorrechten  aus,  während  ihm  Papst  Urban  III.
(1185—1187)  den  Besitz  mehrerer  Gotteshäuser  bestätigte.

So  ward  der  feste,  materielle  Boden  gewonnen,  auf  dem  Wissenschaften
und  Künste  gedeihen  konnten.

Den  Reigen  jener  Abte,  die  sich  um  Förderung  des  geistigen  Lebens  im
neu  erstandenen  Kloster  am  angelegentlichsten  bemühten,  eröffnet  Abt  Gozbert
(982—1001).  Er  war  von  St.  Emmeram  in  Regensburg  nach  Tegernsee  berufen
worden  um  hier  das  Studium  der  klassischen  Literatur  wieder  in  Schwung
zu  bringen.  Mit  Vorliebe  lasen  damals  die  Tegernseer  Klosterschüler  Horatius,
Persius,  Cicero,  Boethius  und  Priscianus.  Unter  Gozberts  Nachfolger,  dem
Abt  Beringer  (1004—1012),  wirkte  an  der  Klosterschule  als  Lehrer  der
klassischen  Literatur  der  Dichter  Froumund,  dem  einige  auch  die  Dichtung
„Ruodlieb“  zuschreiben.  Mit  Froumund  blühte  in  Tegernsee  Hrotroh,  der
Philosoph.  Voll  innigen  Dankes  spricht  um  das  Jahr  1067  der  berühmte
Mönch  und  Mystiker  Otloh  über  Tegernsee  als  den  Ort,  wo  er  sich  die  ersten
Kenntnisse  der  Klassiker  erworben  habe.  Zehn  Lehrer  wirkten  zu  Otlohs.
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        11.  Kloster  Tegernsee.  47

Zeiten  in  Tegernsee  für  den  Unterricht  der  Jugend.  Unter  Abt  Rupert
(1155—1186)  besingt  der  Dichter  Metellus  in  klassischen  Versen  die  Wunder  des
hl.  Quirinus,  Priester  Werinher  beglückt  die  fromme  Welt  mit  einem  anmutigen
Marienleben,  geschrieben  in  deutscher  Sprache.  Sein  Buch  schmückte  Werinher
mit  kostbarer  Kleinmalerei,  eine  Kunstübung,  die  schon  vor  ihm  Abt  Ellinger
in  dem  berühmten  Tegernseer  Salbuch  zu  herrlicher  Geltung  gebracht  hatte.

In  der  Kunst  der  Glasmalerei  behauptete  Tegernsee,  wenn  diese  Kunst
auch  nicht  dort  erfunden  ward,  frühestens  einen  hervorragenden  Platz.  Ist  doch
von  Abt  Gozbert  bekannt,  daß  er  die  bis  dahin  mit  groben  Tüchern  verhängten
Kirchenfenster  durch  buntfarbige  Glasgemälde  ersetzen  ließ.  Um  das  Jahr  1090
war  das  Kloster  durch  eine  Feuersbrunst  zerstört  worden.  Für  das  neue
Münster  fertigte  ein  anderer  Werinher  fünf  Glasgemälde.  Der  nämliche
Werinher  war  auch  in  der  Goldschmiedekunst  und  Bildhauerei  wohl  bewandert
und  darin  den  Spuren  des  Klerikers  Adalrich,  des  ersten  deutschen  Glockengießers,
  gefolgt,  der  seinerzeit  im  Auftrage  des  Abtes  Gozbert  die  Quirinusglocke
  gegossen  hatte.

In  Kunst  und  Wissenschaft,  in  strenger  Selbstzucht  und  ernster  Frömmigkeit
  war  Kloster  Tegernsee  vom  10.  bis  zum  13.  Jahrhundert  gleicherweise
ausgezeichnet  und  sein  Ruhm  in  aller  Munde.  Kein  Wunder,  wenn  sich
fremde  Klöster  gerade  aus  Tegernsee  Mönche  als  Lehrer  und  Reformatoren
des  geistigen  und  geistlichen  Lebens  erbaten,  wie  das  (1015)  neu  errichtete
Kloster  St.  Ulrich  in  Augsburg,  Kloster  Feuchtwangen  (1000),  das  verfallene
Stift  Benediktbeuern  (1032).  Der  Reformeifer  der  Tegernseer  Mönche  war
in  dieser  Periode  vielfach  zum  Sauerteig  geworden  für  das  religiöse  Leben
und  Streben  im  südlichen  Deutschland.  Tegernsee  hatte  damit  den  Glanzpunkt
seiner  zweiten  Blüte  erreicht.

Die  nun  folgenden  zwei  Jahrhunderte  haben  in  der  Geschichte  des
Klosters  wenige  Spuren  hinterlassen.  Im  ganzen  genommen  war  es  jedoch
eine  Zeit  des  inneren  und  äußeren  Verfalles.  Wiederholt  geriet  Tegernsee
in  Streit  mit  den  Mächtigen  und  war  darob  mit  Brand  und  Plünderungen
heimgesucht  worden.  Die  Abte  umgaben  sich  mit  fürstlichen  Ehren  und  Abzeichen
  und  stürzten  das  Kloster  in  Schulden.  Der  Weltsinn  hatte  auch  in
Tegernsee  die  klösterliche  Disziplin  gelockert.  Doch  früher  als  in  anderen
Klöstern  setzte  in  unserm  Kloster  die  Reform  ein,  hauptsächlich  durch  die
Tätigkeit  des  Abtes  Aindorfer  (1426—1461),  die  den  Beginn  einer  dritten
Blüteperiode  bezeichnet.  In  kurzer  Zeit  befreite  er  das  Kloster  von  einer
drückenden  Schuldenlast,  brachte  die  herabgekommenen  Gebäude  in  neuen
Stand,  verbesserte  die  lockere  Disziplin  und  zog  eine  Reihe  ausgezeichneter
Ordensleute  heran,  die  nachher  als  Abte  die  Klöster  Andechs,  Benediktbeuern,
Scheyern  und  Oberaltaich  zu  leiten  berufen  waren.  Aindorfers  Nachfolger  in
der  Abtwürde,  Ayrnschmalz  (1461—1492),  setzte  das  so  glücklich  begonnene
Reformwerk  fort,  erbaute  1471  die  Stiftskirche  von  Grund  auf,  schmückte  sie
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        48  lil.  Kloster  Tegernsee.

mit  herrlichen  Gemälden  und  bereicherte  die  Stiftsbibliothek  mit  450  wertvollen
Handschriften.  Ein  wichtiges  literarisches  Ereignis  bildete  die  Einrichtung  einer
Buchdruckerei  durch  Abt  Quirin  II.  (1568—1594).  Eine  Menge  meist  asketische,
aber  auch  geschichtliche  Werke  gingen  aus  dieser  Druckerei  hervor.  Für  den
wissenschaftlichen  Geist,  der  im  17.  und  18.  Jahrhundert  noch  immer  das  Kloster
Tegernsee  beherrschte,  zeugen  die  Lehrer  und  Professoren,  die,  Tegernsee  entstammend,
  uns  fast  überall  an  den  bayerischen  Gymnasien  und  hohen  Schulen
begegnen,  während  es  selbst  wiederum  fremden  Schülern  und  Gelehrten  jederzeit
  edle  Gastfreundschaft  gewährte  und  ihnen  seine  literarischen  Schätze  zur
Verfügung  stellte,  wie  z.  B.  (1683)  dem  berühmten  Geschichtschreiber  Mabillon
oder  (1717)  dem  gelehrten  Bernhard  Pez.

Man  braucht  nicht  lange  zu  fragen,  ob  wohl  ein  für  Wissenschaft  so“
hochbegeistertes  Kloster  wie  Tegernsee  auch  der  Bildung  des  Volkes  durch
Errichtung  und  Unterhalt  von  Volksschulen  Rechnung  getragen  hat.  In  Holzkirchen
  treffen  wir  bereits  1433  einen  Jörg  Rautter  als  „Schulmeister“,  1494
einen  solchen  namens  Pierochs,  1460  in  Tegernsee  selbst  den  „Schulmeister“
Wilhelm  Schwalb;  1500  finden  wir  eine  Schule  in  Egern,  1514  eine  Schule
in  Kreuth,  1520  eine  solche  in  Gmund  bezeugt.  Holzkirchen,  Egern,  Kreuth,
Gmund  waren  Tegernseeische  Kirchorte;  das  Kloster  unterhielt  dort  nicht  nur
die  Schulhäuser  und  Lehrer,  sondern  kam  auch  noch  größtenteils  für  den  Bedarf
  an  Lehrmitteln  auf.

Am  17.  Oktober  1753  beging  Tegernsee  das  tausendjährige  Jubiläum
seiner  Stiftung.  Es  sollte  das  letzte  Jubiläum  sein,  das  dort  gefeiert  wurde.
Der  Geist  der  Aufklärung,  der  in  Frankreich  zur  Revolution  und  zum  Königsmord
  getrieben,  hatte  auch  in  Bayern  seinen  Einzug  gehalten.  Im  Frühjahr
1803  teilte  das  Kloster  Tegernsee  mit  den  übrigen  bayerischen  Klöstern  das
Schicksal  der  Aufhebung  und  ward  mit  all  seinen  Besitzungen  zum  Staatseigentum
  erklärt.  Die  Gebäude  wurden  teils  abgetragen  teils  mit  den  übrigen
Habseligkeiten  versteigert.  Die  Klosterbibliothek,  welche  damals  60000  Bände,
darunter  allein  2500  Handschriften  und  Erstlingsdrucke  zählte,  wurde  aufgelöst.
Wichtigere  Bestandteile  derselben  kamen  nach  München  und  Landshut.  Die
Mörche  zerstreuten  sich  um  in  der  Welt  draußen  teils  als  Lehrer  teils  als
Seelsorger  einen  Wirkungskreis  zu  finden.  So  ward  der  Stiftung  Okkars
und  Adalberts  nach  einer  ruhmvollen  Vergangenheit  ein  tragisches  Ende
bereitet.

Nur  St.  Quirins  Münster  war  der  Zerstörung  entronnen.  Inmitten
eines  weltlich-bunten  Treibens,  das  sich  heute  an  Tegernsees  Ufern  abspielt,
blieben  seine  Türme  fast  die  einzigen  hochragenden  Zeugen  einer  tausendjährigen
Kultur,  welche  hier  für  einen  weiten  Gau  unseres  Vaterlandes  ihren  wirtschaftlichen
  und  geistigen  Mittelpunkt  gefunden  hatte  und  deren  Geschichte  aufs
engste  verknüpft  ist  mit  der  Geschichte  der  bayerischen  Klöster  nicht  bloß
sondern  auch  mit  der  Geschichte  unseres  ganzen  altbayerischen  Landes.
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        12.  Die  Ungarnschlacht  an  der  Ennsburg.  49

12.  Die  Ungarnschlacht  an  der  Ennsburg  (am  5.  Juli  907).
Von  Friedrich  Bech.)
1.  Die  Völker  des  Ostens,  sie  dringen  heran,
Sie  zeichnen  mit  Flammen  und  Blut  die  Bahn,
Sie  brausen  einher  wie  Sturmeswind  —
Weh  Deutschland  dir,  dich  leitet  ein  Kind!

2.  Und  Ludwig  bebt:  „Wer  schützt  mir  die  Markr
Auf,  Bayerns  Herzog,  so  hühn  und  stark!"
Der  spricht:  „Ich  wahre  dir  treuen  Sinn,
Und  willst  du  mein  Leben,  ich  geb’  es  dir  hin!“

3.  Sie  rüsten  die  Waffen,  die  spiegelnde  Wehr,
An  der  Ennsburg  schart  sich  der  Deutschen  Heer.
Wo  die  Donau  strömet  vorbei  mit  Macht,

Da  lagern  im  Feld  sie  bei  dunkler  Nacht.

4.  Ermattet  vom  Zuge,  wie  schlafen  sie  tief!
Doch  warnend  die  Stimme  des  Wächters  rief:
„Die  Feinde  stürmen  !“  Er  rief  es  in  Eil';
Schon  stürzt  er,  getroffen  vom  Todespfeil.

5.  Und  im  Flusse,  so  schaurig,  da  rauscht  es  und  schäumt,
Erwacht,  ihr  Getreuen!  Nicht  länger  gesäumt!
Dort  schwimmt  es  und  klimmt  es  am  Uferrand;
Schnell  greifet  zum  Schwerte,  zum  Eisengewand!

6.  Unholden  vergleichbar  im  nächtlichen  Traum
Umschwammen  die  Heiden  des  Lagers  Raum.
Mit  funkelndem  Blich  in  die  Thristenschar
Stürzt  gierig  des  Mordes  der  wilde  Magyar.

7.  Rings  schallt  es  von  Hieben,  Geschrei  und  Stoß,
Aus  tiefen  Wunden  das  Blut  entfloß.
Und  wie  sich  die  Ebne  vom  Morgen  erhellt,
Deckt  manche  Leiche  das  Würgefeld.

8.  Und  als  sich  nun  Freund  und  Feind  erhannt,
Ist  heller  am  Tage  ihr  Zorn  entbrannt.
Sie  ringen  in  grauser  Vertilgungsschlacht  —
Da  dunbelt  aufs  neue  hernieder  die  Nacht.

9.  Doch  stündlich  mehrt  sich  des  Feindes  Wut
Und  Hord'  um  Horde,  sie  lechzt  nach  Blut.
Richt  wanken  die  Deutschen  am  zweiten  Tag;
Am  dritten  endlich  die  Kraft  erlag.

 

1)  Gedichte,  S.  189  ff.  München  1844.  Lit.  art.  Anstalt.
Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  4
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        50  13.  Markgraf  Luitpolds  Heldentod  in  der  Ungarnschlacht.

10.  Da  stürzt  entseelt  manch  tapfrer  Abt,
Manch  Bischof,  edel  und  mutbegabt.
Der  Marhkgraf  teilte  der  Seinen  Not
Und  sank  mit  ihnen  im  Heldentod.

11.  Herr  Luitpold  war  es,  der  Schyren  Ahn,
Der  erste  auf  Wittelsbachs  Ehrenbahn.
Er  gab  sein  Leben  dem  Vaterland:
Drum  bleibe  sein  Name  mit  Preis  genannt!

13.  Markgraf  Luitpolds  Heldentod  in  der  Ungarnschlacht  (907).
Von  Hugo  Arnold.  )

Schlimme  Tage  sah  Deutschland  zu  Beginn  des  10.  Jahrhunderts;  denn
sein  Szepter  führten  die  schwachen  Hände  eines  13  jährigen  Knaben  und  im
Osten  und  Westen  an  seinen  Grenzen  erhoben  sich  mächtige  Feinde,  deren
Ansturm  die  Schöpfung  des  großen  Karl  mit  schweren  Gefahren  bedrohte.

Mit  festen  Bollwerken  hatte  dieser  das  Reich  gegen  Osten  gesichert,  ein
Gürtel  von  Marken  schirmte  es:  die  böhmische  Mark  im  bayerischen  Nordgau,
die  Ostmark  im  Lande  von  der  Enns  bis  zum  Wienerwalde  nebst  Ober=  und
Unterpannonien  bis  zur  Drau  in  dem  Gebiete,  welches  den  wilden  Avaren  in
drei  Kriegen  abgenommen  worden  war,  und  Kärnten  nebst  seinen  Nebenländern.
  Die  Avaren  zwar  waren  seitdem  verschwunden,  aber  statt  ihrer
waren  in  den  ungarischen  Tiefebenen  die  Magyaren  oder  Ungarn  erschienen,
ein  Volk  finnisch-uralischen  Stammes,  welches  die  Petschenegen  aus  ihren
Siedelungen  zwischen  den  Mündungen  der  Donau  und  des  Dniepr  verdrängt
hatten.  Sie  suchten  neue  Wohnsitze  im  Westen.  Das  erstemal  erschienen
sie  im  Jahre  862  an  den  deutschen  Grenzen,  894  fielen  sie  in  die  pannonische
Mark  ein  und  richteten  große  Verheerungen  an.  Sechs  Jahre  später  erfolgte
ihr  erster  Einbruch  in  Bayern,  wobei  sie  einen  Landstrich  von  zehn  Meilen
in  der  Länge  und  Breite  mit  Feuer  und  Schwert  verwüsteten.  Auf  die  Nachricht
davon  wurde  der  bayerische  Heerbann  aufgeboten,  aber  vor  seinem  Eintreffen
war  bereits  das  ungarische  Hauptheer  mit  seiner  Beute  heimgekehrt  und  nur
eine  Seitenkolonne  wurde  auf  dem  linken  Donauufer  von  den  Bayern  eingeholt
und  in  einem  glänzenden  Kampfe  vernichtet.  Zum  Schutze  der  Grenze  erbauten
dann  die  Sieger  eine  starke  Feste,  die  Ennsburg,  wozu  sie  die  Bausteine  aus
den  Trümmern  der  alten,  in  Ruinen  liegenden  Römerbefestigung  Lauriacum
(d.  h.  Lorch)  herbeiholten.

Luitpold  hieß  der  glückliche  Feldherr  der  Bayern.  Er  war  mit  den
Karolingern  nahe  verwandt,  wahrscheinlich  durch  Kaiser  Arnulfs  Mutter
Liutswinde,  und  nahm  unter  den  bayerischen  Großen  durch  seine  Macht  die
erste  Stelle  ein;  denn  er  war  Graf  im  Donaugau  und  hatte  von  Kaiser

)  Vgl.  „Das  Bayerland“,  3.  Jahrgang,  1892,  Nr.  5,  S.  51  fl.
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        13.  Markgraf  Luitpolds  Heldentod  in  der  Ungarnschlacht.  51

Arnulf  dazu  noch  die  böhmische  Mark,  die  kärntnische  Mark  und  Oberpannonien
  verliehen  erhalten.  Welchem  Geschlechte  er  angehörte,  läßt  sich  mit
vollkommener  Sicherheit  nicht  angeben,  aber  unser  vortrefflicher  Geschichtschreiber
Siegmund  von  Riezler  1)  hat  mit  triftigen  Gründen  die  hohe  Wahrscheiulichkeit
  nachgewiesen,  daß  er  von  den  Housiern  abstammt,  von  jener  Familie  des
alten  bayerischen  Hochadels,  welche  nach  dem  Herzogshause  der  Agilolfinger
die  mächtigste  und  vornehmste  war.  Und  Luitpold  selbst  wurde  der  Vater
eines  ruhmvollen  Geschlechts,  das  die  Forscher  mit  seinem  Namen  verknüpfen
und  von  dem  sie  wiederum  mit  nahezu  völliger  Bestimmtheit  die  Grafen  von
Scheyern,  die  Vorfahren  der  erlauchten  Grafen  von  Wittelsbach  ableiten,  so
daß  er  mit  Fug  und  Recht  als  der  Ahnherr  unseres  Königshauses  gilt.

Schlimm  stand  es  damals  um  Deutschland.  Während  im  Westen  die
Normannen  die  Küsten  und  die  Uferlande  plünderten,  wüteten  verheerende
Fehden  im  Innern  des  Reiches,  namentlich  der  blutige  Zwist  zwischen  den
Babenbergern  und  den  Saliern,  so  daß  die  Ungarn  ihre  Einfälle  in  die  bayerischen
Grenzlande  alljährlich  wiederholen  konnten.  Genauere  Nachrichten  darüber
sind  uns  nicht  überliefert;  aber  wir  wissen,  daß  sie  in  den  Jahren  901,  902,  903
Niederlagen  erlitten,  daß  904  ihr  Anführer  Chussal  von  den  Bayern  zum
Gastmahle  geladen  und  hier  samt  seinem  Gefolge  erschlagen  wurde.

Wie  einst  die  Hunnen,  die  ebenfalls  in  den  Pußten  Ungarns  hausten,
waren  sie  gefürchtete  Feinde.  Ihr  stürmischer  Angriff  war  unwiderstehlich,
ihre  Todesverachtung  im  Kampfe  war  unerschütterlich,  die  Schnelligkeit  ihrer
Pferde  entzog  sie  den  Verfolgern,  gestattete  aber  ihnen  selbst  eine  unablässige
Verfolgung.  Religiöser  Fanatismus  trieb  die  wilden  Heiden  an;  denn  sie
glaubten,  daß  sie  einst  im  Jenseits  so  viele  Leibeigene  zur  Bedienung  haben
würden,  als  sie  Feinde  erlegten.  Dabei  beseelte  sie  ein  derartiger  Blutdurst,
daß  sie  auf  den  Leichen  der  Erschlagenen  wie  auf  Tischen  schmausten  und
tranken;  die  gefangenen  Weiber  und  Mädchen  banden  sie  mit  deren  Haarzöpfen
  zusammen  und  trieben  sie  nach  Ungarn.  Wo  sie  hinkamen,  zerstörten
sie  alles,  sengten,  brannten  und  vernichteten,  was  sie  nicht  mit  sich  schleppen
konnten.  Dieser  Blutdurst,  die  unmenschliche  Behandlung  der  Wehrlosen,  die
Zerstörungswut,  dazu  die  häßliche  Erscheinung  der  kleinen  Gestalten  mit  gelben,
breitknochigen  Gesichtern  und  geschlitzten  Augen,  ließ  sie  den  Deutschen  wie
höllische  Unholde  erscheinen  und  die  Schnelligkeit,  mit  der  sie  —  allerorten
den  roten  Hahn  auf  die  Dächer  setzend  und  das  Land  in  eine  Wüstenei  verwandelnd
  —  plötzlich  mitten  im  Lande  erschienen  und  hinter  den  Rauchwolken
der  niedergebrannten  Gebäude  mit  ihrem  Raube  wieder  verschwanden,  trug
nicht  wenig  dazu  bei  den  von  ihnen  ausgehenden  Schreckensbann  zu  vermehren.

Im  Jahre  906  hatten  die  Ungarn  einen  bedeutenden  Erfolg  errungen,
unter  ihren  wiederholten  Angriffen  war  das  große  Reich  der  slavischen  Mähren

1)  Geschichte  Bayerns,  I.  245  ff.
4
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        52  13.  Markgraf  Luitpolds  Heldentod  in  der  Ungarnschlacht.

zusammengebrochen,  mit  welchem  die  Deutschen  zwar  ebenfalls  viele  blutige  Kriege
geführt  hatten,  das  ihnen  aber  doch  als  Vormauer  gegen  Osten  gedient  hatte.
Noch  im  nämlichen  Jahre  dehnten  die  Ungarn  ihre  Streifzüge  bis  in  das  Herz
Sachsens  aus.  Die  Bayern  sahen  sich  somit  bereits  auf  ihrer  ganzen  Ostfront
hinauf  bis  nach  Nordosten  von  dem  gefährlichen  Feinde  umfaßt.

Diese  drohende  Lage,  die  fortwährenden  Verwüstungen  ihres  Landes
scheinen  sie  zu  dem  Entschlusse  gebracht  zu  haben  mit  dem  gefürchteten  heidnischen
  Feinde  einmal  gründlich  abzurechnen;  vielleicht  trugen  dazu  auch  die
inneren  Verhältnisse  Ungarns  bei.  Denn  just  war  der  große  König  Arpad  aus
dem  Leben  geschieden,  er,  dessen  kräftiger  Arm  den  Magyaren  ihr  Reich  erstritten
  hatte;  sein  Sohn  Zoltan  aber  war  noch  minderjährig  und  mehrere
Parteien  standen  sich  mißgünstig  gegenüber.

Im  Juni  907  sammelte  sich  der  gesamte  bayerische  Heerbann  in  der
Ostmark,  bei  ihm  befand  sich  der  junge  König  Ludwig,  genannt  das  Kind,  den
Oberbefehl  führte  der  Ungarnsieger,  Markgraf  Luitpold.  In  der  Ennsburg
blieb  der  König  mit  seinem  Hofe  zurück,  das  bayerische  Heer  rückte  den  Feinden
entgegen  und  am  5.  Juli  kam  es  zur  Schlacht,  deren  Ausgang  entscheidend
für  das  Geschick  des  bayerischen  Stammes  wurde.  Aventin  gibt  einen  sehr
umständlichen,  aber  durchaus  unglaubwürdigen  Bericht  über  sie;  allein  wir
erfahren  weder  durch  ihn  noch  durch  einen  der  Chronisten  weder  etwas  über
den  Ort,  an  dem  sie  vorfiel,  noch  die  Ursache,  warum  gerade  diese  Hauptschlacht
  mit  der  gänzlichen  Niederlage  der  Bayern  endete,  während  sonst  stets
beim  Zusammenstoß  der  Heere  die  Magyaren  den  kürzeren  zogen.

Von  den  Bayern  war  die  ganze  waffenfähige  Mannschaft,  das  Aufgebot
des  Heerbannes,  ins  Feld  gerückt  und  das  ganze  Heer,  die  Blüte  des  Stammes,
blieb  im  Blute  liegen  auf  der  schrecklichen  Walstatt.  „Der  bayerische  Stamm
ist  nahezu  aufgerieben“,  schrieb  ein  gleichzeitiger  Chronist;  mit  dessen  Söhnen
fiel  der  Führer  des  Heeres,  der  erste  Fürst  im  Bayernlande,  der  tapfere  Markgraf
  Luitpold,  es  fielen  mit  ihm  der  erste  kirchliche  Würdenträger,  der  Erzbischof
  Theotmar  von  Salzburg,  die  Bischöfe  von  Freising  und  Seben,  Udo
und  Zacharias,  und  zahlreiche  Grafen,  Abte  und  edle  Herren;  Aventin  nennt
die  Namen  von  19  Grafen.  Vom  König  Ludwig  erzählt  er,  daß  er  mit
genauer  Not  nach  Passau  entkommen  sei.

Die  Folgen  der  Niederlage  waren  entsetzlich.  Zunächst  fielen  die  Ungarn
sofort  in  Bayern  ein,  überschritten  den  Inn  und  verwüsteten  das  Land.  Aventin
nennt  als  Klöster,  welche  damals  eingeäschert  wurden:  St.  Pölten,  St.  Florian,
Matsee,  Otting,  Chiemsee,  Tegernsee,  Schliersee,  Schäftlarn,  Benediktbeuern,
Schledorf,  Staffelsee,  Polling,  Dießen,  Wessobrunn,  Sandau,  Siverstatt,  Thierhaupten,
  Ilmmünster,  Münchsmünster,  Oberaltaich,  Niederaltaich.  Der  König
flüchtete  in  die  Rheinlande.

Schlimmer  noch  wogen  die  politischen  Einbußen.  Wie  zu  den  Zeiten
der  ersten  Einwanderung  der  Bajuwaren  ward  die  Enns  wieder  zur  Ostgrenze,
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        14.  Die  Ahnherrn  des  Wittelsbacher  Fürstengeschlechts.)  53

alles  Gebiet  östlich  davon,  das  Karl  der  Große  den  Avaren  mit  dem  Schwerte
abgenommen  und  der  deutschen  Kultur  zugeeignet  hatte,  Pannonien  und  die
Ostmark  gingen  verloren;  wo  der  bayerische  Kolonist  den  Pflug  über  die
gesegnete  Flur  geführt  hatte,  tummelte  der  Magyar  sein  Roß,  nur  das  gebirgige
Kärnten  wurde  gegen  die  ungarischen  Reiterscharen  behauptet.  Niemals  hat  ein
größeres  Unglück  den  bayerischen  Stamm  getroffen.  S.  v.  Riezler  nennt  diese
Katastrophe  ein  Unglück,  wie  es  sich  im  Verlauf  der  bayerischen  Geschichte
nicht  wiederholt  hat.  Mit  einem  Schlage  gab  sie  die  Errungenschaften  vieler
Menschenalter  der  Vernichtung  preis,  entschied  über  den  Verlust  zweier  herrlicher
  Marken,  knickte  die  Blüte,  hemmte  für  lange  Zeit  die  Entwicklung  der
Hauptlande  und  drängte  für  immer  Bayern  aus  der  bevorzugten  Stellung,
welche  es  zuletzt  unter  den  deutschen  Stämmen  eingenommen  hatte.

Jahr  um  Jahr  wiederholten  sich  von  nun  an  die  Einfälle  der  Ungarn,
welche  die  Gebiete  der  einzelnen  Stämme  verheerten,  der  Schwaben,  der  Franken,
der  Sachsen.  Vereinzelt  sank  die  Kraft  dieser  Stämme  dahin,  da  der  männliche
König  fehlte,  der  sie  geeinigt  hätte.  Erst  die  glorreiche  Schlacht  auf  dem  Lechfelde
  (955),  welche  die  um  das  kaiserliche  Banner  gescharten  einigen  deutschen
Stämme  schlugen,  warf  die  Magyaren  für  immer  in  ihre  Pußten  zurück.

14.  Die  Ahnherrn  des  Wittelsbacher  Fürstengeschlechts.

Von  Karl  Stieler.)

Es  liegt  eine  herbe  Kraft  im  Worte  Bayern  und  doch  zugleich  ein
Zauber,  wie  ihn  nur  jemals  herrliche  Landschaft,  kerniges  Volkstum  und  uralte
  Geschichte  bot.  Die  blauen  Berge  dieses  Landes  sind  das  Wanderziel  für
Tausende  und  in  seinen  Gauen  herrschte  schon  zur  Karolingerzeit  eine  mächtige
  Kultur,  wenn  wir  nur  jene  Klöster  nennen,  wie  Benediktbeuern,  Wessobrunn
  und  Tegernsee,  die  Kunst  und  Wissenschaft  in  Tagen  pflegten,  da  der
deutsche  Norden  fast  noch  eine  Wildnis  war.

Fester  in  sich  geschlossen  als  die  Mehrzahl  der  deutschen  Stämme  ging
das  bayerische  Volk  die  Wege  eigener  Entwicklung  und  von  allen  Stämmen,
die  das  neue  Reich  umfaßt,  ist  es  der  einzige,  der  noch  auf  den  alten  Wohnstätten
  unter  den  alten  angestammten  Fürsten  erhalten  blieb,  wie  ihn  einst  das
Reich  der  großen  deutschen  Kaiser  gesehen.  Es  gibt  kein  Franken  und  kein
Schwaben  mehr  im  alten  Sinne,  das  heutige  Sachsen  ist  etwas  anderes  als
das  alte  sächsische  Stammland,  nur  in  Bayern  trifft  noch  Stamm  und  Staat
zusammen.

Vor  nahezu  einem  Jahrtausend  bestiegen  die  ersten  Schyren  den  Thron,
den  sie  nun  seit  siebenhundert  Jahren  ununterbrochen  besitzen.  Zu  den  verschiedensten
  Kronen  der  Welt,  von  Schweden  bis  nach  Ungarn  und  Hellas,

1)  „Aus  Fremde  und  Heimat“,  S.  201  ff.  Stuttgart  1886.  A.  Bonz.
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        54  14.  Die  Ahnherrn  des  Wittelsbacher  Fürstengeschlechts.

wurden  ihre  Söhne  und  Töchter  berufen  und  selbst  der  deutsche  Kaiserstuhl
trug  dreimal  einen  Wittelsbacher  Fürsten.

Viel  Glück  und  Not,  viel  Freud'  und  Leid  liegt  in  der  langen  Frist
dieser  Jahrhunderte  und  fester,  als  es  wohl  sonst  geschehen  mag,  verwuchs
dabei  das  Volk  mit  seinen  Herrschern.  Man  hat  dies  oft  zur  Unzeit  „Partikularismus“
  genannt,  aber  man  vergißt  dabei,  daß  man  die  Treue  zuerst  im
eigenen  Hause  lernt  und  daß  es  dem  Ganzen  nur  zustatten  kommt,  je  inniger
sich  dies  Gefühl  historisch  entwickelt.  Den  besonderen  Vorzug  aber,  den  die
eigenartige  Gestaltung  Deutschlands  darbot,  indem  sie  eine  Mehrheit  geistiger
Mittelpunkte  schuf,  zeigt  gerade  Bayern  in  ber  glänzendsten  Weise;  trotz  der
Abgeschlossenheit,  der  es  bisweilen  anheimfiel,  trotz  der  schweren  Prüfungen,
die  auf  dem  langen  Wege  vom  Herzogtum  zum  Königreiche  lagen,  hat  es  doch
zum  Heile  des  Ganzen  Unendliches  geleistet.  Nicht  wir  allein,  ganz  Deutschland
  ist  stolz  auf  eine  Stadt  wie  München.

Mit  den  Tagen  der  Not,  der  Mutter  alles  Großen,  beginnt  auch  die
Geschichte  des  Wittelsbachischen  Fürstenhauses.  Es  war  um  das  Jahr  900,
als  das  Karolingerreich  schon  sank  und  die  wilden  Horden  der  Ungarn  über
die  deutsche  Grenzmark  brachen;  da  stand  unter  den  Tapfern,  die  ihnen  entgegentraten,
  der  Markgraf  Luitpold  auf.  Er  ist  der  Ahnherr  der  heutigen
Wittelsbacher,  und  als  er  am  5.  Juli  907  in  blutiger  Schlacht  gefallen,  erhielt
  sein  Sohn,  der  Markgraf  Arnulf,  die  bayerische  Herzogswürde.

Bis  an  die  Adria  und  bis  an  den  Wienerwald  reichte  damals  der  Name
Bayern,  wie  ja  auch  heute  noch  der  Stamm  der  Bayern  weit  über  die  Grenzen
ihres  Landes  hinausreicht  und  ganz  Deutschösterreich,  Salzkammergut  und
Tirol  umfaßt.

Die  Luitpoldinger,  die  mit  Arnulf  den  Thron  erlangt,  den  sie  freilich
zunächst  nur  kurze  Zeit  behaupteten,  bilden  gleichsam  den  „Prolog  der  Wittelsbachischen
  Geschichte",  wie  Theodor  Heigel,  der  geistvolle  Historiker,  sich  ausdrückt.


Ihre  Abstammung  scheint  nicht  gesichert,  aber  aller  Wahrscheinlichkeit  nach
berührt  sich  dieselbe  mit  dem  Geschlechte  der  Karolinger,  die  in  ihren  Urkunden
auch  den  Markgrafen  Luitpold  stets  „ihren  lieben  Verwandten“  nennen;  nach
anderer  Meinung  hängen  sie  mit  den  uralten  Housiern  zusammen,  einem  jener
mächtigen  Adelsgeschlechter,  die  schon  im  6.  Jahrhundert  in  Bayern  auftraten.


Da  sie  indessen  mit  der  Reichsgewalt  nur  allzubald  in  Fehde  kamen,  gab
Otto  I.  das  bayerische  Herzogtum  an  einen  Angehörigen  seines  Geschlechtes  und
die  Luitpoldinger  traten  einstweilen  wieder  zurück,  bis  der  Staufe  Barbarossa
sie  von  neuem  und  nun  für  immer  auf  den  bayerischen  Thron  berief.  Nach
der  Burg  zu  Scheyern,  die  wohl  schon  Arnulf  zu  bauen  begann,  wurden
sie  auch  die  Schyren  genannt;  nach  einer  zweiten  Burg,  die  am  „Witilinesbach“
  bei  Aichach  stand,  heißen  sie  seit  1113  die  Grafen  von  Wittelsbach.
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        14.  Die  Ahnherrn  des  Wittelsbacher  Fürstengeschlechts.  55

Unter  diesem  Namen  tritt  das  Geschlecht  von  nun  ab  in  die  deutsche
Geschichte  ein,  die  damals  —  die  Weltgeschichte  war.  Fast  zweihundert  Jahre
waren  seitdem  vergangen,  zwei  große  Kaiserdynastien,  die  Sachsen  und  die
Salier,  waren  ins  Grab  gesunken  und  in  Friedrich  Barbarossa  hatte  eben  eine
dritte,  die  der  Staufen,  ihren  Höhepunkt  erreicht.  Die  Zeit  war  reich  an  Streit
und  Leidenschaft;  der  Gegensatz  zwischen  Deutschland  und  Welschland,  zwischen
Reich  und  Rom  erfüllte  alle  Gemüter,  es  gab  in  diesen  Fragen  nur  Liebe  und
Haß,  nur  Freund  und  Feind.

Da  tritt  uns  aus  dieser  sturmbewegten  Zeit  die  Gestalt  des  Pfalzgrafen
  Otto  von  Wittelsbach  entgegen  —  eine  Säule  im  Bau  des
Reiches;  er  ist  der  große  Markstein  in  der  Geschichte  Bayerns.  Feurige  Kühnheit
  und  weise  Besonnenheit  waren  in  seinem  Sinne  seltsam  gepaart;  als  Krieger
wie  als  Staatsmann  war  er  gleich  stark  und  mit  schrankenloser  Treue  hing
er  an  dem  Kaiser,  der  aus  seinem  Herrn  sein  Freund  geworden.

Die  größte  Tat  seines  Lebens  aber,  die  stets  in  den  Annalen  der
Geschichte  prangen  wird,  das  ist  sein  Heldenwerk  in  der  Veroneserklause.
Es  war  im  Herbst  1155,  Barbarossa  war  auf  der  Heimkehr  von  Italien,  wohin
ihn  der  Pfalzgraf  von  Wittelsbach  als  Bannerträger  des  Reiches  begleitet  hatte,
als  ihm  die  Tücke  der  Welschen  noch  an  der  Heimatschwelle  Verderben  sann.
Der  Weg  geht  durch  schmale  Felsenpässe,  senkrecht  steigen  die  steinernen  Wände
empor,  unten  drängt  sich  der  flutende  Strom,  so  daß  dem  Heere  kaum  eine
schmale  Straße  bleibt.  Dort  zog  das  Kriegsvolk  des  Kaisers,  als  man  mit
einemmal  auf  allen  Höhen  Gewappnete  gewahrte,  die  den  Durchzug  versperrten.
Unerbittlich,  aber  auch  unerfüllbar  waren  die  Bedingungen,  die  sie  stellten;
denn  sämtliche  Ritter  sollten  ihnen  Pferd  und  Harnisch  überliefern  und  überdies
  ein  hohes  Lösegeld  entrichten;  dann  mochten  sie  nach  Hause  ziehen  ohne
Ehre,  ohne  Habe,  ohne  Wehr.  Es  war  unmöglich  dies  anzunehmen  und
doch  nicht  minder  unmöglich  schien  ein  Entrinnen  —  da  ward  in  dieser  Stunde
höchster  Gefahr  der  Pfalzgraf  Otto  von  Wittelsbach  zum  Retter.  Seinem
Mute  war  auch  das  Schwerste  nicht  zu  schwer;  in  seinem  Gefolge  standen  die
bergkühnen  Söhne  des  bayerischen  Hochlandes  und  zwischen  den  Felswänden
emporklimmend,  einer  auf  des  anderen  Schulter  gestützt,  erkletterten  sie  die
Höhen  und  fielen  mit  Jubelruf  den  Welschen  in  den  Rücken,  daß  nicht  ein
einziger  derselben  entkam.  Die  Ehre  des  Kaisers,  die  Ehre  Deutschlands  war
gerettet  und  diese  Tat  vor  allem  war  es,  die  Barbarossa  nie  vergaß,  die  er  belohnen
wollte,  als  er  nach  der  Empörung  Heinrichs  des  Löwen  die  bayerische  Herzogswürde
  an  Otto  von  Wittelsbach  verlieh.  So  steht  eine  Tat  voll  kühner  Treue
an  der  Wiege  des  Wittelsbachischen  Geschlechtes,  die  Wiege  seiner  Macht  aber
steht  in  den  Felsen  der  Veroneserklause.

Am  16.  September  1180  erfolgte  in  Altenburg  die  feierliche  Belehnung
Ottos  mit  Bayern.
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        56  15.  Die  Gründung  des  Bistums  Bamberg.

15.  Die  Gründung  des  Bistums  Bamberg.
Von  Wilhelm  v.  Giesebrecht.)

Mit  seltener  Beständigkeit  hatte  bisher  das  Glück  den  jungen  König
Heinrich  II.  auf  seinen  gefahrvollen  Pfaden  begleitet.  Über  all  seine  inneren
und  äußeren  Feinde  hatte  er  gesiegt  und  seine  Stellung  nach  allen  Seiten
befestigt.  Ein  bleibendes  Denkmal  dieser  Siege  ist  das  Bistum  Bamberg,
dessen  Errichtung  nicht  minder  folgenreich  gewesen  ist  als  die  Begründung
der  wendischen  Bistümer  durch  Otto  den  Großen.  Denn  nicht  so  sehr  darin
liegt  die  Bedeutung  dieser  Stiftung,  daß  sie  noch  einmal  einen  tiefen  Einschnitt
in  die  schon  durch  einen  mehr  als  hundertjährigen  Bestand  geheiligte  Diözesaneinteilung
  Deutschlands  machte;  ihr  wesentliches  Interesse  beruht  vielmehr  in
dem,  was  sie  für  die  Verbreitung  deutschen  Lebens,  deutscher  Sitte
und  Sprache  nach  dem  Osten  leistete.

Vor  der  Gründung  des  Bistums  lagen  die  Gegenden  am  oberen  Main
und  der  Regnitz  zum  größten  Teil  verödet.  Die  fränkischen  Kolonisten  und
nordalbingischen  Sachsen,  die  einst  dort  angesiedelt  waren,  hatten  die  Stürme
des  zehnten  Jahrhunderts  großenteils  wieder  verdrängt;  nur  eine  dünne  Bevölkerung,
  meist  slavischen  Stammes,  hatte  sich  in  dem  unsicheren  und  wenig
ergiebigen  Lande  erhalten.  Die  Fichtenwaldungen  waren  nur  an  wenigen
Stellen  gelichtet,  nur  hier  und  da  ragten  kleine  Burgen  aus  ihnen  hervor,  fast
sämtlich  den  Babenbergischen  Grafen  gehörig  und  teils  zur  Verteidigung  der
Böhmengrenze  teils  zur  Zwängung  der  sflavischen  Bauern  im  Lande  bestimmt.
Wie  anders  nachher!  Das  Bamberger  Land  erblühte  zu  einer  dicht  bevölkerten
Landschaft,  in  der  die  deutsche  Art  allmählich  vollständig  die  Oberhand  gewann.
Der  ausdauernde  Fleiß  deutscher  Bauern,  welche  die  Kirche  in  das  Land  zog,
schuf  es  zu  einem  gesegneten  Erntefelde  um.  Und  nicht  allein  äußeres  Wohlleben
  gedieh  hier,  auch  geistige  Früchte  reisten.  Bamberg  wurde  für  den
Klerus  alsbald  eine  der  ersten  Schulen,  die  Kunst  und  Wissenschaft  nach  allen
Richtungen  förderte.

Indem  ein  kräftiger  Stamm  echtdeutschen  Kernes  hier  angepflanzt  wurde,
trieb  er  weithin  seine  Wurzeln  und  Aste  und  raubte  dem  andersartigen  Gesträuch,
  das  bisher  aufgeschossen  war,  die  nährenden  Säfte.  Überall  in  den
Landesstrichen  zwischen  dem  Main,  der  Altmühl  und  dem  Böhmerwalde  starben
die  Reste  slavischen  Wesens  dahin,  so  daß  vollkräftiges  deutsches  Leben  Platz
gewann.  Damals  wird  zuerst  Fürth,  ein  Menschenalter  nach  Bambergs
Gründung  zuerst  Nürnberg  genannt.  Nach  und  nach  verschwanden  auch
im  Würzburger  Lande  die  slavischen  Kolonisten.  Im  Osten  von  Bamberg
drangen  selbst  über  die  Grenze,  die  der  Kamm  des  Gebirges  zieht,  deutsche
Sprache  und  Sitte  in  Böhmen  ein.  Denn  auch  das  Egerland  wurde  jetzt
von  Deutschen  angebaut.  Und  um  ein  Jahrhundert  später  zog  ein  Bam-1)

  „Geschichte  der  deutschen  Kaiserzeit“,  II.  Band,  S.  52  ff.  Braunschweig  1875.
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        15.  Die  Gründung  des  Bistums  Bamberg.  57

berger  Bischof  an  die  Gestade  der  Ostsee  um  den  entlegensten  Stämmen
der  Wenden  das  Christentum  zu  predigen  und  dadurch  auch  ihre  Germanisierung
  vorzubereiten.  Man  hat  oft  in  der  Gründung  Bambergs  nichts  anderes
sehen  wollen  als  das  Werk  frömmelnder  Laune  eines  bigotten  Fürsten;  aber
sicherlich  war  es  ein  Werk,  auf  welches  der  Himmel  seinen  Segen  gelegt  hat.

Die  Stiftung  eines  Bistums  war  im  Deutschen  Reiche  keine  geringe  Sache.
Welche  Mühen  hatte  nicht  der  große  Otto  in  aller  seiner  Kaisermacht  zu  bestehen
  um  das  Erzbistum  Magdeburg  ins  Leben  zu  rufen  und  einige  Teile
der  Halberstädter  Diözese  für  dasselbe  zu  gewinnen!  Wenn  nun  Heinrich  im
fünften  Jahre  seiner  Regierung  angriff,  was  der  gewaltige  Kaiser  kaum  in
zwanzigjährigen  Anstrengungen  erreichte,  so  zeugt  dies  vorweg  für  einen  Mut,
der  vor  keiner  Schwierigkeit  zurückbebte,  wie  nicht  minder  für  ein  starkes  Bewußtsein
  seiner  gesicherten  Macht.  Die  Wege,  die  er  zum  Ziele  einschlug,  enthüllen
  uns  das  innerste  Wesen  des  eigentümlichen  Fürsten.

Nach  dem  gewaltsamen  Sturze  der  Babenberger  unter  Ludwig  dem  Kinde
war  ein  Teil  ihrer  Burgen  und  Güter  nicht  wieder  zu  Lehen  ausgetan  sondern
bei  der  Krone  verblieben.  Zu  ihnen  gehörten  die  Burgen  Babenberg  und
Aurach  im  Gau  Volkfeld,  die  Otto  II.  mit  allen  zugehörigen  Ländereien  im
Jahre  973  an  den  Vater  Heinrichs  zu  freiem  Eigentum  schenkte.  Vom  Vater
gingen  sie  auf  den  Sohn  über,  der  sich  von  früher  Jugend  an  gern  zu  Bamberg
  aufhielt  und  für  die  Verschönerung  der  Burg  keinen  Aufwand  scheute.
Bei  seiner  Vermählung  mit  Kunigunde  verschrieb  er  sie  als  Leibgedinge  seiner
Gemahlin  und  fuhr  auch  als  König  fort  das  ihm  liebe  Besitztum  auf  alle
Weise  zu  verbessern.  Als  ihm  dann  die  Hoffnung  Leibeserben  von  Kunigunden
zu  erhalten  zu  schwinden  anfing,  erwuchs  in  ihm  der  Gedanke  Bamberg  dem
Dienste  der  Kirche  zu  widmen  und  ein  Bistum  daselbst  zu  begründen.  Längere
Zeit  trug  er  nach  seiner  Sitte  den  Plan  schweigend  mit  sich  umher,  bereitete
indessen  alles  zu  seiner  Verwirklichung  vor.  Er  begann  den  Bau  eines  großen
Domes  mit  zwei  Unterkirchen  und  beschaffte  alle  Bedürfnisse  einer  bischöflichen
Kirche  mit  emsiger  Sorgfalt.  Vor  allem  aber  bedurfte  er  um  dem  neuen
Bistum  einen  genügenden  Sprengel  zuweisen  zu  können  von  den  Bischöfen
von  Würzburg  und  Eichstätt  der  Abtretung  eines  Teiles  ihrer  Diözesen  im
Volkseld  und  Radenzgau.

Im  Jahre  1007  trat  der  König  endlich  mit  seiner  Absicht  offen  hervor.
Am  6.  Mai,  seinem  Geburtstage,  schenkte  er  seine  Eigengüter  im  Volkfeld  und
im  Radenzgau  an  die  Bamberger  Kirche  und  berief  auf  Pfingsten  eine  Synode
nach  Mainz,  auf  der  er  seinen  Plan  durchzusetzen  erwartete.  Vier  Erzbischöfe
  und  dreizehn  Bischöfe  waren  erschienen,  unter  ihnen  auch  der  Bischof
von  Würzburg,  während  der  Eichstätter  ausgeblieben  war.  Mit  jenem  trat
der  König  nun  zunächst  in  geheime  Verhandlungen  und  wußte  ihn  in  der  Tat
zu  den  gewünschten  Abtretungen  zu  bewegen,  indem  er  ihm  dafür  sowohl
150  Hufen  Landes  in  der  Meinunger-Mark  überließ  wie  auch  die  Erhebung
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        58  15.  Die  Gründung  des  Bistums  Bamberg.

seines  Bistums  zu  einem  Erzbistum,  dem  Bamberg  untergcordnet  werden
sollte,  in  Aussicht  stellte.  So  ließ  sich  der  Bischof  bestimmen  den  beanspruchten
Parochien  zu  entsagen  und  übergab  zum  Unterpfand  dessen  seinen  Stab  in  die
Hände  des  Königs.  Die  Entsagung  des  Bischofs  wurde  sofort  der  Synode
mitgeteilt,  welche  darauf  in  die  Absichten  des  Königs  einging  und  darin  willigte,
daß  zwei  Kapellane  desselben  nach  Rom  gesandt  würden  um  die  Einwilligung
des  Papstes  zur  Stiftung  des  neuen  Bistums  und  der  dadurch  bedingten  Veränderung
  der  Diözesangruppen  zu  erlangen.  Der  Würzburger  selbst  unterstützte
das  Gesuch  der  Synode  durch  ein  Schreiben  und  Papst  Johann  X  VIII.  nahm
keinen  Anstand  die  Stiftung  König  Heinrichs  anzuerkennen.  Im  Juni  brachte
der  Papst  auf  einer  Synode  in  der  Peterskirche  die  Sache  zur  Verhandlung.
Die  Gründung  des  neuen  Bistums  wurde  hier  nicht  allein  genehmigt  sondern
dasselbe  durch  eine  päpstliche  Bulle  auch  in  den  besonderen  Schutz  des  Stuhles
Petri  genommen.  Der  Bischof  von  Bamberg  sollte  seinem  Metropolitanen,
dem  Erzbischof  von  Mainz,  untergeben  sein;  die  Hoffnungen  des  Würzburger
Bischofs  auf  eine  Erhöhung  seiner  Kirche  erfüllten  sich  also  nicht.

In  der  Tat  hatte  Heinrich  nie  ernstlich  daran  denken  können  Würzburg
zu  einem  Erzbistum  zu  erheben.  Es  wäre  dies  ein  tiefer  Eingriff  in  die  Rechte
des  Mainzer  Erzbischofs  gewesen  und  nimmermehr  hätte  ein  Mann  wie
Willigis,  dem  der  König  überdies  seine  Krone  dankte,  einen  solchen  ungestraft
hingehen  lassen.  Des  Königs  Versprechen  war  nur  ein  Köder  gewesen  um
den  Würzburger  desto  sicherer  in  die  Falle  zu  locken.

Sobald  der  König  die  päpstliche  Bulle  in  Händen  hatte,  eilte  er  das
neue  Bistum  ins  Leben  zu  rufen.  Jedes  Bedenken,  welches  die  Stiftung  gefährden
  könnte,  suchte  er  jedoch  vorsichtig  zuvor  zu  beseitigen.  Er  gewann  die
Einwilligung  seines  Bruders  Brun,  den  er  vor  kurzem  zum  Bischof  von  Augsburg
  erhoben  hatte;  er  erlangte  die  Zustimmung  der  Herzoge  und  Grafen  des
Reiches;  er  versammelte  endlich  die  stattlichste  Synode,  die  noch  jemals  in
Deutschland  gehalten  war,  um  so  den  Anfängen  seiner  Stiftung  eine  ganz  besondere
  Weihe  zu  geben.

Am  1.  November  1007  trat  die  Synode  in  Frankfurt  zusammen.
Nicht  nur  die  Anwesenheit  aller  deutschen  Bischöfe  hatte  der  König  in  Anspruch
genommen,  auch  aus  Italien,  aus  dem  burgundischen  Reiche,  das  er  schon  als
sein  Erbe  ansah,  hatte  er  die  geistlichen  Würdenträger  beschieden  und  selbst
bis  nach  Ungarn,  dem  Reiche  seines  Schwagers,  war  der  Ruf  zur  Synode
erschollen.  So  waren  denn  in  Frankfurt  vier  deutsche,  zwei  burgundische  Erzbischöfe
  und  der  Erzbischof  von  Ungarn  erschienen;  außerdem  hatte  eine  große
Zahl  von  deutschen,  burgundischen  und  italienischen  Bischöfen  sich  eingestellt.
Auch  Bischof  Brun  von  Augsburg,  der  Bruder  des  Königs,  war  unter  den
Anwesenden  wie  der  Bischof  von  Eichstätt,  obgleich  dieser  sich  zu  der  Abtretung
des  beanspruchten  Teiles  seiner  Diözese  auf  keine  Weise  hatte  bewegen  lassen,
so  daß  der  König  am  Ende  davon  Abstand  nahm.  Dagegen  fehlte  in  der
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        15.  Die  Gründung  des  Bistums  Bamberg.  59

Versammlung  der  Würzburger  Bischof.  Der  Betrogene  sann  auf  Rache:  mit
einem  Schlage  wollte  er  die  Hoffnungen  des  Königs  im  Augenblick  ihrer
Erfüllung  vernichten.  Er  schickte  deshalb  seinen  Kapellan  Berengar  zu  der
Synode  mit  der  Weisung  ab  gegen  die  Errichtung  des  neuen  Bistums  entschiedene
  Einsprache  zu  erheben.

Der  König  sah  sich  inmitten  der  glänzenden  Versammlung,  die  er  zur
Verherrlichung  seiner  Stiftung  berufen  hatte,  so  nahe  dem  gehofften  Ziele,
plötzlich  in  die  peinlichste  Lage  versetzt.  Die  Einsprache  des  Würzburger
Bischofs  konnte  die  Begründung  des  Bistums,  wenn  auch  nicht  völlig  vereiteln,
doch  gefährden  oder  auf  ungewisse  Zeit  verschieben;  alles  mußte  ihm  daran
liegen  die  Synode  so  für  sich  zu  gewinnen,  daß  er  mit  der  Wucht  ihres
Ansehens  die  vereinzelte  Einsprache  des  Würzburgers  niederzudrücken  vermochte.
Nur  durch  untrügliche  Zeichen  der  tiefsten  Ergebenheit  konnte  er  hoffen  die
versammelten  Bischöfe  ganz  für  sich  und  seine  Absichten  zu  stimmen.  Kaum
war  daher  die  Synode  eröffnet,  so  warf  er  sich  vor  der  Versammlung  zum
Staunen  aller  wie  ein  Schutzflehender  zur  Erde  nieder.  Seine  Demütigung
gewann  ihm  die  heiligen  Väter  der  Kirche;  nur  so  konnte  er  erreichen,  was
er  bezweckte.

Als  der  Erzbischof  Willigis  von  Mainz  schließlich  die  Versammlung  um
ihre  Willensmeinung  befragte,  erklärte  zuerst  der  Erzbischof  von  Magdeburg,
es  stehe  nach  den  Worten  des  Königs  der  Errichtung  eines  neuen  Bistums
kein  Hindernis  mehr  im  Wege,  und  alle  Anwesenden  pflichteten  dieser  Meinung
  bei.  Die  ganze  Versammlung  gab  endlich  schriftlich  ihre  Zustimmung
zu  dem  Privilegium  des  Papstes  für  Bamberg  und  unterzeichnete  die  Verhandlungen
  der  Synode.

Später  gab  auch  der  Würzburger  Bischof  seinen  Widerstand  auf.  Er
schickte  sich  in  den  Willen  des  Königs  und  dieser  nahm  ihn  wieder  zu  Gnaden
an.  Am  7.  Mai  des  Jahres  1008  trat  Bischof  Heinrich  urkundlich  mit  Zustimmung
  des  Klerus,  der  Dienstmannen  und  des  gesamten  Volkes  seiner
Kirche  die  beanspruchten  Teile  seines  Sprengels  für  ewige  Zeiten  ab;  dagegen
  stellte  ihm  der  König  gleichzeitig  nicht  nur  über  die  früher  in  Tausch
gegebenen  Güter  eine  Urkunde  aus  sondern  fügte  auch  eine  neue  Schenkung  hinzu.

Obgleich  der  Bau  des  Bamberger  Domes  noch  nicht  vollendet  war,  trat
doch  sofort  das  neue  Bistum  ins  Leben.  Als  der  erste  Bischof  wurde  Eberhard,
  ein  Berwandter  des  Königs,  der  ihm  bis  dahin  als  Kanzler  treu  gedient
hatte,  eingesetzt  und  noch  am  Tage  jener  Synode  von  Willigis  geweiht.  Zugleich
  stellte  der  König  29  Urkunden  aus,  durch  welche  er  dem  Bistum  sechs
Abteien  unterwarf  und  zahlreiche  Schenkungen  machte,  sowohl  in  unmittelbarer
Nähe  Bambergs  wie  in  weiterer  Ferne,  in  Schwaben,  im  Elsaß,  in  Bayern
und  Kärnten.

Der  Bau  des  Bamberger  Domes  wurde  im  Jahre  1012  vollendet.
  Der  König  hatte  seinen  vierzigsten  Geburtstag  zur  Einweihung
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        60  15.  Die  Gründung  des  Bistums  Bamberg.

bestimmt  und  lange  vorher  alle  Vorbereitungen  zu  derselben  getroffen.  45  Erzbischöse
  und  Bischöfe  versammelten  sich  in  Bamberg;  alle  Großen  des  Reiches
stellten  sich  ein.  Die  kaiserlichen  Schwestern  Ottos  III.,  Sophie  und  Adelheid,
erschienen  und  selbst  Gesandte  des  Papstes  kamen  aus  Rom.  In  Gegenwart
dieser  stattlichen  Versammlung  fand  am  6.  Mai  die  feierliche  Weihe  statt.
Den  westlichen  und  Hauptaltar  weihte  Bischof  Eberhard  selbst,  die  übrigen
Altäre  wurden  von  den  Erzbischöfen  von  Köln  und  Trier,  Mainz,  Salzburg,
Magdeburg  und  Ungarn  geweiht.  Eine  zahllose  Menge  von  Reliquien,  auch
Gebeine  des  heiligen  Adalbert,  wurden  in  den  Altären  niedergelegt.  Kirche
und  Bistum  wurden  der  Jungfrau  Maria,  den  Aposteln  Petrus  und  Paulus
und  den  Heiligen  Georg  und  Kilian  gewidmet.

Ein  stattliches  Kloster  durfte  dem  neuen  Bistum  nicht  fehlen  und  auch
hierfür  trug  Heinrich  Sorge.  Es  wurde  auf  einer  Höhe  bei  Bamberg  der
Bau  eines  Klosters  begonnen,  das  dem  Erzengel  Michael  geweiht  werden
sollte.  Das  Michaelskloster  auf  dem  Engelsberg,  wie  man  es  zuerst
nannte,  wurde  im  Anfange  mit  15  Höfen  ausgestattet,  welche  der  König
zum  Teil  im  Jahre  1015  von  den  Klöstern  Hersfeld  und  Fulda  eintauschte.
Die  Urkunde,  welche  den  Güterbestand  des  neuen  Klosters  verbriefte,  ist  am
8.  Mai  1017  zu  Frankfurt  ausgestellt  worden.  Den  Bau  der  Klosterkirche
vollendete  man  erst  im  Jahre  1021,  als  die  Einweihung  durch  die  Erzbischöfe
von  Mainz  und  Köln  erfolgte.

Und  nicht  minder  war  der  König  auf  die  geistige  Blüte  und  geistliche
Belebung  dieser  Stiftung  bedacht.  Er  wollte,  Bambergs  Klerus  solle  mit
der  Sittenstrenge  Hildesheims  die  gelehrte  Bildung  Lüttichs  vereinen.  In
hohem  Maße  ließ  er  es  sich  angelegen  sein  eine  reiche  Bibliothek  zu  gründen.
Die  wertvollen  Handschriften,  welche  Bamberg  nach  der  Wegführung  seiner
Kleinode  nach  München  geblieben  sind,  verdankt  es  großenteils  Heinrich.  Nicht
wenige  Bücher  hat  er  selbst  für  Bamberg  schreiben  und  mit  wahrhaft  königlicher
  Pracht  ausstatten  lassen;  alles,  was  die  alternde  Kunst  von  Byzanz  noch
leisten,  was  der  in  den  Windeln  liegende  deutsche  Kunstfleiß  erreichen  konnte,
wurde  an  ihnen  aufgewendet.  Andere  Bücher  wußte  er  aus  älteren  berühmten
Bibliotheken  für  Bamberg  zu  gewinnen;  selbst  aus  weiter  Ferne  ward  manches
durch  ihn  herbeigeschafft.  Nicht  ohne  Verwunderung  findet  man  jetzt  dort
Handschriften  vereinigt,  die  ursprünglich  St.  Gallen,  Lobbes,  Stablo,
Piacenza,  Reims  oder  einem  normannischen  Kloster  angehört  haben.  Mit
der  Bibliothek  kam  die  Stiftsschule  empor  und  gewann  alsbald  einen
bedeutenden  Ruf.

Bald  bildete  sich  um  die  bischöfliche  Kirche  eine  umfängliche,  ziemlich
bevölkerte  Stadt.  Im  Jahre  1020  war  sie  bereits  umwallt,  eine  Brücke
führte  über  die  Regnitz.  Es  war  damals,  daß  ein  Papst  durch  das  Stadttor
einzog  und  ihm  zu  Ehren  Feste  gefeiert  wurden,  die  alles  an  Glanz  überboten,
  was  jene  Zeit  kannte.  Der  Name  Bambergs,  noch  vor  einem  Menschen-
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        16.  Der  Bamberger  Dom.  61

alter  kaum  gekannt,  erfüllte  das  ganze  Abendland.  Dieser  entlegene  Ort  an
den  Grenzen  der  Slaven  kam  durch  Heinrich  ebenso  schnell  zu  Bedeutung  wie
einst  Magdeburg  durch  Otto  den  Großen.

In  allem,  was  Heinrich  für  Bamberg  tat,  stand  ihm  seine  Gemahlin
hilfreich  zur  Seite.  Hier,  wie  in  allen  Dingen,  waren  sie  beide  ein  Herz
und  eine  Seele.  Kaiserin  Kunigunde  hat  verdient,  daß  ihr  Name  mit  dem
ihres  Gatten  unzertrennlich  verbunden  wurde,  daß  Bamberg  ihrer  mit  gleicher
Pietät  wie  Heinrichs  gedenkt.  In  dem  harmonischen  Geläute,  welches  allabendlich
  in  den  Straßen  und  Gärten  Bambergs  widertönt  und  fromme
Seelen  zum  Gebete  einladet,  hallt  beider  Name  und  Andenken  noch  heute
fort  und  wird  zu  den  spätesten  Nachkommen  gelangen.:)

16.  Der  Bamberger  Dom.
Von  Hans  Probst.“

Bevor  der  Steigerwald  mit  der  Regnitz  sich  westlich  ins  Maintal  wendet,
teilt  er  sich  durch  gleichmäßige  Taleinschnitte  in  schmale  Ausläufer,  die  sich
erst  sanft  zur  halben  Tiefe  senken  um  dann  steiler  bis  an  das  Regnitzufer
abzufallen.  Von  unten  aus  scheinen  diese  Ausläufer  eine  Reihe  selbständiger
Vorhügel.  Einer  der  mittleren  trug  schon  in  alter  Zeit  einen  fürstlichen  Hof.
Einst  der  Sitz  der  tapferen  Babenberger  war  er  kaiserliches  Krongut,  bis
ihn  Otto  II.  seinem  Vetter  Heinrich  dem  Zänker  als  Geschenk  überließ.
Von  da  an  weilte  dieser  Bayernherzog  oft  hier  mit  seinem  Erstgebornen
Heinrich,  auf  dessen  Haupt  dereinst  die  Krone  der  Ottonen  übergehen  sollte.
Diesem  war  so  der  Ort  teuer  durch  Erinnerungen  der  Kindheit.  Oft  mochten
hier  den  jagdfrohen  Jüngling  die  nahen  Wälder  locken.  Von  hier  sah  er
hinab  ins  breite  Regnitztal,  das  ihn  mit  dem  Süden,  mit  seinem  bayerischen
Herzogtum  verband,  und  ins  Maintal,  das  ihm  nach  Norden  wie  nach  Westen
den  Weg  in  die  deutschen  Lande  öffnete.  Hier,  im  Mittelpunkte  seines  kaiserlichen
  Machtbereiches,  fand  er  auch  Ruhe  und  heitere  Sammlung  in  dem
freien  Ausblick;  war  er  doch  ein  Freund  landschaftlicher  Schönheit.  Die
Fluren  Italiens  zwar  fesselten  ihn  niemals  lange;  dagegen  versichert  sein
Chronist  Thietmar,  daß  ihn  unsere  Gefilde,  sobald  er  sie  wieder  sah,  so  heiter
anlachten.  Wie  sollten  ihn  da  nicht  vor  allem  die  fränkischen  Bergzüge  anheimeln?
  Im  Osten  die  lieblich  geschwungenen  Jurahöhen,  nördlich  die  Ausläufer
  des  Thüringerwaldes  und  der  Haßberge?  Nicht  kühn  und  gewaltig
sind  sie,  sondern  überall  freundlich  und  ebenmäßig;  sie  umgrenzen  das  Gesichtsfeld
  wohltuend,  weder  beengend  noch  ins  Weite  verschwimmend.

Zum  Erben  dieses  Lieblingsortes  bestimmte  der  fromme,  kinderlose  Fürst
frühe  schon  die  Kirche  und  mit  königlicher  Freigebigkeit  förderte  er  die

1)  Die  beiden  großen  Domglocken  sind  Heinrich  und  Kunigunde  getauft.
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        62  16.  Der  Bamberger  Dom.

Gründung  des  neuen  bischöflichen  Sitzes.  Auf  dem  Burghügel  erstand  seit  1004
auf  sein  Geheiß  ein  Dom  und  wenige  Jahre  nachher  stiftete  er  nördlich  auf
dem  benachbarten  Michelsberg  ein  Kloster,  seine  Gemahlin  Kunigunde  südlich
auf  dem  Stephansberg  die  Kirche.  Wer  sich  nun  Bamberg  vom  Regnitztale
nähert,  den  grüßt  als  stolzes  Wahrzeichen  der  Kranz  von  Kirchen  und  wie
in  der  Mitte  eines  Ehrengeleites  thronend  der  viertürmige  Dom.  Wie  Burgen
heben  sich  die  Bauten  ab  und  Bollwerke,  Vorwerke  des  Deutschtums  und
Christentums  sollten  sie  auch  sein  in  dem  damals  von  Slaven  besiedelten  Gau.
Doch  überragen  sie  nicht  den  abschließenden  Höhenkreis,  sondern  indem  sie  auf
den  Vorhöhen  ruhen,  bildet  ihnen  die  Linie  des  Steigerwaldes  den  anmutigen
Hintergrund.  Nicht  zum  Himmel  kühn  anstreben  wollte  diese  Bauweise,  sondern
  sich  in  die  Gegend  gleichgestimmt  einfügen.  Es  ist  eine  wohlerwogene,
mit  feinem  Sinn  durchdachte  Gründung.

Den  Fuß  des  Domberges  umschließen  mächtige  Strebemauern  und  Gebäude.
  Auf  Herder  machten,  als  er  1788  Bamberg  besah,  diese  Domherrnhöfe
und  die  bischöfliche  Residenz  den  Eindruck  von  Festungsmauern;  ja  noch  heute
sondert  sich  der  ehemolige  Fürstensitz  rings  von  der  übrigen  Stadt  wie  eine
Akropolis  ab.  Freilich  dürfen  wir  nicht  erwarten  jene  erste  Schöpfung  Heinrichs
  selbst  noch  vorzufinden.  Namentlich  über  den  Dom  berichten  Chroniken
und  Urkunden  allerlei  Unglück;  er  wurde  zweimal,  nämlich  1081  und  1185,
durch  Feuersbrunst  beschädigt  oder  großenteils  zerstört  und  jüngere  Geschlechter
mit  neuen  Kunstformen  nahmen  den  Bau  wieder  auf;  1237  fand  eine  feierliche
  Einweihung  statt,  1274  wurde  noch  zur  Förderung  des  Werkes  ein  Ablaß
gewährt.

Der  leicht  gewundene  Weg  öffnet  sich  plötzlich  zum  weiten,  sanft  ansteigenden
  Domplatz.  Der  Dom  wendet  uns  seine  östliche  Schmalseite  zu
zwischen  zwei  grauen  Türmen,  die  mit  den  spitzen,  lichtgrünen  Kupferdächern
eine  Höhe  von  78  Meter  erreichen  und  den  Beschauer  mit  Ehrfurcht  erfüllen.
Dann  an  der  nördlichen  Langseite  hinblickend  sehen  wir  das  Querschiff  vortreten
  und  über  die  Satteldächer  die  Westtürme  aufstreben.  Nach  dem  ersten
überraschenden  Anblick  schweist  das  Auge  seitlich  weiter  über  den  freien  Platz.
Die  alte  und  die  neue  Residenz  umrahmen  vornehm  die  drei  übrigen  Seiten
des  Viereckes.  Wenig  deutsche  Städte  gibt  es,  die  sich  eines  Platzes  von  so
feierlicher  Schönheit  rühmen  können.  Die  Größe,  die  einheitliche  Anlage,  der
übereinstimmende  Ton  des  Bausteines,  die  selten  gestörte  Stille  geben  ihm
einen  würdigen  Ernst.  Wir  durchschreiten  ihn  bis  zur  Mitte  und  hier,  von
der  Welt  abgeschlossen  und  doch  nicht  durch  den  Abschluß  beengt,  können  wir
uns  mit  ruhiger  Sammlung  in  den  Aufbau  des  Domes  vertiefen.

Jetzt,  in  richtigem  Abstand,  erscheinen  die  zwei  Turmpaare  einheitlich  und
gleichmäßig;  sie  fügen  sich  ruhig  und  schön  in  das  Gesamtbild,  starke  Eckpfeiler,
  die  den  Hauptbau  stützen  und  seine  Endpunkte  herausheben.  Dieser
selbst  dehnt  sich  mit  seinem  Satteldach  in  ungeschmälerter  Größe  von  Ost  nach
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        16.  Der  Bamberger  Dom.  63

West;  denn  die  Aufgabe  einen  großen  umschlossenen  Raum  für  die  Gemeinde
zu  schaffen  wird  im  romanischen  Baustil  vornehmlich  noch  durch  die  Längsrichtung
  erstrebt.  Das  Querschiff  betont,  indem  es  mit  gleichhohem  Satteldach
  das  Hauptschiff  durchschneidet,  ein  Wachsen  ins  Breite.  Da  es  nicht  an
die  Stirnseite,  sondern  nach  Westen  verlegt  ist,  so  läßt  es  die  Längsrichtung
des  Hauptbaues  frei  und  unverdeckt  und  gibt  zugleich  einen  abschließenden
Hintergrund.  Als  zweites  Mittel  den  Innenraum  zu  verbreitern  zieht  sich
das  Seitenschiff  längs  des  Hauptschiffes  in  halber  Höhe  hin,  mit  pultartigem

 

 

 

 

Der  Bamberger  Dom.

Dach  angelehnt  und  zwischen  Ostturm  und  Querschiff  eingelagert.  Der  gelbe,
vom  Alter  grau  getönte  Sandstein  der  großen  Mauerflächen,  die  von  rundbogigen
  Fenstern  durchbrochen  sind,  hebt  sich  ruhig  ab  vom  schwarzblauen
Schiefer  der  Pult=  und  Satteldächer.  Unter  jeder  Dachlinie  läuft  ein  Gesims
mit  Rundbogenfries,  das  heißt  einem  Schmuckstreifen  aus  kleinen,  aneinander
gereihten  Rundbögen,  die  auch  mit  den  Giebellinien  an  den  Schmalseiten  des
Haupt=  und  Querschiffes  auf  und  ab  steigen.  Dieses  vornehmste  Kennzeichen
romanischen  Stiles  betont  deutlich  die  oberen  Abschlüsse  der  Bauteile  und  verstärkt
  ebenso  wie  der  unten  um  den  Bau  führende  Sockelsims  den  vorherrschenden
  Eindruck  wagrechter  Ausdehnung.  Die  flachen,  bandartigen  Streifen,
die  zwischen  den  Fenstern  des  Seitenschiffes  emporführen,  die  sogenannten
Lisenen,  schwächen  diese  Wirkung  keineswegs  ab,  sondern  verbinden  nur  die
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        64  16.  Der  Bamberger  Dom.

Gesimse  des  Sockels  und  des  Pultdaches  und  gliedern  die  lange  Wand  in
Felder.

Der  Bau  ordnet  sich  also  deutlich  und  übersichtlich;  nirgends  ist  verdeckendes
  Scheinwerk,  überwuchernder  oder  irreführender  Schmuck.  Kraftvoll
in  stolzer  Einfachheit  hebt  sich  der  Hauptraum,  die  zwei  hohen,  sich  durchschneidenden
  Hallen;  wohltuend  ordnen  sich  die  Seitenhallen  unter.  Das
überall  waltende  strenge  Ebenmaß,  das  weithin  schon  die  paarweise  angeordneten
  Türme  verkündeten,  läßt  uns  sogar  ergänzen,  was  dem  lberblick  nicht
ofsen  daliegt.  Da  nämlich  ein  Mittelschiff  auf  der  Seite,  wo  es  von  einem
Querschiff  durchschnitten  wird,  in  einen  Altarraum  endigen  muß,  so  haben  wir
hier,  der  Apsis  zwischen  den  zwei  Osttürmen  entsprechend,  auch  eine  zwischen
den  zwei  Westtürmen  zu  vermuten.  Der  romanische  Stil  in  Deutschland  liebt
doppelchörige  Kirchen.  Er  verzichtet  allerdings  damit  auf  einen  großen  Vorteil,
  nämlich  auf  ein  Mittelportal  an  einer  Schmalseite,  von  wo  aus  der  Eintretende
  sofort  den  ganzen  Innenraum  überschaut.  Frei  könnte  alsdann  das
Auge  die  Haupthalle  und  die  Decke  entlang  wandern,  gegenüber  an  der  Apsis
ruhen  und  seitlich  durch  die  Arkaden  in  die  Nebenschiffe  schweifen.  Unser  Dom
gestattet  uns  keinen  so  raschen  und  einheitlichen  ÜUberblick.  Die  Ostseite  hat  nur
Türen  im  Untergeschoß  der  Türme,  links  die  Adamspforte,  rechts  die  Gnadenpforte;
  jede  führt  zunächst  in  ein  Seitenschiff,  ebenso  nördlich  an  der  Langseite
das  Fürstenportal,  an  der  Giebelseite  des  Querschiffes  das  Veitstor.  Wir
durchschreiten  das  Seitenschiff  und  wenden  uns  gegen  die  Mitte  des  Hauptschiffes,
  wo  der  hohe  Sarkophag  des  Stifterpaares  Heinrich  und  Kunigunde
steht,  ein  figurenreiches  Meisterwerk  Riemenschneiders  aus  Solnhofer
Kalkstein.  Dieser  Standort  ermöglicht  uns  eine  gleichmäßige  Umschau.

Die  Höhe  ist  nicht  mit  einer  flachen  Holzdecke  geschlossen,  wie  es  im
11.  Jahrhundert,  zur  Zeit  des  Stifters,  noch  üblich  war;  man  hat,  wohl  durch
die  wiederholten  Brände  gewarnt,  eine  Wölbung  mit  Stein  durchgeführt  und
zwar  offenbart  sich  bereits  ein  neues  Kunstgesetz:  den  Halbkreisbogen  verdrängte
der  Spitzbogen.  Schon  die  starken  Pfeiler,  die  das  Mittelschiff  von  den
Seitenschiffen  trennen  und  die  hohen  Wände  tragen,  sind  mit  Spitzbögen  zu
Arkaden  verbunden.  Wohl  sucht  über  den  Arkaden  ein  wagrechtes  Gesims
noch  wie  in  alter  Zeit  unseren  Blick  zur  Altarnische  zu  lenken;  aber  vom
Pfeilergrund  laufen  vorgelegte  Pilaster  als  kräftige  Streifen  aufwärts,  durchbrechen
  die  horizontale  Linie,  setzen  sich  bis  zum  Gewölbe  fort  und  vereinigen
sich  mit  den  entsprechenden  Streifen  der  gegenüberstehenden  Pfeiler  zu  spitzbogigen
  Gewölbegurten.  Doch  nicht  von  allen  Pfeilern  der  Arkadenreihe  führen
Tragbänder  empor;  nur  jedes  zweite  Pfeilerpaar  bildet  ein  solches  Joch.  Auch
seitlich  schwingt  sich  in  der  Höhe  des  Gewölbeansatzes  von  Jochpfeiler  zu  Jochpfeiler
  ein  schmaler  Längsgurt  und  schließt  die  Wand  über  den  rundbogigen
Fenstern  spitzbogig  ab.  Durch  die  Haupt=  und  Seitengurte  ist  nun  das  Gewölbe
  in  gleiche  Felder  mit  quadratischem  Grundriß  geteilt;  von  Eck  zu  Eck
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        16.  Der  Bamberger  Dom.  65

aber,  als  Diagonalen,  steigen  noch  Rippen  empor  und  treffen  sich  am  Scheitel
in  einem  Schlußstein.  Diese  Gurte  und  Kreuzrippen  tragen  gemeinsam  die
leichteren,  dazwischen  eingespannten  Gewölbekappen.  Ein  besonders  großer
Schlußstein  vereinigt  die  Rippen  jenes  Gewölbefeldes,  das  entsteht,  indem  sich
Haupt=  und  Querschiff  durchschneiden,  die  sogenannte  Vierung.  Sie  bildet
das  Richtmaß,  woran  sich  folgerichtig  die  übrigen  Felder  gliedern:  je  eines
nach  Westen,  Norden  und  Süden  und  fünf  nach  Osten.  An  die  beiden  Enden
der  Längsrichtung  schließen  sich  die  Altarnischen.  Neben  den  fünf  östlichen
Quadraten  ziehen  sich  die  Seitenschiffe  hin,  nur  halb  so  breit  und  hoch.  Hier
führt  von  jedem  Arkadenpfeiler  ein  Gurtpilaster  empor,  so  daß  die  Wölbung
zehn  quadratische  Felder  zeigt,  doppelt  soviel  wie  das  Mittelschiff.

Der  Spitzbogen  und  das  Kreuzgewölbe  mit  Rippen,  die  wesentlichen
Merkmale  der  Gotik,  sind  demnach  im  Inneren  schon  durchweg  angewandt.
Von  Ost  nach  West  können  wir  am  Gewölbe  entlang  den  Fortschritt  verfolgen.
Nur  das  Halbrund  der  Ostapsis  ist  noch  mit  einer  glatten  Halbkuppel  überwölbt.
Im  vollsten  Gegensatz  weist  die  fünfeckige  Westapsis  in  eine  spätere  Zeit;  vorgelegte
  Halbsäulen  führen  in  den  Ecken  als  Rippen  zu  einem  gemeinsamen
Schlußstein  empor.  Ahnlich  ist  das  davorliegende  Gewölbequadrat,  zwischen
Apsis  und  Vierung,  in  zwei  durchkreuzte  Rechtecke  zerlegt,  ebenso  die  Flügel
des  Querschiffes;  das  Gewölbe  scheint  zusammengeschoben;  das  reichere  Rippennetz
  macht  die  Decke  leichter;  statt  der  Pilaster  tragen  Halbsäulen  die  Gurtbögen,
  setzen  sogar  erst  in  der  Höhe  auf  Konsolen  an.  Doch  stört  dieser  allmähliche
  Wandel  vom  Ostchor  zum  Westchor  nicht  den  einheitlichen  Eindruck.
Die  auf  Ludwigs  I.  Befehl  von  1828  bis  1837  vorgenommene  Erneuerung
hat  zwar  mit  dem  Verputz  und  Beiwerk  späterer  Zeiten  auch  die  alte  Bemalung
ohne  Gnade  entfernt,  so  daß  nun  der  Zauber  der  Farbe  fehlt;  die  lichtgraue
Steinfarbe  verstärkt  den  Eindruck  schmuckloser  Einfachheit.  Dafür  wirkt  aber
der  wuchtige  Aufbau  zu  einer  Höhe  von  25  Metern  um  so  unmittelbarer;  die  aufwärtsstrebenden
  Träger  mit  den  Gurten  und  Rippen  verkörpern  abgewogene
Kraft;  der  Verzicht  auf  alles  spielende  Beiwerk  verleiht  dem  Innenraum  eine
vornehme,  ernste  Würde.

Die  beiden  Chöre  rücken  von  der  Apsis  um  zwei  Quadratfelder  in  das
Mittelschiff  vor;  der  Boden  ist  um  mehr  als  ein  Dutzend  Stufen  erhöht,  da
sich  eine  gewölbte  Gruftkapelle  darunter  befindet.  Gegen  die  Seitenschiffe  sind
sie  noch  mit  aufgesetzten  Steinschranken  abgeschlossen.  Die  Chöre  allein  bedachte
man  reich  mit  plastischem  Schmuck.  Teils  zieht  sich  an  der  Innenwand  der
Apsis  unter  den  Fenstern  eine  Bogenreihe  hin  teils  ist  die  Außenfläche  der
Seitenschranken  mit  Blendarkaden  und  bedeutenden  Figuren  ausgezeichnet.  Unvergeßlich
  bleibt  jedem  das  Reiterbild  Konrads  III.,  der  im  Dom  begraben  liegt.
Am  Pfeiler  links  von  den  Stufen  des  Ostchores  blickt  er  mit  frei  erhobenem
Antlitz  in  den  Kirchenraum;  mit  leichter  Sicherheit  sitzt  er  im  Sattel.  Der
Ostchor  führt  den  Namen  Georgenchor;  denn  schon  bevor  das  Bistum  gegründet

Kronseder.  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  5
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        66  16.  Der  Bamberger  Dom.

wurde,  waren  die  sogenannten  Georgenbrüder  auf  diesem  Grunde  angesiedelt.
Sie  hatten  also  ältere  Rechte;  ihre  Körperschaft  bildete  später  das  Domkapitel.
Der  Westchor  entstand  für  den  Bischof  und  wurde  dem  Apostelfürsten  geweiht,
weshalb  er  Peterschor  heißt.  In  seiner  Mitte  steht  der  Sarkophag  Suidgers.
Dieser,  nach  der  Chronik  Hermans  von  Reichenau  ein  Sachse,  „der  nach
dem  ersten  Eberhard  als  der  zweite  die  Babenberger  Kirche  schon  im

 

Der  Georgenchor  im  Bamberger  Dom.

sechsten  Jahre  leitete,  wurde,  obwohl  er  sich  sehr  sträubte,  zum  obersten
Bischof  der  römischen  Kirche  gewählt  und  mit  einem  neuen  Namen  Klemens  II.
genannt  (1047).  Eben  dieser  erhob  an  demselben  Tage  den  König  Heinrich  III.
durch  die  Einsegnung  zum  Kaiser.  Er  endigte  im  römischen  Lande  im  neunten
Monate  nach  seiner  Erhebung  sein  Leben,  wurde  nach  seinem  Bistum  Babenberg
  gebracht  und  dort  beerdigt.“

Wenden  wir  uns  wieder  der  Außenseite  des  Domes  zu  um  sie  genauer
zu  betrachten,  als  es  beim  ersten  lberblick  hatte  geschehen  können.  Die  Südseite
  kommt  nicht  in  Betracht,  denn  sie  ist  durch  das  anstoßende  Domkapitelhaus
  verdeckt.  Die  Ostseite  bestätigt  uns  wieder,  daß  man  den  Chor  mit
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        16.  Der  Bamberger  Dom.  67

besonderer  Vorliebe  schmückte.  Die  eingeschrägten  Rahmen  oder  Leibungen
der  Rundbogenfenster  sind  mit  Halbkugeln,  sogenannten  Diamanten,  belebt.
Vom  Jußgesims  der  Apsis,  dessen  niedrige  Bogenöffnungen  Licht  in  die  Gruftkapelle
  einlassen,  führen  vorgelegte  Säulen  zwischen  den  Fenstern  empor  und
geben  dem  eigentlich  halbrunden  Nischenbau  äußerlich  die  Form  eines  Vieleckes.
Zwischen  diesen  Ecksäulen  nun  zieht  sich  unter  den  Fenstern  ein  außerordentlich
reiches  Schmuckband  hin:  zu  oberst  ein  Schachbrettfries,  dann  ein  Zahnschnitt
  und  ein  Rautenfries,  dann  wieder  ein  Zahnschnitt  und  schließlich
ein  Rundbogenfries.  Ebenso  zieht  oberhalb  der  Fensterreihe  ein  reicher,  mit
Blattwerk  verzierter  Rundbogenfries  herum.  Den  oberen  Abschluß  bildet  eine
herrliche  Triforiengalerie,  aus  je  drei  Rundbögen  auf  Zwergsäulen  bestehend.

Nicht  minder  kunstreich  sind  die  Eingänge.  Sie  sind  die  eigentlichen
Prachtstücke  der  Außenseite  romanischer  Bauten.  Sie  verengern  sich  in  stufenartigen
  Absätzen  bis  zur  Mitte  des  Mauerdurchmessers,  so  daß  es  aussieht,
als  stünden  viele  Tore  hintereinander,  immer  eines  kleiner  als  das  andere,
mit  der  eigentlichen  Türe  als  Abschluß.  Allerlei  Schmuckwerk  macht  diese
Gliederung  noch  lebendiger:  am  linken  Ostportal  Zackenlinien;  in  den  Ecken
der  Mauerabstufungen  stehen  Säulen;  deren  obere  Hälfte  wird  von  lebensgroßen
  Gestalten  verdeckt;  sie  stehen  auf  Konsolen  und  haben  zu  Häupten
Baldachine:  links  Heinrich,  Kunigunde  und  Stephanus,  rechts  Petrus,  Adam
und  Eva.  Edle  Haltung,  schöner  Faltenwurf,  ausdrucksvolle  Köpfe  zeichnen
die  Figuren  der  Adamspforte  aus.  Da  sie  erst  im  Laufe  des  13.  Jahrhunderts
der  Leibung  eingefügt  wurden,  kann  die  Darstellung  des  Kaiserpaares  nicht
Lals  geschichtlich  treu  gelten.  Die  Gnadenpforte,  rechts  der  Apsis,  führt  den
Säulenschmuck  schon  reicher  aus,  verzichtet  aber  noch  auf  seitlichen  Figurenschmuck.
  Damit  sich  die  Säulen  voneinander  abheben,  ist  ihre  Oberfläche
abwechselnd  gestaltet,  entweder  glatt  oder  kanneliert  oder  wie  mit  einem
Riemengeflecht  überkleidet.  Ahnlich  sind  die  auf  den  phantastischen  Kapitellen
ruhenden  Bögen  unterschieden;  einige  sind,  als  wären  gebogene  Stäbe  mit
dicken  Nägeln  befestigt,  mit  „Diamanten“  besetzt.  Das  Bogenfeld  über  dem
Türsturz  ist  mit  einem  Steinrelief.  Tympanon  oder  Lünette  genannt,  sinnig
ausgefüllt:  es  zeigt  die  Madonna,  der  sich  rechts  das  Stifterpaar,  links  die
Heiligen  Petrus  und  Georg  huldigend  nahen.

Noch  prächtiger  ist  das  Fürstenportal  am  nördlichen  Seitenschiffe.  Das
Tympanon  stellt  das  Jüngste  Gericht  dar.  Die  Pforte  tritt  aus  der  Mauer
heraus  um  eine  reichere  Vertiefung  zu  ermöglichen;  die  Säulen  sind  zahlreicher
und  zeigen  in  der  Oberfläche  noch  größere  Mannigfaltigkeit  als  die  der  Gnadenpforte.
  In  der  Mitte  des  Schaftes  tragen  sie  einen  Ring  oder  Wirtel.  Die
Figuren  stehen  zwischen  den  Säulen,  immer  zwei  übereinander,  eine  auf  den
Schultern  der  anderen,  eine  Anordnung,  die  sinnbildlich  Propheten  und  Apostel
in  ihrem  Verhältnis  andeutet.  Einige  Figürchen  links  oben  an  der  Wölbung
zeigen,  wie  unbefangen  der  Künstler,  was  die  Lünette  nicht  zu  fassen  vermochte,

5•
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        68  16.  Der  Bamberger  Dom.

ergänzend  noch  außerhalb  des  Reliefs  fortsetzte.  An  den  Seiten  des  Portals
ist  noch  je  eine  Säule  vorgelegt  mit  einer  allegorischen  Figur  auf  dem  Kapitell:
links  die  Kirche,  rechts  die  Synagoge,  zwar  nicht  frei  von  archaischem  Lächeln,
aber  mit  Anmut  behandelt;  schön  fließen  die  Falten  des  zarten,  angeschmiegten
Gewandes,  die  Ahnlichkeit  mit  den  gleichen  Gestalten  am  Straßburger  Münster
ist  unverkennbar.

 

Das  Fürstenportal  am  Bamberger  Dom.

Ein  so  reicher  Schmuck  wie  am  Fürstenportal  konnte  nicht  mehr  überboten
  werden  ohne  zu  verwirren;  man  schlug  neue  Pfade  ein.  Formen  der
Gotik  schmücken  das  nächste  Portal  an  der  Nordseite  des  Querschiffes.  Das
Veitstor  unter  dem  schönen  Rundfenster  des  Giebels  ist  ein  gedrückter  Spitzbogen,
  seitlich  durch  schöne  Blendarkaden  mit  Kleeblattbögen  geschmückt.  Den
schlanken  Säulenschaft  umschließt  in  der  Mitte  ein  Wirtel,  das  Kapitell  zeigt
statt  der  Würfelform  oder  phantastischer  Bänder  und  Tiere  einen  zierlichen
Kelchknauf,  ein  Knospenkapitell.  Ein  Gesims  über  diesem  jüngsten  Portal  hat
statt  des  Rundbogenfrieses  ein  Konsolenfries  wie  die  Zisterzienserkirche  im
benachbarten  Ebrach.  Der  aufblühende  Zisterzienserorden,  der  vor  Mitte  des
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        16.  Der  Bamberger  Dom.  69

12.  Jahrhunderts  auch  Deutschland  schon  besiedelte,  war  von  Frankreich  ausgegangen
  und  hatte  die  neue  Bogen=  und  Wölbeform,  woraus  sich  die  gotische
Bauweise  entwickelte,  bei  seinen  Kirchenbauten  verwendet.  1200  wurde  mit
dem  Bau  der  Ebracher  Klosterkirche  begonnen.  Dazu  kam  noch,  daß  Bischof
Ekbert,  der  eifrigste  Förderer  des  Dombaues  in  den  ersten  Jahrzehnten  des
13.  Jahrhunderts,  Beziehungen  zum  westlichen  Nachbarlande  hatte;  denn  seine
Brüder  waren  Pfalzgrafen  von  Burgund.  Damit  sind  für  die  Vermittelung
der  gotischen  Formen  nach  Bamberg  wichtige  Fingerzeige  gegeben.  Wir
beobachteten  schon  im  Inneren,  je  mehr  wir  uns  dem  Westchore  näherten,  um
so  bestimmter  die  Formen  des  Übergangsstiles.  So  sehen  wir  auch  an  der
Außenseite  der  Westapsis  spitzbogige,  große  Fenster;  das  Mauerwerk  bildet
nicht  mehr  die  großen  Flächen;  die  aufstrebenden  Stützen  treten  bewußter  hervor;
man  bildete  nicht  mehr  mit  der  alten  Liebe  und  Sorgfalt  die  wagrechten  romanischen
  Zierstreifen.  Überhaupt  läßt  sich  die  westliche  Apsis  an  Schmuckwerk
nicht  mit  der  östlichen  vergleichen.

Nur  in  den  Türmen  vermochte  man  noch  die  Vorgänger  zu  überbieten.
Man  hatte  damals  Freude  an  Türmen,  das  beweist  ihre  Zahl.  Man  verzichtete
  zwar  auf  den  Kuppelturm  über  der  Vierung,  wie  ihn  der  Wormser
Dom  zeigt;  dafür  gestaltete  man  die  Ecktürme  um  so  kunstreicher.  Schon  die
Osttürme  sind  voll  Schönheit.  Sieben  würfelförmige  Stockwerke  sind  seitlich
mit  Lisenen,  wagerecht  mit  Gesimsen  aus  Zahnschnitt  und  Rundbogen  umrahmt
und  abgeteilt;  dem  achten  Stockwerk  sind  die  Seitenkanten  abgeschnitten,  die
so  verengerten  Seitenflächen,  in  Giebel  ausmündend,  tragen  das  schlanke  Dach.
Die  Stockwerke  sind,  je  höher,  mit  desto  lichteren  Fensteröffnungen  durchbrochen.
  So  wird  das  Mauerwerk  immer  leichter  und  macht  den  Eindruck
lebendigen  Aufstrebens.  Dies  Mittel  die  Wände  zu  durchbrechen  ist  an  den
Westtürmen  mit  überraschender  Schönheit  weitergebildet.  Der  Unterbau  zwar
ist  noch  wuchtig;  aber  sobald  er  über  die  Vierung  emporschaut,  wird  die
Grundform  achtseitig;  an  Stelle  der  bisherigen  Kanten  sind  erkerartige  Lauben
vorgebaut;  mit  schlanken  Säulen  steigen  sie  übereinander  auf;  die  dazwischen
liegenden,  verschmälerten  Seiten  sind  mit  schlanken  Spitzbogenöffnungen  durchbrochen;
  diese  und  die  Ecklauben  lassen  die  Türme  von  allen  Seiten  durchsichtig
  und  außerordentlich  zierlich  erscheinen.  Sie  sind  die  Krönung  des
Werkes;  sie  sind  das  Vorbild  für  die  Domtürme  in  Naumburg,  wie  sie  ihrerseits
  Nachahmungen  der  Kathedralkirche  von  Laon  sind.

Wie  liebgewordene  Freunde  grüßen  sie  den  Scheidenden  noch  weithin.
Auch  wir  nehmen  hiermit  Abschied  vom  Bamberger  Dom.  Er  bleibt  uns  unvergeßlich
  als  einer  der  herrlichsten  Vertreter  des  Übergangsstiles  in  Deutschland;
denn  er  hat  noch  teil  an  der  reichen  Fülle  des  ausgebildeten  Rundbogenstiles
und  vereinigt  damit  in  stufenmäßigem  Fortschritt  die  Anfänge  der  Spitzbogenarchitektur;
  er  bietet  uns  die  reifen  Früchte  der  romanischen  Bauweise  und
die  ersten  Blüten  der  Gotik.
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        70  17.  Der  Bayernstamm  im  altdeutschen  Schrifttum.

17.  Der  Bayernstamm  im  altdeutschen  Schrifttum.

Von  Hermann  Stöckel.“

Jedem,  der  die  Geschichte  des  deutschen  Volkes  aufmerksam  verfolgt,
drängt  sich  von  Anfang  an  eine  gewisse  Mannigfaltigkeit  der  Erscheinungen
auf,  die  sich  aus  der  Verschiedenheit  der  Stämme  unserer  Nation  ergibt.
Können  sie  auch  alle  —  der  schweigsame  Friese  wie  der  ernste  Sachse,  der
bewegliche  Franke  wie  der  frohsinnige  Thüringer,  der  tüchtige  Schwabe  wie
der  treuherzige  Bayer  —  als  Söhne  eines  und  desselben  Hauses  die  Gemeinsamkeit
  der  Abstammung  nicht  verleugnen,  so  zeigt  doch  auch  jeder  von  ihnen
eine  so  ausgeprägte  Sonderart,  die  er  von  jeher  in  einem  kräftigen  Eigenleben
  betätigte,  daß  darin  ein  Hauptreiz  der  Beschäftigung  mit  der  Geschichte
des  deutschen  Volkes  liegt.  Und  wie  die  natürliche  Veranlagung  der  Brüder
verschieden  ist,  so  auch  das,  was  jeder  von  ihnen  zur  Ausgestaltung  der  Grundzüge
  des  gemeinsamen  deutschen  Wesens  beigesteuert  hat.  Wenn  vom  wetterfesten
  Friesen,  dem  äußersten  Hüter  deutscher  Erde  gen  Nordwesten,  der  von
jeher  den  „goldenen  Gürtel“  seiner  Deiche  gegen  das  beutelüsterne  Meer  zu
schützen  hatte,  ein  alter  Spruch  sagt:  „Frisia  non  cantat“,  so  bewies  der
südöstlichste  der  deutschen  Stämme,  der  um  die  stolze  Donau  und  im  erhabenen
Alpengebirg  seine  Heimat  gefunden,  von  Anfang  an  eine  ausgesprochene  Neigung
  und  Befähigung  zum  Singen  und  Sagen.  Und  so  ist  dieser  Stamm
der  Bajuwaren,  wenn  er  auch  als  letzter  in  die  Geschichte  eingetreten,  doch
nicht  der  letzte  an  geistiger  Begabung  und  an  Betätigung  dieser  seiner  Geistesgaben
  in  dem  friedlichen  Wettkampf,  in  dem  die  Söhne  Germanias  die  Jahrhunderte
  deutscher  Geschichte  hindurch  ihre  Kräfte  maßen.

„Tole  sint  uualhd,  spähe  sint  peigirf;  luzic  ist  spähe  in  uualbum,
meéra  hapéônt  tolaheiti  denne  späh#“,  toll  (unklug)  sind  (die)  Walchen
(Welschen),  spähe  (klug)  sind  (die)  Bayern;  wenig  ist  Spähe  (Klugheit)  in  (den)
Walchen,  mehr  haben  (sie)  Tollheit  (Unklugheit)  denn  Spähe  (Klugheit)  —
mit  diesem  in  den  Kasseler  Glossen:)  uns  überlieferten  Bekenntnis  nicht  geringen
  Selbstgefühls,  das  sich  dem  befremdenden  Gebaren  einer  anderen
Volksart  gegenüber  in  naivem  Selbstlob  äußert,  tritt  der  Bayernstamm  in  das
deutsche  Schrifttum  ein.

Bald  aber  beansprucht  er  nicht  nur  sondern  beweist  er  auch  geistige  Regsomkeit,
  indem  er  teilnimmt  an  der  Entwickelung  der  althochdeutschen  Dichtung.
„Das  hört'  ich  unter  den  Lebenden  als  das  höchste  der  Wunder,

Daß  Erde  nicht  war  noch  Überhimmel,

Noch  Baum  (nicht  stund)  noch  Berg  nicht  war,
Nicht  (der  Sterne)  einer  noch  Sonne  nicht  schien,
Noch  Mond  nicht  leuchtete  noch  die  mächtige  See.

1)  Eines  der  sachlich  angeordneten  Wörterbücher  der  Karolingerzeit,  das  in  bayerischer
Mundart  abgefaßt,  in  einer  Handschrift  aus  dem  Kloster  Fulda  auf  uns  gekommen  und
nach  seinem  Aufbewahrungsort  benannt  ist.
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        17.  Der  Bayernstamm  im  altdeutschen  Schrifttum.  71

Als  da  nichts  nicht  war  der  Enden  und  Wenden,

Und  da  war  der  eine  allmächtige  Gott,

Der  Männer  mildester,  und  da  waren  auch  manche  mit  ihm
Gute  Geister.“

Diese  neuen  Eingangsverse  eines  stabreimenden  Gedichtes  über  den  Anfang
aller  Dinge,  mögen  sie  nun  altsächsischen  Ursprungs  sein  oder  nicht,  fanden
jedenfalls  in  Bayern,  vielleicht  zu  St.  Emmeram  in  Regensburg,  ihre  Aufzeichnung
  und  wurden  in  dem  bayerischen  Kloster  Wessobrunn  auf  die
Nachwelt  gebracht.  Aber  auch  eine  zweifellos  selbständige  Leistung  steuert  der
Bayernstamm  in  so  früher  Zeit  zu  dem  Schatze  der  deutschen  Dichtung  bei,
das  in  den  kraftvollen  Klängen  der  altbayerischen  Mundart  gehaltene,  in  markiger
  Schilderung  sich  ergehende  prophetische  Gedicht  vom  Ende  aller  Dinge,
Muspilli,  das  zu  Regensburg,  dem  Sitze  Ludwigs  des  Deutschen,  in  der
nächsten  Umgebung  des  Königs,  vielleicht  gar  von  ihm  selbst  niedergeschrieben  ist.
Und  nicht  nur  die  alte  Römerstadt,  der  Fürstensitz  der  Arnulfinge  und  der  Karlinge,
  war  Mittelpunkt  literarischer  Bestrebungen,  auch  eine  der  kirchlichen
Zentralen  des  Bayerlandes  entfaltete  nachweisbar  einc  nicht  unwichtige  schriftstellerische
  Tätigkeit.  Im  Freisinger  Petruslied,  um  minder  Bedeutendes
beiseite  zu  lassen,  ist  uns  das  älteste  Beispiel  geistlichen  Volksgesanges  auf
deutschem  Boden  erhalten,  eine  Art  Wallfahrtslied  oder  ein  Bittgesang  an
den  heiligen  Petrus,  dessen  Fürsprache  bei  Gott  erfleht  wird.

Als  weiterer  Beleg  für  die  schriftstellerische  Betätigung  des  geistlichen
Standes  in  Bayern  sei  die  Übersetzung  des  Hohenliedes  durch  den  gewandten,
  ehrgeizigen  und  weltlich  gesinnten  Abt  Williram  von  Ebersberg
genannt,  der  dem  großen  Schulleiter  von  Sankt  Gallen,  Notker  dem  Deutschen,
noch  am  nächsten  kommt  ohne  ihn  übrigens  zu  erreichen.

Inzwischen  hatte  sich  neben  der  geistlichen  auch  eine  ausgesprochen  weltliche
  Richtung  im  Schrifttum  unseres  Volkes  Bahn  gebrochen.  Ihr  gehört
an  „der  älteste  erfundene  Roman  der  europäischen  Literatur,  der  erste  Ritterroman
  der  Weltliteratur“,  wie  Wilhelm  Scherer  das  Gedicht  bezeichnet,  das
um  1024  in  dem  bayerischen  Kloster  Tegernsee  in  lateinischen  Hexametern
verfaßte  Epos  Rnodlieb,  das  uns  die  früheste  Ankündigung  des  erwachenden
Minnesangs  in  dem  lateinisch-deutschen  Liebesgruß  überliefert  hat:

„Melde  ihm,  Bote,  von  mir  aus  treu  ergebenem  Herzen

Soviel  Liebes  (liebes)  als  nun  auf  Bäumen  sprosset  des  Laubes  (loubes),
Soviel  als  Liederwonne  (wunna)  der  Vögel,  künde  ihm  Minne  (minna),
Soviel  als  Gras  und  Blumen  ersprießen,  entbiet  ihm  der  Ehren!“

Und  wie  beim  Ruodlieb  ein  geistlicher  Verfasser  sich  einen  weltlichen
Stoff  gewählt  hat,  so  übertrug  wiederum  ein  Geistlicher  das  nationale  Heldengedicht
  der  Franzosen  ins  Deutsche  und  zwar  war  es  wieder  ein  bayerischer  Dichter,
der  pfaffe  Kuonrät,  der  am  Hofe  Heinrichs  des  Stolzen  (1126—1138)  zu  Regensburg
  das  deutsche  Rolandslied  schuf.  Derselbe  Konrad  scheint  auch  der
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        72  17.  Der  Bayernstamm  im  altdeutschen  Schrifttum.

Verfasser  der  Kaiserchronik  gewesen  zu  sein,  der  ersten  der  im  Mittelalter
so  beliebt  gewordenen  Reimchroniken.  Sicher  ist  sie  aus  dem  Kreise  der  Regensburger
  Geistlichkeit  hervorgegangen,  wie  sie  denn  besonders  bayerische  Überlieferungen
  mit  sichtlicher  Vorliebe  behandelt,  so  eine  Erinnerung  an  die  Besitzergreifung
  des  Etschlandes  durch  den  bayerischen  Stamm,  die  Sage  vom
Herzog  Adelger,  dem  Kaiser  Severus  Haar  und  Gewand  zum  Schimpfe
kürzen  läßt,  worauf  das  treue  Bayernvolk  dadurch  die  Schmach  von  seinem
Herrn  wendet,  daß  es  die  dem  Herzog  zur  Demütigung  aufgezwungene  Tracht
zur  allgemeinen  erhebt  und  unter  seiner  Führung  den  Angriff  Severs  in
tapferem  Kampfe  auf  dem  Felde  zu  Brixen  zurückweist,  wo  Severus  Sieg
und  Leben  verliert,  Herzog  Adelger  aber  seinen  Speer  am  Heselbrunnen  in
die  Erde  stößt  mit  den  Worten:  „Das  Land  hab'  ich  gewonnen  den  Bayern
zur  Ehre,  die  Mark  soll  ihnen  fortan  dienen  immer  mehre.“

Hatten  die  zuletzt  genannten  Dichtungen  trotz  ihres  weltlichen  Inhaltes
noch  Geistliche  zu  Verfassern,  so  trat  in  den  nun  folgenden  Spielmannsepen
  das  Laientum  in  Stoff  wie  Verfasserschaft  immer  stärker  hervor.  Und
auch  dabei  zeigte  sich  Bayern  als  ein  Land  des  Gesanges.  Hier  dichtete  um
1150  ein  aus  den  Rheinlanden  stammender  Spielmann  das  Lied  von  der
Königs=  und  Mannentreue,  das  Heldengedicht  vom  König  Rother;  hier  fand
auch  die  Sage  von  der  Freundestreue  im  Lied  vom  Herzog  Ernst  gleichfalls
durch  einen  rheinischen  Spielmann  um  1175  ihre  erste  künstlerische  Fassung.

Und  die  Vagantenpoesie,  diese  reizvolle  Frühblüte  mittelalterlicher
Lyrik,  die  im  Archipoeta  am  Hofe  Friedrich  Rotbarts  ihren  glänzendsten  Vertreter
gefunden,  sie  scheint  in  Bayern  besonders  beliebt  gewesen  zu  sein;  wenigstens
hat  ein  Kloster  dieses  Landes,  Benediktbeuern,  die  wichtigste  Sammlung  dieser
eigenartigen  lateinisch-deutschen  Mischdichtung,  die  Carmina  Burana,  auf
uns  gebracht.

Aber  auch  der  deutsche  Minnesang  ließ  gerade  im  bayerisch-österreichischen
  Stammesgebiet  seine  frühesten  und  seine  frischesten  Weisen  erklingen.
Der  ersten,  schüchternen  Knospe,  die  uns  Ruodlieb  in  jenem  lateinisch-deutschen
Liebesgruß  geboten,  reiht  sich  in  den  Briefen  Wernhers  von  Tegernsee
die  zarte  Erstlingsblüte  an:

„De  bist  min,  ich  bin  di,
Des  solt  dü  gewis  sin.

Dü  bist  beslozzen

In  minem  herzen;

Verlorn  ist  daz  slüzzelin:

Dü  muost  immer  drinne  sin.“

Und  der  Kürenberger  sowie  Dietmar  von  Aist,  deren  schlichte  Herzenstöne
  noch  heute  nach  siebenhundert  Jahren  ihres  Eindruckes  nicht  verfehlen,
sind  sie  nicht  als  Oberösterreicher  bayerischen  Stammes?  Aber  auch  im  eigentlichen
  Bayern  erklang  die  Ritterharfe  hell  und  wohltönend  genug.  So  in
den  Liedern  des  Burggrafen  von  Regensburg  und  des  von  Rieten-
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        17.  Der  Bayernstamm  im  altdeutschen  Schrifttum.  73

burg,  die  wohl  beide  einem  Geschlechte  angehörten,  wie  es  scheint,  demselben,
an  dessen  Hof  auch  Herger,  der  älteste  uns  bekannte  Spruchdichter,  gastfreundliche
  Aufnahme  fand,  und  in  den  mannhafte  Gesinnung  atmenden  Weisen
des  bayerischen  Ritters  Albrecht  von  Johannsdorf.

Und  wie  schon  „Minnesangs  Frühling“  auf  bayerischem  Boden  manch
herzerquickende  Blüte  getrieben,  so  erschloß  sich  auch  die  ganze  Sommerpracht
ritterlicher  Liebesdichtung  in  der  kurzen  ersten  Blütezeit  des  deutschen  Schrifttums
  gerade  im  bayerisch-österreichischen  Sprachgebiet  zu  herrlichster  Entfaltung.
Dem  bayerisch-österreichischen  Stamme  gehörte  wahrscheinlich  schon  von  Geburt,
sicher  seinem  Bildungsgange  nach  der  glänzendste  Vertreter  der  gesamten  Liederund
  Spruchdichtung  unseres  Mittelalters  an,  der  Sänger  der  süßen  Minne
wie  der  deutschen  Zucht  und  Sitte,  der  furchtlose  Verfechter  deutscher  Kaiserherrlichkeit,
  der  treue  Mahner  und  Warner  seines  Volkes,  Walter  von
der  Vogelweide.  Wenn  wir  auch  hier  von  einer  eingehenden  Würdigung
  dieses  größten  deutschen  Lyrikers  vor  Goethe  Abstand  nehmen,  da  wir
uns  auf  Bayern  im  engeren  Sinne  beschränken  wollen,  so  bleibt  uns  doch  noch
derjenige  unter  den  ritterlichen  Dichtern  unseres  Volkes,  der  neben  Walter
der  größte  gewesen,  Wolfram  von  Eschenbach.

Im  Grenzgebiet  der  Bayern  und  Ostfranken,  zu  Wildenberg  (jetzt  Wehlenberg)
  bei  Gunzenhausen  beheimatet,  nach  Eschenbach  bei  Ansbach  benannt,
rechnet  sich  Wolfram  selbst  den  Bayern  zu:

Ein  pris,  den  wir  Beier  tragen,
muoz  ich  von  Waleisen  sagen:

di  sint  törscher  denne  beiersch  her
unt  doch  bi  manlicher  wer.

swer  in  den  zwein  landen  wirt,
gefuoge  ein  wunder  an  im  dirt.  )

Wenn  irgend  etwas,  müßte  die  schalkhafte  Laune,  die  aus  diesen  Versen
spricht,  für  die  Zugehörigkeit  Wolframs  zu  dem  Stamme  zeugen,  dem  er  sich
selbst  zuzählt.  Der  unverwüstliche  Humor,  dies  köstliche  Erbteil  der  bayerischen
Volksart,  für  deren  Fähigkeit  zu  harmloser  Selbstironisierung  wir  Goethes
Wort  in  Anspruch  nehmen  möchten:  „Wer  sich  nicht  selbst  zum  besten  haben
kann,  der  ist  gewiß  nicht  von  den  Besten“,  dieser  goldene  Humor  war  es  denn
auch,  der  dem  wenig  begüterten  Ritter  hinweghalf  über  die  Unzulänglichkeiten
des  Lebens,  der  ihn  befähigte  über  die  Schwächen  anderer  wie  seiner  selbst  zu
lachen,  der  ihn  überall  als  den  überlegenen  Geist  sich  bewähren  läßt,  der  über
den  Dingen  steht,  aber  nicht  kalt  und  teilnahmslos,  sondern  voll  warmen
Mitgefühls.  Gerade  die  angeführte  Probe  gutmütiger  Selbstverspottung,  die
einen  so  auffallenden  Gegensatz  zu  dem  naiven  Selbstlob  der  Kasseler  Glossen

1)  Ein  Lob,  das  sonst  wir  Bayern  tragen,  Doch  mannhaft,  voller  Kampfbegier.
Muß  ich  von  den  Waleisen  sagen:  Ist  einem  von  uns  Wih  verliehn,
Die  sind  noch  dümmer  gar  als  wir,  Der  wird  als  Wunderkind  beschrien.  (W.  Hert.)
        <pb n="86" />
        74  17.  Der  Bayernstamm  im  altdeutschen  Schrifttum.

bildet,  zeigt  die  Überlegenheit  dieses  größten  dichterischen  Vertreters  des  ganzen
Bayernstammes  am  schlagendsten:  was  mißgünstige  Nachbarn  den  Bayern
nachsagen  mochten,  eine  gewisse  Unbeholfenheit  im  Auftreten,  gerade  das  benutzt
der  Dichter  um  die  Tapferkeit  seines  Stammes  in  helles  Licht  zu  rücken.  Aber
auch  sonst  vergoldet  ihm  die  menschenfreundlich-heitere  Grundstimmung  seines
Wesens  das  ganze  Leben  und  verleiht  seiner  Darstellungsweise  wie  seiner
Sprache  einen  eigenen  Reiz,  eine  Frische,  eine  Ursprünglichkeit  und  Anschaulichkeit,
  durch  die  sie  hoch  über  der  gedankenblassen  Ausdrucksweise  anderer  höfischer
Dichter  steht.  Es  kam  Wolfram  zugute,  daß  seine  bayerische  Heimat  weit
genug  von  Frankreich,  der  Wiege  und  dem  Musterland  höfischen  Wesens,
ablag  um  nicht  so  stark  von  dorther  beeinflußt  werden  zu  können  wie  das
Rheinland  und  Alamannien.  Mochten  die  Alamannen  immerhin  den  Bayern
vorwerfen,  daß  ihren  Dichtungen  der  Stempel  höfischer  Vollkommenheit  fehle,
mochte  Gottfried  von  Straßburg  über  den  großen  Ungenannten,  der  nur
Wolfram  sein  kann,  als  über  einen  „vindære  wilder  mære,  der  mære
wilderæro“i)  den  Stab  brechen:  wir  freuen  uns,  daß  sich  Wolfram  gerade
die  Eigenschaft  unverkümmert  erhielt,  die  auch  heute  noch  das  beste  Erbteil
des  bayerisch-österreichischen  Stammes  in  seiner  Unverbrauchtheit  ist,  naturfrische
Ursprünglichkeit.  Von  ihr  beseelt  und  durchdrungen  verzichtet  Wolfram  gern
auf  erkünstelten  Ernst  und  erzwungene  Würde,  von  ihr  geleitet  tritt  er  herzhaft
  an  die  Dinge  heran,  sieht  und  schildert  er  sie,  wie  sie  sind:  je  bezeichnender
der  Ausdruck,  je  anschaulicher  das  Bild,  desto  lieber  ist  es  ihm.  Wohl  streift
er  dabei  gelegentlich  die  Grenze  des  ästhetisch  Zulässigen,  ja  er  überschreitet
sie  auch  ab  und  zu,  aber  immer  ist  es  frisch  pulsierendes  Leben,  das  er  uns
bietet,  nichts  Totes,  Erstarrtes,  nichts  Ausgeklügeltes,  nur  Erdachtes.

Aber  derselbe  Dichter,  der  so  trefflich  zu  schildern  versteht,  er  haftet
nicht  an  der  Außenseite  der  Dinge;  derselbe  Mensch,  der  so  herzlich  lachen
kann,  ist  auch  des  tiefsten  Ernstes  fähig.  Schon  die  Wahl  des  Stoffes  zu
seinem  Hauptwerk  Parzival,  mehr  noch  dessen  Ausführung  zeigt,  daß  Wolfram
eine  religiöse  Natur  im  besten  Sinne  des  Wortes,  d.  h.  ein  Mensch  durchdrungen
  vom  Walten  einer  höheren  Macht,  aber  frei  von  jeder  ungesunden
Welt=  und  Lebensflucht  und  fern  von  jeder  kaltherzigen  Verfolgungssucht  war.
Auch  darin  scheint  uns  der  liebenswürdige  Dichter  ein  echter  Sohn  des  Bayernstammes
  zu  sein,  der  sich  durch  die  Jahrhunderte  seiner  Geschichte  in  menschlichschöner
  Weise  freigehalten  hat  von  jeder  Art  von  Zelotismus,  aber  stets  ein
tiefes  Bedürfnis  bekundete  zu  seinem  Gott  in  einem  herzlichen  Verhältnis
zu  stehen.  Darum  konnte  auch  Wolfram  die  vielfach  äußerlichen  Geschehnisse
seiner  Vorlage  in  tiefere  innere  Beziehung  zueinander  setzen,  das  Ganze  aus
der  Fülle  seines  Innenlebens  bereichern  und  ihm  eine  Seele  einflößen,  so  daß
Wilhelm  Scherer  ihm  gar  wohl  nachrühmen  durfte:  „Ein  schriftunkundiger

1)  „Ein  Erfinder  befremdlicher  Abenteuer,  ein  Geschichtenjäger.
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        17.  Der  Bayernstamm  im  altdeutschen  Schrifttum.  75

Deutscher  hat  den  tiefsten  Gehalt  des  europäischen  Rittertums  künstlerisch
verewigt.“  Aber  auch  Wolframs  Zeitgenossen  und  die  nach  ihm  Kommenden
hatten  eine  Ahnung  von  dieser  Tiefe  seines  Wesens,  so  besonders  sein  Landsmann
  Wirnt  von  Gravenberg,  wenn  er  von  dem  „wisen  man  von  Eschenbach“
  sagt:

„Sin  herze  ist  ganzes  sinnes  dach:

Leien  munt  nie  baz  gesprach.“:)

Kann  demnach  der  bayerische  Stamm  stolz  darauf  sein  den  tiefsinnigsten
und  größten  jener  Epiker  sein  eigen  zu  nennen,  die  sich  bemühten  die  wirren
Mären  der  Bretonen  zu  sinnvollen  Taten  zu  läutern  und  die  nationalen  Vorkämpfer
  der  Kelten  zu  Spiegelbildern  reinsten  Rittertums  umzuformen,  so  ging
aus  ihm  auch  die  größte  aller  zeit=  und  sittenschildernden  Dichtungen  unseres
Mittelalters,  der  Meier  Helmbrecht  von  Wernher  dem  Gartenäre,
hervor,  jenes  vorzügliche  Zeitgemälde,  das  uns  die  Übeltaten  eines  dem  Raubwesen
  verfallenen  Adels  und  die  verderbliche  Überhebung  seiner  bäuerlichen
Spießgesellen  in  Bildern  von  überzeugender  Lebenstreue  vor  Augen  stellt.

Aber  noch  einen  anderen  Beweis  seiner  Begabung  für  kraftvolle  Wirklichkeitsschilderung
  hat  der  bayerische  Stamm  erbracht.  Wir  meinen  die  höfische
Dorfpoesie,  die  wie  mit  dem  Pinsel  eines  Niederländer  Meisters  die  derben
Sommer=  und  Wintervergnügungen  eines  kraftstrotzenden,  selbstbewußten  Bauerngeschlechtes
  uns  vergegenwärtigt.  Ein  bayerischer  Ritter,  Neidhart  von
Reuental,  war  es,  der  diese  neue  Richtung  aufbrachte,  die  einzige  wirklich
neue,  die  nach  Walter  von  der  Vogelweide  in  der  höfischen  Lyrik  noch  aufkam.

Bringen  wir  außer  dem  bisher  Betrachteten  noch  in  Anschlag,  daß  das
mehrmals  erwähnte  Kloster  Tegernsee  uns  im  Antichristspiel  das  großartigste
  Drama,  das  im  Mittelalter  auf  deutschem  Boden  entstanden,  aufbewahrt
  hat;  berücksichtigen  wir,  daß  die  Nibelungensage  um  990  zu  Passau
auf  Geheiß  des  Bischofs  Piligrim  zunächst  in  lateinischer  Sprache  aufgezeichnet
wurde,  um  1200  aber  ebenso  wie  die  Gudrunsage  im  bayerisch-österreichischen
Stammesgebiet  ihre  herrlichste  Ausgestaltung  in  deutscher  Sprache  erfuhr;  bedenken
  wir,  daß  Bayern  den  gewaltigsten  Prediger  des  ganzen  deutschen  Mittelalters,
Bertold  von  Regensburg,  hervorgebracht  hat,  dessen  erschütternden  Worten
Tausende  auf  freiem  Feld  in  Zerknirschung  lauschten;  ziehen  wir  in  Rechnung,
daß  Bayern  auf  der  Höhe  des  Mittelalters  den  großen  Geschichtschreiber
Otto  von  Freising,  zu  Ende  dieses  Zeitraumes  den  trefflichen  Aventin
uns  geschenkt  hat,  so  kann  kein  Zweifel  über  die  Tatsache  herrschen,  daß  der
bayerisch-österreichische  Volksstamm  während  des  Mittelalters  in  der  Pflege  des
heimischen  Schrifttums  hinter  keinem  deutschen  Stamme  zurückstand,  ja,  was
Zeit  und  Wert  der  Leistungen  anbelangt,  vielen  mit  rühmlichem  Beispiel  voranschritt.
  Um  so  auffallender  muß  die  andere  Tatsache  des  fast  gänzlichen  Ver-1)

  „Sein  Inneres  birgt  lauterste  Weisheit;  Laienmund  hat  nie  besser  gesprochen.“
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        76  18.  Bayerische  Stammesangehörige  als  Vertreter  des  mittelalterlichen  Chronistenstils.

stummens  eines  so  reich  begabten  Volksschlages  in  der  Folgezeit,  insbesondere
in  der  zweiten  Blütezeit  der  deutschen  Dichtung,  genannt  werden.  Die  Ursache
dieser  betrübenden  Erscheinung  ist  in  der  gewaltsamen  Absperrung  des  Bayernstammes
  vom  Geistesleben  der  deutschen  Nation  zu  erkennen,  einer  Maßregel,
die  keine  andere  Folge  haben  konnte  als  geistige  Unfruchtbarkeit.  Erst  das
freisinnige  Walten  des  letzten  Sprossen  aus  Kaiser  Ludwigs  Stamm,  Max  III.
Josephs,  hat  die  Eisdecke  des  langen  Winters  gebrochen  und  die  einsichtige  Fürsorge
des  Hauses  Zweibrücken  hat  dem  lang  erstarrten  Boden  wieder  Blüten  und
Früchte  entlockt,  durch  die  Bayern  wieder  geworden,  was  es  einstens  war:  eine
Heimstatt  der  Kunst,  eine  Pflegestätte  der  Wissenschast.

18.  Bayerische  Stammesangehörige  als  Vertreter  des
mittelalterlichen  Thronistenstils.

a)  Andreas  von  Regensburg.#)
Von  Herczog  Stephan  Ingelstat.

Herczog  Stephan  von  Bayren  Ingelstat,  herczog  Ludweigs  und  frawen
Elyzabeth,  künigin  zu  Frankchreich,  vater,  ist  gewesen  klayner  und  durchgeadelter
person.  Er  ist  gein  mäniklich  ein  freymilder  herr  gewesen.  Darumb  het  in
auch  mäniklich  lyeb.

Er  was  eines  tags  zu  Mayland  bei  seinem  swecher  ),  herren  Galiacz,
und  da  sy  nach  fürstenlicher  gwonhait  heten  ir  chürczweil  von  irem  tuen  und
vermügen  mit  worten  gegen  einander  und  sy  auch  also  prüften  dy  groß  huet#),

1)  Aus  „Andreas  von  Regensburg,  sämtl.  Werke“,  herausgegeben  von
Georg  Leidinger,  S.  653.  München,  M.  Rieger,  1903.  —  Andreas,  Chorherr
im  Augustinerstift  zu  St.  Mang  in  Stadtamhof  1400  bis  etwa  1440,  von  den  Regensburger
  Bürgern  der  bayerische  Livius  genannt,  auch  von  Aventin  hochgeschätzt  und  als
Hauptquelle  benutzt,  schrieb  Werke,  die  nicht  nur  für  die  Geschichte  Bayerns  sondern  auch
für  die  deutsche  Reichsgeschichte  von  unvergänglichem  Werte  sind.  In  erster  Beziehung
sind  zu  nennen  zwei  Chroniken  über  die  bayerischen  Fürsten  (eine  lateinische  und  eine
deutsche);  zu  diesem  ersten  bayerischen  Geschichtswerk  war  die  Anregung  von
einem  Wittelsbacher  Fürsten  (Herzog  Ludwig  von  Bayern-Ingolstadt)  ausgegangen  und
der  fürstliche  Auftraggeber  hatte  den  rechten  Mann  gefunden.  In  zweiter  Hinsicht  sind
erwähnenswert  seine  allgemeine  Chronik,  seine  Chronik  des  Konstanzer  Konzils,  sein  Tagebuch
  und  seine  Hussitenchronik.

2)  swecher  —  Schwiegervater,  sagt  Andreas  irrtümlich;  Herzog  Galeazzo  Viskonti
von  Mailand  war  der  Schwager  des  Bayernherzogs,  denn  Thaddäa  Viskonti,  die  Tochter
des  Herzogs  Barnabas  Viskonti  und  seit  1364  die  Gemahlin  des  Ingolstädters,  war  die
Schwester  Galeazzos.  Aber  trotz  dieses  Irrtums  verdient  die  Tatsache,  daß  ungefähr
ein  Jahrhundert,  bevor  der  württembergische  Herzog  Eberhard  im  Barte  auf  jenem  Reichstag
  1495  „einst  zu  Worms  im  Kaisersaal“  sich  als  „reichster  Fürst“  pries,  ein  Wittelsbacher
  Fürst  (etwa  1390)  jenes  stolze  Wort  von  der  Liebe  und  Anhänglichkeit  seines
Volkes  gesprochen  hat,  besondere  Beachtung.

5)  Leibwache.
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        18.  Bayerische  Stammesangehörige  als  Vertreter  des  mittelalterlichen  Chronistenstils.  77

dy  der  von  Mayland  het,  und  dy  forcht  der  seynen  gegen  im,  da  ward  erweget
  herczog  Stephan  von  trawens  wegen,  das  er  het  zu  den  seynen,  und
sprach:  Wir  haben  zu  den  unsern  in  unserm  lannde  ein  solichs  trawen,  das
kainer  ist,  wir  wolten  ein  nacht  an  sorg  in  seiner  schoße  flaffen.  Dicz  wart
schäczt  gar  hoch  der  von  Mayland.

Er  ist  abgangen  von  todes  wegen  umb  dy  zeit,  als  man  zalt  1414  und
ligt  im  frawenchloster  zu  Schönfeld.

b)  Hans  Ebran  von  Wildenberg.))
Von  Ludwig  des  Bayern  Kaiserwahl;  Schlacht  bei  Mühldorf.

Ludbig,  fürst  von  Beirn,  ward  erwelt  zü  einem  romischen  konig  von
dem  bischof  zü  Maintz  und  von  dem  bischof  zu  Triel„)  und  von  dem  marggrafen
  von  Brandenburg  und  von  dem  konig  zü  Beheim,  und  ward  wider
in  erwelt  hertzog  Friderich  von  Osterreich  von  den  andern  drei  kurfürsten.  Das
geschach  nach  der  menschberdung  Cristi  1315  jare.))  und  nach  der  wal  zügen
die  zwen  erwelten  konig  züfeld  mit  großer  macht  für  die  stat  zü  Frankfurt,
und  die  stat  was  mit  konig  Ludbigen.  so  lag  der  von  Osterreich  zü  der
andern  seiten  mit  seinem  here,  und  das  wasser,  genant  der  Männ,  was  zwischen
ir,  das  sie  nit  züsamen  mochten.  darnach  kamen  die  zwen  fursten  züsamen
in  Swabenland  bei  der  stat  Eslingen  und  stritten  daselbs  miteinander,  das  auf
beden  seiten  vil  volcks  erschlagen  ward,  und  rawmbten  bed  teil  die  walstatt,
also  das  man  nicht  west,  wer  den  sig  behalten  hett.

darnach  zoch  hertzog  Friderich  heim  gein  Osterreich  und  warb  sich  bei
dem  konig  von  Hungern  und  bischof  zü  Saltzburg.  der  konig  von  Hungern
schickt  im  zü  lieb  2200  gläfen")  und  4000  pogenschützn.  so  sambt  er  aus
seinen  Landen  und  mit  dem  bischof  zü  Saltzburg  1800  gläfen  und  24000  man
züfüssen  und  er  zoch  mit  der  großen  macht  herauf  in  Beirn.

hie  enzwischen  sambt  sich  konig  Ludbig  auch  mit  einem  großen  here,
wannkb)  der  konig  von  Beheim,  der  bischof  von  Triel  und  der  burgkgraf  von
Nürmberg  und  ein  graf  von  Hennenberg,  die  herren  all,  schickten  konig  Ludbig
1900  gläsen  und  18000  man  züfüssen.  die  zwen  obgedachten  erwelten  konig
kamen  züsamen  mit  großer  macht  nachend  bei  Müldorf  und  stritten  do  miteinander
  einen  herten  streit  an  sand  Michelstag,  und  konig  Ludbig  behüb  den

1)  „Quellen  und  Erörterungen  zur  bayerischen  und  deutschen  Geschichte.“
  Neue  Folge,  II.  Band,  1.  Abteilung.  „Des  Ritters  Hans  Ebran  von
Wildenberg  Chronik  von  den  Fürsten  aus  Bayern.“  Herausgegeben  von  Friedrich
Roth.  München  1905.  S.  113  ff.  —  Hans  Ebran  von  Wildenberg,  etwa  um
1430  geboren,  gestorben  vor  1503,  Hofmeister  am  Landshuter  Hof,  ward  von  seinem
Fürsten  Ludwig  dem  Reichen  zum  Geschichtschreiber  begeistert.  „sollt’  des  Lob,  ritterliche
  und  streitbare  Händel  nicht  in  zukünftigen  Zeiten  gedacht  werden,  kränkets  mein
Gemüt.“

*)  Trier.  —  5)  Ein  Irrtum  des  Chronisten;  die  Wahl  fand  am  20.  Oktober  1314
statt.  —  )  Lanzenreiter.  —  9  denn.
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        78  18.  Bayerische  Stammesangehörige  als  Vertreter  des  mittelalterlichen  Chronistenstils.

sig,  und  der  hertzog  von  Osterreich  ward  gefangen  und  groß  ritterschaft  mit
im,  auch  wurden  ir  vil  erschlagen.

Do  nn  der  streit  geendet  ward,  do  wurden  die  ritter  und  knecht  aus
Peheim,  Beirn  und  Franckhen  vast  kriegn  1,  dann  jeder  wolt  den  freidigen
hertzog  von  Osterreich  gefangen  haben.  do  sprach  der  furst:  „des  kriegs  will
ich  euch  wol  bescheiden;  tragt  mir  fur  ein  jeder  seinen  wappen  rock  und  die
kleinat:),  die  er  auf  dem  hawpt  gefurt  hat,  so  wil  ich  den  zeigen,  dem  ich
vancknuß  gelobt  hab“.  und  do  nu  die  kleinat  fur  den  fursten  von  Osterreich
gebracht  wurden,  do  klopft  er  auf  ein  kuemawl  und  sprach:  „das  kuemawl
kund  ich  hewt  weder  mit  stechen  noch  schlahen  von  mir  bringen;  dem  hab  ich
gelobt.“  Das  was  ein  beirischer  edelman,  genant  Ringsmawl.-)

e)  Veit  Arnpeck.)
Des  römischen  Königs  Maximilion  I.  Besuch  in  Landshut,  Freising  und  München.

Anno  1491  am  smalzigen  sambstags)  kam  der  römisch  küng  gen  Landshut.
do  das  erhört  sein  swager  Herzog  Albrecht,  am  gaylmontag")  von  München
fur  er  ab  auf  der  Pg#ser  gen  Landshut.  darnach  am  aschermitbochen  kam  der
küng  mit  700  pfarden  gen  Freising.  der  bischof,  weichpischof,  abt  von  Beichenstefen,
  all  drei  in  iren  infelen,  der  brobst  von  der  Neuenstift  mit  seinem  stab,
thumherren,  korherren  und  alle  briesterschaft  in  korkappen  mit  dem  heiltum
und  die  hantberchzünft  mit  irn  gemalten  und  vergülten  kerzen  giengen  im
engegen  aus  dem  thum  herab  in  di  stat  mit  der  proceß  bis  zu  dem  heiligen
geist.  do  wartet  man  sein  lang.  es  was  im  aber  nit  gemaint.)  er  schicket
wol  etlich  fürsten  vor.  darnach  schuf  man  die  proceß  ab.  er  rait  nachet
sam  bei  der  nacht  ein  und  was  über  nacht  in  dem  geschloß  in  der  neuen
turnizö)  und  kamer.  der  bischof  antbortt?)  ihm  die  schlüssel  zu  dem  geschloß.
herzog  Albrecht  was  in  des  bischofs  stuben  und  kamer  und  der  bischof  in  der
alten  turniz  und  silberkamer  und  hielt  den  küng  und  alle,  di  mit  im  da  waren,
frey  aus  mit  essen  und  trinken  und  fuetter.  am  pfinztag  10)  im  chor  sungen
sein  singer  u)  ain  ambt  von  sand  Sigmund,  und  der  weichbischof  sang  das  ambt,
und  zwen  tumherren  dienten  im,  und  das  heiltum  stund  als  auf  dem  altare.
auch  hett  man  ainen  tisch  beraitt  vor  dem  sacramentgeheus.  darauf  las  meß
am  ersten  ain  reichspfründener  und  darnach  des  küngs  caplan.  dem  küng

1)  =  gerieten  fast  in  Zank.  —  5)  Helmzierden.  —  5)  Albrecht  von  Rindsmaul,
Pfleger  zu  Neustadt  an  der  Donau.

4)  Aus  seiner  bayerischen  Chronik,  cod.  germ.  Tr.  2817,  fol.  414b—417  a.  —  Veit
Arnpeck,  Pfarrer  zu  Landshut,  lebte  um  1440—1495.  Seine  Werke  sind  in  chronologischer
Ordnung:  1.  eine  österreichische  Chronik  (lateinisch),  2.  eine  bayerische  Chronik  (lateinisch),
3.  eine  deutsche  Umarbeitung  der  letzteren,  4.  eine  lateinische  Chronik  der  Bischöfe  von  Freising.

6)  auch  seister  Samstag  genannt,  d.  i.  Sonnabend  vor  Estomihi  chts  —
")  Fastnachtsmontag,  Montag  nach  Estomihi.  —  es  war  ihm  nicht  gefällig,  lieb  —
6)  Gaststube  in  Höfen  und  Schlössern  —  Dürniz.  —  9)  überantwortet.  —  50)  Donnerstag.
in)  seine  Sängerkapelle.
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        18.  Bayerische  Stammesangehörige  als  Vertreter  des  mittelalterlichen  Chronistenstils.  79

hett  man  aufgelegt  ain  guldeins  tuch  und  ain  seideins  küß.  in  dem  ersten
stand  ),  do  man  herauf  get  bei  dem  sagran,  do  stund  der  küng,  nach  im
herzog  Albrecht,  darnach  ain  herzog  von  Braunsweig,  darnach  ain  landgraf
von  Hessen,  darnach  bischof  Sixt,  darnach  über  zwen  ständ  ?)  des  türkischen
kaisers  bruder.')  do  man  das  ewangelium  gelesen  hett,  gieng  der  bischof
hinauf  und  nam  das  puch  von  des  küngs  caplan  und  credenzt  das  mit  ainem
roten  seyden  tüchlein  und  gab  das  dem  küng  alain  zu  küssen.  also  tet  er  auch
mit  dem  agnus,  nam  er  di  paten  mit  der  credenz  und  gab  das  dem  küng  zu
küssen.  do  das  gotlich  ambt  volbracht  ward,  gieng  der  küng  auf  gen  sand
Sigmund  und  darnach  in  di  burk.  er  schiket  etlichs  volk  gen  Augspurk.  do
nun  der  bischof  all  fürsten  und  ir  volk  wol  gespeist  hett,  rait  der  küng  mit
den  fürsten  obgenant  auf  gen  München.  der  bischof  gab  im  das  gelait,  so
weit  sein  land  weret.

Zu  München  ward  der  küng  gar  frolich  von  seiner  sbesteren  empfangen.
man  machet  im  zu  lieb  di  selb  nacht  ainen  tanz.  er  tanzet  zwir")  mit  seiner  sbester.

d)  Johannes  Turmair,  genannt  Aventinus.5)
Beschreibung  des  Baierlands  in  der  gemein  auf  das  kürzest.

Das  ganz  land  in  der  gemain  ist  vasts)  fruchtpar,  reich  an  salz  traid
viech  vischen  holz  waid  wildprät  und  kurz  alles,  so  zu  der  schnabelwaid?)  dient,
ist  allda  übrigs  genueg.  Viech  salz  traid  wird  in  ander  lant  getriben,  gefüert
und  verkauft.  Wein  pringt  man  aus  andern  landen  auf  land  und  wasser,
nemlich  ab  dem  Rein,  Neckar,  auß  dem  Elsaß,  welschen  landen,  Chrain,  Histerreichs),
  Veltliner  tal,  Tramin,  Franken  und  Osterreich.  Und,  als  das  gemain
geruech,  niendert  lebt  und  ligt  man  paß.')  Der  lengst  tag  ist  über  sechzehen
stund,  der  kürzest  bei  acht  stunden  lang.  Oster=  u.  westerwind,  den  man  ober
und  nider  nent,  wäen  dick  10)  und  oft  und  gegen  denen  pflegt  man  nit  zu
pauen;  der  oberwind  pringt  gern  regen  und  ungewitter,  der  ander  schoen  und
staet  wetter.

Beschreibung  der  sitten  des  lands  auf  das  kürzest  und  in  der  gemain.

Das  baierisch  volk  (gemainlich  davon  zu  reden)  ist  geistlich,  schlecht  und
gerecht,  gét,  läuft  gern  kirchferten  11),  hat  auch  vil  kirchfart;  legt  sich  mer  auf

1)  Kirchenstuhl.  —  5  d.  h.  zwei  Kirchenstühle  hinterhalb.  —  ")  Prinz  Dschem,
Bruder  des  türkischen  Sultans  Bajazeth,  der  von  den  Johannitern  gefangen  und  von
dem  König  von  Frankreich  an  König  Maximilian  als  Gefangener  ausgeliefert  worden
war.  —  0  zweimal.

P)  „Sämtliche  Werke“,  auf  Veranlassung  Sr.  Majestät  des  Königs  von  Bayern
herausgegeben  von  der  Kgl.  Akademie  der  Wissenschaften,  IV.  Band,  bayerische  Chronik,
herausgegeben  von  Matthias  Lexer,  München  1883,  S.  41  ff.

5  sehr,  oft.  —  *)  Speise.  —  5)  Istrien.  —  0)  wohnt  man  besser.  —  1)  wehen  häufig.

11)  Wallfahrten.
        <pb n="92" />
        80  18.  Bayerische  Stammesangehörige  als  Vertreter  des  mittelalterlichen  Chronistenstils.

den  ackerpau  und  das  viech  dan  auf  die  krieg,  denen  es  nit  vast  nachläuft;
pleibt  gern  dahaim,  raist  nit  vast  auß  in  frembde  land;  trinkt  ser,  hat  vil
kinder;  ist  etwas  unfreuntlicher  und  ainmüetiger  1)  als  die  nit  vil  auß  kommen,
gern  anhaims  eralten  2),  wenig  hantierung  treiben,  fremde  lender  und  gegent
haimsuechen;  achten  nit  der  kaufmannschaft,  kumen  auch  die  kaufleut  nit  vast
zu  inen.

Und  im  ganzen  Baierland  sein  dreierlai  ständ,  die  da  zu  eren  und  verwaltung
  lant  und  leut  gepraucht  werden.  Der  gemain  man,  so  auf
dem  gäs)  und  land  sitt,  gibt  sich  auf  den  ackerpau  und  das  viech,  ligt  demselbigen
  allain  ob,  darf  sich  nichts  ongeschaft  der  öbrikait  understen,  wird  auch
in  kainen  rat  genomen  oder  landschaft  ervodert;  doch  ist  er  sunst  frei,  mag
auch  frei  ledig  aigen  guet  haben,  dient  seinem  herren,  der  sunst  kain  gewalt
über  in  hat,  jerliche  güld")  zins  und  scharwerk),  tuet  sunst  was  er  will,  sitzt
tag  und  nacht  bei  dem  wein,  schreit  singt  tanzt  kart  spilt;  mag  wer  5)  tragen,
schweinsspieß  und  lange  messer.  Große  und  überflüssige  hochzeit,  totenmal
und  kirchtag  haben  ist  Erlich)  und  unsträflich,  raicht  kainem  zu  nachtail,  kumpt
kainem  zu  übel.  In  nidern  Baiern,  so  sich  des  rechtpuechs  nit  braucht,  sitzen
sie  auch  an  der  landschrannen)  und  müessen  urtail  schepfen,  auch  über  das
pluet  richten.

Die  von  den  ständen  sein  prelaten,  adl,  purger.  Prelaten  haben
große  mechtige  reiche  gotsheuser,  solten  tag  und  nacht  zu  bestimter  zeit  des
gotsdienst  mitsambt  iren  geistlichen  brüedern  außwarten,  got  und  seine  heiligen
loben,  danken  und  für  die  fürsten  (so  solche  clöster,  pfrüend  und  stiften  gestift
haben)  pitten.  Man  will  sprechen,  sie  sein  reicher  und  vermügen  meér  dan  die
andern  zwen  stend,  man  gibt  in  mer  gelts  und  guets  dan  den  andern  zwaien
stenden  mitsambt  den  fürsten  und  helts  für  mechtiger.

Der  adl  wont  auf  dem  land  außerhalb  der  stet,  vertreibt  sein  zeit  mit
hetzen  paißen?)  jagen;  reiten  nit  zu  hof  dan  wer  dienst  und  sold  hat.

Die  burger  regieren  ir  stet  und  märkt  selbs,  sein  handwerchsleut  wirt
paurn,  etlich  kramer  fragner  oder  fürkeufl  19),  die  armen  tagwerker  und  taglöner.
Ganz  wenig  haben  ain  auskommen  von  iren  gülden  und  zinsen  und  jerlichem
einkommen  oder  aufheben  und  werden  „die  von  dem  geschlecht“  genant.  Es
sein  auch  wenig  kaufleut,  die  großen  handl  füeren.

Die  fürsten  haben  vollen  gewalt  von  allen  andern  dingen,  so  land
und  leut  antrift,  zu  handeln,  und  alle  treffenlich  sachen  werden  dergleichen  zu
hof  vor  den  fürsten  außgericht,  es  sei  dan  sach  u),  das  man  kriegen  12)  müeß
oder  steuer  und  dergleichen  anlegen  sol  oder  zwitracht  und  uneinigkeit  zwischen
den  herrn  erwachsen  und  erstanden  ist.  Wo  dergleichen  groß  seltsam  ungewönlich

eigensinniger.  —  )  daheim  altern.  —  ")  Gau.  —  )  Entgelt.  —  )  Fronarbeit.  —
")  Wehr.  —  5)  ansehnlich.  —  6)  Landgericht.  —  ))  baizen.  —  10)  Fürkäufler  —=  Kleinkrämer.
—  un)  es  sei  denn  der  Fall.  —  #)  Krieg  führen.
        <pb n="93" />
        19.  Der  Regensburger  Dom.  81

sachen  fürfallen,  werden  die  stend  alle  drei  an  ein  bestimbt  ort  auf  ain  außgeschribnen
  tag  in  ein  landschaft  zam  gevodert,  ein  jetlicher  von  den  prelaten
und  dem  adl  erscheint  für  sich  selbs,  die  burger  und  stet  schicken  einen  oder
zwen  auß  inen;  alda  wird  ein  ausschus  gemacht  und  erwelt,  der  macht  und
gewalt  hat  zu  handeln.

So  vil  sei  nun,  als  die  notturft  und  brauch  der  wärhaftigen  rechtgschaffen
  geschicht  eraischen,  gesagt  von  der  landschaft,  sitten,  breuchen  der
Baiern.

19.  Der  Regensburger  Dom.
(Deutsche  Gotik.)
Von  Siegfried  Graf  Püchler-Limpurg.“

Wenn  wir  von  deutscher  Baukunst  des  Mittelalters  sprechen,  dann  denken
wir  zuerst  an  unsere  gotischen  Dome.  Seit  die  Romantik  unsere  Blicke  wieder
dem  Mittelalter  zugewandt  und  unser  Verständnis  für  seine  Schöpfungen  neu
geweckt  hat,  erfreuen  vor  allen  anderen  Bauwerken  diese  sich  der  Liebe  und
Bewunderung  des  deutschen  Volkes.  Nur  einer  von  den  ganz  großen  Domen,
und  noch  dazu  der  kleinste  und  einfachste  von  ihnen,  steht  auf  bayerischem
Boden:  der  Dom  von  Regensburg.  Aber  kann  er  sich  auch  mit  den  rheinischen
Münstern  nicht  messen,  so  überragt  er  doch  an  Größe  und  Schönheit  die
übrigen  gotischen  Kirchen  des  Landes  und  gibt  einen  guten  Begriff  von  dem,
was  die  Gotik  in  ihrer  höchsten  Entfaltung  geleistet  hat.

Betrachten  wir  zuerst  das  Innere  des  Domes;  denn  bei  der  Gotik  ist
alles  durch  den  inneren  Raum  bedingt,  die  Außenseite  ergibt  sich  aus  dem
Bedürfnis  des  Baues.  Eine  mächtige  dreischiffige,  spitzbogig  überwölbte  Halle
umfängt  uns;  das  Hauptschiff,  in  dem  wir  stehen,  ist  breiter  und  höher  als
die  beiden  Seitenschiffe.  Alle  drei  münden  in  ein  Querschiff  von  der  Höhe  des
Hauptschiffes;  von  gleicher  Höhe  ist  der  Chor  mit  vieleckigem  Abschluß,  der  jenseits
des  Querschiffes  das  Ende  des  Raumes  bildet.  Das  alles  ist  nichts  Neues  für
den,  der  romanische  Dome  kennt;  aber  die  technischen  und  künstlerischen  Mittel,
mit  denen  der  Bau  durchgeführt  ist,  sind  völlig  verschiedene.  Was  den  romanischen
  Domen  das  ernste  und  schwere  Aussehen  gibt,  die  großen  Wandflächen,
das  fehlt  hier  ganz.  Die  Höhe  der  Seitenschiffe  ist  nicht  mehr  ein  Dritteil,
sondern  zwei  Dritteile  des  Hauptschiffes.  Die  Pfeiler  steigen  ohne  Unterbrechung
  bis  zum  Gewölbeansatz  des  Hauptschiffes  an;  zwischen  ihnen,  über
den  Scheidbögen  des  Seitenschiffes,  öffnen  sich  große  Fenster,  von  den  darunter
liegenden  Bogenscheiteln  durch  eine  zierliche  Bogenreihe,  die  Triforiumsgalerie,
getrennt.  Die  Pfeiler  selber  tragen  keine  Bögen,  sie  sind  ungegliederte  Masse;
an  sie  angelegt  und  mit  ihnen  verbunden  sind  schlanke,  kleine  Säulen  mit
Kapitellen,  die  Dienste.  Von  jedem  Dienst  geht  eine  Rippe  aus,  welche  in  der
Längsrichtung  die  Scheidbögen,  senkrecht  zu  diesen  die  Gurtbögen  und  in

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  6
        <pb n="94" />
        82  19.  Der  Regensburger  Dom.

diagonaler  Richtung  die  Gewölberippen  bilden.  Diese  Rippen  sind  das
wichtigste  Kennzeichen  der  Gotik;  man  baut  nicht  mehr  wie  in  romanischer
Zeit  schwere  massige  Gewölbe,  sondern  konstruiert  diese  Rippen  und  setzt
zwischen  dieselben  leichte  Gewölbekappen  ein.  Hier  in  Regensburg  ist  noch
die  Form  des  Kreuzgewölbes  beibehalten;  später  hat  man  die  willkürlichsten
Gewölbeformen  erfunden,  die  sogenannten
  Netzgewölbe.  Dort,  wo
die  Rippen  sich  im  Gewölbescheitel
treffen,  ist  der  oft  reich  verzierte
Schlußstein.

Durch  diese  Rippenkonstruktion
und  in  Verbindung  mit  ihr  durch
den  Spitzbogen  ist  eine  ganz  neue
Anordnung  der  Pfeiler  entstanden.
  Der  romanische  Baumeister
konnte  nur  Bögen  gleicher  Spannweite
  zu  einem  Kreuzgewölbe  vereinigen,
  war  also  an  den  quadratischen
  Grundriß  gebunden.  Der
Gotiker  wählt  den  Grundriß  rechteckig,
  so  daß  die  Breite  des  Hauptschiffes
  viel  größer  ist  als  die  der
Scheidbögen.  Ebenso  wird  der
Gewölbegrundriß  im  Seitenschiffe
rechteckig  gewählt;  das  strenge
Breitenverhältnis  beider  Schiffe
von  zwei  zu  eins  ist  nicht  mehr
nötig,  der  Zwischenpfeiler  zwischen
den  Hauptschiffspfeilern,  den  der
Romaniker  unbedingt  brauchte,
kommt  in  Wegfall.  Endlich  läßt

sich  auch  das  Querschiff  beliebig

Lo  —————  e  r  verkürzen;  so  kommt  es,  daß  hier

in  Regensburg  seine  Schmalwand

in  gleicher  Linie  mit  den  Außenwänden  der  Seitenschiffe  liegt.  An  der  Außenwand

  der  Seitenschiffe  setzt  sich  diese  ganze  Konstruktion  fort.  Es  ist  eigentlich

nur  eine  weitere  Pfeilerreihe  von  gleicher  Anlage  wie  die  innere  Reihe,  deren
Bögen  ausgefüllt  sind  von  einer  niedrigen  Mauer  und  großen  Fenstern.

Auf  der  andern  Seite  des  Querschiffes  bildet  der  Chor  den  Abschluß
der  Kirche.  Anlagen  mit  doppeltem  Chore  an  beiden  Enden  des  Langschiffes,
wie  wir  sie  bei  vielen  romanischen  Domen  finden,  kennt  die  reine  Gotik  nicht.
Hier  in  Regensburg  entspricht  jedem  der  drei  Langschiffe  ein  eigener  Chor,
        <pb n="95" />
        19.  Der  Regensburger  Dom.  83

jeder  in  den  gleichen  Maßverhältnissen  wie  das  Schiff,  dessen  Abschluß  es
bildet.  Der  Chor  des  Hauptschiffes  ist  fast  doppelt  so  lang  als  die  beiden
andern.  An  Stelle  der  halbrunden  Apsis  im  romanischen  Stile  ist  hier  ein
eckiger  Abschluß  getreten,  dessen  Grundriß  von  fünf  Seiten  eines  Achtecks

 

Inneres  des  Regensburger  Domes.

gebildet  wird.  Die  Form  des  Regensburger  Chores  ist  einfach  im  Vergleich
zu  anderen  gotischen  Domen;  bei  den  meisten  derselben  wird,  den  Seitenschiffen
  entsprechend,  ein  Umgang  um  den  Chor  des  Hauptschiffes  geführt,  bei
den  größten  und  prächtigsten  diesem  Umgang  noch  ein  Kranz  von  Kapellen
angefügt,  deren  Grundriß  im  kleinen  den  des  Hauptchores  wiederholt.

Treten  wir  nun  heraus  und  betrachten  das  Außere,  so  werden  wir  finden,
daß  es  den  inneren  Aufbau  getreulich  widerspiegelt.  Die  Pfeiler  der  Längswand
  sind  mit  Streben  verstärkt,  die  nach  unten  staffelweise  sich  verbreitern;

6*
        <pb n="96" />
        84  19.  Der  Regensburger  Dom.

die  Bekrönung  eines  jeden  derselben  bildet  eine  kleine  turmartige  Spitze,  die
Fiale.  Hinter  der  Fiale  spannt  sich  ein  Halbbogen  nach  dem  überragenden
Pfeiler  des  Hauptschiffs.  Dieser  „Strebebogen“  hat  seinen  besonderen  Zweck.
Durch  die  Rippenkonstruktion  lastet  die  ganze  Schwere  des  Gewölbes  auf  den
Pfeilern;  um  sie  nun  zu  entlasten  ist  dieser  Halbbogen  angefügt,  der  den
Druck  auf  die  Außenpfeiler  des  Seitenschiffes  überträgt;  hier  nehmen  ihn
wieder  die  Streben  auf  und  leiten  ihn  auf  ihren  breiten  Unterbau  herab.
So  bildet  von  den  ungefügen  Grundmauern  der  Streben  bis  zum  Schlußstein
der  Rippen  alles  ein  einziges  wohldurchdachtes  System,  in  dem  auch  dem
kleinsten  Teil  seine  bestimmte  Funktion  zugewiesen  ist.  Das  ist  der  Kernpunkt
des  gotischen  Kirchenbaues,  dieser  genialsten  Schöpfung,  die  jemals  die  Baukunst
  hervorgebracht  hat.

Das  eigentliche  Schmuckstück  der  Außenseite  ist  in  Regensburg  wie  an
den  meisten  gotischen  Domen  die  Fassade  an  der  Schmalseite,  die  hier  zweitürmig
  angelegt  ist.  Sie  zeigt  in  wagrechter  wie  in  senkrechter  Richtung  die
klassische  Dreiteilung,  freilich  nicht  in  jener  Vollendung  wie  das  Straßburger
Münster.  Vier  mächtige  Pfeiler  teilen  die  ganze  Fläche  in  die  Stirnseite  des
Hauptschiffs  und  den  vor  den  Seitenschiffen  liegenden  Unterbau  der  Türme.
Eine  auch  um  die  Pfeiler  herumlaufende  Galerie  trennt  das  Unter=  und
Mittelgeschoß,  ein  Ornamentstreifen  zwischen  den  Pfeilern  das  Mittel=  und
Obergeschoß.  Die  ganze  Fassade  steht  auf  einer  Untermauerung,  zu  der  breite
Freitreppen  hinaufführen.  In  der  Mitte  des  Untergeschosses  liegt  das  Hauptportal,
  durch  einen  Mittelpfeiler  in  zwei  Türen  getrennt;  sein  besonderer
Schmuck  ist  eine  zierliche  Vorhalle  von  dreieckiger  Grundform.  Zu  beiden
Seiten  entsprechen  ihm  kleine  Türen  und  über  diesen  große  Fenster.  Im
Innern  ist  dies  Untergeschoß  der  Türme  mit  in  den  Kirchenraum  hineingezogen,
aber  durch  stärkere  Pfeiler  und  andere  Gewölbestellung  von  den  Seitenschiffen
geschieden.  In  das  Mittelfeld  des  Mittelgeschosses  gehört  bei  der  edelsten
Gotik  die  Rose,  ein  großes,  reich  verziertes  Rundfenster.  Das  unerreichte
Vorbild  hierfür  ist  das  Straßburger  Münster;  aber  auch  in  Bayern  haben
wir  ein  schönes  Beispiel  davon  an  der  Fassade  der  Lorenzkirche  in  Nürnberg.
Dem  Regensburger  Dome  fehlt  dieser  Schmuck  aus  später  anzuführenden
Gründen;  wir  sehen  an  seiner  Stelle  zwei  Fenster,  darüber  ein  kleines  Rundfenster
  und  ein  Kreuz.  Das  Obergeschoß  ist  hier  nicht  mehr  einheitlich  durchgeführt.
  In  der  Mitte  steht  der  Hauptgiebel,  bekrönt  von  einem  in  späterer
Zeit  stilwidrig  ausgebauten  Türmchen;  zu  beiden  Seiten  erheben  sich  völlig
losgelöst  die  Turmgeschosse  mit  großen  Fenstern.  Bis  hierher  war  der  Bau
gediehen,  als  er  zu  Ende  des  Mittelalters  eingestellt  wurde;  die  Vollendung
erfolgte  erst  im  19.  Jahrhundert  und  zwar,  da  kein  Riß  aus  dem  Mittelalter
sich  erhalten  hat,  nach  einem  fremden  Vorbild:  dem  Kölner  Dome.  Wie  dort,
wurde  auch  hier  das  vierte  Turmgeschoß  aus  dem  viereckigen  Grundriß  in  den
achteckigen  überführt  und  mit  einem  durchbrochenen  Helme  gedeckt.  An  Höhe
        <pb n="97" />
        19.  Der  Regensburger  Dom.  85

und  Reichtum  der  Ausführung  steht  der  Regensburger  Bau  freilich  weit  hinter
seinem  Vorbild  zurück.

Bei  keinem  anderen  Stile  sind  die  Schmuckformen  so  eng  mit  der
Konstruktion  verbunden  wie  bei  der  Gotik;  sie  haben  vielfach  eine  ganz

 

T  ——

 

 

 

Westansicht  des  Regensburger  Domes.

besondere  Bedeutung  bei  der  Ausgestaltung  des  Baues.  Die  Fialen  sind  oben
schon  erwähnt;  sie  haben  die  Gestalt  kleiner  massiger  Türme.  über  der
Außenseite  der  Fenster  sitzen  Giebel,  die  den  Spitzbogen  überdachen,  die
Wimperge.  Um  das  Dach  läuft  ein  reichgegliedertes  Gesimse,  das  Kranzgesims.
  Unter  dem  Kranzgesims  ragen  Fratzen  in  Menschen=  oder  Tierform
mit  geöffnetem  Maule  vor,  bestimmt  das  Regenwasser  weit  hinaus  ablaufen
        <pb n="98" />
        86  19.  Der  Regensburger  Dom.

zu  lassen,  die  Wasserspeier.  Auf  allen  Giebelschenkeln  sitzen  krause,  aufgebogene,
  dem  Kohlblatt  ähnliche  Blätter,  die  Krabben.  Die  Bekrönung  der
Türme,  Fialen  und  Wimperge  bilden  die  Kreuzblumen,  ein  vieleckiger  Schaft,
an  dem  in  halber  Höhe  vier  nach  allen  Seiten  wagrecht  ausladende  Krabben
sitzen.

Weniger  regelmäßig  ist  das  Pflanzenornament.  Meist  sind  es  bestimmte
Pflanzen  von  allegorischer  Bedeutung,  wie  der  Weinstock  (Christus),  die  Rose
(Maria),  der  Eseu  (Treue),  die  hier  verwendet  werden.  Es  werden  Kapitelle,
Friese  unter  Gesimsen,  auch  wohl  Flächenfüllungen  daraus  gebildet.  Solche
Formen  gehören  meist  der  Frühzeit  der  Gotik  an,  am  Regensburger  Dome
beginnen  sie  schon  spärlich  zu  werden.

Ungleich  wichtiger  ist  das  Hauptornament  der  entwickelten  Gotik,  das
Maßwerk.  Es  sind  dies  geometrische  Formen,  die  aus  gebogenen  Stäben  gebildet
  werden.  Sie  dienen  zur  Füllung  des  oberen  Teiles  überhöhter  Flächen,
so  der  Fenster,  der  einzelnen  Abschnitte  der  Triforiumsgalerie  und  des  Kranzgesimses,
  auch  der  Vorderseite  der  Streben;  der  Bestimmung  entsprechend  sind
sie  bald  durchbrochen  bald  reliefartig  auf  geschlossener  Grundfläche.  Die
wichtigsten  Formen  sind:  ein  durch  einspringende  Zacken,  „Nasen“,  dreifach
geteilter  Bogen,  der  „Kleeblattbogen“;  ein  Kreis,  an  dessen  innerem  Rande
durch  Nasen  mehrere  Kreissegmente  gebildet  werden,  nach  der  Zahl  der  Segmente
  „Dreipaß“,  Vierpaß“  usw.  genannt;  die  „Fischblase“,  ein  Kleeblattbogen,
dessen  Schenkel  zu  einem  spitzen  Winkel  zusammenlaufen.  Die  Kleeblattbögen
bilden  stets  die  Grundlage  des  Maßwerks,  ihre  herablaufenden  Schenkel  teilen
pfeilerartig  den  größeren  unteren  Teil  des  zu  füllenden  Raumes;  über  ihnen
werden  die  anderen  Formen  eingefügt.  Bei  den  Rosen  der  Fassaden  laufen
die  Schenkel  konzentrisch  nach  dem  Mittelpunkte  zusammen.  In  der  ältesten
Zeit  wurden  diese  Formen  möglichst  rein  nebeneinander  gestellt,  keine  durfte
in  die  andere  übergehen,  ja  nicht  einmal  die  andere  an  mehr  als  einem  Punkte
berühren.  Gerade  für  diese  Gattung  des  Maßwerks  bieten  die  Chorfenster  des
Regensburger  Domes  prächtige  Beispiele.  Später  tritt  das  Bestreben  hervor
die  große  Fläche  durch  enges  Aneinanderdrängen  lückenlos  zu  füllen,  einstweilen
noch  ohne  die  Reinheit  der  Einzelform  aufzugeben.

Erst  in  der  spätesten  Zeit  der  Gotik  unterliegen  all  diese  Schmuckformen
merkwürdigen  Veränderungen,  bei  denen  die  Willkür  an  die  Stelle  der  Gesetzmäßigkeit
  tritt.  An  der  Fassade  des  Regensburger  Domes,  besonders  den
Obergeschossen  derselben,  tritt  uns  diese  Anderung  deutlich  vor  Augen.  Der
Giebel  über  den  Fenstern  ist  oft  ersetzt  durch  eine  konstruktiv  unmögliche  Zierform,
  den  „Kielbogen“  oder  „Eselsrücken“,  der  etwa  einer  geschweiften  Klammer
  zu  vergleichen  ist.  Im  Maßwerk  verdrängt  die  Fischblase  alle  anderen
Formen;  sie  läßt  sich  durch  Biegung  und  Zerrung  in  jeden  Raum  hineindrängen,
  so  daß  die  Umrisse  sich  enge  aneinander  schmiegen  und  miteinander
verschmelzen.  Die  Füllung  wird  dadurch  phantastisch,  oft  bizarr,  verliert  aber
        <pb n="99" />
        19.  Der  Regensburger  Dom.  87

ihre  strenge  Schönheit.  Am  Untergeschoß  des  linken  Turmes  sehen  wir  sogar
einen  Fries  aus  Giebeln,  die  ohne  Stützen  zackenartig  in  der  Luft  hängen  —
eine  völlig  sinnwidrige  Verwendung  des  Giebels.

Ebenso  eng  wie  der  ornamentale  ist  auch  der  figürliche  Schmuck  mit
dem  gotischen  Stile  verbunden.  Auch  er  gehorcht  bestimmten  Gesetzen  in  Bezug
auf  die  Art  und  den  Ort  der  Verwendung.  Hier  kommt  zunächst  das  Portal
in  Betracht.  An  den  abgeschrägten  Wänden  desselben,  den  „Leibungen“,  stehen
zwischen  den  Diensten,  welche  den  Bogen  tragen,  Statuen.  In  der  Füllung
des  Bogens  über  der  Türe,  dem  „Tympanon“,  sind  Reliefs  eingelassen,  die
meist  in  zusammenhängender  Folge  die  Kindheitsgeschichte  Christi,  die  Passion
oder,  wie  hier  in  Regensburg,  den  Tod  und  die  Krönung  Mariä  darstellen.
Auch  der  Pfeiler  der  dreieckigen  Vorhalle  des  Regensburger  Portales  ist  mit
Standbildern  ausgestattet.  Im  Innern  sind  Standbilder  an  bestimmte  Plätze
gebunden;  sie  stehen  hier  an  der  Innenseite  der  Hauptschiffspfeiler,  etwa  in
halber  Höhe  des  Seitenschiffs.  Überall  sind  sie  entweder  auf  Pfeiler  gestellt,
die  mit  Maßwerk  geschmückt  sind,  oder  auf  Konsole,  die  aus  Laubornamenten
oder  Figuren  gebildet  sind;  über  ihrem  Haupte  ist  ein  „Baldachin“,  ein  aus
der  Wand  vorspringendes  Dach,  das  von  einer  Fiale  gekrönt  wird.  Durch
den  beschränkten  Platz,  in  den  sich  die  Standbilder  hineinpassen  müssen,  ist
ihr  Stil  an  besondere  Eigenart  gezwungen  worden.  Sie  sind  nicht  völlig
frei  gearbeitet,  sondern  schließen  sich  rückwärts  an  die  Wand  oder  den  Pfeiler
an.  Verwickelte  Stellungen  und  ausladende  lebhafte  Bewegung  sind  unmöglich.
  Dem  Bildner  ist  ruhige,  feierliche  Haltung  für  seine  Werke  aufgenötigt.
Die  besten  Standbilder  dieser  Art,  zu  denen  wir  getrost  auch  die  am  Regensburger
  Domportal  rechnen  können,  machen  dadurch  einen  ernsten,  großartigen
Eindruck;  die  große  Menge  freilich  blieb  steif  und  unbeholfen.  Einen  Versuch
stärkerer  Belebung  hat  der  gotische  Bildhauer  doch  gemacht,  die  sogenannte
gotische  Biegung.  Es  liegt  ihr  der  Gedanke  an  Standbein  und  Spielbein  zugrunde;
  aber  der  Bildhauer  hatte  noch  nicht  Kenntnisse  genug  dies  richtig
durchzuführen.  Er  schiebt  einfach  Bein  und  Schulter  nach  der  einen,
die  Hüfte  nach  der  anderen  Seite  vor.  Manchen  Gestalten,  besonders
Frauen,  verleiht  dies  anmutigen  Reiz;  meist  jedoch  wirkt  es  gesucht  und
unnatürlich.

Neben  dem  plastischen  Schmuck  tritt  der  malerische  stark  zurück.  Die
Dome  haben  keine  Wandflächen,  die  sich  zur  Bemalung  eignen.  Nur  bei
kleineren  Kirchen,  namentlich  denen  der  Bettelorden,  treten  bemalte  Wände  an
Stelle  der  Außenpfeiler.  Reiche  Verwendung  findet  die  Malerei  nur  in  einer
Form,  der  Glasmalerei.  Alle  die  großen  Fenster  der  gotischen  Dome  waren
ursprünglich  mit  farbigen  Darstellungen  geschmückt,  die  leider  nur  zu  einem
kleinen  Teil  erhalten  sind.  Da  damals  die  eigentliche  Glasmalerei  noch  auf
sehr  niedriger  Stufe  stand,  wurden  diese  Fenster  meist  aus  Stücken  farbig
gegossenen  Glases  zusammengesetzt  und  mit  Blei  verbunden.  Daher  haben  die
        <pb n="100" />
        88  18.  Der  Regensburger  Dom.

Farben  jener  alten  Fenster  den  eigenartig  tiefen,  für  die  Glasmalerei  unerreichbaren
  Glanz.

Schon  der  Rundgang  hat  uns  deutlich  gezeigt,  daß  der  Regensburger
Dom  nicht  das  Werk  eines  einzigen  Meisters,  sondern  das  Ergebnis  einer
langen  Bauzeit  war.  Gleich  seinem  wenig  älteren  Gefährten,  dem  Kölner
Dom,  erlebte  er  eine  Arbeitszeit  von  fast  250  Jahren  und  blieb  dann  noch
unvollendet  stehen;  erst  die  ueueste  Zeit  brachte  ihm  die  Vollendung.  Im  Jahre
1275  wurde  der  Grundstein  gelegt.  Wer  der  erste  Baumeister  war,  wissen
wir  nicht;  sicher  ist  nur,  daß  er  in  Frankreich  gelernt  haben  muß.

Der  Volksglaube  betrachtet  gewöhnlich  die  Gotik  als  den  ursprünglichsten
deutschen  Stil.  Tatsächlich  ist  sie  nicht  in  Deutschland,  sondern  in  Frankreich
entstanden.  Wohl  haben  wir  in  Deutschland  einen  Übergangsstil,  der  die
Romanik  durch  Einfügen  des  Spitzbogens  der  Gotik  annähert;  allein  diese
Bewegung  blieb  ohne  Ergebnis.  Die  wirkliche  Gotik  ist  nicht  daraus  hervorgegangen,
  sondern  fertig  aus  Frankreich  übernommen  worden.  Das  Straßburger
  Münster,  das  Langhaus  des  Freiburger  Münsters  und  der  Chor  des
Kölner  Domes  beruhen  auf  französischen  Vorbildern.  Damit  ist  aber  nicht
gesagt,  daß  die  Gotik  immer  französisch  blieb.  Gerade  am  Kölner  Dom  hat
sie  im  Laufe  des  Baues  deutsche  Eigenart  angenommen,  durch  Vereinfachung
und  Vergrößerung  der  Formen,  Weglassung  unnötigen  Zierates,  vor  allem
durch  Unterdrückung  aller  wagrechten  Gliederung;  die  Fassade  des  Kölner
Domes  ist  das  beste  Beispiel  rein  deutscher  Gotik.  In  Regensburg  hat  sich
das  französische  Element  lange  gehalten.  Französisch  ist  die  Triforiumsgalerie,
ist  die  Dreiteilung  der  Fassade.  Sogar  die  Rose  nach  französischem  Vorbild
war  ursprünglich  geplant;  wir  haben  unausgeführte  Aufrisse  aus  dem  14.  Jahrhundert,
  welche  eine  Rose  über  dem  Hauptportal  aufweisen.

Bis  jene  Teile  zur  wirklichen  Ausführung  kamen,  war  aber  schon  das
15.  Jahrhundert  angebrochen.  Um  die  Zeit  kam  die  Bauleitung  in  die  Hände
einer  Baumeisterfamilie,  die  ihr  durch  vier  Generationen  vorstand  und  die
mehr  deutsche  Beziehungen  pflegte,  die  Roritzer.  Damals  wurde  an  Stelle  der
Rose  das  Doppelfenster  eingefügt;  damals  auch  die  dreieckige  Vorhalle  und
der  Turm  auf  dem  Giebel  entworfen,  die  beide  ihr  Vorbild  an  der  Frauenkirche
  zu  Nürnberg  haben.  Als  der  Nachfolger  des  letzten  Roritzer,  Erhard
Heydenreich,  1524  starb,  erstarb  mit  ihm  auch  die  Bautätigkeit  am  Dome.

Der  Dom  von  Regensburg  bietet  uns  ein  Beispiel  jener  großen  gotischen
Bauten,  die  als  Dome  und  Münster  bezeichnet  werden.  Die  kleineren  Stadtpfarrkirchen
  haben  zum  Teil  diese  Bauten  in  verkürztem  Maßstab  nachgeahmt,
zum  Teil  aber  einen  eigenen  vereinfachten  und  deshalb  passenderen  Typ  geschaffen,
  den  Hallenbau.  Das  Wesentliche  an  diesem  ist,  daß  die  Seitenschiffe
gleiche  Höhe  haben  wie  das  Mittelschiff.  Das  verwickelte  Strebesystem  wird
dadurch  sehr  vereinfacht,  von  seinen  äußeren  Merkmalen  bleiben  nur  die  Strebepfeiler
  übrig.  Das  Querschiff  kommt  in  Wegfall.  Auch  die  Gliederung  des
        <pb n="101" />
        20.  Die  Versöhnten.  89

Baues  wird  einfacher  und  weniger  fein,  ein  großer  Teil  der  Fialen,  Wimperge,
Galerien  und  Gesimse  findet  keinen  Platz  mehr.  Die  spätere  Zeit  hat  diesen
Typ  sogar  für  Bauten  größter  Art  verwendet:  die  Stephanskirche  in  Wien
und  das  Ulmer  Münster  sind  beide  Hallenkirchen.

Alle  gotischen  Formen  sind  auf  den  Bau  mit  Hausteinen  berechnet.  Nur
zwei  Gebiete  haben,  aus  Mangel  an  guten  Steinbrüchen,  gotische  Kirchen  in
Backsteinen  gebaut:  das  norddeutsche  Tiefland  und  die  bayerische  Hochebene.
Im  ersten  Gebiet  hat  sich  dieser  Backsteinbau  in  eigener  Weise  sehr  reich  entwickelt.
  In  Bayern  blieb  er  auf  sehr  einfacher  Stufe;  man  betrachtete  den
Backstein  hier  nur  als  Notbehelf  und  versuchte  gar  nicht,  etwas  Besonderes  aus
ihm  zu  machen.  Das  beste  Beispiel  hierfür  und  zugleich  für  den  Hallenbau
ist  die  Frauenkirche  zu  München.  Zwei  Umstände  haben  hier  also  zusammengewirkt
  um  diesen  Bau  zu  einer  der  schmucklosesten  gotischen  Kirchen  zu
machen.  Massig,  ungegliedert  steigen  die  Außenwände  auf;  die  Pfeiler  im
Innern  sind  dick  und  schwer;  sie  haben  achteckige  Form  ohne  Dienste,  die
Rippen  setzen  unter  dem  Gewölbe  auf  Konsolen  an.  Deshalb  geben  sie  dem
Raume  ein  düsteres  Aussehen.  Wo  Schmuckformen  angebracht  sind,  da  ist
Haustein  zu  Hilfe  genommen;  das  Formen  des  Maßwerks  aus  Backstein  wie
im  Norden  war  in  Bayern  unbekannt.

Die  Münchener  Frauenkirche  ist  so  das  genaue  Gegenteil  des  reichgegliederten
  Regensburger  Domes.  Von  außen  würde  man  beide  wohl  kaum
demselben  Stile  zuteilen  wollen.  Aber  hier  können  wir  am  besten  beobachten,
was  schon  zu  Anfang  gesagt  wurde:  der  ganze  Bau  der  gotischen  Kirche  ist  stets
aus  dem  Innenraum  heraus  entwickelt.  Das  Innere  aber  verbindet  trotz  aller
Unterschiede  wieder  den  Bau  an  der  Isar  mit  dem  an  der  Donau:  bei  beiden
trotz  aller  Unterschiede  derselbe  konstruktive  Plan,  derselbe  in  Pfeiler  aufgelöste
Raum,  dasselbe  Emporstreben  aller  Linien  und  Formen.  Darin  liegt  der  große
Zauber  der  Gotik,  der  noch  in  den  kleinsten  und  einfachsten  Bauten  fortwirkt  und
den  gotischen  Kirchen  ihre  unerreichbare  Stellung  in  der  Baugeschichte  verleiht.

20.  Die  Versöhnten.

Von  Hermann  Lingg.  )

Noch  hing  der  Schnee  am  Berge,  Es  kam  der  Kaiser  Ludwig

Der  Himmel  wurde  blau,  Zur  Trausnitz  angeritten;

Man  sah  schon  sanft  sich  schmüchen  Da  trat  er  zum  Gefang'’nen

Mit  Blumen  Wald  und  An.  Und  sprach:  „Ich  komm’'  mit  Bitten!
Es  sollte  Frühling  werden  „Verheert  vom  langen  Kriege

Und  Friede  auch  zugleich  Ist  unser  beider  Land,

Und  wieder  sollte  blühen  Ich  biete  zur  Versöhnung,

Eintracht  im  deutschen  Reich.  Zum  Frieden  dir  die  Hand.“

1)  „Vaterländische  Balladen  und  Gesänge.“  S.  102.  München  1869.  J.  J.  Lentner.
        <pb n="102" />
        90  22.  Kloster  Ettal  und  der  Pfaffenwinlel.

Sein  kummervolles  Antlitz

Hob  Friederich  empor,

Er  sprach:  „Ich  bin  es,  Vetter.
Der  Land  und  Leut'  verlor.

„Ich  will  vor  meine  Treuen,
Wo  meine  Banner  weh'n,
Hintreten  und  sie  mahnen

Vom  Kampfe  abzusteh'n.

„Sieh  mich  bereit  dem  Szepter
Des  Reiches  zu  entsagen,

Holl  mir  noch  einmal  Freiheit
Nach  Nacht  und  Kerker  tagen.“

 

Ludwig  der  Bayer  reichte
Ihm  froh  die  Rechte  dar,
Die  Hostien  dann  nahmen
Hie  beide  am  Altar.

Umarmten  sich  und  schwuren
Den  Treu=  und  Friedensbund
Im  Angesicht  des  Himmels
Und  froh  mit  Herz  und  Mund.
Und  frei  und  ohne  Lösgeld
Zog  Friedrich  aus  der  Haft,
Beteuernd,  sein  Gelöbnis

Zu  halten  auch  in  Kraft.

21.  Deutsche  Treue.

Von  Hermann  Lingg.71)

Es  waren  kaum  vier  Monde
Verflossen  seit  dem  Tag,

Ans  Tor  der  Burg  zu  München
Geschah  ein  starher  Schlag;

Der  Pförtner  hob  die  Fachel,
Ein  Ritter  stieg  vom  Roß

Und  ging  mit  raschen  Schritten
Die  Trepp'’  hinan  im  Schloß.
Und  vor  den  Hocherstaunten,
Den  Kaiser  Ludwig,  trat

Der  Herzog  Friedrich  sprechend:
„Mein  Wort  ist  worden  Tat;
Den  Frieden  dir  zu  bringen
Vermocht'  ich  nicht  derzeit,
Aufs  neu'  erglühte  wieder

Der  alte,  bitt're  Streit.

Ich  konnte  nicht  gebieten

Dem  Sturm,  so  will  ich  dein,
Wie  ich  gelobt,  auch  wieder

Als  dein  Gefang'ner  sein.“

 

Da  legt  ihm  auf  die  Schulter
Der  König  sanft  die  Hand:
„Nein,  nicht  als  mein  Gefang'ner,
Doch  bleib  bei  mir  als  Pfand,
Als  Pfand  der  Lieb'  und  Treue,
Die  zwischen  uns  besteh'n

Und  nimmermehr  soll  wanken
Und  nimmer  untergeh'n.“

An  einem  Tisch  nun  saßen
Fortan  bei  jedem  Mahl
Die  Könige  und  tranken
Aus  einem  Goldpobkal.

Es  stund  in  jedes  Siegel
Des  andern  Name  vor;
Die  Welt,  verwundert,  blichte
Zu  solcher  Treu'  empor.
Jahrhunderte  verflossen  —
Der  Fürsten  Biederbeit
Erhebt  noch  aller  Herzen
Und  strahlt  in  alle  Zeit.

22.  Kloster  Ettal  und  der  Pfaffenwinkel.

Von  Carl  Trautmann.)
Wir  sitzen  in  der  traulichen,  holzgetäfelten  Gaststube  des  Klosterwirtshauses.
  Spät  am  Nachmittage,  als  die  Sonne  bereits  hinter  den  grauem

1)  Ebenda  S.  105.

2)  Aus  „Oberammergau  und  sein  Passionsspiel“,  Bayerische  Bibliothek,  15.  Band.

S.  1  ff.  Bamberg  1890.  C.  Buchner.
        <pb n="103" />
        22.  Kloster  Ettal  und  der  Pfaffenwinkel.  91

Schroffen  des  Wettersteines  hinabsank,  sind  wir  noch  den  Saumpfad  heraufgezogen,
  der  sich  so  steil  den  Ettaler  Berg  entlang  windet,  und  noch  zittert  in
uns  jene  wundersam  wohlige  Stimmung  nach,  welche  den  Städter  überkommt,
wenn  die  bergfrische  Einsamkeit  ihm  entgegengrüßt,  wenn  er  neben  sich  den
schäumenden  Gießbach  in  seinem  felsigen  Gelände  rauschen  hört  und  zum  ersten
Male  wieder  nach  langer  Zeit  würziger,  moosdurchfeuchteter  Waldgeruch  die
Brust  schwellt.

In  der  überfüllten  Stube  geht's  gar  lustig  her;  es  ist  ja  heute  Samstag
und  der  Bauer,  der  die  Woche  über  schweigend  seiner  einförmigen  Arbeit
nachgeht,  liebt  es  am  Feierabende  der  Rede  freien,  lauten  Lauf  zu  lassen.
Jetzt  gerade  hat  der  eifrige  Disput  seinen  Höhepunkt  erreicht,  und  wer  von
draußen  den  Lärm  hört,  der  durch  die  niederen  Fenster  in  die  Dämmerung
hallt,  könnte  wohl  glauben,  daß  ein  heller  Streit  im  Anzuge  sei.  Da  läutet
man  in  der  Klosterkirche  drüben  zum  Abendsegen.  Alsbald  verstummt  das
Johlen,  andächtig  falten  die  Männer  ihre  wetterharten  Hände  und  das  Flüstern
der  betenden  Lippen  zieht  allein  noch  durch  die  regungslose  Stille.  Leise  verklingen
  die  letzten  Glockentöne,  die  Anwesenden  machen  das  Zeichen  des  Krenzes
und  mit  einem  behäbigen  „Guten  Abend“  nimmt  der  Wirt  die  unterbrochene
Unterhaltung  wieder  auf.

In  solchen  Augenblicken  erfährt  es  der  Fremde,  daß  noch  die  uralten
Gepflogenheiten  streng  kirchlicher  Frömmigkeit  im  Volke  sich  erhalten  haben.
Auch  die  Straße,  die  er  gegangen  ist,  hat  ihn  darüber  belehren  können.  Am
blühenden  Rain  und  unter  den  weitschattenden  Bäumen  stehen  die  rohgezimmerten
Wegkreuze  mit  dem  Bilde  des  Erlösers;  die  sogenannten  Marterln  haben  ihn
mit  schlichten  Worten  aufgefordert  ein  Vaterunser  für  jene  zu  beten,  welche
jählings  hier  aus  dem  Leben  geschieden  sind,  und  tritt  er  von  der  Straße  ins
Wirtshaus,  so  leuchten  ihm  an  der  Türe  die  Anfangsbuchstaben  der  Namen
der  heiligen  drei  Könige,  mit  Kreide  angeschrieben,  entgegen,  denen  die  Macht
innewohnt  die  bösen  Geister  von  der  Schwelle  zu  bannen,  während  in  der
Stube  zuerst  sein  Blick  auf  den  geschnitzten  Herrgott  mit  dem  geweihten  Palmzweiglein
  fällt,  der  zwischen  den  Fenstern  seinen  Platz  gefunden  hat.  Denn
mag  auch  die  Zeit  sich  gewandelt  haben,  mag  modernes  Leben  und  städtische
Anschauungsweise  übermächtig  in  diese  weltverlorenen  Hochlandsdörfer  gedrungen
  sein,  etwas  vom  ehemaligen  Klosteruntertanen  steckt  noch  in  jedem
Bewohner  des  Ammergaues.

Und  geistliches  Gebiet  ist  ja  der  Gau  gewesen  seit  urvordenklichen
Zeiten.  Das  langgestreckte,  von  der  grünen  Ammer  durchflossene  Gebirgstal,
das  sich  vom  einsamen  Plansee  an  Ettal  vorüber  bis  zum  Passionsdorfe
Oberammergau  hinzieht,  bildete  einst  einen  Teil  des  Pfaffenwinkels,  wie  der
Volksmund  jene  weitgedehnten  Gebiete  nannte,  welche  eine  festgefügte  Kette
stattlicher  Klöster  gegen  die  Hochebene  hin  abschloß,  und  von  denen  es  hieß,
daß  man  vierzehn  Tage  darin  herumreisen  und  alle  Mittage  und  Abende  auf
        <pb n="104" />
        92  22.  Kloster  Ettal  und  der  Pfaffenwinkel.

einer  andern  Prälatur  oder  Abtei  speisen  und  schlafen  konnte.  Von  Füssen
drüben,  wo  das  Stift  des  heiligen  Magnus  auf  die  schäumenden  Wellen  des
Lech  herniederschaut,  reichte  diese  Kette  in  weitem  Bogen  bis  an  den  Juß  der
Benediktenwand.  Da  war  Steingaden,  die  alte  Welfenstiftung,  und  das
Augustinerkloster  Rottenbuch,  da  waren  Wessobrunn  und  Polling,
Diessen  und  Bernried,  Schlehdorf  und  Benediktbeuern  und  als
äußerste  Hochwart  in  das  Flachland  vorgeschoben  ragte  auf  dem  „Heiligen
Berge“  das  gnadenreiche  Andechs  empor  über  den  blauen  Fluten  des  Ammersees.
  Jeder  dieser  Namen  bedeutet  einen  Markstein  in  der  Geistesgeschichte
unseres  Altbayernlandes,  denn  nichts  lag  den  Bewohnern  dieser  stillen  Mauern
ferner  als  ihre  fromme  Weltflucht  bis  zur  Kulturfeindlichkeit  zu  steigern.  Seit
den  Tagen,  da  die  ersten  Glaubensboten  mit  wuchtigen  Axthieben  die  einsame
Wildnis  rodeten  um  ihren  Siedel  zu  erbauen,  bis  zur  Klosteraufhebung  im
Jahre  1803  haben  geistiges  Schaffen  und  künstlerisches  Tun  hier  eine  allezeit
  gastliche  Heimstätte  gefunden.  Allezeit  sagen  wir  und  nicht  bloß,  wie  es
ja  männiglich  bekannt  ist,  nur  während  des  Mittelalters.  Gerade  in  dem
Zeitabschnitte  der  Gegenreformation,  der  den  katholischen  Süden  im  Gegensatze
  zum  Norden  Deutschlands  auf  so  eigenartige,  mit  romanischen  Elementen
durchsetzte  Kulturbahnen  wies,  als  die  Kunst  des  Barock  und  des  Rokoko
ihren  Hauptsitz  in  Altbayern  aufgeschlagen  hatte,  erleben  diese  Klöster  eine
prächtige  Nachblüte.  Damals  entstanden  jene  herrlichen,  mit  allen  Mitteln
sinnberückender  Kunst  ausgestatteten  Kirchenbauten  und  Prälaturen,  die  noch
heute  gleich  Fürstenschlössern  die  Landschaft  beherrschen  und  die  in  ihren
geräumigen,  wohlgeordneten  und  planvoll  vermehrten  Büchereien  so  reiches
Rüstzeug  für  die  gelehrten  Forscher  aller  Nationen  bargen.  Man  braucht  nur
die  alten  Reiseberichte  zu  durchblättern  um  zu  ersehen,  welch  großsinnige  Gastfreundschaft,
  welch  reges,  feinfühliges  Interesse  hier  für  alles  vorhanden  war,
was  der  menschliche  Geist  in  Kunst  und  Wissenschaft  Hervorragendes  zeitigte.
Dieser  ganze  Gau  führt  uns  „ein  Bild  warmherzigen  Schaffenseifers  süddeutscher
  Architekten“  vor,  dem  erst  die  kunsthistorische  Forschung  der  jüngsten
Tage  wieder  gerecht  zu  werden  beginnt.  Hier  wurden,  wie  unser  Westenrieder
im  Jahre  1788  hervorhebt,  „unzählige  Jünglinge,  an  welchen  man  die  Spuren
guter  Köpfe  bemerkt,  von  Klöstern  und  Pfarrern  gleichsam  an  Kindesstatt  angenommen,
  unentgeltlich  erzogen  und  in  den  Anfangsgründen  der  Wissenschaften
unterrichtet".

Als  am  22.  Oktober  1758  in  dem  alten  gotischen  Hause  1)  an  der  Burggasse
  in  München  jene  Gemeinde  hochstrebender  Männer  sich  zusammenfand,
aus  welcher  die  bayerische  Akademie  der  Wissenschaften  hervorgehen
sollte,  da  war  es  ein  Kind  des  Pfaffenwinkels,  der  treffliche  Lori,  der,  wie
er  jederzeit  gerührt  anerkannte,  „vom  Kloster  Steingaden  herausgehoben  und

1)  Heute  noch  unverändert  erhalten,  Haus  Nr.  5.
        <pb n="105" />
        22.  Kloster  Ettal  und  der  Pfassenwinkel.  93

verpflegt  worden,“  welcher  die  Ziele  der  gemeinsamen  geistigen  Arbeit  in
feurige  Worte  faßte.  Und  wackere  Kämpen  der  Aufklärung  haben  diese  Klöster
selbst,  zuvörderst  Stift  Polling,  der  neuen  Akademie  gestellt.  Da  waren,  um
nur  zwei  zu  erwähnen,  der  bescheidene  Dechant  Eusebius  Amort,  ein  Kind
des  Isarwinkels,  und  der  gelehrte  Pater  Gerhof  Steigenberger,  der  sich
zum  Leiter  der  kurfürstlichen  Bibliothek  in  München  emporrang,  ein  armer
Häuslerssohn  aus  der  Gegend  von  Peißenberg,  „von  geringen,  aber  gar  ehrlichen
  und  frommen  Eltern  geboren,"  dem  das  Kloster  „auf  eigene  Hauskosten“
zu  seiner  Ausbildung  in  Paris  und  Rom  die  Mittel  bot.

Wohin  auch  der  Lebenspfad  solcher  Männer  sich  wenden  mochte,  die  Anhänglichkeit
  an  das  Mutterkloster  ist  ihnen  geblieben,  es  zog  sie  immer  wieder
zurück  nach  den  stillen  Räumen,  wo  sie  die  schönsten  Jahre  verlebt  und  an  die
ihre  Jugenderinnerungen  sich  knüpften.  Wohl  mochte  auch  unserem  Steigenberger
  das  Herz  höher  schlagen,  wenn  er  in  späteren  Jahren  bei  einem  Besuche
  Pollings  den  hallenden  Korridor  hinabwandelte  und  die  Bibliothek  betrat,
  in  welcher  über  achtzigtausend  Bände  der  seltensten  und  kostbarsten  Art
aufgespeichert  waren,  wenn  ihn  dort  sein  Lehrer,  der  ehrwürdige  Prälat
Franziskus,  der  vortreffliche  Bücherkenner,  inmitten  der  Folianten  begrüßte,
die  er  mit  selbstloser  Aufopferung  Jahrzehnte  hindurch  in  aller  Herren  Länder,
hinab  bis  Spanien  und  Portugal,  hatte  sammeln  lassen.  Und  wenn  die  beiden
dann  ihre  gelehrten  Gespräche  unterbrachen  um  an  das  geöffnete  Fenster  zu
treten  und  ihr  sinnender  Blick  über  die  wunderstille  Gottesnatur  schweifte  zu
den  blauenden  Bergen,  an  deren  Abhängen  der  Staffelsee  emporglänzte,  da
empfanden  sie  wohl  mit  inniger  Befriedigung,  daß  auch  sie  nach  tausend
Jahren  den  gleichen  Bestrebungen  treu  geblieben  waren,  welche  auf  der  idyllischen
Insel  drüben  bereits  in  den  Tagen  der  Karolinger  hochgehalten  wurden,  in
dem  wasserumspülten  Benediktinerklösterlein  Staffelsee,  das  vor  seiner  Zerstörung
  durch  die  räuberischen  Ungarnhorden  neben  einem  Reichtume  kostbarer
Kirchengeräte  auch  einen  namhaften  Schatz  von  Büchern  barg.

Die  Klöster  des  Pfaffenwinkels  sind  durch  die  Jahrhunderte  unentwegt
die  Träger  des  Kulturfortschrittes  gewesen;  an  ihre  Schulen,  Seminarien,
Büchereien  und  Meierhöfe  knüpft  sich  in  jenen  Zeiten  des  erschwerten  Verkehres
die  Entwickelung  des  Gaues.  Die  wirtschaftliche  Entwickelung  nicht  minder  wie
die  intellektuelle;  und  wenn  der  Abt  von  Wessobrunn  in  den  ersten  Jahrzehnten
des  16.  Jahrhunderts  eine  eigene  Klosterdruckerei  errichtete,  so  oblagen  die
Prälaten  von  Benediktbeuern  mit  gleichem  Eifer  der  Fischzucht  und  jeder,  der
einmal  zu  Andechs  oder  sonst  in  einem  kühlen  Klosterbräustüblein  einen  frohen
Nachmittag  vertrank,  hat  es  an  sich  selbst  erfahren,  daß  die  frommen  Jünger
des  heiligen  Benedikt,  getreu  ihrer  Ordensregel,  welche  nicht  nur  ernstes
Studium  und  die  Anlegung  von  Bibliotheken  vorschrieb  sondern  auch  Handarbeit,
  die  für  Bayerns  wirtschaftliches  Wohlergehen  so  bedeutsame  Fähigkeit
einen  trefflichen  Tropfen  zu  brauen  bis  in  unsere  Tage  herübergerettet  haben.
        <pb n="106" />
        94  22.  Kloster  Ettal  und  der  Pfaffenwinkel.

Vom  Kloster  aus  spannen  sich  diese  Fertigkeiten  hinüber  nach  den  Hütten  der
Bauern,  nach  den  Häusern  der  Bürger  in  den  Märkten  und  erweckten  dort
regen  Sinn  und  kräftige  Betriebsamkeit.  Aus  dem  Kloster  Rottenbuch,  wo#
schon  um  das  Jahr  1111  die  Holzschnitzerei  heimisch  war,  ist  diese  Kunst  nach
Oberammergau  verpflanzt  worden;  in  Wessobrunn  erblühte  während  des
18.  Jahrhunderts  ein  Stamm  trefflicher  Stukkaturarbeiter:),  nach  den  napoleonischen
  Kriegen  noch  über  100  Mann  zählend,  der  seine  Angehörigen  bis  nach
Frankreich  und  Rußland  sandte  und  dessen  geradezu  virtuose  Leistungen  in  der
Kirche  zu  Ettal  ungeteilte  Bewunderung  erregen.

In  solchen  Streiflichtern  auf  die  Kulturgeschichte  des  Pfaffenwinkels
erging  sich  das  Gespräch,  als  wir  am  schweren  Holztische  des  Wirtshauses  das
schäumende  Bier  von  Ettal  uns  trefflich  munden  ließen.

Spät  nachts  bin  ich  dann  noch  hinaus  ins  Freie  getreten.  Mir  gegenüber
  stiegen  die  mächtigen  Mauern  des  ehemaligen  Klosters  schweigend  empor,
mildträumerisches  Mondlicht  umspielte  die  feinen  Umrisse  der  hochgewölbten
Kirchenkuppel  und  zitterte  auf  den  glänzenden  Flächen  der  Kupferbedachung,
in  dunklem  Zuge  griffen  die  finstern  Tannenwälder  hinan  von  der  Bergeslehne.
Ein  unbeschreiblicher  und  unergründlicher  Friede  waltete  über  dem  weltvergessenen
  Landschaftsbilde,  ein  wundersamer  Reiz,  der  die  Gedanken  mit  leisem
Zuge  zurückträgt  in  längst  vergangene  Zeiten.  Und  so  erinnerungsreich,  so
sagenumflüstert  wie  Ettal  ist  sicherlich  kein  zweiter  Fleck  im  weiten  Umkreise
unserer  bayerischen  Berge,  es  ist  eine  vielhundertjährige  Geschichte,  welche  an
diesen  Mauern  und  an  diesen  Wäldern  haftet.

Eine  trotzige  Gestalt  steht  zuerst  vor  uns,  wenn  wir  Kunde  geben  von
diesen  Geschehnissen.  Es  ist  der  Welfse  Ethiko.  Weithin  herrschte  dieses
stolze  Geschlecht  auf  seinen  freieigenen  Gütern  im  Gaue,  es  war  den  Karolingern
  verschwägert,  seit  Ludwig  der  Fromme  im  Jahre  819  die  schöne  Jutta,
die  kunst=  und  wissensfreudige  Welfentochter,  sich  zur  Gattin  genommen.  Da
ließ  sich  Ethikos  Sohn  Heinrich  um  die  Besitzungen  des  Hauses  zu  mehren
herbei  dem  Kaiser  zu  Lehen  zu  gehen.  In  tiefstem  Herzen  ergrimmt,  daß
einer  der  Seinen  zum  Vasallen  sich  erniedrigt,  zog  sich  der  alte  Welfe  in  die
schauerlich  einsamen  Oden  dieses  Tales  zurück  und  lebte  hier  mit  zwölf  seiner
Genossen  in  klösterlicher  Gemeinschaft.  Von  diesem  Sitze,  der  wohl  noch  ein
palissadenumfriedeter,  nach  altgermanischer  Weise  gefügter  Holzbau  gewesen,
soll  das  ganze  Tal  seinen  Namen  erhalten  haben  —  Ethikos?)  Tal,  das  im

1)  Die  Bedeutung  Wessobrunns  als  Sitz  einer  hervorragenden  Bildhauerund
  Stukkatorschule  ist  erst  durch  neuere  Forschungen  erhellt  worden.  Mit  reichlichen
  Aufträgen  versehen  waren  diese  geschickten  Leute  allenthalben  in  Süddeutschland
wie  auch  in  der  Schweiz  und  in  SÖsterreich  viel  beschäftigt  und  es  fällt  die  Blütezeit
dieses  Kunstzentrums  mit  der  des  Rokoko  zusammen.  Friedr.  v.  Thiersch,  „Die
Baugeschichte  des  Klosters  Ettal.“  1899.  4

2)  Andere  geben  andere  Dentungen:  Von  Odtal  =  Tal  in  der  Einöde,  Etal  —
Stätie  des  Gelöbnisses.
        <pb n="107" />
        22.  Kloster  Ettal  und  der  Pfaffenwinkel.  95

Laufe  der  Jahre  in  Ettal  sich  gewandelt.  Dort  bestatteten  ihn  seine  Gefährten,
als  er  um  das  Jahr  910  aus  dem  Leben  schied.  Dann  verwuchsen  die
Rodungen  wieder  zu  undurchdringlichem  Urwalde,  in  welchem  der  schlanke
Elch  und  der  grimmige  Bär  schweigend  ihre  Fährte  zogen  und  ungefüge
Raubgesellen  ihr  lichtscheues  Wesen  trieben.  Jahrhunderte  vergingen.  Von
den  Welfen  waren  die  Siedelungen  der  Gegend  durch  Kauf  an  die  Hohenstaufen
  gekommen,  von  diesen  hatten  sie  die  Wittelsbacher  ererbt,  als  der  letzte
jenes  Stammes,  der  junge  Konradin,  auf  dem  Blutgerüste  in  Neapel  sein
Leben  hatte  lassen  müssen.  Ein  Wittelsbacher  —  Kaiser  Ludwig  der
Bayer  —  ist  es  gewesen,  der  durch  eine  Klostergründung  gar  eigener  Art
neues  Leben  in  das  öde  Tal  brachte.

Es  waren  schwere  und  doch  auch  ruhmvolle  Zeiten  damals  für  Bayern.
Am  20.  Oktober  1314  hatte  man  in  der  Kirche  des  heiligen  Bartholomäus
an  der  alten  Wahlstätte  zu  Frankfurt  dem  32  jährigen  Bayernfürsten  als
deutschem  Könige  gehuldigt,  am  28.  September  1322  war  in  hartem  Strauße
auf  der  Ebene  von  Mühldorf  sein  Gegenkönig  Friedrich  der  Schöne  von
Osterreich  geschlagen  und  gefangen  worden  und  in  der  rückhaltslosen  Aussöhnung
  mit  seinem  Gegner  hatte  Ludwig  seinen  milden,  edlen  Sinn  betätigt.
Dann  war  er  nach  Welschland  gezogen.  In  Rom  hatte  er  am  17.  Januar
1328  die  Kaiserkrone  empfangen,  doch  nicht  aus  des  Papstes  Händen,  der
damals  in  Avignon  weilte  und  in  heftigem  Streit  schweren  Kirchenbann  über
ihn  verhängte.  Vergeblich  hatte  Ludwig  versucht  des  Reiches  Ansehen  in
dem  zerrissenen  Italien  herzustellen;  schwer  enttäuscht  ob  des  nutzlosen  Kampfes
war  er  in  den  ersten  Wochen  des  Jahres  1330  nach  Bayern  zurückgekehrt.
An  der  Stelle,  wo  er  zuerst  wieder  nach  Überschreitung  des  damals  noch
freisingischen  Gebietes  um  Partenkirchen  den  heimischer  Boden  betreten,  hat
der  Fürst  das  Kloster  „ze  unser  Frawen  Etal“  gegründet  „unserm  Herrn  Got
ze  Lob  und  unser  frawen  ze  Ern“,  damit  „unserm  Herren  als  loblich  und
als  andechtichlich  darinne  gedient  werde,  das  wir  und  alle  unser  Vordern  und
Nachkommen  und  alle  Kristenheit  an  Seel  und  an  Leib  gen  Got  getröstet
werden“,  und  hat  am  Montage  nach  Mariä  Himmelfahrt  1332  die  seltsame
Regel  gefestet,  der  zu  Willen  die  geistlichen  und  weltlichen  Insassen  des  Stiftes
fürder  leben  sollten.

Denn  nicht  allein  ein  Kloster  sollte  hier  erstehen  sondern  auch  ein
Pfründehaus  für  ritterbürtige  Genossen,  welche  dem  Kaiser  in  seinen  Kriegen
gute  Dienste  geleistet.  Den  20  Mönchen  nach  Sankt  Benedikts  Regel  warecn
13  Ritter  mit  ihren  Frauen  beigegeben  und  sollen,  besagt  der  herzige  Stiftungsbrief,
  „die  Munich  iren  Orden  und  die  Ritter  und  Frauen  ir  Ee  recht
und  redlich  halten“.  Einer  von  den  Rittern  stand  der  Gemeinde  als  Meister
vor,  auf  daß  er  „des  Chlosters  pfleg  mit  allen  Sachen“,  Geistliche  und  Laien
aber  umschlang  das  gemeinsame  Band  der  Gottesverehrung,  und  wenn  auch
die  Ritter  mit  des  Meisters  Erlaubnis  standesgemäße  Kurzweil  mit  Armbrust-
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        96  22.  Kloster  Ettal  und  der  Pfaffenwinkel.

schießen,  Birschen,  Beizen  und  Jagen  üben  durften,  so  waren  sie  nicht  minder
geistlicher  Zucht  unterworfen.  Jeglicher  hatte  die  Pflicht  bei  der  Frühmette
und  bei  allen  Tageszeiten  des  Chores  in  der  Kirche  zu  erscheinen  und  fünfmal
im  Jahre  „unsers  Herrn  Leichnamen“  zu  empfangen.  Kein  Glücksspiel  war
erlaubt,  „weder  Wurfzabel  noch  khein  ander  Spiel  umb  Gelt“.  Trunkenheit
und  wüstes  Leben  waren  höchlich  verpönt,  bei  Tische  herrschte  lautlose  Stille,
die  nur  des  Vorlesers  Stimme  unterbrach,  der  in  deutscher  Sprache  etwas
berichten  mußte  „daz  götlich  sei“.  Die  Kinder,  welche  auf  der  Hofstatt  geboren
wurden,  durften  nur  3  Jahre  bei  ihren  Eltern  weilen,  „nit  länger“,  dann
mußten  sie  auswärts  in  Pflege  kommen.  Die  Ritter  verpflichteten  sich  in
ihrer  Kleidung  keine  anderen  Farben  zu  tragen  denn  blau  und  grau,  die
Frauen  nur  blau.  Also  war  des  Stiftes  Leben  geordnet  bis  zum  kleinsten
herab.

Welchen  Idealen  wollte  der  Kaiser  in  dieser  eigenartigen  Stiftung  feste
Gestaltung  verleihen?  War  es  wirklich  seine  Absicht  in  der  einsamen  Bergeswildnis
  einen  Gralstempel  erstehen  zu  lassen?  Sicherlich  lebte  noch  in  Ludwigs
Brust  die  Erinnerung  fort  an  den  „Parzival“  des  Dichters  Wolfram  von
Eschenbach,  der  ja  selbst  ein  Ritter  aus  Bayerland  gewesen,  wohl  mag  auch
er,  gleich  seinen  Zeitgenossen,  dieses  hohe  Lied  des  Rittertums  wertgehalten
haben,  dessen  bestrickender  mystischer  Zauber  uns  modernen  Menschen  durch
die  Werke  des  tongewaltigen  Meisters  von  Bayreuth,  durch  „Lohengrin“  und
„Parsival“  wieder  so  nahe  gerückt  worden  ist  und  dessen  geistigen  Mittelpunkt
der  Gral  und  der  Berg  der  Erlösung  Munsalväsche!)  bilden.  Der  Gral,
jene  wundersame  Schüssel,  welche  Christi  Hand  beim  Abendmahle  berührte,
in  der  Joseph  von  Arimathäa  das  Blut  des  Erlösers  aufgefangen  und  zu
der  alljährlich  vom  Himmel  eine  Taube  herniederstieg  um  ihre  Wunderkraft
neu  zu  stärken,  die  hochragende  Heilsburg  Munsalväsche  mit  ihrem  weithinleuchtenden
  Tempel,  wo  die  Templeisen  des  heiligen  Hortes  warten,  ein  auserwählter
  Kreis  von  geistlichen  Rittern,  welche  aller  weltlichen  Minne  entsagt
haben  und  denen  in  keuscher  Gemeinschaft  eine  Schar  von  edlen  Jungfrauen
und  von  Priestern  zugesellt  ist.  Unwillkürlich  schweifen  unsere  Gedanken  in

1)  „Man  darf  mit  Sicherheit  annehmen,  daß  der  Gedanke  ein  „Monsalwatsch  zu
gründen  schon  in  der  Jugendzeit  des  hochgemuten  Kaisers  entstand,  als  ihn  die  Kenntnisnahme
  von  Parzival  und  der  Gralsage  begeistert  hatte,  daß  aber  die  poetische  Idee  erst
auf  seinem  Römerzuge  zur  Reife  gedieh,  als  er  unter  vielen  anderen  Baptisterialbauten
namentlich  die  glänzenden  Bauschöpfungen  der  Ghibellinenstadt  Pisa  kennen  lernte.  Die
näheren  Umstände  der  Gründung  sind  legendarisch,  geradezu  rührend  aber  ist  die  Sage,
wonach  der  gebannte  Kaiser  das  marmorne  Weihebild,  wohl  ein  pisanisches  Werk,
auf  dem  Sattelbogen  durch  Oberitalien  und  Tirol  herausbrachte  und  auf  dem  langen
Wege  den  Plan  der  zwölfeckigen  Rotunde  ersann.  Er  scheint  sich  demnach,  wie  fünf
Jahrhunderte  später  Kronprinz  Ludwig  in  Tilsfit,  auch  in  schwerbedrängter  Zeit  mit
Fragen  der  Kunst  beschäftigt  zu  haben.“  Franz  v.  Reber,  „Die  Anfänge  der  Kunstpflege
des  Wittelsbachischen  Hauses.“  1901.
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        22.  Kloster  Ettal  und  der  Pfaffenwinkel.  97

jüngst  vergangene  Tage  zu  einem  andern  Wittelsbacher,  dem  hochsinnig  angelegten
  König  Ludwig  II.  In  ihm  waren  die  Ideale  der  höfischen  Epik
des  Mittelalters  durch  das  Medium  von  Richard  Wagners  Tonschöpfungen
in  bewußter  und  nachweisbarer  Gestalt  zur  Tat  geworden.  Anknüpfend  an
den  Gralsritter  Lohengrin  schuf  er  das  herrliche  Neuschwanstein,  welches
jedem,  der  es  vom  bergumfriedeten  Alpsee  aus  in  blendender  Weiße  über  dem
düstern  Tannicht  erschaut  hat,  den  Wunderanblick  der  Gralsburg  am  See
Brumbane  vor  die  Seele  zaubert;  Wolframs  Parzival  hielt  des  Königs  Sinn
gefangen,  seiner  Verherrlichung  sind  die  farbenstrahlenden  Bilderreihen  an  den
Wänden  des  mit  märchenhafter  Pracht  gezierten  Sängersaales  gewidmet  und
nicht  genug  damit  sollte  dem  Gral  zur  Ehre  auf  der  schwindelnden  Felskuppe
des  Falkenstein  im  Schwangaue  ein  in  den  feierlich-ernsten  Schmuck  von
Mosaiken  gekleidetes  Monsalvat  gefügt  werden,  wie  man  ein  solches  niemals
gesehen  in  deutschen  noch  in  welschen  Landen.  Ihn,  der  nach  den  höchsten
Zielen  der  Menschheit  strebte,  den  vom  göttlichen  Ursprunge  seines  Amtes  zu
tiefst  durchdrungenen,  mit  schwerem  geistigem  Siechtume  ringenden  Herrscher,
dessen  Nachen  in  mondhellen  Nächten  die  melancholischen  Gewässer  einsamer
Hochlandsseen  durchfurchte,  können  wir  uns  wohl  als  einen  andern  „roi  pecheur“
denken,  als  ein  Spiegelbild  des  wunden  Gralskönigs  Amfortas,  der  so  gerne
auf  den  Fluten  von  Brumbane  weilt,  wo  die  Süße  und  Linde  der  Luft  sein
Leiden  kühlt.

Ob  aber  solche  Stimmungen  in  seinem  Ahnherrn,  dem  heiteren  Kaiser
Ludwig,  gelebt  und  ob  auch  er  sie  baulich  verkörpern  wollte,  wer  vermag
das  heute  noch  zu  ergründen  und  zu  erweisen?  Was  wir  von  ihm,  dem
glaubensfrommen,  aber  durchaus  nicht  in  idealem  Schwunge  das  Leben  erfassenden
  und  ausgestaltenden  Fürsten  wissen,  gibt  uns  historisch  kein  Recht
zu  solcher  Auslegung  seiner  Persönlichkeit.  Freilich  klingt  mancher  Zug  in
der  Ordensregel  von  Ettal  an  die  Gemeinde  der  Templeisen  an,  die  zum
Schutze  des  Grales  bestimmt  waren,  aber  gerade  das,  wic  mir  dünkt,  bestimmende
  ideale  Moment  des  jeglicher  Frauenminne  abschwörenden,  ehelosen
Standes  der  Ritter  suchen  wir  vergeblich,  und  ohne  dieses  bleibt  Ettal  doch
mehr  ein  nach  dem  Sinne  der  Zeit  klösterlich  geordnetes  Pfründehaus.  Unumstößlich
  aber  dürfen  wir  in  der  Stiftung  des  Kaisers  den  Ausdruck  seines
menschenfreundlichen  Wollens  erblicken,  seiner  tiefen,  durch  zahllose  Guttaten
an  die  Kirche  bezeugten  Glaubenstreue  und  sonderlich  jener  von  den  Wittelsbachern
  allezeit  gehegten  herzinnigen  Verehrung  der  Gottesmutter,  der  ja  seine
letzten  Worte  galten:  „Süße  Königin  unser  Fraue,  bis  bei  meiner  Schidung,"“
als  er  am  11.  Oktober  1347  auf  der  Waldwiese  bei  Kloster  Fürstenfeld
entseelt  vom  Pferde  sank.

Aber  mag  dem  sein  wie  da  wolle,  der  Zauber  des  Eigenartigen,  des
Geheimnisvollen,  welcher  schon  die  erste  Herrschergestalt  in  diesem  Tale,  den
greisen  Welfen  Ethiko,  in  mystisches  Dunkel  hüllt,  waltet  auch  über  dem

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Baverns.
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        98  22.  Kloster  Ettal  und  der  Pfaffenwinkel.

kaiserlichen  Wittelsbacher  und  über  seinem  Stifte  Ettal,  und  wo  die  geschichtlichen
  Quellen  spärlich  fließen,  da  rankt  um  so  üppiger  die  Sage.  Mit  ihrem
verklärenden  Schimmer  hat  sie  die  Gründung  des  Klosters  umwoben.  Sie
führt  uns  nach  Italien,  wo  der  Kaiser  auf  seiner  Romfahrt  eines  Tages  in
brünstigem  Gebete  in  seiner  Zelle  kniete  um  von  der  Gottesmutter  die
Wendung  seines  widrigen  Geschickes  zu  erflehen.  Da  ging  zu  ihm  „durch
verschlossene  Thür“,  so  berichtet  eine  alte  Inkunabel  aus  Kloster  Wessobrunn,
„ein  alter  eyß  graber  münch  yu  schwarzer  Klaydung  vundt  tröstet  den  Kayser
in  seinem  laydt.“  Alles  würde  „ein  Fürgang  erlangen“",  wenn  er  „seiner
liebsten  muter  Marien“  zu  Gefallen  an  einem  Orte  in  Bayern,  genannt
Ampfrang,  den  Jüngern  des  heiligen  Benedikt  ein  Kloster  baue.  Zum  Pfande
zog  der  Alte  aus  seiner  Kutte  „ein  weyß  Marien  pildt  vund  gabs  dem  Kayser
jm  von  got  gesanndt.“

Wie  der  Mönch  gesagt,  so  ging  es  in  Erfüllung,  und  als  Herr  Ludwig
zurückkam  in  deutsche  Lande,  da  fragte  er  in  Partenkirchen  einen  Jäger  aus
Ammergau  nach  dem  Orte,  wo  er  seines  Gelübdes  ledig  werden  sollte.  Und  man
wies  ihm  den  Pfad,  „vund  so  der  Kayser  kam  auff  den  Ampffrang,  da  sach  er
nichts  dan  eine  große  wiltnuß  ond  gar  ain  dicken  waldt,  darein  in  der  jeger
thet  fueren  vund  kammen  zu  ainer  große  Dannen  daruor  des  Kaysers  pferdt
zu  drey  mal  nieder  fiel  auff  die  fordern  knye.  Unndt  wolt  nit  weytter
gehen.  Das  ward  ein  merklichs  zaychen.  Das  daselbs  das  Kloster  gepawn.
solt  werden.“  Und  der  Kaiser  ließ  den  ganzen  Wald  niederlegen  und
das  Kloster  bauen  mitsamt  der  lichten  Kirche  und  reichlich  begabte  er  das
Stift  mit  Gütern  und  mit  Gülten.  Und  auf  den  Hochaltar  setzte  er  das
Liebfrauenbild,  das  er  mitgebracht  aus  Welschland,  und  verordnete  dazu,
daß,  wenn  er  von  hinnen  scheide,  man  seinen  Leib  beisetzen  möge  im  Chor
des  Münsters.

Sein  Wunsch  ist  nicht  in  Erfüllung  gegangen.  Im  Dom  zu  Unser
Lieben  Frauen  in  München  harrt  sein  irdisch  Teil  froher  Urständ  entgegen;
dort  hat  ihm  sein  Nachkomme,  Herzog  Albrecht  III.,  um  das  Jahr  1438  jenen
herrlichen  Grabstein  gesetzt,  auf  dem,  von  Hannsen  des  Steinmeißels  kunstvoller
Hand  geformt,  die  milden  Züge  des  Kaisers  so  lebenswahr  und  lebensfrisch
uns  anblicken.

Nach  Ludwig  des  Bayern  Tod  zerfiel  das  Ritterstift,  das  Benediktinerkloster
  aber  erhielt  sich  und  ist  bis  zu  seiner  Auflösung  geistig  wie  religiös  der
ideale  Mittelpunkt  des  Gaues  geblieben.  Die  Geschichte  Ettals  weiß  vieles
zu  berichten  von  den  guten  und  schlimmen  Zeiten,  die  das  Kloster  mit  dem  Lande
Bayern  geteilt,  von  der  übermächtigen  Wallfahrt,  die  nun  anhub  zu  dem
wundertätigen  Gnadenbilde,  von  den  Drangsalen,  die  Ettal  zu  erdulden  gehabt,
als  die  Scharen  des  Kurfürsten  Moritz  von  Sachsen  anno  1552  hier  brandschatzten
  und  achtzig  Jahre  später  der  Schreckensruf  „der  Schwede  kommt"
die  Mönche  zur  Flucht  in  die  Berge  trieb,  und  dann  hinwieder  von  geistigem
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        23.  Kaiser  Ludwigs  Ende.  99

Schaffen,  von  den  trefflichen  Gelehrten,  die  sich  unter  den  Konventualen  hervorgetan,
  von  der  Ritterakademie  für  Söhne  vornehmer  Geschlechter,  welche
der  seit  dem  Jahre  1709  als  Abt  so  segensreich  waltende  Plazidus  Seitz!)
ins  Leben  gerufen  hatte  und  die  bald  die  Blüte  des  süddeutschen  Adels  in
ihren  Hörsälen  vereinte,  von  den  bedeutenden  Männern,  die  hier  zu  Gaste
geweilt,  oder,  wie  der  gottbegnadete  Sänger  Jakobus  Balde  im  Jahre  1640,
die  steile  Straße  zogen  an  Ettals  Mauern  vorüber,  „die  Gehölz  umgrünt
und  geweihte  Schatten  lockig  umwehen",  von  dem  furchtbaren  Brande,  der
am  Abend  von  Peter  und  Paul  1744  die  Stiftung  Ludwigs  des  Bayern
innerhalb  weniger  Stunden  in  Asche  legte,  von  dem  prächtigen  Wiederaufban
in  der  indes  im  Ammergaue  heimisch  gewordenen  Stilweise  des  Barock  —
kurz  die  Kunde  all  der  Wandlungen,  die  das  Kloster  durchgemacht  im  Laufe
von  nahezu  fünf  Jahrhunderten.

Im  Jahre  1803  fiel  das  herrliche  Kloster  Ettal  dem  tragischen  Geschicke  der
Säkularisation  anheim.  Die  ausgedehnten  Baulichkeiten  und  die  reichen  Besitzungen
  wurden  an  Private  veräußert,  die  Mönche  erhielten  einen  Gnadengehalt
  und  lebten  damit,  zumeist  an  der  ihnen  liebgewordenen  Stätte  oder  in
den  Gebirgsdörfern  der  Nachbarschaft,  ein  bescheidenes  Dasein  weiter.  Nur
einer  nicht,  der  letzte  Abt,  Pater  Alfons  Hafner.  Im  Innersten  hatte  den
Sechzigjährigen  das  gewalttätige  Ende  seines  Stiftes  erschüttert.  Gebrochen
an  Leib  und  Seele  entfloh  er  nach  Venedig,  wo  er  auf  der  Insel  San  Giorgio
Maggiore  ein  „Aspl  fand  in  den  ernsten,  schweigsamen  Klostermauern.  Dort
siechte  er  dahin  mit  der  zehrenden  Erinnerung  im  Herzen  an  das  sonnige
Idyll  im  walddurchrauschten  Bergestale,  bis  er  am  7.  Mai  1807  aus  dem
Leben  schied.

23.  Kaiser  Ludwigs  Ende.
Von  Franz  Graf  Pocci.)

Zu  Fürstenfeld  im  Bayerland  Hallo,  hallo!  ein  wilder  Bär
Das  Hifthorn  froh  erschallt,  Trabt  über  jenen  Plan,
Es  reitet  Kaiser  Ludwig  dort  Der  edle  Held  verfolget  ihn
Im  grünen  Tannenwald.  Auf  seiner  Fährte  Bahn.

)  „Dieser  vielseitige,  kunstsinnige  Abt  hatte  einen  fast  vollständigen  Neubau  des
Klosters  und  eine  wesentliche  Umgestaltung  der  Kirche  vornehmen  lassen  nach  dem  Entwurf
  des  Münchener  Hofarchitekten  Enrico  Züccali,  des  Erbauers  des  Schleißheimer
Schlosses  und  der  Theatinerkirche  zu  München.  An  der  Ritterakademie  entfaltete  sich  ein
reges  geistiges  Leben.  Sogar  die  Kriegskunst  wurde  gepflegt.  Die  jährlich  abgehaltenen
Manöver  wurden  in  Kupfer  gestochen.  So  berichtet  Westenrieder  in  seinen  Beiträgen
über  eine  im  September  1734  abgehaltene  Lust-Attacke  und  eine  um  aufgeworfenen  Preis
vorgenommene  Artillerie-Exercice,  was  sehr  ergötzlich  zu  lesen  ist.“  Thiersch  a.  a.  O.

*)  Dichtungen,  S.  22,  Schaffhausen  1843,  Hurter.

7*
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        100  24.  Die  Residenzen  der  bayerischen  Herzoge.

Der  Rüden  Meute  jagt  und  bellt,
Es  stürmt  der  Reiter  Troß

In  froher  Weidlust  jubelnd  nach
Dem  Kaiser  hoch  zu  Roß.

Wie  plölich  aber  ist  die  Lust

In  Trauer  umgestimmt,

Es  jammert  eines  Hornes  Schall,
Den  man  weithin  vernimmt.

Der  Bayer-Kaiser  stürzt  vom  Roß,
Ihn  hat  der  Tod  erjagt;

Den  Sterbenden  umsteht  's  Gefolg,

Das  weinend  um  ihn  klagt.

„Was  ich  gefehlt,  vergib,  o  Herr!
Bin  ich  von  Schuld  nicht  rein,

War  treu  mein  Glaube,  treu  das  Herz,
Nimm  auf  die  Seele  mein  !“

So  endigte  des  gähen  Tods
Ludwig  elendiglich,

Die  Kaiserwiese  heißt  der  Ort,
Wo  er  so  schnell  erblich.

Sein  Prunkbett  war  ein  Wiesenflech,
Das  Laub  sein  Baldachin,

Der  Krone  Gold  ein  Sonnenstrahl,
Der  ihm  das  Haupt  beschien.

 

Sein  Leichenstein  wird  in  dem  Dom
Zur  Lieben  Frau  geschaut,

Den  Herzog  Sigismundus  hat
Zu  München  auferbaut.

24.  Die  Residenzen  der  bayerischen  Herzoge.

Von  Joseph  Widemann.“

Als  um  das  Jahr  500  die  Bajuwaren  in  das  nach  ihnen  benannte  Land
zwischen  Donau  und  Alpen  einwanderten,  gab  es  hier  bereits  eine  beträchtliche
Anzahl  fester  Städte.  Wie  in  allen  Provinzen,  so  hatten  die  Römer  auch  in
Vindelizien  und  Norikum  an  geeigneten  Punkten  Standlager  errichtet,  die  sich
zu  mehr  oder  minder  ansehnlichen  Städten  entwickelten.  Die  bedeutendste  derselben
  war  Castra  Regina,  Regensburg.

Schon  die  Kelten,  die  ältesten  bekannten  Bewohner  des  Landes,  hatten
hier  am  Eintritt  der  Donau  in  die  weite  niederbayerische  Ebene,  nahe  der
Mündung  zweier  nicht  unbedeutender  Nebenflüsse,  eine  Ansiedlung  gegründet,
wie  der  alte  Name  der  Stadt,  Ratisbona,  beweist.  Regensburg  wurde  denn
auch  die  Residenz  der  bajuwarischen  Herzoge  aus  dem  Agilolfingergeschlecht.
Hierher  kam  der  heilige  Emmeram  an  den  Hof  des  Herzogs  Theodo;  hier
besuchte  Bischof  Rupert  von  Worms,  der  Gründer  des  Bistums  Salzburg,
den  Bajuwarenherzog  und  predigte  seinem  Volke.

Nach  dem  Sturze  Tassilos  kam  Bayern  an  die  Karolinger.  Auch  jetzt
behauptete  Regensburg  seinen  Rang  als  erste  Stadt  des  Landes.  Hier  rüstete
Karl  der  Große  791  zum  Heereszug  gegen  die  Avaren;  im  nächsten  Jahre
versammelte  er  hier  eine  Synode,  auf  der  die  Lehren  des  Bischofs  Felix  von
Urgel  und  der  Adoptianer  verdammt  wurden.  Ludwig  der  Deutsche  und  der
tatkräftige  Arnulf  wählten  Regensburg  mit  Vorliebe  zu  ihrer  Residenz.

Unter  der  Regierung  des  schwachen  letzten  Karolingers,  Ludwigs  des
Kindes,  kam  das  Volksherzogtum  in  Bayern  wieder  empor.  Hinter  Regens-
        <pb n="113" />
        24.  Die  Residenzen  der  bayerischen  Herzoge.  101

burgs  Mauern  leistete  Herzog  Arnulf  den  Königen  Konrad  I.  und  Heinrich  I.
Widerstand.  Mit  der  Erstarkung  der  Macht  des  deutschen  Königtums  verschwindet
  wie  in  den  übrigen  deutschen  Herzogtümern  auch  in  Bayern  das
Volksherzogtum.  Fürsten  aus  sächsischem  und  fränkischem  Geschlecht,  meist
nahe  Verwandte  des  jeweiligen  Königs,  zum  Teil  dessen  Söhne,  werden  mit
Bayern  belehnt.  Sie  stehen  dem  Volke,  über  das  sie  gesetzt  sind,  mehr  oder
weniger  als  Fremde  gegenüber;  über  ihre  Tätigkeit  in  und  für  Bayern  haben
sich  denn  auch  sehr  wenige  Nachrichten  erhalten.  Mit  den  Welfen  erhält  1070
wieder  ein  süddeutsches,  wenn  auch  nicht  einheimisches  Geschlecht  die  Herrschaft
  über  Bayern,  die  sie  mit  einer  kurzen  Unterbrechung  über  ein  Jahrhundert
  innehaben.  Heinrich  der  Stolze  erbaut  zu  Regensburg  die  berühmte
steinerne  Brücke.  Eben  dieser  Herzog  wird  aber  von  Kaiser  Lothar  auch  mit
dem  Herzogtum  Sachsen  belehnt  und  sein  Sohn  Heinrich  der  Löwe  widmet
seine  Sorgfalt  vorzugsweise  diesem  Herzogtum,  während  er  in  Bayern  nur
vorübergehend  sich  aufhält.  Im  Jahre  1180  kam  endlich  wieder  ein  einheimisches
  Herrschergeschlecht  zur  Regierung,  die  Wittelsbacher,  die  Nachkommen
der  alten  Volksherzoge.

Regensburg  war  damals  durch  seinen  Handel  und  seine  Gewerbtätigkeit
nicht  bloß  die  erste  Stadt  Bayerns  sondern  eine  der  bedeutendsten  Städte
ganz  Deutschlands.  Im  Bewußtsein  ihres  Ansehens  und  Reichtums  strebten
die  Bürger  der  Stadt  mehr  und  mehr  nach  Selbständigkeit;  es  beginnt  die
allmähliche  Entwicklung  Regensburgs  zur  reichsunmittelbaren  Stadt.  Die  ersten
Freiheiten  scheint  die  Stadt  von  Kaiser  Friedrich  Barbarossa  erhalten  zu  haben.
Die  Urkunde  hierüber  ist  nicht  mehr  erhalten,  doch  nimmt  das  Privileg  König
Philipps  vom  Jahre  1207  darauf  Bezug.  Die  Bürger  erhalten  das  Recht
der  Selbstverwaltung  und  Selbstbesteuerung.  Allerdings  besaßen  auch  die
bayerischen  Herzoge  noch  verschiedene  Rechte  in  der  Stadt:  die  oberste  Gerichtsbarkeit,
  Münze,  Zölle  gehörten  ihnen;  sie  hatten  dort  auch  ihren  eigenen
Hof.  Daneben  machte  aber  auch  der  Bischof  von  Regensburg  manche  Rechte
geltend.  Zwischen  ihm  und  dem  zweiten  wittelsbachischen  Herzog,  Ludwig  I.
(dem  Kelheimer),  kam  es  sogar  zum  Krieg;  in  den  Friedensverträgen  von
1205  und  1213  wurde  unter  anderm  bestimmt,  daß  Bischof  und  Herzog  verschiedene
  Rechte  in  Regensburg  gemeinsam  ausüben  sollten.  In  der  Folgezeit
aber  wußten  die  Bürger  Regensburgs  mit  kluger  Benützung  der  Geldverlegenheiten
  der  Herzoge  und  Bischöfe  immer  mehr  Rechte,  meist  auf  dem  Wege
der  Verpfändung,  an  sich  zu  bringen.  Außerdem  begünstigten  die  deutschen
Kaiser,  besonders  Friedrich  II.  und  später  Ludwig  der  Bayer,  die  aufstrebende
Stadt  und  erteilten  ihr  wichtige  Privilege.  So  erscheint  denn  im  14.  Jahrhundert
  die  Entwicklung  Regensburgs  zur  freien  Reichsstadt  bereits  vollendet.
Nur  vorübergehend  (von  1486  bis  1492)  stellte  sich  die  Stadt  freiwillig  nochmals
  unter  die  Regierung  Herzog  Albrechts  IV.  von  Bayern,  in  der  Erwartung
  hierdurch  einen  neuen  Aufschwung  ihres  damals  darniederliegenden
        <pb n="114" />
        102  24.  Die  Residenzen  der  bayerischen  Herzoge.

Handels  herbeizuführen.  Erst  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  bei  der  Neugestaltung
  der  politischen  Verhältnisse  Deutschlands  ward  Regensburg  wieder
dauernd  mit  dem  neuen  Königreich  Bayern  vereinigt,  aber  nicht  mehr  als
Hauptstadt;  von  seiner  früheren  Größe  und  Bedeutung  hatte  es  beträchtlich
eingebüßt.

Zur  Zeit  der  ersten  wittelsbachischen  Herzoge  kann  von  einer  eigentlichen
  Landeshauptstadt,  d.  h.  von  einem  ständigen  Regierungssitze  des  Landesfürsten,
  kaum  die  Rede  sein.  Regensburg  war  wohl  die  bedeutendste  Stadt
des  Landes,  aber  die  herzogliche  Macht  war  dort  schon  sehr  beschränkt.  Die
Herzoge  erscheinen,  soweit  sie  nicht  am  Hof  des  Kaisers  weilen,  bald  da  bald
dort  im  Lande,  Recht  sprechend  und  die  Angelegenheiten  ihrer  Untertanen
ordnend.  Bald  erheischte  die  Belehnung  mit  der  rheinischen  Pfalzgrafenwürde
(1214)  auch  ihre  häufige  Anwesenheit  am  Rhein.  In  jene  Zeit  fällt  die
Gründung  verschiedener  bayerischer  Landstädte.  Im  Jahre  1204  erbaute
Ludwig  I.  auf  dem  das  östliche  Ufer  der  Isar  begleitenden  Höhenzuge  die
Burg  Trausnitz  und  zu  deren  Füßen  die  Stadt  Landshut.  1218  legte  er
die  neue  Stadt  Straubing  an  westlich  von  der  alten  Ansiedlung,  die  sich  an
das  einstige  Römerkastell  angeschlossen  hatte.  1220  folgte  die  Gründung  von
Abbach,  1224  die  von  Landau  an  der  Isar.

Landshut  scheint  der  bevorzugte  Aufenthaltsort  Ludwigs  I.  und  seiner
Nachfolger  geworden  zu  sein.  In  dem  großen  Stadtrechtsprivileg  vom
Jahre  1279  hebt  Herzog  Heinrich  XIII.  ausdrücklich  hervor,  daß  Landshut
der  häufigste  Wohnsitz  seines  Großvaters  (Ludwig)  und  Vaters  (Otto)  gewesen
sei,  daß  er  selbst  hier  auferzogen  wurde  und  hier  auch  begraben  zu  werden
wünsche.  Im  nahen  Kloster  Seligental,  das  nach  der  Ermordung  Ludwigs  I.
(1231)  von  dessen  Witwe  Ludmilla  (gestiftet  wurde,  fanden  viele  Mitglieder
des  wittelsbachischen  Hauses  ihre  letzte  Ruhestätte.

Neben  Landshut  erscheinen  jedoch  den  Urkunden  der  Herzoge  zufolge
noch  viele  andere  bayerische  Städte  als  deren  Aufenthaltsort;  besonders  häufig
werden  München,  Straubing,  Ingolstadt,  Burghausen  genannt.  Burghausen
war  nach  dem  Aussterben  des  nach  dieser  Burg  benannten  Grafengeschlechtes
am  Ende  des  12.  Jahrhunderts  an  Bayern  gekommen.  Ebenso  fiel  um  die
Mitte  des  13.  Jahrhunderts  Wasserburg  nach  dem  Aussterben  der  dortigen
Grafen  den  Wittelsbachern  zu  lund  wurde  von  den  Herzogen  in  der  Folge
gerne  als  Aufenthaltsort  gewählt.

Im  Jahre  1255  teilten  die  herzoglichen  Brüder  Ludwig  II.  und
Heinrich  XIII.  ihre  Länder.  Ludwig  erhielt  Oberbayern  und  die  Pfalz.
Unter  ihm  und  seinen  Nachfolgern  wurde  München  zur  Hauptstadt  Oberbayerns.
  Ursprünglich  Tegernseer  Klosterbesitz  daher  der  Name  „zu  den
Mönchen")  war  dieser  Ort  besonders  seit  den  Zeiten  Herzog  Heinrichs  des
Löwen,  der  hier  eine  Brücke,  Münz=  und  Zollstätte  errichtete,  rasch  emporgeblüht.
  Ludwig  soll  hier  die  erste  herzogliche  Burg,  den  jetzigen  „alten  Hof“,
        <pb n="115" />
        24.  Die  Residenzen  der  bayerischen  Herzoge.  103

erbaut  haben;  er  hielt  sich  jedoch  nur  zeitweise  in  München  auf,  weilte  vielmehr
  abwechselnd  in  den  verschiedenen  bayerischen  und  pfälzischen  Städten  oder
auch  am  königlichen  Hofe.  Von  seinen  Söhnen  und  Nachfolgern,  besonders
von  Kaiser  Ludwig  dem  Bayern,  erhielt  München  viele  wichtige  Privilege.
In  Niederbayern  regierten  Heinrich  und  seine  Nachkommen.  Landshut
blieb  wohl  die  erste  Stadt  des  Landes,  ohne  jedoch  ständige  Residenz  des
Herzogs  zu  sein.  Eine  Hofordnung
  vom  Jahre  1293  bestimmt,
daß  der  Herzog  mit  seinem  Hofe
„allermeist  zu  Landshut,  Straubing
  und  Burghausen  wohnen
soll“.  Indes  wurde  diese  Verordnung
  keineswegs  streng  beobachtet.
  Die  Herzoge  —  damals
regierten  die  Söhne  Heinrichs,
Otto,  Ludwig  und  Stephan  gemeinsam
  —  weilten  mit  ihrem
Hofe  nach  wie  vor  hier  und  dort
im  Lande  auf  längere  oder  kürzere
Zeit.  Nicht  selten  wurden  auch
die  Klöster  mit  einem  Besuche  bedacht.
  Vom  Kloster  Aldersbach
bei  Vilshofen  ist  noch  ein  Rechnungsbuch
  vom  Ende  des  13.  und
Anfang  des  14.  Jahrhunderts
erhalten,  worin  wiederholt  Einträge
  über  die  Anwesenheit  des
herzoglichen  Hofes  und  die  dem
Kloster  dadurch  erwachsenen  Un-  Der  Alte  Hof.
kosten  sich  finden.  Mitunter
scheinen  diese  Besuche  sehr  unerwartet  gekommen  zu  sein.  So  wird  uns
einmal  berichtet,  daß  Herzog  Stephan,  der  seiner  Gemahlin  Juta  zu  Ehren
einen  großen  Jagdzug  veranstaltete,  am  14.  September  1300  während  des
Hauptgottesdienstes  unverhofft  ins  Kloster  kam  und  mit  seinem  zahlreichen
Gefolge,  Männern  und  Frauen,  die  ganze  Kirche  bis  zum  Hochaltar  vor  erfüllte.
  Entrüstet  unterbrach  der  zelebrierende  Priester,  der  eben  mit  dem
Gloria  begonnen  hatte,  die  Messe;  die  Mönche  löschten  alle  Lichter  aus  und
entblößten  die  Altäre.  Der  Herzog,  darüber  aufgebracht,  verließ  mit  den
Seinen  die  Kirche;  doch  gelang  es  später  dem  Abt,  der  zur  Zeit  des  Vorfalles
  abwesend  war,  und  einigen  Edlen  ihn  wieder  zu  versöhnen.  Ubrigens
erwiesen  sich  die  bayerischen  Herzoge  gegen  die  Klöster  auch  erkenntlich;  Güterschenkungen
  und  Verleihung  von  Privilegien,  besonders  Zollfreiheit  für  die
        <pb n="116" />
        104  24.  Die  Residenzen  der  bayerischen  Herzoge.

Durchfuhr  von  Salz  und  anderen  Lebensmitteln,  bildeten  die  Entlohnung  für
die  oft  erwiesene  Gastfreundschaft.  Es  darf  jedoch  hier  nicht  unerwähnt
bleiben,  daß  die  Beherbergung  des  Herzogs,  seiner  Amtsleute  und  Diener  eine
Pflicht  der  Klöster  war  dafür,  daß  der  Herzog  als  Vogt  sie  in  ihren  Rechten
schützte.  Freilich  wurde  diese  Herbergspflicht  späterhin  namentlich  von  den
herzoglichen  Jägern  und  Falknern  arg  mißbraucht,  so  daß  die  Klöster  sich
schließlich  gezwungen  sahen  mit  großen  Opfern  sich  von  diesem  drückenden
Dienste  loszukaufen.

Im  Jahre  1340  erlosch  mit  dem  Tode  des  noch  unmündigen  Herzogs
Johann  die  Nachkommenschaft  Heinrichs  von  Niederbayern.  Ober=  und  Niederbayern
  wurden  auf  kurze  Zeit  wieder  vereinigt.  Doch  schon  unter  den  Söhnen
Kaiser  Ludwigs  des  Bayern  kam  es  in  den  Jahren  1349—1353  wiederholt
zu  Landesteilungen.  Der  älteste,  Ludwig  der  Brandenburger,  erhielt  Oberbayern
  mit  München  als  Residenz.  Da  er  als  Gemahl  der  Margareta  Maultasch
  die  Grasschaft  Tirol  besaß,  weilte  er  sehr  häufig  auch  in  diesem  Lande,
wo  Innsbruck,  Bozen  und  Schloß  Tirol  seine  gewöhnlichen  Aufenthaltsorte
bildeten.  Die  Markgrasschaft  Brandenburg,  die  er  außerdem  noch  inne  hatte,
trat  er  1351  endgültig  seinen  jüngeren  Brüdern  Ludwig  dem  Römer  und  Otto
ab.  Stephan,  der  zweitälteste,  übernahm  die  Regierung  Niederbayerns  und
wählte  Landshut  zum  dauernden  Wohnsitz.  Ein  Teil  Niederbayerns  mit
Vilshofen,  Deggendorf,  Straubing,  Cham,  Kelheim,  Landau  und  anderen
Städten  fiel  bei  der  Teilung  vom  Jahre  1353  an  Wilhelm  und  Albrecht,  die
dazu  noch  Holland  und  Hennegau  erhielten.

Albrecht,  der  bald  die  Regentschaft  für  seinen  geisteskranken  Bruder
Wilhelm  übernahm,  wählte,  soweit  er  in  Bayern  sich  aufhielt,  Straubing
zur  Residenz;  er  erbaute  hier  um  das  Jahr  1356  die  jetzt  noch  stehende
herzogliche  Burg.  Nach  dem  Tode  seines  jüngsten  Sohnes  Johann  1425
wurde  das  Straubinger  Erbe  unter  den  damaligen  bayerischen  Herzogen  aufgeteilt.
  Die  Stadt  Straubing  selbst  fiel  an  Herzog  Ernst  von  München.
Dieser  sowohl  wie  sein  Sohn  Albrecht  III.  und  sein  Enkel  Albrecht  IV.
weilten  hier  sehr  häufig.  Hier  wurde  Agnes  Bernauer,  die  unglückliche  Gemahlin
  Albrechts  III.,  1435  in  der  Donau  ertränkt.

Als  Ludwig  der  Brandenburger  1361  starb  und  schon  zwei  Jahre
später  ihm  sein  jugendlicher  Sohn  Meinhard  ins  Grab  nachfolgte,  übernahm
Stephan  mit  seinen  Söhnen  die  Regierung  Oberbayerns,  während  Tirol  damals
  an  Österreich  verloren  ging.  Der  Regierungssitz  wechselte  nun  zwischen
Landshut  und  München,  doch  scheint,  nach  den  Urkunden  der  Herzoge  zu
schließen,  München  den  Vorzug  erhalten  zu  haben.  Hier  teilten  auch  Stephans
Söhne  1392  nochmals  ihr  Erbland.  Niederbayern  (mit  Ausnahme  des  Straubinger
  Gebictes)  erhielt  Friedrich,  der  zweitälteste  der  drei  Brüder.  Seine
und  seiner  Nachkommen  Hauptstadt  wurde  wieder  Landshut.  Doch  behauptete
daneben  Burghausen  gewissermaßen  den  Rang  einer  zweiten  Hauptstadt.  Die
        <pb n="117" />
        24.  Die  Residenzen  der  bayerischen  Herzoge.  105

Herzoge  hielten  dort  sehr  häufig  Hof.  Auf  dem  dortigen  Schlosse  speicherte
Heinrich,  der  Sohn  Friedrichs,  seine  Schätze  auf;  hier  verlebte  Heinrichs  Sohn,
Ludwig,  eine  freudlose  Jugend,  hier  verbrachte  Georgs  des  Reichen  Gemahlin,
Hedwig  von  Polen,  ihr  einsames  Leben.

Die  beiden  andern  Brüder  Friedrichs,  Stephan  und  Johann,  teilten
Oberbayern  unter  sich;  Stephan  wählte  Ingolstadt  zur  Residenz,  Johann
behielt  München.  1395  vereinigten  beide  Herzoge  nochmal  ihre  Länder  und
Stephan  weilte  nun  wieder  meist  in  München.  Nach  Johanns  Tod  (1397)
aber  verlangte  dessen  Sohn  Ernst  sein  väterliches  Erbe.  Es  kam  zwischen
ihm  und  seinem  Oheim  Stephan  zu  einer  langwierigen  Fehde.  Nach  deren
Ausgang  (1403)  nahm  Stephan  wieder  seinen  früheren  Wohnsitz  in  Ingolstadt
ein,  während  München  seinen  Neffen  Ernst  und  Wilhelm  verblieb.  Stephan
und  sein  Sohn  Ludwig  der  Gebartete  erweiterten  Ingolstadt  und  verliehen
der  Stadt  viele  Privilegien;  Ludwig  schmückte  sie  besonders  durch  die  Frauenkirche,
  eine  der  schönsten  gotischen  Kirchen  in  Bayern.  Als  der  unglückliche
Ludwig  in  der  Gefangenschaft  seines  Vetters  Heinrich  zu  Burghausen  1447
starb  ohne  einen  Leibeserben  zu  hinterlassen,  nahm  Heinrich  das  Ingolstädter
Herzogtum  in  Besitz.  Ingolstadt  verlor  wieder  seinen  Rang  als  Residenzstadt.
  Gewissermaßen  zum  Ersatz  dafür  stiftete  dort  Heinrichs  Sohn,  Ludwig
der  Reiche,  1472  die  bayerische  Landesuniversität.

Doch  auch  der  Landshuter  Linie  war  keine  lange  Dauer  beschieden.
1503  starb  Georg  der  Reiche  ohne  männlichen  Erben.  Albrecht  IV.  von
München  vereinigte  nun  wieder,  freilich  erst  nach  schwerem,  blutigem  Kampfe,
die  gesamten  bayerischen  Lande  unter  seiner  Regierung.  Seine  Hauptstadt
München  wurde  jetzt  die  Hauptstadt  von  ganz  Bayern.

Es  erübrigt  noch  einige  Bemerkungen  über  die  Residenzen  der  pfälzischen
  Wittelsbacher  anzufügen.

Schon  die  ersten  Wittelsbacher,  welche  die  rheinische  Pfalzgrafenwürde
bekleideten,  bevorzugten,  wenn  sie  am  Rheine  weilten,  vor  allen  anderen
Städten  Heidelberg.  Im  Vertrag  von  Pavia  1329  trat  Kaiser  Ludwig
der  Bayer  den  Söhnen  seines  verstorbenen  Bruders  Rudolf  die  Rheinlande
nebst  einigen  Gebieten  im  bayerischen  Nordgau  ab,  die  in  der  Folge  den
Namen  Oberpfalz  erhielten.  Residenz  der  Pfalzgrafen,  denen  durch  die  goldene
Bulle  Kaiser  Karls  IV.  auch  die  Kurwürde  zugesichert  wurde,  blieb  Heidelberg.
  Hier  gründete  1386  Pfalzgraf  Ruprecht  I.  die  Universität,  eine  der
ältesten  Deutschlands.  1)

Bald  kam  es  auch  in  der  Pfalz  zu  wiederholten  Landesteilungen.  1410
teilten  die  Söhne  Kaiser  Ruprechts:  Ludwig,  der  älteste,  behielt  die  Kurwürde
und  Heidelberg  als  Residenz;  seine  drei  jüngeren  Brüder  bekamen  Landesteile
  mit  den  Hauptorten  Neumarkt,  Simmern  und  Mosbach.  Von  der  Linie

 

1)  Die  dritte  nach  Prag  und  Wien.
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        106  25.  Die  Anfänge  der  Ludwig-Maximilians-Universität  in  Ingolstadt.

Simmern  zweigte  später  die  Linie  Zweibrücken  ab,  die  ihrerseits  wieder  in
verschiedene  Teillinien  zerfiel.  Auf  diese  Weise  gelangten  viele  kleinere  Städte
wie  Zweibrücken,  Veldenz,  Neumarkt,  Neuburg,  Sulzbach  u.  a.,  zum  Range  von
Residenzstädten.  Die  Pfalzgrafen  der  oberpfälzischen  Linien  weilten  sehr  häufig
auch  in  Amberg,  das  übrigens  schon  im  13.  Jahrhundert  nicht  selten  als
Aufenthaltsort  der  bayerischen  Herzoge  erscheint.  Doch  kam  all  diesen  Residenzstädten
  nur  eine  untergeordnete  Bedeutung  zu  im  Vergleich  zu  Heidelberg,
der  Residenz  des  Kurfürsten.  Die  Verhältnisse  liegen  also  wesentlich  anders
als  in  Bayern,  wo  die  Hauptstädte  der  einzelnen  Teilherzogtümer,  Landshut,
München,  Ingolstadt,  Straubing,  einander  an  Rang  gleichstehen,  bis  endlich
München  als  alleinige  Hauptstadt  übrig  bleibt  lediglich  dadurch,  daß  die  dort
regierenden  Herzoge  die  anderen  Linien  überleben.

Bis  zum  Ende  des  17.  Jahrhunderts  blieb  Heidelberg  ausschließlich  die
Residenz  der  pfälzischen  Kurfürsten.  Nach  der  barbarischen  Zerstörung  der
Stadt  durch  die  Franzosen  im  Jahre  1689  machten  ihr  andere  Städte  den
Rang  streitig.  Kurfürst  Johann  Wilhelm  residierte  gewöhnlich  in  Düsseldorf,
  wo  er  die  berühmte  Gemäldegalerie  gründete;  sein  Bruder  und  Nachfolger
  Karl  Philipp  erhob  Mannheim  zur  Residenz.  Hier  regierte  auch
dessen  Nachfolger  Karl  Theodor  bis  zum  Jahre  1777.  In  diesem  Jahre  erlosch
  mit  dem  Tode  Maximilians  III.  Joseph  die  bayerische  Linie  des  Hauses
Wittelsbach.  Karl  Theodor  übernahm  den  wittelsbachischen  Hausverträgen
zufolge  neben  der  pfälzischen  Regierung  auch  die  von  Bayern,  mußte  aber
eben  diesen  Verträgen  gemäß  seine  Residenz  nach  München  verlegen.  So
wurde  München  die  Hauptstadt  von  Kur-Pfalz-Bayern  und  bald  darauf  die
des  neuen  Königreichs.

25.  Die  Anfänge  der  Ludwig-Maximilians-Universität  in
Ingolstadt.
Von  Max  Haushofer.)

Ludwig  den  Reichen  nennt  die  Geschichte  jenen  bayerischen  Herzog,
welchem  die  ehrwürdige  Münchener  Universität  ihre  Entstehung  verdankt.
Wenn  auch  seine  Zeitgenossen,  als  sie  ihm  jenes  Prädikat  erteilten,  dabei  seinen
Reichtum  an  irdischen  Schätzen  im  Auge  hatten,  so  weiß  doch  die  Geschichtschreibung,
  daß  Ludwig  auch  reich  war  an  allen  edlen  Eigenschaften  des  Geistes
und  des  Herzens,  die  einem  Fürsten  zur  Zierde  gereichen  können.

Reich  war  aber  auch  jene  Zeit  an  großen  Menschen  und  an  großen
Ereignissen.  War's  doch  um  dieselbe  Zeit,  als  der  Portugiese  Bartholomäus
Diaz  das  Kap  der  guten  Hoffnung  entdeckte;  um  die  Zeit,  als  Christoph
Kolumbus  auf  der  Universität  Pavia  über  seinen  Plänen  brütete.  Und  wohin

)  Akademische  Monatshefte.  VI.  Jahrgang,  Heft  1,  München  1890,  Mühlthaler.
        <pb n="119" />
        25.  Die  Anfänge  der  Ludwig-Maximilians-Universität  in  Ingolstadt.  107

man  blickt  im  Rundkreis  der  damals  bekannten  Welt,  überall  sieht  das  Auge
des  Geschichtschreibers  große  und  glänzende  Gestalten  auftauchen.

Frisch  und  begeisternd  wehte  durch  die  Völker  Europas  jener  Strom
geistigen  Lebens,  der  aus  dem  wiedererschlossenen  Gedankenschatze  des  Altertums
entsprang.  Tausend  Jahre  hindurch  war  die  Wissenschaft  im  Alleinbesitze  des
Klerus  gewesen  —  nun  ward  sie  wieder  weltlich.  Wie  eine  mächtige  Strömung
kam  es  in  das  Bewußtsein  der  Völker,  daß  Wissenschaft  und  Kunst  große  und
heilige  Aufgaben  des  Menschengeschlechtes  seien  und  daß  man  auf  den  Resten
der  antiken  Kultur  weiterbauen  müsse.

Das  Wiederaufleben  der  Wissenschaft  hatte  zuerst  die  italienischen  Universitäten
  und  die  Pariser  Hochschule,  im  Deutschen  Reiche  die  Hochschulen  zu
Prag,  Wien  und  Heidelberg  zu  jenen  Stätten  gemacht,  wo  deutsche  Jünglinge
ihrem  Bildungsstreben  genügen  konnten.  In  Deutschland  waren  zunächst  Köln
und  Erfurt,  Leipzig,  Rostock  und  Freiburg  gefolgt.  Jeder  patriotische  Fürst
konnte  in  jener  Zeit  den  lebhaften  Wunsch  empfinden,  daß  die  Jünglinge  seiner
Nation  nicht  bloß  durch  die  Vermittlung  ausländischer  Universitäten  an  dem
machtvoll  zunehmenden  Bildungsschatze  der  Welt  Anteil  erhalten  möchten.
Dieser  Wunsch  war  nicht  bloß  durch  die  Freude  an  der  WMissenschaft  selbst
sondern  auch  durch  staatsmännische  Erwägungen  gerechtfertigt.

In  jener  Zeit  galt  die  Anschauung,  daß  der  römische  Papst  nicht  allein
in  geistlichen  sondern  auch  in  wissenschaftlichen  Dingen  die  höchste  Autorität
sei.  Als  daher  Herzog  Ludwig  den  Plan  faßte  eine  Universität  in  seinen
Landen  zu  gründen,  wandte  er  sich  an  den  damaligen  Papst  Pius  II.  (Enea
Silvio)  um  diesem  obersten  geistlichen  Lehnsherrn  seinen  Wunsch  vorzutragen.
Der  Papst  antwortete  hierauf  zustimmend.  Diese  Erlaubnis  des  geistlichen
Oberherrn  war  in  finanzieller  Hinsicht  von  Wichtigkeit.  Denn  zur  Ausstattung
  neu  entstehender  Universitäten  war  es  damals  sehr  wertvoll,  wenn
die  Mittel  geistlicher  Pfründen  und  Kanonikate  der  Sache  gewidmet  werden
durften.

Die  Universität  sollte  ihren  Sitz  in  Ingolstadt  haben.  Aber  zwischen
den  ersten  Plan  des  Herzogs  und  die  Ausführung  drängten  sich  politische
Hindernisse,  ein  Krieg  gegen  Albrecht  von  Brandenburg  und  Kaiser  Friedrich  III.
Erst  nach  dem  Siege  bei  Giengen  (1462)  konnte  Herzog  Ludwig  den  Plan
wieder  aufnehmen.  Es  dienten  ihm  dabei  teils  vorhandene  verfügbare  Stiftungsmittel
  teils  die  achtungswerte  Bereitwilligkeit  des  Klerus  die  neue  Universität
mit  Geldmitteln  auszustatten.  Den  Hauptbestandteil  dieser  Geldmittel  bildete
eine  Pfründnerstiftung,  welche  nach  dem  Willen  des  Stiftungsbriefes  auch
einem  „besseren  und  heilsameren  Zwecke“  zugewandt  werden  durfte.  Die
Summe  der  für  die  Universität  verfügbaren  Mittel  belief  sich  auf  eine  Jahresrente
  von  rund  2500  Gulden,  eine  Summe,  welche  für  die  damaligen  Verhältnisse
  einen  Wert  hatte,  wie  ihn  heutzutage  etwa  ein  Einkommen  von
80000  Mark  repräsentiert.
        <pb n="120" />
        108  25.  Die  Anfänge  der  Ludwig-Maximilians-Universität  in  Ingolstadt.

Ingolstadt  selbst,  der  Sitz  der  neuen  Universität,  war  an  sich  kein  Ort
von  sonderlicher  Berühmtheit.  Die  Meinungen  der  Zeitgenossen  gehen  in
Lob  und  Tadel  weit  auseinander.  Der  Stadt  fehlte  es  ohne  Zweifel  an
landschaftlichen  Reizen,  wie  sie  unter  den  damaligen  Universitäten  Heidelberg
und  Freiburg  besaßen;  sie  hatte  auch  nicht  den  Reiz  einer  großen  geschichtlichen
  Vergangenheit  und  einer  reichen  Bevölkerung,  wie  Prag,  Wien  und
Köln;  aber  es  mochte  wohl  leidlich  billig  daselbst  zu  leben  sein.

Die  Eröffnung  der  Universität  erfolgte  im  März  1472.  Das  schon  im
Januar  erlassene  Eröffnungspatent  machte  bekannt,  daß  die  Lehrer  und
Studenten  dieselben  Privilegien  und  Ehren  genießen  sollten,  wie  einst  zu
Athen  und  dazumal  zu  Wien  und  Bologna,  daß  für  erprobte  Doktoren  und
Magister  gesorgt  sei  und  daß  nur  Gerechtes,  Vernünftiges,  Anständiges  und
Nützliches  gelehrt  werden  solle.  Der  Herzog  ernannte  als  ersten  Vizerektor
den  Professor  Dr.  Kyrmann  aus  Donauwörth,  welcher  bis  zum  25.  Juli
desselben  Jahres  489  akademische  Bürger  immatrikulierte.  Diesem  hoffnungsvollen
  Anfange  der  jungen  Hochschule  tat  es  kaum  Eintrag,  daß  schon  im
Juni  sechs  Studenten  exkludiert  werden  mußten;  einer  davon  wegen  Schmähschriften
  wider  Herzog  Ludwig.  Die  feierliche  Einweihung  der  Universität  fand
am  26.  Juni  statt;  ihn  feiert  heute  noch  die  Münchener  Hochschule  als  ihren
Stiftungstag.  Der  Herzog  wohnte  mit  seinem  siebzehnjährigen  Sohne  Georg
und  einer  Reihe  erlauchter  Festgäste  der  Feier  bei;  die  Festrede  hielt  der
herzogliche  Rat  Martin  Mair.  Die  erste  Promotion  fand  im  folgenden  Jahre
statt,  bei  welcher  Gelegenheit  Herzog  Ludwig  ein  glänzendes  Festmahl  gab.
Die  Professorengehalte  beliefen  sich  auf  80—125  Gulden.  Die  Universität
gliederte  sich  in  vier  Fakultäten:  die  theologische,  juristische,  medizinische  und
artistische  (philosophische).

Die  Studenten  unterlagen  nach  dem  Universitätsstatut  der  Gerichtsbarkeit
  des  Rektors.  Es  war  ihnen  verboten  nach  Gebetläuten  ohne  Licht  auszugehen,
  auf  den  Straßen  zu  schreien  oder  unanständige  Lieder  zu  singen,  sich
zu  Würfel=  und  Kartenspiel  in  Wirtshäuser  zu  setzen,  Verbal=  oder  Realinjurien
  zu  begehen.  Da  der  Herr  Rektor  den  vierten  Teil  der  Strafgelder
erhielt,  konnte  er  übrigens  nur  wohlgefällig  schmunzeln,  wenn  die  Studenten
recht  oft  in  Strafe  verfielen.

Betrachten  wir  uns  die  einzelnen  Fakultäten  genauer.

Bei  den  Studenten  der  Theologie  ward  ganz  besonders  auf  Sittenreinheit
  und  religiösen  Wandel  gesehen;  sie  mußten  auch  stets  in  einer  cappa
(einem  langen,  dunklen  Rocke)  erscheinen.  Die  Vorlesungen  währten  für  die
Theologen  ein  ganzes  Jahr;  Ferien  gab  es  von  Peter  und  Paul  (29.  Juni)
bis  Bartholomäus  (24.  August).  Das  ganze  Studium  repräsentierte  eine
Stufenreihe  verschiedener  Promotionen;  der  Student  wurde  zuerst  zum  cursor
(Baccalaureus),  dann  zum  sententiarius,  zum  licentiatus  und  endlich  zum
magister  resumptus  promoviert.  In  der  theologischen  Fakultät  konnte
        <pb n="121" />
        25.  Die  Anfänge  der  Ludwig-Maximilians-Universität  in  Ingolstadt.  109

man  aber  nur  promoviert  werden,  wenn  man  schon  Doktor  oder  Lizentiat
einer  anderen  Fakultät  war  oder  eine  ähnliche  Würde  bereits  erlangt  hatte.
Überhaupt  erscheinen  die  Anforderungen,  die  an  die  Theologiestudierenden
gestellt  wurden,  streng  und  ganz  dazu  angetan  unlautere  Elemente  fernzuhalten.


Über  die  besonderen  Einrichtungen  der  juristischen  Fakultät  ist  aus  der
Gründungszeit  der  Universität  nichts  mehr  bekannt.  Erst  die  später  (1524)
erlassenen  revidierten  Statuten  dieser  Fakultät  werfen  einiges  Licht  auf  ihre
Einrichtungen.  Darnach  durften  sich  die  Studenten  der  Juristenfakultät  weit
freier  bewegen  als  die  der  theologischen.  Studenten  unter  17  Jahren  mußten
einen  Präzeptor  haben;  auch  ältere  durften  nur  mit  besonderer  Erlaubnis
des  Rektors  für  sich  allein  wohnen.  Als  fleißig  galt  jener  Student,  der  in
zwei  aufeinanderfolgenden  Monaten  wöchentlich  wenigstens  vier  Vorlesungen
bei  jedem  seiner  Professoren  gehört.  Die  Fleißzeugnisse  wurden  in  jedem
Semester  von  der  Fakultät  beraten.  Baccalaureus  der  Rechte  konnte  man
nach  zweijährigem  Studium  werden;  dazu  mußte  man  in  einem  Examen  einen
Paragraphen  der  Institutionen  erklären.  Die  Gebühr  für  das  Baccalaureat
beider  Rechte  betrug  acht  Gulden,  dazu  „einige  Becher  Wein“  und  dem  Pedell
einen  halben  Gulden.  Wer  aber  Lizentiat  beider  Rechte  werden  wollte,  mußte
sieben  Jahre  lang  Vorlesungen  gehört,  rigorose  Prüfungen  gemacht  und  einen
mündlichen  Vortrag  über  gegebene  Aufgaben  nebst  anschließender  Disputation
gehalten  haben.  Die  Würde  des  Doktorgrades  war  nach  dem  Lezentiatenexamen
  nur  an  eine  äußere  Formalität  und  an  Gebührenzahlungen  geknüpft.

Die  medizinische  Fakultät  bestand  anfangs  bloß  aus  drei  Professoren.
Das  Studienjahr  der  Mediziner  zerfiel  von  Anbeginn  in  zwei  Semester;
Hundstagsferien  währten  vom  20.  Juli  bis  24.  August;  außerdem  konnte  der
Dekan  Ruhetage  ansagen.  Um  Baccalaureus  der  Medizin  zu  werden  mußte
man  3  Jahre  studiert  haben  und  ein  Examen  bestehen,  welches  sich  aber  auf
das  Hersagen  einiger  von  der  Fakultät  bestimmter  Punkte  aus  den  Werken
des  Hippokrates  und  Avicenna  beschränkte.  Auch  mußte  man  geloben  sich
an  die  bestehende  Kleiderordnung  zu  halten,  sich  nicht  als  Doktor  zu  gerieren
u.  a.  mehr.  Zur  Erlangung  des  Doktorgrades  waren  zwei  weitere  Studienjahre
  erforderlich,  während  welcher  der  Kandidat  fleißig  disputieren,  selbst
Vorlesungen  halten  und  schließlich  ein  Tentamen  bestehen  mußte,  welches
aber  nur  der  Vorläufer  war  für  ein  Examen  rigorosum  aus  dem  Gesamtgebiete
  der  Medizin.  Der  medizinische  Doktorgrad  wurde  noch  besonders
erschwert  durch  die  Verpflichtung,  daß  der  angehende  Doktor  jedem  Mitgliede
der  medizinischen,  theologischen  und  juristischen  Fakultät  ein  Barett,  jedem
Universitätslehrer  überhaupt  ein  Paar  Handschuhe  verehren  mußte.  Dafür
war  der  Doktor  der  Medizin  zur  ärztlichen  Praxis  berechtigt,  wobei  ihm  jedoch
wechselseitige  Liebe  gegenüber  seinen  Kollegen  anbefohlen  und  die  Gemeinschaft
mit  Pfuschern  (emperici)  untersagt  ward.
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        110  26.  Die  Anfänge  der  Ludwig-Maximilians-Universität  in  Ingolstadt.

Die  vierte  Fakultät  war  die  der  Artisten  oder  philosophische.  Sie  hatte
in  der  ersten  Zeit  der  Ingolstädter  Universität  die  größte  Bedeutung  unter
allen  Fakultäten.  Ihre  Statuten  waren  ziemlich  genau  denen  der  Wiener
Universität  nachgebildet.  Damals  trat  in  den  philosophischen  Fakultäten  aller
Hochschulen  ein  eigentümlicher  Gegensatz  zweier  Richtungen  auf,  die  „via  antiqua“
und  die  „via  moderna“.  Dieser  Gegensatz  fand  auch  in  Ingolstadt  seinen
Ausdruck,  indem  die  Artistenfakultät  hier  wieder  in  zwei  Fakultäten  zerfiel,
deren  jede  ihren  Dekan  und  ihr  Konsilium  hatte.

Auch  in  dieser  Fakultät  war  das  Ziel  alles  Studiums  die  Promotion.
In  wissenschaftlicher  Hinsicht  wurde  die  Fakultät  völlig  vom  Geiste  des
Aristoteles  beherrscht.  Wer  Baccalaureus  werden  wollte,  mußte  Grammatik,
Rhetorik,  Logik,  Astronomie  (Sphaera  materialis),  Arithmetik  und  die  ersten
Bücher  des  Euklid  studiert  haben.  Zum  Magisterexamen  aber  waren  noch
eingehendere  Studien  über  die  Werke  des  Aristoteles  erforderlich  sowie  Metaphysik,
  Ethik  und  die  Theorie  der  Planeten.  Die  Artistenfakultäten  jener  Zeit
sahen  eben  ihren  Gegenstand  immer  noch  in  den  uralten  sieben  freien  Künsten
(artes  liberales  seu  ingenuae).  Als  solche  galten:  Grammatik,  Arithmetik,
Geometrie,  Musik,  Astronomie,  Dialektik  und  Rhetorik.

Die  Mitglieder  der  Artistenfakultät  wohnten  in  sogenannten  Bursen
beisammen.  Es  wurde  überhaupt  kein  Student  zu  einer  Promotion  zugelassen,
der  nicht  entweder  im  Kollegium  oder  in  einer  autorisierten  Burse  wohnte.
Ausgenommen  von  diesem  Zwange  waren  bloß  die  Reichen,  die  sich  einen
eigenen  Magister  halten  konnten,  sodann  jene  armen  Studenten,  die  bei  einem
andern  Studenten  als  dessen  Diener  wohnten,  endlich  die  Ingolstädter
Bürgerssöhne.  Die  Bursen  standen  unter  der  Oberaussicht  der  Fakultät;
jede  Burse  hatte  zum  Vorstande  einen  ehrenwerten  Magister,  welcher  als
Honorar  Wohnung  und  Kost  in  der  Burse,  außerdem  wöchentlich  Geldzahlungen,
Repetitionsgelder  und  Geschenke  erhielt.  Er  präsidierte  bei  Tisch,  visitierte
die  Zimmer  der  Mitglieder,  beobachtete  ihre  Besuche  und  schloß  die  Burse  im
Sommer  bei  Sonnenuntergang,  im  Winter  um  6  Uhr  abends.  Wer  bei
Torschluß  noch  außen  war,  mußte  dem  Dekan  angezeigt  werden.  Nächtliches
Aussteigen  war  verpönt  (dürfte  aber  trotzdem  eine  sehr  beliebte  Turnübung
gewesen  sein);  bei  Strafe  waren  auch  verboten:  Poltern  und  Schreien  vor
den  Türen  des  Hauses,  unschickliches  Musizieren,  Spiel  um  Geld,  Schimpfworte
  und  Prügel  sowie  das  Tragen  von  Waffen.  Die  in  der  Burse  wohnenden
  Studenten  durften  unter  sich  nur  lateinisch  sprechen.

So  waren  die  wichtigsten  Einrichtungen  der  vier  Fakultäten.  Mit  diesen
Einrichtungen  und  einer  durchschnittlichen  Zahl  von  5—600  akademischen
Bürgern  trat  die  Ingolstädter  Hochschule  vollberechtigt  in  den  Kreis  ihrer
Schwestern  ein.  Schon  in  den  ersten  zwei  Jahren  zählte  sie  unter  ihren
Studenten  junge  Leute  aus  Württemberg,  aus  der  Schweiz,  aus  Hessen,
Thüringen,  Sachsen,  Osterreich  und  sogar  aus  Paris.  Bald  fanden  sich  auch
        <pb n="123" />
        25.  Die  Anfänge  der  Ludwig-Maximilians-Universität  in  Ingolstadt.  111

Polen,  Schweden,  Ungarn  und  Italiener  ein.  Von  Anbeginn  aber  scheint
die  Lebenslust  der  Studenten,  was  ihnen  auch  keineswegs  zu  verargen,  sich
gegen  die  Statuten  aufgebäumt  zu  haben.  Denn  kaum  bestand  die  Universität
einige  Monate,  so  sah  man  sich  schon  veranlaßt,  die  Bursenvorstände  daran
zu  erinnern,  daß  die  Studenten  keine  Waffen  tragen  durften;  und  schon  1474
wurde  die  Kleiderordnung  verschärft  und  den  Studenten  verboten  Mummerei
zu  treiben,  Tanzböden  zu  besuchen  und  bei  Hochzeitsfesten  Skandal  zu  machen.
Dafür  mußte  aber  auch  1477  den  Herren  Professoren  verboten  werden  in
den  Sitzungen  Injurien  gegen  ihre  Kollegen  zu  verüben;  und  im  Jahre  1488
erhielt  die  Universitätsverwaltung  sogar  eine  recht  ansehnliche  Nase  vonseiten
der  herzoglichen  Regierung,  weil  mancherlei  Übelstände  eingerissen  waren.
Insbesondere  mußte  auf  Einhaltung  der  Kleiderordnung  gedrungen  werden,
da  die  Studenten  in  eitler  Pracht  es  dem  weiblichen  Geschlechte  gleich  tun  wollten.

Die  Namen  der  Lehrer,  welche  in  der  Jugendzeit  der  Ingolstädter  Hochschule
  an  ihr  wirkten,  sind  urkundlich  aufbewahrt.  Der  hervorragendste
Mediziner  jener  Erstlingszeit,  J.  Parreut,  schrieb  über  aristotelische  Logik
statt  über  Medizin.  Reiche  Anregung  verbreitete  der  Dichter  und  Philosoph
Konrad  Celtes,  welcher  in  den  Jahren  1492—1497  zu  Ingolstadt  dozierte.
Für  Süddeutschland  war  er  der  erste,  der  den  frischen  Geist  der  Renaissance
in  der  Poesie  vertrat.

Der  Student  von  damals  bedeutete  mehr  als  heutzutage.  Es  war
sogar  nicht  ausgeschlossen,  daß  einmal  ein  Student  Rektor  werden  konnte.
Auch  konnten  1478  die  Studierenden  des  kanonischen  Rechtes  eine  Bitte  um
Anstellung  eines  Professors  direkt  an  den  Herzog  richten,  ohne  daß  ihnen  das
als  eine  Anmaßung  ausgelegt  worden  wäre.  Die  persönliche  Freiheit  der
Studenten  aber,  ihre  individuelle  Entwicklung  war  durch  die  starre  Disziplin,
namentlich  in  den  Bursen,  äußerst  beschränkt.  Und  doch  muß  man  zugestehen,
daß  ohne  diese  Disziplin  das  Studententum  der  damaligen  Zeit  allzuleicht  in
Büberei  und  Roheit  versunken  wäre.  Eine  charakteristische  Sitte  jener  Zeit
war,  wie  auch  an  anderen  Hochschulen,  die  „depositio“,  eine  Zeremonie,
durch  welche  die  neueintretenden  Studenten,  die  „beani“,  zu  Studenten  geweiht
wurden  und  wobei  es  an  Vexationen  und  Mißhandlungen  der  Ankömmlinge
nicht  fehlte.  Eine  Erinnerung  an  diese  depositio  hat  sich  im  Fuchsenbrennen
erhalten.  Die  „kontonia“  waren  Massenausflüge  in  die  Nachbarschaft  der
Universitätsstadt,  wobei  wohl  Mutwillen  genug  vorkam,  da  man  sich  genötigt
sah,  diese  Spaziergänge  auf  bestimmte  Tage  im  Jahre  zu  beschränken.

In  die  Erstlingszeit  der  Universität  fällt  noch  eine  zweite,  verwandte
Stiftung,  die  des  „Colleginm  Georgianum“.  Dasselbe  wurde  von  Herzog
Georg  dem  Reichen,  dem  Sohne  des  Stifters  der  Universität,  im  Jahre  1494
gegründet  und  mit  den  nötigen  Gebäuden,  Grundstücken  und  Renten  ausgestattet.
  Es  sollte  eine  Heimstätte  für  arme  Studenten  sein,  eng  verbunden
mit  der  Universität,  eine  Art  Burse.  Dabei  war  vom  Stifter  zwar  beabsichtigt,
        <pb n="124" />
        112  25.  Die  Anfänge  der  Ludwig-Maximilians-Universität  in  Ingolstadt.

daß  die  in  dieses  Stift  aufgenommenen  Studenten  zuerst  ein  paar  Jahre
Philosophie,  hernach  Theologie  studieren  sollten;  doch  gingen  sie  keine  bindende
Verpflichtung  ein  wirklich  Theologen  zu  werden.  Die  Stiftung  war  anfangs
für  einen  Magister  als  Regens  und  11  Studenten  berechnet  und  11  bayerische
  Städte  hatten  das  Recht  je  einen  Studenten  für  einen  solchen  Freiplatz
in  Vorschlag  zu  bringen.  Im  Laufe  der  folgenden  Jahrhunderte  vermehrten
sich  die  Mittel  dieser  Stiftung  durch  freiwillige  Geschenke  sehr  ansehnlich  und
sie  wurde  schließlich  zu  einem  heute  noch  bestehenden  Priesterseminar,  dessen
schöne,  geräumige  Baulichkeiten  zu  München  dem  gegenwärtigen  Universitätsgebäude
  gegenüber  in  der  Ludwigsstraße  stehen.

Nachdem  die  erste  Generation  der  Ingolstädter  Professoren  im  Grabe
Ruhe  von  ihrer  Lehrtätigkeit  gefunden,  zeichnete  sich  unter  den  Nachfolgern
besonders  Johann  v.  Eck  aus,  welcher  1510  von  Freiburg  nach  Ingolstadt
übersiedelte,  um  durch  eine  Reihe  von  Jahren  als  geistige  Macht  zu  dominieren;
als  anregender  Theologe  wirkte  er  hier  bis  zu  seinem  Tode  (1543);  auch  der
später  als  Historiker  berühmt  gewordene  Wigulejus  Hund  lehrte  an  der  Juristenfakultät
  drei  Jahre  (1537—1540).  Als  Mathematiker  wirkte  einer  der  hervorragendsten
  Gelehrten  seiner  Zeit,  Petrus  Apianus,  von  1527—1552,  fruchtbar
als  Lehrer  wie  als  Forscher.  Erbitterte  Streitigkeiten  innerhalb  des  Schoßes
der  Artistenfakultät  störten  am  Anfange  des  Jahrhunderts  den  Frieden  unter
den  Ingolstädter  Gelehrten.  In  welchem  Tone  dazumal  Gelehrte  gegeneinander
schrieben,  mag  aus  einer  Streitschrift  des  nach  Freiburg  abgegangenen  Ingolstädter
  Professors  Jakob  Locher,  genannt  Philomusus,  wider  seinen  vormaligen
Kollegen  Zingl  hervorgehen.  In  dieser  Streitschrift  nannte  Locher  den  Zingl
„Versipellem  acheronticum  atque  delirium  senem,  colubrem  venenatissimum,
  viperam  stridentem,  cornutam  et  vitatam  bestiam,  Ccrimen  saeculi“.
Übrigens  ward  Locher,  ein  geistreicher  und  anregender  Philologe  und  lateinischer
Dichter,  nachträglich  wieder  nach  Ingolstadt  zurückberufen,  wo  er  als  beliebter
Lehrer  und  hochgeachteter  philologischer  Schriftsteller  bis  1528  wirkte.

Auch  der  Geschichtschreiber  Johannes  Turmair,  genannt  Aventinus,
  Erzieher  der  herzoglichen  Prinzen  Ludwig  und  Ernst,  der  jüngeren
Brüder  Herzog  Wilhelms  IV.,  hielt  eine  zeitlang  (1507)  Vorlesungen  zu
Ingolstadt  und  gründete  daselbst  unter  Mitwirkung  seines  fürstlichen  Zöglings,
des  Prinzen  Ernst,  auch  eine  gelehrte  Gesellschaft,  die  „societas  literaria
Angilostadensis“,  deren  Protektorat  zuerst  Herzog  Ernst  und  später  der
berühmte  bayerische  Kanzler  Leonhard  von  Eck  übernahm.  Einen  unvergänglicheren
  Namen  freilich  verschaffte  sich  Aventin  durch  seine  historischen  Werke,
die  Annalen  („Annales  Boiorum“  1521)  und  die  deutsche  Bearbeitung  derselben,
  die  „Bayerische  Chronik“  (1533),  beide  im  Auftrag  seiner  Gönner,  der
Herzoge  Wilhelm  und  Ludwig,  entstanden.  Obgleich  er  nicht  förmlich  als
Professor  angestellt  war,  erscheint  seine  Einwirkung  auf  die  Ingolstädter
Universität  als  eine  sehr  glückliche.
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        26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.  113

26.  Die  Einführung  und  Entwichlung  der  Buchdrucherkunft
in  Bayern  bis  zum  Jahre  1500.
Von  Ernst  Freys.=Schon

  vor  der  am  28.  Oktober  1462  erfolgten  Eroberung  der  Stadt
Mainz  durch  Adolf  von  Nassau,  welche  als  der  Hauptanlaß  zur  raschen  Verbreitung
  der  Erfindung  Gutenbergs  angesehen  wird,  hatte  die  letztere  in  zwei
Städten  Deutschlands  ihren  Einzug  gehalten,  nämlich  in  Straßburg  und
Bamberg,  wo  bereits  1460  Typographen  nachweislich  tätig  sind.

In  dem  Bayern  der  Jetztzeit  nimmt  sonach  Bamberg  den  Ruhm  für
sich  in  Anspruch  die  älteste  Druckstadt  zu  sein  und  Albrecht  Pfister  war
es,  der  hier  die  erste  Presse  errichtete.  Woher  er  stammte  und  wie  sein
Lebensgang  war,  darüber  ist  so  gut  wie  nichts  bekannt;  ebensowenig  hat  man
bis  jetzt  Sicheres  über  seine  Beziehungen  zu  Gutenbergs  typographischen  Unternehmungen,
  besonders  zur  sogenannten  36zeiligen  Bibel,  feststellen  können.
Doch  ist  die  Annahme  berechtigt,  daß  Pfister,  als  dessen  Geburtsjahr  etwa
1420  angesehen  wird,  während  er  gegen  1470  gestorben  sein  soll,  die
Buchdruckerkunst  bei  dem  Erfinder  selbst  erlernte  und  1457  von  dort  nach
Bamberg  übersiedelte.  Ursprünglich  mag  er  das  Geschäft  eines  Holzschneiders
betrieben  haben,  denn  er  ist  der  erste  Drucker,  der  es  unternahm  seine  Bücher
mit  Illustrationen  auszuschmücken.  Zu  den  frühesten  der  von  ihm  hergestellten
Druckerzeugnisse,  deren  Mehrzahl  in  deutscher  Sprache  abgefaßt  ist,  dürften
wohl  die  beiden  kleinen,  mit  Metallschnitten  versehenen  Schriften  „Die  sieben
Freuden  Mariens“  und  „Die  Leidensgeschichte  Jesu“  zu  rechnen  sein,  die  um
1460  entstanden  sind  und  sich  nur  in  einem  einzigen,  in  der  Hof=  und  Staatsbibliothek
  zu  München  befindlichen  Exemplare  erhalten  haben.  Nach  einer  damals
  nicht  selten  geübten  Sitte  enthalten  sie  weder  das  Jahr  des  Erscheinens
noch  auch  den  Namen  und  Wohnort  des  Druckers;  erst  in  der  1461  erschienenen
Fabelsammlung  des  Berner  Dominikaners  Ulrich  Boner,  welche  den  Namen
„Edelstein“  trägt,  wird  Bamberg  zum  ersten  Male  als  Druckort  und  in  dem
„Buche  der  vier  Historien  von  Joseph,  Daniel,  Judith  und  Esther“,  einem
Auszuge  aus  der  Biblischen  Geschichte,  von  1462,  sowie  in  dem  ohne  Jahr
erschienenen  Werke  des  Jakobus  de  Theramo  „Belial  oder  der  Trost  der
Sünder“  Pfister  ausdrücklich  als  Drucker  genannt.  Die  Behauptung,  daß  er
auch  der  erste  gewesen,  der  überhaupt  in  deutscher  Sprache  druckte,  ist  nach
dem  Auffinden  älterer  deutscher  Druckfragmente,  die  sicher  von  Gutenberg
stammen,  nicht  mehr  aufrechtzuerhalten.  Lange  ist  er  indes  nicht  tätig  gewesen,
  denn  seit  1463  ist  er  verschollen  und  eine  ganze  Reihe  von  Jahren
hindurch  in  Bamberg,  dem  die  inneren  Bedingungen  für  eine  gedeihliche  Entwicklung
  der  Kunst  fehlten,  keine  Presse  mehr  vorhanden,  bis  Johann  Sensenschmidt,
  ein  geborener  Egerer,  aus  Nürnberg,  wo  er  seine  Tätigkeit  begonnen,
dorthin  kam  und  seit  1481  teils  allein  teils  zusammen  mit  Heinrich  Petzen-Kronseder,

  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.
        <pb n="126" />
        114  26.  Die  Einführung  und  Ennvicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.

steiner,  der  aus  Nürnberg  stammte,  bis  Anfang  1491  druckte.  Sie  leisteten
Hervorragendes  in  der  Herstellung  liturgischer  Werke,  von  denen  das  Meßbuch
für  den  Benediktinerorden  von  1481  und  das  Freisinger  Brevier  von  1482
die  frühesten  sind.  Nach  dem  Tode  Joh.  Sensenschmidts  trat  an  seine  Stelle
ein  Bamberger  Bürger,  Johann  Pfeil,  der  1491  und  1492  im  Verein  mit
Petzensteiner  und  Lorenz  Sensenschmidt,  dem  Sohne  des  Johann,  druckte,  dann
aber  allein  bis  ins  16.  Jahrhundert  hinein  mit  Erfolg  typographisch  tätig

 

O  leher  herr  ihesu  mrilte  alo
IIIIII
den  an  dem  dritten  tag  von
dem  tode  vnd  pist  erscinnen
Deiner  liehen  muter  und
manamarte  aurh  den  andern
Deimen  lebeni  iüngern  und
ly  erlreinelt  als  dũi  sprachst
derind  lep  min  duch  ällo
lieher  herr  las  mich  aurh  also
werden  an  dem  iün
O##ten  tag  vnd  gyh  vns  nach
dilei  lehen  iu  deines  vater
reich  dao  einig  leben  amen

 

 

 

Aus  „Leidensgeschichte  Jesu“,  gedrucht  um  1460  von  Albrecht  Pfister  in  Bamberg.

war.  Außer  liturgischen  Werken  gingen,  besonders  im  16.  Jahrhundert,  verschiedene
  Staatsschriften  aus  seiner  Presse  hervor,  von  welchen  die  1507  auf
Veranlassung  des  Bamberger  Fürstbischofs  Georg  III.  erschienene  Halsgerichtsordnung,
  die  Grundlage  der  nachmaligen  peinlichen  Gerichtsordnung  Kaiser
Karls  V.,  die  historisch  merkwürdigste  ist.  Neben  diesen  größeren  Druckereien
waren  auch  einige  kleinere  vorübergehend  in  Betrieb,  so  seit  1487  die  des  Hans
Sporer,  ebenfalls  eines  Nürnbergers,  der  kleinere  Volksbücher  und  Lieder  in
deutscher  Sprache  herausgab,  weil  er  aber  ein  Spottlied  auf  den  Herzog  Albrecht
von  Sachsen  gedruckt  hatte,  gezwungen  ward  Bamberg  zu  verlassen,  und  die
des  Markus  Ayrer,  eines  wandernden  Buchdruckers,  der  1492  und  1493,  teilweise
mit  Hans  Bernecker  zusammen,  gleichfalls  kleinere  deutsche  Schriften  veröffentlichte.
        <pb n="127" />
        26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.  115

Zu  weit  höherer  Blüte  und  viel  größerer  Bedeutung  für  ihre  Gesamtentwicklung
  überhaupt  gelangte  die  Buchdruckerkunst  in  den  beiden  Städten,
welche  damals  die  Hauptzentren  des  Handels  und  der  Kunst  waren,  Augsburg
  und  Nürnberg.  In  der  alten  Augusta  Vindelicorum  ward  sie  eingeführt
  durch  Günther  Zainer  von  Reutlingen,  der  in  Straßburg  wohl
bei  Johann  Mentelin,  dem  frühesten  Drucker  dieser  Stadt,  sich  mit  der  Erfindung
  Gutenbergs  vertraut  gemacht  hatte.  Spätestens  1467  dürfte  er  Straßburg
  verlassen  haben,  denn  schon  am  12.  März  1468  ging  das  erste  datierte
(d.  i.  mit  der  Angabe  des  Druckers,  Druckortes  und  Jahres  versehene)  Werk
aus  seiner  Presse  hervor,  die  von  nun  an  bis  zu  seinem  am  13.  April  1478
erfolgten  Tode  ununterbrochen  tätig  war  und  ganz  bedeutende  Leistungen  zu
verzeichnen  hatte.  Von  den  zirka  80  bis  90  Drucken,  die  aus  derselben  stammen
und  von  denen  die  Mehrzahl  in  lateinischer  Sprache  abgefaßt  ist,  gehört  ein
großer  Teil  der  Theologie  und  Erbauungsliteratur  an;  daneben  sind  aber
auch  Erziehungs=  und  Arzneibücher,  Schriften  erzählenden  Inhalts  u.  a.  vertreten.
  So  entstanden  in  Zainers  Werkstätte  neben  dem  ersten  datierten  Werke
Augsburgs,  den  „Betrachtungen  über  das  Leben  unseres  Herrn  Jesu  Christi“
von  Bonaventura,  gegen  1473  bzw.  1477  zwei  Ausgaben  der  deutschen  Bibel,
die  schon  durch  ihr  Format  alle  anderen  überragen.  Sie  nehmen  den  vierten
bzw.  sechsten  Platz  ein  in  der  Reihe  der  14  hochdeutschen  Bibelausgaben,
die  vor  Luther  erschienen  sind;  ferner  die  erste  lateinische  Ausgabe  jenes  Buches,
das  nächst  der  Bibel  die  weiteste  Verbreitung  auf  der  Erde  gefunden  hat,  der
Nachfolge  Christi  des  Thomas  a  Kempis,  weiter  ein  Neudruck  der  unter  dem
Namen  Catholicon  bekannten  Realenzyklopädie  des  Dominikaners  Johannes
Balbus  von  Genua,  die  an  Schönheit  des  Druckes  wie  an  Seltenheit  dem
berühmten,  von  Gutenberg  selbst  gedruckten  Originale  nicht  viel  nachsteht,  die
erste  Ausgabe  des  Schwabenspiegels  u.  s.  w.  Nicht  zu  vergessen  zahlreicher
auf  Folioblätter  gedruckter  Kalender,  deren  ältester,  ein  deutscher  auf  das
Jahr  1470,  einer  der  frühesten  Kalender  dieser  Art  überhaupt  ist.  Nicht
lange  ist  Zainer  der  einzige  Typograph  Augsburgs  geblieben;  denn  schon  1470
erscheint  ein  weiterer  dort  tätig,  Johannes  Schüßler,  der  aber  nur  kurze  Zeit
druckte.  Es  sind  verhältnismäßig  wenige,  aber  sehr  gut  ausgeführte  und  den
tüchtigen  Meister  kennzeichnende  Werke,  die  seiner  Presse  entstammen;  das  erste,
das  dieselbe  am  28.  Juni  1470  verließ,  ist  die  älteste  Übersetzung  des  jüdischen
Geschichtschreibers  Flavius  Josephus,  der  sich  das  früheste  wissenschaftliche  Buch
über  Landwirtschaft  u.  a.  anschließen.  Das  letzte  Buch,  das  seinen  Namen
trägt,  ist  vom  2.  Juli  1472.  Noch  in  demselben  Jahre  verkaufte  er  fünf
Druckpressen  nebst  Zubehör  an  das  Benediktinerkloster  St.  Ulrich  und  Afra,
dessen  gelehrter  und  auf  die  Pflege  der  Wissenschaften  sorgsam  bedachter  Abt
Melchior  von  Stamham  die  hohe  Bedeutung  der  Erfindung  Gutenbergs
richtig  erkannte  und  sie  für  die  Zwecke  seines  Klosters  dienstbar  zu  machen
suchte.  Die  Werkstätte,  in  welcher  die  sämtlichen  Verrichtungen  wie  Setzen,

8*
        <pb n="128" />
        116  26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.

Drucken,  Rubrizieren  und  Binden,  von  Klosterangehörigen  verrichtet  wurden,
ward  noch  vor  Ablauf  des  Jahres  vollendet  und  in  Gebrauch  genommen.
Sehr  groß  war  die  Zahl  der  aus  ihr  hervorgegangenen  Werke,  die  vorzüglich
der  Theologie  und  Geschichte  angehören,  allerdings  nicht,  da  nach  dem  Tode
des  Abtes  Melchior  (1474)  von  dessen  Nachfolgern  die  Pressen  nicht  weiter
scheinen  in  Anspruch  genommen  worden  zu  sein.

Fast  gleichzeitig  mit  dieser  Klosterdruckerei,  die  eine  der  frühesten  in
Deutschland  war,  trat  eine  neue  Offizin  ins  Leben,  welche  an  Zahl  und  Bedeutung
  ihrer  Erzeugnisse  die  beiden  letztgenannten  weitaus  übertraf,  die  des
Johann  Bämler  aus  Augsburg.  Das  früheste  Buch,  das  seinen  Namen  nennt,
verließ  1472  die  Presse,  aus  der  dann  in  einem  Zeitraume  von  mehr  als
20  Jahren  eine  große  Menge  von  Drucken  hervorging,  die  ihn  als  einen  sehr
fleißigen  Typographen  erkennen  lassen.  Die  meisten  dieser  Werke,  welche  zum
Teil  der  populären  theologischen  und  juristischen,  in  der  Mehrzahl  aber  der
schönwissenschaftlichen  und  gemeinnützigen  Literatur  angehören,  sind  in  deutscher
Sprache  geschrieben,  so  daß  ihm  zusammen  mit  dem  später  zu  nennenden
Anton  Sorg  das  Verdienst  gebührt  die  erste  deutsche  Volksliteratur  auf  den
Markt  gebracht  zu  haben.  So  erschienen  bei  ihm  z.  B.  neben  den  „Statuten
der  Rosenkranz-Bruderschaft“"  und  der  „Auslegung  der  hl.  Messe“  die  Historien
  „Von  den  sieben  weisen  Meistern“,  „Von  der  Zerstörung  Trojas“,  „Von
der  schönen  Melusine“,  „Von  der  Kreuzfahrt  Gottfrieds  von  Bouillon“  u.  a.,
von  denen  viele  mit  Holzschnitten  entsprechend  ausgeschmückt  sind.  Der  letzte
datierte  Druck  ist  ein  Augsburger  Brevier  von  1495.

Im  Gegensatze  zu  Bämlers  Werkstatt  steht  die  eines  Zeitgenossen,  die
nur  ganz  wenige  Drucke  veröffentlicht  hat,  aber  dadurch  wichtig  ist,  weil  sie
sich  rühmen  kann,  daß  aus  ihr  nicht  nur  die  früheste  Bibel  Augsburgs  sondern
  auch  die  erste  illustrierte  deutsche  Bibel  überhaupt,  welche  in  der
Reihe  der  vorlutherischen  hochdeutschen  Bibelausgaben  den  dritten  Platz  einnimmt,
  hervorgegangen  ist.  Es  ist  dies  die  Presse  des  Jodokus  Pflanzmann,
der  das  Amt  eines  „Prokurators  und  Fürsprechs  am  Hofe  zu  Augsburg“"  bekleidete
  und  von  1470—1490  daselbst  wohnte.  Seine  Tätigkeit  als  Drucker
hat  nicht  lange  gewährt,  denn  außer  der  genannten  Bibel,  einem  hervorragenden
Druckwerke  aus  zwei  Bänden,  das  um  1473  entstanden  ist,  sind  nur  noch  zwei
minder  umfangreiche  Schriften,  deren  eine  das  Datum  des  Jahres  1475  trägt,
von  ihm  bekannt.

Einen  wesentlich  anderen  Charakter  hatte  die  Tätigkeit  Anton  Sorgs
aus  Augsburg,  der  wohl  als  der  produktivste  der  dortigen  Drucker  anzusehen
ist.  Er  wirkte  von  1475—1493  und  überragte  nicht  allein  durch  die  große
Zahl  seiner  Erzeugnisse  alle  seine  Vorgänger  sondern  brachte  auch  eine  Menge
neuer  Werke  auf  den  Markt,  die  geeignet  waren  das  Interesse  weitester  Kreise
zu  wecken.  Wie  Bämler  legte  auch  er  großes  Gewicht  darauf  Bücher  in
deutscher  Sprache  zu  veröffentlichen  und  teilt  sich  deshalb  mit  jenem  in  den
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        26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.  117

Ruhm  an  der  Verbreitung  deutscher  Schriften  im  15.  Jahrhundert  hervorragenden
  Anteil  zu  haben.  Unter  den  zahlreichen  Werken  seiner  Presse,  zu
denen  u.  a.  eine  Ausgabe  des  wichtigsten  deutschen  Rechtsbuches  des  Mittelalters,
  des  Sachsenspiegels,  die  früheste  deutsche  Ubersetzung  der  Nachfolge
Christi  und  der  erste  deutsche  Briefsteller  gehören,  verdienen  vorzüglich  die
beiden  Ausgaben  der  deutschen  Bibel  von  1477  bzw.  1480  Erwähnung,  von
denen  die  erstgenannte  die  älteste  deutsche  Bibel  ist,  welche  volle  Datierung
hat.  Auch  für  die  illustrative  Ausschmückung  seiner  Drucke  entfaltete  Sorg
eine  rege  Tätigkeit,  als  deren  Hauptwerk  das  berühmte  Konstanzer  Konziliumsbuch
  des  Domherrn  Ulrich  von  Reichenthal  zu  neunen  ist,  welches  neben  der
wörtlichen  und  bildlichen  Darstellung  des  Verlaufs  dieser  Kirchenversammlung
nicht  weniger  als  1156  Wappen  aller  damals  in  Konstanz  anwesenden  vornehmen
  Männer  der  ganzen  Christenheit  enthält.  Eine  Leistung,  die  vorher
noch  von  keiner  Seite  versucht  worden  war  und  die  dem  Buche  selbst  mit
Recht  die  Bezeichnung  des  ältesten  gedruckten  Wappenbuches  eingetragen
hat.  Die  lange  Reihe  seiner  Drucke  schloß  Sorg  1493  mit  einer  deutschen
Ausgabe  der  Evangelien  und  Episteln;  bald  darauf  scheint  er  auch  gestorben
zu  sein.

Ein  neuer  Meister  trat  mit  Johann  Schönsperger  dem  Alteren
auf,  der  durch  die  reiche  bildliche  und  typographische  Ausstattung,  die  er  seinen
Werken  zuteil  werden  ließ,  sich  einen  hervorragenden  Namen  erwarb.  Seine
Tätigkeit  begann  1481  und  dauerte  bis  weit  in  das  erste  Viertel  des  16.  Jahrhunderts
  hinein.  Bis  zum  Jahre  1500  erstreckte  sie  sich  nicht  so  sehr  auf  die
Herstellung  neuer,  bisher  noch  nicht  gedruckter  Bücher  als  vielmehr  auf  den
Nachdruck  solcher,  die  zu  jener  Zeit  oft  begehrt  waren  und  unter  denen  neben
einer  Reihe  von  Ausgaben  der  deutschen  Evangelien  und  Episteln,  der  Heiligenleben
  u.  a.  sich  wieder  zwei  deutsche  Bibeln  von  1487  und  1490  mit  hübschen,
der  sog.  Kölner  Bibel  entnommenen  Holzschnitten  befinden.  So  produktiv
er  indessen  der  Zahl  nach  war,  seine  Hauptbedeutung  erlangte  er  doch
erst,  um  dies  kurz  zu  erwähnen,  im  16.  Jahrhundert,  als  er  von  Kaiser
Maximilian  zum  kaiserlichen  „Diener  und  Buchdrucker“  ernannt  wurde  und
nun  im  Auftrage  seines  Herrn  jene  typographischen  Meisterwerke  schuf,  die
seinen  Namen  mit  der  Geschichte  der  Buchdruckerkunst  für  immer  verbinden:
jenes  herrliche,  nur  in  zehn  Exemplaren  auf  Pergament  gedruckte  Gebetbuch
des  Kaisers  von  1514,  von  dem  die  Hof=  und  Staatsbibliothek  in  München
ein  mit  eigenhändigen  Randzeichnungen  Albrecht  Dürers  versehenes  Fragment
als  einen  ihrer  kostbarsten  Schätze  verwahrt,  und  den  mit  Recht  als  Meisterwerk
  der  Typographie  gepriesenen  „Theuerdank“  von  1517  und  1519,  der  in
poetischer  Form  die  Brautfahrt  Maximilians  schildert  und  von  Schäufelein,
Burgkmair,  Beck  u.  a.  künstlerisch  ausgeschmückt  ist.

Nicht  nur  völlig  ebenbürtig  sondern  in  vieler  Beziehung  Schönsperger
noch  überragend  reiht  sich  ihm  Erhard  Ratdolt  an,  einer  der  bedeutendsten
        <pb n="130" />
        18  26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bahern.

Typographen  seiner  Zeit  und  unbestritten  der  hervorragendste  Augsburgs,  der
lange,  bevor  er  hier  selbständig  tätig  war,  schon  jenseits  der  Alpen  durch  seine
Geschicklichkeit  und  seine  Erfolge  auf  dem  Gebiete  der  Kunst  Gutenbergs  dem
Ruhmeskranze  seiner  Vaterstadt  ein  neues,  unverwelkliches  Blatt  eingefügt  hatte.
Aus  einer  Augsburger  Künstlerfamilie  stammend  wandte  er  sich  1475,  um  in
der  „schwarzen  Kunst“,  die  er  in  seiner  Heimat  erlernt,  weitere  Ausbildung
zu  genießen,  nach  Italien  und  errichtete  im  Verein  mit  seinem  Landsmanne
Bernhard  Maler  oder  Pictor  aus  Augsburg  und  Peter  Löslein  aus  Langenzenn
  bei  Nürnberg  in  Venedig  eine  Presse,  aus  der  schon  1476  das  erste  Werk
hervorging.  Zwei  Jahre  hindurch  dauerte  diese  Gemeinschaft,  der  wir  eine
Reihe  schöner  Werke  verdanken;  im  Jahre  1478  trennte  sich  Ratdolt  von  den
Genossen  und  war  in  der  Lagunenstadt  acht  Jahre  lang  in  eigener  Offizin
tätig.  Selbst  in  Kunst  und  Literatur  wohl  erfahren  legte  er  nicht  nur  auf
die  äußere  Ausstattung  seiner  Preßerzeugnisse  hohen  Wert  sondern  war  auch
darauf  bedacht  vorzüglich  solche  Werke  zu  veröffentlichen,  die  der  Förderung
und  Verbreitung  der  Wissenschaften  dienten.  Wie  er  einerseits  seine  Drucke
durch  prächtige  Anfangsbuchstaben  und  Randleisten  schmückte  und  auch  der
erste  war,  der  künstlerisch  gestaltete  Titelblätter  in  der  heute  üblichen  Weise
gebrauchte,  so  wendete  er  anderseits  sein  Hauptaugenmerk  auf  mathematische
und  astronomische  Werke  und  ist  als  der  Drucker  zu  rühmen,  welcher  das
früheste  Buch  mit  eingedruckten  mathematischen  Figuren,  die  Geometrie  des
Euklid  von  1482,  veröffentlichte.  Daneben  entstammen  seiner  Venediger  Presse
auch  Drucke  anderen  Inhalts,  die  sämtlich  den  Ruhm  ihres  Verfertigers  nicht
bloß  in  Italien  sondern  auch  diesseits  der  Alpen  verbreiteten.  Es  ist  begreiflich,
  daß  unter  solchen  Verhältnissen  die  Bischöfe  von  Augsburg,  zumal  nachdem
  Ratdolt  ein  Brevier  für  seine  Heimatdiözese  hergestellt  hatte,  die  Rückkehr
des  geschickten  Meisters  in  seine  Vaterstadt  dringend  wünschten.  Den  oft  geäußerten
  Wünschen  leistete  dieser  endlich  Folge  und  siedelte  zu  Beginn  des
Jahres  1486  nach  Augsburg  über,  wo  er  nun  30  Jahre  hindurch  ununterbrochen
  mit  nicht  minderem  Erfolge  tätig  war.  Das  erste  Stück,  welches  hier
am  1.  April  des  genannten  Jahres  seine  Presse  verließ,  war  ein  Folioblatt,
das  Probedrucke  in  nicht  weniger  als  14  Schriftarten  enthält  und  ein  anschauliches
  Bild  von  der  Reichhaltigkeit  des  Typenmaterials  der  Ratdoltschen  Offizin
gibt.  Das  Blatt,  das  sich  in  einem  einzigen  Exemplare  in  der  Münchener
  Staatsbibliothek  erhalten  hat,  ist  ein  vorzüglich  schöner  Druck,  der  auch
einer  modernen  Presse  Ehre  machen  würde.  Als  erstes  von  Ratdolt  in  Augsburg
  gedrucktes  Buch  erschien  dann  am  1.  Februar  1487  ein  Rituale  des
Augsburger  Bistums,  dem  sich  neben  anderen  Werken  hauptsächlich  Bücher
liturgischen  Inhalts  anschlossen,  da  die  Ausstattung,  die  solchen  zuteil  wurde,
auch  andere  Diözesen  veranlaßte,  die  für  den  kirchlichen  Gebrauch  nötigen
Bücher  bei  dem  Augsburger  Meister  herstellen  zu  lassen.  So  entstanden  z.  B.
in  Ratdolts  Werkstätte  neben  den  vier  für  Augsburg  gedruckten  Meßbüchern
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        26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.  119

deren  drei  für  Freising,  fünf  für  Passau,  drei  für  Konstanz  und  je  eins  für
Brixen,  Aquileja  und  Chur.  Als  sein  letzter  Druck  gilt  das  Konstanzer  Brevier
von  1516;  nach  demselben  scheint  er  bis  zu  seinem  Tode  (1527  oder  1528)
typographisch  nicht  mehr  tätig  gewesen  zu  sein.

Wie  schon  anfangs  neben  Bämler  und  Sorg,  so  wirkte  auch  am  Ende
des  15.  Jahrhunderts  neben  Schönsperger  und  Ratdolt  eine  Anzahl  kleinerer
selbständiger  Drucker,  deren  Pressen  aber  nur  kürzere  Zeit  arbeiteten  und  deren
Erzeugnisse  weder  der  Ausstattung  noch  dem  Inhalte  nach  wesentliche  Bedeutung
  erlangt  haben;  unter  ihnen  auch  Johann  Schobser  (1485—1498)  und
Johann  Schauer  (1491—1500),  die  um  deswillen  erwähnenswert  sind,  weil
sie  sich  um  die  Einführung  des  Buchdrucks  in  München  verdient  gemacht
haben.

Würdig  an  Augsburg  schließt  sich  das  heute  noch  im  Glanze  zahlreicher
Denkmäler  mittelalterlicher  Kunst  und  Kultur  strahlende  Nürnberg  an,  wo  der
schon  genannte,  später  in  Bamberg  wirkende  Johann  Sensenschmidt  aus
Eger  1470  die  erste  Druckerei  begründete.  Anfangs  allein  tätig  verband  er
sich  1473  mit  Heinrich  Kefer  aus  Mainz,  einem  der  beiden  Gehilfen  Gutenbergs,
  die  aus  dessen  Prozeß  mit  Fust  urkundlich  nachweisbar  sind.  Das
älteste  Buch,  das  Nürnbergs  Namen  trägt,  ist  das  theologisch-moralische  Werk
des  Dominikaners  und  Wiener  Professors  Franciscus  de  Retza  „Comestorium
vitiorum“  von  1470,  während  das  Hauptwerk  Sensenschmidts  und  Kefers
die  „Pantheologia“  des  Rainerus  de  Pisis,  ein  alphabetisch  geordnetes  Kompendium
  der  gesamten  Theologie,  vom  8.  April  1473  ist,  welches  zugleich  in
hervorragender  Weise  die  Leistungsfähigkeit  der  ersten  Nürnberger  Presse  dokumentiert.
  In  demselben  Jahre  noch  verschwindet  Heinrich  Kefer  und  an  seine
Stelle  tritt  Andreas  Frisner  von  Wunsiedel,  mit  dem  zusammen  Sensenschmidt
bis  1478  eine  beträchtliche  Anzahl  Werke  herausgab,  unter  denen  die  zweite
illustrierte  deutsche  Bibel  sowie  eine  lateinische  Bibel  von  1175  hervorgehoben
zu  werden  verdienen.  Nach  1478  verließen  Sensenschmidt  sowohl  wie  Frisner
Nürnberg,  der  eine  um  nach  Bamberg,  der  andere  um  nach  Leipzig  überzusiedeln.
  Zu  diesem  Schritte  mag  sie  wohl  die  steigende  Bedeutung  des
Mannes  bewogen  haben,  dem  allein  Nürnberg  seine  hervorragende  Stellung
in  der  Geschichte  der  Typographie  verdankt  und  der  auch  heute  noch  als  der
größte  Buchdrucker  und  Buchhändler  seiner  Zeit  angesehen  wird.

Anton  Koberger,  der  als  Sproß  eines  angesehenen  und  wohlhabenden
Nürnberger  Bürgergeschlechts  gegen  1440  das  Licht  der  Welt  erblickte,  muß
bald  nach  Sensenschmidt  seine  Druckerei  begründet  haben,  denn  schon  1472
erschienen  mehrere  Schriften,  die  sicher  aus  derselben  stammen,  während  das
früheste  Buch,  das  seinen  Namen  trägt,  das  Hauptwerk  des  Philosophen
Boethius  „de  cousolatione  philosophiae“  mit  dem  Kommentar  des  heiligen
Thomas  von  Aquin,  am  24.  Juli  1473  ausgegeben  ward.  In  der  ersten
Zeit  war  Kobergers  Produktivität  nicht  groß,  seit  dem  Ende  der  siebziger  Jahre
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        120  26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.

aber  nahm  sie  so  zu,  daß  bis  1500  schon  über  200  Werke,  darunter  eine
ganze  Reihe  mehrbändiger,  von  ihm  gedruckt  waren.  In  seiner  Werkstätte
arbeiteten  täglich  24  Pressen  und  über  100  Gesellen,  die  nicht  bloß  das  Setzen,
Drucken  und  Korrigieren  sondern  auch  das  Illuminieren  und  Binden  der  Bücher
besorgten.  Doch  reichten  auch  diese  nicht  aus  allen  Anforderungen  zu  genügen
  und  so  sah  sich  Koberger  genötigt  noch  im  Auslande,  so  z.  B.  in
Basel  und  Lyon,  fremde  Pressen  für  sich  drucken  zu  lassen.  Neben  der  Herstellung
  der  Bücher  selbst  verwandte  er  ein  ganz  besonderes  Interesse  auf  deren
Vertrieb  und  sein  zielbewußtes,  tatkräftiges  Vorgehen  in  dieser  Richtung,  das
ihm  nach  und  nach  in  allen  Handelsplätzen  des  In=  und  Auslandes  Niederlagen
  seiner  Druckwerke  sicherte,  bewirkte  eine  Ausdehnung  seines  Geschäftes,
wie  sie  bis  dahin  gänzlich  unbekannt  gewesen  war.  Alle  von  ihm  hergestellten
Werke  zeichnen  sich  durch  fehlerlosen  Druck,  durch  Schönheit  der  Typen,  durch
scharfe  Ausprägung  der  Buchstaben  und  durch  kunstfertigen  Satz  aus.  Ihrem
Inhalte  nach  gehören  sie  vorzugsweise  der  Theologie,  Philosophie  und  Jurisprudenz
  an  und  zählen  unter  sich  verhältnismäßig  wenige,  die  in  deutscher
Sprache  abgefaßt  sind.  Am  meisten  gedruckt  wurde  die  Bibel,  von  welcher
Koberger  bis  zum  Ende  des  15.  Jahrhunderts  allein  15  Ausgaben  veranstaltete.
  Unter  ihnen  befindet  sich  nicht  nur  die  früheste  in  Nürnberg  hergestellte
  sondern  auch  die  erste  lateinische,  welche  mit  Illustrationen  versehen
ist;  ferner  eine  deutsche  von  1483,  welche,  gleichfalls  mit  Holzschnitten  geziert,
als  eine  der  schönsten  deutschen  überhaupt  angesehen  wird.  Sie  ist  wohl  die
erste  Frucht  der  Bestrebungen  Kobergers  den  Ruf  seiner  Preßerzeugnisse  durch
illustrative  Ausschmückung  noch  zu  erhöhen,  Bestrebungen,  die  durch
die  Verbindung  mit  Michael  Wohlgemuth,  dem  Lehrer  Albrecht  Dürers,
in  einem  solchen  Maße  verwirklicht  wurden,  daß  Nürnberg  auf  dem  Gebiete
der  Buchillustration  alle  anderen  Städte  weit  überragte.  Das  früheste  Werk,
das  aus  dieser  Gemeinschaft  hervorging,  ist  der  „Schatzbehalter  oder  Schrein
der  wahren  Reichtümer  des  Heils“  von  1491,  ein  volkstümliches  Andachtsund
  Betrachtungsbuch,  das  nicht  weniger  als  96  blattgroße  Holzschnitte  von
der  Hand  des  Künstlers  enthält.  Ülbertroffen  wird  dasselbe  noch  durch  die
1493  in  lateinischer  und  deutscher  Ausgabe  erschienene  Weltchronik  des
Nürnberger  Arztes  und  Humanisten  Hartmann  Schedel,  die  mit  ihren
weit  über  2000  Holzschnitten  sich  als  das  größte  illustrierte  Werk  des
15.  Jahrhunderts  darstellt.  Der  Bilderschmuck,  bei  dessen  Herstellung
Wohlgemuth  von  seinem  Stiefsohne  Wilhelm  Pleydenwurff  unterstützt  wurde,
dient  zur  Erläuterung  der  biblischen  und  weltlichen  Historien  und  bringt  von
der  Schöpfung  der  Welt  an  die  bekanntesten  Begebenheiten,  Personen,  Länder
und  Städte,  darunter  manche  der  letzteren  mit  historischer  Treue,
zur  Darstellung.  Mit  der  Wende  des  Jahrhunderts  ließ  die  Drucktätigkeit
Kobergers,  die  in  den  neunziger  Jahren  noch  sehr  groß  war,  allmählich
nach,  bis  am  17.  Juni  1504  als  letztes  Erzeugnis  der  eigenen  Presse  der
        <pb n="133" />
        26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.  121

Schlußband  einer  Ausgabe  des  Corpus  juris  eivilis  erschien;  von  da  ab
beschäftigte  er  nur  noch  die  Werkstätten  anderer  Drucker  und  war  selbst  bloß
als  Verleger  bis  zu  seinem  am  3.  Oktober  1513  erfolgten  Tode  tätig.  Wie
seine  Vaterstadt,  zu  deren  Ruhm  er  so  viel  beigetragen,  schon  zu  seinen  Lebzeiten
  ihn  dadurch  ehrte,  daß  sie  ihn  in  den  Rat  der  Stadt  berief,  so  ist  auch
heute  noch  sein  Andenken  dortselbst  nicht  erloschen;  an  seinem  Hause  prangt
seit  1880  eine  von  den  deutschen  Buchhändlern  gestiftete  Gedenktafel  und  eine
Straße  unterhalb  der  Burg  trägt  seit  1882  seinen  Namen.

 

BGG

 

 

 

*

 

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P
-  E

Nürnberg  nach  H.  Schedels  Weltchronik.  gedrucht  von  Anton  Koberger  in  Nürnberg  1493;  verkleinert.

Neben  einem  so  einzigartigen  Geschäftsbetriebe  war  es  anderen  Druckereien,
  die  nicht  mit  ähnlichen  Mitteln  arbeiten  konnten,  natürlich  sehr  schwer
festen  Fuß  zu  fassen.  Es  ist  daher  erklärlich,  daß  die  meisten  der  damals  in
Nürnberg  entstandenen  Pressen  an  Bedeutung  und  an  Dauer  ihrer  Wirksamkeit
  hinter  jener  Kobergers  zurückbleiben  mußten.  Zeitlich  und  auch  ihrer
Leistungsfähigkeit  nach  am  nächsten  stehend  war  die  des  Friedrich  Creußner,
der  wohl  aus  Nürnberg  selbst  stammte  und  seit  1472  fünfundzwanzig  Jahre
lang  dort  tätig  war.  In  der  nicht  unbeträchtlichen  Reihe  seiner  Drucke,  die  sich
durch  saubere  Ausführung  wie  schöne  Lettern  auszeichneten,  erschien  als  erster
datierter  1472  das  sog.  Ehestandsbüchlein  des  Eichstätter  Domherrn  Albrecht
von  Eyb,  während  der  inhaltlich  interessanteste  die  früheste  deutsche  Ausgabe
der  Reisebeschreibung  Marco  Polos,  des  ersten  Asiensorschers,  von  1477  war;
der  letzte  verließ  1497  die  Presse.  Über  die  Persönlichkeit  Creußners  wissen
wir  nichts  Näheres;  um  so  bekannter  ist  das  Leben  des  Typographen,  der
gleichzeitig  neben  ihm  arbeitete,  Johannes  Regiomontanus,  eigentlich
        <pb n="134" />
        122  26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.

Johann  Müller  aus  Königsberg  in  Franken.  Dieser  berühmte  Astronom  und
Mathematiker,  der  am  6.  Juni  1436  geboren  ward  und  bei  Georg  von  Peurbach
  in  Wien  studierte,  war  nach  mehrjährigem  Aufenthalte  in  Italien  1469
an  den  Hof  des  Königs  von  Ungarn,  Matthias  Corvinus,  gekommen.  1471
siedelte  er  von  Ofen  nach  Nürnberg  über,  um  daselbst  seinen  Studien  zu
leben  und  die  Veröffentlichung  der  zahlreichen  aus  Italien  mitgebrachten  Handschriften
  vorzubereiten.  Unterstützt  von  seinem  Freunde  Bernhard  Walther  errichtete
  er  dortselbst  nicht  nur  eine  Sternwarte  und  eine  mechanische  Werkstätte
sondern  auch,  da  die  sonstigen  Pressen  den  Satz  der  griechischen  Lettern  und
der  mathematischen  Zeichen  nicht  ausführen  konnten,  eine  eigene  Druckerei.
Die  Erzeugnisse  derselben  waren  Kalender  und  sonstige  astronomische  und  mathematische
  Werke,  unter  welchen  die  „Ephemeriden“,  die  für  jeden  Tag  die  Konstellation
  der  Gestirne  von  1475  bis  1506  vorausberechneten,  die  erste  Stelle
einnehmen.  Die  Ernennung  des  Gelehrten  zum  Bischof  von  Regensburg  und
die  gleichzeitige  Berufung  desselben  nach  Rom  (1475)  zur  Teilnahme  an  der
von  Papst  Sixtus  IV.  beabsichtigten  Kalenderreform  bereiteten  den  wissenschaftlichen
  Plänen  wie  der  typographischen  Tätigkeit  Regiomontans  ein  vorzeitiges
  Ende.

Ebenfalls  nur  für  eigene  Zwecke  bestimmt  war  die  Presse  des  als  Meistersänger
  nicht  unbekannten  Hans  Folz  aus  Worms,  der  das  Geschäft  eines
Stadtwundarztes  versah  und  seine  volkstümlichen,  mit  Holzschnitten  versehenen
Gedichte  1479  und  1480  selbst  druckte.  Zur  gleichen  Zeit  trat  1479  in  dem
Kloster  der  Augustiner-Eremiten,  dessen  Räume  jetzt  zum  Germanischen  Museum
gehören,  eine  Werkstätte  ins  Leben,  die  bis  1491  arbeitete,  von  der  aber
außer  etwa  einem  Dutzend  Drucke  weitere  Erzeugnisse  nicht  bekannt  sind.  Ihr
schlossen  sich  an  die  Druckereien  des  Konrad  Zeninger  (1479  bis  1489)  und
des  Peter  Wagner  (1483—1500),  von  denen  die  erste  meist  kleinere  Sachen,
darunter  auch  ein  mehrmals  aufgelegtes  lateinisch-deutsches  Wörterbuch,  erscheinen
  ließ,  während  die  zweite  sich  besonders  um  die  Herausgabe  von  Volksund
  Schulschriften  verdient  machte.

Aus  der  Reihe  der  weiteren  Drucker,  die  von  jetzt  an  bis  1500  in  Nürnberg
  sich  noch  niederließen  und  unter  denen  Hans  Mair  und  Peter  Vischer
nur  um  deswillen  zu  erwähnen  sind,  weil  ihnen  Würzburg,  Nürnberg  und
Bamberg  die  frühesten  Ausgaben  ihrer  sog.  Heiligtumsbüchlein  (d.  s.  Beschreibungen
  der  daselbst  aufbewahrten  Reliquien)  verdanken,  hat  es  eigentlich  nur
Georg  Stuchs  aus  Surlzbach  in  der  Oberpfalz  zu  einer  hervorragenden
Bedeutung  gebracht.  Das  erste  von  ihm  gedruckte  Werk,  ein  Meßbuch  von
1484,  war  in  so  mustergültiger  Weise  ausgeführt,  daß  er  bald  von  den  verschiedensten
  Diözesen  und  Verlegern  Aufträge  zur  Herstellung  liturgischer  Bücher
erhielt;  in  der  großen  Zahl  der  von  ihm  bis  zum  Jahre  1517  gelieferten
Druckwerke,  deren  letztes  gleichfalls  wieder  ein  Missale  war,  finden  sich  nur
wenige,  die  einem  anderen  Gebiete  angehören.  Wie  kein  zweiter  Drucker  jener
        <pb n="135" />
        26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.  123

Zeit  pflegte  er  diesen  Zweig  der  Literatur  und  nicht  bloß  der  Süden,  auch
der  Norden  und  Osten  Deutschlands  bezogen  die  verschiedenen,  zum  kirchlichen
Gebrauche  nötigen  Bücher  von  dem  Nürnberger  Meister.  Der  an  Bedeutung
ihm  nahestehende  Hieronymus  Hölzel  von  Traunstein  begann  zwar
schon  1496  zu  drucken,  entfaltete  seine  Haupttätigkeit  aber  erst  im  16.  Jahrhundert.


Nach  Nürnberg  trat  Speyer  in  die  Reihe  der  druckenden  Städte  ein.
Von  wem  und  in  welchem  Jahre  hier  die  erste  Presse  gegründet  wurde,  ist
unbekannt.  Das  erste  Werk,  das  Speyer  als  Druckort  bezeichnet,  die  „Postilla
super  Apocalypsin  et  Cantica  Canticorum“  ist  1471  gedruckt  und  gibt
ebensowenig  wie  eine  Reihe  anderer  hierher  gehöriger  Schriften  den  Namen
des  Typographen  an.  Der  früheste,  der  als  solcher  namhaft  gemacht  wird,
ist  Peter  Drach,  der  Sprofß  einer  angesehenen  Speyerer  Familie.  Als  erster
datierter  Druck  verließ  1477  ein  Vocabularius  iuris  utriusque  seine  Werkstätte,
  die  unter  ihm  und  seinem  gleichnamigen  Sohn  und  Enkel  bis  ins
2.  Jahrzehnt  des  16.  Jahrhunderts  blühte  und  eines  so  großen  Ansehens  sich
erfreute,  daß  ihr  auch  Druckaufträge  aus  solchen  Städten  zuteil  wurden,  die
selbst  angesehene  Druckereien  besaßen,  wie  das  von  ihr  im  Jahre  1497  im
Auftrage  des  Erzbischofs  Berthold  von  Henneberg  gedruckte  Meßbuch  für  Mainz
beweist.  Schon  12  Jahre  nach  dem  Drucke  des  ersten  Speyerer  Buches  entstand
neben  der  Drachschen  Presse  eine  zweite,  die  von  den  Brüdern  Johann  und
Konrad  Hist  ins  Leben  gerufen  ward  und  an  Zahl  wie  an  Ausstattung  ihrer
Drucke  sich  mit  der  ersteren  wohl  messen  konnte,  ja  in  letzterer  Hinsicht  sie
noch  übertraf.  Sie  war  von  1483—1515  tätig.  Über  die  Herkunft  und  die
Persönlichkeit  der  beiden  Drucker  ist  nichts  bekannt;  der  eine  von  ihnen  scheint
früh  gestorben  zu  sein,  denn  von  1492  an  wird  nur  Konrad  Hist  als  Typograph
  genannt.

Auf  die  alte  Reichsstadt  folgte  1473  der  Geburtsort  des  Albertus  Magnus,
das  kleine  Städtchen  Lauingen,  dem  damit  die  Ehre  zufällt,  der  älteste
Druckort  des  damaligen  Herzogtums  Bayern  zu  sein.  Es  ist  ein  Folioband
von  106  Seiten,  die  Schrift  des  hl.  Augustinus  de  consensu  Evangelistarum.
der  1473  dortselbst  erschienen  ist.  Über  den,  der  ihn  gedruckt,  ist  nichts  bekannt,
wie  auch  unter  den  sämtlichen  Werken  des  15.  Jahrhunderts  sich  kein  zweites
findet,  das  dort  hergestellt  ist.

An  Lauingen  schließt  sich  Würzburg,  die  Hauptstadt  des  Frankenlandes,
  an,  wohin  Fürstbischof  Rudolf  von  Scherenberg  die  „erfahrenen  Meister
der  Buchdruckerkunst“  Stephan  Dold,  Georg  Reyser  und  Johann  Beckenhub
berief,  um  die  für  den  kirchlichen  Bedarf  nötigen  Bücher  zu  drucken  und  so
den  Geistlichen  des  Bistums  einheitliche  liturgische  Texte  zu  verschaffen.  Die
einzige  Leistung  dieser  Druckergemeinschaft  war  ein  Brevier  vom  20.  September
  1479,  welches  auch  um  deswillen  Beachtung  verdient,  weil  es  das  erste
in  Deutschland  erschienene  Buch  ist,  das  einen  Kupferstich  enthält.  Bald
        <pb n="136" />
        124  26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.

nach  seiner  Herstellung  verließen  Dold  und  Beckenhub  Würzburg  und  Reyser,
der  anscheinend  von  Anfang  an  der  eigentliche  Typograph  gewesen  war,  führte
die  Druckerei  allein  fort.  Die  Erzeugnisse  derselben,  zu  deren  Herstellung  er
sich  eigenartiger,  nach  ihm  benannter  Typen  bediente,  sind  in  der  Hauptsache
liturgische  Bücher  und  Kalender  und  vorzugsweise  für  die  Zwecke  des  Würzburger
  Hochstifts  bestimmt.  Was  sie  für  die  Geschichte  der  Buchdruckerkunst
bedeutungsvoll  macht,  ist  der  Umstand,  daß  in  ihnen,  speziell  in  dem  Missale
von  1481,  sich  sehr  frühe,  wenn  nicht  die  frühesten  mit  beweglichen  Typen
gedruckten  Musiknoten  gotischer  Form  vorfinden,  so  daß  Georg  Reyser  als  einer
der  ersten  Musiknotendrucker  überhaupt  anzusehen  ist.  Derselbe,  der  auch
bei  dem  folgenden  Fürstbischofe,  Lorenz  von  Bibra,  in  hohem  Ansehen  stand
druckte  zuletzt  1503  und  muß  bald  darauf  gestorben  sein,  da  im  Oktober
1504  das  Druckprivilegium  einem  anderen,  Martin  Schubart  nämlich,  erteilt
wurde.

Bald  nach  Würzburg  begann  Memmingen  zu  drucken,  wo  Albrecht
Kunne  von  Duderstadt,  der  schon  im  Jahre  1473  zu  Trient  als  Typograph
tätig  gewesen  war,  die  Druckkunst  einführte.  Da  er  seiner  Herkunft  nach  ein
Mainzer  Untertan  war,  ist  es  möglich,  daß  er  auch  in  Mainz  selbst  die  Kunst
erlernte.  In  Memmingen  fing  er  etwa  1480  an  zu  wirken;  sein  erstes  datiertes
Werk  indes,  eine  Ausgabe  des  damals  außerordentlich  verbreiteten  und  oft
gedruckten  Handbuches  der  Weltgeschichte  des  Karthäusers  Werner  Rolevink,
das  den  Titel  Fasciculus  temporum  trägt,  erschien  erst  1482.  Bis  zum
Jahre  1519  war  seine  Presse  tätig,  aus  der  allein  bis  zum  Jahre  1500  weit
über  60  Werke  hervorgingen.

Geringere  Bedeutung  erlangte  die  Buchdruckerkunst  in  Passau,  wo
Benedikt  Mayr,  zuerst  mit  Konrad  und  Nikolaus  Stahel,  dann  mit  Johann
Alakraw,  arbeitete  und  1482  als  erster  datierter  Druck  „Eusebius,  epistola  de
morte  Hieronymi“  erschien.  Die  Genannten  gehörten  wohl  alle  zu  den  sog.
wandernden  Typographen,  da  ihre  Tätigkeit  in  Passau  nicht  lange  dauerte
und  sie  selbst,  abgesehen  von  Nikolaus  Stahel,  von  dem  weiteres  nicht  bekannt
ist,  bald  darauf  an  anderen  Orten  nachweisbar  sind.  Seßhafter  war  ihr
Nachfolger  Johann  Petri,  aus  dessen  Presse  in  der  Zeit  von  1485—1493
eine  ganze  Reihe  von  Drucken,  darunter  einige  gut  ausgeführte  Meßbücher,
erschienen.

Erst  an  neunter  Stelle  im  jetzigen  Bayern  ist  München  zu  nennen;  doch
genießt  es  den  Vorzug,  daß  sein  erster  Typograph  der  älteste  bekannte  Drucker
des  damaligen  Herzogtums  ist.  Hans  Schauer  war  es,  in  dessen  Offizin
das  erste  in  Bayerns  Hauptstadt  gedruckte  Buch  „am  St.  Peter=  und  Pauls-Abend“
  1482  fertiggestellt  wurde.  Das  Schriftchen,  eine  deutsche  Ausgabe
der  „Mirabilia  urbis  Romae“,  ist  nur  in  einem  einzigen  aus  dem  Kloster
Tegernsee  stammenden  Exemplare  bekannt  und  zählt  zu  den  Kostbarkeiten  der
Münchener  Staatsbibliothek.  Es  ist  ein  Führer  für  die  Rompilger,  der  das
        <pb n="137" />
        26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.  125

Wissenswerteste  über  die  ewige  Stadt,  ihre  Geschichte  und  Kirchen  enthält.
Schauers  Presse  muß  nicht  bedeutend  gewesen  sein;  nur  ganz  wenige  Produkte
sind  aus  ihr  bekannt  und  schon  1485  wurde  er  selbst  vom  Rate  der  Stadt
nach  Augsburg  geschickt,  um  dort  den  Druck  von  600  Schützenbriefen  für  das
große  Schießen,  welches  die  Stadt  München  im  Jahre  1486  veranstaltete,  zu
bestellen.  Vielleicht  lernte  er  bei  dieser  Gelegenheit  den  blühenden  Stand
des  Augsburger  Druckgewerbes  genauer  kennen  und  wurde  dadurch  bewogen
dorthin  überzusiedeln,  wo  er  von  1491—1500  druckte.  Einen  Nachfolger  fand
er  in  Benedikt  Buchbinder,  von  dem  nur  drei  kleine  im  Jahre  1488  hergestellte

 

Olso  hat  di  püchlein  ain  end  ·  Ihtsus  vñ  Da
ria  vnlern  kumer  wend  Sedrutke  vnd  volcodet
  von  ·  Hans  schawer  zu.  Minchen  ·  Onno
domini  ·  M.·  cect  ·  lxxxij  ·  iar  an  sant  Peter  vnd
sant  Pauls  abent.

 

 

 

Schlußschrift  des  ersten  Münchener  Druches  „von  der  Stadt  Rom“,  gedruckt  von  Hans  Schauer  1482.

deutsche  Schriftchen,  darunter  zwei  Unika  in  der  Kgl.  Bibliothek  Bamberg,  bekannt
  sind.  Wesentlich  erfolgreicher  war  die  Wirksamkeit  des  dritten  Münchener
Druckers,  Johann  Schobser.  Schon  von  1488—1498  in  Augsburg  tätig
wurde  er  gegen  1499  als  herzoglicher  Buchdrucker  nach  München  berufen,  wo
bald  darauf  als  sein  erstes  Werk  das  Predigtbuch  des  Passauer  Theologieprofessors
  und  Dompredigers  Paulus  Wann  erschien,  dem  dann  bis  tief  ins
16.  Jahrhundert  hinein  zahlreiche  andere,  unter  ihnen  auch  die  erste  Sammlung
  deutscher  Reichsgesetze  von  1501,  folgten.

In  Eichstätt,  das  sich  zeitlich  an  München  anschließt,  erschien  1484
das  erste  mit  Datum  und  Druckernamen  versehene  Werk.  Es  enthält  die
Synodalstatuten  der  Eichstätter  Diözese  und  ist  von  Michael  Reyser,  wohl
einem  Verwandten  des  Würzburger  Prototypographen,  gedruckt,  der  von  dem
Bischof  Wilhelm  von  Reichenau  doxthin  berufen  anscheinend  schon  1482  daselbst
tätig  war.  Aus  seiner  Werkstätte  ging  bis  zum  Jahre  1494,  in  welchem  Jahre
dieselbe  zum  letzten  Male  arbeitete,  eine  größere  Anzahl  schön  ausgeführter
Werke  hervor,  von  denen  die  meisten  liturgischer  Art  waren.

Regensburg,  wo  1485  die  Buchdruckerkunst  ihren  Einzug  hielt,  scheint
im  15.  Jahrhundert  eine  ständige  Presse  nicht  besessen  zu  haben.  Wenn  auch
Johann  Sensenschmidt  und  Johann  Beckenhub,  die  uns  schon  in
Bamberg  begegnet  sind,  im  genannten  Jahre  auf  Veranlassung  des  Bischofs
        <pb n="138" />
        126  26.  Die  Einführung  und  Entwicklung  der  Buchdruckerkunst  in  Bayern.

Heinrich  dortselbst  ein  Meßbuch  für  die  Regensburger  Dihözese  herstellten,  so“
haben  sie  die  Stadt  doch  unmittelbar  nachher  wieder  verlassen.  Ebenso  kurz
war  die  Drucktätigkeit  des  Dombaumeisters  Matthäus  Roritzer,  der  1486
zwei  kleine  Büchlein  hier  druckte,  und  die  des  uns  ebenfalls  schon  bekannten
Markus  Ayrer,  der  für  1491  und  1492  je  einen  Kalender  in  der  alten  Reichsstadt
  erscheinen  ließ.

Von  größerer  Bedeutung  war  Ingolstadt,  das  seit  1472  eine  Hochschule
  in  seinen  Mauern  sah.  Wer  hier  die  Druckkunst  einführte,  ist  nicht
bekannt;  man  weiß  nur,  daß  1487  das  erste  Werk,  das  Ingolstadts  Namen
trägt,  eine  Rhetorik  des  dortigen  Hochschullehrers  Paul  Lescher,  erschienen  ist.
Ihm  folgte  eine  Reihe  anderer,  die  aber  gleichfalls  den  Typographen  nicht
angeben.  Nur  von  zwei  Pressen  des  15.  Jahrhunderts  sind  die  Namen  der
Druckherren  bekannt;  die  eine  ist  die  des  Johann  Kachelofen,  der  von
1492—1499  tätig  war,  während  die  zweite  von  Georg  Wirffel  in  Verbindung
  mit  Markus  Ayrer  1496  und  1497  betrieben  wurde.  Erst  das  16.  Jahrhundert
  sah  Gutenbergs  Kunst  hier  in  vollster  Blüte.

Den  Beschluß  der  bayerischen  Frühdruckstädte  machen  Zweibrücken,  das
in  einem  1492  von  Georg  Geßler,  einem  sonst  unbekannten  Typographen,
hergestellten  Buche  als  Druckort  genannt  wird,  und  Freising,  wo  Johannes
Schäffler,  der  schon  vorher  und  dann  wieder  von  1497  an  in  Ulm  druckte,
1495  ein  lateinisches  Schulbuch  erscheinen  ließ,  ohne  daß  ihm  weitere  Nachfolger
  entstanden  wären.

Damit  schließt  die  Reihe  der  Städte  und  der  Männer,  die  während  des
15.  Jahrhunderts  in  dem  jetzigen  Bayern  für  die  Verbreitung  der  „schwarzen
Kunst"“  gewirkt  haben.  Nur  einen  Zeitraum  von  rund  40  Jahren  umfaßt
ihre  Tätigkeit  und  schon  sind  es  in  diesem  verhältnismäßig  kleinen  Teile  unseres
deutschen  Vaterlandes  nicht  weniger  als  14  Orte,  in  denen  Gutenbergs  Erfindung
  Eingang  gefunden  und  zumeist  auch  festen  Fuß  für  immer  gefaßt  hat.
Über  70  Jünger  des  Altmeisters  haben  hier  von  1460—1500  dessen  Kunst
geübt  und  was  sie  in  dieser  Zeit  geleistet,  war  von  so  hervorragender  Bedeutung,
  daß  die  Namen  dreier  bayerischer  Städte  mit  der  Geschichte  der  Buchdruckerkunst
  aufs  innigste  verbunden  sind:  Bamberg,  aus  dessen  Mauern
die  ältesten  illustrierten  Bücher  hervorgegangen  sind,  Augsburg,  das  mehr
als  jede  andere  Stadt  Deutschlands  für  die  Verbreitung  der  deutschen  Bibel
wie  der  deutschen  Sprache  und  Literatur  uͤberhaupt  gewirkt  hat,  und  endlich
Nürnberg,  das  die  eigentliche  künstlerische  Ausschmückung  des  Buches  begründet
  hat  und  in  technischer  Hinsicht  sowohl  für  den  Buchdruck  wie  für  den
Buchhandel  allen  anderen  Städten  ein  leuchtendes  Vorbild  gewesen  ist.
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        27.  Eine  Festschule  der  Meistersinger.  127

27.  Eine  Festschule  der  Meistersinger.
Von  August  Sach.)

Wer  um  das  Jahr  1550  nach  Nürnberg  kam,  konnte  um  die  Pfingstzeit
  ein  Seil  von  St.  Sebaldus  nach  dem  Rathause  gezogen  erblicken,  woran
in  der  Mitte  ein  bemaltes  Schild  hing.  Jedes  Nürnberger  Kind  wußte,  daß
die  wohllöblichen  Meistersinger  wieder  eine  Festschule  in  der  St.  Katharinenkirche
  veranstalten  wollten  und  durch  das  Schild  jeden,  der  daran  teilzunehmen
gedachte,  dazu  laden  ließen.  Auch  aus  weiterer  Ferne  waren  diesmal  manche
Genossen  herbeigekommen,  um  sich  an  dem  Hauptsingen  berühmter  Meister
und  an  ihren  neuen  Tönen  zu  ergötzen.  Denn  in  Nürnberg  ward  seit  langen
Zeiten  die  holdselige  Kunst  besser  gepflegt  als  sonst  in  deutschen  Landen.
Wie  vor  Jahren  hier  der  Barbier  Hans  Foltz  und  der  Briefmaler  Hans  Rosenblüt
  sich  einen  Namen  gemacht,  so  war  jetzt  Hans  Sachs,  der  Schuster  und
Schüler  des  Leinwebers  Nunnenpek,  schon  seit  einem  Menschenalter  und  länger
das  Haupt  und  das  leuchtende  Vorbild  aller  kunstreichen  Meister.  Überall,
wo  die  Singerschulen  blühten,  in  allen  süddeutschen  Reichsstädten,  in  Mainz
und  Straßburg,  in  Kolmar  und  Frankfurt,  in  Augsburg  und  Regensburg,
in  Ulm,  München  und  Würzburg,  ja  in  Prag,  Breslau  und  in  dem  nordischen
Danzig  pries  man  seinen  Namen  und  dichtete  man  in  seinen  Tönen.  Selbst
aus  sächsischen  Landen,  wo  außer  in  Zwickau  keine  Schulen  blühten,  hatten
sich  Liebhaber  des  Sanges  eingestellt,  deren  Väter  einst  auf  der  Wanderung
durch  Süddeutschland  Mitglieder  einer  Singschule  geworden  waren  und  auch
nach  der  Rückkehr  in  die  Heimat  die  in  der  Fremde  gelernte  Weise  noch  fortgeübt
  hatten.

Schon  war  ihnen  daheim  manche  Belehrung  über  die  löbliche  Kunst  geworden,
  die  nicht  allein  zur  Freude  und  Ergötzung  der  Menschen  sondern
auch  zur  Erinnerung  göttlicher  Wohltaten  und  zur  Andacht  des  Herzens  dienen
sollte;  hier  aber  in  Nürnberg  fand  jedermann  reiche  Gelegenheit  die  Weise
und  die  Ordnungen  der  berühmten  Meister  genauer  kennen  zu  lernen  und  sich
in  der  Kunst  weiter  zu  bilden.  Wer  ihrer  noch  unkundig  war,  ließ  sich  wohl
zunächst  die  Bedeutung  der  Tafel  mit  ihren  Figuren  erklären,  die  frei  in  der
Luft  auf  dem  Seile  schwebte.

Oben  sah  man  einen  gevierten  Schild,  der  in  zwei  Feldern  den  Reichsadler
  und  in  der  Mitte  die  Königskrone  trug;  das  war  der  Meistersinger
Wappen,  darunter  waren  zwölf  Männer  sichtbar,  wie  sie  einen  Garten  bestellten,
  aber  dabei  von  einem  wilden  Tiere  gestört  wurden.  Sie  stellten  die
zwölf  berühmten  Sänger  dar,  welche  die  erste  Singschule  eingerichtet,  und  das
wilde  Tier  war  der  Neid,  der  von  außen  her,  und  die  Zwietracht,  die  von
innen  her  ihrem  Gedeihen  schade.  Wer  aber  nach  den  Namen  dieser  zwölf
Wundermänner  fragte,  erhielt  von  einem  kundigen  Meister  zur  Antwort,  was

1)  „Deutsches  Leben  in  der  Vergangenheit“,  II.  Band,  S.  277  ff.  Halle  a.  S.  1891.
        <pb n="140" />
        128  27.  Eine  Festschule  der  Meistersinger.

die  sagenhafte  Überlieferung  ohne  sich  um  geschichtliche  Widersprüche  zu  kümmern
weiter  berichtete.

„Es  waren  teils  Gelehrte  teils  Ritter  und  Bürger.  Einer  war  ein
Glasbrenner,  einer  ein  Schmied,  einer  ein  Musikant,  einer  ein  Fischer,  einer
ein  Seiler;  aber  von  diesen  ist  nichts  weiter  zu  erzählen,  desto  mehr  aber  von
dem  Ritter  Wolfram  von  Eschenbach,  von  Nikolaus  Klingsor,  der  freien  Künste
Magister,  von  Walter  von  der  Vogelweide,  von  Heinrich  von  Ofterdingen
aus  Eisenach  und  von  Heinrich  Frauenlob  aus  Meißen,  der  heiligen  Schrift
Doktor  zu  Mainz.  Dieser  erhob  mit  unsterblichen  Gesängen  der  Frauen  Schönheit
  und  Sittigkeit  und  zum  Dank  trugen  ihn  dieselben  in  Mainz  zu  Grabe,
denn  nicht  dem  Lebenden  allein  sondern  auch  dem  Toten  sollte  ihre  Tugend
offenbar  werden.  Im  Dom  zeigt  man  noch  seinen  Leichenstein,  den  die  Frauen
mit  Tränen  und  Wein  benetzten.  Von  ihm  leiten  wir  unsere  Kunst  her;  denn
er  stiftete  einen  Verein  von  Dichtern  und  Freunden  des  Singens,  unterrichtete
  Schüler  und  die  Schüler  wurden  wieder  Meister  und  so  bis  auf  den
heutigen  Tag.“"

„Ja,  so  ist  es,“  fuhr  wohl  ein  anderer  fort;  „wir  sind  Bürger  und
Handwerker  und  treiben  nebenbei  die  Kunst;  zu  Singergesellschaften  vereinigt
haben  wir  unsere  Regeln  und  richten  uns  nach  den  Vorschriften  unserer  löblichen
  Zunft.  Wer  die  Kunst  erlernen  will,  der  geht  zu  einem  Meister,  der
wenigstens  einmal  in  der  Singschule  den  Preis  gewann,  und  dieser  unterweist
ihn  unentgeltlich.  Er  lehrt,  was  es  heißt  zur  Ehre  der  Religion  singen,  und
weiht  ihn  ein  in  die  Geheimnisse  der  Tabulatur,  wie  wir  die  Gesetze  unserer
Singkunst  nennen.  Hat  er  sich  wohlgehalten,  die  Lehrsätze  und  eine  ziemliche
  Anzahl  von  Tönen,  insonderheit  die  vier  gekrönten,  begriffen,  so  wird  er
auf  der  Zech  oder  in  dem  Wirtshaus,  wo  die  gewöhnlichen  Zusammenkünfte
geschehen,  gemeinlich  am  St.  Thomastage,  der  Gesellschaft  durch  den  Lehrmeister
  vorgestellt  mit  der  Bitte  ihn  aufzunehmen.  Darauf  stellen  die  „Merker“
eine  Prüfung  mit  ihm  an  und  erforschen,  ob  er  ehelicher  Geburt,  stillen  und
ehrbaren  Wandels  sei  und  die  Singschule  stets  besucht  habe;  sie  machen  eine
Probe  mit  ihm,  ob  er  die  Kunst  genugsam  gelernt  und  wisse,  was  es  mit  den
Reimen  nach  Zahl,  Maß  und  Bindung  für  eine  Beschaffenheit  habe,  ob  er
mit  der  gehörigen  Zahl  von  Tönen  bekannt  sei  und  im  Notfalle  ein  Lied
„merken“  könne.  Man  gibt  ihm  dabei  im  Singen  sieben  Silben  vor;  wenn
er  darüber  versingt,  kann  er  nicht  aufgenommen  werden,  gelingt  ihm  aber  die
Probe,  so  wird  sein  Wunsch  gewährt.  Feierlich  gelobt  er  der  Kunst  stets
treu  zu  sein,  die  Ehre  der  Gesellschaft  wahrzunehmen,  sich  stets  friedlich  zu
betragen  und  kein  Meisterlied  durch  Absingen  auf  der  Gasse  zu  entweihen.
Dann  zahlt  er  das  Einschreibegeld  und  gibt  zwei  Maß  Wein  zum  besten.  Hat
er  sich  eine  Zeitlang  auf  den  Schulen  zur  Zufriedenheit  der  Meister  hören
lassen  und  auch  sonst  untadelhaft  verhalten,  kann  er  um  die  Freiung  auf  den
Stuhl  anhalten,  daß  er  auf  offener  Singschule  freigesprochen  und  für  einen
        <pb n="141" />
        27.  Eine  Festschule  der  Meistersinger.  129

Meister  erklärt  werde.  Mit  einem  Gruße  stellt  er  sein  Begehren  und  der
Meister  begrüßt  ihn  wieder  mit  einem  Gruße  und  Gesang  und  legt  ihm  dann
Fragen  vor  über  den  Ursprung  der  Kunst  und  ihre  Gesetze.  Hat  er  hierauf
genügend  geantwortet,  so  singen  ihm  die  Meister  zu,  daß  er  zu  ihnen  eintrete
um  die  Meisterschaft  und  den  Kranz  zu  empfangen.“

„Wie  nun  die  Bräuche  der  Meister  sind,  sollt  ihr  bei  der  Singschule
erfahren;  da  geht  es  anders  her  als  bei  den  gewöhnlichen  Zusammenkünften,
wenn  wir  uns  in  den  Schenken  versammelt  haben;  da  könnt  ihr  auch  manch
herrliches  Lied  hören;  aber  in  den  Festschulen  werden  nur  Gedichte  vorgetragen,
  deren  Inhalt  aus  der  Bibel  oder  aus  den  heiligen  Sagen  geschöpft
ist.  Wer  am  fehlerfreiesten  singt,  wird  mit  einer  goldenen  Kette  geschmückt,
wer  nach  ihm  am  besten  besteht,  erhält  einen  Kranz  zum  Lohn;  wem  aber
grobe  Fehler  nachgewiesen  werden,  der  muß  es  mit  Strafgeld  büßen.  So
fließt  das  Leben  der  Meistersinger  unter  erbaulichen  Gesängen  hin,  und  wenn
einer  aus  dem  frohen  Kreise  abberufen  wird,  so  versammeln  sich  seine  Genossen
um  sein  Grab  und  singen  ihm  das  letzte  Lied.“

Der  Nachmittag  des  Pfingsttages  rief  alles  zur  Festschule  zusammen;
die  Meistersinger,  ehrwürdige  alte  Herren,  junge  Schüler,  welche  die  Tabulatur
noch  studierten,  Schulfreunde,  welche  die  Poetik  und  Metrik  der  Meister  schon
inne  hatten,  Singer,  die  bereits  einige  fremde  Gesänge  schulgerecht  vortragen
konnten,  Dichter,  die  nach  den  Tönen  der  Meister  einen  eigenen  Gesang  zu
dichten  verstanden,  zogen  festlich  geschmückt  der  Katharinenkirche  zu.  Am  Eingange
  derselben  hielt  der  Kirchner  zu  einem  Trinkgelde  die  Mütze  hin,  um  das
Gesindel,abzuhalten,  das  ehrbare  Leute  in  der  Erbauung  stören  könnte.

Die  Kirche  war  im  Innern  schön  aufgeputzt  und  vom  Chore,  wo  die
Vornehmen  Platz  fanden,  hingen  kostbare  Decken  herab.  Gar  feierlich  nahm
sich  der  Verein  der  edlen  Meister  aus,  die  umher  auf  den  Bänken  saßen,  teils
langbärtige  Greise  teils  jugendliche  Männer,  alle  so  still  und  ernst,  als  wenn
sie  zu  den  Weisen  Griechenlands  gehörten.  Sie  prangten  in  Seidengewändern,
grün,  blau  und  schwarz,  mit  zierlich  gefalteten  Spitzkragen.  Unter  ihnen  fehlte
auch  nicht  der  ehrwürdige  Hans  Sachs,  noch  immer  in  jugendlicher  Rüstigkeit.

Neben  der  Kanzel  war  der  Singstuhl  errichtet,  nur  kleiner,  sonst  wie
die  Kanzel  selbst  und  heute  mit  einem  bunten  Teppich  geschmückt.  Vorn  im
Chor  sah  man  ein  niedriges,  mit  schwarzen  Vorhängen  umzogenes  Gerüst  aufgeschlagen,
  worauf  ein  Tisch  mit  Pult  stand;  eine  Kette  mit  vielen  Schaustücken
  und  ein  Kranz  aus  seidenen  Blumen  hingen  an  der  Seite  desselben.
Das  war  das  Gemerke,  wo  diejenigen  Platz  fanden,  welche  die  Fehler  der
Sänger  gegen  die  Gesetze  der  Tabulatur  anmerken  mußten.  Ihrer  waren  vier.
Der  älteste  hatte  die  Bibel  vor  sich  auf  dem  Pulte  liegen,  um  die  von  dem
Singer  angegebene  Stelle,  woraus  sein  Lied  genommen,  außzuschlagen  und
fleißig  aufzumerken,  ob  dasselbe  mit  dem  Inhalte  der  Schrift  übereinstimme,
der  zweite,  der  dem  ersten  gegenübersaß,  hatte  auf  die  Gesetze  der  Tabulatur  zu

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  9
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        130  27.  Eine  Festschule  der  Meistersinger.

achten  und  die  Fehler  wie  die  Strafen,  deren  Höhe  in  Silben  angeschlagen
wurde,  auf  dem  Pulte  mit  einer  Kreide  anzuschreiben.  Der  dritte  sollte
eines  jeden  Verses  und  Reimes  Endsilbe  merken  und  die  Verstöße  gegen  den
Reim  notieren,  der  vierte  wegen  des  Tones  Sorge  tragen,  damit  man  den
recht  halte  und  nicht  verfälsche,  auch,  ob  in  allen  Strophen,  die  jedesmal  den
Text  zu  zwei  sich  wiederholenden  und  einem  dritten  selbständigen  musikalischen
Satze  bildeten,  immer  die  beiden  Stollen  und  der  Abgesang  die  Gleichheit  bewahrten.
  Die  Merker  sollten  treu  und  fleißig  nach  Inhalt  der  Kunst  und
nicht  nach  Gunst  merken  einem  wie  dem  andern,  je  nachdem  ein  jeder  sang,
nicht  anders,  als  ob  sie  dazu  vereidigt  wären,  ob  man  zwar  darüber  nicht
schwören  sollte  noch  konnte.  Wenn  eines  Merkers  Vater,  Sohn,  Bruder,
Vetter  oder  Schwager  sang,  hatte  er  sein  Amt,  so  lange  jener  sang,  einzustellen
  und  ein  anderer  Gesellschafter  an  seine  Stelle  zu  treten.  Fehler  konnten
dem  Singer  nach  dem  Gutachten  der  Merker  entweder  sogleich  nach  dem  Singen
oder  erst  nach  gehaltener  Schule,  besonders  damit  ihn  andere  nicht  verhöhnten,
angezeigt  werden.  Neben  den  Merkern  saß  ein  Meister,  der  in  der  vorigen
Singschule  den  Preis  davongetragen,  um  sie  zu  erinnern,  wenn  sie  etwas
überhört,  und  bei  allen  Streitigkeiten  sein  Urteil  abzugeben.

Als  alles  geordnet  war  und  die  Genossen  still  und  geräuschlos  dasaßen,
erhob  sich  ein  fremder  Gesell,  der  aus  Straßburg  herübergekommen  war,
setzte  sich  fein  züchtig  auf  den  Singstuhl,  zog  sein  Barett  ab  und  begann  nach
einer  kurzen  Pause  zu  singen  ein  schönes  Lied  „von  dem  Streite  gegen  die
Türken,  den  Feind  der  Christenheit“;  gar  zierlich  setzte  er  seine  Weise  und
ohne  Tadel  nach  der  „Hammerweise“  Lienhart  Nunnenpeks  mit  siebenundzwanzig
  Reimen.  Die  Merker  horchten  auf,  bemerkten  aber  nichts,  denn  bei
dem  „Freisingen“  konnte  man  außer  dem  Ruhm  nichts  gewinnen,  man  machte
es  auch  noch  so  gut.  Ihm  folgten  noch  mehrere  andere  nach;  der  eine  sang
„ein  schön  Lied  von  dem  Pfarrer  im  Federfaß“  im  grünen  Ton,  ein  anderer
„ein  schön  Lied  von  den  drei  löblichen  Bäuerinnen“  im  Rosenton,  ein  vierter
ein  „neu  Lied  wider  das  große  Fluchen  und  Gotteslästern,  so  jetzund  in  deutschen
Landen  gemein  ist,“  in  des  Frauenlob  blühendem  Ton.

Damit  schloß  das  Freisingen;  alsbald  begann  einer  der  Meister  ein  Lied,
in  das  alle  anderen  einstimmten,  um  den  Beginn  des  eigentlichen  Hauptsingens
anzukündigen.  Ein  greiser  Meister  betrat  den  Singstuhl  und  nach  kurzer
Pause  erscholl  vom  Gemerke  der  Ruf:  „Fanget  an!“  Es  war  Konrad  Nachtigall,
ein  Schlosser,  der  so  sehnsüchtig  und  klagend  sang,  daß  er  seinen  Namen  wohl
mit  Recht  führte.  Von  dem  himmlischen  Jerusalem  und  von  der  Gründung
des  neuen  sagte  er  viel  Schönes  in  gar  künstlichen  Reimen  und  Redensarten.
Jedesmal,  wenn  er  einen  Abgesang  vollendet,  hielt  er  inne,  bis  der  Merker
wieder  rief:  „Fahret  fort!“  Nach  ihm  kam  die  Reihe  an  einen  jungen  Meister,
Fritz  Kothner,  einen  Glockengießer;  der  hatte  die  Schöpfungsgeschichte  zum
Gegenstande  seines  Gesanges  gewählt.  Aber  hier  hieß  es  nicht:  „und  Gott
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        27.  Eine  Festschule  der  Meistersinger.  131

sah,  daß  alles  gut  war“.  Der  Arme  war  verlegen,  er  stockte  und  eifrig  sah
man  die  Merker  Striche  machen;  er  hatte  Silben  versungen  und  mußte  zuletzt
  auf  Geheiß  des  Merkers  den  Stuhl  verlassen.  In  der  „Hageblüten  Weise“
ließ  sich  dann  vom  Singstuhl  herab  vernehmen  der  würdige  Hans  Sachs;  sein
Kopf  war  schon  glatt  und  nur  das  Kinn  schmückte  ein  voller  Bart.  Alles
horchte  voll  Andacht  auf,  als  er  in  einem  neuen  Tone  gemäß  der  Offenbarung
den  Herrn  beschrieb,  an  dessen  Stuhl  der  Löwe,  der  Stier,  der  Adler  und
ein  Engel  Preis,  Ehre  und  Dank  sangen.  Als  er  geendet,  da  waren  alle  voll
Entzücken  und  kaum  konnte  noch  nach  ihm  ein  junger  Meister  Niklas  Vogel
von  schwäbischer  Herkunft,  der  im  Hoftone  des  Schillers  „ein  neu  Lied  von
dem  verlorenen  Sohn“  anstimmte,  die  Aufmerksamkeit  der  Zuhörer  fesseln.
Auch  bei  ihm  sah  man  eifrig  die  Merker  ihre  Striche  machen  und  die  Silben
zählen,  die  er  versungen.

Als  er  sein  Gedicht  beendet,  verließen  die  Merker  ihren  Sitz  um  zu  Rate
zu  gehen,  wie  ein  jeder  bestanden.  Die  beiden  jungen  Meister  hatten  manche
Fehler  gegen  die  Tabulatur  begangen;  der  eine  hatte  eine  „blinde  Meinung“
verbrochen  und  war  durch  Auslassung  von  Worten  unverständlich  geworden.
So  viel  Worte  blind  d.  h.  ausgelassen  waren,  für  so  viel  Silben  sollte  er
bestraft  werden;  ein  Merker  warf  ihm  auch  „Laster“  vor,  d.  h.  unreine  Vokalreime,
  vor  allem  aber  wurde  dem  einen  der  „Stutz“  schlimm  angerechnet,  weil
er  stillgehalten,  wo  er  nicht  anhalten  durfte.  Niklas  Vogel  hatte  seine  schwäbische
  Aussprache  noch  nicht  ganz  abgelegt,  aber  doch  die  Reinheit  der  Vokale
beobachtet;  schlimm  aber  war  es,  daß  er  sich  der  „Klebsilben“  nicht  enthalten,
„keim“  für  „keinem,  „im“  für  „in  dem“,  „vom“  für  „von  dem“  gesungen,
auch  „Milben“  gebraucht  und  statt  „singen“  „singe“  gesagt  um  auf  „Dinge“
zu  reimen.  Am  Ton  war  weniger  zu  tadeln;  keiner  hatte  denselben  durch  und
durch  anders  gesungen,  als  ihn  der  Meister  gedichtet.  Sonder  Zweifel  hätte
Nachtigall  den  Preis  gewonnen,  wenn  nicht  nach  ihm  Hans  Sachs  gesungen;
nur  einmal  wollte  der  Merker  eine  „falsche  Blume“  gehört  haben,  wodurch
an  einer  Stelle  der  Ton  unkenntlich  geworden  sei.

So  trat  denn  der  erste  Merker  an  Hans  Sachs  heran  und  hing  ihm
eine  lange  silberne  Kette  von  großen,  breiten,  mit  den  Namen  der  Geber  bezeichneten
  Gliedern  um,  woran  eine  Menge  von  Pfennigen  verschiedener  Art
gebunden  war.  Konrad  Nachtigall  ward  der  zweite  Preis  zuteil,  ein  von
seidenen  Blumen  verfertigter  Kranz,  den  ihm  der  andere  Merker  aufs  Haupt  setzte.

Es  war  Brauch,  daß  die  Meistersinger,  insonderheit  die  jüngeren,  sich
nach  der  Festschule  in  eine  nahegelegene  Schenke  begaben,  wo  in  demselben
Grade  frohe  Ungebundenheit  herrschte  als  in  der  Kirche  heiliger  Ernst.  Hier
sollte  ehrbare,  ehrliche,  friedliche  Zech  gehalten  und  ein  Zechkranz  zum  besten
gegeben  werden,  damit,  wer  wolle,  darum  singen  möge.  Alles  Spielen,  unnützes
  Gespräch  und  überflüssiges  Trinken,  alle  Strafer  und  Reizer  (Strafund
  Reizlieder),  woraus  Uneinigkeit  entstehen  könnte,  waren  untersagt;  keiner

9.
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        132  27.  Eine  Festschule  der  Meistersinger.

durfte  auch  den  andern  auffordern  um  Geld  oder  Geldeswert  zu  singen.  Der
den  Kranz  gewonnen  hatte,  mußte  aufwarten  und  fürtragen;  konnte  er  es
allein  nicht  bestreiten,  so  hatte  ihm  der,  so  auf  vorhergegangener  Schule  den
Kranz  davongetragen,  dabei  zu  helfen.  Wer  die  Kette  oder  den  Kranz  gewonnen
  oder  glatt  gesungen,  erhielt  zwanzig  Groschen,  ein  Merker  zwanzig
Kreuzer.  Die  Zeche  ward  von  dem  Gelde  bezahlt,  das  man  auf  der  Schule
erhoben;  war  nicht  genug  zusammengekommen,  so  ward  das  fehlende  aus  der
gemeinen  Büchse  entnommen.

Die  Meistersinger,  mehr  als  zwanzig  an  der  Zahl,  gingen  über  die  Gasse
paarweise  hintereinander  von  der  Kirche  bis  zur  Trinkstube:  Der  bekränzte
Konrad  Nachtigall  eröffnete  den  Zug,  hinter  ihm  her  schritt  würdig  Hans
Sachs,  mit  der  Kette  geziert.  Die  geputzten  Gäste  stachen  sonderbar  genug
von  der  Stube  ab,  die  von  außen  und  innen  gleich  beräuchert  erschien.  In
dem  langen  Zimmer  standen  hölzerne  Tische  und  Bänke,  einige  mit  geschnitzten
Tierköpfen  versehen.  An  den  Wänden  war  Getäfel  angebracht;  auch  fehlten
daran  nicht  allerlei  Sprüche,  die  auf  die  Kunst  der  Genossen  Bezug  hatten.
Tisch  an  Tisch  ward  zusammengeschoben,  das  „Gewehr“  der  Sitte  gemäß  zur
Seite  gelegt  und  zu  beiden  Seiten  setzten  sich  die  Singer;  nur  die  Merker
hielten  sich  gesondert,  damit  sie  nicht  gestört  würden.  Niemand  durfte  sich
unaufsgefordert  an  ihren  Tisch  setzen.  Oben  nahm  Hans  Sachs  Platz.  Würdig
sah  er  aus  in  seiner  festlichen  Tracht.  Die  Jacke  war  von  meergrünem  Zeuge
mit  mehreren  Schlitzen  auf  der  Brust,  durch  die  das  Hemd  hindurchschimmerte,
dessen  faltiger  Kragen  den  Hals  scheidenförmig  umschloß.  Die  Armel,  mit
Fischbeinstäbchen  gesteift  und  von  schwarzem  Atlas,  worin  zackige  Einschnitte
in  bestimmten  Linien  künstlich  eingesetzt  waren,  ließen  überall  das  helle  Unterzeug
  hindurchblicken.

Mitten  auf  der  Tafel  stand  ein  Weinfäßchen  und  einer  der  Meister  hatte
das  Geschäft  des  Zapfens.  Als  alle  Becher  gefüllt  waren,  erhob  Hans  Sachs
die  Frage,  wer  außer  ihm  singen  wolle.  Zwei  Meister  reckten  die  Hand  empor;
es  waren  Georg  Wachler,  ein  Zimmermann,  und  Ludwig  Binder,  ein  Steinmetz,
  die  nach  der  Ehre  strebten  mit  dem  Altmeister  der  Kunst  zu  wetteifern.
Hans  Sachs  sollte  eine  Streitfrage  aufwerfen  und  hob  an:

Ihr  Freunde,  saget  mir,  wenn  ihr  wißt,
Wer  wohl  der  künstlichste  Werkmann  ist?

Zuerst  erwiderte  Georg  Wachler:

Das  ist  fürwahr  der  Zimmermann;

Wer  hat  es  ihm  jemals  gleichgetan?

Durch  Schnur  und  Richtscheit  ward  ihm  kund
Die  höchste  Zinn'  und  der  tiefste  Grund;

Ihn  loben  stattliche  Lustgemächer,

Hoch  strebet  sein  Ruhm  wie  seine  Dächer.
Reich  an  Erfindungen  ist  sein  Geist,
        <pb n="145" />
        27.  Eine  Festschule  der  Meistersinger.  133

Mühlwerk  und  Wasserwerk  ihn  preist;
Er  schützet  durch  Bollwerk  Deich  und  Schanz,
Die  heilige  Schrift  weiht  ihm  den  Kranz;
Er  zimmerte  die  starke  Arch',

Drin  Noah  war,  der  Patriarch:

Wie  rings  auch  brausete  die  Flut,

Er  ruhte  in  ihr  in  sicherer  Hut;

Mit  den  Seinen  er  gerettet  ward,

Mit  allen  Tieren  jeder  Art.

Er  zimmerte  nach  weisem  Rat

Jerusalem,  die  Gottesstadt,

Des  weisen  Salomo  Königshaus,

Das  führte  er  mächtig  und  prächtig  aus.
Denkt  an  das  Labyrinth  zum  Schluß:
Wer  ist  geschicht  wie  Dädalus?

Als  er  geendet,  sah  man  den  zweiten  Merker  mit  einer  Kreide  einen
großen  Strich  wegen  der  Klebsilbe  auf  den  Tisch  malen.  Dann  begann  sogleich
  Ludwig  Binder  folgenden  Spruch  zur  Erwiderung:

Das  Holz  verfault,  der  Stein  bleibt  Stein;
Der  Steinmetz  muß  der  erste  sein.
Ringmauern  baut  er,  kühne  Türme,
Basteien  auch  zu  Schutz  und  Schirme,
Gewölbe  pflanzet  er,  die  sich  kühn
Aufrankend  in  die  Lüfte  zieh'n,
Schwindliche  Gänge,  durchsichtig  und  fest,
Mit  Säulen  und  Bildwerk  geschmüchet  aufs  best“.
Den  schiefen  Turm  von  Disa  schaut,

Den  Wilhelm  von  Nürnberg  hat  erbaut;
Zu  Jerusalem  den  hohen  Tempel,

Der  trug  der  höchsten  Vollendung  Stempel:
Der  himmelhohe  Turm  zu  Babel,

Das  Grab  des  Maupolus  ist  keine  Jabel,
Die  Pyramiden,  die  künstlichen  Berg',

Sie  überragen  weit  alle  Werk.

Er  bekam  einen  Strich  von  dem  zweiten  Merker  wegen  der  Klebsilbe
und  von  dem  dritten  wegen  zweier  unreiner  Reime  zwei.  Alles  war  gespannt
auf  Hans  Sachsens  Erwiderung,  als  er  sich  zu  folgendem  Spruch  erhob:

Vermag  auch  Beil  und  Meißel  viel,

Schwach  sind  sie  gegen  den  Dinselbiel.

Er  bringt  nicht  nur  Häuser  und  Städte  hervor,
Türmt  Schlösser  und  schwindlichte  Warten  empor  —
Nein,  was  zu  Anfang  Gott  erschuf

Durch  seines  göttlichen  Wortes  Ruf,

Das  schaffet  der  Maler  zu  aller  Zeit:

Gras,  Laubwerk,  Blumen  auf  Feld  und  Heid',
Den  Vogel,  wie  in  der  Luft  er  schwebt,

Des  Menschen  Antlitz,  als  ob  er  lebt,
        <pb n="146" />
        134  27.  Eine  Festschule  der  Meistersinger.

Die  Elemente  beherrschet  er  all',

Des  Feuers  Wut,  des  Meeres  Schwall.

Den  Teufel  malt  er,  die  Höll'  und  den  Tod.
Das  Paradies,  die  Engel  und  selbst  Gott,
Das  macht  er  durch  Farben  dunkel  und  klar
Mit  geheimen  Künsten  euch  offenbar.

Das  hebet  sich  mächtig  durch  die  Schattierung
Nach  schön  entworfener  Visierung.

Er  kann  euch  alles  vor  Augen  bringen,
Nicht  schöner  möget  ihr  je  es  singen.

Wie  muß  er  sinnen  Tag  und  Nachtl!

In  Traumgebilden  sein  Geist  stets  wacht.

Er  ist  an  Phantasien  reich

Und  fast  dem  kühnen  Dichter  gleich;

Um  alle  Dinge  weiß  er  wohl,

Wie  er  sie  alle  bilden  soll:

Wer  zu  allen  Dingen  hat  Schöpferbkraft,
Den  rühmet  die  höchste  Meisterschaft.

Trotz  des  Beifalls,  den  Hans  Sachs  von  den  Genossen  davontrug,  gab
sich  der  Steinmetz  noch  nicht  verloren;  er  begann  wieder:

Du  lobst  den  Maler  mir  zu  sehr,

Der  Steinmetz  bringt  uns  Nutzen  mehr.
Des  Malers  hönnen  wir  entraten,

Er  schafft  von  jedem  Ding  nur  Schatten:
Sein  gemaltes  Feuer  wärmt  uns  nicht,
Heine  Sonne  spendet  nicht  Schein  noch  Licht,
Sein  Obst  hat  weder  Schmach  noch  Saft,
Heine  Kräuter  nicht  Duft  und  Heilungskraft,
Seine  Tiere  haben  nicht  Fleisch  noch  Blut,
Sein  Wein  verleiht  nicht  Freud’'  und  Mut.

Wie  er  geendet,  erhob  sich  Hans  Sachs  noch  einmal  leuchtenden  Auges
zur  Lobpreisung  der  Malerei  und  eines  längst  dahingeschiedenen  Freundes:

Das  SÖSprichwort  immerdar  noch  gilt,

Daß,  wer  die  Kunst  nicht  hat,  sie  schilt.

Wie  nützlich  auch  ist  die  Malerei,

So  nenn'  ich  euch  jetzt  nur  der  Dinge  drei:

Was  bewahrt  die  Geschichte  als  teures  Vermächtnis,
Das  prägt  sie  uns  ein  in  unser  Gedächtnis:

Wie  der  Nürnberger  Heer  unter  Ichweppermann  glänzte,
Wie  den  Dichter  hier  Kaiser  Friedrich  bekränzte.
Wer  sich  auch  nicht  auf  die  Schrift  versteht,

Des  Malers  Schrift  ihm  nicht  entgeht:

Er  lehret,  wie  Bosheit  uns  Mißgeschick,

Wie  Frömmigheit  bringet  Ehr'  und  Glück.

Was  verscheuchet  mehr  denn  die  Malerei

Uns  der  Einsamhkeit  Tochter,  die  Melancholei?

Sie  lichtet  der  düsteren  Schwermut  Schmerz,
        <pb n="147" />
        28.  Ritter,  Tod  und  Teufel.  135

Verkläret  das  Auge  durch  Lust  und  Scherz.
Zuletzt  doch  jegliche  Kunst  erkennt

In  des  Malers  Kunst  ihr  Fundament:

Der  Steinmetz,  Goldschmied  und  der  Schreiner,
Hornschneider,  Weber,  der  Werkmeister,  keiner
Entbehret  sie  je,  weshalb  die  Alten

Sie  für  die  herrlichste  Kunst  gehalten.

Wie  strahlte  der  Griechen  Namen  hell,
Zeuxis,  Protogenes,  Apell!

Gott  hat  zu  Heil  dem  deutschen  Land

Der  Künstler  manchen  mit  hohem  Verstand
Wie  Albrecht  Dürer  uns  gegeben,

Des  Kunst  verschönernd  schmüchte  das  Leben.
Was  er  mit  Fleiß  gesäet,  wachs

Dem  Volk  zu  reichem  Segen,  fleht  Hans  Sachs.

So  sang  der  Poet  und  die  Gegner  schwiegen.  Alle  zollten  ihm  reichen
Beifall  und  Ludwig  Binder  war  nicht  der  letzte.  Auch  Konrad  Nachtigall
begrüßte  herzlich  seinen  alten  Freund,  nahm  sich  den  Kranz  ab  und  setzte  ihn

Hans  Sachsen  aufs  Haupt,  Nürnbergs  kunstreichem  Schuster.

28.  Ritter,  Tod  und  Teufel  (Kupferstich  von  A.  Dürer).
Von  Franz  Graf  Pocci..)

1.  Durch  dunkle  Waldesnacht
Und  wilde  Felsenschluchten
Zur  Burg,  der  lang  gesuchten,
Lenkt  seines  Rosses  Schritt

2.  Ein  Ritter  und  es  folgt
Der  Spur  des  schnellen  Hufes
Der  treue  Hund,  des  Rufes
Gewärtig  seines  Herrn.

3.  Es  glänzt  der  blanke  Helm,
Das  scharfe  Schwert  zur  Seite,
Die  Lanze,  und  ins  Weite
Der  Eisenharnisch  tönt.

4.  Erblicht  wohl  etwa  nicht
Der  wach're,  kühne  Reiter
Zur  Rechten  den  Begleiter
Und  jenen,  der  ihm  folgt?

5.  Ius  Antlitz  grinst  der  Tod,
Auf  einer  Mähre  reitend;

1)  „Dichtungen“  S.  87.

Auf  raschen  Füßen  schreitend
Eilt  Satan  hinterdrein.

6.  Nichts  sicht  den  Ritter  an;
Er  ziehet  seiner  Wege
Durch  dunkles  Waldgehege
Mit  festem,  frommem  Sinn.

7.  So  zieht  der  wahre  Christ,
Das  Bild  soll  dies  wohl  sagen,
Willst  nach  dem  Sinn  du  fragen,
Durch  diese  wüste  Welt.

8.  Der  treue  Hund,  der  wacht,
Ist  wohl  ein  gut  Gewissen,
Er  wird  es  nicht  vermissen,
Es  mahnet  Tag  und  Nacht.

9.  Der  schöne  Waffenschmuck,
Schwert,  Speer  und  Pickelhaube
Und  Harnisch  sind  der  Glaube,
Des  edlen  Streiters  Schutz.

Schaffhausen  1843.  Hurter.
        <pb n="148" />
        136  28.  Ritter,  Tod  und  Teufel.

 

 

Ritter,  Tod  und  Teufel,  nach  einem  Kupferstich  von  Albrecht  Dürer,  ½  verkleinert.

10.  Wer  kennt  wohl  so  die  Furcht,  11.  Aufl  Rüstet  ungesäumt
Wer  sollte  da  wohl  fliehen,  Euch!  Seid  mit  Mut  bereitet!
Will  er  zur  Heimat  ziehen,  Es  droht,  was  euch  begleitet,

Zur  hohen,  festen  Burg7  Der  Satan  und  der  Tod!
        <pb n="149" />
        29.  Albrecht  Dürer.  137

 

 

       

m  0  "  —.  “
.  Die  Ruhe  auf  der  Flucht,  nach  einem  Holzschnitt  aus  dem  Marienleben  von  Albrecht  Dürer,
i  verkleinert.

29.  Albrecht  Dürer.
Von  Siegfried  Graf  Pückler-Limpurg.“
Es  ist  ein  Holzschnitt  von  Albrecht  Dürer,  den  wir  hier  vor  uns  haben
—  von  Albrecht  Dürer,  den  Deutschland  als  den  berühmtesten  Maler  seiner
Worzeit  feiert  und  dessen  Name  bei  uns  volkstümlich  geworden  ist  wie  kein
zweiter  Künstlername.  Ein  Holzschnitt  ist  es  und  zwar  aus  einer  Folge  —
        <pb n="150" />
        138  29.  Albrecht  Dürer.

sagen  wir:  aus  einem  Bilderbuche  —,  worin  das  Leben  der  Jungfrau  Maria
dargestellt  wird.  Über  solche  Holzschnitte  und  Bilderbücher  soll  später  Genaueres
gesagt  werden.  Einstweilen  betrachten  wir  einmal  den,  der  vor  uns  liegt.
Er  stellt  die  heilige  Familie  in  ihrer  häuslichen  Beschäftigung  dar:  Joseph,  der
Zimmermann,  geht  seiner  Arbeit  nach,  während  Maria  neben  ihm  am  Spinnrocken
  sitzt  und  das  Christkind  wiegt.

Ein  religiöses  Bild  also,  eine  Szene  aus  dem  Neuen  Testament.  Allein
wollte  man  sie  in  irgend  einem  Evangelium  aufsuchen,  man  würde  sie  nirgends
finden.  Das  ist  von  Wichtigkeit.  Dürer  ist  kein  Illustrator,  d.  h.  kein  Künstler,
der  irgend  eine  in  einem  Buche  geschilderte  Szene  genau  in  der  Zeichnung
darzustellen  sucht;  er  erfindet  vielmehr  aus  dem  Geiste  der  Schilderung  heraus
ganze  Szenen  oder  wenigstens  Einzelheiten,  die  nirgends  beschrieben  sind.  Er
steht  unabhängig  neben  seinem  textlichen  Vorbilde.  Nun  könnte  es  freilich
noch  eine  andere  Art  Vorbild  für  ihn  geben.  Für  eine  Reihe  biblischer  Szenen
hat  sich  in  den  Wandmalereien  und  den  Bildern  in  Handschriften  (den  „Miniaturen")
  ein  Herkommen  gebildet,  das  festsetzte,  welche  Szene  dargestellt  werden
sollte  und  in  welcher  Weise  —  in  der  Hauptsache  wenigstens  —  sie  aufzufassen
  sei.  Allein  auch  solche  Vorbilder  existieren  für  diese  Szene  nicht,  sie
ist  Dürers  eigene  Erfindung  und  gerade  deshalb  sehr  bezeichnend  für  seine
persönliche  Kunstweise.

Dürer  war  in  erster  Linie  religiöser  Maler.  Er  selber  sagt  einmal  in
einer  uns  erhaltenen  Handschrift:  „Dann  durch  Malen  mag  angezeigt  werden
das  Leiden  Christi  und  würd  gebraucht  im  Dienst  der  Kirchen.  Auch  behält
das  Gemäl  die  Gestalt  der  Menschen  nach  ihrm  Sterben."  Damit  umschreibt
er  selbst  seine  Haupttätigkeit,  zumal  in  seinen  Bildern;  nur  in  einigen  Kupferstichen
  und  Zeichnungen  greift  er  über  diese  Grenzen  hinaus.  Und  innerhalb
derselben  beschäftigt  ihn  tatsächlich  das  am  meisten,  was  er  in  jenen  Worten
voranstellt:  das  Leiden  Christi,  das  Leben  Christi  überhaupt,  während  er  die
vor  ihm  so  beliebte  Heiligenlegende  selten  behandelt;  das  liegt  übrigens  im
Zuge  seiner  Zeit,  die  mehr  und  mehr  durch  die  deutschen  Bibeln  angeregt  wurde,
schon  lange  vor  der  Reformation.  Eine  häufig  wiederkehrende  Darstellung
bleibt  auch  bei  ihm  wie  bei  seinen  Vorgängern  das  Christkind  im  Arme  seiner
Mutter,  die  ja  auch  auf  unserem  Bilde  die  Hauptperson  ist.

Wer  an  das  Marienideal  der  italienischen  Hochrenaissance  gewöhnt  ist
—  ein  jeder  hat  doch  zu  Hause  eine  der  berühmten  Madonnen  Rafaels  gesehen
  —,  der  ist  wohl  von  dieser  Maria  enttäuscht.  Es  ist  ein  herbes
Gesicht,  das  nichts  vom  weichen  Linienfluß  jener  Italiener  zeigt.  Wer  sich
aber  mehr  mit  diesem  Gesichte  beschäftigt,  wird  bald  finden,  daß  es  manche
fein  beobachtete  persönliche  Züge  aufweist,  die  den  Italienern  ja  so  häufig
fehlen.  Wenn  diese  am  Spinnrocken  sitzende  Maria  manchem  etwas  hausbacken
vorkommt,  so  mag  er  dazu  bedenken,  daß  in  Deutschland  zu  jener  Zeit  nicht
jener  äußerliche  Glanz  und  Prunk  herrschte  wie  in  den  viel  reicheren  Städten
        <pb n="151" />
        29.  Albrecht  Dürer.  139

Italiens.  Noch  etwas  ist  für  Dürer  wie  für  jeden  selbständig  vorgehenden
Künstler  maßgebend:  sein  Verhältnis  zu  seinen  Vorgängern.  Das  Jahrhundert
vor  ihm  hatte  für  die  Mutter  Gottes  ein  bestimmtes  Schönheitsideal:  ein
eirundlängliches  Gesicht  mit  sehr  hoher  Stirne,  schmalen  Augen,  gerader  Nase
und  kleinem  Untergesicht.  Es  ist  ein  Teil  bewußter  Auflehnung  gegen  dies
zum  Schema  gewordene  Ideal  in  Dürers  Marienköpfen:  auf  unserem  Bilde
sehen  wir  ein  rundes  Gesicht  mit  leicht  gebogener  Nase,  lebhaften  runden  Augen,
vollen  Lippen  und  kräftig  abgesetztem  Kinn  —  lauter  Züge,  die  Dürer  durch
eigene  Beobachtung  gefunden  hat.

Suchte  er  so  durch  lebhaftere  Betonung  persönlicher  Züge  die  Madonna
uns  menschlich  näher  zu  bringen,  so  bleibt  ihm  doch  jenes  Streben  der  Italiener
nach  völliger  Vermenschlichung  fremd;  Maria  wird  niemals,  wie  bei  jenen,
einfach  die  liebenswürdig-schöne  junge  Mutter  mit  einem  spielenden  Kinde.
Auf  unserem  Bilde  sehen  wir  hinter  der  Wiege  vier  anbetende  Engel  stehen,
das  dienende  Gefolge  des  menschgewordenen  Himmelskönigs.  Oben  aus  den
Wolken  aber  blicken  Gott  Vater  und  der  Heilige  Geist  wachend  und  segnend
hernieder.  Damit  ist  die  an  sich  so  einfache  Gruppe  dem  Gewöhnlichen  und
Alltäglichen  entrückt,  sie  erhält  einen  Zug  feierlichen,  weihevollen  Ernstes.

Nicht  nur  in  den  Bildern  stillen  Daseins,  auch  in  der  Darstellung  des
höchsten  Schmerzes  bleibt  Dürer  diesem  feierlichen  Ernste  treu.  In  der  genannten
  Folge  „Marienleben“  ist  ein  anderes  Bild,  der  Abschied  Christi  von
seiner  Mutter.  Da  ist  die  inzwischen  stark  gealterte  Maria  in  den  Armen
einer  anderen  Frau  zusammengebrochen,  Christus  steht  in  einfacher  Haltung,
  halb  schon  zum  Abschied  gewendet,  segnend  vor  ihr.  Ich  denke
hier  an  ein  Bild  gleichen  Gegenstandes  von  dem  Venezianer  Maler
Lorenzo  Lotto;  da  sind  alle  Beteiligten  aufgelöst  vor  Schmerz,  Christus  kniet
mit  gekreuzten  Armen,  seiner  kaum  noch  mächtig,  Maria  ist  aufschreiend  hingesunken.
  Einer  solchen  äußersten  Steigerung  rein  menschlichen  Schmerzempfindens
  war  Dürer  niemals  fähig,  er  vergißt  niemals  den  höheren  leitenden
Gedanken.  Seine  Maria  kämpft  willensstark  gegen  ihre  Traner,  ein  leises
Stöhnen,  nicht  ein  würdeloser  Aufschrei,  öffnet  ihre  Lippen,  nur  das  brechende
Auge  zeigt  ihren  Seelenzustand.  Auch  das  Gesicht  Christi  ist  schmerzvoll  verzogen,
  zumal  in  den  Augen  erkennt  man  die  tiefe  Ergriffenheit,  aber  seine
Haltung  ist  ruhig  und  gefaßt,  fest  schreitet  er  dem  Unabwendbaren  entgegen.
Dieser  oft  bis  zum  tiefsten  Schmerz  gebeugte,  aber  nie  gebrochene,  immer  von
seinem  erhabenen  Beruf  aufrechterhaltene  Christus,  wie  ihn  Dürer  in  seinen
Passionsbildern  geschaffen,  ist  eine  der  ergreifendsten  und  herrlichsten  Gestalten,
die  jemals  die  Kunst  hervorgebracht  hat.

Doch  nun  zurück  zu  unserem  Bilde;  es  gibt  noch  vieles  daran  zu  sehen!
Neben  der  sitzenden  Maria  steht  Joseph,  der  Zimmermann,  eben  in  eifriger
Arbeit;  anscheinend  ist  es  ein  Türstock,  den  er  behaut.  Eine  Schar  lustiger
Engelknaben  hilft  ihm  die  Späne  in  einen  Korb  zusammenzutragen  und  treibt
        <pb n="152" />
        140  29.  Albrecht  Dürer.

dabei  allerhand  muntere  Spiele.  Dürer  zeigt  sich  hier  von  einer  neuen  Seite:
als  Genrekünstler.  Das  Genre,  die  einfache  Darstellung  irgend  einer  bescheidenen
  Einzelheit  aus  dem  täglichen  Leben,  ist  im  Norden  entstanden  und  hat
erst  in  Deutschland  seine  künstlerische  Weihe  empfangen.  Wohl  hat  schon
lange  vor  Dürer  die  französische  Kunst  ähnliche  Darstellungen  gekannt,  allein
sie  beziehen  sich  ausschließlich  auf  die  Minnedichtung  und  den  Ritterroman.
Die  niederländische  Malerei  hat  dann  einzelne  derartige  Züge  auf  Legendenbildern
  angebracht,  aber  nur  schüchtern  an  untergeordneter  Stelle.  Erst
deutsche  Kupferstecher,  insonderheit  Dürers  großer  Vorgänger  Martin  Schongauer
  zu  Kolmar,  geben  Szenen  aus  dem  täglichen  Leben  als  selbständige
Kunstwerke  wieder.  An  diese  knüpft  Dürer  an;  unter  seinen  Kupferstichen  und
Holzschnitten  finden  sich  mancherlei  Darstellungen  aus  diesem  Gebiete.  Bald
gestaltet  er,  wie  hier,  einen  religiösen  Stoff  zu  einem  Genrebilde  um,  bald
gibt  er  ein  solches  selbständig  wieder:  ein  paar  Landsknechte  oder  jagende
Ritter  oder  Edeldamen  auf  der  Reise,  Bürger  beim  Spaziergang  auf  dem
Lande  oder  fränkische  Bauern,  wie  sie  nach  Nürnberg  auf  den  Markt  kamen.
Für  den  Kulturhistoriker  sind  das  Dokumente.  Das  Beil,  das  Joseph  führt,
der  Rechen,  mit  dem  der  eine  der  Engel  arbeitet,  und  der  Hut,  den  dieser
trägt,  das  sind  Wiedergaben  von  urkundlicher  Genauigkeit,  die  jene  ganze  Zeit
vor  unseren  Augen  lebendig  werden  lassen.

Nun  wird  aber  mancher  erstaunt  fragen:  „Wie  kommt  ein  Zimmerplatz
aus  Dürers  Zeit  in  die  Kindheitsgeschichte  Christi?“  Solche  Frage  wird  gern
leichthin  beantwortet,  das  komme  von  der  Naivität  der  früheren  Zeit,  die
kulturhistorische  Studien  noch  nicht  gekannt  habe.  Nun,  letzteres  ist  richtig;
aber  man  würde  Dürer  doch  etwas  zu  viel  „Naivität“  zumuten,  wollte  man
bei  ihm  den  Glauben  voraussetzen,  daß  sich  die  Leute  zu  Christi  Zeiten  ebenso
getragen  hätten  wie  zu  seiner  eigenen.  Da  ist  schon  eines  beachtenswert:
Christus  selbst  und  die  Apostel  erscheinen  bei  ihm  stets  in  einer  Tracht,  die
noch  deutlich  an  die  antike  (Tunika  und  Toga)  erinnert.  Bei  Maria  schlägt
er  einen  Mittelweg  ein:  auf  unserem  Bilde  trägt  sie  einen  Ausputz  an  Hals
und  Schultern,  der  den  damaligen  Schmuckformen  entspricht,  dazu  aber  einen
Mantel  halbantiker  Art.  Nur  Joseph  ist  völlig  in  Zeittracht  dargestellt.  Wir
können  verfolgen,  wie  dies  entstanden  ist.  Die  oben  beschriebene  Tracht  Christi
war  im  frühen  Mittelalter  jene,  in  der  alle  Personen  biblischer  Vorgänge  dargestellt
  wurden;  sie  war  eine  Üüberlieferung  aus  altchristlicher  Zeit.  Erst  später
wandte  man  Zeittracht  an,  zuerst  bei  den  Henkersknechten  der  Passion,  nach
und  nach  bei  allen  Personen  mit  Ausnahme  der  erwähnten.  Nicht  naive  Unwissenheit
  ist  also  der  Grund,  sondern  das  Bestreben  die  Vorgänge  lebendiger
und  volkstümlicher  zu  gestalten,  der  Mitwelt  näher  zu  rücken  und  des  Fremdartigen
  zu  entkleiden.

Dem  gleichen  Zwecke  dient  auch  das  Häuschen  auf  unserem  Bilde  links
im  Hintergrunde.  Mit  dem  weidengeflochtenen  Zaune  und  der  überdachten
        <pb n="153" />
        29.  Albrecht  Dürer.  141

Holztüre  ist  es  das  getreue  Abbild  eines  fränkischen  Bauernhofes  der  damaligen
Zeit,  wie  ihn  Dürer  und  manche  seiner  Zeitgenossen  oft  dargestellt  haben.
Damit  stehen  wir  bei  einem  anderen  Punkte  seines  Schaffens:  bei  der  Landschaft.
  Auch  hier  fußt  Dürer  auf  seinen  Vorgängern.  Schon  hundertfünfzig
Jahre  vor  ihm  brachte  man,  vor  allem  in  Frankreich,  Andeutungen  einer  Landschaft,
  wie  einen  Baum,  einen  Hügel,  auf  Heiligenbildern  an.  Achtzig  Johre  vor
ihm  schufen  dann  Niederländer,  wie  Jan  van  Eyk,  aber  auch  Deutsche  auf
ihren  Bildern  große  landschaftliche  Hintergründe.  Aber  allen  bis  zu  Dürers
Vorläufern  herab  fehlt  die  Einheit  zwischen  dem  szenischen  Vorgang  und  dem
Hintergrunde;  das  Bild  zerfällt  in  zwei  Teile:  die  Figuren  im  Vordergrunde
und  die  Wiesen,  Berge  und  Städte  in  der  Ferne.  Der  Übergang  zwischen
beiden,  der  „Mittelgrund“,  ist  mehr  oder  weniger  geschickt  verdeckt  oder  mit
kulissenartigen  Bauten  verstellt.  Erst  Dürer  gelingt  es  die  Landschaft  von
vorne  bis  zum  Horizont  ununterbrochen  durchzuführen.  Folgen  wir  ihm  ein
wenig  auf  unserem  Bilde!  Da  ist  vorne  hinter  dem  niederen  Gemäuer  ein
Hof,  in  dem  ein  Faß  und  unbehauenes  Holz  liegt  und  Hühner  picken.  Dann
kommt  die  vielgestaltige  Ruine  mit  der  vorgebauten  Treppe,  dem  Brunnen,
dem  Holzgang  und  dem  noch  bewohnten  Anbau.  Daran  schließt  sich  der  erwähnte
  Bauernhof  und  weiter  ein  zerfallenes  Tor.  Und  noch  hinter  diesem
Tore,  zum  Teil  durch  dasselbe,  sehen  wir  den  Felskopf  mit  der  Burg,  ein  Tal
und  fernes  Gebirge.  So  zwingt  uns  der  Künstler,  an  hundert  kleinen  Zügen
nach  und  nach  die  ganze  Weite  des  Raumes  bis  zum  Horizont  zu  durchmessen.

Auffallen  mag,  aus  welchen  Teilen  Dürer  seine  Landschaft  zusammensetzt;
  besonders  die  in  ihren  Einzelheiten  so  reizvoll  phantastische  Ruine  wird
Erstaunen  erregen,  wenn  sie  auch  anderseits  an  moderne  Romantik  erinnert.
Gerade  in  ihr  liegt  aber  ein  echt  deutscher  Zug.  Die  Ruinenromantik  war
den  Deutschen  und  Niederländern  schon  lange  eigen  und  lieb  geworden,  besonders
  bei  Darstellungen  aus  der  Kindheit  Christi;  der  Stall  in  Bethlehem
ist  fast  immer  in  eine  Ruine  verwandelt.  Auch  die  Burg  im  Hintergrunde
entspringt  derselben  Gefühlsrichtung.  Während  der  Italiener  gerne  einen
Phantasieban  in  strengen,  vollendeten  Renaissanceformen  auf  seinen  Bildern
anbringt,  liegt  es  dem  Deutschen  viel  näher  den  melancholischen  Reiz  zerfallenden
  Gemäuers  oder  die  Vielgestaltigkeit  seiner  heimischen  Burgen  zu
schildern.

Betrachten  wir  nun  noch  die  Mittel,  mit  denen  Dürer  den  Eindruck
dieser  Raumweite  erreicht.  Ich  muß  hier  kurz  von  Perspektive  reden,  wenigstens
von  einem  Hauptgrundsatz  derselben.  Parallele  Linien,  die  vom  Beschauer
wegführen,  scheinen  zu  konvergieren  und  würden  sich,  in  ihrem  scheinbaren
Verlaufe  bis  außerhalb  der  Sehweite  verlängert,  alle  in  einem  Punkte  schneiden.
Dieser  auf  der  Zeichnung  konstruierbare  Punkt  heißt  der  Augenpunkt.  Beobachten
  wir  nun  Dürers  Landschaft  nach  dieser  Richtung!  Da  sehen  wir
auf  der  linken  Bildseite  eine  Menge  solcher  Linien:  die  wagrechten  Fugen  der
        <pb n="154" />
        142  29.  Albrecht  Dürer.

Mauer  und  der  Holzwand,  die  Dächer,  die  Tür=  und  Fensterstürze,  sie  laufen
alle  unter  sich  parallel  und  scheinen  daher  zu  konvergieren.  Legen  wir  ein
Lineal  an,  so  finden  wir  auch,  daß  sie  sich  schneiden  würden  in  einem  Punkte,
der  etwa  im  unteren  Drittel  der  Toröffnung  im  Hintergrunde  liegt.  Die
Höhe  dieses  Augenpunktes  im  Bilde  ist  abhängig  vom  Standpunkt  des  Beschauers;
  je  weiter  dieser  in  der  Wirklichkeit  von  der  Linie  entfernt  ist,  die  der
Künstler  als  vorderen  Bildrand  bestimmt  hat,  desto  niederer  liegt  er.  In
unserem  Falle  stehen  wir  also  ziemlich  nah.  Daher  kommt  es  auch,  daß  wir
z.  B.  in  die  Wiege  hineinschauen,  daß  wir  die  Oberseite  von  Josephs  Beil  erblicken
  und  auf  die  Engelkinder  von  oben  herabsehen.

Für  Dürer  lag  eine  so  starke  Betonung  der  perspektivischen  Mittel  sehr
nahe.  Nicht  immer  waren  sie  nämlich  bekannt.  Dürers  Vorgänger  hatten
nur  eine  schwache  Ahnung  von  ihnen.  Dagegen  hatten  die  Italiener,  gestützt
auf  ihre  mathematischen  Studien,  sie  schon  hundert  Jahre  früher  gefunden
und  gerade  diese  Kenntnis  hatte  der  italienischen  Kunst  ihre  große  Überlegenheit
  über  die  des  Nordens  verliehen.  Dürer  nun  hatte  die  Kenntnis  der
Perspektive  von  italienischen  Künstlern  und  Theoretikern  erlernt  und  sie  zuerst
in  das  deutsche  Kunstleben  eingeführt.  Kein  Wunder,  daß  er  sich  nun  dieses
neuen  Könnens  besonders  freut  und  es  dem  Beschauer  recht  deutlich  vor
Augen  führen  will.

Da  sind  wir  nun  bei  einem  wichtigen  entwicklungsgeschichtlichen  Moment
angelangt,  bei  der  Raumgestaltung  Dürers.  Denn  hierin  liegt  die  Stellung
des  einzelnen  Künstlers  zum  Fortschritt  der  Gesamtkunst.  Auffassung,  Gedanken,
  Kraft  der  Darstellung  wechseln  nach  Persönlichkeiten  und  Zeiteinflüssen;
die  Raumgestaltung  aber  schreitet  ununterbrochen  fort,  von  den  ersten  Anfängen
der  mittelalterlichen  Malerei,  wo  einzelne  Heiligengestalten  als  körperlose
Fläche  auf  teppichartigem  Grunde  gezeichnet  worden,  bis  zu  den  Deckenmalereien
des  Barock,  die  in  unermeßlichen  Weiten  schwelgen.  Bei  Dürer  sehen  wir
einen  wichtigen  Abschnitt  vollendet:  die  Linearperspektive.  Dürer  ist  imstande
jeden  Raum  vollkommen  einwandfrei  zu  zeichnen  und  die  einzelnen  Gegenstände
  und  Personen  in  beliebiger  Entfernung  vom  vorderen  Bildrande  richtig
anzubringen.  In  diesem  Punkte  war  über  ihn  hinaus  kein  Fortschritt  mehr
möglich.  In  anderer  Hinsicht  aber  ist  Dürer  noch  unfertig,  in  der  Luftperspektive.
  Durch  die  Brechung  der  Luft  nämlich  verschwimmen  die  Farben
in  einer  gewissen  Entfernung  vom  Beschauer  und  zwar  manche  früher  als
andere.  Die  Reihenfolge,  nach  der  dies  geschieht,  entspricht  genau  der  Farbenfolge
  des  Sonnenspektrums:  die  roten  Töne  verschwimmen  zuerst,  die  blauen
zuletzt.  Dies  Gesetz  ahnten  wohl  die  Maler  schon  vor  Dürer;  sie  malen  die
Berge  des  Horizontes  blau  und  dämpfen  lichte  Töne,  je  weiter  sie  vom  Vordergrund
  entfernt  sind.  Richtig  erforscht  wurde  das  Zusammenwirken  der  Farbe
jedoch  erst  nach  Dürers  Zeit  und  deshalb  muten  uns  seine  Bilder  viel  altertümlicher
  an  als  alle  seine  schwarz-weißen  Werke.
        <pb n="155" />
        29.  Albrecht  Dürer.  143

Hand  in  Hand  mit  der  Entwicklung  der  Raumdarstellung  ging  auch  der
Fortschritt  in  der  Anatomie.  Auch  hier  finden  wir  bei  Dürer  im  Vergleich  zu
seinen  Vorläufern  den  Übergang  vom  unsicheren  Tasten  zum  bewußten  Können.
Dürer  war  der  erste  deutsche  Künstler,  der  sich  —  wieder  an  der  Hand  italienischer
  Lehrer  —  eingehend  mit  dem  Bau  des  menschlichen  Körpers  beschäftigt
und  hierzu  eine  Reihe  von  Studien  gezeichnet  hat.  So  gut  wie  der  Körper
selbst  beschäftigte  ihn  auch  die  Kleidung,  wie  uns  ebenfalls  eine  große  Zahl  von
Zeichnungen  beweist.  So  war  er  von  allen  deutschen  Künstlern  zuerst  imstande
eine  Figur  richtig  darzustellen,  wenigstens  so  lange  es  sich  um  einfache,  ruhige
Stellungen  handelte.  Allzu  erregte  und  verwickelte  Bewegungen,  wie  sie  spätere
Virtuosen  liebten,  hätte  er  wohl  noch  nicht  zuwege  gebracht.  Allein  von
diesen  hielt  ihn  schon  seine  ganze  Kunstweise  fern.

Überhaupt  ist  die  Bewegung  ein  Gebiet,  das  besonders  besprochen  sein
will;  es  fällt  durchaus  nicht  immer  mit  der  Anatomie  zusammen.  Hundertfünfiig
  Jahre  vor  Dürer  zeichneten  französische  Miniatoren  die  überzierlichen,
gesuchten  Modebewegungen  der  damaligen  Stutzer  und  Damen  mit  fabelhaftem
Geschick  ohne  jede  Kenntnis  der  Anatomie.  Die  Art,  wie  ein  Bein  über  das
andere  geschlagen,  ein  Handgelenk  abgebogen,  ein  Finger  ausgespreizt  wird,
ist  charakteristisch  wiedergegeben,  das  Bein  aber  oder  die  Hand  selbst  sehr  oft  verzeichnet.
  Später  strebte  man  mehr  nach  richtiger  Form,  die  Feinheit  der  Bewegung
  wurde  darüber  vergessen.  So  ist  es  auch  bei  Dürer;  ich  muß  hier
gerade  auf  den  schwächsten  Punkt  unseres  Künstlers  hinweisen.  Feinheiten
der  Bewegung  konnte  Dürer  nie  beobachten.  Sehen  wir  die  Hände  Josephs
an!  Wohl  sind  sie  trefflich  gezeichnet,  aber  kein  Zug  deutet  uns  an,  ob  die
Axt  eben  gehoben  werden  soll  oder  der  Schlag  gerade  zu  Ende  ist;  man  glaubt,
sie  verharrten  ruhig  in  dieser  Stellung.  Auch  von  den  Händen  Marias  mit
Faden  und  Spindel  gilt  dasselbe.  Trefflich  in  dieser  Hinsicht  sind  nur  die
Engel  im  Vordergrunde,  namentlich  jener,  der  eben  Holzabfälle  am  Boden
zusammenrecht.  Der  Mangel  in  der  Bewegung  bei  Dürer  ist  gerade  die
Ursache,  warum  so  vielen  seine  Figuren  steif  und  hölzern  erscheinen.  Wollen
wir  einen  Künstler  kennen  lernen,  so  müssen  wir  auch  seine  Fehler  erkennen.
Sind  wir  uns  aber  über  dieselben  einmal  klar  geworden,  dann  können  wir
über  sie  hinwegsehen,  wir  können  dann  hier  trotz  der  mißlungenen  Bewegungen
die  kraftvolle  Zeichnung  und  den  wundervollen  Ausdruck  der  Gestalten  vollauf
würdigen  und  genießen.

Zum  Schluß  muß  ich  noch  ein  Gebiet  in  Dürers  Kunst  erwähnen,  ohne
das  ihr  Bild  nicht  vollständig  wäre:  die  Ornamentik.  Denn  auch  hier  war
Dürer  in  gewissem  Sinne  ein  Bahnbrecher;  er  war  einer  der  ersten,  der  das
Ornament  der  italienischen  Renaissance  in  Deutschland  eingeführt  hat.  Freilich
hat  er  sich  nie  so  eingehend  damit  beschäftigt  wie  seine  Augsburger  Zeitgenossen
  oder  seine  Nachfolger  in  Nürnberg.  Es  interessierte  ihn  nur  gelegentlich
  zur  Ausschmückung  seiner  Darstellungen,  vor  allem  der  Gebäude;  nur  in
        <pb n="156" />
        144  29.  Albrecht  Dürer.

Holzschnitten  und  Zeichnungen,  die  er  im  Auftrage  Kaiser  Maximilians  machte,
spielt  das  Ornament  eine  größere  Rolle  und  ist  dementsprechend  reicher.  Auf
unserem  Bilde  sind  nur  zwei  Spuren  zu  finden,  die  allerdings  manches  Lehrreiche
  sagen.  Die  eine  ist  das  Doppelfenster  im  Innern  der  Ruine,  zwei
Bögen,  die  auf  einer  Säule  mit  kelchartigem  Kapitell  ruhen.  Nichts  wird  auf
den  ersten  Blick  an  die  der  Renaissance  zugrunde  liegenden  antiken  Formen
erinnern;  in  der  Tat  haben  diese  auch  eine  zweimalige  Umformung  durchmachen
müssen.  Die  erste  schon  in  Italien  und  zwar  in  Norditalien.  Hier  wurden
die  in  Toskana  wiedererstandenen  antiken  Formen  der  bisherigen  gotischen
Bauweise  mehr  oder  minder  geschickt  eingepaßt  und  so  ein  Mittelding  zwischen
beiden  Stilen  geschaffen,  welches  mehr  malerisch  als  dem  Geiste  der  verwendeten
Formen  entsprechend  war.  Solche  Vorbilder  kannte  Dürer  und  suchte  sie
in  freier  Weise  nachzubilden.  Da  wird  nun  aus  der  oberitalienischen  Loggia
ein  halbromanisches  Doppelfenster,  aus  dem  dorischen  ein  Kelchkapitell.  Nicht
minder  bezeichnend  ist  weiter  der  Koller  des  einen  Engelknaben,  der  ohne  jede
sachliche  Genauigkeit  einen  antiken  Harnisch  nachahmt.  In  jenen  Arbeiten  für
Kaiser  Maximilian  finden  wir  solche  Umbildungen  in  reicher  Anzahl.  Korinthische
  Kapitelle  werden  mit  allen  möglichen  Blättern  geschmückt,  der  Schaft
wird  mit  Pflanzenornamenten  überzogen  und  oft  flaschenartig  gebaucht,  im
Rankenornament  mischt  sich  der  antike  Akanthus  mit  der  gotischen  Phantasieblume
  und  naturalistischen  Zweigen  und  Blüten.  Was  Dürer  hier  gab,  war
erst  eine  Anregung,  zwar  bunt  und  mannigfaltig,  aber  nicht  einheitlich  genug
um  selbständig  fortzuwirken.  Es  bedurfte  der  Säuberung  durch  seine  Nachfolger,
  um  aus  diesem  Gewirre  cinen  wirklichen  Stil  zu  formen.

So  hätten  wir  die  Darstellung  unseres  Bildes  völlig  erschöpft;  es  bleibt
noch  ein  Wort  über  die  Technik  zu  sagen.  Unser  Blatt  ist  ein  Holzschnitt,
also  ein  Druck,  der  von  einer  Holzplatte  („Holzstock“)  gemacht  wurde.  Ich
erwähnte,  daß  Dürer  auch  Kupferstiche  gemacht  hat,  und  will  deshalb  den
Unterschied  beider  Druckarten  kurz  erklären.  Beim  Kupferstich  wird  die  Linie,
die  gedruckt  werden  soll,  in  die  Metallplatte  vertieft;  durch  eine  bestimmte
Art  der  Einfärbung  bleibt  die  Druckerschwärze  nur  in  diesen  Vertiefungen
haften  und  nur  diese  drucken  sich  auf  das  Papier  ab.  Beim  Holzschnitt  dagegen
  wird  aus  dem  sorgfältig  geglätteten  Holzstock  alles  herausgeschnitten,  was
weiß  bleiben  soll,  die  stehen  gebliebenen  Teile  der  Oberfläche  drucken  sich  dann
ebenso  ab  wie  ein  Satz  in  Buchdrucklettern.  Bemerkt  sei  hier  jedoch,  daß  der
Holzschnitt,  obwohl  schon  sehr  alt,  doch  von  Hause  aus  nichts  mit  dem  Buchdruck
  zu  tun  hat,  sondern  erst  dreißig  Jahre  nach  dessen  Erfindung  zur  Illustration
  von  Büchern  herangezogen  wurde.

Auch  in  der  Holzschnittechnik  war  Dürer  ein  Bahnbrecher;  zwar  hat
er,  wie  wir  aus  manchen  Umständen  sehen,  nie  selbst  in  Holz  geschnitten.  Er
zeichnete  nur  auf  den  Holzstock;  allein  die  ausführenden  Holzschneider  arbeiteten
nach  seinen  Angaben  und  er  wirkte  auf  sie  schon  durch  die  Art  seiner  Vor-
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        29.  Albrecht  Dürer.  145

zeichnung.  Die  älteren  Holzschnitte  sind  durchweg  mehr  oder  minder  rohe
Handwerkerarbeiten.  Erst  einmal  hatte  ein  bekannter  Maler  für  den  Holzschnitt
  gezeichnet:  Dürers  Lehrer,  der  Nürnberger  Michel  Wohlgemuth.  Allein
seine  Zeichnungen  wurden  von  den  ungeübten  Holzschneidern  gänzlich  verdorben,
vielleicht  schon  deshalb,  weil  sie  sich  der  Technik  zu  wenig  anpaßten.  Dürer
nun  verfolgte  von  Anfang  an  —  einige  unbedeutende  Jugendarbeiten  ausgenommen
  —  den  Grundsatz  alles  in  einfachen,  klaren  Strichlagen  vorzuzeichnen.
  Im  Anfang  fielen  diese,  dem  geringen  Können  der  Holizschneider  entsprechend,
  ziemlich  derb  aus,  nach  und  nach  wurden  sie  immer  feiner.  Er
legte  diese  Strichlagen  dann  so,  daß  schon  durch  ihren  Verlauf  Rundung  und
Form  der  Körper  hervorgehoben  wurde.  Wir  sehen  dies  Verfahren  an  unserem
Blatte  sehr  deutlich.  Hier  ist  von  der  Kunst  des  Holzschneiders  schon  viel
vorausgesetzt,  vor  allem  beruht  hier  ein  gut  Teil  der  Wirkung  darauf,  daß
der  Verlauf  der  Linie,  die  größere  oder  geringere  Entfernung  der  Schattenstriche
  voneinander  genau  eingehalten  sind.  Damals  hatte  Dürer  schon  Holz--schneider
  herangebildet,  denen  er  jede  Schwierigkeit  zumuten  konnte.

Nun  wird  wohl  mancher  fragen,  wer  eigentlich  der  Mann  war,  von
dessen  Kunst  wir  so  viel  gesprochen,  was  er  alles  leistete  und  wie  sein  Leben
verlief.  Das  ist  freilich  schwer  in  Kürze  zu  berichten.  Wie  Dürers  Kunst
so  ist  auch  sein  Leben  unendlich  reich  und  vielseitig,  seine  Bestrebungen  sind
weit  ausgreifend  wie  bei  keinem  anderen  deutschen  Künstler  und  sein  Werk  ist
durch  seinen  unermüdlichen  Fleiß  und  seine  wunderbare  Schaffenskraft  stattlich
und  umfangreich.

Albrecht  Dürer  war  der  Sohn  eines  aus  Ungarn  nach  Nürnberg  gekommenen
  Goldschmiedes  und  war  am  21.  Mai  1471  geboren.  Etwa  13  jährig
kam  er  als  Lehrling  in  die  Werkstatt  seines  Vaters.  Goldschmiede  waren
damals  in  enger  Beziehung  mit  Malerei  und  Plastik,  manch  tüchtiger  Künstler
war  aus  diesem  Gewerbe  hervorgegangen,  vor  allem  war  die  Kupferstichkunst
bis  auf  Dürer  meist  von  den  im  Gravieren  erfahrenen  Goldschmieden  ausgeübt
worden.  Am  30.  November  1486  trat  der  junge  Dürer  als  Lehrling  auf
drei  Jahre  bei  dem  Maler  Michel  Wohlgemuth  in  Nürnberg  ein.  „In  der
Zeit“,  schreibt  er  später,  „verliehe  mir  Gott  Fleiß,  daß  ich  wol  lernete.  Aber
ich  viel  von  seinen  Knechten  mich  leiden  mußte.“  So  eine  Malerwerkstatt  sah
damals  ganz  anders  aus  als  ein  heutiges  Atelier;  denn  der  Maler  war  damals
Handwerker,  genau  so  wie  der  Schreiner  oder  der  Bäcker.  Da  waren  je
nach  dem  Rufe  des  Meisters  wenige  oder  viele  Gesellen  und  Lehrlinge,  denen
die  gewöhnlichen  und  schlecht  bezahlten  Arbeiten  und  die  Vorbereitungen  überlassen
  blieben  —  besonders  auf  Wohlgemuth  trifft  dies  zu.  Denn  damals  gab
es  noch  keine  grundierten  Malbretter  und  fertigen  Farben  zu  kaufen.  Alles
mußte  in  der  Werkstatt  gemacht  werden.  Da  wurden  die  Bretter  geglättet
und  mit  einer  Schicht  geschlemmter  Kreide  überzogen;  diese  wurde  meist  vergoldet,
  auch  dann,  wenn  die  Darstellung  nicht  auf  Goldgrund,  sondern  vor

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  10
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        146  29.  Albrecht  Dürer.

einer  Landschaft  oder  einem  bunten  Teppich  stehen  sollte.  Erst  zu  Dürers
Zeiten  fing  man  an,  den  Goldgrund  durch  farbige  Untermalung  zu  ersetzen.
Dann  wurden  die  rohen  Farben  gerieben  und  mit  dem  Malmittel  vermischt.  Im
15.  Jahrhundert  diente  als  solches  eine  ölhaltige  Mischung  („Olemulsion“"),
welche  gestattete  die  Farbe  dünnflüssig  ähnlich  der  Wasserfarbe  aufzutragen,
aber  dauerhafter  war  als  diese.  Die  zähe,  dicke  Olfarbe  von  heute  wurde  erst
später  bekannt.  All  diese  Handwerksgriffe  mußte  der  Lehrling  damals  durch
die  Übung  lernen,  denn  Lehrbücher  und  akademische  Vorträge  darüber  gab  es
noch  nicht.

Nach  Ablauf  der  Lehrzeit,  um  Ostern  1490,  zog  Dürer  nach  damaligem
Handwerksbrauch  vier  Jahre  auf  die  Wanderschaft.  Wohin  ihn  sein  Weg
führte,  wissen  wir  nicht,  nur  das  eine  ist  sicher,  daß  er  Kolmar  und  Basel
aussuchte.  Pfingsten  1494  war  er  wieder  in  Nürnberg;  dort  heiratete  er  bald
darauf  Agnes  Frey  und  ließ  sich  als  selbständiger  Meister  nieder.  Zu  tun
gab  es  zunächst  noch  nicht  viel  für  ihn;  ein  paar  Bildnisse  mögen  schon  in
jener  Frühzeit  entstanden  sein.  Um  so  eifriger  arbeitete  er  als  Zeichner  und
Kupferstecher,  manches  zum  Broterwerb,  mehr  noch  zur  eigenen  ÜUbung.  So
reifte  denn  langsam  das  Werk  heran,  das  ihn  zuerst  bekannt  machte:  eine
Holzschnittfolge,  die  Bilder  zur  „Heimlichen  Offenbarung“  oder  Apokalypse
Johannis,  deren  erste  Ausgabe  1498  erschien.  Es  ist  noch  manches  hart  und
unausgeglichen  darin,  die  Linienführung  ist  sehr  derb  und  die  Bewegung  der
Figuren  ungeschickt;  trotzdem  ergreift  das  Werk  durch  seine  Größe  der  Auffassung
  und  die  Kraft  des  Ausdruckes.  Die  starke  Wirkung  auf  die  Mitwelt
erkennt  man  am  besten  daraus,  daß  das  Buch  im  Jahre  1511  schon  seine
dritte  Auflage  erlebte  und  auf  Jahrzehnte  hinaus  für  die  Art  die  Apokalypse
zu  illustrieren  vorbildlich  blieb.

Zwei  Jahre  später  soll  ein  Werk  entstanden  sein,  das  so  volkstümlich
ist  wie  kein  zweites  unseres  Meisters:  das  Selbstbildnis  in  der  Alten  Pinakothek
  zu  München,  das  die  Jahreszahl  1500  trägt.  Wenn  wir  uns  heute
die  Züge  Dürers  vorstellen  wollen,  so  tritt  uns  immer  dies  Bild  vor  Augen:
eine  Menge  von  Vervielfältigungen  hat  es  in  ganz  Deutschland  bekannt
gemacht.  Freilich  hat  die  neuere  Forschung  es  als  wahrscheinlich  erwiesen,  daß
das  Bild  im  Jahre  1500  nur  entworfen,  dagegen  erst  viel  später  fertig  gemalt
wurde.  Damals  trat  Dürer  auch  in  Beziehungen  zu  den  Humanisten  seiner
Zeit,  vor  allem  zu  den  Nürnbergern  Willibald  Pirkheimer  und  Lazarus
Spengler,  dann  auch  zu  den  meistens  in  Wien  lebenden  Gelehrten  Konrad
Celtes  und  Johann  Stabius.  Das  war  etwas  Außergewöhnliches  für  die  damalige
  Zeit.  Wie  schon  gesagt,  galt  die  Malerei  damals  als  Handwerk,  nicht
als  vars  liberalisc,  als  freier  Beruf  eines  gebildeten  Mannes,  und  keiner
von  Dürers  Nürnberger  Zeitgenossen  konnte  sich  einer  gleichen  Auszeichnung
rühmen.  Die  Tatsache  ist  freilich  durch  den  Humanismus  erklärlich:  die
Männer,  die  in  den  griechischen  Klassikern  so  viel  vom  Ruhme  des  Zeixis
        <pb n="159" />
        29.  Albrecht  Dürer.  147

und  Apelles  lasen,  fühlten  das  Bedürfnis  auch  der  Malerei  ihrer  Zeit  näherzutreten.
  Daß  sie  aber  gerade  Dürer  zum  Umgang  wählten,  zeigt,  daß  sie
an  ihm  nicht  nur  das  große  Talent  sondern  auch  das  rastlose  geistige  Vorwärtsstreben
  und  die  menschliche  Liebenswürdigkeit  zu  schätzen  wußten,  während
sie  von  anderen  Künstlern  der  Mangel  gelehrter  Bildung  fernehielt.

Aus  jener  Zeit  stammt  auch  Dürers  Bekanntschaft  mit  einem  seltsamen
Manne,  dem  italienischen  Maler  Jacopo  de'Barbari,  der  damals  unter  dem
Namen  Jakob  Walch  (—  der  Welsche)  in  Deutschland  lebte  und  namentlich
an  verschiedenen  Fürstenhösen  als  Porträtmaler  herumzog.  Dürer  bewunderte
anfänglich  die  überlegene  Schulung  des  an  sich  recht  unbedeutenden  Mannes
und  suchte  namentlich  von  dessen  Kenntnis  in  der  Proportion  des  Menschen
etwas  zu  lernen;  aber  der  andere  wollte  es  ihm  „nit  klerlich  weisen“,  wie  er
selbst  erzählt.  So  griff  er  auf  die  Quelle  zurück,  aus  der  auch  der  Italiener
sein  erstes  Wissen  geschöpft,  auf  den  römischen  Architekten  Vitruv,  den  ihm
sein  Freund  Pirkheimer  übersetzen  mußte.  Das  Studium  der  Proportionslehre
blieb  von  nun  an  eine  Lieblingsbeschäftigung  Dürers  und  brachte  ihm  trotz
vieler  Irrtümer  auch  manche  förderliche  Erkenntnis.  Auf  Jacopo  aber  war
er  später  nicht  mehr  gut  zu  sprechen,  als  er  wirklich  große  italienische  Meister
kennen  gelernt  und  dadurch  den  Unwert  jenes  unstet  herumziehenden  Malers
erkannt  hatte.

Um  jene  Zeit  flossen  Dürer  die  Aufträge  auf  Altarwerke  und  Bildnisse
in  reichem  Maße  zu.  Er  hatte  damals  mehrere  Gesellen  in  seiner  Werkstatt,
denen  er  manchmal,  wenn  auch  selten,  Teile  seiner  Altäre  zur  Ausführung
überließ.  Daneben  schritten  seine  Arbeiten  in  Kupferstich  und  für  Holzschnittwerke
  rüstig  fort.  Es  entstand  in  jenen  Jahren  der  größte  Teil  einer  Holzschnittfolge,
  die  das  Leiden  Christi  schildert  und  ihres  Formates  wegen  meist
„die  große  Passion“  genannt  wird.  Auch  das  Marienleben,  dem  unser  Bild
entnommen  ist,  wurde  damals  begonnen.  Beide  Bücher  erlebten  erst  viel  später
ihre  Vollendung.

Die  Arbeiten  wurden  unterbrochen  durch  einen  Ruf,  der  den  ersten  großen
Triumph  Dürerscher  Kunst  und  in  gewissem  Sinne  den  größten  seines  Lebens
bedeutet:  im  Jahre  1505  erhielt  Dürer  den  Auftrag  für  die  Kapelle  in  dem
neuerbauten  Hofe  der  deutschen  Kaufleute  in  Venedig  (kondaco  dei  tedeschi)
das  Altarwerk  zu  malen.  Ende  des  Jahres  traf  er  in  der  Lagunenstadt  ein.
Wir  sind  über  sein  Tun  wohlunterrichtet  durch  eine  Reihe  von  Briefen,  die
er  von  dort  an  Pirkheimer  schrieb  und  die  noch  erhalten  sind.  Da  hören
wir,  daß  er  vom  Neide  der  Venezianer  Maler  mancherlei  zu  leiden  hatte;  aber
der  größte  unter  ihnen,  der  alte  Giovanni  Bellini,  kam  ihm  wohlwollend  entgegen.
  Das  großartige  Leben  der  Seestadt,  besonders  die  freiere  Stellung  der
dortigen  Künstler,  macht  ihm  tiefen  Eindruck.  „Wie  wird  mich  nach  der
Sunnen  frieren“,  ruft  er  beim  Abschied  aus,  „hic  bin  ich  ein  Herr,  doheim  ein
Schmarotzer.“  Auf  das  Bild  selbst  verwendet  er  unendlichen  Fleiß;  erst  nach

10“
        <pb n="160" />
        148  29.  Albrecht  Dürer.

sieben  Monaten  ist  es  vollendet.  Es  stellt  Maria  und  den  heiligen  Dominikus
dar,  die  an  Vertreter  aller  Stände,  voran  den  Kaiser  und  den  Papst,  Rosenkränze
  verteilen;  im  Hintergrunde  stehen  Dürer  und  Pirkheimer.  Der  Doge
und  der  Patriarch  von  Venedig  kamen  in  die  Werkstatt  des  Künstlers  zur
Besichtigung.  Und  Dürer  selbst  schreibt  darüber:  (Die  Künstler)  „sagen,  daß
sie  ein  erhaben  leblicher  Gemäl  nie  gesehen  haben“.  Er  hatte  wohl  recht  dies
Lob  zu  berichten.  Noch  lange  wurde  das  Bild  allgemein  bewundert  und  ein
eifriger  Dürersammler,  Kaiser  Rudolf  II.,  kaufte  es  um  eine  hohe  Summe
für  seine  Galerie.  Später  freilich  ward  es  nicht  immer  so  in  Ehren  gehalten
  und  so  ist  es  nur  in  arg  verdorbenem  Zustand  auf  uns  gekommen,
beschmutzt  und  teilweise  übermalt,  so  daß  nur  wenige  Züge  von  seiner  alten
Schönheit  reden.  Es  wird  im  Kloster  Strahow  zu  Prag  verwahrt.

Nach  Erledigung  einiger  anderer  Aufträge  zu  Venedig  zog  Dürer  noch
weiter  nach  Italien  hinein.  Er  schreibt,  er  wolle  in  Bologna  jemanden  aufsuchen,
  der  ihm  Unterricht  in  der  Perspektive  geben  könne.  Wir  wissen  nichts
Näheres  hierüber;  nur  das  eine  ist  bekannt,  daß  ihm  die  Künstler  von  Ferrara
ein  Festbankett  gaben.  Dürers  Ruhm  aber  drang  noch  weiter  nach  Italien
vor.  Rafael  selbst  ließ  ihn  um  eines  seiner  vielgerühmten  Agquarelle  bitten
und  Dürer  schickte  ihm  ein  Selbstbildnis  in  dieser  Malweise;  leider  ist  es  uns
nicht  erhalten.  Ein  Gehilse  Rafaels  aber,  der  Kupferstecher  Marc-Anton
Raimondi,  studierte  nicht  nur  eifrig  Dürers  technische  Fortschritte  sondern  er
kopierte  auch  vielfach  Dürersche  Stiche  und  tat  damit  dem  Meister  manchen
Schaden.

Erst  zu  Anfang  des  Jahres  1507  kehrte  Dürer  nach  Nürnberg  zurück.
In  der  folgenden  Zeit  entstanden  mehrere  große  Altäre,  vor  allem  einer,  der
unter  dem  Namen  „der  Hellersche  Altar“  berühmt  ist;  er  wurde  im  Jahre
1509  von  einem  Kaufmann  Heller  für  die  Dominikanerkirche  in  Frankfurt
bestellt.  Auch  hier  besitzen  wir  wieder  Briefe  von  Dürer,  die  uns  zeigen,  mit
welch  liebevoller  Sorgfalt  er  dies  Werk  ausführte  und  wie  stolz  er  auf  seine
Vollendung  war.  Leider  hat  hier  das  Schicksal  noch  schlimmer  gespielt.  Das
Mittelbild,  eine  Himmelfahrt  Mariä,  wurde  vom  Kurfürsten  Maximilian  I.
von  Bayern  für  seine  Sammlung  erworben  und  ging  bei  einem  Brande  der
Münchener  Residenz  im  Jahre  1729  zugrunde;  die  erhaltenen  Flügel  aber,
die  in  Frankfurt  blieben,  sind  nur  Gesellenarbeit.  Im  vollen  Glanze  strahlt
aber  noch  heute  ein  anderes  Werk,  das  Allerheiligenbild  aus  dem  Jahre  1511,
das  jetzt  die  Wiener  Galerie  schmückt;  der  wohl  nach  Dürers  Entwürfen  reichgeschnitzte
  Rahmen  ist  in  Nürnberg  geblieben.

Daneben  ruhte  auch  die  graphische  Arbeit  Dürers  nicht.  1510  erschien
eine  neue  Holzschnittfolge  zum  Leiden  Christi,  die  „Kleine  Passion“".  Dann
wurden  die  Große  Passion  und  das  Marienleben  vollendet  und  1511  herausgegeben.
  1512—1513  schuf  er  noch  eine  dritte  Passionsfolge,  diesmal  in
Kupferstich.  Man  könnte  meinen,  diese  oftmalige  Behandlung  desselben  Themas
        <pb n="161" />
        29.  Albrecht  Dürer.  149

müßte  eintönig  wirken;  allein  jede  dieser  Folgen  zeigt  neue  Gedanken,  birgt
eigene  Reize  und  spätere  Zeichnungen  beweisen,  daß  Dürers  Ideenreichtum
noch  lange  nicht  erschöpft  war.

Seit  dem  Jahre  1512  tritt  in  Dürers  Schaffen  eine  Wandlung  ein.
Er  wendet  sich  von  der  Malerei  immer  mehr  ab,  theoretische  Studien  beschäftigen
  ihn  hauptsächlich.  Nur  der  Stift  des  Zeichners  und  der  Griffel
des  Kupferstechers  ruhen  nimmer.  Da  sei  zunächst  Dürers  Teilnahme  an
einem  großen  Unternehmen  genannt,  vielleicht  dem  größten  Druckunternehmen,
das  je  begonnen  wurde  und  das  trotz  seiner  Nichtvollendung  ein  stolzes  Denkmal
  deutscher  Kunst  bildet.  Kaiser  Maximilian  I.  wollte  gleich  auswärtigen
Fürsten  seiner  Zeit  ein  Gedenkzeichen  seiner  Taten  errichten;  und  würdig  des
Herrschers  in  dem  Lande,  das  den  Buchdruck  erfunden,  sollte  dasselbe  nicht
aus  einem  Prunkbau,  sondern  aus  Meisterwerken  der  Druckkunst  bestehen.
An  den  beiden  Hauptwerken,  der  Ritterdichtung  „Teuerdank“  und  dem  historischpolitischen
  Roman  „Weißkunig“,  war  Dürer  nicht  beteiligt.  Ihm  fiel  die  drittgrößte
  Aufgabe  zu,  die  „Ehrenpforte“.  Es  war  ein  etwas  seltsamer  Gedanke:
in  Holzschnitt  ausgeführt  die  Abbildung  eines  großen  (nie  wirklich  erbauten)
Tores  nach  dem  Vorbild  antiker  Triumphbögen,  das  mit  Standbildern  von
Ahnen  des  Kaisers  und  Szenen  aus  seinem  Leben  geschmückt  ist;  es  ist  in  reichen,
phantastischen  Renaissanceformen  gehalten  und  hat  zusammengesetzt  mehrere
Meter  Höhe.  Natürlich  konnte  es  nicht  auf  einem  Holzstocke  Platz  finden,  es
waren  deren  92  nötig;  ein  Teil  derselben  ist  von  Gehilfen  gezeichnet.  Im
Jahre  1515  war  die  Zeichnung  vollendet,  die  Fertigstellung  des  Holzschnittes
erlebte  der  Kaiser  nicht  mehr;  der  erste  vollständige  Abdruck  aller  Stöcke  wurde
erst  im  18.  Jahrhundert,  der  beste  sogar  erst  1886  veranstaltet.  Die  Holzstöcke
sämtlicher  Werke  sind  in  Wien  erhalten.

Nur  einzelne  Teile  entwarf  Dürer  zu  einem  vierten  Werke  des  Kaisers,
dem  „Triumphzug“,  der  in  einem  —  nur  erdachten  —  Aufzuge  die  Taten
des  Kaisers  allegorisch  darstellt.  Dürers  Hauptwerk  darin  ist  der  Triumphwagen
  des  Kaisers  selbst.  Auch  die  Vollendung  dieses  Werkes  erlebte  der
Kaiser  nicht,  ein  Teil  desselben  kam  überhaupt  nicht  zur  Ausführung.  In
Zusammenhang  mit  diesen  Arbeiten  stehen  zwei  Holzschnittbildnisse  Maximilians,
von  denen  eines,  in  reichem  Renaissancerahmen,  erst  nach  des  Kaisers  Tode
erschien.  Zugrunde  gelegt  ist  beiden  eine  Zeichnung  nach  dem  Leben,  auf
der  Dürer  den  Kaiser  „zu  Augspurg  hoch  oben  auf  der  Pfalz  in  seinem  kleinen
Stüble  kunterfet,  do  man  zahlt  1518  am  Montag  nach  Johannis  Taufer“
(28.  Juni.

Das  Köstlichste  aber,  was  Dürer  für  seinen  kaiserlichen  Herrn  geschaffen,
ist  das  „Gebetbuch“  oder  richtiger  die  Randzeichnungen  zu  einem  Teile  desselben.
  Maximilian  hatte  sich  ein  Brevier  in  besonders  schönen  Lettern,  mit
breitem  Rand,  in  acht  Exemplaren  drucken  lassen.  Eines  davon  gab  er  verschiedenen
  Künstlern,  damit  sie  den  Rand  mit  Zeichnungen  schmückten.  Zwei
        <pb n="162" />
        150  29.  Albrecht  Dürer.

Bruchstücke  davon  sind  erhalten,  eines  in  München  und  eines  in  Besangon;
in  dem  Münchener  Teile  sind  45  Blätter  von  Dürer  verziert.  Es  ist  das
Phantasiereichste,  was  der  Meister  geschaffen  hat;  in  einer  Fülle  von  Rankenwerk
  erscheinen  Gebilde  der  verschiedensten  Art,  bald  reine  Schmuckformen,  bald
der  Gekreuzigte  und  Heilige,  dann  aber  auch  profane  Gestalten,  Landsknechte,
Bauern,  Tiere.  Alles  ist  mit  der  Feder  gezeichnet,  ohne  eine  Korrektur,  mit
einer  Klarheit  und  Sicherheit,  die  ihresgleichen  nur  schwer  findet.

In  den  Jahren  1513  und  1514,  mitten  zwischen  diesen  großen  Arbeiten,
entstanden  auch  drei  Kupferstiche,  die  gewöhnlich  zusammen  genannt  werden,
obwohl  sie  von  Haus  aus  keinen  Zusammenhang  haben,  und  die  mit  Recht
als  die  edelsten  Perlen  Dürerscher  Kunst  gelten:  es  sind  dies  „Ritter,  Tod  und
Teufel“,  „Hieronymus  im  Gehäuse“  und  die  „Melancholie“.  Das  erste  Blatt
stellt  einen  Ritter  dar,  der  ruhig  durch  eine  wilde  Schlucht  reitet,  unbekümmert
darum,  daß  ihn  der  Tod  auf  gefährlichen  Pfaden  begleitet  und  der  Teufel
hinter  ihm  steht  —  der  Typus  des  unerschrockenen,  unerschütterlichen  Mannes
der  Tat.  Hieronymus  ist  eigentlich  nicht  der  Kirchenvater,  sondern  der  deutsche
Gelehrte;  über  die  Arbeit  gebeugt  sitzt  er  in  seinem  traulichen,  vom  Sonnenlicht
  durchstrahlten  Stübchen,  vor  dem  Tische  liegt,  gleich  einem  Hunde,  der
zahme  Löwe  der  Legende.  Am  schwersten  verständlich  ist  das  dritte  Blatt
wegen  des  vielen  allegorischen  Beiwerks.  Die  Hauptfigur,  eine  sitzende,  in
Nachdenken  versunkene  Frauengestalt,  bedeutet  jedenfalls  das  rastlose,  stets  unzufriedene
  und  nie  beglückende  Grübeln.  Einen  Fingerzeig  gibt  eine  an  der
Wand  hängende  kabbalistische  Zahlentafel,  die  sich  in  das  Todesdatum  von
Dürers  Mutter  (17.  Mai  1514)  auflösen  läßt.  Wir  wissen  aus  Aufzeichnungen
des  Künstlers,  wie  nahe  ihm  dieser  Tod  gegangen  ist;  in  dieser  Schmerzensstimmung
  ist  auch  die  düstere  „Melancholie“  entstanden.

Kaiser  Maximilians  Tod  im  Jahre  1519  ward  mittelbar  die  Veranlassung
zu  einem  für  Dürer  bedeutsamen  Ereignis.  Der  Kaiser  hatte  dem  Künstler
ein  Jahrgeld  („Leibgedinge")  von  100  Gulden  (536  Mark  heutige  Währung,
allein  etwa  gleich  2000  Mark  nach  heutigen  Preisverhältnissen)  ausgesetzt.  Um
sich  vom  neuen  Kaiser,  Karl  V.,  die  Bestätigung  dieser  Rente  zu  erbitten,  reiste
Dürer  im  Sommer  1520  nach  den  Niederlanden.  Ein  sorgfältig  geführtes
Tagebuch  gibt  uns  über  diese  Fahrt  Aufschluß;  es  erzählt  uns  von  Kreuzund
  Querzügen,  von  Menschen,  die  Dürer  kennen  lernte,  von  interessanten
Ereignissen,  die  er  miterlebte;  auch  seine  Ausgaben  und  der  Vertrieb  seiner
Bücher  und  Einzeldrucke  sind  sorgsam  aufgezeichnet.  Erst  nach  langem  Warten
erreichte  er  seinen  Zweck  und  kehrte  Ende  Juli  1521  nach  Nürnberg  zurück.

Die  Berührung  mit  der  niederländischen  Kunst  führte  Dürer,  der  in  den
letzten  Jahren  kaum  gemalt  hatte,  wieder  zur  Malerei  zurück.  Schon  während
seines  Aufenthaltes  in  den  Niederlanden  hatte  er  einige  Bilder,  meist  Porträts,
gemalt;  auch  eine  Reihe  von  Entwürfen  entstand  dort,  die  später  unverwertet
blieben.  Aus  der  folgenden  Zeit,  nämlich  aus  dem  Jahre  1526,  stammen  die
        <pb n="163" />
        29.  Albrecht  Dürer.  151

beiden  reissten  und  abgeklärtesten  Bilder  des  Meisters:  das  Porträt  des  Hieronymus
  Holzschuher  und  die  vier  Apostel.

Mit  vollem  Rechte  gilt  das  Bildnis  des  Holzschuher  als  eine  Perle
deutscher  Porträtkunst.  Beachtenswert  ist  hier,  daß  nicht  eine  berühmte  Persönlichkeit
  uns  fesselt  —  wir  wissen  von  dem  alten  Herrn  nicht  viel  mehr  als
seine  äußeren  Lebensumstände  —  sondern  daß  der  Künstler  einen  Unbekannten
uns  so  nahe  zu  bringen  weiß.  Es  ist  kein  Repräsentationsbild,  wie  es  die
Italiener  malten,  auch  kein  Bild  von  so  wunderbarer  malerischer  Weichheit
wie  die  Bildnisse  Holbeins.  Aber  hier  ist  jede  Einzelheit  getreu  und  schlicht
wiedergegeben,  die  charakteristischen  Züge,  die  sich  sofort  einprägen,  sind
scharf  betont,  aber  keine  gesuchte  Einseitigkeit,  keine  Pose  in  Haltung  und
Ausdruck  stört  die  strenge  sachliche  Einfachheit.  In  dieser  Art  der  Porträtkunst
ist  Dürer  unerreicht  und  sein  Holzschuher  das  unübertroffene  Meisterwerk.

Die  vier  Apostel  —  besser  vier  Temperamente  genannt  —  sind  des
Künstlers  Testament  an  seine  Vaterstadt  Nürnberg.  Hier  hat  er  sein  ganzes
Können  auf  vier  stehende  Gestalten  zusammengefaßt,  die  Apostel  Johannes,
Petrus  und  Paulus  und  den  Epvangelisten  Markus,  die  gleichzeitig  die  Typen
der  vier  Temperamente  darstellen  sollen.  Bei  einem  solchen  Vorwurf  können
Bewegung  und  Anordnung  nichts  mehr  geben,  alles  liegt  in  dem  wunderbaren
Ausdruck  der  Köpfe  und  der  einfachen,  monumentalen  Ruhe  der  Haltung.  Ein
Werk  von  solcher  verinnerlichter  Größe  konnte  nur  ein  Künstler  schaffen,  der
ein  reiches  Leben  voll  Arbeit  und  Erfahrung  hinter  sich  hatte.  Ein  Jahrhundert
  hat  seine  Vaterstadt  das  Werk  hoch  in  Ehren  gehalten.  Dann  aber
verkaufte  sie  es,  zum  Teil  aus  politischen  Rücksichten,  an  Maximilian  I.  von
Bayern  und  heute  bildet  es  ein  Kleinod  der  Alten  Pinakothek  zu  München.)

Die  Bilder  des  Jahres  1526  waren  Dürers  letzte  künstlerische  Tätigkeit;
von  nun  an  widmete  er  alle  Zeit  theoretischen  Studien.  Schon  1525  erschien
die  „Unterweisung  in  der  Messung  mit  Richtscheit  und  Zirkel“,  eine  Belehrung
über  Perspektive,  Konstruktion  und  Ahnliches.  1527  folgte  der  „Unterricht  zur
Befestigung  der  Stett“.  Sein  Hauptwerk  aber  sollte  ein  vierbändiges  Lehrbuch
  der  Malerei  werden.  Schon  lag  der  —  später  auch  in  Druck  erschienene
—  erste  Band,  die  „Menschliche  Proportion“,  fertig  vor  ihm,  da  nahm  der
Tod  dem  rastlosen  Manne  die  Feder  aus  der  Hand.  Auf  seiner  niederländischen
  Reise  hatte  er  sich  ein  Leiden  zugezogen,  von  dem  er  sich  nie  mehr
ganz  erholte;  am  26.  April  1528  erlag  er  dieser  Krankheit.

Sein  Tod  wurde  damals  allenthalben  beklagt  und  die  Wertschätzung
seiner  Werke  stieg  von  Jahrzehnt  zu  Jahrzehnt.  Zu  Anfang  des  17.  Jahrhunderts
  suchten  drei  hochgestellte  Sammler  alles  zu  erlangen,  was  verkäuflich
war:  Kaiser  Rudolf  II.,  Herzog  (später  Kurfürst)  Maximilian  I.  von  Bayern
und  der  englische  Graf  von  Arundel.  Ihre  Sammlungen  bilden  den  Anfang

1)  Über  die  Erwerbung  dieses  und  anderer  Gemälde  Dürers  vgl.  Nr.  43,  S.  234  ff.
        <pb n="164" />
        152  31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.

der  Dürerschätze,  die  heute  in  Wien,  München  und  London  verwahrt  werden.
In  der  Zeit  völligen  Niederganges  des  deutschen  Wesens  nach  dem  Dreißigjährigen
  Kriege  blieb  Dürers  Name  neben  dem  Holbeins  der  einzige  geachtete
aus  der  deutschen  Vergangenheit.  Goethe  spricht  trotz  seiner  Vorliebe  für  die
Antike  mit  größter  Bewunderung  von  ihm.  Und  als  im  19.  Jahrhundert
die  Liebe  zur  deutschen  Kunst  neu  erwachte,  da  ward  bald  Dürer  der  ausgesprochene
  Liebling  des  deutschen  Volkes.  Und  das  mit  Recht.  Wohl  mag  es
größere  Künstler  und  geschicktere  Maler  gegeben  haben;  allein  es  gab  keinen
anderen,  der  hohe,  ernste  Kunst  mit  schlichter  Volkstümlichkeit  zu  verbinden
wußte  so  wie  er,  keinen  zweiten,  der  sich  von  jeder  Pose  so  ferne  hielt,  der
nie  für  Feinschmecker  arbeitete,  sondern  nur  zur  einfachen,  wahren  Empfindung
sprechen  wollte.  Das  ist  echt  deutsche  Art,  die  stete  Liebe  und  Bewunderung
verdient.

30.  Zur  Geburtsfeier  Albrecht  Dürers.
Von  Martin  Greif.,)

Deutscher  Kunst  erhab'ner  Meister,
Dein  Vermächtnis  wird  nicht  alt,
Noch  bewegst  du  alle  Geister

Wie  mit  Jugend-Allgewalt.
Deines  Volkes  Wunderleben
Quoll  aus  deiner  Hand  hervor,
Durch  dein  grenzenloses  Streben
Stieg  es  höher  noch  empor.

Ohne  Schmuck  und  fremde  Zierde
Gibst  du  ganz  das  Eig’ne  nur
Und  mit  fröhlicher  Begierde
Endlich  selber  die  Natur.

Wie  sie  sich  dir  offenbaren,
Stellst  du  alle  Dinge  dar:

Engel=  oder  Teufelscharen,

Alle  malst  du  treu  und  wahr.

 

Aber  all  dein  sich'res  Können

Hat  dir  nie  die  Glut  geraubt,

Denn  der  Deutsche  will  bekennen,
Was  er  fühlt  und  was  er  glaubt.
Mit  dem  Pinsel,  mit  der  Feder
Gleich  vertraut  und  gleich  geschicht,
Hat  doch  deiner  Tage  jeder

Dich  urmächtig  neu  erblickt.

Deiner  Arbeit  war  hein  Ende,

Wie  du  dir  das  Ziel  gestellt,

Und  die  Werhe  deiner  Hände

Sind  bestaunt  in  aller  Welt.

Schon  das  hohe  Künstlerzeichen
Wecht  uns  Stolz  und  Rührung  auf:
Keiner  wagt  dich  zu  erreichen
Jemals  in  der  Zeiten  Lauf.

31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.)

Von  Hermann  Uhde--Bernays.“

Mit  dem  Namen  Nürnbergs,  der  alten  Reichsstadt,  eint  sich  untrennbar
die  Erinnerung  an  die  Herrlichkeit  und  Größe  alten  deutschen  Wesens  und
alter  deutscher  Macht.  Was  „deutsch  ist  und  echt“,  hat  hier  den  Ausdruck

1)  „Gesammelte  Werke“,  I.,  313.  Leipzig  1895,  Amelang.

)  Da  der  Kunstweise  Albrecht  Dürers  ein  besonderer  Abschnitt  gewidmet  wurde,
ist  dieser  Meister  hier  nur  soweit  berücksichtigt,  als  er  im  Rahmen  der  Gesamtdarstellung
nicht  übergangen  werden  konnte.
        <pb n="165" />
        31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.  153

der  edelsten,  reichsten,  weil  auf  einheitlicher  Bahn  durchgeführten  Vollendung
gefunden.  Wie  auf  den  Fingerzeig  einer  gütigen  Gottheit  gelangten  hochbegnadete
  Meister  in  dem  Augenblick  zur  Entfaltung  ihres  segensreichen
Wirkens,  als  ihre  Vaterstadt  gerade  ihrer  Vermittlung  bedurfte.  Durch  ihre
sich  ergänzende  Tätigkeit  erhob  sie  sich  auf  eine  ungewöhnliche  Höhe  künstlerischen
  und  wissenschaftlichen  Gestaltungsvermögens.  Als  dieser  Augenblick
eintrat  —  um  die  Wende  des  15.  zum  16.  Jahrhundert  —  begann  zugleich  jene

Bala  Sinwellturm.  Kaiserstallung.  Luginsland.
l

 

 

NürnbekgmitderBukg,Süda-IfichtvamTatmdetLokeazethikcheaus.
(Nach  Steinhausen,  Kulturgeschichte.  Bibl.  Institut,  Leipzig.)

auf  die  vorbildlichen  Arbeiten  der  Nürnberger  Künstler  fast  allein  begründete
Epoche  der  deutschen  Kunstentwicklung,  welche  wir  „deutsche  Renaissance“  zu
nennen  uns  gewöhnt  haben.  Aber  kaum  länger  als  ein  Menschenalter  erhielt
sich  Nürnberg  in  seiner  führenden  Stellung.  Mit  dem  Aussteigen  einer  neuen
Zeit  ging  sein  Niedergang  Hand  in  Hand.  Wie  ganz  Deutschland  brach  es
unter  dem  Dreißigjährigen  Krieg  zusammen  um  sich  nicht  mehr  zu  erholen.  Der
Nachwelt  bleibt  neben  den  herrlichen  Zeugnissen  einstmaligen  Ruhmes  die  Freude
an  den  Bauwerken  der  Stadt,  welche  den  Forderungen  der  Gegenwart  zum  Trotz
ihren  mittelalterlichen  Charakter  so  treu  wie  möglich  zu  wahren  bestrebt  ist.

Weit  hinaus  in  die  fränkischen  Lande  leuchtet  das  helle  Rot  der  Ziegel,
die  Nürnbergs  Burg  decken.  Dem  breiten  Gebäude  stehen  in  künstlerischer
Unregelmäßigkeit  schlanke  Wachttürme  zur  Seite.  Nordwärts  zeugt  der  Graben
von  der  vormaligen  Notwendigkeit  ernster  Verteidigung,  südlich  umschließt  als
        <pb n="166" />
        154  31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.

stimmungsvoller  Übergang  zu  der  Stadt  selbst  ein  unentwirrbarer  Kranz  alter
Häuser  die  Abhänge  des  Burgberges.  Obwohl  in  mehreren  Jahrhunderten
auf  dem  Burgfelsen  gebaut  wurde  und  obwohl  verschiedene  Herrscher  dort
oben  gewohnt  haben,  macht  das  Bild  doch  einen  einheitlichen  Eindruck.

Von  der  Wohnung,  in  welcher  die  Burggrafen  von  Nürnberg  aus  dem
Hause  Hohenzollern  einst  walteten,  ist  wenig  mehr  zu  sehen.  Mit  der  eigentlichen
  Kaiserburg,  die  von  Kaiser  Friedrich  Barbarossa  angelegt  wurde,  aber
ständig  bis  zur  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  und  dann  sogar  in  der  neuesten
Zeit  Veränderungen  erfuhr,  haben  sie,  deren  Aufgabe  es  war  als  Amtmänner
im  Namen  des  Kaisers  die  Oberaufsicht  über  die  Stadt  zu  führen,  nichts  zu
tun  gehabt.  Ein  Zeuge  der  vielen  Streitigkeiten  zwischen  ihnen  und  Nürnbergs
  Kriegern  steht  heute  noch.  Es  ist  der  östliche  Wachtturm,  der  Luginsland,
  der  nur  zu  Beobachtungszwecken  erbaut  worden  ist.  An  diesen  stößt  die
Kaiserstallung,  wie  der  Name  deutet,  der  Aufenthaltsort  des  kaiserlichen
Marstalles  auf  die  Dauer  des  Hoflagers,  ein  ehemaliges  Heumagazin.  Daneben
ragt  das  älteste  Baudenkmal  Nürnbergs,  der  fünfeckige  Turm,  ein  weinlaubund
  efeuumrankter,  an  tausend  Jahre  alter  Geselle,  über  dessen  Errichtung
keine  Chronik  berichtet.  Dafür  hat  sich  die  Sage  seiner  bemächtigt;  sie  läßt
ihn  gar  in  der  Römerzeit,  unter  Neros  Herrschaft  (Neroberg  =  Nürnberg)  gebaut
sein.  Sie  behauptet  weiter,  daß  hier  von  dem  freien  Platz  aus  der  fränkische
Raubritter  Eppelein  von  Gailingen  mit  kühnem  Sprung  über  Mauer  und
Graben  gesetzt  sei.  Wahrscheinlicher  klingt  die  Erzählung,  nach  welcher  die
nunmehr  verdorrte  Linde  im  Burghofe  von  Kunigunde,  der  Gattin  Kaiser
Heinrichs  des  Heiligen,  gepflanzt  worden  ist.  Genaueste  Aufzeichnungen  setzen
für  die  Vollendung  des  Sinwellturmes,  der  vor  dem  Eingang  in  die  eigentliche
Burg  als  schlanker  Rundbau  kühn  in  die  Höhe  strebt,  das  Jahr  1561  an.
In  den  nächsten,  den  Margareten=  oder  Heidenturm,  sind  die  übereinander
gelegenen  Burgkapellen  eingebaut.

Gleichwie  die  Burg  ständigen  baulichen  Veränderungen  unterworfen  war,
als  deren  Folge  die  Zerstörung  der  meisten  aus  der  ersten  Epoche  der  Bauarbeit
  stammenden  Reste  zu  betrachten  ist,  so  wurde,  veranlaßt  durch  die  Vergrößerung
  der  Stadt,  auch  ihr  Mauergürtel  mehrfach  verlegt  und  erweitert.
Von  den  Besfestigungen  der  ältesten  Zeit  ist  nur  wenig  mehr  zu  sehen.
Dagegen  blieb  die  zweite  Anlage,  aufgeführt  am  Beginne  des  14.  Jahrhunderts,
fast  ganz  erhalten.  Bei  den  Wanderungen  in  der  Innenstadt  gibt  gerade  sie,
welche  bei  dem  Henkersteg  und  dem  anstoßenden  Weinstadel  zu  einer  künstlerisch
einheitlichen,  oftmals  abgebildeten  Gruppe  sich  zusammenschließt,  die  getreulichste
Anschauung  alter  Zeiten.  Der  dritte,  äußerste,  doppelt  aufgeführte  Mauerkranz
mit  seinen  Gängen  und  Türnchen,  mit  so  vielen  malerischen  Einzelheiten  und
Unregelmäßigkeiten,  wurde  einst  durch  vier  mächtige  Haupttürme  neben  den
vier  Stadttoren  (Frauentor,  Spittlertor,  Laufertor,  Neues  Tor)  geschützt.
Diese  wuchtig  drohenden,  kunstlosen  Kraftgestalten,  die  als  Wahrzeichen
        <pb n="167" />
        31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.  155

Nürnbergs  dem  eintretenden  Wanderer  die  richtige  Stimmung  mit  auf  den
Weg  geben,  schaffen  in  der  Phantasie  ein  gutes  Abbild  von  der  einstigen  Kraft
der  alten  Reichsstadt,  deren  Bewohner  gegen  ernste  Kriegsnot  sich  wohlbedacht
sichern  mußten.  Auch  in  der  inneren  Stadt  erzählt  noch  manches  Haus  von

 

 

 

 

St.  Lorenz,  Westansicht.

der  Wehrhaftigkeit  seiner  vormaligen  Besitzer,  wie  das  Nassauerhaus  nächst
der  Lorenzkirche.

Die  Notwendigkeit  die  Stadt  so  stark  zu  befestigen  ward  hervorgerufen
durch  ihren  mehr  und  mehr  steigenden  Reichtum.  Was  die  große  Republik
Venedig  für  den  Süden  bedeutete,  einen  Mittelpunkt,  welchen  wichtige  Handelsbeziehungen
  mit  den  fernsten  Ländern  verbanden,  das  wurde  Nürnberg  für
        <pb n="168" />
        156  31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.

den  Norden.  Es  trat  in  Verbindung  mit  den  großen  Hansastädten  und  sandte
in  Martin  Behaim,  dem  Verfertiger  des  ersten  Globus,  einen  der  berühmtesten
  Seefahrer  aller  Zeiten  auf  das  Meer.  Aber  nicht  allein  nach  äußeren,
materiellen  Vorteilen  trachtete  Nürnberg,  sondern  es  strebte  mit  dem  gleichen
Eifer  nach  dem  Ruhme,  den  höchste  Bildung  allein  verleiht.  Die  Wissenschaften,
befördert  durch  humanistische  Bestrebungen,  die  schönen  Künste  kamen  zur  Blüte,
die  deutsche  Dichtung  fand  in  dem  Meistersinger  Hans  Sachs,  die  deutsche
Malerei  in  Albrecht  Dürer  die  edelsten  Vertreter.

Der  künstlerische  Sinn  der  Bevölkerung  betätigte  sich  zunächst  bei  der
Erbauung  der  beiden  Kirchen  St.  Sebald  und  St.  Lorenz.  Im  Jahre  1274
wurde  ein  Teil  der  Sebalduskirche  geweiht  (der  Chor  der  Löffelholzkapelle),
im  gleichen  Jahre  begann  der  Bau  der  Lorenzerkirche.  Deutlich  ist  in  der
westlichen  Hälfte  der  ersteren  der  romanische  Stil  zu  erkennen,  demzufolge
die  Gesamtansicht  der  Kirche  ein  sehr  bemerkenswertes  Beispiel  der  Übergangszeit
  zur  Gotik  bildet.  St.  Lorenz  zeigt  den  gotischen  Stil  im  schönsten  und
reinsten  Gepräge.  So  stellt  es  sich  den  erhabenen  Bauten  in  Straßburg  und
Köln  würdig  an  die  Seite.

Neben  diesen  beiden  Hauptkirchen  kann  die  große  Zahl  der  übrigen
Gotteshäuser  nur  einen  bescheidenen  Platz  beanspruchen,  obwohl  es  keine  unter
ihnen  gibt,  die  nicht  irgend  etwas  Sehenswertes  enthielte.  Bei  weitem  die
größte  Aufmerksamkeit  gebührt  der  Frauenkirche  mit  ihrer  schönen  Vorhalle
und  dem  künstlichen  Uhrwerk,  einem  Gegenstand  besonderer  Neugierde  für  alle
diesenigen,  welche  zur  Mittagszeit  auf  dem  Hauptmarkte  sich  einfinden.  Zur
Erinnerung  an  den  Erlaß  der  goldenen  Bulle  durch  Kaiser  Karl  IV.  wurde
des  Kaisers  Abbild  hoch  oben  über  dem  Chor  angebracht,  von  Posaunenbläsern
umgeben.  Mit  dem  Schlag  12  Uhr  schreiten  die  sieben  Kurfürsten  um  den
Herrscher,  verneigen  sich  und  nehmen  eine  gnädige  Handbewegung  entgegen,
während  die  Bläser  die  Posaunen  zum  Munde  führen.

Auf  dem  Hauptmarkte  selbst  befindet  sich  der  „schöne  Brunnen“,  der  als
Beweis  dafür  anzusehen  ist,  daß  die  spätere  gotische  Kunst  auf  jede  Festigkeit
verzichtete,  um  sich  ganz  der  Ausschmückung  zu  überlassen.  In  Form  eines
Achtecks  steigt  er  gegen  20  m  hoch  aus  dem  Wasserbehälter.  Oben  spitzt  er
sich  zu  einer  Pyramide  zu.  Er  ist  reich  verziert,  farbig  bemalt  und  in  den
unteren  beiden  Abteilungen  von  Statuen  umgeben.  Er  ist  der  einzige  größere
Brunnen  in  Nürnberg,  der  aus  früherer  Zeit  stammt.  Der  Tugendbrunnen
Benedikt  Wurzelbauers  neben  der  Lorenzkirche  wurde  1590,  der  kürzlich
erneuerte  Neptunbrunnen  auf  der  Südseite  des  Hauptmarktes,  ein  Werk  des
Bildhauers  Schweigger,  erst  gegen  Ende  des  17.  Jahrhunderts  aufgestellt.
Damals  stand  noch  die  alte  Egidienkirche.  Der  jetzige  Barockbau  wurde  nach
dem  großen  Brande  von  1698  aufgeführt,  der  erfreulicherweise  die  angebauten
drei  Kapellen  verschont  hat.  Diese  sind  romanischen  und  gotischen  Ursprungs.
Das  Außere  der  Jakobskirche  und  der  Spitalkirche  wirkt  unbedeutend.
        <pb n="169" />
        31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.  157

Was  nun  die  begeisterte  Freude  an  dem  Arvblick  des  schönen  Brunnens
und  noch  mehr  der  St.  Sebalduskirche  so  berechtigt  erscheinen  läßt,  das  ist  das
Vorhandensein  einer  unendlichen  Fülle  des  Reichtums,  der  die  Ausschmückung
so  künstlerisch  abwechslungsreich  gestaltet  hat.  Kaum  ist  es  möglich  einen
Platz  zu  finden,  welcher  eine  genaue  Betrachtung  des  bei  aller  Verwirrung
doch  so  einheitlich  ausgeführten  Ostchores  der  Sebalduskirche  gestattet.
Schlanke  viereckige  Pfeiler  mit  Baldachinen,  unter  welchen  Heilige  stehen,  ragen
über  die  Galerie  des  Dachrandes.  Die  Umrahmung  der  zwischenliegenden
Fenster  spitzt  sich  zu  Kreuzblumen  zu,  die  ebenfalls  über  das  Dach  hinausstreben.
  Kleine  heitere  Szenen  aus  dem  Leben  einzelner  Heiligen  sind,  derb
und  wahr,  da  und  dort  eingelassen,  die  Ornamente  als  Tiere  und  Blumen
verwendet.  Ernster  stimmt  der  Anblick  der  Lorenzerkirche.  Über  dem  großen
Portal  ist  ähnlich  wie  auf  dem  Straßburger  Münster  die  Rosette  angebracht,
deren  meisterhafte  Ausführung  besonders  von  einiger  Entfernung  in  abendlicher
Beleuchtung  gesehen  zur  Geltung  kommt.  Das  berühmte  Portal  unter  der
Rosette,  vollendet  schon  in  der  Mitte  des  14.  Jahrhunderts,  erfordert  ein
genaues  Studium.  Die  Darstellung  der  Kindheit  des  Herrn,  der  Passion
und  des  Jüngsten  Gerichts,  nach  der  Sitte  jener  Zeit  eng  zusammengeschlossen
und  von  zwei  Reihen  von  Heiligen  und  Propheten,  Adam  und  Eva  umgeben,
ist  edler  und  einfacher,  aber  nicht  so  dekorativ  wirksam  wie  die  ganz  ähnliche
oben  genannte  schöne  Vorhalle  der  Frauenkirche.

Der  Reichtum  der  Stadt,  der  die  Möglichkeit  der  Erbauung  von  zwei
so  überaus  prächtigen  Kirchen  gewährte,  sorgte  zugleich  in  verschwenderischer
Weise  für  ihren  inneren  Schmuck.  Mit  besonderer  Genugtuung  kann  Nürnberg
sich  rühmen,  daß  alle  die  großen  Meister,  welche  hieran  mitgearbeitet  haben,
innerhalb  seiner  Mauern  geboren  worden  sind.  Freilich  hat  die  Nürnberger
Bildniskunst  nicht  gleich  die  stolze  Höhe  erreicht,  auf  der  sie  zur  Zeit  der
Vollendung  der  Lorenzerkirche  (1477)  und  in  den  nächsten  Jahrzehnten  stand.
Aber  auch  ihre  Anfänge  sind  beachtenswert.  Das  Chörlein  (d.  h.  der  nischenartige,
  meist  außen  mit  Reliefs  verzierte  und  mit  kunstvoller  Steinmetzarbeit
nach  oben  abgeschlossene  Erker)  des  Nassauer  Hauses,  vor  allem  ein  gleiches
am  Sebalder  Pfarrhofe  sprechen  für  die  früh  erworbene  hohe  Fertigkeit  mit
dem  Meißel  umzugehen.  Ist  auch  die  Ausführung  manchmal  noch  roh  und
unbeholfen,  so  entschädigt  dafür  der  kindliche  Sinn,  der  aus  allen  Darstellungen
spricht  und  der  bereits  die  erste  Stufe  auf  dem  Wege  zur  Vollendung  bedeutet.
Die  Namen  der  ehrsamen  Handwerker  sind  uns  nicht  überliefert,  wir  kennen
nicht  einmal  den  Schöpfer  des  eigenartigen  Grabdenkmals,  das  in  der  Spitalkirche
  über  den  Gebeinen  ihres  Stifters  Konrad  Groß  errichtet  ist.

Der  älteste  Meister,  von  dem  die  Geschichte  erzählt,  ist  Hans  Decker,
der  hochbegabte  Künstler,  der  in  seiner  in  der  Wolfgangskapelle  neben  der
Egidienkirche  befindlichen,  durch  die  vollendete  Wiedergabe  des  auf  den
Gesichtern  lagernden  Schmerzes  ausgezeichneten  Grablegung  Christi  ein
        <pb n="170" />
        158  31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.

wirkliches  Meisterwerk  geschaffen  hat.  Decker
war  der  unmittelbare  Vorgänger  des  ältesten
der  drei  gleichwertigen  Großen  unter  Nürnbergs
plastischen  Bildnern,  Adam  Krafts.  St.  Lorenz
besitzt  in  dem  weltberühmten  Sakramentshäuschen
(d.  i.  der  vormalige  Wandschrank  zur  Bewahrung
der  Monstranz,  der  zuerst  nur  mit  einfachen  Verzierungen
  umgeben  und  nach  und  nach  zu  der
Form  eines  eigenen  selbständigen  Häuschens  gelangt
  war)  das  kostbare  Zeugnis  für  den  erstaunlichen
  Fleiß  und  die  vielseitige  Begabung,  die
Adam  Kraft  zu  eigen  war.  Die  Elemente  der
spätgotischen  Kunst  zu  einer  letzten  Verklärung
zusammenzufassen  ist  seinem  künstlerischen  Genius
gelungen.  Wenn  wir  die  Kirche  betreten,  ergreift
uns  die  grandiose  Höhe,  über  welcher  die  Decke
des  Mittelschiffes  sich  ausbreitet,  die  regelmäßige
Gliederung  der  Pfeiler  und  der  hallenartige
Charakter  des  Chores.  Die  bunten  Glasmalereien
der  Fenster,  die  zahlreichen  Wappenschilder  der
vornehmen  Geschlechter  bringen  freundliche  Abwechslung
  in  den  Ernst  dieses  Eindrucks.  Auf
der  linken  Seite  des  Chores  nächst  dem  Altar
steht,  auf  schmaler  Grundlage  sich  erhebend  und
die  Spitze  noch  unter  der  Wucht  der  Decke  einziehend,
  das  Sakramentshäuschen  Krafts.  Unendlich
  viel  ist  auf  ihm  zu  sehen.  Gott  Vater
mit  zahlreichen  Heiligen,  Bilder  aus  der  Passion,
ganz  oben  der  Heiland  am  Kreuz  —  Gestalten,
die  gekrönt  und  umgeben  sind  von  einem  kunstreichen
  Gewirr  von  Blumen  und  Ranken,  von
Türmen  und  Seulchen.  Unfaßlich  erscheint  es,
daß  ein  einziger  Künstler  diese  Riesenarbeit  bewältigte,
  und  die  Sage  wird  verständlich,  die
Adam  Kraft  der  zauberischen  Fähigkeit  bezichtigte
des  Steines  Härte  mit  beschwörenden  Sprüchen
mildern  zu  können.  Außer  dem  Sakramentshäuschen
  stammen  aus  seiner  Werkstatt  das
Schreyersche  Grabdenkmal  am  Ostchor  der  Sebalduskirche,
  zwei  große  Grabdenkmäler  in  der
Frauenkirche  und  die  Leidensstationen,  welche  einst

 

Das  Sakramentshäuschen  2
in  St.  Lorenz  von  Adam  Kraft.  den  Weg  zum  Johannesfriedhof  geschmückt  haben,
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        31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.  159

aber  nunmehr  aus  Rücksicht  auf  ihren  baulichen  Verfall  dorthin  gelangten,  wo
sämtliche  Reliquien  Altnürnberger  Kunst  bewahrt  sind,  in  das  Germanische
Nationalmuseum.  Daß  Meister  Adam  Kraft  einen  liebenswürdigen  Humor
besaß,  davon  erzählt  das  erheiternde  Relief  an  der  Stadtwage.

 

 

 

 

 

Das  Sebaldusgrab  im  Ostchor  von  St.  Sebald  von  Peter  Vischer.

Neben  dem  Sakramentshäuschen  Adam  Krafts  birgt  St.  Lorenz  eine
der  schönsten  Schnitzereien,  die  Veit  Stoß,  der  Steinschneider  und  Holzschnitzer,
  gefertigt  hat,  den  Englischen  Gruß.  Durch  das  ganze  Mittelschiff
der  Kirche  ist  die  lebensvolle  Gruppe  sichtbar.  Liebliche  Engel  halten  das
Gewand  der  heiligen  Jungfrau,  die  von  der  göttlichen  Gnade  überwältigt  das
Haupt  senkt.  Von  oben  blickt  Gott  Vater  herab,  unten,  an  dem  mit  Medaillons
verzierten  Rosenkranz,  hängt  die  Schlange  mit  dem  Apfel  des  Paradieses.
Veit  Stoß  hat  längere  Zeit  in  Krakau  zugebracht  und  erst  spät  ist  er  wieder
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        160  31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.

in  seine  Vaterstadt  zurückgekehrt.  Daher  muß  eine  Reihe  seiner  Hauptwerke
in  Krakau  gesucht  werden.  Aber  der  Englische  Gruß  in  seiner  hoheitsvollen
Ruhe,  mehr  noch  die  höchst  realistische  Darstellung  des  Jüngsten  Gerichts  (an
der  Osttür  der  Südseite  der  Sebalduskirche),  dann  die  lebendigen  drei  Steinreliefs
  im  Innern  der  Sebalduskirche,  das  Abendmahl  mit  den  Bildnissen  der
damaligen  Ratsherren,  Christus  am  Hlberg  und  der  Judaskuß,  endlich  der
Rahmen  zu  Dürers  Allerheiligenbild  geben  eine  deutliche  Vorstellung  von  den
künstlerischen  Absichten,  die  Veit  Stoß  hegte.  Sein  Ziel  war  die  möglichst
getreue  Wiedergabe  der  Natur  ohne  Rücksicht  auf  ästhetische  Bedenken.  In
dieser  Bestrebung  ist  er  aber  allein  geblieben.  Spätere  Holzschnitzer  suchten
wieder  die  vollendeten  Formen  zu  erreichen.  Am  besten  gelang  dies  einem
Unbekannten,  dem  sogenannten  Meister  der  Nürnberger  Madonna,  deren  liebliche
Erscheinung  an  die  schönsten  Statuen  italienischer  Kunst  erinnert.  Sie  hat
eine  ebenbürtige  Genossin  in  der  tiefempfundenen  Madonna  der  Pieta  in  der
Jakobskirche.

Wenn  überhaupt  einem  Nürnberger  Meister  Einfluß  auf  diese  beiden
Frauengestalten  zugeschrieben  werden  darf,  so  ist  es  Peter  Vischer,  der
hervorragende  Erzgießer.  Das  Grab  des  heiligen  Sebald,  das  in  der  Mitte
der  lichten  Sebalduskirche  steht,  hat  er  unter  Mithilfe  seiner  fünf  Söhne  in
13  Jahren  ausgeführt.  Während  Veit  Stoß  und  Adam  Kraft  dem  von  den
Werken  der  italienischen  Renaissancekunst  ausgehenden  Einfluß  sich  fernzuhalten
  suchten,  hat  Peter  Vischer  sich  der  neuen  Bewegung  begeistert  zugewandt.
Das  fremde  Element  mit  dem  deutschen  zu  einem  neuen  Stil  zusammenzuschließen
  war  sein  erfolgreiches  Bemühen.  In  diesem  Sinne  haben  wir  das
Sebaldusgrab  zu  betrachten.  Auf  verziertem  Sockel  ruht  der  silberne  Sarg,
neben  dem  sich  aus  einer  gemeinsam  von  Schnecken  getragenen  Grundlage  das
Gehäuse  erhebt.  Dieses  besteht  aus  acht  Pfeilern  und  ebensoviel  Säulen
unter  der  dreifachen  Kuppel.  Acht  Apostel  stehen  an  den  Pfeilern,  mythologische
Gestalten  als  Sinnbilder  der  Kraft,  antike  Gottheiten  sind  an  der  unteren
Hälfte  des  Gehäuses  angebracht,  daneben  vier  prächtige  Leuchter.  Auf  dem
oberen  Rand  umgeben  zahlreiche  als  Jünger  gedachte  Figuren  das  Jesusknäblein.
  Ruhelos  wandert  das  Auge  von  der  Sebaldusstatue  der  Westnische,
von  dem  Selbstbildnis  Peter  Vischers  an  der  Ostseite  zu  ihm  hinauf.  Trotz
all  diesem  Einzelschmuck  dient  jeder  Teil  dem  Ganzen,  dem  Schrein,  der  die
Reliquien  des  Heiligen  umschließt.  Besonders  freut  man  sich  der  überall  herumspielenden,
  mit  heiterer  Lebensfreude  und  köstlicher  Naivität  ausgeführten  Englein.

Unter  den  späteren  Werken  Peter  Vischers  und  seiner  Söhne  nimmt  der
Apollobrunnen  mit  dem  bogenschießenden  Apoll  im  inneren  Hofe  des  Rathauses
den  ersten  Platz  ein.  Zu  seinem  Lobe  kann  nichts  Höheres  gesagt  werden,  als
wenn  man  rühmt,  daß  diese  Figur  zu  den  wenigen  Werken  der  neueren  Kunst
gehört,  welche  wirklich  mit  den  Wundern  der  Antike  in  gleichem  Atem  genannt
werden  dürfen.
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        31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.  161

Als  Peter  Vischer  im  Jahre  1529,  ein  Jahr  nach  Dürer,  gestorben  war,
verlor  mit  dem  Hinscheiden  dieser  beiden  Gewaltigen  Nürnberg  in  künstlerischer
Beziehung  nach  und  nach  an  Bedeutung  und  Ansehen.  Wohl  blieb  die  Stadt
verschont  von  den  Schrecken  des  Bauernkrieges  und  der  Bilderstürmer,  aber
dennoch  konnte  auf  den  Gebieten,  die  jene  beiden  großen  Meister  beherrscht
hatten,  ein  rechter  Schwung  nicht  mehr  aufkommen.  Ein  Künstler  war  freilich
als  der  trefflichsten  einer  wenige  Jahre  zuvor  in  Nürnberg  eingewandert,
Peter  Flötner.  Elr,  der  feine  und  vornehme  Erbauer  des  Hirschvogelsaales,
steht  den  Italienern  vielleicht  am  nächsten.  Wundersam  vereinigt  er  romanische
Schmiegsamkeit  und  deutschen  Ernst  in  den  Friesen  und  Reliefdarstellungen
des  Tucherhauses  und  des  Hirschvogelsaales.  Und  während  er  als  Modelleur
von  Goldschmiedearbeiten  und  als  Verfertiger  von  Plaketten  bescheidene  Aufgaben
  löste,  welche  bedauern  lassen,  daß  er  kein  im  großen  Stil  gearbeitetes
plastisches  Werk  hinterlassen  hat,  bewies  Pankraz  Labenwolf  außer  durch
ein  kleines  Brünnlein  im  Rathause  durch  sein  „Nürnberger  Gänsemännchen“,
daß  er  die  Vischersche  Uberlieferung  hochzuhalten  gewillt  sei.

Eine  Reihe  bedeutender  Männer,  die  in  verschiedenartiger  Weise  tätig
gewesen  sind,  muß  hier  eingeschaltet  werden,  damit  die  historische  Übersicht
halbwegs  gewahrt  bleibe.  Die  Glasmalerei,  wie  die  bunten  Fenster  der
Lorenzkirche  beweisen,  und  die  kunstreiche  Behandlung  der  Ofenkacheln  wurde
durch  die  Familie  Hirschvogel  besonders  gefördert.  Die  Erfolge  der  Buchdruckerkunst
  nutzte  Anton  Koberger  als  großer  Buchhändler  und  Verleger
wirksam  aus;  es  sei  nur  an  eines  der  berühmtesten  Bücher  jener  Zeit,  an  die
Weltchronik  des  gelehrten  Humanisten  Hartmann  Schedel  erinnert.  Zugleich
betätigte  sich  die  Miniaturmalerei  und  Schreibkunst,  erstere  durch  Glockendon,
letztere  durch  Neudörfer,  den  Begründer  der  heutigen  Schrift.  Später,
gegen  das  Ende  des  16.  Jahrhunderts,  feierte  die  Goldschmiedekunst  in
Wenzel  Jamnitzer,  der  Kupferstich  in  Virgil  Solis  die  höchsten  Triumphe
deutschen  Kunstfleißes.  Die  alte  Nürnberger  Malerschule  hatte  schon  in  den
Meistern  des  Imhoffschen  Altares  (Lorenzkirche),  des  Tucheraltares  (Frauenkirche)
  und  des  Löffelholzaltares  (Sebalduskirche)  sehr  bemerkenswerte  Ansätze
selbständigen  künstlerischen  Denkens  gezeigt,  welche  dann  bei  Pleydenwurff  und
weiter  bei  dem  Lehrer  Dürers,  Michel  Wohlgemuth,  zu  einer  festen  und  sicheren
Grundlage  sich  bildeten.  Auf  dieser  konnte  Albrecht  Dürer  die  höchsten
Außerungen  deutscher  Kunst  schaffend  gestalten.  Unter  Dürers  Schülern  und
Nachfolgern  haben  die  Brüder  Beham,  Hans  von  Kulmbach  und  Georg  Pencz
eine  reiche  Wirksamkeit  entfaltet.

Es  ist  begreiflich,  daß  diese  vielen  bedeutenden  Männer,  die  zur  gleichen
Zeit  gelebt  haben,  durch  ihren  wechselseitigen  Verkehr  sich  anregten  und
ergänzten.  Nach  des  Tages  Müh  und  Arbeit  fand  man  sich  zusammen  in
den  kleinen  Wirtsstuben,  von  denen  das  Bratwurstglöcklein  noch  heute  seine
Anziehungskraft  bewährt.  Eine  herzliche,  gut  deutsche  Gastlichkeit  waltete

Kronseder,  Lelebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  11
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        162  31.  Nürnberg  und  seine  Kunst.

in  den  geräumigen  Häusern  der  Nürnberger  Handelsherren.  Wie  ein  solches
Haus  etwa  zur  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  ausgesehen  hat,  verrät  das
Tucherhaus  in  der  Hirschelgasse.  Es  spricht  von  einem  biederen,  schlichten
Sinn,  der  für  die  innere  Ausschmückung  der  Wohnung  ebenso  wie  für  schöne
Bauart  der  Höfe  bedacht  war.  Neuen,  anerkennenswerten  Anregungen  gegenüber
  wohlgesinnt  und  freidenkend  griff  der  Nürnberger  Patrizier  gegen  Abend
zu  einem  Folianten  und  bemühte  sich  die  ernsten  Worte  der  Lutherschen
Bibelübersetzung,  die  Schriften  Melanchthons  und  Huttens  zu  studieren.  Die
Reformationsbewegung  fand  in  Nürnberg  eifrige  Unterstützung  und  starken
Rückhalt.  Mit  begeisterten  Worten  sang  Hans  Sachs,  der  teure  Meister,  von
der  wittenbergischen  Nachtigall.  Seine  Dichtungen,  so  frei  und  derb  sie  auch
den  heutigen  Leser  anmuten,  übertreffen  doch  die  aller  gleichzeitigen  anderen
deutschen  Poeten.  Wenn  seine  Vorgänger,  die  ehrsamen  Meistersinger,
mechanisch  und  trocken  gereimt  hatten,  schrieb  er  mit  innerer  Freude,  in  kraftvoller
  Sprache  seine  Schauspiele  nieder.  Dem  Volke  entstammt,  dem  Volke
gern  angehörend  darf  Hans  Sachs  den  Ruhm  des  größten  deutschen  Volksdichters
  für  sich  ansprechen.  Seine  Nachfolger  suchten  sich  eng  an  seine
Spuren  zu  halten,  um  alsobald  in  einen  öden  Nachahmerton  zu  verfallen.
An  Stelle  der  dichtenden  Angehörigen  des  Volkes  trat  der  Dilettantismus  der
Vornehmen.

Unterdessen  waren  mehrere  große  Neubauten  im  Stil  der  deutschen  Hochrenaissance
  entstanden.  Das  stattliche  Haus  des  reichen  Martin  Peller  am
Egidienplatz  erweckt  mit  seiner  wohlerhaltenen  Fassade  und  dem  stimmungsvollen
  Hofe  die  Erinnerung  an  die  Jahre  vor  dem  Beginn  des  Dreißigjährigen
Krieges.  Man  glaubt  die  rauschenden  Gewänder  vornehmer  Patrizierinnen,
den  schweren  Schritt  würdevoller  Kaufleute  und  Ratsherren  zu  vernehmen.
Damals  empfing  auch  die  Westfront  des  Nürnberger  Rathauses  seine  jetzige
äußere  Gestalt.  Während  vier  verschiedener  Epochen  wurde  daran  gearbeitet.
Zu  bewundern  bleibt,  daß  trotz  der  Enge  der  umgebenden  Gassen  und  Häuser,
obwohl  schon  zu  Baumeister  Beheims  Zeiten  von  einem  Flickwerk  gesprochen
wurde,  ein  zweckdienlicher  Gebäudekomplex  entstanden  ist.  Die  erwähnte
Westfront,  ganz  im  Stil  der  italienischen  Spätrenaissance,  haben  die  Brüder
Wolf  hergestellt,  während  Jamnitzer  und  Kern  die  Verzierungen  in  Auftrag
erhielten.  Leider  konnte  infolge  der  schlechten  Finanzlage  der  Stadt  der  Plan
auch  die  Ost=  und  Südseite  einheitlich  anzuschließen  nicht  ausgeführt  werden.
Die  Bedürfnisse  der  Neuzeit  haben  weitere  Umbauten  in  den  Jahren  1888/89
und  die  Aufführung  eines  monumentalen  Neubaues  veranlaßt.  Im  Erdgeschoß
liegt  der  große  Rathaussaal,  mit  Reliefs  und  Fresken  geschmückt,  welch  letztere
nach  Dürers  Angabe  von  mehreren  Schülern  gemalt  wurden.  Der  ehrwürdige
Saal,  in  welchem  die  kampffrohe  Jugend  sogar  Turniere  veranstaltete,  hat
manche  bedeutsame  Feier  gesehen.  Aber  nur  wenige  konnten  wohl  an  Pracht
und  Aufwand  dem  Festmahl  sich  vergleichen,  welches  nach  Beendigung  des
        <pb n="175" />
        32.  Die  K.  Hof=  und  Staatsbibliothek  in  München.  163

Dreißigjährigen  Krieges  den  Gesandten  anläßlich  des  Abschlusses  des  Westfälischen
Friedens  am  25.  September  1649  gegeben  worden  ist.

Die  Wunden,  welche  der  lange  Krieg  geschlagen,  verheilten  nicht.  Der
Wohlstand  der  schwer  geschädigten  Stadt  sank  mehr  und  mehr.  Die  Sorge
um  den  Verdienst  hinderte  hier  wie  überall  in  deutschen  Landen  das  Aufbrechen
einer  verheißungsvollen  Blüte  neuer  Kultur  und  neuer  Kunst.  Vereinzelte
Ausnahmen  blieben  ohne  Einfluß  auf  die  Gesamtheit.  Die  Gelehrsamkeit  zog
sich  auf  die  Hochschulen  nach  Altdorf  und  später  nach  Erlangen  zurück,  wo
sie  im  Staub  dogmatischer  Lehren  ein  pedantisches  Dasein  führte.  Im  Laufe
des  ganzen  18.  Jahrhunderts  ging  Nürnberg  langsam  einem  völligen  Verfall
entgegen.  Im  Jahre  1806  verlor  die  Stadt  auch  ihre  politische  Selbständigkeit;
  sie  gelangte  unter  die  Herrschaft  des  neugeschaffenen  bayerischen  Königreichs.

Seitdem  hat  die  Entwicklung  der  Stadt  andere  Bahnen  eingeschlagen
als  ein  halbes  Jahrtausend  zuvor.  Wohl  sucht  ein  kleiner  Kreis  alteingesessener
Familien  das  Möglichste  zu  tun  um  den  künstlerischen  Lorbeer  der  Vergangenheit
wieder  zu  gewinnen.  Die  Gründung  des  Germanischen  Nationalmuseums
  im  Jahre  1852,  vor  allem  die  Errichtung  des  Bayerischen
Gewerbemuseums  sollten  Marksteine  bilden  für  eine  künftige  Besserung,
deren  schwache,  aber  lediglich  durch  fremdes  Verdienst  und  die  begeisterte
Initiative  weniger  Männer  hervorgerufene  Anzeichen  nunmehr  deutlich  zu
verspüren  sind.  Weit  wichtiger  war  freilich  die  Eröffnung  der  ersten  deutschen
Eisenbahn,  der  Ludwigsbahn  von  Nürnberg  nach  Fürth  (1835).  Sie  bedeutete
ein  glückliches  Vorzeichen  für  die  neuen  Ziele,  denen  das  Nürnberg  des
19.  Jahrhunderts  erfolgreich  zugestrebt  hat.  Aus  der  großen  Kunststadt  ist
die  große  Industriestadt  geworden.

32.  Die  K.  Hof=  und  Staatsbibliotheh  in  München.
Von  Georg  Leidinger“)

Unter  die  bleibenden  Verdienste,  die  sich  Herzog  Albrecht  V.  von  Bayern
um  sein  Land  und  seine  Residenzstadt  erworben  hat,  gehört  die  Gründung  der
unschätzbaren  Büchersammlung  in  München,  die  heute  unter  dem  Namen
„K.  Hof=  und  Staatsbibliothek“  zu  den  wichtigsten  Bibliotheken  der  Welt
zählt.  In  ihr  besitzt  der  kleine  Staat  Bayern  eine  Sammlung,  auf  die  er
anderen,  größeren  Staaten  gegenüber,  deren  Büchersammlungen  nicht  an  die
seinige  hinreichen,  mit  vollem  Recht  stolz  sein  kann.

Von  Tausenden  das  geistige  Vermächtnis

An  Schätzen  aller  Art,

Es  liegt  da  aufbewahrt

Zum  Frommen  uns,  den  Gebern  zum  Gedächtnis.

Man  ist  darin  einig,  daß  Albrecht  V.  durch  seine  Kunstsammlungen  den
ersten  Grund  zu  Münchens  Bedeutung  als  Kunststadt  gelegt  hat;  ebenso  sicher
11=
        <pb n="176" />
        164  32.  Die  K.  Hof=  und  Staatsbibliothek  in  München.

ist  es,  daß  seine  Büchersammlung  für  Münchens  Stellung  in  Wissenschaft  und
Literatur  von  ausschlaggebendem  Einfluß  geworden  ist.

Hatte  sich  in  der  Münchener  Residenz  wohl  schon  von  frühen  Zeiten
her  ein  ansehnlicher  Vorrat  von  Büchern  angesammelt,  so  wurde  die  eigentliche
  Gründung  der  Bibliothek  von  Herzog  Albrecht  V.  durch  den  Erwerb
dreier  großartiger  Einzelbüchersammlungen  vollzogen.

Der  Nürnberger  Arzt  und  Geschichtschreiber  Hartmann  Schedel,  eine
echte  Sammlernatur,  hatte  von  Jugend  an  in  Deutschland  und  Italien  Bücher
und  Handschriften  gesammelt,  selbst  geschrieben  und  illuminiert,  schön  binden
lassen  und  zu  eigenen  Werken,  von  denen  das  berühmteste  seine  1493  von
Koberger  in  Nürnberg  gedruckte,  von  Michael  Wohlgemuth  mit  Holzschnitten
geschmückte  Weltchronik  ist,  fleißig  benützt.  Als  er  1514  starb,  hinterließ  er
einen  wahren  Schatz  von  Bächern,  hauptsächlich  an  lateinischen  Handschriften
historischen  und  philologischen  Inhalts  und  an  wertvollen  Wiegendrucken.  Diese
Bibliothek  erwarb  Herzog  Albrecht.  Kaum  ein  Band  ist  darunter,  der  nicht
durch  schriftliche  Einträge  oder  durch  Ausschmückung  mit  eingeklebten  Miniaturen,
  Kupferstichen  oder  Holzschnitten  die  Liebe  des  Nürnberger  Humanisten
zu  den  Büchern  offenbart,  und  in  vielen  Bänden  grüßt  der  freundliche  Bücherspruch:
  Lege  seliciter,  von  Hartmann  Schedels  Hand  geschrieben,  über  die
Jahrhunderte  herüber  den  modernen  Benützer.

Die  zweite  Einzelbibliothek,  welche  der  Münchener  Sammlung  einverleibt
wurde,  war  die  des  Staatsmannes  und  Humanisten  Johann  Albrecht  Widmanstetter
  oder,  wie  der  Name  latinisiert  gebraucht  wurde,  Widmestadius.  Geboren
um  das  Jahr  1506  in  dem  zum  Gebiet  der  Reichsstadt  Ulm  gehörigen  Dorf
Nellingen  war  der  an  deutschen  Hochschulen  gebildete  Gelehrte  in  jungen  Jahren
nach  Italien  gekommen  und  hatte  sich  dort  im  Umgang  mit  den  gelehrtesten
Männern  der  Zeit  bald  so  außerordentliche  Kenntnisse  besonders  in  den  orientalischen
  Sprachen  erworben,  daß  ein  Zeitgenosse  von  ihm  sagte,  seit  Johannes
dem  Täufer  sei  kein  Mann  von  gleich  umfassender  Sprachkenntnis  erstanden.
Griechisch,  hebräisch,  arabisch,  syrisch  sprach  er  mit  gleicher  Gewandtheit  und
seine  Vertrautheit  mit  den  Literaturen  dieser  Sprachen  war  eine  so  hervorragende,
  daß  er  eine  syrische  sowie  eine  arabische  Grammatik,  eine  lateinische
Ülbersetzung  des  Koran,  ein  arabisch-syrisches  und  ein  kabbalistisches  Wörterbuch
neben  anderen  Werken  verfassen  konnte.  In  die  deutsche  Heimat  zurückgekehrt
wurde  Widmanstetter  Rat  des  Herzogs  Ludwig  von  Bayern,  Wilhelms  IV.
Bruder,  nach  Ludwigs  Tode  bei  Erzbischof  Ernst  von  Salzburg,  dem  dritten
Bruder  der  Herzoge  Wilhelm  und  Ludwig,  danach  Kanzler  des  Augsburger
Bischofs,  des  Kardinals  Otto  Truchseß  von  Waldburg,  schließlich  in  Diensten  König
Ferdinands  Kanzler  für  die  österreichischen  Länder.  Widmanstetter  hatte  sich
im  Laufe  seines  Lebens  eine  außerordentlich  umfangreiche  und  wertvolle  Bibliothek
  gesammelt,  welche  das  Staunen  und  die  Bewunderung  seiner  gelehrten
Zeitgenossen  erweckte.  Kostbare  orientalische  wie  auch  abendländische  Hand-
        <pb n="177" />
        32.  Die  K.  Hof-  und  Staatsbibliothek  in  München.  165

schriften  waren  darin  mit  seltenen  Drucken  aller  Literaturen  vereinigt.  Diese
literarischen  Schätze  kamen  nach  Widmanstetters  Tod  in  den  Besitz  des  kaiserlichen
  Rates  Georg  Siegmund  Seld,  dann  aber  erwarb  sie  Herzog  Albrecht  V.
von  Bayern  für  seine  Büchersammlung.  Ein  Glanzstück  darunter  war  die
berühmte  Papyrushandschrift  des  Codex  traditionum  ecclesiae  Ravennatensis.
  Aber  auch  sonst  enthielt  Widmanstetters  Bibliothek  zahlreiche  auserlesene
  Stücke,  und  wer  bei  seinen  Studien  in  der  K.  Hof=  und  Staatsbibliothek
heutzutage  einen  jener  Bände  zur  Hand  bekommt,  in  welche  fast  sämtlich  Widmanstetter
  mit  eleganten  Zügen  seinen  Namen  eingeschrieben  hat,  wird  dem
geläuterten  Sammeleifer  des  Gelehrten  frohen  Dank  wissen,  nicht  minder  aber
dem  herzoglichen  Bücherfreund,  der  jene  Schätze  vor  der  Zerstreuung  bewahrte,
Anerkennung  zollen.

Auch  des  Johann  Jakob  Fugger  hervorragende  Büchersammlung  wanderte
in  des  Herzogs  Bibliothek.  Zuerst  kaiserlicher  Rat,  später  Herzog  Albrechts
Hofratspräsident  hatte  Fugger  zahlreiche  seltene  und  kostbare  Handschriften,
zumeist  griechische,  zusammengekauft.  Gewandte  Altertumskenner  und  erfahrene
Bibliothekare  waren  für  ihn  tätig  gewesen  und  hatten  besonders  aus  Italien
oft  um  hohe  Summen  wertvolle  Stücke  für  ihn  erworben.  Vor  seinem  Tode
bot  er  seine  Sammlungen  Herzog  Albrecht  an  und  so  wurden  auch  diese
literarischen  Schätze  der  bayerischen  Hofbibliothek  einverleibt.  Ein  ehernes  Standbild
  Fuggers  zu  Augsburg,  welches  König  Ludwig  I.  errichten  ließ,  ehrt  den
hochsinnigen  Sammler.

Aber  nicht  bloß  ganze  Bibliotheken  fügte  Herzog  Albrecht  seiner  Sammlung
  an  sondern  auch  dem  Erwerb  einzelner  Werke  wendete  er  in  eigener
Person  den  größten  Eifer  zu  und  die  noch  vorhandenen  Hofzahlamtsrechnungen
berichten  von  vielen  interessanten  Fällen  dieser  Art.  Den  glänzendsten  Ausdruck
  gab  er  seiner  Bücherliebhaberei,  als  er  die  Bußpsalmen  seines  Hofkapellmeisters
  Orlando  di  Lasso  und  die  Motetten  des  Cyprian  de  Rore  in  riesigen
Pergament-Prachtfolianten  aufs  kunstvollste  schreiben  und  von  dem  Maler
Haus  Mielich  mit  den  köstlichsten  Miniaturmalereien  verzieren  ließ.  416  Miniaturen,
  Kunstleistungen  ersten  Ranges  von  unerschöpflichem  Reichtum  der  Erfindung
  und  meisterhafter  Farbengebung,  schmücken  die  zwei  silberbeschlagenen
Saffianbände  der  Bußpsalmen  Orlando  di  Lassos,  83  ähnliche  Kunstwerke
den  Band  der  Motetten  Rores.

In  der  Neuen  Feste  zu  München  erstand  auf  Herzog  Albrechts  Geheiß
für  seine  Bibliothek  und  Antiquitätensammlung  „eine  neue  Behausung“,  jener
Bau,  der  —  im  Laufe  der  Zeit  allerdings  vielfach  umgeändert  —  heute  noch
den  Namen  Antiquarium  trägt.  Es  dauerte  nicht  lange,  so  hatte  sich  der  Ruf
der  Münchener  Bibliothek  weit  verbreitet  und  die  Zeitgenossen  verkündeten
laut  den  Ruhm  Herzog  Albrechts  als  ihres  Gründers.  Der  Humanist  Jakobus
Strada  z.  B.  schrieb  in  der  Vorrede  seiner  Caesar-Ausgabe,  welche  er  dem
Herzog  widmete,  „Albrecht  könne  sich  rühmen,  daß  es  keinen  Fürsten  auf  dem
        <pb n="178" />
        166  32.  Die  K.  Hof=  und  Staatsbibliothek  in  München.

ganzen  Erdenrund  gebe,  der  einen  so  unglaublichen  Bücherschatz  besitze;  wollte
ihm  jemand  die  berühmten  Bibliotheken  Italiens,  Frankreichs,  Spaniens,  Deutschlands
  und  anderer  Länder  dagegen  vorhalten,  der  möge  mit  ihm  jene  Münchener
  beschauen  und  er  werde  dann  ohne  Widerrede  dieser  die  Palme  und
den  ersten  Rang  zuerkennen“".  Schon  durften  auch  hervorragende  Gelehrte
die  Schätze  der  Büchersammlung  benützen  und  sogar  nach  auswärts  fanden
einzelne  Entleihungen  statt.

Auch  Albrechts  Nachfolger,  Herzog  Wilhelm  V.,  zeigte  persönlich  viel
Verständnis  für  die  Bibliothek  und  förderte  nach  Kräften  ihr  Wachstum.  Wieder
flossen  bedeutende  Einzelsammlungen  ihr  zu:  es  wurde  vom  Herzog  die  Bibliothek
  des  Augsburger  Ratsherrn  Johann  Heinrich  Hörwart,  die  besonders  an
musikalischen  Werken  reich  war,  käuflich  erworben,  ebenso  jene  des  Augsburger
Domherrn  Johann  Georg  von  Werdenstein,  eine  umfangreiche  Sammlung  von
auserlesenen  Stücken.  Zur  Ordnung,  Katalogisierung  und  Verwaltung  der
herzoglichen  Bibliothek  waren  von  Anfang  an  Bibliothekare  angestellt  worden.

Schon  als  Prinz  und  in  noch  erhöhtem  Maße  als  Herzog  und  Kurfürst
wendete  Maximilian  I.  dem  Wachstum  und  Gedeihen  der  Hofbibliothek  die
größte  Aufmerksamkeit  zu,  wie  er  denn  in  alle  Zweige  der  Staatsverwaltung
persönlich  den  genauesten  Einblick  hatte.  Wie  gut  er  die  Bibliothek  kannte,
zeigt  die  Tatsache,  daß  er  anzukaufende  Werke  oft  selbst  bezeichnete  und  daß
er  häufig  im  einzelnen  bestimmte,  welche  Werke  den  in  seinem  Auftrag  literarisch
tätigen  Gelehrten  aus  der  Hofbebliothek  zugestellt  werden  sollten.  Eine  allgemeine
  Instruktion  für  die  Verwaltung  der  Bibliothek  stattete  er  mit  eigenhändigen,
  sachverständigen  Randbemerkungen  aus.  Um  eine  Ubersicht  der  in
den  Klosterbibliotheken  seines  Landes  vorhandenen  Handschriftenschätze  zu  gewinnen
  verordnete  er,  daß  aus  allen  Klöstern  Verzeichnisse  der  dort  vorhandenen
  Handschriften  an  ihn  eingeliefert  würden.  Diese  Verzeichnisse  sind  in
der  Bibliothek  heute  noch  vorhanden  und  bilden  wertvolle  literargeschichtliche
Hilfsmittel.  Von  den  Katalogen  der  Hofbibliothek  wurde  jener  über  die  griechischen
  Handschristen  1602  sogar  im  Druck  veröffentlicht.  Die  Bibliothek  war
unterdes  aus  den  Räumen  der  Neuen  Feste  in  den  Alten  Hof  übertragen  worden.
Trotz  der  Kriegslasten  des  Dreißigjährigen  Krieges  wurden  namhafte  Summen
auf  ihre  Vermehrung  verwendet.

Als  nach  der  Erstürmung  Heidelbergs  durch  die  ligistische  Armee  1622
Tilly  die  berühmte  dortige  Bibliothek,  die  Palatina,  als  Kriegsbeute  für  Maximilian
  wegführen  lassen  konnte,  hätte  letzterer  Gelegenheit  gehabt  sie  mit  seiner
Hofbibliothek  zu  vereinigen.  Allein  Gründe,  die  uns  zum  Teil  unbekannt  sind,
veranlaßten  ihn  zu  der  bekannten,  in  Deutschland  viel  beklagten  Schenkung
der  Palatina  an  den  Vatikan  in  Rom.  Bald  aber  geriet  seine  eigene  Bibliothek
  in  die  höchste  Gefahr.  Als  die  Schweden  1632  siegreich  in  Bayern  eindrangen,
  mußten  auf  Maximilians  Befehl  die  wichtigsten  Schätze  der  Bibliothek
in  Fässer  verpackt  und  in  die  Feste  Burghausen  gebracht  werden.  Am  17.  Mai  1632
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        32.  Die  K.  Hof=  und  Staatsbibliothek  in  München.  167

hielt  König  Gustav  Adolf  von  Schweden  seinen  Einzug  in  München.  Die
Bürgerschaft  hatte  gegen  eine  hohe  Summe  Sicherheit  des  Eigentums  sich  erkauft,
  welche  auch  gut  gehalten  wurde.  Aber  dennoch  fanden  u.  a.  in  der
kurfürstlichen  Kunstkammer  und  Bibliothek  Plünderungen  und  Beschädigungen
statt,  über  deren  Umfang  jedoch  die  Berichte  zu  verschieden  lauten,  als  daß
bisher  eine  sichere  Feststellung  möglich  gewesen  wäre.  Als  zwei  Jahre  später,
nach  der  Schlacht  bei  Nördlingen,  Tübingen  mit  der  in  dem  dortigen  Schlosse
gesammelten  Bibliothek  in  die  Hände  der  Liga  fiel,  nahm  Maximilian  diese
Bibliothek  für  sich  in  Anspruch  und  ließ  sie  nach  München  überführen,  um
dadurch  die  durch  die  Schweden  in  seinen  Bibliothekbeständen  erlittenen  Verluste
  auszugleichen,  „die  Scharte  auszuwetzen“,  wie  er  schrieb.  Bei  jener  Gelegenheit
  kam  insbesondere  cine  prächtige  Wittenberger  Bibel  mit  den  von  Lukas
Cranach  d.  J.  gemalten  Bildnissen  des  Kurfürsten  August  von  Sachsen,  Luthers
und  Melanchthons  nach  München.

Dank  der  Maximilianischen  Instruktion  für  die  Verwaltung  der  Bibliothek
nahm  letztere  in  der  Folgezeit  unter  Maximilians  Nachfolgern,  von  meist  tüchtigen
  Bibliothekaren  geleitet,  eine  stetige  gute  Entwicklung,  wenn  auch  in  Kriegszeiten
  oft  manches  Förderliche  unterbleiben  mußte.  Wichtig  für  die  Sammlung
der  einheimischen  Literatur  war  die  1663  erlassene  Verordnung  des  Kurfürsten
Ferdinand  Maria,  daß  von  allen  im  Lande  gedruckten  Büchern  ein  Pflichtexemplar
unentgeltlich  an  die  kurfürstliche  Bibliothek  eingeschickt  werden  müsse,  ein  Gesetz,
welches  mit  gewissen  Erweiterungen  heute  noch  gilt.  Unter  den  Bibliothekaren
des  18.  Jahrhunderts  ragt  Andreas  Felix  von  Oefele  hervor,  der  sich  durch  die
Erforschung  und  Herausgabe  der  vaterländischen  Geschichtsquellen  (Rerum
boicarum  scriptores)  einen  berühmten  Namen  gemacht  hat.

Reichen,  außerordentlichen  Zuwachs  erfuhr  die  Bibliothek  unter  Kurfürst
Karl  Theodor,  der  auch  ihre  Übertragung  in  bessere  Räume,  nach  dem
Akademiegebäude,  vornehmen  ließ.  Karl  Theodor  hatte  als  pfälzischer  Kurfürst
  seine  kurfürstliche  Bibliothek  zu  Mannheim  aus  persönlichem,  regem
Interesse  für  literarische  Schätze  besonders  an  Handschriften  namhaft  vermehrt.
Gelehrte  waren  für  ihn  in  Italien  und  Frankreich  zwecks  Erwerbung  wertvoller
  Bücher  tätig.  Für  die  Münchener  Hofbibliothek  wurde  unter  ihm  die
berühmte  Bibliothek  des  italienischen  Philologen  Petrus  Victorius,  eines  der
größten  Gelehrten  seiner  Zeit,  angekauft.  Zum  Verdrusse  der  Römer  wanderte
sie  in  die  bayerische  Hauptstadt.  Für  die  Mannheimer  Hofbibliothek  war  1766
u.  a.  die  Handschriftensammlung  des  Freiherrn  von  Redinghoven  erworben
worden,  eine  wichtige  Fundgrube  für  die  Geschichte  von  Westfalen,  Jülich,
Kleve,  Berg  und  den  Rheinlanden.  1769  folgte  die  Erwerbung  der  großartigen
handschriftlichen  Sammlung  der  vier  Gelehrten  Camerarius,  einer  unerschöpflichen
  Quelle  zur  politischen  und  literarischen  Geschichte  des  16.  und  17.  Jahrhunderts.
  Alle  jene  Mannheimer  Schätze  wurden  bald  nach  Karl  Theodors
Tode  nach  München  übertragen  und  der  Hofbibliothek  einverleibt.
        <pb n="180" />
        168  33.  Der  Trifels.

Die  große  Säkularisation  brachte  auch  den  Übergang  der  Klosterbibliotheken
an  den  Staat  mit  sich  und  die  Handschriften=  und  Bücherschätze  der  in  den
altbayerischen  Gebieten  gelegenen  Klöster  wanderten  in  die  kurfürstliche  Hofbibliothek.
  Mag  man  über  die  Sakularisierung  denken,  wie  man  will,  sicher
ist,  daß  durch  die  Zentralisierung  der  alten  Bücherschätze  des  Landes  der
Wissenschaft  ein  unschätzbarer  Gewinn  erwuchs  und  die  Münchener  Bibliothek
damit  zu  der  ersten  Bibliothek  Deutschlands  wurde.  Und  wie  um  die  Zentralisierung
  zu  rechtfertigen  machten  in  der  Folge  die  gelehrten  Bibliothekare  der
Hofbibliothek  bei  der  Ordnung  der  neu  zugeströmten  Bestände  eine  wichtige
literarische  Entdeckung  um  die  andere.  Unsterblich  glänzt  in  der  Geschichte  der
Bibliothek  der  Name  des  Bibliothekars  Johann  Andreas  Schmeller.  Die
Kataloge,  die  er  über  die  gewaltigen  Handschriftenbestände  mit  staunenswerter
Gelehrsamkeit  und  unerreichtem  Fleiß  angelegt  hat,  verkünden  wie  die  gelehrten
Werke,  die  er  herausgab,  seinen  Ruhm.  Auf  sein  Bayerisches  Wörterbuch  darf
das  Gesamtvaterland  stolz  sein.

Längst  reichten  für  die  Massenbestände  der  Büchersammlung  die  alten
Räume  nicht  mehr  aus.  Da  erstand  auf  König  Ludwigs  I.  Geheiß,  von
Meister  Friedrich  Gärtner  in  florentinischem  Stil  entworfen,  in  den  Jahren
1834—1842  der  prächtige  Palast  in  der  Ludwigstraße,  der  heute  die  K.  Hofund
  Staatsbibliothek  birgt.  Ein  herrliches  Stiegenhaus  führt  zu  den  Räumen
der  Bibliothek,  welche  sich  heute  noch  rühmen  darf  die  reichste  und  erste  Deutschlands
  zu  sein  und  welche  ihrem  alten  Inhalt  nach  immer  die  erste  bleiben
wird,  auch  wenn  die  eine  oder  andere  moderne  Bibliothek  mit  reicheren  Geldmitteln
  sie  an  Bändezahl  überholen  sollte.  Sie  ist  und  bleibt  eine  wahrhaft
königliche  Bibliothek.  Und  in  der  Gegenwart  sucht  die  Bibliotheca  regia
emsig  mitzugehen  im  allgemeinen  Fortschritt,  und  im  elektrischen  Licht  erglänzen
an  den  Winterabenden  die  Räume,  in  denen  Hunderte  Wissensbelehrung  suchen
und  in  denen  gar  manches  für  Jahrhunderte  wichtige  Werk  Fortgang  und
Förderung  fand  und  findet.

33.  Der  Trifels.
Von  August  Becker.)

Vor  uns  liegt  wie  vom  Himmel  gefallen  der  Trifels  in  seiner  ruinösen
Herrlichkeit  auf  drei  hintereinander  liegenden,  dunkel  bewaldeten  Felspyramiden,
  zu  seinen  Füßen  eine  tiefe  Talschlucht,  in  der  sich  das  Dörflein
Bindersbach  versteckt  und  weiter  hinaus  ein  von  der  Sonne  und  dem  Sandstein
  rot  gefärbtes  Stück  des  Annweiler  Tales  mit  den  Häusern  des  Städtchens
  Annweiler.  Die  Bergmasse  des  Rehberges,  hinter  ihm  der  Asenstein
und  drüben  der  Ablersberg  fassen  das  prachtvolle  Bild  ein,  so  recht  ein  „historisches
  Landschaftsbild“  sondergleichen.  Obgleich  wir  den  Trifels  schon

1)  „Die  Pfalz  und  die  Pfälzer,“  S.  513  ff.  Leipzig  1858,  J.  J.  Weber.
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        33.  Der  Trifels.  169

mehrmals  aus  der  Ferne  gesehen,  ist  doch  der  Eindruck  seiner  großartigen
Erscheinung  an  dieser  Stelle  ein  überwältigender,  welcher  von  den  historischen
Erinnerungen,  die  sich  an  die  alte  Kaiserburg  knüpfen,  nur  noch  geheiligt  und
gehoben  wird.  Hochberühmt  war  er  von  alters  her  und  schon  Rudolf  von
Ems,  ein  Zeitgenosse  der  letzten  hohenstaufischen  Kaiser,  singt  in  seiner  Weltchronik:


„Och  sollt  ir  vil  wol  wissen  daz,

Da  zwischent  Strasburg,  als  ich  las,

Unl  Spire  lit  drilic  berc,

Als  uns  seit  der  warheit  werc;

Davon  er  drivels  ist  genant,

In  allen  landen  wol  bekant.“

Der  Trifels  ist  die  Perle  in  der  Krone  von  all  den  Burgen  des  Mittelalters,
  welche  Deutschlands  und  Europas  Berge  krönen.  Die  Wartburg  nicht
ausgenommen  hat  kein  anderes  Bergschloß  diese  große  Geschichte;  es  ist  ja
die  Geschichte  des  Deutschen  Reiches  selber,  der  untergegangenen  Größe  und
Macht  unseres  Volkes,  das  wenig  mehr  von  seiner  einstigen  Herrlichkeit  hat
wie  der  Trifels,  der  in  Trümmern  liegt.  Doch  es  sind  gewaltige  Trümmer
und  Ehrfurcht  erweckend  noch  in  ihrem  Fall  und  aus  dem  Schutt  erhebt  sich
die  Poesie  und  der  Geist  der  alten  Zeit  und  wir  lullen  uns  ein  in  die  Träume
von  der  großen  Vergangenheit  und  von  der  schönen  Zukunft,  die  kommen
wird,  wenn  der  alte  Barbarossa  im  unterirdischen  Gewölbe  der  Burg  erwacht
aus  seinem  langen  Zauberschlaf.  Dann  wird  sein  Volk  wieder  einig  und  stark
werden  vor  den  Völkern  der  Erde  und  das  Reich  wird  mächtig  sein  wie  damals,
  da  der  Kaiser  hier  auf  seiner  Lieblingsburg  wohnte  und  Europa  sich
vor  ihm  beugte.  Aber  wann  wird  das  sein?  Wann  kommt  die  rechte  Stunde
des  Erwachens?  "

Lage,  Geschichte  und  Sage  vereinigen  sich  um  für  den  Trifels  das
Interesse  zu  erregen,  das  er  vor  allen  anderen  Burgen  der  Pfalz  für  sich  in
Anspruch  nimmt.  Kühn  streben  diese  Bergkegel  aus  dem  Tale  der  Queich
empor,  der  schönste  Buchenwald  umfaßt  ihre  Hänge  und  die  Spitzen  krönen
die  gewaltigen  Türme  und  festen  Mauern  auf  noch  gewaltigeren  Felsenlagern.
Die  uns  zunächstliegende  der  drei  Burgen  heißt  im  Volksmunde  „die  Münz““,
in  den  Chroniken  jedoch  Scharfenberg.

Ein  schöner  Waldweg  führt  an  dem  Abhange  des  Berges,  von  welchem
der  hohe  Turm  der  „Münze“  finster  herunterblickt,  und  weiter  an  dem  zweiten
Burgberg  hin,  der  die  noch  mehr  zerfallene  Mittelburg  Anebos  trägt;  ihre
Trümmer  bieten  noch  mehr  ein  Bild  des  Zerfalles  und  wilder  Verwüstung.
Nur  hohe  Felsengrate  ragen  aus  dem  Walde  über  den  wilden  Bergrücken;
die  Spuren  einer  Ringmauer  sowie  die  in  einen  breiten  Felsspalt  eingehauene
Treppe,  welche  in  ein  tiefes  Gewölbe  führte,  lohnen  nicht  der  Mühe  des  Ersteigens.
        <pb n="182" />
        170  33.  Der  Trifels.

Wir  haben  jetzt  den  Kegel,  auf  welchem  die  Hauptburg,  dereigentliche
  Trifels,  thront,  erreicht;  eine  Talschlucht  trennt  ihn  von  den  beiden
andern  Bergspitzen  und  alle  drei  ruhen  auf  der  gewaltigen  Masse  des  Sonnenberges
  oder  des  Haags,  wie  der  dreifältige  Berg  auch  genannt  wird.  Ein
freier,  geebneter  Rasenplatz  breitet  sich  hier  in  beschränkter  Runde  aus,  der
Tanzplatz.  Über  ihm  steigt  ein  ungeheurer,  überhängender  Felsen  empor,
der  sich  düster  über  den  Buchenwald  neigt  und  uns  jetzt  die  ganze  Burg  mit
ihren  Türmen  verdeckt.  Schon  dieser  Anblick  macht  einen  gewaltigen  Eindruck
und  wir  staunen  über  die  große  Vergangenheit,  welche  auf  diesen  Fels  hinauf
ihre  Paläste  gebaut.

Der  Weg  fängt  an  zu  steigen  und  windet  sich  rund  um  den  Berg  durch
den  tiefsten  Schatten  des  Buchenwaldes.  Endlich  stehen  wir  vor  Quadermauern,
  zur  Rechten  ein  hoher,  massiver  Brunnenturm,  von  dem  ein  kühn
gesprengter  Bogen  sich  zu  gegenüberstehenden  Mauern  wölbt.  Unter  diesem
Bogen  hindurch  gelangen  wir  zur  Burgtreppe,  die  uns  zum  Hauptturm  und
auf  den  Burghof  führt,  der  die  ganze  obere  Fläche  des  mächtig  sich  senkenden
Felsens  einnimmt.  Dieser  freie  Platz  scheint  wie  eine  Scheibe  in  der  Luft  zu
schweben,  und  wenn  wir  an  den  Rand  hintreten,  erfaßt  uns  Schauder  und
Schwindel.  Wrr  blicken  über  die  Felsenplatte  hinunter,  tief  unten  rauscht  und
flüstert  es  in  den  Wipfeln  der  hohen  Buchen  und  dort  am  südöstlichen  Rande
gegen  die  beiden  Nebenburgen  hin  klafft  ein  fürchterlicher  Riß.

Der  Ferrblick  ist  schön  und  weit.  Die  starre,  abentenerliche  Felsenwelt
der  Pfälzischen  Schweiz,  dazwischen  die  Dörfer  des  Gossersweiler  Tales,  das
Annweiler  Tal,  das  sich  vor  unserem  Auge  ins  Innere  des  alten  Vogesus
zieht,  tief  unten  das  Städtchen  selbst,  der  Blick  in  die  tiefe  Waldespracht  der
inneren  Haardt,  aus  welcher  die  grauen  Mauern  von  Ramberg,  Scharfeneck
und  Meisterseele  schauen,  und  dann  über  Anebos  und  Scharfenberg  hinaus
durch  die  Schluchten  des  Hohenbergs  und  Rotenbergs  und  die  Offnung  des
Queichtales  einige  herrliche  Perspektiven  auf  die  Ebene  —  dies  Rundgemälde
hat  so  wechselnde  und  mannigfaltige  Reize,  daß  schon  ihretwegen  der  Trifels
sich  den  sehenswertesten  Burgen  anreiht.

Jedoch  nun  vollends  die  Treppe  hinauf  nach  dem  schönen  Hauptturm,
der  heute  noch  eine  Höhe  von  50  Fuß  erreicht  und  zum  Schutze  vor  zerstörendem
  Wetter  wieder  überdacht  ist.  Die  Festigkeit  des  Turmes,  seine  schönen
Formen  im  romanischen  Stil,  die  Durchführung  der  Altanfenster  und  Pforten,
des  Sockels  und  der  Gesimse,  sowie  die  Gewölbe  im  Innern  selber  geben  dem
Turme  Interesse  für  den  Kunstfreund.  Aus  dem  unteren  Saale  führen  zwei
verschiedene  Treppen  in  die  Burgkapelle  hinauf,  deren  Kreuzgewölbe  und  Nischen
zu  den  schönsten  Überresten  der  romanischen  Baukunst  gehören.  Hier  wurden
die  Insignien  des  Reiches  verwahrt,  deren  Besitz  das  Anrecht  des  ersten  Thrones.
der  Christenheit  gewährte:  Krone,  Szepter,  Reichsapfel,  Mantel,  Gürtel,  goldner
Rock,  das  dalmatische  Kleid  Karls  des  Großen,  die  mit  Edelsteinen  geschmückten
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        33.  Der  Trifels.  171

goldenen  Handschuhe,  das  Schwert  des  großen  Karl,  die  Albe  von  weißem
Samt,  die  heilige  Lanze  und  Dornenkrone  des  Herrn  und  andere  Kleinodien
und  Reliquien  mehr,  welche  einige  hier  wohnende  Mönche  des  nahen  Klosters
Eußertal  alljährlich  dem  zuströmenden  Volke  zeigten.  Hier  war  auch  die
Schatzkammer  der  Kaiser,  wo  der  energische  Heinrich  Vl.  die  sizilianische  Erbschaft
  nach  Tankreds  Tode  niederlegte.

Über  der  Burgkapelle  befand  sich  der  prachtvolle  Marmorsaal,  den
der  alte  Barbarossa  erbauen  ließ  und  bewohnte.  Er  ist  im  Verlaufe  der
Zeiten  eingestürzt  und  die  von  den  späteren  Herzogen  von  Zweibrücken  aus
dem  Schutt  genommenen  Marmorplatten  und  Säulen  wurden  teils  nach  Annweiler
  teils  weiter  verschleppt.  —  Daneben  befindet  sich  der  tiefe,  feste  Brunnenturm
  am  Burgtor.  Sonst  ist  wenig  mehr  übrig  als  das  hinter  dem  Turme
sich  in  die  Felsen  senkende  Burgverlies,  in  welches  man  durch  viereckige
Offnungen  von  oben  hinunterschaut.  Es  erhält  sein  Licht  einzig  von  oben
durch  die  vier  mit  Quadern  ausgemauerten  Löcher  —  ein  schauerlicher  Aufenthalt.
  Mehr  als  dieses  Kerkers  bedarf  es  auch  nicht  um  die  Geschichte  dieser
Kaiserburg  in  ihrem  vollen  Glanze  vor  uns  erstehen  und  die  Poesie  der  alten
Zeit  sich  über  sie  breiten  zu  sehen.

Kaiser  und  Könige  haben  hier  in  ihrer  Herrlichkeit  gethront,  Kaiser  und
Könige  ihr  Elend  beweint  und  im  finstern  Kerker  geschmachtet.  Der  alte
Heinrich  IV.  saß  auf  der  festen  Burg  seiner  Bäter,  als  der  Bannfluch  auf
ihm  lastete,  die  Fürsten  des  Reiches  von  ihm  abfielen  und  der  eigene  Sohn
gegen  ihn  sich  erhob.  Niemand  war  ihm  treu  geblieben,  niemand  erbarmte
sich  des  greisen  Herrschers  als  die  Felsen  und  Mauern  des  Trifels,  welche
ihn  vor  der  Wut  seiner  Feinde  schützten,  —  denn  sie  war  „eine  sehr  starke
Feste“,  sagt  schon  der  alte  sächsische  Chronist.  —  Adalbert  von  Saarbrücken,
  Erzbischof  von  Mainz,  büßte  hier  den  Verrat  gegen  Kaiser  und
Reich.  Auch  der  Markgraf  von  der  Lausitz,  Wiprecht  von  Groit,  der
tapfere  Waffengefährte  des  aufrührerischen  Pfalzgrafen  von  Orlamünde  fühlte
hier  Kaiser  Heinrichs  V  Zorn.

Besonders  aber  bevölkerte  des  alten  Rotbarts  Sohn,  der  energische  Heinrich
  VI.,  die  Verliese  des  Trisels.  König  Richard  Löwenherz  von  England
wurde  von  Leopold  von  Osterreich  (wegen  Beschimpfung  seiner  Flagge  auf  den
Wällen  von  Ptolemais)  auf  der  Heimreise  vom  Kreuzzuge  gefangen  genommen
und  nach  Dürrenstein  an  der  Donau  gebracht.  Doch  „nur  ein  Kaiser  darf
einen  König  gefangen  halten“,  sprach  Heinrich  VI.  und  führte  den  Gefangenen
  auf  den  Trifels.  Zehn  Monate  lang  saß  hier  der  löwenherzige
Held,  fern  seiner  Liebe  und  seinem  Volke.  Vor  eine  Reichsversammlung,
gebracht  verteidigte  er  sich  gegen  die  Beschuldigungen  seiner  Feinde  in  einer
Weise,  welche  einen  tiefen  Eindruck  auf  den  Kaiser  machte,  der  ihn  umarmte,
aber  —  dennoch  nur  gegen  150000  Mark  Silber  und  gegen  Stellung  von
60  Geiseln  losließ.  —  Manche  Sage  weiß  noch  heute  im  Volksmunde  von
        <pb n="184" />
        172  33.  Der  Trifels.

dieser  Gefangenschaft  des  Löwenherz  zu  erzählen.  Einst  klang  durch  des  Turmes
Mauern  Harfenklang  und  ein  Lied,  das  nur  ihm  und  dem  treuen  Blondel,
seinem  Sänger,  bekannt  sein  konnte.  Er  sang  dazu  die  zweite  Strophe  und
draußen  rief  es:  „O  Richard,  o  mein  König!“  Es  war  Blondel  selbst,  der
an  allen  Burgen  nach  seinem  geliebten  Herrn  gespäht  und  nun  mit  50  Gefährten
  den  Trifels  gestürmt  haben  soll.

Das  Lösegeld  Richards  setzte  Heinrich  VI.  instand  seine  Ansprüche
auf  Sizilien  durchzusetzen.  Mit  24  Fürsten,  Grafen  und  Edeln  seines  Reiches
zog  der  Kaiser  am  9.  Mai  1194  hier  ein  um  den  Angriff  auf  Italien  zu
beraten.  Konstanzens  Erbe  ward  gewonnen,  fürchterliches  Strafgericht  über
die  sizilianischen  Großen  gehalten,  viele  derselben  wurden  auf  den  Trifels
geschleppt,  darunter  der  kühne  Seeheld  Margaritone  und  Graf  Richard  selbst,
der  Kaiserin  eigener  Vetter,  nachdem  beide  vorher  geblendet  worden  waren.
Der  Ausspruch  des  englischen  Chronisten,  „daß  keiner  diesen  Kerkern  mehr  entronnen,
  der  einmal  hinabgestiegen“,  rechtfertigte  sich  jetzt  nur  zu  sehr  unter  der
Regierung  eines  Herrschers,  dessen  Leichnam  noch  nach  fünfhundert  Jahren
den  finstern  Ernst  und  Trotz  zeigte,  der  sich  in  seinem  Leben  so  gewaltsam
aussprach.

Unter  Philipp  von  Schwaben  seufzte  der  Erzbischof  Bruno  von  Köln
in  den  Kerkern  des  Trifels  und  als  Friedrich  II.  das  Reich  zu  altem  Glanze
zu  bringen  suchte,  ließ  er  seinen  Sohn  Heinrich  als  römischen  König  auf  dem
Trifels  zurück,  wo  er  in  der  Burgkapelle  dem  Vater  die  Treue  schwor,  da
dieser  in  den  Kampf  gegen  die  Ungläubigen  zog.  Doch  der  irregeleitete  Jüngling
  vergaß  der  Treue,  empörte  sich,  und  als  der  erzürnte  Vater  in  seine
Staaten  zurückeilte,  floh  der  Sohn  auf  den  Trifels,  der  jedoch  dem  Kaiser
die  Tore  öffnete.  Im  Gefängnis  büßte  der  Sohn  seine  Untreue,  bis  er  starb.
Des  Kaisers  jüngerer  Sohn  empfing  die  Feste,  deren  Besitz  über  das  Schicksal
der  Krone  und  des  Reiches  entschied.

So  war  sie  stets  die  Lieblingsburg  und  die  Hauptstütze  des  großen  hohenstaufischen
  Herrscherhauses  gewesen  und  der  romantische  Duft,  lder  um  die
Heldengestalten  dieses  Geschlechts  sich  breitet,  weht  um  die  einsamen  Mauern
und  die  verfallenen  Türme  des  Trifels  mehr  als  um  alle  anderen  Burgen
Europas.

Alle  die  lieder-  und  sangesreichen,  alle  die  heldenmütigen,  unglücklichen
Stammgenossen  dieses  Geschlechtes  wandeln  vor  dem  träumenden  Blicke  durch
die  hohen,  zerfallenen  Hallen;  und  er  vor  allen,  der  so  gerne  hier  weilte,  des
großen  Rotbarts  großer  Enkel,  der  schöne  Sohn  der  holden  Konstanzia,  Friedrich
  der  Zweite,  der  über  sein  Jahrhundert  emporragt,  einsam  wie  der
Trifels  über  den  dunkeln  Wald  —  strahlend  und  übergossen  von  dem  ganzen
Zauberlichte  der  Poesie  seiner  Zeit  und  in  dem  Glanze  der  Geschichte  Deutschlunds,
  Italiens,  Europas  —  prangend  gleich  der  Sonne  selber.  Aber  diese
Sonne  an  dem  hohenstaufischen  Sternenhimmel  ging  unter  hinter  Firenzuolas
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        34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bahern  als  Kunstfreund.  173

Mauern,  in  den  welschen  Apenninen  und  der  letzte  Stern  sank  blutigen  Glanzes
auf  dem  Markte  Neapels;  —  einsam  trauerten  Deutschland  und  des  Reiches
Feste  wie  die  verlassene  Braut.

Wilhelm  von  Holland  „erreichte  jetzt  das  Ziel  aller  seiner  Wünsche,
den  Trifels  samt  seinen  Heiligtümern“,  wie  er  hocherfreut  seinem  Kanzler,  dem
Bischof  von  Speyer,  schreibt.  Im  Triumphe  zog  er  ein,  seine  Gemahlin  sollte
nachkommen,  wurde  aber  von  dem  Rietberger  samt  ihrem  Gefolge  aufgehoben.
„Die  Besitznahme  von  Trivellis  ist  eine  der  ersten  Maßnahmen,  welche  ein
römischer  Kaiser  zu  ergreifen  hat,“  schreibt  der  Papst  an  Richard  von  Kornwallis
  nach  dessen  Wahl.  Und  dies  nahm  sich  der  Engländer  zur  Lehre.

So  blieb  der  Trifels  die  erste  Feste  des  Reiches  und  seit  Kaiser  Heinrichs
  V.  Tod  wurden  hier  die  Reichsinsignien  nach  dessen  noch  auf  dem  Totenbette
  gemachten  Verordnungen  verwahrt,  bis  sie  Rudolf  von  Habsburg
nach  Kyburg  in  der  Schweiz  brachte.  Jedoch  Adolf  von  Nassau  brachte  sie
wieder  hierher.  Ludwig  der  Bayer  pflanzte  die  Reichsfahne  hier  auf,  aber
er  verpfändete  die  Burg  samt  dem  freien  Reichsstädtchen  Annweiler  an
das  pfälzische  Haus,  wodurch  beide  zuletzt  an  die  Herzoge  von  Zweibrücken
kamen.  Da  erblich  die  Herrlichkeit  des  Trifels  mit  der  Herrlichkeit  des  Reiches,
als  die  Fürsten  des  Reiches  sich  über  die  Würde  des  Kaisers  erhoben  —  die
Bauern  konnten  bereits  die  alte  Kaiserburg  plündern  —  einsam  stand  der
Trifels  und  gebeugt  unter  die  Gewalt  kleiner  Herrscher.  Da  traf  ihn  der
Himmel  noch  mit  seinem  Blitzstrahl,  wodurch  der  größte  Teil  der  Burg  abbrannte.
  Notdürftig  ausgebessert  sah  die  einst  so  herrliche  Burg,  welche
Kaiser  und  Könige  beherbergt  hatte,  arme  flüchtige  Landleute  im  Dreißigjährigen
Kriege  in  ihren  Mauern  und  wilde  Horden  aus  Spanien,  Schweden  und
Ungarn,  bis  die  Pest  alle  ihre  Einwohner  vollends  vertrieb.  Als  die  Franzosen
  im  Reunionskriege  auf  den  Trifels  kamen,  fanden  sie  nichts  als  Ruinen.

So  ruht  nun  der  Trifels  auf  seinen  gewaltigen  Felsen  in  Schutt  und
Trümmern,  immer  noch  ein  großer,  wenn  auch  trauernder  Zeuge  einer  großen
Vergangenheit.

34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.

Von  Karl  Trautmann.“

Wenn  einer  um  das  Jahr  1600  nach  dem  damals  noch  so  weltverlorenen
Schleißheim  seine  Schritte  lenkte,  um  etwa  bei  einer  der  traulichen,  in  Waldesdämmer
  versteckten  Klausen  seine  Andacht  zu  verrichten  oder  Herz  und  Auge
an  all  dem  Gottessegen  zu  erlaben,  der  da  draußen,  auf  Feld  und  Flur,  so
reich  sich  erschloß,  so  konnte  er  wohl  einem  ernsten,  mildblickenden,  alten
Herrn  begegnen,  der,  geistlich  gekleidet  wie  ein  Kanonikus,  in  stille  Betrachtung
versunken,  einsam  seines  Weges  ging.

Es  war  Herzog  Wilhelm  V.,  zubenannt  der  Fromme.
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        174  34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.

Aber  nicht  mehr  der  herrschgewaltige  Landesfürst  von  Bayern;  es  war  der
stille  Mann,  welcher,  dem  übermächtigen  Zuge  seiner  melancholischen  Natur
folgend,  Abschied  genommen  hatte  von  irdischer  Macht  und  Größe  um  allein
seinem  Seelenheile  zu  leben  und  den  Werken  christlicher  Barmherzigkeit.  Ja,  er
war  nun  wirklich  zum  Klausner  geworden  in  den  träumerischen  Einsiedeleien  mit
ihren  Quellen  und  schilfumsäumten  Wassern,  die  er  in  der  Einsamkeit  um  Schloß
Schleißheim  sich  hatte  bauen  lassen.  Hier  fand  seine  milde,  beschauliche  Natur
die  Welt,  wo  ihm  so  recht  glücklich  und  zufrieden  ums  Herz  war  und  die  er
selbst  in  München  in  seiner  späteren  Residenz  —  der  heutigen  Maxburg  —
nicht  hatte  missen  wollen.  Gar  anschaulich  berichten  uns  Augenzeugen  von
der  Wildnis,  die  er  hier  in  seinem  Garten  sich  angelegt,  wie  da  alles  mit  eingehauenen
  Zellen,  mit  Tannen  und  wilden  Bäumen  besetzt  sei,  wie  ein  Wässerlein
  aus  dem  Felsen  herausquille,  das  ein  Bächlein  und  Weiherlein  mache,
darinnen  schöne  Forellen  schwimmen  und  alles  „gar  finster,  melancholisch,  andächtig,
  ja  forchtsam“  aussehe,  etwa  so,  wie  in  den  „gemählen  und  kupferstuckhen“
  die  Patres  und  Eremiten  abkonterfeit  sind.

Und  in  der  Tat  waren  die  damals  in  Kupferstichen  über  die  ganze  katholische
  Welt  verbreiteten  Szenen  aus  dem  Einsiedlerleben,  welche  der  niederländische
  Maler  Martin  de  Vos  geschaffen,  das  Vorbild  für  Wilhelms  Anlagen,
jene  liebtrauten  Blätter,  die  in  Altbayern  als  Wandschmuck  nicht  nur  im
Schlosse  zu  Schleißheim  und  in  der  Münchener  Residenz  sondern  allüberall  in
den  Bürgerhäusern  wertgehalten  wurden  und  die  uns  die  frommen  Männer
zeigen,  wie  sie  in  Höhlen  hausen  oder  in  einer  Klause  unter  weitschattenden
Lindenbäumen,  in  inbrünstiges  Beten  versunken,  ein  heiliges  Buch  lesend  und
ihren  hinfälligen  Körper  kasteiend,  hinwider  auch  mit  emsiger  Arbeit  in  Feld
und  Garten  beschäftigt  oder  arbeitsmüde,  sinnenden  Auges  hinausblickend  in
weite,  friedselige  Landschaften.  Und  dazu  treten  die  unzertrennlichen  Gefährten
  des  Einsiedlers,  nickende  Blumen  und  die  Geschöpfe  des  Waldes.  Das
schlanke  Reh,  das  durch  das  Dickicht  bricht,  die  emsig  schaffenden  Bienen,  die
im  Wasser  spielende  Forelle,  die  Vögelein,  die  in  traulicher  Gemeinschaft  dem
stillen  Manne  von  alters  her  zugetan  sind  und  an  deren  liebevoll  beobachtetes
Treiben  er  seine  frommen  Betrachtungen  knüpft  über  des  Schöpfers  Allmacht,
Güte  und  Weisheit  auf  Erden  und  die  er  weiterspinnt  in  wundersam  eindrucksreichen
  Gleichnissen.

Es  ist  eine  stumme,  beschauliche  Welt  voll  unendlichen  Friedens,  voll
holdseliger  Poesie  und  tiefsten  inneren  Glücksgefühles,  die  aus  diesen  Blättern
zu  uns  spricht  —  es  ist  die  Welt,  die  Herzog  Wilhelm  V  sich  geschaffen  nach
seiner  Thronentsagung  um  in  frommer  Betrachtung  nur  Gott  zu  leben  und
seiner  innern  Läuterung.

So  wie  ich  es  in  leichten  Strichen  angedeutet,  lebt  sein  Bild  noch  heute
in  der  Erinnerung  fort.  Sonst  weiß  man  wenig  mehr  von  ihm  zu  erzählen.
Höchstens  noch,  daß  er  die  Münchener  Michaelskirche  erbaut  mit  dem  Jexuiten=
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        34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.  175

kollegium  daneben  und  das  alte  Schloß  in  Schleißheim,  das  durch  die  Nachbarschaft
  seines  glänzenden  Rivalen  aus  der  Barockzeit  für  die  große  Menge
ganz  in  den  Schatten  gestellt  wird,  trotz  seiner  gewinnenden,  liebenswürdigen
Schlichtheit.

Und  liebenswürdig  und  herzgewinnend  tritt  uns  bei  näherer  Betrachtung
auch  sein  Erbauer,  Herzog  Wilhelm,  entgegen,  als  Mensch  nicht  minder  wie
als  Freund  und  Förderer  der  Kunst,  die  ihm  von  Jugend  auf  eine  treue
Lebensgefährtin  geworden  und  eine  hoheitsvolle  Trösterin  in  den  schweren
Stunden  innerer  Kämpfe,  die  auch  ihm,  dem  Fürsten,  nicht  erspart  geblieben
sind.  Der  warmfühlende  Mensch,  der  feinsinnige  Kunstfreund,  der  Großes  gewollt,
  geplant  und,  wie  die  gewaltige  Kirche  von  St.  Michael  beweist,  auch
ausgeführt  hat;  der  Sammler  und  Kenner,  der  seinerzeit  weithin  berühmt  gewesen
  in  deutschen  Landen,  hat  die  Vergessenheit  nicht  verdient,  die  ihm  geworden.
  Es  war  ein  Verhängnis  für  ihn,  daß  seine  von  1579—1597  währende,
politisch  wenig  ergebnisreiche  und  in  finanzieller  Beziehung  für  Bayern  sogar
tieftraurige  Regierungszeit  zwischen  zwei  der  glänzendsten  und,  was  nicht  vergessen
  werden  darf,  bereits  eingehender  durchforschten  Perioden  Wittelsbacher
Kunstpflege  fällt.  Ihm  voran  geht  sein  Vater,  Herzog  Albrecht  V.,  für  dessen
Wirken  es  genügt  an  Orlando  di  Lasso,  an  Hans  Müelich  und  seine  Miniaturen,
  die  Goldschmiedearbeiten  der  Reichen  Kapelle  und  der  Schatzkammer
zu  erinnern  und  an  die  für  Schloß  Dachau  gefertigte  Holzdecke  im  Stiegenhause
  unseres  Bayerischen  Nationalmuseums.  Und  was  Wilhelms  großer  Sohn
und  Nachfolger,  Kurfürst  Maximilian  I.,  für  die  Kunstpflege  bedeutet,  davon
erzählen  uns  in  München  die  Residenz  und  ihre  meisterhafte  Innenausstattung,
die  Mariensäule,  das  Erzdenkmal  Kaiser  Ludwigs  in  der  Frauenkirche  und  all
die  Werke,  die  uns  die  Nennung  nur  der  Namen  Peter  Candid,  Angermayr
und  Hans  Krumpper  ins  Gedächtnis  rust  und  die  im  Geiste  zurückversetzen
in  jene  trotz  der  schweren  Drangsale  des  beginnenden  Dreißigjährigen  Krieges
für  unser  Altbayern  so  unvergleichlichen  Tage,  wo  die  Kunst  mit  ihrem  Zauber
selbst  den  unscheinbarsten  Gegenstand  des  täglichen  Gebrauches  adelte.  Aber
gerade  die  Erinnerung  an  diese  schöne  Zeit  darf  uns  nicht  vergessen  lassen,
daß  Herzog  Wilhelm  V.  es  gewesen,  der  durch  seine  stille,  unermüdete  Anteilnahme
  für  die  Kunst  jene  Keime  legte,  die  unter  seinem  Sohne  zu  so  herrlicher
Ernte  heranreifen  sollten.

Und  nicht  zum  letzten  aus  diesem  Grunde  soll  berichtet  werden,  wie  der
Fürst  zum  Freund  und  Förderer  der  Künste  geworden  und  wie  er  als  solcher
dachte  und  handelte.

Schönere  Tage  hat  München  wohl  kaum  mehr  gesehen  wie  damals,  als
im  Februar  1568  Kronprinz  Wilhelm  Hochzeit  hielt  mit  Renata  von  Lothringen.
Mit  seinen  wechselreichen  Ringelrennen,  Schlittenfahrten,  Turnieren,  mit  den
heiteren  Komödien  und  feierlichen  Tänzen,  in  deren  Ausstattung  alle  Künste
sich  vereinigt  hatten  um  Bilder  von  geradezu  märchenhafter  Farbenpracht  zu
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        176  34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.

schaffen  und  damit  die  freudige  Stimmung  der  Teilnehmer  aufs  höchste  zu
steigern  war  es  ein  Fest  geworden,  das  noch  lange  die  Einbildungskraft  des
Volkes,  auch  außerhalb  Bayerns,  beschäftigte  und  das  sogar  in  der  Sage  von
Doktor  Faust  fortlebt,  die  den  Erzzauberer  auf  seinem  Mantel  eigens  nach
München  fliegen  läßt  um  diese  Herrlichkeiten  anzusehen.  Es  war  die  glänzende
Ouvertüre  zu  des  Fürsten  Lebensgange.

Mit  seiner  Vermählung  war  Wilhelm  selbständig  geworden  und  der
neunzehnjährige  Thronfolger  erhielt  nunmehr  seine  eigene,  vom  Vater  unabhängige
Hofhaltung.  Albrecht  V.  hatte  dem  jungen  Paare  Landshut  als  Residenz  angewiesen,
  den  ehemaligen  Herrschersitz  der  reichen  Herzoge  von  Niederbayern
und  seines  Großoheims  Herzog  Ludwig,  eine  Stadt,  wie  sie  reizvoller  kaum
gefunden  werden  konnte  im  Bayerland.  Georg  Huffnagel,  ein  gewerbekundiger
Kaufmann  aus  Antwerpen,  der  die  kampfdurchwühlten  Niederlande  verlassen
und  sich  „vnder  den  schutz  vund  schirm  deß  friedsamen  Fürsten  Hertzog  Albrechten
in  Beyern  gegeben,  bey  welchem  er  dann  der  Kunst  Menig  oder  Zinnober  zu
machen  fridlich  obliget“,  hat  uns  aus  eben  dieser  Zeit  eine  begeisterte  Schilderung
  des  damaligen  Landshut  hinterlassen.  Gar  lieblich  und  lustsam  dünkt
ihm  Ort  und  Gau,  „welcher  von  der  natur  und  mutter  aller  dinge  reichlich
begabt  ist".  Er  rühmt  die  Fruchtbarkeit  des  Bodens,  die  wogenden  Getreidefelder,
  die  grünen,  lustigen  Wiesen  und  Weideplätze,  die  „mancherley  baumfrücht
und  vberauß  köstlichen  Wein,  welcher  zugleich  Got  ond  die  menschen  erquicken
soll“  und  meint  schließlich,  „daß  dise  gegend  billich  mit  den  allerlüstigsten  uund
fruchtbarsten  in  gantz  Europa  kan  verglichen  werden“.

Man  sieht,  dem  vielgereisten  Manne  ist  es  ordentlich  wohl  geworden  beim
Anblick  dieser  friedlichen  Natur  und  ihres  reichen  Erntesegens.  Und  wie  anmutig
  ist  nicht  die  Stadt  selbst,  die  „von  schönen,  lüstigen  gebäwen“  glänzet,
und  der  wunderliebliche,  neue  Hofgarten  vor  der  Stadtmauer,  welchen  Wilhelm
seinem  lieben  Ehegemahl  „durch  spitzfündigkeit  und  hülff  etlicher  Frantzösischer
gärtner  vor  wenig  jaren  bawen  lassen“.  Mit  großer  Anschaulichkeit  rühmt
Huffnagel  dessen  Reize.  Kein  Wunder,  meint  er,  daß  „  der  durchleuchtigste
Hertzog  mit  seinem  außerwelten  gemahel  dise  stat  vornemlich  zu  seinem  Sitz
vund  Hoffhaltung  erwehlet,  so  es  doch  sonst  vil  andere  stattliche  stätt  in
Beyern  hatt".

Vom  Hofgarten  an  der  Isar  führt  uns  der  Niederländer  in  seiner  Beschreibung
  hinauf  nach  der  alten  Burg  Transnitz,  die  Kronprinz  Wilhelm,  der
ihm  „ein  außbund  der  tugent  zu  vnserer  zeit“  dünkt,  „welcher  sich  kurtzweiliger
und  außländischer  ding  höchlich  annimpt“  und  „darzu  ein  sonderlich  freygebiger
Patron  onnd  liebhaber  aller  sinnreicher  leut  ist“",  zu  einem  Fürstensitze  der
Renaissance  umgestalten  läßt.  Bereits  hat  er  des  Schlosses  „vornehme  Säl
vud  Gemach  mit  wunderschönen  Gemählen,  auch  alten  ond  newen  Bildern“,.
malen  und  zieren  lassen,  „darinn  im  dan  nicht  allein  die  sehr  schöne  gelegenheit
  und  natur  deß  orts  sonder  auch  der  grausam  sinn=  ond  kunstreiche  Meister
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        34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.  177

Fridrich  Sustris,  ein  geborner  Holländer,  aber  auß  Welschland  dahin  kommen,
behülfflich  gewesen,  welcher  auch  noch  täglich  darmit  umgehet,  daß  er  zu  mit
seiner  täglichen  arbeit  und  newen  fünden  ziere,  als  mit  lustigen  Bächlein,  die
allenthalben  dardurch  rauschen,  mit  lieblichem  fliegen  und  gesang  mancherley
Gevögels,  mit  Nymphen  oder  Junckfrawen  Bildern,  Gemählen,  Kräuterfeldern
und  dergleichen  dingen  mehr,  die  zur  ergetzlichkeit  uund  wollust  dienlich  sind,
also,  daß  beyde,  der  durchleuchtigste  Fürst  ond  auch  der  sinnreiche  Meister,
welcher  wol  wehrt  ist,  daß  er  umb  einen  solchen  Fürsten  vund  Patronen  sey,
höchlich  zu  loben  und  zu  preisen“.

Aus  diesen  Worten  Huffnagels  erhellt  unzweideutig,  daß  nicht  Herzog
Albrecht  V.,  sondern  Kronprinz  Wilhelm  während  seines  Landshuter  Aufenthaltes
  von  1568—1579  es  gewesen  ist,  der  die  alte  Trausnitz  baulich
und  gärtnerisch  zu  dem  gemacht  hat,  was  sie  trotz  ihres  bedauernswerten
Verfalles  noch  heute  geblieben  ist  —  ein  Schatzkästlein  der  Renaissance,  ein
Heim,  wo  Natur  und  Kunst,  wo  der  Zauber  der  Erinnerung  an  vergangene
Zeiten  des  altbayerisch  gemuteten  Besuchers  Sinne  gar  wundersam  gefangen
nehmen.

Von  diesem  sonnigen,  kunsterfüllten  Hintergrunde  hebt  sich  ein  vielgestaltiges
  Hofleben  ab.  Der  Hofstaat  ist,  wie  Herzogin  Renata  es  von  ihrer
Heimat  Lothringen  her  gewohnt  war,  auf  großem  Fuße  eingerichtet.  Außer
den  zahlreichen  Dienern,  Kämmerlingen  und  Verwaltungsbeamten  stehen  italienische
  Komödianten  und  Springer  in  Diensten,  französische  Gärtner,  die
herrschenden  Moden  widerspiegelnd  ein  deutscher,  ein  spanischer,  ein  französischer
Schneider,  dazu  Mohren,  ein  Löwenwärter,  ein  Leopardmeister,  Zwerge  und
viel  ander  minderes  Volk  —  fürwahr,  man  glaubt  in  eines  der  farbenglühenden
Bilder  Meister  Paolo  Veroneses  zu  schauen.

Vor  allem  aber  hatte  der  Fürst  einen  auserlesenen  Kreis  von  Musikern
und  Sängern  um  sich  versammelt;  denn  seine  frühesten  Kunstneigungen  galten
der  Musik  und  hierin  es  seinem  Vater  Albrecht  V  gleichzutun  bildete  seinen
ersten  Ehrgeiz.

Kronprinz  Wilhelm  selbst  war  musikalisch  hochgebildet.  Er  spielte  die
Laute,  Zither,  Lyra  und  andere  Instrumente  und  war,  wie  berichtet  wird,  ein
guter  Sänger.  Sein  Berater  in  allen  musikalischen  Fragen  ist  seines  Vaters
Kapellmeister  Orlando  di  Lasso,  mit  dem  ihn  bald  und  zeitlebens  herzliche
Freundschaft  verband.  Orlando  ist  ein  häufiger  und  stets  freudig  begrüßter
Gast  auf  der  Trausnitz.  Und  die  zahlreichen,  von  mehr  oder  minder  gepfefferten
  Witzen  übersprudelnden  Briefe,  die  der  Meister  an  den  Kronprinzen  richtet,
bleiben  ein  wertvolles  Denkmal  dieses  Bundes,  schon  deshalb,  weil  sie  uns
lehren,  daß  der  vertraute,  niemals  den  Gebieter  zeigende  und  Vertrauen  erweckende
  persönliche  Verkehr  mit  seinen  Künstlern  —  und  nicht  allein  mit  den
großen  unter  ihnen  —  ein  Hauptzug  ist  in  dem  liebenswürdigen  Bilde  Herzog
Wilhelms  als  Kunstfreund.

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  12
        <pb n="190" />
        178  34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.

Auch  sonst  herrschte,  der  mit  Renata  eingeführten  freieren  französischen
Hofsitte  entsprechend,  das  heiterste  Treiben  auf  der  Trausnitz.  Der  junge
Kronprinz  war  in  jenen  Jahren  wirklich  jugendfroh  mit  den  Jungen,  ein  Mensch
mit  fröhlichem  Sinne  und  Herzen,  den  man  seiner  späteren  Entwicklung  nach
gar  nicht  in  ihm  vermuten  sollte,  und  durchaus  kein  Spielverderber.  Fest  ließ
er  auf  Fest  folgen.  Da  gab  es  Turniere,  Ringelrennen,  Kübelstechen;  Ballspiele
  wechselten  mit  sog.  Bauernhochzeiten,  jenen  lustigen  Mummereien,  welche
später  unter  Kurfürst  Ferdinand  Maria  eine  Ausgestaltung  fanden,  die  sie  geradezu
zu  einer  Spezialität  des  bayerischen  Hofes  machten.  Zur  Winterszeit,  wenn
die  Flocken  recht  dicht  herabwirbelten,  wurden  umfangreiche  Schneeschlösser  aufgeführt
  und  von  den  hohen  Herrschaften  im  Sturm  genommen,  woran  die
jungen  Hofdamen  gar  wacker  sich  beteiligten,  gehüllt  in  „Turckisch  Klaider  vund
lannge  reckh"“.  Hatte  man  im  Freien  genug  getummelt,  so  zog  man  sich  zurück
in  die  behaglichen  Gemächer  zu  Musik  und  Gesang.  Auch  hier  fehlt  es  nicht
an  Abwechslung.  Bald  läßt  ein  „Allgeyerischer  pfeiffer“  sich  hören  oder  ein
ungarischer  Dudelsackblaser,  der  aus  Preßburg  berufen  worden,  bald  schenkt
man  „zwayen  geigern  vund  der  leirerin“  seine  Aufmerksamkeit,  der  regelmäßigen
Vorträge  der  Hofvirtuosen  nicht  zu  gedenken.  Auch  am  städtischen  Theaterleben
  nimmt  man  teil  und  besucht  jedesmal  die  Handwerkerspiele  und  die  alljährlich
  stattfindenden  Komödien  des  Stadtpoeten  und  der  Pfarrschüler  von
St.  Martin  und  St.  Jodok.

Daß  die  bildenden  Künste  zur  Verschönerung  dieser  Feste  beigezogen
wurden,  war  selbstverständlich  und  lag  ja  im  Geiste  und  in  den  Gepflogenheiten
  der  farben=  und  formenfreudigen  Renaissance.  Aber  noch  fehlte  die
achtunggebietende  Persönlichkeit  von  universeller  künstlerischer  Begabung,  die  all
dem  Zweck  und  Richtung  geben  und  die  mehr  als  nette  Spielereien  zu  betrachtenden
  Ansätze  ausbauen  sollte  zu  einer  wirklichen  Kunstpflege  mit  bedeutungsvollen
  Zielen  und  nachhaltigen  Ergebnissen.

Diese  Persönlichkeit  erschien  in  Friedrich  Sustris.

Es  war  ein  denkwürdiger  Tag  in  Wilhelms  Leben,  als  er  im  Jahre  1573
zum  ersten  Male  dem  Künstler  ins  Auge  blickte  und  in  ihm  alsbald  den  richtigen
  Mann  erkannte,  dem  er  seine  künstlerische  Erziehung  anvertrauen  durfte.
Denn  mochten  auch  seine  Hofkavaliere  und  die  in  überschwenglichen  Lobeserhebungen
  sich  ergehenden  Italiani  seiner  Umgebung  den  zwanzigjährigen
Fürsten  bereits  als  unvergleichlichen,  als  unfehlbaren  Mäcen  und  Kunstkenner
preisen,  so  hat  Wilhelm  in  seinem  bescheidenen  Sinne  wohl  niemals  sich  verhehlt,
  wie  sehr  er  eines  gereiften  und  ehrlichen  künstlerischen  Beirates  bedürfe
um  seine  noch  tastende  Schaffensfreudigkeit  auf  diesem  Gebiete  in  ersprießliche
Bahnen  zu  lenken.  Und  daß  dem  wirklich  so  gewesen,  beweist  nichts  schlagender
  als  das  unbedingte,  niemals  erschütterte  Vertrauen,  das  Sustris  trotz  aller
Wandlungen  in  den  Lebensanschauungen  seines  Gebieters  über  ein  Vierteljahrhundert,
  bis  zu  seinem  Tode  um  Pfingsten  1599,  genoß  und  das  Georg
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        34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.  179

Huffnagels  schönes  Wort  wahr  gemacht  hat,  daß  der  sinnreiche  Meister  gewißlich
  wert  gewesen  um  einen  „solchen  Fürsten  uund  Patronen“  zu  weilen.

Sustris  lohnte  seinem  Gönner  diese  Hingabe.  Alles,  was  Herzog  Wilhelm
Bedeutendes  geschaffen,  hat  dieser  Künstler  erdacht  und  ausgeführt,  zum  letzten
nicht  die  drei  Marksteine  in  des  Fürsten  Wirken  als  Bauherr  —  die  Trausnitz,
  die  Michaelskirche  und  den  Grottenhof  der  Münchener  Residenz.

Als  Maler  war  Friedrich  Sustris  im  Jahre  1573  nach  Landshut  gekommen.
  Etwa  30  Jahre  alt
und  angeblich  zu  Amsterdam  geboren
  gehört  er  zu  jener  großen
Schar  italienisch  gebildeter  Niederländer,
  die  damals  —  es  sei  nur
an  Giovanni  da  Bologna,  Adriaen
de  Vries,  Peter  Candid  erinnert  —
anfingen  bedeutsam  im  Kunstleben
Europas  neben  den  reinen  Italienern
  hervorzutreten.  Zumeist  sind
es  tüchtige  Arbeitskräfte  von  solidem
  Können  und  reicher,  freilich
nicht  allzu  origineller  Phantasie,
die  rasch  und  ungezwungen  in
das  künstlerische  Milien  sich  einleben,
  wohin  ihre  unstäte  Wanderfahrt
  sie  trägt.

So  auch  Sustris,  der  in
Italien  seine  Ausbildung  sich  geholt,
  in  Florenz  unter  Vasari  und
später  in  Venedig  gearbeitet  hatte.
Als  Maler  in  seinen  figürlichen
Bildern  nicht  eben  bedeutend  ist  er  Die  Michaelskirche  in  München.
dagegen  der  geborene  Dekorateur
und  von  einer  geradezu  erstaunlichen  Vielseitigkeit,  nach  dieser  Richtung  ein
echtes  Kind  der  italienischen  Renaissance.  Mit  spielender  Hand  zeichnet  er  Kostüme
für  den  Hofstaat  oder  für  Schauspiele  und  Festzüge,  er  fertigt  Entwürfe  für
Goldschmiede  und  Plattner,  vor  allem  aber  läßt  er  sich  schon  damals  als
Architekt  verwenden  und  entwickelt  sich  an  dieser  Tätigkeit  zu  dem,  was  er
später  amtlich  geworden  ist,  zu  einem  geradezu  idealen  Generaldirektor  der
bildenden  Künste  am  bayerischen  Hofe,  mit  dem  unvergleichlichen  und  nicht
allzuhäufigen  Talente,  die  richtigen  Leute  an  richtiger  Stelle  zu  verwenden.
Dazu  war  ihm  jene  rücksichtslos  durchgreifende  Energie  zu  eigen,  die  für  solch
einen  Posten  unumgänglich  notwendig  ist  und  die  gerade  nicht  zu  den  Eigenschaften
  seines  gütigen  Gönners  Herzog  Wilhelm  gehörte.

 

 

 

 

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        180  34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.

Freilich  fehlte  es  ihm  nicht  an  Gegnern  und  Neidern  und  jener  Zug  von
Bitterkeit  um  Mund  und  Augen,  den  sein  in  der  Bamberger  Galerie  befindliches
  Bildnis  zeigt,  berichtet  genugsam  von  den  Anfeindungen,  die  er  hierzulande
erlitten,  wo  man  ihn  von  seiten  des  Hofbauamtes  als  Baudilettanten  behandelte,
als  welschen  Eindringling  und  Windbeutel,  von  dem  Augenblicke  an,  da  er
Kronprinz  Wilhelms  Gunst  sich  errungen.  Und  da  er  als  echter  Künstler
weder  auf  Geld  noch  Arbeitszeit  Rücksicht  nahm,  wenn  ihn  etwas  künstlerisch
nicht  befriedigte,  ließ  man  nicht  ab  seine  Entlassung  zu  beantragen.

Glücklicherweise  stets  ohne  den  geringsten  Erfolg,  so  daß  er  von  dem
unentwegten,  mächtigen  Schutze  seines  Gönners  getragen  zunächst  auf  der
Trausnitz  seine  reiche  Begabung  verwerten  konnte.

Kronprinz  Wilhelm  hatte  mit  Vorbedacht  die  landschaftlich  so  entzückend
über  der  Stadt  Landshut  gelegene  Burg  zum  ständigen  Aufenthalte  gewählt
und  nicht  die  von  Häusern  eingeengte  Residenz,  die  sein  Großoheim  Herzog
Ludwig  erst  30  Jahre  vorher  als  italienischen  Palazzo  an  der  Hauptstraße
errichtet.  Denn  er  war  ein  leidenschaftlicher  Freund  der  Natur  und  ihres
stillen  Webens  und  seine  Wohnsitze  mit  blühenden  Gärten  zu  schmücken  war
ihm  kaum  eine  mindere  Lust  als  das  Bauen  selbst.  Und  man  schätzt  Wilhelms  V.
Schöpfungen  als  Kunstwerke  nur  unvollkommen  ein,  indem  man  diese  bisher
allerdings  fast  unbekannte  Betätigung  seiner  Kunstpflege  außer  acht  läßt.

Und  wie  nun  Sustris  die  Aufgabe  löst,  die  Trausnitz  gärtnerisch  mit
ihrer  Naturumgebung  in  Verbindung  zu  setzen,  ist  interessant  und  charakteristisch
und  kann  am  besten  deutlich  gemacht  werden  durch  den  Vergleich  mit  den
gärtnerischen  Anlagen  eines  anderen,  gleichfalls  wittelsbachischen  Fürstenschlosses,
das  in  seiner  landschaftlichen  Lage  eine  oftmals  schon  hervorgehobene  Ahrlichkeit
mit  der  Trausnitz  besitzt.  Ich  meine  das  Heidelberger  Schloß,  wo  Kurfürst
Friedrich  V.  seit  1615  durch  den  französischen  Ingenieur  Salomon  de  Caus
einen  großen  Prachtgarten  anlegen  ließ.  Durch  ausgedehnte  Felssprengungen,
dann  durch  Aufführen  von  Mauern  bis  zu  80  Fuß  Höhe,  die  gegen  den
Erddruck  durch  Reihen  von  Pfeilern  und  Bogen  gesichert  sind,  wird  neben  dem
Schlosse  und  mitten  im  Bergeshange  jene  gewaltige  Terrasse  geschaffen,  deren
Fläche  den  Gartenkünsten  der  Renaissance  zum  Schauplatz  dient.

Ganz  anders  verfährt  Sustris  in  Landshut.  Nicht  nur  baulich,  auch
landschaftlich  wahrt  er  den  Charakter  der  alten  Burg.  Aber  wo  zwischen  den
Ringmauern  und  Türmen  ein  freies  Plätzchen  ist,  legt  er  ein  Blumenparterre
an,  einen  Laubengang,  ein  Lusthaus,  einen  architektonisch  und  malerisch  ausgestatteten
  Pavillon  für  Singvögel  oder  seltene  Tiere  und  umgibt  so,  ohne
daß  es  vom  Fuße  des  Berges  aus  störend  auffällt,  die  ganze  Burg  mit  einem
Kranze  reizender  Gärtchen.

Besonders  gepriesen  von  diesen  Schöpfungen,  die  alle  im  Geiste  der
italienischen  Renaissance  regelmäßig  angelegt  und  reich  mit  Statuen,  Gemälden,
Wandbrunnen,  Fontänen  und  Vexierwassern  ausgestattet  sich  zeigten,  war  der
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        34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.  181

sogenannte  Uraniagarten  auf  der  nach  München  schauenden  Südseite  der  Burg,
zwischen  dem  massigen  Wittelsbacherturm  und  dem  zu  einem  Sommerhause  mit
Belvedere  und  wahrscheinlich  auch  astrologischem  Observatorium  umgestalteten,

 

Inneres  der  Michaelskirche  in  München.

gegen  die  Stadt  hinabblickenden  Wasserturme.  Hier  war  nicht  allein  die
Anlage  sondern  auch  die  Vegetation  eine  ganz  südliche.  Weinreben  rankten  an
den  Wänden  empor  und  bedeckten  die  Laubengänge,  zu  deren  Wartung  ein
eigener  „Weinzierl“  angestellt  war,  die  Schloßrechnungen  sprechen  von  „Pomerantzen,
  Feigen  und  Lorperpaum“,  die  im  Sommer  dort  zur  Ausfstellung
kamen,  ebenso  von  einem  „Wappen“  aus  Steinchen,  das  in  einem  der  Parterres
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        182  34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.

gelegt  wurde.  Auch  ein  Labyrinth  findet  sich  in  der  „Urania“  oder,  wie  der
Volksmund  sie  nannte,  die  „Uräni“.

Den  Bergrücken  mit  seinen  Bäumen  läßt  der  Meister  unangetastet.  Er
umfriedet  ihn  zum  sogenannten  „Haag“,  zu  einem  von  Wegen  durchschnittenen
Naturparke,  wo  sich  400  zahme  Hirsche  und  Rehe  tummeln,  und  bringt  drinnen
die  einzelnen  Tiergehege  unter,  welche  zu  Wilhelms  Zeiten  eine  Sehenswürdigkeit
der  Trausnitz  bildeten,  den  Kinigl=  oder  Kaninchengarten,  die  drei  Fasangärten,
den  Fuchsgarten,  Hasengarten,  Straußengarten,  das  Schwanenhaus.

Ja,  was  ließe  sich  nicht  alles  von  diesen  Tierankäufen  und  den
Bemühungen  des  Kronprinzen  ihretwegen  berichten!  Einmal  werden  in  Genua
ein  paar  lebendige  Schildkröten  „zimelich  groß,  Ettliche  henne  vund  hen,  zwen
papegey“,  ein  grauer  und  ein  grüner  gekauft,  außerdem  für  5  Kronen  ein
Affe,  Geflügel  aus  Algier,  „Allerley  seltzsame  Mörvisch"“.  Ein  andermal  läßt
Wilhelm  ebendort  Nachfrage  halten  nach  „allerley  seltzsamen  vund  Turggischen
Dingen“,  dann  gibt  es  wieder  Anschaffung  von  babylonischen  Hennen  oder
es  wird  ein  Bär  gebracht,  ein  Löwe,  ein  Leopard.  Anno  1576  erfolgt  die
Ülbersendung  eines  auserlesenen  Papageies  und  vorsorglicherweise  macht  der
Agent  darauf  aufmerksam,  daß  er  „In  der  erst  nit  gleich  wirt  anfahen  zu
reden,  Aber  so  balt  er  anfacht,  so  schwetzt  er  vil“.

Über  seinen  zoologischen  Garten,  denn  das  ist  es  doch  gewiß,  läßt  sich
der  Herzog,  wenn  er  abwesend  ist,  von  seinem  Burgpfleger  genau  Bericht
erstatten  und  erfährt  dabei  einmal,  daß  Seiner  Fürstlichen  Gnaden  „Thier
vund  gefigl  alles  frisch  uund  gesundt  ist“,  ausgenommen  die  weiße  Elster,
„die  hatt  vrlaub  genomen".

Was  für  Erfolge  die  Kaninchenzucht  erziele  und  wie  viele  Kaninchen  man
schon  erzogen,  fragt  Wilhelm  an  und  der  Pfleger  erwidert  alsbald,  daß  er
„die  kuniglen,  so  heraust  im  garten  sint,  nit  erzelen,  derhalben  auch  wievil
derselben  sindt  nit  wiessen  kunne".

Dieser  Tiergarten,  über  60  Tagwerke  groß,  breitete  sich  längs  des  ganzen
Höhenrückens  aus.  Und  wo  im  Norden  der  Stadt  die  duftige  Waldesfrische
des  Buchenhages,  gegen  die  Isar  hin  sich  senkend,  ein  Ende  nimmt  und
freundliche  Wiesengründe  sich  erstrecken  in  der  Nähe  des  rasch  dahinfließenden,
angenehme  Kühlung  spendenden  Gebirgswassers,  erst  dort  beginnt  wieder  die
Herrschaft  der  Kunst  und  wird  der  neue  Hosgarten  angelegt  oder,  wie  er  in
den  Rechnungen  heißt,  der  „Neue  Lust=  vund  Ihrrgarten"“.  Es  war  dies
eine  Lösung  der  gestellten  Aufgabe,  wie  sie  gerade  im  Gegensatze  zu  Heidelberg,
wo  alter  Waldbestand  geopfert  werden  mußte,  um  eine  große  Fläche  zu
gewinnen,  nicht  feinsinniger  und  glücklicher  gedacht  werden  kann.

Huffnagel,  der  wohl  oftmals  dort  gewandert,  weiß  das  Werk  nicht  genug
zu  rühmen,  „darin  selzame  außlendische  frücht  von  köstlichen  bäwmen,  frembde
kräuter  vund  gewech,  Blumen  auß  Welschland,  Hispanien  und  Franckrich
herzubracht,  mit  kleinen  feldlein,  Irrgarten  vnd  kamerladen  zusehen,  die  alle
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        34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.  183

voll  mancherley  blumen  vund  frücht  stehen  uund  wunder  künstlich  gemacht  sind“,
dessen  „zeun  von  mancherley  kleinen  bäumlein  oder  gestreuchen  gemacht,  durch
einander  gezeunt,  mit  villerley  art  blumen,  wie  ein  seltzam  gewürckter  Teppich
gesprenckelt  unnd  darneben  mit  roten  äpfflein,  als  Küttenäpfflen,  Wespeln  ond
andern  außlendischen  früchten  mehr  beladen“,  das  sogar  „hin  vund  wider  mit
bildern  vund  gemählen  geziert  ist"  und  dessen  „ongläubich  große  lust,  zierd
und  schönheit,  ja  auch  nutzbarkeit“  derart  sei,  „daß  alles  ongläublich  scheinet,
was  man  davon  sagt“.

 

 

Der  Grottenhof  in  der  Münchener  Residenz.

Und  heute?  Alle  diese  Blumenpracht  ist  spurlos  verschwunden  und  an
ihrer  Stelle  erhebt  sich  der  trostlos  nüchterne  Kasernenbau  der  Schweren
Reiter.

Auch  die  Trausnitz  ist  verödet.  Die  Gärten  sind  nicht  mehr  mit  ihren
schimmernden  Marmorbildern  und  den  plätschernden  Brunnen.  Verlassen  und
jedes  Schmuckes  bar  schaut  die  Urania  hernieder  und  selbst  die  lateinische
Inschrift  ist  erloschen,  die  über  der  Pforte  verkündete,  daß  hier  der  Eingang
sei  in  Wilhelms  Gartenlust,  den  Hain  der  heiteren,  leichtbeschwingten  Musen,
in  sein  herzbezwingendes,  leuchtendes  Elysium.  Und  wenn  wir,  etwa  wenn
der  Abend  leise  hereinbricht  über  die  unermeßliche  Ebene,  aus  der  weithin  die
Wasser  der  Isar  aufleuchten  unter  den  Strahlen  der  sinkenden  Sonne,  dort
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        184  34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.

oben  die  Spuren  des  Fürsten  und  seines  Meisters  aufsuchen,  die  so  oft  geweilt
an  dieser  einst  so  kunsterfüllten  Stätte,  so  finden  wir  nur  eines  noch,  was
geblieben  ist,  herzerfreuend  und  erhebend  wie  vordem,  der  Blick  in  das  wundervolle,
  lachende  Altbayernland.

Was  also  auf  der  Trausnitz  sich  erhielt,  ist  nur  ein  kleiner  Teil  von
dem,  was  Sustris  geschaffen.  Dazu  gehört  außer  dem  im  Jahre  1575
begonnenen  sogenannten  Italienischen  Anbau  —  einem  dem  Schlosse  nach
Süden  vorgelegten  Eckpavillon  von  vier  Fensterbreiten  —  die  architektonische
Umgestaltung  des  alten  Burghofes  mit  der  hübschen  Freitreppe  und  den
Arkadengängen,  welche  unter  des  Meisters  Leitung  seit  1579  ins  Leben  traten,
als  die  Veränderungen  und  die  dekorative  Ausstattung  der  Repräsentationsräume
  und  Zimmer  des  ersten  Obergeschosses  bereits  im  Fortschreiten  waren.

Diese  dekorative  Ausstattung  nun,  besonders  die  entzückenden  Grotesken,
gehören  wohl  zu  dem  Köstlichsten,  was  die  Renaissance  in  Altbayern  hinterlassen.
  Die  Entwürfe  hierzu  rühren  von  Sustris  her;  die  Ausführung,  wie
er  selbst  berichtet,  lag  in  den  Händen  seines  Schwagers  Alessandro  Paduano
und  des  Antonio  Ponzano,  des  Meisters  der  berühmten  Badezimmer  im
Fuggerhause  zu  Augsburg,  der  gleichzeitig  mit  Carlo  Pellago  die  Stukkaturen
besorgte.

Auch  der  biedere  Altbayer  Hans  Thonauer  findet  Beschäftigung,  wie
es  überhaupt  nicht  zu  Sustris'  Gepflogenheiten  gehörte  die  Einheimischen
zurückzusetzen.  Im  Gegenteil  spornt  er  sie  an  im  Wettbewerb  mit  den  in
den  neuen  Techniken  der  Stuckierung  und  Groteskenmalerei  erfahreneren
Italienern  und  Niederländern  ihr  Bestes  zu  geben.  Wie  später  Cuvilliès  an
den  Reichen  Zimmern  der  Residenz  und  der  Amalienburg,  erzieht  Sustris  eine
tüchtige  Schule  einheimischer  Meister,  und  was  München  hierin  ihm  zu  danken
hat,  sagt  allein  schon  der  Name  Hans  Krumpper.

Als  blutjunges  Weilheimer  Büblein,  aus  einer  dort  alteingesessenen,  vom
Vater  auf  den  Sohn  für  den  bayerischen  Hof  arbeitenden  Bildschnitzerfamilie
stammend,  war  Krumpper  nach  München  gekommen,  wo  der  gütige  Herzog
Wilhelm  sich  seiner  annimmt  und  ihn  das  „Maler=  und  Bosirer-Handwerk“
lernen  läßt.  So  wächst  er  allgemach  hinein  in  das  großzügige  Kunstleben
jener  Tage.  Er  ist  beim  Grottenhofbau  dabei  und  bei  der  Michaelskirche
und  Sustris,  dessen  scharfer  Blick  in  dem  frischen  Gesellen  einen  jener  Auserwählten
  erkannt  hat,  von  denen  er  meint,  daß  es  „gute  Leute“  werden,
fördert  ihn  in  jeglicher  Weise.  So  durfte  er  1590  nach  Italien  ziehen.  Und
als  er  zurückkehrt,  gerecht  in  aller  Arbeit  als  Maler,  Bildhauer  und  Architekt
und  seine  Begabung  immer  bedeutsamer  sich  entwickelt,  da  gab's  eines  Tages
ein  frohes  Fest  in  Sustris'  Hause  an  der  Herzogspitalgasse,  das  wohl  die
ruhmreichen  Namen  alle,  die  Münchens  Kunst  damals  ihr  eigen  nannte,  an
einer  Tafel  vereinigte:  es  war  das  Hochzeitsfest  von  Meister  Friedrichs  Tochter
Katharina  mit  Hans  Krumpper  von  Weilheim.
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        34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.  185

Und  als  Sustris  nach  schwerem  körperlichen  Leiden  und  vielen  Bitternissen
  in  seiner  Familie  im  Jahre  1599  die  Augen  schloß,  da  sorgte  Wilhelm  V.
nicht  nur  großmütig  für  die  letzten  Lebenstage  der  Witwe,  er  trat  gleichsam
auch  das  künstlerische  Vermächtnis  des  Verstorbenen  an  und  nahm  dessen
Schwiegersohn  in  seine  persönlichen  Dienste.  Und  des  Fürsten  Privatarchitekt
und  Kunstintendant  ist  Hans  Krumpper  bis  zum  Jahre  1609  geblieben,  um
dann  bei  Herzog  Maximilian  als  Baumeister  der  Münchener  Residenz  an
erste  Stelle  zu  rücken.

Diese  treue  Anhänglichkeit  an  jene,  die  ihm  redlich  und  mit  bestem
Können  gedient,  ist  der  schönste  Zug  im  Bilde  Herzog  Wilhelms  als  Kunstfreund
  und  mit  das  Geheimnis  seines  Erfolges.  Wen  er  einmal  ins  Herz
geschlossen  hatte,  an  dem  hielt  er  fest  und  kein  noch  so  scharfer  Widerstand
seiner  Beamten  machte  ihn  mehr  wankend  in  seiner  UÜberzeugung.  Seine
Künstler  konnten  sich  auf  ihn  verlassen  wie  er  auf  sie.

Auf  diesem  gegenseitigen  Vertrauen  beruhte  das  selten  harmonische
Zusammenarbeiten  dieses  Kreises,  der  in  den  gleichen  künstlerischen  Anschauungen
  herangewachsen  war  und  dessen  geistigen  Mittelpunkt  eben  das  Sustrishaus
  bildete,  wo  in  herzlicher  Freundschaft  ebenso  Peter  Candid  verkehrte
wie  dessen  scharfer  Konkurrent  bei  den  Malereien  der  Michaelskirche  und  des
Grottenhofes,  der  welsche  Pittore  Antonio  Maria  Vianino,  der  Sustris'
zweite  Tochter  Livia  heimführte  und  im  Jahre  1592  von  München  aus  als
oberster  Baumeister  nach  Mantua  an  den  Hof  der  Gonzaga  berufen  wurde.

Doch  auch  Wilhelms  V.  weniger  gute  Eigenschaften  in  seiner  Kunstpflege
dürfen  nicht  verschwiegen  werden.  Vor  allem,  daß  er  kein  Rechner  war.
Denn  unähnlich  hierin  einem  anderen  Wittelsbacher,  unserem  zielbewußten  und
sparsamen  Könige  Ludwig  I.,  der  mit  Stolz  von  sich  rühmen  durfte,  daß  er
nie  einen  Bau  in  Angriff  genommen  ohne  für  die  Zahlung  des  letzten  Steincs
Sorge  getragen  zu  haben,  unähnlich  auch  seinem  eigenen  Sohne  Kurfürst
Maximilian,  der  sein  Wollen  nur  auf  das  nach  den  verfügbaren  Mitteln
Erreichbare  beschränkt,  das  Begonnene  aber  mit  unbengsamer  Energie  zu  Ende
führt,  schrittweise  und  wohlbedacht,  spielt  bei  Herzog  Wilhelm  die  Kostenfrage
überhaupt  keine  Rolle.  Und  noch  ein  weiterer,  für  einen  Kunstsammler  wie
für  einen  Bauherrn  höchst  bedenklicher  Nachteil  war  ihm  eigen:  es  fehlte
seinem  Beginnen  an  Planmäßigkeit  und  Stetigkeit.  Ein  Projekt  jagte  das
andere  und  nur  selten  kam  etwas  zu  glücklichem  Abschlusse.

Eine  glänzende  Ausnahme,  wenngleich  der  Turm  nicht  vollendet  ist,
bildet  nur  die  Münchener  Michaelskirche  mit  dem  anstoßenden  Jesuitenkollegium,
  doch  dürfte  das  Verdienst  hieran  zu  nicht  geringem  Teile  der
Gesellschaft  Jesu  zufallen.

Und  in  allem,  was  er  tat  und  plante,  lag  bei  Wilhelms  beschaulicher
und  grüblerischer  Natur  stets  die  Gefahr  nahe,  daß  sein  anfangs  überschäumender
  Eifer  im  Kleinen  und  Kleinlichen  zerflatterte.
        <pb n="198" />
        186  34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.

So  beschleicht  ihn  bei  Anlage  des  Gartens  der  Maxburg  in  München
gar  verführerisch  der  Gedanke,  wie  erfreulich  und  nutzbringend  es  wäre  hier
eine  Weintraubenkultur  anzulegen  und  echten  „Münchener“  zu  keltern.  Was
könnte  man  nicht  an  Geld  ersparen,  das  jetzt  für  teuren  Wein  ins  Ausland
gehe.  Und  so  läßt  er  „mit  großen  vokösten"“"  Weinreben  „aus  Vngern,
Oesterreich  und  vom  Rhein,  Neckhar,  Tauber,  auß  Italia,  Frankhreich  ond
andern  orten“  kommen  und  setzt  sie  zusammen,  „damits  ein  heurath  abgeben“,
und  alsbald  reiften,  sorglich  gehegt,  die  Trauben  heran.  Von  den  50  Eimern,
die  er  im  Jahre  1610  von  diesem  Gewächse  erzielte,  hatte  er  dem  Augsburger
Patrizier  Philipp  Hainhofer  bei  seinem  Besuche  in  München  „zur  nachtmalzeit
zwo  große  Flaschen“  geschickt,  „einen  rotten,  den  Sie  Rappes  nennen  und  ein
schiller,  der  so  schön  imm  glaß,  als  wanns  ein  Carfunkel  were“,  und  dieser
trank  ihn  wirklich  und  gab  sein  Urteil  dahin  ab,  daß  er  „tein  schönern  wein
nie  gesehen  habe,  ond  ist  nit  nur  schön,  sondern  auch  guet  darneben“.

Ein  andermal  soll  er  für  seine  Schwester,  die  Erzherzogin  Maria  in
Graz,  die  Mutter  des  späteren  Kaisers  Ferdinand  II.,  ein  „Jesukind“  kleiden,
ihr  für  die  Karwoche  ein  „heiliges  Grab“  zusammenstellen,  weil  er  das  ja  so
meisterhaft  verstehe,  hinwider  einen  blauen  Kachelofen  für  ihr  „Stübl“
besorgen.  Oder  der  alte  Herr  fällt  seinen  ihn  vergötternden  Neffen  und
Nichtlein  in  die  Hände,  die  nicht  eher  Ruhe  geben,  bis  er  ihnen  einen  „Wurzgarten“
  für  ihr  „Kripperl“  einrichtet,  und  wie  hätte  er,  der  große  Freund
und  Förderer  dieses  liebenswürdigen,  besonders  in  München  gepflegten  Kunstzweiges,
  solch  herziger  Bitte  aus  Kindermund  widerstehen  können?

Alle  diese  Kleinigkeiten  wurden  von  ihm  mit  gleicher  Hingabe  wie  seine
großen  Bauten  überdacht  und  ausgeführt,  weil  ihm  eben  jede  menschliche
Fertigkeit  als  eine  Gottesgabe  galt,  die  sorgsam  gehegt  und  gefördert  werden
müsse.

Im  Jahre  1579  starb  Herzog  Albrecht  und  Wilhelm  siedelte  als
Herrscher  nach  München  über,  wohin  Sustris  ihm  alsbald  nachfolgte.

Ich  habe  vielleicht  zu  lange  bei  der  Kronprinzenzeit  Wilhelms  V.  verweilt.
Aber  ich  tat  es  mit  Absicht,  weil  mir  vor  allem  daran  liegt  an  der  Hand
bisher  unverwerteten  Materials  einen  Einblick  zu  gewähren  nicht  in  die
künstlerische  Detailarbeit  jener  Tage,  sondern  vornehmlich  in  die  Ideen  und
Stimmungen,  aus  denen  heraus  der  Fürst  zum  Freund  und  Förderer  der
Künste  heranreisfte.  Die  10  Jahre  seines  Landshuter  Wirkens  sind  auch  für
den  jugendlichen  Fürsten  die  „Epoche  seiner  Entwickelung“  gewesen,  jene  Zeitspanne
  im  Leben,  von  der  einst  der  greise  Goethe  meinte,  als  er  Rückschau
hielt  auf  Erstrebtes  und  Erlebtes,  daß  eigentlich  sie  „die  bedeutendste  Epoche
eines  Individuums“  bilde;  was  später  noch  folge,  sei  „der  Konflikt  mit  der
Welt“  und  „dieser  hat  nur  insofern  Interesse,  als  etwas  dabei  herauskommt".

Was  Herzog  Wilhelm  nunmehr  anbahnt  in  seiner  Kunstpflege  als
Landesfürst,  also  von  1579  bis  zu  seiner  freiwilligen  Thronentsagung  im
        <pb n="199" />
        34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.  187

Jahre  1597,  und  weiter  bis  zum  Abschlusse  seines  Lebens  in  Schleißheim
draußen  am  7.  Februar  1626,  ist  die  unbeengte  Verwertung  des  Errungenen.

In  Friedrich  Sustris  hatte  er  den  hochbegabten,  verlässigen  und  treuen
Mitarbeiter  zur  Durchführung  seiner  künstlerischen  Absichten  gewonnen  und
in  den  trüben  Erfahrungen  mit  den  Beamten  Herzog  Albrechts,  die  allen
Plänen  des  Meisters  hemmend  und  voll  Hochmut  entgegengetreten  waren,  die
felsenfeste  Überzeugung,  daß  er  diese  Absichten  nach  seinem  Sinne  nur  verwirklichen
  könne  durch  einen  entschiedenen  Bruch  mit  der  bisherigen  Baubureaukratie
  des  Herzogtums.  Nun,  da  er  alleiniger  Herr  geworden  im  Bayernlande,
  sollte  auch  sein  Sustris  als  wirklicher  Künstler  schaffen  dürfen,  frei  und
unbeeinflußt.

Es  erfolgt  die  Einrichtung  eines  eigenen  Bauamtes,  das  seine  Weisungen
unmittelbar  und  ausschließlich  vom  Fürsten  erhält  und  an  dessen  Spitze
Sustris  tritt.  Zu  seinem  Geschäftskreise  gehören  lediglich  die  Bauten,  die
der  persönlichen  Initiative  Wilhelms  ihre  Entstehung  verdanken  und  sozusagen
seine  Privatunternehmungen  sind.  Zunächst  der  „Neue  Garttenpaw  im  Jägergäßl“,
  dessen  Überreste  den  Grottenhof  der  Residenz  umfassen  und  wo  die
Arbeiten  bereits  im  Juli  1581  ihren  Anfang  nehmen  und  die  Michaelskirche,
deren  Grundstein  der  Herzog  in  feierlicher  Wcise  am  18.  April  1583  legt.  Das
bisherige  sogenannte  Hofbauamt,  dem  seit  dem  Jahre  1587  der  aus  Augsburg
berufene  Wendel  Dietrich  vorsteht,  ist  hiermit  aus  dem  Kunstbetriebe  Herzog
Wilhelms  ausgeschaltet.  Es  bleibt  wie  bisher  der  Hofkammer  als  oberster
Baubehörde  unterstellt  und  erledigt  die  Obliegenheiten  des  heutigen  Land=  und
Flußbauamtes.

Wenn  Wendel  Dietrich  also  am  Bau  der  Münchener  Michaelskirche
teiluimmt,  so  tut  er  es,  modern  gesprochen,  lediglich  als  der  den  technischen
und  administrativen  Teil  der  Bauführung  leitende  und  überwachende  Ministerialkommissär.
  In  künstlerischen  Fragen  lag  die  Entscheidung  bei  Sustris.

Um  aber  auch  nach  außen  hin  über  die  Stellung  der  beiden  Meister
zueinander  jeden  Zweifel  unmöglich  zu  machen  erließ  Wilhelm  V.  unterm
26.  Juli  1587,  also  genau  beim  Eintritt  Dietrichs  in  bayerische  Dienste,  ein
Dekret,  in  welchem  er  ausdrücklich  erklärte,  daß  Sustris  „wie  bisher,  Rechter
vund  Obrister  Paumaister  haißen,  auch  sein  vund  bleiben  solle“,  daß  er  alle
„Intentionen,  disegna  vund  außthailung  machen  vund  alle  ding  beuelchen
vund  angeben“  und  „Ime  alle  Maler,  Scolptori  vund  Handwerchsleut
gehorsamb  sein  ond  Ir  Jeder  sein  Arbeit,  nach  seinem  beuelch,  angeben  vnd
haissen“  zu  verrichten  und  zu  machen  habe.

Wendel  Dietrich  ist  also  zu  ganz  unverdientem  Ansehen  gelangt,  als  man
in  ihm  den  langgesuchten  Meister  der  Michaelskirche  gefunden  zu  haben  glaubte.
Diese  Ehre  gebührt  Friedrich  Sustris.

Jetzt  heben  sonnige  Tage  an  für  die  Münchener  Kunst,  eine  blütenschwere
Zeit  beginnt,  durch  deren  freudiges  Planecn  und  Schaffen  es  hindurchzieht  wie
        <pb n="200" />
        188  34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.

ein  Frühlingshauch.  Und  daß  es  in  langem  gemeinsamen  Überlegen  ausgereiste
  Baugedanken  waren,  keine  Augenblicksschöpfungen,  die  nunmehr  zur  Tat
werden,  beweisen  eben  die  beiden  Werke,  in  welchen  die  Kunstpflege  Wilhelms  V.
ihren  Höhepunkt  und  ihren  vollendetsten  Ausdruck  findet.

Als  Verwirklichung  seines  hochsinnigen  Wahlspruches  Servire  Deo
regnare  este,  als  monumentales  Bekenntnis  des  unbeugsamen  Festhaltens  als
Landesfürst  an  dem  altererbten  Väterglauben  entsteht  die  Ordenskirche  von
St.  Michael.  Es  lebt  eine  himmelanstrebende  Großzügigkeit  in  diesem  Baue,
die  ihn  als  Raumschöpfung  hoch  hinaushebt  über  alles,  was  damals  in
Deutschland  ins  Leben  trat,  etwas  unendlich  Ernstes  und  Feierliches,  das  unwillkürlich
  das  Wort  zum  Flüstertone  dämpft,  wenn  der  Blick  die  in  prachtvollem
  Schwunge  sich  wölbende  Halle  umfaßt.  Nichts  kühl  Vornehmes,  nichts
verstandesmäßig  Berechnetes.  Es  ist  der  Geist  tiefsten  inneren  Empfindens
und  Erfassens  des  Göttlichen,  der  hier  zu  uns  spricht,  der  Geist,  aus  dem
heraus  Orlando  di  Lasso  seine  in  mächtig  fortreißenden  Rhythmen  einherrauschenden
  Tonwerke  gedichtet.

Und  neben  diesen  Hymnus  an  den  Erlöser  tritt  einschmeichelnd  und
graziös  wie  eine  italienische  Canzonetta  das  lauschige  Idyll  des  Grottenhofes,
jenes  stille,  kunstgeweihte  Plätzchen  voll  Blumenduft  und  Brunnengeplätscher,
das  Wilhelm  inmitten  der  weitläufigen  Hofburg  sich  eingerichtet  und  wo  er
einsam  träumen  konnte  oder  in  trauter  Zwiesprach  sich  ergehen  mit  seinen
Künstlern  und  Getreuen.  Gewiß  nichts  erzählt  uns  eindringlicher  von  Sustris'
hoher  Meisterschaft,  als  daß  es  ihm  baulich  gelungen  ist,  zwei  so  ganz  verschieden
  gearteten  Stimmungen  gleichzeitig  und  in  gleich  vollendeter  Weise
gerecht  zu  werden.

Und  ehe  ich  abschließe,  will  ich  noch  von  einem  Unternehmen  berichten,
das  während  der  letzten  Regierungsjahre  Wilhelms  V.  bedeutsam  in  den
Vordergrund  tritt  und  dessen  Geschichte  getreulich  die  Wandlung  widerspiegelt
im  Seelenleben  des  Fürsten.

Das  16.  Jahrhundert  mit  seinem  gesteigerten  Ruhmbedürfnis  ist  an
fast  allen  Höfen  Europas  das  Zeitalter  der  Errichtung  der  großen  Familien--grabdenkmale.
  Was  in  Italien  die  Päpste  und  die  Mediceer  gewollt,  sagt
uns  allein  schon  der  Name  Michelangelo.  In  Saint-Denis,  der  ehrwürdigen
Begräbnisstätte  der  Könige  Frankreichs,  planen  die  Valois  eine  gewaltige
Rundkirche,  im  Eskorial  läßt  Philipp  II.  von  Spanien  durch  Leone  und
Pompeo  Leoni  für  sich  und  seinen  Vater  Karl  V.  ein  kostbares  Bronzedenkmal
  schaffen,  die  Habsburger  fördern  das  Innsbrucker  Werk  ihres  Kaisers
Maximilian  und  selbst  kleinere  Herren  bleiben  nicht  zurück,  wie  das  Beispiel
des  Grafen  Ernst  von  Schaumburg-Holstein  beweist,  der  die  Ausführung  seines
Grabmonumentes  in  Stadthagen  dem  gewandten  Niederländer  Adriaen  de
Vries,  dem  Meister  des  Augsburger  Merkur=  und  Herkulesbrunnens,  anvertraute.
        <pb n="201" />
        34.  Herzog  Wilhelm  V.  von  Bayern  als  Kunstfreund.  189

Da  müßte  es  seltsam  zugegangen  sein,  wenn  von  unseren  Wittelsbachern
nicht  Ahnliches  zu  berichten  wäre.

Vielleicht  gleichzeitig  mit  der  durch  den  Turmeinsturz  veranlaßten  Erweiterung
  des  Chores  der  Michaelskirche  im  Jahre  1590  faßt  Herzog  Wilhelm
  den  Gedanken,  zunächst  für  sich  und  seine  Gemahlin  Renata  dortselbst
ein  Grabmonument  ins  Werk  zu  setzen.  Im  Laufe  der  Planungen  scheint  die
Idee  dann  ins  Großartige  gesteigert  worden  zu  sein,  zu  einem  Gesamtdenk-=male
  der  Häuser  Wittelsbach  und  Lothringen,  das  mit  der  Menge  seiner  erzgegossenen
  Statuen  das  Monument  Kaiser  Maximilians  in  der  Franziskanerkirche
  zu  Innsbruck  an  Umfang  weit  übertroffen  hätte.

Die  Entwürfe  dazu,  die  natürlich  von  Sustris  stammten  und  deren  Ausführung
  in  erster  Linie  dem  Meister  des  Augsburger  Augustusbrunnens
Hubert  Gerhard  anvertraut  war,  sind  leider  verloren  gegangen,  aber  noch
erhaltene  Aktenstücke  und  Rechnungen  setzen  uns  in  den  Stand  die  Idee
wenigstens  in  ihren  Hauptzügen  festzulegen.

Den  Mittelpunkt  des  Monumentes,  den  wir  uns  etwa  so  zu  denken
haben  wie  den  Hauptbau  des  Kaisermausoleums  in  der  Münchener  Frauenkirche,
  bildet  ein  hochragendes,  gegen  den  Hauptaltar  schauendes  Kruzifix.  Zu
beiden  Seiten  in  zwei  knienden  Gruppen  Herzog  Wilhelm  mit  seinen  Söhnen
und  die  Töchter  mit  Renata  von  Lothringen  an  der  Spitze,  ein  Motiv,  dessen
feierliche  Würde  die  Betergruppen  des  Familiengrabes  im  Eskorial  ahnen
lassen,  die  an  hoheitsvoller  Würde  kaum  ihresgleichen  finden  dürften.

Im  Unterbau  sind  vier  Bronzereliefs  eingelassen,  an  den  Langseiten  die
Erweckung  des  Lazarus  und  der  Tochter  des  Jairus,  an  den  Schmalseiten
Christi  Auferstehung  und  die  Vision  des  Propheten  Ezechiel.  Um  das  Mausoleum
  reihen  sich  in  drei  Ordnungen  die  Fürsten  des  Hauses  Wittelsbach,  ob  als
Statuen  oder  nur  in  Wappenreihen,  läßt  sich  mit  Sicherheit  nicht  bestimmen.
An  den  Ecken  knien,  wie  in  der  Franenkirche,  vier  Standarten  haltende  Wächter.

Das  ganze  Monument  ist  von  Schranken  umschlossen,  auf  denen  16  Vorfahren
  der  Herzogin  Renata  stehen.  Ihre  Reihenfolge  wird  in  den  Mitten
der  Langseiten  durch  zwei  überhöhte  Postamente  unterbrochen,  welche  die
Statuen  Albrechts  V.  und  des  Herzogs  Franz  von  Lothringen,  Renatas  Vater,
tragen.  Zwei  weitere  Figuren  befinden  sich  außerhalb  der  Schranken,  der
Stammvater  des  Geschlechts,  Otto  von  Wittelsbach,  und  ein  dem  Langhaus
der  Kirche  zugewendeter  Engel  mit  dem  Weihbrunnbecken.

Als  Ganzes  ist  das  Werk  niemals  ins  Leben  getreten  und  wir  haben
damit  den  Verlust  eines  Kunstwerkes  zu  beklagen,  in  dem  Sustris  gewiß  sein
reisstes  Können  niedergelegt  hatte.  Besonders  wenn  wir  auf  die  Bruchstücke
blicken,  die  bei  Wilhelms  Thronentsagung  im  Jahre  1597  bereits  fertig  gestellt
waren  und  die  überallhin  zerstreut  heute  noch  erhalten  sind.  Vor  allem  der
herrliche,  meist  fälschlich  als  Cäcilia  angesprochene  Weihbrunnengel  im  Querschiffe
  der  Michaelskirche,  wo  an  den  Wänden  die  allerdings  weniger  gelungenen
        <pb n="202" />
        190  35.  Augsburger  Studien.

Bronzereliefs  zu  sehen  sind,  wahrscheinlich  auch  die  Bronzekandelaber  am  Choraufgange
  und  die  schildhaltenden  Löwen  vor  den  Portalen  der  Residenz  und
sicher  die  vier  „Wachter",  die  in  der  Frauenkirche  Verwendung  fanden  am
Denkmale  Kaiser  Ludwigs  des  Bayern,  mit  welchem  wohl  bescheidener  aber
nicht  minder  kunstvoll  der  Sohn  zur  Tat  machte,  was  der  Vater  mit  seinem
Mausoleum  des  Hauses  Wittelsbach  erstrebt.

Wilhelms  V.  eigenes  Grabdenkmal  ist  das  große  Kruzifix  geworden,  dessen
Fuß  in  tiefstem  Weh  die  Gestalt  der  Magdalena  umklammert.  Und  von  all
dem  Totenprunk,  der  für  die  majestätischen  Hallen  von  Sankt  Michael  geplaut
war,  ist  schließlich  nur  die  Gestalt  des  Erlösers  übrig  geblieben,  in  ihrer  ergreifenden
  Schlichtheit  die  wahrste  Verkörperung  des  Fürsten,  der  den  Leitstern
seines  Erdenwallens  in  den  Worten  gefunden  hatte:  „Auf  dich,  o  Herr,  hab  ich
gehofft  mein  Leben  lang  und  mein  Vertrauen  wird  nicht  zu  Schanden  werden.“

35.  Augsburger  Studien.
Von  Wilhelm  Heinrich  Riehl.)

Vier  Flüsse  lassen  die  alten  Augsburger  am  Augustusbrunnen  zu  den
Füßen  des  Imperators  lagern,  der  ihre  Stadt  gegründet.  Wer  nicht  ortskundig
  ist,  der  muß  eine  genaue  Spezialkarte  zur  Hand  nehmen  um  diese
vier  Flüsse  aufzufinden;  er  entdeckt  dann  als  dritten  und  vierten  Fluß  neben
Lech  und  Wertach  die  Singold  und  den  Brunnenbach  und  lächelt  darüber.
Dieses  Lächeln  ist  aber  voreilig.  Denn  die  beiden  Bäche  repräsentieren  nicht
bloß  ihren  eigenen  Wasserfaden  sondern  je  einen  ganzen  Strang  von  kleinen
Parallelbächen,  ein  Netz  von  Quellen,  wodurch  die  Lech=  und  Wertachauen  mit
zahllosen  nassen  Gräben  durchschnitten,  die  Stadt  Augsburg  nach  außen  verteidigt,
  nach  innen  mit  dem  reichsten  Schatze  nutzbaren  Wassers  versehen  wird.

Keine  in  der  Ebene  gelegene  deutsche  Stadt  ist  so  reich  wie  Augsburg
an  trefflichen  Brunnen  und  Quellen  und  dieser  Reichtum  hängt  mit  dem
wunderlichen  Wassersystem  von  Singold  und  Brunnenbach  eng  zusammen.
In  den  letztvergangenen  Jahrhunderten  war  es  der  besondere  Stolz  des  Augsburger
  Bürgers,  daß  seine  Stadt  vor  allen  Städten  des  Reiches  die  größte
Fülle  von  Brunnen  besitze  und  daß  in  fast  jedes  reichere  Haus  fortwährend
reines  Wasser  zuströme.  Noch  jetzt  gehören  die  vielen  prunkhaften,  oft  mit
schönen  kleinen  Metallfiguren  geschmückten  Brunnen  im  Innern  der  Höfe  zu
den  anziehendsten  häuslichen  Altertümern  der  Stadt,  wie  an  den  großen  drei

1)  „Kulturstudien  aus  drei  Jahrhunderten“,  S.  261  ff.  Stuttgart  18734,  Cotta.  —
Seit  Niederlegung  der  alten  Festungswerke  haben  sich  neue,  schöne  Stadtteile  im  Westen  und
Süden  Augsburgs  entwickelt,  im  Osten  und  Norden  sind  beträchtliche  Fabriken  erstanden:
aber  trotzdem  und  obschon  auch  das  einst  so  farbenfrohe  Straßenbilderbuch  stark  abgeblaßt,
manches  von  W.  Riehls  geistreichen  Ausführungen,  vor  nunmehr  50  Jahren  niedergeschrieben,
  heute  nicht  mehr  allgemein  giltig  ist,  dürfte  dennoch  die  Aufnahme  dieser
meisterhaften  kulturgeschichtlichen  Studie  noch  ihre  Berechtigung  haben.
        <pb n="203" />
        35.  Augsburger  Studien.  191

Brunnen  der  Maximiliansstraße  die  monumentale  Plastik  ihr  Bestes  versucht
und  geleistet  hat  und  die  kunstreichen  Wasserwerke  und  Brunnentürme  als
eine  rechte  Stadtmerkwürdigkeit  noch  immer  den  Fremden  gezeigt  werden.

 

Bilnus  des  *“-  vnnd  8  onen  Bruͤnnens  auff
dem  Perlach  in  Kugspurg

 

,-Mo


sw  s  bor.

 

 

 

Der  Augustusbrunnen  in  Augsburg  von  Hubert  Gerhard.

Aber  nicht  bloß  Trinkwasser  ergoß  sich  aus  jenen  Quellen  und  Bächen
nach  Augsburg;  im  Verein  mit  den  Lech-  und  Wertachkanälen  treiben  sie  ein
vielverzweigtes  Aderngeflecht  des  mächtigsten  Gefälles  durch  die  Stadt  und
deren  Bann  und  geben  ihr  seit  Jahrhunderten  den  Beruf  zum  Großgewerbe.
  Friedrich  List  pflegte  zu  sagen,  die  Stadt  Augsburg  allein  habe
mehr  natürliches  Wassergefälle  als  alle  englischen  Fabrikbezirke  zusammengenommen.
  Als  vor  etlichen  Jahren  ein  unerhörter  Wassermangel  die  Augs-
        <pb n="204" />
        192  35.  Augsburger  Studien.

burger  Fabriken  belästigte,  ward  der  Schaden  trotz  der  bei  den  meisten  großen
Werken  befindlichen  Dampfmaschinen  sofort  auf  enorme  Summen  berechnet
und  die  Leute  liefen  in  echt  deutscher  Art  zum  Magistrat  und  schrien  nach
Wasser  wie  der  Hirsch  im  Psalter.

Alle,  auch  die  neuesten  Augsburger  Fabrikanlagen  beschränken  sich  auf
das  Mündungsdreieck  von  Lech,  Wertach,  Singold  und  Brunnenbach.  Obgleich
jetzt  keine  politische  Schranke  mehr  wehren  würde,  Fabriken  auf  dem  kaum
einen  Büchsenschuß  entfernten  altbayerischen  Boden  anzulegen,  blieb  man  doch
auf  dem  alten  Augsburgischen  Gebiete,  weil  es  allein  der  höchsten  Gunst  des
Wasserlaufes  teilhaftig  ist.  So  sprechen  die  vier  Flußgötter  am  Augustusbrunnen
  in  der  Tat  auch  für  unsere  Zeit  eine  tiefe  Wahrheit  aus:  die  Wahrheit,
  daß  Augsburg  die  natürlichste  und  notwendigste  Stadt  auf  weit  und  breit
für  alle  Epochen  sei.

Der  Lech  hat  die  Eigenart,  daß  er,  kanalisiert,  in  und  vor  den  Stadtmauern
  Augsburgs  dem  fleißigen  Gewerbsmann  willig  seine  Dienste  bietet;
draußen  aber  im  natürlichen  Bett  als  reißender  Hochgebirgsstrom  unbändig
die  Brücken  abwirft,  die  Ufer  scheidet  und  verheert.  Den  Bauer  schädigt  er,
den  Bürger  macht  er  reich;  nach  außen  wehrt  er  den  Zugang  zur  Stadt,  im
Innern  öffnet  er  dem  Fleiße  des  Bürgers  tausend  Wege,  ein  Wehrstrom  nach
außen,  ein  Nährstrom  nach  innen.  Man  kann  sagen,  auf  der  ganzen  weiten
Strecke  von  Landsberg  bis  zur  Mündung  ist  kein  Punkt,  wo  der  Lech  dem
Menschen  freundlich  gesinnt  wäre,  außer  bei  Augsburg.  Dies  ist  wiederum  ein
natürliches  Privilegium  der  natürlichen  und  gewordenen  Stadt,  wertvoller
vielleicht  als  alle  die  vielen  kaiserlichen  Privilegien,  womit  sie  in  alten  Tagen
so  reich  begnadet  wurde.  Darum  besaß  der  Lech  für  Augsburg  niemals  eine
Handelsbedeutung,  aber  ost  eine  strategische  und  immer  eine  gewerbliche.

Nicht  einmal  die  früher  öfters  versuchte  freie  Holztriftung,  die  sich  auf
der  Isar  bis  auf  diesen  Tag  erhalten  hat,  vermochte  auf  dem  Lech  zu  bestehen.
Doch  kann  man  noch  immer  in  einer  für  Handwerksburschen  und  Volksnaturforscher
  recht  empfehlenswerten  Weise  per  Lechfloß  in  10  bis  14  Tagen  von
Augsburg  direkt  nach  Wien  fahren.  Ein  solches  kleines  Lechfloß  ist  das  einzige
Handelsfahrzeug  der  Augsburger  zu  Wasser.  Um  so  tiefer  mag  man  den  Hut
ziehen  vor  jenen  alten  Augsburgischen  Kaufleuten,  die  im  16.  Jahrhundert
Schiffe  nach  Ostindien  rüsteten  und  dieses  Geschäft  glorreich  zu  Ende  führten
mit  175  Prozent  Gewinn.

Als  vor  hundert  Jahren  Macht  und  Reichtum  der  Stadt  unaufhaltsam
zerrann,  schob  man  diesen  Unstern  auf  die  geographische  Lage,  die  eben  keine
rechte  Handelslage  mehr  sei.  Denn  Städte  und  Völker  wie  der  einzelne  suchen
die  Ursache  ihres  Mißgeschickes  immer  lieber  außer  sich  als  in  sich.  Allein  die
Handelsbedeutung  Augsburgs  war  immer  nur  hervorgewachsen  aus  der  gewerblichen.
  Der  Beweis  steht  auf  der  Landkarte  geschrieben.  Auch  in  den  Geschichtsbüchern.
  Erst  als  das  Augsburgische  Gewerbe  im  14.  Jahrhundert
        <pb n="205" />
        36.  Augsburger  Studien.  193

aufblüht,  kann  sich  der  Platz  neben  so  viele  echte  Handelsstädte  des  Rheinischen
Bundes  und  der  Hansa  stellen,  deren  Handelsmacht  bis  dahin  die  seinige  weit
übertroffen.  Ebenso  gewinnt  Augsburg  nach  dem  Dreißigjährigen  Kriege  noch
einmal  eine  Nachblüte  des  Reichtums  auf  Grund  seines  Gewerbfleißes;  der
bloße  Handel  würde  ihm  so  wenig  wie  heutzutage  dazu  verholfen  haben.  In
der  alten  Augsburger  Zunftverfassung  nehmen  zwar  die  Kaufleute  den  ersten
Rang  ein,  die  Weber  den  zweiten;  der  Natur  der  Dinge  nach  hätten  aber  die
Weber  voran  gehört,  wie  auch  aus  ihrer  Zunft  das  mächtigste  Kaufmannsgeschlecht
  der  Reichsstadt  und  das  glänzendste  im  ganzen  Reiche  hervorgegangen
ist.  In  der  geographischen  Lage  der  Stadt  ist  ausgesprochen,  daß  Handelsmacht
  möglich  war,  Gewerbsblüte  aber  notwendig.

Eine  Stadt  von  natürlichem  Beruf  zu  einem  großen  historischen  Namen
muß  so  gelegen  sein,  daß  man  die  Position  sofort  in  wenigen  Schlagwörtern
nach  ihrer  vollen  Originalität  charakterisieren  kann.

Augsburg,  von  Natur  so  fest  abgeschlossen  und  doch  zugleich  so  verkehrsoffen,
  war  durch  lange  Jahrhunderte  der  wahre  strategische  Mittelpunkt  des
oberen  Donaulandes,  die  Burg  der  Lech-Donaulinie.  Darum  setzten  die  alten
bayerischen  Herzoge  den  Augsburgern  die  Feste  Friedberg  vor  die  Nase,  ein
rechtes  Trutz-Augsburg  und  für  die  Bürger  der  Reichsstadt  nichts  weniger  als
ein  Berg  des  Friedens.  Die  kriegerische  Geltung  Augsburgs  war  für  Römerzeit
  und  Mittelalter  ebenso  naturnotwendig  wie  später  seine  gewerbliche  Größe.
Deshalb  rühmt  sich  hier  auch  die  weiland  vornehmste  Zunft  —  der  Weber  —
ebensogut  der  Großtaten  mit  dem  Schwert  als  mit  dem  Webschiff  und  hat  ihr
rot  und  goldenes  Wappen  auf  dem  Schlachtfeld  gewonnen.

Auf  der  äußersten  Spitze  des  Lechfeldes  gegen  die  Donauniederung  und
ihre  Hügelzone  gelegen  thront  Augsburg  wie  auf  einem  Vorgebirg.  Die
ungeheure  Geröllfläche  des  Lechfeldes  aber  ist  zugleich  der  letzte  Ausläufer,  der
weithin  gestreckte  Trümmerschutt  des  Hochgebirges,  die  Grenzmark  der  südbayerischen
  Hochflächenzone.  So  öde  und  ungesegnet  das  obere  Lechfeld  ist,
so  kostbar  wird  seine  unterste  Spitze  für  die  begünstigte  Reichsstadt;  es  hebt  sie
über  die  Sumpfniederung  der  vielen  hier  zusammenrinnenden  Gewässer,  sammelt
und  entläßt  an  seinem  Rande  die  reichen  Quellen,  die  es  meilenlang  eigens
zum  Profit  der  Augsburger  bei  sich  behalten  zu  haben  scheint,  und  macht  so
die  Stadt  zur  Beherrscherin  dieser  mannigfaltigen  Wasserschätze,  während  in  der
ganzen  Nachbarschaft  umgekehrt  das  Gestade  von  dem  Wasser  beherrscht  wird.

Die  Vorgebirgslage  zeichnet  in  den  Grundplan  Augsburgs  die  glückliche
Doppelart  einer  Hoch=  und  Tiefstadt,  einer  patrizisch  dominierenden  Anapolis
neben  gewerbfleißigen,  von  Kanälen  durchschnittenen  Vorstädten,  und  wenn
der  Augsburgische  Patriot  seine  Phantasie  ein  wenig  erwärmt,  so  kann  er
seine  Vaterstadt  auf  sieben  Hügeln  über  dem  Gestade  gegründet  erkennen  wie
Rom  und  Konstantinopel.  Das  Lechfeld  gibt  der  Umgebung  jenes  Gepräge
der  Dürftigkeit  und  mäßigen  Ackersegens,  der  fast  wie  eine  Vorbedingung  zum

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  13
        <pb n="206" />
        194  35.  Augsburger  Studien.

Aufkommen  natürlicher  Großstädte  erscheint.  Große  Menschen  wachsen  ja
auch  in  der  Regel  nicht  in  allzu  fetter  Umgebung.  Im  fettesten  Fruchtboden
gibt  es  viele  reiche  Dörfer  und  Kleinstädte,  aber  weil  sie  es  je  für  sich  allein
zu  gut  haben,  so  zwingen  sie  sich  nicht  zur  Sammlung.  Auch  hierin  mag  die
Kolonialstadt  des  Augustus,  splendidissima  Rhaetiae  Colonia,  sich  trösten
mit  der  Mutterstadt:  Rom  hat  seine  Campagna,  Augsburg  sein  Lechfeld.

Wir  haben  also  in  Augsburg  den  letzten  großen  städtischen  Vorposten
des  hochgebirgigen  Oberdeutschlands  gegen  Mitteldeutschland,  die  Burg  der  Lech-Donaulinie,
  die  beherrschende  Fabrikmetropole  des  ganzen  oberen  Donaulandes,
den  notwendigen  Straßenmittelpunkt  zwischen  der  Donau  und  den  Alpen,  sowohl
  in  Zeiten,  wo  man  nach  Römerart  Straßen  anlegte  zur  Fesselung  des
Landes,  wie  in  der  unsrigen,  in  der  die  Straßen  das  Land  frei  machen.

Und  bei  alledem  sind  diese  unvergleichlichen  Vorzüge  der  Lage  dem  Blick
des  flüchtigen  Reisenden  ebenso  versteckt  als  helleuchtend  dem  schärferen  Beobachter,
  ein  Zug,  der  uns  bei  unserer  schwäbischen  Reichsstadt  von  vornherein
recht  schwäbisch  anmutet;  denn  die  Schwaben  sind  ja  überhaupt  in  der  Regel
viel  gescheidter  als  sie  aussehen.  Eine  Stadt  wie  Augsburg,  die  zugleich  einen
Staat  in  sich  beschloß  und  zwar  einen  doppelten,  den  geistlichen  des  Bischofs
und  den  weltlichen  der  bürgerlichen  Republik,  muß  natürlich  schon  in  ihrer
äußeren  Physiognomie  gar  eigenartige  Linien  zeigen.  Hier  war  nicht  nur  die
gesamte  Stadt  eine  kleine  Welt  für  sich,  sondern  jedes  Quartier,  jede  Straße
verkörpert  wiederum  eine  besondere  Phase  des  Volkslebens.

Die  stolze  Maximilianstraße  mit  ihrer  Umgebung  führt  uns  in  die
patrizische  Welt.  Fast  alles,  was  Augsburg  an  vornehmen  Häusern  besitzt,
lagert  sich  auf  dem  Plateau  der  oberen  Stadt.  Die  Stätte  der  Römerkolonie,
die  Altstadt  mit  dem  ehrwürdigen  Stammbaum,  ist  zugleich  durch  alle  Jahrhunderte
  die  adelige  Stadt  geblieben.  Man  behauptet  sogar,  daß  die  vornehmsten
  Gebäude  der  römischen  Augusta  den  Grundbau  zu  den  meisten  der
jetzt  noch  stehenden  monumentalen  Hauptgebäude  dieses  Stadtteils  hätten  abgeben
  müssen.  Von  den  Baudenkmalen  römischer  Macht  und  Pracht  über  der
Erde  ist  freilich  nichts  mehr  sichtbar  geblieben  und  nur  das  demütigste  Römerwerk
  soll  sich  bis  auf  unsere  Tage  erhalten  haben  —  die  Kloaken.

Wenig  ist  mehr  von  den  stolzen  Patrizierhäusern  des  Mittelalters  erhalten.
Der  charakteristischsten  eines  war  das  Imhofsche  Haus.!)  Mit  seiner  turmartigen
Bekrönung  und  den  hohen  Zinnen  erschien  es  als  eine  Burg,  an  die  Stadtburgen
  der  großen  Geschlechter  Oberitaliens  erinnernd,  und  weislich  war  die
gut  gedeckte,  hohe  Einfahrt  an  der  Seitenfront  angelegt.  Die  Grundformen  des
Hauses  versetzten  uns  in  die  Hohenstaufenzeit  zurück  und  eine  graue,  abgewitterte
  Farbe  breitete  sich  als  der  Schleier  hohen  Altertums  über  das  Ganze.

 

1)  Nicht  zum  Vorteil  des  gesamten  Straßenbildes  hat  dieses  ehrwürdige  Altertum
einem  Neubau  Platz  machen  milssen.
        <pb n="207" />
        35.  Augsburger  Studien.  195

Und  gerade  solche  trutzige  patrizische  Stadtburgen  mußten  uns  bekunden,
daß  es  die  Zünfte  doch  zuletzt  gewonnen  haben  über  die  Geschlechter.  Denn  das
Herrenhaus  war  zum  Miethaus  geworden  und  Kaufläden  aller  Art  durchbrachen
das  einst  zur  Verteidigung  fensterlos  abgeschlossene  Erdgeschoß.  So  steht  auch
das  wichtigste  Zunfthaus,  das  Weberhaus,  bedeutungsvoll  in  Reih  und  Glied
mit  den  alten  Palasthäusern  der  Maximilianstraße  und  das  Bäckerzunfthaus
steigt  am  Perlachberg  ganz  breit  und  sicher  aus  dem  eigentlichen  Quartier  des
Handwerks  empor  und  blickt  mit  der  vorderen  Schmalseite  keck  in  die  Staatsstraße
  der  vornehmen  Hänser.

Sonst  kann  man  fast  sagen,  die  Rangabstufung  der  Gesellschaft  lasse  sich
bei  dem  alten  Augsburg  in  einem  Höhenprofil  nach  der  höheren  oder  niederen
Lage  der  drei  Hauptmassen  der  Stadt  bildlich  darstellen.  Denn  so,  wie  man
von  dem  vornehmen  Plateau  den  Perlachberg  hinabsteigt,  lagern  sich  am  Abhange
  die  wichtigsten  Gewerbestraßen;  auf  der  Höhe  dominierten  die  Patrizier,
an  der  Höhe  die  Zünfte,  unten  in  der  Talsohle  aber  liegt  die  Vorstadt,  vorwiegend
  das  Viertel  der  kleinen  Leute  und  der  Proletarier.  Oben  sind  die
Straßen  breit  und  groß  und  tragen  vornehme  Namen;  am  Hügel  werden  sie
enge,  aber  Wohlstand  und  Betriebsamkeit  blickt  auch  hier  aus  den  altersgrauen.
winkeligen  Gebäuden;  unten  kommen  die  kleinen  Häuschen,  die  engen  Gäßchen.
kommt  die  berühmte  Stadt  der  Armen,  die  Fuggerei,  und  schon  die  oft  sehr
wunderlichen  Namen  melden  uns,  welche  Volksschicht  hier  seit  alters  vorwiegend.
wenn  auch  nicht  ausschließend,  wohnt.

Statt  der  prunkenden  öffentlichen  Gebäude  fanden  sich  meist  solche  hier,
deren  Nachbarschaft  gemieden  wird,  z.  B.  das  Nothaus  am  Vogeltor,  das  Arbeits-,
Pulver-,  Blatternhaus,  das  Schneidhaus  für  chirurgische  Kuren.  Es  ist  bezeichnend
  für  das  alte  Augsburg,  daß  mitten  unter  diesen  Häusern  auch  das
alte  Theater  (jetzt  Lagerraum)  steht,  in  seiner  Fassade  obendrein  fast  mehr
einem  Nothaus  als  einem  Kunsttempel  ähnlich.  Was  das  ehemalige  Pulverhaus
  betrifft,  so  stand  es  ursprünglich  nicht  in  dieser  Vorstadt.  Die  Schwaben
sind  vorsichtige  Leute:  weil  Pulvermachen  eine  so  gefährliche  Sache  ist,  so  ließ
man  im  15.  Jahrhundert  zu  Augsburg  das  Pulver  im  sichersten  und  festesten
Hause  der  Stadt  verfertigen  —  nämlich  im  Rathause.  Erst  später  schob  man
die  Pulverfabrikation  aus  dem  Mittelpunkte  der  vornehmen  Welt  in  das
Viertel  der  geringeren  Leute.

Wie  in  den  Fürstenstädten  des  18.  Jahrhunderts  die  Prunkstraßen  oft
nur  auf  fürstlichen  Befehl  und  mit  gelindem  Zwang  hergestellt  werden  konnten.
so  mußte  man  vor  Zeiten  in  Augsburg  den  Ausbau  des  Quartiers  des
„eigentlichen  Volkes“",  der  Jakobervorstadt,  auf  dem  Zwangswege  betreiben.
Im  14.  Jahrhundert  ließ  man  nur  gegen  das  Versprechen  ein  Haus  bei
St.  Jakob  zu  bauen  Ankömmlinge  zum  Bürgerrecht  zu.

Es  liegt  übrigens  auf  der  Hand,  daß  die  standesmäßige  Straßengliederung
  unserer  alten  Reichsstadt  nicht  gar  zu  buchstäblich  verstanden  werden

13°
        <pb n="208" />
        196  35.  Augsburger  Studien.

darf.  Man  muß  das  im  großen  und  ganzen  nehmen  wie  der  Teufel  die
Bauern.  Auch  in  der  Jakobervorstadt  stehen  vereinzelte  Häuser,  welche  noch
die  Trümmerspur  von  wahrhaft  patrizischem  Luxus  zeigen,  und  gar  nicht
weit  vom  Blatternhaus  lagen  die  Prunkgärten  der  Fugger  im  Banne  dieses
untersten  Viertels.  Auch  die  Hochstadt,  das  vornehme  Plateau,  ist  nicht  durchweg
  vornehm  gewesen;  aber  das  Zentrum  war  patrizisch,  die  Achse  der  Hochstadt
  gehörte  entschieden  der  patrizischen  Welt.

Geht  man  von  der  Maximilianstraße  gegen  die  oberen  Tore,  so  wird  das
Straßengepräge  immer  bürgerlicher,  je  mehr  man  sich  der  Stadtmauer  nähert;
an  der  Mauer  selber  wird  es  wohl  gar  ein  bischen  proletarisch,  ja  auf  der
Mauer  standen  einst  die  ganz  kleinen  Zwingerhäuschen  1)  der  ehemaligen  Stadtgardesoldaten.
  Nicht  in  der  Peripherie,  wie  bei  den  Millionärstraßen  der
modernen  Städte,  sondern  im  Zentrum,  im  Herzen  des  pulsierenden  Verkehrs,
lagen  die  Paläste  der  Reichen:  dies  zeigt  an,  daß  aus  dem  Herzen  des  bürgerlichen
  Lebens  der  Adel  der  Geschlechter  hervorgewachsen  ist.  Nicht  draußen
am  Tore  in  halber  Landschaft  war  der  stolzeste  Wohnsitz,  sondern  mitten  im
Staub  und  Gewühl  des  Handels  und  Wandels,  der  bürgerlichen  Arbeit.  Wo
das  Rathaus  steht  und  das  Weberhaus,  da  war  die  Palaststraße.

lbrigens  begreift  man  erst  bei  solcher  ständisch-organischen,  nicht  kastenhaft
  mathematischen  Gliederung  der  Augsburger  Straßen  das  Geheimnis  der
Fuggerei,  der  traulichen  kleinen  Stadt  der  arbeitsamen  Armen  innerhalb  der
großen  Stadt.  Wo  der  Grundplan  der  sozialen  Gruppen  schon  in  den  architektonischen
  Stadtplan  eingezeichnet  war,  da  schämte  sich  auch  der  fleißige
Arme  nicht  in  einer  eigenen  Armenstadt  zu  wohnen.  Wollte  heute  auch  ein
Menschenfreund  so  großartig  verfahren  wie  die  Brüder  Ulrich,  Georg  und
Jakob  Fugger,  da  sie  die  Fuggerei  erbauten,  er  fände  höchstens  noch  Gesindel,
aber  nicht  fleißige  Arme,  die  ihm  in  seine  Armenstadt  einzögen.  Denn  der
moderne  arme  Arbeiter  will  lieber  für  teuer  Geld  in  einem  Loche  wohnen  als
gratis  in  einem  hübschen  Häuschen,  welches  die  Touristen  angaffen  als  ein
interessantes  Armenhaus.  Sein  Bier  würde  ihm  abends  sauer  werden  bei  dem
Gedanken,  daß  sein  Nachbar  auf  der  Bierbank  im  stillen  zu  sich  spräche:  da
neben  mir  sitzt  auch  einer,  der  wohnt  in  der  Armenstadt.

Wie  von  einigen  Nürnberger  Tortürmen  die  Sage  geht,  daß  Albrecht
Dürer  den  Plan  gezeichnet,  so  sind  mehrere  Augsburger  Tore  von  dem  größten
Baumeister  der  Stadt,  von  Elias  Holl,  erbaut.  Denn  das  Tor  soll  nicht
bloß  verteidigen,  es  soll  auch  repräsentieren;  es  soll  dem  Fremden  schon  von
fernher  verkünden,  was  hinter  der  Stadt  steckt.  Darum  schmückten  die  Alt-1)

  Heute  sind  sie  alle  verschwunden,  die  letzten  erst  vor  wenigen  Jahren  am  Wertachbrucker=
  und  am  Jakobertor.  Es  waren  kleine  Wohnhäuschen  von  je  nur  einem  Geschoß,
lauter  selbständige  Familienwohnungen.  Diese  „Zwingerhäuschen“  waren  einstens  ein
Dorf  der  kleinen  Leute  in  der  Stadt;  die  Soldaten,  auf  die  Stadtmauer  quartiert,  mußten
mit  der  Stadt  zunächst  ihren  eigenen  Herd  verteidigen.
        <pb n="209" />
        35.  Augsburger  Studien.  197

vordern  ihre  Tore  sinnvoll  und  symbolisch  und  eine  Stadt  ohne  Mauer  und
Tor  war  ihnen  nicht  bloß  ein  Mann  ohne  Harnisch  sondern  auch  ein  Mann
ohne  Rock.  So  prangt  das  Vogeltor  mit  schöner  gotischer  Steinmetzenarbeit!),
am  Jakobertor  ist  das  Kaiserbild,  ein  alter  Stadtpyr  und  ein  Römerstein  zur
Schau  eingemauert,  der  zerstörte  Festungsturm  auf  dem  Luginsland  galt  für
einen  der  reichsten  gotischen  Türme  der  Stadt  und  unter  jedem  Torbogen
sehen  wir  eine  gemalte  Tafel  mit  der  Kreuztragung  Christi  aufgehangen:  das
macht  sich  alles  würdevoll  und  reichsstädtisch.  Nehmt  Augsburg  seine  malerischen
  Tore?)  und  Mauern  und  ihr  habt  den  schönsten  und  eigentümlichsten
Zug  ausgelöscht,  der  noch  von  der  äußeren  Physiognomie  der  ehrwürdigen
Reichsstadt  übrig  geblieben  ist.  Das  fühlten  die  Nürnberger  wohl,  als  sie
zur  Erleichterung  des  modernen  Verkehrs  Fahrbahnen  zur  Rechten  und  Linken
ihrer  stolzen  Tortürme  brachen,  die  Türme  aber  selber  ungebrochen  ließen.
Triviale  englische  Anlagen  kann  jede  neugebackene  Stadt  fürs  Geld  haben,  aber
so  poetische  und  malerische  Wälle  und  Mauern  und  Tore  und  Stadtumgänge,
wie  die  Augsburgs  und  Nürnbergs,  sind  gleich  dem  echten  alten  Adel:  wer
sie  nicht  ererbt  hat,  der  wird  sie  nimmer  gewinnen.

Wenn  wir  uns  das  Stadtbild  Augsburgs  recht  genau  vor  Augen  rücken,
schauen  wir  zugleich  meilentief  in  die  deutsche  Kulturgeschichte  hinein.  Und  zwar
ist  es  zunächst  die  Kulturgeschichte  der  Renaissance,  die  vor  uns  im  reichsten
Bilde  ausgebreitet  liegt.  Nicht  bloß  architektonisch  ist  Lugsburg  das  deutsche
Pompesji  der  Renaissance.  Der  Schwerpunkt  seiner  ganzen  Geschichte
ruht  in  der  Übergangsperiode  vom  Mittelalter  zur  neueren  Zeit.  Nicht  das
Mittelalter,  sondern  der  Bruch  mit  dem  Mittelalter  gewann  unserer  Reichsstadt
die  tiefste  Originalität.  Weil  Augsburg  alle  die  bewegenden  Ideen  der  Renaissance
—  die  großen  Erfindungen  und  Entdeckungen,  den  Humanismus,  die  Bezwingung
und  Verjüngung  ausgelebter  germanischer  Einseitigkeit  durch  den  Romanismus
und  die  Antike,  die  Reformation  —  wie  in  einem  Brennpunkt  sammelte,  festhielt
und  im  kleinen  charaktervoll  verkörperte,  erhielt  es  erst  die  Signatur  einer
eigenartigen,  einer  wirklich  weltgeschichtlichen  Stadt.  Dies  aber  unterscheidet
die  natürlichen  und  gewordenen  Städte  von  den  gemachten,  daß  sie  solch  einen
auszeichnenden  Beruf  irgend  einmal  erfaßt  und  mit  der  Einseitigkeit  und  Allseitigkeit
  eines  Genies  durchgeführt  haben  und  daß  man  sagen  muß,  in  einer
Epoche  wenigstens  ist  die  Stadt  um  einen  Kopf  größer  gewesen  als  alle  ihre
Schwestern,  es  unterscheidet  sie  der  Adel  eines  historischen  Namens.

Drei  große  Meister  sind  es,  die  uns  die  ganze  Macht,  womit  die  Renaissance
das  höhere  Geistesleben  Augsburgs  ergriff,  in  persönlicher  Verkörperung  dar-1)

  Das  längst  verschwundene  Klinkertor  trug  kräftigen  Freskoschmuck.

2)  Freilich  auch  manche  der  schönen  und  malerischen  Tore  Augsburgs  sind  inzwischen
  niedergelegt  worden,  z.  B.  das  Klinkertor,  das  Gögginger-,  Steffinger=  und  Fischertor;
  doch  immer  noch  bestehen  beachtenswerte  Reste  aus  früherer  Zeit.
        <pb n="210" />
        198  35.  Augsburger  Studien.

stellen:  Konrad  Peutinger,  der  Gelehrte,  Hans  Holbein,  der  Maler,
Elias  Holl,  der  Baumeister.

Elias  Holl  brachte  im  Anfange  des  17.  Jahrhunderts  die  neue  italienische
Bauweise  aus  Venedig  nach  Augsburg,  wo  man  allerdings  schon  längere  Zeit
eine  minder  entwickelte  Renaissance  gekannt  hatte.  Sein  Vater  hatte  noch
gotisch  gebaut.  Der  Einfluß  des  zur  neuen  Lehre  der  Renaissance  bekehrten
Sohnes  aber  ist  so  schlaghaft  und  einzig,  daß  wir  den  Mann  recht  als  den
kühnsten  Revolutionär  unter  den  Architekten  anstaunen  müssen.  Fast  genau  in
denselben  vier  Jahren,  da  Holl  das  Augsburger  Rathaus  aufführte,  hat
Eucharius  Holzschuher  das  neue  Rathaus  zu  Nürnberg  errichtet,  gleichfalls  ein
Renaissancewerk  und  an  Kunstwert  dem  ersteren  wohl  ebenbürtig.  Aber  Nürnberg
  blieb  trotz  dieses  Rathauses  dieselbe  mittelalterliche  Stadt,  die  es  gewesen:
Holl  dagegen  baute  mit  seinem  Rathause  zugleich  ganz  Augsburg  um.  Den
gotischen  Türmen  nahm  er  die  spitzen  Hüte  ab  und  setzte  ihnen  runde,  welsche
Kappen  auf,  so  daß  in  der  ganzen  Stadt  kaum  eine  einzige  gotische  Turmpyramide
  mehr  übrig  geblieben  ist;  Zunfthäuser  und  Kirchen,  Paläste  und
Festungstürme  wurden  binnen  wenigen  Jahrzehnten  so  massenhaft  in  den
Renaissancestil  umgeschmolzen,  daß  die  halbe  Stadt  wie  uniformiert  erscheint
bis  auf  diesen  Tag.  Was  Holl  selber  stehen  ließ,  das  bewältigten  rasch  seine
Nachfolger;  denn  in  Revolutionszeiten  des  Geschmacks  wie  der  Politik  hat  man
keinen  Pardon  für  geschichtliche  Überlieferungen.  Die  Volksbauart  in  den  einzelnen
  Quartieren,  die  vorgedachte  gattungsmäßige  mittelalterliche  Anlage,  mußte
erstarren,  seit  ein  solcher  Gewaltmeister  wie  Elias  Holl  die  Architektonik  nach
akademischen  Heften  in  die  Hand  nahm.  Wie  die  Volkspoesie  gegen  die  Kunstpoesie,
  so  tritt  das  alte  Augsburg  jetzt  gegen  das  neue  zurück.  Ich  kenne  keine
zweite  Stadt,  wo  dieser  Umschwung  gleich  rasch  und  entschieden  erfolgt  wäre
und  so  siegesgewaltig  durchgefochten  durch  einen  einzigen  Mann.  Dafür  lebt
aber  auch  Elias  Holl  im  Volksmunde  seiner  Vaterstadt  wie  wohl  selten  ein
Baumeister  und  die  malerische  Physiognomie  Augsburgs  erstarrte  in  den  Zügen,
die  Holl  so  keck  umrissen,  daß  es  heute  noch  dreinschaut  wie  aus  dem  Grabe
des  17.  Jahrhunderts  erstanden,  das  deutsche  Pompeji  der  Renaissance.

Als  aber  die  Altvordern  so  viele  mittelalterliche  Bauten  abtrugen  um
moderne  an  ihre  Stätte  zu  setzen,  hatten  sie  wenigstens  reichsstädtischen  Gemeingeist
  genug  die  Holzmodelle  der  alten  Werke  auf  dem  Rathause  aufzustellen.
Diese  Modelle  lehren  uns  gleich  den  noch  vorhandenen  romanischen  und  gotischen
Denkmalen,  daß  bei  reicher  Schönheit  im  einzelnen  dennoch  eine  epochemachende
und  schöpferische  Entwickelung  der  mittelalterlichen  Baukunst  nicht  von  Augsburg
  ausgegangen  ist.  Die  Kraft  sparte  sich  auf  für  eine  spätere  Zeit.

Bekanntlich  ist  aber  auch  innerhalb  der  Renaissance  die  Baukunst  nicht
die  schöpferische  Kunst  gewesen,  sondern  vielmehr  die  Malerei.  Der  größte
Maler  aber  und  zugleich  der  größte  Künstler  Augsburgs,  Hans  Holbein,  ist
es  wiederum,  der  gleich  seinem  großen  Geistesbruder  Dürer  die  Schranken  der
        <pb n="211" />
        36.  Augsburger  Studien.  199

mittelasterlichen  Malerei  zerbricht  und,  ohne  der  vaterländischen  Tradition  untreu
zu  werden,  eine  neue  Welt  des  Naturstudiums,  der  klassischen  Formenanmut
und  der  freien  modernen  Gedankenfülle  für  seine  Kunst  erobert.  Ist  Holbeins
äußeres  Leben  gleich  nicht  so  eng  an  seine  Vaterstadt  Augsburg  gefesselt  wie
das  Dürers  an  Nürnberg,  so  war  doch  seine  künstlerische  Entfaltung  eine  ebenso
charakteristisch  altaugsburgische,  als  er  zu  den  wahren  Propheten  der  Renaissance
im  edelsten  Sinne  zählt.

Doch  soll  hier  nicht  die  kunstgeschichtliche  Bedeutung  der  Augsburgischen
Malerschule  verfolgt  werden,  sondern  vielmehr  der  volkstümliche  Einfluß
dieser  Kunst,  der  in  Augsburg  höher  entwickelt  ward  als  irgendwo  in
Deutschland.  Schon  die  Straßen  der  Stadt  predigen  diese  Tatsache.  Vor
50  Jahren  noch  sollen  sie  anzuschauen  gewesen  sein  wie  ein  großes  Bilderbuch,
dessen  Blätter  die  mit  Fresken  bedeckten  Häuserwände  waren.  Jetzt  nimmt  sich
dieses  Buch  freilich  fast  aus  wie  eine  Fibel,  die  unter  die  Hände  allzu  bildungsbegieriger
  Kinder  geraten  ist;  die  eine  Hälfte  der  Blätter  ist  herausgerissen,
die  andere  zerfetzt.

Aber  trotzdem  kann  man  aus  diesen  zerstückten  Blättern  noch  immer  eine
Bilderchronik  des  innern  Volkslebens  der  alten  Reichsstadt  zusammensetzen,  die
klarer  belehrt  und  anschaulicher  als  die  meisten  gedruckten  Geschichtswerke.  Ich
selber  habe  jahrelang  die  vielen  Straßengemälde  betrachtet  und  wieder  betrachtet
  und  Augsburgische  Geschichte  daraus  gelernt,  bevor  mir  irgend  eine
andere  Chronik  der  Stadt  in  die  Hand  gekommen  war.  Denn  dies  ist  überhaupt
  eincs  der  wichtigsten  Handwerksgeheimnisse  des  Volksstudiums,  daß  man
die  lebendigen  und  die  monumentalen  Quellen  erforscht,  ehe  man  die  geschriebenen
  auch  nur  von  ferne  ansieht.  Dadurch  lesen  wir  Neues  aus  den  letzteren
  heraus,  während  wir  bei  der  umgekehrten  Methode  nur  die  toten  alten
Historien  in  die  lebendige  Gegenwart  hineinbuchstabieren.

Die  Augsburger  Haussresken  bekunden  zuvörderst  eine  merkwürdige  kunstgeschichtliche
  Tatsache.  Ausgezeichnete  Meister  versuchten  sich  in  ihnen,  vor  allen:
Hans  Burkmeyer,  Albrecht  Altdorfer,  Hans  Rottenhammer,
Matthias  Kager,  Johann  Holzer,  Julius  Licinius,  genannt  der  jüngere
Pordenone,  Antonio  Ponzano.  Sie  malten  aber  fast  alle  diese  Fresken
mit  weit  mehr  Genie  und  Tüchtigkeit  als  ihre  übrigen  Bilder,  so  daß  man
sagen  kann,  sie  stellten  ihre  Meisterstücke  auf  die  Gasse  zum  Schmucke  schlichter
Bürgerhäuser.  Namentlich  gilt  dies  von  den  fünf  Letztgenannten.  Der  jüngere
Licinius  z.  B.,  ein  arger  Manierist,  würde  mit  Recht  ganz  vergessen  sein,  wenn
er  seine  Augsburger  Fresken  nicht  gemalt  hätte,  ein  kolossales  mythologischallegorisches
  Werk  an  dem  Hause  des  reichen  Hieronymus  Rehlinger  in  der
Philippine-Welserstraße,  ein  Rokokostück  voll  der  abenteuerlichsten  Phantasie,
dessen  Sinn  und  Verstand  gewiß  kein  Sterblicher  mehr  enträtseln  kann,  aber
bei  aller  barocken  Manier  so  übermütig  keck  und  mit  so  flottem,  breitem  Pinsel
auf  den  Kalk  geworfen,  daß  man  vor  Staunen  über  des  Meisters  Mut  und
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        200  35.  Augsburger  Studien.

Vermessenheit  und  über  manchen  wahrhaft  pompösen  Einzelzug  erst  nachträglich
dazu  kommt  sich  über  die  Geschmacklosigkeit  des  Ganzen  zu  ärgern.  Hätte  er
viele  solcher  Bilder  gemalt,  so  würde  er  als  der  riesenhafteste  Geschmacksverderber
  unsterblich  geworden  sein.  Ahnlich  ergeht  es  mit  Antonio  Ponzano,
einem  sonst  kaum  genannten  Meister.  Seine  Fresken  in  den  Innenräumen
der  Fuggerhäuser  galten  lange  für  Werke  Tizians.  Erst  in  neuester  Zeit  hat
man  durch  äußere  Beweise  dargetan,  daß  jene  höchst  geistvollen  und  lieblichen
Kompositionen,  die  gar  mancher  Kenner  als  Zeugnisse  der  Anwesenheit  des
großen  Venezianers  in  Augsburg  gläubig  bewunderte,  nur  von  dessen  Schüler
Ponzano  herrühren.  Matthias  Kager  hat,  als  ein  echter  Bürgermeister  der
kunstreichen  Reichsstadt,  das  Rathaus,  das  Weberhaus,  das  Stadtgefängnis
und  zwei  Stadttürme  mit  seinen  Fresken  geschmückt.  Bei  ihm  wie  bei  seinem
Ruhmesgenossen  Holzer  staunen  wir  darüber,  daß  in  der  verderbten  Zeit  des
17.  und  18.  Jahrhunderts  zwei  deutsche  Meister  noch  so  tüchtig  und  in  so
würdevollem  Stile  Fresko  malen  konnten.  Wiederum  sind  Kagers  Olgemälde
ohne  allen  Vergleich  schwächer  als  seine  Fresken,  besonders  die  frisch  und  unbefangen
  und  in  großen  Zügen  gemalten  Bilder  am  Weberhause.  So  edel
stilisierte  historische  Kompositionen  aus  der  jammervollen  Periode  des  Dreißigjährigen
  Krieges  gibt  es  in  Deutschland  wahrlich  nicht  viele.  Es  ist  dazu  eine
originelle  Geschichte,  daß  der  Bürgermeister  von  Augsburg  an  den  Häuserwänden
  Fresko  malte,  während  draußen  schon  der  Donner  des  Dreißigjährigen
Krieges  von  ferne  heranrollte.

Diese  ihre  Hausfresken  hielten  die  Augsburger  so  hoch  in  Ehren,  daß
sie  manche  derselben  in  Kupfer  stechen,  von  andern  auch  erklärende  Beschreibungen
  drucken  ließen.  Erst  als  das  reichsstädtische  Bürgertum  zum  tiefsten
Fall  gekommen,  mißachtete  man  diese  Zeugen  vergangenen  künstlerischen  und
politischen  Glanzes  und  schlug  viele  der  besten  Bilder  ohne  Not  von  den
Wänden  herunter.  In  unsern  Tagen  wird  dann  wieder  geschützt  und  ausgebessert,
  was  noch  zu  retten  ist.

Augsburg  hatte  in  der  ersten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  allein  unter
allen  schwäbischen  und  bayerischen  Städten  bereits  eine  wahre  Straßenbildergalerie
  von  Freskowerken  aufzuweisen.  Eine  ganze  Schar  kulturgeschichtlicher
Motive  mußte  in  einem  Zeitpunkte  hier  zusammentreffen,  damit  dies  geschehen
konnte.  Der  Zeitpunkt  war  eben  im  Durchbruche  der  Renaissance.

Mit  Bewußtsein  wurden  die  neuen  Ideen  in  dem  durch  Kaiser  Maximilian
damals  so  hoch  gehobenen  Augsburg  ergriffen;  sie  finden  ihren  reichsten  künstlerischen
  Ausdruck  in  der  Malerei.  Konrad  Peutinger,  Augsburgs  größter
Staatsmann  und  Gelehrter,  wirkt  für  die  „neurömische  Art“  in  der  Kunst.
Er  gibt  selber  die  Gegenstände  an,  welche  am  Rathause  und  den  Fuggerhäusern
  gemalt  werden  sollen:  es  sind  historische  Szenen  aus  der  Zeitgeschichte,
  zugleich  zur  Verherrlichung  Kaiser  Maximilians.  Man  hat  diesen
„letzten  Ritter“  unter  den  Kaisern  scherzweise  den  Bürgermeister  von  Augs-
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        35.  Augsburger  Studien.  201

burg  genannt;  wer  die  Physiognomie  Augsburgs  zur  Zeit  der  Renaissance  zu
erkennen  weiß,  für  den  beschließt  dieses  Scherzwort  einen  tiefen  Sinn.  Eine
solche  historische  Malerei,  wie  sie  Peutinger  als  eine  Ehrentafel  für  Maximilian
forderte,  bezeichnete  schon  ganz  die  neuere  Zeit.

So  war  Peutinger  auch  anderswo  recht  im  modernen  Sinn  ein  Mann
des  historischen  Geistes.  In  Italien  gebildet  verpflanzt  er  den  italienischen
Humanismus  nach  Augsburg.  Er  sammelt  Bücher  und  Münzen,  ein  Ahnherr
so  vieler  prunkliebender  Sammler  unter  den  spätern  Patriziern  Augsburgs;  er
erbittet  sich  seltene  Handschriften  als  „Beutepfennige“  aus  Maximilians  Kriegen;
er  ediert  historische  Quellenschriftsteller  und  rettet  römische  Denksteine;  er  macht
sein  Haus  zu  einem  antiquarischen  Museum  und  beginnt  die  Geschichtsquellen
der  Vaterstadt  zu  sammeln.  Dies  sind  lauter  Züge,  die  uns  bezeugen,  daß  die
Sonne  des  Mittelalters  im  Niedergange  steht.  Die  besten  Bürger  der  Reichsstadt
  werden  von  ähnlicher  Begeisterung  für  Kunst  und  Wissenschaft  ergriffen  und
die  Stadt  der  Handelsleute  rechnet  es  sich  zum  höchsten  Ruhme  eine  Kunststadt
zu  heißen.  Als  damals  (1555)  ein  Fugger  von  dem  Rate  begehrte,  er  möge  ihm
ein  Haus  im  St.  Annenhofe  zu  einer  Reitschule  gewähren,  entgegnete  der  Rat:
es  schicke  sich  nicht  neben  einer  Schule  der  Wissenschaft  Pferde  abzurichten,
vielmehr  sei  der  Rat  gesonnen  eine  Bibliothek  in  dieses  Haus  zu  stellen.

In  monumentaler  und  künstlerischer  Beziehung  hatte  Augsburg  am  Ausgange
  des  Mittelalters  manches  nachzuholen.  In  einer  bruchsteinlosen  Gegend
war  es  mit  seinen  Bauwerken  zurückgeblieben  hinter  anderen  Städten  und  erst
1385  wurde  das  Rathaus  (vordem  das  „Dinghaus“  genannt)  aus  einem
Holzbau  in  einen  ziemlich  unbedeutenden  Steinbau  verwandelt.  Später  aber
boten  die  der  Gotik  so  ungünstigen  breiten  Wandflächen  des  Backsteinbaues
um  so  prächtigeren  Raum  für  die  Malerei.  Der  Einfluß  Italiens  kam  hinzu
und  die  vorgedachten  ideellen  Motive  trafen  wiederum  mit  allen  diesen  zusammen
  und  so  ward  wie  vom  Blitz  das  Opferfeuer  einer  neuen  und  eigenen
monumentalen  Kunsttätigkeit  entzündet.  Das  Feuer  flackerte  nicht  bloß,  es
brannte  fort,  hell  und  nachhaltig.  Denn  dies  gerade  verkündet  Augsburgs
Ehren  als  einer  wahren  Kunststadt,  daß  es  selbst  in  den  Bedrängnissen  des
17.  Jahrhunderts  die  Kunst  nicht  fallen  ließ,  daß  es  seine  kolossalsten  Bauwerke
  in  einer  geldarmen  Zeit  aufführte,  ja  den  großen  Rathausbau  mit  unternommen
  haben  soll  um  armen  Leuten  Brot  zu  schaffen,  und  daß  sein  Bürgermeister
  noch  Fresken  an  die  Häuser  malte,  als  der  Dreißigjährige  Krieg  schon
vor  den  Toren  donnerte.  Darum  kehrte  in  Augsburg  aber  auch  rasch  der
alte  Kunstfleiß  zurück,  als  sich  der  Pulverdampf  dieser  Greueljahre  verzogen;
in  anderen  Städten  war  er  verloren  für  länger  als  ein  Jahrhundert.

Und  wie  die  Stadt  damals  geworden  ist,  so  blieb  sie  stehen  bis  auf
diesen  Tag.  Nürnberg  teilt  den  Ruhm  der  schönsten  mittelalterlichen  Prospekte
mit  mehreren  deutschen  Städten,  Augsburg  aber  steht  einzig  da  in  unserm
Vaterlande  als  das  Pompeji  der  Renaissance.
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        202  36.  Bayerns  Anteil  an  der  naturwissenschaftl.  Forschungsmethode  im  17.  Jahrh.

36.  Anteil  bedeutender  Bayern  an  der  Begründung
der  modernen  naturwissenschaftlichen  Forschungsmethode
im  17.  Jahrhundert.

Von  Anton  von  Braunmühl.“

Beständige  Bewegung,  ein  ewiges  Werden  kennzeichnet  die  Naturwissenschaft.
  Methoden,  die  lange  vorzügliche  Dienste  geleistet  haben,  müssen  durch
neue  ersetzt  werden,  wenn  sie  den  wachsenden  Anforderungen  nicht  mehr  genügen,
  Theorien,  die  alle  bisher  bekannten  Erscheinungen  zu  erklären  vermochten,
  müssen  anderen  Platz  machen,  wenn  neue  Entdeckungen  ihnen  widersprechen,
  ja  selbst  Tatsachen,  die  unabänderlich  festzustehen  scheinen,  werden
durch  neue  verdrängt,  die  die  rastlos  fortschreitende  Forschung  zutage  fördert,
mit  einem  Worte,  in  der  Wissenschaft  gibt  es  wie  in  der  Natur  kein  Stillestehen:
  Bewegung  allein  ist  Leben,  Ruhe  ist  ihr  Tod.  —  An  der  Richtigkeit.
dieser  Sätze  wird  heute  wohl  niemand  mehr  zweifeln  und  doch  gab  es  Zeiten,
in  welchen  die  gerade  entgegengesetzte  Anschauung  herrschte,  und  schwere
Kämpfe  kennzeichnen  den  Durchbruch  der  neuen  Auffassung.

Das  System  des  großen  Aristoteles,  das  die  scholastische  Philosophie
des  Mittelalters  an  die  Spitze  gestellt  hatte,  beherrschte  noch  im  16.  Jahrhundert
  die  ganze  Wissenschaft  mit  ungebrochener  Gewalt.  Nur  was  die
Schriften  dieses  Weisen  lehrten,  oder  besser,  was  die  Gelehrten  jener  Zeit  aus
ihnen  herauslasen  oder  in  sie  hinein  interpretierten,  sollte  Geltung  haben;
Aristoteles  war  die  einzige  Autorität  und  der  blinde  Autoritätsglaube  verhinderte
  jeden  wirklichen  Fortschritt  wissenschaftlicher  Forschung.  Da  erschien
ein  Mann  von  ebenso  gewaltigem  Geiste  wie  streitbar  veranlagt  und  nahm
den  Kampf  gegen  das  veraltete  System  auf,  indem  er  mit  genialem  Blick  erkannte,
  daß  Beobachtung  und  Experiment  an  die  Spitze  der  Forschung  gestellt
werden  müßten,  um  der  Naturwissenschaft  neuen  Boden  zu  bereiten.  In  rascher
Folge  entdeckte  Galileo  Galilei,  der  Begründer  der  modernen  Naturforschung,
(1564  in  Pisa  geboren),  die  physikalischen  Gesetze  des  freien  Falles  und  der
Bewegung  auf  der  schiefen  Ebene  sowie  die  Gesetze  der  Pendelschwingungen
und  der  schwimmenden  Körper  und  bewies  sie  durch  experimentelle  Versuche,
die  er  seinen  zahlreichen  Schülern  in  Pisa  und  Padua  vorführte.  Seine
eminente  Rednergabe  und  sein  glänzendes  Lehrtalent  unterstützten  ihn  hierbei
vortrefflich  und  sein  Name  war  bald  auf  den  Lippen  aller  Gebildeten.  Da
kam  die  Nachricht  von  der  Erfindung  des  Fernrohres  in  Holland  und  Galilei,
der  sich  von  dorther  einige  Glaslinsen  zu  verschaffen  wußte,  gelang  es  alsbald
selbst  ein  Instrument  zusammenzusetzen,  dessen  Konstruktion  heute  noch  unter
dem  Namen  des  Galileischen  Fernrohres  bekannt  ist.  Dieses  stellte  er  sofort
in  den  Dienst  der  Wissenschaft,  indem  er  es  gegen  den  gestirnten  Himmel
richtete,  und  der  beispiellose  Erfolg,  den  er  damit  erzielte,  bewies  die  Richtig-
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        36.  Bayerns  Anteil  an  der  naturwissenschaftl.  Forschungsmethode  im  17.  Jahrh.  203

keit  seines  Prinzipes  die  Beobachtung  an  die  Spitze  der  Forschung  zu  stellen.
Ungeahnte  Wunder  enthüllten  sich  trotz  der  Mangelhaftigkeit  seines  Instrumentes
  dem  sorgfältigen  Beobachter.  Er  erkannte  die  gebirgige  Oberfläche  des
Mondes  und  gab  sofort  eine  Methode  an  die  Höhe  der  Mondberge  zu  messen,
die  Milchstraße  zerlegte  sich  vor  seinen  Blicken  in  unzählige  Fixsterne  und  der
Gürtel  wie  auch  der  Nebel  des  Orion  erschienen  ihm  als  Sternhaufen.  Seine
wichtigste  Entdeckung  aber  war  der  Nachweis,  daß  der  Planet  Jupiter  das
Bewegungszentrum  von  vier  Monden  sei,  sowie  die  etwas  später  erfolgte  Feststellung
  der  Phasengestalten  des  Planeten  Venus.  Ob  Galilei,  wie  er  später
behauptete,  auch  damals  schon  sein  Fernrohr  nach  der  Sonne  gerichtet  und
auf  ihr  dunkle  Flecken  erkannt  hatte,  läßt  sich  nicht  mehr  absolut  sicherstellen,
jedenfalls  aber  fand  er  diese  Beobachtung  nicht  für  besonders  wichtig,  denn  in
seinem  „Nuntius  sidereus“,  durch  den  er  noch  im  gleichen  Jahre  dieser  Entdeckungen
  (1610)  seine  Resultate  der  Gelehrtenwelt  bekannt  machte,  findet  sich
nichts  darüber.

Ungeheuer  war  das  Aufsehen,  welches  das  Erscheinen  des  „Boten  aus
der  Sternenwelt“  unter  den  Astronomen  hervorrief.  Wie  sollte  man  auch
einen  Mond,  der  eine  Erde  wie  die  unserige  mit  Bergen  und  Tälern  ist,  wie
die  wechseluden  Luftgestalten  der  Venus  und  wie  erst  gar  ein  Weltsystem  im
Kleinen,  wie  das  des  Jupiter,  der  von  vier  Planeten  umkreist  wird,  mit  den
altehrwürdigen  Anschauungen  des  Aristoteles  von  der  Unveränderlichkeit  des
Himmels  und  mit  den  astronomischen  Lehren  eines  Ptolemäus,  für  den  es
nur  ein  Bewegungszentrum,  die  Erde,  gab,  in  Einklang  bringen?  Darüber  zerbrachen
  sich  die  Anhänger  des  Stagiriten  vergebens  die  Köpfe  und  hätte  nicht
Galilei  in  den  Gärten  des  Kardinals  Bandini  zu  Rom  einer  großen  Gesellschaft
  berühmter  Männer  mit  seinem  Tubus  die  neuen  Wunder  gezeigt,  man
würde  sie  sicher  in  das  Reich  der  Fabel  verwiesen  haben.

Drüben  aber  über  den  Alpen,  im  fernen  Deutschland,  fanden  sich  einige
hellere  Köpfe,  die,  ohne  durch  den  Augenschein  überzeugt  worden  zu  sein,  den
Worten  des  großen  Gelehrten  Glauben  schenkten  und  sich  sofort  an  die  Arbeit
machten  seine  Entdeckungen  zu  kontrollieren  und  womöglich  durch  neue  zu
bereichern.  Zu  diesen  Männern  gehörten  drei,  deren  Wiege  in  dem  heutigen
Königreich  Bayern  stand;  in  erster  Linie  der  berühmte  Johann  Kepler,  der
Astronom  Simon  Mayr  (Marius)  aus  Gunzenhausen,  der  sogar  die  Jupiterstrabanten
  vor  Galilei  entdeckt  haben  wollte,  und  der  Jefuitenpater  Christoph
Scheiner,  der  damals  als  Professor  der  Mathematik  und  Astronomie  an  der
Hochschule  in  Ingolstadt  lehrte.  Kepler  war  weniger  als  beobachtender  denn
als  rechnender  Astronom  hervorragend  und  seine  geniale  Entdeckung  der  Gesetze
  der  Planetenbewegung  hat  ihm,  wie  weltbekannt,  den  Lorbeer  der  Unsterblichkeit
  auf  die  Stirne  gedrückt.  Simon  Mayr  ist  in  der  Folgezeit  wenig
mehr  hervorgetreten,  dagegen  sind  Christoph  Scheiners  Verdienste  namentlich  in
der  beobachtenden  Astronomie,  also  auf  den  von  Galilei  eingeschlagenen  Wegen,
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        204  36.  Bayerns  Anteil  an  der  naturwissenschaftl.  Forschungsmethode  im  17.  Jahrh.

so  bedeutend  und  mit  jenen  des  großen  italienischen  Naturforschers  so  eng
verbunden,  daß  sie  unser  ganzes  Interesse  in  Anspruch  nehmen.

Christoph  Scheiner,  in  dem  Dorfe  Wald  bei  Mindelheim  in  Schwaben
1573  geboren,  war  frühzeitig  in  den  Jesuitenorden  eingetreten  und  hatte  sich
zu  einem  tüchtigen  Mathematiker  und  Astronomen  ausgebildet.  Auch  war  sein
Name  schon  durch  die  Erfindung  des  sogenannten  Pantographen  oder  Storchschnabels
  bekannt  geworden,  eines  noch  heute  in  verbesserter  Form  vielfach  verwendeten
  Instrumentes  zur  proportionalen  Vergrößerung  oder  Verkleinerung
von  Zeichnungen.  Er  hatte  kaum  von  Galileis  Entdeckungen  Nachricht  erhalten,
  als  er  sich  sofort  in  den  Besitz  mehrerer  der  damals  noch  sehr  seltenen
Fernrohre  zu  setzen  wußte  und  die  Sonnenscheibe  zu  betrachten  begann.  Zu
seiner  großen  Überraschung  nahm  er,  wie  er  erzählte,  im  März  des  Jahres
1611  auf  derselben  dunkle  Flecken  wahr  und  bestätigte  diese  Entdeckung  durch
wiederholte  Beobachtungen,  bei  denen  ihn  sein  Schüler  und  Freund,  der  Schweizer
Johann  Cysat,  unterstützte.  Diese  Entdeckung  mußte  ihm,  einem  Anhänger
der  Aristotelischen  Philosophie,  der  Scheiner  seiner  Erziehung  gemäß  war,
Lgeradezu  unbegreiflich  erscheinen;  denn  nach  jener  Lehre  konnte  die  Sonne  als
das  Weltauge  nur  von  absoluter  Reinheit  sein.  Nur  zaghaft  legte  er  daher
eine  Reihe  seiner  zwischen  dem  26.  Oktober  und  dem  14.  Dezember  1611  auf
das  genaueste  angestellten  Beobachtungen  mit  40  Abbildungen  versehen  in  drei
Briefen  nieder,  die  er  an  den  Augsburger  Patrizier  Markus  Welser,  seinen
hochmögenden  Gönner,  richtete.  Dieser  übergab  sie  nach  Scheiners  Wunsch
unter  dem  Psendonym  „Apelles  latens  post  tabulam“  am  5.  Januar
1612  dem  Drucke  und  sandte  zugleich  Galilei  und  Kepler  je  ein  Exemplar
davon,  um  die  Ansicht  der  beiden  berühmten  Männer  über  die  neue  Erscheinung
  zu  vernehmen.  Schon  im  Mai  des  folgenden  Jahres  beantwortete
Galilei  Scheiners  Briefe,  indem  er,  wie  schon  erwähnt,  die  Priorität  der  Entdeckung
  für  sich  in  Anspruch  nahm,  obwohl  seine  erste  wissenschaftliche  Beobachtung
  erst  vom  5.  April  1612  datierte.  Zugleich  gab  er  eine  mit  unseren  heutigen
Anschauungen  in  der  Hauptsache  übereinstimmende  Erklärung  der  Sonnenflecken:
er  bezeichnete  sie  nämlich  als  wolkenartige  Gebilde  einer  die  Sonne  umgebenden
  Hülle,  während  Scheiner  damals  noch  der  Ansicht  war,  dieselben  seien
dunkle  Gestirne,  welche  die  Sonnenkugel  gleich  Monden  umkreisten.  Diese
Ansicht  gab  er  jedoch,  durch  weitere  Beobachtungen  eines  Besseren  belehrt,  sehr
bald  auf  und  pflichtete  trotz  Aristoteles  Galileis  Anschauung  bei.  In  drei
weiteren  Schreiben  aus  demselben  Jahre,  die  „Apelles“  noch  durch  Welser  in
Druck  geben  ließ,  vervollständigte  er  seine  Beobachtungen  und  wies  namentlich
auf  eine  merkwürdige  Erscheinung  hin,  welche  heute  unter  dem  Namen  der
Eigenbewegung  der  Sonnenflecken  bekannt  ist.  Dieselbe  besteht  darin,  daß
diejenigen  Flecken,  welche  weiter  vom  Sonnenäquator  abliegen,  sich  langsamer
um  die  Sonne  bewegen  als  jene,  welche  sich  in  seiner  Nähe  befinden.  In
späteren  Antwortschreiben,  die  schon  einen  ziemlich  gereizten  Ton  zeigen,  ob-
        <pb n="217" />
        36.  Bayerns  Anteil  an  der  naturwissenschaftl.  Forschungsmethode  im  17.  Jahrh.  205

wohl  Scheiner  dazu  nicht  die  mindeste  Veranlassung  gegeben  hatte,  griff  Galilei
namentlich  diese  Behauptung  des  Apelles  auf  das  schärfste  an,  während  sich
ihre  Richtigkeit  in  der  Folgezeit  glänzend  bestätigte.  Galilei  scheint  erst  1614
erfahren  zu  haben,  wer  jener  Apelles  eigentlich  war,  mit  dem  er  wiederholt
Briefe  gewechselt  hatte,  und  es  ist  nicht  unmöglich,  daß  die  Zugehörigkeit  des
letzteren  zum  Jesuitenorden,  unter  dessen  Mitgliedern  der  berühmte  Naturforscher
  mit  Recht  seine  gefürchtetsten  Gegner  vermutete,  den  Umschwung  seiner
anfangs  freundlichen  Gesinnung  gegen  Scheiner  verursachte.  Jedenfalls  reizte
er  diesen,  indem  er  ihn  1623  in  einer  Streitschrift,  die  gegen  ein  Werk  des
Jesuiten  Grassi  gerichtet  war,  in  der  ungerechtesten  Weise  des  Plagiates  an
seinen  Briefen  bezichtigte,  obwohl  die  Daten  derselben  die  Unmöglichkeit  eines
solchen  beweisen.  Nun  erst  nahm  Scheiner  den  Kampf  mit  ihm  auf,  suchte
sich  in  einem  großen  Werke,  das  er  erscheinen  ließ,  von  dem  Vorwurfe  des
Plagiates  durch  eine  langatmige  Verteidigung  zu  reinigen,  beanspruchte  für
sich  direkt  die  Priorität  der  Entdeckung  und  ärgerte  Galilei  noch  außerdem
dadurch,  daß  er  daselbst  einige  allerdings  nicht  unerhebliche  Irrtümer  desselben
aus  jenen  Briefen  aufzählte.  Das  Widerlichste  aber  an  dem  nun  in  hellen
Flammen  auflodernden  Prioritätsstreite  der  beiden  so  bedeutenden  Männer  ist
die  Tatsache,  daß  sie  beide  (wider  besseres  Wissen,  wie  die  neueste  Forschung
unwiderlegbar  nachgewiesen  hat)  den  Namen  des  wirklichen  ersten  Entdeckers
  und  Beobachters  der  Sonnenflecken,  des  jungen  friesischen  Astronomen
Johann  Fabricius  einfach  totschwiegen,  obwohl  derselbe  bereits  zur  Leipziger
Herbstmesse  1611  ein  kleines  Büchlein  hatte  erscheinen  lassen,  in  dem  er  seine
Entdeckung  vom  9.  März  desselben  Jahres  mitteilte  und  sogar  aus  der  Umlaufszeit
  der  beobachteten  Flecken  bereits  auf  eine  Rotation  des  Sonnenkörpers
schloß.  Nur  Simon  Mayr  und  der  große  Kepler  traten  für  Fabricius  ein
ohne  sich  jedoch  weiter  an  dem  Gezänke  der  beiden  Gegner  zu  beteiligen.
Wenn  der  letzterwähnte  Umstand  uns  den  Charakter  unseres  Landsmannes
keineswegs  sympathisch  zu  machen  vermag,  so  können  wir  doch  seinem  ausgezeichneten
  Beobachtungstalent,  das  ihn  für  alle  Zeiten  in  die  Reihe  der  ersten
beobachtenden  Astronomen  stellt,  unsere  Bewunderung  nicht  versagen.  Denn
mit  erstaunlichem  Eifer  setzte  Scheiner  sowohl  in  Ingolstadt  wie  in  Rom,  wohin
  ihn  sein  Orden  im  Jahre  1624  schickte,  seine  Sonnenfleckenbeobachtungen
fort  und  häufte  ein  gewaltiges  Material  an,  aus  dem  er  die  interessantesten
  und  wichtigsten  Schlüsse  zu  ziehen  wußte.  So  fand  er  außer  der
schon  erwähnten  merkwürdigen  Eigenbewegung  der  Flecken,  daß  dieselben  aus
einem  tiefliegenden  dunklen  Kern  bestehen,  der  von  einem  hellen  Rande,  der
Pänumbra,  wie  er  ihn  nannte,  umgeben  ist,  verfolgte  die  Veränderung  und
Zerteilung,  die  die  größeren  Flecken  bei  ihrer  Wanderung  über  die  Sonnenscheibe
  oftmals  zeigen,  entdeckte  zuerst  die  sogenannten  Sonnenfackeln,  das  sind
Gruppen  besonders  hell  leuchtender  Stellen,  in  die  sich  zuweilen  die  Flecken
auflösen,  und  berechnete  aus  der  Umlaufszeit  besonders  charakteristischer  Sonnen-
        <pb n="218" />
        206  36.  Bayerns  Anteil  an  der  naturwissenschaftl.  Forschungsmethode  im  17.  Jahrh.

flecken  die  Rotationsdauer  der  Sonne  zu  25,33  Tagen,  während  die  vollkommeneren
  Beobachtungsmittel  der  Nenzeit  25,234  Tage  ergeben,  gewiß  eine
sehr  bemerkenswerte  Übereinstimmung.  Vielleicht  die  wichtigste  seiner  Entdeckungen
  aber  war,  daß  die  Bahn  der  Flecken  und  damit  die  Drehungsachse
der  Sonne  gegen  die  Ekliptik  oder  Sonnenbahn  geneigt  ist,  eine  Neigung,
für  die  er  als  Mittel  aus  unzähligen  Beobachtungen  7°  307  erhielt,  während
sie  in  neuerer  Zeit  auf  7°  15“bestimmt  wurde.  Diesen  Umstand  namentlich
hatte  Galilei  übersehen  und  daraus  stammten  jene  oben  erwähnten  Irrtümer,
die  ihm  Scheiner  in  seinem  großen  Werke,  das  er  im  Jahre  1630  veröffentlichte,
  zum  Vorwurf  machte.

Dieses  Werk,  welches  während  seines  Aufenthaltes  in  Rom  erschien,  führt
den  merkwürdigen  Titel  Rosa  Ursina.  Ein  Geschichtschreiber  der  Mathematik
aus  dem  18.  Jahrhundert,  A.  G.  Kästner,  erklärt  diesen  Titel  in  launiger
Weise,  wie  folgt:  „Weil  der  damalige  Herzog  von  Bracciano  aus  der  Familie
der  Ursi  (Orsini)  war  und  weil  die  liebe  Sonne  nichts  dagegen  hat,  wenn
man  sie  mit  einer  Rose  vergleicht,  so  heißt  das  Buch  von  der  Sonne,  dem
Herzog  dediziert,  Rosa  Ursina“.  Wegen  dieses  Titels  und  des  noch  weit
alberneren  Titelblattes  mit  seinen  Rosenstöcken  und  den  drei  in  Höhlen  sitzenden
Bären,  von  denen  der  eine  das  Sonnenbild  aufhängt,  der  andere  seine  Jungen
beleckt  und  der  dritte  an  den  Tatzen  saugt,  wurde  Scheiner  von  seinen  Gegnern
vielfach  verspottet.  Doch  hätten  dem  Buche  diese  Außerlichkeiten  schließlich
wenig  geschadet,  wenn  es  nicht  mit  so  unglaublicher  Weitschweifigkeit  geschrieben
wäre.  Ja  schon  seine  Dickleibigkeit  allein  und  die  Breittretung  der  Prioritätsfrage,
  welche  auf  66  Folioseiten  abgehandelt  wird,  mußten  von  seiner
Lektüre  abschrecken.  So  werden  denn  die  meisten  Leser  nur  die  70  schönen
Sonnenbilder  angesehen  haben,  die  einen  Teil  von  Scheiners  Originalbeobach--tungen
  wiedergeben,  während  der  Text  wohl  wenig  Beachtung  fand.  Diese
Sonnenbilder  hat  Scheiner  in  der  Weise  erhalten,  daß  er  die  Strahlen  durch
ein  Fernrohr  mit  konvexem  Objektiv  und  Okular  in  ein  dunkles  Zimmer  eintreten
  ließ  und  dann  das  Okular  soweit  herauszog,  bis  auf  einem  dem  letzteren
  gegenüberstehenden  weißen  Schirme  ein  scharfes  Sonnenbild  entstand,  in
dem  die  Flecken,  die  Fackeln,  die  Helligkeitsunterschiede  der  Sonnenscheibe  usw.
deutlich  beobachtet  werden  konnten.  Diese  Methode  Scheiners  fand  später
allgemeinen  Eingang  und  nur  der  Formlosigkeit  seines  Buches  hatte  er  es
zu  verdanken,  daß  viele  seiner  schönen  Entdeckungen  unbekannt  blieben  und  in
unseren  Tagen  wieder  neu  aufgefunden  werden  mußten.

Aber  nicht  nur  als  beobachtender  Astronom  hat  Scheiner  Bedeutendes
geleistet,  auch  in  dem  mit  der  Astronomie  so  eng  verbundenen  Gebiete  der
Optik  wird  sein  Name  mit  Ehren  genannt;  und  wie  er  dort  der  gewissenhaften
Beobachtung  seine  Entdeckungen  verdankte,  so  war  es  hier  das  Experiment,
das  ihn  zu  neuen  Resultaten  führte.  Ihm  verdanken  wir  z.  B.  den  ersten
experimentellen  Beweis  dafür,  daß  die  Netzhaut  des  Auges  das  eigentliche  Organ
        <pb n="219" />
        37.  Der  Winterkönig.  207
des  Sehens  ist;  er  erbrachte  denselben  dadurch,  daß  er  an  Ochsen=  und  Schafaugen
  und  später  in  Rom  sogar  an  einem  Menschenauge  in  die  obere  Wand
(Cclerotica)  derselben  eine  Offnung  einschnitt,  wodurch  es  möglich  wurde  die
Bilder  leuchtender  Objekte  auf  der  Netzhaut  wirklich  wahrzunehmen.  Außerdem
  hat  er,  um  den  Gang  der  Sehstrahlen  im  Auge  zu  verfolgen,  eine  Reihe
höchst  sinnreicher  Versuche  angestellt,  die  noch  heute  in  der  Physik  seinen  Namen
führen;  auch  fand  die  damals  allerdings  schon  bekannte  Akkomodationsfähigkeit
  des  Auges  durch  ihn  zum  erstenmal  einen  experimentellen  Nachweis.

So  hat  denn  unser  Landsmann  dadurch,  daß  er  sich  die  Methoden  seines
Gegners  zu  eigen  machte,  ein  gut  Teil  zu  dem  Aufschwung  der  naturwissenschaftlichen
  Forschung  im  17.  Jahrhundert  beigetragen  und  durch  die  geachtete
Stellung,  die  er  bei  seinen  Ordensgenossen  einnahm,  auch  in  ihrem  Kreise  der
neuen  Richtung  Bahn  gebrochen.  Besaß  er  auch  nicht  den  beweglichen  Geist
und  den  allumfassenden  Genius  seines  weltberühmten  Gegners,  so  ließen  ihn
doch  seine  echt  deutsche  Gründlichkeit  und  sein  eiserner  Fleiß  Erfolge  erzielen,
die  seinen  Namen  mit  Recht  der  Nachwelt  erhalten  haben.

37.  Der  Winterhönig.
Von  Hermann  Lingg.

Der  Winterkönig!  Da  denkst  duvielleicht,

Das  ist  ein  grauer  Geselle,

Dem  weißer  Bart  bis  zum  Gürtel  reicht,

Der  gehüllt  ist  in  Bärenfelle;

Als  furchtbaren  Herrscher  denkst  du  dir
n,

Sein  Szepter  von  Eis,  die  Krone

Das  Nordlicht  und  die  Flammen  darin

Von  Sternen  der  eisigen  Zone.

Nein,  Kind!  Der  Winterkönig,  der  lacht!

Von  lieblichen  Lautenklängen

Erschallt  es  um  ihn  und  mild  ist  die
Nacht

Und  belebt  von  Liebesgesängen.

Ein  Mundschenk  füllt  den  Goldpokal
Mit  herrlichen  südlichen  Weinen,

Und  neben  ihm  thront  sein  hold  Gemahl
Im  Schimmer  von  Edelsteinen.

Wohl  wogt  ein  schneeiger  Hermelin
Um  seine  Schultern,  wohl  kistert
Das  Feuer  im  schöngeschnitzten  Kamin
Und  es  rauscht  umher  und  flüstert;

 

 

Hoffräulein  schweben  vorüber  im  Tanz
Und  Mastken  hin  und  wieder,

Es  flattern  Icherz  und  Mummenschanz
Im  Prunksaal  auf  und  nieder.  —

Was  donnert  draußen,  was  klirrt  so
schwer?

Auf  fliegen  die  Doppeltüren,

Ein  Reiter  tritt  ein,  man  sieht  es  woher,

Man  hann  den  Blutgeruch  spüren;

Sein  Blichk  noch  stiert  vom  Wüten  der
Schlacht,

Die  Stimm  ist  heiser  geschrien.

„Wir  sind  geschlagen,“  ruft  er,  „macht

Euch  schleunig  bereit  zu  fliehen!“

Auf  springt  der  Winterhönig  bleich,
Er  sucht  sich  vergebens  zu  fassen,
Verstummt  ist  die  Musik  sogleich,

Der  Saal  verödet,  verlassen.  —

Wie  wurden  zusammengerafft  und  gepacht
Die  Silbergeschirre,  die  Dechen!

Die  Maste  siel  und  hahl  und  nacht
Steht  da  der  grinsende  Schrecken.

1)  Vaterländische  Balladen  und  Gesänge,  S.  125.
        <pb n="220" />
        208  38.  Tillys  letzte  Tage.

Das  war  am  Tage  der  Schlacht  bei  Horch,  wie  es  brauset  und  heult  und
Pr  klirrt

g.
Das  war  der  König  von  Böhmen;  Und  weiße  Flocken  stieben!
Er  hatte  gesessen  beim  Festgelag'  Der  slüchtige  Winterkönig  irrt
Und  draußen  floß  Blut  in  Strömen.  —  Aus  seinem  Reiche  vertrieben.

38.  Tillys  letzte  Tage.
Von  Hugo  Arnold.)

Die  Schlacht  bei  Breitenfeld  am  17.  September  1631,  seit  jener  am
Weißen  Berge  bei  Prag  der  wichtigste  Entscheidungskampf,  hat  den  Nimbus
der  Unbesiegbarkeit,  der  bisher  Tillys  Haupt  umstrahlte,  zerstört.  Von  diesem
Tage  an  hat  das  Glück  dem  fast  73jährigen,  unermüdlichen  und  bis  dahin
unbesiegten  Heerführer  den  Rücken  gewandt.  Aber  Tilly  blieb,  wie  er  allezeit
gewesen,  gefaßt,  unverzagt,  ergeben,  ohne  Bitterkeit  gegen  diejenigen,  die  zunächst
  das  Unglück  verschuldet.  Mit  Wunden  bedeckt  und  von  seinen  treuen
Wallonen  aus  dem  Getümmel  der  Schlacht  geführt  schreibt  er  einen  Brief,
den  selbst  einer  seiner  eifervollsten  Ankläger,  der  englische  Geistliche  und
Geschichtschreiber  Harte,  ein  Muster  christlicher  Gelassenheit  an  einem  großen,
sieggewohnten  Heerführer  nennt.

„Es  ist  Gottes  Ratschluß  gewesen“  —  sagt  Tilly  in  dem  Schreiben  —
„unseren  Sachen  ein  anderes  Ansehen  zu  geben  und  uns  endlich  mit  einer
augenscheinlichen  Züchtigung  heimzusuchen.  Dieses  kann  mit  Recht  der
Umsturz  unseres  Glückes  genannt  werden,  nach  welchem  wir  uns,  statt  unsere
Absichten  mutig  durchzusetzen,  den  Schlummer  erlaubten.  Gott,  der  uns  vielleicht
  aufzuwecken  und  durch  dies  Unglück  zu  ermuntern  gedenkt,  kräftige  uns
inskünftige  mit  einer  doppelten  Aufmerksamkeit  und  doppeltem  Eifer.“

Aber  es  kamen  weitere  Prüfungen.  Der  Verrat  umlauert  ihn.  Bei
Gunzenhausen  legte  ein  von  den  Schweden  bestochener  Konstabler  Feuer  unter
ein  Pulverfaß  und  der  ganze  Pulvervorrat  von  125  Zentnern  flog  in  die
Luft  mit  unsäglicher  Verwüstung.  In  schmerzlichem  Gram  rief  der  alte  Feldherr
  aus:  „Ich  sehe,  daß  das  Glück  mir  nimmer  wohl  will!“

Die  Entscheidung  rückt  näher  und  Tilly  bedarf  vor  allem  Hilfstruppen.
Jeder  Kränkung  uneingedenk  wendet  er  sich  an  Wallenstein  mit  herzlich  eindringlichen
  Bitten,  „jetzt  in  der  Stunde  der  Not  gemeinsam  mit  ihm  zu
operieren,  ihm  Hilfe  aus  Böhmen  zuzuschicken“.  Aber  der  arglose  Mann  muß
das  Bittere  über  sich  ergehen  lassen,  von  dem  tückischen  Wallenstein,  dem  gegenüber
  er  sich  jederzeit  edelsinnig,  willfährig,  opferwillig  wie  ein  ganzer  Ehrenmann
  gezeigt  hatte,  mit  schönen  Worten  hingehalten,  getäuscht,  hilflos  verlassen,
  verraten  zu  werden.  Er  ertrug  es  klaglos.

1)  Vgl.  „Das  Bayerland“,  3.  Jahrg.  1892,  Nr.  3,  S.  31  ff.  München,  R.  Oldenbourg.
        <pb n="221" />
        38.  Tillys  letzte  Tage.  209

Der  Augenblick,  da  es  den  Schutz  des  bedrängten  Vaterlandes  galt,  traf
das  bayerische  Heer  in  einer  so  mangelhaften  Verfassung  wie  nie  vorher  während
des  langen  Krieges.

Es  kam  die  Kanonade  bei  Rain  (15.  April  1632),  wo  Tilly  dem
Schwedenkönig  den  Übergang  über  den  Lech  streitig  machen  wollte.  Doch
Gustav  Adolf  führte  hier  eines  der  kühnsten  Wagnisse  aus,  indem  er  angesichts
des  feindlichen  Heeres  den  wenn  auch  nicht  sehr  breiten,  doch  reißenden  und
auf  der  bayerischen  Seite  vom  Ufer  überhöhten  Lech  überschritt  und,  den  Fluß
im  Rücken,  den  Gegner  zum  Weichen  brachte.  Die  Generale  Aldringen  und
Cronberg  wurden  verwundet  und  kampfunfähig  und  bald  nachher  ward  Tilly
selbst  von  einer  Falkonetkugel  das  rechte  Schenkelbein  zerschmettert.  Sein
Fall  entmutigte  den  anwesenden  Kurfürsten  wie  die  Truppen.  In  der  Nacht
des  15.  April  ward  der  Rückzug  donauabwärts  gegen  Ingolstadt  angetreten.


Dorthin  wurde  auch  Tilly  verbracht.  Doch  der  Schwerverwundete  vergaß
  auch  unter  den  Schmerzen  und  der  tödlichen.  Erschöpfung  nicht  des  Amtes,
das  er  für  des  Reiches  Ehre  und  Einheit  so  lange  verwaltet,  und  die  letzten
Tage  des  alten  Helden  spiegeln  seine  ganze  Laufbahn  wieder.  Er  läßt  sich
immerfort  noch  von  seinen  Obersten  Bericht  erstatten;  er  läßt  seine  Sekretäre
fortwährend  in  seinem  Zimmer  arbeiten  und  erteilt  mit  der  alten  Geistesgegenwart
  seine  Befehle.  Noch  am  25.  April  1632,  wenige  Tage  vor  seinem
Verscheiden,  protestierte  er  in  einem  Schreiben  an  den  schwedischen  Feldmarschall
Horn  nachdrücklich  gegen  eine  von  den  Schweden  zu  Augsburg  ausgeübte  Verletzung
  des  Völkerrechtes.  Es  ist  das  letzte  Schreiben  von  seiner  Hand,  zugleich
ein  letzter  Beweis  seiner  warmen  Fürsorge  für  den  geringsten  seiner  Soldaten.
Von  da  ab  schwanden  seine  Kräfte.  Eine  Anzahl  Knochensplitter  mußten  aus
der  Wunde  des  zerschmetterten  Beines  gezogen  werden.  Aber  kein  Laut  der
Klage,  kein  Ruf  des  Schmerzes  kam  über  seine  Lippen.  Er  litt,  die  Seele
voll  patriotischer  Sorge.  Wenn  sein  bekümmerter  Kurfürst  zu  ihm  kam  um
in  den  letzten  Stunden  seinen  treuen  Diener  zu  trösten,  so  richtete  sich  Tilly
immer  wieder  zu  der  Meinung  auf:  „Regensburg,  vor  allem  hütet  Regensburg!“
  Denn  hier  lag  das  Bollwerk  Süddeutschlands,  der  wichtigste  Knotenpunkt
  zwischen  Bayern  und  Österreich;  hier,  meinte  er,  stehe  die  Kaiserkrone
mit  dem  bayerischen  Kurhute  auf  dem  Spiele.  —  Kurfürst  Maximilian  hat
auch  die  treue  Mahnung  wohl  beherzigt;  von  dem  alten  Feldherrn  konnte  er
nicht  anders  scheiden  als  mit  Tränen  und  Bewunderung.  In  dem  Hause  des
Universitätsprofessors  Dr.  Arnold  Rath  zu  Ingolstadt  war  das  Sterbelager
des  Feldherrn.  Da  lag  der  würdige  Greis,  der  sieggekrönte  Heerführer  und
Soldatenvater,  klagelos,  auch  von  Verrat  und  Unglück  ungebeugt.

Wohl,  er  konnte  mit  freier  Seele  auf  seine  Laufbahn  zurückblicken,  die
reich  war  an  Taten  und  Mühen.  Viel  Kummer  und  Mühsal  lag  hinter  ihm,
aber  kein  verdienter  Fluch,  keine  Träne  belastete  sein  Gewissen.  Was  mensch-Kronseder.

  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  14
        <pb n="222" />
        210  38.  Tillys  letzte  Tage.

liche  Kraft  nach  Maßgabe  der  Umstände  zur  Linderung  der  unsäglichen  Not
der  Zeit  vermochte,  das  hatte  er  geleistet  und  der  Umschwung  der  Dinge
konnte  einen  Mann  nicht  unvorbereitet  treffen,  den  keiner  seiner  Siege  übermütig
  gemacht.

Er  ordnete  seine  irdischen  Dinge  um  mit  der  Welt  abzuschließen.  Über
seine  älteren  Besitztümer  hatte  er  schon  einige  Jahre  zuvor  die  letztwillige
Verfügung  getroffen.  Zu  seinen  Erben  setzte  er  die  Kinder  seines  Bruders
Jakob,  vorzugsweise  den  Grafen  Werner  v.  Tilly  ein.  Das  Besitztum  Tillys
war  gering.  Der  Uneigennützige  hatte  nie  danach  getrachtet,  und  was  er
etwa  erworben,  gern  verschenkt.  Namentlich  sein  Lieblingsort  Altötting,  seine
nunmehrige  Ruhestätte,  wurde  zu  verschiedenen  Malen  bedacht.  Die  Infantin
Isabella  hatte  ihm  einst  eine  kostbare  Halskette  mit  prachtvollen  Diamanten
übersendet;  alsbald  weihte  er  sie  der  Heiligen  Jungfrau  zu  Altötting,  der
„Freude  meines  Herzens,  meiner  lieben  Frau  und  Gebieterin“.

Die  Stadt  Hamburg  hatte  ihm  einmal  unerwartet  ein  Geschenk  von
1000  Rosenobel  (engl.  Goldmünze)  verehrt;  er  bestimmte  sie  zu  einer  täglichen
Messe  in  Altötting.  Endlich  erwähnen  mehrere  Geschichtschreiber  noch  einer
Summe  von  60000  Reichstalern,  welche  Tilly  sterbend  seinen  Wallonen  vermacht
  habe,  die  ihn,  „ihren  Vater  Johann“,  in  der  Schlacht  bei  Breitenfeld
mit  ihren  eigenen  Leibern  gedeckt  hatten.

Während  der  greise  Held  ergeben  seinem  Ende  entgegenharrte,  tobte
draußen  vor  den  Mauern  der  Stadt  der  Schwede.  Gustav  Adolf  war  vor
Ingolstadt  erschienen  und  hatte  die  Laufgräben  zum  Sturme  eröffnet.  Aber
noch  vom  Sterbebette  aus  wirkte  der  Geist  des  alten  Heerführers  auf  seine
Truppen  und  sein  Neffe,  Werner  Tilly,  entflammte  mit  eigenem  Beispiele  den
Mut  der  Soldaten.  In  der  letzten  Nacht,  welche  Tilly  auf  dieser  Erde  verbrachte,
  liefen  die  Schweden  zweimal  Sturm  gegen  die  Stadt.  Während  dieser
schreckensvollen  Stunden  hörte  der  Sterbende  nicht  auf,  die  Offiziere,  welche
ihn  umgaben,  zur  Pflichterfüllung  aufzumuntern;  er  schickte  sie  bis  auf  den
letzten  nach  den  Wällen  und  schien  noch  einmal  aufzuleben  um  am  Kampfe
teilzunehmen.  Seine  Worte  riefen,  als  sie  den  Soldaten  hinterbracht  wurden,
die  lebhafteste  Begeisterung  hervor.  Die  Schweden  wurden  mit  ungeheuren
Verlusten  zurückgeschlagen  und  noch  einmal  schien  dem  großen  Manne  der
Sieg  lächeln  zu  wollen,  der  ihn  so  lange  begleitet  hatte.

So  kam  der  30.  April  herauf,  der  seinem  Leben  die  Marke  setzte.  Sein
Beichtvater  war  beständig  um  ihn,  nach  dem  eigenen  Willen  des  Feldherrn.
Gegen  die  Abenddämmerung  gab  Tilly,  indem  er  das  Kreuz  machte,  ein  Zeichen,
daß  die  Todesstunde  näher  rücke.  In  diesem  Augenblicke  ließ  er  seinen  Neffen
Werner  an  sein  Bett  treten,  reichte  ihm  zum  letzten  Male  die  Rechte  und
segnete  ihn.  Seine  alten  Freunde  Witzleben  und  Ruepp  ließen  sich,  mit  Tränen
in  den  Augen,  jetzt  auf  die  Kniee  nieder  und  baten  gleichfalls  um  seinen  Segen.
Er  erteilte  ihn  und  empfahl  Ruepp,  dem  Generalkommissar,  der  ihn  seit  langen
        <pb n="223" />
        39.  Ein  bayerischer  Reitergeneral  im  Dreißigjährigen  Kriege.  211

Jahren  auf  allen  Fahrten  begleitet,  sein  Hausgesinde.  Dann  legte  er  sich
zurück  und  sammelte  sich  im  Gebete.  Eine  Stunde  später  bemerkte  der  Beichtvater,
  daß  Tilly  seine  Augen  mit  einem  gewissen  Ausdruck  des  Bangens  nach
seiner  Seite  hin  wende.  Alsobald  rief  der  Ordensmann:  „In  te,  Domine,
speravi,  non  confundar  in  aeternum.“  —  „Auf  dich,  o  Herr,  habe  ich  gehofft;
  in  Ewigkeit  werde  ich  nicht  zu  Schanden  werden!“

Es  waren  die  Worte  des  königlichen  Sängers,  welche  Tilly  selbst  von
seinem  Beichtvater  in  der  Sterbestunde  sich  zugerufen  wünschte.  Als  er  sie
jetzt  vernahm,  schien  er  erquickt  und  gehoben  und  seine  Gesichtszüge  erheiterten
sich.  Er  warf  einen  letzten  Blick  voll  Liebe  auf  das  Bild  des  Heilands  und
gab  dann  seine  Seele  Gott  zurück.

39.  Ein  bayerischer  Reitergeneral  im  Dreißigjährigen  Kriege.

Von  Johann  Heilmann.:)

Nach  der  Schlacht  bei  Nördlingen  hielt  der  französische  Hof  es  an  der
Zeit,  die  Feinde  Deutschlands,  die  Dänen  und  Schweden,  nicht  bloß  durch
reiche  Hilfsgelder  zu  unterstützen,  damit  das  verderbliche  Kriegsfeuer  nicht  erlösche,
  sondern  mit  eigenen  Heeren  auf  der  großen  Kampfesbühne  zu  erscheinen.
Der  Kaiser  sollte  um  jeden  Preis  matt  gesetzt  werden;  dann  konnte  Frankreich
endlich  seinen  Teil  an  deutscher  Beute  einstreichen  und  den  weltbeherrschenden
Platz  einnehmen,  welchen  Deutschland  bisher  behauptet  hatte.  Neben  Österreich
  war  es  vor  allem  Bayern,  welches  den  harten  Kampf  mit  so  vielen  Feinden
weiterführte.  Der  unternehmendste  bayerische  Reiterführer  dieser  Zeit,  der
durch  kühne  Streifzüge  den  Schrecken  vor  den  wilden  bayerischen  Reitern  bis
in  die  Hauptstadt  Paris  verbreitete,  war  der  Feldmarschalleutnant  Johann
von  Werth.-)

1)  Die  Bayern  im  Kriege,  S.  78  ff.  München  1864,  Lentner-Stahl.

*)  „Johann  von  Werth,  zu  Büttgen  im  Jülichschen  geboren,  entstammte  einer
Familie  des  unbemittelten  Landadels.  Er  selbst  nannte  sich,  wohl  mit  absichtlicher  Üübertreibung,
  einen  Bauernsohn,  richtig  aber  einen  Gesellen  der  Fortuna,  der  seinem  Degen
alles  verdanke.  Als  gemeiner  Reiter  unter  Spinola  in  spanische  Dienste  getreten,  war  er
gleich  Tilly  aus  der  Schule  des  spanisch-niederländischen  Krieges  hervorgegangen,  aber  der
bedächtigen  Schwerfälligkeit,  die  ein  Hauptkennzeichen  dieser  Schule  war,  stand  niemand
ferner  als  er.  Sein  Element  war  der  frische  Reiterangriff,  rastlose  Beunruhigung  des
Feindes,  ÜUberfälle  im  Quartier  oder  auf  dem  Marsche  —  um  den  Feind  nicht  aufmerksam
zu  machen,  marschierte  er  stets  ohne  Trommelschlag  und  Trompetenschall  —  und  in  der
ganzen  Kriegsgeschichte  ist  vielleicht  kein  General  zu  nennen,  der  mit  kühnem  Wagemut
in  Überraschung  des  Gegners  so  Großes  geleistet  hätte  wie  Werth.  Seit  1630  im  bayerischen
  Dienste  war  er  seit  Februar  1634  Generalwachtmeister  und  befehligte  im  Sommer
dieses  Jahres  zwei  Regimenter  z.  Pf.  und  ein  Dragonerregiment.  An  dem  Siege  bei
Nördlingen  gebührt  ihm  ein  Hauptverdienst.  Der  Kaiser  dankte  ihm  durch  Erhebung
in  den  Freiherrnstand,  sein  Kurfürst  durch  die  Beförderung  zum  Feldmarschallentnant.“
Siegm.  v.  Riezler,  Gesch.  Bayerns  V,  S.  508  fl.

14%
        <pb n="224" />
        212  39.  Ein  bayerischer  Reitergeneral  im  Dreißigjährigen  Kriege.

Mit  Glück  versuchte  sich  Werth  gegen  den  neuen  Feind.  Anfangs  Februar
1635  geht  er  über  den  gefrorenen  Rhein,  „über  die  von  Gott  dem  Allmächtigen
  verlehnte  Brücke“,  und  nimmt  Speyer.  Dann  rückt  er  auf  Fürweiler,
das  von  etlichen  Kompagnien  französischer  Reiter  besetzt  war,  wo  er  sich  „mit
diesem  neuen  Feind  einmal  versucht,  welches  auch  gottlob  wohl  abgangen,
mehrerteil  allesamt  niedergemacht  worden,  3  Standarten  erobert,  und  es  soll
des  Königs  aus  Frankreich  Leibgarde,  so  neuerlicher  Tage  von  Paris  kommen,
dabei  gewesen  sein,  viele  französische  Edelleute  geblieben;  haben  also  unsere
Soldaten  das  französische  Blut  einmal  versucht"“.  So  berichtet  er  in  einem
Schreiben  an  seinen  Kurfürsten.

Am  12.  Juli  meldet  Werth  seinem  Herrn,  daß  er  seit  seiner  Vereinigung
mit  dem  Herzog  von  Lothringen,  Ende  Juni,  einige  Male  gegen  die  Franzosen
ausgeritten  sei  und  37  Fähnleins  und  Kornets  erobert  habe,  „und  solche
Konfussion  hinter  sie  gebracht,  daß  sic  sich  nicht  mehr  logieren  dürfen,  sondern
schon  etliche  Städte  in  Lothringen  derentwillen  quittiert;  verhoffe,  es  werde
bald  zu  einem  Treffen  geraten  und  mit  der  Gotteshülf  eine  glückliche  Viktoriaerlangen“.


In  den  verschiedenen  „Rencontres“,  die  Werth  mit  den  Franzosen  hatte,
eroberte  er  bis  zum  1.  Oktober  50  Fahnen  und  Standarten.

Am  16.  September  ritt  er  mit  60  Pferden  aus  um  den  Feind  zu  rekognosäieren.
  Er  stieß  auf  200  Pferde  unter  dem  Obersten  Sosoncour,  rieb  dieselben
  ganz  auf  und  machte  den  Oberst  und  mehrere  Offiziere  zu  Gefangenen.
Bald  darauf  vernichtete  er  drei  Kompagnien  französischen  Fußvolkes,  welche  die
Stadt  Char  besetzen  wollten.

Anfangs  Oktober  rückte  Werth  mit  600  Pferden  gegen  Nancy  „in  Meinung
die  wiederum  nach  Hause  ziehende  französische  Noblesse  zu  ertappen  und  ihnen
einen  Streich  zu  geben".  Während  Werth  vergeblich  auf  die  „Noblesse“  wartet,
verläßt  eine  Proviantkolonne  von  1500  Wagen  unter  Bedeckung  von  2  Fußregimentern
  und  5  Reiterkompagnien  Nancy  um  ins  Lager  zu  ziehen.  Werth
fällt  über  die  Kolonne  her,  jagt  die  Reiterei  in  die  Flucht,  haut  1200  Fußknechte
  nieder,  nimmt  viele  Offiziere  gefangen,  erobert  22  Fahnen  und  erbeutet
alle  Wagen,  „welches  blutige  Scharmützel  durch  ganz  Frankreich  erschollen
und  den  Franzosen  das  Herz  ziemlich  benommen“.  Werths  Verlust  bestand
nur  in  12  Mann,  „dann,  obwohl  die  Franzosen  zwei  Salven  unter  ihm
gegeben,  sind  doch  beide  ganz  zu  hoch  gangen“  Hierauf  stößt  er  auf  die
200  Pferde  starke  „Noblesse“  und  jagt  sie  in  die  Mosel,  wo  sie  fast  alle
ertranken.  ·

Es  war  keine  Übertreibung,  wenn  nun  der  bayerische  General-Kommissarius
  Schäffer,  der  sich  im  Hauptquartier  des  Herzogs  von  Lothringen  befand,
  am  11.  Oktober  an  Kurfürst  Maximilian  schrieb:  „Er  hat  bisher
dem  Feind  mehr  Abbruch  getau  als  die  ganze  Gallassche  Armee,  welche  viermal
  stärker  als  der  Feind“.
        <pb n="225" />
        39.  Ein  bayerischer  Reitergeneral  im  Dreißigjährigen  Kriege.  213

Im  folgenden  Jahre  (1636)  stieß  Werth  mit  11  bayerischen  Regimentern
—  5  zu  Fuß,  5  zu  Pferd  und  1  Dragonerregiment  —  zu  dem  Kardinalinfanten
  Thomas  von  Savoyen  um  von  den  Niederlanden  aus  einen
Vorstoß  ins  Herz  von  Frankreich  zu  machen.  Bei  Capelle  vereinigen  sich
Werth,  Piccolomini  und  der  Herzog  Franz  von  Lothringen  mit  dem  Kardinalinfanten,
  der  mit  spanischen  Truppen  diese  Stadt  belagerte.  Capelle  kapitulierte.
  Auf  die  Nachricht,  daß  der  Graf  von  Soissons  mit  8000  Mann  und
5  Geschützen  in  La  Fere  liege,  rückte  Werth  mit  3000  Pferden  an  Guise
vorüber  um  den  Grafen  zu  überfallen.  Werth  hatte  schon  mit  seinen  Dragonern
  einen  „Paß“  geöffnet,  als  die  spanische  Reiterei  plötzlich  „tornetetta“
machte.  Hierdurch  war  sein  Auschlag  vereitelt.  Werth  erobert  hierauf
Ribemont,  rückt  wieder  bei  der  Armee  ein  und  wohnt  der  Eroberung  von
Catelet  bei.

Nachdem  er  den  Übergang  über  die  Somme  zwischen  Bray  und  Corbie
forciert  hatte,  vernichtete  er  das  Regiment  Raymond.  Dann  verfolgte  er  die
Franzosen  mit  einigen  tausend  Pferden,  ereilte  ihre  Nachhut  bei  Noyon,  hieb
150  Mann  nieder,  eroberte  2  Standarten  und  machte  viele  Gefangene.  Der
Feind  zog  nach  Compiêgne,  wo  er  sich  verschanzte.

Am  1.  September  vernichtete  Werth  das  Regiment  Plancy  zwischen
Compiegne  und  Montdidier  und  am  2.  eine  Kompagnie  Kürassiere,  „so  sich
zu,  Paris  von  des  Königs  Gesindlein  zusammengeschlagen“.

Werths  Name  verbreitete  solchen  Schrecken,  daß  sich  ein  großer  Teil  der
Bewohner  von  Paris  nur  hinter  der  Loire  sicher  glaubte  und  aus  der  Hauptstadt
  floh.)

Paris  wäre  mit  leichter  Mühe  erobert  worden,  wenn  der  Kardinalinfant
dem  Rate  Werths  gefolgt  und  statt  sich  vor  Corbie  aufzuhalten  den  Schrecken
in  Paris  benutzt  hätte.  Als  aber  Richelien  sah,  daß  die  Gefahr,  welche
Paris  bedrohte,  nur  von  einigen  tausend  Reitern,  die  sich  in  der  Umgebung

*!)  „Vorläufer  des  „Marschall  Vorwärts"“  schlug  er  dem  Kardinalinfanten  vor
stracks  auf  Paris  loszugehen  und  auf  dem  Louvre  den  kaiserlichen  Doppeladler  aufzupflanzen.
  Schon  verbreitete  sich  der  Schrecken  vor  den  wilden  bayerischen  Reitern  bis  in
die  Hauptstadt  und  die  von  Paris  nach  Süden  und  Westen  führenden  Landstraßen  bedeckten
  sich  mit  Fliehenden.  In  dem  Volksliede:

etits  enfants,  qui  pleurera?
Voici  Jean  de  Vert,  qui  s'avance  le
lebt  noch  heute  in  Frankreich  das  Andenken  des  schrecklichen  Reitergenerals  fort:
„Jean  de  Vert  étant  un  brutal,
Qui  üfit  pleurer  le  roi  de  France,
Jean  de  Vert  étant  général
A  fait  trembler  le  Cardinal.=Den

  Ruhm,  der  1870  den  kühn  vorausschwärmenden  Ulanen  in  denselben  Gegenden
  zu  teil  ward,  haben  in  diesem  pikardischen  Feldzuge  von  1636  die  bayerischen  Reiter
geerntet.“  Siegm.  v.  Riezler,  Gesch.  Bayerns  V.  S.  515.
        <pb n="226" />
        214  40.  Die  Schlacht  bei  Alerheim  1645.

herumgetrieben,  verursacht  worden  war,  ermannte  er  sich  und  bewaffnete  die
Bürgerschaft  zum  Widerstand.  Mit  50000  Mann  rückte  der  König  nach
Compiegne  und  statt  des  Marsches  auf  Paris  mußten  nun  die  Verbündeten
bald  den  Rückzug  antreten.

Doch  noch  in  der  Nacht  des  4.  Oktober  zwischen  11  und  12  Uhr  übersiel
  Werth  mit  der  bayerischen  Reiterei  in  Montigny  sechs  feindliche  Regimenter,
erbeutete  5  Standarten,  über  1000  Pferde  und  alles  Gepäck.  Der  Graf  von
Degenfeld,  der  junge  Prinz  von  Württemberg  samt  andern  Offizieren  „haben
sich  in  den  Kirchhof  salvo  honore  in  der  Schlafhosen  und  Pantoffel  salviert,
die  übrigen  aber  sind  teils  niedergemacht  teils  in  dem  Dorfe  neben  den  andern
Kornets  verbrannt  worden“.

Indem  der  Kommissarius  Forstenhauser  dem  Kurfürsten  diese  Tat  Werths
meldet,  fügt  er  bei:  „Kann  demnach  Euer  Kurfürstliche  Durchlaucht  gnädigst
abnehmen  und  erachten,  daß  allhiesige  Truppen  nicht  allein  nicht  feiern,  sondern
diejenigen  sind,  welche  allein  dem  Feinde  Abbruch  tun  und  denselben  Tag
und  Nacht  strapazieren,  denn  ich  mich  nach  der  Zeit,  als  ich  bei  der  Armada
mich  befinde,  nicht  erinnern  kann,  daß  solcher  Einfall  oder  anderer  Abbruch
dem  Feind  von  den  Kaiserlichen  oder  Spanischen  wäre  ins  Werk  gesetzt  worden."

Nach  diesem  Überfall  räumte  Werth  das  französische  Gebiet,  wo  sein
Name  noch  lange  nachher  mit  Schrecken  genannt  wurde.

40.  Die  Schlacht  bei  Alerheim  an  der  Wörnitz  gegen  das
französisch-weimarisch-hessische  Heer  1645.

Von  Siegmund  von  Riezler.:)

Am  Jahrestage  der  ersten  Freiburger  Schlacht,  3.  August,  ward  bei
Alerheim,  nahe  dem  Schlachtfelde  von  Nördlingen,  die  Entscheidungsschlacht
dieses  Kriegsjahres  geschlagen.  Dort,  am  rechten  Ufer  der  Wörnitz,  hatte  der
General  Franz  von  Mergy,  seit  Tilly  das  größte  strategische  Talent  unter
den  bayerischen  Heerführern,  vom  Wenneberg  über  das  Dorf  Alerheim  bis
zum  gleichnamigen  Schlosse  eine  von  Natur  feste  Stellung  besetzt,  deren  Front
und  Flanken  er  durch  Schanzen  noch  verstärkte.  Mit  den  Kaiserlichen  etwa
15000—16000  Mann  stark  mit  28  Geschützen  stand  er  etwa  6000  Franzosen,
5000  Weimarern  und  6000  Hessen,  also  17000  Mann  mit  27  Geschützen,
unter  dem  gemeinsamen  Oberbefehl  des  Herzogs  von  Enghien?)  und  des
Marschalls  Turenne  gegenüber.

Die  Schlacht  begann  erst  zwischen  4  und  5  Uhr  nachmittags  mit  dem
Angriffe  des  Herzogs  von  Enghien  auf  das  langgestreckte  Dorf  Alerheim  im

9  Geschichte  Bayerns,  V.  Band,  S.  584  f.  Gotha  1903,  Perthes.
?)  Ludwig  II.  von  Bourbon,  Prinz  von  Condé,  der  große  Condé  genannt,  einer
der  größten  Feldherrn  seines  Jahrhunderts.
        <pb n="227" />
        40.  Die  Schlacht  bei  Alerheim  1645.  215

Zentrum.  Wie  bei  Freiburg  packte  Enghien  den  Stier  bei  den  Hörnern  und
wie  dort  mußte  er  seine  Kühnheit  mit  furchtbaren  Verlusten  bezahlen.  Der
Kampf  um  den  Besitz  des  Dorfes  gehört  zu  den  blutigsten  des  großen  Krieges
—  ein  Dorfgefecht,  das  an  Bazeilles  erinnert  —  inmitten  brennender  Häuser,
welche  die  Angreifer  angezündet  hatten.  Hier  fiel  der  Marschall  Graf  Marsin,
Enghien  selbst,  tapfer  wie  immer,  ward  zweimal  verwundet,  fast  alle  Offiziere
seines  Gefolges  getötet  oder  schwer  verwundet.  Etwa  gegen  6  Uhr  verließ
Mercy  den  Platz  hinter  dem  Dorfe,  von  wo  er  bisher  den  Kampf  geleitet
hatte,  um  seine  Leute  im  Dorfe  persönlich  anzufenern.  Da  traf  ihn  eine
feindliche  Musketenkugel,  auf  der  Stelle  tödlich,  in  den  Kopf  und  entschied
über  das  Schicksal  des  Tages.  In  Alerheim  jedoch  konnten  die  Franzosen
auch  nachher  keine  Fortschritte  machen,  ja  zuletzt  ward,  was  von  ihrem  Fußvolk
hier  noch  am  Leben  war,  von  den  Bayern  unter  Ruischenbergs  Führung  aus
dem  Dorfe  hinausgeworfen  und  irrte  in  völliger  Auflösung  in  der  Ebene  umher.

Ungefähr  um  dieselbe  Zeit,  da  Mercy  fiel  und,  wie  es  scheint,  ohne
davon  zu  wissen  brach  Werth  mit  der  bayerischen  Reiterei  des  linken  Flügels
zum  Angriff  hervor,  an  einer  Stelle,  die  eine  französische  Offizierspatronille
vorher  als  für  Reiterei  ungangbar  bezeichnet  hatte.  Der  Feind  versah  sich
daher  hier  keines  Angriffes,  und  als  die  bayerischen  Reiter  heransprengten,  stob
die  ganze,  an  Zahl  weit  überlegene  Reitermasse  des  französischen  rechten  Flügels
in  wilder  Flucht  davon  —  ein  Vorgang,  sagt  der  französische  Marschall
Gramont,  wie  er  sich  vielleicht  nie  wiederholen  wird.  Auf  ihrer  Flucht  riß
diese  Kavallerie  auch  4  Bataillone  hessischen  Fußvolkes  mit  sich  fort.  Auch
die  französische  Reserve  dieses  Flügels  wurde  geschlagen  und  in  die  allgemeine
Flucht  verwickelt.  70  Fahnen  und  Standarten  und  8  Geschütze  wurden  hier
von  den  Bayern  erobert.  Nur  die  Regimenter  Fabert  und  die  FIrländer
Walls  hielten  eine  Zeitlang  stand.  In  diesem  Kampfe  wurde  der  Führer  des
rechten  französischen  Flügels,  Marschall  Gramont,  von  dem  Rittmeister
Sponheim  des  bayerischen  Kürassierregiments  Lapierre  gefangen  genommen,
sein  ihn  mit  Aufopferung  verteidigendes  Gefolge  größtenteils  getötet.  Derselbe
Zug,  der  Mercys  Leiche  seiner  Witwe  zuführte,  brachte  den  gefangenen
Gramont  nach  Ingolstadt.

Zwei  Regimenter  Werths  setzten  die  Verfolgung  der  aufgelösten  französischen
  Reiterei  zwei  Stunden  weit  fort  und  drangen  in  das  Gepäck  des  Feindes,
ohne  daß  das  zu  seiner  Bedeckung  aufgestellte  Regiment  es  hindern  konnte.

Als  endlich  der  linke  französische  Flügel  unter  Turenne  zum  Angriff
gegen  den  Wenneberg  schritt,  standen  die  Dinge  für  die  Franzosen  so  schlimm
als  möglich.  Auch  Turenne  geriet  anfangs  hart  ins  Gedränge,  bis  die  Reserve
der  Hessen  und  Weimarer,  die  Reiterei  unter  Geiso,  Oehm  und  dem  Landgrasen
  Ernst  von  Hessen,  das  Fußvolk  unter  Uffeln  eingriff.  Dann  erst
wurde  der  durch  Abordnungen  in  das  Dorf  Alerheim  sehr  geschwächte  rechte
bayerische  Flügel,  wo  auch  die  Kaiserlichen  standen,  durchbrochen,  sein  Befehls-
        <pb n="228" />
        216  40.  Die  Schlacht  bei  Alerheim  1645.

haber  Geleen,  die  kaiserlichen  Obersten  Graf  Holstein  und  Hiller,  die  bayerischen
Royer,  Stahl,  Cobb  gefangen.  Ein  Teil  der  Reiterei  dieses  Flügels  floh  bis
Donauwörth  zurück,  so  daß  später  auf  Befehl  des  Kurfürsten  über  zwei  Rittmeister
  das  Kriegsrecht  gehalten  wurde.  Alle  Geschütze  auf  diesem  Flügel
gingen  verloren,  auch  die  vom  siegreichen  linken  Flügel  eroberten  Stücke  fielen
—  freilich  unbrauchbar  gemacht  —  in  die  Hand  des  Feindes  zurück,  da  die
Fuhrknechte  mit  den  Pferden  und  Protzen  durchgingen.

Als  Werth  mit  dem  größeren  Teile  seiner  Reiterei  von  seinem  Siegesritte
  gegen  Alerheim  zurückkehrte,  senkte  sich  schon  die  Nacht  auf  das  Schlachtseld.
  Turenne  urteilt,  daß  die  siegreiche  hessisch-weimarische  Reiterei  nicht
imstande  gewesen  wäre  einem  Angriffe  Werths  in  ihrem  Rücken  zu  widerstehen
und  auf  diesem  Ausspruche  fußend  hat  Napoleon  Werth  getadelt,  daß  er  nicht
in  der  Diagonale  umkehrte.:)  Aber  Werth  wußte  nicht,  wie  die  Dinge  auf
dem  rechten  Flügel  standen.  Hier  machte  sich  eben  der  Fall  Mercys  fühlbar,
der  Mangel  eines  Oberleiters,  der  die  allgemeine  Lage  überschaut  und  den
Unterführern  die  entsprechenden  Weisungen  gegeben  hätte.  Zunächst  blieben
die  zwei  siegreichen  Flügel,  der  linke  bayerische  und  der  linke  französische,  in
Schlachtordnung  voreinander  stehen.  Da  aber  die  feindliche  Reiterei  etwas
über  das  Dorf  Alerheim  vorgedrungen  war,  ergaben  sich  die  Kompagnien  des
Regimentes  Gil  de  Hasi,  die  den  Kirchhof  und  die  Kirche  verteidigt  hatten,
an  Turenne  ohne  zu  wissen,  daß  ihre  Landsleute  ganz  nahestanden.  Wie
diese  Ergebung  so  war  es  wahrscheinlich  auch  voreilig,  daß  die  Bayern  in
der  zweiten  Hälfte  der  Nacht  —  in  guter  Ordnung  —  den  Rückzug  nach
Donauwörth  antraten.  Nach  Werth  war  der  Mangel  an  Munition  dafür  bestimmend.
  Nach  Turennes  Ansicht  hatten  die  Bayern,  abgesehen  vom  Verluste
ihres  Oberfeldherrn,  nicht  mehr  Grund  das  Schlachtfeld  zu  räumen  als  die
Franzosen.

Die  ungeheueren  Verluste  der  Franzosen,  von  deren  Fußvolk  in  den
nächsten  Tagen  nicht  mehr  als  12000—15000  Mann  zusammengebracht
werden  konnten,  stempelten  ihren  taktischen  Erfolg  zu  einem  Pyrrhussieg.
Drastisch  zeichnet  die  Lage  die  Außerung  der  Madame  de  Montpensier,  als
sie  in  Paris  zum  Tedeum  ging:  es  wäre  besser  ein  De  profundis  anzustimmen.
  Der  altbewährten  Tapferkeit  der  bayerischen  Regimenter  hat  König
Ludwig  von  Frankreich  ein  beredtes  Zeugnis  ausgestellt,  wenn  er  in  einem
Briefe  an  die  Landgräfin  von  Hessen  von  der  „furchtbaren  und  ruhmbedeckten
bayerischen  Armada“  spricht,  die  nun  geschlagen  sei.  Die  Kraft  der  Franzosen
aber  war  durch  ihre  schweren  Verluste  zu  sehr  erschüttert,  als  daß  der  Sieg,
den  sie  allein  ihren  deutschen  Verbündeten  verdankten,  strategische  Folgen  haben

1)  „Statt  auf  den  bedrängten  rechten  Flügel  zu  eilen  zog  er  sich  in  seine  alte
Stellung  zurück.  Durch  dieses  Benehmen  verlor  Werth,  der  tapferste  Soldat  des
bayerischen  Heeres,  den  Ruhm  eines  umsichtigen  Feldherrn.“  Heilmann.
        <pb n="229" />
        40.  Die  Schlacht  bei  Alerheim  1645.  217

konnte.  Daß  sich  die  Stadt  Nördlingen  am  9.  August  den  Franzosen  ergab,
die  jedoch  nach  den  Übergabebedingungen  keine  Besatzung  in  die  Stadt  legen
durften,  ward  mehr  durch  die  von  der  Bürgerschaft  eingenommene  Haltung
als  durch  die  Alerheimer  Schlacht  herbeigeführt.  Am  24.  August  besetzten
die  Franzosen  auch  Dinkelsbühl.  Aber  zum  Angriff  auf  Bayern,  wo  bereits
Bußübungen  und  Gebete  zur  Abwendung  der  Gefahr  angeordnet  wurden,
und  zu  neuem  Kampfe  mit  dem  bayerischen  Heere  fehlten  ihnen  Mut  und
Kraft.  Vielmehr  wandte  sich  Turenne  —  Enghien  war  erkrankt  nach  Frankreich
  zurückgekehrt  —  zur  Belagerung  Heilbronns,  dessen  Besatzung  Maximilian,
die  strategische  Bedeutung  der  Stadt  richtig  würdigend,  schon  vor  der  Schlacht
auf  1200  Mann  unter  Fugger  verstärkt  hatte.  Der  gefangene  Geleen  (Gottfried
  Graf  Huyn  von  Geleen),  der  im  Beginne  des  Krieges  in  bayerischem,
seit  1636  aber  in  kaiserlichem  Dienste  stand,  war  gegen  Gramont  ausgewechselt
und  vom  Kurfürsten  (28.  Sept.)  als  Feldmarschall  an  die  Spitze  des  bayerischen
  Heeres  gestellt  worden.  Werth,  seit  31.  Mai  1643  General  der  Kavallerie,
der  nach  Mercys  Fall  als  der  dienstälteste  General  den  Befehl  übernommen
hatte,  ward  übergangen.

Die  Feldzüge  der  Bayern  unter  Mercy  gegen  die  Franzosen  in  den
Jahren  1643—1645  gehören  zu  den  bedeutendsten  militärischen  Leistungen
des  großen  Krieges.  Dank  seinem  genialen  Führer  errang  das  bayerische
Heer  in  diesen  Jahren  nochmals  die  hervorragende  Tüchtigkeit  und  annähernd
ebenso  glänzende,  wenn  auch  nicht  so  wirksame  Erfolge  wie  in  dem  ersten
Jahrzehnt  des  Krieges  unter  Tilly  —  Erfolge,  die  dem  Feldherrn  um  so
höher  anzurechnen  sind,  als  er  durch  die  Notlage  und  immer  wiederholte
Befehle  seines  Fürsten  auf  die  größte  Schonung  seiner  Truppen  angewiesen
war.  Welche  Beliebtheit  sich  dieser  Fremdling  in  Bayern  errungen  hatte,
ward  dem  Marschall  Gramont  klar,  als  seine  Leiche  !)  nach  Ingolstadt  gebracht
wurde.  Als  Stratege  unübertroffen,  als  Taktiker  mit  allen  Fortschritten  der
Kriegskunst  vertraunt,  Meister  in  der  Ausnutzung  des  Geländes,  bei  aller
Strenge  doch  ein  Vater  seiner  Soldaten,  für  deren  Verpflegung  er  einsichtsvoll
sorgte,  ein  lauterer  und  uneigennütziger  Charakter,  würde  Mercy  in  den
Blättern  der  Kriegsgeschichte  wohl  einen  ebenso  klangvollen  Namen  besitzen
wie  Tilly,  hätte  nicht  die  feindliche  Kugel  in  Alerheim  seinem  Leben  ein  vorzeitiges
  Ende  bereitet.2)

Beigesetzt  in  der  Michaelskapelle  der  St.  Moritzkirche  ebendort.  —  Mercy  entstammte
  einem  lothringischen  Adelsgeschlechte.

*)  Der  Herzog  von  Enghien,  Mercys  begabtester  Gegner,  hat  dessen  Feldherrnbefähigung
  anerkannt.  Auf  der  Stelle,  wo  er  gefallen,  ließ  er  einen  Denkstein  setzen  mit
der  Inschrift:  „Sta  viator,  heroem  calcas!“  —  Adlzreiter  nennt  ihn  „Ducem  vinci
nescium“.  Seine  Büste  ist  in  der  bayerischen  Ruhmeshalle  aufgestellt.
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        218  41.  Was  uns  die  Residenzfassade  Kurfürst  Maximilians  I.  sagt.

   

 

Die  Resldenzfassade  im  Jahre  1700  nach  einem  Kupferstiche  von  Michael  Wening.

41.  Was  uns  die  Residenzfassade  Kurfürst  Maximilians  l.  sagt.

Von  Karl  Trautmann.“

Wohl  kaum  ein  Bau  neben  den  hochragenden  Kuppeltürmen  der  Frauenkirche
  ist  dem  Münchener  so  sehr  ans  Herz  gewachsen  wie  die  Residenz  und
lieb  und  traut  von  Kindheit  an  bleibt  ihm  das  Bild  ihrer  altersgrauen  Fassade
mit  den  feierlich  prächtigen  Marmorportalen,  den  grimmen  Wappenlöwen  und
der  Madonna,  zu  deren  Füßen,  wie  an  einem  schlichten  Bürgerhause,  in  rötlichem
  Scheine  das  „ewige  Licht“  glimmt,  das  Kurfürst  Maximilian  I.  gestiftet.
Für  uns  ist  eben  der  Bau,  vor  dem  einst  in  den  Maitagen  des  Jahres  1632,
der  Schwedenkönig  Gustav  Adolf  sein  Pferd  anhielt  und  in  bewundernden
Worten  seines  großen  Gegners  Schöpfung  anerkannte,  nicht  nur  die  Verkörperung
der  seit  Jahrhunderten  wirkenden,  zum  Herzensbedürfnis  gewordenen  Kunstpflege
  der  Wittelsbacher,  die  bevorzugte  Stätte,  wo  so  überraschend  zutage
tritt,  was  jeder  von  ihnen  in  künstlerischen  Dingen  gefühlt  und  erstrebt,  er  ist,
wie  der  Münchener  vordem  das  Vaterhaus  nannte,  die  liebe,  alte  „Heimat“
unseres  aus  dem  Bayernstamme  hervorgegangenen  Herrschergeschlechtes,  der
Bau,  dessen  Mauern  gleichsam  zum  Träger  der  Erinnerung  geworden  sind  an
all  die  glücklichen  und  schweren  Zeiten,  die  Fürst  und  Volk  gemeinsam  durchlebt
  in  unentwegter  Zusammengehörigkeit.  «

Ringsumfreilichhatallessichgcwandelt.AusderengenSchwabingergasse
  von  ehedem  ist  ein  von  den  mächtigen  Gebäuden  der  Feldherrnhalle  und
der  Theatinerkirche  begrenzter  Platz  geworden  mit  dem  Ausblick  in  eine  imposante,
  kilometerlange  Prachtstraße,  und  wer  heute  die  ursprüngliche  Umgebung
sich  vor  Augen  führen  will,  muß  in  unser  Bayerisches  Nationalmuseum  gehen
und  des  kunstfertigen  Drechslers  Jakob  Sandtner  Holzmodell  betrachten,
das  uns  mit  so  unvergleichlicher  Anschaulichkeit  zurlickversetzt  in  das  München
des  16.  Jahrhunderts.

Dann  aber  wird  ihm  klar  werden,  was  mit  dieser  Fassade  gewollt  war.

Unmittelbar  an  der  Straßenlinie,  nicht  etwa  durch  Graben  und  Mauern
von  dem  Getriebe  des  Alltagslebens  geschieden,  steigt  der  Bau  hoch  empor  über
dem  trauten  Gewirre  der  Giebel,  der  Erker  und  der  Türmchen  gegenüber.
Aber  gerade  hier,  wo  jedes  der  schmalen,  bescheidenen  Bürgerhäuser  sein  eigenartiges
  Gesicht  zeigte,  muß  die  Residenz  in  ihrer  selbstbewußten  Größe  und
        <pb n="231" />
        41.  Was  uns  die  Residenzfassade  Kurfürst  Maximilians  I.  sagt.  219

herben  Geschlossenheit  um  so  hoheitsvoller  gewirkt  haben.  Nicht  ein  Fürstensitz  der
deutschen  Renaissance  tritt  uns  entgegen  mit  reichbewegter  Umrißlinie,  malerisch
empfunden  und  durchgeführt,  sondern  eine  Monumentalität,  die  in  italienischer
Schulung  gereift,  ihr  Rüstzeug  in  den  Wirkungen  der  einheitlichen  Massen  und  der
wagrechten  Linien  findet,  eine  Weiterentwickelung  jener  Baugedanken,  die  mit
den  beiden  unmittelbar  vorhergehenden  Schöpfungen  des  Herrscherhauses,  dem

 

Die  Umgebung  der  Residenz  im  Jahre  1571  nach  Jakob  Sandtners  Holzmodell.
(Die  Residenz  ist  späterer  Zusatz.)

Jesuitenkollegium  an  der  Neuhausergasse,  dem  heutigen  Akademiegebäude,  und
der  Herzogmaxburg  im  Münchener  Stadtbilde  bereits  zu  Wort  gekommen  waren.

Aber  um  wieviel  strenger,  durchgeistigter  als  dort  erscheint  alles  an  der
Residenz  Kurfürst  Maximilians  in  Anlage  wie  in  Durchführung  —  ein  wahres
Abbild  des  großen  Bauherrn,  der  das  Werk  in  ernster  Zeit,  unmittelbar  vor  dem
Ausbruche  des  großen  Krieges,  entstehen  ließ  und  der,  wie  es  in  seiner  herrschgewaltigen
  Natur  lag,  das  Schaffen  seines  Künstlerkreises  wohl  tiefer  beeinflußt
haben  mag  als  man  bisher  annahm.  Es  ist  sein  Wesen,  das  hier  waltet,
wie  wir  es  aus  den  Schilderungen  jener  kennen,  die  ihm  einst  im  Leben
nahestanden,  und  wie  es  uns  die  Bildnisse  zeigen:  die  unter  schweren  Sorgen
        <pb n="232" />
        220  41.  Was  uns  die  Residenzfassade  Kurfürst  Maximilians  I.  sagt.

frühgealterten  Züge,  tiefernst  und  stahlhart  und  von  unbeugsamer  Energie
wie  sein  Wollen  und  Vollbringen,  das  scharfe,  durchdringende  Auge,  das
schneidende  Mctall  der  Stimme,  vor  deren  Anrede  selbst  die  kampfgewohnten
Feldobersten  erzitterten,  jeder  Zoll  ein  Fürst,  zu  tiefst  durchdrungen  von  der
göttlichen  Würde,  noch  mehr  aber  von  den  Pflichten  des  Herrschertumes,  in
deren  Dienst  er  in  geradezu  idealer  Hingebung  sein  ganzes  Leben  stellte.

Ein  solcher  Fürst  läßt  sich  sein  Heim  wohl  anders  bauen  als  ein  sorgloses,
  festesfrendiges  Weltkind.  Auch  anders  wie  sein  Vater  Herzog  Wilhelm  V.,
dessen  milde,  beschauliche  Natur  in  den  träumerischen  Einsiedeleien,  die  er  um
Schloß  Schleißheim  hatte  bauen  lassen,  die  Welt  fand,  wo  es  ihm  so  recht
glücklich  ums  Herz  war  und  als  dessen  Wohnstätte  in  der  Münchener  Residenz
der  Bau  am  Grottenhof  sich  erhob,  jenes  lauschige  Idyll  voll  Blumenduft  und
Brunnengeplätscher.

Was  Maximilian  schuf,  trägt  andere  Züge.  Es  ist  die  ernste  Hoheit  der
Kaisertreppe,  von  deren  Wänden  die  Ahnen  der  Wittelsbacher  herniederschauen,
die  weiträumigen,  lichtdurchfluteten  Korridore,  die  gemessene  Pracht  der  Steinzimmer
  —  eine  wunderbar  feierliche  und  großzügige  Architektur,  wie  kein  gleichzeitiger
  Bau  in  Deutschland  sie  aufweist.  Und  dazu  als  Bilderschmuck  nicht
etwa  ein  heiteres  Spiel  mit  antiken  Göttersagen,  sondern  die  Verkörperung
dessen,  was  seines  Lebens  Richtschnur  und  Inhalt  gewesen:  Gottesfurcht
und  Herrschertugend.

Was  dem  Innern  des  Baues  seine  Signatur  gibt,  das  spricht  schon  die
Fassade  aus.  Ihre  gewaltige,  durch  keine  Gliederung  unterbrochene  Länge
veranlaßt  den  Meister  in  weisem  Maßhalten  dazu,  die  Hauptwirkung  auf  drei
Punkte  zu  sammeln,  auf  die  beiden  Portale  und  die  zwischen  ihnen  liegende
Madonnennischce,  nur  diese  plastisch  zu  gestalten,  das  weitere  aber  der  Malerei
zu  überlassen.

Wie  bekannt,  war  München  schon  während  des  Mittelalters  ein  bevorzugter
Sitz  dieser  Schmuckart  und  in  den  Tagen  der  ausgehenden  Renaissance  weitberühmt
  wegen  der  farbigen  Zier  seiner  Behausungen.  Als  die  Residenz
Maximilians  entstand,  besaß  die  Fassadenmalerei  längst  Heimatrecht  auf  altbayerischem
  Boden;  hervorragende  Künstler  wie  Haus  Müelich,  Bocksberger,
  Christoph  Schwarz  hatten  in  unserer  Stadt  Reizvolles  auf  dicesem
Gebiete  geschaffen  und  mit  Recht  sang  bereits  Anno  1577  ein  fahrender  Poet
von  den  Wohnstätten  der  hiesigen  Bürger:

Die  Heisser  sein  gmallt,  sollt  glauben  mir,
Von  allten  Historien  und  Geschichten.
Mich  wundertt,  wie  mansf  hhan  erdichten,
Von  den  Schlachten,  die  man  hatt  gethan,
Dass  wass  als  schön  gemalt  daran.

Wie  hübsch  das  aussah,  zeigen  uns  erhaltene  Aquarelle  und  Kupferstiche.
in  denen  die  nunmehr  kahlen  Häuserflächen  unserer  Altstadt  zum  Leben  er-
        <pb n="233" />
        41.  Was  uns  die  Residenzfassade  Kurfürst  Maximilians  I.  sagt.  221

wachen  und  wieder  zur  kunsterfüllten,  farbenfrohen,  im  Stadtbilde  so  bedeutsam
  mitsprechenden  Bilderchronik  werden,  die  sie  ehedem  gewesen.  Es  ist  die
alte  Art,  die  ihre  buntbewegten  Schlachtenszenen,  ihre  Wappen,  Allegorien,
Fürstenbilder  und  Grotesken  mehr  lustig  und  genial  als  organisch  über  die

 

Das  Nordportal  der  Residenz  in  München.

ganze  Fläche  verstreut,  und  gerade  im  Anblicke  solcher  Werke,  die  ja  ihre  tägliche
  Umgebung  bildeten,  mußte  in  den  Meistern  der  Residenz  wohl  die  Überzeugung
  sich  befestigen,  daß  jede  freiere  Gestaltung,  jede  vielfarbige  Wirkung
der  Malerei  den  getragenen  Ernst  ihrer  für  damalige  Verhältnisse  riesigen
Front  unbedingt  zerstören  müßte.  Und  so  entstand  im  bewußten  Gegensatze  zu
der  hellen  Freude  an  bunter  Zier,  wie  er  dem  Altbayernstamme  im  Blute  liegt
und  noch  jetzt  an  den  Bauernhäusern  unseres  Hochlandes  uns  entgegenjubelt,
jenes  fast  alles  ornamentale  Beiwerk  verschmähende  Architekturgerüste,  das  gewiß
eine  der  strengsten  Fassadenmalereien  darstellt,  die  jemals  geschaffen  wurden.
        <pb n="234" />
        222  41.  Was  uns  die  Residenzfassade  Kurfürst  Maximilians  I.  sagt.

Es  war  eine  hochglückliche  Lösung,  fast  möchte  man  sagen  die  mit  Naturnotwendigkeit
  sich  ergebende.  Neben  der  Wucht  der  Portale  kann  und  will
die  Malerei  nicht  selbständig  wirken  und  sie  ist  mit  ihren  durchgehenden  Pilasterordnungen
  in  der  Tat  nichts  weiter  als  das  ruhige  Ausklingen  der  dort
angeschlagenen  Stimmung  über  die  ganze  Fassade  hin,  gleichsam  der  sanfte,
ebenmäßige  Wellenzug  auf  einer  im  leichten  Windhauch  bewegten  stillen  Seefläche.=Daß

  nicht  mehr  gewollt  war,  beweist  auch  die  Farbenstimmung  der  Bemalung:
  ein  gebrochenes  Steingrau  mit  einem  grünlichen  Anfluge,  der  sich,
wie  bei  den  Bronzen  des  Portalschmuckes,  einem  Edelroste  gleich  über  die
Mauern  legte  und  in  der  Ausführung  die  auf  den  Kupferstichen  der  Fassade
so  hart  und  steif  wirkenden  Architekturglieder  nur  wie  leicht  verschleiert  zur
Geltung  kommen  ließ.  Nicht  wie  ein  farbensattes  Bild,  an  welchem  jede  Einzelheit
  greifbar  lebendig  sich  abhebt,  sollte  diese  Malerei  wirken,  nur  wie  ein  verblaßter
  Wandteppich,  der  den  sanst  getönten,  stimmungsvollen  Hintergrund
bildet  für  die  herrlichen  Kunstwerke  in  Erz  und  Marmor.

Der  architektonische  Schwerpunkt  aber  liegt  in  den  beiden  triumphbogenartig
  gestalteten  Portalen,  welche  die  Fassade  vollauf  beherrschen  und  die
allein  genügen  würden  um  den  Charakter  des  Baues  als  Fürstensitz  zum  Ausdruck
  zu  bringen.  Es  sind  strenge  Gebilde  von  hoher  Monumentalität,  und
wiewohl  sie  kräftig  genug  sich  profilieren  um  für  sich  zu  wirken,  sind  sie  mit
ihrer  in  dem  ruhigen,  erlesenen  Material  des  roten  Marmors  und  der  Bronze
durchgeführten  Pilasterarchitektur  doch  wieder  so  fein  gehalten,  daß  sie  nicht
aus  der  Fassadenmalerei  herausfielen  noch  durch  barocke  Säulenhäufungen
und  Ausladungen  die  schlichten,  niederen  Häuser  gegenüber  erdrückten.  Es  zeigt
sich  eben  auch  hier,  wie  später  bei  den  Münchener  Palästen  des  18.  Jahrhunderts,
  daß  diese  sinnigen  Meister  nicht  in  selbstsüchtiger,  nur  das  eigene
Werk  im  Auge  habender  Weise  schufen,  sondern  mit  steter  Rücksicht  auf  die
örtliche  Umgebung,  mit  richtigem  Empfinden  für  den  aus  Klima,  Material  und
Arbeitstradition  heraus  erwachsenen  Baucharakter  des  Stadtbildes.  Und  darum
fügte  sich  die  Residenz  trotz  ihrer  mächtigen  Abmessungen  der  alten  Schwabingergasse
  ebenso  ungezwungen  ein  wie  etwa  Cuvillies'  reich  und  doch  so  zart  gehaltene
  Stuckfassaden  in  die  einst  so  fein  gestimmten,  jetzt  aber  als  Gesamtkunstwerke
  leider  ihrem  Untergange  unrettbar  zueilenden  Straßenbilder  der
Theatiner=  und  Promenadestraße.

Und  dazu  tritt  nun  der  Figurenschmuck  der  Portale:  die  mit  den  Giebelstücken
  wie  verwachsenen  Verkörperungen  der  Regententugenden,  die  ehrfurchtgebietenden,
  meisterhaft  ausgeführten  Frauengestalten  der  Weisheit  und  Gerechtigkeit,
  der  Stärke  und  Mäßigung.  In  ihnen  werden  schon  am  Außeren  des
Baues  die  ersten  ergreifenden  Akkorde  jenes  so  tief  durchdachten  und  volltönend
dahinrauschenden  Hymnus  auf  die  Ideale  des  Herrschertums  angeschlagen,  in
welchem  vordem  die  ganze  malerische  und  plastische  Ausstattung  der  Residenz
Kurfürst  Maximilians  zusammenklang.
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        41.  Was  uns  die  Residenzfassade  Kurfürst  Maximilians  I.  sagt.  223

Aber  der  Herrscher,  der  sich  dieses  Heim  erbaut  hatte,  war  ein  katholischer
  Fürst,  der  mutige,  aufopferungsvolle  Vorkämpfer  in  den  30  Kriegsjahren
für  den  alten  Väterglauben,  den  er  mit  unerbittlicher
  Strenge  seinem  Volke  erhalten  wissen
wollte  —  ein  katholischer  und  ein  altbayerischer
Fürst.  Darum  thront  als  geistiger  Mittelpunkt
der  Fassade  an  der  Stelle,  wo  der  welsche
„Principe“  wohl  stolz  das  Wappenschild  seines
Geschlechtes  eingefügt  hätte,  in  anmutiger  Würde
das  Standbild  der  Himmelskönigin  mit  dem
Jesukindlein  und  als  leiser,  holder  Beiklang  die
aus  einem  Engelreigen  so  entzückend  sich  entwickelnde
  Laterne  für  das  „ewige  Licht".  Und
über  der  Statue,  dem  ersten  Denkmale  jener
zartsinnigen  Madonnenverehrung,  der  Maximilian
  später  noch  in  der  Münchener  Mariensäule
  einen  so  volkstümlichen  Ausdruck  gab,
halten  zwei  Himmelsknaben  den  in  seinem
demütigen  Gottvertrauen  für  den  kampferprobten
Fürsten  so  bezeichnenden  Hausspruch:  Sub  tuum
praesidium  confugimus,  sub  dquo  secure
laetique  degimus,  oder  wie  es  der  ehrenfeste
Jurist  Johannes  Schmid  im  Jahre  1685  in
deutschen  Verslein  wiedergab:

Die  sich  dir  ergeben,
In  Sicherheit  leben.#)

Es  ist  der  uralte,  so  rührend  -'schlichte
Brauch  des  „Hausbildes“,  der  uns  hier  entgegentritt,
  des  geschnitzten  oder  gemalten  „Hauspatrones“,
  dem  man  Schutz  und  Wohlergehen
der  Heimstätte  anvertraut,  und  es  mutet  wirklich
herzerwärmend  an  in  monumentaler  Steigerung
an  dem  Fürstenschlosse  wiederzufinden,  was  selbst  heute  noch  der  bescheidensten
Söldnerhütte  nicht  fehlen  darf,  die  vom  einsamen  Waldessaume  unseres  Alpenvorlandes
  hinausblickt  in  die  schweigende  Bergeswelt.

Das  ist  der  altbayerische  Zug  an  unserer  Residenzfassade.

 

 

Die  Patrona  Bavariae.

1)  Vgl.  Jakobus  Balde  carm.  Ur.  1V,  43:
Qui  Palatinac  tun  signa  moli,  Wer  an  seines  Schlosses  Portal  dein  Bildnis,
Virgo,  praefixit,  colit  eminentem  Jungfrau,  aufstellt,  ehrt  dich  als  seine  Herrin
Jon  koris  tantum  sed  et  intus  ipso  in  Nicht  nach  außen  nur,  nein,  er  trägt  dich  tief  im
Pectore  gestat.  Innersten  Herzen!
        <pb n="236" />
        224  42.  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  I.

42.  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  I.

Von  Siegmund  von  Riezler.)

Maximilian  ist  der  einzige  unter  den  deutschen  Fürsten,  der  Beginn  und
Ende  des  Dreißigjährigen  Krieges  erlebte,  der  einzige,  der  in  allen  Phasen  des
Kampfes  mit  im  Vordergrunde  steht.  Und  in  seiner  Politik  im  Kriege  spiegelt  sich
getreu  der  Charakter  des  großen  deutschen  Bürgerkrieges:  hier  wie  dort  vermengen
sich  die  religiösen  Triebfedern  mit  Besitz=  und  Machtfragen,  hier  wie  dort  geben
die  ersteren  den  Anstoß  zum  Kampfe  und  behalten  während  des  Kampfes  das
Übergewicht.  Als  treuer  und  gehorsamer  Sohn  seiner  Kirche  ist  Maximilian
trotz  seiner  Friedensliebe  einer  von  jenen  geworden,  welche  die  Fackel  zum
Brande  des  großen  Krieges  anlegten.  Selbst  seine  anfängliche  Zurückhaltung
in  den  konfessionellen  Streitigkeiten  im  Reiche  ist  zum  guten  Teil  durch  das
religiböse  Motiv  zu  erklären,  daß  ihm  die  Abwehr  der  mohammedanischen  Türken
noch  wichtiger  und  vordringlicher  erscheint  als  die  der  Protestanten.  Dann
aber  gibt  er  durch  sein  Eingreifen  zum  Schutze  der  katholischen  Einrichtung
der  Prozessionen  in  Donauwörth  das  Signal  zum  Zusammenschlusse  der  Protestanten
  in  einem  Bündnisse.  Der  katholische  Gegenbund,  der  dessen  natürliche
  Wirkung  ist,  wird  von  ihm  ins  Leben  gerufen  und  geleitet.  Er  rät  dem
Kaiser  Matthias  davon  ab  in  Böhmen  religiöse  Zugeständnisse  zu  machen,  zu
denen  sich  dieser  in  seiner  Notlage  einen  Augenblick  fast  gezwungen  sieht  und
die  den  Ausbruch  des  Krieges  wahrscheinlich  verhindert  hätten.  Er  selbst,  der
jede  Einmischung  in  die  inneren  Wirren  Osterreichs  vordem  so  entschieden  ablehnte,
  hätte  dann  in  den  böhmischen  Krieg  nicht  eingegriffen,  hätte  es  nicht
gegolten  dem  gut  katholischen  Kaiser  zu  helfen,  den  kalvinischen  Fürsten  zu
vertreiben,  der  Gefahr  einer  protestantischen  Mehrheit  im  Kurfürstenrate  und
damit  der  Möglichkeit  einer  protestantischen  Kaiserwahl  für  die  Zukunft  vorzubeugen.


Auch  die  ehrgeizigen  Ziele,  die  er  dabei  sogleich  ins  Auge  faßt,  sind  nicht
frei  von  religiöser  Färbung:  die  Kur  und  die  pfälzischen  Lande  als  Preise
davonzutragen  erscheint  als  Gewissenspflicht,  da  die  katholische  Mehrheit  im
Kurfürstenrate  gesichert  und  die  pfälzische  Bevölkerung  dem  Katholizismus
zurückgewonnen  werden  soll.  Als  endlich  die  Ohnmacht  der  besiegten  Protestanten
  dem  Kriege  ein  Ende  zu  bereiten  scheint,  dringt  Maximilian  darauf,
daß  als  Siegespreis  die  Zurückstellung  der  säkularisierten  Stifter  und  Güter
an  die  katholische  Kirche  gefordert  und  durchgeführt  werde  —  und  sieht  sich
nun  gezwungen  auch  den  Kampf  mit  Gustav  Adolf  aufzunehmen,  der  nicht
nur  als  politischer  Rivale  Habsburgs  um  die  Ostseeherrschaft  sondern  auch  als
Schirmer  und  Befreier  seiner  bedrängten  Glaubensfreunde  in  Deutschland
landet.  Da  die  Religion  unvergleichlich  höher  steht  als  die  Nationalität,

1)  Geschichte  Bayerns,  V.  Band,  S.  673  ff.  Gotha  1903,  A.  Perthes.
        <pb n="237" />
        42.  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  I.  225

wenden  sich  die  Protestanten  zu  ihrem  Schutze  gegen  andersgläubige  Volksgenossen
  unbedenklich  an  den  fremden  Glaubensgenossen.  Zu  spät  entschließt
sich  der  Bayernfürst  zu  gewissen  Zugeständnissen  —  der  schwere  Fehler,  der
in  der  Überspannung  der  Ansprüche  nach  dem  Siege  lag,  ist  nicht  wieder  gutzumachen.
  Gegenüber  der  neuen  politischen  Gestaltung  versagt  der  französische
Rückhalt,  den  er  sich  vorsorglich  für  Notfälle  sichern  wollte:  Richelieu  wie
seinem  Nachfolger  Mazarin  liegt  die  Schädigung  Habsburgs  noch  mehr  am
Herzen  als  der  Schutz  der  katholischen  Sache.  Bayerns  Ringen  mit  Frankreich
  ist  der  einzige  Abschnitt  des  großen  Krieges,  in  dem  das  religiöse  Motiv
nicht  direkt  wirksam  war.  Vorher  aber  war  dem  Kampfe  in  keinem  Lager  der
Charakter  als  Religionskrieg  so  stark  aufgeprägt  wie  im  bayerischen.

Maximilians  Hauptziele  in  der  inneren  Politik  waren  Erhaltung  der
Glaubenseinheit  wenigstens  in  seinem  eigenen  Lande,  da  sie  im  Reiche
nicht  mehr  möglich  war,  und  eine  religiös-sittliche  Erziehung  der  Untertanen,
wie  sie  den  Geboten  seiner  Religion  entsprach;  im  Reiche:  die  Erhaltung
der  geistlichen  Fürstentümer  und  ihres  Besitzstandes  und  Sicherung  des  katholischen
  Charakters  des  Kaisertums  auch  für  die  Zukunft.  Diese  Ziele  wurden
nur  teilweise  erreicht  und  nur  um  den  Preis  eines  mörderischen  Bruderkrieges,
der  das  eigene  Land  wie  die  ganze  Nation  dem  tiefsten  Elende  preisgab.  Und
auf  die  Dauer  ließ  sich  das  Errungene  doch  nicht  festhalten:  mit  ehernem  Fuße
über  alles,  was  Maximilian  anstrebte,  hinwegschreitend  hat  die  Zeit  seine  konfessionelle
  Politik  als  unfruchtbar  verurteilt.

Wie  sein  Anteil  am  Kriege  überwiegend  durch  religiöse  Gründe  bestimmt
ist,  so  wurzelt  in  seiner  Religiosität  auch  seine  Treue  und  ehrerbietige  Unterordnung
  gegen  das  Reichsoberhaupt.  Gewiß  war  er  gut  deutsch  gesinnt  —
oft  genug  hat  er  seiner  Abneigung  gegen  das  Vordringen  des  ausländischen,
besonders  spanischen  Wesens  in  Deutschland  lebhaften  Ausdruck  gegeben;  entscheidender
  aber  als  seine  nationale  Gesinnung  ward  für  sein  Verhältnis  zu
Kaiser  und  Reich,  daß  ihm  Gehorsam  und  Treue  gegen  diese  von  Gott  gesetzten
  Ordnungen  als  religiöse  Pflicht  erschien.  Der  heilige  Charakter  des
Reiches  war  es,  was  den  sonst  so  klar  Blickenden  noch  in  den  Zeiten  des  tiefsten
Verfalles  von  dem  „herrlichen  Korpus  des  Römischen  Reiches“  sprechen  ließ.

Neben  aller  Ergebenheit  gegen  das  katholische  Reichsoberhaupt  machten
sich  doch  in  seinem  Verhältnis  zu  diesem  auch  sein  starkes,  leicht  verletztes
Selbstgefühl  und  seine  hohe  Auffassung  von  den  Rechten  der  deutschen  Fürsten
nachdrücklich  geltend.  Johann  von  Werth  hat  an  ihm  außer  seiner  hohen
Klugheit  und  anderen  großen  Tugenden  gerühmt,  daß  er  der  einzige  sei,  der
die  Hoheit  und  Autorität  eines  deutschen  Fürsten  gegen  den  Kaiser  wie  gegen
männiglich  zu  „manutenieren“  wisse.  In  seinem  Widerwillen  gegen  die  habsburgische
  Unersättlichkeit  und  in  seiner  starken  Betonung  des  fürstenaristokratischen
  Charakters  des  Reiches  berührte  sich  der  Retter  der  habsburgischen
Monarchie  sogar  einigermaßen  mit  dem  habsburgfeindlichsten  Publizisten,  dem

Kronseder.  Lesebuch  zur  Eeschichte  Bayerns.  15
        <pb n="238" />
        226  42.  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  I.

schwedischen  Hauptmann  und  Historiographen  Hippolitus  a  Lapide  von  1640,
wiewohl  er,  fern  von  dessen  Leidenschaftlichkeit,  das  deutsche  Königtum  nicht
zur  Ohnmacht  herabgedrückt  und  nicht  die  habsburgische  Dynastie,  sondern  die
fremden  Nationen  vom  deutschen  Boden  verdrängt  sehen  will.  Wie  sehr  doch,
trotz  aller  Verstimmungen,  besonders  seit  seiner  zweiten  Heirat  die  Neigung
zu  Habsburg  überwog,  lehrt  uns  sein  Testament  von  1641,  worin  er  seinem
Sohne  empfahl  besonders  mit  dem  löblichen  Hause  Osterreich  gute  Freundschaft
  zu  halten.  In  allen  Schwierigkeiten  und  Widerwärtigkeiten  möge  er
zum  Kaiser  nicht  nur  als  seinem  Oberhaupte  sondern  auch  als  nächstem  Vetter
seine  Zuflucht  nehmen,  nicht  anders  wie  zu  seinem  Herrn  Vater.

Daß  Maximilian  die  französischen  Forderungen  zum  Schaden  des  Reiches
beim  Friedenskongresse  unterstützte,  geschah  weit  mehr  in  der  klaren  Einsicht,
daß  ohne  dieses  Opfer  der  Friede  nie  erzielt  würde,  als  in  selbstsüchtigem
Interesse.  Durch  die  entsetzlichen  Leiden  des  Krieges  gebeugt  und  vom  Kaiser
selbst  bedroht  hat  er  freilich  gegen  das  Ende  des  furchtbaren  Kampfes  Frankreich
  schutzflehend  und  unterwürfig  umworben,  aber  auch  damals  seine  Pflicht
gegen  Kaiser  und  Reich  sich  vorbehalten  und  eben  durch  diese  Gewissenhaftigkeit
  selbst  nicht  am  wenigsten  zum  Scheitern  seines  französischen  Bundesplanes
beigetragen.  Über  ein  Jahrzehnt  aber  brachte  kein  deutscher  Fürst  größere
Opfer  um  die  Fortschritte  der  Franzosen  aufzuhalten  und  ihre  Forderungen
unmöglich  zu  machen.  Der  Kaiser  hat  am  Rhein  seine  eigenen  Lande,  Maximilian
  hat  dort  aufopfernd  das  Reich  verteidigt.

Seine  Persönlichkeit  hinterläßt  der  geschichtlichen  Betrachtung  nichts
Zweifelhaftes  oder  Unerklärtes.  Der  religiöse  Glaube  ist  an  erster  Stelle  das
Prinzip,  aus  dem  sein  Tun  und  Lassen  entspringt.  Auf  ihm  beruht  sein
strenges  Pflichtgefühl  und  die  imponierende  Selbstzucht,  mit  der  er  seine
Leidenschaften  gebändigt,  ja  die  Sinnlichkeit  nach  Jesuitenmuster  ertötet  hat.
Auf  ihm  beruht  seine  Arbeitsamkeit,  die  unablässige  Sorge  für  alles,  was  nach
seiner  Anschauung  sein  und  seiner  Untertanen  Seelenheil  befördern  kann,  die
stets  opferwillige  Freigebigkeit  für  kirchliche  Zwecke.  Auf  ihm  beruhen  im
Grunde  auch  die  wichtigsten  Handlungen  seiner  äußeren  Politik,  nur  daß  hier
die  Wirklichkeit  der  starren  Durchführung  des  Prinzips  noch  engere  Schranken
setzt  als  im  Innern  und  daß  die  Verbindung  von  nüchternem  Verstande  und
festem  Willen,  die  ihn  auszeichnet,  ihn  in  der  Politik  fast  stets  nur  das  Erreichbare,
  dieses  aber  mit  äußerster  Konsequenz  und  Ausdauer  anstreben  läßt.
Auf  diesem  Gebiete  ist  er,  dank  seinen  natürlichen  Anlagen,  fast  immer  besonnen
  und  überlegt,  umsichtig  und  maßvoll.  Wo  er  hier  Fehler  begeht,  liegt
die  Schuld  daran,  daß  er  in  dem  gehobenen  Machtgefühle  des  Siegers  seiner
natürlichen  konfessionellen  Neigung  freien  Lauf  läßt.  Doch  die  Politik  hat
ihr  eigenes  Leben  —  so  weit  erstreckt  sich  die  Macht  seiner  religiösen  Gesinnung
  nicht,  daß  sie  aus  seiner  Staatskunst  alle  der  christlichen  Moral  widersprechenden
  Mittel  verbannt,  daß  sie  ihm  verwehrt  hätte  Gegner  oder  auch
        <pb n="239" />
        42.  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  I.  227

Verbündete  durch  Mangel  an  Aufrichtigkeit  und  Wahrheit  zu  überlisten.  Einem
gerade  in  diesem  Punkte  durchaus  kompetenten  Beurteiler,  dem  Kardinal
Mazarin,  erschien  er  listig  und  verschlagen  im  höchsten  Grade,  ein  Mann,  dem
zu  mißtrauen  man  allen  Grund  habe  und  der  nichts  so  sehr  liebe  wie  sein
eigenes  Interesse.  Aber  der  Gedanke,  daß  sein  persönliches  Interesse  irgendwo“
vor  dem  religiösen  sich  geltend  machen  dürfe,  kommt  bei  ihm  gar  nicht  in
Betracht,  nur  Friedensliebe  und  die  Forderungen  der  Realpolitik  vermögen
ihm  Zugeständnisse  in  religiös-politischen  Fragen  abzuringen.  Auch  sein  ungemein
  starkes  Standes=  und  Selbstgefühl  fügt  sich  ungezwungen  seiner  religiösen
Weltanschauung  ein:  Gott  ist  es,  der  ihm  diesen  erlauchten  Posten  als  Fürst
und  Kurfürst  des  Reiches  angewiesen  hat.  Wie  Loyola  bleibt  er  trotz  aller
Aszese  und  Frömmigkeit  eine  ganz  auf  Handeln  und  Herrschen  angelegte
Natur.  Mit  der  christlichen  Demut  aber  verträgt  sich  in  seiner  Seele  das
stärkste  fürstliche  Selbstbewußtsein.  Und  indem  dieser  Zug  mit  der  Tradition
zusammenwirkt,  die  am  Münchener  Hofe  und  unter  den  bayerischen  Beamten
schon  ausgebildet  war,  wird  Maximilian  zum  kraftvollen  Vertreter  der  landesfürstlichen
  Kirchenhoheitsrechte  und  der  Selbständigkeit  des  Staates  gegenüber
der  Kirche.

Vergleicht  man  ihn  mit  dem  jugendlichen  Großvater  und  Urgroßvater,
so  springt  in  die  Augen,  in  welchem  Maße  die  streng  religiöse  Richtung  des
Zeitgeistes  die  menschliche  und  fürstliche  Persönlichkeit  veredeln  konnte.  Das
herzogliche  Ehepaar,  berichtete  der  niederländische  Arzt  Thomas  Fyens  aus
München  an  Justus  Lipsius,  ist  außerordentlich  fromm,  gütig  und  klug,  der
Herzog  selbst  in  jeder  Art  des  Wissens  bewandert,  des  Lateinischen,  Italienischen,
  Französischen  völlig  mächtig,  in  den  Sitten  bescheiden,  von  reisem  Verstand,
  in  Mienen  und  Benehmen  Ernst  mit  einem  gewissen  Wohlwollen  verbindend.
  Wiewohl  kaum  neunundzwanzig  Jahre  alt  sieht  er  aus  mie  ein
Vierziger.  Ein  schöner  Mann  von  mittlerer  Größe,  in  der  Gesichtsbildung
mehr  einem  Niederländer  oder  Italiener  gleichend.  Die  trunksüchtigen,  leichtfertigen,
  trägen  Menschen  haßt  und  verachtet  er;  an  seinem  Hofe  ist  alles  auf
Tugend,  Bescheidenheit,  Frömmigkeit  gestellt,  jedes  Laster  verbannt,  alle  Adeligen
bescheiden,  wohlgesittet  und  ehrlich.  Auch  Agidius  Albertinus  )  hebt  die  Eingezogenheit,
  die  gute  Ordnung  und  Rechtspflege  am  Münchener  Hofe  hervor
und  nennt  es  schon  1599  als  allgemein  bekannt,  welch  gelehrter,  sinnreicher,
mäßiger,  nüchterner,  eingezogener,  gottesfürchtiger,  milder,  gerechter,  eifriger
und  sorgfältiger  Regent  dort  walte.  Die  vornehme  Feinheit  seiner  Umgangsformen
  erregte  die  Bewunderung  eines  französischen  Hofherrn,  des  Marschalls
v.  Gramont;  diesem  erschien  er  als  der  höflichste  und  feinste  aller  Fürsten.

)  Herzoglicher  Bibliothekar  und  seit  1618  Ratssekretarius.  Seine  überaus  zahlreichen
  Schriften  sind  zu  München  erschienen,  bestimmt  der  allgemeinen  Bildung  oder  der
Erziehung  einzelner  Stände  zu  dienen.

15“
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        228  42.  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  1.

Maximilians  Arbeitsamkeit  suchte  ihresgleichen.  Jeden  Morgen  um
4  Uhr  begann  er  sein  Tagewerk,  in  dem  die  Arbeit  mehr  mit  Gebet  und  Andachtsübungen
  als  mit  Zerstreuungen  wechselte.  Der  Fürst  ist  eine  riesige
Arbeitskraft,  sagte  Jocher  1619  zu  Plessen,  über  alles  muß  ihm  referiert
werden,  kurze  und  seltene  Spazierfahrten,  im  Frühjahr  etwa  einmal  die  Reiherbeize,
  sind  fast  seine  einzige  Erholung.  Soweit  wir  die  Reihe  der  bayerischen
Fürsten  zurückverfolgen  können,  sind  er  und  sein  Vater  die  ersten,  die  —  aus
Pflichtgefühl,  nicht  aus  Mangel  an  Neigung  —  der  Jagd  nicht  leidenschaftlich
frönten.  Die  größte  Rekreation  dieses  Fürsten,  sagt  Hainhofer  ,  sind  schöne
Pferde  und  Gestüte,  Reiher=  und  Falkenbeize,  „Gioie“  oder  Kleinodien,  Kunst
und  Malerei  und  das  Drehwerk,  wie  er  denn  selbst  gar  schöne  Sachen  dreht.
„lberflüssigem  Essen  und  Trinken,  Spielen,  zu  vielem  Jagen,  Ritterspielen  und
anderen  Vanitäten  fragen  Ihre  Durchlaucht  nit  nach,  halten  ein  gutes  Regiment,
  überlesen  die  Supplikationes  und  andere  Schriften  zum  Unterschreiben
selbst,  korrigieren  selbst,  dekretieren  oft  selbst  und  hör  ich  Ihrer  Durchlaucht
hohen  Verstand  und  Judizium  von  Räten  und  anderen  sehr  rühmen.“  An
diesem  Hofe,  schildert  der  nämliche  scharfe  Beobachter,  ist  treffliche,  gute  Ordnung
  in  allen  Sachen,  schleunige  Bezahlung,  ein  nüchternes,  stilles  und  friedliches
  Leben.  Der  regierende  Herr  macht  sich  von  all  seinen  Räten  fürchten
und  lieben,  „gibt  guet  Filz  aus“  (Verweise),  belohnts  auch  reichlich,  machts
hurtig  und  fleißig,  ist  früh  und  spät  in  der  Arbeit,  hört  alle  Morgen  seine
Meß,  und  wenn  er  dazu  oder  davon  geht,  nimmt  er  von  den  armen  Untertanen
  die  Supplikationes  an.

Die  Arbeit  zu  lieben,  den  Müßiggang  als  Brunngquell  aller  Laster  zu
fliehen  hat  Max  auch  den  Sohn  in  seinem  Testamente  gemahnt.  Behaglich
hatte  der  Großvater  im  Kreise  seiner  Musiker  und  Künstler,  Spaßmacher  und
Jagdfreunde  das  Leben  genossen.  Daneben  waren  in  ihren  Amtsstuben  die
Minister  und  Räte  gesessen,  deren  Aufgabe  es  war  Zustände,  Wünsche  und
Bedürfnisse  des  Volkes  zu  erforschen.  Die  Fühlung  zwischen  diesen  beiden
Kreisen  war  gering,  sie  hatten  sich  eher  gegenseitig  abgestoßen.  Jetzt  aber,
welcher  Wechsel!  Maximilian  war  der  Gegensatz  eines  Fürsten,  der  herrscht
und  nicht  regiert.  Seine  ganze  Regierungsweise,  dieses  System  zahlloser,  bis
in  die  kleinsten  Einzelheiten  eindringenden  Vorschriften  und,  was  man  bisher
weniger  gewohnt  war  als  diese,  die  unablässige  und  persönliche  ÜUberwachung
des  Vollzugs  hat  die  gewissenhafteste  Ausnutzung  der  Zeit  zur  Voraussetzung.
Keine  Kleinigkeit  erschien  dem  Regenten  zu  geringfügig  für  seine  Sorge;  er
kümmerte  sich  um  Dinge  wie  um  die  Zahl  der  in  der  Hofkammer  zu  heizenden
Zimmer.  Was  Ranke  von  Joseph  II.  sagt,  gilt  auch  von  ihm:  ein  geborener

1)  Augsburger  Ratsherr;  als  Gesandter  in  diplomatischer  Beziehung  vielfach  verwendet;
  wertvoll  als  zuverlässige  Quellen  sind  die  Briefe  und  Tagebücher  des  schreibfrohen
  Mannes.
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        42.  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  I.  229

Bureaukrat,  tätig  im  kleinsten!  Seine  häufigen  Randglossen  zu  den  eingelaufenen
  Berichten  und  Konzepten  erinnern  in  ihrer  Prägnanz  und  Derbheit
  zuweilen  an  die  Art  Friedrichs  des  Großen.  „Den  Regensburgern  werden
die  Hosen  zittern,“  schrieb  er  auf  den  Bericht,  worin  Aldringen  das  Anrücken
einer  spanischen  Kompagnie  gegen  Schärding  meldet.  „Wollt'  nur  gern  wissen,
wer  der  Sprachmeister,  so  täglich  was  Neues  aufbringt!“  —  „Man  muß  nit
zweimal  schreiben,  was  zu  rechter  Zeit  auf  einmal  geschehen  kann.“  —  „Ist
ein  großer  Unterschied  zwischen  dem  Blei  und  Papier“  (aus  Anlaß  eines  nicht
ernsthaft  geführten  Krieges).

Von  den  Apfeln  der  Freia  hatte  er  nicht  gegessen.  Einen  „lieben,
herzigen  Mann“  nennt  ihn  zwar  die  Erzherzogin  Cäcilie  Renata  und  deren
Schwester  Maria  Anna  (noch  ehe  sie  ahnen  kann,  daß  es  sich  um  ihren  künftigen
  Gemahl  handle)  erklärt  das  Urteil,  daß  Maximilian  nie  lache  und  böse
aussehe,  als  unzutreffend.  Indessen  scheint  unbestreitbar,  daß  schon  in  dem
Jüngling  etwas  Griesgrämiges  lag.  „Etlichermaßen  melancholici  humoris“
schildert  ihn  sein  Rat  Jocher  1619.  In  den  Akten  begegnet  man  häufig
mürrischen  Randbemerkungen  von  seiner  Hand:  „An  wemb  lauth  das  Schreiben?
Man  kanns  nit  schmöckhen!“  „Es  ist  zum  Erbarmen,  daß  so  wenig  Hirn  in
so  dicken  Köpfen!“  u.  a.  ähnlicher  Art.  Als  dann  gar,  vereint  mit  dem
Alter,  Leiden  und  Mißerfolge  des  Krieges  auf  ihn  einstürmten,  bekamen  Beamte
und  Generale  die  Bitterkeit  seiner  Gemütsstimmung  oft  schwer  zu  empfinden,
wenn  auch  sein  christliches  Pflichtgefühl  zu  gut  geschult  war,  als  daß  eine
Aufwallung  der  Laune  ihn  leicht  zu  übereilten  oder  ungerechten  Handlungen
hingerissen  hätte.

Seine  Intelligenz  war  von  jener  Art,  die  aufs  engste  mit  Fleiß  und
Arbeit  zusammenhängt.  Der  Bann  des  zeitgenössischen  kirchlichen  Aberglaubens,
den  doch  viele  geschichtlich  hervorragende  Geister  schon  durchbrachen,  hielt  ihn
sest  umfangen.  Nicht  neue,  schöpferische  Gedanken  zeichneten  ihn  aus,  aber
ein  klarer  und  durchdringender  Verstand,  soweit  dieser  nicht  durch  die  Art
seiner  religiösen  Erziehung  in  Fesseln  geschlagen  war,  eine  vollständige  Beherrschung
  des  Tatsächlichen  in  den  Geschäften.  Jede  Regierungshandlung
wurde  vorher  auf  das  sorgfältigste  überlegt  und  nach  allen  Seiten  geprüft.
Kein  Fürst  war  in  seinem  Entschlusse  selbständiger  —  keiner  hat  die  Ansichten
und  Ratschläge  seiner  Umgebung  und  Beamten  in  ausgedehnterem  Umfang
eingeholt  und  aufmerksamer  gewürdigt.  In  der  Ausführung  einer  so  wohl
vorbereiteten  Sache  machte  sich  dann  die  unerschütterliche  Festigkeit  seines
Willens  geltend.  Zu  der  weichen,  bestimmbaren,  schwankenden  Natur  seines
kaiserlichen  Ahnherrn  Ludwig  bildet  er  den  ausgeprägten  Gegensatz.  Frei  von
dem  kleinlichen  Ehrgeiz,  der  darauf  ausgeht  bewundert  und  beneidet  zu
werden,  war  er  voll  von  dem  hohen,  seinen  Willen  und  seine  Zwecke  durchzusetzen.
  Dieser  Fürst  fängt  nichts  an,  was  er  nicht  ausführt,  urteilt  ein
Zeitgenosse.
        <pb n="242" />
        230  42.  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  I.

Für  seine  Familie  und  Untertanen  hatte  er  ein  warmes  Herz,  doch  war
sein  Gemütsleben  entschieden  weniger  entwickelt  als  sein  Verstand  und  weit
öfter  als  Liebesbeweise  bekommen  die  Untertanen  seine  Strenge  und  die  drückenden
  Folgen  seiner  Politik  zu  spüren.  Wo  ein  religiöser  Grund  wirksam  war,
konnte  die  Strenge  sogar  in  grausame  Härte  ausarten.  Als  ein  Ingolstädter
Bürger  von  dem  ordentlichen  Gericht  wegen  Gotteslästerung  zur  Stadtverweisung
  verurteilt  wurde,  setzte  er  an  Stelle  dieser  Strafe  den  Tod.

Seine  Religiosität  hatte  eine  so  ausgeprägt  konfessionelle  Färbung  wie
nur  möglich.  Darum  hatten  es  Konvertiten,  wie  man  an  Wallenstein,  Pappenheim
  u.  a.  gewahrt,  immer  leicht  seine  Gunst  zu  erwerben.  Er  verordnete,
daß  jeder  seiner  Untertanen  einen  Rosenkranz  besitzen  müsse;  er  hielt  seine
Beamten  bei  Geldstrafe  zur  Teilnahme  an  den  wöchentlichen  Prozessionen  an;
er  selbst  konnte  sich  in  Prozessionen  und  Wallfahrten  kaum  genug  tun.  In
seiner  Verehrung  der  heiligen  Jungfrau  lag  ein  schwärmerischer  Zug,  der  bei
seinem  nüchternen  Wesen  um  so  auffallender  ist.  In  Altötting  ließ  er  —
„Peccatorum  Coryphaeus“  —  eine  mit  seinem  Blute  geschriebene  Widmung
an  sie  hinterlegen.  Wichtige  Aktionen  verlegte  er,  wenn  es  anging,  auf  einen
Marienfesttag,  so  den  Aufbruch  des  Heeres  gegen  Donauwörth  1607  auf
Mariä  Empfängnis,  seine  Vereinigung  mit  Bucquoy  1620,  den  Einmarsch  in
die  Oberpfalz  1621,  seinen  Einzug  in  Regensburg  zu  Ferdinands  III.  Königswahl
  auf  Mariä  Geburt.  In  der  Schlacht  auf  dem  Weißen  Berge  bestimmte
er  seinen  Truppen  den  Namen  der  heiligen  Jungfrau  als  Feldgeschrei.  Und
während  er  den  Bischöfen  von  Freising  und  Regensburg  wegen  der  großen
Zahl  der  bestehenden  Feiertage  die  Einführung  des  Korbinians=  und  Wolfgangstages
  als  Feiertage  abschlug,  bewog  er  1638  den  Episkopat  seines  Landes  zu
den  zahlreichen  Frauenfesttagen  zwei  weitere  festzusetzen:  Mariens  Besuch  und  ihre
Darbringung  im  Tempel.  Täglich,  sagt  der  Stifter  der  Mariensäule  in  der
Instruktion  für  die  Erziehung  seines  Erstgebornen,  erfahre  ich,  daß  nach  Gott
die  Mutter  des  Erlösers  unsere  größte  Beschützerin  und  Patronin  ist.  Er
machte  es  seinem  Sohne  zur  Pflicht  außer  einem  Sonn=  oder  Feiertage  jedes
Monats  auch  an  allen  Marienfesttagen  zur  Beichte  zu  gehen.  Er  gab  diesem
Sohne,  was  gegen  alle  Gewohnheit  war,  neben  dem  Namen  seines  mütterlichen
  Großvaters  auch  den  Namen  Maria  und  bürgerte  damit  in  Bayern
die  Sitte  ein,  daß  dieser  Vorname  auch  von  Männern  an  zweiter  Stelle  geführt
  wird.

In  den  Jesuiten  bewunderte  und  verehrte  er  die  Männer,  die  nach  seiner
Überzeugung  dem  Reiche  Gottes  auf  Erden  die  besten  Dienste  leisteten,  und
ihre  Mitwirkung  bei  den  Aufgaben  eines  gottesfürchtigen  Fürsten  schien  ihm
unerläßlich.  Darum  scheute  er  keine  Opfer  für  sie,  empfahl  auch  dem  Nachfolger
  in  seinem  Testament  sie  gegen  männiglich  zu  schützen,  zu  lieben,  zu
ehren  und  in  besonderer  Affektion  zu  halten,  legte  ihm  ihre  Kollegien  zu
München,  Ingolstadt,  Regensburg,  Landsberg,  ihre  Niederlassung  in  Altötting
        <pb n="243" />
        42.  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  I.  231

und  was  er  selbst  mit  Stiftung  des  Collegium  anglicanum  in  Lüttich  und
in  Burghausen  und  Mindelheim  für  sie  getan,  auch  die  Kollegien  zu  Landshut
und  Straubing,  denen  er  landesherrlichen  Konsens  und  Förderung  erteilt  habe,
ans  Herz.  Warme  Unterstützung  fanden  bei  ihm  die  Jesuitenmissionen  in  Ostasien,
  deren  Fortschritte  er  mit  Freuden  verfolgte.  Durch  den  gelehrten  Astronomen
  des  Ordens,  den  Jesuiten  Adam  Schall  aus  Köln,  ließ  er  dem  Kaiser
von  China  eine  in  Wachs  modellierte  Darstellung  der  Heiligen  drei  Könige  vor
dem  Christkind  überreichen.  Für  die  Kanonisation  Loyolas  hat  er  in  Rom
seine  Fürsprache  eingelegt.  Eine  Anzahl  der  von  Tilly  eroberten  Fahnen  und
Standarten  ließ  er  in  der  Münchener  Jesuitenkirche  aufstellen.

Folgte  er  aber  in  der  Hauptrichtung  seines  Tuns  und  Lassens  den  von
den  Jesuiten  gewiesenen  Bahnen,  so  dürfte  man  doch  nicht  sagen,  daß  er  zu
einem  Werkzeuge  des  Ordens  herabgesunken  wäre.  Überhaupt  war  sein  Urteil
zu  selbständig,  sein  Wille  zu  fest,  sein  fürstliches  Selbstgefühl  zu  ausgeprägt,
als  daß  er  Übergriffe  des  Klerus  in  seine  fürstlichen  Rechte  geduldet  hätte.
Selbst  dem  Papste  gegenüber  verstand  er  die  Person  wohl  vom  Amte  zu
scheiden.  Wenn  er  1647  durch  seine  Gesandten  am  französischen  Hofe  sich
gegen  die  Auffassung  verwahrte,  als  ob  er  den  Jesuiten  Einfluß  auf  die  äußere
Politik  gestatte,  war  dies  im  großen  und  ganzen  nicht  unberechtigt.  Auch
wenn  er  in  solchen  politischen  Fragen,  bei  welchen  ein  kirchliches  Interesse
hereinspielte  —  was  allerdings  wohl  bei  der  Mehrzahl  zutraf  —  die  Stimme
seiner  jesuitischen  Berater  einholte,  behielt  er  sich  doch  stets  die  Entscheidung
darüber  vor,  ob  es  zweckmäßig  sei  von  den  rein  kirchlichen  Gesichtspunkten
sich  leiten  zu  lassen.

Wenigen  Fürsten  schwebte  ein  so  hohes  Ideal  ihres  Berufes  vor  und
keiner  ist  wohl  in  seinem  Wirken  dem  eigenen  Ideal  so  nahe  gekommen  wie
er.  Tugend  —  so  lautete  einer  seiner  Aussprüche  —  ist  eine  Zierde  aller
Menschen;  vor  allen  anderen  aber  muß  durch  sie  glänzen  der  Fürst,  den  der
Titel  des  „Durchlauchtigsten“  auszeichnet.  Und  in  seinem  Testament  gab  er
seinem  Sohne  zu  bedenken,  daß  der  wahre  Glaube  ohne  Gottesfurcht  und
tugendsamen  Wandel  wenig  nütze.  Das  Leben  des  Fürsten,  sagt  er  hier,  ist
die  beste  Lehre  für  Beamte  und  Untertanen  und  eifert  mehr  zur  Tugend  an
als  viele  Mandate  und  Strafen.  Berühmt  sind  die  Monita  paterna,  die
1639  für  den  Kurprinzen  Ferdinand  Maria  verfaßt,  die  Pflichten  eines  Fürsten
gegen  Gott,  gegen  sich  selbst  und  die  Untertanen  schildern.  Sie  zeichnen  das
Idealbild  eines  katholischen  Fürsten  im  Sinne  der  Gegenreformation  und  der
Jesuiten  und  widerlegen  aufs  wirksamste  jeden,  der  den  gewaltigen  sittlichen
Ernst  dieser  Richtung  unterschätzen  wollte.  Vergleicht  man  diese  und  die  anderen
von  Maximilian  für  seinen  Sohn  hinterlassenen  Vorschriften  mit  der  Schilderung
  Albrechts  V.  durch  seine  Räte,  dann  hinwiederum  mit  dem  Charakterbilde
  des  Enkels,  des  frivolen  Max  Emanuel,  so  springt  das  große  historische
Gesetz  der  sich  ablösenden  Gegensätze  rein  wie  selten  in  die  Augen.  Die  Monita
        <pb n="244" />
        232  42.  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  I.

Paterna  wurden  zuerst  von  Maxgimilians  Beichtvater,  P.  Vervaux,  veröffentlicht
und  dieser  Jesuit,  nicht  der  Kurfürst,  wird  als  ihr  Verfasser  zu  betrachten
sein.  Wie  sie  aber  in  Maximilians  Auftrag  entstanden,  entsprechen  sie  auch
vollständig  seinen  eigenen  Anschauungen  —  ohne  dies  hätte  er  sich  nicht  gefallen
  lassen,  daß  sie  ihm  in  den  Mund  gelegt  wurden.

Maximilians  eigenes  Werk  sind  dagegen  zweifellos  die  1650  für  den
Kurprinzen  aufgezeichneten  „Treuherzigen  väterlichen  Lehrstücke,  Erinnerungen
und  Ermahnungen“,  neben  dem  theoretischen  System  der  Monita  paterna
mehr  Anweisungen  zu  praktischer  Politik.  Die  Höhe,  Verantwortlichkeit,  Pflichtenfülle
  des  Fürstenberufes  wird  in  beiden  Aufzeichnungen  auf  das  Stärkste  betont.
  Lange  vor  Friedrich  dem  Großen,  der  den  Fürsten  als  ersten  Diener
des  Staates  bezeichnet,  schrieb.  Maximilian:  „Eifrige,  arbeitsame  Potentaten
und  Fürsten  sind  den  brennenden  Kerzen  zu  vergleichen,  welche  sagen  könnten:
„Aliis  lucendo  consumor!“  Für  Maximilians  Charakterbild  sind  alle  hier
erteilten  Lehren  überaus  wichtig,  weil  sie  genau  dem  entsprechen,  was  er  täglich
und  stündlich  ausübte.  Dies  gilt  von  den  Mahnungen  zu  eingezogener  Okonomie
und  Mäßigkeit  wie  von  jenen  zu  fleißigem  Nachfragen  über  die  Haltung  der
Gebote  und  Verordnungen,  gilt  von  der  Weisung  die  Landschaft  streng  in
ihren  Schranken  zu  halten  wie  von  jener  auf  sorgsame  Erhaltung  der  Autorität,
aber  deren  richtige  Temperierung  durch  Freundlichkeit,  Sanftmut  und  Demut.
Die  sorgfältige  Auswahl  und  Überwachung  der  Beamten,  die  Scheu  vor  Günstlingen
  und  Schmeichlern,  die  Warnung  vor  neuer,  ungewohnter,  „alamodischer“
Kleidung,  die  Geheimhaltung  der  Geschäfte,  die  Vermeidung  unnützer  Worte,
die  Regel  nur  langsam,  verständig  und  mit  gutem  Bedacht  zu  reden,  die
Weisung,  daß  der  Fürst  zwar  jedermann  Gehör  schenken,  aber  sich  nicht  gleich
ex  tempore,  ohne  vorhergehende  Information,  Rat  und  Berichtseinholung
entschließen,  etwas  abschlagen  oder  versprechen  soll  —  alles  dies  sind  Grundsätze,
  die  in  Maximilians  Tätigkeit  fort  und  fort  verwirklicht  wurden.  Nur
die  Mahnung  sich  möglichst  der  fremden,  ausländischen,  besonders  welschen
(italienischen)  Offiziere  und  Diener  zu  enthalten,  welche  meistens  nur  Dienste
suchen  um  sich  zu  bereichern,  scheint  erst  aus  üblen  Erfahrungen  während
der  eigenen  Regierung  entsprungen  zu  sein.  Von  Annahme  hoher  Orden
(besonders  des  goldenen  Vließes)  rät  Maximilian  ab,  da  dieselben  nach  und
nach  zu  gemein  gemacht  worden  seien.  Die  äußere  Politik  berührt  er  nur  in
einem  Satze:  wo  er  in  seinen  Ermahnungen  Anlaß  hatte  gegen  das  Haus
Osterreich  Warnung  und  Erinnerung  zu  tun,  seien  nicht  die  Herren  selbst  als
ihres  Hauses  nächste  Blutsverwandte,  sondern  die  widrigen,  passionierten  und
übel  affektionierten  Minister  und  Räte  gemeint.

In  der  inneren  Regierung  war  Maximilian  ausgesprochener  Autokrat,
der  sich  leichten  Herzens  über  die  verbrieften  Rechte  der  Landschaft  hinwegsetzte.
  Ist  auch  unter  Maximilians  Nachfolger  noch  einmal  ein  Landtag  zusammengetreten,
  so  muß  doch  er  als  der  Fürst  bezeichnet  werden,  der  dem
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        42.  Charakterbild  des  Kurfürsten  Maximilian  I.  233

freilich  schon  vorher  sehr  geschwächten  altlandständischen  Wesen  in  Bayern  den
Todesstoß  gab.

Was  er  für  das  Heerwesen  geleistet,  zeigte  der  Sieg,  der  über  ein  Jahrzehnt
  den  bayerischen  Fahnen  als  treuer  Genosse  folgte.  Vielleicht  das  Beste
tat  hier  die  Menschenkenntnis  und  die  sorgfältige  Prüfung  bei  der  Auswahl
seiner  Generale.  Seine  unverdrossenen  Bemühungen  für  die  Landwehr  allerdings
  erwiesen  sich  im  Ernstfalle  ziemlich  fruchtlos;  bei  der  ersten  Überflutung
durch  die  Schweden  hat  die  Landwehr  sehr  wenig  für  die  Verteidigung  des
Landes  geleistet.  Wie  ließ  sich  aber  voraussehen,  daß  man  je  mit  einem  so
zahlreichen,  wohlgeübten  und  gefährlichen  Feinde  zu  kämpfen  haben  werde!
Im  letzten  Feldzuge  war  auch  die  Beihilfe  der  Landwehr  nicht  zu  unterschätzen,
und  wenn  Bayern  in  der  zweiten  Hälfte  des  Krieges  durch  Werbungen,  die
jetzt  zum  größten  Teil  nur  mehr  im  eigenen  Lande  angestellt  werden  konnten,
noch  so  treffliche  Heere  aufbrachte,  wäre  dies  ohne  den  im  Volke  neu  belebten
kriegerischen  Geist  wohl  nicht  möglich  gewesen.

Als  Oberbefehlshaber  verfolgte  er  von  Tag  zu  Tag  mit  schärfster  Aufmerksamkeit
  alle  Vorgänge  beim  Heere  und  überwachte,  unterstützt  von  den
fortlaufenden  Berichten  seiner  Kriegskommissäre,  die  Anordnungen  der  Generale
  ebenso  sorgfältig  wie  er  dies  gegenüber  der  Amtsführung  seiner  Beamten
gewohnt  war.  Der  Prätensionen  und  Insolenz  der  höheren  Offiziere,  wie  sie
bei  solchem  Ubergewicht  des  Kriegswesens  üppig  emporschießen,  verstand  er  sich
energisch  zu  erwehren.  In  seinem  Dienste  hätte  ein  Wallenstein  nicht  aufkommen
  können.  Keine  Kleinigkeit  entging  seinem  Späherblick;  er  wies  Tilly
an  sich  mehr  auf  Feldbefestigungen  zu  werfen,  er  kannte  und  kritisierte  die
Menge  der  verschossenen  Munition,  die  Zahl  der  abgängigen  Pferde.

In  keinem  Punkte  war  der  Kontrast  dieser  Regierung  zu  der  der  Vorgänger
  so  grell  wie  in  den  Finanzen.  Während  es  vorher  auch  die  sparsamsten
  Fürsten  nicht  bis  zur  Ansammlung  eines  Kriegsschatzes  gebracht  hatten,
trat  er  mit  wohlgefüllten  Kassen  in  den  großen  Krieg  ein  und  die  ans  Unerschöpfliche
  grenzende  Nachhaltigkeit  seiner  Geldmittel  gab  den  Zeitgenossen
stets  neuen  Stoff  zur  Bewunderung.  In  der  Tat  lag  hierin  ein  guter  Teil
von  dem  Geheimnis  seiner  Erfolge  begründet.  Sehr  bezeichnend  für  seine
politische  Auffassung  beginnt  er  die  seiner  Gemahlin  und  den  Erben  hinterlassenen
  Mahnungen  mit  dem  Kapitel  der  Finanzen.  Er  stellt  den  Grundsatz
an  die  Spitze,  daß  an  einer  verständigen,  klugen  Okonomie  und  „Wohlhausen“
hauptsächlich  Reputation  und  Wohlstand  des  Landesfürsten  und  der  Untertanen
  gelegen  sei,  und  schließt  mit  dem  Urteil:  Das  gute  Vermögen  ist  nervus
rerum  agendarum  et  conservandarum.  In  der  Form  von  Lehren  für
seine  Nachfolger  hat  er  auch  hier  sein  eigenes  Verfahren  besser  geschildert,  als
ein  dritter  es  schildern  könnte.  Zu  wohlbestellten  Finanzen,  sagt  er,  braucht
man  treue  und  verständige,  fleißige,  eingezogene  und  erfahrene  Räte,  deren
nützlichen  Ratschlägen  man  folgen  soll.  Man  muß  oft  nachfragen,  wie  den
        <pb n="246" />
        234  43.  Kurfürst  Maxi  milian  I.  als  Dürersammler.

aufgestellten  Instruktionen  und  Ordnungen  nachgelebt  wird,  muß  die  Räte  so
viel  als  möglich,  zumal  selbst,  visitieren,  muß  sich  über  den  Stand  des  Kammerwesens
  und  das  Verhalten  der  Beamten  Bericht  erstatten  lassen.  Die  gute
Wirtschaft  besteht  in  Vermehrung  der  Einnahmen  und  Sparsamkeit  im  Ausgeben.
  Er  zitiert  den  alten  deutschen  Spruch:  In  jeder  Hauswirtschaft  muß
man  einen  Zehrpfennig,  Ehrpfennig  und  Sparpfennig  haben.  Freigebigkeit  ist
zwar  eine  Tugend  der  Fürsten,  muß  aber  ihre  Schranken  haben.  Man  muß
oft  bilanzieren,  erwägen,  ob  man  vor  sich  oder  zurückhaust,  nach  den  Ursachen
forschen  und,  wo  es  möglich  ist,  zur  rechten  Zeit  abhelfen.  Dadurch  werden
auch  die  Diener  in  guter  Sorge  und  Aufmerksamkeit  erhalten.  Besonders  die
Amter  des  Salz=  und  Brauwesens  sind  jährlich  zu  revidieren  und  die  Kassen
zu  visitieren.  Er  selbst  forderte  von  seinem  Hofzahlamte  jeden  Monat  einen
Auszug  von  allen  Einnahmen  und  Ausgaben  ein.  Von  seinen  Beamten  verlangte
  er  dieselbe  peinliche  Sparsamkeit,  die  er  sich  selbst  zur  Pflicht  gemacht
  hatte.

Im  Guten  wie  im  Schlimmen  spiegelt  sich  in  Kurfürst  Maximilian  die
Weltanschauung  des  dogmatischen  Zeitalters  der  Gegenreformation  und  der
Jesuiten  mit  unübertrefflicher  Schärfe.

Weitere  Züge  zur  Abrundung  seines  Charakterbildes  liefern  seine  Kunstliebe
  und  sein  feines  Kunstverständnis.

43.  Kurfürst  Maximilian  I.  als  Dürersammler.
Von  Karl  Voll.“

Albrecht  Dürer  hat  schon  zu  seinen  Lebzeiten  viele  Förderung  von  den
deutschen  Fürsten  erfahren  und  unter  diesen  hat  ihn  Kaiser  Maximilian  vor
allen  anderen  Meistern  ausgezeichnet.  Der  ritterliche  Kaiser  hatte  nun  eine
Nichte  namens  Susanna,  die  in  erster  Ehe  an  den  Markgrafen  von  Brandenburg,
später  aber  an  den  Pfalzgrafen  Otto  Heinrich  von  Neuburg  verheiratet  war
und  wie  ihr  Onkel  in  guten  Beziehungen  zu  dem  großen  Nürnberger  Maler
stand.  Sie  ist  die  erste  aus  dem  Hause  der  Wittelsbacher,  die  Dürers
Bedeutung  zu  fassen  wußte,  und  seit  ihrer  Zeit  ist  dos  Interesse  an  ihm  bei
den  Wittelsbachern  immer  lebhafter  geworden.

In  der  Münchener  Residenz  vereinigten  sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte
die  besten  Werke  Dürers,  so  daß  sie  an  ihnen  reicher  war  als  Nürnberg  selbst,
und  noch  heute  kann  in  Bezug  auf  Dürer  sich  keine  Galerie  der  Welt  mit
der  Münchener  Pinakothek,  an  die  diese  Kostbarkeiten  abgetreten  wurden,
messen.

Derjenige,  dem  Bayern  in  dieser  Hinsicht  am  meisten  dankt,  ist  Kurfürst
Maximilian  I.,  der  einer  der  umsichtigsten  und  glücklichsten  Kunstsammler
gewesen  ist,  von  denen  die  neuere  Geschichte  zu  melden  weiß.  Seine  Regierung
fällt  in  ihrem  späteren  Verlauf  mit  dem  Dreißigjährigen  Krieg  zusammen  und
        <pb n="247" />
        43.  Kurfürst  Maximilian  I.  als  Dürersammler.  235

es  ist  aus  der  politischen  Geschichte  bekannt  genug,  wie  eng  des  Kurfürsten
Tätigkeit  mit  dem  großen  Krieg  verbunden  war;  weniger  allgemein  bekannt
aber  ist,  daß  er  trotz  aller  Aufregungen  der  Diplomatie  als  ein  rechter  Liebhaber
  der  schönen  Künste  Muße  und  inneres  Gleichgewicht  der  Stimmung
fand,  um  die  schon  damals  berühmten  Wittelsbacher  Sammlungen  auszubauen.


Wir  sind  heute  gewohnt  die  erste  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  in  der
Geschichte  der  deutschen  Kultur  als  eine  unglückliche  und  wenig  rühmliche
Zeit  zu  betrachten;  aber  in  der  Wirksamkeit  dieses  großen  Kunstfreundes
offenbart  sich  doch  ganz  klar,  daß  die  Lehren  der  Renaissance  auch  in  Deutschland,
  vor  allem  in  Süddeutschland,  selbst  in  jenen  unruhigen  Zeiten  noch
immer  nicht  vergessen  waren,  daß  auch  damals  sich  noch  immer  ein  künstlerisch
fein  geschultes  Geschlecht  um  die  Weiterentwicklung  der  Kunst  kümmerte;  von
da  aus  erst  lernen  wir  verstehen,  warum  München  von  dem  letzten  Viertel
des  17.  Jahrhunderts  bis  auf  den  heutigen  Tag  eine  solch  bedeutende  Rolle
in  der  allgemeinen  Kunstgeschichte  hat  spielen  können.

Aus  einem  um  das  Jahr  1628  angelegten  Inventar  der  Kunstsammlungen
Maximilians  erfahren  wir,  daß  er  nicht  weniger  als  14  Werke  von  Albrecht
Dürer  besaß,  von  denen  er  nur  eines,  die  heute  in  der  Alten  Pinakothek
befindliche  Lukrezia,  von  seinen  Vorfahren  ererbt  hatte.  Alle  übrigen  hat  er
selbst  erworben  und  zwar  lehren  uns  die  Urkunden,  daß  er  bei  seinen  Ankäufen
  nicht  nur  mit  großer  Umsicht  sondern  auch  mit  feinem,  sicherem
Geschmack  verfahren  ist.  Die  Art,  wie  er  seine  umfangreiche  Dürerkollektion
zusammenbrachte,  deren  Reste  noch  heute  die  stattlichste  existierende  Vereinigung
von  Hauptwerken  des  großen  Nürnberger  Meisters  bilden,  soll  im  nachfolgenden
  an  einigen  besonders  interessanten  Fällen  geschildert  werden,  weil
diese  für  die  damalige  Kulturgeschichte  ein  immerhin  recht  wichtiges  Material
liefern.

Maximilian  hatte,  wie  alle  Fürsten  der  früheren  Zeit,  die  Kunstwerke
sammeln  wollten,  in  den  verschiedenen  Ländern  und  Städten  sachverständige
Agenten,  die  ihm  Kundschaft  geben  mußten,  wo  immer  sie  Gelegenheit  zur
Erwerbung  eines  in  seine  Sammlung  passenden  Gemäldes  erfuhren.  So  hatte
er  auch  in  Nürnberg  seine  Vertrauten,  die  ihm  behilflich  waren  von  den
Werken  Albrecht  Dürers  so  viele  zu  erwerben  wie  nur  möglich  war.  Aber
obwohl  Nürnberg  nicht  wenige  Arbeiten  seines  kunstfertigen  Mitbürgers  besaß,
so  war  es  doch  sehr  schwer  von  der  Stadt  auch  nur  ein  einziges  zu  erlangen.
Der  Rat  der  Stadt  war  stolz  auf  das  Erbe  der  Vergangenheit  und  schlug
immer  wieder  die  Bitten  auch  der  erlauchtesten  Kunstfreunde  ab,  wenn  diese
ein  im  öffentlichen  Besitz  befindliches  Werk  Dürers  begehrten.  Selbst  Kaiser
Rudolf  II.,  der  vor  Maximilian  der  bedeutendste  und  erfolgreichste  Dürersammler
gewesen  war,  konnte  es  nicht  erreichen,  daß  ihm  die  Stadt  die  von  ihm  gewünschten
  Gemälde  alle  überließ.
        <pb n="248" />
        236  43.  Kurfürst  Maximilian  I.  als  Dürersammler.

Eines  dieser  Bilder  war  der  schon  in  alter  Zeit  hochberühmte  „Paumgartneraltar“
  in  der  Katharinenkirche,  der  in  den  Beschreibungen  von  Nürnbergs
  Sehenswürdigkeiten  immer  in  erster  Reihe  genannt  wurde.  Auf  diesen
hatte  nun  Maximilian,  ungeachtet  der  ihm  wohlbekannten  Schwierigkeiten,  sein
Augenmerk  gerichtet  und  im  Jahre  1612
ließ  er  den  Rat  der  Stadt  in  einem  sehr
freundlichen  Schreiben  um  die  Überlassung
des  kostbaren  Altares  ersuchen.  Für  die
Stadträte  von  Nürnberg  war  damit  eine
schwierige  Lage  geschaffen.  Der  Kurfürst
war  ein  mächtiger  Herrscher,  dessen  Gebiet
an  das  ihre  grenzte  und  dessen  Gunst
sehr  viel  für  sie  bedeutete.  Aber  sie
hatten  als  Vertreter  des  auf  seine  künstlerische
  Bedeutung  so  stolzen  Gemeinwesens
  doch  auch  ein  sehr  bestimmtes
Gefühl  dafür,  daß  sie  den  nachfolgenden
Geschlechtern  den  Schatz  erhalten  müßten.
So  standen  politische  Klugheit  und  Pietät
einander  gegenüber.  Sie  versuchten  es
zunächst  mit  Bitten,  die  uns  auch  heute
noch,  wenn  wir  sie  in  den  vergilbten
Ratsprotokollen  lesen,  rühren  und  bewegen.
Als  aber  die  Bitten  nichts  halfen,  so
dachten  sie  dem  Kurfürsten  das  kostbare
Werk  zu  verleiden,  indem  sie  die  Altarflügel,
  die  noch  heute  der  schönste  und
stattlichste  Teil  des  Ganzen  sind,  in  ihrem
Wert  herabsetzten  und  sie  als  Kopien  bezeichneten.
  Maximilian  war  jedoch  zu
genau  über  den  wahren  Sachverhalt  unterrichtet
  und  ließ  sich  durch  keine  Gegenrede
täuschen.  So  überlieferte  ihm  endlich  1613

 

Luhas  Paumgartner,  :  «  ·  .-SMMUWMMWMMUMGmämmdteStadtdenAltartnallensecnenTeIlen:

stbkechtkürer.»nur-kleinemwes-deiner  Die  Nürnberger  hatten  nun  bei

Photographie  von  Frz.  Hanfstängl,  München.)

diesem  Handel,  der  ihnen  sehr  ärgerlich
war,  der  Zukunft  gedacht  und  dem  Kurfürsten  geschrieben,  daß  der  Paumgartneraltar
  das  letzte  Werk  Dürers  innerhalb  der  Stadt  sei.  Das  war
nicht  wahr  und  fand  auch  in  München  keinen  Glauben.  Allgemein  wußte
man  ja,  daß  der  große  Meister  kurz  vor  seinem  Tode  dem  Rate  der  Stadt
zum  ewigen  Gedächtnis  an  ihn  das  letzte  große  Hauptwerk  seiner  Hand
geschenkt  hatte,  die  berühmten  vier  Apostel,  die  heute  unter  die  wichtigiten
        <pb n="249" />
        43.  Kurfürst  Maximilian  I.  als  Dürersammler.  237

Gemälde  der  Alten  Pinakothek  gehören.  Im  Jahre  1627  ließ  der  Kurfürst
nach  offenbar  sehr  vorsichtigen  und  langwierigen  Vorbereitungen  offiziell  die
Stadt  um  diese  zwei  Tafeln  angehen.  Der  Verdruß  und  die  Verlegenheit
waren  in  Nürnberg  größer  als  jemals;  denn  nun  ging  es  wirklich  an  das
letzte  Hauptstück  von  Dürers  Kunst,  das
sich  noch  in  seiner  Vaterstadt  befand.
Wenn  ihr  dieses  auch  entführt  wurde,
dann  blieben  ihr  nur  mehr  Werke  zweiten
Ranges  und  so  setzten  sich  die  Stadtväter
hartnäckig  zur  Wehr.  Sie  griffen  endlich,
als  keine  Ausrede  verfangen  wollte,  zu  der
damals  sehr  aussichtsreichen  List  dem  Kurfürsten
  zu  schreiben,  daß  ihm  ausgezeichnete
Kopien  nach  den  vier  Aposteln  zur  Verfügung
  ständen;  von  den  Originalen  selbst
müßten  sie  ihm  abraten,  da  sie  sich  für
den  katholischen  Münchener  Hof  nicht  eigneten:
  Dürer  habe  Unterschriften  von  ausgesprochen
  protestantischer  Tendenz  unter
sie  gesetzt.  Es  schien  auch  wirklich,  als  ob
dieser  Einwand,  der  in  alten  Zeiten  ja  viel
zu  bedeuten  hatte,  stark  genug  wäre  um
den  Kurfürsten  von  seinem  Plan  abzubringen;
  aber  bald  genug  fand  Maximilian
einen  Ausweg.  Nicht  ohne  Humor  schlug
er  den  Nürnbergern  vor,  daß  sie  die  Kopien,
  wenn  diese  doch  so  ausgezeichnet
wären,  behalten,  ihm  aber  die  Originale
  geben  möchten.  Was  die  Unterschriften
  anlange,  so  hätte  der  Rat  allerdings
  recht  und  so  wäre  es  das  beste  sie
von  den  Bildern  abzusägen.  Der  Kurfürst
  lege  ohnehin  nur  Wert  auf  den

 

4  E  Stephan  Paumgartner,
Besitz  der  Gemälde.  Und  so  geschah  es  Stifter  des  Paumgartneraltars,  Gemälde  von
denn,  daß  die  Stadt  Nürnberg  sich  mit  Albrecht  dürer-  #s  verkleinert.  (Nach  einer

BPhotographie  von  Frz.  Hanfstängl,  München.)

den  Kopien  bescheiden  mußte  und  daß
ihr  von  Dürers  hochherzigem  Geschenk  nur  der  Rahmen  und  die  Unterschriften
  blieben.

Auch  in  Frankfurt  a.  M.  befand  sich  ein  Werk  von  Albrecht  Dürer,
die  Himmelfahrt  Mariä,  die  der  Kaufmann  Jakob  Heller  in  das  Dominikanerkloster
  gestiftet  hatte.  An  keine  andere  Arbeit  hatte  der  Meister  nach  seinem
eigenen  Zeugnis  so  viele  Mühe  verwendet  und  die  noch  vorhandenen  Studien
        <pb n="250" />
        238  43.  Kurfürst  Maximilian  I.  als  Dürersammler.

bestätigen  diese  Aussage.  Um  den  stolzen  Altar  hatte  sich  schon  mancher
Sammler,  darunter  auch  Kaiser  Rudolf  II.,  vergeblich  bemüht;  erst  dem  Kurfürsten
  Maximilian  gelang  es  das  kostbare  Werk  dem  Kloster  zu  entführen.
Noch  ist  das  Schreiben  vorhanden,  worin
ihm  gemeldet  wird,  daß  das  Kapitel  ihm
den  Altar  verehren  wolle;  aber  um  ein
wirkliches  Geschenk  hat  es  sich  dabei
doch  nicht  gehandelt.  Der  Kurfürst  mußte
sich  und  sein  Haus  für  ewige  Zeiten  verpflichten
  dem  Kloster  jährlich  400  Gulden
zu  zahlen.  Diese  schwere  Verpflichtung
wurde  auch  bis  1777  eingehalten.  Der
Altar  war  sogar  im  Jahre  1729  bei
einem  Umbau  der  Münchener  Residenz
verbrannt  und  noch  immer  erhielt  das
Kloster  diese  Jahresrente.  Erst  als  Kurfürst
  Karl  Theodor  zur  Regierung  kam,
wurde  die  Zahlung  eingestellt.  Das
Kloster  begann  wohl  einen  Prozeß,
dieser  wurde  aber  in  den  Wirren  der
französischen  Revolutionskriege  niedergeschlagen.


Unter  den  sonstigen  Werken  von
Albrecht  Dürer,  die  Maximilian  in
München  vereinigte,  sei  noch  zum  Schluß
das  berühmte  Gebetbuch  Kaiser  Maximilians
  I.  erwähnt,  dessen  erster  und  wichtigster
  Teil,  die  prachtvollen  und  launigen
Randzeichnungen,  auf  eine  bis  heute  unerklärte
  Weise  aus  dem  Buche  getrennt
wurden  und  dann  in  den  Besitz  des
Kurfürsten  gelangten.  Durch  diese  Arbeit,
die  einen  Stolz  der  Hof=  und  Staatsbibliothek
  bildet,  hat  München,  das  sonst

Evangelist  Johannes  und  Aroftel  Petrus,  an  Zeichnungen  von  Dün  sehr  arn  ist.
Gemälde  von  Albrecht  Dürer,  13  urllainert.  einen  herrlichen  Schatz  auch  auf  diesem
Gebiet,  dem  keine  andere  Sammlung

oder  Bibliothek  ctwas  Ahnliches  zur  Seite  stellen  kann.

Was  nun  Maximilian  I.  an  Werken  des  Albrecht  Dürer  zusammengebracht
hatte,  war  auf  einem  wichtigen  Gebiete  doch  recht  arm.  Wenn  man  von  den
als  Heilige  dargestellten  Stiftern  des  Paumgartneraltars  absieht,  hat  er  keine
Porträts  von  Dürers  Hand  besessen.  Diese  waren  ihm  offenbar  nicht  an-
        <pb n="251" />
        43.  Kurfürst  Maximilian  L  als  Dürersammler.  239

genehm  und  er  hat  deswegen  auch  auf  verschiedenen  Bildern  die  kleinen
Donatorenfiguren  zumalen  lassen:  so  die  auf  dem  Mittelstück  des  Paumgartneraltars,
  die  erst  in  neuerer  Zeit  wieder  freigelegt  wurden,  und  die  der  Beweinung
Christi,  die  noch  unter  der  Übermalung
verborgen  sind.  Und  doch  sind  die  von
Dürer  gemalten  Bildnisse,  die  heute  mit
Recht  so  hochgeschätzt  werden,  unter
das  Beste  von  allem  zu  rechnen,  was
uns  der  große  Meister  hinterlassen  hat.
Maximilian  hat  eben  als  echter  Vertreter
  des  prunkliebenden  Barocks,  das
die  reich  ausgeschmückten  Repräsentationsbildnisse
  liebte,  an  den  so  ganz  schlichten,
äußerlich  unscheinbaren  Bildnissen  der
gut  bürgerlich  gesinnten  Zeitgenossen  und
Freunde  Dürers  kein  Wohlgefallen  gehabt.
Das  war  eine  durch  den  Geschmack  seiner
Zeit  zu  erklärende  und  zu  entschuldigende
Einseitigkeit.  Die  Privatsammlung  des  Kurfürsten
  hat  darunter  gelitten.  Die  Sammlungen
  der  Wittelsbacher  haben  jedoch  als
Ganzes  nicht  dadurch  zu  leiden  gehabt;
denn  im  19.  Jahrhundert  haben  die
Nachfolger  Maximilians,  König  Max  I.
Josef  und  besonders  Ludwig  I.,  der  ihm
als  Kunstfreund  geistig  so  nahe  verwandt
war,  die  Lücke  ergänzt.  Sie  haben  die
großartige  Kollektion  der  Porträts  von
Dürers  Hand  angelegt,  unter  denen  das
berühmte  Selbstbildnis  des  Meisters  das
bedeutendste  ist.  Diese  alle  aber  hat
Ludwig  I.  mit  der  Maximilianischen  Dürersammlung
  vereinigt  und  ihr  so  den  würdigen
  Abschluß  gegeben.  Sie  hängen
nun  mit  den  stolzen  Resten  des  Schatzes,  Apostel  Paulus  und  Evangelist  Markus,
den  Maximilian  I.  erworben  hat,  in  der  Gemälbe  von  Abrecht  Drer,  1  verkleinert.
Alten  Pinakothek.  So  ist  das,  was

wir  heute  in  der  schönen  Galerie  scheinbar  zusammenhanglos  in  den
verschiedenen  Sälen  verstreut  finden,  in  der  Tat  ein  organisch  gewachsenes
Ganzes.  In  einer  durch  die  Jahrhunderte  gehenden  Tradition  hat  die  Vergangenheit
  daran  gearbeitet;  möge  es  die  Gegenwart  im  rechten  und  dankbaren
  Sinne  genießen!
        <pb n="252" />
        240  44.  Karl  Ludwigs  Rückkehr  in  die  Pfalz.

44.  Karl  Ludwigs  Rüchhehr  in  die  pfalz  (2.  Oktober  1649).
Wiederherstellung  der  Pfalz.
Von  Ludwig  Häusser.)

Als  Kind  hatte  Karl  Ludwig  seine  Heimat  verlassen,  damals,  wie  „die
Pfalz  nach  Böhmen  gezogen“  war,  jetzt  kehrte  er  dorthin  zurück,  32  Jahre
alt.  Welche  überwältigende  Last  von  Leiden,  Entbehrungen,  Unfällen  und
schmerzlichen  Erinnerungen  lag  zwischen  diesen  beiden  Zeitpunkten!  Seines
Sieges  beinahe  sicher  war  damals  (1619)  der  unglückliche  Vater  mit  knabenhaftem
  Leichtsinn  seinem  Verhängnisse  zugeeilt,  hinter  sich  ein  blühendes,  reiches
Land  und  eine  Bevölkerung,  die  seit  sechzig  Jahren,  seit  dem  Erheben  der
simmerischen  Linie,  wenig  Ursache  gehabt  über  ihre  Fürsten  zu  klagen.  Und
jetzt  kam  der  Sohn  zurück,  beinahe  um  ein  Jahrzehnt  älter,  als  der  Vater
damals  die  Stammburg  verlassen,  arm  in  ein  verarmtes  Land;  aus  dem
prangenden  Garten  war  eine  Wüste  geworden;  die  Bevölkerung  war  auf  ein
Fünfzigteil  herabgesunken  und  aus  den  Mienen  der  Zurückgebliebenen  sprachen
Hunger  und  Elend  einer  dreißigjährigen  Kriegszeit.  Es  war  ein  Moment
schmerzlicher  Freude,  als  der  angestammte  Fürst,  der  Friedensbringer,  den  pfälzischen
  Boden  wieder  betrat.  Selbst  aus  dem  Kummer  und  dem  Duucke  der
Vergangenheit  trug  sich  aber  in  den  Herzen  der  Untertanen  noch  ein  reiches
Pfund  treuer  Anhänglichkeit  und  froher  Hoffnung  ihm  entgegen,  auf  dem  die
große  Verantwortung  lag  dies  edle  Kapital  nicht  zu  vergeuden.  Wie  mußte
beiden  zumute  sein,  dem  Fürsten  und  dem  Volke,  als  Karl  Ludwig  in  die
erste  pfälzische  Stadt,  Mosbach,  einzog  und  den  ersten  Gottesdienst  wieder  auf
heimischem  Boden  feierte!  Die  ganze  Bürgerschaft  empfing  den  Fürsten  mit
Jubel;  es  war  ein  echtes  Volksfest.  Eine  Anzahl  Knäblein  von  sechs  bis  zwölf
Jahren  zogen  mit  der  Bürgerschaft  ihm  entgegen  und  es  preßte  manche  Träne
aus,  wie  die  junge  Generation  dem  Bringer  des  Glückes  und  Friedens  in  harmloser
  Freude  entgegenjubelte.

Am  7.  Oktober  zog  Karl  Ludwig  in  Heidelberg  wieder  ein,  nachdem
zwei  Tage  vorher  die  bayerischen  Soldaten  die  Unterpfalz  geräumt  und  den
hessischen  Exekutionstruppen  Platz  gemacht  hatten,  am  14.  zedierte  Bayern
förmlich  seine  bisherige  Besitznahme  und  die  vom  Kaiser  beauftragten  Kommissarien
  übertrugen  dem  Kurfürsten  das  ganze  unterpfälzische  Land  „mit  allen
geistlichen  und  weltlichen  Gütern,  Rechten  und  Zubehör,  welche  vor  der  böhmischen
Unruhe  die  Kurfürsten  von  der  Pfalz  im  Besitze  gehabt“.  Aber  in  welchem
Zustande  fand  er  das  Erbteil  seiner  Vorfahren!  Der  blühende  Landstrich,  der
sich  im  Neckartal  und  an  den  beiden  Rheinufern,  von  Boxberg,  Mosbach  an
stromabwärts  bis  gegen  Oppenheim,  Alzey  und  Bacharach  hin  ausdehnte,  der,
von  der  Bergstraße  und  dem  Hardtgebirge  eingeschlossen,  jene  üppige  Ebene

1)  Geschichte  der  rheinischen  Pfalz,  II.  Band,  S.  582  ff.  Heidelberg  1845,  B.  Mohr.
        <pb n="253" />
        44.  Karl  Ludwigs  Rückkehr  in  die  Pfalz.  241

umfaßt,  die  selbst  im  fruchtbarsten  Süden  Deutschlands  wie  ein  prangender
Garten  hervorstrahlt,  war  eine  Einöde;  die  Felder  waren  mit  Dorngestrüpp
umzogen,  die  Weinberge  lagen  wüst  da  und  statt  reicher,  dichtgesäter  Ortschaften
stieß  man  nur  auf  ärmliche  Hütten,  in  denen  Armut  und  Elend,  oft  Raub
und  Verbrechen  ihre  Zuflucht  fanden.  Vor  dem  unseligen  Kriege  hatten  die
Städte  mächtiger  geblüht  als  jemals  in  der  pfälzischen  Zeit:  Frankenthal  hatte
1800  Bürger,  Oppenheim  800,  Kreuznach  2000  Familien  gezählt;  Mannheim,
Heidelberg,  Neustadt  und  die  andern  Amtsstädte  fanden  sich  in  gleich  blühendem
  Zustand.  Jetzt  rechnete  man,  daß  noch  der  fünfzigste  Teil  der  ganzen
Bevölkerung  übrig  sei  und  auch  der  war  durch  Krieg,  Raub,  Anarchie  und
mehrfache  Konfessionswechsel  so  verwildert,  daß  er  das  Gedeihen  des  Ganzen
mehr  hemmte  als  förderte.  Heidelberg  lag  zum  Teil  in  Trümmern;  das  alte
Stammschloß  der  pfälzischen  Wittelsbacher,  das  vor  Friedrichs  V.  Wegzug  mit
seinen  Prachtgebäuden,  zierlichen  Gärten,  Wasserkünsten  und  Statuen  als  bewunderter
  Lustort  mit  allen  Höfen  Europas  rivalisierte,  war  jetzt  in  so  traurigem
  Zustande,  daß  Karl  Ludwig  nicht  einmal  eine  anständige  Wohnung  für
sich  dort  finden  konnte.

Hier  galt  es  zu  handeln.  Der  Unterschied  zwischen  dem  traurigen  Anblicke,
  den  die  Gegenwart  bot,  und  den  reizenden  Schilderungen,  welche  die
alten  pfälzischen  Beamten  entwarfen,  war  zu  grell,  als  daß  nicht  Karl  Ludwig
angespornt  worden  wäre  hier  ein  Wiederhersteller  zu  werden.  Der  Eindruck
so  schmerzlicher  Zustände  konnte  auch  ein  ganz  leichtfertiges  Gemüt  ernster
stimmen;  Karl  Ludwig  aber  hatte  in  dem  schweren  Druck  der  letzten  zehn
Jahre  die  wüsten  Freuden  seines  Jünglingslebens  wohl  vergessen  und  das
Unglück  hatte  ihn  rasch  zum  Manne  groß  gezogen.  Mit  allem  Ernst  und
Eifer  nahm  er  sich  jetzt  seines  unglücklichen  Landes  an.

Was  mit  Gesetzen  und  fürstlichen  Befehlen  für  Zurückführung  der  Ordnung
  geschehen  konnte,  geschah;  der  Rest  der  Bevölkerung  ward  allmählich
wieder  an  Gehorsam  und  Ordnung  gewöhnt;  Sicherheit  und  ein  behagliches
Gefühl  des  Schutzes  von  oben,  das  man  in  den  letzten  drei  Jahrzehnten  nicht
mehr  gekannt  hatte,  kehrten  zurück.  Um  den  armen  Bewohnern  aufzuhelfen
ward  die  Steuer  so  weit  verringert,  als  es  die  Deckung  der  notwendigsten
Bedürfnisse  erlaubte,  und  der  Kurfürst  selbst,  so  genußsüchtig  er  sonst  war,
versagte  sich  jede  unnütze  Ausgabe  zum  Wohle  seiner  bedrängten  Untertanen.
Sie  vor  Erpressung  zu  schützen  verbot  er  den  Beamten  streng  irgend  eine
außerordentliche  Geldumlage,  heiße  sie  wie  sie  wolle,  ohne  kurfürstlichen  Befehl
zu  erlassen  oder  auch  nur  Ursache  und  Anlaß  dazu  zu  geben.  Das  menschenleere
  Land  mit  neuen  Bewohnern  zu  beleben  und  den  wüsten  Boden  zu  kultivieren
  wurden  die  ausgewanderten  Pfälzer  zur  Rückkehr  in  die  Heimat  eingeladen;
  und  nicht  etwa  nur  unbebautes,  ödes  Besitztum  erhielten  sie  angewiesen,
  sondern  die  Bedingungen  waren  so  günstig,  daß  bei  einem  so  reich
gesegneten  Boden,  wie  der  pfälzische  war,  bald  die  traurigen  Spuren  der

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  16
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        242  44.  Karl  Ludwigs  Rückkehr  in  die  Pfalz.

dreißigjährigen  Verwüstung  schwinden  mußten.  Wer  alte  Häuser  ausbessere,
heißt  es  in  einer  Verordnung  vom  7.  Mai  1650,  solle  auf  zwei  Jahre,  und
wer  neue  baue,  auf  drei  Jahre  von  jeder  Häusersteuer  frei  sein;  wüste  Felder
anzubauen  machte  ein  Jahr  frei  von  Abgaben;  wer  ganz  verwilderte  Plätze
anbaute,  war  auf  drei  Jahre,  wer  Weinberge  wieder  anpflanzte,  auf  sechs
Jahre  von  jeder  Auflage  durchaus  entbunden.

Nicht  nur  die  verjagten  Pfälzer  kamen  wieder,  auch  Kolonisten  aus  fremden
Ländern,  aus  der  Schweiz,  aus  Holland.  Frankreich,  England  sammelten  sich.
Eine  kleine  Schar  von  friedlichen  Bewohnern  des  Luzernertales  in  Piemont
siedelte  sich  noch  spät  (1665)  im  Amt  Germersheim  an  und  erhielt  außer  der
Steuer-,  Gewerbe=  und  Abzugsfreiheit  ihre  eigene  Gemeindeverwaltung  und  ihre
selbstgewählten  Geistlichen.  Die  Städte  erhielten  ihre  munizipalen  Freiheiten
bestätigt  oder  sie  wurden  mit  neuen  bereichert  und  in  wenigen  Jahren  waren
die  Ruinen  wieder  in  Sitze  bürgerlichen  Fleißes  umgewandelt.  Der  Kurfürst
selbst  munterte  auf,  wo  er  konnte,  und  half  auch  mit  Geld,  obwohl  seine
eigenen  Mittel  so  beschränkt  waren,  daß  er  zur  Reise  auf  den  Reichstag  (1652)
von  einzelnen  Städten  als  Vorschuß  auf  die  Steuern  sich  50  Taler  borgen  mußte.

So  lebendig  man  bemüht  war  das  materielle  Wohl  zu  heben  und  so
glücklichen  Erfolg  die  Gunst  der  Natur  jenen  Bemühungen  zu  teil  werden  ließ,
so  hatte  doch  an  dem  neu  aufkeimenden  Wohlstande  des  Landes  jener  edle
und  freie  Sinn  einen  großen  Anteil,  womit  religiöse  Formen  jeder  Art  geduldet
  und  geschützt  wurden.  Karl  Ludwig,  in  der  Welt  und  im  Leben  viel
herumgetrieben  und  mit  einer  reichen  Bildung  ausgestattet,  dachte  über  die
kirchlichen  Formen  viel  freier  als  seine  calvinisch  strengen  Vorfahren  jemals
sich  gestattet  hätten.  Von  jener  naiven  Glaubenseinfalt  seines  Ahnen  Friedrich
  III.,  dem  calvinisch  warmen  Eifer  seiner  Vorfahren  Johann  Kasimir  und
Friedrich  IV.  oder  der  ängstlich  kirchlichen  Befangenheit  seines  Vaters  war  in
dem  mehr  nach  außen  gerichteten,  weltmännisch  gebildeten  Karl  Ludwig  nichts
zu  finden:  in  jenem  Augerblicke  ein  großes  Glück  für  Land  und  Untertanen.
Es  wurde  nicht  nach  der  Form  des  Bekenntnisses  und  den  kirchlichen  Zeremonien
gefragt,  wenn  man  fleißige  und  brauchbare  Bürger  suchte,  und  Karl  Ludwig
ward  einer  der  ersten  deutschen  Fürsten,  der  durch  die  Tat  jenes  unselige
Vorurteil  widerlegte,  man  müsse  um  gut  regieren  zu  können  Untertanen  einerlei
Bekenntnisses  haben.

Die  auswärtigen  Verhältnisse  hatten  indessen  den  Kurfürsten  viel  beschäftigt,
  namentlich  die  vollständige  Durchführung  des  Westfälischen  Friedens.
Noch  wurden  der  Pfalz  verschiedene  Hoheitsrechte  entzogen,  ein  großer  Teil
von  Ortschaften  und  Amtern  vorenthalten.  Was  aber  den  Kurfürsten  am
meisten  beschäftigte,  war  das  Schicksal  des  getreuen  Frankenthal,  das  die
spanische  Besatzung  nicht  mehr  räumen  zu  wollen  schien.  Die  Truppen  der
Spanier,  Schweden  und  Franzosen  hausten,  wo  sie  noch  als  Besatzung  lagen,
trotz  des  Friedens  wie  in  der  Kriegszeit;  in  Alzey  ward,  während  sich  der
        <pb n="255" />
        44.  Karl  Ludwigs  Rückkehr  in  die  Pfalz.  243

Kurfürst  huldigen  ließ,  von  der  französischen  Besatzung  aus  der  Feste  geschossen,
die  Spanier  in  Frankenthal  trieben  am  Rheine  offen  das  Raubsystem  und
das  speyerische  Bruchsal  ward  von  den  Franzosen  noch  vor  dem  Abzuge  (1651)
geplündert.  In  dem  Nürnberger  Exekutionsrezeß,  wo  Karl  Gustav  die  pfälzische
  Sache  kräftig  vertrat,  hatte  man  nach  vielen  vergeblichen  Bemühungen
Frankenthal  frei  zu  machen  (es  war  sogar  von  einer  Belagerung  durch  Reichstruppen
  gesprochen  worden)  endlich  sich  dahin  verglichen  (Juni  1650),  der
Kurfürst  solle  monatlich  3000  Taler  Entschädigung  und  als  Pfand  die  Reichsstadt
  Heilbronn  erhalten,  wo  eine  ihm  allein  verpflichtete  Besatzung  mit  8000
Talern  monatlich  auf  Reichskosten  sollte  bezahlt  werden.  Frankenthal  selbst
sollte  in  seinen  städtischen  Verhältnissen  ungestört,  die  pfälzische  Bevölkerung
von  jedem  Beitrage  zum  Unterhalte  der  dortigen  Besatzung  befreit  sein.  Zu
solchen  Mitteln  mußte  man  greifen,  weil  Reich  und  Kaiser  zu  ohnmächtig
waren  ihre  eigenen  Verpflichtungen  zu  erfüllen.

So  blieb  denn  auch  Frankenthal,  das  schwergeprüfte,  in  den  Händen
der  spanischen  Truppen;  denn  diese  fanden  es  sehr  bequem  sich  auf  Reichskosten
  im  Besitze  der  besten  pfälzischen  Festung  behaupten  zu  können.  Karl
Ludwig  bot  aber  alles  auf  und  seine  Vorstellungen  beim  Kaiser,  bei  der  kurrheinischen
  Versammlung  zu  Frankfurt  (1651),  seine  Erklärung,  auch  seinerseits
  die  noch  übrigen  Verpflichtungen  nicht  erfüllen  zu  wollen,  wenn  man  das
ihm  Versprochene  länger  vorenthalte,  bewirkten  wenigstens,  daß  die  Sache  nicht
einschlief;  auch  ließ  sich  nicht  verkennen,  welche  Mühe  sich  der  Kaiser  gab
seine  Verpflichtung  zu  erfüllen;  aber  er  war  über  die  Truppen  seiner  eigenen
Verbündeten  nicht  Herr.

Als  endlich  nach  vielen  mühseligen  Verhandlungen  zwischen  den  Höfen
zu  Wien  und  Heidelberg  der  Auszug  auf  den  26.  April  1652  festgesetzt  war
und  der  Kurfürst  Karl  Ludwig  mit  seinem  ganzen  Hofstaate  und  einem  Heerhaufen
  von  1800  Mann  vor  der  Festung  erschien,  wußte  der  spanische  Kommandant
  Frangipani  abermals  mit  Vorwänden  den  erwarteten  Abzug  zu  verzögern;
wirklich  war  auch  Troß  und  Gepäck  so  massenhaft,  daß  es  einiger  Vorbereitung
bedurfte  zu  einem  vollständigen  Abzuge.  Bis  zum  1.  Mai  ward  der  Kurfürst
zu  Worms  hingehalten,  dann  versprach  man  ihm,  der  Auszug  werde  bestimmt
am  andern  Tage  stattfinden;  er  kam  mit  seinen  Truppen  nach  Frankenthal
und  —  abermals  bat  der  Gouverneur  um  Frist;  die  Truppen,  hieß  es,  hätten
heute  ihren  Sold  empfangen,  seien  jetzt  in  trunkenem  Zustande  und  bei  einem
Auszuge  müsse  man  Exzesse  besorgen.  Nun  bestimmte  Karl  Ludwig  den  Auszug
  auf  den  folgenden  Morgen  (3.  Mai);  da  zog  denn  die  Besatzung  von
1000  Mann  hinaus,  und  obwohl  die  Hälfte  zu  Land  ihren  Marsch  antrat,
bedurfte  man  doch  28  Schiffe,  um  den  Rest  samt  dem  Trosse  und  den  Vorräten
  fortzubringen.

Wie  diese  „Verbündeten“  des  Kaisers  in  dem  ihrem  Schutze  befohlenen
Reiche  seit  den  dreißig  Jahren  ihrer  Anwesenheit  gehaust  haben  mochten,  läßt

16-
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        244  45.  Der  Bucintoro  auf  dem  Starnberger  See.

dieser  Auszug  einigermaßen  vermuten.  Hundertundfünfzig  Wagen  mußten  zweimal
  den  Weg  von  Frankenthal  an  den  Rhein  machen  um  die  Beute  fortzuschleppen;
  an  Vorräten  allein  waren  es  300  Achtel  Haber,  400  Malter  Mehl,
300  Malter  Korn  und  über  70  Fässer  Wein!  Kein  Wunder,  daß  die  spanischen
Hungerleider  mit  Wehmut  eine  Stadt  verließen,  die  sie  seit  30  Jahren  in
solch  ungeheurem  Maße  ausgebeutet  hatten;  kein  Wunder,  daß  der  Kommandant
  beim  Herausziehen  die  liebe  Erde  küßte  und  segnete,  die  so  ergiebig  ein
ganzes  Menschenalter  die  Taschen  der  Fremden  gefüllt  hatte!  Wie  er  aber  den
Frankenthalern  noch  unter  bittersüßem  Abschied  und  glatten,  entschuldigenden
Versicherungen  das  freche  Witzwort  hinwarf:  sie  glaubten  doch  an  kein  Fegfeuer,
  drum  hätte  Gott  ihn  zur  Strafe  geschickt,  und  die  Bürger  ihm  nachriefen:
  ja,  eine  Zuchtrute  sei  er  für  ihre  Sünden  geworden,  aber  sie  hofften
auch,  Gott  werde  einst  die  Rute  ins  Feuer  werfen,  —  da  ritt  der  spanische
Hidalgo  seiner  Wege  ohne  Erwiderung.  Der  Kurfürst  war  erst  jetzt  seines
vollen  Besitzes  recht  froh;  er  beschenkte  die  fremden  Offiziere  noch  reichlich,  erfreut
  genug,  daß  sie  dem  Lande  endlich  den  Rücken  wandten.

Bald  war  aus  dem  jammervollen  Zustande  der  Pfalz  ein  behaglicher,
aus  der  soldatischen  Anarchie  wieder  ein  gesetzliches  Verhältnis  geworden,  die
lange  gestörten  Beziehungen  zu  den  Nachbarn  waren  wieder  angeknüpft,  der
Kaiser  versöhnt  und  die  Pfalz  wieder  in  den  Kreis  der  geregelten  Entwicklung
zurückgekehrt.  Karl  Ludwig  —  denn  seiner  Fürsorge  gebührt  der  wesentlichste  Ruhm
—  hatte  angefangen  die  Schuld  seines  Vaters  an  dem  ererbten  Lande  abzutragen.

In  kurzem  blühte  das  pfälzische  Land  wieder  empor;  Städte  und  Dörfer
erstanden  neu  und  der  reiche  Segen  der  Natur  kam  dem  Fleiße  der  Menschenhände
  aufs  glücklichste  zu  Hilfe.  Wie  überraschend  der  Gegensatz  war,  erzählt
uns  der  französische  Feldmarschall  Gramont,  der  1646  mit  seinem  Heere
durch  das  verwüstete  und  verwilderte  Land  gekommen  war  und  es  12  Jahre
später  auf  einer  diplomatischen  Reise  wieder  berührte.  Wie  war  der  Franzose
erstaunt,  als  er  das  Land  wieder  in  aufkeimendem  Wohlstande  sah,  die  Dörfer
neu  aufgebaut,  das  kurfürstliche  Schloß  hergestellt  und  innen  schön  geschmückt,
Heidelberg  und  das  ganze  Land  so  bevölkert,  „als  wenn  niemals  Krieg  geführt
worden  wäre“.

45.  Der  Bucintoro  auf  dem  Starnberger  See.
Von  H.  Simonsfeld.“))

Die  Regierung  Ferdinand  Marias  (1651—1679),  des  Sohnes  des
ersten  bayerischen  Kurfürsten  Maximilian  I.,  ist  in  mehrfacher  Beziehung  eine
der  wichtigsten  Perioden  unserer  bayerischen  Geschichte.  Ist  es  doch  die  Zeit,
wo  auch  in  Bayern  wie  anderwärts  der  Übergang  zur  neueren  und  neuesten

1)  Vgl.  „Jahrbuch  für  Münchener  Geschichte“,  Band  IV,  S.  175  ff.  Bamberg  1890.
Buchner.
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        45.  Der  Bucintoro  auf  dem  Starnberger  See.  245

Geschichte  sich  vorbereitet,  wo  auch  hier  wie  anderswo  vor  allem  die  ernstesten
Versuche  gemacht  werden  die  schweren  Schäden  des  unheilvollen  Dreißigjährigen
  Krieges  wieder  gutzumachen,  die  Ordnung  wieder  herzustellen,  Ven
tief  darniederliegenden  Wohlstand  des  Volkes  wieder  aufzurichten,  den  zerrütteten
  Finanzen  des  Landes  auf  die  verschiedenste  Weise  wieder  aufzuhelfen.
Wenn  dieses  am  besten  wohl  der  große  Kurfürst  Friedrich  Wilhelm  von
Brandenburg  und  Kurfürst  Karl  Ludwig  von  der  Pfalz  verstanden  haben,  so  dürfen
neben  diesen  doch  auch  andere  deutsche  Fürsten,  wie  Ernst  der  Fromme  von  Gotha,
Georg  II.  von  Hessen  und  besonders  unser  Kurfürst  Ferdinand  Maria  hier
gleichfalls  rühmlich  erwähnt  werden;  denn  sie  alle  waren  in  gleicher  Weise
auf  das  Eifrigste  um  das  Wohl  ihrer  Untertanen  bemüht.

Wie  sehr  man  auch  die  auswärtige  Politik  Ferdinand  Marias  beklagen
mag,  welche  unter  dem  Einflusse  von  dessen  ehrgeiziger  Gemahlin  Adelheid,
der  französisch  erzogenen  Prinzessin  von  Savoyen,  die  verhängnisvolle
Schwenkung  zu  Frankreich  einleitete  —  jedenfalls  unbestreitbar  sind  die  Verdienste,
  welche  Ferdinand  Maria  und  seine  Gemahlin  sich  um  die  wirtschaftliche,
geistige  und  kulturelle  Hebung  Bayerns  erworben  haben.  Die  geistvolle,
lebenslustige  Kurfürstin,  begeistert  für  das  Schöne,  voll  Sinn  und  Verständnis
für  alle  Künste,  in  welchen,  besonders  in  der  Literatur,  sie  sich  auch  selbständig
versuchte,  hat  nicht  bloß  das  damalige  Hofleben  in  französisch-italienischem
Geiste  umgestaltet  sondern  auch  in  mannigfachster  Beziehung  durch  die  Fremden,
welche  mit  ihr  und  durch  sie  nach  München  kamen,  durch  industrielle  und
wirtschaftliche  Unternehmungen,  die  sie  begünstigte,  durch  Bauten  wie  die
Theatinerkirche  und  Schloß  Nymphenburg,  auf  die  ganze  Bevölkerung
und  auf  lange  Zeit  hinaus  im  Vereine  mit  ihrem  Gemahl  befruchtend  und
segensreich  gewirkt.

Ferdinand  Maria  und  Adelheid  liebten  den  Glanz  und  den  Prunk;  und
wenn  auch  diese  Prachtliebe  ein  Ausfluß  ihres  absolutistischen  Selbstherrlichkeitsgefühles
  war,  so  galt  sie  ihnen  doch  zugleich  als  Mittel  zum  Zweck:  sie
wollten  auch  hierdurch  dazu  beitragen  den  Wohlstand  ihres  Volkes  zu  erhöhen.
So  fällt  ein  Abglanz  der  mit  großer  Verschwendung  gefeierten  Feste  auf  die
Zeit  ihrer  Regierung  selbst,  nach  deren  fast  28jähriger  Dauer  Ferdinand
Maria  seinem  Sohne  Max  Emanuel  eine  gefüllte  Schatzkammer,  eine  stattliche
Armee  von  20000  Mann  und  ein  aufblühendes  Land  hinterlassen  konnte.
Eine  Zeit,  in  welcher  bayerische  Truppen  in  Ungarn  und  in  venezianischen
Diensten  auf  der  Insel  Kandia  gegen  die  Türken  gekämpft  haben,  wo
man  an  die  Gründung  einer  bayerischen  Kolonie  in  Südamerika  dachte,  in
der  in  München  eine  Seidenmanufaktur  und  in  Schleißheim  eine  Ackerbauschule
  errichtet  wurde,  die  hier  in  München  ein  italienisches  Opernhaus
  und  auf  dem  Starnberger  See  eine  Nachbildung  des  venezianischen
Bucintoro  erstehen  sah,  bietet  gewiß  des  Interessanten  und  Wissenswerten  eine
reiche  Fülle.
        <pb n="258" />
        246  45.  Der  Bucintoro  auf  dem  Starnberger  See.

Auf  alles  dies  sei  hier  nicht  näher  eingegangen,  sondern  nur  kurz  hingewiesen,
  dagegen  soll  etwas  mehr  von  dem  Bucintoro  erzählt  werden.

Wer  hätte,  wenn  von  der  einzigartigen  Lagunenstadt,  dem  unvergleichlich
schönen  Venedig  die  Rede  war,  nicht  auch  von  dem  goldstrotzenden  Bucintoro
gehört?  Jenem  glänzenden  Prachtschiffe,  das  bei  den  meisten  Festlichkeiten  der
Republik  Venedig  verwendet  wurde:  beim  Empfang  fremder  Fürstlichkeiten,  z.  B.
König  Heinrichs  III.  von  Frankreich,  ebenso  wie  bei  der  Rückkehr  der  Königin
Katharina  Kornaro  nach  ihrem  erzwungenen  Verzicht  auf  die  Insel  Cypern.
Auf  dem  Bucintoro  fuhr  alljährlich  am  Himmelfahrtstage  der  Doge,  umgeben
von  den  höchsten  Würdenträgern  und  Beamten  und  Ratsherren  der  Republik,
unter  dem  Donner  der  Kanonen,  dem  Geläute  der  Glocken  und  dem  Schmettern
der  Trompeten,  umringt  von  einer  ganzen  Flotille  festlich  geschmückter  Fahrzeuge,
  hinaus  in  das  Adriatische  Meer,  um  die  symbolische  Vermählung  der
Republik  mit  dem  Meere,  der  Adria,  zu  feiern.  Die  Pracht  und  der  Luxus,
womit  dies  prunkvolle  Staatsschiff  ausgestattet  war,  hat  nicht  verfehlen  können
auf  alle  Fremden,  welche  die  stolze  Königin  der  Adria  besuchten,  einen  tiefen
Eindruck  zu  machen.  So  wird  es  als  eine  der  Sehenswürdigkeiten  Venedigs
in  den  meisten  Reisebeschreibungen  erwähnt,  welche  die  nach  dem  Heiligen
Land  reisenden,  in  Venedig  sich  einschiffenden  Pilger  uns  hinterlassen  haben.
Die  Kunde  davon  war  natürlich  auch  nach  Bayern,  nach  München  gedrungen.
Es  ist  irrig,  wenn  man  gesagt  hat,  erst  nach  dem  Besuche  des  Kurfürsten
Ferdinand  Maria  und  seiner  Gemahlin  in  Venedig  im  Jahre  1667  sei  der
bayerische  Bucintoro  entstanden  —  derselbe  war  vielmehr  bereits  im
Jahre  1663  vollendet.)

lbrigens  hatten  die  bayerischen  Herzoge  schon  immer  zu  ihren  Lustfahrten
auf  dem  Starnberger  See  ihre  eigenen  Schiffe.  Herzog  Albrecht  V.  „belebte
den  See  mit  einer  Lustflotte,  darunter  eine  königliche  Fregatte,  drei  Schiffe
von  Lärchenholz  mit  eichenen  Säulen  darauf,  Gondeln  nach  Venedischer
Art,  alles  zierlich  geschnitzt,  bemalt  und  vergoldet.“

Wann  freilich  Ferdinand  Maria  oder  seine  Gemahlin  zuerst  den  Gedanken
  gefaßt  den  Bucintoro  selbst  nachzubilden  ist  unbekannt;  unsicher  auch,
wen  er  zuerst  aus  Venedig  zur  Leitung  des  Baues  berufen  hat.  Es  werden
die  italienischen  Zimmermeister  Anastasio  Margiolo  und  Francesco  Zanti  als
diejenigen  genannt,  welche  den  Bau  im  Jahre  1661  oder  1662  begonnen
haben,  Francesco  Santurini  und  Francesco  Mauro  als  die  Vollender  des
Baues  bezeichnet.  Im  Jahre  1664  ist  noch  ein  venezianischer  Arsenalarbeiter,
namens  Nicolo,  aus  Venedig  gekommen  um  das  neue  Schiff  „aufzutaakeln
und  in  Trimm  zu  bringen“.

)  Was  die  Etymologie  des  Wortes  Bucintoro  anlangt,  so-scheint  es  am  richtigsten
von  dem  lateinischen  buceus,  bussius,  bucia,  buccia,  bussa,  buza  abzuleiten  zu  sein,
welches  ein  größeres  Fahrzeug  bedeutet  und  italienisch  „buzo“  lautet;  Bucintoro  wäre
dann  ein  buzo  d’oro  odber  buzin  Tooro.
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        45.  Der  Bucintoro  auf  dem  Starnberger  See.  247

Als  Vorbild  diente  der  venezianische  Bucintoro,  welcher  im  Jahre  1605
hergestellt  worden  war.  Man  ahmte  ihn  jedoch  nicht  sklavisch  nach,  sondern
es  ward  in  einem  wesentlichen  Punkte  eine  Anderung  vorgenommen.  Der
venezianische  Bucintoro  hatte  immer  nur  zwei  Stockwerke:  das  eine  unten,
in  welchem  sich  die  Ruderer  befanden,  und  das  obere  für  den  Dogen,  sein
Gefolge,  die  Gäste.  Der  Bucintoro  auf  dem  Starnberger  See  aber  hatte
drei  Stockwerke  oder  Etagen,  von  denen  die  erste  für  die  Matrosen,  die  zweite
für  den  Hof  und  die  höchsten  Herrschaften,  die  dritte  für  die  Musiker  usw.

 

 

 

 

Der  Bucintoro  auf  dem  Starnberger  See.

bestimmt  war.  Schon  dadurch  wie  durch  die  prächtigere  Ausschmückung  muß
der  bayerische  Bucintoro  dem  damaligen  venezianischen  gegenüber  einen  großartigeren
  Eindruck  gemacht  haben.

Die  Länge  des  unseren  betrug  100  (110),  die  Breite  25  (30),  die  Höhe  (ohne
die  oberste  Galerie)  17  Fuß.  Die  Hauptfarben  von  außen  waren  blau  und
rot  und  die  Schnitzwerke  waren  mit  gutem  Gold  gefaßt.  Gleich  vom  Wasser
auf  erblickte  man  rings  um  das  Schiff  einen  Tanz  der  Sirenen,  Najaden
und  Tritonen,  von  Johann  Spilberger  in  München  gemalt.  Darüber  sahen
die  Ruderstangen  und  Kanonen  hervor  aus  Offnungen,  hinter  denen  die
Mannschaft  sich  befand.  Rings  um  die  Mitte  des  Schiffes  erhob  sich  darüber
als  zweite  Etage  eine  Galerie,  von  geschnittenen  und  durcheinander  geflochtenen
Fischen  und  gedrehten  Säulen  gezogen,  zu  welcher  am  Hinterteile  des  Schiffes
zwei  Treppen  führten,  die  den  Hauptzugang  zu  den  beiden  oberen  Etagen
bildeten.  Die  Galerie  hatte  die  Form  eines  Balkons;  am  Ende  derselben,
        <pb n="260" />
        248  45.  Der  Bucintoro  auf  dem  Starnberger  See.

auf  dem  Vorderteile  des  Schiffes  stand  Neptun  auf  einem  Delphin  mit  der
Flagge  statt  des  Dreizackes  in  der  Hand.  Hinter  dieser  Galerie  befanden  sich
in  der  nämlichen  zweiten  Etage  ein  großer  Saal  und  zwei  Kabinette,  nach
außen  durch  runde  Scheibenfenster  verschlossen,  die  auf  der  Außenseite  durch
weibliche  Karyatiden  abgcteilt  waren,  die  hinwiederum  das  Gesimse  der  dritten
Etage  trugen.  Der  Saal  befand  sich  auf  dem  Vorder-,  die  beiden  Kabinette
auf  dem  Hinterteile  des  Schiffes;  dazwischen  war  ein  Vorraum  oder  ein  Vorzimmer.
  Unter  dem  Eingang  zum  großen  Saale  war  das  bayerische  und  das
savoyische  Wappen  abgebildet  mit  einer  entsprechenden  vergoldeten  Inschrift
darunter  und  der  Jahreszahl  1663.

Der  Saal  war  45  Schuh  lang  und  9  Schuh  hoch.  Beim  Eintritt,  wo
der  erste  Mastbaum  angebracht  war,  stand  die  Statue  des  Herkules  und  in
der  Mitte  des  Saales,  auf  einem  Delphin  reitend,  Neptun  in  einer  großen,
von  vier  Najaden  getragenen  Muschel.  Der  Gott  goß  mit  der  hocherhobenen
Linken  aus  einem  Krug  Wasser  in  eine  mit  der  gesenkten  Rechten  gehaltene
Schale;  aus  dieser  floß  plätschernd  das  Naß  in  die  große  Muschel.  Dieser
eigenartige  Springbrunnen  wurde  in  späterer  Zeit  vom  Kurfürsten  benutzt,
um  daraus  alle  diejenigen,  welche  den  Bucintoro  zum  ersten  Male  betraten,
mit  Wasser  zu  bespritzen.  Saal  und  Vorzimmer  und  beide  Kabinette,  von
denen  jedes  15  Schuh,  das  Vorzimmer  20  Schuh  lang  war,  waren  mit
kunstvollen  Malereien  von  Spilberger  und  Kaspar  Amort  reich  und  prächtig
verziert.

Von  dieser  zweiten  Etage  führten  zwei  Stiegen,  die  sich  am  Vorderteile
des  Schiffes  befanden,  nach  der  obersten  Galerie  oder  dem  dritten  Verdecke,
welches  offen,  unbedeckt,  aber  von  einer  Balustrade  eingefaßt  war,  an  welcher
man  Wasserspeier  für  das  ablaufende  Wasser  angebracht  hatte.  Sie  war
rings  mit  kleinen  Laternen  und  kleinen  Fahnen  geschmückt,  während  die  beiden
Mastbäume,  an  deren  Wipfeln  ebenfalls  die  bayerischen  Fahnen  lustig  in  den
Lüften  flatterten,  mit  den  daran  befindlichen  Segeln  sich  darüber  stolz  erhoben.
Die  Galerie  war  vorzugsweise  für  die  Trompeter  und  Pauker  und  andere
Musici  bestimmt.  Außerdem  hatte  hier  der  Steuermann  seinen  Platz,  der  von
da  aus  das  mächtige,  vergoldete  Steuerruder  am  Hinterteil  des  Schiffes
leiten  mußte.  Die  dritte  Etage,  speziell  das  Hinterteil  des  Schiffes,  krönte
ein  giebelförmiger  Aufbau,  an  dessen  Spitze  sich  zwei  vergoldete  Löwen
befanden,  welche  eine  große,  aber  dabei  sehr  zierliche,  vergoldete  Laterne
trugen.  Oben  beim  Schnabel  des  Schiffes  standen  vier  Kanonen  und  deren
zwölf  weitere  befanden  sich  im  untersten  Verdeck  —  nicht  bloß  zur  Zierde  und
zu  anderen  Zwecken  sondern  besonders  auch  um  dem  Schiffe  das  nötige
Schwergewicht  zu  verleihen.  Sie  schauten  aus  Offnungen  dicht  über  dem
Wasserspiegel  hervor.

Hier  im  untersten  Verdeck  befand  sich  ferner  die  Rudermannschaft,  welche
wie  bei  dem  venezianischen  Bucintoro  nicht  sichtbar  war.  An  den  vergoldeten
        <pb n="261" />
        45.  Der  Bucintoro  auf  dem  Starnberger  See.  249

und  bemalten  großen  Rudern  arbeiteten  paarweise,  in  die  bayerischen  National-=farben
  gekleidet,  68  Mann,  an  den  kleineren  32  Mann.  Acht  Mann  waren  zum
Anker,  der  am  Vorderteile  des  Schiffes  herabhing,  und  zwei  Mann  zum  Auspumpen
  bestimmt;  somit  hatten  im  untersten  Verdecke  110  Arbeiter  ihre  Stelle.
Ülberhaupt  waren  oft  bei  500  Personen  auf  dem  Schiffe.  Demnoch  erreichte
dessen  Senkung  unter  den  Wasserspiegel  niemals  ganz  die  Tiefe  von  drei  Schuh
und  es  blieb  daher  immer  gefährlich,  bei  heftigem  Wind  zu  fahren  oder  sich
der  Segel  zu  bedienen.

Es  begreift  sich,  daß  bei  so  reicher  Ausschmückung  der  Bucintoro  einerseits
  als  ein  Wunderwerk  gepriesen  wurde,  anderseits  aber  auch  die  Herstellungskosten
  desselben  nicht  geringe  gewesen  sind.  Sie  mögen  sich  auf  die  Summe
von  etwa  20000  Gulden  belaufen  haben.

Wenn  der  Bucintoro  „in  See  stach“,  war  er  immer  von  einer  Anzahl
anderer  Schiffe  umgeben,  welche  zum  Teil  nach  der  äußeren  Farbe  benannt
waren  und  zusammen  mit  dem  prächtigen  Bucintoro,  angefüllt  mit  einer  heiteren,
festlich  gekleideten  Menge,  einen  überaus  malerischen,  entzückenden  Anblick
gewährt  haben  müssen.

Die  Geschichte  des  Bucintoro  auf  dem  Starnberger  See  ist  wesentlich
eine  Geschichte  der  Festlichkeiten,  die  mit  demselben  und  auf  demselben  gefeiert
wurden,  sei  es  daß  fremde  Gäste  zum  Besuche  des  bayerischen  Hofes  kamen,
wie  z.  B.  1671  der  Erzbischof  Maximilian  Gandolf  von  Salzburg,  oder  aus
besonderen  Anlässen,  wie  im  Jahre  1722  gelegentlich  der  Vermählung  des
Kurprinzen  Karl  Albrecht  mit  der  österreichischen  Kaisertochter  Maria  Amalia.
Eine  der  häufigsten  und  beliebtesten  Festivitäten  war  eine  Hirsch-Seejagd,  wie
eine  solche  auf  einem  Gemälde  im  neuen  Nationalmuseum  zu  München  zu
sehen  ist.  Man  jagte  den  Hirsch  durch  eine  Waldeslücke  an  den  Ufern  in  den
See,  ihm  nach  stürzten  unzählige  Jagdhunde;  alle  Fahrzeuge  eilten  dem  schwimmenden
  Hirsch  nach,  umzingelten  das  geängstigte  Tier,  dessen  Leben  endlich
ein  Stoß  mit  einer  gewichtigen  Partisane  inmitten  des  Sees  endigte.

Kurfürst  Karl  Albrecht  war  der  letzte  Herrscher  Bayerns,  der  sich  auf
dem  Bucintoro  vergnügte.  Im  Jahre  1741  oder  1745  mußte  das  Prachtschiff
  ans  Land  gebracht  werden,  weil  es  schadhaft  geworden  war  und  der
Ausbesserung  bedurfte.  Da  aber  die  Kosten  hierfür  nicht  unerhebliche  gewesen
wären,  nahm  man  von  einer  solchen  Abstand.  In  den  Jahren  1753  und
1757  wurde  der  Gedanke  einer  völligen  Wiederherstellung  oder  Neuerrichtung
des  Bucintoro  mehrmals  erwogen,  aber  schließlich  ebenfalls  wegen  der  Höhe
der  hierzu  nötigen  Summe  aufgegeben,  vielmehr  (12.  Januar  1758)  beschlossen
den  Bucintoro  ganz  abzubrechen,  was  dann  auch  alsbald  ausgeführt  wurde.
Von  dem  ganzen  Prachtbau  ist  heutigentags  nichts  mehr  vorhanden  als  die
oben  erwähnte  Statue  der  Pallas,  welche  das  bayerische  Nationalmuseum
1862  als  Geschenk  erhielt,  und  ein  paar  Laternen,  die  sich  im  Privatbesitze
befinden.
        <pb n="262" />
        250  46.  Der  bayerische  Hof  im  Zeitalter  des  fürstlichen  Absolutismus.

Aber  auch  der  historisch  ungleich  bedeutungsvollere  venezianische  Bruder
des  Bucintoro  hat  ein  ähnliches  unrühmliches  Ende  gefunden.  Im  Jahre  1727
prächtiger  als  je  neu  erbaut  fiel  er  der  französischen  Revolution,  welche  1797
der  Republik  Venedig  selbst  den  Todesstoß  versetzte,  zum  Opfer.  Die  vergoldeten
  Teile  desselben  wurden  auf  dem  freien  Platze  der  Insel  S.  Giorgio
von  einer  fanatischen,  demokratisierenden  Menge  am  Morgen  des  9.  Januar
1798  verbrannt;  der  Rumpf  des  Schiffes  wurde  in  eine  Batterie  verwandelt
und  diente  einige  Zeit  zur  Verteidigung  der  Lagune,  dann  als  Strafgaleere,
bis  er  1824  vernichtet  wurde.  Heutzutage  ist  nur  mehr  ein  Modell  von  dem
berühmten  Bucintoro  im  Arsenal  zu  Venedig  zu  sehen.

46.  Der  bayerische  Hof  im  Zeitalter  des  fürstlichen
Absolutismus.
Von  M.  Doeberl.)

„Der  allmächtige  Erschaffer  der  Erde,  welcher  von  sich  selbst  und  durch
seine  einzige  Hand  nach  seinem  Gefallen  könnte  die  Welt  regieren,  hat  jedoch
solche  Gewalt  den  Fürsten  mitgeteilt,  die  er  gleichsam  als  Verweser  seiner
Macht  und  Herrlichkeit  aufgestellt.  Die  Liebe,  die  er  zu  den  Menschen  trägt,
hat  ihn  vermocht  auch  seine  Autorität  mit  denselben  zu  teilen.  Gleichwie  er
in  dem  Himmel  und  am  Firmament  erschafft  und  gesetzt  die  Engel,  welche
man  intelligentias  nennt,  um  vorzustehen  der  Bewegung  derselben:  also  hat
seine  göttliche  Weisheit  für  gut  angesehen  dergleichen  Kreaturen  auch  auf
Erden  zu  bestätigen,  welche  das  Amt  trügen  die  Fürstentümer  zu  regieren."
So  urteilte  man  in  höfischen  Kreisen  Bayerns  über  das  absolute  Fürstentum
  des  17.  und  18.  Jahrhunderts.  Man  wird  gemahnt  an  die  überschwenglichen
  Worte,  mit  denen  in  Frankreich  die  Berechtigung  des  absoluten  Königtums
  von  den  juristischen  Hofpublizisten  aus  dem  römischen  Rechte,  von  den
geistlichen  aus  der  Bibel  bewiesen  wurde.

Der  Verherrlichung  des  absoluten  Fürstentums  diente  die  Prachtentfaltung
  des  kurfürstlichen  Hofes.  Wie  am  französischen  Hofe  zu  Versailles
reihte  sich  in  München  und  Nymphenburg,  in  Schleißheim  und  in  den  übrigen
kurfürstlichen  Schlössern  Fest  an  Fest:  Opern,  Ballette,  Schauspiele,  Komödien,
  Schäferspiele,  Wirtschaften,  Maskenfeste,  Feuerwerke,  Tänze,  Kopfrennen,
Turniere,  Hirschfaiste,  Schweinehatzen,  Wasserjagden,  Wasserfahrten  auf  dem
Starnberger  See,  „inter  blanditias  zephyrorum  et  nympharum,  inter
fides  et  tubas  et  in  eymbalis  bene  sonantibus“.  Der  Grundsatz  „le  roi
s'amuse“  begann  am  bayerischen  Hofe  heimisch  zu  werden.  Allen  voran  die
Kurfürstin  Adelheid,  die  an  Vielseitigkeit  alles  überbot,  jagte,  tanzte,  schauspielerte,
  musizierte,  sang,  dichtete,  komponierte,  malte  und  —  wallfahrtete.

1)  Aus  „Innere  Regierung  Bayerns  nach  dem  Dreißigjährigen  Kriege“,  Forschungen
zur  Geschichte  Bayerns,  Band  XII,  S.  32.  München  1904,  R.  Oldenbourg.
        <pb n="263" />
        46.  Der  bayexische  Hof  im  Zeitalter  des  fürstlichen  Absolutismus.  251

Der  Verherrlichung  des  absoluten  Fürstentums  diente  die  Muse  der
Hofdichter:  eines  Maccioni,  des  Dichters  der  „Ardelia“,  eines  Bissari,  des
Dichters  des  „L'Erinto“,  eines  Marchese  Pallavicino,  des  Dichters  der  „Antiope“,
eines  Domenico  Gisberti,  des  Prototyps  eines  höfischen  Gelegenheitsdichters.
Nicht  innerem  Drange,  sondern  höfischen  Festlichkeiten  entstammten  ihre  Dichtungen,
  dem  Kaiserbesuch  1658,  der  Geburt  der  Kurprinzessin  Marianne  Christine,
  des  Kurprinzen  Max  Emanuel:  es  waren  höfische  Gelegenheitsdichtungen.
Nicht  Verherrlichung  sittlicher  Ideen,  die  Apotheose  des  kurfürstlichen  Hauses
war  ihr  Ziel;  der  ganze  Olymp  vereinigte  sich  in  Lobpreisungen  des  neu- 



 

 

Schloß  Nomphenburg,  Stadtseite;  nach  einem  Stiche  von  M.  Disel.
(Nach  „Die  Baukunst“.  W.  Spemann,  Berlin.)

geborenen  Thronfolgers  und  seiner  erlauchten  Eltern.  Dem  Milien  des  Hofes
war  die  Sprache,  war  die  Gedankenwelt,  waren  die  Motive  angepaßt;  höfischen
Charakters  ist  die  Vorliebe  für  die  Allegorie,  für  die  verkünstelte  Welt  der
französischen  Preziösen.  Für  „Ardelia“,  für  „L'Erinto“  gab  die  Kurfürstin
den  Dichtern  die  Grundidee:  „Die  Blüten  sammelte  Adelaide“.  Damals  gehörte
  es  zum  Glanze  eines  fürstlichen  Hofes,  nicht  bloß  eigene  darstellende
sondern  auch  eigene  schaffende  Künstler  zu  haben.  Damals  wollte  man  nicht
bloß  Opern  und  Schauspiele  geben,  sondern  jeder  Hof  wollte  seine  eigene  Oper,
sein  eigenes  Schauspiel  bringen,  womöglich  nach  den  Ideen  einer  leitenden
Persönlichkeit.

Der  Verherrlichung  des  absoluten  Fürstentums  diente  die  musikalische
Kunst  der  Leiter  der  Hofkapelle:  eines  Giacoppo  Porro,  eines  Johann
Kaspar  Kerll,  eines  Ercole  Bernabei.  Ihre  Leistungen  waren  notwendige  Beigaben
  zu  höfischen  Festlichkeiten  und  Festspielen,  die  anspruchsloseren  deutschen
Musiker  mußten  entweder  zurücktreten  oder  sich  in  die  fremde  höfische  Art  einleben.
        <pb n="264" />
        252  46.  Der  bayerische  Hof  im  Zeitalter  des  fürstlichen  Absolutismus.

Der  Verherrlichung  des  absoluten  Fürstentums  dienten  die  bildenden
Künste,  namentlich  die  Architektur,  die  sich  besonderer  Bevorzugung  erfreute,
weil  hier  die  Auftraggeber  weniger  hinter  den  Künstler  zurücktraten;  ihr  diente
ein  Agostino  Barelli,  ein  Amort,  ein  Triva,  ein  Sandrart.  Die  Theatinerkirche
  und  das  Theatinerkloster  entstanden  nicht  allein  wegen  des  Gelübdes
der  kurfürstlichen  Eltern,  das  fürstliche  Selbstgefühl  wollte  eine  zweite  S.  Andrea
della  Valle  schaffen,  wie  gleichzeitig  mit  Nymphenburg  eine  Kopie  Venerias,
des  Lustschlosses  Herzog  Karl  Eugens  von  Savoyen.  Der  höfische  Charakter,
die  höfische  Feststimmung,  die  höfische  Neigung  zur  Prachtentfaltung,  zu  überladener
  Dekoration  durchzieht  selbst  das  Innere  der  Theatinerkirche,  verrät  sich
in  den  üppigen  Formen  der  Stuckornamentik.

Die  treibende  Kraft  für  alle  diese  künstlerischen  Bestrebungen  war  nicht
innerer  Drang,  nicht  tieferes  Verständnis  für  das  wahre  Wesen  der  Kunst,
nicht  beim  Kurfürsten,  vielleicht  nicht  einmal  immer  bei  der  Kurfürstin,  so  sehr
auch  höfische  Schriftsteller  der  Zeit  ihren  Geist  feiern  mögen,  so  sehr  sie  auch
gewisse  künstlerische  Allüren  und  Freude  an  verfeinerter  Geselligkeit  besaß.  Es
war  aber  auch  nicht  bloß  das  unruhige  Temperament,  die  Eitelkeit  und  Modesucht
  der  Kurfürstin,  die  Fügsamkeit  des  Kurfürsten.  Wie  Ludwig  XIV.,  wie
jenes  repräsentative  Zeitalter  überhaupt,  so  erblickte  auch  der  bayerische
Hof  in  der  Entfaltung  fürstlicher  Pracht  ein  Herrschermittel,  weniger  um  das
Volk  zu  künstlerischem  Verständnis  als  vielmehr  zur  Bewunderung  zu  erziehen;
  die  Bewunderung  erleichtere  den  Menschen  die  volle  Hingabe  an  das
absolute  Fürstentum,  ein  Fürst  müsse,  wie  Napoleon  später  äußerte,  in  allem
seinen  Tun  und  Reden  auf  die  Phantasie  der  Menschen  zu  wirken  suchen.
„Die  Magnifizenz  und  die  Pracht  verleiht  die  höchste  Zierde  der  Herrlichkeit
einem  fürstlichen  Hofe  und  ist  diese  das  einzige  Mittel,  welches  die  Fürsten
berühmt  macht  und  ihnen  auch  größeren  Gehorsam  und  Respekt  bei  den  Untertanen
  verursacht,“  äußert  ein  bayerischer  Zeitgenosse  unter  ausdrücklichem  Hinweis
  auf  das  Beispiel  Ludwigs  XIV.  Gerade  dieses  Moment  hat  auf  Ferdinand
  Maria  mehr  als  alle  anderen  eingewirkt,  seine  Abneigung  gegen  die
repräsentativen  Pflichten,  gegen  die  Ruhelosigkeit  des  Hoflebens,  gegen  die  hohen
finanziellen  Ansprüche  etwas  beschwichtigt.  Weil  es  zu  den  Gepflogenheiten
des  damaligen  Hoflebens  gehörte,  ließ  der  Kurfürst  die  Mitglieder  des  kurfürstlichen
  Hauses  in  der  Oper,  in  dem  Ballette,  im  Schauspiele  persönlich
mitwirken,  übernahm  er  selbst  in  der  „Antiope“  die  Rolle  des  Königs  Solon,
der  für  die  von  Theseus  beleidigte  Antiope  eintritt.

Die  Bewunderung  des  Auslandes  war  ein  anderes  Ziel  des  damaligen
  absoluten  Fürstentums,  auch  Ferdinand  Marias.  Bayern  hat  zu  den
verschiedensten  Zeiten  der  Pflege  fremder  Kultur  eine  Heimstätte  bereitet.  Damals
  hatte  das  nicht  bloß  seinen  Grund  in  der  Vorliebe  Adelheids  für  Frankreich
  und  für  das  Land  ihrer  Väter,  die  sie  bestimmte,  Künstler  und  Künstlerinnen
  aus  ihrer  Heimat  zu  berufen,  man  strebte  den  Ruf  eines  fürstlichen
        <pb n="265" />
        46.  Der  bayerische  Hof  im  Zeitalter  des  fürstlichen  Absolutismus.  253

Mäzenatentums  im  Auslande  an.  Daher  erklärt  es  sich,  wenn  zuerst  italienische,
seit  dem  Anschluß  Bayerns  an  Frankreich  auch  französische  Künstler  gastliche
Aufnahme  am  bayerischen  Hofe  fanden,  wenn  nicht  bloß  Meister  wie  Mignard
sondern  selbst  Künstler  und  Dichterlinge  dritten  Grades  sich  der  liebenswürdigsten
Auszeichnungen  erfreuten.  „Es  geziemt  sich,  wenn  ein  Fürst  seine  Glorie  und
Herrlichkeit  auch  außer  Landes  verkündigen  will,  daß  er  sich  gegen  die  Benachbarten
  und  Ausländer  ein  großer  Herr  zu  sein  bezeige.  Die  Ehre,  welche  er
ihnen  antut,  ist  ein  Sonnenstrahl  seiner  Majestät,  welcher  sich  durch  die
Reflexion  wiederum  in  seine  Person  ergießt,  indem  durch  Empfang  von  dergleichen
  Ehrenbezeugungen  den  Fremden  und  Ausländern  dagegen  obgelegen
ist  sich  allerorten  in  dessen  Lobsprechung  herauszulassen“.  Und  die  fremden
Künstler  erwiesen  sich  wirklich  dankbar:  sie  fcierten  Bayern  als  „das  achte
Wunder  im  Reiche  der  Welt“,  als  das  „Apulien  Deutschlands“,  die  Hauptstadt
  München  als  „eine  der  lieblichsten,  bestgebauten  und  hervorragendsten
Städte  der  Welt“.

Ferdinand  Maria  fügte  sich  oft  nur  gezwungen  und  widerwillig  dem
von  seiner  Gemahlin  eingeführten  italienisch-französischen  Zuschnitt  des  Hofes.
Mit  ganzer  Seele  lebten  in  dieser  neuen  höfischen  Welt  der  Sohn  und  der
Enkel  der  savoyischen  Prinzessin,  Max  Emanuel  und  Karl  Albert.  Was
damals  höfische  Prachtentfaktung,  höfisches  Vergnügen,  höfische  Kunst  zu  leisten
vermochte,  das  zeigte  dem  staunenden  Auge  die  Vermählungsfeier  des  Kurprinzen
  Karl  Albert  mit  der  Kaisertochter  Marie  Amalie:  selbst  die  verwöhnte
Tochter  des  Kaiserhauses  war  überrascht;  „der  Münchener  Hof  ist  einer  der
glänzendsten  in  Europa,  die  Vergnügungen  überstürzen  sich,“  schließt  ein  Zeitgenosse
  die  farbige  Schilderung  dieser  Festlichkeiten.  Noch  heute  sind  lebendige
Zeugen  dieser  Periode  die  reichen  Zimmer  der  Münchener  Residenz,  die  neuen
Schloßbauten  zu  Schleißheim  und  Nymphenburg  (wenn  sie  auch  Fragmente
geblieben  sind  wie  die  weltumspannenden  Pläne  der  Kurfürsten),  die  Bauten
im  Nymphenburger  Parke  mit  der  Perle  der  Rokokoschlösser,  der  duftigen
Amalienburg,  die  unter  dem  Einfluß  der  kurfürstlichen  Kunstschöpfungen  entstandenen
  Bauten  der  weltlichen  und  der  geistlichen  Aristokratie  innerhalb  wie
außerhalb  Münchens.

Der  üppige  Hofhalt  verschlang  Summen,  die  zu  den  Einkünften  in  keinem
Verhältnis  standen,  und  entzog  die  wirklichen  Mittel  dringenderen  Lebensaufgaben
  des  Staates,  doppelt  verhängnisvoll  in  einer  Zeit  folgenschwerer
Entscheidungen.  Unter  dem  äußeren  Firnis  barg  sich  oft  Frivolität  und  Unsittlichkeit;
  die  Überhebung  der  höfischen  Gesellschaft  erweiterte  die  Kluft  zwischen
den  höheren  Kreisen  und  dem  gemeinen  Mann.  Aber  die  Kultur  des  fürstlichhöfischen
  Zeitalters  bedeutete  doch  einen  Fortschritt  im  Vergleich  zu  dem
„grobianischen“  Wesen  und  den  Trinkfreuden  des  16.  Jahrhunderts:  sie  schuf
unter  französischer  Führung  eine  neue  gesellschaftliche  Bildung  bis  herab  zu
den  heutigen  Tischsitten,  sie  weckte  in  den  höheren  Gesellschaftskreisen  den  Sinn
        <pb n="266" />
        254

47.  Schleißheim.

für  geistige  Interessen,  sie  half  die  Pedanterie  der  Gelehrten  wie  die  Unduldsamkeit
  der  Theologen  überwinden,  sicmodernisierte  den  deutschen  Menschen.
Sie  brachte  zwar  nicht  wie  in  Frankreich  auf  dem  Gebiete  der  Literatur,  aber
doch  auf  dem  der  bildenden  Künste  Werke  von  dauerndem  Wert  hervor.

 

Schloß  Schleißheim,  Westfront.

47.  Schleißheim.

Von  Hermann  Lingg.#)

Es  ragt  ein  Königsschloß,  umgeben
Von  Wald  und  düst'rer  Einsamheit,
Bewohnt  nur  von  dem  Geisterleben
Gewaltiger  Vergangenheit.

Da  glüh'n  im  Abendsonnenscheine
Die  hohen  Fenster  zauberhaft

Und  etwas  blitzt  um  diese  Steine
Wie  Stolz  und  wilde  Leidenschaft.

Einst  rauschten  hier  die  Marmortreppen,
Wenn  aus  den  Sälen  trat  ein  Kranz
Von  schönen  Frau'n  in  seid'nen  Schleppen
An  Festen  voller  Pracht  und  Glanz.

In  jeder  Säule  tritt  ein  Mahnen
An  Größe  würdevoll  hervor,

Aus  jedem  Bild  der  Fürstenahnen
Im  goldgeschmüchten  Korridor.

 

Und  reiche  Schlachtgemälde  melden
Von  weltberühmter  Tapferheit,
Von  Sobieskis  Ruhm,  des  Helden,
Von  all  den  Tapfern  seiner  Zeit.

Und  wie  von  Tränen,  längst  geweinten,
Wo  schon  erblichen  Gold  und  Erz,
Aus  all  dem  Prunhe,  dem  versteinten,
Spricht's  still:  Hier  schlug  ein  tapf'res
Herz.

Und  wenn  von  jenen  Föhrenhainen
Heraufzieht  die  Gewitternacht,

Dann  ist's,  als  seh'  ich  ihn  erscheinen,
Den  „blauen  König“,  in  der  Schlacht.

Es  blitzt  sein  breiter  Ungarsäbel

Im  Kampf,  ein  Engel  Azrael

Steigt  auf  aus  dunklem  Pulvernebel,
Der  Kurfürst  Max  Emanuel.

1)  „Vaterländische  Balladen  und  Gesänge"“,  S.  140.  München  1869,  J.  J.  Lentner.
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        48.  Kurfürst  Max  Emanuel  im  Türkenkriege  1683—1688.  255

Vor  seinen  muterfüllten  Truppen  Die  Schar  Seldschuken  und  Arnauten
Erstürmt  er  hühn  die  Türhenschanz'  Entflieht  und  sinkt  im  blut'gen  Fall,
Und  über  der  Moscheen  Kuppen  Im  Feld  der  weiß  und  blauen  Rauten

Erbleicht  des  Halbmonds  Siegesglanz.  Trotzt  Bayerns  Leu  von  Belgrads  Wall.

48.  Kurfürst  Max  Emanuel  im  Türkenkriege  1683—1688.

Von  Karl  v.  Landmann.“

Als  Kurfürst  Max  Emanuel  am  11.  Juli  1680  im  Alter  von  18  Jahren
die  selbständige  Regierung  Bayerns  antrat,  befand  sich  das  Deutsche  Reich  in
äußerst  bedenklicher  Lage.  Von  Westen  her  drängten  die  Franzosen,  die  unter
ihrem  ländergierigen  König  ein  Stück  nach  dem  andern  von  Deutschland  abrissen.
  Im  Osten  standen  drohend  die  Türken,  die  bereits  im  Besitz  der
Königsstadt  Ofen  und  des  größeren  Teiles  von  Ungarn  waren  und  ihre
Macht  auch  auf  deutsches  Gebiet  auszudehnen  trachteten.

In  diesem  Kampfe  um  den  Fortbestand  des  Deutschen  Reiches  wollte
der  junge  Kurfürst  nicht  den  Zuschauer  spielen.  Im  Gegensatze  zu  seinem
Vater,  dem  Kurfürsten  Ferdinand  Maria,  der  den  Frieden  geliebt  und  in  vorsichtiger
  Neutralität  nur  an  die  Erhaltung  seines  Besitzstandes  gedacht  hatte,
brannte  Max  Emanuel  vor  Ehrgeiz  sich  unsterblichen  Kriegsruhm  zu  erwerben
und  sein  Land  Bayern  größer  und  mächtiger  zu  machen.  Glaubte  er  diesen
Zielen  im  treuen  Festhalten  an  Kaiser  und  Reich  näherzukommen,  so  war
er  sich  zugleich  klar,  daß  hierzu  vor  allem  ein  schlagfertiges  Heer  notwendig
sei.  Zunächst  gewann  er  in  Hannibal  Freiherru  von  Degenfeld,  der  als  Feldmarschalleutnant
  aus  dänischem  in  bayerischen  Dienst  übertrat,  einen  erprobten
Kriegsmann  als  militärischen  Berater.  Unter  dessen  Leitung  wurde  alsdann
aus  den  35  einzelnen,  dem  Hofkriegsrat  unmittelbar  unterstellten  Kompagnien,
welche  die  ganze  damalige  Kriegsmacht  Kurbayerns  bildeten,  ein  neues  Heer  von
7  Infanterie=  und  4  Kavallerie-Regimentern,  4  Dragonerkompagnien  und
entsprechender  Artillerie  geschaffen.  Vier  von  den  damals  errichteten  Regimentern
  bestehen  als  2.  und  10.  Infanterie-,  1.  und  2.  Chevaulegersregiment
noch  heute.  Der  Abschluß  der  Neuaufstellung  des  Heeres  fand  seinen  Ausdruck
in  der  im  Herbst  1682  erfolgten  Anordnung  eines  Übungslagers  bei  Schwabing
unmittelbar  nördlich  von  München.  Die  unter  Degenfelds  Leitung  stattfindenden
Übungen  dauerten  vom  12.—24.  Oktober  und  bestanden  in  Manövemn  in  zwei
Parteien  gegeneinander,  in  einem  Manöver  des  ganzen  Korps  ohne  Gegner
und  in  einer  Belagerungsübung.

Kaum  war  das  neue  kurbayerische  Heer  gebildet,  so  fand  es  auch
Gelegenheit  sich  im  Kriege  zu  bewähren.  Am  2.  Januar  1683  erklärte
Sultan  Mohammed  den  Krieg  an  Kaiser  Leopold  und  alsbald  erging  der
Ruf  um  Hilfe  an  das  Reich  und  nach  auswärts.  Der  erste,  der  dem  Kaiser
seinen  Beistand  im  Kampfe  gegen  die  Ungläubigen  zusagte,  indem  er  mit
        <pb n="268" />
        256  48.  Kurfürst  Max  Emanuel  im  Türkenkriege  1683—1688.

Vertrag  vom  26.  Januar  1683  8200  Mann  zu  stellen  versprach,  war  Kurfürst
  Max  Emanuel.  Er  war  auch  der  erste,  der  mit  seinem  Hilfskorps,  der
Infanterie  mit  den  Regimentsgeschützen  zu  Wasser  auf  der  Donau,  der  Kavallerie
  auf  dem  Landwege,  in  der  Versammlung  bei  Krems  eintraf,  bis  wohin
die  kaiserliche  Armee  unter  Karl  von  Lothringen  vor  dem  übermächtigen
Türkenheere  zurückgegangen  war.  Nachdem  die  übrigen  Reichskontingente  und
König  Sobieski  mit  den  Polen  eingetroffen  waren,  fand  am  12.  September
die  große  Schlacht  am  Kahlenberg  statt,  deren  siegreicher  Ausgang  die  von
Starhemberg  mutvoll  verteidigte  Kaiserstadt  Wien  rettete  und  unberechenbares
Unglück  von  Deutschland  abwendete.  Hier  erhielt  Max  Emanuel  mit  seiner
jungen  Armee  die  Feuertaufe.  Nach  dem  Abzuge  des  geschlagenen  türkischen
Heeres  nahm  Max  Emanuel  noch  an  der  Belagerung  von  Gran  teil.

Um  die  Rückeroberung  von  Ungarn  durchzuführen  begann  der  Herzog
von  Lothringen  im  Jahre  1684  mit  dem  deutschen  Heere  die  Belagerung  der
stark  befestigten  Hauptstadt  Ofen;  unter  ihm  befehligte  Max  Emanuel  den
Angriff  auf  die  Südseite  des  Schlosses.  Ungünstige  Umstände  verschiedener
Art  und  der  tapfere  Widerstand  der  Verteidiger  ließen  jedoch  das  ganze  Unternehmen
  scheitern.  Es  gelang  zwar  einen  Entsatzversuch  erfolgreich  abzuschlagen,
aber  der  Besatzung  von  Ofen  vermochte  man  nichts  anzuhaben.

Im  Juni  1685  feierte  Max  Emanuel  seine  Vermählung  mit  Maria
Antonia,  der  Tochter  Kaiser  Leopolds  I.,  durch  welche  Verbindung  sich  ihm
die  Aussicht  auf  den  einstigen  Besitz  der  spanischen  Niederlande  eröffnete.  Die
Rücksicht  auf  seine  persönlichen  Verhältnisse  hielt  ihn  aber  nicht  ab  sich  noch
am  Feldzuge  dieses  Jahres  zu  beteiligen,  für  den  sich  der  Herzog  von
Lothringen  die  Eroberung  der  Grenzfestung  Neuhäusel  zur  Aufgabe  gestellt
hatte.  Während  die  Belagerung  sich  bereits  dem  erfolgreichen  Abschluß  näherte,
brach  ein  türkisches  Heer  über  Ofen  auf  Gran  vor  und  begann  diesen  erst  vor
zwei  Jahren  von  den  Deutschen  zurückeroberten  Platz  zu  belagern.  Unter
Zurücklassung  der  erforderlichen  Truppen  vor  Neuhäusel  rückte  der  Herzog
von  Lothringen  zum  Entsatz  heran  und  brachte  am  16.  August  in  der  Schlacht
bei  Gran,  in  der  Max  Emanuel  den  linken  Flügel  des  deutschen  Heeres
kommandierte,  den  Türken  eine  vollständige  Niederlage  bei.  Drei  Tage  nachher
fiel  Neuhäusel  durch  Sturm  in  die  Hände  der  Deutschen.

Im  Jahre  1686  erlaubten  die  der  Armee  in  Ungarn  zugeführten  Verstärkungen,
  insbesondere  auch  von  Brandenburgern  unter  Schöning,  die  Belagerung
  von  Ofen  erneut  zu  unternehmen.  Dem  Wunsche  Max  Emanuels
entsprechend,  ein  ständiges  Kommando  zu  haben,  war  die  Einteilung  der  Armee
derart  getroffen  worden,  daß  ihm  20000  Mann,  davon  8000  Bayern,  unterstellt
  waren,  während  der  Herzog  von  Lothringen  etwa  40000  Mann  zu
einer  unmittelbaren  Verfügung  hatte.  Die  starke  Besatzung  der  Festung  verteidigte
  sich  mit  äußerster  Tapferkeit  unter  wiederholten  Ausfällen  und  unter
häufiger  Anwendung  von  Minen.  Trotzdem  gelang  es  dem  todesmutigen  Wett-
        <pb n="269" />
        48.  Kurfürst  Max  Emanuel  im  Türkenkriege  1683—1688.  257

eiser  aller  beteiligten  Führer  und  Truppen  diesesmal  nach  wiederholten
Stürmen  und  Abweisung  eines  Entsatzversuches  der  feindlichen  Feldarmee  das
stärkste  Bollwerk  osmanischer  Herrschaft  in  Ungarn  zu  erobern  (2.  September).
  Der  Halbmond,  der  145  Jahre  lang  auf  der  Hauptkirche  von  Ofen
geglänzt  hatte,  mußte  dem  Kreuze  wieder  weichen.  Da  die  türkische  Armee
einer  Schlacht  ausweichend  donauabwärts  zurückging,  wurde  in  der  Folge
noch  das  ganze  Gebiet  bis  Esseg  und  Szegedin  besetzt.

Für  den  Feldzug  1687  stellte  der  Kaiser  wie  im  Vorjahre  ein  Heer
von  40000  Mann  unter  dem  Herzog  von  Lothringen  und  ein  zweites  von
20000  Mann  unter  Kurfürst  Max  Emanuel  auf.  Am  15.  Juli  fand  die
Vereinigung  beider  Heere  bei  Valpovo  auf  dem  südlichen.  Drauufer  statt;
weiter  südöstlich  bei  Esseg  stand  in  verschanzter  Stellung  unter  dem  Großwesir
  Suleiman  das  etwa  gleichstarke  türkische  Heer.  Nachdem  der  Versuch
die  türkische  Stellung  anzugreifen  wieder  ausgegeben  worden  war,  ging  der
Herzog  von  Lothringen  über  die  Drau  zurück  und  ihm  folgte  alsbald  der
Großwesir.  Nach  Ausführung  von  Märschen  und  Gegenmärschen,  deren
eigentlicher  Zweck  sich  nicht  sicher  feststellen  läßt,  kam  es  am  12.  August  am
Berge  Harsan  (zwischen  Mohacz  und  Siklos)  zur  entscheidenden  Schlacht.
Durch  waldiges  Gelände  begünstigt  griff  der  Großwesir  die  den  deutschen
linken  Flügel  bildende  Armee  des  Kurfürsten  überraschend  gerade  zu  dem
Zeitpunkte  an,  als  wegen  der  Geländeverhältnisse  die  in  einer  Seitwärtsbewegung
  begriffene  Armee  des  Herzogs  von  Lothringen  nicht  sofort  eingreifen
konnte.

Max  Emanuel  wies  jedoch  den  Stoß  erfolgreich  ab  und  ging  sodann
unterstützt  durch  einige  Regimenter  des  rechten  Flügels  selbst  zum  Angriff
über.  Die  Türken  wurden  vollständig  geschlagen  und  bis  zur  einbrechenden
Nacht  von  der  deutschen  Kavallerie  unter  dem  damaligen  kaiserlichen  Generalfeldwachtmeister
  Prinz  Eugen  von  Savoyen  verfolgt.  Max  Emanuel  hatte
an  diesem  Tage  raschen  Blick,  Entschlußfähigkeit  und  Tatkraft,  notwendige
Eigenschaften  eines  Heerführers,  in  ganz  hervorragendem  Grade  gezeigt.  Er
verließ  jedoch  am  3.  September  die  Armee,  da  sich  für  ihn  keine  weitere
Gelegenheit  zu  selbständiger  Kommandoführung  ergab.  Da  die  Widerstandskraft
  der  türkischen  Feldarmee  durch  die  erlittene  Niederlage  gebrochen  war,
so  gelang  es  im  Laufe  des  Feldzuges  noch  Siebenbürgen  und  Slawonien  der
kaiserlichen  Gewalt  zu  unterwerfen.

Im  Jahre  1688  erfüllte  Kaiser  Leopold  den  heißesten  Wunsch  des  nach
kriegerischem  Lorbeer  strebenden  Kurfürsten:  er  übertrug  ihm  an  Stelle  des
erkrankten  Herzogs  von  Lothringen  den  Oberbefehl  über  das  in  Ungarn  vereinigte
  Heer.  Als  Hauptaufgabe  für  den  Feldzug  konnte  die  Belagerung  des
wichtigen  Platzes  Belgrad  um  so  mehr  in  Aussicht  genommen  werden,  als
man  mit  dem  Erscheinen  größerer  türkischer  Streitkräfte  kaum  zu  rechnen
hatte;  im  türkischen  Heere  war  unter  der  Nachwirkung  der  erlittenen  Niederlage

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  17
        <pb n="270" />
        258  48.  Kurfürst  Max  Emanuel  im  Türkenkriege  1683—1688.

eine  Empörung  ausgebrochen,  die  in  Konstantinopel  einen  Thronwechsel  und
andauernde  Wirren  zur  Folge  hatte.

Am  28.  Juli  traf  Max  Emanuel  bei  der  um  Peterwardein  an  der
Donau  versammelten  Armee  ein  und  ließ  sofort  die  Operatiomen  beginnen.
An  der  Einmündung  der  Save  in  die  Donau  gelegen  war  Belgrad  im  Westen,
Norden  und  Osten  durch  breite  Wasserläufe  geschützt.  Ein  Angriff  war  daher
nur  von  Süden  her  möglich  und  hierzu  mußte  die  Save  überschritten  werden.
Da  das  jenseitige  Ufer  von  türkischen  Truppen  besetzt  war,  hatte  der  Kriegsrat
gegen  einen  Übergang  Bedenken,  aber  Max  Emanuel  wollte  keine  Zeit  verlieren
und  beschloß  den  Übergang  zu  wagen.  Hiezu  wurden  Schiffe  aus  der  Donau
auf  Geschützlafetten  verladen  und  auf  dem  Landwege  an  die  von  Max  Emanuel
ausersehene  Übergangsstelle  geschafft.  Am  8.  August  um  1  Uhr  nachts  begann
das  Übersetzen  über  den  einige  hundert  Meter  breiten  Fluß  und  um  Tagesanbruch
  waren  bereits  4000  Mann  jenseits  angelangt.  Da  die  Türken  den
Übergang  anderswo  vermutet  hatten,  waren  nur  Vorposten  zu  überwältigen
gewesen,  und  als  stärkere  türkische  Abteilungen  herankamen,  hatte  der  Kurfürst
schon  soviel  Truppen  übergesetzt,  daß  alle  Angriffe  abgewiesen  werden  konnten.
Unter  dem  Schutze  dieser  Avantgarde  begann  sodann  die  Herstellung  der  Schiffbrücke.
  Diese  war  am  8.  August  abends  vollendet  und  nun  konnte  der  Übergang
des  Hauptteils  der  Armee  vor  sich  gehen,  der  die  ganze  Nacht  und  den  folgenden
  Tag  hindurch  fortdauerte.  Vor  den  40000  Mann,  die  nun  auf  dem  südlichen
  Saveufer  versammelt  waren,  zog  das  etwa  10000  Mann  starke  türkische
Beobachtungskorps,  von  den  bayerischen  Husaren  verfolgt,  in  Richtung  auf
Semendria  ab.

Sofort  traf  nun  Max  Emanuel  die  erforderlichen  Anordnungen  zur
Belagerung  von  Belgrad;  zunächst  erging  Befehl  das  in  Ofen  bereitgestellte
Belagerungsgeschütz  auf  der  Donau  bis  Semlin  heranzuschaffen.  Schon  in
der  Nacht  vom  12.  zum  13.  August  wurden  die  Laufgräben  vor  der  Festung
eröffnet  und  am  17.  August  konnte  die  Beschießung  der  feindlichen  Festungswerke
  aus  den  bei  der  Armee  schon  befindlichen  schweren  Geschützen  beginnen.
Am  24.  August  langte  die  Belagerungsartillerie  aus  Ofen  an  und  nun  begann
der  Bau  einer  größeren  Zahl  von  Angriffsbatterien  und  sodann  eine  kräftige
Beschießung  der  Festung.  Max  Emanuel  trieb  rastlos  vorwärts;  unbekümmert
um  das  feindliche  Feuer  weilte  er  Tag  und  Nacht  in  den  Laufgräben.  Am
2.  September  erhielt  an  seiner  Seite  der  kaiserliche  Feldmarschalleutnant  Prinz
Eugen  von  Savoyen  eine  schwere  Schußwunde  am  Knie,  die  ihn  für  längere
Zeit  dienstunfähig  machte.  Um  diese  Zeit  war  bereits  in  die  innere  Grabenwand
  Bresche  geschossen,  und  nachdem  sodann  die  äußere  Grabenwand  mittels
Sprengung  durch  Minen  eingeworfen  war,  konnte  Max  Emanuel  den  Befehl
zum  Sturm  geben.  Dieser  erfolgte  am  6.  September  zugleich  an  fünf  Stellen
und  wurde  von  Max  Emanuel  persönlich  geleitet.  Als  infolge  des  verzweifelten
Widerstands  der  Türken  der  Angriff  zum  Stocken  kam,  zog  der  Kurfürst  selbst
        <pb n="271" />
        49.  Elisabeth  Charlotte.  259

den  Degen  und  brachte  die  Wankenden  zu  erneutem  Sturme  vorwärts.  Nach
vierstündigem  Kampfe  war  Belgrad  genommen.

Am  8.  September  ließ  Max  Emanuel  einen  feierlichen  Dankgottesdienst
abhalten  und  nachher  empfing  er  im  Schlosse  von  Belgrad  eine  türkische  Gesandtschaft,
  die  die  Thronbesteigung  des  neuen  Sultans  anzeigen  und  sich  zu
gleichem  Zwecke  wie  zur  Einleitung  von  Friedensunterhandlungen  nach  Wien
begeben  wollte.  Vielleicht  war  es  bei  dieser  Gelegenheit,  daß  der  Kurfürst
den  Beinamen  erfuhr,  den  ihm  die  Türken  gegeben  hatten.  Den  „Blauen
König“  nannten  sie  ihn,  denn  blaue  Röcke  trug  sein  tapferes  Fußvolk  und
als  ein  König  zeigte  er  sich  im  Kampfe.

Durch  den  Ubergang  über  die  Save  und  die  Eroberung  von  Belgrad
rechtfertigte  Max  Emanuel  das  Vertrauen  seines  kaiserlichen  Schwiegervaters
so  glänzend  wie  nur  möglich;  in  der  ganzen  Christenheit  wurde  sein  Name
mit  freudiger  Anerkennung  genannt.  Noch  heute  erinnert  eine  in  der  Frauenkirche
  zu  München  aufgehängte  türkische  Fahne  an  den  6.  September  1688.

49.  Elisabeth  Charlotte  und  das  Heidelberger  Schloß.
Von  Ernst  von  Wildenbruch.“)

Wir  stehen  auf  dem  Philosophenweg  zu  Heidelberg  und  steigen  hinunter
zum  Ufer  des  Neckar  und  auf  Karl  Theodors  steinbogengeschwungener  Brücke
schreiten  wir  den  Neckar  hinüber  und  gehen  hindurch  durch  die  Stadt,  denn
von  den  Höhen  über  ihr  kommt  es  wie  ein  Rufen,  wie  ein  leiser,  lockender
Ton.  Wir  horchen  darauf  hin  und  nun  vernehmen  wir  aus  dem  Getöne
ein  Wort.  Dieses  Wort  ist  ein  Name  und  „Liselotte“  klingelt  es  uns  zu  den
Ohren,  „Liselotte“.  Von  droben  kommt  es,  allem  Anschein  nach  von  da,  wo
der  rotbraune  Trümmerpalast  sich  erhebt.  Wohlan  denn,  hinauf  auf  einem
der  vielen  Wege,  die  zu  ihm  emporführen!

Und  jetzt  —  in  den  Büschen  dort  über  uns  knickt  es  und  knackt  es  und
jetzt  kommt  etwas,  aus  Büschen  und  Sträuchern  bricht  es  heraus  und  auf  dem
Wege  da  vor  uns  bleibt  es  aufatmend  stehen.  Ist  das  ein  Hirsch?  Ist  das
ein  Reh?  Ein  Tier  des  Waldes  überhaupt?  —  Von  all  dem  nichts,  es  ist
ein  Mensch,  ein  junger  Mensch,  ein  ganz  junger  sogar,  ein  Mägdlein,  eigentlich
  noch  ein  Kind;  nicht  so  gekleidet,  wie  heute  Mädchen  es  sind,  sondern  so,
wie  sie  vor  zweihundertfünfzig  Jahren  sich  trugen:  ein  Barettlein  auf  dem
braunblonden  Haupt,  einen  Jagdspieß  in  der  Hand,  das  einfache  Gewand  eng
flatternd  um  junge,  magere,  eckige  Glieder.  So  steht  es  da,  das  geheimnisvolle
  Geschöpf,  um  sich  blickend  mit  zwei  Augen,  leuchtend  blau,  aus  denen
das  Leben  hervorschießt  wie  ein  Strahl,  ein  verkörperter  Sonnenstrahl  das

1)  „Aus  Liselottes  Heimat,  ein  Wort  zur  Heidelberger  Schloßfrage“,  von  Ernst
von  Wildenbruch.  Berlin  1904,  G.  Grote.

17
        <pb n="272" />
        260  49.  Elisabeth  Charlotte.

ganze  Ding,  dessen  junges  Herz  man  lachen  und  jauchzen  hört  unter  dem
wogenden  Mieder,  nicht  mehr  gehörig  zu  unseren  Tagen  und  der  äußeren  Erscheinung
  unserer  Welt  und  doch  so  zugehörig  zu  unserem  Sein  und  Wesen,
zu  unseres  Wesens  innerstem  Teil,  daß  wir  es  in  die  Arme  fassen,  an  uns
drücken  und  sagen  möchten:  „Du  bist  unser,  du  bist  unser.“  Und  jetzt,  aus
den  Büschen,  durch  die  es  herabgebrochen  ist,  das  wilde  Ding,  kommt  ein
klagendes,  schier  verzweifeltes  Rufen:  „Liselotte,  wo  seid  Ihr?  Liselotte,  wo
steckt  Ihr?"  Und  da  öffnet  sich  in  dem  lachenden  Gesicht  der  Mund,  was  man
so  Mund  nennt,  obschon  es  eigentlich  zwei  aufeinander  gepreßte,  süßrote  Kirschen
sind,  und  „hier  ist  die  Liselotte“  ruft  es  in  die  Gesträuche  hinauf,  „komme
sie  nur,  Jungfer  Kolb,  der  Weg  zu  mir  daher  ist  gar  annehmlich  und
bequem“.

Jappend  und  schnappend  nach  Luft,  die  Kleider  sehr  „  en  désordres
von  Sträuchern  und  Dornen,  kommt  sie  denn  nun  des  Wegs  daher,  die  arme
Jungfer  Kolb,  der  die  Aufsicht  anvertraut  ist  über  die  durchgängerische  Liselotte
und:  „Ach,  was  Ihr  einen  rauschenbeuttelichen  Kopf  habt,  Liselotte“,  fängt  sie
vorwurfsvoll  an,  „wahrlich,  wahrlich,  Ihro  Gnaden,  der  Kurfürst,  Euer  Herr
Vater,  wenn  er  Euch  Rauschenblattenknechtlein  genannt,  er  hat  Recht“.  Weiter
aber  kommt  Jungfer  Kolb  mit  ihrem  Strafsermone  nicht,  denn  schon  wie
ein  Bienchen,  das  sich  auf  eine  Blume  stürzt,  hat  sich  die  Liselotte  an  sie  gehängt,
  beide  Arme  um  ihren  Hals  und  „filze  Sie  mich  nicht,  Jungfer  Kolb,“
ruft  sie,  „ich  gebe  Ihr  auch  Kirschen  zu  essen,  so  viel  als  Sie  haben  will.“
Und  damit  sitzen  sie  schon  beide  nebeneinander  auf  einem  und  demselben  Wurzelknorren
  und  in  die  Tasche  greift  die  Liselotte  und  holt  Kirschen  daraus  hervor
  und  aus  der  anderen  Tasche  einen  Knust  schwarzen  Brots,  da  beißt  sie
hinein  mit  Zähnen,  weiß  wie  Milch,  wie  Marmor  stark  und:  „Sieht  sie,
Jungfer  Kolb“,  sagt  sie,  „wie  ich  für  sie  sorge?  Frühmorgens  heute  um  fünf
bin  ich  ins  Kirschenstück  gegangen  am  Burgwall,  habe  mir  die  Taschen  brav
vollgestopft,  daß  ich  zu  essen  hätte  nachher  und  die  Jungfer  Kolb  mit  mir“.
Aber  die  Jungfer  Kolb,  die  sagt  schon  kein  Wort  mehr,  keinen  Tadel,  keinen
Vorwurf;  schweigend  ißt  sie  die  Kirschen,  die  Liselottes  kleine  Hand  ihr  in  den
Mund  stopft,  lautlos  blickt  sie  es  an,  das  holde,  holdselige,  liebenswürdige  Geschöpf
an  ihrer  Seite,  blickt  es  mit  Augen  an,  die  in  Liebe  schwimmen,  wie  die  Augen
aller,  die  auf  der  Liselotte  ruhen.  Und  um  sie  her  die  Bäume,  die  heute  so
alt  sind,  damals  aber  noch  jung  waren,  stecken  die  Köpfe  zusammen,  rücken
dichter  aneinander,  als  wollten  sie  einen  Wall  um  sie  bauen,  damit  er  nicht
fort  von  ihnen  könne,  ihr  Liebling,  ihr  „Rauschenblattenknechtlein".  Denn  die
Bäume  sind  klug,  klüger  als  Menschen,  darum  ahnt  ihnen,  daß  das  heut  so
glückliche  deutsche  Kind  einstmals  eine  Frau  sein  wird,  eine  unglückliche  Frau
im  fremden  Land,  daß  es  sich  heimsehnen  wird  nach  der  Heimat  am  Neckar,
nach  dem  rotbraun  getürmten  Schloß,  und  daß  es  die  Heimat  nie  wieder  sehen
wird,  trotz  Sehnen  und  Tränen  nie  wieder,  nie  mehr.
        <pb n="273" />
        49.  Elisabeth  Charlotte.  261

Wir  aber,  die  wir  noch  immer  lautlos  gefangen  stehen  und  das  lebendig
gewordene  Stückchen  alter  Zeit  noch  immer  staunend  betrachten,  „wer  ist  es
denn  nun  eigentlich",  fragen  wir  uns,  „dieses  wundersame  Geschöpf?  diese
Liselotte?  dieses  Rauschenblattenknechtlein?“

Und  als  hätte  sie  unsere  stumme  Frage  verstanden,  erhebt  sie  sich  von
ihrem  Sitze;  Jungfer  Kolb  hat  ihr  zugeflüstert,  daß  es  Zeit  sei  ins  Schloß
zurückzukehren,  wo  Fräulein  von  Uffeln  ihrer  wartet,  die  Erzieherin,  und  Herr
Ezechiel  Spanheim,  der  hochgelahrte  Präzeptor.  Den  Weg  hinunter,  der  zum

 

———..—

I

 

Die  Heidelberger  Schloßruine  von  Nordost  gesehen.

rotbraun  getürmten  Schlosse  führt,  schreitet  sie  dahin,  wir  folgen  ihr  nach.
Und  während  wir  hinter  ihr  drein  gehen,  wird  die  lebensprühende  Gestalt  zum
Schatten,  der  Schatten  zum  Schemen,  das  Märchen  weicht  der  Wirklichkeit,
und  indem  sie  jetzt  wie  ein  verwehender  Hauch  in  der  Pforte  des  Otto-Heinrich-Baues
  verschwindet,  ist  plötzlich  zwanzigstes  Jahrhundert  wieder  da;  nicht
mehr  der  Otto-Heinrich-Bau  in  seiner  einstigen,  prunkenden  Pracht,  nur  eine
vermorschte  Ruine  steht  vor  uns,  durch  deren  leere  Fensterhöhlen  der  Himmel
blickt,  in  deren  ausgebrannte  Gemächer  der  Regen  herabträuft  wie  in  eine
Zisterne.

Wir  aber,  von  der  Begierde  getrieben  jedem  Schritte  zu  folgen,  den
ihre  schlanken  Füße  gegangen,  steigen  ihr  nach  in  das  verödete  Haus.  Da
entdecken  wir  in  der  unwirtlichen,  steinernen  Höhle  ein  paar  Zimmer,  nicht
bewohnbar  und  auch  nicht  zum  Wohnen  eingerichtet,  aber  durch  eine  Bedachung
vor  dem  Herabströmen  des  Regenwassers  gesichert  und  zur  Aufnahme  von
Sammlungen  instand  gesetzt:  ein  Museum.  Ziemlich  durcheinander  gewürfelt
        <pb n="274" />
        262  49.  Elisabeth  Charlotte.

ist  der  Inhalt,  der  es  erfüllt,  das  Wichtigste  darin  eine  Galerie  von  Porträts
und  unter  diesen  ist  eines,  darauf  steuern  wir  zu:  ein  kleines  Mädchen  mit
vollwangigem  Gesicht;  aus  diesem  Gesicht  herausblickend  zwei  Augen,  leuchtend
blau,  aus  denen  das  Leben  hervorschießt  wie  ein  Strahl  —  wahrhaftig  —
das  Abbild  des  wundersamen  Geschöpfes,  das  wir  droben  im  Walde  soeben
gesehen.  Und  wenn  noch  ein  Zweifel  bliebe  —  unter  dem  Bilde  steht  ja  der
Name:  „Liselotte"“.  Liselotte,  weiter  nichts.  Mehr  braucht  es  auch  nicht.
Denn  indem  wir  das  Bild  betrachten,  fühlen  wir,  daß  wir  einem  Stückchen
Menschheit  gegenüberstehen,  das  nicht  erst  durch  Abstammung,  Familie  und
Verhältnisse  etwas  wird  und  ist,  nein,  sondern  einem  Wesen,  das  ganz  nur
aus  sich  selbst,  durch  sich  selbst  ist,  so  nur  lebend  und  webend  in  Fülle  und
Saft  der  eigenen  Persönlichkeit,  so  umwittert  vom  Erdgeruch  des  Bodens,  aus
dem  es  stammt,  daß  es  wie  ein  Erzeugnis  dieses  Bodens,  ein  Gewächs  daraus,
eine  Blume,  ein  Baum  erscheint.  Ein  Vollblutmensch  —  diese  Empfindung
springt  uns  geradezu  an  —  eine  Persönlichkeit,  die  nie  und  unter  keinen  Umständen
  anders  wird  sein  können  als  so,  wie  die  Natur  sie  geprägt  hat,  eine
geniale.  Um  sie  her  und  über  ihr  die  Bilder  ihrer  Angehörigen:  dort  neben
ihr  der  Bruder  Karl,  dessen  verträumt-vergrämtes  Gesicht  so  aussieht,  als  ahnte
der  Knabe  schon,  daß  er  dereinst  der  letzte  Mann  seines  Stammes,  der  letzte
Kurfürst  aus  dem  Hause  Pfalz-Simmern  sein  und  daß  sein  Hingang  das  Signal
zu  unermeßlichem  Greuel  werden  wird.  Über  ihr  das  Bild  ihres  Vaters,
Karl  Ludwigs  des  Kurfürsten.  Neben  diesem  das  Bild  ihrer  Mutter,  Charlotte
  von  Hessen,  und  neben  dieser  wieder  die  schöne  Luise  von  Degenfeld,  die
ihr  Vater  zur  Frau  nahm,  nachdem  er  sich  von  der  Charlotte  hatte  scheiden
lassen.  So  viel  häuslicher  Schatten  über  dem  jungen,  vom  Licht  umflossenen
Haupt!  Und  dort  zur  Seite  ein  noch  finsterer  Schatten:  die  Bilder  dort  ihres
Großvaters  und  ihrer  Großmutter,  der  beiden  Schicksalsmenschen,  des  Kurfürsten
  Friedrich  V.,  des  Winterkönigs,  und  seiner  Gemahlin  Elisabeth,  der
Tochter  König  Jakobs  I.  von  England.  Der  Kurfürst  in  goldstrotzendem  Prachtgewand,
  die  Frau  neben  ihm  von  prachtvoller,  kalter,  furchtbarer  Schönheit;
zwei  Augen  in  ihrem  Kopfe,  groß,  rund  wie  Kugeln,  aus  denen  der  unsägliche,
  verachtungsvolle  Hochmut  blickt,  mit  dem  die  Engländerin  auf  alles
Deutsche  sieht,  Augen,  von  denen  man  die  Empfindung  bekommt,  als  hätte
der  schwächliche  Mann  an  ihrer  Seite  zerknicken  müssen,  wenn  sie  sich  mit
dumpfer  Frage  auf  ihn  wälzten:  „Was?  Nicht  König  von  Böhmen  werden
wollen?  Zu  feige  dazu,  Euer  Liebden?“  —  Und  nachdem  wir  so  ihre  Verwandtschaft
  durchmustert,  kehren  wir  zurück  zu  der,  auf  die  allein  es  uns  ankommt,
bei  der  wir  bleiben,  zu  der  Elisabeth  Charlotte,  genannt  Liselotte,  zu  dem
Maienkinde  Heidelbergs,  das  hier  im  Schlosse,  vielleicht  im  Otto-Heinrich-Bau,
vielleicht  in  dem  Zimmer,  wo  heut  ihr  Bild  hängt,  das  aber  damals  freilich
anders  aussah,  am  27.  Mai  1652  geboren  wurde.  Kehren  zurück  zu  ihrem
Bilde  und  sagen  uns,  daß  es  gemalt  worden  ist  in  der  Zeit,  von  der  sie
        <pb n="275" />
        49.  Elijabeth  Charlotte.  263

später,  viele  Jahre  später  einmal  aus  dem  kalten  Versailles  schreiben  sollte:
„damals  war  ich  lustiger  als  jetzt“.

Arme  kleine  Liselotte,  was  hat  man  dir  getan,  daß  du  später  nicht
mehr  lustig  sein  konntest?  Ein  Blick  auf  die  gegenüberliegende  Wand  sagt  es
uns;  denn  an  dieser  Wand  hängt  wieder  ein  Bild  von  ihr,  aber  da  ist  sie
kein  Kind  mehr,  sondern  eine  Frau,  nicht  mehr  rotwangig,  sondern  blaß  und
über  den  blassen  Zügen  liegt  die  Müdigkeit,  die  sich  auf  menschlichen  Gesichtern
  lagert,  wenn  der  Gram  zu  Besuch  kommt  und  seinen  Besuch  ungebührlich
  ausdehnt  und  nimmer,  nimmer  wieder  davon  geht.  Und  dieser  Gram
—  woher?  Wir  brauchen  nur  zur  Seite  zu  sehen,  nach  dem  Bilde  des  Mannes,
das  dort  neben  dem  ihrigen  hängt,  des  widerwärtig,  füßlich  lächelnden  Mannes,
der  so  recht  wie  das  aussieht,  was  man  einen  „ekligen  Kerl“  nennt.  Dieser
Mann  nänlich,  das  ist  der  „Monsieur“  von  Frankreich,  Herzog  Philipp  von
Orleans,  der  Bruder  Ludwigs  XIV.,  dem  die  Liselotte  mit  neunzehn  Jahren
zur  Frau  gegeben  wurde  und  dreißig  Jahre  lang,  bis  zu  seinem  Tode,  Frau
bleiben  mußte  und  Frau  blieb,  treue,  ehrliche,  rechtschaffene  Frau,  obgleich  das
Sumpfgezücht,  in  dessen  Mitte  sie  zu  leben  verdammt  war,  alles  daransetzte
sie  zu  einer  untreuen  Frau  zu  machen,  und  als  ihm  das  nicht  gelang,  alles
daransetzte  ihren  Gatten,  den  „Monsieur“,  glauben  zu  machen,  sie  wäre  eine
solche.  Das  ist  ihr  Gatte,  ihr  Herr  und  Gemahl,  von  dem  sie  am  7.  März
1696  nach  fünfundzwanzig  Jahren  ehelichen  Lebens  an  ihre  Tante,  die  Kurfürstin
  Sophie  in  Hannover,  schreibt:

„Der  hat  nichts  in  der  Welt  im  Kopf  als  seine  jungen  Kerls,  um  da
ganze  Nächte  mit  zu  fressen,  zu  saufen,  und  gibt  ihnen  unerhörte  Summen
Geld.  Nichts  kost'  ihn  noch  ist's  zu  teuer  für  die  Bursch'.  Unterdessen  haben
seine  Kinder  und  ich  kaum,  was  uns  nötig  ist.  Wenn  ich  Hemder  und  Leintücher
  vonnöten  habe,  muß  Jahr  und  Tag  drum  gebettelt  werden  und  in
derselben  Zeit  gibt  er  10000  Taler  an  den  La  Carte,  um  sein  Weißzeug
in  Flandern  zu  kaufen.  Alles  Silberzeug,  so  aus  der  Pfalz  kommen,  hat
Monsieur  verschmelzt  und  verkauft  und  alles  den  Buben  geben.  Alle  seine
Juwelen  werden  verkauft  und  versetzt,  Geld  drauf  gelehnt  und  den  jungen
Leuten  geben,  also  daß,  da  Gott  vor  sei,  wenn  Monsieur  heute  zum  Sterben
kommen  sollte,  muß  ich  morgen  bloß  von  des  Königs  Gnaden  leben  und  werde
das  Brot  nicht  finden."“

Arme  kleine  Liselotte,  reiner,  junger  Quell,  in  was  für  einen  Morast
hat  man  dich  geleitet!  Schöne,  frische  Knospe  aus  dem  deutschen  Walde,  was
für  schlimme  Hände  haben  dich  zwischen  die  Finger  genommen!  Und  daß  es
der  leibliche  Vater  sein  mußte,  der  die  schnöde  Hantierung  begann  und  das
holde  Geschöpf,  das  ihm  Gott  zur  Tochter  gegeben  hatte,  verkaufte  um  ein
politisches  Geschäft  mit  ihr  zu  machen!  Diesem  Karl  Ludwig  nämlich,  ihrem
Vater,  dessen  ganze  Lebenstätigkeit  eigentlich  darin  bestand  die  Groschen  Stück
nach  Stück  wieder  zu  sammeln,  die  Papa  und  Mama  Winterkönig  mit  einem
        <pb n="276" />
        264  49.  Elisabeth  Charlotte.

„Hui“  aus  dem  Fenster  geworfen  hatten,  muß  dieser  lebenslange  Umgang  mit
der  Sorge  allmählich  in  Blut  und  Seele  gegangen  sein.  Darum  fürchtete  er
sich  so  entsetzlich,  fürchtete  sich  vor  dem  unheimlichen  „großen  Mann“  jenseits
des  Rheins,  dem  Sonnenkönig  Frankreichs,  Ludwig  XIV.,  den  er  im  Geiste
fortwährend  auf  dem  Sprunge  sah  über  seine  Pfalz  herzufallen  und  sie  einzusacken.
  Etwas  ganz  besonders  Gescheites  glaubte  er  darum  zu  tun,  wenn
er  sich  mit  den  Bourbonen  verschwägerte,  und  so  mußte  sein  Töchterchen  dem
„Monsieur",  dem  Witwer,  als  zweite  Gattin  die  Hand  reichen.  Unseliger
Rechenkünstler,  der  Schwager  werden  wollte  und  Vasall  wurde!  Liselotte  war
der  kleine  Finger,  den  er  dem  Teufel  hinreichte  —  noch  mit  eigenen  Augen
sollte  er  es  erleben,  wie  dieser  nach  der  ganzen  Hand  griff.  Als  Karl  Ludwig
im  Kriege  Frankreichs  gegen  die  große  Koalition  neutral  zu  bleiben  wagte,
schickte  ihm  der  freundliche  Schwager  den  Turenne  und  den  Vaubrun  über  den
Hals,  die  ihm  die  Pfalz  mit  Feuer  und  Schwert  verwüsteten.  Den  Nachfolger
  und  Überbieter  Turennes,  den  fürchterlichen  Melac,  der  sein  Heidelberg
zerstören  und  das  Schloß  seiner  Bäter  in  Trümmer  legen  sollte,  den  noch  zu
erleben,  davor  bewahrte  ihn  das  Schicksal,  das  ihn  1680  sterben  ließ.

Wie  aber  Liselotte  als  Tochter  und  Weib  gelitten,  wie  sie  das  brutale
Spiel  empfunden  hat,  das  mit  ihr  gespielt  wurde,  das  erfahren  wir,  wenn
wir  ihre  Briefe  aus  Frankreich  lesen  und  darin  Worte  finden  wie  diese:

„Hätte  mich  mein  Herr  Vater  so  sehr  geliebt  als  ich  Ihro  Gnaden,
hätten  Sie  mich  nicht  in  ein  so  gefährliches  Land  geschickt  wie  dieses  und
wohin  ich  wider  Willen,  aus  purem  Gehorsam,  gegangen  bin."“

Und  Worte  wie  die,  die  sie  an  die  Tante  Kurfürstin  in  Hannover
richtet:

„Papa  hatte  mich  auf  dem  Hals,  war  bang,  ich  möchte  ein  alt  Jüngferchen
  werden,  hat  mich  also  fortgeschafft,  so  geschwind  er's  gekonnt  hat.“

Fast  durch  alle  Briefe  Liselottes,  auch  die  traurigsten,  klingelt  ja,  wenn
auch  verhalten,  das  sonnige  Lachen  hindurch,  das  sie  von  ihrer  sonnigen
Heimat,  der  Pfalz,  überkommen  hatte,  der  göttliche  Humor,  der  sie  instand
gesetzt  hatte,  50  Jahre  lang  das  kluge  Köpfchen  emporzutragen,  daß  es  von
dem  schwarzen  Wasser  nicht  verschluckt  wurde,  das  um  sie  her  war.  In
Worten,  wie  die  eben  angeführten,  klingt  das  Lachen  denn  aber  doch  etwas
bitter;  und  noch  etwas  machte  diese  Worte  charakteristisch:  so  wie  sie  hier
schreibt,  könnte  füglich  jedes  kleine  Bürgermädchen  schreiben,  das  vom  Vater
zu  einer  unliebsamen  Heirat  genötigt  wird.  Davon,  daß  sie  wie  ein  Börsenpapier
  verkauft  wurde,  daß  die  ganze  Heirat  eine  politische  Spekulation  war,
scheint  sie  keine  Ahnung  gehabt  zu  haben.  Wäre  Liselotte  dumm  gewesen,  so
wäre  ja  kein  Wort  darüber  zu  verlieren;  aber  sie  war  keineswegs  dumm,  im
Gegenteil,  wenn  sie  von  den  Menschen  ihrer  Umgebung  spricht,  zeigt  sie  einen
durchdringenden  Blick,  in  der  Beurteilung  der  gesellschaftlichen  und  kulturellen
Zustände,  in  deren  Mitte  sie  lebt,  ist  sie  geradezu  überlegen.  Hier  also
        <pb n="277" />
        49.  Elisabeth  Charlotte.  265

kommen  wir  an  die  Schranke  dieser  Natur:  Nur  das  absolut  Menschliche  ist
für  ihren  Gesichtskreis  vorhanden.  Sobald  etwas  abstrakt  wird  —  und  alle
Weltpolitik  ist  doch  schließlich  ein  kombinatorisches  Spiel  mit  abstrakten  Größen
—  ist  es  für  die  Liselotte  einfach  nicht  mehr  da.  Daher  dann  durch  den
ganzen  Verlauf  ihrer  zahllosen  Briefe  hindurch  die  merkwürdige  Erscheinung,
daß  diese  von  einem  leidenschaftlichen,  beinahe  elementaren  Gefühl  für  ihre
deutsche  Heimat  erfüllte  Frau  für  Deutschland  als  politischen  Begriff  keine
Spur  von  Verständnis  zeigt.  Heimat  fühlt  man  —  Vaterland  muß  man
denken  können,  und  was  Liselotte  nicht  fühlt,  kann  sie  auch  nicht  denken.
Wenn  sie  Nachrichten  bekommt  über  die  Verwüstung  der  Pfalz,  die  Zerstörung
Heidelbergs,  wacht  sie  zur  Nacht  im  Bette  vom  Schlafe  auf  und  kann
vor  Weinen  nicht  wieder  einschlafen  —  wenn  sie  von  den  Kriegen  Frankreichs
  mit  dem  Deutschen  Reich,  vom  Raube  Straßburgs  hört.  steht  sie
wie  eine  unbeteiligte  Zuschauerin  zur  Seite.  Ist  das  ein  Mangel?  Jedenfalls
  ist  es  deutsch,  typisch  deutsch,  und  dies  eben,  daß  uns  die  Eigenschaften
  der  deutschen  Art  in  dieser  Tochter  ihres  Landes  mit  einer  Unmittelbarkeit,
  Naivität  und  Handgreiflichkeit  entgegentreten,  daß  man  von  ihr  wie
von  einem  aufgeschlagenen  Buche  alle  Vorzüge  und  alle  Mängel  der  deutschen
Natur  ablesen  kann,  das  macht  uns  Deutschen  die  Gestalt  dieser  unserer
Elisabeth  Charlotte,  genannt  Liselotte,  zu  einem  bleibenden  Wertstück  für  alle
Zeiten.

Und  einer  solchen  Frau  mußte  es  beschieden  sein,  daß  eine  Ehe,  in  die
sie  „wider  Willen  und  aus  purem  Gehorsam“  gegangen  war,  dazu  benutzt
wurde,  ihre  unschuldsvolle  Person  zur  Brandfackel  zu  machen,  mit  der  man
ihre  Heimat  und  das  Haus,  in  dem  sie  geboren  war,  in  Asche  legte;  denn
als  mit  Karl  Ludwigs  Sohne  Karl  der  Mannesstamm  von  Pfalz-Simmern
1685  erlosch  und  die  Linie  Pfalz-Neuburg  die  Herrschaft  über  die  Pfalz  antrat,
benutzte  Ludwig  XIV.,  der  inzwischen  die  Politik  der  Reunionskammern  begonnen
hatte,  die  von  ihm  behaupteten,  in  Wahrheit  gar  nicht  vorhandenen  Erbansprüche
  seiner  Schwägerin  Elisabeth  Charlotte  um  seinerseits  Rechte  auf  die
Pfalz  geltend  zu  machen.  Tränen  und  Beteuerungen  Liselottes,  daß  sie  nicht
daran  denke  Ansprüche  zu  erheben,  gingen  natürlich  an  den  Odhren  eines
Louvois,  der  die  Seele  all  dieser  Dinge  war,  wie  ein  Vogelgezwitscher  vorüber.
Karl  Ludwig  aber,  ihr  Vater,  der  über  die  oben  erwähnten  Plünderungen
Turennes  so  außer  sich  geraten  war,  daß  er  an  diesen  geschrieben  und  ihn,
„weil  er  ohne  ebenbürtiges  Heer  kein  anderes  Mittel  der  Rache  oder  Genugtung
  durch  eigene  Hand  habe“,  persönlich  zum  Zweikampfe  gefordert  hatte,
legte  sich  mit  dem  verzweifelten  Gefühl,  daß  seine  Lebensarbeit  und  die  Aufopferung
  seines  Kindes  eine  vergebliche  gewesen,  am  28.  August  1680  zum
Sterben.

Das  Haus  Karl  Ludwigs  aber,  das  Haus,  in  dem  Liselotte  geboren
worden  war,  was  wurde  aus  ihm?
        <pb n="278" />
        266  49.  Elisabeth  Charkotte.

In  dem  Zimmer  des  Museums  im  Otto-Heinrich-Bau,  in  dem  wir
Liselottes  Bild  gefunden,  hängt  an  einem  Pfeiler,  abgesondert,  als  sollte  es
mit  keinem  andern  in  Berührung  kommen,  das  Porträt  eines  Mannes  mit
einem  Banditengesicht;  das  ist  der  Graf  Melac,  der  Mann  vom  2.  März  1689;
Held  kann  man  nicht  sagen,  denn  Gott  weiß  es,  das,  was  er  an  dem  Tage
getan  hat,  war  kein  Heldenstück.

Im  September  1688  hatte  Ludwig  XIV.  sein  Manifest  erlassen:

„Daß  weil  der  römische  Kaiser  mit  verschiedenen  Teutschen  und
„anderen  Höfen  heimliche  Abrede  und  Anschläge  gemacht,  seine  siegreiche
„Waffen  nach  einem  nun  bald  zu  schließenden  Frieden  mit  den  Türken  an
„den  Rhein  und  gegen  Frankreich  zu  wenden,  der  König  in  Frankreich
„sich  gemüßiget  sähe,  sich  aller  der  Orte  am  Rhein  und  Neckar  zu  versichern,
„woraus  ihm  Schaden  entstehen  könne,  bis  der  Madame  von  Orleans  wegen
„ihrer  Erbschaft  die  Güüge  an  Geld,  der  ihr  angestorbenen  Bäter=  und
„Brüderlicher  Allodial-Güter  und  Fahrnuß  geschehen  rc.  2c.  2c.“

Am  27.  September  wurde  dieses  Manifest  übergeben,  schon  vorher  aber,
am  15.  September,  waren  Bouflers  und  La  Breteche  mit  dem  französischen
Heer  vor  Kaiserslautern  erschienen,  hatten  die  ganze  Pfalz  weggenommen,  auch
Speyer,  Oppenheim,  Worms  und  Mainz.  Der  Dauphin  kam  hinterdrein  und
nahm  Philippsburg  und  am  24.  Oktober  kapitulierte  Heidelberg  vor  dem
Marschall  Durras.  In  der  von  dem  Dauphin  ratifizierten  Kapitulationsurkunde
hieß  es:  „Daß  alle  Mobilien  im  Schlosse  unangetastet  beibehalten,  nichts  am
Schlosse  veräußert,  daß  an  allen  Gebäuden  in  und  vor  der  Stadt  nichts  veräußert,
  die  Bürgerschaft  mit  Plünderung,  Brandschatzung  oder  anderer  Beschädigung
  verschonet  bleibe."

Kommandant  von  Heidelberg  wurde  der  General  Graf  Melac.

Am  14.  Februar  1689  —  o  der  sausenden  Geschwindigkeit  —  wurde
darauf  zu  Regensburg  das  Reichsgutachten  abgefaßt:

„Daß  die  allen  Glauben  vergessende  Cron  Frankreich  wegen  der  vielen
friedbrüchigen  Tätlichkeiten  und  Eingriffe  in  die  Teutschen  Lande,  Rechte  u.  a.  m.
als  ein  Reichsfeind  zu  erklären  und  alle  Reichsglieder  gegen  dieselbe  mit  zu
gehen  verbunden  sein  sollen.“

Darauf,  wie  der  alte  Meister  Gottfried  in  seiner  „fortgesetzten  historischen
Chronik“  berichtet,  „zog  der  Graf  Melac,  als  er  von  der  Annäherung  der
Reichstruppen  gehört,  mit  einiger  Reuterey  von  Heidelberg  aus,  steckte  Rohrbach,
  Laimen,  Nußloch,  Wiesloch,  Kirchheim,  Bruchhausen,  Eppelheim,  Neckarhausen,
  Neuenheim  und  Handschuchsheim  in  Brand.“  Und  als  es  nun  kein
Halten  mehr  in  Heidelberg  gab,  beschloß  er  in  einer  Weise  Abschied  von  der
Stadt  zu  nehmen,  daß  seines  „Daseins  Spur“  für  immer  sichtbar  bleiben
sollte.  Schon  seit  einigen  Tagen  hatte  man  französische  Minierer  beschäftigt
gesehen  in  Mauern  und  Türme  des  Schlosses  Bohrlöcher  zu  treiben  und  sie
mit  Pulver  zu  laden.  Am  2.  März  1689,  frühmorgens  um  5  Uhr,  stand
        <pb n="279" />
        49.  Elisabeth  Charlotte.  267

alsdann  die  französische  Besatzung  des  Schlosses  marschfertig  auf  dem  Schloßhof.
  Zwei  Signalschüsse  ertönten,  der  Artilleriekommandant  erschien,  ließ
seine  Leute  Pechkränze  und  Fackeln  aufnehmen  und  Feuer  in  die  Paläste
werfen.  Nach  einer  halben  Stunde  stand  alles  in  Flammen  und  als  die
Dachgiebel  niederkrachten,  zog  die  Besatzung  über  Altan  und  Burgweg  eilend
davon.  Einige  Minierer  blieben  zurück,  die  den  „Dicken  Turm“  und  den
„Krautturm“  in  Stücke  sprengten.

„Solcher  Gestalt  ist  das  uralte,  magnifique,  in  und  außer  Deutschland
berühmte  kurfürstliche  Residenz-Schloß  innerhalb  eines  Vormittags  mit  allem,
so  noch  hin  und  wieder  in  den  Gemächern  befunden,  bis  auf  die  unteren
Gewölbe  und  Keller  abgebrannt  und  großenteils  zu  einem  Aschen=  und
Steinhaufen  geworden.“

So  lautete  der  offizielle  Bericht  der  kurfürstlichen  Beamten  an  den
Kurfürsten.

Doch  nehmen  wir  Abschied  von  der  altehrwürdigen  Stätte,  Abschied  von
Liselotte  und  kehren  wir  zurück  in  ihren  Heidelberger  Wald!  Den  Weg,  den
wir  gekommen  sind,  steigen  wir  wieder  hinunter,  vom  Bergwalde  zur  Stadt.
Wieder  überschreiten  wir  den  Neckar,  abermals  stehen  wir  auf  dem  Philosophenwege
  und  noch  einmal  geht  unser  Blick  zu  dem  rotbraunen  Trümmerpalaste
hinüber,  der  sich  über  der  grauen  Stadt  erhebt.

Wie  schön  er  ist!  Mit  seinen  zerfetzten  Mauern,  seinen  enthaupteten
und  zersprengten  Türmen,  seinen  ausgeweideten  Palästen,  wie  schön!  Wie
ein  in  Stein  gehauener  Klagegesang,  der  jeden  Morgen  von  neuem  anhebt
und  mit  dumpfer  Mahnung  hinuntertönt  in  die  lachende  Landschaft:  „Vergeßt
nicht,  daß  alles  Schönste  und  Größte  dem  Menschen  nur  so  lange  gehört,
als  die  Größe  in  seiner  Seele  im  Verhältnis  bleibt  zu  dem,  was  er  besitzt!“

Die  Heidelberger  Schloßruine  in  ihrer  gegenwärtigen  Gestalt  ist  etwas  in
der  Welt  absolut  Einziges.  Wer  sie  auch  nur  ein  einziges  Mal  mit  Augen  angeschaut,
  wer  gesehen  hat,  wie  sich  das  rot-braune  Getrümmer  in  die  Arme
der  umgebenden  Waldungen  einbettet  und  einschmiegt,  wie  das  Grün  der
Bäume  aus  dem  Tale  heraufsteigt  und  das  Grün  des  Efeus  an  den  Mauern
emporklimmt,  als  wollte  es  all  die  alten,  immer  noch  schmerzenden  Wunden
und  Spalten  mit  tröstender,  kühlender  Hand  verhüllen  und  bedecken,  der  weiß,
daß  durch  das  Zusammenwirken  geschichtlicher  Ereignisse  und  nie  aufhörender,
triebkräftiger  Natur  ein  Schönheitsbild  entstanden  ist,  wie  es  eigenartiger  nicht
gedacht,  geschweige  denn  nachgeschaffen  werden  könnte.

Es  muß  einmal  ausgesprochen  werden,  was  gar  nicht  allgemein  genug
bekannt  ist,  daß  die  jetzige  Schloßruine  zehntausendmal  schöner  ist  als  es  das
alte,  nicht  zerstörte  Schloß  war.  Wer  diesem  Worte  nicht  glaubt,  der  sehe
sich  den  Merianschen  Stich  aus  dem  17.  Jahrhundert  an,  wo  das  alte  Schloß
klassisch  treu  in  seiner  unangerührten  Gestalt  dargestellt  ist.  Alles,  was  heute
in  den  freistehenden  Mauern  wundervoll  lustig  und  leicht  emporsteigt,  war
        <pb n="280" />
        268  49.  Elisabeth  Charlotte.

damals  ein  Gebäudekomplex  von  erdrückender  Schwere.  Nicht  nur  ein  schwerer
sondern  zugleich  ein  abenteuerlicher  Komplex,  weil  er  zur  Hälfte  Prunkbau,
zur  andern  Festung,  regelrechte,  enorme  Festung  war.  Die  jetzt  enthaupteten
und  zerborstenen  Türme,  die,  wie  namentlich  der  Dicke  Turm  und  der  Krautturm,
  gerade  dadurch  so  malerisch  wirken,  daß  sie  uns  in  ihre  aufgerissenen
Eingeweide  hineinsehen  lassen,  waren  plumpe,  runde,  mit  unschönen  Helmen
geschlossene,  von  schmalen  Fenstern  und  Schießscharten  durchbrochene,  an
Elefantenbeine  erinnernde  Kolosse.  Und  vor  allem  der  Otto-Heinrich-Bau  mit

 

Das  Heidelberger  Schloß  nach  Merians  Topographia  Palatinatus  Rheni  (1645).

seiner  heute  frei  aufsteigenden,  italienischen  Renaissancefassade,  dieser  in  seiner
heutigen  Zerstörtheit  geradezu  geheimnisvoll  schöne  Bau,  wie  sah  er  damals  aus?
Auf  den  Renaissanceunterbau  waren  in  unbegreiflicher  architektonischer  Verfehlung
niederländische  Giebel  als  Bedachung  aufgesetzt,  so  daß  das  ganze  Gebäude  um
seine  ursprünglich  gewollte  Schönheit  gewissermaßen  betrogen  wurde.

Indem  Melac  Feuerbrand  und  Pulverminen  an  das  alte  Schloß  legte,
hat  er  uns,  sicherlich  ganz  gegen  sein  Wollen,  an  Stelle  des  Zerstörten  etwas
unendlich  viel  Schöneres  hinterlassen.

Zwei  Jahrhunderte  sind  verflossen,  seitdem  das  Heidelberger  Schloß  zur
Ruine  wurde.  In  diesen  zwei  Jahrhunderten  ist  die  Ruine  zu  einem  Gebäude
mit  selbständigem  Leben,  zu  einem  historischen,  im  eminentesten  Sinne  historischen
  Bau  geworden,  weil  die  Hände  der  Weltgeschichte  selbst  sie  zu  dem
geformt  haben,  was  sie  jetzt  ist.  Darum  hat  sie  die  Pietät  zu  fordern,  die
jedem  historischen  Bau  zusteht.  Pietät  aber  heißt  einem  historischen  Bauwerk
gegenüber  „nicht  anrühren“.
        <pb n="281" />
        50.  Träume  sind  Schäume.  269

Und  wenn  auch  dermalen  einst  der  Otto-Heinrich-Bau  in  sich  zusammen
sinken  wird,  so  wird  das  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  nicht  von  heute  zu  morgen,
es  wird  langsam,  im  Laufe  der  Jahrzehnte,  vielleicht  der  Jahrhunderte,  vor
sich  gehen;  die  allmählich  sich  auflösende  Ruine  wird  in  ihrem  langsamen
Sterben  immer  schön,  vielleicht  sogar  noch  schöner  sein  als  gegenwärtig,  und
jahrzehnte-,  vielleicht  jahrhundertelang  wird  sie  den  Augen  entzückter  Beschauer
das  Bild  gewähren,  das  immer  und  ewig  am  tiefsten  auf  die  Menschenseele
wirken  wird,  den  feierlichen  Anblick  der  großen  Tragödie.

50.  Träume  sind  Schäume.
Von  Alfons  Steinberger.:)

Schon  neigte  sich  das  Jahr  1698  seinem  Ende  zu,  als  durch  den  Armelkanal
  eine  herrliche  Flotte,  die  schwellenden  Segel  vom  Winde  gebläht,  gegen
Osten  steuerte.  Sie  kam  von  den  fernen  Gestaden  des  südlichen  Spaniens
und  war  bestimmt  den  Prinzen  von  Asturien  wie  im  Triumphe  nach  seinem
zukünftigen  Weltreiche  zu  bringen.  Wer  aber  war  der  Prinz  von  Asturien?  —
Kein  anderer  als  der  kleine,  noch  nicht  7jährige  Joseph  Ferdinand,  der  Sohn
Max  Emanuels,  des  Kurfürsten  von  Bayern  und  Statthalters  der  Niederlande!

Die  Rücksichtslosigkeit,  mit  welcher  die  Höfe  in  Versailles  und  Wien  die
spanische  Erbschaftsfrage  zu  lösen  suchten,  indem  sie  noch  bei  Lebzeiten  des
Königs  Karl  eine  förmliche  Teilung  der  Weltmonarchice  verabredeten,  hatte
den  sterbenskranken  König  aufs  äußerste  erbittert.  Mit  raschem  Entschlusse
durchkreuzte  er  die  Pläne  jener  habgierigen  Mächte,  setzte  den  bayerischen
Prinzen  Joseph  Ferdinand  zum  Universalerben  der  spanischen  Monarchie  ein
und  ernannte  ihn  sofort  zum  Prinzen  von  Asturien.

Ebenso  groß  als  der  Jubel  über  diese  unerwartete  Erhöhung  des  wittelsbachischen
  Hauses  in  Bayern  war  auch  die  Überraschung  und  Entrüstung  derjenigen
  Mächte,  die  das  unermeßliche  Erbe  schon  in  Händen  zu  haben  glaubten.

Der  glücklichste  der  Menschen  war  aber  in  diesen  Zeiten  Max  Emanuel.
Wie  mit  einem  Zauberschlag  sah  er  nun  seine  kühnsten  Träume  verwirklicht,
ja  übertroffen.  Sein  Sohn  der  alleinige  Erbe  der  größten  Monarchie  des
Erdkreises!  Welche  Aussichten  eröffneten  sich  nun  dem  Hause  Wittelsbach!

Max  Emanuel  war  wie  trunken  vor  Freude  und  Glück.  Mitten  im
Winter  hatte  er  sein  Söhnchen  aus  München  zu  sich  nach  Brüssel  kommen
lassen;  an  der  Seite  des  künftigen  Königs  eines  Weltreiches  wollte  er  die
langweiligste  aller  Jahreszeiten  unter  glänzenden  Hoffesten  verleben.  Der
kleine  Joseph,  jetzt  der  Inbegriff  all  seines  Glückes,  mußte  in  seiner  Nähe
sein,  dann  erst  wollte  er  sich  den  Freuden  und  Lustbarkeiten  des  Winters
widmen.

1)  Aus  Bayerns  Vergangenheit,  3.  Bd.,  S.  65  ff.  Regensburg  1894.  G.  Manz-
        <pb n="282" />
        270  50.  Träume  sind  Schäume.

Antonia,  des  Erbprinzen  Mutter,  lag  in  ihrer  Väter  Gruft  zu  Wien
begraben,  in  München  war  der  künftige  König  Spaniens  zumeist  von  fremden
Menschen  umgeben,  besser  also,  wenn  er  vor  der  Abreise  in  sein  Königreich
noch  an  der  Seite  des  Vaters  in  Brüssel  lebte.

*

Das  Ballfest  im  Palaste  des  Statthalters  der  Niederlande  versprach
einen  glänzenden  Verlauf  zu  nehmen.  Die  Botschafter  und  Gesandten  der
fremden  Mächte  sowie  die  Aristokratie  der  Hauptstadt  hatten  sich,  strahlend
von  Gold  und  edlem  Gesteine,  in  den  Prachtsälen  des  hohen  Gastgebers  eingefunden
  um  sich  wieder  einmal  dem  ganzen  Zauber  des  Prunkes  und  Glanzes
hinzugeben,  wie  er  am  Hofe  des  glücklichen  Bayernherrschers  in  fast  unerschöpflicher
  Fülle  geboten  wurde.

Und  glücklich  war  ja  Max  Emanuel,  glücklich,  wie  nur  ein  Sterblicher
sein  konnte.  Herrscher  über  ein  Volk,  auf  dessen  Liebe  und  Treue  er  bauen
konnte,  Statthalter  in  einem  Land,  dessen  Reichtum  groß  und  dessen  Handel
und  Gewerbe  blühend  war,  und  Vater  eines  Sohnes,  der  zum  Erben  eines
Weltreiches  bestimmt  wurde,  in  der  Tat,  die  Götter,  hätten  sie  noch  wie
ehedem  die  Welt  regiert,  mußten  auf  das  Glück  dieses  Mannes  neiderfüllte
Blicke  werfen!

Jetzt  ließen  sich  in  dem  von  vielen  hundert  Wachskerzen  taghell  erleuchteten
  Festsaal  schmetternde  Fanfaren  vernehmen;  sie  verkündeten  das  Erscheinen
des  königlichen  Statthalters  und  mit  ihm  den  Beginn  der  Festlichkeiten.

Die  Brust  von  blitzenden  Ordenssternen  bedeckt  und  am  rotseidenen
Bande  das  goldene  Bließ,  so  zeigte  sich  die  hohe  und  schlanke  Gestalt  des
bayerischen  Kurfürsten  am  Eingange  des  Saales.  Eine  Reihe  prächtig
gekleideter  Edelknaben,  in  der  Rechten  eine  brennende  Wachsfackel,  schritt  dem
Statthalter  mit  seinem  Gefolge  voraus,  eine  andere  schloß  den  glanzvollen  Zug.

Neuerdings  ertönten  die  rauschenden  Klänge  der  Festmusik.  An  die
effektvolle  Polonaise,  bei  der  die  Paare  langsamen  Schrittes  den  Saal  durchmaßen,
  reihte  sich  erst  eine  gravitätische  Sarabande,  dann  eine  bewegte,  heitere
Gigue,  ein  zierliches  Menuett.  Zuletzt  erklangen  die  gemessenen  Töne  einer
Marche  und  der  Oberstzeremonienmeister  bat  den  Statthalter  unter  tiefer  Verbeugung
  um  die  Erlaubnis  das  Zeichen  zum  Beginne  eines  „Festspieles“  geben
zu  dürfen.

„Was  für  Überraschungen!“  rief  Max  Emanuel  heiter  lächelnd,  indem
er  mit  leichtem  Kopfnicken  die  nachgesuchte  Erlaubnis  erteilte.  Kaum  hatte
er  den  ihm  bestimmten  Ehrenplatz  eingenommen,  doa  teilte  sich  im  Hintergrunde
des  großen  Saales  ein  Vorhang  und  die  einzelnen  Gruppen  des  Festzuges
begannen  sich  unter  den  Klängen  eines  Kriegsmarsches  zu  entwickeln  und
langsamen  Schrittes  vor  den  Augen  des  Gefeierten  und  der  Gäste  desselben
vorüberzuwandeln.
        <pb n="283" />
        50.  Träume  sind  Schäume.  271

Dem  Ganzen  lag  die  Idee  einer  Huldigung  zugrunde,  welche  die  verschiedenen
  Volksstämme  der  spanischen  Monarchie  dem  Herzoge  von  Asturien,
ihrem  zukünftigen  Könige,  darbrachten.  Da  sah  man  in  den  farbenprächtigsten
Trachten  Spanier,  Italiener,  Niederländer,  jede  Nation  wieder  nach  einzelnen
Stämmen,  Ständen  und  Gewerben  gesonderte  Gruppen  bildend.  Den  meisten
Beifall  erregten  die  Indianer,  mit  Perlen  und  Federn  geschmückt,  schwere
Goldringe  in  den  Ohren  tragend.

Als  der  ganze  Zug  an  dem  über  die  sinnige  Überraschung  hocherfreuten
Fürsten  vorübergekommen  war,  formierte  er  sich  im  Hintergrunde  zu  einer
großartigen  Gesamtgruppe.  Plötzlich  teilte  sich  aufs  neue  der  Vorhang  und
von  blendendem  Lichtglanze  umstrahlt  zeigte  sich  ein  ergreifendes  Bild:  auf
sonnigem  Hügel,  fast  ganz  von  Blumen  bedeckt,  schlummerte  ein  reizender
Knabe.  ·

Beim  ersten  Blick  erkannte  man  in  ihm  den  künftigen  Herrscher  Spaniens,
Max  Emanuels  Sohn,  Joseph  Ferdinand.  Die  leise  Melodie  der  Musik,  die
bisher  den  Schlummernden  in  liebliche  Träume  gewiegt  hatte,  ging  allmählich
in  lebhaftere  Weisen  über,  der  Knabe  erwachte,  richtete  sich  auf  und  im  selben
Augenblicke  senkte  sich,  indes  die  Musik  einen  Siegesmarsch  ertönen  ließ,  von
oben  auf  rosafarbenen  Wolken  eine  liebliche  Erscheinung  hernieder,  die  Glücksgöttin
  Fortung.  Die  herrliche  Gestalt  in  wallende  Schleier  gehüllt  schwebte
auf  einer  goldenen  Kugel;  in  der  Linken  trug  sie  eine  schimmernde  Königskrone
  und  mit  holdem  Lächeln  hielt  sie  dieselbe  über  dem  blondgelockten
Haupte  des  Knaben.  Die  Rechte  aber  führte  ein  wallendes  Banner  mit  dem
Wappen  des  Hauses  Wittelsbach.

Der  Eindruck,  den  dieses  Bild  auf  alle,  insbesondere  auf  den  Kurfürsten
machte,  war  ein  ergreifender  und  lauter  Beifall  ertönte;  die  huldigenden
Gruppen  aber  beugten  unter  stürmischen  Jubelrufen  ihre  Kniee  und  begrüßend
streckten  sie  die  Arme  zu  dem  neuen  Herrscher  empor.

Beim  Souper,  das  gegen  Mitternacht  eingenommen  wurde,  wollten
einige  Gäste,  die  in  der  Nähe  des  Statthalters  saßen,  die  Wahrnehmung
machen,  daß  sich  in  den  Zügen  des  Herrschers  eine  gewisse  Unruhe  zeigte.  Die
Bemerkung  schien  nicht  ohne  Grund  zu  sein,  denn  kurz  nach  Beendigung  des
Mahles  verließ  zu  nicht  geringer  Überraschung  der  Gäste  Max  Emanuel  das
Fest;  hastigen  Schrittes  suchte  er  dem  rauschenden  Treiben  zu  enteilen.

Während  aber  das  Fest  nach  dem  Wunsche  des  Statthalters  seinen  ungestörten
  Fortgang  nahm,  begab  sich  dieser,  nur  von  einem  Kammerherrn
gefolgt,  in  die  Gemächer  eines  entlegenen  Flügels  des  Palastes,  die  der  junge
Herzog  von  Asturien  bewohnte.  Auf  der  Schwelle  eines  hell  erleuchteten
Vorzimmers  trat  dem  Kurfürsten  ein  Kammerherr  leisen  Schrittes  entgegen.

„Ich  bitte  Euer  Durchlaucht,  keine  unnötige  Erregung!  Das  Befinden
des  gnädigsten  Prinzen  hat  sich  etwas  verschlimmert.“

„Verschlimmert!  Und  das  sagt  Ihr  mir  erst  jetzt?“
        <pb n="284" />
        272  50.  Träume  sind  Schäume.

Ohne  die  weiteren  Entschuldigungen  des  Hofmannes  anzuhören  hatie
sich  Max  Emanuel,  von  einer  schrecklichen  Angst  ergriffen,  ins  Gemach  des
Herzogs  begeben.

Kaum  aber  war  der  Kurfürst  dort  angelangt,  als  die  Kunde  von  der
ernstlichen  Wendung,  welche  das  vermeintliche  Unwohlsein  des  künftigen  Königs
von  Spanien  zu  nehmen  drohte,  gleich  einem  Blitzstrahl  in  das  fröhliche
Treiben  der  Gäste  drang.  An  Stelle  des  sorglosen  Lächelns  und  der  fröhlichen
Festlaune  war  jetzt  auf  einmal  Angst  und  Bestürzung  auf  allen  Gesichtern  zu
lesen.  In  kurzer  Frist  waren  die  Festsäle,  in  denen  soeben  noch  bei  Kerzenglanz
  und  Blumenduft  und  den  lockenden  Klängen  der  Musik  die  Sinne  sich
gesättigt  hatten,  verödet.  Wie  wenn  der  rauhe  Herbstwind  über  die  blumengeschmückten
  Fluren  streicht  und  mit  eisigem  Hauche  Duft  und  Farbe  tötet,
also  war  auch  in  den  Palast  des  glücklichsten  Mannes  statt  der  alles  belebenden
Freude  auf  einmal  die  bleiche  Sorge  eingezogen.

*

Noch  lag  starre  Finsternis  über  der  Erde  —  man  stand  in  den  ersten
Tagen  des  Februar  —  als  in  dem  Palaste  des  königlichen  Statthalters  der
Niederlande  sich  ein  wahrhaft  herzerschütterndes  Ereignis  vollzog.

Der  bayerische  Erbprinz  und  künftige  König  Spaniens  lag  im  Todeskampfe.
  Während  ein  ganzes  Kollegium  von  Arzten  in  den  Nebenzimmern
mit  dem  Aufgebote  aller  Kunst,  die  Wissenschaft  und  Erfahrung  bot,  dem  Tode
die  vornehme  Beute  abzuringen  bemüht  war,  kniete  Max  Emanuel  am  Bette
des  geliebten  Kindes  und  mit  tränenleeren  Augen  flehte  er  zu  demjenigen
um  Erbarmen,  der  hier  allein  noch  zu  helfen  vermochte.

War  es  denn  Wirklichkeit,  was  er  da  alles  erlebte,  oder  hielt  ein  böser,
entsetzlicher  Traum  die  gemarterte  Seele  umfangen?

Aber,  bei  Gottes  Barmherzigkeit,  es  war  kein  Traum,  es  war  grauenvolle
  Wirklichkeit.  Fest  hielt  er  die  erkaltende  Hand  seines  kleinen  Lieblings
in  der  seinigen.  War  denn  all  die  Liebe  seines  väterlichen  Herzens,  das  heiße,
brennende  Verlangen  der  sehnenden  Brust  nicht  imstande  den  erbarmungslosen
Tod  von  der  Schwelle  dieses  Gemaches  hinwegzubannen?

„Mein  Gott,  mein  Gott,"“  rief  der  geängstete  Vater  aus  und  preßte  die
Hände  an  die  beiden  Schläfen,  als  fürchtete  er  ein  Zerspringen  des  im  Fieber
glühenden  Hauptes,  „nimm  mich  von  dieser  Welt  hinweg,  aber  laß  dies  Kind,
unschuldsvoll  wie  deine  Engel,  am  Leben  und  nimm  mich  dafür  zum  Opfer  hin!“

Aber  die  Bitte  fand  keine  Erhörung.  Seit  einer  Stunde  war  Joseph
Ferdinand,  der  bayerische  Kurprinz  und  Herzog  von  Asturien,  tot.  Aber  Max
Emanuel  wollte  nicht  daran  glauben.  Wie  geistesabwesend  saß  er  noch  in
derselben  Haltung  am  Bette.  Keiner  der  Höflinge  wagte  es,  dem  ungeheuren
Schmerze  dieses  Mannes  durch  ein  Wort  des  Trostes  entgegenzutreten;  so
heilige  Scheu  hatte  alles  vor  der  Größe  eines  derartigen  Schicksalsschlages.
        <pb n="285" />
        51.  Kurfürst  Max  Emanuel  am  Scheidewege.  273

Endlich  näherte  sich  ein  greiser  Priester  dem  Verzweifelnden,  und  als
es  ihm  gelungen  war  dessen  Blicke  auf  sich  zu  lenken,  wies  er  schweigend,
aber  voll  milden  Ernstes  auf  das  Gemälde  über  dem  Haupte  des  entschlafenen
Kindes.  Ein  sanfter  Lichtstrahl  der  soeben  erwachten  Morgensonne  glitt  über
dasselbe  hinweg:  Christus  auf  dem  Slberge  lag  von  tiefster  Seelenangst  durchschüttert
  halb  zu  Boden,  betend:  „Vater,  nimm  diesen  Kelch  hinweg  von  mir!
Doch  nicht,  was  ich  will,  geschehe,  sondern  was  du  willst!“

Ein  schwerer  Seußzer  entrang  sich  beim  Anblick  dieses  Bildes  der  Brust
Max  Emanuels.  Dann  erhob  er  sich,  allein,  ohne  Beihilfe  und  schritt  einen
letzten  Blick  auf  sein  zerschelltes  Glück  werfend  von  der  Stätte  des  Todes
hinweg.  Es  war,  als  ob  er  mit  einem  Male  Trost  gefunden  hätte.

51.  Kurfürst  Max  Emanuel  am  Scheidewege.
Von  M.  Doeberl.))

Es  war  am  Morgen  des  6.  Februar  1699.  In  dem  königlichen  Schlosse
zu  Brüssel  bot  sich  dem  Auge  ein  erschütterndes  Schauspiel.  Vor  dem  Leichnam
eines  sechsjährigen  Kindes,  das  noch  vor  kurzem  in  königlicher  Pracht  dem
Pinsel  des  Malers  gesessen  war,  an  dessen  Zukunft  sich  weltumspannende
Hoffnungen  geknüpft  hatten,  ein  vor  Schmerz  und  Verzweiflung  #der  Ohnmacht
  verfallener  Vater.  Das  Kind,  Kurprinz  Joseph  Ferdinand  von
Bayern,  war  am  28.  November  1698  zum  Erben  des  Reiches  Karls  V.
eingesetzt  worden.  Ein  grausames  Geschick,  eine  Krankheit  von  wenigen  Tagen,
hatte  alle  die  glänzenden  Pläne  des  Vaters,  des  Kurfürsten  Max  Emanuel,
zerstört:  das  Phantom  eines  wittelsbachischen  Königtums  in  Spanien  verflog
in  die  Lüfte.

Im  folgenden  Jahre,  am  1.  November  1700,  trat  ein  Ereignis  ein,  mit
dem  sich  die  Diplomaten  und  die  diplomatischen  Aktenstücke  seit  Jahrzehnten
beschäftigt,  mit  dem  auch  die  bayerisch-französische  Allianz  von  1670  gerechnet
hatte:  Karl  II.,  der  letzte  vom  spanisch-habsburgischen  Mannesstamme,  hauchte
sein  sieches  Leben  aus.  lier  sein  Erbe  entbrannte  ein  Kampf  auf  Leben  und
Tod  zwischen  Leopold  I.,  dem  Haupte  des  deutsch-habsburgischen  Hauses,  und
zwischen  Ludwig  XIV.  Karl  II.  hatte  in  zwölfter  Stunde  den  zweiten  Enkel
des  Franzosenkönigs,  Philipp,  zum  Universalerben  bestellt.  Es  war  der  letzte
Sonnenblick  in  dem  verdüsterten  Lebensabend  Ludwigs  XIV.,  der  sich  freilich
nur  zu  bald  als  das  Moment  der  letzten  Spannung  vor  der  Katastrophe  enthüllen
  sollte.  Ludwig  XIV.  opferte  mit  der  Anerkennung  des  Testamentes
Karls  II.  das  Interesse  seines  Staates  dem  Interesse  seines  Hauses,  lenkte
von  der  Politik  Richelieus  und  Mazarins,  von  der  Politik  der  Grenzberichtigung
und  Arrondierung,  in  die  Bahnen  der  Familienpolitik  des  habsburgischen  Hauses

1)  Aus  „Bayern  und  Frankreich“",  Seite  557  ff.  München,  1900.  C.  Haushalter.
Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Vayerns.  18
        <pb n="286" />
        274  51.  Kurfürst  Max  Emanuel  am  Scheidewege.

ein.  Der  Waffengang  zwischen  den  beiden  Mächten,  die  seit  Generationen  die
Welt  in  zwei  feindliche  Lager  schieden,  zog  Europa  in  Mitleidenschaft.

„Zahlte  uns  die  Krone  Spanien  die  in  die  Niederlande  gesteckten  Millionen,
wollten  wir  alsdann  wohl  wieder  den  Rückweg  nach  Bayern  finden!“  Diese
Worte  eines  bayerischen  Staatsmannes  sind  der  Ausdruck  der  ersten  Stimmung,
die  sich  des  Kurfürsten  von  Bayern  und  seiner  Umgebung  nach  der  Katastrophe
vom  6.  Februar  bemächtigt  hatte.  Doch  diese  Resignation,  wenn  sie  überhaupt
  jemals  ernstlich  existiert  hat,  war  und  mußte  von  kurzer  Dauer  sein.
Bayern  in  die  Mitte  zwischen  die  beiden  ringenden  Weltmächte  gestellt  konnte
jetzt  ebensowenig  wie  früher  eine  wirkliche  Neutralität  aus  eigenen  Kräften
aufrechterhalten;  Bayern  von  dem  umklammernden  Ssterreich  in  seiner  Existenz
stetig  beengt  durfte  nicht  mit  gefalteten  Händen  der  Mbhglichkeit  in  das  Auge
sehen,  daß  der  durch  die  Angliederung  Ungarns  zu  einer  Großmacht  emporgewachsene
  habsburgische  Nachbar  sich  neuerdings  einseitig  stärke;  Bayern  mußte
im  Interesse  der  eigenen  Lebensfähigkeit  die  Gelegenheit  zu  einer  Mehrung  seiner
Macht  ebenso  benutzen,  wie  es  andere  deutsche  Reichsstände,  wie  es  Hannover,
Preußen,  Sachsen  taten.  Das  konnte  nur  geschehen  in  mehr  oder  minder
offenem  Anschluß  an  eine  der  beiden  ringenden  Großmächte.  Den  Ausschlag
mußte  nach  den  von  den  Vorfahren,  nach  den  auch  von  Max  Emanuel
gemachten  Erfahrungen  nicht  die  Treue  gegen  das  Haus  Habsburg,  sondern
die  größere  oder  geringere  Aussicht  auf  Gewinn  geben.

Seit  Dezember  1700  verhandelte  ein  Vertrauter  Max  Emanuels,  Graf
Monasterol,  in  Versailles,  seit  Anfang  des  Jahres  1701  ein  Vertreter  Frankreichs
am  Hofe  des  Kurfürsten.  Am  9.  März  1701  führten  diese  Verhandlungen
zu  einem  Vertrage  zwischen  Bayern  und  Frankreich.  Gegen  monatliche  Subsidiengelder
  von  30000  Talern,  gegen  Garantierung  der  zu  Gunsten  der  spanischen
Niederlande  verwandten  bayer'schen  Gelder,  gegen  Eröffnung  von  Aussichten
auf  Erwerbung  der  römischen  Kaiser=  und  Königswürde  versprach  der  Kurfürst
Aufrechthaltung  einer  Frankreich  wohlwollenden  Neutralität,  Aufstellung  einer
Observationsarmee  von  10000  Mann  um  den  kaiserlichen  Völkern  den  Durchzug
  zu  verwehren,  Werbung  der  südwestdeutschen  Kreise  für  dieselbe  bewaffnete
Neutralität.  Der  Kurfürst  hielt  sich  daneben  den  Weg  zu  einer  Verständigung
mit  dem  Kaiser  noch  immer  offen.  Im  Frühjahr  1701  machte  der  Wiener
Hof  durch  Sendung  des  Grafen  Schlick  den  ersten  Versuch  Max  Emanuel
zum  Anschluß  an  den  Kaiser  zu  gewinnen.  Anfangs  Juni  1702  erschien  Graf
Schlick  zum  zweiten  Male  in  Bayern.  Er  schied  mit  Worten,  die  einen  günstigen
kaiserlichen  Bescheid  in  kürzester  Frist  erhoffen  ließen.

Damals  führte  aber  auch  Frankreich  mit  dem  Vertreter  Max  Emanuels
in  Versailles  energische  Verhandlungen,  um  den  Kurfürsten  über  die  Neutralität
hinaus  zum  Waffenbündnis  zu  bringen.  Gerade  die  Verhandlungen  Bayerns
mit  Osterreich  und  die  Nähe  der  militärischen  Entscheidung  bewirkten,  daß
man  französischerseits  um  den  letzten  Bundesgenossen  zu  erhalten,  immer
        <pb n="287" />
        51.  Kurfürst  Max  Emanuel  am  Scheidewege.  275

weiter  entgegenkam.  Man  bewilligte  die  Erhöhung  der  monatlichen  Subsidiengelder
  um  26000  Taler,  man  sicherte  dem  Kurfürsten  die  Erwerbung  der
Rheinpfalz  und  Pfalz-Neuburgs  mit  der  Königswürde  zu  oder  die  erbliche
Statthalterschaft  der  Niederlande  mit  dem  Eigentumsrecht  an  den  Provinzen

 

Joseph  Ferdinand,  Prinz  von  Asturien.
(Nach  dem  Gemälde  von  Jos.  Vivien  aus  der  Galerie  Schleißheim.)

Geldern  und  Limburg.  Auf  dieser  Grundlage  unterzeichnete  Monasterol  am
17.  Juni  1702  einen  neuen  Vertrag.

Max  Emanuel  schob  die  Ratifikation  hinaus,  erhob  immer  neue  Schwierig-=keiten
  und  Forderungen,  bangte  förmlich  vor  einer  raschen  Erfüllung  der  letzteren.
Wie  ernst  es  ihm  damals  mit  den  Verhandlungen  mit  Ssterreich  war,  wie

glaubwürdig  seine  spätere  Beteucrung,  daß  er  bei  größerem  Entgegenkommen
187
        <pb n="288" />
        276  51.  Kurfürst  Max  Emanuel  am  Scheidewege.

des  Kaisers  Anschluß  an  Österreich  gesucht  hätte,  bezeugt  seine  Korrespondenz
mit  dem  bayerischen  Residenten  (Gesandten)  am  Wiener  Hofe  und  mit  dem
Grafen  Schlick.  Aber  Woche  um  Woche  verstrich,  der  kaiserliche  Bescheid  blieb
aus.  Zuletzt  stellte  der  Kurfürst  ein  Ultimatum.

Am  5.  August  wurde  endlich  am  Kaiserhofe  das  Aktenstück  unterzeichnet,
das  über  das  Schicksal  Bayerns  im  Spanischen  Erbfolgekriege  entscheiden  sollte.
Am  12.  August  brach  Graf  Schlick  zum  dritten  Male  nach  München  auf.

Am  17.  August  1702  fand  in  dem  Neubau  zu  Schleißheim  die  denkwürdige
  Unterredung  zwischen  Max  Emanuel  und  dem  Grafen  Schlick  statt.
Der  Kurfürst  beklagte  sich  über  die  Langsamkeit  des  Kaiserhofes,  schilderte  ihm
die  Verlegenheit,  in  welche  ihn  die  großen  Anerbietungen  Frankreichs,  das
Zögern  des  Wiener  Hofes  gebracht  hätten,  er  sei  aber  entschlossen  mit  seinen
Soldaten  für  Kaiser  und  Vaterland  ins  Feld  zu  ziehen.  Nun  ergreift  Schlick
das  Wort  um  mit  einem  Aufgebot  diplomatischer  Beredsamkeit  die  kaiserlichen
Anerbietungen  zu  entwickeln.  Zwei  Stunden  waren  bereits  verflossen,  als
Max  Emanuel,  längst  unruhig  geworden,  mit  fieberhafter  Spannung  nach  den
territorialen  Anerbietungen  fragt.  Schlick  erwidert  mit  dem  Hinweis  auf  die
Gebiete“  welche  die  Flotten  Englands  und  Hollands  in  Spanien  und  in  Indien
erobern  würden,  welche  unter  dem  Szepter  des  bayerischen  Kurfürsten  zu
glänzendstem  Wohlstand  aufblühen  könnten.  Max  Emanuel  unterbricht  ihn,
in  völlig  geändertem  Ton  erhebt  er  sich  zu  einer  energischen  Anklage  gegen  die
Wiener  Regierung  und  gegen  Schlick,  der  sich  zu  einer  solchen  Rolle  hergegeben:
Das  sei  die  Antwort,  auf  die  man  ihn  neun  volle  Wochen  habe  warten  lassen,
dafür  habe  er  23  Millionen  Gulden  und  42000  Mann  Soldaten  Ssterreich
geopfert.  Man  biete  ihm  weniger,  als  Schlick  bereits  bei  seiner  ersten  Gesandtschaft
  in  Aussicht  gestellt.  Man  biete  ihm  Subsidien,  die  keinen  Wert  hätten
ohne  die  Garantie  Englands  und  Hollands,  man  biete  ihm  Territorien,  die
sich  die  Spanier  nie  entreißen  lassen  würden,  die  nur  mit  großen  Flotten  behauptet
  werden  könnten.  Frankreich  dagegen  habe  ihm  alles  bewilligt,  was
er  gefordert,  er  habe  sich  Bedenkzeit  ausbedungen  bis  zum  22.  August,  morgen
müsse  der  Kurier,  wenn  der  Termin  eingehalten  werden  solle,  mit  dem  Bescheide
  expediert  werden.  In  diesem  Augenblicke  wurde  die  Unterredung  durch
das  Eintreffen  eines  Hofbeamten  unterbrochen.  Am  Nachmittag  fand  eine  zweite
Konferenz  statt.  Schlick  bat  um  acht  Tage  Frist  um  eine  neue  Instruktion
einzuholen.  „Es  ist  zu  spät!“  war  das  letzte  Wort  des  Kurfürsten.

Am  19.  August  1702  verständigte  Max  Emannel  den  Grafen  Monasterol,
daß  er  den  Vertrag  mit  Frankreich  ratifiziere,  am  21.  August  ging  ein  Kurier
mit  der  Ratifikationsurkunde  nach  Frankreich  ab.  Unmittelbar  darauf  bricht
Mag  Emanuel  auf  und  bringt  noch  im  September  die  Reichsstädte  Ulm  und
Memmingen  in  seine  Gewalt  um  sich  die  Verbindung  mit  den  durch  die  Schwarzwaldpässe
  heranrückenden  Franzosen  zu  sichern.
        <pb n="289" />
        52.  Der  Beginn  des  Spanischen  Erdfolgekrieges.  277

52.  Der  Beginn  des  Spanischen  Erbfolgekrieges.

Von  Karl  v.  Landmann.“

Am  1.  November  1700  starb  Karl  II.,  der  letzte  König  aus  der  spanischen
  Linie  des  Hauses  Habsburg,  nachdem  er  letztwillig  seinen  Neffen  Philipp
von  Anjou,  den  zweiten  Enkel  Ludwigs  XIV.  von  Frankreich,  als  Nachfolger
eingesetzt  hatte.  Kaiser  Leopold  I.  als  Haupt  der  deutschen  Linie  des  Hauses
Habsburg  forderte  dagegen  die  spanische  Monarchie  für  seinen  zweiten  Sohn
Karl  und  entschloß  sich  zum  Kampfe  gegen  Ludwig  XIV.,  der  die  angeblichen
Rechte  Philipps  vertrat.  In  dem  nun  beginnenden  Kriege  handelte  es  sich
somit  zunächst  nur  um  einen  Erbstreit  zwischen  den  Häusern  Habsburg  und
Bourbon  und  nicht  etwa  um  eine  deutsche  Angelegenheit.  Hatte  das  deutsche
Volk  keinen  Vorteil  davon  gehabt,  daß  Spanien  bisher  von  Habsburgern
regiert  wurde,  so  konnte  es  ihm  auch  gleichgültig  sein,  ob  in  Zukunft  ein
Habsburger  oder  ein  Bourbon  auf  dem  Königsthron  von  Spanien  saß.  Diesem
Gesichtspunkte  entsprach  es,  wenn  Kurfürst  Max  Emanuel  vorerst  versuchte  eine
neutrale  Haltung  einzunehmen.  Nachdem  sich  dies  als  unmöglich  erwies  und
eine  bestimmte  Partei  gewählt  werden  mußte,  wäre  es  der  Eigenschaft  eines
deutschen  Reichsfürsten  angemessen  gewesen,  daß  auch  Max  Emanuet  sich  auf  die
Seite  des  Kaisers  stellte.  Nun  wollte  aber  Leopold  I.  für  den  Beistand  Max
Emanuels,  der  sich  bereits  im  Türkenkrieg  1683—1688  und  im  Krieg  gegen
die  Franzosen  1689—1697  unleugbare  Verdienste  um  Kaiser  und  Reich  erworben
  hatte,  keinerlei  Vorteile  in  Aussicht  stellen,  wogegen  Ludwig  XIV.
den  hochstrebenden  Wünschen  des  Kurfürsten  in  verführerischer  Weise  entgegenkam.
  Der  König  von  Frankreich  versprach  seine  Hilfe  zur  künftigen  Erwerbung
der  Rheinpfalz  und  Pfalz-Neuburgs  nebst  der  Königswürde  (Vertrag  vom
17.  Juni  1702)  und  Max  Emanuel  ergriff  nach  langen,  vergeblichen  Unterhandlungen
  mit  dem  Kaiser  die  Partei  Frankreichs.

Durch  das  Bündnis  mit  Frankreich  brachte  sich  Max  Emanuel  vorerst  in
eine  äußerst  ungünstige  militärische  Lage.  Das  kleine,  annähernd  das  heutige
Ober=  und  Niederbayern  und  die  Oberpfalz  umfassende  Kurfürstentum  war  von
allen  Seiten  von  feindlichen  Gebieten  umschlossen  und  hatte  eine  für  die  Verteidigung
  höchst  unvorteilhafte  Gestaltung  seiner  Grenzen.  Allerdings  hatte
das  mächtige  Frankreich  seine  Hilse  zugesagt,  die  Verbindung  mit  dem  Bundesgenossen
  führte  aber  über  den  vom  Gegner  besetzten  Schwarzwald,  dessen
Name  damals  noch  einen  unheimlichen  Klang  hatte.  Nicht  leicht  hat  sich  ein
Landesherr  bei  Beginn  eines  Krieges  in  ungünstigerer  Lage  befunden  als
damals  Kurfürst  Max  Emanuel.  Es  gehörte  das  durch  reiche  Kriegserfahrung
gesteigerte  Selbstvertrauen  und  der  ganze  Wagemut  des  Eroberers  von  Belgrad
dazu  um  unter  solchen  Verhältnissen  überhaupt  einen  Krieg  zu  beginnen.

Vor  allem  war  Max  Emanuel  darauf  bedacht,  die  Verbindung  mit  der
ihm  von  Ludwig  XIV.  in  Aussicht  gestellten  französischen  Hilfsarmee,  welche
        <pb n="290" />
        278  52.  Der  Beginn  des  Spanischen  Erbfolgekrieges.

unter  Marschall  Villars  bei  Hüningen  über  den  Rhein  gehen  sollte,  nach
Möglichkeit  herzustellen.  Rasch  entschlossen  setzte  er  sich  daher  noch  im  September
  1702  gewaltsamerweise  in  den  Besitz  der  freien  Reichsstädte  Ulm  und
Memmingen.  Ulm  ließ  er  von  dem  Oberstleutnant  v.  Pechmann  durch  Überfall
  nehmen  und  Memmingen  ergab  sich  ihm  selbst  nach  kurzer  Beschießung
durch  Artillerie.

Nicht  minder  wichtig  schien  ihm  die  Besetzung  der  pfalz-neuburgischen
Hauptstadt  Neuburg  a.  D.,  wo  vor  kurzem  einige  Bataillone  und  Eskadrons
Reichstruppen  eingerückt  waren.  Ende  Januar  1703  traf  er  mit  8000  Mann
vor  der  Stadt  ein,  nahm  sie  nach  kurzer  Beschießung  durch  Artillerie  mit
Sturm  und  richtete  dort  eine  bayerische  Besatzung  ein.

Inzwischen  waren  immer  bedrohlichere  Nachrichten  von  der  Ansammlung
feindlicher  Truppen  an  den  Grenzen  Bayerus  eingelaufen.  In  Oberösterreich
wurde  ein  gegen  20000  Mann  starkes  Korps  unter  dem  kaiserlichen  Feldmarschalleutnant
  Graf  Schlick  zusammengezogen,  an  der  Westgrenze  der  Oberpfalz
  ein  etwa  halb  so  starkes  Korps  unter  dem  keaiserlichen  Feldmarschall
Graf  Limburg-Styrum;  beide  hatten  augenscheinlich  die  Aufgabe  in  Bayern
einzurücken.  Max  Emanuel  erkannte  sofort  die  Gefahr,  die  ihm  drohte,  wenn
die  beiden  Gegner  sich  zu  erdrückender  Überlegenheit  vereinigen  würden,  und
beschloß  daher  ihnen  zuvorzukommen.  In  möglichster  Eile  versammelte  er
die  verfügbaren  Truppen  in  der  Stärke  von  9000  Mann  am  Inn;  in  der
Nacht  zum  11.  März  1703  ging  er  sodann  mit  dem  ganzen  Korps  bei
Schärding  über  den  Fluß  um  den  Feind  in  seinen  im  Innwviertel  bezogenen
Quartieren  zu  überfallen.

In  Schardenberg  gelang  es  ihm  die  dort  liegende  Kavallerie  vollständig
zu  überraschen  und  zu  zersprengen,  bei  Eisenbirn  warf  er  die  zum  Gesfecht
aufgestellten  Truppen  nach  hitzigem  Kampfe  zurück.  Konnte  Max  Emanuel
hoffen,  durch  diesen  Erfolg  das  Schlicksche  Korps,  das  mit  dem  Hauptteil  der
Infanterie  bei  Passau  stand,  für  einige  Zeit  eingeschüchtert  zu  haben,  so  ließ
anderseits  die  eingetroffene  Meldung  über  den  Vormarsch  überlegener  feindlicher
  Kräfte  in  der  Oberpfalz  seine  Anwesenheit  dort  dringend  notwendig
erscheinen.  Mit  Zurücklassung  von  5000  Mann  unter  Generalwachtmeister
v.  Lützelburg  gegenüber  Schlick  marschierte  er  daher  mit  den  übrigen  Truppen
zur  Unterstützung  des  in  der  Oberpfalz  kommandierenden  Feldmarschalleutnants
v.  Weickel  eiligst  ab.  Bei  Schmidtmühlen  an  der  Vils  traf  er  auf  Truppen
des  Styrumschen  Korps  und  schlug  diese  am  28.  März  so  nachdrücklich,  daß
Styrum  den  Rückzug  antrat  und  die  Oberpfalz  wieder  räumte.

Max  Emanuel  wollte  nun  seinen  Truppen  einige  Tage  Ruhe  gönnen
und  dann  Styrum  folgen,  aber  die  Nachricht  von  einem  Vormarsche  Schlicks
aus  Passau  veranlaßte  ihn  sich  alsbald  wieder  gegen  diesen  Gegner  zu  wenden.
Da  er  fürchtete,  Schlick  habe  es  auf  die  Reichsstadt  Regensburg  abgesehen,
beschloß  er  sich  selbst  in  den  Besitz  der  Stadt  zu  setzen.  Nachdem  er  den
        <pb n="291" />
        52.  Der  Beginn  des  Spanischen  Erbfolgekrieges.  279

Generalwachtmeister  Graf  Tattenbach  mit  Infanterie  und  Artillerie  über  Kelheim
  auf  das  südliche  Donauufer  entsandt  hatte,  schloß  er  am  8.  April  die
Stadt  auf  beiden  Ufern  ein.  Die  Drohung  mit  einer  Beschießung  bewog  den
Stadtrat  an  Max  Emanuel  die  Donaubrücke  zu  überlassen  und  eine  bayerische
Brückenbesatzung  aufzunehmen.  Der  Kurfürst  rückte  hierauf  in  Eilmärschen
nach  Vilshofen,  bis  wohin  Schlick  inzwischen  vorgedrungen  war,  aber  dieser
trat  auf  die  Nachricht  von  dem  Anmarsche  des  Kurfürsten  sofort  wieder  den
Rückzug  nach  Passau  an.

Max  Emanuel  war  eben  im  Begriff  die  Verteidigungsanstalten  an  der
Ostgrenze  neu  einzurichten,  als  ihm  die  Mitteilung  zukam,  daß  Marschall
Villars  den  Rhein  überschritten  habe  um  den  geplanten  Vormarsch  über  den
Schwarzwald  nun  wirklich  anzutreten.  Zugleich  war  das  Verlangen  gestellt,
der  Kurfürst  solle  mit  seiner  Armee  bis  Tuttlingen  entgegenrücken  und  so  den
Franzosen  den  Übergang  über  das  Waldgebirge  erleichter.  Max  Emanuel
beschloß  daher  sich  an  der  Ostgrenze  verteidigungsweise  zu  verhalten  und  in
möglichster  Stärke  in  den  Schwarzwald  zu  marschieren.  In  aller  Stille  ließ
er  vom  12.  April  an  die  an  der  Ostgrenze  entbehrlichen  Truppen  teils  auf
dem  Landwege  teils  auf  der  Donau  die  Richtung  auf  Ulm  nehmen  und  zog
im  Vormarsche  alle  sonst  noch  verfügbaren  Truppen  heran.  Von  Ulm  ab
wurde  der  Marsch  donauaufwärts  fortgesetzt  und  bereits  am  6.  Mai  fand  bei
Tuttlingen  die  erste  Begegnung  der  Bayern  und  Franzosen  statt.

Max  Emanuel  sah  sich  jetzt  an  der  Spitze  einer  aus  30000  Franzosen
und  14000  Bayern  bestehenden  Armee  und  seine  Absicht  war,  mit  dieser  ansehnlichen
  Streitmacht  alsbald  gegen  das  Korps  Styrum  zu  rücken,  das  inzwischen
  über  Nördlingen  herangekommen  war  und  aus  dem  bisherigen  Korps
Schlick  beträchtliche  Verstärkungen  erhalten  hatte.  Villars  erklärte  jedoch,
seine  Truppen  seien  der  Ruhe  bedürftig  und  müßten  für  einige  Wochen  in
Erholungsquartiere  gelegt  werden,  und  schloß  damit  jede  entscheidende  Unternehmung
  von  vornherein  aus,  dagegen  gestand  er  die  sofortige  Abstellung  einer
französischen  Infanteriebrigade  für  den  Fall  zu,  daß  der  Kurfürst  mit  seinen
eigenen  Truppen  etwas  zu  unternehmen  beabsichtige.  Maßgebend  für  das
eigentümliche  Verhalten  des  Marschalls  war  der  Umstand,  daß  vertragsgemäß
dem  Kurfürsten,  wenn  er  sich  bei  der  französischen  Armee  befand,  der  Oberbefehl
zukam,  weshalb  Villars  von  Anfang  an  bestrebt  war  Max  Emanuel  möglichst
fernzuhalten.  Nebenbei  ergab  sich  für  Villars  Gelegenheit  sich  durch  Kontributionen
  im  reichen  Schwabenlande  persönlich  zu  bereichern.

War  durch  die  Weigerung  des  Marschalls  der  Vorteil  der  französischen
Hilfe  zum  Teil  schon  verloren,  so  wollte  doch  Max  Emanuel  selbst  die  Lage
möglichst  ausnützen.  Nachdem  er  den  Plan  sich  Passaus  zu  bemächtigen  auf
Grund  ungünstiger  Nachrichten  aus  der  Oberpfalz  während  der  Ausführung
wieder  aufgegeben  hatte,  wollte  er  gegen  Nürnberg  ziehen  um  diese  Reichsstadt
zu  besetzen,  die  mit  ihrem  Kontingent  die  Unternehmungen  gegen  die  Oberpfalz
        <pb n="292" />
        280  52.  Der  Beginn  des  Spanischen  Erbfolgekrieges.

unterstützt  hatte.  Schon  waren  alle  Vorbereitungen,  darunter  auch  die  Bereitstellung
  von  schwerem  Geschütz  in  Ingolstadt,  getroffen,  als  er  sich  durch  den
französischen  Gesandten  und  einen  von  Villars  eigens  abgesandten  General
überreden  ließ  diesen  Plan  wieder  aufzugeben  und  dafür  die  Eroberung  von
Tirol  in  Aussicht  zu  nehmen.  Der  Besitz  von  Tirol  war  immerhin  nicht  nur
für  das  Zusammenwirken  der  französischen  Heere  in  Deutschland  und  Italien
von  Vorteil  sondern  auch  im  Sinne  einer  allenfallsigen  Gebietserweiterung.
für  Bayern  anstrebenswert.

Mit  dem  gewohnten  Feuereifer  ging  Max  Emanuel  an  die  Ausführung
des  neuen  Planes,  wozu  er  über  etwa  12000  Mann,  darunter  2500  Franzosen,
verfügte.  Am  20.  Juni  wurde  Kufstein  durch  einen  kühnen  Handstreich  genommen,
  am  23.  Juni  fiel  die  Feste  Rattenberg  und  am  4.  Juli  nahmen  die
Vortruppen  die  Verschanzungen  auf  der  Höhe  des  Brenner.  Der  Verabredung
gemäß  hätte  nun  Marschall  Vendöme,  der  in  Oberitalien  nur  eine  schwache
kaiserliche  Armee  gegen  sich  hatte,  in  entsprechender  Stärke  von  Süden  her
vorrücken  sollen  und  Tirol  wäre  behauptet  worden.  Vergeblich  wartete  aber
der  Kurfürst  über  zwei  Wochen  am  Brenner  und  Vendöme  kam  nicht.  Statt
dessen  trafen  auf  gegnerischer  Seite  zur  Verteidigung  des  Landes  beträchtliche
Verstärkungen  aus  Oberösterreich  durch  das  Pustertal  ein,  während  die  Gebirgsbevölkerung
  sich  zu  entschlossenem  Kampfe  ermannte  und  allenthalben  die  bayerischen
  Postierungen  mit  überlegenen  Kräften  anfiel.  Von  vorne  und  im
Rücken  angegriffen  befand  sich  Max  Emanuel  plötzlich  in  einer  äußerst  gefährlichen
  Lage,  aus  der  ihn  nur  ein  rascher  Entschluß  retten  konnte,  und  der
hieß:  schleuniger  Abmarsch.  Am  22.  Juli  nachts  um  2  Uhr  begann  er  mit
dem  Hauptteil  des  Invasionskorps  den  Rückzug  und  marschierte  in  einem  Zuge
nur  mit  den  notwendigsten  Rasten  bis  Innsbruck;  tags  darauf  ließ  er  die
Stellung  der  Tiroler  bei  Zirl  stürmen  und  dadurch  die  direkte  Straße  nach
Bayern  wieder  freimachen.  Es  war  an  diesem  Tage,  daß  Max  Emanuel
durch  einen  Zufall  dem  Tode  entging,  indem  ein  feindlicher  Schütze  den  kurfürstlichen
  Kammerherrn  Graf  Arco,  den  er  für  den  Kurfürsten  hielt,  aus
sicherem  Versteck  niederschoß.

Nachdem  der  Rückzug  aus  Tirol,  wenngleich  unter  namhaften  Verlusten,
glücklich  gelungen  war,  mußte  der  Kurfürst  neue  Truppenentsendungen  vornehmen
  um  die  abermals  bedrohte  Ostgrenze  zu  schützen.  Mit  dem  ihm  noch
verbleibenden  geringen  Rest  an  Truppen  beschloß  er  dann  zu  Villars  zu  stoßen
und  den  Oberbefehl  über  die  französische  Armee  wieder  zu  übernehmen.  Villars
war  inzwischen  in  aller  Ruhe  an  der  Donau  gestanden  ohne  etwas  gegen
das  an  Zahl  schwächere  Korps  Styrum  zu  unternehmen.  Als  nachher  der
Reichsfeldmarschall  Markgraf  Ludwig  von  Baden  mit  einem  Teil  der  Armee,
die  bisher  am  Rhein  dem  französischen  Marschall  Tallard  gegenüber  gestanden
war,  herangezogen  kam  um  sich  mit  Styrum  zu  vereinigen,  war  die  beste
Gelegenheit  zum  Schlagen  versäumt;  Villars  mußte  sich  damit  begnügen  sich
        <pb n="293" />
        52.  Der  Beginn  des  Spanischen  Erbfolgekrieges.  281

in  einer  Stellung  zwischen  Lauingen  und  Dillingen  so  zu  verschanzen,  daß  ihn
Markgraf  Ludwig  nicht  anzugreifen  wagte.

Bereits  zwei  Monate  stand  Villars  im  Lager  bei  Dillingen  untätig,  als
Max  Emanuel  am  1.  September  dort  eintraf.  Er  fand  den  Marschall  in
großer  Aufregung,  weil  Markgraf  Ludwig  mit  dem  größeren  Teil  seiner  Armee
donauaufwärts  marschiert  war  und  man  sich  den  Zweck  dieses  Marsches  nicht
erklären  konnte.  Das  Nächstliegende  wäre  nun  wohl  gewesen,  über  den  unter
Styrum  zurückgebliebenen  Teil  der  Reichsarmee,  der,  allerdings  in  verschanzter
Stellung,  bei  Haunsheim  gegenüberstand,  mit  allen  Kräften  herzufallen.  Aber
Billars  war  zu  sehr  darauf  bedacht,  sich  vor  allem  die  bedrohte  Verbindung
mit  Frankreich  zu  sichern,  und  das  Ergebnis  eines  erregten  Kriegsrates  war
eine  Teilung:  am  2.  September  rückten  Max  Emanuel  und  Villars  mit
20000  Mann  in  Staffeln  auf  der  Straße  nach  Ulm  vor,  während  im  Lager
von  Dillingen  Generalleutnant  Usson  mit  14000  Mann  zurückblieb.  Da  kam
noch  am  gleichen  Tage  abends  die  überraschende  Meldung,  daß  Markgraf
Ludwig  nach  Umgehung  von  Ulm  in  vollem  Marsche  über  Memmingen  auf
Augsburg  sei.  Nun  wurde  wieder  umgekehrt,  aber  zu  spät,  und  mit  einem
kleinen  Vorsprunge  kam  der  Gegner  vor  der  freien  Reichsstadt  an,  die  ihm
nach  kurzem  Zögern  ihre  Tore  öffnete.

Der  Vorschlag  des  Kurfürsten  den  Markgrafen  Ludwig  in  seiner  Stellung
bei  Augsburg  anzugreifen  fand  bei  Villars  keine  Zustimmung  und  es  war
daher  notwendig  weitere  Maßnahmen  zu  treffen.  Diese  ergaben  sich  erst  aus
einem  Ausgleich  zwischen  den  auseinandergehenden  Wünschen  der  beiden  Heerführer.
  Villars,  dem  die  Lage  seit  geraumer  Zeit  etwas  unheimlich  geworden
war,  drängte  nach  Westen  und  schlug  vor  nach  Ulm  zu  rücken;  der  Kurfürst
dagegen  wollte  seiner  durch  die  feindliche  Armee  ständig  bedrohten  Hauptstadt
näher  bleiben.  Schließlich  einigten  sie  sich  dahin,  daß  die  Armee  nördlich  von
Augsburg  beiderseits  des  Lech,  verbunden  durch  eine  bei  Thierhaupten  geschlagene
Brücke,  mit  dem  Hauptquartier  in  Nordendorf  postiert  werde.  Von  da  schreibt
am  17.  September  der  junge  Generaladjutant  Graf  Törring  an  seine  Mutter:
„Gestert  hat  der  Maréchal  de  Villars  und  schier  alle  französischen  Generalle
in  des  Feldmarschalls  Arco  Lager  gespeist",  was  darauf  schließen  läßt,  daß
die  berechtigte  Unzufriedenheit  Max  Emanuels  mit  dem  Verhalten  des  Villars
der  bayerischen  Gastfreundschaft  keinen  Eintrag  tat.

Aus  der  ihm  aufgezwungenen  Lage  wurde  Max  Emanuel  unerwarteter
Weise  durch  den  Gegner  befreit.  Am  18.  September  verließ  Graf  Styrum,
der  von  Markgraf  Ludwig  den  Befehl  erhalten  hatte  sich  Donauwörths  zu
bemächtigen,  seine  feste  Stellung  bei  Haunsheim  und  marschierte  flußabwärts.
Villars,  der  gerade  in  Dillingen  amwesend  war,  brachte  diese  Nachricht  sofort  nach
Nordendorf.  Die  Wahrscheinlichkeit  eines  Erfolges  über  Styrum  war  so  offenliegend,
  daß  Villars  dieses  Mal  dem  Kurfürsten  keine  Schwierigkeiten  machte,
sondern  ganz  damit  einverstanden  war  dem  Gegner  eine  Schlacht  zu  liefern.
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        282  52.  Der  Beginn  des  Spanischen  Erbfolgekrieges.

Indem  der  Kurfürst  mit  dem  Hauptteil  der  Armee  mittels  eines  Nachtmarsches
  über  Donauwörth  von  Osten  her  und  Usson  aus  Dillingen  von  Westen
her  gegen  das  Korps  Styrum  vorrückten,  brachten  sie  dieses  am  20.  September
  bei  Höchstädt  zwischen  zwei  Feuer;  nur  der  festen  Haltung  der  Nachhut
unter  Fürst  Leopold  von  Anhalt-Dessau  hatte  der  Gegner  es  zu  danken,
daß  ihm  der  Rückzug  nach  Nördlingen  noch  gelang.

In  der  richtigen  Erwägung,  daß  der  errungene  Sieg  nur  dann  seine
volle  Bedeutung  gewinne,  wenn  der  durch  ihn  erzielte  moralische  Eindruck  wie
die  erlangte  numerische  Überlegenheit  sofort  zu  einem  Schlage  gegen  den  noch
bei  Augsburg  stehenden  Markgrafen  Ludwig  ausgenutzt  würden,  sah  Max
Emanuel  von  weiterer  Verfolgung  Styrums  ab  und  wendete  sich  sofort  gegen
Augsburg.  „Nun  geht  es  auf  den  Prinz  Louis  los,“  schrieb  am  21.  September
  der  die  Avantgarde  führende  Feldmarschall  Graf  Arco,  „und  wollen
wir  ihm  auch  den  Weg  aus  Bayern  und  dem  Schwabenland  weisen.“  Als
aber  die  Armee  bei  Augsburg  angelangt  war,  weigerte  sich  Villars  die  französischen
  Truppen  verwenden  zu  lassen,  weil  des  Gegners  Stellung  zu  stark  sei,
und  der  von  Max  Emanuel  geplante  Angriff  mußte  unterbleiben.

Von  neuem  drängte  Villars  nach  Westen,  und  da  er  dieses  Mal  geltend
machen  konnte,  daß  Verstärkung  durch  französische  Truppen  unter  Tallard
zugesagt  sei,  ließ  sich  Max  Emanuel  überreden  mit  der  französischen  Armee
nach  Ulm  zu  marschieren,  während  Feldmarschall  Arco  mit  den  bayerischen
Truppen  zur  Deckung  von  München  an  der  Augsburg-Münchener  Straße
zurückblieb.  Diese  Operation  hatte  die  unerwartete  Wirkung,  daß  Markgraf
Ludwig  unter  Zurücklassung  einer  starken  Besatzung  Augsburg  Mitte  Oktober
verließ  und  südlich  ausbiegend  über  Kempten  nach  Westen  abzog.

Max  Emanuel  folgte  anfangs  nach  und  besetzte  bei  dieser  Gelegenheit
die  Reichsstadt  Kempten,  ließ  aber  dann  den  Markgrafen  ruhig  in  die  Winterquartiere
  abziehen,  indem  er  seinen  Vorteil  wohl  erkannte.  Die  um  diese  Zeit
auf  seinen  Antrag  erfolgte  Abberufung  des  Marschalls  Villars  und  dessen
Ersetzung  durch  den  gefügigeren  Marschall  Marsin  gab  ihm  ohnehin  mehr  freie
Hand  über  die  französischen  Truppen  zu  verfügen  und  so  beschloß  er  trotz
der  vorgerückten  Jahreszeit  sich  noch  der  Reichsstadt  Augsburg  zu  bemächtigen.
Nachdem  Generalwachtmeister  Marquis  Maffei  das  erforderliche  Belagerungsgeschütz
  von  München  und  Ingolstadt  herangeschafft  hatte,  begann  am  8.  Dezember
  die  Beschießung  der  Festungswerke  aus  4  Kanonen=  und  5  Mörserbatterien.
  Die  Besatzung  ließ  es  jedoch  nicht  zum  Sturme  kommen  und  bereits
am  14.  Dezember  gelangten  die  Verhandlungen  zum  Abschluß,  die  die  alte
Reichsstadt  in  Max  Emanuels  Besitz  brachten.

An  der  Süd-,  Ost=  und  Nordgrenze  Bayerns  hatten  inzwischen  die  Waffen
auch  nicht  geruht.  Im  Süden  hielt  Kufstein  unter  Graf  Törring  der  andauernden
  Belagerung  durch  kaiserliche  Truppen  stand,  so  daß  es  Max  Emanuel
möglich  war  die  Festung  entsetzen  zu  lassen.  Im  Osten  hielt  sich  in  gleicher
        <pb n="295" />
        54.  Die  Sendlinger  Banernschlacht  1705).  283
Weise  die  Feste  Schärding,  doch  blieb  das  Innviertel  von  Kaiserlichen  besetzt.
Auch  der  nördliche  Teil  der  Oberpfalz  war  in  den  Händen  des  Gegners
geblieben,  nachdem  die  Feste  Rothenberg  und  die  Städte  Amberg  und  Cham
nach  mutvoller  Verteidigung  kapituliert  hatten.

Trotzdem  konnte  Max  Emanuel  mit  höchster  Befriedigung  auf  den  bisherigen
  Verlauf  des  Krieges  zurückblicken.  Nachdem  er  im  Kampfe  mit  dem
Gegner  wiederholt  siegreich  geblieben,  hielt  er  nun  das  ganze  Land  zwischen
Lech  und  Iller,  die  freien  Reichsstädte  Regensburg,  Ulm,  Augsburg,  Memmingen
  und  Kempten,  das  Herzogtum  Neuburg  und  in  Tirol  das  feste  Kufstein
besetzt  und  war  imstande  seine  Bundesgenossen  auf  erobertem  Gebiet  in  die

Winterquartiere  zu  legen.

Hätten  es  die  Verhältnisse  Max  Emanuel  gestattet,  den  Krieg  mit  gleichem
Erfolge  im  Jahre  1704  fortzusetzen,  so  würde  das  Haus  Wittelsbach  wohl

schon  damals  den  Kurhut  mit  der  Königskrone  vertauscht  haben.

Aber  nun

betrat  mit  Prinz  Eugen  von  Savoyen  auf  gegnerischer  Seite  ein  größerer
Feldherr  den  deutschen  Kriegsschauplatz  und  von  da  an  vermochte  Max  Emanuel

nicht  mehr  zu  siegen.

53.  Das  G'sangl  von  Anno  1705.
Von  Karl  v.  Heigel.)

„Weih'  unser  Schwert  du,  der  uns  kennt,
Das  Feuer  weih“,  das  in  uns  brennt,
Wir  kämpfen  für  das  Bayerland!
Kaiserlich  Volk  knecht't  unsern  Leib,
Raubt  unser  Kind,  schänd't  unser  Weib,
Max  Emanuel  ist  verbannt!

Es  ist  für  uns  Rein  ander  Heil,

Die  Flint  zur  Hand  und  Sens'  und  Beil!
Max  Emanuel  ist  verbannt!

Wir  raufen,  Einer  gegen  Zehn,

Doch  die  Büchsentreffen,  die  Sensen  mäh'n,
Wir  kämpfen  für  das  Bayerland!

 

Weihnacht  ist  da;  es  läut't  zur  Metten,
Wir  aber  wollen  die  Kinder  2)  retten,
Erretten  aus  fremder  Hand

Die  Kinder!  Bauer  oder  Knecht,
Heut  sind  wir  gleich  und  sind  im  Recht,
Wir  kämpfen  für  das  Bayerland!

Die  Kinder  retten!  Schlagt  zu,  schlagt  tot!
Die  weißblaue  Fahn'  muß  werden  rot,
Der  (hristbaum  steh’  in  Brand!

Wir  raufen  heute  nicht  um  Klein's,
Und  fallen  wir,  ist  alles  eins  —
Dreimal  Hoch  das  Bayerland!“

54.  Die  Sendlinger  Bauernschlacht  (1705).

Von  Hans  Hopfen.-)

Nun  wollen  wir  aber  heben  an
Von  einer  Christnacht  melden:
Ausden  Bergenzieh'n  gen  München  heran
Fünftausend  männliche  Helden.

Der  Gemsbart  und  der  Spielhahnschweif
Hind  drohend  gerücht  nach  vorne,
An  ihren  Bärten  klirrt  der  Reif,
Ihr  Auge  glüht  von  Zorne.

!)  „Im  Isartal“,  eine  Erzählung  von  K.  v.  Heigel,  S.  87.  Dresden  1902,  E.  Pierson.

*)  Die  gefangenen  Prinzen.

*)  Gedichte,  S.  47  ff.  Berlin  1883,  A.  Hofmann  &amp;amp;  Co.
        <pb n="296" />
        284

Sie  schwenken  die  Sense,  die  Keule,  das
Schwert,

Fünfhundert  sind  mit  Büchsen  bewehrt,
Und  wie  die  Schneelahn  wächst  die  Schar
Von  den  Bergen  rollend  im  Monde  klar.
Ein  Fähnlein  himmelblau  und  weiß
Trägt  vor  dem  Zug  ein  riesiger  Greis;
Das  ist  der  stärhste  Mann  des  Lands,
Der  chmied  von  Kochel,  der  Meier  Hans;

Von  seinen  Söhnen  sieben

Ist  keiner  zu  Haus  geblieben.

„O  Kurfürst  Max  Emanuel,
Wir  müssen's  bitter  klagen,
Daß  du  für  Habsburg  Leib  und  Seel'
So  oft  zu  Markt  getragen!
Du  Belgradstürmer,  du  Mohrentod,
Du  mußtest  ins  Elend  wandern
Und  brichst  französisch  Gnadenbrot
Zu  Brüssel  jetzt  in  Flandern.
Es  irrt  dein  Weib  auf  der  Landesflucht,
Deine  Waisen  weinen  in  Feindes  Zucht,
Gebrandschatzt  darben  die  reichen  Gaurn,
Man  sengt  die  Fluren,  man  schändet
die  Frau'’n,
Man  rädert  die  Männer  um  leisen  Verdacht,

Man  reißt  die  Söhne  vom  Stroh  zu  Nacht
Hie  nach  Ungarn  zu  trommeln  ins  heiße
Blei  —
Das  Maß  ist  voll,  es  birst  entzwei;
Drum  lieber  bayrisch  sterben
Als  kaiserlich  verderben!

Auch  hat  die  Münchner  Bürgerschaft
Uns  einen  Brief  geschrieben,
Daß  sie  mit  ungebrochner  Kraft
In  Treue  fest  geblieben.
Wenn  wir  den  roten  Isarturm
Nach  Mitternacht  berennten,
Erhöben  drinnen  sich  zum  Sturm
Die  Bürger  und  Studenten.
Denn  wie  den  letzten,  teuersten  Schatz
Vergruben  sie  am  geheimsten  Platz,

Was  ihnen  geblieben  an  Waffen  und

Wehr.

 

54.  Die  Sendlinger  Bauernschlacht  (1705).

Sie  sprechen  am  Tage  sich  nimmermehr,
Doch  tief  in  den  Kellern  bei  Fachelbrand
Reicht  sich  die  ganze  Stadt  die  Hand;
Allnächtens  zieht  von  Haus  zu  Haus
Ein  unterirdisches  Gebraus,

Ein:  Lieber  bayrisch  sterben

Als  kaiserlich  verderben!

Wir  klopfen  ans  Tor,  nun  laßt  uns
Da  geht  von  den  Wällen  ein  Blitzen

Und  feurigen  Tod  zum  Willkomm  spei'n
Guthaiserliche  Haubitzen;

Und  Straßen  auf  und  Straßen  ab
Musketen  und  Granaten  —

Wer  hat  die  Landsleut'  an  das  Grab,
An  Österreich  verraten?

Der  Pleger  von  Starnberg  war  der  Wicht!

Mein  Lied  nenn'  seinen  Namen  nicht,

Verdammnis  und  Vergessenheit

Begrab'  ihn  heut'  und  allezeit;

Sein  Kleid  sei  gelb,  sein  Haar  sei  rot,

Sein  Stammbaum  des  Ischariot!  —

In  Tränen  flucht  die  Bürgerschaft,

Ihr  blieb  heine  Klinge,  kein  Rohr,  kein

Schaft;

Hie  ward  in  wenig  Stunden
Entwaffnet  und  gebunden.

Doch  spie'  die  Höll’'  aus  dem  roten
Turm:
Der  Landsturm  von  den  Bergen,
Er  nimmt  die  Münchner  Stadt  mit  Sturm
Trotz  Kaiser  Josephi  Schergen!
Die  Brüche  dröhnt,  die  Nacht  wird  hell,
Hie  Wirbeln,  Schreien,  Knallen,
Vom  „Hurra,  Max  Emanuel!"
Die  Gassen  widerhallen.
Schon  rief  der  Feldmarschall  von  Wendt:
„Die  Sache  nimmt  ein  schlimmes  End';
Wo  bleibt  des  Kriechbaum  Reiterei?
Ich  rief  sie  doch  im  Flug  herbei!“
Da  rasselten  über  den  Brüchenkopf
Mit  rotem  Mantel  und  doppeltem  Zopf
Die  fremden  Schwadronen  die  Kreuz
und  die  Quer.
        <pb n="297" />
        54.  Die  Sendlinger  Bauernschlacht  (1705.

Von  den  Wällen  schlugen  die  Bomben
schwer.
Die  Landsleut'  in  der  Mitten,
Die  haben  viel  hart  gestritten.

Sie  slohen  über  die  Heide  breit
Durch  tief  verschneite  Fluren,

Im  Rücken  und  an  jeder  Seit'
Kroaten  und  Panduren.

Dort  sind  wohl  ihrer  tausend  und  meh
Unter  Rosseshufe  gesunken

Und  haben  den  blutigen  Weihnachtschnee
Als  Wegzehrung  getrunken.

Ein  Friedhof  steht  am  Hügelrand

Den  erklommen  die  Bauern  mit  Knie

und  Hand,

Auf  dem  Glatteis  ringend  im  Einzelkampf

Unter  Kolbenstößen  im  Pulverdampf,

Bis  von  dem  Rest  der  treuen  Schar

Der  steile  Hof  erklettert  war.

Da  stieß  in  ein  verschneites  Grab

Der  greise  Schmied  den  Fahnenstab:
„Hie  lieber  bayrisch  sterben
Als  kaiserlich  verderben!“

Heiß  Rochte  der  Schnee,  die  Nacht  war
lang,
Durchs  Knattern  der  Musheten
Zog  sich's  wie  Orgel=  und  Glochenklang,
Wie  fernher  wanderndes  Beten.
Und  ein  Bauer  ein  weißes  Tuch  aufband,
Er  tat's  an  der  Hense  schwenken,
Ermußte  des  Jammers  imbergigen  Land,
Der  Witwen  und  Waisen  gedenken.
—  „Von  der  Zugspitz  bis  zum  Wendelstein
Nur  Sturmgeläut'  und  Feuerschein,
Derweil  zwischen  Hufschlag,  Schnee  und
Blei
Wir  fruchtlos  fallen  vor  Hahnenschrei.
Wir  haben's  verspielt  ohne  Nutz  und  Lohn,
Drum,  feindlicher  Obrist,  gib  uns  Pardon,


 

285

Daß  die  Dreihundert,  die  wir  noch  sind,
Heimziehen  dürfen  zu  Weib  und  Kind  —
Drauf  ist  unter  Blitz  und  Knallen
Der  Sprecher  vom  Stein  gefallen.

Daschlossen  ums  flammende  Gotteshaus.
Die  Landsleut'  eine  Kette
Und  knallten  und  schrien  in  die  Nacht
hinaus
Eine  furchtbare  Weihnachtmette.
Als  der  Hahn  im  Dorfe  zu  krähen  begann,
War  all  ihr  Blei  verschossen,
Sie  hingen  würgend  Mann  an  Mann
Auf  den  schäumenden  Ungarrossen.
#BMindee#i.  dielesher#s:  e#n
□  Wia
Da  stand  von  den  Bauern  ein  einziger  nur,
Das  war  der  stärhste  Mann  des  Lands,
Der  Schmied  von  Kochel,  der  Meier  Hans;
Mit  einer  Keule  von  Eisenguß
Drasch  er  sie  nieder  zu  Pferd  und  Fuß.
Doch  als  die  Sonne  zur  Erde  sah,
Seine  sieben  Söhne  lagen  da
Ums  Fähnlein,  das  zerfetzte;
Der  Vater  war  der  letzte.

Nun  tröst’  euch  Gott  im  Himmelreich,
Ihr  abgeschiednen  Seelen!
Es  wird  von  solchem  Bauernstreich
Roch  Kindeshind  erzählen.
Wohl  manch  ein  Mann,  wohl  manch  ein
Held
Geht  um  in  deutschen  Weisen,
Wir  wollen  den,  der  Treue  hält,
Vor  allen  andern  preisen,
Der  trotz  Verrat  und  Hochgericht
Von  seinem  Wort  Rein  Jota  bricht.
Jetzt  aber  sagt,  wo  hehren  wir  ein?
Ich  denk“',  heut'  soll's  in  Sendling  sein.
Vorbei  am  Friedhof  führt  die  Straß',
Da  grüßen  wir  unters  verschneite  Gras:
„Hie  lieber  bayrisch  sterben
Als  kaiserlich  verderben!“
        <pb n="298" />
        286  55.  Eine  Szene  aus  der  Sendlinger  Bauernschlacht.

55.  Eine  8zene  aus  der  Sendlinger  Bauernschlacht.
Von  Anton  Hoffmann.!)

Die  bange  Nacht  ist  um  —  bilaugrau  schleicht  der  zagende  Tag  ins
Schneefeld.

Aus  mattroter  Sonnenscheibe  fällt  glanzlos  durch  den  Dunst  ein  fahler
Schein  über  die  Ebene,  von  deren  kalten,  westlichen  Schatten  sich  eine  frostige
Schneewand  emporringt,  aurorafarbige  Flatterwölkchen  voraussendend,  die  im
grüngelben  Licht  des  östlichen  Horizontes  untertauchen.

Drüben  im  Feld  unterhalb  Sendling  ist  die  Arbeit  getan,  aus  vielen
Hunderten  zerfleischter  Leiber  dampft  das  Blut  zum  Himmel.  Kaiserliche  Husaren
und  Grenzvölker,  verwilderte,  im  lebenslangen  Krieg
gegen  den  Erbfeind  der  Christenheit  erbarmungslos
gewordene  Räuber,  schweifen  zwischen  den  zuckenden
Haufen  umher,  gewohnt  in  der  armseligen  Habe  der
Unterlegenen  Ersatz  für  seltene  Löhnung  zu  finden,
plündernd  und  letztes,  flackerndes  Leben  mordend,  im
mildesten  Falle  die  bis  aufs  Hemd  Ausgeplünderten
im  Schnee  ihrem  Schicksal  überlassend.

Bis  zur  schmerzhaften  Kapelle  am  Kirchhof
St.  Stephan  können  wir  den  Leidensweg  verfolgen
an  den  dunklen  Silhouetten  Gefallener;  noch  folgen
verspätet  einzelne  Reiterschwärme,  denen  der  Gefechtslärm
  neue  Arbeit  und  neue  Beute  verspricht.

Dort  in  den  Auen  längs  der  Stadtmauer  zwischen
Isar=  und  Angertor,  zwischen  Isararmen,  Mühlen

Vauer  mit  Sense.  und  Bleichen  verröchelten  heute  in  früher  Morgenstunde

schon  Hunderte,  die  die  erste  wilde  Jagd  niederstreckte.

Stumm  und  regungslos  liegt  die  turmreiche  Stadt  im  Morgenlicht,  winken
von  den  Höhen  jenseits  der  Isar  die  Vorstädte  Giesing,  Au  und  Haidhausen;
da  lauschen  Tausende  banger  Menschen  beklommenen  Herzens  dem  Kampflärm
vor  den  Mauern,  dem  Laufschritt  durch  die  Straßen  eilenden  Fußvolkes,  dem
Hufschlag  vorbeitrabender  Geschwader.

Als  die  Musketensalven  unten  im  Feld  in  die  ungeordneten  Haufen
schmetterten,  die  Husaren  ihre  unbändigen  Mähren  in  das  wirre  Gedränge
hetzten,  da  brach  der  letzte  geschlossene  Widerstand  der  Landesverteidiger.)

 

1)  „Führer  durch  das  Kolossal-Rundgemälde,  aufgestellt  auf  der  Theresienhöhe  2
bei  München.“  Selbstverlag,  1905  München.

1)  Die  gesamte  Streitmacht  der  „churbayrischen  Oberlandesdefension“,  ca.  5000  Mann
stark,  war  gegen  München  herangezogen,  entschlossen  mit  Hilfe  der  Bürgerschaft  die
Landeshauptstadt  der  schwachen  kaiserlichen  Besatzung  zu  entreißen,  die  Wegführung
        <pb n="299" />
        55.  Eine  Szene  aus  der  Sendlinger  Bauernschlacht.  287

Nun  galt's  nicht  Kampf  mehr  um  Sieg  und  Freiheit,  jetzt  ging  es  ums
arme  Leben.

Der  Rücken  war  noch  frei  bis  zur  nahen  Dorfumfassung;  dort  in  Zäunen
und  Hecken  gab  es  noch  Hindernisse  für  die  Verfolger,  in  Häusern,  Scheunen,
Ställen  noch  Deckung  gegen  das  mörderische  Blei,  auf  Straße  und  Feldweg
vielleicht  noch  ein  Entkommen.  Was  noch  stand,  wirbelte  in  Haufen  die  Hänge
und  die  hohle  Straße  am  Kirchhof  hinauf.

Hier  hetzt  der  kaiserliche  General  Kriechbaum  selbst  sein  Fußvolk  den
Fliehenden  auf  den  Nacken.

In  dichten  Massen  schieben  sich  die  Kolonnen  den  Berg  heran,  inmitten
der  Kommandant  des  Entsatzkorps  mit  seinem  Gefolge,  Grenadiere  voraus,
die  den  vom  freien  Feld  sich  Zurückziehenden  auf  dem  Fuße  folgen.  Schonungslos
  wird  hier  das  Dolchbajonett  gebraucht,  die
neue  Waffe  des  Fußvolks,  welche,  mit  dem  Holz-  —
heft  in  die  Mündung  gepflanzt,  die  Muskete  zum  ’"
wuchtigen  Spieß  machte.  Was  nützt  dagegen  die
dünne  Sensenklinge,  was  Gabel,  Sichel  und
Knüppel!

Nur  der  wuchtige  Morgenstern,  von  nervigem
  Arm  geschwungen,  die  schneidende  Axt  und
die  altertümliche  Hellebarde  mag  dagegen  bestehen.
„Zum  Freithof“  brüllt  da  oben  der  Sensenmann
an  der  Mauer  und  durch  die  enge  Pforte  schiebt
sich  das  hastige  Getümmel  um  Schutz  bei  Altar
und  geweihtem  Boden  zu  finden.  Ifarwinkler  Schũte.

Das  Spundbajonett  im  Lauf  der  Infanteriemuskete
  hindert  den  Schuß,  aber  oben  von  der  Mauer  blitzt  es,  pafft  und
knallt  es  wie  beim  Scheibenschießen.

Hier  halten  noch  Isarwinkler  im  grünen  Rock  mit  dem  kurzen  gezogenen
Radschloßstutzen  stand  gegen  den  geschlossenen  Ansturm  des  kaiserlichen  Fußvolkes.

Wohl  werden  auch  hier  schon  die  Grabhügel  zum  harten,  kalten  Sterbebett
  derer,  die  aus  dem  Gemetzel  im  Wiesengrund  hierher  sich  noch  schleppend
verbluteten,  und  die  alte  Kirche  aus  ferner,  eisenharter  Zeit  sah  nie  noch  solch
Getümmel  um  ihre  altersgrauen  Mauern,  wo  das  Blut  der  Gemordeten,  das
über  die  Altarstufen  rieselte  und  an  die  kalten  Wände  spritzend  verrauchte,  dem
Ort  des  Friedens  und  ewiger  Ruhe  selbst  die  Weihe  nahm.

 

der  kurfürstlichen  Prinzen  zu  hindern  und,  einmal  im  Besitz  der  Hauptstadt,  von  hier
aus  der  österreichischen  Herrschaft  ein  Ende  zu  machen.  Hauptsächlich  waren  es  wehrhafte
  Männer  vom  Oberlauf  der  Isar  und  dem  Land  zwischen  Loisach  und  Mangfall

Isarwinkler  —  die  selbstbewußt,  trotzend  auf  eigene  Kraft,  den  blutigen  Strauß
wagten.
        <pb n="300" />
        288  55.  Eine  Szene  aus  der  Sendlinger  Bauernschlacht.

Des  Verhaus  knorriges  Astwirrsal  vermochte  den  Stürmern  nicht  halt
zu  gebieten,  nicht  Schutz  den  Verteidigern  zu  geben,  denn  schlecht  taugt  zum
Nahkampf  das  zum  Streitgerät  geformte  Ackerwerkzeug,  nutzlos  ist  es  auf  die
Ferne.  Man  ballt  sich  zu  Knäueln  zusammen  die  Wehr  vorstreckend;  so  lehrten
es  die  kriegserfahrenen  Offiziere  und  Soldaten,  die  aus  dem  Verbande  der  aufgelösten
  kurbayerischen  Regimenter  in  die  Reihen  der  Landesverteidiger  traten
—  „lieber  dem  Teufel  zu  dienen  denn  dem  Keiser“.

Der  Leiter  des  gesamten  Aufstandes,  der  Jägerwirt  von  Tölz,  auf  schnaubendem
  Schecken  reitend,  starrt  trüb  und  unschlüssig  die  Straße  hinab,  wo  es
in  erdrückenden  Massen  heraufzieht.  —

„Alles  verloren!“  —  „Wenn's  schon  zum  Sterben  ist,  dann  drauf!"“
„Lieber  bayrisch  sterben  als  kaiserlich  verderben!“  Da  werfen  die  Verzweifelnden
und  Zagenden  sich  den  Grenadieren  des  Regiments  „Bischof  von  Osnabrück“"
entgegen,  die  das  Dorf  umgehend  durch  die  Gasse  einbrechen.

Der  kleine  Tambour  schaut  zaghaft  ins  Getümmel:  das  ist  anders,  als
wenn  man  sich  daheim  im  Dorfwirtshaus  an  die  Gurgel  fuhr  oder  mit  dem
Schlagring  die  Köpfe  zerbeulte,  das  ist  bitteres  Sterben  in  einem  erbarmungslosen
  Ringen.  Da  scheppert“  die  dünne  Sensenklinge  gegen  den  starren
Gewehrlauf,  die  Axt  gegen  die  Partisane,  hier  würgt  das  Messer  gegen  den
Degen,  da  prasselt  tödliches  Blei  in  die  Leiber.

Doch  auch  durch  die  Dorfgasse  wälzt  sich  im  Laufschritt  von  Neuhofen
und  Thalkirchen  herüber  fränkisches  Fußvolk  vom  Regiment  „Jahnus  von
Eberstätt"“.

Es  soll  der  Arbeit  nicht  viel  mehr  finden.  In  dichtem  Knäuel  bahnt
hauend,  stechend  und  schießend  der  Haufe  der  Isarwinkler  sich  eine  Gasse  ins
Freie,  mit  ihnen  der  französische  Gardekapitän  Gauthier,  einer  ihrer  Führer.
Ihr  sicheres  Blei  hält  die  Verfolger  in  Achtung  und  wenn  auch  viele  stürzend
den  Weg  zeichnen  zur  Heimat,  die  Braven  erreichen  fechtend  den  schützenden
Wald.

Den  breiten  „crabatischen“  Krummsäbel  oder  die  lange  Radschloßpistole
in  der  Faust  jagen  über  den  Heil.  Geisthof  die  Cusanihnsaren  herein  von  de
Wendt,  dem  Kommandanten  der  kaiserlichen  Besatzung  Münchens,  selbst  geführt.

Mit  Roß  und  Waffen  wohl  versehen  boten  diese  Reiter  von  den  Ufern
der  Drau,  Sau  und  östlichen  Donau  als  leichte.  flüchtige  Scharen  dem  ihre
Dienste,  der  ihnen  Sold  und  Beute  versprach.

Schrecken  und  Furcht,  aber  auch  Haß  und  bitteres  Rachegefühl  erweckten
überall  ihre  barbarischen  Gepflogenheiten.  Hoch  in  den  Bocksätteln  mit  aufgezogenen
  Knieen  sitzend  neigen  sich  die  Vordersten  zu  wahllosem  Hieb  und
Schuß  in  die  dichte  Masse  der  Sensenmänner,  die  die  Wucht  des  Galoppsprunges
  hinwegfegt.

Manch  nervige  Bauernfaust  klammert  sich  da  in  die  Zügel  oder  die
haarige  Roßschnauze,  daß  das  Tier  scheuend  auffährt  oder  vorprellend  den
        <pb n="301" />
        55.  Eine  Szene  aus  der  Sendlinger  Bauernichlacht.  289

Widerstand  zu  Boden  reißt.  Mancher  Gaul,  in  dessen  Brust  die  Sense  zischend
sich  vergraben,  kollert  mit  plumpem  Fall  hauend  und  schlagend  in  den  Schnee,
aber  brutale  Hiebe  lösen  die  knochigen  Hände  von  den  Zügeln  und  der
brausende  Reitersturm  rächt  den  Fall  des  Kameraden.

In  den  Haufen  verstreut  erkennt  man  an  den  Uniformen  Soldaten
aufgelöster  bayerischer  Regimenter,  die  hier  mit  ihren  bäuerlichen  Kriegsgenossen
die  Mannentreue  zu  ihrem  Fahneneid  mit  dem  Leben  bezahlen.

Schon  klimmen  am  Hang  beim  Wimbauernhof  auch  grauröckige  Musketiere
  herauf.  Noch  schwanken  die  Vordersten  vor  der  entschlossenen  Haltung
eines  verzweifelten  Häufleins;  da  duckt  sich  ein  herkulisch  gebauter,  waffenloser
Knecht  zum  Sprung  gegen  den  zaudernd  das  Gewehr  vorstreckenden  Musketier,
doch  die  Chargierten  treiben  die  Zaghaften  an  zum  Vollzug  des  Mordwerks.
Da  hieben  die  Zimmerleute  von  der  Au,  die  sich  den  Aufständischen  angeschlossen
  hatten,  ihre  letzten  Späne,  da  schlugen  die  Schmiede  vom  Oberland
ihre  letzten  nervigen  Schläge,  der  Letzten  einer  jener  heldenhafte  Schmied
Balthes,  von  dem  kein  Dokument  zu  berichten  weiß,  den  aber  treues  Volksgedenken
  überliefernd  aufstellte  als  das  Urbild  starren,  zähen  Mutes  und  nimmerwankender
  Treue  zur  Fahne  seines  Landes.

Mit  der  Linken  das  Symbol  kriegerischer  Treue  ans  Herz  drückend,  mit
der  hammergewohnten  Rechten  den  schmetternden  Morgenstern  regierend,  stiernackig
  dem  Feinde  Trotz  bietend  und  nicht  achtend  des  ihn  umtobenden  Verderbens
  sei  er  uns  durch  alle  Zeiten  die  Idealgestalt  bayerischen  Löwenmutes
und  bayerischer  Treufestigkeit.

Das  Feld  war  geräumt,  der  Sieg  erfochten;  aus  den  Leichenhaufen,  aus
den  Häusern,  Ställen  und  Scheunen  sollte  die  blutgesättigte  Soldateska  sich
jetzt  ihren  Lohn  holen.  Beutegierig  brachen  Husaren,  Panduren  und  Kroaten
in  die  Höfe,  die  Türen  krachten  und  von  neuem  verrichteten  Yatagan,  Säbel
und  Faustrohr  entsetzliche  Arbeit.

Inmitten  des  über  sie  zusammenschlagenden  Verderbens  verkrochen  sich
die  geängstigten  Bewohner  hilflos  in  ihren  Hütten,  retteten  zwar  das  Leben,
ihre  Habe  aber  fiel  der  Plünderung  zum  Opfer.

Die  Bauern-Artillerie,  kleine,  wirkungslose  Stücke,  die  sonst  in  den
Klöstern  zu  Tegernsee  und  Benediktbeuern  friedliche  Dienste  zum  „Antlaßschießen“
  taten,  fallen  neben  sechs  Fahnen  und  einigem  Fuhrwerk  als  Trophäen
  den  Siegern  in  die  Hände,  mit  ihnen  die  Führer:  die  Leutnants  Clanze
und  Aberle  und  als  letzter  der  kursfürstliche  Hauptmann  Mayer,  der,  nachdem
  Widerstand  nutzlos,  um  dem  überlebenden  Rest  der  Landesverteidiger  das
Leben  zu  erwirken,  selbst  seine  Person  einsetzte.  Über  das  Feld  aber,  gegen
den  Forstenrieder  Wald  tobt  die  Verfolgung.

Längst  schon  ist  der  Ort  eingekreist  durch  zahlreiche  Reiterei,  die  den
Ring  immer  enger  schließend  jeden  der  Fliehenden  wie  parforce  gejagtes
Wild  hetzt.

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Baverns.  19
        <pb n="302" />
        290  55.  Eine  Szene  aus  der  Sendlinger  Bauernschlacht.

Viele  durchbrechen  den  Ring;  mancher  bahnt  sich  durch  einen  glücklichen
Schuß  eine  Lücke,  so  der  Student  Passauer,  der  Freund  des  Jägerwirts,
welcher,  verfolgt  durch  Husaren,  im  kritischen  Moment,  da  sein  Bauernroß  das
Hindernis  verweigert,  einen  Verfolger  vom  Pferde  schoß  und  durch  Kreuz=  und
Querhiebe  mit  dem  Degen  sich  die  Meute  vom  Leibe  haltend  glücklich  entkommt.

Zwischen  10  und  11  Uhr  des  Christtags  war  alles  vorüber,  verstummt
das  prasselnde  Gewehrfeuer,  erloschen  das  Geschrei  der  Kämpfenden.  Vom

 

Letzte  Szene  des  Kampfes  am  Kirchhof  von  Sendling.)

weiten  Leichenfeld  nur  scholl  noch  das  Röcheln  Sterbender  und  das  Jammergeschrei
  Verwundeter  oder  das  Wehklagen  der  Ortsbewohner,  denen  das  Vieh
aus  den  Ställen  getrieben  wird.  In  der  Ferne,  den  blauen  Bergen  zu,  verhallt
der  Lärm  der  Verfolgung  und  über  die  Dachfirste  springt  der  rote  Hahn
eine  braune  Rauchwolke  über  das  Dorf  wälzend  und  das  Bild  von  Mord,
Brand  und  Plünderung  vollendend.  —

Wo  in  breiten  Blutlachen  sterbende  Landeskinder  einst  verscheidend  sich
wälzten  den  Rosenkranz  um  die  kalten,  zitternden  Finger  geschlungen,  wo  ein
letztes  Vaterunser  im  stockenden  Atem  verhauchte  und  nackte  Verwundete  in
Ecken  und  Winkeln  vor  dem  Winterfrost  zitternd  sich  verkrochen,  wo  der
Hufschlag  der  Rosse  und  der  Feldschritt  stürmender  Bataillone  einst  den
Zornesausbruch  eines  zerschlagenen  Volkes  zermalmend  zu  Boden  trat,  da
rollt  jetzt  der  brausende  Verkehr  der  Großstadt.
        <pb n="303" />
        56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Main.  291

Wie  mancher  mag  im  Drange  des  alltäglichen  Treibens  und  Hastens
achtlos  an  St.  Margareta,  dem  bescheidenen  Kirchlein  von  Sendling,  vorbei
gehen  nicht  denkend,  daß  sein  Fuß  denselben  Staub  tritt,  den  eines  Heldenvolkes
  vergeblich  vergossenes  Blut  netzte.

Vergeblich  —  aber  nicht  nutzlos,  wenn  zur  Weihnachtszeit  uns  die
Glocken  des  alten  Kirchleins  in  der  Christmette  die  Worte  läuten:  „Vergeßt
der  treuen  Toten  nicht"  und  wir  im  Gedächtnis  der  Großtat  ihres  Opfertodes,
  ihres  hehren  Beispiels,  Nacheiferung  uns  geloben  mit  dem  alten

Bayerneid:  „In  Treue  fest!“"

 

 

Würzburg  mit  dem  Marienberg  von  Nordwesten  gesehen.

56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Main.
Von  Theodor  Henner.“

Von  den  Höhen  des  Fichtelgebirges  kommend  bewegt  sich  der  Main  in
stattlicher  Längenausdehnung  von  Osten  nach  Westen  durch  jene  Lande,  denen
dauernd  der  Name  Franken  verblieben  ist;  nicht  etwa  die  Urheimat  des
Frankenstammes,  sondern  ein  Gebiet,  in  das  sich  vorher  alamannische  und
thüringische  Bewohner  geteilt  hatten,  bis  durch  große  geschichtliche  Wandlungen
am  Ubergang  vom  5.  zum  6.  Jahrhundert  das  fränkische  Element  hier  schließlich
zum  herrschenden  geworden  ist.  Nicht  ohne  Grund  hat  der  Begriff  „Mainlinie“
  eine  namhafte  Bedeutung  in  der  inneren  Entwicklung  Deutschlands
gewonnen;  in  diesem  Flußgebiet  scheidet  sich  gewissermaßen  der  eigentliche
Süden  von  dem  mittleren  und  nördlichen  Deutschland.  Nicht  in  einheitlich
gestrecktem  Laufe  verfolgt  der  Main  seine  Richtung,  sondern  vielmehr  in  wiederholten
  starken  Ausbiegungen  nach  Süden  und  Norden,  und  an  einer  derselben,
ungefähr  in  der  Mitte  des  ganzen  Flußlaufes,  liegt  Würzburg,  eine  Niederlassung,
  deren  erste  Anfänge  wohl  in  graue  Vorzeit  zurückgehen,  in  jene
Zeiten,  da  keltische  Völkerschaften  als  Vorläufer  der  Germanen  das  mittlere
und  südliche  Deutschland  bewohnten.  Allein  sein  eigentliches  Licht  und  Leben
bekam  der  Ort  doch  erst  unter  dem  Einfluß  der  fränkischen  Herrschaft.

19-
        <pb n="304" />
        292  56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Mai

Zu  beiden  Seiten  des  Mains  baut  sich  Würzburg  auf  und  da  ragt
am  linken  Ufer  auf  steil  ansteigender  Felsenhöhe,  dem  Marienberg,  jene
alte  Feste  „Unser  lieben  Frauen  Berg“  empor,  welche  den  ganzen  Talkessel,
in  den  die  Stadt  gebettet  liegt,  beherrscht.  Sie  gibt  dem  ganzen  Städtebild
seinen  eigenartigen,  romantischen  Reiz,  sein  charakteristisches  Gepräge  und  steht
andern  Bergschlössern,  an  die  man  sich  unwillkürlich  erinnert  fühlen  mag,
wie  Hohensalzburg,  der  Willibaldsburg  bei  Eichstätt,  in  keiner  Weise  nach.
Deshalb  sei  dieser  auch  für  die  ganze  geschichtliche  Entwicklung  der  Stadt  so
bedeutsame  Marienberg  hier  im  Bilde  wiedergegeben.

Dort  auf  jener  Burg  herrschten  bis  zu  Beginn  des  8.  Jahrhunderts
die  unter  der  Oberhoheit  der  Frankenkönige  stehenden  fränkisch-thüringischen
Volksherzoge  über  ein  weites  Gebiet  insbesondere  gegen  Norden  hin.

Unter  ihnen  fand  als  neue  Botschaft  von  folgenreichster  Wirkung  auch  für
die  gesamte  Kultur  der  Mainlande  das  Christentum  seinen  Eingang.  Auch
hier  waren  es  britische  Mönche,  St.  Kilian  und  seine  Gefährten,  denen  das
mühevolle  Werk  gelang;  für  alle  Folgezeit  sind  sie  die  gefeierten,  volkstümlichen
Apostel  Frankens  geblieben.  Durch  den  kulturverbreitenden  Eifer  der  Mönche,
die  sich  dann  bald  dort  niederließen,  begann  jedenfalls  schon  in  sehr  früher
Zeit  der  Weinbau,  der  bis  heute  Frankens  Reichtum  und  Stolz  geblieben  ist;
gerade  an  den  Abhängen  des  Marienbergs  wächst  eine  der  edelsten  Arten.

Von  entscheidender  Bedeutung  für  Würzburgs  Zukunft  wurde  aber  die
mit  Hilfe  der  Karvlinger  bewirkte  Gründung  eines  Bischofssitzes  durch  den
großen  Organisator  der  Kirche  des  Frankenreiches,  Bonifatius,  im  Jahre  741.
Durch  diese  bischöfliche  Kirche  und  das,  was  sich  in  ihrer  Umgebung  sammelte,
erwuchs  recht  eigentlich  die  spätere  Stadt  und  zwar  so,  daß  nun  auch  auf  dem
rechten  Flußufer  eine  wohl  schon  früher  vorhandene  Ansiedelung  rasch  sich
ausdehnte  und  dann  bald  zum  Schwerpunkte  des  Ganzen  geworden  ist.

Groß  war  das  geistliche  Machtbereich  dieser  Würzburger  Bischöse;
Spessart  und  Fichtelgebirge  bildeten  die  Grenzen  gegen  Westen  und  Osten,
nördlich  reichte  es  weit  nach  Thüringen  hinein,  südlich  bis  ins  heutige
Württemberg.  Aber  auch  die  weltliche  Ausstattung  des  Bischofsstuhles  war
gleich  von  Anfang  an  eine  wahrhaft  glänzende  und  die  folgenden  Jahrhunderte
vermehrten  sie  dann  immer  noch  weiter  mit  Gütern,  mit  ganzen  Grasschaften
und  Gerechtsamen  verschiedenster  Art.  Der  Bischof  von  Würzburg  war
schließlich  der  reichste  und  mächtigste  Herr  und  Fürst  in  Franken;  in  jenem
Titel  eines  Herzogs  von  Ostfranken,  der  vom  15.  Jahrhundert  an  regelmäßig
von  ihm  geführt  wurde,  der  aber  schon  älteren  Ursprungs  ist,  hat  diese  ganze
Stellung  ihren  beredten  Ausdruck  gefunden.

Der  eigentliche  Lebensnerv  dieses  ganzen  Gebietes  war  aber  der  Flußlauf
des  Mains,  sein  Mittelpunkt  Würzburg.  Und  dieses  Würzburg  konnte,  als
man  später  aus  wohlerwogenen  Gründen  weiter  mainaufwärts  an  die  Gründung
eines  neuen  Bistums  in  Bamberg  ging  und  als  anderseits  das  später  so
        <pb n="305" />
        56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Main.  293

glänzende  Nürnberg  eben  erst  deutlicher  hervorzutreten  begann,  bereits  auf
eine  mehrhundertjährige  bedeutsame  Geschichte  zurückschauen.

In  der  Zeit  vom  8.  bis  zum  11.  Jahrhundert  begann  Würzburg  allmählich
  in  seinem  Außeren  städtisches  Aussehen  zu  gewinnen.  Zu  einer  erstmaligen
  Ummauerung  kam  es  wohl  durch  die  lange,  schwere  Ungarnnot,  die
als  schreckliche  Geißel  ein  halbes  Jahrhundert  hindurch  die  deutschen  Lande
heimgesucht  hatte,  und  diese  Eigenschaft  einer  befestigten  Stadt  hat  es  dann
durch  alle  weitere  Folge  behalten,  zuletzt  ausgestaltet  zu  einer  starken  Festung
nach  Vaubanschem  System.  Erst  in  der  zweiten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts
  wurde  im  Zusammenhang  mit  den  großen  Umwälzungen  im  Befestigungswesen,
  die  unterdessen  eingetreten  waren,  zuerst  für  die  Stadt  und  dann
auch  für  den  Marienberg  die  Festungseigenschaft  völlig  aufgehoben.

Innerhalb  jener  alten  ersten  Mauern  hatte  sich  vor  allem  der  Dom
erhoben,  ursprünglich  nur  ein  Holzbau,  dann  aber  nach  wiederholter  Zerstörung
durch  Feuer  als  Steinbau.  In  der  Zeit  zwischen  dem  11.—13.  Jahrhundert
gewann  er  in  der  Hauptsache  die  Gestalt,  die  er  heute  noch  zeigt,  einc  viertürmige
  Pfeilerbasilika,  die  durch  ihre  mächtigen  Verhältnisse,  vor  allem  in
der  Längenausdehnung  zu  den  ansehnlichsten  deutschen  Kathedralen  romanischen
  Stils  gehört.  In  der  gleichen  Stilart  erstanden  dann  noch  andere
kirchliche  Bauwerke,  die  heute  noch  als  bedeutsame  Denkmäler  dieser  Epoche
vor  uns  stehen;  so  das  stattliche  Neumünster,  dessen  westliche  Krypta  durch
St.  Kilians  Grab  zum  Nationalheiligtum  der  Franken  wurde;  sodann  die  zu
Ehren  St.  Burkards,  des  ersten  Würzburger  Bischofs,  errichtete  Kirche  im
Mainviertel  mit  ihrem  schönen  Paradies;  die  Kirche  der  Schottenmönche  usw.,
während  die  uralte  Rundkirche  auf  dem  Marienberg  damals  auch  ihre  jetzige
Gestalt  gewann.

Mit  diesem  baulichen  Heranwachsen  hielt  aber  die  politische  Bedeutung
der  Bischofsstadt  gleichen  Schritt.  Häufig  schlugen  hier  unsere  Kaiser  ihre  stets
wandernde  Hofhaltung  auf  und  hielten  wichtige  Reichstage  ab  und  wiederholt
wurden  kaiserliche  Kanzler  auf  diesen  Bischofsstuhl  erhoben.  Ihren  Höhepunkt
fand  diese  bevorzugte  Stellung  Würzburgs  in  der  Zeit  der  staufischen  Kaiser-Gern
  und  oft  hielten  sich  die  Staufer  in  dem  ihnen  gehörigen,  leider  jetzt
völlig  verschwundenen  Hof  zum  Katzenwicker  auf  und  es  war  ein  Moment
höchsten  Sonnenglanzes  in  der  Geschichte  Würzburgs,  als  in  seinen  Mauern
Kaiser  Friedrich  Rotbart  im  Jahre  1157  die  Hochzeit  mit  Beatrix
von  Burgund  feierte,  ein  Vorgang,  den  später  Tiepolos  Meisterhand  in
leuchtendem  Farbenglanz  in  den  Räumen  der  Residenz  künstlerisch  verherrlichte.
Würzburg  galt  damals  nach  den  Erzbistümern  als  das  erste  und  vornehmste
unter  den  Bistümern  des  Reiches;  hatte  doch  Kaiser  Friedrich  einen  seiner
eigenen  Söhne,  Philipp  von  Schwaben,  ursprünglich  dort  zum  Bischof  wählen
lassen.  Auch  von  einem  gewissen  poetischen  Zauber  erscheint  Würzburg
gerade  in  diesem  Zeitalter  verklärt:  nach  einer  allerdings  erst  späteren  Über-
        <pb n="306" />
        294  56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Main.

lieferung  hat  Walther  von  der  Vogelweide  hier  den  Abend  seines  vielbewegten
Sängerlebens  verbracht  und  sein  Grab  im  Kreuzgang  von  Neumünster
gefunden.

Mit  all  diesem  Glanz  nach  außen  ging  eine  bedeutsame  innere  Entwicklung
  Hand  in  Hand.  Unter  den  schützenden  und  fördernden  Einwirkungen
kaiserlicher  Privilegien  wie  auch  des  bischöflichen  Stadtregiments  reifte  allmählich
  ein  kraftvoll  selbstbewußtes  städtisches  Bürgertum  heran.  Aber  wie
es  mehr  oder  weniger  überall  in  diesen  Bischofsstädten  zu  gehen  pflegte,  kam
auch  hier  bald  die  Zeit,  da  die  Interessen  und  Ansprüche  des  bischöflichen
Stadtherrn  und  der  emporstrebenden  Bürgerschaft  auseinandergingen  und  in
feindlichen  Gegensatz  zueinander  gerieten,  zum  erstenmal  unter  dem  gewaltigen
Bischof  Hermann  I.  von  Lobdeburg  im  Jahre  1254.  Seitdem  zogen
sich  die  Bischöse  auf  ihr  Bergschloß,  die  Marienburg,  zurück  um  von  dort  aus
den  Trotz  bürgerlicher  Selbstherrlichkeit  leichter  bändigen  zu  können  und  nur
allzuoft  waren  die  beiden  gegenüberliegenden  Stadtseiten  wie  feindliche  Heerlager
geschieden,  wobei  die  Bürgerschaft  dann  gerne  bei  den  Kaisern  Anlehnung  und
Rückhalt  suchte.  Mit  wechselvollem  Erfolg  hin  und  her  wogend  zogen  sich
diese  Kämpfe  bis  zum  Jahre  1400  hin,  wo  es  der  fürstbischöflichen  Streitmacht
schließlich  gelang  in  der  Schlacht  bei  Bergtheim  einen  entscheidenden  Sieg  über
die  Bürgerschaft  zu  erringen.  Zertrümmert  lagen  damit  nun  die  lange
genährten  Hoffnungen  auf  reichsfreie  Stellung  und  Selbstherrlichkeit  zu  Boden
und  mehrfach  entschlossen  sich  bürgerliche  Geschlechter  zur  Auswanderung,  wovon
besonders  Nürnberg  Vorteil  gezogen  haben  soll.  Die  Herrschaft  des  Bischofs
war  damit  für  die  weitere  Folge  besiegelt  und  Würzburg  zu  einer  landsässigen
Stadt  geworden.

Trotz  dieser  vielfach  so  sturmbewegten  Zeitläufte  nahm  das  Wachstum
und  die  Verschönerung  der  Stadt  doch  ungestörten  Fortgang.  Auch  das
Zeitalter  der  Gotik  hat  hier  hochbedeutende  Denkmäler  geschaffen;  so  die
Kirche  der  Minoriten  in  den  herben,  strengen  Formen  der  Frühgotik;  dann
die  wundervolle,  leider  jetzt  so  ruinenhaft  gewordene  Kirche  der  Deutschherren,
vor  allem  aber  die  dem  Würzburger  tief  ins  Herz  gewachsene  Marienkapelle
am  Markt,  eine  Dichtung  in  Steinen  im  schönsten  Sinne  des  Wortes;  bald
nach  einer  grausamen  Judenverfolgung  hatte  man  sie  auf  dem  früheren
Judenplatz  gewissermaßen  zur  Sühne  dafür  erstehen  lassen.  Dazu  dann  die
stattlichen  Kurien  der  Domherren  mit  ihren  weiten  Hofräumen  und  zierlichen
Kapellen,  deren  noch  erhaltene  Reste  vielfach  von  so  malerischer  Wirkung  sind.
Allerdings  ist  vieles  davon  späteren  Umgestaltungen,  besonders  im  vorigen
Jahrhundert,  zum  Opfer  gefallen.  In  Bamberg  blieb  weit  mehr  von  solchen
alten  Höfen  erhalten.

Auch  in  der  Plastik  hatte  man  sich  in  Würzburg  allmählich  zu  achtungswerter
  Höhe  emporgearbeitet.  Sprechende  Belege  dafür  sind  die  zahlreichen
Grabdenkmäler  der  Bischöfe  im  Dom  seit  Ende  des  12.  Jahrhunderts;  wie
        <pb n="307" />
        56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Main.  295

eine  steinerne  Chronik  des  Hochstifts  muten  sie  den  Beschauer  an.  Und  da
trat  dann  gegen  Ende  des  15.  Jahrhunderts  jener  Meister  auf,  der  Würzburgs
Namen  in  der  deutschen  Kunstgeschichte  wie  wenige  verewigt  hat,  Tilman

Riemenschneider.  Seiner  Geburt  nach
ein  Westfale  war  er  in  früher  Jugend
nach  der  fränkischen  Bischofsstadt  gekommen,
  die  ihm  zur  zweiten  Heimat
werden  sollte;  in  ihren  Mauern  entwickelte
sich  sein  ganzes  künstlerisches  Wirken  und
sie  darf  ihn  darum  mit  Recht  den  Ihrigen
nennen.  Es  sind  meistens  Gegenstände
aus  dem  Bereich  religiöser  Darstellung,  in
denen  sich  sein  Schaffen  bewegt;  ergreifende
Darstellungen  des  gekreuzigten  Heilands,
liebliche  Madonnen=  und  Heiligengestalten
verschiedenster  Art;  sodann  die  meisterhaften
  Grabdenkmäler  der  Bischöfe  Rudolf
von  Scherenberg  und  Lorenz  von  Bibra
im  Dom  und  des  Schottenabtes  Johannes
Trithemius  und  vor  allem  sein  eigentliches
Meisterwerk,  das  Grabmal  des  Keiserpaares
  Heinrich  und  Kunigunde  im  Bamberger
  Dom.  Jenes  tiefinnerliche  religiöse
Gefühl,  wie  es  sich  in  engem  Zusammenhang
  mit  der  Literatur  der  Mystiker  gerade
in  Deutschland  in  so  hervorragender  Weise
herausgebildet  hatte,  fand  in  diesem  fränkischen
  Meister  einen  seiner  sinnigsten  Vertreter
  im  Reiche  der  Kunst;  eine  Stimmung,
  die  sich  vor  allem  in  der  edlen,
zarten  Gesichtsbildung  und  den  zierlichen
Händen  verkörpert  zeigt,  und  dabei  noch
als  eigenartiges  Merkmal  ein  Zug  sinnender
  Wehmut.  Riemenschneiders  Formenwelt
  ist  noch  ganz  die  der  ausklingenden
Gotik;  allein  er  gehört  doch  auch  wieder
zu  jenen  Meistern,  die  unwillkürlich  auch
von  einem  mächtigen  neuen  Zuge  ergriffen

 

Das  Grabmal  des  Abtes  Trithemius.
im  Neumünster  zu  Würzburg.

wurden  und  in  einzelnen  Werken  sich  schon  als  Jünger  der  beginnenden

Renaissance  zeigen.  1531  ist  er  gestorben.

Unbedenklich  kann  man  ihn  den

großen  Nürnberger  Meistern,  einem  Adam  Kraft  und  Veit  Stoß  an  die

Seite  stellen.
        <pb n="308" />
        296  56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Mai

Aber  nicht  nur  in  der  Kunst  sondern  auch  auf  den  wichtigsten  anderen
Gebieten  äußerten  in  jener  Zeit  des  Ubergangs  vom  15.  zum  16.  Jahrhundert
neue  Strömungen  und  Kräfte  ihre  Rückwirkung  auf  Würzburg.  Jener  überspannte
  kommunistische  Schwärmer  und  Prediger  Hans  Böhm,  genannt  der
„Pfeiferhans“,  der  in  Niklashausen  im  Taubergrund  eine  so  mächtige  Bewegung
zu  entfesseln  vermochte,  hatte  schließlich  auf  dem  Richtplatz  in  Würzburg  im
Jahre  1476  sein  tragisches  Ende  gefunden.  Er  war  einer  von  jenen  Vorläufern
  der  gewaltigen  Sturmflut  gewesen,  die  ein  halbes  Jahrhundert  nachher
über  Deutschland  hereinbrach,  jener  aus  agrarischen,  politischen  und  religiösen
Momenten  hervorgewachsenen  Revolution,  die  gemeinhin  mit  dem  Namen
Bauernkrieg  bezeichnet  wird.  Von  Schwaben  ausgehend  hat  diese  Bewegung
  in  gewissem  Sinn  ihren  Höhepunkt  in  den  fränkischen  Landen  erreicht.
Bereits  war  die  Stadt  Würzburg  auf  der  Seite  der  Aufständischen;  die  noch
einmal  wach  gewordene  Hoffnung  die  früher  vergeblich  angestrebte  Reichsunmittelbarkeit
  jetzt  erlangen  zu  können  hatte  die  Bürgerschaft  dazu  gedrängt.
Nur  noch  der  Marienberg,  verteidigt  von  dem  tapferen,  gelehrten  fürstbischöflichen
  Hofmeister  Sebastian  von  Rotenhan  und  einer  kleinen,  heldenmütigen
Schar  ragte  wild  umtost  von  den  feindlichen  Haufen  wie  ein  einsames,  letztes
Bollwerk  der  konservativen  Sache  empor,  die  freilich  nicht  ohne  eigene  schwere
Schuld  in  eine  solche  verzweifelte  Lage  gekommen  war;  nie  zu  einer  andern
Zeit  ist  die  Bedeutung  dieses  Bergschlosses  größer  gewesen.  Und  der  Entsatz,
der  dann  in  der  letzten  Stunde  endlich  herankam,  bildete  den  Wendepunkt  der
ganzen  Bewegung,  die  gewissermaßen  in  ihrem  eigenen  Blute  erstickte.

Mancherlei  andere  Gärung  und  Bewegung  hat  dieses  inhaltschwere
Jahrhundert  auch  in  seinem  weiteren  Verlaufe  noch  über  Würzburg  gebracht,
bis  gegen  Ende  desselben  hier  eine  Herrschergestalt  auftrat,  geistesstark  und
willensmächtig  genug  um  der  weiteren  Entwicklung  aller  Verhältnisse  in  der
Stadt  und  im  Hochstift  ihre  festen  Bahnen  zu  weisen,  der  Fürstbischof  Julius
Echter  von  Mespelbrunn.  Sein  mehr  als  vier  Jahrzehnte  währendes
Regiment  bedeutete  eine  umfassende,  durchgreifende  Restauration  nach  den
verschiedensten  Seiten  hin.  Einem  Zustand  von  Unklarheit  und  Schwanken
auf  religiösem  Gebiet,  wie  er  seit  Beginn  der  religiösen  Neuerungen  gerade
auch  in  den  fränkischen  Landen  eingetreten  war,  machte  er  mit  unerbittlicher
Strenge  im  Geiste  der  sogenannten  katholischen  Gegenreformation  ein  Ende;
mit  Maximilian  I.  von  Bayern  gehörte  er  zu  den  Begründern  der  Liga.  Um
für  seine  Politik  nach  dieser  Richtung  hin  einen  entsprechenden  geistigen
Rückhalt  zu  gewinnen  gründete  er  1582  die  Würzburger  Universität.
Schon  zu  einer  sehr  frühen  Zeit,  im  Jahre  1402,  war  durch  Fürstbischof
Johann  v.  Egloffstein  eine  solche  Hochschule  dort  ins  Leben  gerufen  worden.
Allein  diese  erste  Gründung  hatte  nicht  recht  Wurzel  fassen  können,  sie  welkte
früh  dahin.  Um  so  dauerhafter  und  lebenskräftiger  erwies  sich  dann  diese  Neugründung
  Julius  Echters.  Zur  Unterstützung  der  leidenden  Menschheit  rief
        <pb n="309" />
        56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Main.  297

er  seine  großartige,  heute  noch  blühende  Hospitalstiftung  ins  Leben  mit  reicher
materieller  Ausstattung.  Bei  all  diesen  Aufwendungen  fand  er  durch  seine
hervorragende  Finanzkunst  noch  die  Mittel  in  seiner  Hauptstadt  wie  in  den
Stiftslanden  als  ein  baulustiger  Herr  aufzutreten,  wie  das  in  der  ganzen
Geschichte  Würzburgs  einzig  dasteht.  Schon  längere  Zeit  war  in  der  Baukunst
die  Renaissance  zur  Herrschaft  gelangt,  wovon  in  Würzburg  sich  noch  schöne
Proben  erhalten  haben.  In  diesem  Stil  ließ  Julius  weiterbauen,  aber  mit
nochmaliger  starker  Beimischung  gotischer  Motive,  wie  das  am  merkwürdigsten
in  der  Neubaukirche  in  Würzburg  und  in  der  Wallfahrtskirche  zu  Dettelbach
zum  Ausdruck  kommt,  eine  Mischung,  die  übrigens  in  dieser  Zeit  auch  noch
anderwärts  versucht  wurde.

So  nach  allen  Seiten  hin  neu  gefestigt  vermochte  Würzburg  dann  auch
die  schwere  Zeit  des  Dreißigjährigen  Krieges,  obwohl  sie  die  Schrecken  einer
Erstürmung  des  Marienberges  und  eine  mehrjährige  schwedisch-weimarische
Zwischenregierung  mit  sich  brachte,  glücklich  zu  überdauern.  Eben  auf  diese  Erfahrungen
  hin  gingen  seitdem  die  Fürstbischöfe,  zuerst  Johann  Philipp
v.  Schönborn,  zugleich  Kurfürst  von  Mainz,  mit  allem  Eifer  daran
Würzburg  zu  einer  starken  Festung  neuen  Stils  umzugestalten.  Allein  im
großen  und  ganzen  hatte  doch  die  jetzt  folgende  Zeit  bis  zu  den  französischen
Kriegen  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  für  Würzburg  einen  friedlichen  und
glücklichen  Charakter.  Die  damaligen  Fürstbischöfe  waren  feingebildete  und  vielfach
  prachtliebende  Herren,  aber  dabei  auch  eifrige,  tüchtige  Regenten.  So  kam
dann  auch  das  Kunstleben  besonders  im  18.  Jahrhundert  nochmals  zu  hoher
Blüte.  In  der  Übergangszeit  vom  17.  zum  18.  Jahrhundert  war  zunächst  der
Barockstil  herrschend;  in  einer  Reihe  bedeutender  Bauwerke  kam  er  in  Würzburg
  zur  Anwendung,  insbesondere  durch  den  welschen  Baumeister  Antonio
Petrini,  dessen  pompöser  Neubau  der  Kirche  von  Stift  Haug  mit  der  kühn
geführten  Kuppel  sowie  auch  des  rückwärtigen  Teiles  des  Juliusspitals  diese
Kunstform  in  achtungswerter  Weise  vertreten.  Als  das  glänzendste  Gestirn
leuchtete  aber  bald  darauf  der  aus  Eger  stammende  Balthafar  Neumann,
den  man  unbedenklich  als  einen  der  genialsten  Architekten  des  kunstfrohen
18.  Jahrhunderts  bezeichnen  darf.  Die  zwei  weiteren  Fürstbischöfe,  die  Würzburg
  aus  der  Familie  Schönborn  erhalten  hat,  sind  es  gewesen,  die  dieses
Talent  erkannten  und  ihm  die  richtige  Luft  zu  seiner  vollkommenen  Entfaltung
verschafften.  Es  ist  die  unterdessen  aus  Frankreich  herübergekommene  neue
Stilrichtung  des  Rokoko,  die  dieser  Meister  gerade  hier  in  Würzburg  mit  dem
unerschöpflichen  Reichtum  seiner  künstlerischen  Phantasie  und  mit  höchster  technischer
  Virtuosität  in  ihrer  ganzen  entzückenden  Feinheit  anzuwenden  wußte.
Sein  Wirken  blieb  keineswegs  auf  Würzburg  beschränkt,  aber  immerhin  hat
es  hier  seinen  Schwerpunkt  gefunden.  Hatten  ihm  doch  seine  Schönbornschen
Mäazenaten  jenen  Auftrag  gegeben,  durch  dessen  Ausführung  er  seinen  Namen
unsterblich  machte,  nämlich  zum  Bau  einer  neuen  fürstbischöflichen  Residenz
        <pb n="310" />
        298  56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Main.

unten  in  der  Stadt,  ein  Kunstwerk,  in  mehr  als  einer  Hinsicht  epochemachend
für  die  Entwicklung  Würzburgs.

Dabei  ist  zu  bedenken,  wie  unterdessen  die  Zeit  eine  andere  geworden.
war;  mit  anderen  Augen  sah  man  gewisse  Dinge  an.  Vorüber  war  die  Zeit,
in  der  man  noch  ein  Gefühl  für  die  Romantik  der  Bergschlösser  besaß;  das
Sinnen  und  Trachten  der  fürstlichen  Herren  war  jetzt  anders  geartet.  Man
stieg  herab  von  den  alten  Burgen  in  die  Ebene  um  sich  da  neue,  glänzende
Schlösser,  vielfach  von  grandiosem  Umfang,  zu  bauen  und  man  schuf  sich
künstlich  eine  neue,  eigenartige  Natur  in  den  mächtigen  Schloßgärten  mit  ihren
architektonisch  streng  gezogenen  Baumlinien;  allem  zwang  man  gewissermaßen
den  Willen  der  absolut  gewordenen  Fürstenherrlichkeit  auf,  die  damit  sich  selbst

 

 

Das  Würzburger  Schlohß  von  Nordwest.
(Nach  „Die  Baukunst“.  W.  Spemann,  Berlin.)

verherrlichen  wollte.  So  kehrten  die  Pfalzgrafen  am  Rhein  der  alten  Heidelberger
  Romantik  den  Rücken  um  sich  in  Mannheim  und  Schwetzingen  ein
neues,  glänzendes  Heim  zu  schaffen  und  ebenso  stieg  auch  der  Fürstbischof
von  Eichstätt  von  seiner  Willibaldsburg  hinunter  in  die  Stadt,  wo  dann  um
das  neue  Fürstenschloß  sich  eine  neue  Ansiedelung  in  diesem  Stil  bildete.
So  war  es  eben  auch  hier  in  Würzburg;  seit  Beginn  des  18.  Jahrhunderts
wurde  der  Marienberg  als  Fürstensitz  verlassen.  Was  da  nun  Neumann
binnen  kurzer  Zeit  als  neue,  eines  Fürsten  würdige  Wohnung  hervorzauberte,
ist  weltbekannt  und  hat  kaum  seinesgleichen;  das  war  der  richtige  Auftrag
um  seine  ganze  künstlerische  Kraft  und  Leistungsfähigkeit  zu  erproben.  Wie  es
dann  in  solchen  Fällen  zu  gehen  pflegt,  schlossen  sich  an  dieses  gewaltige
Werk  noch  andere  Kunstleistungen  in  ebenbürtiger  Weise  an.  Für  dieses  neue
Fürstenschloß  schuf  der  Venetianer  Tiepolo  seine  berühmten  Fresken,  einzigartig
  in  der  Kühnheit  des  Entwurfs  bei  den  gewaltigsten  Raumverhältnissen
wie  auch  in  der  Leuchtkraft  des  Kolorits.  Hier  fertigte  der  aus  Tirol  herberufene
  Kunstschlosser  Oegg  jene  eisengetriebenen  Tore,  noch  heute  vielbewunderte
  Muster  dieser  Kunstfertigkeit,  während  für  den  plastischen  Schmuck,
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        56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Main.  299

besonders  auch  in  dem  daranstoßenden  reizenden  Hofgarten,  die  tüchtigen
Bildhauer  van  der  Auvera  und  Wagner  sorgten.  In  der  Tat  ein  in
seiner  Art  ganz  einzig  dastehendes  Kunstleben,  wie  es  sich  damals  in  der

 

 

Gitter  am  Würzburger  Hofgartentor  von  J.  G.  Oegg.

fränkischen  Bischofsstadt  entwickelt  hat,  so  daß  diese  Erscheinung  auch  in  der
allgemeinen  Kunstgeschichte  einen  bedeutsamen  Platz  beanspruchen  darf.  Abgesehen
von  diesem  großartigen  Hauptwerk  hat  Neumann  auch  auf  das  gesamte  Bauwesen
  in  Würzburg  umgestaltend  und  verbessernd  eingewirkt.  Diesem  Zeitraum
gehört  die  zeitgemäße  Umgestaltung  zahlreicher  Kirchen  an,  ein  Eingreifen,
das  man  ja  vom  kunstgeschichtlichen  Standpunkt  aus  nur  beklagen  kann,  das
        <pb n="312" />
        300  56.  Würzburg,  die  alte  Bischofsstadt  am  Main.

aber  doch  wieder  ein  Beweis  dafür  ist,  daß  man  die  Kraft  und  den  Trieb  zu
origineller  Neugestaltung  in  sich  fühlte.

Unter  dem  feingebildeten  Fürstbischof  Adam  Friedrich  v.  Seinsheim
fanden  die  jene  Zeit  mehr  und  mehr  beherrschenden  Ideen  der  Aufklärung
auch  hier  Aufnahme  und  Verbreitung;  insbesondere  wurde  das  Volksschulwesen
durch  Gründung  eines  Schullehrerseminars  gefördert.  Nicht  minder  traf  aber
auch  für  zeitgemäße  Hebung  und  Förderung  der  Universität  verständnisvolle
Fürsorge  Seinsheims  Nachfolger  Franz  Ludwig  v.  Erthal,  unter  dem  mit
großer  Prachtentfaltung  ihre  zweite  Säkularfeier  begangen  wurde.  Die  hohe
Blüte  des  Medizinstudiums,  die  ja  später  als  ein  charakteristisches  Merkmal
dieser  Hochschule  erscheint,  geht  in  ihren  Anfängen  bis  in  diese  Zeit  zurück.
Da  begannen  u.  a.  die  Gelehrtenfamilien  der  Siebold  und  Heine  ihr
gefeiertes  Wirken;  Philipp  Franz  v.  Siebold,  der  nachherige  berühmte  Japanforscher
  erblickte  hier  1796  das  Licht  der  Welt;  Johann  Georg  Heine  bekam
einen  Weltruf  als  Begründer  der  Orthopädie.

Franz  Ludwig  von  Erthal,  unter  dem  zum  letztenmal  die  Herrschaft
über  die  beiden  Nachbarbistümer  Würzburg  und  Bamberg  in  einer  Hand  vereinigt
war  —  sechsmal  ist  es  im  ganzen  der  Fall  gewesen  —,  zählte  zu  den  trefflichsten
  Fürsten  in  jenen  letzten  Zeiten  des  alten  Deutschen  Reiches,  ein  wahres
Muster  eines  erleuchteten  und  gewissenhaften  Regenten.  Aber  die  vom  westlichen
Nachbarlande  heranziehenden  Stürme  brachten  dann  im  Verlauf  weniger  Jahre
die  schwersten  Erschütterungen  und  den  Zusammenbruch  der  ganzen  alten
Ordnung.  Nur  von  vorübergehender  Wirkung  war  der  ganz  in  der  Nähe
von  Würzburg  erfochtene  glorreiche  Sieg  der  deutschen  Waffen  unter  Erzherzog
  Karl  im  Jahre  1796  gewesen;  bereits  6  Jahre  später  sah  sich
Fürstbischof  Georg  Karl  v.  Fechenbach  durch  den  allgemeinen  Umschwung,
wie  ihn  der  Friede  von  Lunéville  zur  Folge  hatte,  veranlaßt  in  einer  ergreifenden
  Proklamation  von  seinen  Untertanen  Abschied  zu  nehmen.  Die
geistlichen  Staaten,  diese  eigentümlichen  Gebilde  des  alten  Deutschen  Reiches,
hatten  aufgehört  zu  sein  und  damit  kam  nun  auch  für  Würzburg  eine  ganz
neue  Zeit.

Zuerst  griff  die  Herrschaft  des  pfalzbayerischen  Kurhauses  in  den  beiden
fränkischen  Nachbarhochstiftern  Platz;  aber  während  Bamberg  nun  dauernd  in
diesem  Verhältnis  verblieb,  wurde  Würzburg  vorübergehend  noch  einmal  zum
Mittelpunkt  eines  eigenen  Staatswesens,  das  man  für  den  früheren  Großherzog
  von  Toskana  neu  gebildet  hatte,  das  Großherzogtum  Würzburg,
eines  jener  ephemeren  staatlichen  Gebilde  der  Rheinbundszeit,  dessen  Dasein
darum  auch  mit  der  Macht  des  Protektors  Napoleon  stand  und  fiel.  Darauf
trat  zum  zweitenmal  und  dauernd  die  Herrschaft  Bayerns  ein  und  7  Jahre
nach  diesem  für  die  ganze  weitere  Entwicklung  Würzburgs  so  bedeutsamen
Ereignis  wurde  hier  in  den  Räumen  der  herrlichen  Residenz  im  Jahre  1821
der  Wittelsbacher  geboren,  in  dessen  Händen  gegenwärtig  die  Leitung  Bayerns
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        57.  Der  Kurfürstliche  Hofbaumeister  Franz  Cuvilliés  der  Ältere.  301

liegt,  unser  Prinzregent  Luitpold,  ein  Umstand,  der  nur  dazu  beitragen
konnte,  unsere  fränkischen  Lande  und  ihre  alte  Hauptstadt  noch  enger  mit
Bayerns  edlem,  erlauchtem  Herrscherhause  zu  verbinden.

57.  Der  Kurfürstliche  Hofbaumeister  Franz  Cuvillies
der  Altere.

Von  Karl  Trautmann.“"

Der  13.  August  des  Jahres  1704  war  ein  Unglückstag  für  unser
Bayerland.  Seit  der  Morgenfrühe  standen  bei  Höchstädt  die  Ssterreicher  und
Engländer  in  heftigem  Kampfe  den  Heerhaufen  der  verbündeten  Bayern  und
Franzosen  gegenüber.  Der  Augenblick  war  gekommen,  der  über  die  Vorherrschaft
  in  Deutschland  zwischen  Habsburg  und  Wittelsbach  entscheiden  sollte.

Mit  einer  selbst  von  seinen  Feinden  bewunderten,  sieghaften  Todesverachtung
  warf  sich  Max  Emanuel  den  in  endlosen  Scharen  anstürmenden
Panzerreitern  entgegen  und  brachte  sie  in  stundenlangem,  gewaltigem  Ringen
dreimal  zum  Weichen.  Doch  alle  seine  Tapferkeit  war  umsonst.  Das  überlegene
  Feldherrntalent  seines  großen  Gegners,  des  Prinzen  Eugen,  obsiegte,
und  als  die  Sonne  hinabsank  hinter  den  bewaldeten  Donauhöhen,  da  war  die
Niederlage  der  Bayern  und  Franzosen  entschieden,  eine  der  blutigsten  Schlachten
war  geschlagen  und  Bayern  auf  Jahre  hinaus  dem  Feinde  preisgegeben.

Drei  Tage  später  schrieb  Max  Emanuel  im  Angesichte  von  Ulm  jenen
Brief  an  Ludwig  XIV.,  in  welchem  er  seinem  Bundesgenossen  Kunde  gab,
daß  das  Kriegsglück  gegen  ihn  entschieden  habe.

Damit  begann  für  den  hochstrebenden  Fürsten  fernab  von  Bayern  ein  unstätes
  Wanderleben,  das  ihn  auf  ein  Jahrzehnt  nach  Paris  und  in  die  Niederlande
  führte,  deren  Besitz  ihm  von  Frankreich  zugesichert  war.  Am  1.  Oktober
hielt  er  seinen  Einzug  in  Brüssel.

Zu  seinem  neuen  Herrschergebiete  gehörte  auch  das  Landstädtchen
Soignies  an  der  großen  Heerstraße,  die  von  Brüssel  über  Mons,  der
Heimat  unseres  gewaltigen  Tondichters  Orlando  di  Lasso,  nach  der  französischen
Grenze  führt.  Es  ist  ein  stiller,  gartenreicher  Ort,  der  sich  um  den  alten
Zisterzienserbau  seines  Kollegiatstiftes  lagert  und  dessen  fleißige  Bevölkerung
ihren  Erwerb  aus  den  Granitbrüchen  zieht,  die  unweit  des  Städtchens
zutage  treten.

In  Soignies  nun  war  es,  wo  am  23.  Oktober  1695  der  Mann  geboren
wurde,  dem  es  auf  seinem  Lebensgange  beschieden  war  der  Münchener
Kunst  des  18.  Jahrhunderts  den  Stempel  seines  Geistes  tiefer  einzuprägen,
als  irgend  einer  seiner  altbayerischen  Zeitgenossen  es  vermochte,  und  dessen
Name  an  erster  Stelle  genannt  werden  muß,  wenn  von  dem  Schaffen  jener
Tage  die  Rede  ist  —  Franz  Cuvilliéès  der  Altere,  der  Schöpfer  der
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        302  57.  Der  Kurfürstliche  Hofbaumeister  Franz  Cuvilliés  der  Altere.

Amalienburg,  der  Reichen  Zimmer,  des  Residenztheaters  und  so  vieler  hervorragender
  Privatbauten  Münchens,  der  Meister  und  Bahnbrecher  des  Rokoko
in  Altbayern.

Die  Cuvilliks,  die  heute  nur  noch  als  schlichte  Handwerker  in  dem
belgischen  Städtchen  leben,  waren  vordem  angesehen  in  Soignies.  Sie  gehörten
zum  Amtsadel  und  sind  wohl  hierdurch  bald  zu  ihrem  neuen  Landesherrn  in
Beziehungen  getreten.  Wie  dem  auch  sei,  so  viel  steht  fest,  daß  Max  Emanuel
um  das  Jahr  1706  den  damals  11  jährigen  Cuvilliés  in  seinen  Hosstaat
aufnahm  und  zwar,  wie  der  Sohn  des  Meisters  erzählt,  als  Edelknaben.
Doch  die  Akten  berichten  anders.  Aus  ihnen  ergibt  sich,  daß  der  geniale
Künstler  an  Körperbau  ein  Zwerg  gewesen  ist  und  daß  wahrscheinlich  dieser
Umstand  allein  den  Kurfürsten  veranlaßte  dem  Knaben  seine  Aufmerksamkeit
zuzuwenden.

Es  ist  ein  weiter  Weg  vom  Hofzwergen  bis  zum  Schöpfer  der  Amalienburg.
  Und  daß  die  kunstsinnigen  Wittelsbacher  es  gewesen,  die  ihm  diesen
Weg  geebnet,  die  ihm  das  mühsame  Emporringen  aus  kleinlichen,  unfreien
Verhältnissen  erspart  und  ihn  hinausgehoben  zu  menschenwürdigem  Dasein
und  freier  Künstlerschaft,  das  hat  er  ihnen  nie  vergessen.  Jahrzehnte  später,
als  er  der  weithin  gefeierte  Meister  geworden  und  mehrere  deutsche  Fürsten
ihm  das  Vierfache  dessen  boten,  was  er  in  Bayern  als  Besoldung  genoß,
wenn  er  sich  entschließen  würde  München  zu  verlassen,  da  wies  er  alle  diese
glänzenden  Anerbietungen  zurück,  trotzdem  seine  Vermögensverhältnisse  mehr
als  bescheiden  waren.  In  dem  kleinen  Manne  scheint  eben  eine  vornehme,
großdenkende  Seele  gewohnt  zu  haben,  der  die  Pflicht  der  Dankbarkeit  für
das,  was  ihm  sein  Gönner  Gutes  erwiesen,  die  erste  Pflicht  war.  Und  so
widmete  er  unter  drei  Regenten  sein  reiches  Können  unserem  Fürstenhause,
für  das  er  seine  herrlichsten  Werke  geschaffen  hat.

Kurfürst  Max  Emanuel  war  ein  väterlicher  Beschützer  für  den  jungen
Cuvillièés,  dessen  hervorragende  geistige  Begabung  er  bald  erkannte.  Er  ließ
ihm  eine  glänzende  Erziehung  angedeihen  und  ernannte  ihn,  da  er  zuerst
Ingenieuroffizier  werden  sollte,  zum  Fähnrich  im  Leibregimente.  Als  aber
der  Kommandeur  gegen  diese  Verwendung  mit  dem  Bedeuten  Protest  einlegte,
daß  Cuwvilliss  als  Zwerg  diesem  Elitekorps  zu  geringem  Ansehen  gereichen
würde,  da  war  der  Kurfürst  rasch  entschlossen  und  sandte  seinen  Schützling
nach  Paris  um  ihn  in  der  königlichen  Bauakademie  zum  Architekten  ausbilden
zu  lassen.  Damit  hat  zwar  das  Leibregiment  einen  Leutnant  verloren,  München
aber  einen  Cuvilliès  gewonnen.

Als  Cuvilliès  1720  nach  der  französischen  Hauptstadt  kam,  war  er  24  Jahre
alt.  Es  ist  das  Paris  der  Regencezeit,  in  das  er  versetzt  wird,  die  Stadt
mit  ihrem  tollen,  lustigen  Leben,  ihren  feinen,  anmutigen  Gesellschaften,  den
Börsenspekulationen,  die  das  Geld  in  Menge  auf  den  Markt  werfen,  das  Paris,
das  vom  Banne  der  würdevollen  Etikette  Ludwigs  XIV.  befreit  auf  allen  Gebieten
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        57.  Der  Kurfürstliche  Hofbaumeister  Franz  Cuvilliés  der  Ältere.  303

des  Schaffens  nach  neuen  Gestaltungen  ringt.  Bei  den  intimen  politischen
Beziehungen,  die  zwischen  Versailles  und  München  bestanden,  waren  die  jungen
Bayern,  die  zu  ihrer  künstlerischen  Ausbildung  nach  Paris  kamen,  und  dank
der  Freigebigkeit  Max  Emanuels  waren  es  ihrer  viele,  gern  gesehene  Gäste
in  der  französischen  Hauptstadt.  Und  da  der  Name  unseres  Kurfürsten  einen
guten  Klang  hatte  in  den  dortigen  Künstlerkreisen,  so  fehlte  es  dem  jungen
Cuvilliés  gewiß  nicht  an  Anschluß  und  Anregung.

Ein  glänzendes,  temperamentvolles  Kunstleben  umwogt  den  Lernbegierigen,
ein  Kunstleben,  imponierend  durch  das  prächtige  Zusammenwirken  auf  allen
Gebieten,  anregend  und  belehrend  anderseits  durch  die  Kontroversen,  die  in
geistvoller  Polemik  die  gegensätzlichen  Anschauungen  in  künstlerischen  Fragen
zum  Ausdruck  bringen.  Überall  sprüht  und  gärt  es.  Man  hat  sich  von  der
schweren  Pracht  der  Versailler  Schule  losgemacht,  die  in  dem  italienischen
Barockstil  wurzelt;  man  drängt  in  architektonischen  und  ornamentalen  Dingen
einer  neuen  Entwicklung  entgegen,  die  bestrebt  ist  den  veränderten  Lebens=  und
Gesellschaftsformen  gerecht  zu  werden.

Der  Hauptzug  dieser  Entwicklung  geht  auf  die  Bequemlichkeit,  die  Einfachheit
  und  die  Leichtigkeit.  Man  verlangt  bequeme  und  künstlerisch  durchdachte
  Anordnung  des  Grundrisses,  an  den  Fassaden  ist  Klarheit  und
Einfachheit  die  Hauptsache,  jede  Überladung  mit  Architekturgliedern  und
Skulpturenschmuck  wird  strenge  verpönt  und  für  die  Ausstattung  der  Innenräume
  gilt  fortan  ein  Prinzip,  das  in  den  Worten  „leicht  und  licht“  am
besten  seinen  Ausdruck  findet.

Die  Frage,  die  damals  die  Architektenwelt  der  französischen  Landeshauptstadt
  am  lebhaftesten  beschäftigte,  war  die  vollendete  Gestaltung  des
Privatbaues,  des  Adelspalastes  sowohl  wie  des  Bürgerhauses.  In  jenen
Tagen  wurde  ihr  Typus  festgelegt  und  in  dem  gewaltigen  Aufschwunge  der
Pariser  Bautätigkeit  in  allen  seinen  Variationen  mustergültig  zum  Ausdruck
gebracht.

Daß  Cuvilliécs  während  seines  Aufenthaltes  diese  Bewegung  offenen
Auges  verfolgte  und  aus  ihr  gewinnbringende  Belehrung  zog,  beweisen  seine
Münchener  Palastbauten,  die  wohl  mit  zu  dem  Besten  gehören,  was  im
Deutschland  des  18.  Jahrhunderts  auf  diesem  Gebiete  geleistet  wurde.  Cuvilliés
hat  die  Wandlung  der  Kunstweise  des  Zeitalters  Ludwigs  XIV.  zum  Rokoko
an  der  Geburtsstätte  des  Stiles  miterlebt  und  er  ist  in  München  der  Verkünder
  der  neuen  Richtung  geworden.

Mit  der  Anstellung  als  Kurfürstlicher  Hofbaumeister,  welche  am  15.  September
  1725,  also  6  Monate  vor  dem  Ableben  seines  Gönners  Max  Emanuel,
erfolgt  und  Cuvillies,  vorerst  mit  einem  Jahresgehalte  von  600  Gulden,
dauernd  an  Altbayern  fesselt,  nehmen  seine  Wanderjahre  ein  Ende  und  ein
Schaffen  beginnt  nunmehr,  das  ihn  bis  zu  seinem  Tode  am  14.  April  1768
zum  Mittelpunkte  des  Münchener  Kunstlebens  machen  sollte.
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        304  Der  Kurfürstliche  Hofbaumeister  Franz  Cuvillies  der  Ältere.

Als  Max  Emanuel  im  Jahre  1680  als  selbständiger  Gebieter  die
Regierung  übernahm,  herrschte  in  Stadt  und  Land  noch  der  italienische
Barockstil,  der  besonders  durch  den  Einfluß  der  Mutter  des  Kurfürsten,
Adelaide  von  Savoyen,  in  ganz  Altbayern  festen  Fuß  gefaßt  hatte.
Italienische  Architekten  sind  es,  welche  nach  München  kommen  um  die  Bauten
zu  entwerfen  und  auszuführen,  die  dieser  Kurfürstin  ihre  Entstehung  verdanken.
Am  14.  April  1663  trifft  der  Bolognese  Agostino  Barelli  ein  um  die
Theatinerkirche  zu  errichten;  der  gleiche  Meister  plant  das  alte  Schloß  in
Nymphenburg,  den  jetzigen,  allerdings  stark  veränderten  Mittelbau.  Wiederum
beginnt  eine  Invasion  von  Italienern,  die  mächtigste,  die  Altbayern  seit
Herzog  Wilhelms  V.  Tagen  gesehen.  Und  zwar  zogen  jetzt  nicht  mehr
einzelne  Meister  über  die  Alpen,  sondern  ganze  Familien  von  Künstlern  und
Handwerkern.  Damals  setzten  sich  bei  uns  die  Viscardi  fest,  die  Perti,
Andreota,  Riva,  Porta,  die  Sciassa,  Appiani  und  wie  die  Welschen  alle  heißen,
die  in  der  Folge  an  den  Bauunternehmungen  des  Hofes  und  nicht  minder
beim  Kirchen=  und  Prälaturenbau  unseres  Alpenvorlandes  eine  so  hervorragende
  Rolle  spielten.  Und  damals  war  auch  der  Meister  nach  München
gekommen,  welcher  dem  ersten  Baugedanken  des  jungen  Fürsten,  dem  neuen
Schlosse  in  Schleißheim,  feste  Form  gab  und  der,  wenigstens  bis  zum  Jahre
1704,  den  maßgebenden  Einfluß  in  allen  Unternehmungen  des  Hofes  ausübte
—  der  Graubündner  Eurico  Zuccali.

Ein  erstklassiger  Künstler  ist  Zuccali  nicht  gewesen,  aber  ein  tüchtiger,
formensicherer  Architekt,  der  es  allezeit  trefflich  verstand  den  vielseitigen  Wünschen
seines  Auftraggebers  sich  anzupassen  und  der  auch  im  Kirchenbau  seinen  Mann
stellte.  Seit  1675  liegt  die  Vollendung  der  Theatinerkirche  in  seiner  Hand
und  später  leitet  er  in  Kloster  Ettal  jenen  Chorbau,  durch  dessen  Ausführung
Max  Emannel  das  Andenken  seines  kaiserlichen  Ahnherrn  ehrte.  Und  noch  im
Auftrage  des  Kurfürsten  Ferdinand  Maria  entwirft  er  für  den  Gnadenort
Altötting  die  Pläne  zu  einer  mächtigen,  die  Heilige  Kapelle  als  Rotunde  überwölbenden
  Wallfahrtskirche,  die  freilich  schon  in  den  Anfängen  liegen  blieb.
Vor  allem  aber  widmet  er  sich  Jahre  hindurch  dem  Schloßbau  in  Schleißheim,
der  in  seinen  fortgesetzt  wechselnden  Projektierungen  so  recht  ein  Spiegelbild
von  Max  Emanuels  unstätem  Wollen  und  Charakter  geworden  ist.

Was  Zuccali  und  seine  Heimatgenossen  Bayern  vermittelten,  war  eigentlich
Kunst  von  gestern,  etwas  bereits  Veraltetes  und  Uberholtes,  das  bald  von  dem
mächtigen  Einfluß  Frankreichs  in  den  Hintergrund  gedrängt  wurde

Nicht  die  imponierende  Herrschergestalt  Ludwigs  XIV  allein  wirkte
damals  so  blendend  auf  ganz  Europa,  nicht  sein  kriegerischer  Erfolg,  es  war
der  ohnegleichen  dastehende  und  durch  den  Gegensatz  mit  dem  Elend  des
Dreißigjährigen  Krieges  noch  mehr  gehobene  Aufschwung  auf  wirtschaftlichem,
literarischem  und  künstlerischem  Gebiete,  der  die  Kulturländer  in  den  Bann
Frankreichs  zwang,  zum  letzten  nicht  unser  Bayern,  das  seit  langem  schon  den
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        57.  Der  Kurfürstliche  Hosbaumeister  Franz  Cuvillies  der  Ältere.  305

Mittelpunkt  der  französischen  Politik  bildete.  Auch  Max  Emanuel  strebte  nach
einer  solchen  Kunstblüte,  die  zugleich  der  Verherrlichung  des  Fürsten  und  dem
Volkswohlstande  diente,  und  hat  sie,  besonders  nach  seiner  Rückkehr  aus  der
Verbannung  im  Jahre  1715,  nach  seinem  Sinne  zu  verwirklichen  versucht
durch  intensive  Ausbildung  der  einheimischen  Kräfte  in  den  Werkstätten  der
tonangebenden  Pariser  Meister  der  Kunst  und  des  Kunstgewerbes.

Gewann  zwar  damit  die  französische  Kunstweise  bei  uns  immer  mehr  an
Boden,  so  ist  es  zu  einer  Berufung  ausländischer  Architekten  doch  nicht  mehr
gekommen.  Denn  auch  Cuvillikcs  war  für  Max  Emanuel  kein  Fremder,  er
galt  ihm  als  Landeskind  jenes  Großbayern,  das  die  spanischen  Niederlande
umfaßte  und  von  dem  der  Fürst  in  hochfliegender  Hoffnung  so  oft  geträumt
am  verglimmenden  Wachtfeuer,  in  einsamen  Lagerstunden,  als  er  noch  auf  sein
stolzes  Heer  blickte,  vor  der  Höchstädter  Niederlage.

An  Stelle  Zuccalis  tritt  ja  in  der  obersten  Leitung  des  Hofbauamtes  der
urwüchsige  Dachauer  Gärtnersohn  Joseph  Effner,  der  Begabtesten  einer  aus
jenem  so  mächtig  und  schaffensfroh  heranwachsenden  Kreise  junger,  einheimischer
Meister,  die  nunmehr  zu  Worte  kommen  und  den  Ruhm  der  bodenständig  altbayerischen
  Kunst  hinaustragen  sollten  in  alle  Welt.  Jene  schlichten,  uns  schier
sagenhaft  gewordenen  Männer:  der  geniale  Johann  Michael  Fischer,  die
Gebrüder  Asam  und  so  viele  andere,  die  ihre  begeisterten  und  opferfreudigen
Auftraggeber  in  den  großsinnigen,  aus  unserem  kernigen  Bauern=  und  Bürgertum
hervorgegangenen  Prälaten  fanden,  die  in  Monumentalität  der  Baugesinnung
ess  Fürsten  gleichtaten.  Und  jubelnd  drängen  sich  uns  die  Namen  der  stolzen
Kirchen  und  Klöster  auf  die  Lippen,  die  draußen  Wache  halten  vor  unseren
Bergen:  Rott  am  Inn,  Diessen,  das  hochragende  Andechs,  Ettal,  Berg  am  Laim
—  ein  Hohelied  der  Schönheit,  dem  das  Altbayern  des  18.  Jahrhunderts
mitverdankt,  daß  es  selbstbewußt  und  ebenbürtig  treten  kann  neben  die  gleichzeitigen
  Werke  anderer  deutscher  Stämme  auf  anderen  Gebicten  unserer
Geisteskultur.  Nicht  Lessings  Nathan  der  Weise  allein,  auch  Glucks  Iphigenie
und  Mozarts  Schöpfungen,  auch  Effners  wunderbarer  Dom  zu  Ottobeuern,
jene  Raumdichtung  sondergleichen,  bedeuten  Großtaten  deutschen  Geistes,
Geistestaten  des  katholischen  Bayernstammes.

Der  ganze  Umfang  von  Cuwvilliès'  Wirken  ist  von  der  Forschung  noch
lange  nicht  klargelegt;  nur  was  mit  urkundlicher  Sicherheit  ihm  zugehört,  mag
erwähnt  werden.  Zunächst  in  München  der  Palast  des  Grafen  Piosasque
de  Non  (Theatinerstraße  Nr.  16)  und  das  jetzige  erzbischöfliche  Palais  an  der
Promenadestraße,  zwei  Bauten  von  eigenartig  vornehmem  und  von  dem
Pariser  Typus  stark  abweichendem  Gepräge,  die  für  den  jugendlichen  Künstler
einen  vollen  Erfolg  bedeuteten.  Denn  trotzdem  Effner  gleichzeitig  in  dem
Palaste  des  Grafen  Preysing  (der  jetzigen  Hypothekenbank  neben  der  Feldherrnhalle)
  auf  gleichem  Gebiete  eine  Meisterleistung  schuf,  blieb  Cuvilliés  fortan

Kronseder.  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  20
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        306  57.  Der  Kurfürstliche  Hofbaumeister  Franz  Cuvillies  der  Ältere.

für  die  Bedürfnisse  der  vornehmen  Kreise  die  maßgebende  Persönlichkeit  und
errichtete,  wie  uns  sein  Sohn  erzählt,  „eine  große  Anzahl  Häuser“.

Zum  ersten  Male  ganz  selbständig  am  kurbayerischen  Hofe  arbeitend,
tritt  er  uns  in  dem  Neubau  und  der  inneren  Ausstattung  der  sogenannten
Reichen  Zimmer  entgegen.  Wohl  jedem  Besucher  der  Münchener  Residenz
bleibt  der  lauschige  Grottenhof  unvergeßlich,  jenes  grünende  Idyll  miit  seiner
kühlen  Muschelhalle,  dem  plätschernden  Brunnen  und  dem  zierlichen  Bilderschmuck.
  In  den  Räumen,  welche  diesen  reizenden  Fleck  Erde  umgeben,  hatte
schon  der  Erbauer  der  Residenz,  Kurfürft  Maximilian  I.,  seinen  Wohnsitz  aufgeschlagen
  und  zwar  gerade  da,  wo  die  Reichen  Zimmer  sich  befinden,  in
jenem  Südflügel,  dessen  Fenster  diesseits  in  den  Grottenhof  hinabgingen,
auf  der  anderen  Seite  aber  den  Ausblick  gewährten  über  den  bis  an  das
ehemalige  Franziskanerkloster  sich  hinziehenden,  sogenannten  Schönen  Garten
und  seine  Laubengänge  und  Wasserwerke.  Auch  Max  Emanuel  war  diesen
Räumen  treu  geblieben  und  hatte  sie  zweimal  seinem  wechselnden  Geschmacke
folgend  ausstatten  lassen,  zuerst  1680—1704  durch  Zuccali  italienisch  und
später  dann  kurz  vor  seinem  Tode  französisch  durch  Effner.  Ein  Brand,  der
am  22.  Dezember  1729  diese  Zimmer  zerstörte,  war  die  Veranlassung  zu  ihrer
Neugestaltung  durch  Cuwvilliés.

Die  Aufgabe,  welche  der  Meister  zu  lösen  hatte.  war  räumlich  keine
ausgedehnte.  An  Stelle  der  vernichteten  Gelasse  sollten  sogenannte  „Chambres
de  parade“  treten,  also  eine  Zimmerflucht,  die  in  erster  Linie  der  Repräsentation
  bei  Empfängen  zu  dienen  hatte.  Erweitert  war  das  alte  Programm
durch  einen  neu  zu  erbauenden  Flügel  für  einen  großen  Festsaal,  der  zugleich
Gemäldegalerie  ist,  und  für  eine  Prachtstiege,  welche  den  direkten  Zugang
zu  letzterer  vermittelte.  Die  Bauzeit  dauerte  sieben  Jahre.  Am  4.  November
  1737,  am  Namenstage  des  Kurfürsten  Karl  Albert,  öffneten  sich  die
von  2000  Wachskerzen  feenhaft  erleuchteten  Räume  den  zum  Feste  geladenen
Gästen.

Hier  hat  Cuvilliécs  ohne  irgend  welches  Raffinement  in  der  Grundrißbildung
  aus  einer  Flucht  rechteckiger  und  quadratischer  Räume  Interieurs
geschaffen  von  einem  Reichtum  und  einer  Vornehmheit,  wie  sie  sonst  in  Deutschland
  sich  nirgends  wiederfinden.

Und  doch  war  des  Meisters  Begabung  noch  einer  Steigerung  fähig.

Cuvilliès'  Entwürfe  für  die  Reichen  Zimmer  befriedigten  Karl  Albert  in
hohem  Maße.  Numn  endlich  hatte  die  leidenschaftliche,  so  ganz  lyrische  Natur
des  sensiblen  Fürsten  den  Genius  gefunden,  der  sein  Schönheitsideal  —  die
Vereinigung  von  höchster  Pracht  mit  vollendeter  künstlerischer  Eleganz  nicht
in  mächtigen  Hallen  und  weiten  Sälen,  sondern  im  kleinsten  Raume  —  zu
verkörpern  verstand.  Und  als  er  kurze  Zeit  später,  im  Jahre  1734,  zu  Ehren
seiner  Gemahlin,  der  Kaisertochter  Maria  Amalia,  ein  Lusthaus  für  Gartenfeste
  und  Konzerte  in  linden  Sommernächten  plante,  das  in  seiner  Silber-
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        57.  Der  Kurfürstliche  Hofbaumeister  Franz  Cuvilliés  der  Altere.  307

dekoration  etwas  ganz  Neues  werden  sollte,  da  war  es  wieder  sein  Lieblingsarchitekt,
  der  einen  Bau  schuf,  der  des  Meisters  Ruhm  im  Volke  lebendig
erhielt.

Wenn  heute  der  Name  Cuvilliès  genannt  wird,  so  denken  wir  Münchener
zunächst  an  die  Amalienburg,  die  für  uns  gleichsam  untrennbar  verbunden  ist
mit  der  Erinnerung  an  die  fröhliche,  selige  Kinderzeit,  da  wir  hinausgewandert
mit  Eltern  und  Geschwistern  in  den  Nymphenburger  Park,  zu  dem  in  lauschigem
  Waldesgrün  so  versteckten,  geheimnisvollen  „Silberschlößchen“.  Dorthin
lenke  deine  Schritte,  etwa  im  Spätherbst,  wenn  die  letzten  Strahlen  der

 

 

Die  Amalienburg  im  Nymphenburger  Schloßgarten.
(Nach  „Die  Baukunst“.  W.  Spemann.  Berlin.)

sinkenden  Sonne  durch  das  Gewirre  der  Stämme  glühen  und  nichts  die  Stille
ringsum  unterbricht  als  der  leise,  melancholische  Zug  der  fallenden  Blätter,
und  versenke  dich  in  ihren  Anblick.

Es  ist  nur  eine  einfache  Fassade,  die  sich  vor  dir  erhebt,  ausgestattet
mit  den  bescheidensten  Mitteln,  und  die  manchem  vielleicht  nichts  weiter  ist  als
ein  Wechsel  von  Fenstern  und  Mauerflächen.  Und  doch,  welch  holder  Rhythmus
in  dieser  Schöpfung!  Es  liegt  etwas  wie  Musik  in  ihr,  das  uns  des  Meisters
innerstes  Wesen  erschließt:  jenes  entzückende  Maßhalten  bei  aller  überquellenden
Gestaltungsfülle,  jenes  vollendete  Gleichgewicht  zwischen  architektonischer  Gliederung
  und  leichtbeschwingtem  Ornament,  welches  selbst  den  verwirrendsten
Reichtum  in  vollendete  Harmonien  löst.  Und  nun  öffnet  uns  der  freundliche
Diener  die  Flügeltüren  und  schauend  und  bewundernd  treten  wir  in  das
Innere.

Ein  Gleißen  und  Schillern  und  Flimmern  ringsum  nimmt  uns  gefangen,
ein  zuckendes  Aufleuchten  von  Silberblitzen  auf  dem  gelben  Grunde  der
Gemächer  und  den  in  Kristallspiegeln  sich  auflösenden  Wänden  des  Kuppel-20“
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        308  57.  Der  Kurfürstliche  Hofbaumeister  Franz  Cuvilliés  der  Altere.

saales,  eine  traumselige  Stimmung,  die  am  Tage  schon  uns  ahnen  läßt,  welch
Bild  von  märchenhaftem  Zauber  erwachen  wird  unter  den  tausendfältigen
Strahlen  der  Lüster  und  Girandolen.  Es  ist  eine  berückende  Symphonie  in
Silber,  die  uns  umschmeichelt,  das  Höchste,  dessen  die  Kunst  des  Rokoko
überhaupt  fähig  war.

Und  dieser  Zauber  ist  dem  Werke  des  unscheinbaren  Zwergleins  geblieben
bis  heute.  Selbst  in  jenen  Tagen,  als  der  pietätlose  Bildersturm  anhob  in
Wort  und  Tat  gegen  alles,  was  das  kunstfreudige  Jahrhundert  des  Barock
und  Rokoko  in  Altbayern  geschaffen,  da  ist  keiner  aufgestanden  zum  Kampfe

 

 

 

 

 

Grundriß  der  Amalienburg.

4.  Spiegelsaal.  Gelbes  Kabinett,  C.  Blaues  Kabinett,  D.  Retirade,  E.  Zundezimmet.
F.  Vorplatz,.  G.  Jagdzimmer,  K.  Indianisches  Kabinett,  J.  Küche
(Nach  „Die  Baukunst“.  W.  Spemann,  Berlin.)

gegen  die  Amalienburg.  Sie  alle,  mochten  sie  nun  Klassizisten  sein  oder
Romantiker,  haben  instinktiv  gefühlt,  was  unser  für  die  Denkmale  bayerischer
Vergangenheit  so  warmempfindender  König  Ludwig  I.  durch  seine  Vorliebe  für
den  Bau  zum  Ausdruck  brachte  —  daß  das  Meisterwerk  Cuvilliès'  zu  jenen
Schöpfungen  gehört,  die  man  weder  ändern  noch  bessern,  die  man  in  ihrer
unvergleichlichen  Eigenart  eben  nur  genießen  kann.

Wie  ist's  so  still  und  feierlich  da  draußen  im  Schatten  der  alten,  würzigen
Fichten,  unter  denen  wohl  schon  der  Meister  geträumt  von  neuen  Werken  oder
von  den  Schicksalen  und  Sorgen  seines  Lebens.  Aber  wer  vermag  noch  zu
ergründen,  was  sein  Innerstes  bewegte  in  jenen  Stunden,  da  er  in  sinnendem
Ausruhen  Stimmung  suchte  und  frische  Kraft  zu  weiterem  Schaffen?  Denn
nur  von  dem  Künstler  wissen  wir,  nicht  von  dem  Menschen.  Wir  besitzen
keine  Zeile,  die  uns  Einblick  tun  ließe  in  sein  Denken  und  Fühlen,  ja  nicht
einmal  die  Züge  seines  Angesichtes  sind  uns  bekannt,  nur  die  Schilderung,
die  eine  französische  Landsmännin  entwarf,  die  mit  ihm  am  Hofe  zu  Kassel
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        57.  Der  Kurfürstliche  Hofbaumeister  Franz  Cuvillies  der  Altere.  309

im  Jahre  1749  zusammentraf  und  die  berichtet:  „Er  ist  sehr  klein,  aber  in
guten  Verhältnissen  gebaut;  er  ist  weder  schön  noch  häßlich,  aber  sehr  mager
und  scheint  keine  gute  Gesundheit  zu  haben.  Er  spricht  nicht  viel,  was  er

 

Partie  aus  dem  Gelben  Kabinett  der  Amalienburg.
(Nach  „Die  Baukunst“.  W.  Spemann,  Berlin.)

aber  spricht,  ist  wohlgesagt.  Sein  Wissen  kann  ich  nicht  beurteilen,  aber  es
scheint  mir  nicht,  als  ob  er  prahle.  Ich  finde  sein  Wesen  sehr  sanft  und
gesetzt."

Also  ein  stiller,  bescheidener,  kränklicher  Mann,  kein  in  Leben  und
Beruf  hastig  und  rücksichtslos  vordrängender  Streber.  Das  Erdenwallen
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        310  57.  Der  Kurfürstliche  Hofbaumeister  Franz  Cuvillies  der  Ültere.

solcher  Charaktere  ist  äußerlich  meist  schlicht  und  ereignislos.  Und  so  wäre
nur  zu  berichten,  daß  trotz  allen  bureaukratischen  Ubelwollens,  das  auch  ihm
nicht  erspart  blieb,  die  Wittelsbacher  des  hochbegabten  Mannes  Wert  stets  zu
schätzen  wußten  und  welch  aufrichtiger  Achtung  er  sich  erfreute  in  Altbayerns
warmherzigen  Künstler=  und  Handwerkerkreisen.  Auch  von  seiner  Anhänglichkeit
an  unser  München  wäre  zu  erzählen,  das  zu  verlassen  er  nimmer  sich  entschließen
  konnte  und  wo  er,  in  der  engen  Wohnung  in  der  Burggasse,  dem
Hause  gegenüber,  in  dem  sein  unsterblicher  Geistesverwandter  Mozart  den
Idomeneo  vollendet,  im  Kreise  seiner  Familie  ein  Dasein  führte,  das  einzig
und  allein  der  Arbeit  gewidmet  war.

Denn  auch  auswärts  ist  Cuvilliés  ein  vielbegehrter  Meister.  Er  schafft
in  den  Rheinlanden,  zu  Kassel,  Würzburg,  Wien  und  entwirft  für  Dresden
den  Plan  zu  einer  Stadterweiterung  und  einem  neuen  Residenzschlosse.  Dazu
treten  Arbeiten  in  den  altbayerischen  Klöstern,  wie  der  Hochaltar  der  herrlichen
  Kirche  in  Diessen  am  Ammersee  oder  der  Bau  des  Münsters  von
Schäftlarn,  und  endlich  jene  Hunderte  von  Kupferstichen,  die  Bruchstücke  einer
groß  angelegten  Veröffentlichung  über  die  Zivilarchitektur,  die  uns  den  tiefsten
Blick  tun  lassen  in  die  Welt,  die  seine  schönheitstrunkene  Seele  erfüllte.

In  München  wieder  hat  er  die  drei  Werke  ausgeführt,  welche  die  bedentsamen
  Marksteine  seiner  späteren  Kunstweise  geworden  sind:  das  nunmehr
leider  abgebrochene  Cottahaus  in  der  Theatinerstraße,  das  Residenztheater  und
die  mächtige  Front  der  Hofkirche  von  St.  Kajetan  —  also  einen  Palast,  der
bereits  hinüberleitet  zur  Einfachheit  und  Strenge  des  wiedererwachenden
Klassizismus,  ein  in  dem  Farbendreiklang  weiß,  gold,  purpur  entzückend
gehaltenes  Rokokointerieur  und  eine  Fassade,  deren  vornehme  Würde  und
reizvolle  Grazie  gewiß  nicht  ahnen  läßt,  daß  ein  mit  schwerem  Siechtum
ringender,  siebzigjähriger  Greis  sie  erdachte.

Alle  diese  Werke  bedeuten  Höhepunkte  des  Kunstschaffens  in  Altbayern,
mögen  es  auch  keine  altbayerischen  Kunstwerke  sein.  Denn  ein  altbayerischer
Meister  ist  Cuvilliss  nicht  gewesen.  Ehrlich  und  aufrichtig,  wie  er  war,  hat
er  auch  fern  von  seiner  Heimat  künstlerisch  allezeit  seine  Muttersprache
geredet  und  die  war  französisch.  Er  hat  stolze  Paläste  gebaut,  reizende
Schlößchen  im  Waldesgrün,  Opernhäuser  und  Prunkgemächer  von  hinreißender
Pracht,  was  die  altbayerische  Seele  erfüllt,  hat  er  nicht  verkörpert.  Die
trauliche,  zu  Herzen  dringende  Gemütlichkeit  spricht  nicht  zu  uns  aus  den
Reichen  Zimmern  der  Residenz  und  nicht  aus  der  Amalienburg,  die  lebt  in
ihrer  ganzen  seelenvollen  Wärme  in  dem,  was  unsere  wackeren,  freilich  von
Cuvilliés  vielfach  angeregten,  geschulten  und  geförderten  einheimischen  Meister
gebildet  in  Stadt  und  Land,  in  Bürgerhaus  und  Prälatur  und  Kirche.

Das  Ideal  Cuvilliés'  war  das  Ideal  der  vornehmen  Kreise,  jene  damals
international  gewordene  französische  Kunst  des  Rokoko,  die  Friedrich  den
Großen  nicht  minder  in  ihren  Bannkreis  zog  wie  unsern  Kurfürsten  Karl
        <pb n="323" />
        58.  Gründung  der  Akademie  der  Wissenschaften  zu  München  1759.  311

Albert,  und  daß  er  diesem  Ideal  als  großer  Meister  Leben  gab,  wird  niemand
bestreiten,  der  seinen  Schöpfungen  unbefangen  gegenübertritt.  Und  als  großen
Meister,  als  der  Herrlichsten  einen,  die  in  Altbayern  gewirkt,  wollen  wir  ihn
in  Ehren  halten  und  dauernd  uns  an  dem  erfreuen,  was  er  geschaffen.

58.  Gründung  der  Ahademie  der  Wissenschaften  zu  München
1759.

Von  Karl  von  Spruner.))

Ein  frischer  Luftzug,  wie  er  sich  oft  als  Vorbote  eines  bereits  im  Osten
dämmernden  Morgenrotes  erhebt,  strich  nach  dem  Beginn  der  zweiten  Hälfte
des  18.  Jahrhunderts  über  Deutschland  hin  und  begann  die  schweren  Dünste
zu  verjagen,  welche  sich  während  des  traurigen  Dreißigjährigen  Krieges  und
besonders  seit  dem  Ende  desselben  vorzüglich  über  den  südlichen  Teil  unseres
Vaterlandes  gelagert  hatten.  Auch  für  Bayern  war  diese  vielverheißende
Morgenröte  mit  dem  Regierungsantritte  des  Kurfürsten  Maximilian  III.
heraufgestiegen.

Der  Friede  zu  Füssen  am  22.  April  1745,  den  der  junge  Kurfürst
widerwillig  und  nur  dem  Andringen  seiner  Mutter  und  der  österreichischen
Partei  am  Hofe  nachgebend  unter  stetem  Abmahnen  der  jungen,  geistvollen
und  tatkräftigen  Maria  Anna,  der  Gemahlin  seines  Vetters  Klemens,  geschlossen
hatte,  gewährte  dem  Lande  eine  lange  Reihe  von  Friedensjahren,  obschon
seine  Krieger  erst  im  österreichischen  Solde  und  dann  als  Reichskontingent
nicht  unrühmlich  vor  Schweidnitz,  bei  Breslau,  Freiberg  und  Leuthen  gegen
Friedrich  von  Preußen  gestritten.  Sie,  vereint  mit  den  Zweibrückern,  deckten
den  Rückzug  bei  Roßbach  und  tapfer  schützten  bayerische  Grenadiere  die  Flüchtlinge
  gegen  die  verfolgenden  preußischen  Husaren.

Hat  auch  die  Philosophie  des  18.  Jahrhunderts  gar  manchen  eitlen  und
hohlen  Wortkram  zutage  gefördert,  ja  selbst  an  den  Grundpfeilern  des
Christentums  zu  rütteln  gewagt,  das  alles  liegt  vergessen  hinter  uns,  wogegen
ihr  ideales  Streben  und  ihre  reichen  Schöpfungen  alle  hochsinnigen  Gemüter
für  wahre  Geistesfreiheit,  für  eine  edlere,  ethische  Auffassung  der  Lehren  unseres
Heilandes,  für  eine  daraus  hervorgehende  höhere  Würdigung  der  Persönlichkeit
des  Menschen  selbst  geweckt  und  die  Herzen  durch  den  lebenswarmen  Strahl
wahrer  Humanität  entzündet  haben.  Neben  ihnen  liefen  dann  freilich,  wie
das  unvermeidliche  Schattenbild  neben  jedem  edlen  Streben,  der  Mißbrauch
und  die  Karikatur,  als  Unglaube,  lächerliche  Empfindelei  und  falsche  Philanthropie
  her.  Leibniz  und  Wolf  verdrängten  den  scholastischen  Wust  aus  den
Schulen  und  mit  der  in  den  höheren  Ständen  herrschenden  Sprache  Frank-1)

  „Die  Wandbilder  des  Bayer.  Nationalmuseums,  historisch  erläutert.“  S.  210  ff.
München  1868,  J.  Albert.
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        312  58.  Gründung  der  Akademie  der  Wissenschaften  zu  München  1759.

reichs  drang  auch  die  Literatur  jenes  Landes  über  den  Rhein.  Statt  der
liederlichen  und  obszönen  lyrischen  Dichtungen  und  unflätigen  Possen,  statt
der  geschmacklosen,  furchtbar  langweiligen  Romane  und  halbverrückten  dramatischen
  Staatsaktionen  eines  Lohenstein,  Hoffmannswaldau  oder  Ziegler,  statt
der  „christlichen  Handpistolen“  und  dem  „geistlichen,  Leib  und  Seele  zusammenhaltenden
  Hosenträger“  wurden  Bossuet  und  Fenelon,  Racine  und  Moliere,
freilich  auch  Voltaire  und  die  Enzyklopädisten,  immer  eifriger  gelesen.  Der
Geschmack  an  den  Werken  der  neuerwachten  deutschen  Geistesbildung  fand
immer  größere  Verbreitung;  aus  Klopstocks  Messias,  aus  Höltys  und  der
Stolberge  Schriften  erkannte  man  hehren  christlichen  Sinn,  glühenden  Patriotismus.
  Lessings  Minna  von  Barnhelm  und  Emilia  Galotti  erklärte  der
Kurfürst  als  seine  Lieblingsstücke  und  seine  Gemahlin  hatte  nicht  verschmäht
selbst  als  deutsche  Schriftstellerin  aufzutreten.

So  vereinte  sich  alles  um  den  Bemühungen  jener  Männer  den  Boden
zu  bereiten,  deren  Namen  als  die  der  Pioniere  der  neuerwachten  Bildung  in
unserem  Vaterlande  in  ewigem  dankbaren  Andenken  bleiben  werden.  Der
Bergrat  Georg  Lori,  eines  Bauern  Sohn  von  Gründl  bei  Steingaden,
ein  Schüler  des  hochverdienten  Ickstatt,  der  auch  des  Kurfürsten  Lehrer
gewesen,  und  der  Münzrat  Dominik  Limbrun,  dessen  Vater  Landgerichtsschreiber
  zu  Viechtach  war,  sind  die  beiden,  welche  für  den  Ruhm  glühten
die  Leuchte  der  Wissenschaft,  die  einst  so  hell  in  ihrem  Vaterlande  gelodert,
wieder  neu  zu  entzünden.  Sie  faßten  den  Entschluß  gleichstrebende  Geister
ihrer  Heimat  zu  einem  gelehrten  Vereine  zu  verbinden.

Am  12.  Oktober  des  Jahres  1758  traten  mit  ihnen  zuerst  der  Hofrat
Stubenrauch,  Advokat  Bergmann,  der  Lehrer  Stigler  vom  Kadettenkorps,
Ministerialsekretär  Lipowsky,  dann  die  Benediktiner  Döpsel,  Amort  und
Goldhofer  von  Polling,  Propst  Innozenz  und  Leeb  von  Schlehdorf,  Kennedy
von  den  Regensburger  Schotten,  Pfarrer  Miedamer,  die  Augustiner  Meyer
und  Manz,  der  Theologieprofessor  Huber  und  Wagenecker,  des  Herzogs
Klemens  Hofkaplan,  zu  jenen  Zwecken  zusammen.  Der  Bergwerkspräsident
Graf  Siegmund  von  Haimhausen  wurde  zum  ersten  Präsidenten  erwählt,
der  Minister  Graf  Törring  und  der  Kanzler  Kreittmayr  für  die  edle  Sache
gewonnen.

Am  28.  März  1759,  seinem  Geburtstage,  unterzeichnete  Max  freudig
bewegt  die  Stiftungsurkunde  und  Statuten  für  die  neue  Akademie  der  Wissenschaften,
  die  sich  in  zwei  Klassen,  eine  historische  und  philosophische,  teilte.  Er
verlieh  ihr  ein  eigenes  Siegel  mit  der  Umschrift  „Tendit  ad  aequum“  und
die  Selbstzenfur  für  die  Arbeiten  ihrer  Mitglieder,  deren  die  junge  Gesellschaft
schon  nach  einem  Jahre  96  zählte.  Durch  die  öffentlich  ausgesprochenen
Worte:  „Ohne  Vaterlandsgeschichte  keine  Vaterlandsliebe“,  ermunterte  er
besonders  das  Wirken  der  historischen  Klasse.  Kennedy,  Braun,  Osterwald
und  der  Protestant  Lambert  wurden  als  Professoren  an  die  neue  Anstalt
        <pb n="325" />
        58.  Gründung  der  Akademie  der  Wissenschaften  zu  München  1759.  313

berufen,  welche  schon  im  Jahre  1763  ihre  eigene  Buchdruckerei  erhielt.  Auch
das  astronomische  Observatorium  auf  dem  Gasteig  entstand  und  wurde  von
dem  geistlichen  Ratsdirektor  Osterwald  geleitet,  dem  ein  Fräulein  von  Schneeweiß
  als  gelehrter  Gehilfe  zur  Seite  stand.

Unter  den  Mitgliedern  prangen  in  überraschender  Zahl  die  Namen  der
ersten  Adelsgeschlechter  des  Landes;  das  Wirken  der  neuen  Gesellschaft  war
über  die  Mauern  der  Klöster,  besonders  der  Benediktiner,  der  anderthalbtausendjährigen
  Pfleger  der  Wissenschaften,  gedrungen  und  ihre  Edelsten  zierten
die  Reihen  der  Akademiker.  Geistliche  und  Weltliche,  Adelige  und  Bürgerliche
beeiferten  sich  in  diesen  Blütetagen  des  Instituts  mit  edlem  Freimut
der  Wahrheit  zu  dienen.  Ein  frisches,  wissenschaftlich  aufklärendes  Streben
ging  damals  durch  alle  Gauen  Süddeutschlands,  es  entfachte  in  allen
Ständen  Liebe  und  Begeisterung  für  das  Edle  und  Schöne.  Unbekümmert
  um  Genossenschaft  oder  Personen  ward  alles  Verrottete  und
Schlechte  schonungslos  aufgedeckt  und  verfolgt.  Ohne  alle  Selbstsucht
eiferten  aufgeklärte  Geistliche  gegen  jahrhundertelang  gehegten  Aberglauben.
Der  edle  Graf  Savioli,  selbst  Besitzer  großer  Güter,  spricht  goldene  Worte
für  den  bisher  tief  verachteten  Landmann  und  fordert  energisch  zu  dessen  Entlastung
  von  drückenden  grundherrlichen  Fronden  und  bureaukratischer  Willkür
auf.  Graf  Haslang  schildert  in  feierlicher  Sitzung  schonungslos  die  sozialen
und  politischen  Gebrechen  Bayerns  und  gießt  über  das  verrottete  Zunftwesen
den  bittersten  Spott.  „Der  Zunftzwang“,  sagte  er,  „versagt  dem  geschicktesten
Arbeiter,  wenn  er  arm  ist,  den  ihm  von  der  Natur  verliehenen  freien  Gebrauch
seines  Kopfes  und  seiner  Hände  und  verdammt  ihn  zu  lebenslänglicher  Dienstbarkeit.
  Meister  werden  nur  Meistersöhne  oder  solche,  die  sich  entschließen
können  mit  irgend  einer  zahnlosen  Meisterswitwe  oder  einer  buckligen  Meisterstochter
  vor  den  Altar  zu  treten.  Das  hält  uns  im  alten  Schlendrian  fest,
macht  uns  zum  Spotte  der  Nachbarn  und  entvölkert  das  Land,  dessen  tüchtigste
  Söhne  ihr  Glück  auswärts  suchen.“  Er  eifert  für  volle  Freiheit  des
Handels  und  erklärt,  daß  jenes  Land  das  reichste  sei,  welches  die  größte
Bevölkerung  zähle  und  die  ausgebreitetste  Industrie  besitze,  kurz  der  hellsehende
Patriot  sprach  bereits  1772  Worte,  die  heute  jedem  Fortschrittsmanne  Ehre
machen  würden.

Und  so  blieb  unter  der  segensvollen  Regierung  Maximilians  III.  trotz
manchem  inneren  bald  wieder  beigelegten  Zerwürfnis  die  Akademie  im  schönsten
Aufblühen.  Ihre  ferneren  Schicksale  unter  den  nachfolgenden  Herrschern  zu
verfolgen  ist  hier  nicht  am  Platze,  das  eine  aber  möge  noch  erwähnt  werden,
daß  sie  mit  würdiger  Feier  und  Pracht,  unter  Teilnahme  des  für  Förderung
alles  Edlen  und  Nützlichen  begeisterten  Königs  Maximilian  II.  und  einer
Menge  aus  weiter  Ferne  herbeigeeilter  Festgäste  im  Herbst  des  Jahres  1859
ihr  erstes  Jubiläum  beging.
        <pb n="326" />
        314  59.  Kulturelle  Zustände  während  der  Regierung  des  Kurfürsten  Max  III.  Joseph.

59.  Kulturelle  Zustände  in  Bayern  während  der  Regierung
des  Kurfürsten  Max  III.  Joseph.
Von  Wilhelm  Schreiber.)

Anfänglich  hatten  die  bayerischen  Akademiker  wegen  ihrer  wissenschaftlichen
  Leistungen  mit  großen  Schwierigkeiten  zu  kämpfen,  weil  unrichtige  Anschauungen
  von  der  Natur  und  ihren  Kräften  und  allgemein  angenommene
Irrtümer  tiefe  Wurzeln  im  Volke  geschlagen  hatten.  Man  hielt  die  Akademie
für  einen  Verein  von  Freigeistern,  welcher  die  Religion  unterdrücke.  Unwissende
oder  falsch  berichtete  Leute  bekreuzten  sich  beim  Erblicken  eines  Akademikers  und
schrieben  jede  mißliebige  Regierungshandlung  und  alle  elementaren  Unglücksfälle
  den  Freidenkern  zu.

Allmählich  jedoch  verschwanden  die  Vorurteile  gegen  sie  und  ihre  Schriften
erweckten  in  immer  größeren  Kreisen  eine  strebsame  Liebe  für  das  Edle  und
Schöne.  Ihre  wissenschaftlichen  Arbeiten  suchten  sie  dadurch  zum  Gemeingut
zu  machen,  daß  sie  Zeitschriften  über  alle  Fächer  der  Wissenschaft  veröffentlichten.
  Die  beliebtesten  Blätter  wurden  „Der  Patriot  in  Bayern“,  das
„Intelligenzblatt“  und  das  „Münchener  Wochenblatt“.  Die  einzigen  politischen
Zeitschriften  „Münchener  Bote“  und  „Münchener  Zeitung“  waren  wie  in  allen
deutschen  Ländern  einer  strengen  Zensur  unterworfen.

Von  der  Münchener  Akademie  trennte  sich  die  Naturwissenschaft
und  der  Rektor  des  Gymnasiums  und  Lyzeums  in  Burghausen,  Dr.  Franz
v.  Hoppenbichl,  Mitglied  zahlreicher  Gesellschaften,  stiftete  in  Verbindung  mit
mehreren  Geistlichen,  Jesuiten,  Beamten  und  Offizieren  (1759)  in  Altötting  eine
landwirtschaftliche  Akademie.  Der  ursprüngliche  Zweck  des  neuen  Vereins  war
Verbesserung  der  deutschen  Sprache  und  Förderung  moralischer  Wissenschaften
und  des  Haushalts;  nach  kurzem  Bestande  dehnte  sich  seine  Tätigkeit  auf  die
Landwirtschaft  und  die  einschlägigen  Naturwissenschaften  aus.  Max  III.
bestätigte  diese  Akademie  unter  dem  Namen  „Kurbayerische  Landesökonomie-Gesellschaft“
  mit  dem  Rechte  ihre  Verhandlungen  durch  den  Druck  zu  veröffentlichen.
  Als  1772  die  landwirtschaftliche  Akademie  nach  Burghausen,  dem
Sitze  eines  Rentamts=  und  Regierungsbezirkes,  mit  einem  Gymnasium  und
Lyzeum,  vielen  Beamten  und  Professoren,  verlegt  wurde,  hielt  der  Präsident
derselben,  Freiherr  von  Hartmann,  in  der  ersten  öffentlichen  Sitzung  (28.  März)
eine  Rede  über  die  Beschaffenheit  und  Verbesserung  der  Erdarten,  deren  Veröffentlichung
  ihn  auch  im  Auslande  bekannt  machte;  König  Gustav  Wasa  von
Schweden  verlieh  ihm  den  Wasaorden.  Die  Burghausener  Akademie  machte  sich
um  die  Landwirtschaft  sehr  verdient;  sie  lehrte  lange  vor  dem  Nationalökonomen
  Thaer  die  Wechselwirtschaft  und  verurteilte  die  Abtreibung  der  Waldungen
  und  die  Zertrümmerung  der  Landgüter.  Aus  ihrer  Mitte  gingen

)  „Geschichte  Bayerns.“  II.  Band,  S.  170  ff.  Freiburg  1891,  Herder.
        <pb n="327" />
        59.  Kulturelle  Zustände  während  der  Regierung  des  Kurfürsten  Max  III.  Joseph.  315

treffliche  Abhandlungen  hervor  über  die  Brache,  den  Hopfen-,  Reps-,  Maisund
  Rübenbau,  über  Stallfütterung  und  VBiehzucht,  Wiesenbau,  Gipsdüngung
  2c.  Zur  Pflege  und  Verbreitung  der  Bienenzucht  wurden  Bienenmeister
angestellt  und  Schriften  über  Bienenzucht  herausgegeben.  Die  von  der  Akademie
  gestellten  Preisfragen  über  den  Getreidehandel,  Vorsorge  gegen  Teuerung
und  die  beste  Obstbaumzucht  wurden  zur  allgemeinen  Befriedigung  gelöst.
Den  Abhandlungen  war  auch  ein  belehrender  Kalender  über  alle  in  der  Landwirtschaft
  auf  jeden  Monat  treffenden  Verrichtungen  beigefügt  und  in  der
akademischen  Zeitschrift  „Bayerisch-ökonomischer  Hausvater“  auf  wichtige  wissenschaftliche
  Arbeiten  des  Auslandes  und  landwirtschaftliche  Erfindungen,  namentlich
  die  neuen,  verbesserten  Ackerbaugeräte  und  Maschinen,  aufmerksam  gemacht.
Die  Burghausener  Akademie  erfreute  sich  besonders  der  Gunst  des  Konferenzministers
  Grafen  von  Berchem,  der  sie  über  die  Münchener  Akademie  stellte,
weil  sie,  wie  er  in  einem  Briefe  an  Freiherrn  v.  Hartmann  bemerkte,  dem
Lande  zu  größerem  Nutzen  gereiche.  Während  der  napoleonischen  Kriegszeit
mußte  der  Verein  (1802)  seine  ersprießliche  Tätigkeit  aussetzen,  unter  König
Max  I.  gingen  (1810)  aus  demselben  die  landwirtschaftlichen  Vereine  hervor.

Während  die  Naturwissenschaften  mit  immer  größerem  Eifer  und  Erfolge
gepflegt  wurden,  beherrschte  die  deutsche  Literatur  mit  wachsender  Macht
das  geistige  Leben.  Wie  in  Frankreich  unter  Ludwig  XV.  und  in  England
unter  Karl  II.  der  Widerstand  des  Bürgertums  gegen  die  Despotie  der
Regierung  und  die  privilegierten  Klassen  und  die  Anhänglichkeit  an  das  häusliche
  und  familiäre  Leben  in  der  Literatur  lebhaften  Ausdruck  fand,  so  nahm
auch  die  deutsche  Literatur  zu  gleicher  Zeit  eine  neue  Richtung,  welche  in  der
Leipziger  und  Hallenser  Dichterschule  durch  Rabener,  Gellert,  Gleim,  Uz,  Kleist
und  Klopstock  vertreten  war.  Rabener  sprach  in  seinen  vertrauten  Briefen
mit  Hohn  und  Schmerz  von  der  Verschwendung  der  Höfe,  dem  Steuerdruck
und  Elend  der  Untertanen.  Mit  seinen  eifrig  gelesenen  und  in  viele  Sprachen
übersetzten  Satiren  regte  er  bei  den  Deutschen  das  Selbstbewußtsein  und  die
Erkenntnis  des  eigenen  Wertes  an  und  geißelte  die  Ungerechtigkeit  im  Handel
und  Wandel  und  im  Richteramte.  Auch  Gellert  begann  seine  schriftstellerische
Tätigkeit  mit  der  Satire,  indem  er  in  seinen  „Fabeln“  und  „Erzählungen“
die  Gebrechen  der  Gesellschaft  und  die  Mißstände  des  öffentlichen  Lebens
schilderte.  Als  Lehrer  an  der  Universität  Leipzig  (1744—1769)  wirkte  er  auf
das  sittliche  Gefühl  und  die  Erhöhung  der  Frömmigkeit  besonders  unter  den
bürgerlichen  Klassen.  Seine  geistlichen  Lieder  wurden  in  die  lutherischen  und
reformierten  Gesangbücher  ausgenommen  und  selbst  in  katholischen  Ländern
mit  Beifall  gelesen.  Auch  in  den  Kirchen  Bayerns  fand  (1772)  der  Volksgesang
  allmählich  Eingang;  doch  ward  er  vom  Landesherrn  nicht  begünstigt;
Kurfürsten  Max  III.  gab  der  figurierten  Musik  den  Vorzug  mit  der  Erklärung,
  die  Figuralmusik  stimme  auch  zur  Andacht  und  durch  den  allgemeinen
Gesang  verlerne  das  Volk  das  Beten.  Durch  Gellerts  vielseitige  Wirksamkeit
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        316  59.  Kulturelle  Zustände  während  der  Regierung  des  Kurfürsten  Max  III.  Joseph.

blieb  Leipzig  die  Hauptstadt  der  deutschen  Literatur  und  in  derselben  vereinigte
sich  die  vornehme  und  wohlhabende  Jugend  aus  Deutschland  und  den  fremden
Staaten  um  neben  den  ernsten  Studien  die  feinen  Sitten  einer  größeren  Stadt
kennen  zu  lernen  und  zu  üben.

Eine  Zierde  der  Leipziger  Schule  war  der  Bayer  Michael  Huber,  der
(1727)  in  Frontenhausen  in  Niederbayern  geboren  und  von  unbekannter,  vornehmer
  Abkunft  war.  Nach  Vollendung  der  höheren  Studien  begab  sich
Huber  (1754)  nach  Paris,  wo  er  mit  seltener  Gewandtheit  und  Meisterschaft
deutsche  Gedichte  ins  Französische  übersetzte  um  die  deutsche  Literatur  auch  in
Frankreich  zu  verbreiten  und  den  Franzosen  Achtung  vor  deutscher  Bildung
einzuflößen.  Seine  ersten  Ubersetzungen  wurden  in  Frankreich  beifällig  gelesen
und  erwarben  ihm  die  Verehrung  aller  seiner  Zeitgenossen.  Seinen  Ruhm
erhöhte  er  (1766)  durch  Veröffentlichung  einer  auserlesenen  Sammlung  deutscher
Dichtungen  nebst  einer  vorzüglichen  Ubersicht  der  Geschichte  der  deutschen  Dichtkunst.
  Dieses  in  einem  fließenden  Französisch  geschriebene  Werk  widmete  er
dem  Kurfürsten  von  Bayern  in  der  Absicht,  daß  er  von  ihm  in  sein  Vaterland
  auf  einen  Lehrstuhl  gerusen  werde;  allein  sein  Wunsch  wurde  nicht
berücksichtigt.  Durch  Vermittlung  seiner  Freunde  in  Deutschland  und  der
sächsischen  Kurfürstin-Witwe  Marie  Antonie,  einer  bayerischen  Prinzessin,  wurde
Huber  (1767)  an  die  Universität  Leipzig  berufen  um  den  erledigten  Lehrstuhl
der  französischen  Sprache  und  Literatur  zu  übernehmen.  Durch  seine  geistvollen
Vorträge  über  die  französische  Literatur  und  durch  seine  unübertroffenen
lbersetzungen  der  klassischen  Werke  der  Deutschen  erhöhte  er  den  Ruhm  der
Leipziger  Schule.  Durch  Hubers  umfassende  und  gründliche  Kenntnisse  in
der  Kunst  wurde  sein  Haus  in  Leipzig  der  Mittelpunkt  aller  Künstler  und
Kunstfreunde  in  und  außer  Deutschland,  namentlich  zur  Zeit  der  Leipziger
Messen.  Alle  ausgezeichneten  Staatsmänner  und  Dichter,  unter  ihnen  v.  Gagern
und  Schiller,  wurden  von  ihm  und  seiner  Familie  gastlich  aufgenommen  und
lernten  bei  ihr  Übung  in  der  französischen  Sprache  und  eine  vornehme
Gesittung;  auch  Fürsten  und  Grafen,  unter  ihnen  der  preußische  Staatskanzler
Fürst  von  Hardenberg,  besuchten  ihn  wiederholt  und  erfreuten  sich  an  dem
Reichtume  seiner  Kenntnisse  und  der  Feinheit  seiner  Bildung.

Die  literarische  Bewegung  in  Norddeutschland  drang  in  Bayern  um  so
leichter  ein,  als  die  Münchener  und  Burghausener  Akademie  in  allen  Schichten
der  Bevölkerung  ein  aufblühendes  geistiges  Leben  angefacht  hatten.  Seit  Max
Emanuel  beherrschte  in  München  die  französische  Dichtung  das  ganze  Gebiet
der  Literatur  und  des  Schauspiels  und  an  der  Hofbühne  kamen  nur  noch
Dramen  von  Corneille,  Racine,  Moliere,  Merville  2c.  zur  Aufführung.  In
den  größeren  Städten  veranstalteten  die  Jesuiten  mit  ihren  Zöglingen  lateinische
Schauspiele,  Tragödien  und  Opern,  die  an  festlichen  Tagen  mit  bewunderter
Gewandtheit  und  Prachtentfaltung  gegeben  wurden.  Zahllose  Komödientruppen
durchwanderten  das  Land  und  verdarben  mit  dem  Inhalte  ihrer  Produktionen
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        59.  Kulturelle  Zustände  während  der  Regierung  des  Kurfürsten  Max  III.  Joseph.  317

und  ihrer  rohen  Darstellungsweise  die  Sitte  und  den  Kunstsinn  des  Volkes.
Während  der  Fastenzeit  wurden  in  den  Städten  und  Märkten  Passionsspiele
in  so  ärgerlicher  Weise  von  unfähigen,  nichtswürdigen  Personen  aufgeführt,
daß  die  heiligsten  Religionsgeheimnisse  geschändet  wurden.  Kurfürst  Max  III.,
ein  Freund  der  deutschen  Dichtung  und  Kunst,  ernannte  (1753)  den  Grafen
Joseph  von  Seeau,  einen  entschiedenen  Gegner  alles  Franzosentums,  zum
Hoftheater=  und  Hofmusikintendanten  mit  dem  Auftrage  das  ganze  Schauspielwesen
  umzuschaffen.  Die  große  Aufgabe  löste  Seeau  dadurch,  daß  er
die  französischen  Komödianten  von  der  Hofbühne  entfernte  und  in  München
eine  Schule  zur  Heranbildung  befähigter  Schauspieler  und  Schauspielerinnen
errichtete.  Nur  jene,  welche  in  der  dramatischen  Schule  zu  München  unterrichtet
  worden  waren,  erhielten  die  Erlaubnis  in  den  Städten  und  auf  dem
Lande  solche  Schauspiele  aufzuführen,  welche  den  Sinn  des  Volkes  für  die
Kunst  besserten  und  die  Sittlichkeit  hoben.  Der  Rechtspraktikant  Johann
Nieser  bildete  mit  großem  Geschick  eine  Schauspielertruppe,  über  die  er  selbst
die  Oberleitung  übernahm.  Im  Faberbräuhause  in  München  eröffnete  er
(1771)  in  Anwesenheit  der  kurfürstlichen  Familie  und  der  höchsten  Hofbeamten
sein  neu  errichtetes  deutsches  Theater  mit  dem  Schauspiele  „Der  Tambour
bezahlt  alles“;  diesem  folgten  „Minna  von  Barnhelm“  und  „Emilia  Galotti“.
Als  Lessing  (1775)  mit  dem  Prinzen  Leopold  von  Braunschweig  durch  München
reiste  und  der  Aufführung  seiner  Dramen  im  Faberbräuhause  beiwohnte,
spendete  er  dem  Direktor  Nieser  ehrendes  Lob  und  die  Akademie  der  Wissenschaften
  in  München  zeichnete  ihn  durch  eine  goldene  Medaille  mit  einem  Preisdiplom
  aus.#)

An  jedem  Gymnasium  wurde  das  Schuljahr  mit  einem  Schauspiele  oder
einer  Oper  geschlossen,  welche  die  Schüler  der  Rhetorik  (oberste  Gymnasialklasse)
  aufführten  und  meist  selbst  verfaßt  hatten;  namentlich  taten  sich  die
Kandidaten  am  Freisinger  Lyzeum  durch  rühmliche  Leistungen  hervor.  Alle
gebildeten  Stände  wurden  von  einem  unwiderstehlichen  Triebe  ergriffen  zu
dichten  und  Theaterstücke  zu  schreiben.  Diese  poetischen  Erzeugnisse,  welche
zumeist  dem  historischen  Gebiete  angehörten,  waren  zwar  von  einer  poetischen
Vollendung  weit  entfernt,  aber  von  deutschem  Geiste  durchhaucht  und  von
deutscher  Sitte  getragen.

Max  III.  begünstigte  das  eifrige  Streben  nach  deutscher  Schauspielkunft,
wandte  sich  jedoch  mit  Vorliebe  der  Tonkunst  zu.  In  seiner  frühesten
Iugend  hatte  er  sich  mit  großer  Begabung  musikalischen  Studien  gewidmet

1)  Auf  dieser  Bühne,  die  als  ein  echtes  und  richtiges  Volkstheater  zu  gelten  hat,
wurden  zwei  Jahre  nach  der  Premiere  des  Stückes  in  Mannheim  (Januar  1782)
Schillers  „Räuber“  aufgeführt  „mit  gnädigster  Bewilligung“,  nämlich  am  26.  Januar
und  2.  Februar  1784;  „Kabale  und  Liebe“  und  „Don  Carlos“  folgten  alsbald
(1788  und  1789).  Vgl.  Karl  Trautmann,  „Sieben  Theaterzettel“,  Festgabe  zur
Münchener  Schillerfeier  1905.
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        318  59.  Kulturelle  Zustände  während  der  Regierung  des  Kurfürsten  Max  III.  Joseph.

und  auf  dem  Klavier,  der  Violine,  dem  Violoncell  und  der  Gambe  (eine  Art
Violoncell)  eine  meisterliche  Fertigkeit  erreicht.  Noch  als  Kurfürst  ließ  er  sich
von  dem  Kompositeur  Bernasconi  im  Kontrapunkt  unterrichten  und  komponierte
mehrere  kirchliche  Stücke,  darunter  ein  lobwürdiges  „Stabat  Mater“.  Bei  Hofkonzerten
  glänzte  Max  Joseph  als  Solist  auf  dem  Violoncell.  Mit  ihm  wetteiferte
  seine  Schwester  Marie  Antonie,  die  spätere  Kurfürstin  von  Sachsen,
welche  in  der  lateinischen  und  den  modernen  Sprachen  wie  in  der  Malerei
trefflich  unterrichtet  war  und  sich  zu  einer  gefeierten  Sängerin  und  Pianistin
ausbildete.  Marie  Antonie  komponierte  mehrere  Kantaten  und  Opern  und
dichtete  selbst  den  Text  in  lateinischer  und  französischer  Sprache.  Die  musikalische
  Akademie  in  Rom  ernannte  sie  zu  ihrem  Ehrenmitgliede.  Bei  der
Aufführung  ihrer  Oper  „Talestri“  in  Dresden  sang  sie  selbst  die  „Talestri“
und  wurde  als  Sängerin  und  Komponistin  allgemein  angestaunt.  Ihr  Bruder
Max  Joseph  erbaute  nach  dem  Plane  des  Architekten  Franz  Cuvilliés
(1752—1760)  neben  der  Residenz  ein  neues  Opernhaus,  eines  der  damals
schönsten  Theater  in  Deutschland,  mit  einem  Kostenaufwande  von  170000  Gulden
und  befahl,  daß  an  jedem  Montag  freier  Eintritt  sei.  Die  italienische  und
französische  Musik,  die  vorzüglich  am  Münchener  Hoftheater  gepflegt  wurde,
ward  allmählich  von  den  großen  Tondichtern  Händel  und  Bach  verdrängt
und  durch  ihre  meisterhaften  Schöpfungen  der  deutschen  Tonkunst  der  Weg
gebahnt.  Der  Begründer  der  modernen  Musik  wurde  Christoph  Gluck,
der  (1714)  in  Weidenwang  in  der  Oberpfalz  geboren  den  ersten  musikalischen
Unterricht  in  Böhmen,  wo  sein  Vater  auf  den  Gütern  des  Fürsten  Kaunitz
im  Dienste  stand,  unter  steter  Not  und  Arbeit  erhalten  hatte.  Nach  einer
Reise  durch  Italien  und  England  begab  sich  Gluck  nach  Wien,  wo  er  zum
Kapellmeister  der  Oper  ernannt  wurde.  Seine  Kompositionen  zeichnen  sich
durch  altklassische  Einfachheit  und  natürliche  Wahrheit  aus;  seine  Musik  gibt
den  Gedanken  des  Textes  wieder.  Am  neuen  Residenztheater  in  München
wurde  (1773)  die  erste  Oper  von  Gluck  „Orfeo  ed  Euridice“  gegeben  und
nach  zwei  Jahren  folgte  Mozarts  Oper  „La  finta  giardiniera“,  bei  deren
Aufführung  der  geniale  Komponist  selbst  zugegen  war.  Der  junge  Mozart
verweilte  einige  Zeit  in  München  und  reichte  (1777)  beim  Kurfürsten  ein
Bittgesuch  um  Aufnahme  in  die  bayerische  Hofmusikkapelle  ein;  allein  damals
herrschte  noch  die  italienische  Musik  vor  und  Max  gab  dem  deutschen  Tondichter
  den  Rat,  er  solle  vorher  nach  Italien  reisen  und  sich  berühmt  machen.
Hierüber  bemerkte  Mozart  in  einem  Briefe  an  seinen  Vater:  „Da  haben  wir's;
die  meisten  großen  Herrn  haben  einen  entsetzlichen  Welschlandsparoxysmus."

Das  neue  Leben  auf  dem  Gebiete  der  Literatur  und  Musik  drang  auch
in  die  bildenden  Künste.  Die  christliche  Malerkunst  war  längst  untergegangen
  und  man  wandte  sich  im  18.  Jahrhundert  vorzugsweise  der  Landschaft,
  dem  Genre,  der  Mythologie  und  zum  Teil  der  Geschichte  zu.  Max  III.
stiftete  (1770)  eine  Akademie  der  bildenden  Künste  unter  dem  Namen  „Die
        <pb n="331" />
        60.  Herzogin  Maria  Anna  von  Bayern.  319

neue  Maler=  und  Bildhauer-Akademie;  er  ließ  begabte  Jünglinge
i  Auslande  auf  seine  Kosten  unterrichten  und  ernannte  die  tüchtigsten  zu
Professoren  der  Akademie  um  einheimische  Talente  für  die  bildenden  Künste
zu  wecken.

Die  neue  Anstalt  leistete  für  Verbesserung  des  allgemeinen  Geschmackes
durch  Anleitung  der  Talente  und  Hinweisung  auf  das  antike  Schöne  Verdienstliches.
  Es  entstanden  mehrere  schöne  Privatbauten,  wie  das  nach  dem
Plane  Cuvillics  gebaute  Cotta-Haus  in  der  Theatinerstraße,  das  zur  Unterbringung
  der  kurfürstlichen  Bibliothek  bestimmt  war,  die  Paläste  des  Grafen
Törring  (jetzt  Hauptpostgebäude)  und  des  Grafen  von  Preysing  (Bankhaus),
welche  von  Cuvillics  und  Effner  im  französisch-italienischen  Stile  erbaut  wurden.
Die  beiden  Künstler  und  Brüder  Agid  und  Kosmas  Asam  erbauten  auf
eigene  Kosten  und  nach  eigenem  Entwurfe  die  St.  Johanniskirche  in  der
Sendlingerstraße.  Max  Joseph  hatte  als  sechsjähriger  Knabe  (16.  Mai  1733)
den  Grundstein  zu  dieser  Kirche  gelegt,  welche  (1746)  im  reichen  französischitalienischen
  Prunkstile  ausgeführt  wurde.  Auch  der  Kurfürst  ließ  neue  Bauten
aufführen,  soweit  es  die  mißliche  Finanzlage  gestattete.  Nach  Vollendung  des
Residenztheaters  erbaute  er  die  „Isarkaserne“  und  ersetzte  (1759—1765)  die
zwei  über  die  Isar  führenden  hölzernen  Brücken  nach  der  Vorstadt  Au  durch
steinerne,  weil  der  Verkehr  durch  das  Anwachsen  der  Münchener  Bevölkerung
immer  stärker  wurde.  Zugleich  legte  er  den  Grundstein  zu  einem  Militärlazarett,
das  1777  eröffnet  und  nach  110  Jahren  in  das  Luitpoldgymnasium  umgeändert
wurde.  Zur  Heranbildung  brauchbarer  Offiziere  stiftete  Max  (1756)  eine
Militärschule  (Kadettenkorps)  und  verlegte  sie  in  das  von  Herzog  Klemens
erbaute  Schloß  außerhalb  des  Karlstores.  Nach  dem  Beispiele  seiner  Mutter,
der  Kaiserin  Amalie,  die  (1754—1760)  das  St.  Elisabethspital  gegründet
hatte,  ließ  er  den  Barmherzigen  Brüdern  und  Schwestern  außerhalb  des
Sendlinger  Tores  Kloster  nebst  Kirche  bauen,  aus  denen  später  das  allgemeine
Krankenhaus  hervorging.  Das  Waisenhaus,  welches  der  Faßbinder  Poppel
von  der  Vorstadt  Au,  ein  geist=  und  gefühlvoller  Bürger,  nach  dem  österreichischen
  Erbfolgekriege  gestiftet  hatte,  unterstützte  der  Kurfürst  im  geheimen  mit
bedeutenden  Geldsummen.

60.  Herzogin  Maria  Anna  von  Bayern.
Von  Theodor  Bitterauf.“

Politisierende  Frauen  scheinen  vielen  ein  Unding  zu  sein,  weil  durch  sie
weder  die  Interessen  der  Politik  noch  das  Wesen  der  Weiblichkeit  gewinnen
könne.  Und  doch  hat  Fürst  Bismarck  einmal  bedauert,  daß  den  Frauen  bei
uns  nicht  mehr  Einfluß  auf  die  politischen  Verhältnisse  gestattet  ist:  „Halten
die  Frauen  fest  zur  Politik,  so  halte  ich  die  Politik  für  gesichert.  In  der
Hauptsache  möchte  ich  sagen:  das,  was  den  Unfug  verhindert,  zu  dem  die
Männer  geneigt  sein  könnten,  das  ist  hauptsächlich  die  Aufgabe  der  Damen.“
        <pb n="332" />
        320  60.  Herzogin  Maria  Anna  von  Bayern.

Dieser  Aufgabe  ist  vor  mehr  als  100  Jahren  eine  bayerische  Fürstin
in  geradezu  einzigartiger  Weise  gerecht  geworden,  indem  sie  mehr  als  ein
halbes  Jahrhundert  unermüdlich  für  das  Wohl  Bayerns,  für  das  Aufblühen
Deutschlands  unter  Preußens  Führung  tätig  war  und  sich  den  Ruhm  erwarb
eine  erste  Vorkämpferin  des  Gedankens  gewesen  zu  sein,  der  uns  Deutsche  seit
1870  mit  gerechtem  Stolze  erfüllt;  ihrer  Tatkraft  verdankt  Bayern  seine
Existenz.

Herzogin  Maria  Anna  Josepha  Charlotte  von  Bayern,  der  so  große
Aufgaben  zu  erfüllen  vorbehalten  waren,  wurde  geboren  zu  Schwetzingen  am
22.  Juni  1722  als  zweite  Tochter  des  Pfalzgrafen  Joseph  Karl  Emanuel  von
Sulzbach  und  seiner  Gattin  Elisabeth  Auguste  von  Neuburg.  Nach  dem
frühen  Tode  ihrer  Eltern  kam  die  Siebenjährige  mit  ihrer  älteren  Schwester
an  den  Hof  des  Kurfürsten  Karl  Philipp  von  der  Pfalz  nach  Mannheim.
Hier  fand  am  17.  Januar  1742  eine  Doppelhochzeit  statt.  Maria  Annas
ältere  Schwester  Elisabeth  Augusta  vermählte  sich  mit  dem  Herzog  Karl
Theodor  von  Sulzbach,  ihrem  Vetter,  dem  späteren  Kurfürsten  von  Kurpfalz
und  (seit  1777)  auch  von  Bayern;  Maria  Anna  selbst  folgte  dem  Herzog
Klemens  Franz  von  Paula,  dem  Sohne  des  Herzogs  Ferdinand  Maria  von
Bayern,  nach  München.  Eine  dritte  Schwester,  Maria  Franziska  Dorothea,  wurde
durch  ihre  Ehe  mit  Friedrich  Michael  von  Zweibrücken  (1746)  die  Mutter
unseres  ersten  Königs  Maximilian  Joseph.

Als  Maria  Anna  nach  München  kam,  war  eben  Kurfürst  Karl  Albert
in  Frankfurt  zum  Kaiser  gekrönt  worden  als  Karl  VII.;  er  sollte  seine
Residenz  erst  wieder  als  ein  Sterbender  betreten;  auch  die  junge  Herzogin
Klemens  mußte  mit  ihrem  Gemahl  nach  Augsburg  flüchten  und  erst  nach  dem
Frieden  von  Füssen  schienen  für  sie  die  Tage  der  Ruhe  und  des  Glückes
wiederzukehren.  Bei  den  Hoffestlichkeiten  war  die  Dreiundzwanzigjährige  wegen
ihres  leichten,  rheinischen  Blutes  und  ihres  Frohsinns  gern  gesehen;  der
Kurfürst  selbst,  der  erst  1747  eine  sächsische  Prinzessin  heiratete,  fand  viel
Gefallen  an  ihr.  Ihre  Briefe,  besonders  an  ihren  „cher  Papa“  Herzog
Christian  von  Zweibrücken,  schäumen  oft  über  von  jugendlichem  Übermut;  ihr
geistreicher  Spott  wirkt  manchmal  sehr  scharf.  An  englischen  Hunden  und
schnellen  Pferden,  aber  auch  an  französischen  Komödien  und  italienischen  Opern,
an  Maskeraden  und  Mummereien  fand  sie  ihre  helle  Freude;  ein  Bild  in  Schleißheim
  stellt  sie  dar  mit  einer  Larve  in  der  Hand.  Ihr  Gemahl  war  selbst
ein  vortrefflicher  Sänger  und  unterhielt  eine  ausgezeichnete  Hofmusik,  die  sich
bei  festlichen  Gelegenheiten  hören  ließ.  Er  besaß  eine  erlesene  Gemäldesammlung
  und  eine  stattliche  Bibliothek;  gerne  verkehrte  er  mit  Gelehrten  und
Künstlern.  Sein  Sekretär  war  der  spätere  Hofbibliothekar  Andreas  v.  Oefele,
der  vor  der  Gründung  der  Atademic  vielleicht  der  gelehrteste  Mann  in
München  war.  Auch  Johann  Georg  v.  Lori,  der  um  die  Gründung  dieses
wissenschaftlichen  Instituts  in  München  sich  besonders  verdient  machte,  und
        <pb n="333" />
        60.  Herzogin  Maria  Anna  von  Bayern.  321

noch  viele  andere  Gelehrte  unterhielten  Beziehungen  zu  dem  Hause  des  Herzogs
Klemens.  Das  Lieeblingsstudium  dieses  Fürsten  bildete  die  Chemie  und  die
Alchimie;  in  dem  Streben  nach  Befriedigung  dieser  wissenschaftlichen  Neigung
hatte  er  das  Unglück  bei  einem  Experiment  sein  Augenlicht  beinahe  völlig
einzubüßen.

Das  Jahrhumdert  der  Freimaurer  und  Illuminaten,  des  Wilhelm  Meister
und  der  Zauberflöte  schuf  sich  auch  am  Hofe  Max  III.  Josephs  von  Bayern
ein  Organ,  in  welchem  die  Bedürfnisse  eines  gesteigerten  Gefühlslebens  und
die  Neigung  zu  geheimnisvollen  allegorischen  und  symbolischen  Spielereien  ihre
Befriedigung  fanden.  Des  Kurfürsten  Schwester  Maria  Antonia,  die  Friedrich
der  Große  die  Blüte  der  deutschen  Prinzessinnen  nennt,  gründete  die  Gesellschaft
der  Inkas,  deren  Mitglieder  hervorragende  Beweise  abgelegt  haben  mußten,
daß  sie  einer  wahrhaften  Freundschaft  fähig  seien.  In  diesem  Kreise  begegnet
uns  auch  Maria  Anna  wieder  mit  dem  bezeichnenden  Beinamen  „Constante“,
während  ihr  Gemahl  als  Ordensmitglied  „Timide“  heißt.

Doch  die  Zeiten  waren  zu  ernst  und  der  Sinn  der  Herzogin  stand  nach
Höherem,  als  daß  sie  in  solchen  Tändeleien  sich  ganz  verloren  hätte.  Sie
empfand  den  Füssener  Frieden,  der  Bayern  nötigte  allen  Ansprüchen  auf
österreichischen  Besitz  zu  entsagen,  als  eine  Schmach  und  darum  suchte  sie
ihren  Gemahl  zu  einem  förmlichen  Proteste  dagegen  zu  bestimmen  oder  wenigstens
seinen  Beitritt  zu  diesem  Verzicht  zu  hintertreiben.  Die  Kühnheit  dieses  Planes,
dem  in  seiner  abgeschwächten  Form  auch  der  Herzog  von  Zweibrücken  beitrat,
äu  ermessen  muß  man  sich  gegenwärtig  halten,  daß  Herzog  Klemens  von
seiner  Großmutter  her  die  Herrschaft  Reichsstadt  und  andere  Güter  in  Böhmen
besaß  und  daß  daher  der  kaiserliche  Hof  die  gewünschte  Beitrittserklärung  zu
den  Präliminarien  durch  Repressalien  an  diesem  Besitz  erzwingen  konnte.  Zur
Abwendung  dieser  Gefahr  trat  Herzog  Klemens  schon  am  10.  Mai  1745  seine
Rechte  an  seinen  Schwager  Karl  Theodor  von  Kurpfalz  ab,  und  als  man
sich  im  Herbste  dieses  Jahres  alle  Mühe  gab  ihn  zur  Teilnahme  an  einer
Reise  des  Kurfürsten  zu  bewegen,  die  dieser  zu  einer  Begegnung  mit  dem
Kaiserpaar  unternahm,  war  es  wiederum  Maria  Anna,  die  ihren  Gemahl  trotz
aller  Gegenvorstellungen  in  München  zurückhielt,  in  der  richtigen  Voraussetzung,
  man  wolle  ihm  nur  bei  dieser  Gelegenheit  den  Verzicht  auf  seine
Ansprüche  entlocken.

Noch  bedeutender  aber  war  der  Einfluß,  den  die  Herzogin  auf  den
Kurfürsten  selbst  ausübte.  Im  18.  Jahrhundert  pflegten  die  kleineren  deutschen
Fürsten  um  Geld  anderen  Staaten  ihre  Truppen  zu  überlassen.  Wohl  verdammten
  unsere  Lessing,  Schiller,  Seume  mit  beredten  Worten  solchen  Menschenhandel;
  wohl  schreibt  auch  Friedrich  der  Große  mit  Entrüstung  über  einen
bayerischen  Subsidientraktat:  „Sollte  die  Freiheit,  dieses  kostbare  Vorrecht,  im
18.  Jahrhundert  den  Fürsten  weniger  teuer  sein,  als  sie  es  den  Patriziern
im  alten  Rom  gewesen  ist?“  Aber  die  Landstände  bezeichneten  dieses  System

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  21
        <pb n="334" />
        322  60.  Herzogin  Maria  Anna  von  Bayern.

selbst  gelegentlich  als  wünschenswert  und  eine  von  moralischen  Gesichtspunkten
getragene  Opposition  gegen  diesen  Seelenverkauf  wurde  vor  dem  Siebenjährigen
Krieg  nicht  laut.  Nach  dem  Frieden  von  Füssen  handelte  es  sich  nun  für
Maria  Theresia  um  nichts  anderes,  als  die  bayerischen  Truppen  auf  solchem
Wege  zum  Kampf  gegen  Friedrich  II.  von  Preußen  zu  gewinnen,  der  doch  im
Osterreichischen  Erbfolgekriege  Bayerns  Bundesgenosse  gewesen  war.  Wenn
es  dazu  nicht  kam,  so  war  das  lediglich  das  Verdienst  der  Herzogin,  die  in
diesem  Fall  den  Münchener  Hof  zu  verlassen  drohte.  Ihre  Gegner,  die  österreichische
  Partei  am  Hofe,  hätten  sie  deshalb  gerne  zu  ihren  rheinischen  Verwandten
  geschickt  um  ihren  Einfluß  bei  Max  Joseph  zu  brechen.  Sie  aber
giug  darauf  nicht  ein  und  wünschte  nun  erst  recht  das  Ohr  ihres  Vetters  zu
besitzen  um  ihn  von  seinen  bösen  Ratgebern  zu  befreien.  „Sie  können  nicht
glauben,  wie  man  ihn  täuscht  und  peinigt,"  schreibt  sie  an  den  Herzog  von
Zweibrücken;  „er  muß  sogar  zum  Werkzeug  dienen  die  redlich  Denkenden  zu
verderben.  Kurz,  er  ist  zu  beklagen  und  ohne  schuldig  zu  sein  ist  er  das
Opfer  fremder  Interessen.  Was  mich  betrifft,  die  kein  Interesse  als  das
ihres  Hauses  kennt,  so  sehe  ich  darüber  hinweg,  daß  man  es  vielleicht  lächerlich
finden  wird,  wenn  eine  Frau  sich  mit  solchen  Dingen  beschäftigt;  ich  spreche
davon  und  setze  Himmel  und  Erde  in  Bewegung,  daß  jeder  redliche  Mensch
dem  Kurfürsten  von  einem  ähnlichen  Entschluß  abrät.“  „Ich  spreche  freimütig
zum  Kurfürsten,“  bekennt  sie  ein  andermal,  „und  das  entzückt  mich  um  so
mehr,  da  der  Nutzen  unseres  Gesamthauses  das  Ziel  aller  meiner  Worte  ist.
Man  beurteilt  mich  hier  sehr  verschieden  und  hält  mich  für  unwürdig  genug
der  französischen  Partei  anzugehören,  in  einer  Zeit,  wo  ich  nur  den  Interessen
des  Hauses  dienen  will  und  dienen  werde.  Daraus  kann  man  sehen,  daß  sie
die  anderen  nur  nach  sich  selbst  beurteilen.  Denn  es  ist  schimpflich  einem
anderen  als  seinem  Herrn  anzuhängen.“  Ein  andermal  wies  sie  das  unwürdige
Ansinnen  eines  Diplomaten  mit  den  stolzen  Worten  zurück,  durch  mehrfache
Bande  an  das  Haus  Wittelsbach  geknüpft  wolle  sie  an  dessen  Vergrößerung
arbeiten,  so  lange  sie  könne.

Ihr  Lehrmeister  in  der  Politik  war  kein  anderer  als  der  preußische
Gesandte  Klinggräffen,  der  den  Leistungen  seiner  Schülerin  alle  Anerkennung
zollt;  er  war  es  auch,  der  der  Herzogin  durch  den  französischen  Gesandten
Chavigny  von  König  Ludwig  XV.  ein  Geschenk  von  1500  Dukaten  erwirkte.
Man  hat  sie  darum  als  undeutsch  verurteilt;  aber  man  übersieht,  daß  solche
Geschenke  und  Pensionen  damals  die  Stelle  unserer  Ordensauszeichnungen
vertraten,  daß  nicht  nur  die  bayerischen  Staatsmänner  solche  „Handsalben“
nicht  verschmähten  sondern  auch  die  Minister  Maria  Theresias  für  ihre  Zwecke
ähnlicher  Mittel  sich  bedienten.  Und  wie  verwendete  Maria  Anna  dieses
Geld?  Getreu  ihrer  Devise  lediglich  im  Interesse  des  Gesamthauses  Wittelsbach,
  indem  sie  auf  einer  Reise  nach  Mannheim  und  nach  Bonn,  der  Residenz
des  Kurfürsten  Klemens  August  von  Köln,  sich  bemühte  die  drei  Höfe  enger
        <pb n="335" />
        60.  Herzogin  Maria  Anna  von  Bahern.  323

zu  verknüpfen.  Die  wittelsbachische  Hausunion  von  1746/47  ist  im  wesentlichen
  ihr  Werk.

Durch  ihren  Gemahl,  der  die  Stellung  eines  Hofkriegsratspräsidenten
bekleidete,  ward  sie  auf  die  Bedeutung  einer  tüchtigen  Heeresmacht  aufmerksam
und  darum  wurde  sie  nie  müde  dem  Kurfürsten,  der  nicht  zum  Soldaten
geboren  schien,  die  Notwendigkeit  einer  solchen  vor  Augen  zu  stellen.  Als
der  Finanzminister  Berchem  aus  Sparsamkeitsrücksichten  die  Röcke  der  Soldaten
für  überflüssig  erklärte  und  sie  auch  für  den  Winter  in  schlechte  Leinenkittel
stecken  ließ,  schrieb  Maria  Anna  dem  Kurfürsten,  wenn  er  seine  Soldaten
nicht  mehr  kleiden  könne,  wolle  sie  selbst  die  Sorge  dafür  übernehmen;  denn
so  sei  es  eine  Schande  für  die  bayerische  Nation.  Als  im  Jahre  1778  der
ncue  Kurfürst  Karl  Theodor  die  von  seinem  Vorgänger  gegründete  Kadettenanstalt
  aufhob  und  der  bisherige  Vorstand  derselben,  Oberst  Ancillon,  sich  in
seiner  Bekümmernis  an  die  Herzogin  Klemens  wandte,  tröstete  sie  ihn:  „Sei
er  unbekümmert,  lieber  Oberst;  ich  werde  mir's  von  meinem  Schwager  zur
Gnade  ausbitten,  daß  ich  Mutter  dieser  Verlassenen  sein  darf.“  Auf  ihr
Geheiß  fertigte  der  Oberst  eine  Zeichnung,  die  sie  darstellt,  wie  sie  die  zu  ihr
flüchtenden  Eleven  unter  ihren  schützenden  Mantel  nimmt.  Diese  Zeichnung
überreichte  sie  dem  Kurfürsten  und  volle  elf  Jahre  bestritt  sie  die  Kosten  für
die  Herzogliche  Marianische  Landesakademie,  bis  diese  mit  der  neuen  Militärakademie
  verschmolzen  wurde.

Schon  beim  Ausbruche  des  Siebenjährigen  Krieges,  in  welchem  Bayern
der  Kaiserin  Maria  Theresia  Heeresfolge  leistete,  stellte  sich  Maria  Anna
offen  auf  die  Seite  des  Königs  von  Preußen.  Sie  wußte  mit  seinem
Minister  in  Regensburg,  dem  Freiherrn  von  Plotho,  und  mit  dem  hannoverischen
  Gesandten  daselbst  Beziehungen  anzuknüpfen.  Nach  der  Niederlage
bei  Hochkirch  und  dem  Tode  von  Friedrichs  Lieblingsschwester,  der  Markgräfin
von  Bayreuth,  sandte  Plotho  seinem  Gebieter  zum  Trost  und  zur  Illustrierung
der  Tatsache,  daß  „an  Orten,  wo  es  nicht  vermutet  werden  sollte,  ein  heimliches
  attachement  an  ihn  vorhanden  sei“,  jenes  merkwürdige  Schreiben  der
Herzogin,  in  dem  sie  nicht  nur  der  aufrichtigen  Teilnahme  an  dem  doppelten
Unglück  des  Königs  sondern  auch  der  Hoffnung  auf  den  endlichen  Sieg  der
gerechten  Sache  denkwürdigen  Ausdruck  verleiht:  „Wäre  es  möglich,  daß  der
Himmel  erlaubte,  daß  der  Stolz  und  die  Ungerechtigkeit  triumphieren  und
über  das  Verdienst  den  Sieg  davon  tragen?“  Später  fand  sie  Gelegenheit
auch  mit  dem  Prinzen  Heinrich  Briefe  zu  wechseln,  der  sie  jedoch  an  seinen
königlichen  Bruder  verwies.  Dieser  war  über  den  Eifer  der  „würdigen  und
so  patriotisch  als  rechtschaffen  gesinneten  Prinzessin“  sichtlich  „gerühret"
„Was  vor  ein  Glück  würde  es  vor  Teutschland  und  vor  die  Erhaltung  des
Reichssysteme  sein,"  schreibt  er  am  18.  Januar  1762  an  Plotho,  „wenn  verschiedene
  teutsche  Prinzen  mit  solcher  Solidite  und  Penétration  auf  die  wahre
Wohlfahrt  des  Vaterlandes  und  dessen  Freiheit  gedächten  und  arbeiteten.“

21“
        <pb n="336" />
        324  60.  Herzogin  Maria  Anna  von  Bayern.

Nach  der  Niederlage  von  Hochkirch  hatte  er  Plothos  Bitte  ein  Handschreiben
an  die  Herzogin  zu  richten,  welche  dann  den  eifrigsten  Minister  für  den  König.
abgeben  würde,  nicht  entsprochen;  jetzt  schob  er  auf  ernenten  Antrag  seines
getreuen  Eckart  in  Regensburg  es  nicht  länger  auf,  derselben  schriftlich  seinen
lebhaftesten  Dank  auszusprechen,  daß  sic  in  einer  Zeit,  in  der  die  ganze  Welt
sich  gegen  ihn  erklärte,  bei  jeder  Gelegenheit  ihre  Anhänglichkeit  an  seine
Interessen  bezeugte.  In  ihrer  Antwort  vom  2.  März  dämmte  Maria  Anna
diese  Anerkennung,  die  sie  mit  der  höchsten  Freude  und  der  ganzen  Genugtuung
erfüllte,  „die  es  gewährt,  der  Stimme  der  Billigkeit  immer  treu  geblieben  zu
sein“,  dahin  ein,  die  respektvolle  Bewunderung  Friedrichs  sei  ihr  mit  allen
gemein,  die  die  Mißgunst,  der  Eigennutz  und  der  Schwindelgeist  der  Zeit
nicht  dafür  unempfindlich  gemacht  habe;  in  heißem  Gebete  wende  sie  sich
täglich  zu  Gott,  er  möge  die  geheiligte  Person  des  Königs  nicht  nur  erhalten
sondern  auch  ihrer  friedlichen  Beschäftigung  wieder  zuführen  und  ihr  solche
Siege  gewähren,  die  ohne  Blutvergießen  die  Herzen  der  Gegner  gesangen
nehmen.  Und  als  sich  am  23.  März  Friedrich  mit  ihr  in  dem  Wunsche
zusammenfand,  die  Vorsehung  möge  bald  die  Schrecken  des  Krieges  verschwinden
  lassen  und  die  Annehmlichkeiten  eines  guten,  soliden  Friedens  zurückführen,
  schloß  die  Herzogin  am  5.  Juni  einstweilen  den  Briefwechsel  aus
Rücksicht  auf  die  kostbare  Zeit  des  Königs,  die  ihm  ebenso  wertvoll  sei,  als
sie  denen  teuer  erscheine,  die  daran  Friedrichs  Glück  und  ihr  eigenes  knüpften.
Es  waren  im  Geiste  der  Zeit  gehaltene  Höflichkeitsbezeugungen,  in  denen  sich
die  neu  begründete  Freundschaft  der  erleuchteten  Geister  zunächst  noch  bewegte;
aber  bald  sollte  zu  den  graziösen  Formen  sich  ein  für  beide  Teile  ersprießlicher
Inhalt  gesellen.

Als  kurze  Zeit  darauf  der  König  den  Reichsständen,  die  sich  von  dem
„österreichischen“  Krieg  lossagten,  Neutralität  anbot,  benutzte  der  Kurfürst  die
Beziehungen  seiner  „lieben  Constante“  mit  Preußen  Frieden  zu  schließen.
Ein  Separatvertrag  zwischen  beiden  Ländern  ernenerte  nicht  nur  die  Freundschaft
  unter  ihnen,  er  enthielt  auch  das  Versprechen  des  Königs  nicht  zuzugeben,
daß  einige  dem  Kurhause  Bayern  nachteilige  Absichten  zur  Ausführung  kämen.
Kurfürst  Maximilian  III.  Joseph  besaß  keine  Kinder.  Von  den  Nachkommen
der  Herzogin  verließ  keiner  lebend  das  erste  Bad;  immer  wieder  um  ihre
Hoffnung  betrogen  dem  Land  einen  Erben  zu  schenken  klagt  sie  mit  Bitterkeit,
ihr  Leben  sei  nichts  als  ein  Gewirk  von  Pein,  Herzeleid  und  Ungemach.  Nach
dem  Hausvertrag  von  Pavia  sollte  bei  dem  Aussterben  der  Wilhelminischen
Linie  in  München  die  ältere  Rudolfinische  Linie  Bayern  und  Pfalz  wieder
vereinigen.  Schon  im  Siebenjährigen  Kriege  hatte  man  Beweise  erhalten,
daß  Osterreich  das  älteste  wittelsbachische  Hausgesetz  nicht  anzuerkennen  geneigt
sei.  Durch  den  Anschluß  an  den  preußischen  Staat  war  die  frühere  bayerische
Gepflogenheit  gegen  den  habsburgischen  Kaiser  den  Reichsfeind  jenseits  der
Vogesen  auszuspielen  hinfällig  geworden.  Schon  1761  wagten  die  Wittels-
        <pb n="337" />
        60.  Herzogin  Maria  Anna  von  Bayern.  325

bacher  in  einer  neuen  Hausunion  Maria  Theresia  zu  trotzen.  Obwohl  durch
den  Tod  ihres  Gemahls  (1  6.  August  1770)  vereinsamt,  war  Maria  Anna
unablässig  tätig  die  sich  entgegenstehenden  Interessen  der  einzelnen  Wittelsbacher
zu  versöhnen  und  in  den  bedeutsamen  Verträgen  von  1766,  1771  und  1774
den  österreichischen  Prätensionen  ein  rechtliches  Fundament  entgegenzusetzen,
das  für  die  Erhaltung  Bayerns  als  Einheit  nicht  zu  unterschätzen  ist.  Noch
war  Max  Joseph  am  Leben,  da  beabsichtigte  die  Herzogin  persönlich  dem
großen  König  ihre  Huldigung  darzubringen  und  ihn  um  seinen  Schutz  und
die  Garantie  der  Erbverträge  anzugehen;  aber  ihre  Gesundheit  erlaubte  die
weite  Reise  nach  Berlin  nicht.  Max  III.  starb  und  sein  Nachfolger  Karl
Theodor  war  bereit  in  dem  Vertrage  vom  3.  Januar  1778  die  österreichischen
Ansprüche  zum  Teil  anzuerkennen.  Friedrich  sandte  jedoch  den  Grafen
Eustachius  von  Görtz  nach  München  und  dieser  hatte  im  Hause  der  Herzogin,
in  der  Herzog-Maxburg,  wo  in  ihrem  Arbeitszimmer  das  Bild  des  Preußenkönigs
  hing,  mit  den  Ministern  des  Herzogs  Karl,  Hofenfels  und  Esebeck,
geheime  Konferenzen.  Die  Beschlüsse,  die  damals  auf  Betreiben  der  Herzogin
gefaßt  wurden,  führten  zur  Einmischung  Friedrichs  in  die  bayerische  Angelegenheit
und  so  wurde  der  Bayerische  Erbfolgekrieg  ohne  Teilnahme  des  bayerischen
Militärs  zwischen  Osterreich  und  Preußen  geführt.  Mit  bewunderungswürdiger
Klarheit  überblickte  die  Prinzessin  die  ganze  Situation,  wußte  sie  alle  ihre
Pläne  den  Gegnern  verborgen  zu  halten.

Die  Briefe,  die  sie  mit  ihrem  „Freund“  Friedrich  und  seinen  vertrauten  Räten
wechselte,  verraten  eine  glühende  Vaterlandsliebe  und  eine  männliche  Energie.
Zeigt  auch  ihr  Bild  aus  dieser  Zeit  beinahe  männliche  Züge,  so  blieb  sie  doch
Frau  insofern,  als  sie  Gefühlspolitik  trieb,  die  Friedrich  selber  fremd  war.
„Ach,  gnädigste  Frau,“  schreibt  ihr  der  König  am  13.  Februar  1778,  „warum
sind  Sie  nicht  Kurfürst?  Wir  würden  dann  die  schimpflichen  Ereignisse  nicht
haben  eintreten  sehen,  über  die  jeder  gute  Deutsche  bis  in  den  Grund  seines
Herzens  erröten  muß.  Wenigstens  wird  es  Bayern  E.  Dlt.  verdanken,
daß  das  Übel  so  viel  als  möglich  beseitigt  worden  ist.  In  welcher
Entfernung  ich  mich  von  E.  Dlt.  befinden  mag,  stets  bin  ich  einer  von  Ihren
Bewunderern  gewesen.  Ich  habe  Ihnen  von  weitem  Beifall  gewinkt,  wie
die  Christen  die  Engel  feiern,  deren  Wunder  sie  verkündigen,  die  sie  aber

niemals  erblicken.“  „Wenn  ich  Kurfürst  wäre  hätten  Sie  in  mir  einen
sehr  treuen  Bundesgenossen,  der  für  die  Interessen  E.  M.  kämpfen  würde“,
antwortet  darauf  Maria  Anna;  „aber  leider  bin  ich  nur  eine  Frau  —  —  —“

„Es  wäre  schön,  eine  alternde  Pallas  an  der  Spitze  der  Bayern  zu  sehen,“
gesteht  sie  dem  Grasen  Görtz.  „Ich  möchte  die  Geister  meiner  Ahnen  herbeirufen
  um  das  Vaterland  zu  retten,  so  empört  fühle  ich  mich;  es  gibt  selbst
Augenblicke,  wo  ich  ehrgeizig  genug  bin  um  Münsche  zu  hegen  und  zu
bedauern,  daß  ich  nicht  Kurfürst  bin.“  Am  8.  März  scherzt  der  König:
„Wenn  wir  Erfolg  haben,  werde  ich  ihn  dem  Verdienst  der  heiligen  Clementine
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        326  60.  Herzogin  Maria  Anna  von  Bayern.

zuschreiben,  die  uns  zu  schützen  geruht.“  „Retten  Sie  ein  unterdrücktes
Land,“  lautet  die  Antwort,  „dieser  Ruhm  ziemt  Ihnen,  er  ist  würdig  des
großen  Friedrich;  dann  wird  die  heilige  Clementine  das  Wunder  vollbringen
alle  Bayern  um  Ihre  Fahnen  zu  scharen  und  mein  Neffe  wird  als  der  erste
meinen  Eifer  unterstützen  mit  den  Waffen  in  der  Hand.“  Nie  wird  sie  müde
den  Beschützer  Bayerns,  den  Freund  Karls  VII.  und  seines  Sohnes,  zu
beschwören  ihm  alle  tapferen  Bayern  zur  Verfügung  zu  stellen.  „Der  König
hat  selbst  sein  teures  Leben  für  Bayern  in  die  Schanze  geschlagen;  aber  die
geringste  Zerstückelung  unseres  Kurstaates  muß  eines  Tages  den  Umsturz  des
Reiches  nach  sich  ziehen.“  Friedrich  antwortet  auf  alle  diese  warmherzigen
Ergüsse  immer  höflich,  aber  mit  der  Kälte  des  Realpolitikers:  „Wenn  alle
Vereinbarungen  durchaus  nur  von  meinem  Willen  abhingen!  Wenn  wir,
ich  und  meine  Bundesgenossen,  uns  die  Feindschaft  Rußlands  und  Frankreichs
zuziehen  wollten,  so  wäre  das  nur  ein  Gewinn  für  die  Sache  Osterreichs.“
Der  Friede  von  Teschen,  der  von  Bayern  das  Innviertel  abtrennte,  wurde
denn  auch  von  den  Patrioten  mit  geteilten  Gefühlen  ausgenommen;  aber  was
wäre  ohne  die  patriotische  Herzogin,  ohne  die  Unterstützung  Preußens  aus
dem  Lande  geworden?

Es  war  Maria  Anna  nicht  mehr  vergönnt  „den  erstaunlichsten  aller
Menschen“  von  Angesicht  zu  Angesicht  zu  sehen,  wie  sie  mehrfach  gewünscht
hatte.  Auch  die  Briefe  zwischen  beiden  werden  immer  seltener.  Einmal
kondoliert  sie  ihm  noch  zum  Tode  seiner  Schwester  und  dann,  als  neue
Tauschpläne  Karl  Theodors  durch  die  Gründung  des  Fürstenbundes  vereitelt
waren,  gesteht  sie,  ihr  Eifer  seine  Befehle  zu  erfüllen  werde  das  Verdienst
vertreten  bei  ihr.  „Meine  ganze  Nation  denkt  ebenso  und  bewundert  und
schätzt  Sie,  glücklich  über  den  Schutz  E.  M.,  die  zweimal  Bayern  gerettet  hat;
erfüllt  von  Dankgefühl  für  eine  so  große  Wohltat  wird  sie  nie  aufhören
für  die  Erhaltung  ihres  großen  Beschützers  zu  beten.“

Daneben  war  die  edle  Frau  eifrig  bemüht  den  Kurfürsten  mit  dem
Herzog  von  Zweibrücken  zu  versöhnen.  Sie  demütigte  sich  vor  dem  Fürsten
von  Bretzenheim  und  war  bereit,  wenn  sie  bei  Hofe  erschien,  sich  manche
Kränkung  gefallen  zu  lassen.  Besonders  schmerzlich  mußte  sie  es  empfinden,
daß  der  Kurfürst  ihre  Getreuen  auf  das  härteste  verfolgte.  Ihr  Hausgeistlicher
Kirchmair  entzog  sich  nur  durch  die  Flucht  der  Verhaftung.  Lori  starb  in  der
Verbannung  mit  dem  Trost  eines  guten  Gewissens:  „Ist  halt  doch  gut  sterben,
wenn  man  ehrlich  gelebt  hat.“  Der  Geheimrat  Obermayr,  der  das  gleiche
Schicksal  hatte,  bekannte,  wenn  auch  sein  Haupt  unter  dem  Beil  des  Henkers
fallen  sollte,  werde  er  sich  dem  aus  Vaterlandsliebe  unterwerfen;  aber  seine
Grundsätze  verleugnen  werde  er  nicht.  Wie  warm  sich  die  energische  Frau
ihrer  Getreuen  annahm,  beweist  die  Weigerung  Kreittmayrs  sich  der  Papiere
ihres  Privatsekretärs  André  zu  bemächtigen,  da  er  bei  der  bekannten  Heftigkeit
der  Herzogin  nicht  wisse,  ob  er  wieder  lebend  aus  der  Herzog  Maxburg
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        61.  Die  Austrocknung  und  Besiedelung  des  Donaumoores.  327

herauskomme.  André,  der  zwei  Jahre  auf  dem  Rotenberg  gefangen  gehalten
wurde  und  München  erst  nach  dem  Tode  der  Herzogin  wieder  betreten  durfte,
stand  ihrem  Herzen  besonders  nahe,  so  daß  sie  sich  heimlich  mit  ihm  trauen
ließ.  Zu  all  dem  Unglück  kamen  immer  wieder  Gerüchte  über  Tauschpläne
mit  Osterreich.  Um  die  Einheit  des  Landes  zu  sichern  wäre  die  Herzogin
jetzt  sogar  bereit  gewesen  dasselbe  bei  dem  Aussterben  der  Wittelsbacher  an
die  Welfen  zu  bringen.  So  hat  sie  sich  von  einer  Vorkämpferin  für  die
Interessen  ihres  Hauses  in  50jährigem  Ringen  zur  Patrona  Bavarise
entwickelt,  wenn  anders  es  erlaubt  ist  eine  unvollkommene  Sterbliche  mit  dem
Nimbus  des  Heiligen  zu  umgeben.

Der  einzige  Trost  ihrer  Witwenjahre  war  es,  daß  ihr  Gemahl  ihr  ein
Einkommen  hinterlassen  hatte,  groß  genug  um  jederzeit  Gutes  zu  tun.  In
geradezu  mütterlicher  Weise  nahm  sie  sich  ihrer  pfälzischen  Verwandten  an;
die  Fortschritte  des  Herzogs  Max  verfolgte  sie  schon  mit  regem  Interesse,  als
er  noch  ein  Knabe  war.  Es  war  ihr  nicht  mehr  beschieden  —  sie  starb  am
25.  April  1790  —  ihn  als  Herzog  von  Zweibrücken,  als  Kurfürsten  und
König  von  Bayern  zu  begrüßen.  Aber  ihr  Geist  beseelte  die  Fürsten  aus
dem  Hause  Pfalz=  Zweibrücken-Birkenfeld  von  der  Stunde  an,  wo  Max  Joseph
seinen  Einzug  in  München  hielt,  bis  zu  dem  Tage,  da  Ludwig  II.  dem
Hohenzollern  Wilhelm  die  deutsche  Kaiserkrone  anbot  und  jene  Freundschaft
zwischen  Preußen  und  Bayern  zu  einer  dauernden  machte,  für  die  die  mutige
Herzogin  zeitlebens  gekämpft  hatte.

61.  Die  Austrochnung  und  Besiedelung  des  Donaumoores
unter  dem  Kurfürsten  Karl  Theodor.
Von  (hristion  Gruber.“

Südbayern  ist  nicht  nur  das  Land  schmucker,  waldumrahmter  Seen
sondern  auch  dasjenige  weit  ausgespannter,  eintöniger  Moorflächen.  Sie  finden
sich  zwischen  den  Schutthügeln  der  Moränenlandschaft  und  rings  an  den  Gestaden
  der  stehenden  Gewässer  im  Süden,  wie  auf  den  breiten  Schotterebenen
in  der  Mitte  und  längs  der  Talrinnen  des  Nordens  der  Schwäbisch-bayerischen
  Hochebene.  Den  bedeutendsten  Flußläufen  sind  auch  die  größten  und
zugleich  geschlossensten  Moorgebiete  eigen.  Unter  ihnen  treten  wiederum  das
von  der  Isar  durchschnittene  Doppelmoor  in  der  Münchener  Talweite  mit
über  46  000  und  das  von  Neuburg  a.  D.  gegen  die  Paar  hinstreichende
Donaumoor  mit  rund  17000  Hektar  Flächeninhalt  besonders  hervor.

Die  Landesfürsten  und  die  Staatsverwaltung  haben  diesen  kranken
Teilen  unserer  Heimat  und  ihrer  Urbarmachung  von  jeher  Aufmerksamkeit  zugewendet.
  Besonders  Kurfürst  Karl  Theodor  aber  suchte  durch  die  Austrockhnung
  des  Donaumoores  seinen  menschenfreundlichen  Ruf  zu  erhöhen,  die
Zeit  seines  Regiments  mit  tiefer  Schrift  in  die  Geschichte  der  Landwirtschaft
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        328  61.  Die  Austrocknung  und  Besiedelung  des  Donaumoores.

in  Bayern  einzugraben.  Er  hatte  eine  Kulturtat  im  Sinne,  wie  sie  Friedrich
dem  Großen  durch  die  Urbarmachung  der  Brüche  an  Oder,  Warthe  und  Netze
gelungen  war.  Auch  er  wollte  dem  vaterländischen  Boden  an  seinem  Hauptstrome
  eine  „neue  Provinz“  in  friedlichem  Vorgehen  abringen.  Männer  hochpatriotischen
  Denkens  mit  Weitblick,  technischer  Gewandtheit  und  bewährter  Erfahrung
  standen  ihm  bei  diesem  Unternehmen  zur  Seite.  Es  mag  in  unserer
Zeit,  wo  Tausende  der  einsichtsvollsten  Geister  die  Augen  auf  das  Meer,  auf
Erwerbung  und  Ausbeute  fremder  Küsten  richten,  wohl  angehen  an  jene
Arbeiten  zu  erinnern,  welche  Kolonisation  in  der  eigenen  Heimat  zum  nahegelegenen
  Ziele  hatten.

An  kein  staatliches  Unternehmen  in  Bayern  wurden  während  des  18.  Jahrhunderts
  wohl  so  wenige  und  zugleich  so  viele  Erwartungen  geknüpft  als  an
die  Austrocknung  und  Besiedelung  des  Donaumoores.  Keine  ältere  Kultivationsarbeit
  wurde  aber  auch  so  widersprechend  beurteilt  als  diese,  was  sich
großenteils  aus  der  Art  und  Weise  erklärt,  wie  man  die  Bodenverbesserungen
selbst  vornahm.  Letztere  wurden  durchaus  nicht  stetig  und  ununterbrochen
auch  nur  während  eines  Jahrzehnts  durchgeführt,  sondern  ruckweise  und  lückenhaft.
  Hierdurch  erhielt  das  gesamte,  so  großartig  gedachte  Werk  den  Charakter
eines  mehrfach  aufgegriffenen  bodenwirtschaftlichen  Experiments.  Bei  demselben
war  man  vor  allem  auf  die  ausgiebige  Beihilse  der  Bewohner  jener  Landschaft
angewiesen,  in  welcher  es  vor  sich  ging.  Daß  man  diese  Unterstützung  ergiebiger
  in  Anspruch  zu  nehmen  vergaß,  hinderte  eine  rasche  Vollendung  der
angestrebten  Kulturtat  in  gleicher  Weise  wie  die  Naturverhältnisse,  des  Moores
überhaupt,  die  unzweckmäßige  Verteilung  des  neugewonnenen  Bodens  und  die
geringe  wirtschaftliche  Befähigung  zahlreicher  Kolonisten.

Als  nach  dem  Tode  des  vielgeliebten  Maximilian  III.  die  gesamten
wittelsbachischen  Besitzungen  wieder  vereinigt  wurden,  unterbreitete  der  damalige
Statthalter  des  Herzogtums  Neuburg,  Reichsgraf  zu  Pappenheim,  Ende  Mai
1777  Karl  Theodor  den  Vorschlag  das  Donaumoor  für  die  Kultur  zu  gewinnen.
  Sofort  ordnete  der  Kurfürst  die  Planaufnahme  des  letzteren  an.
Sie  wurde  allerdings  in  unvollkommener  Weise  von  dem  Priester  Lanz  durchgeführt
  und  sollte  als  Grundlage  für  den  Austrocknungsentwurf  dienen.
Eine  eigene  Hofkommission  leitete  die  Ausführung  des  Unternehmens.  Ihr
gehörten  unter  dem  Vorsitze  des  Staatskanzlers  Kreittmayr  drei  edelgesinnte
Männer  an:  Georg  v.  Aretin,  Adrian  v.  Riedl  und  später  Stephan
von  Stengel.  Welche  Summe  von  Schwierigkeiten  ihrem  selbstlosen  Eifer
entgegentrat  und  welchen  Ernst  es  erforderte  um  dieselben  zu  überwinden,
schildert  Aretin  mit  folgenden  Worten:  „Wir  hatten,  als  wir  den  Auftrag  erhielten
  das  Moor  trocken  zu  legen,  einen  unabsehbaren  Sumpf  vor  uns,  von
dem,  den  einzigen  Lanzischen  Generalplan  ausgenommen,  alle  Nachrichten  tief
unter  dem  Staub  der  Archive  und  Registraturen  gemodert  hatten.  Es  waren
keine  Rechte  der  Einzelbesitzer  ausgeschieden,  keine  Grenzen  bestimmt.  Wir
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        61.  Die  Austrocknung  und  Besiedelung  des  Donaumoores.  329

hatten  keine  Vorgänger  in  einem  ähnlichen  Unternehmen.  Wir  hatten,  wenn
wir  es  nach  der  Größe  des  Flächeninhalts  messen,  kein  Beispiel  in  Deutschland.
  Wir  mußten  uns  die  Grundlagen  selbst  suchen,  auf  die  wir  bauen
sollten.“  Als  erste,  dringendste  Aufgabe  galt  der  Kommission  die  Entwirrung
der  Ansprüche  auf  Eigentum  und  Lehensbesitz  im  Donaumoore.  Sodann
glaubte  sie  die  Kultivationsarbeiten  dadurch  rascher  fördern  zu  können,  daß
sie  die  Lehensbarkeit  der  Moorgründe  aufhob  und  diese  ihren  Besitzern  gegen
geringes  Entgelt  als  freies  Eigentum  überließ.

Um  die  für  die  Austrocknungsarbeiten  erforderliche  Geldsumme  aufzubringen
  war  es  notwendig  eine  Aktiengesellschaft  zu  gründen.  Ihr  mußten
die  am  Donaumoor  teilhabenden  Gemeinden  und  Einzelbesitzer  Stücke  ihres
Grundes  abgeben  und  konnten  dafür  später  verbessertes  Land  in  der  Nähe
ihres  Wohnorts  beanspruchen.  Die  Hälfte  der  dem  Ackerbau  nutzbar  gemachten
Flächen  aber  blieb  den  Aktionären  als  Entschädigung  für  die  aufgewandten
Kulturkosten  überlassen.

Inzwischen  vollendete  Oberst  v.  Riedl  die  Pläne  zur  Austrockuung  des
Moores.  Er  hatte  bei  ihrer  Herstellung  sowohl  die  Ableitung  des  Wasserreichtums
  im  Innern  des  Moores  und  jene  der  Quellergüsse  an  seiner  Umrahmung
  als  auch  die  Anlage  der  nötigen  Straßen  und  Wegbauten  vor
Augen.  Karl  Theodor  genehmigte  schon  während  dieser  vorbereitenden  Arbeiten
34000  Mark  aus  seiner  Kabinettskasse.

Im  Frühling  1790  ging  man  an  die  Ausführung  des  Projektes.  Das
rasche  und  gründliche  Vorschreiten  der  Entwässerung  leistete  die  sichere  Gewähr,
daß  v.  Riedl  die  Ursachen  der  Moorbildung  richtig  erkannt  hatte  und  die
kürzesten  Wege  zu  ihrer  Beseitigung  einzuschlagen  verstand.  Zum  Bau  der
Abzugsgräben  für  das  Wasser  zog  man  anfangs  Militär,  später  gewöhnliche
Akkordarbeiter  heran.  Außer  ihnen  halfen  einige  hundert  Schulkinder  der  benachbarten
  Ortschaften,  ferner  gefänglich  eingezogene  Landstreicher  oder  geringere
Verbrecher  unter  kundiger  Aufsicht  mit.  So  war  man  imstande  noch  im  ersten
Jahre  2670  Hektar  Sumpfland  trocken  zu  legen.  Im  folgenden  Winter
wurde  der  Moorinspektion  bereits  der  Auftrag  in  den  der  Aktiengesellschaft
ufallenden  Anteilen  Plätze  für  Kolonien  auszusuchen,  welche  festen  Boden  für
die  Errichtung  von  Wohnungen  böten  und  von  wo  aus  die  Verteilung  der
Gründe  für  jede  Familie  zwanglos  die  hinreichende  Anzahl  von  Ackern  und
Wiesen  ergeben  würde.  Zu  Beginn  des  Jahres  1791  waren  10  bis  15  Häuser
im  Entstehen;  große  Materialmagazine  und  eine  Ziegelhütte  mit  Torfbrand
wurden  errichtet.  Dies  war  der  Anfang  zur  ersten  Siedelung  im  Moor,
Karlskron.

Feindlicher  jedoch  als  alle  Ungunst  der  Naturverhältnisse  kämpften  Neid
und  Mißtrauen  in  diesen  Jahren  gegen  die  Bestrebungen  zur  Bodenverbesserung
  und  Kolonisation  im  Donaumoore.  Der  nicht  erwartete  Fortschritt
der  Landgewinnung  weckte  unberechtigten  Eigennutz.  Als  die  Aktiengesellschaft
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        330  61.  Die  Austrocknung  und  Besiedelung  des  Donaumoores.

die  ihr  gesetzlich  zugesprochene  Hälfte  der  1790  dem  Sumpf  abgewonnenen
Landstriche  in  Besitz  nahm,  entstand  eine  Fülle  von  Beschwerden.  Allenthalben
klagte  man  über  Kränkung  der  Privatrechte.  Aus  jeder  frischgewonnenen  Scholle
schien  ein  neuer  Prozeß  zu  erwachsen.  Parteiische  Stimmen  erhoben  sich  überlaut:
  man  hätte  das  Moor  nicht  in  so  starkem  Maße  austrocknen  sollen;
die  Kanäle  seien  Monumente  für  die  Ewigkeit,  aber  deshalb  zu  kostspielig;
Jagden  und  Fischereien  gingen  zu  Grunde,  geräumige  Weideflächen  könnten
nicht  entbehrt  werden.  So  heftig  wurde  gegen  die  Kulturkommission  angestürmt,
daß  Stengel  und  Aretin  eine  besondere  Berteidigungsschrift  für  nötig  hielten,
in  welcher  sie  die  Bodenaustrocknung  mit  schlagenden  Beweisen  rechtfertigten.
Zugleich  bat  man  den  Kurfürsten  um  sein  gerechtes  Urteil.  Er  bestimmte,  daß
ein  besonderes  Gericht  in  der  Folge  alle  Gebietsstreitigkeiten  zu  schlichten  hätte.

Noch  war  das  Unternehmen  kaum  zur  Hälfte  vollendet,  eben  schnitt  die
Pflugschar  die  ersten  Furchen  in  das  der  Vermoorung  entrissene  Land,  als
die  Unruhen  der  Revolutionskriege  eintraten.  Unter  ihrem  Druck  ging  die
Austrocknung  zwar  beschwerlicher,  nichtsdestoweniger  aber  stetig  fort.

Bald  konnten  fast  4000  Hektar  den  Aktienteilhabern  für  die  Gründung
von  Kolonien  überlassen  werden.  Aretin,  Stengel  und  Riedl  übergaben  ihr
Werk  nach  ihren  eigenen  Worten  als  ein  Denkmal  der  goldenen  Zeiten  Karl
Theodors  der  Nachwelt.

Im  August  1793  bestimmte  der  Kurfürst  vier  Gebiete  zur  Hebung  der
Kolonie  Karlskron.  Bei  Anlage  derselben  waren  nach  H.  v.  Pechmann  nachstehende
  Grundsätze  maßgebend:  Eine  Familie,  welche  ausschließlich  vom
Ackerbau  leben  wollte,  erhielt  kostenlos  3  Hektar  Land  und  765  Mark  teils  bar
teils  an  Materialien.  Nach  15  Jahren  sollte  mit  der  ratenweisen  Rückzahlung
dieser  Summe  begonnen  werden.  Außerdem  durfte  jeder  Ansiedler  ein  Geschenk
  von  51  Mark  zum  Ankauf  von  Nutztieren  erheben.  Handwerker  wurden
ebenfalls  mit  765  Mark  bedacht.  Hingegen  mußten  sie  das  Tagwerk  entwässerten
  Bodens  zu  85  Mark  übernehmen  und,  5  Jahre  nach  der  Niederlassung
  angefangen,  innerhalb  15  Jahren  bezahlen.  Jedem,  der  im  Moor
kolonisierte  und  ein  Haus  erbaute,  gewährte  man  30  Jahre  Freiheit  von
Steuern  und  Abgaben,  von  Frondiensten,  von  Rekrutenaushebung  und  Einquartierung.
  Nur  12  Pfennig  (4  Kreuzer)  wurden  ihm  vom  Tagwerk  seines
Eigentums  für  die  Unterhaltung  der  Kanäle  und  Gräben  alljährlich  abgefordert
(der  Kanalbatzen).  Die  Wohnungen  errichtete  man  nach  einem  gemeinsamen,
rationell  erprobten  Plan  aus  Backsteinen.  Am  Ende  des  Jahres  1794  standen
in  den  Gemeinden  Karlskron,  Karlshuld  und  Fruchtheim  bereits
39  Häuser.

Indes  so  ungewöhnlich  freigebig  der  Staat  auch  vorging,  die  erwähnten
Bestimmungen  bargen  doch  eine  der  tiefgreifendsten  Ursachen  zur  frühen  Verkümmerung
  der  Kolonien  in  sich.  Drei  Hektar  Land  vermögen  ihren  Besitzer
wohl  zu  ernähren,  wenn  sie  der  Feldwirtschaft  bereits  ausgiebig  dienen,  nicht
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        61.  Die  Austrocknung  und  Besiedelung  des  Donaumoores.  331

aber  in  unkultiviertem,  ärmlich  sterilem  Zustand.  Hauptsächlich  der  zu  kärglich
bemessene  Anteil  an  Boden  machte  es  der  Mehrzahl  aller  Kolonisten  unmöglich
  jenen  Grad  von  Wohlstand  und  Zufriedenheit  zu  erreichen,  welcher  nach
den  für  die  Kultivation  des  Moores  ausgewandten  Summen  erhofft  wurde.

Nach  Karlskron  wurden  bis  zum  Beginn  des  neuen  Jahrhunderts  unter
reger  Teilnahme  von  Privaten  nachstehende  bedeutendere  Kolonien  im  Donaumoor
  gegründet:  Karlsruhe,  Josephenburg,  Frankmoosen  und  Walding
  1792;  Bofzheim  und  Fruchtheim  1793;  Rosing,  Stengelheim,
Karlshuld,  Diebling  und  Wegscheid  1794;  Kochheim  und  Brautlache
1795;  Lichtenheim  1796;  Mändelfeld  und  Grillheim  1798,  Grasheim
1800,  Sturmfeld  1801.  Um  Anlage  und  Gedeihen  der  jungen  Siedelungen
zu  stützen  errichtete  der  Staat  zu  Karlskron  ein  eigenes  Moorgericht,  das
freilich  nach  kurzem  Bestand  wieder  aufgehoben  wurde.  Die  Kolonisten  waren
aus  allen  Teilen  Südbayerns,  aus  Württemberg,  Franken,  in  besonders  auffallender
  Zahl  aber  aus  der  Rheinpfalz  herbeigekommen.  Vielen  unter  ihnen
fiel  landwirtschaftliche  Arbeit  und  die  Behandlung  des  neugewonnenen  Bodens
äußerst  schwer.  Hierdurch  verzögerte  sich  der  Fortschritt  des  Anbaues  innerhalb
  der  oberen  Teile  des  Moores  ebenso,  als  ihn  die  Vernachlässigung
der  ausgetrockneten  Gründe  von  den  anliegenden  Gemeinden  in  den  mittleren
und  unteren  Gebieten  gefährdete.

1797  befahl  Karl  Theodor  ihm  Hauptvortrag  über  die  vollendete
Trockenlegung  des  Donaumoores,  die  Abfertigung  der  Aktionäre,  die  Heim:
zahlung  der  ausgenommenen  Kapitalien  und  die  Übernahme  des  Moorbezirkes
als  Staatseigentum  zu  erstatten.  Die  Forderungen  der  Aktiengesellschaft
betrugen  nahezu  900000  Mark.  Nun  wäre  es  das  Vorteilhafteste  gewesen,
wenn  man  derselben  ihre  Ausgaben  ersetzt  und  die  trocken  gelegten  Moorflächen
  durch  den  Staat  übernommen  hätte.  Als  dieses  indessen  nicht  geschah,
verkaufte  die  Gesellschaft  ihre  Mooranteile  an  den  westfälischen  Kommerzienrat
Bresselau.  Dieser  sollte  allen  Kulturforderungen  nachkommen,  welche  die
Aktionäre  bisher  zu  erfüllen  hatten.  Er  kümmerte  sich  indessen  um  jene
Verbindlichkeiten  nichts,  hob  lediglich  Kulturbeiträge  ein,  nahm  Hypotheken
auf  und  leistete  keine  Zahlungen  an  die  Aktiengesellschaft.  Infolgedessen  ging
der  Kauf  zurück  und  der  Staat  übernahm  nun  doch  das  Donaumoor  durch
einen  Vergleich  mit  Bresselau.

Seine  Bestkebungen  zur  Austrocknung  und  Besiedelung  des  Donaumoores
  gereichen  Karl  Theodor  ebenso  wie  die  Anlegung  des  Englischen
Gartens  bei  München  und  die  Pflege  der  Kunst  und  Wissenschaft  besonders
in  den  pfälzischen  Landen  zu  dauerndem  Ruhme.  Freilich  vermochte  er  nicht
die  gesamte  und  endgültige  Kultivation  dieses  ehemals  so  verrufenen  und
gemiedenen  Gebietes  zu  vollenden.  Das  geschah  erst  unter  König  Max  I.
Joseph  durch  Kling,  der  außer  den  Kolonien  Ober=  und  Untermaxfeld
noch  Neuschwetzingen,  Probfeld  und  Neuhohenried  anlegte,  und  später
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        332  62.  Die  Ludwig-Maximilians-Universität  in  Ingolstadt  und  Landshut.

noch  unter  H.  v.  Pechmann  und  durch  die  gründlichen  Arbeiten  verschiedener
bayerischer  Moorkulturkommissionen.  Wenn  aber  gegenwärtig  das  Donaumoor
großenteils  einem  lachenden,  wertvollen  Fruchtlande  gleicht,  wvo  Sommer=  und
Winterkorn,  Haber,  Kartoffeln,  Rüben,  Kohl  und  Reps  prächtig  gedeihen,  wo
an  5000  Menschen  in  langzeiligen,  gartengeschmückten  Ortschaften  meist  behäbig
leben,  wo  von  Birken  beschattete  Landstraßen  den  Verkehr  erleichtern,  die  Korbflechterei
  in  Karlshuld  blüht  und  eine  starke  Torfausbeute  den  Kolonisten
lohnenden  Verdienst  gibt,  so  hat  dazu  Kurfürst  Karl  Theodor  den  ersten  und
umfassendsten  Grund  gelegt.

62.  Die  letzten  Jahrzehnte  der  Ludwig-Maximilians=Universität
  in  Ingolstadt.
Ihre  Übersiedlung  nach  Landshut.
Von  Max  Haushofer.!)

Eine  Periode  glänzenden  Aufschwunges  begann  für  das  ganze  bayerische
Bildungswesen  mit  dem  Regierungsantritte  des  Kurfürsten  Max  III.  Joseph.
Für  die  Universität  speziell  begann  dieser  Zeitraum  mit  dem  Eintritte  J.  A.
Ickstatts,  des  vormaligen  Lehrers  und  Erziehers  des  Kurfürsten  (1746).  Wenn
es  jemals  einen  Fürsten  gab,  der  alle  edlen  Eigenschaften  im  reichsten  Maße
besaß  und  benutzte  um  wie  mit  einem  Zauberworte  sein  ganzes  Volk  auf  eine
höhere  Stufe  der  Gesittung  zu  heben,  so  war  dies  Max  III.,  wert,  daß  ihm
der  Segen  der  Nation  durch  alle  Jahrhunderte  nachklingt.  Untrennbar  aber
mit  dem  Ruhme  des  Kurfürsten  verbunden  ist  der  seines  Lehrers  J.  A.  Ickstatt.

Ickstatt,  1702  zu  Vockenhausen  bei  Frankfurt  geboren,  hatte  zu  Mainz,
Paris  und  Marburg  studiert,  war  Soldat  in  französischen  und  österreichischen
Diensten  gewesen,  hatte  Holland,  England,  Schottland  und  Irland  durchreist,
hernach  als  Professor  zu  Würzburg  gelehrt  und  war  1741  Lehrer  des  Erbprinzen
  Max  Joseph  geworden,  welcher  ihn  im  Jahre  1746  als  Direktor  und
als  Professor  für  öffentliches  Recht  nach  Ingolstadt  setzte  „zur  besseren  Einrichtung
  der  in  große  Abnahme  verfallenen  Universität“.  Seine  Aufgabe  war
es  zunächst  die  von  den  Fakultäten  eingelaufenen  Verbesserungsvorschläge  zu
ordnen  und  einheitlich  zu  redigieren,  auf  die  Einhaltung  der  Vorlesungen  zu  sehen
und  ein  gutes  Einvernehmen  mit  dem  Statthalter  und  dem  Militär  herzustellen.
Als  erste  glückliche  Folge  seiner  Tätigkeit  erscheint  es,  daß  der  Universität,
welcher  im  Jahre  1676  wegen  chaotischer  Zustände  die  gesamte  Verwaltung
ihres  Vermögens  abgenommen  worden  war,  nunmehr  wieder  die  „Mitobsorge“
dieser  Verwaltung  anvertraut  wurde  (1746)  und  daß  im  gleichen  Jahre  noch
der  „dumme  Unfug“  (Ickstatts  Worte)  der  Deposition?)  aufgehoben  wurde.

1)  Akademische  Monatshefte.  VI.  Jahrgang,  Heft  2.  München  1890.  Mühlthaler.
5)  Vgl.  das  Seite  111  hierüber  Gesagte!
        <pb n="345" />
        62.  Die  Ludwig-Maximilians-Universität  in  Ingolstadt  und  Landshut.  333

Im  gleichen  Jahre  erneute  der  Kurfürst  die  Verordnung,  daß  jene  Inländer,
welche  nicht  in  Ingolstadt  ihre  Studien  machen,  in  Bayern  keine  Anstellung
zu  erwarten  hätten.

Ickstatt  blieb  von  Anfeindungen  nicht  verschont.  Schon  von  Anbeginn
erschienen  seine  Werke  einzelnen  seiner  theologischen  Kollegen  zu  freisinnig,  Ickstatt
  selbst  als  neuerungssüchtiger  Despot.  Anklagen  gegen  ihn  flogen  nach
München;  der  einsichtsvolle  Kurfürst  aber  und  seine  Regierung  entschieden  zu
Gunsten  Ickstatts.  Eine  Kräftigung  seiner  Wirksamkeit  fand  Ickstatt  durch  die
Anstellung  des  trefflichen  Lori.

Die  lang  im  geheimen  glimmende  Feindseligkeit  gegen  Ickstatt  steigerte
sich  1752  zu  einem  heftigen  Sturme  gegen  dessen  ganze  Lehrtätigkeit;  aber
der  klare  Geist  des  Kurfürsten  rettete  damals  die  Freiheit  der  Wissenschaft
und  gab  ihrem  edlen  Verfechter  Raum  für  seine  Geistestätigkeit.  Und  wenn
auch  der  treffliche  Lori,  Ickstatts  Mitstreiter,  aus  Ingolstadt  entfernt  wurde,
so  kam  er  nicht  in  trostlose  Verbannung,  sondern  an  einen  ehrenvollen  und
einflußreichen  Posten  nach  München.  Auch  Ickstatt  wurde  im  Jahre  1763
seiner  Professur  enthoben,  aber  nur  um  in  München  seine  Tätigkeit  als  Direktor
der  Universität  fortzusetzen.

Im  Jahre  1769  tauchte  zum  ersten  Male  ganz  entschieden  der  Gedanke
auf,  die  Universität  von  Ingolstadt  nach  München  zu  verlegen.  Dieser  Gedanke
  findet  sich  in  einem  Schriftstücke  ausgesprochen,  welches  wohl  von  Ickstatt
selbst  herrühren  mag.  Als  Beweggründe  zur  Verlegung  werden  darin  angeführt:
  die  Nachteile  einer  Festung  als  Universitätsstadt,  die  günstigeren  Verhältnisse
  Münchens,  wo  sowohl  für  die  Studenten  weit  mehr  Annehmlichkeiten
als  auch  für  die  Professoren  die  Benutzung  der  Bibliotheken  und  Archive,
für  die  Juristen  der  Verkehr  mit  den  Gerichtstellen,  für  die  Mediziner  die
Ubung  in  den  Spitälern  mannigfache  Vorteile  böten.

Diese  Anregung  hatte  jedoch  damals  noch  keinen  Erfolg.

Als  Ickstatt,  der  unablässige  Förderer  der  Universität,  im  Jahre  1776
starb,  trat  an  seine  Stelle  eine  Universitätskommission,  in  welcher  unter  einem
Präsidenten  und  Vizepräsidenten  die  Mitglieder  Lori,  Wolter,  Lippert  und
H.  Braun  die  Sachen  der  juristischen,  medizinischen,  philosophischen  und  theologischen
  Fakultät  zu  vertreten  hatten.  Die  Hauptaufgabe  dieser  Kommission
war  es  Gutachten  der  Fakultäten  einzuholen,  für  tüchtige  Besetzung  der  Lehrstühle
  und  für  den  nötigen  Frieden  unter  den  Professoren  zu  sorgen.

Ein  Jahr  nach  Ickstatt  starb  Kurfürst  Maximilian  Joseph  (30.  Dezember
I777).  Wenn  Bayern  an  ihm  einen  der  edelsten  Fürsten,  die  Universität
einen  einsichtsvollen  und  gütigen  Schutzherrn  verlor,  die  segensreichen  Folgen
seines  Wirkens  konnten  nimmer  verloren  gehen.

Die  Verlegung  der  Universität  von  Ingolstadt  lag  schon  lange  in  der  Luft.
Der  Nachfolger  Maximilian  Josephs,  Kurfürst  Karl  Theodor,  beauftragte
1779  seine  Oberlandesregierung  einen  Bericht  über  die  Möglichkeit  einer  Ver-
        <pb n="346" />
        334  62.  Die  Ludwig-Maximilians-Universität  in  Ingolstadt  und  Landshut.

legung  der  Universität  nach  Landshut  zu  erstatten.  Man  dachte  an  Landshut,
  weil  dort  wegen  Aufhebung  der  Landshuter  Regierung  eben  Raum  geworden
  war.  Rücksichten  auf  die  wissenschaftliche  Tätigkeit  der  Universität
sprachen  entschieden  für  eine  Verlegung;  einige  Professoren,  deren  Blick  in  die
Zukunft  reichte,  waren  für  eine  Verlegung  nach  München.  Vorläufig  aber
scheiterte  der  Plan  der  Verlegung  an  dem  Kostenpunkte.

Kaum  war  nach  dem  Tode  des  Kurfürsten  Karl  Theodor  der  neue  Erbe
seines  Thrones,  Kurfürst  Max  IV.  Joseph,  von  ganz  Bayern  jauchzend
begrüßt  in  München  eingezogen,  da  wurden  durch  die  neue  Regierung  von
allen  Universitätsprofessoren  Verbesserungsvorschläge  eingeholt  und  noch  im
Jahre  1799  erging  eine  Verordnung  bezüglich  der  neuen  Einrichtung  der
Hochschule.

Die  wichtigsten  Punkte  dieser  neuen  Einrichtung  aber  waren  folgende:
das  Institut  der  Privatdozenten  ward  eingeführt;  die  Professoren  wurden  zu
Staatsdienern;  das  veraltete  und  sinnlose  Vorrücken  in  andere  Lehrstühle  ward
aufgehoben,  Vorlesungspflicht  und  Ferien  wurden  neu  geregelt,  die  Studienzeit
auf  vier  Semester  für  den  philosophischen  Vorkursus,  auf  sechs  Semester  für  die
Fachwissenschaften  festgesetzt,  zum  Übertritt  an  die  Universität  das  Reifezeugnis
eines  Gymnasiums  oder  Lyzeums  für  nötig  erklärt.  Die  wesentlichste  Veränderung
  aber  lag  in  der  Verlegung  der  Universität  aus  Ingolstadt.  Als
im  Jahre  1800  wieder  einmal  die  Kriegsgefahr  an  Ingolstadt  heranrückte,
wurde  (Mai  1800)  die  kurfürstliche  Entschließung  erlassen,  daß  die  Universität
provisorisch  nach  Landshut  verlegt  werden  solle.  Sofort  wurde  der  Umzug
ins  Werk  gesetzt.  Nach  dem  Luneviller  Frieden  erhoben  sich  zwar  einige
Stimmen  für  die  Rückverlegung  nach  Ingolstadt,  doch  vergebens;  die  Universität
blieb  vorläufig  in  Landshut.

Nur  kurze  Zeit,  vom  Jahre  1800  bis  1826,  währte  die  Landshuter
Periode  der  Universität.  Im  Jahre  1802,  als  die  provisorische  Verlegung
in  eine  definitive  umgewandelt  war,  erhielt  die  Hochschule  offiziell  die  Bezeichnung
„Ludwig-Maximilians-Universität"  Allgemein  gab  sich  Freude
kund,  daß  man  nicht  wieder  auf  den  „unwirtlichen“  Boden  Ingolstadts  zurückzukehren
  brauchte.  Als  Räumlichkeiten  erhielt  die  Universität  das  Dominikanerkloster
  als  Hauptgebäude,  die  Aula  des  Jefuitenkollegiums,  das  Franziskanerkloster
  für  Anatomie  und  Chemie,  ein  Nonnenkloster  für  die  Unterbringung
des  Georgianums,  Grundstücke  für  einen  botanischen  Garten  u.  s.  f.  Ein  Teil
der  Burg  Trausnitz  wurde  zur  Sternwarte;  ein  Platz  im  Kapuzinergraben  zur
Reitbahn.  Die  Renten  zweier  Klöster,  zusammen  im  Betrage  von  100000  Gulden,
gingen  an  die  Universität  über,  welche  somit  größtenteils  auf  dem  Besitze
untergegangener  Klöster  installiert  ward.  Das  konnte  geschehen,  weil  zur
selben  Zeit  das  Verhältnis  von  Staat  und  Kirche  in  Bayern  völlig  umgestaltet
ward.  Unter  Max  Joseph  kam  mit  dem  neuen  Jahrhundert  die  Religionsfreiheit;
  sie  brachte  den  Protestanten  das  Recht  zur  Ansässigmachung  und
        <pb n="347" />
        63.  Ein  Urteil  über  den  bayerischen  Volkscharakter.  335

Verehelichung  sowie  Zulassung  zum  Staatsdienste  und  freie  Ausübung  ihres
Gottesdienstes.  Und  1802  begann  der  Feldzug  gegen  die  Klöster,  deren  Güter
infolge  der  Säkularisation  dem  Landesherrn  zur  Verfügung  standen.

Somit  fehlte  es  der  Universität  in  ihrer  neuen  Heimstatt  weder  an  der
nötigen  Geistesfreiheit  noch  an  den  nötigen  irdischen  Gütern.

Die  Frequenz  nahm  zu  Landshut  in  erfreulicher  Weise  zu,  indem  durchschnittlich
  220  Studenten  jährlich  neu  immatrikuliert  wurden.  Zu  den  Landshuter
  Studenten  gehörte  im  Jahre  1803  auch  der  damalige  Kronprinz  Ludwig,
später  König  Ludwig  I.

Für  die  Studenten  muß  schon  hinsichtlich  ihres  Lebens  die  Übersiedelung
nach  Landshut  als  eine  entschiedene  Wendung  zum  Bessern  bezeichnet  werden.
Man  kann  wohl  sagen,  daß  die  ganze  Universität  einen  Wust  von  häßlicher
Erinnerung,  von  mittelalterlicher  Roheit  wie  ein  Gewand  von  sich  streifen
konnte,  als  sie  Ingolstadt  verließ.  Vollständig  sollte  die  Studentenschaft  der
Ludwig-Maximilians-Universität  freilich  erst  zum  Bewußtsein  ihrer  hohen
Aufgaben  kommen,  als  mit  der  Ubersiedelung  nach  München  auch  das  gesellschaftliche
  Leben  für  sie  einen  ganz  anderen  Charakter  annehmen  mußte.

63.  Ein  Urteil  über  den  bayerischen  Volkscharahter.

Von  Lorenz  von  Westenrieder.“)

Wenn  das,  was  bei  einzelnen  Menschen  unwidersprechlich  ihren  Charakter
beweist,  auch  bei  ganzen  Nationen  gilt,  so  gibt  es  kein  bestimmteres  Mittel
sie  kennen  zu  lernen,  als  sie  bei  den  Dingen,  wo  sie  sich  selbst  überlassen
  sind,  bei  den  Übungen,  die  sie  zu  ihrem  Vergnügen  sich  wählen,
bei  den  Feierlichkeiten,  womit  sie  ihre  wichtigsten  Handlungen  begehen,  zu
beobachten.

Der  Bayer  verachtet  in  der  Stunde  der  Ruhe  alles  Ausruhen;  wenn  er
sich  von  seinen  Arbeiten  erholen  will,  so  muß,  was  ihn  ergötzen  soll,  wieder
eine  Arbeit  sein.  Jene  gemeinschaftlichen  Freudenfeste  und  Ubungen  der  Leibeskräfte,
  welche  von  den  Alten  aus  den  weisesten  Absichten  eingeführt  und  aus
einer  unverantwortlichen,  nachlässigen  Unwissenheit  oft  so  gröblich  außer  acht
gelassen  werden,  sind  freilich  gemeiniglich  mit  vielen  Zusätzen  und  Mißbräuchen,
aber  in  frischem  Gedächtnisse  vorhanden.  Die  Pferderennen  sind  die  gemeinsten
Belustigungen;  in  manchen  Orten  sind  sie  gestiftet  sso  wie  jeder  Bürger  gewisse
  Jahre  zum  Scheibenschießen  angehalten  ist)  und  selten  wird  ein  ländliches
  Fest  oder  auch  die  Hochzeit  eines  vermöglicheren  Landmannes  ohne
dieselben  gefeiert.  Wenn  dann  nach  einem  fröhlichen  Mahle  die  Munterkeit
allgemein  aufgeweckt  und  die  Lust  nach  den  Dingen,  worin  sie  Ehre  zu  finden

1)  „Bayerische  Beiträge  zur  schönen  und  nüglichen  Literatur“,  II.  Jahrgang,  2.  Band
S.  951  ff.  München  1780,  J.  B.  Strobl.
        <pb n="348" />
        336  63.  Ein  Urteil  über  den  bayerischen  Volkscharakter.

glauben,  erweckt  wird,  dann  entstehen  Gewette,  wer  größere  Lasten  tragen,
geschwinder  laufen,  einen  Stärkeren  zu  Boden  werfen  oder  sonst  etwas,  wozu
außerordentliche  Kräfte  erfordert  werden,  verrichten  kann.  So  sind  alle  ihre
Spiele,  und  sogar  ihre  Tänze  sind  äußerst  ermüdend  und  nicht  selten  der
Gesundheit  gefährlich.

Mit  dieser  Bestrebung  nach  mühsamen,  kühnen  Beschäftigungen  verbindet
der  Bayer  einen  Hang  nach  einer  hohen  Melancholie.  Mit  heiliger  Ehrfurcht
geht  er  durch  grauenvolle  Wälder  eine  alte,  finstere  Kapelle  zu  besuchen  und
gern  setzt  er  sich  manche  freie  Stunde  an  einen  gräßlichen  Wasserfall  oder  an
einen  einsiedlerischen  Steg  und  denkt  im  einsamen  Schatten  an  die  Abwesenheit
seiner  Väter  und  an  den  Lauf,  der  Zeiten.  Dies  Gepräge  ist  an  allen  seinen
wichtigen  Handlungen  sichtbar  und  was  er  in  den  Fällen  tut,  wo  die  Redlichkeit
  und  ein  deutscher  Handschlag  Bürge  steht,  das  geschieht  mit  einem  rührenden
Ernste.  Sein  Ausdruck  und  Betragen  ist  voll  feuriger  Leidenschaft,  wo  das
Herz  an  einer  Handlung  den  größten  Teil  nimmt,  und  nichts  gleicht  dem
höchstzärtlichen  Lebewohl,  womit  eine  Tochter  (indes  der  Bräutigam  mit  seinen
jungen,  berittenen  Freunden  vor  dem  Hause  wartet)  mit  feierlichen  Formeln
erst  in  der  Stube,  dann  noch  unter  dem  Türpfosten  von  allem,  was  sie  im
Hause  lieb  gehabt  und  endlich  und  immer  und  immer  wieder  von  ihren  lieben
Eltern,  denen  sie  danket  und  die  Hände  drücket  und  um  Segen  bittet,  Abschied
nimmt  und  sich  endlich  auf  den  Wagen  heben  läßt,  der  sogleich  mit  ihr  unter
Sausen  und  Jubelrufen  davonjagt.

Ich  sehe  solche  Auftritte,  die  mir  der  beste  Bürge  verborgener  Fähigkeiten
sind,  mit  vielem  Vergnügen,  vergesse  gerne  der  harten  Reimlein  und  der  Schulfehler
  im  Silbenmaß  und  weine  noch  dazu  herzlich  die  süße  Betrübnis  mit
und  glaube,  es  wäre  Sünde  und  Schande,  ohne  es  zu  tun,  den  umstehenden
Eltern  und  Vettern  und  Basen  mit  grauen  Haaren  und  den  bekränzten
weinenden  Jungfräulein  in  die  nassen  Augen  zu  sehen.

Der  Bayer  spricht  gerne  von  Verstorbenen  und  pflegt  bei  einem  Feste,
das  sich  jährlich  erneuert,  immer,  wenn  er  guter  Laune  wird,  sich  der  Abwesenden
  zu  erinnern,  daß  dieser  und  jener  vor  einem  Jahre  auch  dagewesen,
daß  er  so  und  so  geredet  und  daß  eine  Zeit  kommt,  wo  keiner  von  ihnen
zugegen  sein  wird.  In  dem  feierlichen  stillen  Heranrücken  eines  Ungewitters
befindet  er  sich  (den  Kummer  für  die  Feldfrüchte  weggenommen)  wohl  und
besser  als  das  aufmunterndste  Lustspiel  wird  ihm  Lear  und  Hamlet  bekommen.
Immer  glaubt  er  ächzende  Schatten  der  Abgeschiedenen  zu  sehen  und  Nächte
durch  hängt  er  an  dem  Munde  derjenigen,  welche  die  Geschichten  von  Geistern
und  Gespenstern  am  besten  zu  erzählen  wissen;  und  je  grauenvoller  und
schrecklicher  einer  die  gräßlichen  Bilder  aus  den  schweigenden  Abgründen  und.
Felsenklüsten  zu  holen  weiß,  je  lebhafter  er  seine  Geschöpfe  in  dürre,  unabsehbare
  Heiden  oder  öde  Gebirge,  wo  sie  verlassen  und  einsam  jammern,  wo
sie  nur  zuweilen  den  Wanderer  irreführen,  zu  versetzen  weiß,  desto  besser  ist
        <pb n="349" />
        63.  Ein  Urteil  über  den  bayerischen  Volkscharakter.  337

die  Erzählung.  Das  sind  denn  aber  Schwärmereien,  wird  mancher  kalte
Leser  sich  denken  und  ich  kenne  den  gewöhnlichen,  oft  gefährlichen  Einfluß
derselben  so  gut  wie  jeder,  der  das  mir  einwenden  kann;  aber  ich  weiß  auch,
daß  zu  dieser  Schwärmerei  eine  Stärke  der  Einbildungskraft  und  Nerven  gehören,
  die  mancher  Nation  (man  muß  auch  darum  ihre  Nüchternheit  nicht  eine
geläuterte  Denkungsart  nennen)  versagt  worden  ist.  Ich  für  meinen  Teil  halte
nichts  auf  den  Menschen,  der  keinen  Hang  dazu  hat,  und  wer  am  Abende  zittert,
weil  er  den  abgeschiedenen  Freund  kalt  an  seiner  Seite  zu  fühlen  glaubt,  ist
mir  als  Freund,  als  Gelehrter,  als  Vater,  als  Beamter,  als  Soldat  millionenmal
  lieber,  als  wer  des  Verstorbenen  sich  erinnern  und  kaltblütig  sprechen
kann:  hin  ist  hin!  Und  tot  ist  tot!

Und  so  behandeln  die  Bayern  mit  hartnäckiger  Leidenschaft  jeden  wichtigen
  Gegenstand  und  wo  sie  einmal  mit  ihrer  Seele  an  etwas  hängen,  davon
wird  nur  der  Tod  sie  entfernen.

Mit  Enthusiasmus  handelt  der  Bayer  beim  Aufgebote  zum  Kriege  und
beim  Rufe  des  Vaterlandes.  Nirgends  kann  vielleicht  ein  Fürst  besser  versichert
  sein,  daß  er  aufrichtig  und  inwendig  geliebt  werde,  wie  von  den
Bayern,  und  in  dem  allemal  unglücklichen  Falle,  daß  er  genötigt  wird  sie
ins  Feld  zu  rufen,  so  rasen  sie,  ohne,  wenn  ich  so  sagen  darf,  sich  um  Zelt
und  Säbel  zu  bekümmern,  von  Norden  und  Süden  und  von  Osten  und
Westen  auf  und  glauben  den  Feind,  wenn  sie  ihn  nur  einmal  sehen  sollten,
mit  den  Händen  erschlagen  zu  können.  Eine  Beschäftigung,  die  so  wie  der
Krieg  unterhält  und  ermüdet,  scheint  ihm  notwendig  zu  sein  und  in  Ruhe
und  Untätigkeit  würde  manche  Seuche  sich  ausbreiten.

Wenn  ein  Bayer  etwas  Vortreffliches  zustande  bringt,  so  sehen  es  die
andern  an  und  „es  ist  schon  gut  gemacht“  sagen  sie,  gehen  davon  und  lassen
sich  nicht  einfallen  aus  dem  Manne  mehr  als  aus  sich  selbst  zu  machen.  Niemals
  wird  ein  wahrer  Bayer  sich  selbst  loben  und  seine  Verdienste  herausstreichen.
  Es  gibt  keinen  auffallenderen  Kontrast  als  etwa  einen  ausländischen
Maler,  dessen  Hauch  aus  dem  Munde  und  dessen  erstes  und  letztes  Wort  eine
unsinnige  Prahlerei  und  Erhebung  seiner  selbst  ist,  und  einen  in  seine
eigene  Größe  verhüllten,  schweigenden  Bayern  zu  sehen.  Und  wenn  nicht
Fremde  kommen,  die  den  Gelehrten  und  den  Künstler  bekannt  machen,  die  Inländer
  werden  es  der  Welt  selten  sagen,  daß  er  vorhanden  sei.

Ich  finde  in  diesem  Betragen,  das  den  Bayern  keineswegs  den  Mut  benimmt,
  sehr  viel  Großes,  zumal  da  die  Menschen,  die  gar  zu  gerne  viel  Rühmliches
  von  sich  sprechen  hören,  nicht  allemal  viel  Rühmliches  ausüben.  Was
bei  den  Bayern  entsteht,  das  entsteht  aus  innerem  Triebe,  entsteht  aus  Liebe
zur  Sache.

Kronseber.  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  22
        <pb n="350" />
        338  64.  Eine  Jugenderinnerung  an  Westenrieder.

64.  Eine  Jugenderinnerung  an  Westenrieder.
Von  Franz  Graf  von  Pocci.)

Zu  dem  alten  Geheimrat  von  K  „  meinem  Onkel,  in  dessen  Hause
meine  Eltern  wohnten,  kam  ich  als  Knabe  wohl  mehr  als  einmal  des  Tags,
denn  er  war  ein  gar  leutseliger  und  wohlwollender  Mann;  aber  ein  besonderes
Fest  war  mir  bei  ihm  jeder  Freitag  Nachmittag.  Vor  dem  Sofa,  das  mit
glänzend  grünem  Leder  überzogen  war,  stund  ein  ovaler  Tisch.  Ein  sauberes
Tischtüchlein  ward  einige  Minuten  vor  3  Uhr  darüber  gebreitet,  zwei  Tassen
wurden  darauf  gesetzt  und  einige  treffliche
Bretzeln  und  Eierwecken  gaben  diesem  Stillleben
  einen  mir,  dem  Knaben,  sehr  willkommenen
  Glanzfirnis.

Diese  Vorbereitungen  geschahen  aus  keinem
andern  Grunde,  als  „weil  der  Herr  Kanonikus
zum  Kaffee  kam"“"  Ich,  für  meine  Person,
ohnerachtet  des  Seitenblicks  auf  gewisse  obenerwähnte
  Bretzeln  und  Eierbrote,  war  schon
immer  die  ganze  Woche  auf  den  Freitagskaffee
  gespannt  gewesen;  denn  ich  hatte  den
Herrn  Kanonikus  sehr  lieb;  und  wenn  es
Punkt  3  Uhr  schellte  —  die  beiden  alten
Herrn  hielten  etwas  auf  Pünktlichkeit  —  so
lief  ich  freudig  hinaus  um  den  Gast  zu  emps

  fangen.  Der  Herr  war  ein  sonderbarer  Mann!

rr  na  deelh  und  wurde  von  vielen  nicht  für  so  gut  gehalten

  als  er  wirklich  war,  da  aus  dem

stechenden  Blicke  der  unter  schwarzen,  buschigen  Brauen  liegenden  Augen  sein

wohlwollendes  Gemüt  nicht  immer  herausschauen  wollte.  Ich  kannte  aber

dieses  Herz  gar  gut  und  sprang  immer  an  dem  Herrn  Kanonikus,  sobald  er

durch  die  Gangtür  eingetreten  war,  hinauf,  während  er  mit  einem  sanften
„Ho,  Ho,  Männl!"  meine  etwas  ungestümen  Liebkosungen  abwehrte.

Der  Herr  Kanonikus  trug  auf  seinem  glänzend  weißen,  sauber  gewickelten
Haare  einen  großen,  dreigestülpten  Hut,  den  ich  ihm  abnahm.  Die  beiden
alten  Herren,  obschon  auf  sehr  freundschaftlichem  Fuße,  machten  sich  immer
sehr  respektable  Kratzfüße,  bis  die  „untertänigen  und  gehorsamen  Diener“  sich
jeder  in  eine  Ecke  auf  das  Sofa  setzten.  Der  Kaffee  ward  hereingebracht
und  ich  bekam  entweder  von  meinem  Onkel  oder  vom  Herrn  Kanonikus  meine
Bretzel.  Während  des  Kaffeetrinkens  war  das  Gespräch  ziemlich  abgebrochen
und  einsilbig,  desto  lebhafter  ging  es  nachher  vonstatten,  so  daß  es  zwischen

   

  

 

.  *

   

1)  „Deutsches  Hausbuch“,  herausgegeben  von  Guido  Görres.  II.  Band,  S.  85)
München  1874.
        <pb n="351" />
        64.  Eine  Jugenderinnerung  an  Westenrieder.  339

den  beiden  Freunden  oft  zu  bedeutenden  Diskussionen  kam.  Ich  hörte  aufmerksam
  zu,  guckte  aber  dabei  zum  Fenster  hinaus  in  Erwartung,  bis  auch  an
mich  ein  Wort  gerichtet  würde.  Da  rief  mich  dann  meist  der  Kanonikus  zu
sich:  „He,  Männl,  wie  steht's  mit  der  Jahreszahl?  Wann  ist  Kaiser  Ludwig
der  Bayer  gestorben?  Hast  du  das  Zettelchen  noch,  worauf  es  steht?  —  Ich
mache  es  auch  nicht  anders;  wenn  ich  mir  eine  Jahreszahl  merken  will,
schreibe  ich  sie  auf  ein  Zettelchen  und  stecke  es  in  die  Westentasche.  Untertags
ein  paarmal  angesehen  —  und  sie  bleibt  mir  im  Kopfe!  Merk  dies,  Männl!“  —
Nach  solchem  Examen  trat  ich  gewöhnlich  ab  oder  lauschte  noch  etwas  den
Schlußverhandlungen  der  beiden  Alten,  wenn  es  über  die  schlechten  Zeiten
herging.  Dabei  war  aber  der  Kanonikus  größtenteils  der  Ansicht,  daß  es  doch
immer  besser  gehen  werde  und  daß  zwischen  altem  Plunder  und  dem  guten
Alten  wohl  zu  unterscheiden  sei.  Mein  Onkel  hielt  aber  immer  fest  am  Alten.
Nachdem  man  sich  doch  in  der  Hauptsache  vereinigt  hatte,  drückte  man  sich  die
Hänude  und  schied  unter  gegenseitigen  Respektsbezeugungen.  Der  Herr  Kanonikus
  wandelte  die  Treppe  hinab  und  nicht  selten  durfte  ich  noch  ein  Stückchen
Wegs  an  seiner  Hand  auf  der  Straße  gehen,  worauf  ich  mir  nicht  wenig  einbildete.


Im  Jahre  1829  hieß  es  eines  Freitags:  „Heute  kömmt  der  Herr  Kanonikus
  nicht  zum  Kaffee,  er  ist  krank.“  Und  ein  paar  Tage  darauf  hieß  es:
„Der  Herr  Kanonikus  ist  gestorben.“

Lorenz  Westenrieder  war  tot.  Bei  unsäglichen  Leiden,  die  ihm  der
Gesichtsschmerz  verursachte,  erreichte  der  edle,  unvergeßliche  Mann  ein  Alter
von  80  Jahren.  Von  Geburt  an  scheinbar  nicht  sehr  begabt  ward  er
Bayern  —  ja  Deutschland  —  einer  der  achtbarsten  Geschichtschreiber  seiner
Zeit  und  sein  durchdringender  Geist  ermangelte  nie  der  Grundlage  der  edelsten
Herzensgesinnung.  Unermüdlich  war  er  in  seiner  Tätigkeit:  um  4  Uhr  morgens
begann  er  im  Winter  und  Sommer  sein  Tagewerk  damit,  daß  er  die  Messe
las;  dann  schaffte  er  ohne  Aufhören,  bis  er  sich  des  Abends  frühe  zu  Bette
legte,  um  in  den  qualvollsten  Schmerzen  Jahre  hindurch  seine  Nächte  zuzubringen.
  Nichts  aber  hemmte  seine  Tätigkeit.  Wie  oft  sah  ich  ihn  selbst  in
diesen  Leiden.  Kein  Schmerzenslaut  kam  über  seine  Lippen.  Eines  Tages
besuchte  er  wie  gewöhnlich  meinen  Onkel  und  sagte:  „Heute  habe  ich  mir  den
letzten  Zahn  ausziehen  lassen,  aber  es  hat  mir  doch  nicht  geholfen.“

Nahe  an  hundert  Bände,  kleiner  oder  größer  in  ihrem  Umfange,
sind  das  Ergebnis  des  rastlosen  Schaffens  dieses  merkwürdigen  Mannes.

Seiner  rauhen  Außenseite  wegen  oft  verkannt  betätigte  er  sein  wohlwollendes
  inneres  Leben  wohl  am  schlagendsten  dadurch,  daß  er  —  nach  einem
wahrhaft  anachoretisch  geführten  Leben  —  an  milde  Stiftungen  die  Totalsumme
von  41500  Gulden  als  Vermächtnis  hinterließ.
        <pb n="352" />
        340  65.  Eine  geistliche  Stadt.

65.  Eine  geistliche  Stadt.
Von  Wilhelm  Heinrich  Riehl.,)

Eine  geistliche  Stadt  —  so  nenne  ich  Freising.  Damit  ist  freilich
noch  nicht  viel  Unterscheidendes  gesagt;  denn  es  gibt  auch  außerdem  geistliche
Städte  genug  in  Deutschland  und  darunter  größere  und  berühmtere.  Allein
eine  geistlichere  Stadt  unter  unseren  geistlichen  Städten  gibt  es  schwerlich.
Darum  nehme  ich  jenes  Beiwort  hier  im  engen,  gesteigerten  Sinne  und  präge
es  dadurch  zu  einem  unterscheidenden,  für  unsere  Stadt  besonders  charakteristischen
  Worte.

Was  Freising  war  und  teilweise  heute  noch  ist,  das  wurde  es  durch  den
Klerus.  Freising  ist  berühmt  in  der  deutschen  Geschichte,  aber  nur  durch  seine
Kirche  und  Schule,  durch  seine  Bischöfe  und  geistlichen  Gelehrten.  Als
Hauptstadt  der  Diözese  lag  es  vortrefflich;  als  Landeshauptstadt  des  Hochstiftes
höchst  ungünstig,  am  äußersten  Nordsaume  eines  zerstückten,  zum  Teil  weit
entfernten  Gebietes.  Der  Bischof  konnte  bequem  seinen  Sprengel  beherrschen,
aber  die  Stadt  beherrschte  kein  Land.  Der  Freisinger  Domberg  ragt,  auf
viele  Meilen  sichtbar,  weit  über  die  endlose  Ebene  bis  zu  den  fern  aufschimmernden
  Alpen;  die  Stadt  liegt  versteckt  hinter  dem  Berge.  Volkreich,
politisch  groß,  selbständig  in  der  Macht  des  Bürgertums  ist  sie  niemals
geworden.  Sie  besaß  kein  reiches  Patriziat,  keine  trutzigen  Zünfte,  kein  eigenartiges
  Gewerbe,  keinen  bedeutenden  Handel,  keine  erhebliche  Wehrkraft  und
die  Kriegsgeschichte  Freisings  ist  überwiegend  eine  Leidensgeschichte.

Freising  hat  seine  eigentümliche  Rechtsentwicklung;  sie  wurde  aber  nicht
wie  anderwärts  im  Kriege  gegen  die  Bischöse  und  im  Streben  nach  reichsstädtischer
  Selbständigkeit  gewonnen,  sondern  auf  friedlichem  Wege  und
großenteils  durch  die  Bischöfe.

Die  klerikalen  Einflüsse  umschlangen  und  durchdrangen  das  bürgerliche
Leben  Freisings  allerorten.  Und  zwar  gilt  dies  alles  nicht  bloß  vom
Mittelalter  sondern  auch  von  den  folgenden  Jahrhunderten  bis  zur  Sakularisation.
  Ja  selbst  auf  unsere  Zeit  ist  noch  ein  Schattenbild  jener  alten  Zustände
übergegangen,  schattenhaft  gegen  sonst,  aber  doch  deutlicher  als  bei  fast  irgend
einer  andern  modernen,  weiland  geistlichen  Stadt.

Ein  Blick  auf  andere  deutsche  Bischofsstädte  möge  zeigen,  daß  ich  nicht
zu  viel  gesagt,  indem  ich  Freising  den  besonders  reinen  und  ausschließenden
Typus  der  geistlichen  Stadt  beilege.

Das  heilige  Köln  war  neben  seiner  Heiligkeit  zugleich  auch  Quartierstadt
der  Hansa,  handelsmächtig,  und  wenn  man  im  Mittelalter  von  den  „Herren
von  Köln“  sprach,  so  dachte  man  dabei  nicht  an  die  Geistlichen,  sondern  an
die  Kaufleute  und  Tuchmacher,  welche  sich  wohl  auch  eines  Kampfes  mit  dem

 

!)  Wanderbuch,  als  zweiter  Teil  zu  „Land  und  Leute“,  S.  219  ff.  Stuttgart  1869,  Cotta.
        <pb n="353" />
        65.  Eine  geistliche  Stadt.  341

Erzbischof  getrauten.  Trier  als  älteste  Stadt  Deutschlands  blickte  fast  stolzer
noch  auf  seine  heidnische  Urgeschichte  als  auf  den  Glanz  seiner  Bischöfe,  es
rang  mit  ihnen  um  reichsstädtische  Freiheit,  die  es  auch  durch  drei  Jahrhunderte
nahezu  besessen  hat.  Das  goldene  Mainz,  das  deutsche  Rom,  stand  an  der
Spitze  des  rheinischen  Städtebundes,  seine  herausfordernd  selbständige  und
lebenslustige  Bürgerschaft  war  zur  Zeit  des  Erzbischofs  Siegfried  so  wenig
wie  in  den  Tagen  der  Klubisten  dem  Klerus  besonders  unterwürfig  und
auch  ohne  die  Residenz  des  vornehmsten  geistlichen  Reichsfürsten  würde  Mainz
doch  immer  als  Rheinfeste  und  Rheinhafen  bedeutend  gewesen  sein.

Andere  berühmte  deutsche  Bischofssitze  sind  berühmter  noch  als  Kaiserstädte
  oder  sonst  hervorragende  Schauplätze  der  Reichsgeschichte  wie  Speyer,
Paderborn,  Magdeburg,  Halberstadt,  Merseburg,  Regensburg,  Augsburg,  wozu
sich  meistens  dann  auch  die  politische  Selbständigkeit  der  Stadt,  Kämpfe  der
Bürger  mit  den  Bischöfen  und  eigene,  mitunter  überwiegende  Handels=  und
Gewerbemacht  gesellen.  Und  obendrein  sind  alle  die  eben  genannten  Städte
schon  im  16.  Jahrhundert  ganz  oder  teilweise  protestantisch  geworden.

Im  deutschen  Norden  bietet  wohl  nur  noch  Münster  eine  wirkliche
Parallele  zu  Freising.  Geistlich  schon  nach  dem  Sinne  seines  Namens  trägt
Münster  in  seiner  baulichen  Physiognomie  wie  in  seiner  Geschichte  entschicden
das  Gepräge  der  geistlichen  Hauptstadt.  Allein  eben  diese  Geschichte  zeigt
zugleich  durch  Jahrhunderte  das  Schauspiel  des  Ringens  der  Bürger  nach
reichsstädtischen  Rechten  und  nach  Abschüttelung  der  landesherrlichen  Gewalt
des  Bischofs.  Den  endlichen  Sieg  gewann  der  Bischof  nach  dem  Siege  über
die  Wiedertäuferei.  Münster  ist  zudem  nicht  bloß  als  geistlicher,  sondern
überhaupt  als  städtischer  Mittelpunkt  Westfalens  bedeutend,  dann  als  ein
Sitz  des  westfälischen  Adels,  dessen  patrizische  Häuser  mit  den  klerikalen
Gebäuden  wetteifern;  man  würde  Münster  zu  wenig  tun,  wollte  man  es
schlechtweg  eine  geistliche  Stadt  nennen.

Im  Gegensatze  zu  den  bischöflichen  Großstädten,  iwelche  allesamt  über
die  bloß  geistliche  Stadt  hinausgewachsen  sind,  und  zu  den  ehemaligen  Bischofssitzen
  unseres  protestantischen  Nordens  gibt  es  nun  allerdings  einige  Städte
im  katholischen  Süd=  und  Mitteldeutschland,  die  mit  Freising  im  rein  geistlichen
Charakter  zu  wetteifern  scheinen:  Salzburg,  Passau,  Eichstätt,  Bamberg,
Würzburg,  Fulda.

Allein  Salzburg  hatte  seine  bürgerlichen  und  seine  Reformationskämpfe,
die  Freising  nicht  kennt,  Salzburg  war  als  Landeshauptstadt  eines  Gebietes
von  174  Quadratmeilen  ein  so  hervorragendes  politisches  Zentrum,  wie  es
Freising  niemals  werden  konnte.  Passau,  das  Donau-Koblenz,  würde  durch
seine  handelswichtige  Festungslage  auch  dann  einer  der  notwendigsten  Städtepunkte
  Oberdeutschlands  gewesen  sein,  wenn  niemals  ein  Bischof  dort  gesessen
hätte.  Ahnlich  Bamberg  und  Würzburg,  zwei  durch  die  Natur  der  Bodenplastik
  vorgezeichnete  Städte,  welchen  der  Keim  selbständiger  wirtschaftlicher
        <pb n="354" />
        342  65.  Eine  geistliche  Stadt.

Entwicklung  für  alle  Zeit  schon  geographisch  verbürgt  ist.  Nur  Eichstätt  und
Fulda  rücken  dem  Charakter  Freisings  sehr  nahe;  wo  man  sie  überhaupt
nennt  unter  den  deutschen  Städten,  da  tut  man's  wegen  ihrer  geistlichen
Geschichte.  Eichstätt  ist  aber  doch  nur  ein  Bischofssitz  untergeordneteren
historischen  Ranges  und  wenn  Fulda  in  ältester  Zeit  Freising  überragt  durch
seine  klerikale  Kulturmacht,  so  hat  es  dieselbe  doch  nicht  so  lange  und  andauernd
zu  steigern  und  bis  nahe  zur  Gegenwart  zu  behaupten  gewußt.

Man  sieht  aus  alledem,  daß  ich  das  Beiwort  „geistlich“  bei  Freising
schon  unterstreichen  darf.  Das  Einzelbild  dieser  Stadt  soll,  zum  Gattungsbild
  geworden,  als  eine  Studie  zur  vergleichenden  Kenntnis  des  deutschen
Städtewesens  dienen.

Die  reiche  freisingische  Spezialliteratur  wird  schon  in  ihren  Büchertiteln
und  Autornamen  zum  lebendigen  Bilde  und  versetzt  uns  unmittelbar  auf  den
geistlichen  Boden,  der  die  Stadt  und  ihre  Geschichte  trägt.  Fast  alle  Hauptautoren,
  die  über  Freising  geschrieben  haben,  von  der  ältesten  bis  zur
neuesten  Zeit,  sind  Geistliche  gewesen  und  der  Bibliothekar  kann  bei  den
meisten  Schriften  zur  Geschichte  Freisings  in  Verlegenheit  geraten,  ob  er
dieselben  unter  der  Rubrik  historia  ecclesiastica  ausscheiden  soll.  Die  umfassendste
  oder  doch  mindestens  am  sorgsamsten  und  selbständigsten  gepflegte
Sammlung  der  Frisingensia  befindet  sich  dementsprechend  auch  in  geistlichem
Besitze,  in  der  Bibliothek  des  Domkapitels  zu  München.

Eine  Geschichte  der  Stadt  Freising  ist  noch  nicht  geschrieben;  um  so
fleißiger  schrieb  man  die  Geschichte  der  freisingischen  Bischöfe.  Wie  ein  Heiliger
(Korbinian)  das  Bistum  gründete  (724)  und  ein  anderer  Heiliger  (Bonifatius))
dasselbe  zu  einem  ständigen  Bischofssitze  erhob  (739),  so  beginnt  auch  die
Spezialliteratur  Freisings  mit  einem  Heiligenleben,  der  Biographie  Korbinians
von  Aribo.  An  dem  Faden  der  Biographie  der  Bischöfe  spinnt  sich  die
Geschichte  Freisings  weiter  und  aus  der  Perspektive  des  Domberges  können
wir  dann  gelegentlich  auch  die  Entwicklung  der  Stadt  beobachten.  Ganz
ähnlich  findet  sich's  anderwärts  bei  den  echten  Residenzstädten  weltlicher  Fürsten.
Nicht  bloß  die  Geschichte,  auch  die  Geschichtschreibung  der  Stadt  wird  von  der
Fürstengeschichte  aufgesogen;  in  den  Reichsstädten  dagegen  ist  der  fruchtbare
Keimboden  der  bürgerlichen  Städtechroniken.

Unter  den  Vertretern  der  historischen  Literatur  Freisings  erscheinen  Bischöfe,
Mönche,  Domherren,  Dompröpste,  ein  Domdechant,  ein  Kaplan,  geistliche  Professoren
  und  Priester  anderer  Grade.  Nun  wäre  es  eben  nichts  Besonderes,  wenn  im
früheren  Mittelalter  bloß  Geistliche  über  diesen  geistlichen  Fürstensitz  geschrieben
hätten;  allein  auch  zur  Zeit  der  Renaissance  (Veit  Arnpeck  und  Joh.  Freiberger)
  und  im  18.  Jahrhundert  (Meichelbeck)  herrschen  die  geistlichen  Federn.
Ja  man  kann  sagen  bis  zur  Säkularisation  ist  keine  namhafte  selbständige
Schrift  über  Freising  erschienen,  die  nicht  entweder  einen  geistlichen  Herrn
zum  Verfasser  hatte  oder  in  den  wenigen  Ausnahmefällen  mindestens  solche
        <pb n="355" />
        65.  Eine  geistliche  Stadt.  343

Laien,  die  in  Brot  und  Würden  des  Bischofs  standen.  Auch  nach  der  Säkularisation
  bis  zur  Gegenwart  waren  es  überwiegend  Geistliche,  welche  sich  mit
selbständigen  Beiträgen  zur  Geschichte  Freisings  beschäftigten.

Die  historische  Literatur  Freisings  gliedert  sich  sehr  einfach  in  drei
Perioden.  Die  erste  geht  vom  8.  bis  zum  15.  Jahrhundert  und  umfaßt
lauter  Bücher,  welche  nebenher  Beiträge  zur  Geschichte  von  Freising  liefern,
obgleich  ihr  Hauptinhalt  weder  auf  eine  Geschichte  der  Stadt  noch  des  Bistums
gerichtet  ist.  Hierher  gehört  der  Bischof  Aribo  (764—784)  mit  dem  Leben
des  hl.  Korbinian;  der  Mönch  Kozroh  mit  seinem  liber  traditionum
antiquus  (810—848);  Bischof  Otto  I.  (1138—1158)  mit  seiner  Chronik  und
dem  Buche  de  gestis  Friderici  primi;  der  Domherr  Radevich  (oder  Ragewin)
mit  der  Fortsetzung  der  letztgenannten  Schrift;  ein  anderer  freisingischer
Domherr  des  zwölften  Jahrhunderts,  Conradus  Sacrista,  als  Verfasser  eines
weiteren  Schenkungsbuches  und  endlich  auch  ein  Laie,  der  Notar  Ruprecht
mit  seinem  Stadtrechtsbuch  von  1328.

Die  zweite  Periode  der  freisingischen  Geschichtsbeiträge  geht  vom  15.  Jahrhundert
  bis  zur  Säkularisation;  sie  beginnt  mit  Veit  Arnpeck  und  gipfelt  in
Meichelbeck.  In  dieser  Zeit  herrschen  die  Chroniken  oder  Kataloge  der  Bischöfe
von  Freising.  Die  Lektüre  dieser  Chroniken  mutet  uns  an  wie  der  Gang
durch  eine  Ahnengalerie;  aus  den  chronologisch  zusammengestellten  Bildnissen
der  einzelnen  Bischöfe  spricht  die  Geschichte  des  Bistums.  Zu  diesen  Bischofschronisten
  zählt  im  15.  Jahrhundert  der  bischöfliche  Kaplan  Veit  Arnpeck,
im  16.  Jahrhundert  der  Domherr  Johannes  Freiberger.  Solche  biographische
Verzeichnisse  der  Bischöfe  wurden  dann  von  Geistlichen  bis  gegen  die  neueste
Zeit  geschrieben.  Auch  die  Kunst  half  den  Catalogus  episcoporum  darstellen.
Joachim  Haberstock  setzte  ihn  in  Verse,  ich  will  nicht  sagen  in  Poesie,  und
im  18.  Jahrhundert  wurde  die  Reihenfolge  der  Bischöfe  für  den  „Fürstengang"“
(zwischen  Schloß  und  Dom)  gemalt  nebst  den  Ansichten  der  wichtigsten  Orte
des  hochstiftischen  Landes  und  kurzen  biographischen  Aufschriften.  Dieser  halb
gemalte,  halb  geschriebene  Katalog  reicht  bis  1789.  Für  den  letzten,  nach
der  Säkularisation  gestorbenen  Bischof  wäre  nur  noch  notdürftig  Platz  gewesen,
wenn  man  die  zwei  Bilder  an  der  oberen  Schmalseite  eng  zusammengerückt
hätte,  dann  aber  für  keinen  mehr;  es  waltete  also  ein  ähnliches  Spiel  des
Zufalls  wie  bei  den  Kaiserbildern  im  Römer  zu  Frankfurt.  Die  alten  Biographien
  der  Bischöfe  sind  in  Meichelbecks  Historia  Frisingensis  zu  einem
großen  Geschichtswerke  emporgewachsen,  welches,  reich  mit  Urkunden  belegt,
vielfach  über  die  Geschichte  des  Bistums  hinausgreift.

Die  dritte  Periode  freisingischer  Geschichtsliteratur  (im  19.  Jahrhundert)
hat  viel  älteres  Material  gesichtet,  veröffentlicht,  vervollständigt,  aber  auch
wesentlich  Neues  dazu  gewonnen.  So  gab  Baumgärtner,  ein  Geistlicher,  den
deutschen  Auszug  von  Meichelbecks  Geschichte  neu  heraus  (1854)  und  führte
die  Chronik  bis  zur  Gegenwart.  Hoheneichner  (weiland  fürstbischöflicher  Hofrat
        <pb n="356" />
        344  65.  Eine  geistliche  Stadt.

und  Archivar)  sammelte  mannigfache  monographische  Beiträge.  Vor  allen  aber
machte  sich  Dompropst  Martin  v.  Deutinger  verdient  durch  den  Abdruck  so
vieler  älteren  Quellenwerke  in  seinen  „Beiträgen  zur  Geschichte  u.  s.  w.  des
Erzbistums  München  und  Freising“  (1850).  In  diesem  reichen  Sammelwerke
  gab  dann  Gentner,  ein  Geistlicher,  die  Geschichte  des  Klosters  Weihenstephan,
  welche  uns  in  immer  weiterer  geistlicher  Perspektive  wiederum  auf
eine  eigene  Mönchschroniken-Literatur  zurückweist.

Nach  zwei  Seiten  hat  unsere  Zeit  aber  auch  neue  Themen  freisingischer
Spezialforschung  angeschlagen:  in  der  Kunst  und  Rechtsgeschichte,  v.  Heckenstaller
  und  Gandershofer  erinnerten  zuerst  wieder  in  besonderen  Schriften  an
die  hohe  monumentale  Bedeutung  des  Freisinger  Domes.  Was  diese  beiden
Geistlichen  nur  erst  angeregt,  das  führte  ein  dritter,  Lyzealprofessor  Sighart
aus;  er  gab  uns  umfassende  Kunde  von  sämtlichen  Kunstschätzen  Freisings
und  sicherte  ihnen  die  gebührende  Stelle  in  der  bayerischen  und  deutschen
Kunstgeschichte.  Bei  den  rechtsgeschichtlichen  Studien  aus  der  freisingischen
Geschichte  treten  überwiegend  juristische  Schriftsteller  in  den  Vordergrund,
v.  Maurer,  Häberlin,  Gengler,  Föringer  u.  a.  Allein  Häberlins  „Systematische
  Bearbeitung  der  in  Meichelbecks  historia  Frisingensis  enthaltenen
Urkundensammlung“  ist  wenigstens,  wie  schon  der  Titel  besagt,  durchaus  auf
das  urkundliche  Material  des  gelehrten  Benediktiners  und  freisingisch-geistlichen
Rates  Meichelbeck  gebaut  und  jene  Schriften  bieten  überhaupt  viel  mehr  Beiträge
zur  deutschen  Rechtsgeschichte  aus  freisingischen  Quellen  als  Beiträge  zur
Geschichte  Freisings.

Man  ersieht  aus  alledem,  der  gelehrte  Berg  von  freisingischen  Geschichtsbüchern
  ist  fast  durchaus  ein  geistlicher  Berg,  so  gut  wie  der  wirkliche  „gelehrte
Berg“,  welcher  Schloß  und  Dom  trägt,  und  die  Überschau  bloßer  Büchertitel
wird  an  sich  schon  zu  einem  kulturgeschichtlichen  Bilde,  darin  sich  die  geistliche
Physiognomie  der  alten  und  neuen  Stadt  in  klaren  Zügen  spiegelt.

Das  alte  Freising  liegt  hinter  dem  Domberg  und  neben  dem  Klosterberg
  von  Weihenstephan.  Es  wird  im  Nordosten  und  Südwesten  von
drei  Klöstern  flankiert:  von  Neustift,  Weihenstephan  und  St.  Veit;  gegen
Süden  liegt  ihm  der  Domberg  vor.  Nur  den  Rücken  —  nordwestlich  —
hatte  die  Stadt  frei;  dort  grenzt  keine  dominierende  geistliche  Besitzung  an.
Dort  öffnet  sich  aber  auch  keine  große  Verkehrsbahn;  von  Südwest  nach
Nordost  flutete  das  Leben,  nach  Nordwest  trägt  man  die  Toten  schon  seit
300  Jahren  zur  Ruhe.  Hier,  an  der  Rückseite  der  Stadt,  öffnete  sich  kein
Haupttor,  hier  drängten  sich  viele  kleine  Häuser  und  unbedeutende  Straßen
an  die  Mauer  und  eine  lange  Zeile  neuer  Tagelöhnerhäuschen,  welche  seit
einigen  Jahren  über  den  alten  Stadtbering  hinausgewachsen  sind,  bezeugt  uns,
daß  auch  heute  noch  auf  dieser  Seite  die  Stadt  zum  Lande  übergeht.

Das  weithin  sichtbare,  landschaftliche  Wahrzeichen  Freisings  sind  die  zwei
geistlichen  Berge,  Weihenstephan  und  der  Domberg.  Beide  sind  sehr  mäßig
        <pb n="357" />
        65.

O

Eine  geistliche  Stadt.  345

hoch,  der  eine  erhebt  sich  nur  50,  der  andere  nur  32,5  m  über  den  Isarspiegel,
  allein  beide  herrschen,  nicht  nur  weil  sie  die  höchsten  Punkte  sind,
sondern  weil  sie  zugleich  mit  ihren  breiten,  langgestreckten  Rücken  für  feste,
abgeschlossene  und  ausgedehnte  Besiedelung  Raum  boten.

Ein  jeder  der  beiden  Berge  hat  seine  Vorzüge  und  beim  abwägenden
Vergleichen  ihrer  Lage  tut  einem  die  Wahl  wehe.  Doch  haben  die  Bischöfe
klug  gewählt,  als  sie  sich  auf  dem  Berge  festsetzten,  welcher  die  natürlichen
Straßenlinien  zu  Wasser  und  zu  Land  und  folglich  die  Stadt  beherrscht,  und
die  Mönche,  als  sie  die  Höhe  behielten,  welche  für  Garten  und  Feld  und  also
auch  für  die  Herrschaft  über  das  umliegende  Kulturland  den  günstigen  Raum  bot.

Die  größten  und  reichsten  Erinnerungen  der  Sage  und  Geschichte  ruhen
nicht  auf  dem  Tale,  auf  der  Stadt  Freising,  sie  haften  an  den  beiden
Bergen.  Dort  hinauf  blicken  wir  zuerst  beim  Aufsuchen  von  Römerspuren
wie  von  sagenhaften  oder  historischen  Zügen  aus  der  Zeit  des  Frankenkönigs
Pipin  oder  der  alten  bayerischen  Herzoge.  Das  Wirken  des  hl.  Korbinian
in  Freising  bewegt  sich  wesentlich  zwischen  den  beiden  Höhen  und  der  Weg,
welchen  er  zur  Gründung  des  Bischofssitzes  genommen,  ist  auch  örtlich  bezeichnet
durch  den  Weg,  welcher  sich  vom  östlichen  Rücken  des  Weihenstephaner  Berges
hinüber  zum  Domberge  zieht,  gleich  einer  Reihe  von  Stationen  mit  Erinnerungsmalen
  seines  Namens  geschmückt.))

Seit  dem  8.  Jahrhundert  und  dann  durchs  ganze  Mittelalter  und  herauf
bis  zur  Gegemvart  sind  die  beiden  Berge  überwiegend  die  Träger  der  historischen
  Bedeutung  Freisings  und  zwar  ging  auch  die  Geschichte  denselben
Weg  wie  der  hl.  Korbinian:  sie  zog  von  Weihenstephan  mehr  und  mehr  zum
Domberge  als  der  geschichtlich  steigend  wichtigeren  Höhe.  Wie  aber  Korbinian
auf  jedem  der  beiden  Berge  bereits  eine  Kirche  vorfand,  so  sollen  die  zwei  Berge
sogar  in  germanischer  Urzeit  schon  eine  Art  geistlicher  Berge  gewesen  sein.

Die  Südseite  des  Dombergs  war  früher  großenteils  ein  Weingarten,
welcher  am  Fuße  des  Abhanges  in  Obst-,  Gemüse=  und  Blumengärten  überging.
Dieser  freisingische  Weinbau  ist  bereits  vom  hl.  Korbinian  begründet  worden
und  folglich  die  Rebenkultur  an  unseren  Isarhöhen  um  volle  100  Jahre
früher  historisch  beglaubigt  als  bei  irgend  einer  der  hochberühmten  Lagen  des
Rheingaues.  Obgleich  nun  der  Weinberg,  auf  Merians  Bild  von  1642  noch
sichtbar,  längst  verschwunden  ist,  so  breitet  sich  doch  noch  immer  ein  äußerst
fruchtbares  Gartenland  über  einen  Teil  des  Domberges  und  an  den  sonnigen
Mauern  der  obersten  Terrasse  reist  neben  der  Traube  sogar  die  Feige,  trotz
der  absoluten  Höhe  von  477  m.

Der  Domberg  überragt  aber  die  zu  Füßen  liegende  Stadt  und  ihr
Gebiet  nicht  bloß  durch  seine  Fruchtbarkeit  sondern  auch  durch  seine  Festigkeit.

1)  Auch  der  uralte,  ehrwürdige  Baum,  die  Korbinianslinde,  an  deren  Grünen  der
Volksmund  das  Gedeihen  der  Stadt  Freising  knüpfte,  stand  auf  dem  Osthange  des
Weihenstephaner  Berges.  Sie  brannte  im  Jahre  1865  vollständig  nieder.
        <pb n="358" />
        346  65.  Eine  geistliche  Stadt.

Er  ist  ihre  Burg,  ihre  Zitadelle  und  eine  Zitadelle  taugt  nach  Umständen
bekanntlich  eben  so  gut  eine  Stadt  zu  zügeln  als  sie  zu  verteidigen.

Das  alte  Freising  war  nicht  besonders  fest,  Mauer  und  Graben  waren
sehr  einsach  und  klein,  die  fünf  Tortürme  unbedeutend.  Um  so  fester  stand
der  Domberg  über  der  Stadt.  Ringsum  steil  abfallend  war  er  nur  von
Osten  durch  einen  Fahrweg  zugänglich,  von  Westen  durch  einen  steilen  Reitweg
(beide  durch  stattliche  Tortürme  auf  der  Mitte  des  Berges  geschlossen),  von
Süden  durch  einen  leicht  zu  sperrenden  Fußsteig.  Im  Süden  bot  schon  am
Fuße  die  Mosach  eine  natürliche  Deckung,  im  Osten  Mosach  und  Isar;  die
westliche  und  östliche  Höhe  des  Berges  war  mit  Verteidigungstürmen  bekrönt,
von  welchen  eine  hohe  Mauer  zum  Münchener  Tore  herunterzog,  und  noch
fünf  bis  sechs  andere  Mauern  stiegen  vom  Plateau  in  Querlinien  zum  Tale
nieder.  Die  Domherrnhäuser  auf  der  zur  Stadt  gekehrten  Rückseite  sahen  im
17.  Jahrhundert  zum  Teile  selbst  noch  festungsartig  ins  Tal  hinab:  auf  hohen,
fensterlosen  Untermauern  erhoben  sich  mehrere  derselben  am  Abhange  turmartig
aufsteigend  und  wehrten  das  Eindringen  quer  den  Berg  herauf  so  gut  wie
ein  förmliches  Verteidigungswerk.  Am  südlichen  Rande  des  Plateaus  aber
war'  Dom  und  Schloß  durch  eine  besondere  Mauer  mit  Türmchen  gegen  einen
etwa  den  Weinberg  heranstürmenden  Feind  geschützt.  Der  Domberg  erscheint
demgemäß  als  eine  selbständige  Feste,  von  der  Stadt  durch  Mauern  und  Tore
abgeschlossen,  und  der  Umstand,  daß  sich  auf  dem  Berge  nicht  bloß  geleitetes
Wasser  befand  sondern  für  den  Notfall  auch  eigenes  Quellwasser,  machte  seine
Stärke  noch  unabhängiger.

Wie  aber  der  Domberg  gleich  einer  Burg  über  der  Stadt  thronte,  so
war  auf  dieser  großen  Feste  eine  engere  Burg  noch  einmal  besonders  befestigt,
das  Schloß  der  Fürstbischöfe,  durch  Mauer  und  tiefen  Graben.

Und  nicht  bloß  militärisch  war  der  Domberg  von  der  Stadt  abgeschlossen
sondern  auch  sozial.  Bischof  Otto  I.,  der  große  Geschichtschreiber,  verfügte
bei  seiner  Erneuerung  der  Regeln  des  Domstiftes,  daß  kein  Laie  innerhalb  der
beiden  Tore  des  Domberges  wohnen  solle.  Der  ummauerte  Berg  glich  also  fast
einem  großen,  festen  Kloster,  wie  denn  auch  zur  Zeit  des  hl.  Korbinian  ein  wirkliches
  Kloster  der  älteste  Kern  seiner  weiteren  geistlichen  Besiedelung  gewesen  ist.

Schon  durch  diese  Eigentümlichkeiten  der  Lage  findet  die  geistliche  Burg
des  Domberges  in  Deutschland  schwerlich  ihresgleichen.  In  andern  deutschen
Bischofsstädten  hatten  zwar  auch  die  geistlichen  Herren  ihr  fest  begrenztes
Quartier;  allein  der  Bischofssitz  als  Kristallisationskern  der  ringsum
anschließenden  Stadtteile  verliert  entweder  später  seine  uralte  Absonderung
oder  der  Fürstenhof  des  Bischofs  übersiedelt  wohl  gar  aus  der  früheren
burglichen  Abgeschiedenheit  in  die  Stadt.  Letzteres  geschah  z.  B.  in  Würzburg,
dessen  Marienberg  als  Residenz  der  Bischöfe  seit  dem  13.  Jahrhundert  manche
Ahrlichkeit  mit  dem  Freisinger  Domberge  bietet.  Der  Würzburger  Dom  aber
liegt  unten  in  der  Stadt  und  im  18.  Jahrhundert  baute  auch  der  Bischof  da
        <pb n="359" />
        65.  Eine  geistliche  Stadt.  347

drunten  sein  neues  Schloß.  In  Freising  vermochte  sich  weder  der  Domberg
mit  der  Stadt  zu  verschmelzen  noch  konnte  die  Stadt  den  Bischofssitz  vom
Berge  herabziehen.

Einziger  noch  als  durch  diesen  Umstand  erscheint  uns  jedoch  die  Stätte
des  Domberges,  wenn  wir  erwägen,  was  alles  innerhalb  ihrer  zwei  Tore  lag.

Auch  ein  Berg  (oder  eine  Stadt)  kann  seine  aerugo  nobilis  haben,
seinen  edlen  Altersrost,  so  gut  wie  ein  Erzbild.  Diese  aerugo  ist  der  tiefe
Trümmerschutt,  welcher  jetzt  die  oberste  Bodendecke  des  Domberg-Plateaus
bildet.  Neuere  Erdarbeiten  zeigten,  daß  der  Schutt  stellenweise  bis  8  Fuß
hinabsteigt  und  in  dieser  Tiefe  fand  man  römische  Münzen;  3  Fuß  unter
dem  Boden  aber  mittelaltrige  (brandenburgische  und  kölnische)  Goldmünzen  des
15.  Jahrhunderts,  Silbermünzen  des  16.  Jahrhunderts.  Von  Münzfunden
in  der  Stadt  ist  mir  nichts  bekannt,  dagegen  erzählte  mir  Professor  Sighart,
dem  ich  die  vorstehende  Notiz  verdanke,  von  einer  Menge  Spielmarken  des
Mittelalters,  welche  dort  in  alten  Häusern  gefunden  worden  seien.  Also
droben  bei  den  geistlichen  Herren  die  Dukaten,  unten  bei  den  Bürgern  die
Rechenpfennige.

Über  jenem  Schutt,  den  der  zerstörende  Gang  der  Jahrhunderte  auf
dem  Domberge  gehäuft,  erhebt  sich  nun  der  Dom  mit  anderen  Kirchen,  das
Schloß,  die  alten  Domherrnhäuser  und  sonst  noch  genug  Gebäude,  alle
einstmals  den  Bedürfnissen  der  geistlichen  Kolonie  gewidmet.

Am  merkwürdigsten  ist  die  Überzahl  der  Kirchen,  wie  sie  vordem  dichtgeschart
  der  enge  Raum  umschloß.  Vor  der  Sakularisation  zählte  man
nicht  weniger  als  14  Kirchen  und  Kapellen  da  droben:  den  Dom,  St.  Benedikt,
St.  Johannes,  St.  Peter,  St.  Andreas,  St.  Martin,  St.  Salvator,  dann
die  bischöfliche  Hauskapelle  und  die  Kapellen  in  der  Domdechantei,  in  der
Dompropstei,  im  Propsteigebäude  von  St.  Andreas,  im  Lerchenfeldhof,  Kolonnahof
  und  Waldkirchhof.  Man  wird  schwerlich  einen  zweiten  Ort  in  Deutschland
finden,  wo  so  viele  Kultusstätten  auf  so  kleiner  Fläche  zusammengedrängt
waren  und  trotz  des  Abbruches  einzelner  Kirchen  auch  heute  noch  sind.

Auf  dem  Domberge  bestanden  vier  Kanonikate:  beim  Dom,  bei  St.  Paul,
St.  Johannes  und  St.  Andreas.  Seltsam  genug  aber  hauste  inmitten  all
des  wimmelnden  geistlichen  Lebens  sogar  auch  ein  Einsiedler,  ein  Seitenstück
zu  den  neun  Einsiedlern,  die  bei  Schleißheim  je  ein  paar  Büchsenschüsse  voneinander
  saßen.

Rechnet  man  zu  den  Kirchen  des  Domberges  noch  die  drei  Kirchen  von
Neustift,  dann  die  sieben  Kirchen  an  und  auf  der  Höhe  von  Weihenstephan
(die  Klosterkirche,  St.  Jakob,  St.  Veit,  die  Abteikapelle,  die  Magdalenenkapelle,
die  Korbinianskapelle  und  die  Frauenkapelle)  und  endlich  die  Kirchen  der  Stadt
(St.  Georg,  die  Kirche  des  Franziskanerklosters,  des  Hl.  Geist-Spitals,  die
Gottesackerkirche,  die  Münchenerkapelle  u.  a.)  —  so  kommt  über  ein  Viertelhundert
  heraus  und  es  begreift  sich,  wie  das  turmreiche  Freising  auf  alten
        <pb n="360" />
        348  65.  Eine  geistliche  Stadt.

Bildern  so  ganz  anders  dreinschaut  als  sonst  jene  mittelalterlichen  Städte,  bei
welchen  die  Festungstürme  mit  den  Kirchtürmen  wetteifern,  ja  sie  an  Masse
überbieten,  während  Freisings  unansehnliche  Tor=  und  Mauertürmchen  von
der  Schar  großer  und  kleiner  Kirchturmspitzen  tief  in  Schatten  gestellt  sind.
Schon  von  fernher  verkündete  sich  dem  Auge  die  geistliche  Stadt.

Die  Säkularisation  von  1803  trachtete  bei  Freising  vor  allen  Dingen
den  Charakter  der  geistlichen  Fürstenstadt  zu  verwischen;  sie  wandte  darum
ihren  Zerstörungseifer  besonders  scharf  gegen  die  beiden  Berge  Weihenstephan
und  den  Domberg.  Wer  es  nicht  weiß,  der  sieht  dem  Berge  des  hl.  Stephan
jetzt  nicht  entfernt  mehr  an,  daß  dort  einmal  zwei  Klöster  mit  so  vielen
Kirchen  und  Kapellen  gestanden  haben;  alle  Bauwerke  von  irgend  kirchlichem
Charakter  sind  entweder  abgebrochen  oder  umgebaut.  Auch  auf  dem  Domberge
wurde  beträchtlich  ausgeräumt.  Man  nannte  ihn  damals  lieber  den  „Residenzberg“;
  Dom  klang  zu  dumpf  und  dunkel.  Wo  früher  die  Andreaskirche
stand,  wurde  Wäsche  getrocknet  ),,  die  Stätte  der  Peterskirche  bezeichnete  ein
Kreuz,  die  Johannes=  und  Martinskirche  wurden  in  Magazine  verwandelt  und
auch  der  Abbruch  der  altehrwürdigen  Domkirche  war  bereits  beantragt  wegen
vorgeblicher  Baufälligkeit.  Den  ersten  Anstoß  zu  ihrer  Rettung  gab  ein  französischer
  Dragoneroberst,  welcher  im  Jahre  1805  den  längst  geschlossenen  Dom
als  den  besten  Platz  erkannte  um  eine  Kirchenparade  zum  Geburtsfeste  des  Kaisers
Napoleon  abzuhalten.  Mit  dem  Verschwinden  des  Domes  würde  die  Physiognomie
  von  Freising  ganz  anders,  das  heißt  höchst  charakterlos  geworden  sein.

Nicht  dies  aber  ist  zum  Verwundern,  daß  so  viel  zerstört  wurde  auf
dem  Domberg,  sondern  daß  man  so  viel  übrig  gelassen  hat.  Obgleich  kein
Bischof  mehr  da  droben  sitzt  und  keine  Domherren,  kein  geistlicher  Hofstaat
und  kein  Einsiedler,  obgleich  längst  schon  Laien  genug  innerhalb  der  beiden
Tore  wohnen,  so  ist  der  Domberg  doch  auch  heute  noch  ein  geistlicher  Berg.
Er  beherrscht  nicht  mehr  die  Stadt,  aber  auf  seiner  Höhe  herrschen  wenigstens
sozial  die  Geistlichen  und  durch  den  Domberg  behauptet  Freising  einen
entschieden  geistlichen  Zug,  wenn  man  es  auch  nicht  mehr  schlechthin  eine
geistliche  Stadt  nennen  kann.  Man  darf  auch  noch  von  dem  gelehrten“
Berge  sprechen  wegen  der  vielen  geistlichen  Lehranstalten  (Lyzeum,  Klerikalseminar,
  Knabenseminar,  Gymnasium,  Realschule,  Schullehrerseminar),  die  auf
seiner  engen  Fläche  vereinigt  liegen,  gleichsam  als  die  letzten  Absenker  der
uralten  Domschule.  Ist  er  auch  nicht  mehr  ein  gelehrter  Berg  fürs  römische
Reich  wie  zu  den  Zeiten  Ottos  ),  so  ist  er  doch  ein  gelehrter  Berg  für  Freising
und  Altbayern.

1)  Nunmehr  steht  ebenda  der  imposante  Neubau  des  Klerikalseminars.

*)  Verfasser  meint  den  Fürstbischof  Otto  I.,  den  Oheim  Kaiser  Friedrichs  I.  Barbarossa,
den  berühmten  Geschichtschreiber,  der  außer  einer  Chronik  ein  weiteres  wichtiges  Quellenwerk
  „Die  Taten  des  Kaisers  Friedrich“  hinterlassen  hat.  Sein  würdiges  Denkmal  von
K.  Zumbusch  ziert  seit  1855  den  Domplatz.
        <pb n="361" />
        66.  Der  Übergang  des  Kurfürstentums  Pfalz-Bayern  an  das  Haus  Pfalz-Zweibrücken.  349

Viel  Geistliches  ist  seit  der  Säkularisation  wieder  restauriert  worden
auf  dem  Domberge.  Man  hatte  zeitweilig  Kürassiere  hinaufgelegt  und  das
Landgericht  und  das  Taubstummeninstitut.  Allein  das  alles  haftete  nicht  an
dem  Berge;  die  Geistlichen  behielten  zuletzt  doch  die  Oberhand.  Auch  die
äußerlichen  Verwüstungsspuren  der  Säkularisation  wurden  möglichst  wieder
ausgeglättet.  Die  Altäre  erhielten  aufs  neue  ihren  verlorenen  Schmuck,  die
aus  den  Kirchen  genommenen  Reliquien  wurden  bei  einem  eigenen  „Reliquienfest"“
  1828  wieder  in  den  Dom  zurückgebracht,  die  gotische  Johanniskirche,
nachdem  sie  fast  vierzig  Jahre  als  Magazin  gedient,  sorgsam  wiederhergestellt
und  wenn  auch  in  der  Martinskirche  kein  Gottesdienst  mehr  gehalten  wird,
so  ist  sie  dafür  seit  etlichen  Jahren  ein  Diözesanmuseum  kirchlicher  Kunstaltertümer
  geworden,  gesammelt  von  einem  Geistlichen  (Professor  Sighart)  und
zunächst  fruchtbar  für  den  Unterricht  der  Klerikalalumnen  des  geistlichen
Berges.

Zu  den  Männern,  welche  unersetzliche  Kunstaltertümer  aus  der  Sturmflut
  der  Säkularisation  retteten,  zählt  vor  allen  der  Domdechant  Heckenstaller
und  der  Priesterhausdirektor  Dr.  Zarbl,  welcher  im  Verein  mit  den  Münchener
Künstlern  Gärtner  und  Ludwig  Schwanthaler  die  ersten  Gedanken  und  Pläne
zur  Restauration  des  Domes  auregte  und  viele  bedeutende  Altertümer  (z.  B.
die  alten  Wandgemälde  des  Langschiffes,  die  berühmte  hölzerne  Monstranz
u.  a.)  wieder  entdeckte,  behütete  und  wieder  herstellen  ließ.  In  ähnlichem
Geiste  wirkte  nachgehends  Professor  Sighart;  er  hat  nicht  wenige  verschüttete
Kunstaltertümer  Freisings  wieder  ans  Licht  gezogen  und  geordnet,  anderes
vor  Zerstörung  bewahrt.

Ohne  das  treue  Walten  solcher  Kunst=  und  Geschichtsfreunde  vom  Domberge
würde  Freising  gewiß  nicht  entfernt  mehr  jenes  charaktervolle  Bild  der  alten
geistlichen  Stadt  bieten,  wodurch  es  jetzt  den  Gebildeten  fesselt.  Denn  auch
hier  wühlten  Leute  genug,  die,  wie  König  Ludwig  I.  vordem  so  treffend  in
Sachen  Nürnbergs  sprach,  nicht  eher  ruhen  wollten,  als  bis  sie  alles  so  glatt
gemacht  hätten  wie  ihre  eigenen  Schädel.

66.  Der  Übergang  des  Kurfürstentums  Pfalz-Bayern  an
das  Haus  Pfalz-Zweibrüchen.
Von  Karl  Theodor  von  Heigel.:)
Die  Zeit  vor  hundert  Jahren  kann  der  verstockteste  laudator  temporis
acti  nicht  die  „gute,  alte  Zeit“  nennen.
Karl  Albert  von  Bayern,  als  Träger  der  kaiserlichen  Dornenkrone
Karl  VII.,  kein  Übermensch  wie  sein  Zeitgenosse  Friedrich,  aber  wohlwollend

1)  Rede,  gehalten  beim  Stiftungsfest  der  Universität  München  am  26.  Juni  1899.
„Neue  geschichtliche  Essays,“  S.  51  ff.  (gekürzt).  München  1902,  Oskar  Beck.
        <pb n="362" />
        350  66.  Der  Ubergang  des  Kurfürstentums  Pfalz-Bayern  an  das  Haus  Pfalz-Zweibrücken.

und  volksfreundlich,  hatte  den  kurzen  Kaisertraum  mit  dem  Ruin  seines  Landes
gebüßt.  Die  dem  Deutschen  Reiche  angegliederten  Völker  des  Ostens  hatten
Bayern  in  so  furchtbarer  Weise  verheert,  daß  man  in  der  deutschen  Geschichte
bis  zu  den  Ungarnzügen  des  frühen  Mittelalters  zurückblättern  muß  um  ein
Beispiel  ähnlicher  Kriegführung  zu  finden.  Auch  in  Friedenstagen  stach  gegen
den  Glanz  des  Hofes  die  Armut  des  Landes  häßlich  ab.  Und  das  Geistesleben,
  die  Volksbildung  war  in  gleichem  Maße  zurückgegangen  wie  der  Volkswohlstand.
  König  Friedrich  neunt  Bayern  in  seinen  „Denkwürdigkeiten“  ein
„von  Schweinen  bewohntes  Paradies.“  Das  grobe  Wort  war  vor  allem  von
Abneigung  gegen  Rom  eingegeben,  doch  auch  Eingeborne  wie  Westenrieder,  der
sowohl  an  seiner  Kirche  wie  an  seiner  Heimat  hing,  fanden  die  Kulturzustände
in  Bayern  unwürdig  und  beklagenswert.  Was  war  aus  dem  Stamme  geworden,
  dem  das  deutsche  Volk  die  erste  klassische  Literaturepoche,  das  tiefsinnigste
  Kunstepos  und  herrlichen  Minnesang  verdankte!  Und  kaum  daß  es
unter  Max  III.  Joseph  und  seinen  treuen  Helfern,  den  Münchener  Akademikern,
zu  dämmern  begann  und  für  die  Volkswirtschaft  wie  für  die  Schule  bessere
Tage  kamen,  vernichtete  der  Tod  des  beliebten  Fürsten  die  Hoffnungen,  wie
Meltau  eine  junge  Saat.  Denn  der  neue  Regent  brachte  dem  Volk,  in  dessen
Mitte  er  nach  den  Hausverträgen  fortan  leben  sollte,  kein  Herz  entgegen.
Karl  Theodor  von  der  Pfalz,  „der  erste  Kavalier  des  Heiligen  römischen
Reiches,“  wie  er  von  seinen  Höflingen  genannt  wurde,  zog  dem  vieltürmigen
München  das  „feine“  Mannheim  und  den  bayerischen  Bergen  seinen  Schwetzinger
Park  vor.  Diese  Kühle  des  zur  Regierung  in  Bayern  berufenen  Fürsten  war
in  Wien  wohl  bekannt;  darauf  stützte  sich  der  Plan  Kaiser  Josephs  II.  durch
Einverleibung  Bayerns  um  so  leichter  die  Germanisierung  der  vielsprachigen
österreichischen  Monarchie  durchzusetzen  und  zugleich  dem  Erzhause  für  alle
Zeiten  die  Ubermacht  in  Deutschland  zu  sichern.  Wie  der  unwürdige  Länderschacher
  eingefädelt  wurde,  ist  bekannt.  Welche  Entrüstung  er  in  Deutschland
hervorrief,  bezeugt  das  zornige  Wort  Schlözers:  Der  Landgraf  von  Hessen
habe  nur  ein  paar  tausend  Landeskinder  verkauft,  der  Kurfürst  von  Bayern
aber  wolle  gleich  sein  ganzes  Land  losschlagen  und  preisgeben.  Allerdings  nach
Amerika  sollten  die  Bayern  nicht,  aber  der  Kurfürst  wollte  aus  Bayern!

Es  ist  klar,  daß  sich  Friedrich  II.  nicht  aus  Großmut  mit  der  patriotischbayerischen
  Partei,  deren  Seele  die  Witwe  des  Herzogs  Klemens,  Maria  Anna,
war,  und  mit  dem  mutmaßlichen  Erben  von  Pfalz-Bayern,  Herzog  Karl  August
von  Zweibrücken,  verbündete.  Friedrich  hatte  die  schwer  errungene  Stellung
Preußens  in  Deutschland  und  Europa  zu  verteidigen.  Do,  ut  des!  ist  die
Seele  aller  politischen  Verträge  und  Uneigennützigkeit  nur  eine  Privattugend.
Wenn  Friedrich  sich  Bayerns  annahm,  dachte  er  sicherlich  nicht  an  Bayern,
sondern  an  Preußen.  Doch  die  Beweggründe  verbergen  sich  früher  oder  später,
die  Tat  und  ihre  Früchte  bleiben.  Tatsache  ist,  daß  nur  durch  Friedrichs
Hilfe  die  Selbständigkeit  Bayerns  gerettet  wurde.
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        66.  Der  Übergang  des  Kurfürstentums  Pfatz-Bayern  an  das  Haus  Pfalz-Zweibrücken.  351

Das  wurde  damals  in  Bayern  auch  willig  anerkannt.  Der  Kabinettssekretär
  Karl  Theodors,  Karl  v.  Stengel,  erzählt  in  seinen  Denkwürdigkeiten,
nicht  zur  Freude  der  Pfälzer  sei  der  Namenstag  Friedrichs  in  München  allenthalben
  mit  Beleuchtungen,  Gastmählern  und  Bällen  gefeiert  worden.  Der
Buchhändler  Strobl  hatte  im  Ladenfenster  das  Bildnis  des  Königs  zum  Verkauf
  ausgestellt;  als  eines  Morgens  die  Wache  vorbeimarschierte,  kommandierte
der  Feldwebel:  Halt!  Rechtsum!  Front!  und  ließ  die  Mannschaft  vor  dem
Bilde  das  Gewehr  präsentieren.  Die  liebenswürdigste  Huldigung  widmete  ihm
in  der  Münchener  Zeitung  ein  nicht  berühmt  gewordener  bayerischer  Poet
Franz  Kaver  Hueber  in  Versen  von  schlichter  Herzlichkeit:

„Der  Vater  wird  es  seinem  Sohn
Und  der  dem  Enkel  sagen,

Wie  gut  es  war  dem  Bayerland
In  König  Friedrichs  Tagen!

Sie  werden  dann  mit  Segen  noch
Sein  Angedenken  feiern,

Der  keiner  war  von  Wittelsbach
Und  doch  so  gut  den  Bayern!“

Im  Teschener  Frieden  erlangte  Kaiser  Joseph  ein  stattliches  Stück  bayerischen
  Landes,  das  Inn=  und  Hausruckviertel;  im  großen  und  ganzen  aber
war  sein  Plan  gescheitert.  Nicht  aufgegeben.  Was  mit  Waffengewalt  nicht
zu  erzwingen  war,  sollte  nun  durch  Lockmittel  aller  Art  erreicht  werden.  Fünf
Jahre  später  gab  das  Wiener  Kabinett  nach  Berlin  einen  Wink,  daß  eine  neue
Teilung  Polens  eine  schöne  Gelegenheit  zu  freundlicher  Einigung  wäre;  das
Erzhaus  werde  gern  die  Abtretung  von  Thorn  und  Danzig  an  Preußen
begünstigen,  falls  der  König  den  Verhandlungen  des  Grafen  Lehrbach  in
München  keinen  ernsten  Widerstand  entgegensetze.  Doch  König  Friedrich  war
auch  dafür  nicht  zu  haben.  Er  erklärte  rundweg  seinen  Ministern  für  das
Wachstum  einer  so  gefährlichen  Macht  nicht  arbeiten  zu  wollen.

Ein  besonderes  Verdienst  um  die  Abwehr  der  Josephinischen  Gelüste  erwarb
  sich  der  zweibrückensche  Minister  v.  Hofenfels.  Dieser  Staatsmann  war
es,  der  zuerst  um  seinem  Herrn  die  bayerische  Erbfolge  zu  retten  einen
Bund  der  deutschen  Staaten  unter  preußischer  Führung  ins  Leben  zu  rufen
trachtete,  während  die  Projekte  anderer  süd=  und  mitteldeutscher  Minister  nur
eine  Partikularunion  der  kleineren  Staaten  in  Vorschlag  brachten.  Seit  September
  1783  war  Hofenfels  in  Berlin  für  seinen  Plan  unermüdlich  tätig.
Am  zweibrückenschen  Hofe  nahm  er  mit  Entschiedenheit  Partei  gegen  das  da  und
dort  beliebte  Buhlen  um  französischen  Schutz.  Noch  immer  habe  dieser  ausschließlich
  Frankreich  Vorteil  gebracht;  nur  die  patriotische  Gesinnung  des
Siegers  von  Roßbach  verbürge  den  Vollbestand  des  Deutschen  Reiches  und  der
deutschen  Rechte.  Mit  ausdrücklicher  Genehmigung  seines  Herzogs  legte  Hofenfels
  diese  Ansichten  in  der  Denkschrift  vom  10.  Februar  1784  dar;  sie  enthält
im  Keim  die  deutsche  Reichsverfassung  von  heute.
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        352  66.  Der  übergang  des  Kurfürstentums  Pfalz-Bayern  an  das  Haus  Pfalz-Zweibrücken.

Die  preußischen  Minister,  Hertzberg  an  der  Spitze,  zauderten;  man
müsse,  meinten  sie,  bis  zum  Tode  des  Kurfürsten  von  Bayern  warten,  man
dürfe  Rußland  nicht  ins  österreichische  Lager  treiben  u.  s.  w.  Da  war  es
König  Friedrich  selbst,  der  in  einem  Signat  vom  6.  März  1784  gegenüber  der
wachsenden  Übermacht  und  Vergrößerungssucht  des  Kaiserhauses  festes  Zusammenhalten
  der  deutschen  Fürsten  forderte  und  den  „Entwurf  eines  Bündnisses  der
deutschen  Fürsten  nach  dem  Vorbilde  desjenigen  von  Schmalkalden“  niederschrieb.

Mit  ihrer  Ahnung  russischer  Einmischung  hatten  Friedrichs  Minister  recht.
Im  Januar  1785  erschien  Graf  Romanzow,  russischer  Botschafter  in  Wien,
bei  Herzog  Karl  August  in  Zweibrücken  als  Versucher.  Der  Kurfürst  sei  bereit
Bayern  gegen  ein  Königreich  Burgund  auszutauschen;  der  Vertrag  zwischen
ihm  und  dem  Kaiser  sei  dem  Abschluß  nahe  und  werde  schon  demnächst  und
unwiderruflich  in  Kraft  treten;  dennoch  wolle  man  den  Herzog  für  freundliche
  Zustimmung  belohnen.  Eine  Million  Gulden  dem  Herzog,  eine  halbe
seinem  Bruder  Max  Joseph!

Karl  August  war  durch  seine  kostspieligen  Schloßbauten  tief  verschuldet,
doch  stärker  als  seine  noblen  Passionen  war  sein  dynastisches  Gewissen.  Ohne
Zögern  wies  er  das  lockende  Anerbieten  zurück  und  rief  den  Schutz  Preußens
an  „gegen  ein  Vorhaben,  das  die  Entfernung  des  wittelsbachischen  Hauses
aus  Deutschland  bezwecke“.

Der  Hilferuf  fand  nicht  nur  in  Berlin  Gehör.  So  beunruhigend  wirkten
die  Umtriebe  des  kaiserlichen  Kabinetts,  daß  geistliche  und  weltliche,  katholische
und  evangelische  Reichsstände  sich  zu  einem  Schutz=  und  Trutzbündnis,  dem
Fürstenbund,  unter  preußischer  Führung  einigten.

Doch  was  nützten  kluge  Pläue  und  Bündnisse  und  alle  Vorsicht  in  dem
Sturm,  der  nun  von  Paris  aus  über  ganz  Europa  brauste,  wie  ein  richtiges
Elementarereignis  nichts  verschonte  und  morschen  Plunder  wie  heilige  Altäre
über  den  Haufen  warf!

Auch  in  Straßburg,  wo  Max  Joseph  von  Zweibrücken  bisher  als  Oberst
des  Regiments  d'Alsace  verweilt  hatte,  war  bald  kein  Platz  mehr  für  deutsche
Fürsten  und  königstreue  Offiziere.  Max  Joseph  verließ  die  ehedem  so  gastliche,
jetzt  von  Revolutionären  der  radikalsten  Richtung  regierte  Stadt  und  zog  nach
Mannheim.  Als  der  Koalitionskrieg  ausbrach,  erbot  er  sich  zu  Kriegsdiensten
in  der  preußischen  Armee.  Max  Joseph  selbst  schrieb  an  den  König  (7.  Juni  1792):
„Das  Beispiel,  das  Ew.  Majestät  allen  Fürsten  Europas  vor  Augen  stellen,
indem  Sie  selbst  dem  unglücklichen  König  von  Frankreich  zu  Hilfe  eilen,  muß.
alle  Herzen  entflammen.  Ich  brenne  vor  Begierde  mich  unter  Ihrem  Oberbefehl
  zu  schlagen  und  mein  Blut  zu  vergießen  für  den  Ruhm  Eurer  Majestät
und  für  die  Verteidigung  des  Deutschen  Reichs.“  Friedrich  Wilhelm  II.  mußte
jedoch  das  Anerbieten  des  Prinzen  ablehnen,  weil  nach  Vereinbarung  mit  dem
Wiener  Kabinett  weder  bei  preußischen  noch  bei  österreichischen  Truppen  Freiwillige
  ausgenommen  werden  sollten.
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        66.  Der  übergang  des  Kurfürstentums  Pfalz-Bayern  an  das  Haus  Pfalz-Zweibrücken.  353

Durch  das  unerwartete  Ableben  seines  älteren  Bruders  (1.  April  1795)
wurde  Max  Joseph  regierender  Herzog  von  Zweibrücken;  doch  er  war  nur
ein  Fürst  ohne  Land,  denn  die  Sansculotten  hielten  sein  ganzes  Gebiet  besetzt.
Auch  das  bayerische  Erbe  war  gefährdet.  Der  französische  Emigrant  General
Heymann,  der  das  besondere  Vertrauen  des  Herzogs  genoß  und  deshalb  vom
Berliner  Kabinett  zum  Geschäftsträger  an  dem  kleinen  Hofe  in  Mannheim
und  Rohrbach  ausersehen  worden  war,  berichtet  eine  Menge  von  Zügen,  die  das
eifrige  Werben  des  Wiener  Hofes  um  den  Prinzen  beweisen.  Schon  zwei  Tage
nach  dem  Tode  der  ersten  Gemahlin  Max  Josephs,  Augusta  von  Hessen,  erschien
ein  höherer  österreichischer  Offizier  um  dem  Witwer  die  Hand  einer  Erzherzogin
anzubieten,  erntete  jedoch  für  seine  Bemühungen  keinen  Dank.

Für  die  Erleichterung  des  Loses  seiner  in  Feindeshand  geratenen  pfälzischen
  Untertanen  wie  für  die  Existenz  und  Unabhängigkeit  Pfalz-Bayerns  war
der  Herzog  unermüdlich  tätig.  Seine  stärkste  Hoffnung  setzte  er  nach  wie  vor
auf  Preußen,  doch  suchte  er  sich  vorsichtigerweise  auch  von  Frankreich  Schutz
seiner  Rechte  zu  sichern.  Die  unverkennbare  Hinneigung  Max  Josephs  zu
Frankreich  erklärt  sich  aus  seiner  früheren  Stellung  wie  aus  dem  Munsche
mit  Hilfe  der  Republik  für  seine  elsäßischen  Herrschaften  ausgiebigen  Ersatz
zu  gewinnen.

Da  aber  immer  deutlicher  zutage  trat,  daß  das  Berliner  Kabinett  auf
Grund  der  Abmachungen  zu  Basel  noch  weiter  mit  Frankreich  unterhandle,
sandte  Max  Joseph  seinen  Minister  Cetto  nach  Paris  um  auch  für  sich  die
Gunst  des  Siegers  zu  erwirken.  Als  in  Rastatt  ein  Kongreß  zur  Ordnung
der  Reichsangelegenheiten  auf  Grund  der  offenen  und  geheimen  Abmachungen
zu  Basel  und  Berlin  eröffnet  wurde,  galt  der  Herzog  von  Zweibrücken  schon
als  Mittelpunkt  der  Franzosenfreunde  in  Deutschland.  Doch  gab  er  die
Fühlung  mit  Berlin  nicht  auf.  „Der  Moment,“  schrieb  er  an  Graf  Haugwitz,
„wo  der  Rastätter  Kongreß  zusammentritt  um  die  Dinge  Deutschlands  zu  ordnen,
ist  auch  der  Zeitpunkt,  wo  man  offene  Farbe  bekennen  muß,  um  die  französische
Regierung  zur  Einlösung  ihres  Versprechens  zu  veranlassen  und  die  ehrgeizigen
Pläne  Österreichs  zu  vereiteln,  das  fortwährend  bereit  ist  die  großen  Staaten
zu  schwächen  um  so  das  Corps  Germanique  zu  beherrschen."“

Im  Winter  1798  tauchte  das  erste  Projekt  eines  Rheinbundes  auf
Das  preußische  Ministerium  schrieb  am  14.  Dezember  an  Heymann,  er  werde
wohl  schon  gehört  haben,  daß  deutsche  Fürsten  ein  Bündnis  mit  Frankreich
zu  schließen  gedächten  um  sich  willkommene  Entschädigungen  zu  erwirken.
„Ein  ruchloser  Plan,  dessen  Ausführung  schließlich  nichts  anderes  zur  Folge
haben  würde,  als  daß  alle  diese  Fürsten  zu  Vasallen  herabsinken  würden,  zu
gehorsamen  Dienern  des  französischen  Despotismus.“  Auf  die  Anfrage  Heymanns
bestätigte  Max  Joseph,  daß  ihm  das  Anerbieten  gemacht  worden  sei  an  die
Spitze  des  Bundes  zu  treten;  doch  —  so  versicherte  er  —  seine  Unterhandlung
mit  Frankreich,  die  er  nicht  ohne  die  Zustimmung  Preußens  angeknüpft  habe,

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  23
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        354  66.  Der  übergang  des  Kurfürstentums  Pfalz-Bayern  an  das  Haus  Pfalz-Zweibrücken.

bezwecke  nichts  als  das  Los  seiner  Untertanen  zu  erleichtern  und  auch  Fraukreich
  zum  Protest  gegen  die  Auslieferung  Bayerns  an  Österreich  zu  bewegen.
Die  Lage  Bayerns  sei  ja  so  traurig  wie  denkbar.  „Gänzlich  besetzt  von  österreichischen
  Truppen,  die  darin  wie  in  einer  Provinz  ihres  Staates  schalten
und  walten,  die  Untertanen  erschöpft  durch  Frondienste  und  Lieferungen  aller
Art,  entmutigt,  beunruhigt,  voll  Abneigung  gegen  eine  Regierung,  gegen  die
man  sie  unablässig  gehetzt  hat  und  die  sich  nicht  mehr  halten  kann.“  Das
ganze  Land  sei  mit  kaiserlichen  Truppen  so  übersponnen,  daß  es,  wenn  heute
der  Kurfürst  stürbe,  ganz  ins  Belieben  der  kaiserlichen  Befehlshaber  gestellt
wäre,  ob  sie  den  Nachfolger  zum  Regiment  gelangen  lassen  wollten  oder  nicht.
Die  eigene  Regierung  ohne  Ansehen,  der  Staatsschatz  leer,  die  Schulden  in
keinem  Verhältnis  zu  den  Einnahmen,  aber  alles  mit  einem  dichten  Schleier
verhüllt  um  dem  Kurfürsten  zu  verbergen,  wie  ein  großer  Teil  der  Einnahmen
in  den  Taschen  feiler  Beamten  verschwinde.  Die  Steuern  ungerecht  verteilt,
fast  ausschließlich  auf  Bürger  und  Bauersmann  lastend.  Die  Armee  schwach,
auch  mangelhaft  verteilt  und  aller  Zucht  entwöhnt,  das  Volk  zurückgeblieben
unter  geistlichem  und  weltlichem  Druck.

„Die  Leiden  Bayerns,"  schreibt  Heymann  am  28.  Januar  1799,  „wachsen
mit  jedem  Tage;  schon  im  vorigen  Monat  waren  die  Ausgaben  für  die  einheimischen
  und  fremden  Truppen  auf  1400000  Gulden  gestiegen  und  die
Summen  mußten  von  den  Einnahmen  für  das  kommende  Jahr  vorweggenommen
werden“  „Alle  Berichte,  die  aus  dem  Lande  kommen,  sprechen  nur  vom
Verlust  des  Eigentums,  von  der  Unzufriedenheit  des  Volkes,  vom  Ruin,  der
alles  bedroht,  wenn  es  nicht  gelingt  die  Osterreicher  zur  Zurückziehung  ihrer
Truppen  bei  gleichzeitiger  Räumung  der  Rheinufer  durch  die  Franzosen  zu
bewegen.“  Der  Herzog  erwarte  Hilfe  gegen  die  einen,  wie  gegen  die  anderen
nur  von  Preußen.  „Man  wird  mich  vermutlich,“  sagte  Max  Joseph  zu
Heymann,  „der  Hinneigung  zu  Frankreich  zeihen;  ich  weiß,  daß  viele  sich  diese
gewagte  Behauptung  erlauben,  aber  man  erwäge  nur  meine  Lage  und  beurteile
dann,  ob  ich  mich  geradsinniger  und  offenherziger  verhalten  konnte!“

Zu  Beginn  des  Jahres  1799  waren  österreichische  Truppen  über  das
ganze  bayerische  Gebiet  verteilt,  Erzherzog  Karl  stand  an  der  Grenze.  Herzog
Wilhelm  von  Birkenfeld  machte  seinem  Vetter  Max  Joseph  wenig  tröstliche
Mitteilungen  über  eine  Unterredung  mit  dem  Führer  der  österreichischen  Truppen.
Der  Erzherzog  sprach  ganz  offen  von  einer  zwischen  den  Höfen  von  Wien
und  München  getroffenen  Vereinbarung,  wonach  15.000  Bayern  in  die  österreichische
  Armee  eingeteilt  werden  sollten.  In  Bezug  auf  die  Erbfolge  äußerte
sich  der  Erzherzog  mit  erschreckendem  Freimut.  „Es  unterliegt  keinem  Zweifel,“
fährt  Herzog  Wilhelm  fort,  „wenn  der  Wiener  Hof  beabsichtigt  sich  Ihrer
Besitzergreifung  nach  dem  Tode  des  Kurfürsten  zu  widersetzen  und  wenn  seine
Truppen  so  wie  gegenwärtig  über  das  Land  verteilt  sind,  so  sehe  ich  kein
Mittel,  das  verhindern  könnte,  daß  wir  dem  Gesetz  des  Stärkeren  uns  beugen
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        66.  Der  Übergang  des  Kurfürstentums  Pfalz-Bayern  an  das  Haus  Pfalz-Zweibrücken.  355

müssen,  und  das  einige  Gewähr  leisten  könnte,  daß  die  Würde  und  die  Sicherheit
  Ihrer  Person  nicht  gefährdet  wäre.  Ich  hoffe,  daß  es  mir  gelingen  wird
in  die  Hauptstadt  zu  kommen;  sich  darin  zu  behaupten  scheint  mir  alles  zu
sein,  was  sich  tun  läßt,  und  nicht  einmal  dies  wird  sich  24  Stunden  lang
durchführen  lassen,  wenn  man  gegen  offene  Gewalt  anzukämpfen  haben  wird.
Ich  flehe  Sie  an,  teurer  Herr  Bruder,  mir  für  diesen  Fall  bestimmte  Anweisung
  zu  geben,  wie  weit  man  im  Widerstand  gehen  soll,  denn  es  handelt
sich  nicht  bloß  darum,  daß  wir  nicht  als  Feiglinge  erscheinen,  sondern  auch
daß  kein  unnützes  Blut  vergossen  wird.“  Darauf  erwiderte  Max  Joseph,  er
müsse  die  Entscheidung  dem  König  von  Preußen  überlassen;  wenn  dieser  wie
sein  Vorgänger  für  Bayerns  Rettung  eintreten  wolle,  sei  er  für  seine  Person
zu  jeglichem  Widerstand  bereit.

Am  3.  Februar  1799  gibt  der  preußische  Geschäftsträger  am  Münchener
Hofe  die  Zahl  der  in  Bayern  und  der  nächsten  Umgebung  lagernden  österreichischen
  Truppen  auf  55  Bataillons  Fußvolk  und  81  Eskadrons  Reiterei,
im  ganzen  also  etwa  80000  Mann,  an.  Was  von  der  Zuchtlosigkeit  dieser
Soldateska  erzählt  werde,  übersteige  alles  Glaubhafte.

Eben  noch  hatte  die  Münchener  das  Gerücht  erregt:  „Der  Kurfürst  verläßt
  demnächst  die  Stadt,  flüchtet  nach  Wien  oder  Prag,  die  Hauptstadt  Bayerns
kommt  unter  österreichisches  Regiment,“  da  verbreitete  sich  —  am  12.  Februar
—  neue  Kunde:  „Karl  Theodor  ist  vom  Schlag  gerührt!“  Und  so  war's.
Während  der  Kurfürst  mit  General  v.  Hertling  L'hombre  spielte,  trat  die
Katastrophe  ein.  Die  Arzte  gaben  keine  Hoffnung.  Bei  Hofe  war  man  entschlossen
  den  Ernst  der  Lage  so  lange  wie  möglich  zu  verheimlichen;  nur  an
den  Herzog  von  Zweibrücken  ging  sofort  ein  reitender  Bote  ab.  Allein  das
Gerücht  drang  doch  auch  in  das  österreichische  Hauptquartier  und  Erzherzog
Karl  entsandte  den  Grafen  Colloredo  nach  München.  Als  dieser  mit  dem
österreichischen  Botschafter  Graf  Sailern  in  der  Residenz  erschien  und  den
Kranken  sehen  wollte,  wurde  ihnen  der  Zutritt  von  der  Kurfürstin  verweigert.
Sailern  beschwor  sie  die  Hilfe  des  Kaisers  anzurufen;  sie  wies  auch  diesen
Rat  zurück.

In  den  Höfen  und  Empfangszimmern  der  Residenz  sieht  man  zwar  eine
Menge  Menschen  und  feierliche  Mienen,  doch  die  Kirchen,  wo  für  die  Genesung
Karl  Theodors  Andachtsübungen  gehalten  werden,  bleiben  leer.  So  wenig
ist  man  bei  Hofe  der  Liebe  des  Volkes  sicher,  daß  an  den  Herzog  Max  Joseph
die  Bitte  gerichtet  wird,  er  möge  nachts  und  heimlich  in  die  Stadt  kommen;
man  ahnte,  mit  welchem  Jubel  die  Bürgerschaft  ihren  Liebling  begrüßen  würde,
und  wollte  diese  Kränkung  des  Landesfürsten,  des  Sterbenden,  vermeiden.

Vier  Tage  lang  log  Karl  Theodor  noch  atmend,  doch  bewußtlos.  Am
16.  Februar  nachmittags  3  Uhr  verschied  er.

Nun  kamen  die  umsichtigen  Bestimmungen  der  Herzogin  Maria  Anna
und  die  kluge  Verteilung  der  Rollen  doch  zur  Geltung.  „Alles  ging  am

23*
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        356  67.  Johann  Konrad  Grübel  als  Chronist  des  Lüneviller  Friedens.

Schnürchen.“  Der  Herzog  von  Birkenfeld  ließ  unverzüglich  alle  Hofbeamten,
Minister  und  Generale  dem  rechtmäßigen  Nachfolger  Treue  schwören,  die
Garnison  stellte  sich  auf  den  Plätzen  der  Stadt  in  Reih  und  Glied  und
wurde  vereidigt.  Ein  Hofbeamter  von  einer  Reitertruppe  begleitet  fuhr  dem
neuen  Landesherrn  mit  der  amtlichen  Nachricht  vom  Ableben  des  Oheims  entgegen.
  Die  Papiere  des  Grasen  Zeschwitz  und  des  Kabinettssekretärs  von
L#ppert,  den  Westenrieder  in  seinem  Tagebuch  mit  wunderlicher  Übertreibung
den  „bayerischen  Robespierre“  nennt,  wurden  versiegelt,  dem  Fürsten  von
Bretzenheim,  Karl  Theodors  natürlichem  Sohn,  die  Auflösung  der  bayerischen
Ritterloge  vom  Malteserorden  angezeigt.

Die  Bevölkerung  machte  Feiertag.  Trotz  der  Februarkälte  und  dem  Schnee
auf  den  Straßen  war  es  allenthalben  lebendig.  Zahlreiche  Flugblätter  erschienen,
gedruckt  und  geschrieben,  alle  siegesfrohen,  aber  nicht  alle  reinlichen  Inhalts.
Geschmacklose  Gesellen  begeiferten  mit  Hohn  und  Spott  den  Mann,  der  doch  für
immer  die  Waffen  gestreckt,  der  München  den  Englischen  Garten  geschenkt  hatte.

Am  20.  Februar  traf  Max  Joseph  in  München  ein,  vom  Herzog  von
Birkenfeld  und  von  den  städtischen  und  ständischen  Würdenträgern  empfangen,
mit  frohem  Zuruf  von  den  dichtgedrängten  Massen  auf  Straßen  und  Plätzen
und  aus  den  Fenstern  der  geschmückten  Häuser  begrüßt.

Der  Jubel  des  Volkes  war  der  Ausdruck  seiner  zuversichtlichen  Erwartung:
„es  wird  jetzt  besser  werden  im  Bayernland!“  —  —

Dankbar  bestätigt  nach  hundert  Jahren  die  Geschichte,  daß  dieser  Hoffnung
  eine  glückliche  Erfüllung  beschieden  war.

67.  Johann  Konrad  Grübel  als  Chronist  des  Lüneviller
Friedens.
Von  Hans  Probst.“

Der  ersten  Gedichtsammlung,  die  Johann  Konrad  Grübel  als  angehender
Sechziger  im  Jahre  1798  herausgab,  spendete  namentlich  Gocthe  freundlichen
Beifall;  er  hob  hervor,  es  zeige  sich  darin  „ein  Mann  von  fröhlichem  Gemüt
  und  heiterer  Laune,  der  die  Welt  mit  einem  glücklichen,  gesunden  Auge
sieht.“  Als  nach  einigen  Jahren  neuerdings  Werkchen  des  Stadtfläschners  erschienen,
  fand  Goethe  es  besonders  merkwürdig,  „wie  er  in  schlimmen  Tagen
sich  in  gleichem  Humor  erhielt.“  In  der  Tat  war  es  in  den  schlimmen  Tagen,
die  es  um  die  Wende  des  Jahrhunderts  wie  überall  so  auch  in  Nürnberg  gab,
für  den  alternden  Volksdichter  ein  Kunststück  die  gute  Laune  nicht  völlig  zu
verlieren.  Die  Drangsale,  die  seine  Vaterstadt  vom  Dezember  1800  an  auszustehen
  hatte,  schildert  er  frisch  und  anschaulich  in  einer  kleinen  Reimchronik.

Wöi  Mancher  haut's  niht  überlebt!
Ich  bin,  Gott  Lob!  noh  dau.
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        67.  Johann  Konrad  Grübel  als  Chronist  des  Lüneviller  Friedens.  357

Es  war  gerade  um  die  Zeit  des  Weihnachtsmarktes,  wo  die  Nachbarschaft
auf  etliche  Stunden  im  Umkreis  nach  Nürnberg  zu  kommen  und  reichlich  einzukaufen
  pflegte.

Dau  haut  mer  g'sagt,  Franzuf'n  senn  Und,  leider!  sell'’'n  Nammittog,

Ner  noh  a  Stund  von  höi;  Su  niht  goar  lang  nauch  Zwa,

Dau  iß  scho  Manch'n  wur'’'n  nau,  Dau  senn's  scho  draus  9°'wöst  vur'n  Thur,
Mir  ah,  ih  waß  niht  wöi.  Und  drin  halt  ober  ah.

Bald  ist  jedes  Haus  mit  Soldaten  überfüllt;  die  herrischen  Gäste  verlangen
  das  Beste  aus  Küche  und  Keller  und  zu  alledem  ist  es  nichts  mit  dem
Weihnachtsmarkt,  der  Handel  steht  still,  man  nimmt  keinen  Kreuzer  Geld  ein.
Da  verbreitet  sich  nach  einigen  Tagen  die  Kunde  vom  Anmarsch  der  Kaiserlichen;
  am  17.  Dezember  rücken  die  Franzosen  aus;  am  18.  und  19.  hört  man
das  Schießen  bis  in  die  Stadt;  von  der  Burg  aus  läßt  sich  der  Kampf  beobachten.


Dau  haut  mer  ganzi  Wög'’n  vuhl
Z'Nacht's  noh  Blesseirti  braucht  (gebracht):
Und  dös  noh  in  der  gräußt'n  Költ.

SIu  wer'’n  die  Menschen  plaugt!

Vom  Samstag  bis  zum  Montag  ziehen  sich  die  Franzosen  allmählich
hinter  Nürnberg  zurück,  die  Reichstruppen  werden  von  den  Bürgern  mit
Jubel  empfangen  und  verpflegt.  Nun  gibt  es  doch  noch  einen  „Kindlesmark"
und  frohe  Christbescherung!  Aber  schon  am  andern  Weihnachtsfeiertag  wendet
sich  das  Blatt,  die  Kaiserlichen  räumen  die  Stadt  wieder  den  Franzosen.  Vor
Einquartierung  denkt  niemand  ans  Neujahrwünschen;  sogar  in  schmalen  Hausgängen
  sind  Pferde  eingestellt.  Zwei  Faschingsbälle,  die  von  den  Franzosen
mit  großem  Geschick  veranstaltet  werden,  bringen  einige  Zerstreuung  in  der
traurigen  Zeit.

Nau'n  neuzehnt'n  Februar

Ba  der  Paradi  noh,

Dau  haut  ka  Mensch  on  Fried'’n  denkt,
Ka  Wurt  niht  g'red't  dervoh.

Aff  amahl  werd  a  Lärma  dau

Und  aff  französsch  a  G’'schra

Von  Republik  und  Bonapart

Und  Viovat  ober  ah.

Die  Stadt  wird  Uluminiert,  die  ganze  Nacht  wird  geschossen.

Gott  Lobl  e'n  Fried'’n  häit'n  mer  öiz!
Haut  ans  zon  Andern  9'sagt:

Wöi's  ober  halt  noh  weiter  geiht
Und  wos  wmehr  mit  uns  macht!?

Einem  Pariser  Kommissär  muß  die  Stadt  wertvolle  alte  Bilder  und
Büäücher  ausliefern  und  endlich,  5  Wochen  nach  der  Friedensfeier,  am  30.  März,
        <pb n="370" />
        356  67.  Johann  Konrad  Grübel  als  Chronist  des  Lüneviller  Friedens.

ziehen  die  Franzosen  ab,  teilweise  sogar  von  ihren  Quartierherren  noch  beschenkt,
was  Grübel  zu  der  köstlichen  Bemerkung  veranlaßt:

Präsent  haut  freilich  Mancher  kröigt

As  manch'n  Haus  noh  mit;

Mih  ober  haut's  kan  Kreuzer  kost't,

Döi  Sprauch  versteih  ih  niht.

Nun  tritt  die  Frage  in  den  Vordergrund,  was  wohl  mit  der  ehrwürdigen
freien  Reichsstadt  geschehen  wird.  Aber  mit  erhabener  Ruhe  legt  der  Dichter
das  Geständnis  ab:

Ih  freu  mih  niht,  i  förcht'  mih  niht,
Ih  will's  derwart'n  halt.

Der  verständige  Bürger  läßt  sich  daran  genügen,  daß  sich  sein  eigenes,
bescheidenes  Dasein  wieder  behaglicher  gestaltet;  der  schon  vor  Jahren  in  der
endlosen  Kriegszeit  geäußerte  Neujahrswunsch:

Daß  mer  fu  wöi  sunft'n  hönnt'

Sei  Mäißla  trink'n  schöi  in  Rouh

Und  raucht  sei  Pfeiff  Tobak  derzou,
er  ist  dem  Redlichen  von  einem  guten  Geschick  erfüllt  worden.  So  tönt  uns
aus  dem  Gedicht  „Die  Bekanntmachung  des  Friedens“  kein  begeisterter  Jubel
entgegen;  er  bemerkt  nur  schlicht  und  trocken:

No,  mir  könna  doch  um  viel

Rouhiger  öiz  löb’n;
war  einem  doch  schließlich  jede  Gesellschaft  verleidet  worden,  weil  fast  nur  noch
von  Erschießen  geredet  wurde.  Dem  fleißigen  Nürnberger  Handwerksmeister
ist  die  Hauptsache,

Wenn  die  Handling  widder  geiht

Frei  on  all'n  Ort’'n,

Dös  iß  scho  a  Glück  für  uns.

Alles  andere,  die  endgültige  Regelung  des  Schicksals  so  vieler  deutscher
Lande,  überläßt  er  mit  philosophischem  Gleichmut  den  Diplomaten.
Werd  a  Zeit  noh  rummer  göih,
Bis  mer  dau  wos  häiert,
Und  bis  Alles  ausg'macht  werd,
Wos  an  Jed'n  g’'häiert.

Wenn's  ner  niht  goar  Flang  ohsteiht,
Daß  mer's  doch  derlöb'’n.
Mag  die  Zukunft  über  den  Landbesitz  der  Großen  entscheiden!  Den
kleinen  Bürger  beschäftigt  weit  fühlbarer  die  jüngste  Vergangenheit,  die  ihn
um  sein  bischen  Eigentum  brachte:

Dös  wär'’  halt  des  Allerbest',  Wenn  mer  Alles  häit’n  noh,
Wenn  mer's  könnt'n  mach'n,  Unser  Woar  und  Sach'n.
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        68.  Napoleon  bei  Abensberg  und  Regensburg-  359

68.  Napoleon  bei  Abensberg  und  Regensburg.
(Am  20.  und  23.  April  1809.)
Von  Albrecht  Adam.,

Der  Tag  (19.  April)  neigte  sich  zu  Ende  und  der  Sieg  war  auf  allen
Punkten  entschieden.  Der  großen  Tapferkeit  der  österreichischen  Truppen  ließ
man  von  allen  Seiten  Gerechtigkeit  widerfahren,  aber  Napoleons  Feldherrntalent
  und  Glück  triumphierte  auch  hier  wieder.  Die  Zeit  war  noch  nicht  gekommen,
  wo  auch  er  die  Wandelbarkeit  des  Glückes  erfahren  sollte.

Die  Truppen  lagerten  auf  dem  Schlachtfelde  und  in  den  wenigen  nahe
gelegenen  Ortschaften.  Abensberg  war  überfüllt;  dort  lag  das  Hauptauartier-Am

  20.  wurde  die  Schlacht  unter  dem  Befehle  Napoleons  in  weit
größerer  Ausdehnung  fortgesetzt.  Auf  das  Gewitter  des  vorigen  Tages  war
ein  kalter,  feuchter  Morgen  gefolgt,  schwere  graue  Wolken  hingen  tief  am
Horizonte  herab,  auf  der  Erde  lag  Nebel.  Die  Lagerfeuer  brannten  rot,  der
Rauch  schlich  am  Boden  hin  und  stieg  nur  mühsam  in  die  Höhe.

Nachdem  ich  meinen  Magen  mit  schlechtem  Kaffee  ein  wenig  erwärmt  hatte,
setzte  ich  mich  wieder  zu  Pferde,  ritt  dem  nächsten  Lagerplatze,  wo  ich  gestern
die  Truppen  verlassen  hatte,  zu  und  suchte  mir  einen  erhöhten  Punkt  um  möglichst
viel  übersehen  zu  können.  Das  Glück  lenkte  heute  meine  Schritte.  Auf  einer
Anhöhe  am  Saume  eines  kleinen  Waldes  fand  ich  den  General  von  Raglovich,
umgeben  von  seinen  Adjutanten  und  Offizieren  an  einem  Feuer  sitzen.  Die
ganze  Gesellschaft  war  in  Mäntel  gehüllt  und  recht  malerisch  um  das  Feuer
gruppiert;  den  interessanten  Hintergrund  bildeten  die  Lager  rundherum.

Sogleich  begann  ich  eine  Zeichnung  zu  machen,  war  aber  noch  nicht  zu  Ende,
als  von  der  Ferne  her  ein  lärmendes  Rufen  sich  vernehmen  ließ,  das  immer  näher
kam:  „Der  Kaiser!““  Er,  der  Held  des  Jahrhunderts,  der  bewunderte  und
zugleich  gefürchtete  kleine  große  Mann,  der  sicgte,  wo  er  sich  zeigte,  an  dessen
Unüberwindlichkeit  jeder  glaubte,  erschien  bald  darauf,  umgeben  von  seinen
Generälen,  begleitet  vom  bayerischen  Kronprinzen,  dem  Generalleutnant
Wrede  und  einer  großen  Suite,  auf  der  Anhöhe,  wo  ich  mich  befand.  Welch'
eine  Erscheinung  für  mich,  der  zum  erstenmale  seiner  ansichtig  wurde!  Ich
machte  mich  so  nahe  hinzu  als  nur  möglich.  Da  saß  er  auf  seinem  kleinen
arabischen  Schimmel  in  etwas  nachlässiger  Haltung  mit  dem  kleinen  Hute  auf
dem  Kopfe  und  mit  dem  bekannten  staubfarbenen  Oberrocke  bekleidet,  in  weißen
Beinkleidern  und  hohen  Stiefeln,  so  unscheinbar,  daß  niemand  in  dieser  Persönlichkeit
  den  großen  Kaiser,  den  Sieger  von  Austerlitz  und  Jena,  vor  welchem
sich  Monarchen  demütinen  mußten,  vermutete,  wenn  man  ihn  nicht  schon  so
vielfältig  in  Abbildungen  gesehen  hätte.  Er  machte  auf  mich  mit  seinem  bleichen

!)  „Aus  dem  Leben  eines  Schlachtenbummlers“,  Selbstbiographie  von  Albrecht  Adam.
1786—1862;  herausgegeben  von  H.  Holland,  S.  63  ff.  Stuttgart  1886,  J.  G.  Cotta.
        <pb n="372" />
        360  68.  Napoleon  bei  Abensberg  und  Regensburg.

Gesichte,  den  kalten  Zügen,  dem  ernsten,  scharfen  Blicke  einen  fast  unheimlichen
Eindruck;  der  Glanz  der  vielen  Uniformen  um  ihn  her  erhöhte  den  Kontrast
dieser  unscheinbaren  Erscheinung.

Napoleon  befahl,  daß  man  aus  den  verschiedenen  bayerischen  Regimentern
Offiziere  herausrufen  solle,  ließ  diese  einen  Kreis  um  sich  und  den  Kronprinzen
schließen  und  hielt  an  sie  eine  Ansprache,  welche  der  Kronprinz  ins  Deutsche
übersetzte.  Unter  anderm  sagte  er,  daß  er  sie  in  einem  Monate  nach  Wien
führen  und  Bayern  den  Schaden,  welchen  ihm  jetzt  Osterreich  zufüge,  reichlich
ersetzen  wolle.  Ein  lautes  Vivat  erscholl,  als  er  geendet,  der  Kreis  löste  sich
und  Napoleon  stieg  vom  Pferde.  Er  entfernte  sich,  nur  von  Wrede  begleitet,
ging  in  eifrigem  Gespräche  mit  diesem  auf  und  ab,  stand  still,  sprach  wieder
im  Gehen,  die  Hände  auf  den  Rücken  gelegt  und  den  Kopf  etwas  gesenkt,  stand
abermals  still  und  klopfte  Wrede  auf  die  Schulter.  Man  konnte  sichtlich  bemerken,
  daß  er  mit  ihm  sehr  zufrieden  und  in  guter  Stimmung  war.  Napoleon
sammelte  darauf  seine  Generale  um  sich,  ließ  eine  große  Karte  auf  dem  Boden
ausbreiten,  setzte  sich  nieder  und  traf  seine  Dispositionen.  Man  sagte,  er  habe
die  Punkte  bezeichnet,  wo  er  die  Osterreicher  schlagen  wollte.  Die  vielen  militärischen
  Größen  hier  auf  dieser  Anhöhe  um  den  Mann,  welcher  bereits  die
Aufmerksamkeit  der  Welt  auf  sich  gezogen  hatte,  versammelt  und  sich  bewegen
zu  sehen  war  für  mich  als  stillen  Beobachter  von  größtem  Interesse.

Während  dessen  hatten  die  Truppen  Stellung  genommen.  Napoleon
war  unerwartet  erschienen  und  mit  ihm  ein  starkes  französisches  Heer,  das  im
Vereine  mit  den  Bayern  und  Württembergern  sich  nach  allen  Richtungen  ausbreitete.
  Es  schien  als  wüchsen  die  Leute  aus  der  Erde  heraus.

Nachdem  die  Dispositionen  getroffen  waren,  flogen  die  Generale  und
Adjutanten  nach  allen  Richtungen  auseinander;  auch  Napoleon  bestieg  sein
Lieblingspferd  wieder,  den  Ali,  welchen  er  aus  Agypten  mitgebracht;  noch  sehe
ich  ihn  lebendig  vor  mir,  wie  er  den  Hügel  hinabsprengte  und  um  die  Ecke
cines  Waldes  verschwand.  Bald  darauf  donnerten  die  Geschütze  auf  allen  Seiten.

Prachtvoll,  wahrhaft  imposant  waren  die  großen  Massen  französischer
Kürassiere,  welche  in  langen,  geschlossenen  Reihen  in  vollem  Trab  ins  Treffen
rückten;  der  Boden  zitterte  unter  ihren  Bewegungen  und  die  Scheiden  ihrer
Schwerter  erzeugten  dabei  einen  eigentümlichen,  unheimlichen  Ton.  Dieser
Anblick  machte  einen  gewaltigen  Eindruck,  man  fühlte  sich  leicht  zu  dem  Gedanken
  veranlaßt,  daß  solche  Massen  alles  niederwerfen  müssen;  und  doch  war
ich  schaudernd  Zeuge,  wie  später  auch  diese  Eisenmänner  ganze  Felder  mit
ihren  Leichen  überdeckten.

Der  Mut  mich  immer  so  weit  vorzuwagen  als  nur  möglich  verschaffte
mir,  als  es  schon  zu  dämmern  begann,  ndch  einen  höchst  interessanten  Anblick.
Ich  hatte  mich  nämlich  bis  an  den  Platz  vorgedrängt,  auf  dem  Napoleon  stand
und  wunderte  mich  selbst,  daß  ich  dort  geduldet  wurde.  Aber  es  war  so  lebendig
in  seiner  Nähe,  daß  meine  unbedeutende  Persönlichkeit  gar  nicht  bemerkt  wurde.
        <pb n="373" />
        68.  Napoleon  bei  Abensberg  und  Regensburg.  361

Der  Sieg  des  Tages  war,  obwohl  teuer  erkauft,  ein  vollständiger.  Es
wurden  viele  Gefangene  gemacht  und  mehrere  Tausend  derselben  marschierten
an  Napoleon  vorüber,  als  ich  eben  dorthin  kam.  Er  stand  am  Eingange
eines  Dörschens  bei  einer  Scheune,  umgeben  von  einer  sehr  zahlreichen  Suite
und  musterte  über  eine  halbe  Stunde  jene  mit  Aufmerksamkeit,  sprach  sehr
wenig  und  schien  bisweilen  in  tiefes  Nachdenken  versunken.  Viclleicht  entwarf
er  in  jenem  Augenblicke  schon  den  Vernichtungsplan  für  den  folgenden  Tag.
Es  vergingen  auch  nicht  24  Stunden,  so  hatte  er  in  der  Tat  über  einen  Teil
der  österreichischen  Armee  bei  Landshut  schon  Verderben  gebracht.  Nicht  mit
der  Miene  des  triumphierenden  Siegers  saß  er  auf  seinem  kleinen  Schimmel,
ein  tiefer  Ernst  schwebte  um  seine  Stirne;  wer  ihn  sah,  war  wohl  versucht  zu
glauben,  er  gehe  in  diesem  Angenblicke  noch  mit  viel  Größerem  um  als  mit
dem  Siege  dieses  Tages.

Die  Dunkelheit  war  hereingebrochen,  als  Napoleon  wegritt,  und  der  Zug
der  österreichischen  Gefangenen  hatte  noch  nicht  geendet.  Das  Entwirren  dieses
Knäuels  von  Offizieren,  Equipagen,  Handpferden,  welcher  sich  hier  anhäufte,
glich  einem  Ameisengewimmel,  das  mit  einem  Male  aufgestört  und  lebendig
wird.  Die  Dragoner  der  stolzen  Kaisergarde,  welche  Napoleon  als  Schutzwache
  begleiteten,  und  im  Gegensatze  zu  ihnen  die  armen,  gedemütigten  österreichischen
  Gefangenen,  die  Toten  und  Verwundeten,  auf  die  man  überall  stieß,
die  am  Boden  zerstreuten  Waffen,  Armaturstücke  und  Kanonenkugeln,  die  einbrechende
  Nacht,  der  mit  schwarzgrauen  Wolken  überzogene  Himmel,  an  dem
man  nur  tief  am  Horizonte  hin  einen  blutroten  Streifen  sah,  welchen  die  lange
schon  untergegangene  Sonne  zurückgelassen:  das  alles  machte  als  Schlußakt
dieses  Tages  auf  mich  einen  großartigen,  tragischen  Eindruck.  Daß  ich  aber
durch  besonders  günstigen  Zufall  Napoleon  am  Morgen  vor  der  Schlacht  und
abends  als  Sieger  so  in  der  Nähe  beobachten  konnte,  läßt  mich  den  20.  April
niemals  vergessen.

*

Am  23.  früh  rückte  alles  gegen  Regensburg  vor.  Noch  in  der  Nacht
machten  wir  einen  Teil  des  Weges  und  kampierten  vor  einem  Dorfe,  dessen
Namen  ich  nicht  aufzeichnete.

Die  aufgehende  Sonne  verkündete  einen  schönen  Tag,  aber  für  Regensburg
  sollte  es  ein  Tag  des  Schreckens  und  Entsetzens  werden.  Da  auf  der
Hauptstraße  der  Truppenzug  von  Kavallerie  und  Artillerie  sehr  groß  war,
marschierten  wir  abseits  über  ein  mit  vielen  tausend  Toten,  mit  Waffen  und
Armaturstücken  übersätes  Feld.  Gegen  8  Uhr  kamen  wir  auf  einer  Anhöhe
vor  Regensburg  an  und  erblickten  das  Opfer  dieses  Tages,  die  würdige  alte
Stadt  im  Glanze  der  Morgensonne.

Gegen  9  Uhr  begann  die  Schlacht.  Hier  war  es  mir  vergönnt  einen
schönen  Überblick  über  alles,  was  vorging,  zu  bekommen;  denn  von  jener  Anhöhe
  konnte  man  mit  so  scharfen  Augen  wie  die  meinigen  fast  jeden  einzelnen
        <pb n="374" />
        362  69.  Das  dayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812.

Mann  unterscheiden.  Besonders  imposant  waren  die  ungeheuern  Massen  schwerer
Kavallerie,  namentlich  der  majestätischen  Grenadiere  à  cheval  anzusehen.  Diese
zogen  in  einem  großen,  doppelten  Vierecke  von  immenser  Ausdehnung  in  schräger
Richtung  über  die  Ebene;  mir  fielen  dabei  die  Worte  Schillers  ein:

„Ochwer  und  dumpfig,

Eine  Wetterwolke,

Durch  die  grüne  Eb'ne  schwankt  der  Marsch,

Zum  wilden,  eisernen  Würfelspiel

Streckt  sich  unabsehlich  das  Gefilde.“

Das  Geplänkel  um  die  Stadt  herum  dauerte  fort  und  fort.  Inzwischen
wurden  verschiedene  Batterien  nahe  vor  die  Stadt  postiert,  welche  ihre  furchtbaren
  Geschosse  in  dieselbe  schleuderten.  Bald  zeigten  hohe  Rauchsäulen  und
auflodernde  Flammen  die  Wirkungen.  Es  brannte  beinahe  gleichzeitig  in  zwei
verschiedenen  Richtungen  und  bei  der  herrschenden  Windstille  stieg  der  Rauch
in  rötlich-grauen  Säulen  himmelhoch,  schauerlich  majestätisch  empor.  Da  ich
das  alles  gleichsam  zu  meinen  Füßen  vor  sich  gehen  sah  und  ein  Plätzchen
fand,  wo  ich  ungestört  zeichnen  konnte,  packte  ich  sogar  meine  Farben  aus  und
entwarf  an  Ort  und  Stelle  ein  Aquarell  von  dem  brennenden  Regensburg.
Gegen  Abend  hatte  man  eine  Bresche  in  die  Stadtmauern  geschossen.  Und
mit  wahrer  Todesverachtung  begannen  die  Franzosen  den  Sturm  und  waren
auch  bald  in  die  Stadt  eingedrungen.  Der  Kampf  dauerte  nun  in  den  Straßen
fort,  bis  die  Österreicher  Schritt  für  Schritt  zurück  über  die  Brücke  auf  das
jenseitige  Ufer  der  Donau  geworfen  waren.  Bei  diesem  Gefechte  wurde  die
ganze  Vorstadt  Stadtamhof  ein  Raub  der  Flammen.

Napoleon,  welcher  den  ganzen  Tag  hindurch  anwesend  war  und  allenthalben
  gesehen  wurde,  stand  gegen  Abend  nicht  ferne  von  mir  auf  der  Anhöhe
  mit  einer  ungeheuren  Suite  von  mehr  als  hundert  Köpfen;  fast  alle
Generale  mit  ihren  Adjutanten  hatten  sich  in  einer  Entfernung  von  etwa  40
bis  50  Schritten  hinter  ihm  versammelt.  Das  Ganze  war  prachtvoll  von  der
Abendsonne  beleuchtet.  Unverwandt  blickte  er  nach  der  Stadt  in  das  mittlerweile
  bedeutend  gewachsene  Feuer.  Er  schien  mir  unheimlich,  ich  dachte  an
Nero.  —

69.  Das  bayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812.

Von  Karl  v.  Landmann.“

Nach  dem  Siebenjährigen  Kriege  trat  allenthalben  in  Deutschland  ein
Stillstand  in  der  Entwicklung  des  Heerwesens  ein  und  nebenbei  machte  sich
eine  Vernachlässigung  der  kriegsmäßigen  Ausbildung  zu  Gunsten  des  Wachund
  Paradedienstes  sowie  militärischer  Spielereien  mehr  oder  minder  geltend.

Auch  in  Bayern  war  es  mit  dem  Heerwesen  zu  Ende  des  18.  Jahrhunderts
  nicht  glänzend  bestellt,  wenngleich  anzuerkennen  ist,  daß  Kurfürst  Karl
Theodor  der  Verbesserung  der  Heereseinrichtungen  sein  Augenmerk  zuwendete.
        <pb n="375" />
        69.  Das  bayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812.  363

Da  sich  für  diese  Aufgabe  in  Bayern  scheinbar  kein  geeigneter  Offizier  vorfand,
  so  nahm  der  Kurfürst  einen  ihm  empfohlenen  englischen  Offizier,  den
Amerikaner  Benjamin  Thompson,  in  seinen  Dienst.  An  die  Spitze  verschiedener
Verwaltungszweige  gestellt  machte  sich  der  später  zum  Grafen  Rumford
erhobene  geistvolle  Amerikaner  durch  gemeinnützige  Einrichtungen  aller  Art  in
hohem  Grade  verdient,  aber  im  Heerwesen  kam  es,  abgesehen  von  einigen
rühmenswerten  Anläufen,  nicht  zu  durchgreifenden  Verbesserungen.

Im  Februar  1799  starb  Karl  Theodor  und  ihm  folgte  als  Kurfürst
der  43  jährige  Herzog  Max  Joseph  von  Pfalz-Zweibrücken,  der  vor  Ausbruch
der  Revolution  in  der  französischen  Armee  gedient  hatte  und  die  Bedeutung
der  Wehrkraft  für  den  Staat  verständnisvoll  zu  würdigen  wußte.  Unter
seiner  Regierung  sollte  das  bayerische  Heer  einen  außerordentlichen  Aufschwung
und  eine  glänzende  Zeit  kriegerischen  Ruhmes  erleben.

Vorerst  erfolgten  aber,  durch  den  Gang  der  Ereignisse  veranlaßt,
schwere  Schicksalsschläge  für  Bayern,  die  neben  anderen  Forderungen  der  Zeit
auch  die  Notwendigkeit  einer  Neugestaltung  des  Hecres  noch  mehr  vor  Augen
führen  mußten.  Kurfürst  Max  Joseph  sah  sich  veranlaßt  dem  großen  Bündnis
gegen  die  französische  Republik  beizutreten  und  außer  seinem  kleinen  Reichskontingent
  noch  eine  Infanteriedivision  aufzustellen,  deren  Unterhalt  jedoch
von  England  bezahlt  wurde.  Diese  Division  kämpfte  im  Verbande  des  österreichischen
  Hceres,  das  im  Frühjahr  und  Sommer  1800  unter  unglücklichen
Gefechten  von  den  Franzosen  unter  General  Moreau  vom  Rhein  bis  an  den
Inn  zurückgedrängt  wurde  und,  als  es  zu  Ende  des  Jahres  die  Offensive  ergriff,
bei  Hohenlinden  am  3.  Dezember  eine  entscheidende  Niederlage  erlitt.
In  dieser  Schlacht  wurde  eine  bayerische  Brigade  vollständig  zersprengt,
39  Offiziere  derselben  gerieten  in  französische  Gefangenschaft  und  24  bayerische
Geschütze  gingen  verloren.  Durch  den  darauffolgenden  Frieden  von  Lunéville
(9.  Februar  1801)  büßte  Bayern  seine  schönen  pfälzischen  Länder  ein  und
erhielt  dafür  die  Aussicht  auf  Entschädigung  durch  die  Einziehung  kleinerer
reichsunmittelbarer  Gebiete,  denen  ihre  bisherige  selbständige  Stellung  genommen
werden  sollte.

Max  Joseph  ließ  sich  nunmehr  neben  einschneidenden  Reformen  in  allen
übrigen  Zweigen  der  Staatsverwaltung  die  allmähliche  Verbesserung  der
Heereseinrichtungen  mit  aller  Krast  angelegen  sein.  Zum  Glück  fehlte  es  ihm
nicht  an  Männern,  die  ihm  in  seinem  Werke  mit  Rat  und  Tat  zur  Seite
stehen  konnten.  Für  die  Neugestaltung  der  Armee  waren  es  hauptsächlich  die
Generale  und  Brigadekommandeure  Erasmus  v.  Deroy  und  Karl  Freiherr
v.  Wrede,  beide  Pfälzer  von  Geburt,  und  der  Generalquartiermeister  Johann
v.  Triva,  der  Sohn  eines  kurbayerischen  Hofrats.

Vor  allem  war  es  notwendig  den  in  seiner  Tüchtigkeit  und  in  seinem
Ansehen  gesunkenen  Offizierstand  zu  heben.  Wie  konnte  ein  guter  Geist  im
Offizierskorps  herrschen,  wenn  nur  durch  hohe  Gönnerschaft  oder  durch  Geld
        <pb n="376" />
        364  69.  Das  bayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812.

ein  Vorwärtskommen  möglich  war!  Hochst  schädlich  mußte  namentlich  das
eingerissene  Ubel  des  Stellenkaufs  wirken,  der  es  z.  B.  dem  jüngsten  Leutnant
des  Regiments  möglich  machte  sich  mit  einigen  Tausend  Gulden  eine  Hauptmannstelle
  zu  erwerben  und  auf  diese  Weise  seine  älteren  Kameraden  zu  überspringen;
  durch  diese  Einrichtung  war  der  Unfähigkeit  Tür  und  Tor  geöffnet.

Eine  der  ersten  Regierungshandlungen  des  Kurfürsten  war  es  daher
gewesen,  daß  er  den  Kauf  und  Verkauf  der  Offizierstellen  abschaffte  und  den
Grundsatz  aufstellte,  daß  nur  tüchtige  Leute  zu  Offizieren  vorgeschlagen  werden
dürften.  Dazu  geschah,  was  finanziell  möglich  war  um  die  Stellung  der
Offiziere  wie  auch  der  Militärbeamten  zu  verbessern,  indem  die  Gehälter  und
die  Militärpensionen  erhöht  wurden;  zur  Abhilfe  des  Elends  der  Offizierswitwen
  erfolgte  die  Gründung  eines  Militärwitwenfonds.  Die  bisherige
Militärakademie,  die  nach  ihrem  Lehrplane  den  Bedürfnissen  der  Armee  als
Offizierpflanzschule  nicht  entsprach,  wurde  als  Kadettenkorps  in  eine  rein
militärische  Anstalt  umgewandelt.  Um  die  Offiziere  noch  mehr  zu  tapferen
Taten  anzuspornen,  wurde  das  für  Auszeichnung  im  Kriege  seit  1795  bestehende
Militär-Ehrenzeichen  in  den  mit  besonderen  Vergünstigungen  ausgestatteten
Militär-Max-Joseph-Orden  umgewandelt.

Nicht  minder  erstreckte  sich  die  Sorgfalt  des  Kurfürsten  auf  die  Hebung
des  Loses  und  der  Stellung  der  Mannschaften.  Das  stehende  Heer  wurde
damals  noch  durch  Werbung  ergänzt  und  nebenbei  bestand  eine  gesetzliche
Bestimmung,  wonach  Landstreicher,  Arbeitsscheue,  Trunkenbolde  und  ähnliche
Subjekte  behufs  Besserung  eingestellt  werden  konnten;  es  mochte  daher  gewiß
nicht  als  Ehre  gelten  des  Kurfürsten  Rock  zu  tragen  und  war  auch  nicht  zu
verwundern,  daß  solche  Leute  in  schwierigen  Lagen  wie  in  den  Waldgefechten
bei  Hohenlinden  einfach  Reißaus  nahmen  und  ihre  Offiziere  im  Stiche  ließen.
Zunächst  wurde  daher  die  Einreihung  von  übel  beleumundeten  Leuten  zum
Zwecke  der  Züchtigung  und  Besserung  verboten.  Alsdann  kam  nach  französischem
  Muster  an  Stelle  der  Werbung  die  Aushebung  der  militärdiensttanglichen
  Mannschaften  zur  Einführung,  wodurch  die  Pflicht  des  Staatsbürgers
zur  Verteidigung  des  Vaterlandes,  wenngleich  noch  mit  ziemlich  weitgehenden
Ausnahmen  zu  Gunsten  der  bemittelten  Stände,  festgesetzt  und  die  Einstellung
besserer  Elemente  in  die  Reihen  des  Heeres  gesichert  wurde.  Auch  ergingen
Verordnungen  zur  Verbesserung  der  Verpflegung  wie  auch  der  Behandlung  der
Mannschaften.  Bemerkenswert  ist  vor  allem  ein  Armeebefehl  vom  9.  Juli  1804,
der  sich  mit  den  Soldatenmißhandlungen  befaßt,  in  dem  der  Kurfürst  unter
anderem  sagt:  „Wir  waren  nie  gesinnt,  Unsere  geliebten  Untertauen  den  launischen,
  eigenmächtigen  Ausfällen  unmenschlicher  Mißhandlungen  je  preiszugeben,
sondern  Wir  wollen  dieselben  gegen  jede  Bedrückung,  welche  aus  dem  Mißbrauche
  der  Gewalt  entstanden  ist,  in  Schutz  nehmen,  und  verordnen  daher,
daß  es  jedem  Offizier  und  Unteroffizier  ohne  Unterschied  des  Grades  und  der
Waffe  verboten  sei  einen  Mann  willkürlich  mit  dem  Stocke,  Säbel,  Degen
        <pb n="377" />
        69.  Das  bayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812.  365

oder  wohl  gar  mit  der  Faust  zu  schlagen  oder  zu  stoßen.  Jene  Offiziere,
welche  zur  Ehre  des  Dienstes  und  ihrer  menschlichen  Gesinnungen  den
Gehorsam,  die  Neigung  und  das  Vertrauen  ihrer  Untergebenen  durch  eine
würdige,  liebevolle  Behandlung  zu  gewinnen  und  dadurch  ein  erhebendes
Selbstgefühl,  jesten  Mut  und  Treue  für  ihr  Vaterland  in  den  Herzen  derselben
zu  erhöhen  suchen,  machen  sich  vorzüglich  um  Unsere  höchste  Gnade  verdient,
jenen  aber,  welche  sich  ihrer  Charge  durch  erniedrigende  Gewalttaten  und
rohes,  menschenfeindliches  Betragen  gegen  die  Mannschaften  unwürdig  bezeigen,
jenen  werden  Wir  ihre  ungesetzliche  Härte  mit  einer  strengen,  unerbittlichen
Gerechtigkeit  ohne  Unterschied  des  Ranges  vergelten  und  selbe  ohne  Nachsicht
aus  den  Linien  Unserer  Armee  entfernen.“

Um  auch  äußerlich  kund  zu  tun,  daß  ein  neuer  Geist  im  Heerwesen
Einzug  gehalten  habe,  erließ  schließlich  der  Kurfürst  „zur  Beförderung  der
Reinlichkeit  bei  den  Truppen“  den  Befehl,  daß  der  bisher  zur  Ausstattung  der
Offiziere  und  Mannschaften  gehörige  Zopf  vom  Obersten  abwärts  abzulegen
und  das  Haar  kurz  geschnitten  zu  tragen  sei.

In  Bezug  auf  die  militärische  Ausbildung  wurden  ebenfalls  neue  Wege
eingeschlagen,  nachdem  mit  Beginn  der  Revolutionskriege  zunächst  bei  der
Infanterie  eine  veränderte  Kampfesweise  sich  Bahn  gebrochen  hatte.  In
ebenem  Gelände  exakte  Bewegungen  in  langen,  geschlossenen  Linien  auszuführen
und  Salvenfeuer  auf  Kommando  abzugeben,  erwies  sich  als  unzulänglich
gegenüber  der  französischen  Infanterie,  die  eine  neue,  ungewohnte  Form,  den
Kampf  in  zerstreuter  Ordnung,  zur  Anwendung  brachte  und  durch  gleichzeitigen
  Gebrauch  von  Schützenschwarm,  Linie  und  Kolonne  eine  überraschende
Beweglichkeit  auch  in  durchschnittenem  Gelände  entwickelte.  Da  das  bisherige
bayerische  Infanterie-Exerzierreglement  nur  das  Gefecht  in  geschlossener  Ordnung
nach  den  Regeln  der  sogenannten  Lineartaktik  kannte,  so  ergab  sich  die  Notwendigkeit
  der  Herstellung  völlig  neuer  Ausbildungsvorschriften  für  die
Infanterie.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  der  Kurfürst  den  General  Deroy,
der  sich  hiezu  noch  Wredes  Beihilfe  erbat.  Im  Frühjahr  18304  legte  Deroy
den  1.  und  2.  Abschnitt  „Rekruten=  und  Kompagnie-Unterricht"  vor,  dann
folgte  der  3.  Abschnitt  „Bataillons=  und  Regiments-Exerzieren“  und  schließlich
ein  „Unterricht  für  die  Schützen  und  Plänkler“  Diese  Vorschriften  wurden
nur  in  wenig  Exemplaren  schriftlich  vervielfältigt  und  auf  dem  Wege  mündlicher
  Anweisung  weiter  bekannt  gegeben.  Im  Jahre  1805  erließ  Deroy  an
die  ihm  als  Divisionskommandeur  unterstellten  Truppen  eine  Instruktion,  in
der  der  Gedanke  des  selbständigen  Auftretens  der  Kompagnie  im  Gesecht  —
die  40  Jahre  später  gelehrte  Kompagniekolonnen-Taktik  —  schon  damals  zum
Ausdruck  gebracht  ist,  wie  denn  überhaupt  Deroy  als  ein  hervorragender,
seiner  Zeit  voranschreitender  Taktiker  zu  gelten  hat.

Die  Kavallerie  erhielt  1802  ein  neues,  den  Anforderungen  der  Zeit
entsprechendes  Exerzierreglement.  das  sich  durch  Klarheit,  Kürze  und  Gediegenheit
        <pb n="378" />
        366  69.  Das  bayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812.

auszeichnete  und  dazu  beitrug,  daß  die  Leistungsfähigkeit  dieser  Waffe  in  kurzer
Zeit  auf  eine  zuvor  nicht  geahnte  Höhe  stieg.  Es  wird  in  diesem  Reglement
u.  a.  betont,  daß  der  Offizier  seine  einzige,  wahre  Ehre  in  der  Erfüllung
seiner  Pflichten  suchen  müsse,  daß  beim  Exerzieren  alle  Künsteleien  wegfallen
sollen;  dem  richtigen  Betrieb  des  Meldewesens  ist  nicht  minder  Gewicht
beigelegt  wie  einer  guten  Pferdepflege,  da  von  ihr  auch  der  fechtende  Stand
abhängig  sei.

Die  Artillerie,  die  sich  in  einem  sehr  verwahrlosten  Zustande  befand,
wurde  neu  organisiert  und  beträchtlich  vermehrt.  Das  Verdienst  hiefür
gebührt  hauptsächlich  dem  General  Graf  Manson,  einem  aus  russischen
Diensten  übernommenen  französischen  Emigranten;  ihm  verdankte  die  Artillerie
die  Errichtung  einer  Schule  für  Artillerieoffiziere,  die  Gliederung  in  Batterien
als  taktische  Verbände,  die  Förderung  von  Schießübungen  als  eines  wichtigen
Ausbildungsmittels  und  die  ständige  Zuweisung  einer  militärischen  Bespannung,
wodurch  sie  beweglicher  wurde.

Im  Herbst  1804  fand  zwischen  Schwabing  und  Nymphenburg  ein
Übungslager  statt,  in  dem  17000  Mann  unter  der  Oberleitung  des  Kurfürsten
vereinigt  waren  um  sowohl  die  neuen  Ausbildungsvorschriften  insbesondere
für  das  zerstreute  Gefecht  zu  erproben  und  einzuüben  als  auch  Manöver
abzuhalten.  Am  letzten  Tage  der  Ubungen  befehligte  der  Kurfürst  in  eigener
Person  die  eine  Partei  gegen  Wrede,  und  als  er  von  diesem  besiegt  wurde,
gestand  er  ihm  rückhaltlos  die  Überlegenheit  zu,  indem  er  sich  hiebei  beglückwünschte
  einen  so  tüchtigen  General  zu  haben.

Während  die  Neugestaltung  der  Armee  vor  sich  ging,  trat  auch  ein
Umschwung  in  politischer  Beziehung  ein.  Der  Kurfürst  hatte  in  Erfahrung
gebracht,  daß  in  geheimen  Verhandlungen  zwischen  Preußen  und  Österreich
wiederholt  die  Besitzergreifung  von  Bayern  durch  letztere  Macht  zur  Sprache
gekommen  war,  wogegen  sich  Preußen  in  Norddeutschland  durch  entsprechende
Annektierungen  schadlos  halten  wollte.  Um  Bayern  vor  der  Gefahr  zu
bewahren  in  einc  österreichische  Provinz  verwandelt  zu  werden,  sah  Max
Joseph  keinen  anderen  Ausweg,  als  sich  in  einem  geheimen  Vertrag  (24.  August
1801),  dem  erst  später  ein  offenes  Bündnis  folgte,  an  Frankreich  anzuschließen.
Im  März  1801  schickte  Napoleon,  der  damals  als  erster  Konful  an  der  Spitze
von  Frankreich  stand,  zwei  Großkreuze  der  französischen  Ehrenlegion  an  die
bayerische  Regierung,  von  denen  das  eine  für  den  Minister  des  Außeren  Graf
Montgelas,  das  andere  für  General  v.  Deroy  bestimmt  war.

Schon  im  Jahre  1805  bot  sich  die  Gelegenheit  den  Bündnisfall  als
gegeben  zu  erachten  und  zugleich  die  neue  Armee  einer  ernsten  Probe  zu
unterstellen.  Von  England  angestachelt,  das  durch  eine  Landung  des  nunmehrigen
  Kaisers  Napoleon  bedroht  war,  erklärte  Osterreich  den  Krieg  an
Frankreich  und  drang  alsbald  mit  einer  starken  Armee  über  den  Inn  in  Bayern
ein.  Ohne  sich  mit  der  Ubermacht  in  einen  Kampf  einzulassen  zog  der  Kurfürst
        <pb n="379" />
        69.  Das  bayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812.  367

gemäß  getroffener  Vereinbarung  seine  sämtlichen  Truppen  nach  Franken  um
dort  das  Herankommen  der  großen  französischen  Armee  unter  Napoleon
abzuwarten.

Bei  Würzburg  vereinigte  sich  die  unter  Deroys  Befehl  stehende  Armee
mit  dem  1.  französischen  Armeekorps  Bernadotte,  das  den  linken  Flügel  der
konzentrisch  gegen  die  obere  Donau  vorrückenden  Armee  Napoleons  bildete.
Am  12.  Oktober  wurde  München  von  den  Bayern  wieder  besetzt  und  die
österreichische  Besatzung  zum  Rückzuge  bis  an  den  Inn  gezwungen.  Die
bayerische  Armee  und  das  1.  französische  Armeekorps  blieben  nun  bei  München
stehen,  da  bereits  ein  russisches  Korps  zur  Unterstützung  der  Österreicher  am
Inn  eingetroffen  war,  während  Napoleon  mit  dem  Hauptteil  seiner  Armee  die
von  General  Mack  befehligte  österreichische  Armee  in  ihrer  Aufstellung  in  der
Linic  Ulm—Memmingen  von  rückwärts  angriff.  Nach  verschiedenen  Gefechten
wurden  die  Osterreicher  in  einzelnen  Gruppen,  Mack  selbst  mit  27000  Mann
am  20.  Oktober  bei  Ulm,  zur  Waffenstreckung  gezwungen;  nur  ein  Teil  der
Kavallerie  schlug  sich  nach  Norden  durch.  Nach  diesem  großen  Erfolge  vollführte
Napoleon  mit  dem  Hauptteil  der  Armee  den  Vormarsch  auf  Wien  ohne  auf
nachhaltigen  Widerstand  zu  stoßen  und  wendcte  sich  nach  Besetzung  der  Koaiserstadt
  nach  Mähren,  wo  sich  in  der  Umgegend  von  Brünn  die  zurückgewichenen
österreichischen  und  russischen  Streitkräfte  mit  neu  angekommenen  russischen
Verstärkungen  vereinigten.

Zur  Deckung  dieses  Vormarsches  gegen  ein  in  Tirol  stehendes  Korps
unter  Erzherzog  Johann  war  das  Korps  Bernadotte  zurückgeblieben,  bei  dem
sich  auch  Deroy  mit  vier  bayerischen  Brigaden  befand.  Er  erhielt  den  Auftrag
mit  zwei  Brigaden  zur  Besetzung  von  Innsbruck  vorzurücken  und  nahm  hiezu
seinen  Marsch  über  Reichenhall  auf  Lofer.  Die  zwischen  beiden  Punkten
liegenden  Pässe  wurden  von  Deroys  Avantgarde  genommen,  aber  am  Strubpaß
  westlich  Lofer  gelang  es  trotz  schwerer  Verluste  nicht  den  Feind  zu  vertreiben.
  Hier  wurde  Deroy  selbst  verwundet  und  Bernadokte  zog  hierauf  die
bayerischen  Truppen  nach  Reichenhall  zurück.  Zunächst  wurde  Kufstein  eingeschlossen
  und  am  8.  November  genommen.  Tirol  wurde  in  der  Folge  ohne
erheblichen  Widerstand  von  Erzherzog  Johann  geräumt.

Glücklicher  als  Deroy  traf  es  Wrede,  der  mit  zwei  Brigaden  zur  Hauptarmee
  herangezogen  worden  war.  Während  sich  die  Entscheidungsschlacht  bei
Austerlitz  vorbereitete  und  abspielte,  hatte  er  den  Rücken  der  Armec  Napoleons
gegen  das  aus  Böhmen  vorrückende  österreichische  Korps  des  Erzherzogs  Ferdinand
zu  decken.  In  wiederholten  Gefechten  gegen  den  übermächtigen  Feind  bei
Stöcken  und  Iglau  in  den  ersten  Tagen  des  Dezember  löste  Wrede  diese
Aufgabe  so  glänzend  wie  nur  möglich  und  trug  dadurch  mittelbar  zu  Napolcons
großem  Erfolg  nicht  unwesentlich  bei.

Durch  den  Frieden  von  Preßburg  (26.  Dezember  1805)  erhielt  Bayern
bedeutenden  Länderzuwachs,  wogegen  es  nur  das  Herzogtum  Berg  abgeben
        <pb n="380" />
        368  69.  Das  bayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812.

mußte;  von  jetzt  ab  bestand  das  Königreich  Bayern  aus  einem  zusammenhängenden,
  abgerundeten  Gebiete  von  1618  Quadratmeilen  Landes.  Für  die
Armeeverwaltung,  an  deren  Spitze  General  v.  Triva  stand,  veranlaßte  dieser
Gebietszuwachs  neue  Arbeit,  indem  der  Rahmen  der  Armee  wiederum  entsprechend
  erweitert  werden  mußte  und  eine  Anzahl  kleiner  und  kleinster  Truppenkontingente
  in  den  bayerischen  Heeresverband  aufzunehmen  waren.

Der  1.  Januar  1806  wurde  ein  denkwürdiger  Tag  für  Bayern  und  das
Haus  Wittelsbach.  Kurfürst  Max  Joseph  nahm  unter  Zustimmung  des  Kaisers
Napoleon  die  Königswürde  an.  Napoleon,  dem  auf  dem  europäischen  Kontinent
niemand  mehr  entgegentrat,  griff  nun  noch  weiter  in  die  Verhältnisse  des
absterbenden  Deutschen  Reiches  ein.  Er  brachte  den  Plan  zur  Ausführung  die
süd=  und  mitteldeutschen  Staaten  zu  einem  besonderen  von  Osterreich  und  Preußen
unabhängigen  Bunde  zu  vereinigen  und  diesen  vertragsmäßig  unter  Frankreichs
Führung  zu  stellen.  Auf  diese  Weise  entstand  der  von  Bayern  und  15  andern
deutschen  Staaten  gebildete  Rheinbund  mit  Kaiser  Napoleon  als  Schutzherrn.

Eine  bei  diesem  Anlaß  erfolgte  abermalige  Gebietsvermehrung  sollte  Bayern
nicht  geschenkt  sein;  denn  noch  im  gleichen  Jahre  mußte  es  den  Bestimmungen
des  Rheinbundes  gemäß  zum  Kriege  gegen  Preußen  und  Rußland  neuerdings
seine  Streitkräfte  ins  Feld  stellen.  Während  Napoleon  mit  dem  Hauptteil  seiner
Armee  bei  Jena  und  Auerstädt  die  erste  Entscheidung  herbeiführte,  standen  die  in
zwei  Divisionen  gegliederten  bayerischen  Truppen  wegen  der  unsicheren  Haltung
Osterreichs  in  Bayern  in  Bereitschaft.  Später  bildete  Napoleon  bei  Dresden
aus  den  bayerischen  Divisionen,  der  württembergischen  Division  und  den  übergetretenen
  sächsischen  Truppen  ein  9.  Armeekorps,  an  dessen  Spitze  er  seinen
Bruder  Hieronymus  als  kommandierenden  General  setzte.  Dieses  Armeekorps
erhielt  den  Auftrag  sich  in  den  Besitz  der  schlesischen  Festungen  zu  setzen;
daher  nahmen  bayerische  Truppen  in  der  Folge  an  der  Belagerung  der  festen
Plätze  Glogau,  Breslau,  Kosel,  Glatz  und  Silberberg  teil.  Ausgenommen
hiervon  ist  nur  ein  Chevaulegersregiment,  das  unter  Oberst  Graf  Pappenheim
von  Napoleon  nach  Polen  befohlen  wurde  und  in  der  Schlacht  von  Eylau
sowie  im  Gefecht  von  Heilsberg  zum  Eingreifen  kam.  Nach  der  Schlacht  bei
Eylau  zog  Napoleon  die  2.  bayerische  Division  zur  großen  Armee  nach  Polen
heran  und  teilte  sie  dem  5.  französischen  Korps  Massena  zu;  unter  dem
Kommando  des  Kronprinzen  Ludwig,  dem  Wrede  zugeteilt  war,  bestand
sie  bei  Pultusk  ein  erfolgreiches  Gefecht  gegen  die  Russen.  Inzwischen  dauerte
der  Festungskrieg  in  Schlesien  fort,  der  für  die  Division  Deroy  nicht  nur
einen  anstrengenden  Belagerungsdienst  sondern  auch  wiederholte  Gefechte  mit
Abteilungen  preußischer  Feldtruppen  im  Gefolge  hatte.  Bei  einem  dieser
Gefechte  am  14.  Mai  1807  kam  die  Fahne  eines  Bataillons  in  dringende
Gefahr  vom  Feinde  genommen  zu  werden  und  entging  diesem  Schicksal  nur
dadurch,  daß  der  schwerverwundete  Junker  Chlingensberg  sich  mit  ihr  in  den
hochgehenden  Fluten  der  wilden  Weistritz  begrub.
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        69.  Das  bayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812.  369

Während  des  Krieges  mußte  von  Bayern  noch  eine  weitere  Brigade
unter  General  Vincenti  aufgestellt  werden,  die  alsdann  im  Verbande  eines
neugebildeten  Armeekorps  unter  Marschall  Brune  den  Schweden  bei  Stralsund
gegenüberstand  und  nachher  die  Insel  Rügen  besetzte.

Nachdem  der  Friede  von  Tilsit  im  Juli  1807  dem  Kriege  ein  Ende
gemacht  hatte,  blieben  die  bayerischen  Truppen  noch  bis  zum  Herbst  in  Norddeutschland
  in  Quartieren  und  kehrten  dann  in  die  Heimat  zurück.

Der  Krieg  1809  sollte  dem  bayerischen  Heere  neue  Gelegenheit  geben  in
hervorragender  Weise  kriegerischen  Ruhm  zu  erwerben,  nachdem  das  Jahr  1808
mit  abermaligen  Rüstungen  und  Ubungen  vorüber  gegangen  war.  Die  mittelbare
  Veranlassung  zu  diesem  Kriege  gab  Napoleons  Aufenthalt  jenseits  der
Pyrenden.  Da  dieser  fast  seine  sämtlichen  Armeekorps  nach  Spanien  hatte
marschieren  lassen,  so  erachtete  Osterreich  die  Lage  für  günstig  um  durch  einen
abermaligen  Krieg  sein  gesunkenes  Ansehen  wieder  zu  heben  und  die  verlorenen
Länder  zurückzugewinnen.  Im  Hinblick  auf  die  offenkundigen  Rüstungen
Osterreichs  erging  daher  bayerischerseits  schon  Ende  Februar  1809  der  Befehl
zur  Mobilmachung  der  Armee  in  der  Stärke  von  3  Divisionen,  jede  aus
2  Infanteriebrigaden,  1  Kavalleriebrigade  und  4  Batterien  bestehend,  und
wurde  alsdann  Aufstellung  an  der  Isar  genommen  mit  an  den  Inn  vorgeschobenen
  Kavallerievorposten.  Als  ein  Zeichen  des  Mißtrauens  Napoleons  in
seine  Bundesgenossen  muß  es  hiebei  gelten,  daß  der  Oberbefehl  über  das
bayerische  Armeekorps  dem  französischen  Marschall  Lefebre  übertragen  wurde,
während  doch  Deroy,  der  älteste  der  bayerischen  Generale,  den  Anforderungen
eines  Korpsführers  gewiß  ebenso  gut  entsprochen  hätte.

Bis  zum  Eintreffen  Napoleons  aus  Spanien  leitete  Marschall  Berthier
die  Bewegungen  der  in  Süddeutschland  stehenden  französischen  und  Rheinbund-Truppen.
  In  falscher  Auffassung  der  Befehle  des  Kaisers  und  durch
unzutreffende  Nachrichten  über  den  Gegner  erregeleitet  verzettelte  er  die  ihm
unterstellten  Streitkräfte  in  eine  Aufstellung  zwischen  Landshut,  Regensburg
und  Augsburg  und  brachte  sie  dadurch  in  Gefahr  vereinzelt  geschlagen  zu
werden.  Als  die  österreichische  Hauptarmee  unter  Erzherzog  Karl  mit  etwa
120000  Mann  in  breiter  Front  gegen  die  Isar  vorrückte,  stand  an  diesem
Flusse  und  zwar  bei  Landshut  nur  die  Division  Deroy.  Trotz  der  erdrückenden
llbermacht  beschloß  der  tapfere  Deroy,  die  Wichtigkeit  seiner  Aufgabe  erkennend,
solange  als  möglich  stehen  zu  bleiben,  als  am  16.  April  der  Gegner  erschien.
Durch  ein  meisterhaft  geleitetes  Gefecht  gelang  es  ihm  den  Österreichern  vom
Morgen  bis  gegen  2  Uhr  nachmittags  den  Übergang  über  die  Isar  zu  verwehren
und  dann  durch  einen  mustergültigen  Rückzug  ohne  erhebliche  Verluste  den
Anschluß  an  die  weiter  rückwärts  stehenden  Divisionen  zu  gewinnen.  Der  durch
Deroy  den  Österreichern  an  der  Isar  bereitete  Aufenthalt  erwies  sich  für  die
Gesamtlage  der  Armee  Napoleons  von  großem  Nutzen.  Inzwischen  war  nämlich
der  Kaiser  über  Ingolstadt  bei  der  Armee  eingetroffen;  in  Eilmärschen  konzen-Kronseder,

  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  24
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        370  69.  Das  bayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812.

trierte  er  die  verfügbaren  Streitkräfte  und  rasch  erhielt  nun  die  Kriegslage  eine
andere  Gestalt.  Am  20.  April  griff  er  mit  den  beiläufig  in  der  Mitte  seiner
Armeefront  stehenden  Bayern  (Divisionen  Wrede  und  Kronprinz  in  erster  Linie,
Division  Deroy  in  Reserve)  und  Württembergern  bei  Abensberg  die  Mitte  der
österreichischen  Armeefront  an  und  durchbrach  sie  dergestalt,  daß  ein  Teil  nach
Osten,  der  andere  Teil  nach  Süden  gedrängt  wurde.  Den  letzteren  warf  er  nach
weiteren  heftigen  Gefechten  über  Landshut  zurück,  von  wo  sodann  die  Division
Wrede  und  französische  Truppen  die  Verfolgung  fortsetzten.  Hierauf  wendete  sich
Napoleon  im  Eilmarsche  nach  Norden,  brachte  am  22.  April  dem  rechten  Flügel
der  österreichischen  Armee  unter  Erzherzog  Karl  bei  Eggmühl  eine  vollständige
Niederlage  bei  und  nötigte  ihn  zum  Rückzug  über  Regensburg.  An  der  Schlacht
bei  Eggmühl  nahmen  die  bayerischen  Divisionen  Kronprinz  und  Deroy  ruhmvollen
  Anteil,  insbesondere  gebührt  der  bei  Deroy  eingeteilten  Kavalleriebrigade
Seydewitz  das  Hauptverdienst  an  der  Wegnahme  einer  feindlichen  Batterie  von
16  Geschützen,  die  aus  äußerst  günstiger  Stellung  das  Angriffsfeld  wirksam  bestrich.

Beim  weiteren  Vormarsche  Napoleons  gegen  Wien  wurde  Marschall
Lefebre  mit  den  drei  bayerischen  Divisionen  beauftragt  die  Grafschaft  Tirol
wieder  zu  unterwerfen,  die  sich  mit  Beginn  des  Krieges  von  der  bayerischen
Herrschaft  frei  gemacht  hatte.  Während  die  Division  Kronprinz  als  Rückhalt
bei  Salzburg  stehen  blieb,  drangen  die  Divisionen  Deroy  und  Wrede  von  zwei
Seiten,  über  Kusstein  und  Lofer,  in  Tirol  ein.  Nach  mehreren  kleinen  Gefechten
  wurde  Innsbruck  besetzt  und  der  Aufstand  schien  gedämpft.  Am  21.  und
22.  Mai  wurde  jedoch  die  französische  Hauptarmee  bei  Aspern  von  Erzherzog
Karl  geschlagen  und  Napoleon  sah  sich  daher  genötigt  mit  anderen  Verstärkungen
  auch  die  Divisionen  Wrede  und  Kronprinz  gegen  Wien  heranzuziehen.
Die  Division  Deroy  stand  infolgedessen  allein  in  Tirol,  als  sich  die  Landesverteidiger
  unter  Andreas  Hofers  Führung  durch  Linientruppen  unter  Genera.
Chasteler  unterstützt  von  neuem  zu  tatkräftigem  Widerstand  erhoben.  Deroy  sah
sich  nach  äußerst  heftigen  und  verlustreichen  Kämpfen  zu  dem  Entschluß  gezwungen
  Tirol  wieder  zu  räumen.  Durch  rechtzeitige  und  umsichtige  Einleitung
des  Abzugs  aus  Innsbruck  gelang  es  ihm  auch  den  Rückzug  nach  Bayern
glücklich  zu  bewerkstelligen.  An  der  Schlacht  bei  Wagram  (5.  und  6.  Juli)
nahm  Wrede  mit  seiner  Division  hervorragenden  Anteil.  Am  zweiten  Schlachttage
von  Kaiser  Napoleon  selbst  mündlich  zur  Unterstützung  des  in  der  Mitte  der
Schlachtfront  fechtenden  Korps  Macdonald  beordert  griff  Wrede  äußerst  wirksam
  ein,  wobei  sich  insbesondere  die  Artillerie  seiner  Division  auszeichnete;  er
selbst  wurde  verwundet.  Den  großen  Leistungen  der  Division  bei  Wagram
setzte  ihre  Kavalleriebrigade  unter  General  Graf  Preysing  in  den  Verfolgungsgefechten
  am  9.  und  10.  Juli  die  Krone  auf,  indem  sie  mit  ihren  Regimentern
mehrmals  erfolgreich  attackierte.  Die  Division  Kronprinz  stand  während  der
Entscheidungstage  von  Wagram  bei  Linz  um  hier  die  linke  Flanke  Napoleons
und  die  Donaubrücke  zu  decken.
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        69.  Das  bayerische  Heer  in  den  Jahren  1800  mit  1812.  371

Da  trotz  des  am  12.  Juli  bei  Znaym  geschlossenen  Waffenstillstandes
die  Tiroler  im  Aufstand  beharrten,  ergab  sich  die  Notwendigkeit  sie  mit  Waffengewalt
  zur  Unterwerfung  zu  zwingen.  Unter  dem  Oberbefehl  des  Marschalls
Lefebre  drangen  die  Divisionen  Kronprinz  und  Deroy  bis  Innsbruck  vor.  Hier
angekommen  hielt  aber  Lefebre  seine  Lage,  namentlich  wegen  Gefährdung  seiner
Verbindungen,  für  zu  bedenklich  und  auf  seinen  Befehl  wurde  Tirol  zum
zweitenmal  geräumt.

Napoleon  ordnete  zum  drittenmal  die.  Eroberung  von  Tirol  an.  Von
Norden  her  sollten  die  drei  bayerischen  Divisionen,  an  Stelle  des  unentschlossenen
Lefebre  von  General  Drouet  d'Erlon  kommandiert,  von  Osten  und  Süden
her  Truppen  des  Vizekönigs  von  Italien  in  das  Gebirgsland  eindringen.  Am
1.  November  stürmte  die  Division  Wrede  die  Stellung  der  Tiroler  am  Berg
Isel  bei  Innsbruck  und  Andreas  Hofer  erklärte  sich  nun  bereit  die  Waffen
niederzulegen.  Trotz  dieser  Zusage  fachte  er  durch  falsche  Nachrichten  und
kleine  Erfolge  irregeführt  in  Südtirol  den  Aufstand  von  neuem  an  und  es
bedurfte  noch  des  Eingreifens  der  italienischen  Armee  und  weiterer  blutiger
Kämpfe,  bis  endlich  die  Ruhe  hergestellt  war.  An  dem  schließlichen  Schicksal
des  Andreas  Hofer,  der  von  einem  Landsmann  verraten  und  von  französischen
Soldaten  in  Mantua  kriegsrechtlich  erschossen  wurde,  hat  die  bayerische  Regierung
keinen  Anteil,  König  Max  Joseph  war  sogar  sehr  peinlich  berührt,  als  er
die  Nachricht  von  der  stattgehabten  Exekution  erhielt.

Im  Frieden  von  Schönbrunn,  14.  Oktober  1809,  erhielt  Bayern  das  Innviertel,
  die  Gebiete  von  Salzburg,  Berchtesgaden  und  Regensburg  sowie  im  Jahre
1810  die  Markgrafschaft  Bayreuth;  obwohl  es  dafür  das  südliche  Tirol  teils  an
Italien  teils  an  den  neugebildeten  Staat  Illyrien  abtreten  mußte,  waren  die
neuen  Erwerbungen  in  jeder  Beziehung  als  ein  abermaliger  Gewinn  zu  erachten.

Nachdem  in  den  Friedensjahren  1810  und  1811  die  Verluste  des  acht
Monate  langen  Feldzugs  wieder  ersetzt  worden  waren,  hatte  die  von  König  Max
Joseph  umgestaltete  Armee  zu  Anfang  1812  den  Höhepunkt  ihrer  Entwicklung
erreicht.  Sie  setzte  sich  zusammen  aus  12  Regimentern  und  6  leichten  Bataillonen
  Infanterie,  6  Regimentern  Kavallerie  und  1  Regiment  zu  3  Bataillonen
  Artillerie.  Kommandiert  von  einsichtigen,  tatkräftigen  und  kriegserfahrenen
  Führern  bestand  sie  aus  Truppen,  die,  im  Feld=  und  Gebirgskriege
vor  dem  Feinde  geschult,  hinsichtlich  ihrer  militärischen  Leistungsfähigkeit  den
weitgehendsten  Anforderungen  entsprachen;  ein  durch  drei  siegreiche  Feldzüge
aufs  höchste  gestiegener  kriegerischer  Geist  beseelte  alle  Grade  vom  einfachen
Soldaten  bis  zum  General.  Aber  dieser  prächtigen  Armee  war  keine  lange
Dauer  mehr  beschieden;  als  halb  Europa  von  Napoleon  zum  Kriege  gegen
Rußland  aufgeboten  wurde,  sollte  ihr  das  Bundesverhältnis  zu  Frankreich  verhängnisvoll
  werden.

Die  bayerischen  Truppen  bildeten  im  Kriege  1812  das  vom  französischen
Marschall  Gouvion  St.  Cyr  befehligte  6.  Korps  der  „Großen  Armee“,  das

24
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        372  70.  Die  Schlacht  bei  Hanau  am  30.  und  31.  Oktober  1813.

aus  zwei  starken  Divisionen  bestand,  die  von  Deroy  und  Wrede  geführt  wurden.
Am  14.  Juli  fand  bei  Wilna  Vorbeimarsch  vor  Kaiser  Napoleon  statt,  den  die
Haltung  der  Bayern  sehr  befriedigte.  Nachher  wurden  die  beiden  bayerischen
Kavalleriebrigaden  abgetrennt  um  im  Verbande  der  Hauptarmee  den  Vormarsch
nach  Moskau  anzutreten;  sie  nahmen  an  den  Schlachten  bei  Smolensk,
Borodino,  Malojaroslawez  und  Wiasma  sowie  am  Beresina-=Übergang
  teil.  Der  Hauptteil  der  Bayern  blieb  inzwischen  im  Verbande
einer  französischen  Armeeabteilung  an  der  Dwina  zurück  um  die  linke  Flanke  der
Hauptarmee  gegen  ein  russisches  Korps  unter  Wittgenstein  zu  decken,  das  auf
der  Petersburger  Straße  stand.  Am  17.  und  18.  August  fand  die  für  die
Bayern  ruhmvolle  Schlacht  bei  Polozk  statt,  in  welcher  der  69jährige  General
Deroy  tödlich  verwundet  wurde.  Die  Boyern  mußten  hierauf  in  fortwährender
Berührung  mit  dem  Feinde  und  unter  den  größten  Entbehrungen  an  der  Dwina
stehen  bleiben,  bis  sie  im  Dezember  in  den  unheilvollen  Rückzug  hineingezogen
wurden,  der  dem  russischen  Kriege  ein  schaudervolles  Ende  bereitete.  Durch
Ruhr  und  Typhus,  durch  Hunger  und  Kälte  fand  die  „Große  Armee“  ihren
Untergang;  der  geringere  Teil  fiel  im  Kampfe  oder  geriet  in  feindliche  Gefangenschaft.
  Die  schönen  Regimenter,  die  unter  Deroy  und  Wrede  den  Niemen
überschritten  hatten,  gingen  fast  ganz  zugrunde;  nur  spärliche  Reste  kamen  indie
  Heimat  zurück  um  die  Überlieferungen  einer  glänzenden  Vergangenheit  auf
eine  neu  zu  schaffende  Armee  zu  übertragen.

Teuer  hat  Bayern  es  dem  Kaiser  Napoleon  bezahlen  müssen,  daß  es
durch  ihn  groß  geworden  ist.  Den  weitaus  schmerzvollsten  Posten  in  dieser
weltgeschichtlichen  Abrechnung  bilden  die  nahezu  30000  Mann,  die  in  Rußland
  ihr  Grab  gefunden  haben.  Nach  solch  großem  Menschenopfer  konnte  König
Max  Joseph  die  Dankesschuld  Bayerns  an  Napoleon  als  getilgt  ansehen.

70.  Die  Schlacht  bei  Hanau  am  30.  und  31.  Oktober  1813.

Von  Johann  Heilmann.)

Nach  der  Katastrophe  in  Rußland  mußte  man  in  Bayern  vor  allem
bedacht  sein  die  Streitkräfte  des  Landes  wieder  in  Achtung  gebietenden  Stand
zu  setzen,  um  von  den  Ereignissen  nicht  überrascht  zu  werden.  Es  mußte  ein
völlig  neues  Heer  geschaffen  werden,  da  das  alte  kampferprobte  in  Rußland
umgekommen  war.  Nachdem  General  Graf  Wrede  nach  Bayern  zurückgekehrt
war,  widmete  er  sich  mit  gewohnter  Tätigkeit  der  Organisation  und  Ausbildung
  der  neuen  Streitkräfte.  Neben  der  Ergänzung  der  Armee  ging  noch
die  Errichtung  von  freiwilligen  Korps  sowie  die  Landesbewaffnung  her.

Auf  die  Nachricht  vom  erfolglosen  Ausgange  der  Prager  Unterhandlungen
(30.  Juli  bis  10.  August)  brach  General  Wrede  mit  dem  neugebildeten  bayerischen

1)  „Die  Bayern  im  Kriege,"  S.  189  ff.  München  1864,  J.  J.  Lentner.
        <pb n="385" />
        70.  Die  Schlacht  bei  Hanau  am  30.  und  31.  Oktober  1813.  373

Heer  aus  dem  Lager  bei  München  auf  um  eine  Verteidigungsstellung  am  Jun
zu  nehmen,  da  auch  eine  österreichische  Heeresabteilung  unter  dem  Fürsten  von
Reuß  sich  gegen  die  bayerische  Grenze  in  Bewegung  gesetzt  hatte.

So  beruhte  denn  das  ganze  Schicksal  Bayerns  in  jener  Stunde  auf
dem  am  Inn  aufgestellten  Heere,  das  bereit  war  in  voller  Hingebung  für
seinen  König  auch  den  ungleichsten  Kampf  mit  erprobter  Tapferkeit  zu  bestehen.
Zum  Glücke  Bayerns  wandte  Wrede  diese  Gefahr  ab.  Nach  langen  Unterhandlungen
  gelang  es  ihm  trotz  der  Gegenwirkung  des  bayerischen  Ministers
Montgelas  den  Vertrag  von  Ried  am  8.  Oktober  1813  zum  Abschluß
zu  bringen.  Wredes  Name  ist  dadurch  an  einen  der  wichtigsten  Wendepunkte
der  neueren  Geschichte  Bayerns  geknüpft.

Der  erste  und  mächtigste  Fürst  des  Rheinbundes  hatte  hiemit  das  erste
Beispiel  zur  Rückkehr  zur  deutschen  Sache  gegeben.  Es  war  in  einem  Augenblick
gegeben,  in  welchem  die  Masse  des  französischen  Heeres  noch  unzerstört,  ferner
Napoleon  noch  Gebieter  der  Elbe  und  im  Besitze  einer  Reihe  gewaltiger
Festungen  im  Rücken  der  Verbündeten  war.

Wrede  hatte  nach  Abschluß  des  Nieder  Vertrages  drei  Operationspläne
entworfen,  von  deren  Ausführung  er  für  die  ihm  unterstellte,  nunmehr  aus
Osterreichern  und  Bayern  bestehende  und  über  50000  Mann  mit  134  Geschützen
  starke  Armee  die  erfolgreichste  Mitwirkung  an  dem  Befreiungskriege
erwartete.  Als  Grundlage  dienten  denselben  die  Stellung  der  Heere  in  Norddeutschland
  zu  Ende  September.  Er  wollte  nämlich  in  möglichster  Eile  nach
Erfurt  in  den  Rücken  des  französischen  Heeres  dringen  oder  über  Würzburg
nach  Fulda  oder  über  Ansbach,  Heilbronn  nach  Mannheim  marschieren,  dort
über  den  Rhein  gehen,  die  nächsten  Festungen  überrumpeln  und  Streifkorps
nach  Frankreich  senden.

Dieser  letzte,  in  seiner  Idee  kühn  und  genial,  war  Wredes  Lieblingsplau.
Seine  Ausführung  würde  gewiß  große  Resultate  herbeigeführt  haben.  Allein
trotzdem  ihn  der  General  mit  genauester  Sorgfalt  ausgearbeitet  und  den
verbündeten  Monarchen  zur  Annahme  dringend  empfohlen  hatte,  wurde  dessen
Ausführung  dennoch  nicht  genehmigt.

Im  großen  Hauptguartier  entschied  man  sich  mit  einigen  Abänderungen
für  den  zweiten  Plan.  „Wrede  solle,“  hieß  es  in  einem  Befehl  vom  13.  Oktober,
„üÜber  Regensburg  nach  Bamberg  operieren  und  die  Mainlinie  als  Basis  nach
eigenem  Ermessen  schleunigst  befestigen  lassen,  sonach  auf  die  Kommunikation
des  Feindes  nach  Umständen  gegen  Frankfurt  a.  M.  oder  Fulda  wirken,  ferner
alles  aufbieten  um  Magazine  am  Main  zu  errichten.“

Nachdem  der  Vertrag  einmal  abgeschlossen  war,  zögerte  Wrede  auch
nicht  mehr  länger.  Schon  am  10.  Oktober,  fast  eine  Woche  früher,  als  die
Ratifikationen  des  Vertrages  und  die  Bezeichnung  des  Operationsplanes  eingetroffen
  waren,  hatte  er  seine  Bayern  gegen  die  Donau  in  Bewegung  gesetzt;
        <pb n="386" />
        374  70.  Die  Schlacht  bei  Hanau  am  30.  und  31.  Oktober  1813.

er  selbst  wartete  mit  den  Österreichern  diese  ab  und  folgte  dann  rasch  den
vorausmarschierenden  Bayern.

Wrede  hatte  mit  dem  Oberbefehl  des  österreichisch-bayerischen  Heeres
nicht  bloß  eine  militärische,  sondern  auch  eine  politische  Rolle  übernommen.
Der  Rheinbund  bestand  noch;  wichtige  Glieder  desselben  —  Württemberg,
  Baden,  Würzburg,  Frankfurt,  Hessen  —  schienen  wenig  geneigt  schon
jetzt  der  deutschen  Sache  beizutreten.  Wrede  war  es,  der  den  Rheinbund  im
Südwesten  militärisch  aufrollte,  in  dem  Maße,  als  sein  Marsch  diese  Staaten
in  seinen  Bereich  brachte.  Die  Staatsverträge,  durch  welche  die  südwestdeutschen
Staaten  zu  Anfang  November  dem  Rheinbund  entsagten,  waren  im  Wesen
nur  die  bindende  Form  für  Zusagen,  die  Wrede  bereits  militärisch  erzwungen
hatte.  So  hatte  Württemberg  auf  Wredes  Drohung  hin,  daß  er,  wenn  es
den  Rheinbund  nicht  verlasse,  das  Land  feindlich  behandeln  werde,  schon  am
23.  Oktober  einen  Militärvertrag  mit  dem  bayerischen  General  geschlossen,
durch  welchen  der  König  dem  Rheinbunde  entsagte  und  4500  Mann  zu  dem
österreichisch-bayerischen  Heere  stellte.  Sie  schützten  während  der  Hanauerschlacht
den  Mainübergang  bei  Aschaffenburg.  Ahnliches  geschah  mit  Hessen  und
Würzburg  und  auch  mit  Baden  war  es  eingeleitet.  Das  Großherzogtum
Frankfurt  nahm  Wrede  förmlich  in  Besitz  und  vereidete  dessen  Regierung  im
Namen  der  Verbündeten.  ·

Am  24.  Oktober  traf  Wrede  über  Landshut,  Neustadt,  Neuburg,  Donauwörth,
  Nördlingen,  Dinkelsbühl,  Ansbach,  Uffenheim  vor  Würzburg  ein.  Er
hatte  den  bestimmten  Befehl  die  Mainlinie  zu  gewinnen,  Würzburg  zu  nehmen
und  dann  im  äußersten  Falle  bis  gegen  Frankfurt  mainabwärts  zu  gehen.

Die  Berennung  von  Würzburg  hatte  indessen  nicht  die  erwartete  rasche
Kapitulation  zur  Folge.  Auch  ein  politisches  Motiv  wirkte  verzögernd:  der
Großherzog  hielt  mit  der  kategorisch  verlangten  Lossage  von  Napoleon  zurück
und  es  galt  wesentlich  darum  auch  dieses  Glied  vom  Rheinbunde  zu  lösen.
Erst  am  26.  übergab  der  französische  Kommandant,  General  Thurreau,  die
Stadt  und  die  Regierung  erließ  ein  Manifest,  das  den  Rücktritt  des  Großherzogs
  vom  Rheinbunde  verkündete.  Die  würzburgischen  Truppen  traten
unter  Wredes  Befehl.  Die  Stadt  wurde  mit  3  Bataillonen  besetzt.

Jetzt  handelte  es  sich  um  ein  entscheidendes  Eingreifen  in  die  Operationen
gegen  das  bei  Leipzig  geschlagene  französische  Heer.  Die  nächste  Marschlinie
lief  am  Main  abwärts.  In  Aschaffenburg  sollte  sich  die  gesamte  Armee  vereinigen.
  Was  dann  weiter  zu  geschehen  habe,  war  eine  Frage,  die  nur  durch  die
Nachrichten  beantwortet  werden  konnte,  die  man  über  Napoleons  Rückzug  erhielt.

Die  bayerische  Division  Lamotte,  das  österreichische  Reservekorps  unter
Trautenberg  und  Spleny  und  die  Reiterbrigade  Vieregg  waren  schon  im  Vorrücken
  gegen  Aschaffenburg.  Am  27.  Oktober  folgten  die  bayerischen  Divisionen
Rechberg  und  Beckers,  die  übrige  bayerische  Reiterei  und  die  österreichische
Division  Fresnel.
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        70.  Die  Schlacht  bei  Hanau  am  30.  und  31.  Oktober  1813.  375

In  Betreff  der  wahren  Rückzugslinie  Napoleons  durchkreuzten  sich  die
widersprechendsten  Nachrichten.  Kosakendetachements,  die  das  feindliche  Heer
seit  Leipzig  unausgesetzt  begleitet  zu  haben  vorgaben,  bezeichneten  Wetzlar  als
den  Rückzugspunkt  Napoleons;  nur  20000  Mann,  hieß  es,  zögen  über
Gelnhausen  nach  Hanau.  Dies  bestätigte  der  russische  Parteigänger  Kaisaroff.
Noch  mehr  Glaubwürdigkeit  gewannen  diese  Meldungen  durch  die  Mitteilungen
des  Fürsten  Schwarzenberg,  welche  sie  mit  dem  Zusatze  bestätigten,  das
verbündete  Heer  folge  dem  französischen  auf  dem  Fuße  nach.  Nur  der  österreichische
  Streifkorpskommandant  Oberst  von  Scheibler  meldete  gestützt  auf  die
Aussagen  seines  Kundschafters  schon  am  26.  aus  Schweinfurt,  daß  Napoleon
mit  dem  Hauptheere  über  Fulda  ziehe.

Als  der  bayerische  General  in  Aschaffenburg  von  dem  Zuge  französischer
Abteilungen  durch  Hanau  Nachricht  erhalten  hatte,  sandte  er  das  1.  Chevaulegerregiment
  dorthin;  am  28.  morgens  7  Uhr  rückten  die  ersten  Bayern  in
die  von  den  Franzosen  verlassene  Stadt.  Bald  darauf  kam  auch  der  übrige
Teil  der  Reiterbrigade  Vieregg  mit  einer  leichten  Batterie  vor  Hanau  an,
ging  durch  die  Stadt  und  suchte  auf  der  Chaussee  gegen  Gelnhausen  vorzudringen.
Überlegene  feindliche  Abteilungen  zwangen  aber  die  Brigade  zum  Rüchzug.
Erst  als  Generalmajor  Deroy  (der  Sohn  des  in  Rußland  gestorbenen  Generals
Deroy)  mit  der  Vorhut  der  Infanteriedivision  Lamotte  eintraf,  wurde  Hanau
wieder  und  nachts  10  Uhr  auch  die  jenseits  der  Kinzig  gelegene  Vorstadt  vom
Feinde  gesäubert  und  besetzt.  Die  Brigade  Deroy  rückte  bis  an  den  Lamboywald
  vor.

Wrede  hatte  die  feste  Überzeugung  gewonnen,  daß  Napoleon  die  große
Straße  rechtsab  verlassen  und  den  offenen  Weg  über  Kassel  nach  Koblenz
genommen  habe  um  dort  den  Rhein  zu  überschreiten.  In  solchem  Sinne
schrieb  er  an  Schwarzenberg.

Im  großen  Hauptauartier  teilte  man  diese  Ansicht  und  die  gesamten  Maßregeln
  zu  der  ohnehin  schon  von  Anfang  an  völlig  kraftlos  geleiteten  Verfolgung
waren  danach  bemessen.  So  kam  Napoleon  geradezu  unverfolgt  und  in  gesammelter
  Kraft  bei  Hanau  an;  der  gleiche  Irrtum  seiner  Gegner  vor  und
hinter  ihm  gab  dem  Kaiser  einen  letzten  Sieg  auf  deutschem  Boden.

Am  29.  Oktober  morgens  wollte  eine  ungefähr  3000  Mann  starke  feindliche
  Kolonne  aus  dem  Lamboywalde  hervorbrechen.  Deroy  griff  dieselbe  an,
nahm  sie  großenteils  gefangen  und  eroberte  zwei  Kanonen.  Es  stellte  sich  hierauf
bei  Rückingen  auf.  Seinen  Platz  nahm  die  Brigade  van  der  Stockh  ein.

Von  Aschaffenburg  aus  schickte  Wrede  am  29.  die  Infanteriedivision
Rechberg  mit  2  Eskadronen  und  2  Batterien  über  Seligenstadt  und  Offenburg
zur  Besetzung  von  Frankfurt.  Anfänglich  sollte  die  württembergische  Brigade
Walsleben  nach  Frankfurt  gehen.  Da  sie  aber  einen  anderen  Weg  eingeschlagen,
  übertrug  ihr  Wrede,  wie  schon  gesagt,  die  Überwachung  des  Mainüberganges
  bei  Aschaffenburg.
        <pb n="388" />
        376  70.  Die  Schlacht  bei  Hanau  am  30.  und  31.  Oltober  1813.

Die  Entsendung  einer  ganzen  Division  nach  Frankfurt,  die  jedenfalls
bei  Hanau  bessere  Dienste  geleistet  hätte,  findet  ihre  Entschuldigung  in  Wredes
damaliger  Absicht  seinen  Marsch  gegen  Wetzlar  zu  richten  und  so  das  französische
  Hauptheer,  das  er  auf  dessen  Rückzuge  gegen  Koblenz  dort  finden  mußte,
in  Flanke  und  Rücken  zu  fassen.

Mit  dem  Hauptteil  der  Armee  nahm  Wrede  die  Richtung  auf  Hanau,
in  seiner  rechten  Flanke  rückte  die  leichte  Brigade  Volkmann  auf  Gelnhausen.
  Volkmann  schlug  von  Aschaffenburg  den  Weg  über  Damm,  Johannesberg,
  Membris,  Michelbach,  Somborn  gegen  Gelnhausen  ein;  seine
Flankendeckung  ging  über  Schimborn,  Schöllkrippen.  Wegen  des  schlechten
Weges  hatte  Volkmann  seine  Batterie  zurücklassen  müssen.  Eine  Operation
in  dieser  Richtung  mit  der  ganzen  Armee  war  also  wegen  ungenügender
Wegsamkeit  nicht  wohl  ausführbar.  Überdies  waren  die  Truppen  zu  ermüdet
um  noch  rechtzeitig  an  den  Engpässen  von  Gelnhausen  einzutreffen.  Im
günstigsten  Falle  wären  vielleicht  die  Spitzen  der  Kolonnen  am  Platze  angekommen.
  Mit  Spitzen  aber  hätte  man  gegen  72000  Mann  mit  140  Geschützen
  unter  Napoleons  Führung  sicherlich  ebensowenig  ausgerichtet  als
Volkmann  auszurichten  imstande  war.  Statt  dessen  führte  ein  ebener
Weg  nach  Hanau.  Von  dort  konnte  dann  in  Masse,  wenn  Zeit  und  Umstände
  es  noch  erlaubten,  gegen  die  Engpässe  von  Gelnhausen  oder  von  Haitz
bis  Höchst  vorgerückt,  oder  bei  Hanan,  wie  es  dann  wirklich  geschah,  Position
genommen  werden.

Am  29.  Oktober  nachmittags  2  Uhr  traf  Wrede  in  Hanau  ein.  Ihm
folgte  das  österreichisch-bayerische  Heer  in  der  Stärke  von  30000  Mann.  Die
Gefechte  seiner  vorausmarschierten  Truppen  hatten  gegen  5000  Gefangene  ergeben
  und  zugleich  den  Beweis  geliefert,  daß  der  Gegner,  mit  dem  man  es
bis  jetzt  zu  tun  hatte,  moralisch  und  physisch  gebrochen  war.  Bestimmte  Nachrichten
  fehlten  noch  immer.  Während  die  eingetroffenen  Streifkorps  angaben,
daß  der  Kaiser  bis  Schlüchtern  die  von  Fulda  nach  Hanau  führende  Straße
nicht  verlassen  habe,  trafen  noch  fortwährend  Meldungen  ein,  die  versicherten,
daß  er  sich  von  dort  rechts  gewendet  habe.  Alle  aber  hatten  nur  demoralisierte
  Haufen  gesehen,  was  mit  den  eigenen  Anschauungen  bei  Hanau  nur
zu  wohl  stimmte.  Noch  am  Abend  des  29.  streckten  nach  einigem  Hin=  und
Herreden  2000  Franzosen  vor  der  Front  der  Division  Lamotte  das  Gewehr,
ein  Umstand,  der  Wrede  in  seiner  Anschauung  der  Sachlage  nur  bestärkte.
Man  überließ  sich,  durch  diesen  neuen  Vorteil  verleitet,  der  Idee,  daß  es
kaum  mehr  besonders  viel  zu  tun  geben  würde.

Unterdessen  war  das  feindliche  Hauptheer  oberhalb  Gelnhausen  mittels
dreier  Brücken  auf  das  rechte  Kinzigufer  übergegangen  und  rückte  ohne  Widerstand
  gegen  Hanau.  Volkmann  zog  sich,  nachdem  er  ein  kleines  Gefecht  bestanden,
  von  Altenhaslau  nach  Hailer  und  in  der  Nacht  vom  29.  auf  den  30.
in  die  Stellung  bei  Hanau.
        <pb n="389" />
        70.  Die  Schlacht  bei  Hanau  am  30.  und  31.  Oktober  1813.  377

Diese  hatte  Wrede  folgendermaßen  gewählt.  Auf  dem  rechten  Flügel
stand  die  bayerische  Division  Beckers  (Brigaden  Pappenheim  und  Zoller)  nebst
einer  Batterie  à  cheval  der  vom  Lehr=  nach  dem  Neuhof  führenden  Straße.
Das  1.  Szekler-Grenzinfanterieregiment  bildete  eine  Vorpostenkette  in  der
Nähe  des  Neuhofs.  Hinter  der  Division  Beckers  stand  das  österreichische
Infanterieregiment  Jordis  als  Unterstützung.  Die  Mitte  bildete  südlich  von
der  Gelnhausener  Straße  die  bayerische  Division  Lamotte.  Die  Brigade  Deroy
anfänglich  bei  Rückingen  stehend  rückte  später  als  zweites  Treffen  hinter  die
Brigade  van  der  Stockh.  Auf  und  zu  beiden  Seiten  der  nach  Gelnhausen
führenden  Straße  waren  28  Geschütze  in  einer  Batterie  aufgefahren.  Die
Bedeckung  dieser  Batterie  bildete  das  österreichische  Infanterieregiment  Erzherzog
  Rudolf.  Hinter  dieser  Geschützlinie  stand  die  gesamte  Reiterei  in  drei
Treffen.  Das  3.  österreichische  Jägerbataillon  und  zwei  Kompagnien  vom  Regiment
Erzherzog  Rudolf  standen  am  Krebsbach,  das  österreichische  Streifkorps  auf
der  Strecke  nach  Windeck  und  Friedberg.

Am  Morgen  des  30.  hatten  sich  zum  erstenmal  gegenüber  der  Brigade
Deroy  feindliche  Truppen  gezeigt,  die  sich  völlig  von  den  ungeordneten  Haufen
unterschieden,  mit  denen  man  es  bisher  zu  tun  gehabt.  Napoleon  hatte
nämlich  alle  maroden  und  kampfunfähigen  Leute  vorausgeschickt.  Was  sich
aber  am  30.  zeigte,  war  der  Kern  der  Armee,  darunter  die  Prätorianer  des
Imperators.  Die  Stärke  dieser  Truppen  wird  zu  60000  Mann  Infanterie,
12000  Reiter  mit  140  Geschützen  angegeben.

Desungeachtet  war  man  noch  immer  der  Ansicht,  daß  Napoleon  einen
andern  Weg  eingeschlagen.  Der  Minister  Albini  in  Hanau  hatte  Berichte
seiner  Beamten  aus  Fulda  erhalten,  welche  die  bis  jetzt  festgehaltene  Annahme,
daß  Napoleon  seinen  Rückzug  gegen  Koblenz  genommen,  als  sichere  Tatsache
bestätigten.  Noch  am  Mittag  des  30.  sprach  Wrede  in  Befehlen  an  seine
Generale  bestimmt  die  Absicht  aus  nach  Gefangennehmung  der  Seitenkolonne,
die  hier  durchdringen  wolle,  zur  Verfolgung  des  Kaisers  aufzubrechen  und  so
den  Operationsplan,  wie  er  ihn  am  28.  an  Schwarzenberg  gemeldet,  auszuführen.

Erst  während  der  Schlacht,  als  das  Auftreten  der  Garde  die  Gewißheit
gab,  daß  man  den  Kaiser  selbst  mit  einem  noch  tüchtigen  Heereskerne  gegen
sich  habe,  erkannte  Wrede  und  sein  Stab  den  bisherigen  Irrtum.  „Jetzt  ist
nichts  mehr  zu  ändern,“  antwortete  Wrede  auf  die  Meldung,  „wir  müssen
als  brave  Soldaten  unser  Möglichstes  tun.“  Und  das  ist  wahrlich  in  einer
Weise  geschehen,  welche  die  vollste  Hochachtung  verdient.  Wrede  und  seine
Bayern  haben  bewahrheitet,  was  der  General  auf  den  Vorschlag  Stellung
auf  dem  linken  Kinzigufer  zu  nehmen  entgegnet  hatte:  „Wir  sind  zu  neue
Freunde  um  nicht  unsern  Willen  mit  blutigstem  Ernste  zu  betätigen.“

Übrigens  war  Wrede  zur  Annahme  berechtigt,  daß  das  geschlagene  Heer
von  den  Verbündeten  lebhaft  verfolgt  werde.  Hatte  ihm  ja  Schwarzenberg
versichern  lassen,  daß  „er  den  Franzosen  hart  auf  dem  Nacken  bleiben  werde“.
        <pb n="390" />
        378  70.  Die  Schlacht  bei  Hanau  am  30.  und  31.  Oktober  1813.

Selbst  noch  ein  Schreiben  Schwarzenbergs  aus  Dörnbach  vom  30.  Oktober,
das  begreiflicherweise  zu  spät  kam  um  auf  die  Ereignisse  Einfluß  zu  üben,
enthielt,  obschon  es  den  Irrtum  über  die  Rückzugslinie  hob.  die  wiederholte
Versicherung,  daß  Blücher  und  Bubna  den  Feind,  den  Degen  in  den  Rippen,
hart  verfolgten.

Schon  seit  dem  frühen  Morgen  vom  Feinde  angegriffen  behauptete  sich  die
Brigade  Deroy  bis  10  Uhr  in  der  Nähe  von  Rückingen.  Als  aber  der
Feind  um  diese  Zeit  neue  Streitkräfte  entwickelte,  zog  sie  sich  Schritt  für
Schritt  durch  den  Lamboywald  zurück.  Die  Brigade  hatte  kaum  ihren  Platz
in  der  Schlachtstellung  eingenommen,  als  sich  auch  schon  die  Plänkler  des
Generals  Charpentier  am  westlichen  Saume  des  Waldes  zeigten.  Mehrere
Versuche  derselben  aus  dem  Walde  hervorzudringen,  scheiterten  an  dem  Feuer
der  Batterie  und  den  im  ersten  Treffen  stehenden  Bataillonen  der  Brigade
van  der  Stockh.

Nun  versuchte  der  General  Dubreton  mit  2000  Plänklern  und  einigen
Geschützen  den  rechten  Flügel  der  Verbündeten  zu  werfen;  allein  er  fand  so
tapferen  Widerstand,  daß  auch  ihm  das  Vordringen  aus  dem  Walde  unmöglich
wurde.

Mehrere  Stunden  wogte  der  Kampf  auf  der  ganzen  Linie  hin  und  her,
ohne  daß  der  Feind  in  die  Ebene  zu  gelangen  vermochte.  Endlich  um  3  Uhr
nachmittags  stand  die  französische  Gesamtmacht  zum  Hervorbrechen  aus  dem
Walde  in  Bereitschaft.  Napoleon  wollte  nämlich  mit  Übermacht  einen  kräftigen
Stoß  gegen  den  linken  Flügel  des  verbündeten  Heeres  ausführen  und  sich
hier,  wo  die  Chaussee  lief,  den  Weg  an  den  Rhein  öffnen.

General  Curial  drängte  mit  2  Bataillonen  der  alten  Garde  die  Plänkler
Lamottes  zurück.  Dadurch  wie  durch  das  Feuer  von  15  Geschützen,  deren
Zahl  der  Kaiser  bis  auf  50  steigerte,  ward  das  Hervorbrechen  der  schweren
Reitermassen  ermöglicht.  Diese  stürzten  auf  die  Artillerie  und  auf  einige
Bataillone  der  Division  Lamotte.  Die  Reiterei  der  Verbündeten  drückte  zwar
die  gepanzerten  Massen  in  mehreren  Angriffen  in  den  Wald  zurück;  allein
das  Feuer  jener  50  Geschütze  zwang  sie  zum  Rückzug.  Fast  gleichzeitig  hicmit
  verließ  die  starke  Batterie  der  Verbündeten,  nachdem  sie  den  größten  Teil
ihrer  Munition  verschossen  hatte,  ihre  Stellung  und  ging  auf  das  linke  Kinzigufer
  zurück.  In  dieser  kritischen  Lage  ordnete  Wrede  fortwährend  erneute
Reiterangriffe  an  und  vorzüglich  sein  ritterliches  Beispiel,  sein  ermunterndes
Wort  waren  Ursache,  daß  hier  das  Schlachtfeld  bis  zum  Abend  behauptet  wurde.

Damals,  als  das  französische  Geschütz  sich  in  eine  große  Masse  vereinigte
  um  das  „événement“  —  Einbrechen  mit  der  Garde  und  der  Reserve
—  vorzubereiten,  hatte  die  Brigade  Pappenheim  auf  dem  rechten  Flügel  bereits
sehr  gelitten.  Diese  Brigade  war  um  die  Mittagsstunde,  als  das  Szekler
Regiment  sich  nicht  mehr  am  Walde  halten  konnte,  über  die  Lamboybrücke  und
in  die  Stellung  zwischen  Neuhof  und  Kinzig  gerückt.  Wrede  ließ  sie  nun
        <pb n="391" />
        70.  Die  Schlacht  bei  Hanau  am  30.  und  31.  Oltober  1813.  379

durch  die  Brigade  Zoller  ablösen  und  letztere  noch  durch  das  österreichische
Regiment  Jordis  verstärken.  Als  der  Generalleutnant  Graf  Beckers  diese
Brigade  persönlich  vorführte,  drang  der  Feind  mit  Übermacht  aus  dem  Walde
hervor.

Auch  die  Division  Lamotte  hatte  um  diese  Zeit  nach  heißem  Kampfe
ihren  Rückzug  durch  Hanau  nach  Groß-Auheim  angetreten.  Ohne  Artillerie
und  Reiterei  hatte  sich  diese  brave  Infanterie  stundenlang  gegen  die  Angriffe
weit  überlegener,  gemischter  feindlicher  Truppenmassen  aufs  tapferste  behauptet.

Die  unaufhörlich  aus  dem  Walde  sich  entwickelnden  Massen  drängten
endlich  den  rechten  Flügel  der  Verbündeten  an  die  Lamboybrücke  zurück.  Die
Brigade  Pappenheim  und  28  Geschütze,  welche  der  bayerische  Artilleriegeneral
Colonge  auf  dem  linken  Kinzigufer  auffahren  ließ,  verteidigten  die  Zugänge
zur  Brücke.  Die  Franzosen  zogen  sich,  nachdem  einzelne  mutige  Grenadierabteilungen
  bis  an  die  Brücke  vorgedrungen  waren,  wieder  in  den  Wald  zurück.

Während  die  teilweise  zerstörte  Lamboybrücke  die  Nacht  über  besetzt  blieb
und  einer  österreichischen  Brigade  die  Verteidigung  Hanaus  übertragen  wurde,
vereinigte  Wrede  seine  Truppen  in  einer  Stellung  hinter  dem  Lehrhof  und
der  Aschaffenburgerstraße,  so  daß  diese  vor  der  Front  lief.  Wrede  nahm  sein
Hauptquartier  in  Großauenheim.  Später  erstreckte  sich  die  Stellung  kinzigaufwärts,
  so  daß  sie  die  genannte  Straße  durchschnitt.

Am  31.  morgens  2  Uhr  wurde  ein  Teil  der  Stadt  Hanau  in  Brand
geschossen.  Die  Osterreicher  räumten  die  Stadt,  worauf  sie  von  einigen  feindlichen
  Regimentern  besetzt  wurde.  Unter  einem  heftigen  Geschützfeuer  von
beiden  Seiten  setzten  die  Franzosen  ihren  Rückzug  gegen  Frankfurt  fort.  Um
3  Uhr  nachmittags  beschloß  endlich  Wrede  Hanau  wieder  zu  nehmen  und  auf
das  rechte  Kinzigufer  überzugehen.  Dieses  Ergreifen  der  Offensive  nach  einer
blutigen  Niederlage  ist  sowohl  für  den  Feldherrn  wie  für  sein  Heer  ein  Beweis
von  seltener  Tüchtigkeit.  Persönlich  zog  Wrede  um  diese  Stunde  an  der  Spitze
von  sechs  österreichischen  Grenadier=  und  Jägerbataillonen  gegen  die  Stadt,
in  seiner  rechten  Flanke  durch  das  wirksame  Feuer  einer  bayerischen  Batterie
unterstützt.  Wrede  sprang  zuerst  in  den  Stadtgraben  um  mitten  im  stärksten
Kugelregen  durch  persönliches  Beispiel  die  Stürmenden  anzufeuern  und  die
Einnahme  der  Stadt  zu  erzwingen.  Das  Tor  wurde  aufgesprengt,  alle
Eingänge  trotz  der  hartnäckigsten  Gegenwehr  erobert.  Im  Lausschritt  stürmte
man  durch  die  Stadt  die  Feinde  vor  sich  herjagend  gegen  die  Kinzigbrücke.  Wrede
war  so  rasch  vorausgeeilt,  daß  nur  die  Spitze  der  Kolonne  hatte  folgen  können.
Mit  kaum  20  Grenadieren  und  Jägern  erreichte  er  die  Brücke;  da  traf  ihn
eine  Flintenkugel  in  den  Unterleib;  er  sank  rückwärts  und  wurde  in  ein  benachbartes
  Haus  gebracht.  Die  Entfernung  des  bayerischen  Generals  brachte
eine  Stockung  in  den  Gang  des  Gefechtes.  Der  Ubergang  des  Heeres  auf
das  rechte  Kinziguser  wurde  hiedurch  verzögert  und  die  Franzosen  konnten
ihren  Rückzug  ohne  besondere  Störung  fortsetzen.
        <pb n="392" />
        380  71.  Anteil  hervorragender  Bayern  an  der  Entwicklung  der  Technik.

Erst  am  folgenden  Tage  rückte  das  bayerisch-österreichische  Heer  nach
Frankfurt,  wo  Abteilungen  der  Division  Rechberg  ein  rühmliches  Brückengefecht
bestanden  hatten.  Die  Vorhut  der  Hauptarmee  der  Verbündeten,  welche  von
Fulda  an  die  Verfolgung  übernommen  hatte,  traf,  statt  wie  auf  das  bestimmteste
  versichert  war,  am  30.  Oktober,  erst  am  3.  November,  sohin  am
vierten  Tage  nach  der  Schlacht,  bei  Hanau  ein.

Der  Gesamtverlust  des  österreichisch-bayerischen  Heeres  betrug  im  ganzen
über  9000  Mann.  Davon  treffen  auf  die  Bayern  121  Offiziere  und  über
4000  Mann.  Die  Franzosen  hatten  allein  an  Gefangenen  10000  Mann,
darunter  vier  Generale  und  viele  Stabs=  und  Oberoffiziere  verloren.  Den
Verbündeten  fielen  zwei  Geschütze,  eine  große  Anzahl  Munitionswagen  u.  s.  w.
in  die  Hände,  während  sie  selbst  keine  einzige  Trophäe  verloren.

Trugen  die  Anstrengungen  am  30.  Oktober  auch  nicht  die  Früchte,  die
sie  nach  den  gegründetsten  Voraussetzungen  haben  konnten,  so  war  doch  das
französische  Heer  einen  Tag  lang  aufgehalten;  Gewinn  genug,  wenn  —  was
Wrede  immer  glaubte  —  die  Verbündeten  rechtzeitig  im  Rücken  Napoleons
erschienen  und  dessen  Macht  teilten.  Jedenfalls  hatte  hier  Bayern  die  Aufrichtigkeit
  seiner  Gesinnungen  für  die  deutsche  Sache  durch  die  Tat  glänzend
bewährt,  ein  Umstand,  weshalb  die  Schlacht  bei  Hanau  mehr  nach  politischen
als  strategisch-taktischen  Rücksichten  zu  beurteilen  sein  möchte.

71.  Anteil  hervorragender  Bayern  an  der  Entwichlung
der  Technik.

Von  Paul  v.  Lossow.))
a)  Joseph  v.  Utzschneider,  Georg  v.  Reichenbach  und  Joseph  v.  Fraunhofer.

Eine  stattliche  Reihe  bahnbrechender  Ideen  auf  dem  Gebiete  der  Technik
und  der  technischen  Wissenschaften  ist  von  Bayern  ausgegangen  und  nicht  selten
hat  die  Technik  kräftige  Anregung  und  Förderung  durch  weitblickende  und  fürsorgende
  Wittelsbacher  Fürsten  erfahren,  die  frühzeitig  den  Segen  technischen
  Fortschritts  für  das  gesamte  Volkswohl  erkannt  haben.  In  dieser
Beziehung  wird  Bayern  nur  von  wenigen  anderen  Ländern  Deutschlands
übertroffen.

Lenken  wir  unsere  Blicke  um  100  Jahre  zurück,  so  finden  wir  in
München  drei  Männer  tätig,  die  sich  unsterbliche  Verdienste  um  die  Technik
erworben  haben:  Joseph  v.  Utschneider,  Georg  v.  Reichenbach  und
Joseph  v.  Fraunhofer.

Utzschneider  war  nicht  Techniker,  sondern  Verwaltungsbeamter;  aber  die
erfolgreiche  Tätigkeit  dieser  drei  Männer  ist  so  eng  untereinander  verknüpft,

1)  „Die  geschichtliche  Entwicklung  der  Technik  im  südlichen  Bayern,“  Zeitschrift  des
Vereins  deutscher  Ingenieure,  Jahrgang  1903,  S.  1  ff.  München,  Ernst  Reinhardt.
        <pb n="393" />
        71.  Anteil  hervorragender  Bayern  an  der  Entwicklung  der  Technik.  381

daß  man  keinen  der  drei  Namen  nennen  darf  ohne  der  beiden  anderen  zu
gedenken.  Der  vormalige  kurfürstliche  Hofkammerrat  und  spätere  Direktor  bei
der  1799  neu  errichteten  General-Landesdirektion,  als  welcher  er  Vorstand  der
Maut=  und  Kommerzdeputation  war,  ist  einer  der  wärmsten  Vaterlandsfreunde
und  in  staats=  und  volkswirtschaftlicher  Beziehung  einer  der  verdienstvollsten
Männer  gewesen,  die  Bayern  je  besessen  hat.  Da  er  aber  in  Bezug  auf  die
damalige  Zerrüttung  des  bayerischen  Finanzzustandes  (man  wußte  vor
Utzschneider  weder  die  wahre  Größe  der  Staatsschulden  noch  den  wirklichen
Ertrag  der  Staatsgefälle)  als  den  einzigen  Weg  bezeichnet  hatte  „die  häufigen
und  tiefliegenden,  die  Regierung  immer  lähmenden  Staatsgebrechen  radikal
und  definitiv  zu  heilen“,  so  zog  er  sich  viele  Feinde  zu,  die  ihn  als  einen
Revolutionär  verdächtigten  und  das  Gerücht  verbreiteten,  der  Geheime  Referendär
  Utzschneider  stehe  in  Verbindung  mit  der  französischen  Republik  und  sei
vorläufig  zum  Präsidenten  von  Süddeutschland  bestimmt.

Seine  Stellung  wurde  unhaltbar  und  Kurfürst  Max  Joseph  versetzte
ihn  (1801)  mit  Fortgewährung  seines  vollen  Gehalts  in  den  Ruhestand.
Was  Utzschneider  nach  dieser  Verfügung  nicht  mehr  als  Beamter  wirken  konnte,
wollte  er  als  Privatmann  tun  und  er  wählte  sich  hiezu  das  Gebiet  der
Industrie.  Alles,  was  ihren  Ausschwung  fördern  und  den  Interessen  seiner
Mitbürger  dienen  konnte,  ergriff  sein  scharfblickender  und  energischer  Geist.
Reiche  Quellen  nützlicher  Arbeit  zu  schaffen  und  die  Fähigsten  durch  sein  Beispiel
  zu  Gleichem  zu  ermuntern  war  das  Losungswort  des  Mannes,  welcher
„den  Wohlstand  aller,  nicht  den  Reichtum  einzelner"  wünschte  und  dem  Geldgewinn
  fernlag.  Nachdem  er  eine  Ledermanufaktur  errichtet  hatte,  die  sich
bis  in  die  neuere  Zeit  erhalten  hat,  wurde  er  mit  zwei  Männern  bekannt,
die  Bayern  bis  heute  seine  größten  Techniker  nennt:  Reichenbach  und  Fraunhofer.

In  Fraunhofers  Lebensgeschichte  erzählt  Ugschneider  selbst:  „Der  bayerische
  Artilleriehauptmann  Georg  Reichenbach,  der  Sohn  eines  sehr  begabten
Bohrmeisters  in  pfalzbayerischen  Diensten,  war  vom  Kurfürsten  Karl  Theodor
auf  Antrag  des  Grafen  Rumford  zu  seiner  weiteren  Ausbildung  nach  England
geschickt  worden.  Nachdem  er  dort  auch  große  Werkstätten  für  die  Verfertigung
mathematischer  Instrumente  kennen  gelernt  hatte,  faßte  er  bald  nach  seiner
Rückkehr  den  Entschluß  durch  Errichtung  einer  solchen  Werkstätte  in  Bayern
sein  Glück  zu  versuchen.  Er  verband  sich  zu  diesem  Zwecke  mit  Joseph
Liebherr,  einem  fähigen  Uhrmacher  und  Mechaniker,  der  bereits  eine  kleine
Werkstätte  besaß.  Nach  dieser  Verbindung  ußerten  mir  Reichenbach  und
Liebherr  den  Wunsch  ihrer  Werkstätte  eine  größere  Ausdehnung  zu  geben
und  ein  ordentliches  Institut  zur  Erzeugung  großer  und  kleiner  Instrumente
und  Maschinen  mit  ihnen  zu  gründen.  Ich  nahm  um  so  weniger  Anstand
auf  ihren  Wunsch  einzugehen,  als  aus  einem  solchen  Institute  seinerzeit  tüchtige
junge  Mechaniker  hervorgehen  könnten,  woran  Bayern  einen  großen  Mangel
hatte.  Der  Gesellschaftsvertrag  kam  am  20.  August  1804  unter  uns  zustande
        <pb n="394" />
        382  71.  Anteil  hervorragender  Bayern  an  der  Entwicklung  der  Technik.

und  das  mathematisch-mechanische  Institut  von  Reichenbach,  Utzschneider  und
Liebherr  begann  seine  Geschäfte  mit  großer  Rührigkeit.“

Die  Seele  dieser  Vereinigung  bedeutender  Männer  war  ohne  Zweifel
Reichenbach,  damals  32  Jahre  alt,  feurig  und  tatkräftig,  theoretisch  und
praktisch  wohlgeschult,  ein  mechanisches  Genie,  dem  es  ebenso  leicht  wurde
für  die  Beobachtung  des  gestirnten  Himmels  wie  für  die  praktische  Verwertung
von  Naturkräften  neue  Hilfsmittel  zu  erfinden  oder  schon  vorhandene  zu  verbessern.
  Reichenbach  befand  sich  während  seiner  zweijährigen  Studienreise  in
England  inmitten  einer  auf  Erfindungsgeist  und  gewaltige  Geldmittel  gegründeten
  und  mächtig  aufstrebenden  Industrie,  welche  ihn  durch  ihre  täglich  sich
mehrenden  wunderbaren  Leistungen  aufs  äußerste  anregte;  dennoch  galten
seine  Studien  nicht  ihr  allein,  sondern  fast  ebenso  eifrig  jenen  Stätten,  wo#
die  Mechanik  des  Himmels  gepflegt  wird.  Diese  Reise  gestaltete  sich  für
Deutschland  zu  einer  förmlichen  Entdeckungsreise;  denn  sie  vermittelte  unseren
Fabrikanten  die  Fortschritte  der  Engländer  im  Maschinenbau,  namentlich  im
Bau  der  Dampfmaschine,  welche  gerade  damals  von  James  Watt  durch  die
Erfindung  des  Kondensators  eine  so  durchgreifende  Umgestaltung  erfahren
hatte,  daß  sie  erst  von  da  an  als  das  wichtigste  Kulturmittel  gelten  konnte.
In  den  großen  Werkstätten  für  Feinmechanik  und  den  zum  Teil  berühmten
Sternwarten  empfing  Reichenbach  die  ersten  Anregungen  später  selbst  eine  solche
Werkstätte  zu  errichten  und  dabei  alle  jene  Mängel  zu  vermeiden,  welche  sein
scharf  beobachtender  Geist  an  diesen  Instituten  durch  die  Vorzüge  hindurch
erkannt  hatte.  Zu  der  Einsicht  gekommen,  daß  die  damaligen  geodätischen  und
astronomischen  Meßwerkzeuge  an  überflüssiger  Größe  und  Schwerfälligkeit  und
anderen  Unregelmäßigkeiten  litten,  war  er  aufs  lebhafteste  davon  überzeugt,
daß  sich  diese  Ubelstände  nur  durch  eine  vollkommen  gleichmäßige  Teilung  der
zur  Winkelmessung  dienenden  Kreise  beseitigen  ließen.  Es  lag  also  für  ihn
die  Aufgabe  vor  eine  Kreisteilmaschine  herzustellen,  welche  selbst  die  von  Bird
und  Ramsden  in  London  ausgeführten  besten  Teilmaschinen  der  Welt  an
Genauigkeit  zu  übertreffen  habe.  Von  der  Wichtigkeit  genauer  Kreisteilungen,
z.  B.  für  die  Seeschiffahrt,  mag  es  einen  Begriff  geben,  wenn  man  anführt,
daß  ein  Fehler  von  nur  zwei  Minuten  in  der  Bestimmung  des  Winkels  zwischen
Mond  und  Sonne  den  Standort  des  Schiffes  schon  um  20  Seemeilen  falsch
angibt.  Einen  Fehler  von  zwei  Minuten  erzeugt  aber  ein  Sextant  von  16  cm
Halbmesser  schon  dann,  wenn  seine  Teilung  zwischen  den  beiden  für  die
Bestimmung  des  Winkels  maßgebenden  Teilstrichen  des  Kreisbogens  nur  um
den  20.  Teil  eines  Millimeters  falsch  ist.  So  ist  es  wohl  erklärlich,  warum
schon  vor  mehr  als  100  Jahren  die  um  alle  Interessen  der  Schiffahrt  ängstlich
besorgte  englische  Admiralität  die  höchsten  Preise  für  genaue  Längenbestimmungen
  auf  dem  Meere  ausgesetzt  und  ausbezahlt  hat.

Nachdem  die  neue  Teilmaschine  allen  Erwartungen  aufs  vollkommenste
entsprochen  hatte,  stand  der  Errichtung  einer  größeren  Anstalt  für  Anfertigung
        <pb n="395" />
        71.  Anteil  hervorragender  Bayern  an  der  Entwicklung  der  Technik.  383

von  Präzisionsinstrumenten  nur  noch  der  Mangel  an  Geldmitteln  im  Wege
und  hier  griff  Utzschneider  entscheidend  ein,  was  zu  dem  schon  erwähnten
Gesellschaftsvertrage  (1804)  führte.  Das  kostbarste  Werkzeug  des  neuen  Instituts
  war  die  besprochene  Kreisteilmaschine,  welche,  ungeschwächt  in  ihrer  Wirkung,
beinahe  100  Jahre  fortarbeitete  und  unzählige  und  unschätzbare  Dienste  leistete;
obwohl  noch  immer  gebrauchsfähig,  ist  sie  (1900)  um  ihres  geschichtlichen  Wertes
willen  vom  bayerischen  Staate  angekauft  worden.

Das  mechanische  Institut  von  Reichenbach,  Utzschneider  und  Liebherr
wurde  in  der  Tat  die  Pflanzschule  für  Feinmechanik;  denn  schon  wenige  Jahre
nach  seiner  Gründung  ließen  sich  im  In=  und  Auslande  jüngere  Mechaniker
nieder  um  sogenannte  Reichenbachsche  Werkstätten  einzurichten,  die  sich  seitdem
über  ganz  Europa  verbreitet  haben,  England  nicht  ausgenommen.  Anfangs
aber  hatte  das  Institut  mit  bedeutenden  Hindernissen  zu  kämpfen:  es  fehlte
an  brauchbarem  Flint=  und  Kronglase  und  an  einem  fähigen  Optiker  um  die
Glaslinsen  für  die  Meßgeräte  mit  derselben  Genauigkeit  zu  schleifen,  mit
welcher  deren  Kreise  geteilt  waren.

##

Am  21.  Juli  1801  stürzten  in  der  Nähe  der  Frauenkirche  zwei  baufällige
Häuser,  darunter  das  des  Spiegelmachers  Weichselberger,  so  plötzlich  ein,  daß
nur  dieser,  welcher  eben  unter  der  Haustür  stand,  der  Gefahr  verschüttet  zu
werden  entging,  seine  Frau  und  der  Lehrjunge  aber  nicht.  Die  Meisterin
wurde  erst  einige  Tage  nach  dem  Einsturz  tot  aus  dem  Schutte  gezogen;
über  den  Lehrling  aber  fielen  die  Trümmer  so  glücklich,  daß  er  nicht  erdrückt
wurde.  Während  der  anstrengenden  und  gefahrvollen  Rettungsarbeit  eilte  der
allverehrte,  herzensgütige  Kurfürst  und  nachmalige  König  Max  Josehh  selbst
an  die  Unglücksstätte  und  ermunterte  durch  Zuruf  den  noch  lebenden  Knaben
wie  die  braven  Arbeiter,  die  das  Rettungswerk  vollzogen.  Nach  vierstündigem
Bemühen  hatte  man  den  Knaben  befreit;  der  gerettete  Glaserlehrling  war  aber
kein  Geringerer  als  der  später  so  berühmt  gewordene  Fraunhofer.  Max  Joseph
gab  Befehl  auf  seine  Kosten  für  die  Heilung  des  verletzten  Knaben  zu  sorgen.
Nach  seiner  Genesung  ließ  er  ihn  nach  Nymphenburg  bescheiden,  unterhielt  sich
mit  dem  treuherzigen  Knaben  in  der  leutseligsten  Weise  und  gab  ihm  ein
Geschenk  von  18  Dukaten.

Utzschneider  sah  den  Verunglückten  zum  erstenmal,  als  er  eben  aus  dem
Schutt  hervorgezogen  war.  Später  besuchte  er  ihn  wiederholt  und  brachte
ihm  mathematische  und  optische  Lehrbücher,  damit  er  aus  ihnen  die  theoretischen
  Kenntnisse  schöpfe,  welche  allein  imstande  waren  ihn  zum  Schleifen
brauchbarer  Glaslinsen  zu  befähigen,  das  er  in  seinen  Mußestunden  betrieb.
So  schwer  es  ist  gerade  die  Anfangsgründe  der  Mathematik  ohne  Lehrer  sich
anzueignen,  Fraunhofer  brachte  es  doch  zuwege.  Da  sein  Meister  für  diese
Studien  des  lernbegierigen  armen  Knaben  kein  Verständnis  hatte,  so  mußte
        <pb n="396" />
        384  71.  Anteil  hervorragender  Bayern  an  der  Entwicklung  der  Technik.

sich  dieser  oft  in  arbeitsfreien  Tagesstunden  auf  stille  Plätze  flüchten  um  hinter
Hecken  oder  unter  Bäumen  seinen  Wissensdurst  zu  stillen.  Eine  Wiese  vor
dem  Karlstore,  der  jetzige  Botanische  Garten,  war  das  Gymnasium,  welches
Fraunhofer,  Klügels  Lehrbuch  der  Optik  unter  dem  Arme,  besuchte.  Vermögenslose
  Lehrlinge  wie  Fraunhofer  mußten  nach  damaligem  Brauch  sechs  Jahre
lang  auch  die  Dienste  eines  Laufburschen  für  Küche  und  Werkstätte  verrichten.
Als  ihm  aber  sein  Lehrmeister  nachts  Licht  zu  brennen  verbot  und  ihm  den
Besuch  der  Feiertagschule  verkümmerte,  verwendete  er  den  Rest  vom  Geschenke
des  Kurfürsten  dazu  dem  Meister  das  letzte  halbe  Jahr  der  Lehrzeit  abzukaufen
und  sich  eine  Schleifmaschine  anzuschaffen,  mit  der  er  eifrig  arbeitete.  Nebenbei
verfertigte  er  Visitenkarten  um  etwas  Geld  zu  verdienen.  Sein  Ideal  war
ein  guter  Brillenmacher  zu  werden.

Als  sich  Utzschneider  1807  seines  Schützlings  wieder  erinnerte  und  ihn
den  Teilhabern  des  Instituts  vorstellen  ließ,  tat  Reichenbach,  von  der  Gabe
aus  scheinbar  geringen  Anzeichen  das  Talent  zu  erkennen  erleuchtet,  den  entscheidenden
  Ausspruch:  „Das  ist  der  Mann,  den  wir  suchen;  der  wird  das
leisten,  was  uns  noch  fehlt.“  Unter  der  wissenschaftlichen  Leitung  Schieggs
und  im  Umgang  mit  Reichenbach  und  Liebherr  entwickelte  sich  der  neben  dem
geschickten  Optiker  Niggl  arbeitende  neue  Gehilfe  ungemein  schnell  und  berechnete
und  schliff  schon  ein  Jahr  darauf  allein  und  selbständig  aus  den  von  Guinand
in  Benediktbeuern  geschmolzenen  Glasstücken  alle  Linsen,  deren  das  Institut
für  die  von  ihm  verfertigten  Meßgeräte  bedurfte.  Fraunhofers  Talent  machte
sich  hiebei  in  so  hohem  Grade  bemerkbar,  daß  Utzschneider  und  Reichenbach
beschlossen  den  optischen  Teil  ihres  mechanischen  Instituts  ganz  nach  Benediktbeuern
  zu  verlegen  und  unter  die  Leitung  des  noch  nicht  22  Jahre  alten
Fraunhofer  zu  stellen.

Am  7.  Februar  1809  wurde  die  Firma  Utzschneider,  Reichenbach  und
Fraunhofer  gegründet  und  dem  letzteren  damit  die  Möglichkeit  geschaffen  seine
volle  Kraft  auf  höhere  Ziele  als  die  bisher  von  ihm  und  dem  Institut  verfolgten
  zu  richten.  In  der  Tat  beginnt  von  diesem  Zeitpunkt  an  Fraunhofers
bahnbrechende  Wirksamkeit  im  Gebiete  der  Optik  und  die  Steigerung  des
Ansehens  des  von  ihm  geleiteten  Instituts  zu  einem  Weltrufe.  Zunächst  ersann
Fraunhofer  nach  einer  Idee  Liebherrs  die  heute  noch  im  Gebrauch  stehende
Pendelschleismaschine  und  ihr  folgte  alsbald  die  noch  sinnreichere  Konstruktion
einer  Poliermaschine,  deren  wesentliche  Aufgabe  es  ist  die  durch  das  Schleifen
gewonnene  Grundform  der  Linse  unverändert  zu  erhalten  und  doch  mit  der
Glättung  die  unvermeidlichen  kleineren  Fehler  des  Schliffes  zu  beseitigen.  Die
Fraunhofersche  Poliermaschine  verhindert  auch,  daß  der  zu  schleifenden  Linse
eine  Unachtsamkeit  des  Arbeiters  gefährlich  werde;  sie  ist  eine  durchaus  eigenartige
  Erfindung  deshalb,  weil  sie  die  Ubereinstimmung  der  ausgeführten
Linsenfläche  mit  ihrem  Ideal,  der  geometrischen  Kugelgestalt,  durch  eine  untrügliche
  optische  Erscheinung,  nämlich  durch  die  Newtonschen  Farbenringe,
        <pb n="397" />
        71.  Anteil  hervorragender  Bayern  an  der  Entwicklung  der  Technik.  385

welche  sich  beim  Aufeinanderdrücken  plan=  und  bikonvexer  Linsen  als  farbige,
zu  einem  dunkeln  Fleck  gleichachsige  Kreise  darstellen,  sehr  gut  erkennen  läßt
—  etwas,  woran  vor  Fraunhofer  weder  ein  Physiker  noch  ein  Mechaniker
gedacht  hatte.  Fraunhofer  führte  nicht  bloß  das  sogenannte  Farbenfleckpolieren
in  die  Optik  ein  sondern  bereicherte  sie  auch  noch  durch  vorzügliche  Geräte
zur  Prüfung  der  Genauigkeit  der  Linsenoberflächen;  denn  seine  Sphärometer
und  mechanischen  Taster  lassen  Gestaltfehler  von  dem  4000.  Teil  eines  Millimeters
  noch  erkennen.

Sodann  beschäftigte  sich  Fraunhofer  mit  den  beiden  wichtigen  Fragen:
Ist  das  zu  den  Linsen  verwendete  Glas  wirklich  so  gleichartig,  wie  es  sein  soll?
Und  ist  die  übliche  Berechnungsweise  der  optischen  Geräte  auch  streng  genug?
Nach  wesentlichen  Verbesserungen  des  Glasofens  und  der  zum  Schmelzen
erforderlichen  Maschinen  brachte  Fraunhofer  schon  im  Jahre  1812  ein  Objektiv
von  7  Zoll  Offnung  fertig.  Die  Lösung  der  zweiten  Frage  gelang  ihm  so
vorzüglich,  daß  unsere  besten  Mathematiker  erst  30  Jahre  nach  seinem  Tode
die  Bedingung  für  die  Genauigkeit  der  Bilder  außerhalb  der  Mitte  des  Gesichtsfeldes
  aufstellten  und  nachwiesen,  Fraunhofer  habe  auch  noch  eine  Reihe  anderer
Bedingungen  zu  erfüllen  und  damit  der  Herstellung  seiner  Objektive  einen
geradezu  unübertrefflichen  Grad  von  Vollkommenheit  zu  geben  verstanden.

Bei  seinen  weiteren  Untersuchungen  kam  Fraunhofer  auf  die  Linien  des
Spektrums,  und  um  sich  zu  überzeugen,  daß  diese  dunkeln  Linien  nicht  von
der  Natur  des  Glases  oder  der  Atmosphäre,  auch  nicht  von  einer  Beugung  der
durch  einen  engen  Spalt  eintretenden  Sonnenstrahlen  herrühren,  sondern  zum
Wesen  dieser  Strahlen  gehören  und  folglich  Ausdruck  einer  bisher  unbekannten
Eigenschaft  des  Sonnenlichtes  sind,  änderte  er  seine  Versuche  mannigfach  ab,
immer  aber  mit  dem  Ergebnis,  daß  die  dunkeln  Linien  in  der  gleichen  Reihenfolge
  und  dem  gleichen  Entfernungsverhältnis  auftraten.  Es  ist  unmöglich
die  umfang=  und  erfolgreichen  Untersuchungen  Fraunhofers  hier  auch  nur
anzudeuten.  Nach  Überwindung  zahlreicher  praktischer  und  theoretischer
Schwierigkeiten  gelang  ihm  die  Herstellung  achromatischer  Fernrohr-Objektive
in  so  hervorragender  Weise,  daß  sie  alles  Ahnliche,  was  damals  in  England,
Frankreich  und  Deutschland  geleistet  wurde,  weit  übertrafen.  Die  Fraunhoferschen
  optischen  Instrumente  sind  indessen  nicht  bloß  durch  ihre  unvergleichlichen
Objektive  ausgezeichnet,  sie  enthalten  auch  bewunderungswürdig  feine  Meßvorrichtungen
  oder  Mikrometer  und  ihre  Mechanik  ist  durch  Reichenbachs  Mitwirkung
  so  sinnreich  und  zweckmäßig  gestaltet,  daß  die  zentnerschweren  Fernrohre
den  scheinbaren  Bewegungen  der  Gestirne  mit  einer  Stetigkeit  und  Genauigkeit
folgen,  daß  man  nach  W.  Struve  bei  allen,  selbst  mit  den  stärksten  Vergrößerungen
  anzustellenden  Beobachtungen  nach  unbeweglichen  Punkten  des  Himmels
zu  sehen  glaubt.  Derselbe  berühmte  Berichterstatter  nennt  den  von  Fraunhofer
für  die  Sternwarte  in  Dorpat  hergestellten  Refraktor  das  vollkommenste
Kunstwerk  der  Optik  und  fügt  bei,  daß  er  das  größte  Herschelsche  Spiegel-Kronseder,

  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  25
        <pb n="398" />
        386  71.  Anteil  hervorragender  Bayern  an  der  Entwicklung  der  Technik.

teleskop  an  Schärfe  der  Messung  und  Mannigfaltigkeit  weit  hinter  sich  lasse.
Mit  dem  Fraunhoferschen  Heliometer  allein  vermochte  Bessel  seine  Beobachtungen
  so  zu  verfeinern,  wie  nötig  war  um  den  Abstand  eines  Frxsternes
„von  dem  Unermeßlichen  in  das  Meßbare  überzuführen"“.  Den  Weltruf,  in
welchem  die  Fraunhoferschen  Instrumente  schon  vor  80  und  mehr  Jahren
standen,  haben  sie  sich  bis  auf  den  heutigen  Tag  ungeschwächt  erhalten  und
werden  ihn  bewahren,  solange  die  Dauer  ihrer  Bestandteile  ihren  Gebrauch
gestattet.

Der  Wunsch,  den  Fraunhofer  am  Schlusse  seiner  den  akademischen  Denkschriften
  einverleibten  Abhandlung  aussprach:  es  möchten  geübte  Naturforscher
dem  von  ihm  eingeschlagenen  Wege  Aufmerksamkeit  schenken,  da  er  zu  interessanten
Ergebnissen  führen  könne,  ist  40  Jahre  später  (1859)  in  Erfüllung  gegangen,
als  Kirchhoff  und  Bunsen  in  Heidelberg  die  Spektralanalyse  erfanden.

Reichenbach  schied  am  17.  Februar  1814  aus  dem  optischen  Institut  zu
Benediktbeuern  um  die  mechanische  Werkstätte  auf  eigene  Rechnung  zu  führen
und  1819  siedelte  auch  die  optische  Anstalt  nach  München  über,  mit  Ausnahme
der  Glasöfen,  welche  in  Benediktbeuern  blieben.  Am  20.  Februar  schlossen
Utzschneider  und  Fraunhofer  einen  neuen  Vertrag  zur  Fortführung  ihrer
optischen  Anstalt  ab  und  von  diesem  Zeitpunkt  an  entwickelte  Fraunhofer  als
Direktor  des  optischen  Instituts  eine  noch  größere  Tätigkeit  als  bisher;
jedenfalls  hatte  er  eine  zahlreichere  Arbeiterschaft  als  früher  zu  leiten  und
zu  überwachen,  da  sich  die  Bestellungen  von  allen  Seiten  fortwährend  vermehrten.


Alle  einzelnen  Erfindungen  und  Verbesserungen  von  Meßgeräten  zu
besprechen,  welche  man  Reichenbach  verdankt,  kann  hier  nicht  der  Ort  sein;  es
genügt  zu  sagen,  daß  er  der  praktischen  Astronomie  die  Vorteile  einfacher,
leichter,  sicherer  und  genauer  Beobachtung  verschafft  und  ihren  Hauptapparat
auf  nur  wenige  Instrumente  zurückgeführt  hat,  die  ausnahmslos  von  ihm  eine
neue  und  verbesserte  Anordnung  und  Ausführung  erhielten  wie  der  Meridiankreis,
  das  Passageinstrument,  das  Aquatoriale  und  der  astronomische  Theodolit.
Auf  dem  Gebiete  der  praktischen  Geodäsie  knüpft  sich  an  die  Basisapparate,
die  Theodoliten,  die  Spiegel-  und  Nivellierinstrumente  wie  an  die  Entfernungsmesser
  sein  Name  entweder  als  Erfinder  oder  als  Umgestalter.

Die  von  Utzschneider  gegründeten,  von  Reichenbach  und  Fraunhofer
geleiteten  Institute  sind  wahre  Werkstätten  mathematisch-mechanischen  Scharfsinns
  gewesen  und  haben  durch  die  allgemeine  Verbreitung  ihrer  Präzisions-=instrumente
  München  zum  vornehmsten  Sitz  mechanisch-optischer  Technik  gemacht.
Diesen  wohlerworbenen  Ruf  hat  ein  hervorragendes  Mitglied  der  europäischen
Gradmessung,  der  spanische  General  Ibafiz,  mit  den  Worten  verkündigt:
München  habe  ldurch  seine  von  Utzschneider,  Reichenbach,  Fraunhofer  und
Steinheil  gegründeten  mechanisch-technischen  Institute  für  die  europäische
Gradmessung  mehr  getan  als  irgend  eine  Stadt  der  Welt.
        <pb n="399" />
        71.  Anteil  hervorragender  Bayern  an  der  Entwicklung  der  Technik.  387

Reichenbach  und  Fraunhofer  starben  wenige  Tage  nacheinander  im
Jahre  1826  und  ruhen  unter  den  Arkaden  des  südlichen  Friedhofs;  das
einfache  Grabmal  Fraunhofers  trägt  die  kurze,  aber  bezeichnende  Inschrift:
Approximavit  sidera.

„Von  alles  Wissens  reiner  Kunde
Ob  eine  nur  an  jene  reicht,
Die  durch  den  Raum  zum  Weltengrunde
Erspähend  mißt,  berechnend  gleicht?
Dem  Augenlichte  Geistesschwingen,
Bestätigung  Gedachtem  bringen,
Wie  hehr  steht  solch  Erringen  da:
Approsrimare  sidera!  (Uermann  Lingg.)

b)  Johann  Baptist  Stiglmaier  und  Ferdinand  v.  Miller.

Die  im  Laufe  des  18.  Jahrhunderts  in  Deutschland  fast  völlig  verloren
gegangene  Technik  und  Kunst  des  Erzgusses  wurde  in  München  aufs
neue  und  zwar  in  ganz  hervorragender  Weise  ins  Leben  gerufen.

Schon  1819  erhielt  der  damalige  Bildhauer  und  K.  Mäünzgraveur
J.  B.  Stiglmaier  den  Auftrag  in  Italien  neben  der  Stempelschneidekunst
auch  die  Erzgießkunst  zu  erforschen  und  wenn  möglich  praktisch  zu  üben.  In
Neapel,  in  einem  Keller  des  Palazzo  Caniotti,  entstand  nicht  ohne  große
Schwierigkeiten  sein  erster  Guß,  eine  zwei  Fuß  hohe,  von  dem  Münchener
Bildhauer  Haller  modellierte  Phidiasfigur.  Als  Stiglmaier  zwei  Jahre  später
nach  München  zurückkehrte,  wurde  er  mit  dem  Titel  „Inspektor“  zum  Leiter
der  von  dem  Hofarchitekten  Leo  v.  Klenze  im  Auftrag  des  Königs  Maximilian  I.
aus  dessen  Privatmitteln  erbauten  Erzgießerei  ernannt,  welche  man  aus  Furcht
vor  Feuersgefahr  weit  hinaus  vor  die  Stadt  in  die  sogenannten  Neuhauser
Felder  gelegt  hatte.

Die  damals  geübte  Formtechnik  war  die  des  Wachs-Ausschmelzverfahrens,
welches  jedoch  neben  manchen  Vorteilen  auch  viele  große  Nachteile  hatte,  so
daß  sich  Stiglmaiers  Aufmerksamkeit  bald  der  von  den  Franzosen  schon  zu
einer  gewissen  Vollkommenheit  gebrachten  Stückformerei  zuwandte,  die  für  die
Sicherheit  des  Gusses  mannigfache  Vorzüge  hatte.  Ein  großer  Flammenofen
wurde  gebaut,  in  welchem  es  möglich  war  12500  kg  Erz  auf  einmal  in
Fluß  zu  bringen.  Das  erste  daraus  gegossene  Standbild  war  die  von  Rauch
modellierte  und  von  dem  Magistrat  München  bestellte  Bildsäule  König  Max  I.
König  Ludwig  I.  ließ  aus  eroberten  französischen  Kanonen  den  29,2  m
hohen  Obelisken  gießen,  der  heute  den  Karolinenplatz  in  München  schmückt.
Diesem  folgten  die  Bildsäulen  Jean  Pauls  für  Bayreuth,  des  Markgrafen
Friedrich  von  Brandenburg  für  Erlangen,  die  erzenen  Tore  der  Glyptothek
und  der  Walhalla,  die  von  Thorwaldsen  in  Rom  modellierte  Reiterstatue  des
Kurfürsten  Maximilian  u.  a.  m.

25=
        <pb n="400" />
        388  71.  Anteil  hervorragender  Bayern  an  der  Entwicklung  der  Technik.

Am  11.  März  1844  starb  Stiglmaier,  nachdem  er  den  Erzguß  in
Deutschland  zu  hoher  Blüte  gebracht  hatte,  und  sein  Neffe  und  bisheriger  Mitarbeiter
  Ferdinand  Miller  (der  Altere)  wurde  von  König  Ludwig  I.  als
sein  Nachfolger  bestimmt.  Als  bedeutungsvollste  Aufgabe  traf  diesen  die  Ausführung
  des  Gusses  der  von  Schwanthaler  modellierten  Riesenfigur  der
Bavaria  (15,768  m  hoch  und  65511  kg  schwer).  Seit  den  Zeiten  der
griechischen  Meister  war  solche  Aufgabe  einem  Gießer  nicht  mehr  gestellt  worden;
alle  Bedingungen  für  den  Guß  so  großer  Massen  mußten  erst  gefunden  und
neue  Erfahrungen  gesammelt  werden.

Außer  der  Bavaria,  die  heute  noch  die  drößte  gegossene  Erzfigur  ist,
seien  aus  der  überaus  großen  Zahl  von  Monumentalarbeiten,  welche  seitdem
aus  der  K.  Erzgießerei  hervorgegangen  sind,  genannt:  die  10,5  m  hohe  Bildsäule
  der  Germania  auf  dem  Niederwalddenkmal,  2  Kolossalquadrigen,
9  Bronzetore,  worunter  die  Tore  für  das  Kapitol  in  Washington  mit  Hochreliefs
  und  Figuren  bedeckt,  22  Reiterstatuen,  24  Monumentalbrunnen  mit
62  Figuren,  weit  über  200  Standbilder  und  Monumentalwerke  mit  Figuren,
sowie  unzählige  kleinere  Kunstwerke.

Die  Technik  des  Gusses  hat  in  der  langen  Zeit  manche  Anderungen
erfahren.  Der  ursprünglich  geübten  Wachsformerei  folgte  die  französische
Sandformerei,  dieser  wieder,  besonders  für  große,  in  einem  Stück  auszuführende
Arbeiten,  die  nasse  sogenannte  Massaformerei.  Durch  Einführung  elastischer
Zwischenformen  wurde  das  Wachs-Ausschmelzverfahren  wesentlich  verbessert,
so  daß  es  seit  einer  Reihe  von  Jahren  in  der  K.  Erzgießerei  wieder  fast  ausschließlich
  in  Gebrauch  ist.  Eine  ganz  besondere  und  einzig  dastehende  Leistung
dieses  Kunstinstituts  war  die  vorher  als  tollkühnes  Unternehmen  betrachtete
Feuervergoldung  großer  Bildsäulen,  vor  allem  der  zwölf  von  Schwanthaler
modellierten  Ahnenstatuen  im  Thronsaal  der  K.  Residenz  in  München.
Gelungene  Versuche  im  Uberziehen  von  Naturformen  mit  Kupfer  auf  galvanischem
  Wege  wurden  in  der  K.  Erzgießerei  schon  1841  für  größere  Kunstgegenstände
  ausgeführt;  mehrere  dieser  Arbeiten  sind  noch  erhalten.

Im  Jahre  1871  ging  die  Anstalt  unter  Belassung  des  Titels  „K.  Erzgießerei“
  in  den  Privatbesitz  Ferdinand  v.  Millers  und  seiner  Söhne  über,  von
denen  sie  heute  geführt  wird.  1878  starb  Ferdinand  v.  Miller;  König
Ludwig  II.  hatte  den  ehemaligen  Goldschmiedlehrling  in  Anerkennung  seiner
vielfachen  und  vielseitigen  Verdienste  1876  in  den  erblichen  Adelsstand  erhoben.
Unter  den  jüngsten  Arbeiten  der  Erzgießerei  seien  die  Reiterstatuen  Kaiser
Friedrichs  III.  und  Kaiser  Ludwigs  des  Bayern  sowie  ein  Standbild
Gr.  K.  Hoheit  des  Prinzregenten  erwähnt.
        <pb n="401" />
        72.  Die  Isar  als  Verlehrsstraße  einst  und  jetzt.  389

72.  Die  Isar  als  Verkehrsstraße  einst  und  jetzt.

Von  Christian  Gruber.“

Der  Verkehr  auf  der  Isar,  der  zentralen  Wasserader  Südbayerns,  nicht
bloß  im  geographischen  sondern  auch  im  geschichtlichen  Sinne,  wurde  seit  alters
durch  eine  Reihe  günstiger  Naturverhältnisse  gefördert.  Die  Quellandschaften
des  Flusses  umfassen  gemeinsam  mit  denjenigen  der  Loisach  und  Ammer  das
Herz  der  waldbeschatteten  Bayerischen  Alpen.  In  sie  kamen  die  Mittelpunkte
der  heimischen  alpinen  Hausindustrie  zu  liegen:  Mittenwald,  Partenkirchen,
Garmisch  und  Oberammergau.  Weiterhin  erfolgt  die  Entwickelung  der  Isar
zum  floßbaren  Bergbach  hauptsächlich  infolge  des  Aufbaues  des  Karwendelgebirges
  in  vier  parallel  von  Osten  nach  Westen  streichenden  Hauptkämmen
außerordentlich  rasch.  Bereits  20  km  von  ihren  äußersten  Quellen  entfernt
kann  jene  mit  Flößen  befahren  werden,  nämlich  vom  Engpasse  bei  Scharnitz
an.  Und  so  ist  denn  auch  der  floßbare  Laufabschnitt  an  der  Isar  fast  14  mal
solang  als  die  nicht  zu  befahrende  Strecke  (275  gegen  20  km).

Für  die  einstige  Handelsbedeutung  der  Isar  war  es  ferner  von  einschneidender
  Wichtigkeit,  daß  die  Floßbarkeit  des  Flusses  an  einer  Stelle  ansetzt,
welche  den  für  Deutschland  bequemsten  Übergang  zwischen  dem  Süd=  und  dem
Nordrande  der  Alpen  vermittelt,  unmittelbar  auf  die  Senke  des  Brenners  und
damit  auf  eine  seit  uralter  Zeit  bekannte  Verbindungsstraße  zwischen  dem  Reich
und  Italien  hinweist.  Als  sich  Venedig  in  der  zweiten  Hälfte  des  Mittelalters
zum  Hauptplatz  für  den  auswärtigen  Handel  Südbayerns  erhob,  dem  gesteigerten
  Warenumsatz  zwischen  den  transalpinen  Republiken  und  den  Reichsstädten
  der  Weg  zu  Land  aber  kaum  genügen  konnte,  wünschten  die  deutschen
Kaufleute  die  Schaffung  regelmäßiger  Floßfuhren  und  die  Aufstellung  eines
nicht  allzu  hohen  Frachttarifs  vom  Mittenwalder  Rat.  Doch  erst  1430  kam
besonders  auf  wiederholtes  Andrängen  der  Nürnberger  eine  feste  Wasserrottordnung
  zustande.  1450  besaß  Mittenwald  schon  ein  Floßbassin  samt  Ländstadel.
  Die  Aufzählung  jener  Güter,  die  in  dieser  Art  Warenhaus  einst  bis
zur  Weiterverfrachtung  niedergelegt  wurden,  beweist  nicht  allein  die  Lebhaftigkeit
und  den  Umfang  der  damaligen  deutsch-italienischen  Handelsbeziehungen  sondern
weist  vor  allem  auch  darauf  hin,  wie  sehr  man  die  Raschheit  zu  schätzen  wußte,
mit  welcher  die  Wellen  unseres  Flusses  die  schwanken  Fahrzeuge  der  Floßleute
nach  den  unteren  Isarstädten  und  zur  Donau  hinabtrugen.

Der  alpine  Charakter,  welchen  sich  die  Isar  bis  nahe  zu  ihrer  Mündung
bewahrt,  übt  nach  einer  doppelten  Richtung  Einfluß  auf  den  Verkehr.  Er
unterstützt  denselben  einerseits  durch  das  ansehnliche  Gefälle  und  die  bedeutende,
allerdings  mit  den  Wasserständen  wechselnde  Geschwindigkeit  des  Flusses.
(Bei  Mittelwasser  brauchen  die  Flößer  von  Mittenwald  bis  Isarmündt  rund
40  Stunden  Fahrzeit,  legen  sonach  stündlich  fast  7  km  zurück.)  Er  beschränkt
ihn  jedoch  anderseits  durch  den  alljährlichen  Gang  der  Wasserführung,  welcher
        <pb n="402" />
        390  72.  Die  Isar  als  Verkehrsstraße  einst  und  jetzt.

die  Floßfahrt  vom  Dezember  bis  zum  April  überhaupt  sperrt,  und  durch  den
launischen  Wechsel  der  Wassertiefe.  Die  Entwickelung  des  Floßverkehrs  auf
der  Isar  wird  aber  auch  durch  den  ansehnlichen  Reichtum  der  sich  stets  verjüngenden
  Bergwälder  des  Isarwinkels  beträchtlich  gefördert.  Wie  gewaltig
zeitweise  die  Massenlieferungen  an  Bauholz  waren,  welche  der  Fluß  bei  der
Errichtung  von  Kirchen  und  Staatsgebäuden  nach  München  verfrachten  mußte,
erweist  der  Umstand,  daß  für  das  Gerüst=  und  Balkenwerk  der  Frauenkirche
allein  1400  Flöße  zu  je  15—16  Stämmen  nötig  waren  und  beim  Bau  der
Herzog  Maxburg  5800  Floßbäume  aufgebraucht  wurden.  Auch  in  der  Gegenwart
  tragen  die  eiligen  Fluten  der  Isar  noch  Tausende  von  Bergtannen  hinab
zur  bayerischen  Hochebene.  Diese  aber  sind  wieder  mit  Eichen-,  Ahorn-,  Lärchenund
  Eschenstämmen,  mit  Bretterwaren,  Brennholz  und  Holzkohlen,  mit  Kalk,
Gips,  Kreide,  Pech,  Sand  und  Fichtenlohe  beladen.  Trotz  des  hemmenden
Einflusses,  welchen  die  nach  Tölz  und  Garmisch-Partenkirchen  führenden
Schienenstränge  nunmehr  auf  den  Floßverkehr  ausüben,  ländeten  im  Jahre
1900  in  München  5190  Flöße  und  der  Wert  ihrer  Ladungen  bemaß  sich  auf
rund  2½  Millionen  Mark.  Allerdings  sind  heute  auf  den  Isarflößen  alle
aus  Nordtirol  und  von  jenseit  des  Brenners  kommenden  Waren  verschwunden,
vor  allem  Wein,  Südfrüchte  und  Wollstoffe;  auch  sucht  man  auf  ihnen  die
in  den  Quellgebieten  unseres  Flusses  hergestellten  Erzeugnisse  alpiner  Hausindustrie
  vergebens.

Trotzdem  hat  die  Bedeutung  der  Isar  als  Transportstraße  für  Bayerns
Hauptstadt  keineswegs  viel  eingebüßt.  München  ist  vielmehr  seit  einigen  Jahrzehnten
  der  ausschließliche  Sammel=  und  Endpunkt  für  den  Floßverkehr  auf
jener.  Während  in  dem  Jahrzehnt  zwischen  1860  und  1870,  wo  die  moderne
Isarflößerei  ihren  Höhepunkt  erreichte  und  in  einem  Jahre  rund  10000  Fahrzeuge
  den  Fluß  hinabschwammen,  noch  ein  Drittel  aller  in  München  angekommenen
  Flöße  den  Weg  gegen  die  unteren  Isarstädte  und  die  Donau  hin
fortsetzte,  gingen  1900  von  den  erwähnten  5190  Fahrzeugen  nur  26  noch
weiter  flußabwärts.  In  dieser  Konzentration  des  Flußverkehrs  auf  München
liegt  die  Wichtigkeit  der  gegenwärtigen  Isarfloßfahrt  begründet.  Neben  den
ausgebreiteten  Gründen  von  Löß  und  Lehm,  die  am  Ostufer  des  Flusses
zwischen  Haidhausen  und  Unterföhring  lagern,  fördert  kein  Umstand  so  sehr
die  bauliche  Entwickelung  der  bayerischen  Hauptstadt  wie  die  von  der  Isar  alljährlich
  gebrachten  Holzfrachten.  So  traf  denn  auch  der  Künstlerblick  Karl
v.  Pilotys  das  Charakteristische,  als  er  nahe  der  Mitte  des  großen  Geschichtsbildes,
  welches  den  Sitzungssaal  der  Gemeindebevollmächtigten  im  Münchener
Rathause  ziert,  die  Quellgottheit  des  heimischen  Flusses  anbrachte  und  hinter
sie  die  kühne  Gestalt  eines  axtbewehrten  Floßmannes  stellte.

Es  liegt  im  Charakter  der  natürlichen  Bedingungen,  denen  die  Floßfahrt
unterworfen  ist,  daß  sich  die  Beschaffenheit  der  Fahrzeuge  seit  alters  gleichgeblieben
ist.  Jetzt  noch  wie  vor  500  Jahren  findet  man  an  ihnen  durchweg  Holz-
        <pb n="403" />
        72.  Die  Isar  als  Verkehrsstraße  einst  und  jetzt.  391

bestandteile  mit  Ausnahme  des  sogenannten  Floßhakens,  mittels  dessen  beim
Anländen  das  Seil  am  Floß  befestigt  wird.  Neben  dem  Ländseile  ist  des
Floßmanns  treuester  Begleiter  die  Axt.

Wie  sich  nun  das  Wesen  des  Flusses  seit  alters  gleichgeblieben  ist  und
die  Fahrzeuge  unverändert  sich  erhalten  haben,  welche  er  zu  Tal  trägt,  so  auch
der  Floßmann,  nicht  bloß  in  seinen  von  einem  altererbten  Konservatismus
herangezogenen  Charaktereigenschaften,  seiner  stahlharten  Geschmeidigkeit  im
Kampfe  gegen  Wasser  und  Wetter,  seiner  unverfälschten  Anhänglichkeit  an
Heimat,  Herrscherhaus  und  religiösen  Glauben,  sondern  bis  herab  auf  die
Farbe  der  Tracht.  Schon  auf  halbverblichenen  Votivtafeln  erscheint  der  Floßmann
  in  dunkelblauem  Gewand;  heute  noch  trägt  er  dieses  manchmal,  wenn
auch  in  anderem  Schnitt,  neben  dem  wärmenden  grauen  Lodenanzug.

Zur  Leitung  gewöhnlicher  Fahrzeuge  reichen  meist  zwei  Flößer,  der
Ferge  an  der  vorderen,  der  Steurer  an  der  hinteren  Schmalseite.  Dieser  ist
jenem  untergeordnet  und  muß,  wie  das  Volk  sagt,  „auf  ihn  achtgeben“.  Ist
noch  ein  weiterer  Fährmann  zur  Lenkung  des  Fahrzeuges  nötig,  so  hat  er
seinen  Platz  gleichfalls  am  vorderen  Teile  desselben.  Man  hieß  ihn  früher
Drittferge.  Gegenwärtig  verfrachten  die  Floßleute  auf  eigene  Rechnung  nur
eine  verschwindend  geringe  Anzahl  von  Flößen.  Sie  stehen  im  Solde  Münchener
  Firmen,  sind  also  keineswegs  selbständige  Unternehmer,  sondern  bloß
Akkordanten,  welche  die  von  Holzhändlern  und  Baumeistern  im  Gebirge  angekanften
  Stämme,  Bretter  und  Brennmaterialien  mit  Hilfe  ihrer  Knechte  um  vergleichsweise
  niedrigen  Frachtlohn  nach  der  Landeshauptstadt  führen.

Der  Schimmer  einer  besonderen  sozialen  Stellung,  eines  im  wirtschaftlichen
  Leben  des  Bergvolkes  scharf  hervortretenden  Standes,  welcher  früher
auf  der  Flößerzunft  und  deren  Meistern  lag,  ist  gewichen;  er  ist  bereits  zu
einer  geschichtlichen  Tatsache  geworden.

*  *

Die  Anfänge  der  Floßfahrt  auf  den  südbayerischen  Alpenflüssen  liegen
vollständig  im  Dunkel  der  Vorgeschichte  begraben.  Man  hat  nun  zwar  versucht
durch  Herleitung  einer  Anzahl  von  Orts-,  Bach=  und  selbst  Flößernamen  aus
dem  Lateinischen  ein  sehr  hohes  Alter  der  vaterländischen  Flößerei  nachzuweisen.
Indessen  läßt  sich  mit  Sicherheit  nur  annehmen,  daß  bei  der  Einfachheit  eines
so  nahegelegenen  und  von  der  Natur  zwanglos  dargebotenen  Verkehrsmittels,
wie  es  einige  roh  aneinandergefügte  Baumstämme  darstellen,  auch  auf  den
alpinen  Gewässern  Altbayerns  die  Floßfahrt  sehr  bald  begann.

Der  älteste,  vereinzelt  stehende  Hinweis  auf  die  Befahrung  der  Isar  mit
Floß  oder  Kahn  dürfte  wohl  in  den  Überlieferungen  über  die  letzten  Lebensschicksale
  des  hl.  Emmeram  enthalten  sein.  Die  Leiche  des  Missionars  wurde
von  dem  schon  zu  Zeiten  der  Agilolfinger  berühmt  gewesenen  Aschheim  nordöstlich
  von  München  aus  an  die  Isar  und  bei  Oberföhring  (Emmeramskapelle)
auf  ein  Fahrzeug  gebracht,  welches  die  Strömung  des  Flusses  bis  zur  Donau  trug.
        <pb n="404" />
        392  72.  Die  Isar  als  Verkehrsstraße  einst  und  jetzt.

Vor  der  Gründung  Münchens  und  Landshuts  scheint  sich  der  Verkehr
der  Isar  in  recht  bescheidenen  Grenzen  gehalten  zu  haben.  Damals  bildete
schon  seiner  Lage  nach  Kloster  Schäftlarn,  dessen  Stiftung  bis  in  die  Mitte
des  8.  Jahrhunderts  zurückreicht  und  das  einen  Wasserzoll  erhob,  zugleich  mit
dem  Ubergang  bei  Föhring  eine  der  wichtigsten  Stellen  am  Flusse.  Auch  bei-Pullach
  wird  1040  eine  Anlände  samt  Steg  urkundlich  erwähnt.  Bereits  in
der  zweiten  Hälfte  des  13.  und  zu  Anfang  des  14.  Jahrhunderts  sprechen
urkundliche  Andeutungen  für  eine  lebhafte  Entwickelung  des  Isarverkehrs.  Auf
der  unteren  Isar  wäre  der  Weg  über  München  und  Föhring  nach  Freising,
Landshut,  Dingolfing  und  Landau  bis  zur  Donau  gegangen.  Als  Märkte
von  größerer  Bedeutung  werden  diejenigen  von  Landau  und  Dingolfing  genannt.
Eine  wichtige  Einfuhrware  bildete  u.  a.  „Obst  auf  der  Isar  aus  Tirol  in
großen  Flößen  bis  nach  Landshut  kommend“  Ferner  bezogen  schon  damals
die  im  Isargebiete  gelegenen  Klöster  und  auch  Ettal  Weine  aus  dem  Etschland
auf  Flößen.

Jene  Weinfuhren  haben  jedoch  zweifellos  als  vereinzelte  Erscheinungen
gegenüber  den  umfangreichen  Holzfrachten  zu  gelten,  welche  das  Emporwachsen
der  Gründung  Heinrichs  des  Löwen  und  anderer  Isarstädte  hervorrief.  Schon
die  erste,  wahrscheinlich  bis  an  das  Ende  des  13.  Jahrhunderts  zurückgehende
Sammlung  magistratischer  Verordnungen  für  München  enthält  eine  Reihe  von
Vorschriften  über  die  Flößerei.  Kaiser  Ludwig  der  Bayer  aber  suchte  den
Handel  seiner  im  Verhältnis  zu  Augsburg  und  Regensburg  so  jugendlichen
und  auch  geographisch  weniger  günstig  gelegenen  Residenz  nicht  nur  durch
die  „Freyung“  des  dortigen  Marktes  (1315)  und  die  Verleihung  des  Monopols
der  Salzniederlage  (1332)  kräftig  zu  heben,  er  wollte  auch  den  Verkehr  auf
der  Isar  und  den  anderen  ihm  zugehörigen  oberdeutschen  Flüssen  durch  Verzicht
auf  das  sogenannte  Grundruhr=  oder  Strandrecht  erleichtern.  Nach  demselben
konnten  sich  bekanntlich  der  Landesherr  sowie  die  umwohnenden  Leute,  die  das
Eigentumsrecht  von  beiden  Ufern  her  bis  in  die  Mitte  des  Wassers  beanspruchten,
die  auf  Schiffen  und  Flößen  verunglückten  Waren  als  ##res  nullius  (herrenlose
  Sache)  zueignen.  Ludwig  entsagte  diesem  „widerrechtlichen  Bereicherungsmittel“
  im  Februar  1316  zu  Ingolstadt.  Ferner  bewilligte  der  Kaiser  —
wahrscheinlich  um  die  Warenbewegung,  welche  aus  Italien  ihren  Weg  durch
Bayern  nach  Nürnberg  nahm,  zum  Teil  über  München  zu  lenken  —  den  Nürnbergern
  zollfreien  Handel  zu  Wasser  und  zu  Land  nach  München  und  seinen
Münchenern  dasselbe  Vorrecht  beim  Handel  nach  Nürnberg.  Dem  gleichen
Bestreben  mochte  es  entsprechen,  wenn  Kaiser  Ludwig  1340  drei  Venezianer
Kaufleuten  gestattete  200  Ballen  Waren  durch  seine  Länder  zollfrei  nach
Brügge  zu  führen.  In  der  Tat  bezeugen  auch  Urkunden  mehrfach  „München
als  Station  der  Venezianer  auf  dem  Wege  von  oder  nach  Flandern“.  Der
Magistrat  der  Stadt  war  seinerseits  für  die  Instandhaltung  eines  brauchbaren
Fahrweges  auf  der  Isar  von  Tölz  abwärts  besorgt  und  scheute  keine  Ausgaben
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        72.  Die  Isar  als  Verkehrsstraße  einst  und  jeht.  393

für  die  Wegräumung  der  Felsen  im  Flusse.  Ebenso  sollen  die  Tölzer  ihrerseits
bereits  um  1370  für  Regelung  und  Sicherung  der  Floßfahrt  Sorge  getragen
haben.

Einen  großartigen  und  anhaltenden  Aufschwung  erfuhr  der  Durchgangshandel
  Mittenwalds  und  das  Frachtwesen  auf  der  Isar  am  Ende  des  15.  Jahrhunderts.
  Siegmund  von  Tirol  lag  damals  mit  den  Venezianern  in  Zwistigkeiten.
  Er  ließ  1487  gelegentlich  eines  der  großen  Märkte  in  Bozen,  auf
denen  deutsche  und  italienische  Kaufleute  gegenseitig  Abrechnung  pflogen,  130
der  letzteren  festnehmen  und  in  Gewahrsam  bringen.  Über  diese  Gewalttat
erzürnt  und  auf  eine  Siegmund  empfindlich  schädigende  Gegenmaßregel  bedacht
scheinen  die  Venezianer  längere  Zeit  ihren  persönlichen  Verkehr  mit  den  großen
Kaufhäusern  der  süddeutschen  Reichsstädte  nach  Mittenwald  verlegt  zu  haben.
Jedenfalls  hob  sich  infolge  der  Streitigkeiten  mit  Siegmund  das  Speditionswesen
  Mittenwalds  in  bedeutendem  Maße.  Wenn  es  auch,  wie  ältere  Geschichtschreiber
  meinen,  sehr  unwahrscheinlich  ist,  daß  der  deutsch-venezianische  Handel
nahezu  zwei  Jahrhunderte  —  nämlich  von  1487  bis  1679  —  von  dem  beiden
Teilen  so  günstig  gelegenen  Bozener  Stapelplatze  entsernt  und  in  Mittenwald
konzentriert  gewesen  sein  soll,  so  ist  doch  sicher,  daß  gegen  Ende  des  15.  und
während  des  16.  Jahrhunderts  in  dem  letzteren  Gebirgsmarkte  ein  geräuschvolles
  Leben  herrschte.  Dessen  Spuren  kann  jeder  noch  wahrnehmen,  der
durch  die  kulissenartig  einander  vorgeschobenen,  bildergeschmückten  Häuserreihen
des  Ortes  mit  ihren  torähnlichen  Einfahrten,  gewölbten  Gängen  und  eisenbeschlagenen
  Läden  und  Türen  im  Schatten  der  Karwendelspitze  dahinschreitet.
Der  mit  der  Verlegung  der  Welthandelswege  im  Zeitalter  der  großen  geographischen
  Entdeckungen  eng  verknüpfte  allmähliche  Niedergang  Venedigs,  die
Ableitung  des  Zuges  der  Handelsgüter  nach  Augsburg  über  Füssen  und  die
Folgen  des  großen  Religions=  sowie  des  Spanischen  Erbfolgekrieges  beschränkten
indessen  nach  und  nach  das  Mittenwalder  Speditionswesen  zu  Wasser  und  zu
Land  beträchtlich.

Welcherlei  Waren  beförderten  nun  die  Floßleute  auf  der  Isar  im  15.
und  16.  Jahrhundert?  Die  urkundlichen  Nachrichten  wissen  von  einer  ungewöhnlich
  mannigfaltigen  Fülle  von  Gütern  zu  melden,  womit  die  Flöße
damals  beladen  wurden.  Ihre  Aufzählung  erweist,  daß  die  dem  Flusse
anvertrauten  schwanken  Fahrzeuge  in  jenen  Zeiten  eine  durchaus  ährliche
Bedeutung  für  den  Warentransport  hatten  wie  die  Lastwagen  der  Rottleute
zu  Lande,  die  Eisenbahnen  im  heutigen  Wirtschaftsleben.  Vor  allem  aber
tritt  unzweideutig  die  Wichtigkeit  der  Isar  für  die  Zufuhr  italienischer  und
südtirolischer  Handelsgüter  in  vollem  Maße  hervor.  Während  die  Floßleute
des  Loisachgebietes  nur  gebogenes  Eibenholz.  Papier,  Pferdedecken,  Käse,
Schafwolle,  Pflastersteine,  Leinwand,  Barchent  und  gestrickte  Hemden,  Kreide,
Schuhe,  Kupferwasser  und  Schmalz  herbeiführten,  brachten  die  Tölzer  außerdem
Hausgeräte,  Rüstungsgegenstände,  Nahrungsmittel  (neben  Käse  und  Schmalz
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        394  72.  Die  Isar  als  Verkehrsstraße  einst  und  ietzt.

auch  Fische  und  Knoblauch),  Handschuhe,  Sensen  und  Sichel,  Beuteltücher  für
Müller,  Krämer=  und  Buchdruckerwaren,  „welsche  Früchte“,  Baumwolle,
Lorbeerblätter,  Reis,  „Schamlot  und  Arras“,  Teppiche,  Silbergeschirr,  Tuch,
Pergament,  Draht,  Wetz=  und  Schleifsteine.  Noch  vielseitiger  war  endlich  die
Ladung  der  aus  München  kommenden  Fahrzeuge.  Auf  ihnen  traf  man  nicht
nur  die  sämtlichen  eben  aufgeführten  Gegenstände  sondern  ferner  noch  Felle,
Kleidungsstücke,  Filzhüte,  Kürschnerwaren,  Gewürze,  Wein  und  Weinbeeren,
Pomeranzen,  Zwetschgen,  Bier,  Kupfer,  Pulver,  Glas,  Blei,  Galmei,  Flaschen,
Hirschgeweihe,  Pfeisen  zum  Musizieren,  Schreiner=  und  Kistlerarbeiten.

Im  17.  Jahrhundert  erfuhr  zwar  der  Floßverkehr  auf  der  Isar  hauptsächlich
  wegen  des  Dreißigjährigen  Krieges  —  litt  doch  selbst  der  Isarwinkel
mehrmals  unter  den  Einfällen  der  Schweden  —  vielfache  Hemmnisse.  Trotzdem
erfolgten  Fahrten  die  Donau  abwärts  bis  nach  Ungarn  gerade  vonseiten  der
Oberländer  Flößer  häufig.  Darauf  weist  so  manche  Grabschrift  oberhalb  der
Greiner  Stromenge  unterhalb  Linz  nicht  minder  hin  als  die  in  den  Tölzer
Pfarrbüchern  öfters  verzeichnete  Tatsache,  daß  Floßleute  der  „ungarischen
Krankheit“  (wahrscheinlich  einer  Art  Dysenterie)  erlagen,  welche  sie  aus  Ungarn
eingeschleppt  hatten.  Heute  noch  sind  in  Ofen  und  Pest  Nachkommen  uralt
angesehener  oberländischer  Flößerfamilien  ansässig.  Als  leichte  Rückfracht
wurden  aus  Osterreich  gewöhnlich  seidene,  nach  orientalischen  Mustern  geblümte
und  gefranste  Brust=  und  Halstücher  für  Frauen  und  Mädchen  mitgebracht.

Auch  in  den  Dienst  der  Kriegführung  wurden  die  Flößer  des  Isarwinkels
gestellt  und  zwar  besonders  gegen  Ende  des  17.  Jahrhunderts.  Ihre  Bekanntschaft
  mit  dem  Wasserwege  nach  Ungarn  sowie  die  Raschheit  und  Billigkeit  der
Provianttransporte  auf  Isar  und  Donau  war  besonders  in  den  Feldzügen
Max  Emanuels  gegen  die  Türken  willkommen.  So  kam  z.  B.  von  der  kurfürstlichen
  Hofkammer  1684  Befehl  nach  Tölz  30  Flöße  mit  Nahrungsmitteln
und  Schießbedarf  nach  Ungarn  gehen  zu  lassen  —  und  der  Aufforderung
ward  Folge  geleistet.  In  demselben  Jahre  wurde  auch  die  Hofmark  Hohenburg
  (bei  Lenggries)  angehalten  30  Fergen  zur  gleichen  Fahrt  nach  Ungarn
aufzubringen.  Während  der  Belagerung  Ofens  durch  die  8000  Mann  starke
bayerische  Hilfsarmee  mußte  der  Pflegeamtsverwalter  von  Tölz  90  ausgewählte,
jeder  Gefahr  gewachsene  Isarwinkler  mit  Vorräten  verschiedenster  Art  ins  kurfürstliche
  Lager  abgehen  lassen.  Sie  kamen  samt  ihren  Fahrzeugen  glücklich
vor  Ofen  an  und  diejenigen,  welche  die  Dysenterie  verschont  hatte,  zogen  im
September  1686  mit  den  Kriegsleuten  in  die  eroberte  Festung.  —  Ahrlich
wurde  im  Kampfe  der  Landesverteidiger  mit  den  Osterreichern  1705  den  zum
Entsatz  Münchens  herbeigeeilten  Bauern  des  Oberlandes  zu  Wasser  Mundvorrat
und  Proviant  nachgeführt.  Man  erzählt  sogar,  daß  die  Flößer  von  der
Lände  wegstürmten  um  am  letzten,  todesmutigen  Ringen  in  Sendling  teilzunehmen.
  Daraus  erklären  sich  vielleicht  die  harten  Maßregeln,  welche  der
österreichische  Statthalter  auch  gegen  sie  erließ.  Noch  am  6.  Februar  1708
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        72.  Die  Isar  als  Verkehrsstraße  einst  und  jetzt.  395

ordnete  er  an,  daß  kein  Fahrzeug  auf  der  Isar  München  verlassen  dürfe,  ehe
die  abfahrenden  Personen  bei  der  Kanzlei  sich  angemeldet.  Überhaupt  lähmten
die  infolge  des  Spanischen  Erbfolgekrieges  in  Bayern  hervorgerufenen  Verhältnisse
  den  gesamten  Floßverkehr  auf  der  Isar  ein  volles  Jahrzehnt,  was
wohl  Mittenwald  am  bittersten  zu  fühlen  bekam.  Ungleich  geringfügiger  war
im  Vergleiche  hierzu  der  Rückschlag,  den  der  Pandureneinfall  in  den  Isarwinkel
während  der  Streitigkeiten  des  Kurfürsten  Karl  Albert  mit  Maria  Theresia
im  Osterreichischen  Erbfolgekrieg  verursachte.

Die  durchaus  friedliche  und  volksfreundliche  Regierung  des  Kurfürsten
Maximilian  III.,  des  Vielgeliebten,  konnte  in  dem  Floßverkehr,  soweit  er  nicht
auf  München  lokalisiert  war,  keinen  anhaltenderen  Aufschwung  bringen.  Die
damalige  Teuerung  der  Forstprodukte  infolge  einer  maßlos  vermehrten,  höchst
lohnenden  Ausfuhr  über  die  Landesgrenze  erforderte,  daß  ihrer  Weiterverfrachtung
  sowie  der  Ausfuhr  von  Floßstämmen  die  festesten  Schranken  entgegengesetzt
  wurden.  Anderseits  wurde  der  Isarverkehr  zwischen  dem  Oberland
und  der  Landeshauptstadt  in  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  ausgiebig
  durch  die  blühende  Entwickelung  des  Gewerbelebens  in  Tölz  gefördert.
Und  zwar  vor  allem  durch  den  Aufschwung  der  dortigen  Bierbrauerei.  Gegenwärtig
  noch  erkennt  auch  der  eiligste  Wanderer  bei  einem  Gange  durch  die
Hauptstraße  dieses  Marktes  an  den  auffallend  vielen  Braufirmen,  welches
Ruhmes  sich  das  Tölzer  Bier  früher  erfreuen  mochte.  1610  gab  es  bereits
in  Tölz  18,  1631  22,  1784  24  Brauereien.  Deshalb  meinte  auch  ein  Schriftsteller
  aus  der  Zeit  Karl  Theodors:  „Ungeachtet  der  Markt  Tölz  sehr  gewerbig
und  die  Zahl  der  Wirte,  welche  das  Bier  von  Tölz  holen,  nicht  klein  ist,  so
möchte  die  Zahl  der  Bräuer  dennoch  zu  groß  sein,  wenn  nicht  alljährlich  im
Herbst  vieles  Tölzer  Bier  auf  der  Isar  nach  München  geführt  würde.“  Mit
welcher  Vorliebe  dasselbe  früher  in  der  Hauptstadt  getrunken  wurde,  bezeugt
die  Angabe,  daß  im  Jahre  1782  nicht  weniger  als  8730  Eimer  davon  auf
Flößen  nach  München  gingen.

Neben  dem  Bier  gewannen  bald  auch  die  sogenannten  „Tölzer  Waren“
für  die  Ausfuhr  Bedeutung.  Alle  Quatember  brachten  die  Tischler  und  Kistlermeister
  des  Ortes  Erzeugnisse  ihrer  Kunstfertigkeit  zu  Wasser  nach  München
und  jährlich  einmal  nach  Landshut.  Es  waren  aus  Fichtenholz  verfertigte,
mit  Olfarben  angestrichene,  häufig  auch  mit  blumenähnlichen  Zeichnungen  und
religiösen  Bildern  verzierte  Möbel,  die  sofort  von  der  Lände  weg  in  die  Stadt
geführt  und  von  den  Bauern  der  Umgegend,  von  Dienstboten  und  geringeren
Bürgern  gerne  gekauft  wurden.

Von  günstigstem  Einfluß  auf  den  Isarverkehr  des  17.,  18.  und  der
ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  war  jedenfalls  auch  die  Einrichtung  der
Ordinarifuhren.  Sie  waren  ein  regelmäßiges  Verkehrsmittel  im  Sinne
der  heutigen  Postwagen  und  Bahnzüge  und  wurden  für  Personenverkehr  und
Güterfracht  sehr  stark  benutzt.  Von  Tölz  fuhren  Ordinariflöße  in  der  Regel
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        396  72.  Die  Isar  als  Verkehrsstraße  einst  und  jetzt.

wöchentlich  zweimal  nach  München  (Montags  und  Freitags).  Auch  den  Verkehr
nach  den  unteren  Isarstädten  und  Wien  besorgten  während  des  ganzen
18.  Jahrhunderts  zwei  Ordinarifuhren.  Später  freilich  wurde  diese  Floßverbindung
  auf  eine  einmalige  Fuhr  in  der  Woche  beschränkt,  die  allerdings  nicht
selten  mit  mehreren  aneinandergefügten  oder,  wie  das  Volk  sagt,  aneinandergestrickten
  Fahrzeugen  ausgeführt  wurde.  Auf  eine  landläufige  Benutzung
dieser  Ordinariflöße  nach  dem  altbayerischen  Unterlande  und  Ssterreich  darf
auch  daraus  geschlossen  werden,  daß  die  Floßmeister  in  den  Kalendern  die
Zeiten  der  Abfahrt  und  die  feststehenden  Fahrpreise  öffentlich  bekanntgaben.
Die  Wegfahrt  nach  Wien  geschah  am  Montag  und  zwar  im  Sommer  um
1  Uhr,  im  Frühling  und  Herbst  um  12  Uhr  mittags,  im  Winter  aber,  wenn
überhaupt  gefahren  werden  konnte,  schon  um  10  oder  11  Uhr.  Nach  Landshut
  ging  allwöchentlich  außerdem  zwischen  April  und  Oktober  ein  Floß  Donnerstag
  morgens  ab.  Genügten  jedoch  diese  auf  bestimmte  Tage  festgesetzten
Fahrten  nicht,  so  konnten  für  Personen  und  Güter  jederzeit  noch  weitere  Flöße
bestellt  werden.  Die  im  Verhältnis  zum  Landweg  ausnehmend  niedrigen  Fahrpreise
  betrugen  von  München  bis  Landshut  30  Kreuzer,  bis  Plattling  1  Gulden
6  Kr.,  Passau  1  Gulden  30  Kr.,  Linz  2  Gulden,  Wien  3  Gulden.  Für  das
Reisegepäck  war  keine  Fracht  zu  entrichten.  Diejenigen  Reisenden,  welche  die
auf  dem  Floß  aufgestellte,  zur  rauheren  Jahreszeit  geheizte  Hütte  benutzen
wollten,  hatten  doppelten  Fahrpreis  zu  entrichten.  Für  Kaufmannsgüter  und
andere  Waren  mußten  bis  Wien  3  Gulden  für  den  Zentner  bezahlt  werden.
Wenn  bei  sonnenhellem,  lindem  Wetter  das  Ordinarifloß  sachte  über
die  Wellen  der  Isar  glitt,  mag  es  auf  ihm  gar  fröhlich  zugegangen  sein.  Alt
und  jung,  Künstler  und  Gelehrte,  Kaufleute  und  Vergnügungsreisende  vertrauten
  sich  demselben  an  und  verkehrten  zwanglos  untereinander.  Auf  dem
Ordinarifloß  gelangt  z.  B.  auch  der  junge  Franz  Lachner  voll  Hoffnungen
und  Plänen  von  München  nach  Wien  und  kein  Geringerer  als  sein  Freund
Moritz  v.  Schwind  hat  diese  billige  und  kurzweilige  Fahrt  des  Meisters  der
Töne  in  „die  Zukunft“  humoristisch  in  seiner  „Lachnerrolle“  1)  verherrlicht.
Das  Wahrzeichen  des  alten  Floßverkehrs  in  München  war  das  Wirtshaus
  zum  „grünen  Baum“.  Wer  des  bewegten  und  zugleich  heiter-behäbigen
Lebens  gedenken  möchte,  welches  so  lange  Jahre  in  und  vor  diesem  geherrscht
hat,  der  beschaue  das  beigefügte  Bild.  Maler  Stephans  hat  es  zur  Zeit  der
gesegneten  Regierung  Max  III.  Joseph  entworfen,  Meister  Jungwirth  den  Stich
ausgeführt.  Es  liegt  ein  Schimmer  des  Sonnenglanzes  dieser  Friedenszeit
über  dem  Ganzen.  Hart  im  Vordergrund  ruht  ein  mit  Faßgut  beladenes,  zur
Abfahrt  bereites  Kaufmannsfloß  samt  Schutzhütte.  Im  Hintergrund  aber

1)  „Franz  Lachner“,  eine  biographische  Skizze  zur  Erinnerung  an  seinen  100.  Geburtstag
  verfaßt,  S.  40  ff.  Leipzig  1903,  Breitkopf  &amp;amp;  Härtel  und  Altbayerische  Monatsschrift
  IV.  2  u.  3.
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        72.  Die  Isar  als  Verkehrsstraße  einst  und  jetzt.  397

öffnet  sich  dem  Blick  ein  Teil  der  Lände,  welche  damals  zugleich  als  Holzlagerplatz
  zu  dienen  hatte.  Das  festtäglich  ungezwungene  Treiben  unmittelbar
  am  Strande  der  Isar  aber  und  die  Sorgfalt,  mit  welcher  die  Gewandung
  all  der  einzelnen  fröhlichen  Menschengruppen  wiedergegeben  wurde,  läßt
uns  ahnen,  daß  die  Künstler  der  Wahrheit  die  Ehre  gaben.  Seit  Jahren
ist  diese  vielbesuchte  und  unter  König  Ludwig  I.  auch  in  Künstlermund  viel- 



 

Das  Wirtshaus  zum  „Grünen  Baum“  in  München.

genannte  Stätte  Altmünchens  nicht  mehr.  Die  Ordinarifuhren  jedoch  sind  längst
durch  die  Eisenbahnzüge  verdrängt  worden.  Mag  die  Isar  jedoch  dem  Verkehr
  gegenwärtig  auch  ungleich  geringere  Dienste  leisten  als  in  vergangenen
Tagen,  ihr  Tal  wird  der  lebensvollen  und  seinem  Aussehen  so  durchaus  angepaßten
  Staffage,  welche  ihm  die  Floßfahrt  verleiht,  auch  in  künftigen  Zeiten
keineswegs  entbehren  müssen.  Am  wenigsten  aber  dann,  wenn  einst  München
durch  eine  Kanalverbindung  an  den  Großschiffahrtsweg  angeschlossen  ist,  der
zum  Segen  für  Bayerns  wirtschaftliche  Gesamtverhältnisse  das  Donaugebiet
mit  den  Main-Rheinlanden  verknüpfen  wird.
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        398  73.  Ein  Königsidyfl  vom  Tegernsee.

73.  Ein  Königsidyll  vom  Tegernsee.
Von  Karl  Stieler.")

An  den  blauen  Ufern  des  Tegernsees,  wo  einst  der  grübelnde  Mönch
vor  seinem  Pergamente  gesessen,  hatte  König  Max  l.  sich  ein  Tuskulum  gegründet,
  das  ihm  bald  gar  tief  ins  Herz  wuchs.  Als  er  das  jetzige  Schloß
im  Jahre  1817  kaufte,  waren  alle  Verhältnisse  des  Ortes  noch  von  der  primitiuosten
  Art:  das  schmale  Sträßlein,  von  Vergißmeinnicht  umwuchert,  lief  so
dicht  am  See  hin,  daß  die  Räder  des  Wagens  vom  Wasser  bespült  wurden;
man  sah  noch  die  langen  bräunlichen  Röcke  mit  den  vielen  Knöpfen,  wie  sie
die  alten  Votivtafeln  zeigen;  die  Weiber  aber  trugen  die  Pelzkappe  und  den
roten  Goller  und  Gewänder  von  schwarzem  Wollstoff.  Im  ganzen  Dorfe
gab  es  nur  eine  einzige  Taberne  und  auch  diese  war  so  recht  vom  alten
Schlage.  Denn  als  Prinz  Karl  einmal  (noch  vor  den  Freiheitskriegen)  mit
einem  Kavalier  nach  Tegernsee  kam  und  sein  Wagen  vor  dem  Wirtshause
anhielt,  da  sah  die  Wirtin,  den  Arm  in  die  Seite  gestemmt,  hinein  und
sprach:  „Herrgott  noamal,  is  dös  a  sakrisch-sauberer  Bua!  Machts  jetzt  nur
gleil,  daß's  wieder  weiterkommts;  mit  so  schöne  Herrschaften  kann  unsereiner
nix  ausrichten.“

Das  waren  noch  die  alten,  echten  Bauernzeiten  von  Tegernsee;  aber  dem
König  ward  wohl  inmitten  ihrer  Einfachheit.  Wie  mußte  ihm  nach  den
Stürmen  der  Napoleonischen  Zeit  jene  tiefe  Ruhe  behagen  und  sein  Herz,
das  nie  an  höfischem  Prunk  hing,  mochte  wohl  auch  die  Gefühle  teilen,  die
der  alte  Plinius  einst  ausgesprochen,  wenn  er  von  seinem  Landsitze  auf  den
blauen  Comer  See  hinaussah:  „Hier  bin  ich  nicht  gequält  von  Sorge  und
Hoffen,  hier  dringt  kein  Wort  aus  meinem  Mund  und  an  mein  Ohr,  das  mich
gereuen  müßte.  Nie  hör'  ich  in  bitterem  Ton  über  die  Menschen  schmähen."“
Der  Leutseligkeit  des  Königs  aber,  die  ihm  so  sehr  Bedürfnis  war,  stand  ein
kerngesundes,  aufgewecktes  Volkstum  gegenüber,  das  der  Liebenswürdigkeit  wert
war  und  den  Frohsinn  verstand,  womit  ihm  sein  Herrscher  begegnete.  Wenn
man  ihn  damals  wandeln  sah  im  grünen  Rock  und  Kappenstiefeln,  das  Stöckchen
in  der  Hand,  wenn  man  ihn  mit  jedem  Bauer  sprechen  und  scherzen  sah  —
das  war  nicht  nur  das  Bild  eines  menschenfreundlichen  Fürsten,  es  war  das
Bild  eines  Glücklichen.

Das  letzte  und  innerste  Geheimnis  dieses  Glückes  aber  lag  in  dem
Familienleben,  an  dem  er  hing  mit  seinem  ganzen  Herzen  und  das  er  gerade
dort  auf  dem  Lande  so  zwanglos  pflegen  konnte.  Dieser  schöne,  rein  menschliche
  Zug  ist  es  gewesen,  der  ihn  dem  Volke  so  nahe  brachte;  darin  wurde  er
ja  am  besten  verstanden,  auch  vom  gemeinen  Manne;  das  machte  ihn  so  unendlich
  populär.

1)  Aus  „Fremde  und  Heimat“  S.  241  ff.  Stuttgart  1886.  A.  Bonz.-
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        73.  Ein  Königsidyll  vom  Tegernsee.  399

Sechs  blühende  Töchter  erwuchsen  in  seinem  Hause;  aber  wenn  er  von
den  erlauchten  Prinzessinnen  sprach,  nannte  er  sie  niemals  anders  als  „meine
Mädeln“,  und  wenn  er  mit  ihnen  spazieren  ging,  wies  er  mit  Stolz  darauf:
„Das  ist  mein  Postzug!“  Und  nachdem  sich  die  ersten  zwei  vermählt  hatten,
fügte  er  lachend  hinzu:  „Jetzt  kann  ich  nur  mehr  vierspännig  fahren!“

Die  Einrichtung  des  Schlosses  zeigte  eine  wahrhaft  rührende  Einfachheit:
Jede  der  Töchter  hatte  nur  ein  einziges  Zimmer;  die  Möbel  waren  mit  buntem
Pers  überzogen  und  ein  schmalfüßiges  Spinett  stand  in  der  Ecke.  Wenn  man
des  Morgens  vorüberging,  hörte  man  eifrig  durchs  offene  Fenster  die  Skala
spielen  oder  es  ward  eine  Lehrstunde  erteilt;  nachmittags  sah  man  die  jungen
Prinzessinnen  rudern,  und  wenn  ein  Spaziergang  nach  Egern  führte,  ward  nicht
selten  die  öffentliche  Fähre  benutzt.  Mit  beiden  Händen  vor  dem  Munde  riefen
sie  dann  jodelnd  hinüber:  „Überfahren,  überfahren!“  Ja,  als  Elisabeth,  die
spätere  Königin  von  Preußen,  nach  Jahren  wieder  in  ihr  heimatliches  Tegernsee
kam,  erbat  sie  sich  von  ihrem  hohen  Gemahl  die  Gunst,  daß  sie  wieder  wie
damals  selber  nach  dem  Schiffe  rufen  dürfe.  Friedrich  Wilhelm  IV  aber  fand
an  diesem  zwanglosen  Gebaren  so  viel  Reiz,  daß  er  es  gern  teilte.  „Willst
du  deinem  Vater  einen  Gruß  von  mir  bestellen?“  sprach  er  eines  Tages  zu
meiner  kleinen  Schwester,  die  unter  der  Gartentüre  stand,  und  als  das  Kind
ernsthaft  erwiderte:  „Ich  kann  ja  keinen  Gruß  bestellen,  ich  weiß  ja  nicht,
wer  du  bist“,  fügte  er  lachend  hinzu:  „Sag  nur  vom  Herrn  Friedrich
Wilhelm.“

Bei  König  Max  I.  verging  wohl  kein  Tag,  ohne  daß  er  irgend  ein
Bauernhaus  betrat  oder  mit  dem  nächsten  besten  Holzknechte  ein  Gespräch  anband;
  die  Leute  ließen  sich  dabei  vollkommen  gehen  und  redeten,  wie's  ihnen
eben  in  den  Sinn  kam.  Der  eine  klagte,  wie  schwer  es  sei  ein  großes  Bauerngut
  richtig  zu  regieren.  „Was  soll  denn  ich  erst  sagen,"“  erwiderte  der  König,
„ich  muß  das  ganze  Land  regieren!“  „Wissen  S'  was,“  sprach  der  Bauer,
„da  tat  i's  halt  an  Ihrer  Stell’  amal  a  Zeit  verpachten.“  Meister  Hansstängl,
der  vor  kurzem  starb  und  in  der  Nähe  von  Dietramszell  geboren  war,  traf
als  halbgewachsener  Junge  eines  Tages  den  König  ohne  zu  wissen,  wer  vor
ihm  stand.

„Wo  bist  du  denn  her?“  fragte  der  König.

„Aus  dem  Tegernseer  Landgericht“,  erwiderte  der  Junge.

„Was,  aus  dem  Tegernseer  Landgericht?"  rief  jener  mit  ungeheuchelter
Freude,  „dann  sind  wir  ja  Landsleut',  da  bin  ich  ja  auch  daheim."“

Ungescheut  nannten  die  Sennerinnen,  die  in  der  Nähe  der  Kaltenbrunner
Alm  ihre  Weiden  hatten,  den  König  „Herr  Nachbar"“.  Und  wenn  er  auf
einem  seiner  Gänge  den  blauen  Rauch  aus  einem  Hause  steigen  sah,  dann
blieb  er  bisweilen  stehen  und  rief  durchs  offene  Küchenfenster:  „Was  gibt's
denn  heut?“  „Knödel  gibt's“,  erscholl  es  von  innen.  „Ah,  das  ist  recht,“
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        400  73.  Ein  Königsidyll  vom  Tegernsee.

rief  dann  der  König,  „da  esse  ich  auch  gleich  mit  —  jetzt  hab'  ich  doch
so  viele  Köche  daheim  und  doch  kann  mir  kein  einziger  noch  richtige  Knödel
machen.“

Diese  Vertraulichkeit  des  Königs  suchten  die  Bauern  natürlich  mit  allen
erdenklichen  Aufmerksamkeiten  zu  erwidern.  Wenn  ihm  irgend  ein  alter  schöner
Baum  gefiel,  so  machte  der  Besitzer  ihn  sofort  Sr.  Majestät  zum  Geschenk
und  eine  Reihe  der  herrlichsten  Linden  ist  in  Tegernsee  nur  dadurch  von  der
Axt  verschont  geblieben.  Wo  er  neue  Wege  anzulegen  wünschte,  gab  man  ihm
Grund  und  Boden  ohne  Entschädigung;  vor  allem  aber  lag  ihm  ein  Waldpfad
  zum  „Bauer  in  der  Au“  am  Herzen.  Als  derselbe  vollendet  war  und
der  König  ihn  zum  erstenmal  allein  beging,  fand  er  plötzlich  mitten  im  Walde
einen  blanken  eichenen  Tisch  und  auf  demselben  waren  Butter  und  Milch,  Erdbeeren
  und  Kirschen  sorgsam  zugerichtet;  davor  ein  stattlicher  Großvaterstuhl
und  weit  und  breit  niemand  zu  sehen.  Er  ließ  sich  nieder  und  schmauste,  die
Bauern  aber  waren  ringsum  in  den  Gebüschen  versteckt  und  weideten  sich  daran,
wie  ihre  Kost  dem  Fürsten  mundete.  Erst  als  er  wieder  aufbrechen  wollte,
kamen  sie  hervor  und  einer  von  ihnen,  der  Seppl  von  Abwinkel,  hieß  ihn  mit
einer  kurzen  Ansprache  willkommen.

All  das  sind  nur  kleine  einzelne  Züge  und  dennoch  sind  sie  wahr  —
denn  aus  denselben  atmet  die  Seele  jener  Zeit.

Dazwischen  gab  es  freilich  auch  mitunter  ein  hochgesteigertes  öffentliches
Leben,  die  Kaiser  von  Rußland  und  Osterreich,  die  Fürsten  aller  erdenklichen
Länder  kamen  nach  Tegernsee  zum  Besuch  und  großartige  Beleuchtungen  des
Sees  oder  der  Berge  wurden  zu  ihren  Ehren  veranstaltet.  Wenn  wichtigere
Beratungen  nötig  waren,  kamen  die  einzelnen  Minister  heraus  und  eine  Reihe
der  bedeutsamsten  Gesetze  und  Verordnungen  (wir  erinnern  nur  an  die  berühmte
„Tegernseer  Erklärung“  zum  Konkordat)  trägt  das  Datum  dieses  Ortes.  Selbst
die  Kammern  des  Landes  wurden  einmal  vom  König  nach  Kaltenbrunn  und
Kreuth  geladen  und  dort  bewirtet.

Im  ganzen  aber  überwog  doch  unendlich  die  —  Idylle;  sein  Verhältnis
zu  den  Bewohnern  war  noch  immer  am  richtigsten  bezeichnet  durch  jenes
rührende,  naive  Wort,  das  ihm  beim  Einzug  einst  ein  Münchener  Bürger  in
den  offenen  Wagen  rief:  „Na,  Maxl  —  weilst  nur  Du  da  bist!“  Seine  Nähe
allein,  seine  Persönlichkeit  hatte  etwas  Beglückendes  für  das  Volk.  Am  letzten
Tage  seines  Lebens,  am  12.  Oktober  1825  (es  war  sein  Namenstag),  hatte  er
ein  Bild  des  Schlosses  zum  Geschenk  erhalten;  er  betrachtete  es  lange  und
zuletzt  hielt  er  die  Hände  vor  das  tränende  Gesicht  und  sprach  halblaut:  „Mein
liebes  Tegernsee!“  —  Noch  in  derselben  Nacht  war  Max  I.  eine  Leiche.
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        74.  Des  Kurfürsten  und  Königs  Max  I.  Joseph  innere  und  äußere  Politik.  401

74.  Des  Kurfürsten  und  Königs  Max  I.  Joseph  innere  und
äußere  Politik.
Von  Karl  Theodor  von  Heigel.!)

Der  Kongreß  zu  Rastatt  hatte  durch  die  Erneuerung  des  Kampfes  mit
der  französischen  Republik  ein  jähes  Ende  genommen.  Noch  war  der  Krieg
nicht  erklärt,  als  schon  eine  österreichische  Armee  in  Bayern  erschien.  Die
Erinnerung  an  Ereignisse,  die  noch  kaum  der  Vergangenheit  angehörten,  rief
sofort  bange  Gerüchte  wach:  die  Osterreicher  seien  nicht  zum  Kampf  gegen  die
Franzosen,  sondern  zur  Besetzung  des  Landes  bestimmt.  Ratlos  und  auf  das
Außerste  gefaßt  sah  das  Volk  der  Wiederkehr  der  Zustände  entgegen,  welche
der  Unglückstag  von  Höchstädt  im  Gefolge  gehabt  hatte,  da  erscholl  plötzlich  die
Kunde,  der  Kurfürst  sei,  vom  Schlagfluß  gerührt,  verschieden  (16.  Februar  1799).

Mochte  der  Tod  des  ungeliebten  Fürsten  manche  Befürchtungen  zerstreuen,
so  war  das  Ereignis  anderseits  wohl  dazu  angetan  die  schon  herrschende
Verwirrung  noch  zu  steigern.  Die  Staatsregierung  ohne  Ansehen,  die  wichtigsten
Amter  in  unwürdigen  Händen,  der  Staatsschatz  leer,  die  Armee  schwach  und
schlecht  organisiert,  die  Landschaft  ohne  Achtung  und  Einfluß,  Handel  und
Gewerbe  daniederliegend,  noch  trauriger  Volksbildung  und  geistiges  Leben,
so  gemahnten  die  inneren  Zustände  Bayerns  allenthalben  an  Verfall  und
Auflösung.  Vom  Reich  war  kein  Schutz  zu  erwarten,  denn  dahin  war  alle
Kraft  und  Größe.  Schon  ließ  sich  mit  Sicherheit  voraussehen,  daß  auch  die
letzten  Bürgen  der  Zusammengehörigkeit  der  deutschen  Stämme,  Reichstag  und
Reichskammergericht,  verschwinden  würden.  Nirgend  ein  Anwalt,  nirgend  ein
Freund,  Bayern  konnte  nur  durch  ein  letztes  Zusammenraffen  der  eigenen
Kräfte  gerettet  werden  oder  mußte  seiner  Selbständigkeit  verlustig  gehen.  Alles
hing  ab  von  der  Persönlichkeit  des  Fürsten,  der  in  so  wild  bewegter  Zeit  an
die  Spitze  des  Staates  trat,  Wohl  oder  Wehe,  Rettung  oder  Untergang.

Und  siehe!  Der  Genius  Bayerns  berief  einen  Mann  auf  den  Thron,
der  dem  bayerischen  Volke  Freund,  Vater,  Retter  ward!  Max  Joseph,  ein  klarer
Geist  und  edles  Gemüt,  gab  dem  Volke  das  Beispiel  eines  wahren  Patrioten,
er  weckte  in  der  dumpfen  Brust  wieder  den  göttlichen  Funken:  die  Begeisterung
für  den  heimischen  Herd  und  den  Willen  politisch  und  geistig  frei  zu  sein.

Schon  die  Tatsache,  daß  Max  Joseph  zur  Regierung  von  Pfalz--Bayern
gelangte,  erscheint  wunderbar,  wenn  man  bedenkt,  daß  bei  seiner  Geburt  (1756)
die  Zweige  von  Bayern  und  Pfalz  noch  in  kräftiger  Blüte  standen,  daß  er
selbst  nur  der  zweitgeborene  Sohn  eines  mit  dem  kleinsten  Teil  der  Wittelsbachischen
  Hausgüter  begabten  Fürsten  war.  Dieser  Vater,  Friedrich  Michael,
aus  der  Linie  Zweibrücken-Birkenfeld,  war  niemals  regierender  Fürst  gewesen;

 

1)  Bgl.  „Die  Wittelsbacher“,  Festschrift  zur  Feier  des  700  jährigen  Regierungsjubiläums
  des  Hauses  Wittelsbach,  S.  72  ff.  München  1880,  M.  Rieger.
Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  26
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        402  74.  Des  Kurfürsten  und  Königs  Max  1.  Joseph  innere  und  änßere  Politik.

erst  sein  ältester  Sohn  Karl  August,  der  beharrliche  Verteidiger  der  Wittelsbachischen
  Hausrechte,  war  durch  das  Ableben  seines  Oheims  Christian  IV.
Regent  des  kleinen  Herzogtums  Zweibrücken  geworden.  Sein  Bruder  Max
Joseph  trat,  wie  es  bei  nachgeborenen  deutschen  Prinzen  nicht  ungewöhnlich,  in
französische  Kriegsdienste  und  lebte  als  Oberst  des  Regiments  d'fAlsace  in
Straßburg,  streng  und  pünktlich  im  Dienst,  heiter  und  leutselig  im  gesellschaftlichen
  Verkehr  mit  jedermann.  Nach  Ausbruch  der  Revolution  zog  er  sich
in  ländliche  Einsamkeit  nach  Rohrbach  an  der  Bergstraße  zurück,  da  sah  er
sich  plötzlich  durch  den  Tod  seines  Bruders  1795  zum  Herzog  von  Zweibrücken,
  durch  das  Ableben  Karl  Theodors  1799  auf  den  bayerisch-pfälzischen
Kurstuhl  erhoben.

Sein  Einzug  in  München  war  ein  wahrer  Festtag  für  das  Volk.  Den
ersten  Gruß  erhielt  er  an  der  Maxburg  von  dem  in  Stadt  und  Land  wohlbekannten
  Kaltenegger  Bräu;  der  ergriff  mit  seiner  derben,  schwieligen  Hand
die  des  Fürsten  und  rief  dabei:  „Na,  Maxl,  weil  nur  du  da  bist!“  Der
derbe  Ausdruck  froher  Erwartung  entsprach  der  Volksstimmung:  alles  brachte
dem  neuen  Regenten  die  zuversichtliche  Hoffnung  entgegen,  daß  nun  für  Bayern
eine  bessere  Zukunft  anbrechen  werde.

Bald  ließ  sich  auch  erkennen,  daß  mit  dem  neuen  Regenten  ein  guter
Geist  eingezogen  sei,  wenn  sich  auch  natürlich  nicht  wie  mit  einem  Zauberschlag
  die  traurige  Lage  des  Staates  ändern  konnte.  Es  waren  ja  die  reichen
linksrheinischen  Landesteile  in  Feindeshand  und  das  Militärwesen  heischte  in
der  kriegerfüllten  Zeit  erhöhten  Aufwand.

In  der  äußeren  Politik  blieb  Max  Joseph  vorerst  in  den  Geleisen  der
Politik  seines  Vorgängers,  er  ließ  seine  Truppen  an  der  Seite  der  Osterreicher
fechten.  Der  Feldzug  nahm  für  sie  den  ungünstigsten  Verlauf,  sie  wurden  fast
allerorten  zurückgedrängt.  Am  28.  Juni  1800  sprengten  die  ersten  französischen
Reiter  durch  das  Karlstor  in  München  ein  und  ein  volles  Jahr  hindurch  hatte
die  Stadt  Tausende  und  Abertausende  ungebetener  Gäste  zu  bewirten.  Die  Plätze
und  Straßen  boten  damals  ein  bewegtes,  farbiges  Bild.  Man  sah  Soldaten
und  Offiziere  von  allen  möglichen  Farben  und  Waffengattungen.  Der  unansehnliche,
  kleine  Volontär  tummelte  sich  neben  dem  stattlichen  Karabinier;  hier
stand  eine  Truppe  Grenadiere,  dort  Husaren;  Marketenderinnen,  Lieferanten
und  Troßknechte,  alles  drängte  sich  durcheinander,  man  schimpfte  und  fluchte
oder  sang  und  war  guter  Dinge.  Nach  einer  damals  veröffentlichten  Flugschrift
  soll  die  Mehrzahl  der  Franzosen  gar  verwahrlost  und  unkriegerisch
ausgesehen  haben,  „daß  man  hätte  glauben  mögen,  ein  deutsches  Regiment
nehme  es  mit  vier  solchen  auf“.  Die  Pantalons  der  Soldaten  bestanden  aus
jenem  gestreiften  Zeug,  welches  man  in  den  Landstädten  zu  Fenstervorhängen
und  Bettüberzügen  benutzt,  so  daß  man  den  Ursprung  leicht  erraten  konnte.
Die  Offiziere  waren  fast  durchgängig  sehr  junge  Leute.  Die  Generale  quartierten
  sich  in  die  Paläste  der  Adeligen  ein,  die  mit  dem  Kurfürsten  geflohen
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        74.  Des  Kurfürsten  und  Königs  Max  I.  Joseph  innere  und  äußere  Politik.  403

waren,  und  veranstalteten  auf  Kosten  ihrer  abwesenden  Wirte  glänzende  Bälle
und  Schmausereien.  Doch  ließen  sich  die  Franzosen  auch  die  edleren  Genüsse
nicht  entgehen,  die  ihnen  die  Stadt  bieten  konnte.  Wie  Moreau  große  Vorliebe
für  die  deutsche  Literatur  hegte,  so  war  General  Desolle  ein  enthusiastischer
Verehrer  der  deutschen  Tonkunst.  Auf  seinen  Wunsch  wurde  durch  die  kurfürstliche
  Kapelle,  die  einen  hohen  Ruf  genoß,  Haydns  Schöpfung  aufgeführt,
die  selten  ein  so  begeistertes  Publikum  gefunden  haben  mag  wie  jene  französischen
Offiziere.  Ihre  Verehrung  für  die  bildenden  Künste  bekundeten  jedoch  die
Sieger  in  eigennützigster  Weise.  Als  der  Kommissär  der  Rheinarmee,  Neveu,
in  den  Gemäldesaal  der  Residenz  trat,  rief  er  überrascht  aus:  „Wie  war  es  nur
diesen  kleinen  Herzogen  und  Kurfürsten  von  Bayern  möglich  Kunstschätze  zu
sammeln,  wie  sie  die  Tuilerien  nicht  besitzen!“  Sofort  schrieb  er  auf  diejenigen
Gemälde,  die  ihm  am  besten  gefielen,  mit  Kreide:  Republique  Frangaise,  zur
Anweisung  für  die  Grenadiere,  welche  den  Raub  abholen  mußten.  Vorstellungen
bei  dem  Gouverneur  der  Okkupationstruppen  erzielten  nur  die  Antwort:  „Es
kann  nicht  die  Rede  sein  von  Bedingungen  und  Schwierigkeiten  zwischen  Sieger
und  Besiegten;  der  erste  befiehlt,  der  andre  gehorcht  gutwillig  oder  weicht  der
Gewalt.“  Auch  die  der  Stadt  auferlegte  ungeheure  Brandschatzung  ließ  die
Einwohner  über  ihr  Verhältnis  zu  den  „Befreiern  der  deutschen  Völker“,  wie
die  Franzosen  in  ihren  Proklamationen  sich  nannten,  nicht  im  Zweifel.

Auch  bei  Hohenlinden  konnten  die  ÖOsterreicher  und  Bayern  über  Moreaus
überlegenes  Feldherrngenie  nicht  obsiegen,  die  Franzosen  drangen  in  die  kaiserlichen
  Erblande  ein,  so  daß  der  Kaiser  für  seine  Hauptstadt  Wien  bangend
Waffenstillstand  schloß  und  Unterhandlungen  anknüpfte,  die  zum  Frieden  von
Lunéville  führten.  Dem  wachsamen  Montgelas,  dem  einflußreichsten  Minister
des  Kurfürsten,  blieb  nicht  unbekannt,  daß  vonseiten  des  Wiener  Kabinetts
neuerdings  Anstrengungen  gemacht  wurden,  um  für  die  an  Frankreich  abzutretenden
  Gebiete  Ersatz  durch  Einverleibung  eines  Teils  von  Bayern  zu  gewinnen.
  Es  war  demnach  in  Wahrheit  nur  ein  Akt  der  Notwehr,  daß  Bayern
um  sich  seiner  Frcunde  zu  erwehren  mit  Frankreich  einen  Vertrag  abschloß
(24.  August  1801),  wodurch  es  allen  Ansprüchen  auf  das  linke  Rheinufer  entsagte,
  sich  dagegen  eine  Entschädigung  an  Land  verbürgen  ließ,  „das  so  günstig
als  möglich  gelegen  wäre  um  als  Ersatz  für  alle  Verluste  zu  dienen“.

Da  durch  die  Bestimmungen  des  Luneviller  Friedens  überhaupt  eine
Umgestaltung  von  ganz  Deutschland  notwendig  geworden  war,  wurde  ein  Kongreß
  nach  Regensburg  berufen,  dessen  Hauptschluß  erst  am  27.  April  1803
zum  Vollzug  kam.  Dank  den  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  Frankreich
wurde  Bayern  bei  dem  Gebietsaustausch  in  hohem  Maße  begünstigt.  Es  erhielt
  die  Hochstiste  Würzburg  und  Bamberg,  die  zu  den  schönsten  und  bestkultivierten
  Territorien  des  Reiches  zählten,  die  Hochstifte  Augsburg  und  Freising
und  eine  große  Anzahl  wichtiger  Reichsstädte.  Erst  durch  diese  Erwerbungen
in  Franken  und  Schwaben  war  zu  einer  politischen  Entwicklung  Bayerns  die

K-
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        404  74.  Des  Kurfürsten  und  Königs  Max  I.  Joseph  innere  und  äußere  Politik.

wichtigste  Vorbedingung  erfüllt,  erst  durch  die  Verschmelzung  der  schwer  beweglichen
  altbayerischen  Bevölkerung  mit  den  regeren  und  lebhafteren  Volkselementen
  der  neuen  Provinzen  hatte  die  selbstgenügsame,  schädliche  Absperrung
Bayerns  gegen  das  übrige  Deutschland  ein  Ende.

Denn  dieses  Ziel  strebte  Max  Joseph  an:  Bayern  den  besten  Kulturstaaten
  ebenbürtig  zu  machen,  das  Staatswesen  den  Anforderungen  der  neuen
Zeit  entsprechend  zu  reformieren  und  sogar  ihre  überschäumenden  Ideen  der
herrschenden  Gewalt  dienstbar  zu  machen.  Die  Seele  dieser  Bestrebungen  war
Minister  Graf  Montgelas.  Bis  zu  seiner  1817  auf  Betreiben  des  Thronfolgers
  erfolgten  Entlassung  genoß  der  Graf  das  unbedingte  Vertrauen  des
Monarchen,  in  seinen  Händen  liefen  alle  Fäden  der  inneren  und  auswärtigen
Politik  Bayerns  zusammen.

Eine  Menge  von  Edikten  namentlich  auf  kirchenpolitischem  Gebiet  wurde
erlassen,  das  wichtigste  brachte  Gleichstellung  aller  christlichen  Konfessionen.
Der  Volkserziehung  wurde  ernsteste  Sorgfalt  zugewandt,  die  Zensur  für  politische
  Schriften  aufgehoben.  Der  Kampf  zwischen  einem  absterbenden  Alten
und  einem  werdenden  Neuen  mußte  Mißgriffe  und  Mißstände  mit  sich  bringen
und  die  schonungslose  Härte,  womit  Montgelas  und  die  Vollstrecker  seines
Willens  die  Vernichtung  alles  historisch  Gewordenen  in  Szene  setzten,  ist  nicht
zu  rechtfertigen.  Insbesondere  bei  Aufhebung  der  Klöster  zeigte  sich,  daß  die
sogenannten  Aufklärungsmänner  nicht  immer  als  die  wahren  Lichtfreunde  sich
erwiesen;  denn  durch  den  Vandalismus,  den  sie  bei  diesem  Anlaß  betätigten,
ging  der  Staat  der  erhofften  Vorteile  gänzlich  verlustig  und  noch  schmerzlichere
Verluste  erlitten  Kunst  und  Wissenschaft.  „Gleichwohl  aber,“  sagt  Häusser,
„war  die  Auflösung  des  Alten  wirklich  unvermeidlich  und  selbst  diese  gewalttätige
  Periode  hat  eine  Menge  Fesseln  gesprengt  und  eine  Fülle  von  Lebenskeimen
  zu  wecken  angefangen.“  Bedeutender  Fortschritt  wurde  auf  dem  Gebiet
der  Landeskultur  erzielt;  am  31.  August  1808  priesen  Hunderttausende  von
freien  Staatsbürgern  den  einsichtsvollen  Monarchen,  der  die  Leibeigenschaft  in
seinen  Staaten  ausgehoben  hatte.  Für  den  Handel  wurde  durch  Erleichterung
des  Verkehrs  gesorgt,  für  das  Gewerbe  durch  Lösung  von  drückenden  Zunftfesseln,
gemeinnützige  Anstalten  aller  Art  wurden  durch  die  Regierung  ins  Leben  gerufen.
  Ebenso  aus  der  persönlichen  Vorliebe  des  Kurfürsten  wie  aus  der
drohenden  Zeitlage  erklärt  es  sich,  daß  dem  Militärwesen  ganz  besondere  Aufmerksamkeit
  gewidmet  ward.  Kleine,  undisziplinierte  Soldatenhaufen  bildeten
unter  Karl  Theodor  die  fragwürdige  bayerische  Armee.  Binnen  wenig  Jahren
stand  ein  stattliches  Heer  unter  der  weißblauen  Fahne.  Die  tapferen  Taten.
desselben  trugen  wesentlich  dazu  bei,  daß  der  Staat,  der  nur  noch  ein  Wrack
schien,  nur  noch  als  Strandbeute  galt,  bald  eine  Achtung  gebietende  Stellung
unter  den  europäischen  Staaten  einnahm.

Beim  drohenden  Wiederausbruch  des  Krieges  zwischen  Frankreich  und
Österreich  war  es  Max  Josephs  Wunsch  neutral  zu  bleiben,  doch  das  war
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        74.  Des  Kurfürsten  und  Königs  Max  I.  Joseph  innere  und  äußere  Politik.  405

Unmöglichkeit,  sollte  nicht  der  kleinere  Staat  im  Anprall  der  beiden  Mächte
zermalmt  werden.  Thiers  enthüllt  in  seiner  Geschichte  des  Konsulats  und
Kaiserreichs  das  Motiv,  das  angeblich  dem  Zaudern  des  Kurfürsten  ein  Ende
setzte  und  ihn  zum  Bündnis  bewog.  „Der  unglückliche  Fürst  von  Bayern,
schwankend  zwischen  Osterreich,  welches  sein  Feind,  und  Frankreich,  welches  sein
Freund  war,  jenes  aber  nah  und  dieses  fern,  und  zugleich  eingedenk,  daß
Bayern  in  früheren  Kriegen  beständig  bald  von  diesem  bald  von  jenem  erdrückt
  und  beim  Frieden  stets  vergessen  war,  dieser  Fürst  wußte  nicht,  an  wen
er  sich  anschließen  sollte.  Er  wußte  wohl,  daß,  wenn  er  es  mit  Frankreich  halte,
er  nicht  bloß  auf  Erhaltung  sondern  auch  auf  Erweiterung  seines  Landes  hoffen
dürfe,  sprach  auch  immerwährend  mit  dem  französischen  Gesandten  an  seinem
Hofe,  Herrn  von  Otto,  von  einem  Bündnis  mit  Frankreich,  wagte  aber  nicht
es  abzuschließen.  Erst  als  Napoleon  an  ihn  schrieb  und  ihn  benachrichtigte,  daß
er  den  Feldzug  gegen  England  aufgeschoben  habe  und  unverzüglich  mit  200  000
Mann  nach  Deutschland  marschieren  werde,  auch  beisetzte,  der  Kurfürst  werde
zur  rechten  Zeit  Beistand  erhalten,  gab  dieser  zum  Bündnis  seine  Einwilligung.“
Was  aber  jedenfalls  noch  dringlicher  die  Einigung  mit  Frankreich  empfahl,
war  die  Nachricht,  Osterreich  habe  sich  in  einem  mit  Rußland  abgeschlossenen
Vertrag  den  Gewinn  Bayerns  bis  zum  Inn  garantieren  lassen.  Bei  unparteiischer
  Erwägung  aller  Verhältnisse,  vor  allem  der  Tatsache,  daß  eben  damals
in  jedem  Lager  selbstsüchtige  Politik  getrieben  wurde  und  Recht  wie  Moral
gleichsam  verhüllt  und  vertagt  waren,  wird  man  das  Bündnis,  das  Bayern
am  24.  August  1805  mit  Frankreich  schloß,  wenn  auch  nicht  rechtfertigen  wollen,
so  doch  entschuldigen  müssen.  Die  bayerische  Armee  wurde  unter  Napoleons
Oberbefehl  gestellt;  dagegen  versprach  dieser  Bayern  gegen  jeglichen  Angriff
zu  schützen  und  verhieß  ihm  beim  nächsten  Friedensschluß  so  reichen  Ländergewinn,
  daß  es  sich  künftig  aus  eigener  Kraft  der  österreichischen  Einverleibungsgelüste
  erwehren  könne.

Die  erste  Zusage  wurde  glänzend  gelöst.  Im  raschen  Siegeslauf  nahm
der  große  Schlachtenmeister  bei  Ulm  eine  ganze  österreichische  Armee  gefangen,
eilig  mußten  die  Kaiserlichen  das  kurz  vorher  besetzte  München  verlassen
und  am  24.  Oktober  1805  ertönte  zum  erstenmal  das  Vive  Japoléon!
in  den  Straßen  einer  deutschen  Stadt.  Doch  nur  kurze  Rast  gönnte  sich
der  geborene  Soldat.  Wenige  Wochen  später  schlug  er  die  Schlacht  bei
Austerlitz  und  die  hier  erlittenen  ungeheuren  Verluste  nötigten  seine  Feinde
den  Frieden  zu  Preßburg  zu  schließen.  Er  brachte  auch  für  Bayern  eine
Erhöhung.  Am  1.  Jänner  1806  verkündete  ein  Herold  in  den  Straßen
Münchens,  daß  Kurfürst  Max  Joseph  Titel  und  Rechte  eines
Königs  angenommen  habe.  Napoleon,  der  am  Tage  der  Proklamation
  in  München  verweilte,  wurde,  wo  er  sich  zeigte,  freudig  begrüßt.
  Glockengeläute,  Kanonendonner,  Jubel  des  Volkes  verherrlichten  die
Feier.
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        406  74.  Des  Kurfürsten  und  Königs  Max  I.  Joseph  innere  und  äußere  Politik.

Die  Teuerung  der  Lebensmittel  war  aufs  hbchste  gestiegen,  aber  der
Sieg  ließ  alle  Sorge  vergessen;  eine  unzählige  Zuschauermenge  fand  sich  täglich
  bei  den  militärischen  Schauspielen  ein,  die  abwechselnd  von  den  bayerischen
Und  französischen  Truppen  veranstaltet  wurden.  Man  gefiel  sich  in  der  Idee
der  Verwandtschaft  der  angeblich  boüschen  Vorfahren  mit  den  Galliern,  —
der  Sieg  berauschte,  vor  dem  Sieger  beugten  sich  alle.  Man  muß  sich  um
diese  Volksstimmung  gerecht  zu  beurteilen  vergegenwärtigen,  welch  bannenden
Eindruck  auch  anderwärts  Napoleons  Erscheinung  hervorrief.  Johannes
Müller,  seiner  idealen  Richtung  und  patriotischen  Wärme  wegen  insbesondere
von  der  Jugend  gefeiert  und  geliebt,  schrieb  noch  im  Jahre  1806:  „Ich  mache
nur  zwei  Abteilungen  politischer  Menschen:  solche,  die  Napoleon  hassen,  und
solche,  die  ihn  lieben,  und  mit  jenen  ersten,  wer  sie  auch  seien,  bin  ich!“
Wenige  Monate  später  aber,  nachdem  er  inzwischen  Napoleon  persönlich  kennen
gelernt  hatte,  schrieb  er:  „Die  an  das  morsch  gewordene  Alte  nutzlos  verschwendeten
  Kräfte  müssen  auf  das  Neue  übertragen  werden,  Gott  ist  es  ja,
der  die  Regierung  einsetzt:  man  muß  sich  umdenken.“  Und  ebenso  emphatisch
ruft  Hegel  aus,  nachdem  er  Napoleon,  die  „Weltseele“,  gesehen  hatte:  „Es
ist  eine  ganz  wunderbare  Empfindung  ein  solches  Individuum  zu  sehen,  das
hier,  auf  einen  Punkt  konzentriert,  über  die  Welt  greift  und  sie  beherrscht.“
  —

Das  deutsche  Verhängnis  erfüllte  sich.  Das  Band,  das  die  deutschen
Staaten  bisher  noch  lose  zusammenhielt,  war  schon  zerrissen;  vollends  besiegelt
wurde  die  Auflösung  des  Deutschen  Reiches  durch  eine  neue  Vereinigung  der
süd=  und  mitteldeutschen  Staaten  zum  sogenannten  Rheinbund  unter  dem
Protektorat  Napoleons.  Preußen  erkannte  zu  spät,  daß  es  durch  die  seit  dem
Baseler  Frieden  verfolgte  Politik  nur  den  Vorteil  Frankreichs  gefördert  habe;
als  es  sich  zum  Waffengang  mit  Napoleon  aufraffte,  stand  es  allein.  Bayerische
Regimenter  stürmten  die  schlesischen  Festungen  und  bei  Pultusk  flocht  sich
Kronprinz  Ludwig  ein  Lorbeerreis  um  das  jugendliche  Haupt,  aber  sein  Herz
blutete  ob  dieser  Bruderkämpfe;  wieder  wie  in  den  unseligen  Religionskriegen
wurden  Deutsche  gegen  Deutsche  ins  Feld  gestellt,  die  Großmächte  lagen  zu
Boden  geschlagen  und  die  rheinbündischen  Staaten  waren  zwar  dem  Namen
nach  souverän,  in  Wahrheit  jedoch  Frankreichs  Vasallen.

Während  aber  in  anderen  deutschen  Staaten  die  gebotene  Unterwürfigkeit
  unter  Napoleons  Willen  auch  träge  Gleichgültigkeit  in  Fragen  der  inneren
Politik  im  Gefolge  hatte,  herrschte  bei  der  Regierung  Bayerns  das  regste
Streben  das  alte  Stammland  mit  den  neugewonnenen  Gebieten  zu  einem  wohlgegliederten,
  zukunftsfähigen  Staatskörper  zu  verschmelzen  und  den  Eintritt
Bayerns  in  die  Reihe  der  stimmberechtigten  Mächte  Europas  vorzubereiten.
Auf  Umwandlung  der  Mosaik  von  verschiedenartigen  Reichsterritorien  in  ein
einheitliches  Ganzes  zielten  alle  Unternehmungen  und  Maßregeln  des  Ministeriums
Montgelas  ab.
        <pb n="419" />
        74.  Des  Kurfürsten  und  Königs  Max  I.  Joseph  innere  und  äußere  Politik.  407

Mit  gleicher  Energie  fuhr  es  fort  Mißstände,  die  in  veralteten  lberlieferungen
  wurzelten,  zu  beseitigen.  Wo  das  häufig  allzu  rücksichtslose  Vorgehen
  des  Ministeriums  Erbitterung  und  Widerstand  hervorrief,  wirkte  die
herzliche  Zuneigung  des  ganzen  Volkes  zu  seinem  König  wieder  ausgleichend
und  versöhnend.  Auch  die  Schwaben  und  Franken,  denen  unter  mannigfacher
Botmäßigkeit  längst  in  ihren  engen  Kreisen  alles  politische  Leben  abhanden
gekommen  war,  ließ  das  milde  Regiment  des  volksbeliebten  Königs  den  Verlust
der  Selbständigkeit  minder  schmerzlich  empfinden.  Noch  mochten  die  Nürnberger,
die  Augsburger  in  jenen  Tagen  eine  Kränkung  darin  erblicken,  daß  nicht  mehr
vor  einem  selbstgewählten  Stadtrat  die  Abzeichen  der  souveränen  Gewalt  einhergetragen
  wurden,  aber  auch  sie  konnten  sich  nicht  verhehlen,  daß  die  aller- 



Denkmünze  vom  Jahre  1806  auf  die  Annahme  der  Königswürde.

orten  gesunkene  Volkswohlfahrt  nur  durch  Anschluß  an  ein  größeres  Gemeinwesen
  gehoben  werden  könne,  —  und  an  welches  Land  hätte  man  sich  lieber
angeschlossen  als  an  jenes,  wo  Edelmann,  Bürger  und  Bauer  gleich  vertrauensvoll
  zu  ihrem  König  aufblickten?

Auf  den  blutgetränkten  Auen  wogten  wieder  goldene  Saaten,  Handel
und  Gewerbe  hoben  sich,  allein  das  Friedensglück  war  dem  Lande  und  dem
friedliebenden  Fürsten  nicht  lange  beschieden.  Immer  neue  Opfer  verlangte
die  Freundschaft  mit  dem  unberechenbaren  Eroberer.  Wie  schmerzlich  empfand
dagegen  der  humane  Max  Joseph  den  Fluch  der  nimmer  endenden  Kriege,
welche  seinem  Lande  die  kräftigsten  Söhne,  den  Familien  die  Stützen  raubten!
Von  den  30000  Bayern,  welche  nach  Rußland  gezogen,  sahen  nur  wenige
die  Heimat  wieder.

Der  furchtbare  Ausgang  jenes  russischen  Unternehmens  erschütterte  alle,
nur  nicht  den  Urheber.  Als  dieser  mit  der  Verblendung  eines  dem  Untergang
  Geweihten  von  den  Bundesgenossen  neue  Rüstungen  verlangte,  zögerten
die  Regierungen,  im  Volke  aber  blickten  Tausende  mit  aufrichtigen  Segenswünschen
  auf  Preußen,  weil  es  den  Befreiungskampf  mit  Napoleon  aufnahm.
        <pb n="420" />
        408  74.  Des  Kurfürsten  und  Königs  Max  I.  Joseph  innere  und  äußere  Politik.

Ein  Akt  der  Notwehr  gegen  den  übermächtigen  und  drohenden  Nachbar

war  das  Bündnis  des  Hauses  Wittelsbach  mit  Bonaparte  gewesen.  Von
einem  „Verrat  an  Deutschland“  konnte  damals  nicht  die  Rede  sein,  denn  es
gab  kein  Deutschland  mehr.  In  der  allgemeinen  Verrottung  und  Versumpfung
der  europäischen  Politik  hatte  die  Erscheinung  des  Helden  wohltätig  wie  ein
Gewitter  gewirkt.  Aber  der  Kaiser  hielt  nicht,  was  das  Programm  des  Konsuls
versprochen.  Er  wollte  Vorsehung  der  Menschheit  sein  und  wurde  ihre  Geißel.
Max  Joseph  sah  sich  und  sein  Volk  durch  den  Übermütigen  auf  abschüssige
Bahn  gedrängt,  sah  zwischen  seinem  ältesten  Sohne  und  Napoleon  unheilbare
Entfremdung,  hörte  den  Sehnsuchtsruf  der  deutschen  Stämme  nach  Versöhnung,
Einigkeit,  Verbrüderung.  Er  mußte  zum  Abfall  sich  entschließen.
«  Der  russische  Kaiser  tat  gegen  Bayern  die  ersten  vertraulichen  Schritte,
Ssterreich  führte  die  Verhandlungen  weiter.  Mit  den  Vorstellungen  der  Diplomatie
und  den  besorgten  Außerungen  Marschall  Wredes  vereinigte  der  patriotische
Kronprinz  seine  feurigen  Bitten.

Der  Vertrag  von  Ried  (8.  Oktober),  durch  Wredes  Bemühungen  zustande
gebracht,  bezeichnete  den  Politikwechsel  des  Wittelsbachischen  Hauses,
  die  Rückkehr  des  ersten  und  mächtigsten  Fürsten  des  Rheinbundes  zur
deutschen  Sache.  Zwar  kämpften  die  Bayern  nicht  in  der  großen  Leipziger
Schlacht  mit,  aber  durch  den  Tag  von  Hanau  traten  auch  sie  ein  in  die
Waffenbrüderschaft  zur  Befreiung  der  deutschen  Heimat.

Schon  im  nächsten  Jahre  wehten  die  Fahnen  der  Verbündeten  auf  französischem
  Boden.  In  den  Kämpfen,  durch  welche  Napoleon  den  überlegenen
Feind  vom  Wege  nach  Paris  abzulenken  versuchte,  leisteten  die  bayerischen
Truppen  treffliche  Dienste.  Die  bayerischen  Reiterbrigaden  zwangen  bei  Brienne
die  sieggewohnte  Kaisergarde  und  den  Kaiser  zur  Flucht;  das  10.  bayerische
Infanterieregiment  erstürmte  Bar  an  der  Aube;  das  ganze  Korps  Wrede  nahm
an  den  blutigen  Kämpfen  um  Arcis  rühmlichsten  Anteil.  Durch  Kühnheit
im  Angriff  und  Verwegenheit  in  der  Verfolgung  tat  sich  namentlich  der  achtzehnjährige
  zweite  Sohn  des  Königs,  Prinz  Karl,  hervor.

Durch  die  Bayern  im  Rücken  gesichert  vollbrachte  die  Hauptmasse  der
Verbündeten  glücklich  den  Marsch  auf  Paris  und  zog  am  31.  Mai  1814  mit
klingendem  Spiel  dort  ein;  am  folgenden  Tage  grüßten  auch  die  bayerischen
Truppen  das  Wahrzeichen  der  überwundenen  Weltstadt,  die  Türme  von
Notredame.

*

Endlich,  nach  der  gänzlichen  Niederwerfung  Napoleons,  durfte  Max
Joseph  voll  und  ganz  das  sein,  wozu  ihn  seine  natürlichen  Anlagen  bestimmten:
ein  Friedensfürst,  seinem  Volke  ein  immer  und  überall  hilfsbereiter,  großherziger
  Freund.  Für  die  schweren  Prüfungen  von  fast  zwei  Jahrzehnten  sah  er
sich  schließlich  doch  reich  entschädigt  als  Herr  über  ein  Gebiet  von  mehr  als
1300  Quadratmeilen  mit  einer  Bevölkerung  von  vier  Millionen  Seelen.  Die
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        74.  Des  Kurfürsten  und  Königs  Max  I.  Joseph  innere  und  äußere  Politik.  409

Fruchtbarkeit  und  vorteilhafte  Handelslage  des  Landes  verhießen  dem  Fleiß
der  Bewohner  sichere  Erfolge.  Noch  aber  war  die  Bevölkerung  der  alten
und  neuen  Gebiete  durch  Einzelverfassungen  und  verschiedenes  Gesetz  in  disharmonische
  Massengruppen  geschieden.  Dieser  Sonderung  machte  Max  Joseph
vorerst  durch  eine  neue  Landeseinteilung  ein  Ende,  wobei  nach  französischem
Vorbild  nur  auf  natürliche,  nicht  auf  historische  Grenzen  der  einzelnen  Provinzen
Rücksicht  genommen  wurde.  Nachdem  solchermaßen  die  Staatsverwaltung  erleichtert
  und  vereinfacht  worden  war,  löste  Max  Joseph  zuerst  von  allen  Fürsten,
welche  die  Wiener  Verträge  unterzeichnet  hatten,  sein  Wort  ein  und  gab  Bayern
eine  Verfassung.

Freiwillig  schloß  der  gute  König  mit  seinem  Volke  einen  Vertrag,  kraft
dessen  es  fürderhin  an  der  Regierung  wahren  und  wesentlichen  Anteil  haben
sollte,  kraft  dessen  sich  die  herrschenden  humanen  Regierungsgrundsätze  den
Nachfolgern  auf  dem  Throne  nicht  nur  als  fromme  Wünsche  sondern  als
Pflicht  vererben  sollten.  Indem  der  hochsinnige  Monarch  freiwillig  des  absolutistischen
  Charakters  seiner  Herrschaft  sich  entäußerte,  beseitigte  er  mit  eins
alle  Schwierigkeiten,  die  der  Verschmelzung  der  verschiedenen  Stammescharaktere
entgegenstanden,  und  schuf  ein  wahrhaft  einiges,  starkes  und  freies  Volk.  Am
26.  Mai  1818  wurde  die  Verfassungsurkunde  proklamiert,  welche
Bayern  für  einen  souveränen,  monarchischen  Staat  erklärt,  der  mit  allen  seinen
Bestandteilen  an  Land  und  Leuten,  Gütern,  Regalien  und  Renten  eine  unveräußerliche
  Gesamtmasse  bildet.  Sie  regelt  die  Thronfolge,  gewährt  Freiheit
der  Gewissen,  völlige  Gleichstellung  der  christlichen  Konfessionen,  sichert  die
Unantastbarkeit  der  geistlichen  Gewalt  in  kirchlichen  Dingen,  gewährt  Sicherheit
der  Personen  und  des  Eigentums,  Unaufhaltbarkeit  der  Rechtspflege  und  Gleichheit
  der  Gesetze  und  vor  den  Gesetzen  mit  Ausschluß  aller  Spezialgerichtshöfe.
Sie  verbürgt  gleiches  Recht  jedes  Bürgers  zu  allen  Graden  des  Staatsdienstes,
aber  auch  gleiche  Verpflichtung  zur  Ehre  der  Waffen.  Endlich  verfügt  sie  den
gleichen  Anteil  aller  an  den  Lasten  des  Staates,  aber  auch  einen  geregelten
Haushalt  in  demselben  und  gesicherte  Verwendung  der  bewilligten  Mittel.  Eine
Standschaft  hervorgehend  aus  allen  Klassen  der  ansässigen  Staatsbürger  mit
dem  Rechte  des  Beirats,  der  Zustimmung  und  Willigung,  des  Wunsches  und  der
Beschwerde,  ward  zum  Wächter  der  Verfassung  eingesetzt  um  sie  gegen  willkürlichen
  Wechsel  zu  schützen,  aber  im  Fortschritt  zum  Besseren  nicht  zu  hindern.

Nie  erschien  das  Königtum  ehrwürdiger,  als  da  Max  Joseph  von  seinen
Kindern  und  den  Kronbeamten  begleitet  in  die  Versammlung  der  Stände  trat
und  jene  freiwillig  übernommenen  Pflichten  des  Monarchen  gegen  seine  Unter-.
tanen  beschwor.

Nichts  vermochte  die  Gewalt  und  das  Vermächtnis  jenes  Maientages  zu
beeinträchtigen  und  König  und  Volk  in  ihrer  Treue  zueinander  zu  erschüttern.
Davon  gab  der  16.  Februar  1824  das  beredteste  Zeugnis,  als  Bayern  die
Gedächtnisfeier  des  vor  25  Jahren  erfolgten  Regierungsantritts  seines  Herrschers
        <pb n="422" />
        410  75.  Ode  an  König  Ludwig  I1.

beging.  Ein  Volksfest  war's  im  wahren  Sinne  des  Wortes;  alle  Gemüter  waren
frohbewegt  und  die  Segenswünsche  für  den  „besten  König“  erfüllten  wie  Musik
alle  Lüfte.  Noch  erinnern  sich  manche  Zeitgenossen  mit  Rührung  des  allem
Prunk  und  aller  Etikette  abgeneigten,  immer  heiteren  und  leutseligen  „Vater
Max“,  von  dessen  Herzensgüte  zu  erzählen  das  Volk  nie  müde  wurde.  Wie
ein  schlichter  Privatmann  promenierte  er  in  den  Straßen  Münchens  und  hatte
ein  freundliches  Wort  für  Bekannte  und  Fremde.  Eine  erhabene  Bescheidenheit,
denn  dank  diesem  Manne  holte  Bayern  binnen  wenigen  Jahren  ein,  was  es
in  Jahrhunderten  versäumt  hatte!  Die  Worte,  die  Max  Joseph  an  seinem
Jubeltag  zum  Bürgermeister  von  München  sprach,  sind  so  recht  charakteristisch
für  seine  schlichte  Größe:  „Daß  ihr  Münchener  mich  liebt,  die  ihr  mich  immer
in  eurer  Mitte  habt,  die  ihr  wißt,  wie  gut  ich  es  mit  jedem  meine,  das  ist
mir  begreiflich;  aber  wie  ich  so  viel  Liebe  in  den  Dörfern  an  den  äußersten
Grenzen  verdient  habe,  wo  man  mich  nie  gesehen,  das  versteh'  ich  nicht.
Allerdings  war  mein  Wille  immer  rein  und  gut  und  meine  Bayern  sind  eben  ein
treues,  biederes  Volk.  Das  habe  ich  schon  offen  zu  den  Kaisern  von  Osterreich
und  Rußland  gesagt:  ich  möchte  nicht  mit  ihren  größeren  Reichen  tauschen.
Ich  hab'  es  immer  gesagt  und  sage  es  jetzt  als  Greis  wieder:  Alles  für
meine  Bayern,  tun  sie  ja  doch  auch  alles  für  mich!“

Dem  schönen  Leben,  dessen  Wahlspruch:  Licht  und  Liebe!  war,  beschied
Gott  ein  schönes  Ende.  Von  Tegernsee,  wo  der  König,  wie  in  jedem  Jahre,
inmitten  einer  glücklichen  Familie  und  im  Genuß  einer  herrlichen  Natur  den
Spätsommer  1825  verbrachte,  begab  er  sich  zur  Feier  des  Oktoberfestes  in  die
Landeshauptstadt.  Am  Abend  des  12.  Oktober  wohnte  er  einem  Balle  bei,
den  der  russische  Gesandte  zu  Ehren  des  königlichen  Namensfestes  veranstaltete.
Max  Joseph  war  ernster  als  gewöhnlich,  entfernte  sich  bald  und  still  und  kehrte
nach  Nymphenburg  zurück.  Am  nächsten  Morgen  fand  man  ihn  tot  in  seinem
Bette,  ein  letztes  Lächeln  auf  den  Lippen.  Wie  im  griechischen  Mythos  die
Lieblinge  der  Götter  rasch  und  unerwartet  der  Erde  entrückt  werden,  so  war
der  Gute  in  süßem  Schlaf  hinübergegangen,  während  ihm  zu  Ehren  in  allen
Städten  die  Fenster  festlich  schimmerten  und  auf  sein  Wohl  und  seine  Gesundheit
die  Gläser  klangen.

75.  Ode  an  König  Ludwig  l.
Von  August  Graf  von  Platen.1)
Vom  Sarg  des  Vaters  richtet  das  Volk  sich  auf,
Zu  dir  sich  auf,  mit  Trauer  und  Stolz  zugleich:
Vertrauf'n  im  Blich,  im  Munde  Wahrheit,
Schwört  es  dem  Sohne  der  Wittelsbacher.

1)  Sämtl.  Werke  2.  Band,  S.  113,  herausgegeben  von  Karl  Goedeke.  Stuttgart
1881,  Cotta.  —  Diese  Ode  übersandte  der  Dichter  am  9.  Dezember  1825.
        <pb n="423" />
        75.  Ode  an  König  Ludwig  I.  411

Des  Thrones  glatte  Schwelle,  wie  selbstbewußt,
Wie  fest  betrittst  du  sie,  wie  gereift  im  Geist!
Ja,  leichter  hebt  dein  freies  Haupt  sich,
Seit  die  metallene  Last  ihm  zufiel.
Dir  schwellt  erhabne  Güte  das  Herz,  mit  ihr,
Was  mehr  noch  frommt  als  Güte  —  der  tiefe  Sinn:
Wo  dieser  Schöpfer  mangelt,  sehn  wir
Alles  zerstückelt  und  schnell  verunglücht.
Dein  Auge  spähte  durch  die  Vergangenheit,
Es  lag  das  Buch  der  Zeiten  auf  deinem  Knie,

Gedanken  pflüchtest  du  wie  Blumen

Über  dem  Grabe  der  deutschen  Vorwelt.

Dein  Volk,  du  kennst  es.  Jeglichem  Zeitgeschick,
Das  ihm  zuteil  ward,  fühltest  und  sannst  du  nach

Und  still,  in  eigner  Brust  verheimlicht,

Trugst  du  den  lachenden  Lenz  der  Zukunft.
Du  hast  mit  uns  erlitten  den  Fluch  des  Kriegs,
Gezählt  die  Todesnarben  der  Jünglinge,

Die  deiner  Ahnherrn  Strom,  der  Rhein,  sah

Seelen  verhauchen  für  deutsche  Freiheit.

Und  nicht  umsonst  verhauchen,  du  fühlst  es  wohl!
Nach  jenes  Cäsars  tragischem  Untergang
Was  könnten  klein’re  Scheindespoten
Anders  erregen  als  frostig  Lachen?
Du  aber  teilst  die  heilige  Glut  mit  uns,
Vor  der  in  Staub  sank  jener  geprüfte  Held,
Und  fallen  ließest  du  mit  uns  ihr
Eine  begeisterte,  warme  Träne.

Dem  Stein  des  Rechtst),  den  edelgesinnt  und  treu
Dein  Vater  legte,  bläsest  du  Atem  ein,

Du  siehst  im  Marmor  keinen  Marmor,

Aber  ein  künftiges  Jovisantlitz.

Allein  wie  sehr  du  Wünsche  des  Tags  verstehst,
Nicht  horchst  du  blindlings  jedem  Geräusch,  du  nimmst
Das  Zepter,  jenem  Joseph  2)  ungleich,
Nicht  in  die  weltliche  Faust  der  Neu'rung.
Ehrfurcht  erwecht,  was  Väter  getan,  in  dir,
Du  fühlst  verjährter  Zeiten  Bedeutsamhkeit,
Ins  Wappenschild  uralter  Sitte
Fügst  du  die  Rosen  der  jüngsten  Freiheit.

)  Der  Dichter  meint  die  von  König  Maximilian  I.  im  Jahre  1818  seinem  Volke
verliehene  Verfassung.
*)  Kaiser  Joseph  II.
        <pb n="424" />
        412

 

75.  Ode  an  König  Ludwig  I.

Heil  dir  und  Heil  der  Lieblichen  neben  dir,
Heil  jedem  Sprößling,  welchen  sie  dir  gebar!
Wenn  Kinder  dich  und  Volk  umjubeln,
Leerst  du,  als  Becher,  des  Segens  Füllhorn!
Wie  eine  Rebe,  schattig  und  traubenschwer,
Die  schon  den  Keim  des  werdenden  Rausches  nährt,
Umschlängelt  deinen  angeerbten
Blühenden  Zepter  der  goldne  Friede.

Rückwärts  erblickst  du  Flammen  und  Krieg  und  Mord,
Doch  mild  am  Gürtel  trägst  du  das  reine  Schwert;
Du  stehst  wie  jener  fromme  Dietrich#)
Über  den  Leichen  der  Nibelungen.
So  sei  (du  warst  es  immer,  erlauchter  Fürstl)
Des  Friedens  Schirm  und  jeglicher  Kunst  mit  ihm,
Die  nur  an  seiner  sanften  Wärme
Seelenerquickende  Knospen  öffnet.

Des  Bildners  Werkstatt  wimmelt  von  Emsigkeit,
Es  hascht  der  Maler  seltengebotnen  Stoff,

Die  Bretter,  Schauplatz  jeder  Größe,

Biegen  sich  unter  dem  Gang  der  Dichtkunst.

Und  jenen  Festsaal?),  Gütiger,  öffnest  du,
Voll  edler  Formen,  wie  sie  ein  Meißel  schuf,
An  dessen  Würde,  dessen  Kraft  wir
Gerne  verschwenden  das  Ach  der  Sehnsucht.

Früh  war  die  Schönheit  deines  Gemüts  Bedarf

Und  Schönes  ist  ja  Göttliches,  leicht  verhüllt
Durch  einen  Flor,  den  uns  des  Denkers
Wesenerforschendes  Auge  lüftet.

Und  nicht  vergeblich  sogst  du  mit  Emsigkeit
Das  tiefste  Mark  altgriechischer  Bildung  ein!
Wofür  als  fürs  Vollkommne  schlüge
Solch  ein  erhabenes  Herz  wie  deines?
Es  geht  die  Sage,  daß  du  als  Jüngling  einst
An  deiner  Salzachs)  buschigem  Felsenstrand,
Abschüttelnd  Weltgeräusch  und  Hofzwang,
Nur  mit  homerischen  Helden  umgingst.

1)  Dietrich  von  Bern,  der  als  letzter  in  den  Kampf  eingreift  und  allein  diesen
überlebt.
?)  Gemeint  ist  die  Glyptothek  auf  dem  Königsplatz  in  München,  für  die  wertvollen

Skulpturen  bestimmt,  die  Ludwig  schon  als  Kronprinz  gesammelt  hatte.

")  Als  Statthalter  des  1809  gewonnenen  Inn=  und  Salzachkreises  residierte  Ludwig

abwechselnd  in  Innsbruck  und  Salzburg.
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        76.  König  Ludwigs  I.  Jugendzeit  und  Lehrjahre.  413

Und  zürnst  du  noch,  wenn  trunken  ein  Dichter  dir
Ausgießt  des  Lobes  Weihungen?  Zwar  es  sind
Nur  Tropfen  Taus,  doch  deine  Sonne
Macht  sie  zu  farbigen  Regenbogen.
Pergib,  o  Herr,  dem  Dichter,  der  ohne  dich
Verlassen  stünde,  fremd  in  der  Zeit  und  stumm:
Dein  fürstlich  Dasein  löst  den  Knoten
Seiner  verworrenen  Lebensrätsel.

76.  König  Ludwigs  l.  Jugendzeit  und  Lehrjahre.
Von  Karl  Theodor  von  Heigel.))

„Das  sollte  mir  die  teuerste  Siegesfeier  sein,  wenn  diese  Stadt,  in  der
ich  geboren  bin,  wieder  eine  deutsche  Stadt  sein  würde!“

Dies  patriotische  Wort  wurde  von  dem  bayerischen  Kurprinzen  Ludwig
im  Jahre  1805  zu  Straßburg  gesprochen,  als  dort  Kaiserin  Josephine  ihr
Hoflager  hielt  und  die  französischen  Erfolge  in  Süddeutschland  durch  glänzende
Feste  feierte.  Sein  Wunsch  aber  galt  dem  schönen  Straßburg  und  schmerzlich
  ist's,  daß  der  Fürst  den  Tag  nicht  mehr  sah,  an  welchem  jener  Traum
seiner  Jugend  in  Erfüllung  ging  und  wieder  deutsche  Fahnen  vom  Münster
wehten.

Es  steht  zu  Straßburg  ein  stattlicher  Palast  im  Renaissancestil,  der
Zweibrücker  Hof  genannt,  mit  seinen  Fassaden  nach  der  Promenade  le  Broglie
und  der  Brandgasse  gekehrt.  Hier  wohnte  Herzog  Maximilian  von  Pfalz-Zweibrücken,
  während  er  als  Oberst  des  Regiments  d'Alsace  sich  in  Straßburg
aufhielt,  und  in  diesem  Hause  erblickte  sein  erstgeborner  Sohn  Ludwig  Karl
August  am  25.  August  1786  das  Licht  der  Welt.

König  Ludwig  XVI.  von  Frankreich  und  der  regierende  Herzog  von
Zweibrücken  Karl  August  waren  seine  Paten.  Die  Geburt  des  Prinzen  wurde
um  so  freudiger  in  der  Pfalz  wie  in  Bayern  begrüßt,  als  sie  die  Zukunft  des
Fürstenhauses  sicherte;  denn  Karl  Theodor  wie  der  regierende  Herzog  von
Zweibrücken  waren  kinderlos.  Allenthalben  wurden  Festlichkeiten  veranstaltet
und  herzlich  gemeinte  Jubelreden  gehalten.  Einer  der  Festredner  in  Heidelberg
  war  Jung-Stilling.  Die  Stadt  München  entsandte  eine  Bürgerdeputation
an  den  glücklichen  Vater.  Der  nahm  die  Segenswünsche  sehr  gnädig  entgegen,
hob  den  Prinzen  selbst  aus  der  Wiege  und  legte  ihn  einem  der  Bürger  in  die
Arme.  „Sagt  den  Euern  zu  Hause,"  sprach  er,  „daß  ich  sie  nicht  minder
liebe  wie  diesen  meinen  Sohn!“

Die  Nachrichten  über  Ludwigs  Mutter,  Augusta,  jüngste  Tochter  des
Landgrafen  Georg  von  Hessen-Darmstadt,  sind  nur  spärlich,  aber  überein-„Ludwig

  I.,  König  von  Bayern“,  S.  1  ff.  Leipzig  1872,  Dunker  &amp;amp;  Humblot.
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        414  76.  König  Ludwigs  I.  Jugendzeit  und  Lehrjahre.

stimmend  darin,  daß  sie  eine  liebenswürdige  Erscheinung  und  von  überaus
milder  und  gütiger  Sinnesart  gewesen  sei.  Sie  war  eine  warme  Freundin
der  Kunst;  ein  von  ihr  gemaltes  Aquarell  wird  im  Münchener  Nationalmuseum
  aufbewahrt.

Die  trefflichen  Eigenschaften  von  Ludwigs  Vater  sind  bekannt;  sie  bildeten,
als  er  später  den  bayerischen  Thron  bestieg,  das  Glück  seines  Volkes  und  der
Jurist  Feuerbach,  der  wahrlich  kein  blinder  Bewunderer  der  bayerischen  Zustände
  jener  Periode  war,  gab  nur  der  Wahrheit  die  Ehre,  da  er  Maximilian
Bayerns  Heinrich  IV.  nannte.  Zu  Straßburg  war  er  wegen  seines  jovialen
Charakters,  seiner  Freigebigkeit  und  Leutseligkeit  der  allgemeine  Liebling,  und
wie  seine  Soldaten  an  ihm  hingen,  zeigt  eine  heitere  Episode  aus  den  Tagen
kurz  nach  der  Geburt  des  Erbprinzen.  Bei  einer  Musterung  seiner  Grenadiere
bemerkte  er  mit  Erstaunen,  daß  alle  Knebelbärte  verschwunden  waren.  Auf
seine  Frage  wurde  ihm  statt  der  Antwort  ein  Wiegenkissen  präsentiert,  das
mit  den  Bärten  der  Soldaten  gepolstert  war.  Ein  seltsames  Wiegengeschenk,
aber  das  Opfer  war  jedenfalls  manchem  schwer  geworden.

Der  heranwachsende  Prinz  erhielt  eine  durchaus  militärische  Erziehung;
das  Patengeschenk  Ludwigs  XVI.  war  ein  französisches  Oberstenpatent  gewesen.
Die  Anschauungsweise  des  Vaters  blieb  immer  der  französischen  verwandter
als  der  deutschen;  aber  der  Sohn  bewahrte  sich  bis  an  sein  Lebensende,  das
ihn,  wie  der  Zufall  wunderlich  spielt,  ebenfalls  auf  französischem  Boden  überraschte,
  die  wärmste  deutsch-patriotische  Gesinnung.

Dem  Aufenthalt  der  herzoglichen  Familie  in  Straßburg  wurde  ein  unerwartetes
  Ende  gesetzt.  Auch  dort  bildete  sich  im  ereignisschweren  Jahre  1789
ein  Jakobinerklub,  dessen  Initiative  bald  Willige  und  Unwillige  zum  Kampf
gegen  das  Bestehende  rief;  das  Rathaus  wurde  gestürmt,  die  rote  Fahne  aufgesteckt
  und  das  Martialgesetz  proklamiert.  Max  Joseph  mußte  Straßburg  verlassen.
  Nach  vorübergehendem  Aufenthalt  in  Darmstadt  und  Rohrbach  ließ
er  sich  mit  den  Seinen  in  Mannheim  nieder.  Sein  Haus  war  allen  Emigranten,
  von  denen  damals  die  Rheingegenden  überfüllt  waren,  gastlich
geöffnet.

Hier  in  Mannheim,  dem  ein  wahres  Eden,  der  Schwetzinger  Park,  angrenzt,
  verlebte  Prinz  Ludwig  seine  Knabenjahre.  In  einem  1809  geschriebenen
Gedichte  gibt  er  der  Erinnerung  an  jene  sonnigen  Tage  Ausdruck:

„Dich  vergesse  ich  nie,  die  du  Aufenthalt  warst  meiner  Kindheit,
Pfalz!  und  auch,  Pfälzer,  euch  nie;  liebe  euch,  die  ihr  mich  liebt!
Wiederum  sehe  ich  mich  in  Schwetzingens  Garten  mit  meiner
Mutter,  der  besten,  die's  gab,  die  unvergeßlich  mir  ist.

Liebliche  Stelle,  woselbst  das  Mahl  wir,  das  ländliche,  nahmen,
Vor  dem  Hügel,  auf  dem  raget  der  Tempel  Apolls

O  Erinnerung  jener  zu  eilig  entschwundenen  Tage,

Freundliches  Andenken  du,  immerfort  bist  du  mir  frisch!5
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        76.  König  Ludwigs  I.  Jugendzeit  und  Lehrjahre.  415

In  jenen  liederreichen  Gauen  umschlingt,  wie  Eichendorff  singt,  der
Frühling  Haus  und  Hof  und  Wald  und  alles  Gewöhnliche;  die  Märchen  der
Vorzeit  werden  in  der  Brust  lebendig,  ein  Hauch  der  Romantik  weht  überall.
Aber  auch  an  ernster  Mahnung  fehlt  es  nicht.  In  diesen  gesegneten  Tälern
wütete  ein  räuberischer  Feind,  die  Heidelberger  Schloßruine  erinnert  eindringlich
  genug  an  Melac  und  seine  Horden.

Solche  Tage  der  Trauer  kehrten  für  die  Pfalz  gerade  damals  zurück.
Der  Krieg  gegen  Deutschland  fand  im  April  1792  in  der  Pariser  Nationalversammlung
  berauschte  Zustimmung  und  bald  ergossen  sich  die  streitenden  Heere
über  Pfalzbayern,  das  auf  lange  Zeit  Schauplatz  des  Krieges  blieb.

Da  eine  Beschießung  der  Stadt  Mannheim  in  drohender  Aussicht  stand,
mußte  die  herzogliche  Familie  abermals  nach  Darmstadt  flüchten.  Der  Kriegstumult
  brachte  die  düstersten  Bilder  vor  die  Augen  des  Knaben.  In  den
Straßen  drängten  sich  die  Flüchtlinge,  in  ihrem  Geleit  zogen  Unruhen,  Schrecken,
Verwirrung  ein,  hinter  ihnen  loderten  alle  Greuel  eines  furchtbaren  Krieges
auf.  Des  Prinzen  königlicher  Pate  starb  auf  der  Guillotine.  „In  welcher  Zeit,“
rief  damals  Johannes  Müller  aus,  „zu  welchen  Aussichten  hat  Gott  uns
bestimmt!  Rasende,  wie  einst  im  Tschilminar  der  trunkene  Sohn  Philipps,  laufen
mit  Fackeln  in  der  Hand  in  dem  alten  Gebäude  der  Staatsverfassungen  umher:;
da  brennt  ein  Turm  auf,  dort  bricht  eine  Zinne  herab,  bald  sinkt  alles  in
den  Staub!“

Die  Wehrkraft  des  Deutschen  Reiches  zeigte  sich  von  der  kläglichsten  Seite.
Das  gegenseitige  Mißtrauen  der  beiden  deutschen  Großmächte  lähmte  alle
Unternehmungen,  die  Regierungen  der  kleineren  Staaten  waren  ohne  Kraft
und  Energie.  Feindlicherseits  zeigte  die  Jakobinerphrase  Custines:  „Krieg  den
Palästen,  Friede  den  Hütten!“  bald  ihren  wahren  Wert:  die  Neufranken
pflanzten  in  der  Pfalz  ihre  Freiheitsbäume  nur  zwischen  Ruinen.

Schon  im  Jahre  1796  verlor  der  fürstliche  Knabe  seine  Mutter.  Von
ihr  war  noch  zur  Leitung  des  Unterrichts  ein  einfacher  Landpfarrer  berufen
worden,  Joseph  Anton  Sambuga,  dessen  Lehre  und  Beispiel  von  dauerndem
Einfluß  auf  den  Zögling  war.  Sambuga  hielt  sich  über  seine  Unterrichtsstunden
  und  die  dabei  geführten  Gespräche  ein  Tagebuch,  das  nach  seinem
Tode  durch  Sailer  veröffentlicht  wurde.  Diese  Aufzeichnungen  beweisen,  daß
der  Lehrer  nicht  bloß  als  frommer  sondern  auch  als  denkender  Mann  das
Bildungswerk  förderte.  Er  bezeichnet  selbst  als  Hauptprinzip  seiner  Methode,
es  sollte  im  Schüler  bei  allem  das  Selbstdenken  gefördert  werden,  und  diese
Anregung  in  frühester  Jugend  ging  nicht  verloren.  Das  Streben  sich  selbst
von  allem  Erforderlichen  zu  überzeugen  tritt  bei  den  Regierungshandlungen
des  nachmaligen  Königs  überall  hervor.

Es  kann  dem  Kunstmäzen  Ludwig  als  Hauptverdienst  zugerechnet  werden,
daß  bei  allen  seinen  großartigen  Plänen  zur  Förderung  der  Kunst  ein  methodischer
  Zusammenhang  zu  erkennen  ist,  der  nicht  selten  bis  in  die  Studien
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        416  76.  König  Ludwigs  I.  Jugendzeit  und  Lehrjahre.

und  Liebhabereien  der  Jugend  zurückreicht.  Der  Gedanke  zur  Verewigung
der  Verdienste  großer  Männer  einen  Ehrentempel  zu  bauen  erwachte  schon  in
dem  Knaben.  Als  Ludwig  einst  mit  Sambuga  von  einer  Spazierfahrt  nach
Schwetzingen  zurückkehrte,  fragte  er  seinen  Erzieher,  ob  es  denn  einem  edeln
Fürsten  erlaubt  sei  so  große  Summen  für  sein  Vergnügen  aufzuwenden,  da
es  ja  doch  so  viele  Arme  gäbe.  Sambuga  erwiderte,  die  Vernunft  habe  nichts
dagegen  einzuwenden,  wenn  Fürsten  ihr  eigenes  Geld  für  die  Liebhabereien
verausgaben;  es  sei  aber  doch  jedenfalls  der  Frage  wert,  ob  nicht  in  den
Hallen  einer  Fürstenwohnung  die  Bildnisse  eines  Friedrich  des  Siegreichen,
eines  Rupert  und  anderer  verdienter  Männer  des  Vaterlands  besser  ständen
als  mythologische  Figuren.  Der  Prinz  horchte  gespannt  auf  und  blieb  dann
schweigsam,  als  ob  ein  Gedanke  in  ihm  zur  Reife  käme.  Er  zeigte  für  Geschichte
entschiedene  Vorliebe.  Als  er  später  mit  Johannes  Müller  persönlich  bekannt
wurde,  war  dieser  ersiaunt  über  das  ausgebreitete  historische  Wissen  des  Prinzen.

UÜbrigens  scheint  Sambugas  Beispiel  auch  auf  die  barocke  Schreibweise
Ludwigs  bestimmend  eingewirkt  zu  haben;  wenigstens  wurde  auch  gegen  ihn
der  Vorwurf  wirren  Durcheinanderschiebens  der  Worte  und  Sätze  erhoben.

Mit  Sambuga  teilte  sich  Kirschbaum,  früher  Lehrer  des  Staatsrechts
an  der  Hochschule  zu  Straßburg,  in  die  Unterrichtsstunden.  Er  machte  sich
auch  besonders  um  die  Weckung  des  Kunstsinns  in  seinem  Zögling  verdient.

Die  stillen  Lehrstunden  zu  Rohrbach  an  der  Bergstraße  wurden  plötzlich
durch  die  Berufung  des  Herzogs  von  Zweibrücken  auf  den  bayerisch-pfälzischen
Kurstuhl  nach  dem  Tode  des  kinderlosen  Karl  Theodor  unterbrochen.  Am
6.  März  1799  zog  Kurprinz  Ludwig  mit  seinen  Geschwistern  in  der  Landeshauptstadt
  München  ein.  Der  Empfang  vonseiten  der  Bürgerschaft  war  herzlich,
obwohl  man  sonst  den  „Fremden“  nicht  gerade  geneigt  war.

München  an  der  Grenzscheide  des  18.  Jahrhunderts!  Alle  jene  Stadtteile,
  die  in  der  Folge  glänzenden  Neubauten  weichen  mußten,  wurden  vorher
auf  Befehl  des  königlichen  Bauherrn  ausgenommen  und  diese  Gemälde,  die
in  den  Kabinetten  der  Neuen  Pinakothek  Platz  fanden,  geben  uns  noch  ein
treues  Bild  von  Altmünchen,  der  behäbigen,  leichtlebigen  Ackerstadt.  Durch
einige  treffliche  Bauten  und  Kunstwerke,  namentlich  aus  dem  17.  Jahrhundert,
hatte  der  Name  München  in  der  Geschichte  der  Künste  guten  Klang  gewonnen,
im  vorigen  Jahrhundert  aber  hatte  die  Entwickelung  der  Stadt  fast  gar  keine
Fortschritte  gemacht.  Wer  hätte  geahnt,  welch  großartige  Veränderungen  der
blasse,  schmächtige  Prinz,  der  an  der  Seite  des  Vaters  durch  die  engen  und
krummen  Straßen  Münchens  fuhr,  in  dieser  Stadt  hervorrufen  werde,  so  daß
das  unbeachtete  Nazareih  am  Aufschwung  der  nationalen  Kunst  ruhmvollsten
Anteil  gewann!

Im  Mai  1803  bezog  Ludwig  die  Landesuniversität  Landshut.  Kirschbaum
und  Sambuga  begleiteten  ihn.  Seine  Tätigkeit  und  sein  Lerneifer  wurden
allgemein  rühmend  erwähnt.  Von  seiner  frühesten  Jugend  bis  in  seine  Greisen-
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        76.  König  Ludwigs  I.  Jugendzeit  und  Lehrjahre.  417

tage  blieb  Ludwig  der  Gewohnheit  treu  schon  vor  5  Uhr  morgens  an  die
Arbeit  zu  gehen.  Neben  den  Privatvorlesungen  seiner  Lehrer  hörte  er  zu
Landshut  deutsches  und  bayerisches  Staatsrecht,  Staatsökonomie  und  naturhistorische
  Fächer  bei  den  Professoren  Gönner,  Milbiller,  Schrank  und  Feßmaier.
Bedeutenderen  Einfluß  auf  seine  geistige  Entwickelung  und  Charakterbildung
gewann  der  Professor  für  Moralphilosophie  Sailer,  in  dessen  Hause  sich  die
Tüchtigsten  der  akademischen  Jugend  zu  versammeln  pflegten.

Im  Herbst  1803  siedelte  Ludwig  an  die  Hochschule  zu  Göttingen  über,
die  als  Mittelpunkt  in  Deutschland  für  wissenschaftliche  Behandlung  des  Staatsrechts
  und  der  Geschichte  galt,  für  welche  Disziplinen  der  Prinz  besonderes
Interesse  zeigte.  Er  besuchte  die  Vorlesungen  Schlözers  mit  pünktlichster  Gewissenhaftigkeit.
  Auch  der  berühmte  Naturforscher  Blumenbach  wurde  sein  Lehrer
wie  36  Jahre  später  der  Lehrer  des  Kronprinzen.  Max.  Nach  Verlauf  von
50  Jahren,  im  Jahrc  1853,  sandte  die  philosophische  Fakultät  der  Georgia
Augusta  dem  ehemaligen  Zögling  als  „Ausdruck  wahrer  Ehrerbietung,  Dankbarkeit
  und  Pietät  gegen  einen  deutschen  Fürsten  vonseiten  einer  deutschen
Hochschule“  das  Ehrendiplom  eines  Doktors  der  Philosophie,  „da  kein  Fürst
jemals  die  Würde  des  königlichen  Namens  durch  liebevollere  Fürsorge  für
Kunst  und  Wissenschaft  verherrlichte“.

Mit  den  Studiengenossen  stand  der  bayerische  Kurprinz  in  leutseligstem
Verkehr.  Er  pflegte  sich  nicht  selten  als  Gast  bei  festlichen  Gelagen  der
Studenten  einzufinden  und  war  fröhlich  unter  Fröhlichen  ohne  dabei  je  seine
Stellung  zu  vergessen.  Eine  Episode  aus  der  Zeit  des  Aufenthalts  zu  Landshut
ist  charakteristisch.  Als  bei  einem  Kommerse  das  Lied:  Ich  bin  der  Fürst  von
Toren!"  gesungen  werden  sollte,  richtete  ein  Bursche  an  den  Prinzen  die  dreiste
Bitte,  er  möge  die  Rolle  des  Vorsängers  übernehmen.  Mit  schlagfertigem
Witz  lehnte  der  Prinz  ab:  „Fürst  bin  ich  schon  und  ein  Fürst  von  Toren
möchte  ich  nie  genannt  werden!“  —  Die  Ferientage  benutzte  er  zu  Ausflügen
nach  den  norddeutschen  Hauptstädten,  wo  er  besonders  die  Denkmale  der  Kunst
und  des  Altertums  studierte.

Mehr  als  die  schuldige  Aufmerksamkeit  eines  Schülers,  begeisterte  Verehrung
  brachte  er  dem  Geschichtschreiber  Johannes  Müller  entgegen,  dessen
Werke  seine  Lieblingslektüre  noch  im  späten  Alter  blieben,  wie  sie  ihrer  Gefühlswärme
  und  ihres  deutschen  Patriotismus  halber  das  Ideal  seiner  Jugend  waren.
Erst  im  Jahre  1806  trat  er  dem  verehrten  Meister  persönlich  näher.  Die
Briefe,  die  in  der  Folge  zwischen  dem  jungen  Königssohn  und  seinem  Ratgeber
gewechselt  wurden,  sind  für  beide  ein  ehrendes  Zeugnis.

Auch  nach  Beendigung  der  Universitätsstudien  hielt  Ludwig  seine  Lehrjahre
  nicht  für  vollendet.  Der  treffliche  Jakobi  wurde  beauftragt  ihm  über
griechische  Geschichte  und  Literatur  Vorträge  zu  halten  und  lateinische  Klassiker
mit  ihm  zu  lesen,  ein  Auftrag,  der  dem  Lehrer,  wie  er  in  seiner  Selbstbiographie
sagt,  „Gelegenheit  gab  ihm  nah  genug  zu  treten  um  das  edle  Blut  des

Kronseder,  Lesebuch,  zur  Geschichte  Bayerns.  27
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        418  76.  König  Ludwigs  I.  Jugendzeit  und  Lehrjahre.

Wittelsbachischen  Stammes  in  ihm  zu  erkennen,  seinen  Eifer  Kenntnisse  zu
sammeln,  seinen  Ernst  in  wissenschaftlichen  Beschäftigungen,  die  lebendige  Achtung,
die  er  gegen  alles  Große  und  Schöne  hegte,  sein  Streben  nach  Großem  und
Ruhmwürdigem,  seinen  Haß  endlich  gegen  Gewalttätigkeit  und  Unrecht  zu  lieben
und  zu  bewundern“  Auch  der  gelehrte  Thiersch  stand  mit  dem  Prinzen  in
regstem  Gedankenaustausch  über  hellenische  Kunst  und  Geschichte.

Ludwig  blieb  stets  ein  eifriger  Freund  klassischer  Lektüre.  Thiersch  schreibt
1826  an  Lange:  „Als  ich  das  letzte  Mal  den  König  in  seinem  Kabinett  sprach,
einem  kleinen  Gemach  mit  einem  Fenster,  in  dem  man  sich  vor  der  Menge
Skripturen  und  Konvolute,  Portefeuillen  und  Bücher  kaum  umdrehen  kann,
sagte  er  über  seine  griechischen  Studien:  „Da  liegen  meine  alten  guten  Freunde
Herodot  und  Homer  neben  mir  zwischen  den  Papieren.  Sonst  habe  ich  zwei,
drei  Stunden  täglich  Griechisch  gelesen.  Sie  haben  es  mir  übel  genommen.
Hätte  ich  noch  einmal  soviel  Zeit  am  Spieltisch  zugebracht,  das  wäre  in  der
Ordnung  gewesen,  aber  zwei  Stunden  lang  Homer  und  Thukydides  lesen,
das  war  ein  unverzeihliches  Betragen.  Jetzt  findet  sich  die  Besserung  von
selbst;  nur  in  kleinen  Zwischenräumen  komme  ich  noch  darüber,  so  von  einem
Portefeuille  zum  anderen;  doch  es  wird  schon  besser  werden.“

Da  der  Prinz  für  Reiten  und  Jagen  keine  Vorliebe  hatte  und  auch  an
den  militärischen  Ubungen  nur  selten,  um  dem  Wunsche  des  Vaters  nachzukommen,
  teilnahm,  konnte  er  neben  den  gelehrten  Studien  noch  manche
Mußestunde  der  Lektüre  der  deutschen  Dichter  widmen.  Früh  war,  wie  Platen
singt,  die  Schönheit  seines  Gemüts  Bedarf  und  nicht  vergeblich  sog  er  mit
Emsigkeit  das  tiefste  Mark  altgriechischer  Bildung  ein.  Schiller  und  Goethe
namentlich  ehrte  er  als  die  Dichterfürsten.  Oft  pflegte  er  zu  äußern,  er  habe
nur  deshalb  gewünscht  früher  auf  den  Thron  zu  gelangen  um  seinem  Lieblingsdichter
  Schiller  eine  sorgenfreie  Existenz  und  namentlich  die  Mittel  zu  einem
längeren  Aufenthalt  in  Italien  bieten  zu  können.  Den  Toten  ehrte  er  noch
dadurch,  daß  er  aus  eigenem  Antrieb  bei  einem  Enkel  Schillers  Patenstelle
übernahm.  Zu  Goethe  trat  er  später  in  ein  innigeres  Verhältnis.

Wenn  Ruhe  und  Stille  dem  inneren  Sein  ein  freieres  Walten  gestatteten,
versuchte  der  Prinz  auch  selbst  Spiegelbilder  seines  eigenen  geistigen  Lebens
in  poetischer  Form  zu  geben.  Diese  Dichtungen  des  Prinzen  wie  des  Königs
bieten  nicht  nur  den  dankenswertesten  Beitrag  zur  Charaktergeschichte  —  sie
enthüllen  uns  die  Lebensfragen,  die  an  den  Dichter  herantraten,  und  die  Lösung,
die  er  diesen  Rätseln  abgewann  —  sondern  enthalten  überdies  eine  Fülle
echter  Lebensweisheit.  Ludwig  war  kein  Dichter,  aber  der  hohe  Adel  der  Gesinnung
  und  die  Geistesschärfe,  die  in  seinen  Gedichten  zum  Ausdruck  gelangen,
zeigen  uns,  daß  er  verdiente  König  zu  sein.
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        77.  Ein  Brief  an  Kaiser  Franz  I.  von  ÖSsterreich  von  Kronprinz  Ludwig.  419

77.  Ein  Brief  an  Kaiser  Franz  I.  von  Österreich
von  Kronprinz  Ludwig.#)

Durchlauchtigster,  Großmächtigster  Kaiser,
freundlich  vielgeliebter  Herr  Bruder  und  Vetter!

Vertrauensvoll  wende  ich  mich  zu  Euerer  Kaiserlichen  Majestät,  hierinn
bestärkt  durch  die  gütige,  und  ich  darf  sagen,  liebevolle  Aufnahme,  so  mir  von
Höchstderselben  in  Heidelberg  wurde.  Voriges  Jahr  war  die  Gelegenheit,  nun,
fast  wunderbar,  ist  sie  von  neuem,  und  dann  wohl  nie  mehr,  wieder  zu  erlangen,
was  durch  Verrath  und  Waffenglück  Franzoßen  von  unserm  Vaterland  an  sich
gerissen.  Aufrichtigkeit  lieben  Euere  Kaiserliche  Majestät,  und  aufrichtig  sage
ich  meine  Meinung  für  am  zweckmäßigsten  zu  halten,  sich  nicht  in  lange  Unterhandlungen
  einzulassen,  als  worinn  die  Franzoßen  gefährlich,  sondern  in  Paris
zu  erklären,  was  man  will.  Ruhmvolleres  hat  noch  nie  ein  Kaiser  volltracht,
als  wenn  Euere  Majestät  machen,  daß  nebst  den  im  letzten  Frieden  erhaltenen
Bezirken  Elsaß,  Lothringen  nebst  Metz,  Toul  und  Verdun,  die  in  jenem  eingeschlossen,
  von  Frankreich  gesondert  werden,  wonach  dieses  immer  noch  größer
bleibt,  als  es  war,  da  es  Teutschland  verderblich  wurde.  Darum  beschwöhre
ich  Euere  Kaiserliche  Majestät,  daß  wenigstens  Elsaß  mit  Teutsch-Lothringen
und  das  Vogesen-Departement  doch  wieder  Teutsch  werden;  es  wäre  zu  traurig,
wenn  dieses  nicht  geschähe,  Südteutschlands  Gränzen  ferner  jedem  Einfall  offen
stünden.  Es  waren,  sind  und  bleiben  Teutschlands  Feinde  die  Franzoßen,
welche  Familie  sie  auch  regiere.  Obiges  erwarten  die  Teutschen,  und  daß
Frankreich  die  Kriegskosten  zahle,  wie  daß  es  angehalten  werde  zur  Rückgabe
dessen,  was  es  in  Europa  geraubt  an  Kunst=  und  Wissenschaftlichen-Werken.
Ich  sage  dieses,  obgleich  Baiern  sehr  wenig  Bedeutendes  nur  verlohr.  Es
ziemt  mir  vielleicht  nicht,  mich  so  gegen  Euere  Kaiserliche  Majestät  zu  äußern,
aber  Höchstdero  Wohlwollen  gegen  mich  und  die  Tugend,  welche  Euere  Majestät
nebst  so  vielen  andern  besitzen,  Offenherzigkeit  zu  lieben,  ließen  mich  dieses
schreiben.  Vergebung,  wenn  ich  gefehlt.  Höchstdieselben  um  Dero  fernere  Gewogenheit
  ersuchend  verbleibe  ich

mit  vorzüglichster
Hochachtung  und  dienstwilligster  Ergebenheit
Euerer  Kaiserlich  Königlichen  Majestät!
Dienstw.,  ganz  ergebenster
Bar  le  Duc  den  3½  Bruder,  Vetter  und  Diener

ulii  1815.
duli  Ludwig,  Kronprinz.

Format  4°.

1)  Wiener  Staatskanzlei,  Bayern,  Hofkorrespondenz.
        <pb n="432" />
        420

79.  An  Herrn  Mae  Iver,  meines  Erstgebornen  Erzieher.

78.  Nachklage  (1816).
Von  Kronprinz  Ludwig.)

Nur  die  Leiden  habe  ich  getragen,
Um  das  Vaterland  den  tiefen  Schmerz,
Heine  Schlachten  durfte  ich  nicht  schlagen,
Ach!  vergeblich  sehnte  sich  mein  Herz.
Wie  die  übersehungslosen  Wogen
Kamen  Völher  hämpfend  hergezogen,
Alles  schimmerte  in  Waffenglanz,

Ich  allein  entbehr'  den  Siegeskranz.

Kriege  mag  es  viele  künftig  geben,
Doch  ein  solcher  kommt  uns  nimmermehr,
Nie  von  neuem  dieses  heil'ge  Streben,
So  ein  gottbeseeltes,  hohes  Heer.

 

Freudig  hatte  sich's  geweiht  dem  Sterben
Um  der  Heimat  Freiheit  zu  erwerben,
Zu  des  Wütrichs  Sturz  vom  Erdenthron
Eine  Palme  nur  verlangt  zum  Lohn.

Ihrseid  glücklich,  die  ihr  fielt  im  Glauben
An  des  deutschen  Sinnes  neue  Macht,
Welchen  unfre  Tage  gräßlich  rauben,
Niemals  aus  dem  Traume  ihr  erwacht.
Und  in  jenen  bessern,  schönern  Welten
Lohnet  euch  das  ewige  Vergelten;
Aber  Trauer  immer  mich  umragt,
Denn  mir  wurde  jener  Kampf  versagt.

79.  An  Herrn  Mac  Jver,  meines  Erstgebornen  Erzieher.
Unterrichtsinstruktion  vom  Jahre  1817  von  Kronprinz  Ludwig.2)

Vor  Allem  die  Bezeugung  meiner  Zufriedenheit  mit  der,  schon  in  der
kurzen  Zeit,  daß  Sie  bei  meinem  Sohne  sind,  bewirkten  vorteilhaften  Veränderung.
  Was  den  Unterricht  betrifft,  setze  ich  Folgendes  sest:  Von  Anfang
November  bis  Ende  Dezember  (Sonntag  und  Feiertag  ausgenommen)  täglich
zwei  halbe  Stunden,  in  welchen  Sie  ihn  werden  lesen  lernen.  Ich  sage  zwei
halbe  Stunden,  weil  sie  nicht  in  dieselbe  Tageszeit  fallen  dürfen;  dieses  gilt
für  alle  folgende  Unterrichtszeit  gleichfalls.  Januar  bis  Februar  täglich  zwei
Dreiviertelstunden;  März  bis  Juni  täglich  zwei  Stunden.  Mit  dem  Monat
März  kann  auch  nebst  dem  täglich  eine  Viertelstunde,  aber  nicht  sitzend,  sondern
im  Zimmer  auf=  und  niedergehend,  mit  dem  Kopfrechnen  zu  lernen  verwendet
werden,  aber  zu  keiner  bestimmten  Zeit  im  Tage.  Mit  dem  Monat  März
hat  der  förmliche  Religionsunterricht,  den  Sie  gleichfalls  erteilen  werden,  zu
beginnen,  und  im  Juni,  die  vom  Hofbibliothekar  Lichtenthaler  zu  geschehende
Unterweisung  im  Klavierspielen,  welches  beide  auch  in  zwei  zum  Unterrichte
festgesetzten  Stunden  zu  verrichten;  von  welchem  im  Juni  zum  Klavier  täglich
eine  Viertelstunde  zu  nehmen.  Dieses  gilt,  bis  ich  anders  bestimme.  In
welchem  dieser  Monate  Sie  es  für  geeignet  finden,  beginnen  Sie  meinem  Sohne
kleine  Fabeln  und  Erzählungen  auswendig  lernen  zu  lassen.  Das  Gedächtnis,
was  für  einen  Fürsten  so  wichtig  ist,  muß  geübt,  muß  geschärft  werden.

Dahin  streben  Sie,  daß  religiöses  Gefühl  meinen  Sohn  durchlebe,  wie
das  Blut  den  Körper,  so  jenes  die  Seele.  Gottesfurcht,  mehr  noch  Gottesliebe

 

1)  „Gedichte  des  Königs  Ludwig  von  Bayern“,  I.  Band,  S.  198.  München  1829,  Cotta.
2)  Vgl.  Karl  Theodor  v.  Heigel:  „Ludwig  I.,  König  von  Bayern“,  S.  65.  Leipzig  1872,
Duncker  &amp;amp;  Humblot.
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        79.  An  Herrn  Mac  Iver,  meines  Erstgebornen  Erzieher.  421

fühle  er,  Liebe  ist  das  Höchste.  Teutsch  soll  Max  werden,  ein  Bayer,
aber  teutsch  vorzüglich,  nie  Bayer  zum  Nachteil  der  Teutschen!
Wie  die  Briten  sind  wir  Teutsche,  und  noch  ein  Volk,  obgleich  unter  mehreren
Fürsten.  —  Was  mein  Sohn  verspricht,  das  halte  er,  der  zu  gewöhnen  ist,
nicht  leichtsinnig  zu  versprechen.  Zuverlässigkeit  ist  eines  jeden  Menschen,
vorzüglich  aber  eines  Fürsten  seiende  Haupteigenschaft.  Zutrauen  macht  stärker
noch  als  Heere,  aber  es  muß  verdient  werden.  Abneigung  flößen  Sie  meinem
Sohne  gegen  Frankreich,  Teutschlands  Erbfeind,  und  gegen  das  französische  Wesen
(unser  Verderben)  ein!  Wie  kann  ein  Teutscher  Frankreich  Freund  sein?  So
lange  es  wenigstens  Elsaß  noch  von  Teutschland  abgerissen,  unterworfen  behält,
von  Teutschland,  zu  dem  es  gehört  und  durch  Sprache  und  Lage  immer  gehören
soll.  —  Mensch  im  höheren  Sinne  des  Wortes  muß  mein  Sohn  werden,
Mensch  und  Christ  (der  veredelte,  zur  Vollkommenheit  strebende  Mensch  ist
Christ,)  er  achte  die  Menschheit  und  liebe  die  Menschen.  Achtung  gegen  das
Alter,  Anhänglichkeit  an  das  Alte,  wenn  es  nicht  schädlich,  bekenne  derselbe,
überhaupt  nichts  Bestehendes  zu  ändern,  wenn  dieser  Grund  nicht  obwaltet.
Gegen  Selbstsucht  (Egoismus),  die  Pest  unserer  Zeit,  ist  sehr  bei  Max  zu
arbeiten.  Gehorsam  gegen  den  König,  gleichviel  wer  die  Würde  bekleidet,
ist  ihm  einzuprägen,  Gehorsam,  Verehrung  und  Liebe  gegen  seine  Eltern.
Das  fehlte  nie,  und  wird  nie  fehlen,  daß  sich  Leute  zwischen  den  regierenden
Vater  und  den  thronerbenden  Sohn  zu  stellen  trachten;  darum  kann  das
herzliche,  innige  Band  zwischen  beiden  nicht  fest  genug  geschlungen  werden,  nie
des  Sohnes  Aufrichtigkeit  dem  Vater  zu  viel  sein.  Keine  Vorlesungen  sind
über  diese  Gegenstände  zu  halten,  aber  im  täglichen  Leben,  bei  den  so  oft  sich
ergebenden  Gelegenheiten  einzuprägen,  daß  es  zu  einem  eigenen  Gefühle,  zu
eigener  Denkweise  werde.  Darauf  werde  gehalten,  daß  mein  Sohn  sich  wirklich
beschäftige,  seine  ganze  Aufmerksamkeit  auf  einen  Gegenstand  anhaltend  richten
lerne.  Auf  Wahrheit  werde  unerbittlich  strenge  gehalten.

Obgleich  Du  mir  angenehm  klingt,  soll  dennoch  bewirkt  werden,  daß
Max,  wenn  ich  zurückkomme,  nur  Sie  zu  mir  sage;  wenn  es  schon  gegen
andere  Väter  ratsam  ist,  bestehet  dieses  um  so  mehr  gegen  den  fürstlichen
Vater,  der  wahrscheinlich  Herrscher  einstens  wird,  den  König  und  Vater  vereinigend.
  —  Die  Sinne,  Ohr  und  Augen,  vornehmlich  letztere,  sollen  auf
Spaziergängen  einstimmig,  und  nur  daß  es  meinem  Sohne  Freude  gewährt,
geübt  werden.  Wann  mein  Sohn  Greechisch  und  Latein,  was  von  Lichtenthaler,
Englisch,  was  von  Ihnen  wird  gelehrt  werden,  beginnen  soll,  wie  überhaupt,
was  andere  Unterrichtsgegenstände  betrifft  und  von  wem  solche  vorzutragen,
werde  ich  künftig  bestimmen,  der  ich  meine  Zufriedenheit  mit  Ihnen  wiederholt
  bezeuge  und  meine  Freude,  Mac  Iver  gefunden  zu  haben.

Würzburg,  6.  Oktober  1817.

Ludwig,  Kronprinz.
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        422  81.  Die  Walhalla.

80.  Die  hohle  Weide.  (Herbst  1832.)
Von  Friedrich  Rũckert.i)

Der  Morgentau  verstreut  im  Tale
Sein  blitzendes  Geschmeide,

Da  richtet  sich  im  ersten  Strahle
Empor  am  Bach  die  Weide.

Im  Nachttau  ließ  sie  niederhangen
Ihr  grünendes  Gefieder

Und  hebt  mit  Hoffnung  und  Verlangen
Es  nun  im  Frührot  wieder.

Die  Weide  hat  seit  alten  Tagen
So  manchem  Sturm  getrutzet,
Ist  immer  wieder  ausgeschlagen,
So  oft  man  sie  gestutzet.

Es  hat  sich  in  getrennte  Glieder

Ihr  hohler  Stamm  zerklüftet

Und  jedes  Stämmchen  hat  sich  wieder
Mit  eigner  Bork'  umrüftet.

 

Sie  weichen  auseinander  immer
Und  wer  sie  sieht,  der  schwöret,
Es  haben  diese  Stämme  nimmer
Zu  einem  Stamm  gehöret.

Doch  wie  die  Lüfte  drüber  rauschen,
So  neigen  mit  Geflister

Die  Zweig“  einander  zu  und  tauschen
Noch  Grüße,  die  Geschwister;

Und  wölben  überm  hohlen  Kerne
Wohl  gegen  Sturmes  Wüten

Ein  Obdach,  unter  welchem  gerne
Des  Liedes  Tauben  brüten.

Soll  ich,  o  Weide,  dich  behlagen,
Daß  du  den  Kern  vermissest,

Da  jeden  Frühling  auszuschlagen
Du  demnoch  nie  vergissest?

Du  gleichest  meinem  Paterlande,
Dem  tief  in  sich  gespaltnen,
Von  einem  tiefern  Lebensbande
Zusammen  doch  gehaltnen.

81.  Die  Walhalla.

Von  Karl  Theodor  von  Heigel.-)

Als  den  schönsten  Festtag  seiner  langen  Regierungszeit  bezeichnet  Ludwig

selbst  den  Tag  der  Grundsteinlegung  zur  Walhalla.

Am  2.  Oktober  1808

hatte  der  Jüngling  an  Johannes  Müller  geschrieben:  „Walhalla  ist  kein  Werk
für  einen  Kronprinzen,  wäre  zu  kostspielig;  soll  ich  einst  König  werden,  errichte
ich  es!“  Seit  dieser  Zeit  aber  waren  in  seinem  Auftrag  durch  Künstlerhand
nach  und  nach  die  Brustbilder  der  berühmtesten  Deutschen  geschaffen  worden.
Der  Platz  für  die  Halle  wurde  schon  1810  bei  Gelegenheit  eines  Besuches
des  Fürsten  Taxis  gewählt.  Im  Herzen  Deutschlands,  nördlich  von  der  ehrwürdigen
  Karolingerstadt  Regensburg,  von  der  Goethe  sagt:  „Es  liegt  gar
schön,  schon  die  Gegend  mußte  eine  Stadt  herbeilocken!“,  bis  zu  dem  alten
Stauf  hinab,  wo  einst  Albertus  Magnus  die  geheimnisvollen  Gesetze  der
Naturkräfte  zu  ergründen  strebte,  zieht  sich  eine  langgestreckte  Hügelkette  längs

1)  „Gesammelte  Werke“  III,  S.  33.  Leipzig  1897,  Gustav  Fock.

*  „Ludwig  I.,  König  von  Bayern“,  S.  106  ff.
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        81.  Die  Walhalla.  423

des  schönen  Donaustromes  hin.  Eine  isoliert  sich  erhebende  Höhe,  der  Breuberg,
sollte  das  Gebäude  tragen.  „Groß  muß  es  werden,"“  schrieb  Ludwig  an  Müller,
„nicht  bloß  kolossal  im  Raume,  Größe  muß  auch  in  der  Bauart  sein,  nicht
zierlich  und  hübsch,  hohe  Einfachheit,  verbunden  mit  Pracht,  spreche  sein  Ganzes
aus,  würdig  werdend  dem  Zweck!“  1821  wurde  Leo  von  Klenze  mit  dem
Bauplan  betraut.  Er  entwarf  den  Riß  zu  einer  Tempelhalle,  von  einem
dorischen  Peristhl  umzogen,  und  Ludwig  gab  seine  Einwilligung.  Wohl
wurden  schon  damals  Wünsche  laut,  die  für  die  deutsche  Walhalla  einen  Bau
in  altdeutschem  Stil  forderten,  doch  ließ  sich  nicht  ohne  Berechtigung  entgegnen,
ein  gotisches  Münster  sei  eben  wieder  nicht  passend  zur  Aufnahme  von  Büsten
nach  antiken  Vorbildern.  Endlich  gedieh  der  Plan  zur  Reife.

Am  Jahrestag  der  Leipziger  Schlacht  1830  zog  eine  festlich  geschmückte
Flottille  von  Regensburg  stromabwärts.  Auf  beiden  Ufern  jubelte  eine  unermeßliche
  Volksmenge,  von  der  Stadt  tönte  feierlicher  Glockenschall  herüber,
Böllerschüsse  krachten,  denen  das  Echo  der  Hügel  antwortete.  Auf  der  auserwählten
  Stätte  hinter  Donaustauf  sammelte  sich  der  Kreis  der  Geladenen.
Eduard  v.  Schenk  hielt  die  Festrede,  dann  machte  der  König  selbst  die  üblichen
drei  Hammerschläge.  „Moöchten  in  dieser  sturmbewegten  Zeit,"  sprach  er  dabei,
„sest,  wie  dieses  Baues  Steine  vereinigt  sein  werden,  alle  Deutschen  zusammenhalten!“


Von  nun  an  regten  sich  tausend  fleißige  Hände  am  Donaugestade,  der
königliche  Gedanke  wurde  rasch  zur  Tat.  Auch  bei  diesem  Gebäude  wurde
wie  bei  der  Glyptothek  den  drei  Schwesterkünsten  Gelegenheit  geboten  mit
vereinten  Kräften  zu  wirken.  Durch  die  Anwendung  der  Lithochromie  im
Innern  wurde  jene  harmonische  Pracht  erzielt,  die  auf  jeden  Beschauer  ergreifenden
  Eindruck  ausübt  und  ihn  leicht  vergessen  macht,  daß  in  der  Mischung
römischer  und  griechischer  Details  in  der  Halle  innere  Widersprüche  vorliegen.
Die  Bildwerke  in  den  äußeren  Giebeln,  die  Besiegung  der  Römer  und  der
Franzosen  durch  die  Deutschen  darstellend,  gehören  zu  den  bedeutendsten  Marmorgruppen,
  die  seit  Iktinos  und  Kallikrates'  Zeit  überhaupt  wieder  erstanden.
Wie  läßt  sich  ihnen  gegenüber  am  Vorwurf  festhalten,  Schwanthalers  Werke
seien  nur  für  den  Guß,  nicht  für  den  Marmor  geschaffen!  Mit  ihrem  Bildner
ringen  Joh.  Martin  Wagner,  der  im  Saalfries  die  Entwickelung  des  deutschen
Kulturlebens  darstellte,  und  Christian  Rauch  durch  seine  lieblichen  Ruhmesgenien
  um  die  Palme.  Das  prächtige  eiserne  Hängewerk  der  Decke  ist  nach
Schinkels  Idee  gefertigt.

Für  die  Auswahl  der  Namen  und  Bildnisse,  die  in  die  Halle  der  Verklärten
  aufgenommen  werden  sollten,  blieben  im  allgemeinen  die  Bestimmungen
des  Geschichtschreibers  Johannes  Müller  vom  Sommer  1807  maßgebend.  Während
sich  damals,  nach  dem  Siege  bei  Friedland,  in  der  norddeutschen  Hauptstadt
französische  Frivolität  breitmachte,  die  französischen  Marschälle  in  den  Palästen
unter  den  Linden  residierten  und  auf  dem  Exerzierplatz  Feuerwerke  abgebrannt
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        124  81.  Die  Walhalla.

wurden,  die  den  Ruhmestempel  Napoleons  im  Strahlenglanz  erscheinen  ließen,
in  jenen  Tagen  der  tiefsten  Erniedrigung  Deutschlands  hatte  der  bayerische
Prinz  den  Entschluß  gefaßt  dem  deutschen  Genius  diesen  Ehrentempel,  seine
Walhalla,  zu  bauen.  „Es  macht  den  Eindruck,“  sagt  Döllinger,  „wie  wenn
ehedem  römische  Senatoren  dem  von  der  Niederlage  bei  Kannä  heimkehrenden
Konsul  Varro  entgegengingen  und  ihm  dankten,  daß  er  doch  am  Vaterland
nicht  verzweifelt  habe.“  Schon  bei  einem  früheren  Besuch  in  Berlin  (Neujahr  1807)
lenkte  er  seine  ersten  Schritte  zu  Schadow  um  für  seine  Walhalla  eine  Büste
Friedrichs  des  Großen  in  Auftrag  zu  geben.  Außer  bei  Schadow  bestellte
Ludwig  dann  noch  bei  Rauch,  Tieck  und  Wichmann  Büsten  deutscher  Geistesheroen.
  Während  selbst  die  edelsten  Patrioten  trübe  resignierten,  hatte  Kronprinz
Ludwig  niemals  das  Vertrauen  verloren  auf  die  geistige  Kraft  des  Volkes,
die  früher  oder  später  das  Vaterland  wieder  aufrichten,  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit
  wecken  müsse.  Damals,  als  der  Prinz  täglich  gezwungen  war  mit
Berthier,  Ney  und  anderen  französischen  Marschällen  in  Berührung  zu  kommen,
war  das  Gedicht  entstanden:

„Auf,  ihr  Teutschen,  sprengt  die  Ketten,

Die  ein  Korse  euch  hat  angelegt;

Eure  Freiheit  könnet  ihr  noch  retten,

Teutsche  Kraft,  sie  ruhet  unbewegt

Auch  auf  den  Wunsch  des  Prinzen  war  Joh.  Müller  eingegangen,  „alle
diese  Männer,  nicht  gelehrt,  ohne  alles  Zitat,  aber  mit  lebendiger  Vorstellung
dessen,  was  jeder  war  und  was  zu  sein  er  uns  lehrt,  aufzuzeichnen".  Doch
starb  Müller,  bevor  er  den  Plan  ausgeführt  hatte,  und  Ludwig  übernahm
nun  selbst  die  Abfassung  kurzer  biographischer  Skizzen  über  die  „Walhallagenossen“.
  Man  mag  den  Stil  barock  nennen  und  den  einen  und  anderen
Verstoß  gegen  vie  Geschichte  tadeln,  aber  man  muß  der  Objektivität  des  Verfassers
  Gerechtigkeit  widerfahren  lassen.

Zwölf  Jahre  nach  der  Grundsteinlegung,  wieder  am  Jahrestag  des  Leipziger
  Befreiungskampfes,  öffneten  sich  die  ehernen  Tore  des  deutschen  Ehrentempels.
  Unter  den  Klängen  des  von  Stunz  komponierten  Walhallaliedes
schritt  der  König  mit  großem  Gefolge  die  majestätische  Marmortreppe  hinan.
Das  Gelübde,  das  er  vor  35  Jahren  nach  der  Schlacht  bei  Jena  den  zürnenden
Walküren  geleistet,  war  gelöst.  Auch  bei  dieser  Feier  gab  er  dem  Wunsche
Ausdruck,  Walhalla  solle  vor  allem  zur  Erstarkung  deutschen  Sinnes  beitragen.
Im  Jahre  1830  war  auch  für  ein  einiges  Deutschland  kaum  mehr  als  der  Grund.
stein  gelegt.  Im  Laufe  der  folgenden  zwölf  Jahre  war  an  dem  Bau  nicht
lässig  fortgearbeitet  worden,  obwohl  ein  ausschweifender  Partikularismus  in
gleicher  Weise  wie  das  Streben  nach  unbedingter  Einheit,  das  sich  zu  anarchischer
Tendenz  verirrte,  die  Entwickelung  der  Einheitsidee  schädigte.  Aber  es  waren
doch  wenigstens  die  Glieder  des  deutschen  Volkes  nicht  mehr  durch  Zollschranken
zerrissen  und  die  deutsche  Bewegung  im  Jahre  1840  hatte  gezeigt,  daß  die
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        81.  Die  Walhalla.  425

Widerstandskraft  dieser  Nation  trotz  der  schwachen  Form  ihrer  Vereinigung
nicht  mißachtet  werden  dürfe.

Ein  Herbsttag  im  Jahre  1870  neigte  sich  schon  zur  Rüste,  als  der  Verfasser
  den  Eichenwald  durchschritt,  der  die  Walhalla  auf  der  Landseite  bis  zum
Gipfel  des  Berges  den  Blicken  verbirgt,  und  endlich  die  herrliche  Halle  vor
sich  liegen  sah.

„Tretet  ein!  Auch  hier  sind  Götter.“

Man  vergißt  die  Walhalla  nie.  Der  Kunstkritiker  Hermann  Riegel,  den  man
nicht  der  Parteilichkeit  für  den  königlichen  Bauherrn  oder  für  den  Architekten
zeihen  wird,  gesteht:  „Mir  ist  die  Walhalla,  deren  Lage  schon  an  Agina  erinnert,
  stets  wie  ein  Tempel  des  Zeus  Pangermanikos  erschienen,  wie  ein
wirkliches  Heiligtum  deutscher  Ehre,  in  dem  man  Andacht  üben  kann!“  Welche
Erinnerungen  werden  wach,  wenn  wir  die  langen  Böstenreihen  überblicken!
Hier  das  energische,  der  Kaiserkrone  würdige  Haupt  Friedrich  Barbarossas,
dort  der  herrliche  Dürerkopf,  der  männliche  Scharnhorst,  der  häßliche  und  doch
so  anziehende  Kant!  Die  letzten  Sonnenstrahlen  brachen  eben  durch  das  Dachwerk
  und  beleuchteten  die  Bildnisse  Steins  und  Gneisenaus;  allmählich  zog
sich  ihr  Schimmer  hinüber  zu  dem  ernsten  Lutherbild.

Trittst  du  hinaus  durch  die  Erzpforte,  welch  reizendes  Bild!  Weithin
in  der  Ebene  ein  Kranz  von  Dörfern,  deren  Namen  das  altdeutsche  Gepräge
nicht  verleugnen,  zu  beiden  Seiten  Hügelgebilde,  von  Hopfen  und  Reben  überrankt,
  und  mitten  in  dunkelm  Forst,  vom  dämmernden  Himmel  sich  geisterhaft
abhebend,  die  weiße  Marmorhalle  mit  dem  hell  schimmernden  Treppenban!
Das  Rauschen  der  Donau,  in  der  sich  schon  die  Sterne  spiegeln,  erzählt
von  alter  Macht  und  Herrlichkeit;  die  feierliche  Stille  einer  heiligen  Einsamkeit
  lockt  in  Träume.  Zur  Walhalla  schreiten  die  Götter  auf  dem  Irisbogen
  über  den  Strom.  Wie  sich  Helena  und  ihre  Gespielinnen  beim
Anblick  der  Ritterburg,  die  Phorkyas  ihnen  zeigt,  scheuer  Furcht  nicht
erwehren  können,  so  staunen  auch  die  Schutzgötter  Germanias  ob  der  fremdartigen
  Pracht.

Da  blitzen  in  der  nahen  Stadt  feurige  Garben  auf!  Der  Dom,  dessen
himmelanstrebende  Türme  der  Erbauer  Walhallas  vollenden  half,  steht  in  einem
Feuermeer.  Die  Stadt,  in  welcher  Ludwig  der  Deutsche  begraben  liegt,  feiert
ein  deutsches  Siegesfest  und  die  Wiedergeburt  des  Reiches.  Das  Aufleben
der  alten  nationalen  Begeisterung  half  den  deutschen  Waffen  zum  Sieg.  Dank
den  Fürsten,  die  sich  als  Träger  der  nationalen  Idee  bewährten,  ist  als
schönstes  Siegesmal  ein  starkes,  glückliches  Deutschland  wieder  erstanden,  —
die  edlen  Wünsche  des  Gründers  des  nationalen  Heiligtums  Walhalla  sind
zur  Tat  geworden.
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        426  82.  Walhalla.

82.  Walhalla.
Von  Martin  Greif“)

Auf  Walhallas  Stiegen  Rosenrot  umflossen  Die  Vihtorien  bieten
Ha  ich  einsam  da,  Fern  der  alte  Dom  Hohe  Kränze  dar,
Alle  Fluren  schwiegen  Und  der  Mond  ergossen  Siille  herrscht  und  Frieden
Fern  und  nah.  Auf  dem  Strom.  Wunderbar.
Nur  die  Amseln  sangen  Lieuchtende  Gestalten  Aber  nah  und  ferne
Drüben  noch  im  Wald,  Ziehn  zum  Tempel  hin,  Cebenshauch  und  Drang,
Abendglocken  klangen  Hohe  Kränze  halten  Keimen  goldner  Sterne  —
Und  verstummten  bald.  Die  Vihtorien  drin.  Sonnenuntergang!

Blauer  Wellen  Blinken,  In  die  weh'nden  Lüfte,

Grüner  Donaustrand!  In  den  rof'gen  Strahl,

Duft'ge  Schleier  sinken  In  die  Bergesklüfte,

Auf  das  Land.  In  das  Tal!

Helden!  Zänger!  Meister!  Atmen,  wandeln,  weben

Wär's  nicht  einz'ges  Glück,  Könnt  ihr  droben  nicht,
Führten  sel'ge  Geister  Alles  ist  das  Leben,
Euch  zu  uns  zurüch?  Allles  ist  das  Licht.

83.  Gedanken  Jean  Pauls  über  seine  Zeit.
Von  Hans  Drobst.“

Die  ersten  Werke  Jean  Pauls  bis  in  den  Anfang  des  19.  Jahrhunderts
hinein  sind  voller  Spott  über  das  morsche  Reich:  er  geißelt  den  Druck  der
kleinen  Fürsten  und  ihre  Soldatenspielerei,  die  unkriegerischen  Reichstruppen
und  die  verknöcherte  Rechtspflege;  er  schildert  mit  bitteren  Worten  das  Leben
der  unfreien  Bauern;  nur  die  Reichsstädte  nennt  er  die  „deutschen  Niederlassungen
und  Absteigequartiere  der  Göttin  der  Freiheit.“  Ebenso  unbefriedigt  zeigt  er
sich  als  Beobachter  der  Ereignisse  in  Frankreich,  „wo  Revolutionen  sich  durch
die  Revolution  wälzen  und  der  Staat  ein  Meer  wird,  dessen  Bewohner  sich
bloß  fressen  und  jagen;“  er  findet,  daß  die  Revolution  „wie  eine  weite,  elektrische
Wolke  die  Kröten  und  die  Frösche  und  den  Staub  in  die  Höhe  zog,  indes
sie  die  erhabenen  Gegenstände  umschlug.“  Die  Koalitionskriege  machen  seine
Seele  „beklommen  vom  Bedauern  des  edlen,  kriegerischen  Blutes.“  In  der
„Huldigungspredigt  vor  und  unter  dem  Regierungsantritt  der  Sonne,  gehalten
am  Neujahrsmorgen  1800“  ruft  er  das  Lichtgestirn  an:  „Ziehe  dem  Jahrhundert,
  diesem  wilden  Titan,  das  Schwert  aus  der  Hand  und  gib  ihm
deinen  geheiligten  Olzweig  ins  Grab!  Wie,  war  nicht  seine  letzte  Bahn  wie
die  einer  Königsleiche  mit  Trauertuch  belegt  und  wird  es  nicht  wie  diese
unter  Kanonen  eingesenkt?  —  Gib  uns  Liebe  und  Friede,  Mutter  des  Lebens
und  der  Wärme!“

1)  Gesammelte  Werke,  I.,  S.  297.  Leipzig  1895  ".
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        83.  Gedanken  Jean  Pauls  über  seine  Zeit.  427

Das  einzige,  was  ihn  über  die  verstimmende  Gegenwart  erhebt,  sind  große
Menschen.  Sein  deutscher  Held  ist  Friedrich  der  Große,  bei  dessen  Hinscheiden
er  schreibt:  „Gewisse  Menschen  bringen  auf  einmal  die  ganze  Menschheit  vor
unser  Auge.“  In  der  französischen  Revolution  ist  ihm  Charlotte  Corday  eine
Lichtgestalt.  „O  selig,“  ruft  er  noch  1801  in  dem  Ausfsatz  über  diese  Heldin
aus,  „selig  ist  der,  welchem  ein  Gott  eine  große  Idee  beschert,  für  die  allein
er  lebt  und  handelt,  die  er  höher  achtet  als  seine  Freuden,  die,  immer  jung
und  wachsend,  ihm  die  abmattende  Eintönigkeit  des  Lebens  verbirgt.“  Ohne
solche  hohe  Geister  wäre  ihm  das  Leben  schal.  „Es  erscheine  ein  Jahrhundert
lang  in  einer  Literatur  kein  Genie,  in  einem  Volke  kein  Hochmensch:  welche
kalte  Wasserebene  der  Geschmack=  und  Sittenlehre!  O,  ich  möchte  in
keinem  Leben  leben,  das  kein  großer  Geist  anrührte  und  durchgriff!“  Ebenso
beurteilt  er  anfänglich  den  ehrgeizigen  Korsen.  „Alle  Größen  und  Berge  in
der  Geschichte,  an  denen  nachher  Jahrhunderte  sich  lagerten  und  ernährten,
hob  das  vulkanische,  anfangs  verwüstende  Feuer  solcher  Übermenschen,  z.  B.
Bonaparte  Frankreich  kühn  auf  einmal  aus  dem  Wasser.“  „Wer  nun
diese  Kraft  besitzt,  hat  das  Gefühl  derselben  oder  den  Glauben  und  darf  unternehmen,
  was  für  den  Zweifler  Vermessenheit  und  Sünde  wäre  bei  seinem
Mangel  des  Glaubens  und  folglich  auch  der  Kraft.“  Unwillkürlich  zieht  er
zwischen  ihm  und  den  deutschen  Heerführern  seine  Vergleiche.  „Zur  französischen
Kriegskraft  gehört  ihre  geistige  Jugend  und  ihre  Wahl  der  körperlichen;  beides
führt  wieder  zur  sieghaften  Schnelle.  Wenn  bei  den  Deutschen  ein  Mann
nicht  eher  einige  Regimenter  befehligen  und  stellen  durfte,  als  bis  er  selber
kaum  mehr  stehen  konnte  —  kurz,  wenn  man,  den  Fürsten  ausgenommen,
nicht  früher  ein  Heer  weise  anführen  konnte,  als  bis  man  mehrere  Millionen
Male  rasiert  geworden,  so  ahmen  die  Franzosen  mehr  den  Griechen  nach,  welche
den  Mars  ganz  jung  und  ohne  Bart  darstellten.“

Noch  erwartet  er,  der  Kriegsmeister  werde  sein  Werk  als  Friedensfürst
krönen.  Im  Februar  1808  schreibt  er  in  der  „Friedenspredigt“:  „Es  ist  eine
vorteilhafte  Erscheinung,  daß  die  Natur  allen  großen  Helden  —  von  Alexander
und  Cäsar  an  bis  zu  Karl  dem  Großen  und  Friedrich  II.  und  Napoleon
herüber  —  gleichsam  als  einen  Wundbalsam  für  verblutete  Völker  Liebe
und  Eifer  für  die  Wissenschaft  auf  die  verheerende  Laufbahn  mitgegeben.“
Er  meint  Anzeichen  davon  zu  sehen.  „Der  Knoten  lösende  Maschinengott  Europas
hat  durch  mehrere  neueste  Schritte  kundgetan,  daß  er  nichts  als  Frieden  brauche
und  ihn  künftig  über  Erwarten  bewahren  werde  um  Friedrich  den  Einzigen
zum  zweiten  Male  zum  Muster  zu  nehmen.  Im  Krieg  ist  Friedrich  II.  nicht
der  Einzige;  bleib'  er's  auch  im  Frieden  nicht  und  werd'  er  nicht  nur  erreicht
sondern  auch  übertroffen!  —  Und  dann  ist  die  Welt  beglückt  und  ihre  Verwundung
  entschuldigt!“  Doch  bereits  1809  schwindet  ihm  sichtlich  diese  Hoffnung.
In  dem  Aussatz  „Kriegserklärung  gegen  den  Krieg“  heißt  es:  „Was  dem
Frieden  die  Wohltaten  verfälscht  und  schmälert,  ist  eben,  daß  er  alte  Kriegs-
        <pb n="440" />
        428  83.  Gedanken  Jean  Pauls  über  seine  Zeit.

wunden  zu  verschließen  und  zu  neuen  auszuholen  hat.  Wollte  ein  großer
Staat  nur  die  Hälfte  seines  Kriegsbrennholzes  zum  Bauholze  des  Friedens
verbrauchen;  wollte  er  nur  halb  soviel  Kosten  aufwenden  um  Menschen  als
um  Unmenschen  zu  bilden,  und  halb  soviel  sich  zu  ent  wickeln  als  zu  verwickeln:
  wie  ständen  die  Völker  ganz  anders  und  stärker  da!  Wie  viel  mehr
hat  das  kleine,  friedliche  Athen  für  die  Welt  getan  als  das  würgende  Riesen-Rom!“
  Deutlich  klingt  schon  der  warnende  Hinweis  auf  das  Schicksal  der
großen  Eroberer  durch:  „Immer  glitten  die  durchstochenen,  durch  ein  Schwert
aneinander  gereihten  Länder  wieder  davon  ab,  sobald  die  blutschwarze  Hand,
die  es  hielt,  sich  vor  dem  Tode  senken  mußte.“  Offenbar  anspielend  auf  den
unersättlichen  Soldatenkaiser  schreibt  er:  „Alexander  hätte  sich  gewiß  nicht
mit  dem  winzigen  Trabanten  der  kleinen  Erde  begnügt,  dem  Monde,  wenn
er  eine  Aufziehbrücke  dahin  gefunden  hätte,  sondern  er  wäre  gerade  auf  die
Hauptstadt  des  hiesigen  Planetenreiches,  auf  die  Sonne,  losgegangen  und  hätte
daselbst,  nach  der  Eroberung,  Kriegskarten  vom  Hundsstern  verlangt.“

Auch  in  anderer  Hinsicht  vollzieht  sich  in  Jean  Paul  eine  Wandlung.
Er  hörte  in  Bayreuth  in  den  ersten  Oktobertagen  1806  die  vor  seinen  Fenstern
„vorübergetragene  Kriegsmusik,  welche  mit  ihrem  Freudenanklang  das  Herz,
wider  dessen  Vaterland  sie  zog,  schmerzlich  seltsam  teilte;“  er  durchlebte  eine
Zeit,  „wo  die  Kanonen  die  Stunden  schlugen  und  die  Schwerter  sie  zeigten;"
nun  steht  er  dem  Vaterlande  nicht  mehr  mit  kaltem  Spott  gegenüber,  sondern
nimmt  wärmsten  Anteil.  „Der  Krieg  hat  über  Deutschland  ausgedonnert,

mit  den  deutschen  Wunden  sind  zugleich  auch  die  deutschen  Ohren  offen;
daher  rede  Heilsames,  wer  es  vermag!  Oftmals  sind  Länder  vorbereitet
und  umgepflügt  mit  Schwertern,  gedüngt  mit  Blut  —  und  bleiben  doch  brach,
weil  der  Geist  nicht  kommt,  der  den  guten  Samen  aussäet,  sondern  bloß  der
Feind  mit  Krallen  voll  Unkraut.  Noch  hat  uns  das  Unglück  nicht  so
viel  Vaterlandsliebe  gegeben,  als  das  Glück  den  Franzosen  davon  gelassen,  ja
zugelegt.“  Aber  nicht  in  Vorwürfen  will  er  zu  seinem  Volke  sprechen,  sondern
tröstend  und  aufmunternd.  Nach  Jahren  sagt  er  einmal:  „UÜbrigens  geht
durch  alle  meine  politischen  Aufsätze,  von  des  ersten  Konsuls  Drucke  an  bis
zu  des  letzten  Kaisers  Drucke,  etwas  ungebeugt  und  aufrecht,  was  ich  jetzo  am
liebsten  darin  stehen  sehe  —  die  Hoffnung.“  (Fastenpredigten  1816.)  Er
schlägt  schon  1808  in  der  Vorrede  zu  seiner  Friedenspredigt  diesen  Ton  an.
„Wir  brauchen  vielerlei  Hoffnungen;  schon  das  Glück  kann  ohne  diese  nicht
genossen  werden,  geschweige  das  Unglück  getragen  oder  geheilt.  In  jedem  Falle
ist  Hoffen  besser  als  Fürchten."“

Eine  Hoffnung  ist,  daß  nun  die  Deutschen  ihre  alten  Schwächen  ablegen.
„Der  Krieg  ist  die  stärkende  Eisenkur  der  Menschheit,  und  zwar  mehr  des  Teils,
der  ihn  leidet,  als  des,  der  ihn  führt.  So  muß  der  Krieg  den  nächsten
Zeiten  mehrere  wahre  Männer  zugebildet  und  zurückgelassen  haben  und  dem
Vefsuve  gleich  geworden  sein,  nach  dessen  Aschenwürfen  (das  Kriegsfeuer  liefert
        <pb n="441" />
        33.  Gedanken  Jean  Pauls  über  seine  Zeit.  429

ja  Häuserasche  und  Menschenasche  genug)  der  anfangs  durch  sie  erstickte  Pflanzenwuchs
  üppig  emporschießt.  —  Und  was  begehren  wir  mehr  für  die  Zukunft  als
Männer?"  Man  muß  sich  in  die  neuen  Verhältnisse  einleben.  „Neue  Staatsschiffe
  lassen  wie  neue  Boote  noch  Wasser  ein,  bevor  sie  zugequollen  sind.“
„Wir  wohnen  jetzt  noch  im  Baugerüste  der  Zeit  —  und  freilich  ist  ein  Gerüste
nicht  die  bequemste  Wohnung.  Aber  unsere  vorige  war  ja  noch  zerlöcherter
und  durchsichtiger  als  irgend  ein  Gerüste,  gleichsam  nur  das  Gerüste  zu  einem
Gerüste.“  In  die  Abhängigkeit  unter  Frankreich  muß  man  sich  zunächst  finden,
so  gut  es  geht.  „Seit  den  letzten  Kriegen  teilen  wir  wieder  gern  den  gemeinschaftlichen
  Namen  Franken  und  erinnern  uns  aus  der  Geschichte,  daß  die
Mehrheit  in  Frankreich  nicht  Gallier,  sondern  versetzte  Germanen  sind.“  Freilich
ist  das  nur  ein  Scheintrost;  wichtiger  sind  ihm  die  ersten  sichtbaren  Zeichen
beginnender  Verjüngung.  Seine  im  Anfang  des  Jahres  1809  geschriebenen
„Dämmerungen“  sprechen  dies  deutlich  aus.  „Als  der  Donner  in  Lykurgs  Grab
einschlug,  galt  es  für  ein  günstiges  Zeichen.  In  Potsdam  fuhr  der  Strahl  in
das  Grab  eines  ähnlichen  kriegerischen  Gesetzgebers;  auch  hier  erscheint  es  als  kein
böses  Zeichen,  indem  er  daraus  zwar  nicht  den  Gesetzgeber,  aber  doch  verklärte
Gesetze  aufweckte.“  „Das  Kriegsfeuer  hat  gewiß  etwas  Besseres  entzündet  als
Häuser,  nämlich  Herzen  für  Deutschland.  Es  finden  deutscher  Norden  und
deutscher  Süden  —  bisher  so  widerspenstig  einander  eingewachsen  zu  einem
Reichskörper  als  zuweilen  Zwillinge  am  Rückgrate  zu  einem  Leibe  —  und
ferner  die  deutschen  Zwischenstaaten  finden  sich  einander  jetzt  verwandter,  zusammentreffend
  auf  demselben  Dornensteig  von  Leiden  und  auf  der  Wett=  und
Rennbahn  ähnlicher  Selbstverbesserung.  Ein  herrlicher  Auferstehungsgeist
arbeitet  und  glüht  jetzt  im  vorigen  Reichskirchhof  und  beseelt  Scheintote  und
beleibt  Gerippe.  Einerlei  Ziel  löscht  den  Unterschied  unter  deutschen  Staaten
immer  mehr  aus.“  Nur  eines  ist  jetzt  noch  vonnöten:  ein  starker,  alle  diese
gärenden  Kräfte  einigender  Mann.  „Die  neueste  Geschichte  voll  umgeworfener
und  voll  aufgerichteter  Throne  predigt  uns  allen  das  UÜbergewicht  der  Einzelnen
über  die  Masse.“  Dieser  „Einzelne“  muß  ein  Fürst  sein.  „In  Deutschland
läuft  der  Efen  der  Vaterlandsliebe  mehr  am  Throne  empor  als  auf  dem  Boden
umher;  nämlich  wir  haben  immer  einen  großen  Fürsten  —  groß  entweder
geographisch  oder  heroisch  oder  sittlich  —  vonnöten  um  erst  an  ihm  das
Vaterland  zu  lieben.  Nie  vermag  —  wie  Osterreich,  Preußen  u.  s.  w.  zeigen  —
ein  Fürst  über  sein  Volk  mehr  als  nach  Landesunglück  und  Landesschmälerung.
Was  werden  also  nicht  unsere  Fürsten  vermögen?  Zumal  wenn  sie  ihre  Kräfte
nur  nach  innen,  nicht  nach  außen  kehren.  Dachten  deutsche  Fürsten  jemals
deutsch,  so  müssen  sie  es  jetzo  noch  mehr  tun.  Deutsche  lieben  so  sehr  ihre
Fürsten;  ist's  denn  also  für  einen  von  diesen  so  schwer,  Millionen  liebende
Herzen  mit  einem  einzigen  zurückzulieben?“

Allerdings  wurde  noch  im  selbigen  Jahre,  1809,  das  Vertrauen  in
Deutschlands  Zukunft  auf  eine  harte  Probe  gestellt.  Über  die  Aufsätze,  die  er
        <pb n="442" />
        430  83.  Gedanken  Jean  Pauls  über  seine  Zeit.

1810  bis  1811  schrieb  und  die  er  1816  unter  dem  Titel  Politische  Fastenpredigten“
  zusammenfaßte,  äußert  er  sich  in  der  Vorrede  dazu,  sie  seien  „in
jenen  lastenden  Jahren  geschrieben,  wo  weiter  keine  andern  Federn  kühn  und
stolz  sich  bewegen  durften  als  die  auf  Helmen  und  wo  man  in  Schafskleidern
gehen  mußte  um  Wölfen  nicht  anstößig  zu  werden.  So  wird  man  sich  über
die  Stellen  dieses  Buches  nicht  entrüsten,  wo  ich  mit  den  Wölfen  zwar  nicht
heulte,  aber  auch  nicht  über  sie.“  In  der  „Traumdichtung  in  der  ersten
Nachmitternacht  des  Jahres  1813“  schreibt  er  im  Dezember  1812:  „Unsere
Zeit,  gewaltiger  und  umgreifender  als  eine,  leidet  eben  darum  keine  Propheten:
sie  läßt  keinen  Monat  Zukunft  von  sich  weissagen;  ja,  wir  haben  genug  zu
blicken  um  nur  die  Vergangenheit  zu  erraten  und  zu  sehen.“  Aber  ungebeugt
  ist  sein  Vertrauen.  „Wer  hofft,  hat  schon  gesiegt  und  siegt  weiter.“

Als  endlich  der  große,  ersehnte  Umschwung  erfolgte,  da  äußert  sich  seine
Freude  in  der  Vorrede  zu  „Mars'  und  Phöbus'  Thronwechsel“  am  10.  Februar
1814:  „Verfasser  darf  sich  zuerkennen,  daß  er  schon  in  seinen  frühern  Werken
statt  der  Furcht  die  Hoffnung  gepredigt  und  genährt.  Und  so  schimmerten
ihm  denn  die  ewigen  Sterne  der  Vorsehung  durch  den  Nordschein  einer  langen
Nacht  hindurch  und  dieser  Schein  hat  ausgeprasselt  und  jene  sind  still  in
ihrem  Lichte  fortbestanden.“  Noch  kann  er  sich  zwar  nicht  so  frei  äußern,
wie  er  möchte.  „Wenn  der  Leser  es  tadeln  will,  daß  ich  in  eine  so  taten=  und
folgenreiche  einzige  Zeit,  ungleich  anderen  Schriftstellern,  statt  eines  Sturmvogels
oder  eines  Beizfalken,  einen  leichten  Sommer=  und  Schneidervogel,  wie  diese
nur  scherzende  Flugschrift  ist,  hinausschicke:  so  fall  er  den  Zensor  an,  der
es  verbot!  Dieser  verbot  dem  Sommervogel  den  Eingang  in  ein  berühmtes
Wochenblatt,  weil  er  ihm  als  ein  Totenkopsschmetterling  gegen  die  Franzosen
  bedenklich  schien;  mit  anderen  Worten:  er  verbot  mir  gegen  die  Leute
zu  schreiben,  gegen  welche  er  und  ich  (auf  Befehl  unserer  Regierungen)  sogar
zu  schießen  haben.“  Doch  bricht  die  Freude  über  die  große  Gegenwart  mit
fast  dithyrambischem  Schwunge  durch:  „Wo  zeigt  uns  die  Geschichte  einen  ähnlichen
  kosmopolitischen  Krieg,  welcher  Fürsten  und  Völker  fast  eines  Weltteils
zur  Wiedergeburt  der  Freiheit  und  nicht  für  Eroberungen,  sondern  für  Eroberte
  vereinigt  und  begeistert  und  worin  die  moralische  Macht  der  Ideen  die
verschiedene  Macht  der  Waffen  ausgleichend  nach  einem  Ziele  richtet?  Wo
hoben  sich  je  gebeugte  Völker  und  Fürsten  unter  wilderen  Stürmen  empor?

Eine  Völkerauferstehung  wie  die  jetzige  bliebe,  wenn  ihr  auch  die  Beglückung
  der  nächsten  Zukunft  fehlschlüge,  für  die  ferne  durch  Beispiel  ein  fortwirkendes
  Heil."

Doch  der  Hinweis  auf  ein  mögliches  Fehlschlagen  der  nächsten  Zukunft
klingt  wie  eine  leise  Sorge  durch.  „Nicht  als  ob  so  leicht  ein  Zersprengen
des  großen  Bandes  drohte,  woran  Fürsten  und  Völker,  wie  Wanderer  auf
Eisfeldern  über  die  Eisspalten  aneinander  geknüpft,  über  die  gemeinschaftliche
Gefahr  hinüberschreiten.“  Eine  andere  Frage  beschäftigt  ihn:  ob  ein  kräftiger,
        <pb n="443" />
        83.  Gedanken  Jean  Pauls  über  seine  Zeit.  431

weitblickender  Fürst  die  Forderungen  der  Zeit  versteht.  „Jetzo  muß  zugleich
in  Kürze  und  auf  lange  hinaus  gebaut  werden;  der  Anspannung  folgt  Abspannung,
  dem  Bewußtsein  der  Opfer  Hoffnung  reicher  Entschädigung  und
dem  Ausruhen  eine  schlimmere  Mattigkeit,  als  die  des  Anstrengens  ist.

Für  das  Volk  ist  genug  und  gut  geschrieben  worden,  aber  wenig  für  Fürsten
und  Große,  was  freilich  ebenso  schwierig  als  verdrießlich  ist.“  Was  er  von
diesen  verlangt,  deutet  er  vorerst  nur  bildlich  an:  „Nach  der  gewaltigen,
alle  Thronhöhen  überwogenden  Blutfündflut  des  Jahrhunderts  wölbet  über
Europa  einen  Regenbogen  des  Friedens!“  Deutlicher  spricht  er  sich  in  den
Fastenpredigten  aus:  „Wir  sind  erst  der  bittern  Vergangenheit  los,  aber  der
fruchttragenden,  süßreisen  Zukunft  noch  nicht  Herr.“  Besonders  in  dem  Abschnitt
  „Nutzamwendung  der  Zeit“  entwickelt  er  seine  Zukunftsgedanken:  „Eine
Höhenzeit  stand  sonnenwarm  über  Griechenland  nach  dem  Siege  über  Terxes:
in  ihr  sprangen  alle  alten  Blüten  auf  und  alle  jungen  Früchte  reiften.  Eine
solche  Zeit  arbeitet  jetzo  in  Deutschland  nach  dem  Siege  über  den  neuesten  Terxes
und  zwar  in  Deutschland  am  meisten;  denn  nur  dieses  litt  am  längsten  und
härtesten  und  nur  in  ihm  wurden  Länder  und  Jahrhunderte  mit  Kanonenrädern
  umgeackert.  Glaubt  ihr,  daß  das  Volk  unten,  das  in  der  Feuersbrunst
  des  Krieges  aus  Not  und  Rache  mit  einer  Verdoppelung  von  Kräften
Riesenlasten  bewegte  und  Rettwunder  verrichtete,  jetzo  im  Frieden  die  Anspannung
  werde  wiederholen  anstatt  nachlassen  wollen?  Im  Volke  muß
öffentlicher  Geist,  großer  Gemeinsinn  erst  gebildet  werden  und  zwar  dadurch,
daß  man  ihn  befriedigt;  und  wie  man  alles  Höchste  erst  durch  das  Besitzen
erkennt  und  Gutes  tun  muß  um  es  recht  zu  lieben,  so  muß  das  Volk  höhere
Güter  freier  Regierung  umsonst  bekommen  um  ihrer  nachher  würdig  zu  werden.
So  wird  das  Volk  seine  Verfassung,  nicht  bloß  den  persönlichen  Fürsten  lieben.
Das  Volk,  das  euch  künftig  umgibt,  kein  erniedrigtes,  sondern  ein  aufgerichtetes,
ihr  Fürsten  und  ihr  Staatenlenker,  nur  dieses  malt  euch  groß  in  der  Geschichte,
aber  nicht  schimmernde  Siege  mit  dem  Schwerte  oder  Ländergewinste  mit
der  Feder.  Den  Fürsten  stehen  nun  zum  mächtigsten,  heiligsten  Einwirken
die  Kräfte  einer  von  der  Zeit  beseelten  Jugend  zu  Gebote.  Den  Fürsten
stehen  außer  diesen  Feuergeistern  noch  die  Lichtgeister  der  Zeit  zur  Seite,  eine
Cincinnatusgesellschaft  hochgesinnter  Schriftsteller  in  allen  deutschen  Kreisen
und  in  allen  wissenschaftlichen  Fächern;  gleichsam  Uhren  in  einer  großen
Stadt,  welche  alle  ineinanderschlagend  zwar  das  Zählen  erschweren,  aber  doch
alle  eine  Stunde  ansagen.“  Also  „können  Fürsten  mit  keinem  Mangel  an
treuen,  warmen  Gehilfen  oder  an  fremder  Vorbearbeitung  sich  entschuldigen,
ja  nicht  einmal  mit  einem  Mangel  an  fürstlichen  Mustern  und  Vorgängern
selber,  wenn  sie  im  Besitze  solcher  Hände,  Herzen  und  Köpfe  den  ewigen  Ruhm
versäumen,  ein  schöneres  Deutschland  zu  pflanzen,  als  das  halbverwelkte,  halbgemähte
  gewesen.  Bedenkt  noch,  ihr  gekrönten  und  besternten  Machthaber
aller  Art:  ihr  tragt  in  der  Zukunft  entweder  alle  Schuld  oder  allen  Glanz.“
        <pb n="444" />
        432  84.  Ludwig  I.  und  Goethe.

Mit  den  Fastenpredigten  hat  Jean  Paul  als  politischer  Schriftsteller  seinen
Höhepunkt  erreicht.  Wenn  er  von  da  ab  noch  zuweilen  über  die  deutschen
Verhältnisse  spricht,  so  geschieht  es  nicht  mehr  so  ausführlich  und  mit  solcher
Begeisterung;  man  hört  aus  manchen  Zeilen  schon  wieder  den  Satiriker  heraus.
In  den  „Saturnalien“  1818  faßt  er  nochmals  einige  Wünsche  zusammen  im
Gegensatz  zu  denen,  „welche  durch  Polizeidiener  gern  ein  korrektes  Universum
hätten:"  „Fürst  und  Adel  sollen  nicht  auf  das  göttliche  Ebenbild  des
Menschen  mit  Füßen  treten,  gegen  das  Feuerwerk  des  Witzes  sollen
Zensur  und  Polizei  keine  Feuertrommeln  rühren  und  keine  Lärmkanonen  richten
gegen  Raketen;“  es  solle  „keine  halbe  und  keine  beschränkte  Preßfreiheit  geben,
sondern  eine  ganze;“  es  solle  „überall  Landstände  geben;"  „Weimar,  das  aus
einem  Parnasse  der  deutschen  Musen  zu  einem  Sinai  der  Verfassungen  geworden,
soll  die  deutsche  Keblah  sein."“

So  leuchtet  aus  den  Werken  Jean  Pauls,  mag  er  in  strafendem  Spott,
in  warnender  Sorge  oder  in  freudiger  Begeisterung  schreiben,  ein  echt  deutscher
Sinn.  Die  Grundbedingungen  für  das  Blühen  und  Gedeihen  des  Vaterlandes
sind  ihm  treffliche  Fürsten,  eine  freie  Verfassung  und  allgemeine  Bildung,
„Einsichten  des  Volkes;“  denn  „in  der  Geschichte  hat  wie  in  der  Göttergeschichte
Minerva  am  meisten  die  Götter  gegen  die  Giganten  beschirmt.“

84.  Zudwig  l.  und  Goethe.
Von  Thomas  Stettner.“
Was  ein  ieder  unserer  beiden  Dichterfürsten  ihm  sei,  hat  König  Ludwig  I.

in  den  knappen  Worten  eines  Epigramms  ausgesprochen:

„Wenn  ich  erwache,  bevor  ich  betrete  den  Kreis  der  Geschäfte,

Less  ich  in  Schiller  sogleich,  daß  mich's  erhebe  am  Tag;

Aber  nach  geendigtem  Lärmen,  in  nächtlicher  Stille,

Flücht  ich  zu  Goethe  und  träum'  fort  dann  den  lieblichen  Traum.“

Man  kann  kaum  treffender  die  Verschiedenheit  dessen,  was  ein  jeder  von
ihnen  uns  geben  kann,  bezeichnen:  der  feurige,  vorwärts  drängende  Schiller
soll  uns  begeistern  zur  Arbeit  des  Tages;  überschauen  wir  aber  in  des  Abends
Stille  prüfend  die  abgelaufenen  Stunden  und  unser  Wirken  in  ihnen,  dann
wird  Goethe  in  seiner  abgeklärten  Ruhe  unsere  beste  Gesellschaft  sein.

In  seiner  dichterischen  Eigenart  stand  Schiller  dem  Könige  näher,  mit
Goethe  aber  verband  ihn  neben  der  höchsten  Bewunderung  mannigfache  Übereinstimmung
  in  Neigungen  und  in  der  Auffassung  des  tätigen  Lebens:  beide
liebten  Italien  als  das  Land  der  Sehnsucht,  beide  erblickten  in  der  antiken
Kunst  die  Höhe  und  deshalb  die  bleibende  Norm  künstlerischen  Schaffens  und
auch  in  den  Fragen  des  politischen  Lebens  standen  sich  ihre  Ansichten  nahe.
Goethe  aber  verehrte  in  König  Ludwig  den  mächtigen  Beschützer  und  Förderer
der  Wissenschaften  und  Künste,  der  im  großen  zur  Tat  machte,  was  er  selbst
        <pb n="445" />
        84.  Ludwig  I.  und  Goethe.  433

im  kleinen  Kreis  unermüdlich  anstrebte,  die  Wiedererweckung  einer  großen
deutschen  Kunst.

Goethe  hat  München  ein  einziges  Mal  besucht,  auf  dem  Wege  nach  Italien
1786.  Es  war  damals  keine  Blütezeit  für  die  Stadt.  Noch  war  sie  in  die
Mauern  der  alten  Befestigung  eingeengt,  kaum  ein  Gelehrter  oder  Künstler,
dessen  Ruhm.über  Bayerns  Grenzen  gedrungen  wäre,  weilte  in  ihr  und  auch
die  Sammlungen  enthielten  nicht  allzuviel  Bedeutendes.  So  können  wir  begreifen,
daß  sein  Auge  an  jenem  rauhen  Herbsttage  vom  Frauenturm  aus  sehnsüchtig.
den  Süden  suchte  und  daß  er  nach  kurzer  Rast  weiterzog.

Welch  andere  Stadt  hätte  er  getroffen,  wenn  er,  des  Königs  wiederholter
Einladung  und  dem  Drängen  seiner  Freunde  folgend,  etwa  ein  halbes  Jahrhundert
  später  sie  wiedergesehen  hätte!  Schon  unter  Ludwigs  Vater  war
inmitten  der  Kriegswirren  das  wissenschaftliche  Leben  neu  erwacht,  mit  der
Thronbesteigung  des  Sohnes  war  dort  ein  wahrer  Frühling  für  die  Kunst
angebrochen.  Junge  Künstler  strömten  zukunftsgläubig  von  allen  Seiten  dahin,
ein  froher  Wettstreit  aller  Künste  begann.  Und  überall  war  der  König  der
Anregende  und  Helfende.  Die  Sammlungen  waren  durch  die  Einverleibung
der  Düsseldorfer  Galerie  und  durch  die  Kunstschätze  der  aufgehobenen  Klöster
bedeutend  gewachsen;  hochherzig  wies  er  ihnen  zu,  was  er  selbst  gesammelt
hatte  und  mit  den  größten  persönlichen  Opfern  neu  erwarb.  Herrliche  Bauten
führte  er  auf  um  diese  Schätze  würdig  zu  verwahren.

Kam  Gaoethe  nun  auch  nicht  selbst,  so  verfolgte  er  doch  aus  der  Ferne
mit  dem  größten  Interesse  alles,  was  der  König  unternahm  und  was  sonst
für  die  Kunst  Bedeutendes  geschah.  Da  mancher  seiner  Freunde  vom  König
für  immer  nach  München  gezogen  wurde  oder  für  kürzere  Zeit  dort  weilte,
wurde  er  durch  deren  Berichte  stets  auf  dem  laufenden  erhalten.  In  früherer
Zeit  war  sein  vertrauter  Jugendfreund  Fritz  Jacobi,  der  zum  Präsidenten  der
Akademie  der  Wissenschaften  berufen  wurde,  sein  Hauptberichterstatter  (er  gibt
z.  B.  Nachricht  über  Senefelders  Erfindung,  für  die  Goethe  das  größte  Interesse
und  ein  weitblickendes  Verständnis  bewies);  als  der  König  die  herrliche  Sammlung
  altdeutscher  Bilder  der  Gebrüder  Beisserée,  die  jetzt  die  ersten  Säle  der
Pinakothek  ziert,  erwarb,  siedelte  Sulpiz  Boisserke  nach  München  über  und
erstattete  von  nun  an  ausführlichste  Berichte  über  alle  Vorgänge  daselbst.  Aus
dem  reichen  Briefwechsel  der  beiden  sehen  wir,  wie  Goethe  im  stillen  Weimar
bis  ins  kleinste  an  allem  Anteil  nahm,  was  in  München  zutage  gefördert
wurde;  wie  er  bewundert  und  lobt,  auch  wohl  sich  sorgt,  ob  der  Fürst  nicht
zu  raschen  Schrittes  in  seinen  Unternehmungen  vorgehe;  und  als  es  zwischen
diesem  und  den  Ständen  wegen  der  großen  Ausgaben  für  die  Bauten  zum
Konflikt  kam,  bedauert  er  den  König,  dem  es  bei  den  Zeitgenossen  zu  ergehen
scheine  wie  den  frommen  Bauherren  des  Mittelalters  bei  der  Nachwelt,  die
ihre  großen  Entwürfe  nicht  vollendet  haben.  —  Auch  die  Früchte  seiner
dichterischen  Tätigkeit  schätzte  er  als  Ausfluß  einer  hohen  Denkungsart  und

Kronseder.  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  28
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        434  84.  Ludwig  I.  und  Goethe.

als  Werke  eines  Fürsten,  der  sich  die  „angeborene  schöne  Menschlichkeit“
gerettet  habe.

Da  keine  Einladung  Goethes  Reiseunlust  zu  überwinden  vermochte,  machte
der  König  durch  einen  hochherzigen  Entschluß  dem  Verkehr  aus  der  Ferne  ein
Ende.  Am  Geburtstag  des  Dichters  im  Jahre  1827  fuhr  unvermutet  ein
Wagen  an  seinem  Hause  vor  und  in  jugendlicher  Hast  entstieg  demselben  der
König.  Er  war  von  Brückenau  tags  zuvor  aufgebrochen  und  hatte  die  Nacht
im  Wagen  verbracht  um  Gocthe  seine  Glückwünsche  zum  Festtag  selbst  zu
überbringen.  Als  Angebinde  überreichte  er  ihm  das  Großkrenz  des  Kronenordens
und  hierbei  spielte  sich  eine  Szene  ab,  die  charakteristisch  ist  für  das  Verhältnis
Goethes  zu  seinem  Fürsten.  Trotz  aller  vertrauten  Freundschaft  fühlte  und
gab  er  sich  in  allen  dienstlichen  Dingen  stets  als  den  Beamten  und  so  wandte
er  sich  auch  jetzt,  ehe  er  den  Orden  annahm,  mit  aller  Förmlichkeit  an  Karl
August:  „Wenn  mein  gnädiger  Fürst  erlaubt.“  —  Dieser  aber,  der  jene  Scheidung
nie  anerkannt  hatte,  rief  lachend:  „Alter  Kerl,  mach  doch  kein  dummes  Zeug!"

Den  größten  Teil  des  Tages  verbrachte  der  König  in  Goethes  Haus;
was  ihm  daneben  und  neben  dem  Besuch  bei  Hof  an  Zeit  blieb,  widmete  er
Schillers  Andenken;  er  besuchte  sein  Haus,  und  als  er  auf  der  Bibliothek  sah,
in  welch  wenig  angemessener  Weise  dort  ausbewahrt  wurde,  was  von  seiner
sterblichen  Hülle  erhalten  war,  gab  er  den  Anstoß  dazu,  daß  dies  eine  würdigere
Ruhestätte  fand.  —  Abends  war  zu  Ehren  des  Festtags  Ball  im  Schützenhaus,
auf  dem  der  König  durch  seine  Liebenswürdigkeit,  seine  lebhafte,  geistvolle
Unterhaltung  und  den  herzlichen  Anteil,  den  er  an  Weimars  großer  Vergangenheit
  nahm,  alle  Herzen  für  sich  gewann.

Die  große  Freude,  die  der  Dichter  über  diese  fürstliche  Auszeichnung
empfand,  und  der  tiefe  Eindruck,  den  des  Königs  Persönlichkeit  auf  ihn  machte,
klingt  aus  allen  Außerungen  wieder,  die  er  mündlich  und  in  Briefen  über
diesen  Besuch  machte.  Es  sei  nichts  Kleines,  äußerte  er  zu  Kanzler  Müller,
einen  so  großen  Eindruck,  wie  die  Erscheinung  des  Königs,  zu  verarbeiten;  ihm
sei  es  unschätzbar  ihn  gesehen  zu  haben:  in  derselben  Zeit  zu  leben  und  diese
Individualität,  die  mit  aller  Energie  seines  Willens  so  mächtig  auf  die  Zeitgestaltung
  einwirke,  nicht  durchschaut  zu  haben,  würde  unersetzlicher  Verlust
gewesen  sein.  Der  König  schreibt  von  jenem  Tag  an  ihn:  „Wie  kurz  nur
genoß  ich  Ihres  lehrreichen  Umgangs;  aber  Augenblicke  mit  Goethe  zugebracht
wiegen  Tage,  wiegen  Monate  auf.  Die  mit  Ihnen  verlebte  Zeit  ist  keine
Vergangenheit  geworden,  sie  bleibt  als  ewig  erfreuende  Gegenwart.“  In  ganz
Deutschland  aber  staunte  man  über  diese  Ehrung  eines  Dichters  und  ein  zufälliger
Zeuge  jenes  Besuchs  schreibt:  „Dieser  Vorgang  machte  ein  Aufsehen  wie  selten
eine  Begebenheit  in  Zeiten  des  Friedens.“

Lange  ging  Goethe  mit  sich  zu  Rate,  womit  er  seiner  Dankbarkeit  sichtbaren
  Ausdruck  verleihen  könnte;  aber  nichts  schien  ihm  zu  genügen,  bis  er
endlich  eine  Gabe  fand,  wie  sie  schöner  nicht  gedacht  werden  kann:  er  widmete
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        84.  Ludwig  1.  und  Goethe.  435

ihm  das  „wundersame“  Buch,  das  er  damals  der  Welt  schenkte,  den  Briefwechsel
zwischen  Schiller  und  ihm,  das  Denkmal  einer  einzigartigen  Freundschaft.
Und  wie  schön  weiß  er  diese  Widmung  zu  begründen!  Als  der  König  in
Weimar  die  engen  Räume  sah,  in  denen  Schiller  gewohnt  hatte,  äußerte  er:
„Hätte  ich  nur  damals  schon  freie  Hand  gehabt,  ich  hätte  ihm  Villa  Malta
in  Rom  eingeräumt!“  Anknüpfend  an  diese  Worte  gibt  Goethe  in  der  Widmung
dem  Schmerz  darüber  Ausdruck,  daß  es  seinem  verewigten  Freunde  nicht  auch
vergönnt  gewesen  sei  die  königliche  Gnade  zu  genießen.  „Durch  Ihre  Gunst,“
fährt  er  fort,  „wäre  sein  Dasein  durchaus  erleichtert,  häusliche  Sorgen  entfernt,
seine  Umgebung  erweitert,  derselbe  auch  wohl  in  ein  heilsameres  Klima  versetzt
worden  und  seine  Arbeiten  hätte  man  dadurch  belebt  und  beschleunigt  gesehen."“
Von  jenem  Besuch  an  wanderte  mancher  Brief  und  manches  Geschenk  —  z.  B.
zum  80.  Geburtstag  der  Abguß  des  Niobidentorso  in  der  Glyptothek  wie  vorher
jener  der  Medusa  Rondanini  —  von  München  nach  Weimar  und  Goethe
antwortete  stets  sehr  erfreut;  doch  da  nach  des  Königs  letztwilliger  Verfügung
sein  schriftlicher  Nachlaß  noch  für  eine  Reihe  von  Jahren  uneröffnet  bleiben
soll,  ist  dessen  Kenntnis  Späteren  vorbehalten.

Um  eine  sichtbare  Erinnerung  an  die  Tage  in  Weimar  zu  besitzen  sandte
Ludwig  ein  Jahr  danach  seinen  jungen  Hofmaler  Joseph  Stieler,  dessen  fein
durchgeführte  Bilder  die  damalige  Welt  entzückten,  nach  Weimar  mit  dem  Auftrage
  ein  Porträt  Goethes  anzufertigen.  Dieser  ließ  sich  sonst  nur  mehr  ungern
dazu  herbei  für  ein  Bildnis  zu  sitzen,  und  wenn  wir  hören,  wie  oft  er  darum
angegangen  und  wie  sehr  er  dann  manchmal  von  denen  gequält  wurde,
denen  er  es  gewährte,  werden  wir  es  begreisen  —  hier  aber  war  er  mit  Freude
bereit;  selbst  einen  neuen  Rock  ließ  sich  der  sparsame  Hausvater  —  allerdings
erst  auf  das  dringende  Zureden  der  Freunde!  —  für  diesen  Zweck  anfertigen
und  sein  vertrauter  Freund  Zelter,  der  kurz  vorher  den  König  gesprochen
und  Goethe  eine  sehr  originelle  Schilderung  von  München  und  den  Münchenern
zugesandt  hatte,  ermahnte  ihn,  er  möge  dem  Maler  geduldig  sitzen  und  ihm
„die  Fenster  seines  Geistes  öffnen“.

Der  junge  Maler  hatte  als  Probe  seines  Könnens  eines  der  schönsten
Franenbildnisse  mitgebracht,  die  jetzt  als  „Schönheitsgalerie"“  in  der  Residenz
vereinigt  sind,  und  Goethe  meinte  lachend:  „Stieler  war  gar  nicht  dumm  !
Er  brauchte  diesen  schönen  Bissen  bei  mir  als  Lockspeise  und  schmeichelte  meiner
Hoffnung,  daß  auch  jetzt  unter  seinem  Pinsel  ein  Engel  entstehen  würde,  indem
  er  den  Kopf  eines  Alten  malte.“

Aber  es  bedurfte  solcher  Künste  nicht:  Stieler  war  ihm  als  Mensch
sympathisch,  seine  saubere,  ins  Detail  arbeitende  Technik  fand  seinen  vollen
Beifall;  er  freute  sich  „in  diesem  Jahrhundert  einen  Maler  zu  finden,  der
malen  kann“,  und  bald  war  ein  lebhafter  Gedankenaustausch  im  Gang  über
die  allgemeinen  Fragen  der  Kunst  und  insbesondere  über  Münchener  Kunst
und  Künstler,  auf  die  Goethe  damals  etwas  schlecht  zu  sprechen  war,

28°
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        436  84.  Ludwig  I.  und  Goethe.

da  sie  ihm  zu  sehr  im  Fahrwasser  der  Romantik  zu  segeln  schienen  und  die  Anregungen
  vernachlässigten,  die  er  gab.  Da  traf  den  Dichter  ganz  unvorbereitet
ein  harter  Schlag:  Karl  August  war  auf  der  Reise  plötzlich  gestorben  —  die
Vollendung  des  Bildes  schien,  da  die  Sitzungen  eingestellt  wurden,  in  Frage
gestellt.  Aber  es  sollte  anders  kommen.  Goethe  war  gewohnt,  wenn  schweres
Leid  ihn  betraf,  dies  ganz  für  sich  allein  in  der  Stille  zu  verarbeiten:  als  er
nach  einer  Woche  die  Sitzungen  wieder  aufnahm,  sprach  nicht  mehr  der  Schmerz
über  den  Verlust  aus  seinen  Zügen,  sondern  es  lag  über  ihnen  der  Abglanz
all  der  Erinnerungen  an  alte  schöne  Zeit,  die  er  in  ihm  aufgeweckt.  Es  ist,
als  blicke  er  der  Gegenwart  vergessend  zurück  in  eine  Welt  schöner  Vergangenheit,
  und  so  zeigt  uns  dies  Bild  den  Dichter,  während  uns  die  anderen
Porträte  des  alten  Goethe  nur  den  zurückhaltenden,  gemessenen  Minister  geben.

Geduldig  saß  Goethe  selbst  noch  zu  den  Außerlichkeiten;  zuletzt  trug
Stieler  auf  das  Blatt,  das  jener  in  der  Hand  hält,  die  Anfangsverse  von
des  Königs  Gedicht  „An  die  Künstler“  ein  —  das  Bild  war  fertig,  und  zwar
zur  allgemeinsten  Zufriedenheit.  Goethe  war  hochbefriedigt,  nicht  weniger  der
König,  beim  Publikum  aber  erregte  es  „einen  Enthusiasmus  der  Teilnahme“.
Am  fröhlichsten  aber  war  der  Künstler:  Goethe  sagt  selbst,  dieser  sei  in  seinem
Hause  ganz  wie  ein  Angehöriger  geworden.  Freundliche,  anregende  Briefe
setzten  dies  schöne  Verhältnis  fort  und  noch  in  späten  Jahren  erzählte  Stieler
mit  Begeisterung  von  jenen  Wochen  im  Goetheschen  Hause.  —  Das  Originalbild
  überwies  der  König  hochherzig  der  Neuen  Pinakothek;  eine  Kopie,  die  er
Goethe  schenkte,  nimmt  heute  noch  ihren  Ehrenplatz  im  Goethehaus  ein.

In  seinen  letzten  Lebensjahren  nahm  der  Dichter  noch  liebevollsten,  fördernden
  Anteil  an  einem  anderen  jungen  Münchener  Künstler,  an  Eugen  Neureuther,
an  dessen  Zeichnungen  er  sich  mit  geradezu  jugendlicher  Begeisterung  erfreute.
Einen  seiner  letzten  Briefe  richtete  er  an  ihn  um  ihm  für  die  „Randzeichnungen  zu
deutschen  Klassikern“  zu  danken;  „ich  bin  sehr  verlangend  auf  die  Folge“,
schloß  der  Brief.  Aber  als  sie  erschien,  weilte  Goethe  nicht  mehr  unter  den
Lebenden  —  wenige  Wochen  nach  jenem  Brief  war  der  Unermüdliche  ins
Land  der  ewigen  Ruhe  hinübergeschlummert.

Der  König  aber  ehrte  den  Toten,  wie  er  den  Lebenden  geliebt.  Seine
Büste  wurde  in  der  Walhalla  aufgestellt  und  die  Worte,  die  er  in  Bezug  auf
sie  schrieb,  beweisen,  wie  klar  er  seine  fortwachsende  Bedeutung  fürs  deutsche
Volk  erkannte;  in  Rom  ließ  er  an  dem  Hause,  in  dem  er  gewohnt  hatte,  eine
Tafel  anbringen,  und  als  der  Plan  für  ein  Denkmal  Schillers  und  Goethes
in  Weimar  auftauchte,  erbot  er  sich  sogleich  das  Erz  dafür  zu  liefern.

Wie  wir  ihn  im  Verkehr  mit  den  beiden  Münchener  Künstlern  Stieler
und  Neureuther  kennen  gelernt  haben  als  den  teilnehmenden  Freund,  das  ist
der  echte  alte  Goethe,  der  aus  dem  Schatz  seiner  Welterfahrung  jedes  Streben
mit  Rat  und  Tat  unterstützte.  Dessen  Bild  festzuhalten  ist  Stieler  gelungen
und  deshalb  ist  keines  aus  den  vielen  Goethebildern  mehr  beliebt  und  mehr
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        85.  Der  bayerische  Sprachforscher  Johann  Andreas  Schmeller  in  Tölz.  437

verbreitet  als  dieses.  Wenn  uns  seine  milden  Züge  grüßen,  dann  möge  es
uns  aber  nicht  nur  an  den  Dichter  mahnen  sondern  auch  an  den  fürstlichen
Freund  und  an  das  schöne  Verhältnis,  das  gewaltet  hat  zwischen  dem  Herrscher
auf  dem  Thron  und  dem  Fürsten  im  Reiche  der  Geister.

85.  Der  bayerische  Sprachforscher  Johann  Andreas  Schmeller
in  Tölz.
Von  J.  N.  Sepp.)

Wenn  man  mit  dem  Volke  in  seiner  Mundart  redet,  erfährt  man  vieles;
verkehrst  du  vollends  als  alter  Bekannter  und  erzählst  ihnen  vorher  etwas,
alsdann  werden  sie  zutraulich.

Dies  hat  vor  anderen  der  Sohn  eines  Kürbenzeuners  (=  Korbflechters)
von  Tirschenreut,  unser  erster  Sprachforscher  Andreas  Schmeller,  verstanden
und  er  wurde  so  der  Begründer  der  deutschen  Dialektforschung.  Ohne  sichere
Lebensstellung,  wie  er  war,  hatte  er  sich  als  Soldat  in  Spanien  anwerben
lassen,  hat  1814  und  1815  den  Deutschen  Befreiungskrieg  mitgemacht,  bis  er
nach  verschiedenen  Lehrschulen  zuletzt  an  der  Staatsbibliothek  und  Universität
in  München  zu  wirken  vermochte.  Seine  Sprachstudien  führten  ihn  vor
anderen  zu  den  sogenannten  Cimbern  in  den  Veronesergebirgen,  den  sieben  und
dreizehn  Gemeinden,  welche  verlassen  mitten  unter  Welschen  leben  und  entweder
bajuvarischen  oder  langobardischen  Geschlechtes  sich  erweisen.  Derselbe  Forschertrieb
  brachte  unseren  Schmeller  auch  nach  Tölz;  denn  er  wollte  die  dortige
Volkssprache  näher  kennen  lernen.  So  hat  er  durch  den  Volksmund  belehrt
und  bereichert  in  seinen  „Mundarten  Bayerns“  (1821)  und  im  „Bayerischen
Wörterbuch“?!)  eine  wahre  Schatzkammer  für  Sprachkunde  eröffnet.

Beim  „Kolber“  setzte  er  sich  mitten  unter  die  Landlente  und  bekam
vielleicht  den  Steffelbauer  von  Sachsenkam,  ein  lebhaftes  Männlein,  den
Waldherr  von  Wackersberg,  den  Bartlmann  von  Lehen  oder  den  Wicham  von
Gaißach  zum  Tischnachbarn;  ein  andermal  den  Pföderl  von  Fischbach  oder
den  Cham,  den  Lambrecht  und  Oswald  von  Lenggries,  den  Orterer  und  Luipolder
  aus  der  Jachenau,  den  Kifersauer  oder  Jand  am  Sauersberg,  welche
er  dann  ausfragte.

„Grüß  Gott,  Landsmann!  Wie  geht's,  wie  steht's  mit  Leib  und  Leben?
Mir  gefallt's  bei  Enk  heroben.“  „Kannst  gleich  einmal  in  Kirta  kömmen“,
erwiderte  der  Angesprochene.  Schmeller  fährt  fort:  „So,  hast  du  eine  Frau
daheim,  die  gute  Nudel  kocht?'“  —  „Na,  Frau  hob  i  keine,  aber  ein  Weib

1)  „Denkwürdigkeiten  aus  dem  Bayeroberland",  S.  371  f.  München  1892,
J.  Lindauer.

*)  In  4  Bänden  1827—1837  erschienen.  Eine  neue  Auflage  im  Auftrage  der
Hist.  Kommission  bei  der  Kgl.  Akademie  der  Wissenschaften  wurde  (1872—1877)  herausgegeben.
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        438  85.  Der  bayerische  Sprachforscher  Johann  Andreas  Schmeller  in  Tölz.

und  dies  eine  dunderschlachtige“,  versetzt  der  Bauer.  Und  Schmeller  geht
weiter:  „Nun,  da  wird  dir  deine  Bäurin  schon  was  verzähl'n  und  du  weißt
gewiß  auch  allerhand  vom  Vater  und  Ahnl  her?"“  —  „Was  nit  gar  vom
Urahnl  und  Guckahnl?"“  meint  der  Nachbar.  —  „Dunderschlachtig“,  „Guckahnl“
waren  Ausdrücke,  die  sich  der  Professor  notierte.

„Das  ist  mir  nmeu,“  schwatzt  der  Gilgenrainer  drein,  „daß  ein  Stadtherr
von  unsereinem  etwas  lernen  und  aufschreiben  will.“  —  „Warum  denn  nit,“
entgegnet  Schmeller.  „Ein  Landler  ist  eine  andere  Musik  als  die  in  der  Stadt
und  so  ist's  auch  mit  enkerer  Sprachweis.“  „Ehr'  g'nug,“  meint  der  Brandhofer,
  „daß  sich  der  Herr  mit  uns  gemein  macht,  er  braucht  darum,  mein
Eichel,  doch  keine  Lederhos  und  keine  Kniestrümpf  anzuziehen.“  „Wie  nennt  ihr
Hosen  in  eurer  Sprach?'“  „G'saß,"  ruft  der  Heiß,  der  dem  Professor  über
die  Ueksen  (Achsel)  schaut.  „Na,“  wirft  der  Trischberger  ein,  „wir  heißen's
Braxen.“  Sofort  notierte  sich  Schmeller,  daß  im  Isarwinkel  noch  die  Beteuerung.
„Mein  Eichel“  und  das  keltische  Wort  „Braxen“  daheim  sei,  und  zwar  seit
wenigstens  2000  Jahren,  wovon  einst  Gallia  braccata,  das  Hosengallien,  hieß.

„Seid's  Mannet  oder  Bueben,“  fährt  der  Sprachmeister  fort,  „jeder
Loder  kann  a  Maß  auf  meine  Rechnung  trinken;  so  jung  kommen  wir  nimmer
zusammen.“  „Wir  sind  net  so  anhabig,“  äußert  der  Lambert,  halb  beleidigt,
„ich  bin  von  keiner  Fretten  daheim  und  nit  auf  der  Bettelumkehr.  J  trau'
mir  mein  Renken  Brot  schon  zu  verdienen,  kann  mir  auch  mein  Bier  selber
zahlen  und  braucht  mir  niemand  z'beiten  und  a  nix  z'schenka.“  —  „Du  därfst
di  nit  so  progeln,  der  Herr  hat's  nit  bös  g'meint“,  läßt  sich  der  Freundelein
aus  der  Fischbacher  Gemain  hören,  der  jeden  mit  diesem  Worte  begrüßte  und
davon  selber  den  Namen  erhielt.

So  hat  der  gute  Schmeller  bei  uns  im  Isarwinkel  manches  erfragt.
Einmal  wäre  es  ihm  aber  beinahe  schlecht  ergangen.  Die  Bauersleute  und
vereinzelt  ein  Bürger  saßen  gemächlich  um  den  Akademiker  bankweise  herum
und  nicht  bloß  dem  Professor  ging  bei  den  Fragen  und  Antworten  über
manches  ein  Licht  auf:  da  läßt  sich  vom  Nebentische  eine  Stimme  vernehmen
und  so  ein  Flößler  wirft  grimmige  Augen  herüber.  „Dies  G'schmatz  wird
mir  schon  bald  zuwider,"  schrie  der  Rammelmair  inzwischen,  der  ein  strittiger
Mensch  war,  und  schlug  mit  der  Faust  auf  den  Tisch,  „da  mögst  ja  gleich
damisch  werden.  Der  Herr  hat  nix  Gut's  im  Sinn,  daß  er  uns  so  angel
ausfragt.  J  trau  denen  falschen  Schreibern  nit.  J  bin  g'rad  ein  talketer
Bauer,  aber  das  merk'  i  schon,  es  geht  wieder  auf  eine  neue  Steuer  außi.
Saxenti!  Da  schlag'  i  gleich  gar  drein.“  Dabei  griff  er  nach  dem  Maßkrug,
als  wollte  er  dreinwerfen.  Der  Professor  ist  ganz  erstaunt.  So  gilt  der
altdeutsche  Schwur  beim  Kriegsgott  Saxnote  auch  bei  uns  noch  und  der
Ausdruck  gibt  ihm  nicht  wenig  zu  denken.

Der  Griesmann  fällt  jenem  lärmend  in  den  Arm.  „Sei  kein  so  Hiempel
und  Gischpel!  Därf  enk  nit  verschmachen,  Herr  Professor,  er  hat  wolta  resch
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        86.  Christoph  Schmid  unter  den  Kindern.  439

trunka.  Tust  halt  so  winni,  weil  du  wieder  z'viel  hast!“  Molte  volte
denkt  Schmeller.  Sogleich  ist  auch  der  Wirt  aufgesprungen  und  beschwichtigte
den  Rammelmair:  „Geh,  wer  wird  denn  so  ein'  Rüepel  machen!  Du  brauchst
nix  z'fürchten,  der  Herr  tragt  kein'  roten  Kragen.  Vertreib  mir  doch  meine
Gäste  nit!  Meinst  du  denn,  ich  lade  sie  ein,  damit  wir  eine  höhere  Steuer
kriegen?“  —  „Du  wärst  mir  schon  ein  Guttüchener,“  spricht  der  Burgerbauer,
dich  hat  g'wiß  noch  keiner  lachen  sehen;  du  gehst,  mein  bad!  unters  Dach
auffi,  wenn  du  ein  freundliches  Gesicht  machen  willst!“  „Du,  mach  mi  nit
suchti!“  antwortet  der  Rammelmair.  „Dies  war  mir  schon  zu  dumm;  jetzt
geh'  i  gar,  wo  ist  mein  Ranzen?  Kellnerin,  was  bin  i  schuldi?"“  „Mein,
was  wirst  schuldi  sein“,  versetzt  das  Burgei,  „hast  gotzige  drei  Maß!“  —
„Anhabig“,  „progeln“,  „gotzig“  schreibt  der  Professor  1)  wieder  in  sein  Büchel
und  überlegt  bei  sich,  ob  das  letztere  Wort  nicht  gar  zu  gotisch  stimme.

86.  Thristoph  Schmid  unter  den  Kindern.
Von  Alexander  Schöppner.)

Anno  179é6  erhielt  Christoph  Schmid,  der  allverehrte  Jugendschriftsteller,
ein  sogenanntes  Schulbenefizium  im  Marktflecken  Thannhausen  an  der  Mindel
in  Schwaben.  Diese  Stelle  ertrug  einen  Gehalt  von  etwa  dreihundert  Gulden,
auch  war  der  Titel  eines  Schulinspektors  damit  verbunden.  Der  Inhaber

1)  Schmeller,  geboren  im  gleichen  Jahre  mit  Jakob  Grimm,  am  6.  August  1785,
zu  Tirschenreut  in  der  Oberpfalz,  fand  seine  Heimat  in  Altbayern,  in  Rimberg  bei
Pfaffenhofen  a.  d.  Ilm,  wohin  die  kinderreichen  Eltern  schon  im  zweiten  Jahre  seines
Lebens  übersiedelten.  Der  Pfarrherr  seines  Ortes,  Anton  Nagel,  nahm  ihn  zuerst  in
seinen  eigenen  Unterricht  und  brachte  ihn  hierauf  in  das  Seminar  des  Stiftes  Scheyern.
Auf  dem  Gymnasium  zu  Ingolstadt  (1797)  und  zu  München  (seit  1799)  setzte  er  seine
Studien  fort,  mit  Not  und  Entbehrung  ringend.  Während  er  im  Lateinischen,  in  Philosophie
und  Naturwissenschaften  die  Fortschritte  eines  tüchtigen  Schülers  machte,  beschäftigte  ihn
bereits  das  interessante  Problem  des  Gegensatzes  von  Schriftsprache  und  Volksmundart,
an  dem  die  deutschen  Grammatiker  seit  den  Tagen  seines  Landsmannes  Aventin  gleichgültig
  vorübergegangen  waren.  —  Durch  Staatsurlaub  und  Geldunterstützung  ward
Schmeller  später  in  den  Stand  gesetzt  das  Land  in  seinen  verschiedenen  Teilen  zu  bereisen;
schon  vorher  hatte  er  als  Oberleutnant  mehrere  Jahre  hindurch  seine  Forschungsergebnisse
durch  planmäßige  Vernehmung  der  jungen  Rekruten  gefestigt  und  ergänzt.  Später  standen
ihm  für  die  älteren  Sprachstufen  die  überreichen  Schätze  der  K.  Staatsbibliothek  zur
Verfügung;  endlich  gesellten  sich  neue  Helfer  und  Mitarbeiter  im  ganzen  Bayerlande
dazu.  E.  Schröder,  Allgem.  deutsche  Biogr.  31,  786.

„Des  Lebens  Müh'n  hat  er  durchkostet,  „Er  hat  die  Sprache,  die  wir  sprechen,
Bevor  das  Höchste  ihm  gelang,  In  ihren  Festen  aufgerührt,
Das  seinem  Fleiß,  der  nie  gerostet,  Der  Forschung  Quell,  der  Weisheit  Bächen
Glanz  und  Unsterblichkeit  errang.“  Ein  neues  Leben  zugeführt.“

(Frz.  X.  Seidl.)

2)  „Lehrreicher  Schulmeisterspiegel"“,  2.  Bändchen,  S.  38  ff.  München  1859,
J.  J.  Lentner.
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        440  86.  Christoph  Schmid  unter  den  Kindern.

dieses  Benefiziums  hatte  die  Verpflichtung  über  die  Schule  des  Ortes  die  Aufsicht
  zu  führen  und  den  Religionsunterricht  zu  erteilen.  Christoph  Schmid
zog  dahin,  nahm  seine  jüngere  Schwester  Franziska  zu  sich  und  fing  eigene
Haushaltung  an.  Er  fand  die  Schule  in  so  unvollkommenem  Zustande,  daß
er  sich  entschloß  selbst  Schule  zu  halten.  Bald  gelang  es  ihm  die  Thannhauser
  Schule  zu  einer  wahren  Musterschule  zu  erheben  und  es  fanden  sich
bei  den  Prüfungen  und  auch  sonst  viele  jüngere  Lehrer  und  Geistliche  ein  um
seine  Methode  zu  beobachten  und  ihre  Schule  danach  einzurichten.  Viele
Stunden  brachte  der  Benefiziat  in  der  Schule  unter  den  Kindern  zu  und
diese  hingen  mit  einer  Liebe  und  Hochachtung  an  dem  Kinderfreunde,  daß  das
Lernen  und  Lehren  ihnen  und  ihm  zur  Lust  wurde.

Um  die  Kinder  für  ihren  Fleiß  zu  belohnen  veranstaltete  er  zuweilen
kleine  Kinderfeste,  auch  verfaßte  er  Schauspiele,  welche  sie  aufführten.  An
schönen  Frühlings=  und  Sommermorgen  ging  er  mit  ihnen  hin  und  wieder
auf  einen  Hügel  vor  dem  Orte  hinaus  und  erwartete  in  ihrer  Mitte  das
herrliche  Schauspiel  der  aufgehenden  Sonne.  Er  lehrte  sie  hier  den  allmächtigen
Schöpfer  in  seinen  Werken  kennen  und  lieben  und  machte  sie  auf  die  reinen
Freuden  aufmerksam,  die  ein  schuldloses  Herz  in  Gottes  schöner  Schöpfung
genießen  kann.

Auch  seine  Schwester  Franziska,  eine  sehr  gebildete  Jungfrau,  die  der
berühmte  Naturforscher  Schubert  nur  „Maria-Martha“  hieß,  unterstützte
ihren  Bruder  in  dem  edlen  Geschäfte  der  Jugendbildung.  Da  sie  eine  Meisterin
im  Nähen,  Stricken  und  Sticken  war,  so  eröffnete  sie  auf  seinen  Wunsch  eine
Arbeitsschule  für  die  weibliche  Jugend.  Während  der  Arbeit  wußte  sie  immer
etwas  Nützliches  und  Lehrreiches  zu  erzählen  und  nicht  nur  die  Hände  sondern
auch  den  Geist  zu  beschäftigen.  Oft  wurden  auch  schöne  Lieder  unter  der
Arbeit  gesungen,  von  denen  die  schönsten  Christoph  verfaßte.  Vieles  trug  sie
so  zum  Lebensglück  ihrer  Zöglinge  bei.  Viele  dieser  Mädchen  wurden  vorzügliche
  Hausfrauen  und  Hausmütter;  andere  traten  in  weibliche  Erziehungsanstalten
  und  wirkten  als  tüchtige  Lehrerinnen,  besonders  der  Industrie.  Auf
diese  und  andere  segensreiche  Weise  wirkten  hier  beide  Geschwister  zur  echten
Bildung  und  Veredlung  der  Jugend.

In  Thannhausen  war  es  auch,  wo  sich  die  ersten  Blüten  von  Christoph
Schmids  schriftstellerischer  Tätigkeit  entwickelten.  Zuerst  gab  er  1801  seine
allbekannte  „Biblische  Geschichte“  heraus,  durch  welche  er  sogleich  die  Aufmerksamkeit
  des  großen  Publikums  auf  sich  lenkte.  Diesem  glänzenden  Versuche
folgte  „Der  erste  Unterricht  von  Gott“,  ein  kleines  Lesebüchlein  für  die  Anfänger
  in  der  Schule.  Dann  erschienen  „Die  Ostereier“  „Die  Genoveva“  und
andere  bekannte  Schriften.  Im  Anfang  schrieb  Christoph  nur  für  die  Schuljugend
  zu  Thannhausen  und  las  seine  Geschichten  aus  dem  Manufkript  nach
der  Sonntagsschule  den  Schülern  vor;  erst  später  gab  er  sie  auf  vielfältigen
Wunsch  heraus.  Über  den  Eindruck,  den  diese  Erzählungen  auf  die  Jugend
        <pb n="453" />
        87.  Goldbergwerke  und  Goldwäschereien  in  Bayern.  441

machten,  als  sie  der  Verfasser  zuerst  selbst  vorlas,  schreibt  eine  seiner  Schülerinnen:
  „Mit  Sehnsucht  warteten  wir,  bis  sich  die  Türe  öffnete  und  der  geliebte
  Jugendfreund  mit  der  Schrift  in  der  Hand  eintrat.  Der  eben  behandelte
Gegenstand  wurde  beendigt  und  der  Lehrer  selbst  wie  seine  Schüler  horchten
nun  mit  gespannter  Aufmerksamkeit  dem  überaus  schönen  Vortrage.  Nicht
selten  wurde  die  Rührung  groß,  Tränen  flossen  und  ein  lautes  Schluchzen
entstand.  Wir  merkten  die  vorgeschrittene  Zeit  nicht  und  bestürmten  mit  Bitten
den  ermüdeten  Vorleser  fortzufahren.  Von  einem  Sonntag  zum  anderen  freute
man  sich,  wenn  eine  Erzählung  angefangen  war,  auf  die  Fortsetzung  derselben
am  nächsten  Sonntag.  Zuweilen  bekamen  wir  als  Hausaufgabe  den  Auftrag
  eine  Erzählung  nachzuschreiben.  Die  schönen  Erzählungen  blieben  aber
nicht  bloße  Gedächtnissache,  sie  bestimmten  auch  die  Handlungsweise  sehr  vieler
Jungfrauen  Thannhausens.  Man  sah  recht  viele  sittsame,  unschuldige  und
fleißige  Mädchen  aufblühen,  die  sich  die  hervorleuchtenden  Tugenden  einer
„Genoveva“,  einer  „Rosa  von  Tannenburg“  und  einer  „Maria  im  Blumenkörbchen“
  zu  Musterbildern  wählten  und  fern  von  Weltsinn  und  Eitelkeit  ihre
Freude  in  Gott  und  stillen  häuslichen  Tugenden  suchten  zur  Freude  ihrer
Eltern  und  Lehrer.“

Diese  Erzählungen  zuerst  in  einem  unbekannten  Dorfe  verfaßt  und  der
Dorfjugend  dortselbst  vorgelesen  fanden  allmählich  den  Weg  durch  ganz
Europa  und  sogar  über  den  Ozean.

87.  Goldbergwerhe  und  Goldwäschereien  in  Bayern.
Von  A.  Geistbech."“

Vom  sagenumwobenen  Argonautenzug  an,  dessen  Verlauf  noch  dem  Dunkel
der  vorgeschichtlichen  Zeit  angehört,  bis  zum  jüngsten  Kriegszug  der  Engländer
ins  friedliche  Burenland,  immer  und  überall  hat  das  Gold,  das  mit  Recht  als
„König  der  Metalle“  gepriesen  wird,  in  den  Beziehungen  der  Menschen  untereinander,
  im  Handel  und  Verkehr,  in  der  Kunst  und  Wissenschaft  eine  bedeutsame
Rolle  gespielt,  freilich  nicht  immer  in  segenbringender  Weise.  Der  römische  Geschichtschreiber
  Tazitus  preist  daher  die  Deutschen  glücklich,  daß  ihnen  eine
gütige  Gottheit  das  Gold  versagt  habe.  In  der  Tat,  Deutschland  ist  niemals
ein  Goldland  gewesen,  wie  man  nach  der  Zahl  der  Schürfbriefe  und  nach
der  Fülle  der  Literatur  hierüber  schließen  könnte;  es  ist  vielmehr  nur  kärglich
mit  Gold  ausgestattet,  obwohl  seine  Berge  und  Flüsse  im  Süden,  Osten  und
Westen  Gold  halten.  Dessen  spärliches  Vorkommen  wie  die  kostspielige  Gewinnung
  schließen  eine  Ausbeutung  im  großen  aus,  so  daß  das  edle  Metall
billiger  und  bequemer  vom  Auslande  bezogen  wird.

In  früheren  Jahrhunderten  lagen  indessen  die  Verhältnisse  anders  als
heutzutage.  Die  ungeheuren  Goldschätze  der  Nordamerikanischen  Union,  Australiens
  und  Südafrikas  waren  noch  unerschlossen,  das  gleißende  Metall  war
        <pb n="454" />
        442  87.  Goldbergwerke  und  Goldwäschereien  in  Bayern.

daher  viel  seltener  und  höher  im  Werte  und  an  manchen  Stellen  unseres
Vaterlandes  konnte  ein  lohnender  Bergbau  auf  Gold  betrieben  werden.  So
nennt  der  gelehrte  Humanist  Agricola  Goldbergwerke  im  Fürstentum  Waldeck,
in  Thüringen,  im  Erzgebirge  und  im  Riesengebirge.  Im  Thüringer  Walde
bestanden  nicht  weniger  als  hundert  Gruben,  die  bis  in  die  Zeiten  der  Hussitenkriege
  an  tausend  Menschen  beschäftigten,  und  auch  im  Bereiche  des  heutigen
Königreichs  Bayern  fehlte  es  nicht  an  Goldlagerstätten.

Große  Berühmtheit  genossen  die  goldhaltigen  Quarzgänge  der  Grauwackenschichten
  um  Goldkronach  im  Fichtelgebirge.  Ihr  Abbau  ist  sehr  alt  und
manches  Sprichwort  erinnert  noch  an  die  jetzt  verschütteten  Schätze.  „Mancher
wirft  einen  Stein  nach  der  Kuh,“  so  heißt  es  im  Volksmunde,  „und  der  Stein
ist  mehr  wert  als  die  Kuh.“  Auch  von  den  goldsuchenden  Walen  und  deren
geheimnisvollen  Büchern  mit  den  Angaben  der  Fundorte  und  der  Methoden
zur  Gewinnung  wußte  man  dort  in  früheren  Zeiten  viel  zu  sagen.  Vielleicht
verbergen  sich  unter  dem  Namen  der  Walen  oder  Venediger  Erinnerungen  an
frühere,  bergbautreibende  Bewohner  des  Landes  —  Wenden  oder  Kelten  —
eine  Meinung,  die  mehr  und  mehr  Boden  gewinnt.

Geschichtlich  erweisbar  ist  der  Goldbergbau  im  Fichtelgebirge  bereits  unter
den  Burggrafen  zu  Nürnberg;  unter  Kaiser  Karl  IV.  gelangte  er  zu  größerer
Bedeutung.  Die  Ausbeute  der  Goldkronacher  Werke  dürfte  damals  eine  ungemein
reiche  gewesen  sein;  sie  wird  von  einem  älteren  Schriftsteller  auf  wöchentlich
2400  rheinische  Gulden  Reinertrag  angegeben.  Goldkronachs  Glanzzeit  fällt
in  die  Jahre  1395—1430.

Diese  Erfolge  ermutigten  auch  anderweit  im  Fichtelgebirge  nach  dem
kostbaren  Metalle  zu  schürfen  und  in  der  Tat  begegnet  man  dort  noch  vielfachen
  Spuren  alten  Goldbergbaues,  so  bei  Konradskreut,  Steinbach  und  Obersteben,
  deren  Goldseisen  ins  14.  Jahrhundert  zurückgehen.  Zwischen  Münchberg
und  Hof  entstanden  um  Plösen,  am  Röthenbach  und  Goldgraben  neue  Anlagen
im  16.  Jahrhundert,  andere  tauchten  erst  im  18.  Jahrhundert  auf,  so  jene
bei  Ahornberg  (1744),  bei  Unter-Pferd  und  Oberkotzau  nächst  Hof  (1789).
Waren  auch  die  Erträgnisse  des  älteren  Bergbaues  günstiger,  so  scheinen  sie
doch  großen  Schwankungen  unterworfen  gewesen  zu  sein;  Agricola  schätzt  die
wöchentliche  Goldausbeute  des  ganzen  Fichtelgebirges  zu  1500  rheinischen
Gulden.

Um  die  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  waren  die  alten  Halden  bereits
drei=  bis  viermal  umgewendet  und  die  Kosten  überstiegen  den  Gewinn.  Der
Dreißigjährige  Krieg  dürfte  die  letzten  Reste  vertilgt  haben.

Zweimal  noch  wurden  ernste  Versuche  zur  Wiederbelebung  des  alten
Goldkronacher  Bergbaues  unternommen,  doch  jedesmal  ohne  lohnenden  Erfolg.
Als  nämlich  Ende  des  18.  Jahrhunderts  die  Markgrasfschaft  Bayreuth  mit
Preußen  vereinigt  wurde  (1791),  nahm  der  Staat  den  Betrieb  der  Fürstenzeche,
  Goldkronachs  Hauptbergbau,  unter  Alexander  v.  Humboldts  Leitung
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        87.  Goldbergwerke  und  Goldwäschereien  in  Bayern.  443

auf,  ließ  aber  infolge  der  ungünstigen  Ergebnisse  das  Werk  wieder  eingehen.
Nach  der  Einverleibung  der  Markgrafschaft  in  das  Königreich  Bayern  ging
man  neuerdings  an  die  Verwertung  der  Gold=  und  Silbererze  in  der  Fürstenzeche
  und  im  Jahre  1856  erreichte  die  Ausbeute  silberhaltigen  Goldes  sogar
den  Betrag  von  4357½  Gulden.  Doch  eine  Privatgewerkschaft,  die  bald  darauf
die  Gruben  übernahm,  stellte  den  Betrieb  schon  1861  wieder  ein,  weil  sich
die  Gänge  für  einen  lohnenden  Abbau  zu  erzarm  erwiesen.  Seitdem  ruht  der
Bergbau  in  Goldkronach  bis  auf  unbedeutende  Betriebe.

Auch  sonst  noch  ist  in  den  vergangenen  Jahrhunderten  da  und  dort  im
Gebiete  des  heutigen  Königreichs  Bayern  Bergbau  auf  Gold  getrieben  worden,
so  bei.  Waldsassen  im  Oberpfälzer  Wald,  bei  Bodenmais  am  Fuße  des  Arber  im
Böhmerwald  und  bei  Oberammergau.  Alle  diese  Betriebe  sind  erloschen.

Alter  als  der  Bergbau  auf  Gold  sind  die  Goldwäschereien  an  den  Flüssen
Bayerns.  Schon  Otfried,  der  gelehrte  Weißenburger  Mönch,  gedenkt  in
seiner  Evangelienharmonie,  wo  er  mit  begeisterten  Worten  die  Schönheit  und
den  Reichtum  seines  elsässischen  Heimatlandes  preist,  des  „Goldes  im  Sande
der  Flüsse,“  hauptsächlich  wohl  im  Rheinsande,  und  Goldwäschereien  am  Weißen
Main  führten  zur  Entdeckung  und  Erschließung  der  goldführenden  Gänge  von
Goldkronach.  Der  hl.  Rupert,  der  im  Salzburgischen  das  Evangelium  predigte,
fand  an  der  oberen  Salzach,  im  Pongau,  Goldwäschen  vor  und  Bischof  Aribert
von  Freising  (764—784)  nennt  seine  Heimat  das  beste  Land,  von  anmutiger
Bildung  und  reich  an  Waldungen,  Wein,  Getreide  und  Herden,  an  Gold  und
Silber.  Damals  umfaßte  das  Herzogtum  Bayern  allerdings  noch  die  Lande
Tirol  und  Salzburg,  wo  die  Hohen  Tauern  mit  ihren  zahlreichen  nach  Norden
zur  Salzach  entwässernden  Tälern  die  Hauptfundorte  des  Goldes  in  den  Alpen
waren.  Noch  heute  wird  in  der  Rauris  hart  an  der  Grenze  des  ewigen  Eises
Gold  bergmännisch  gewonnen.

Im  Unmrreise  des  heutigen  Altbayern  begann  erst  im  15.  Jahrhundert
mit  dem  allgemeinen  Aufschwunge  des  Bergwesens  die  nachhaltige,  gesetzlich
überwachte  und  geregelte  Ausbente  des  Goldgehaltes  der  Flüsse.  An  der  Isar,
dem  Inn,  der  Salzach  und  Donau,  ja  selbst  in  der  Alz,  Traun  und  Windach
—  diese  ein  Nebenfluß  der  Amper  —  wurde  Gold  gewaschen  und  zahlreiche
Dekrete  der  bayerischen  Landesfürsten,  worin  den  Goldwäschern  Steuern  und
Abgaben  erlassen  wurden,  ermunterten  zur  Ausbeute  der  bezeichneten  Gewässer.
Eigentümlich  ist  dabei  die  Tatsache,  daß  der  Sand  dieser  Alpenflüsse  erst  in
größerer  Entfernung  vom  Hochgebirge  anfängt  das  edle  Metall  zu  enthalten,
die  Isar  von  Moosburg  abwärts,  der  Inn  von  Neuötting,  die  Salzach  von
Laufen,  die  Donau  erst  von  Kelheim  an.  Dies  deutet,  wie  Gümbel  sagt,
darauf  hin,  daß  die  Flüsse  das  Gold  dem  vielfach  den  Zentralalpen  entstammenden
Moränenschutt  der  Hochebene  entnehmen,  aus  dem  sie  im  weiteren  Laufe  die
Goldteilchen  ausscheiden.  Iller  und  Lech,  deren  Moränenmaterial  den  nördlichen
Kalkalpen  und  Flyschvorbergen  entstammt,  entbehren  fast  allen  Goldgehaltes.
        <pb n="456" />
        444  88.  Die  Perlfischerei  in  Bayern.

Die  Menge  des  gewaschenen  Goldes  war  in  den  verschiedenen  Zeiträumen
  wechselnd,  niemals  aber  beträchtlich  und  die  Goldwäscherei  gewöhnlich
nur  ein  Nebengewerbe  der  Fischer.  Von  1631—1640  erreichte  das  abgelieferte
Waschgold  einen  Wert  von  132  Dukaten,  von  1661—1670  einen  solchen  von
202  Dulaten.  Durch  die  Bemühungen  der  Regierung  Max  Emanuels  stieg
dann  die  Goldausbeute  im  Jahre  1718  auf  rund  2000  Mark  heutigen  Geldes
und  erreichte  1728  noch  1500  Mark.  Etwa  50—60  Personen  waren  damit
beschäftigt.  Die  Lust  zum  Goldwaschen  an  den  bayerischen  Flüssen  blieb  bis
in  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  rege  und  lieferte  z.  B.  1847—1853  noch
1953  Kronen,  somit  in  einem  Jahre  199  Kronen  =  nahezu  2000  Mark.

Am  Rhein  belief  sich  die  Zahl  der  Goldwäschen  in  Baden  auf  ungefähr
400,  in  der  Pfalz  auf  40—50.  Von  letzteren  gewann  man  1841—1843  Gold
im  Werte  von  1354  Kronen,  im  Jahre  also  451  Kronen  —  4510  Mark.

Durch  die  fortschreitenden  Flußkorrektionen,  deren  Zweck  die  Beseitigung
der  Flußalluvionen,  d.  i.  eben  der  Goldfelder,  ist,  erlitt  die  Goldwäscherei  starke
Einbuße,  nicht  minder  durch  die  Aufhebung  aller  staatlichen  Kontrolle  dieses
Gewerbes  und  seine  völlige  Freigabe.  1879  wurden  an  die  K.  Münze  in
München  nur  noch  0,113  kg  Waschgold  abgeliefert.

Ehedem  prägte  man  aus  dem  heimischen  Golde  eigene  Flußdukaten,  welche
auf  einer  Seite  das  Porträt  des  regierenden  Fürsten,  auf  der  anderen  das
Bild  eines  Flußgottes  mit  einer  Urne  trugen,  woraus  er  Wasser  gießt.  Im
Hintergrunde  ist  die  Münchener  Frauenkirche,  auf  anderen  Münzen  der  Dom
von  Speier  sichtbar.  Die  Münzen  führten  die  Inschrift:  Ex  auro  Oeni,
Isarae,  Danubüi,  Rheni.

  

Flußduhaten  „Ex  auro  lsarae“.

88.  Die  DPerlfischerei  in  Bayern.
Von  Hermann  Stadler.“

Edle  Perlen  liefern  hauptsächlich  die  Seeperlmuschel  (Meleagrina  margaritifera)
  und  die  Flußperlmuschel  (Margaritana  margaritifera).  Erstere
bewohnt  mehrere  Teile  der  Südsee;  eine  Kenntnis  ihrer  Schalen  (Perlmutter)
und  Perlen  läßt  sich  bis  in  die  babylonisch-assyrische  und  altägyptische  Zeit
hinauf  verfolgen.  Die  Flußperlmuschel  dagegen  kommt  so  ziemlich  in  ganz
Europa  und  Nordasien  vor,  doch  ist  sie  an  kalkarme  Gewässer  gebunden
und  also  in  Bayern  nur  im  Gebiete  des  Granits,  Gneises  und  Glimmerschiefers,
  der  Hornblendegesteine,  das  Syenits  und  Tonschiefers  zu  finden.
        <pb n="457" />
        88.  Die  Perlfischerei  in  Bayern.  415

Nach  historisch-geographischen  Gesichtspunkten  zerfallen  die  Perlgewässer
Bayerns  in  drei  Gruppen:  1.  die  Bäche  des  altbayerischen  Gebiets  in  Niederbayern
  und  der  Oberpfalz  —  Bayerischer  und  Böhmerwald  —  meist  Zuflüsse
des  Regen,  der  Naab  und  Donau;  2.  die  Bäche  des  ehemaligen  Fürstbistums
Passau,  zumeist  zur  Ilz  fließend,  und  3.  die  Gewässer  der  früheren  Markgrafschaft
  Bayreuth  —  Fichtelgebirge  —  zu  Saale,  Eger  und  Main  gehörig.

Die  erste  Erwähnung  geschieht  der  Perlfischerei  in  Bayern  in  einem
Erlaß  der  Herzoge  Ernst  und  Albrecht  von  München  aus  dem  Jahre  1437,
worin  sie  „als  in  unserer  Herrlichkait  und  Landgerichten  in  dem  Niederland  zu
Baiern  vor  und  in  dem  Wald  in  allen  Flussen  und  Wassern  und  sunderlich
in  dem  Regen  und  in  der  Teyschnach  vein  Perlen  wachsen  und  valln
ihren  Diener  und  Getrewen  Frantzu  Zaler“  beauftragen,  für  die  nächsten  sechs
Jahre  überall  im  „Niederland“  die  Perlen  zu  suchen  und  an  den  herzoglichen
Hof  abzuliefern,  also  bereits  diese  Fischerei  für  ein  Kronrecht  erklären,  was
sie  denn  für  immer  geblieben  ist.  Zahlreiche  Klagen  über  Diebstahl  veranlaßten
Wilhelm  W  1579  und  1581  zu  scharfen  Verordnungen.  Man  machte  die
Perlbäche  „pänig“,  stellte  Schnellgalgen  und  Warnungstafeln  auf,  schränkte
die  landwirtschaftliche  Benutzung  der  Gewässer  möglichst  ein  und  setzte  auf
Diebstahl  harte  Leibesstrafen.  Noch  eifriger  als  sein  Vater  nahm  sich  Maximilian
  I.  der  Perlfischerei  an:  eigene  Perlinspektoren  wurden  ernannt,  Perlordnungen
  erlassen,  kurz  alles  wohl  geordnet.  Da  brach  der  große  Krieg  herein
und  vernichtete  den  besten  Teil  des  mühevoll  Geschaffenen.  Aber  kaum  war
etwas  Ruhe  im  Lande,  so  nahm  der  energische  Kurfürst  seine  Bemühungen
wieder  auf  und  fand  in  dem  Perlinspektor  Leonhard  Vischer  eine  vorzügliche
Hilfskraft.  Maximilian  zu  Gefallen  schrieb  auch  1637  der  Münchener  Stadtund
  Hofarzt  Malachias  Geiger  eine  eigene  Perlschrift  (Margaritologia),  worin
er  die  bayerischen  Perlen  besonders  für  ärztliche  Zwecke  empfahl.  Dieselbe  ist
zwar  ohne  jeden  wissenschaftlichen  Wert,  da  er  einfach  die  von  der  Seeperlmuschel
  handelnden  Stellen  der  Alten  auf  dies  jenen  ganz  unbekannte  Flußtier
  bezog  und  überhaupt  nur  den  Zoologen  Ulysses  Aldrovandi  ausschrieb,
machte  aber  doch  weitere  Kreise  auf  die  bayerische  Perlmuschel  aufmerksam.  So
berichtet  1687  der  Rechtsgelehrte  Aulus  Apronius  (Adam  Ebert)  von  Donauund
  Ilzperlen  auf  Schloß  Ambras  in  Tirol  und  von  einer  feuerfarbenen  Ilzperle
zu  Augsburg,  die  auf  2000  Taler  geschätzt  wurde.  Auch  Ferdinand  Maria
tat  viel  für  die  Hebung  der  Perlfischerei,  dagegen  stellte  Max  Emanuels
prunkvoller  Hofhalt  an  die  Bäche  zu  große  Ansprüche.  Im  Spanischen  Erbfolgekriege
  verkam  während  der  österreichischen  Okkupation  der  Betrieb  fast
gänzlich.  Auch  Karl  Alberts  wohlgemeinte  Bestrebungen  vereitelte  der  Ssterreichische
  Erbfolgekrieg,  in  dem  der  berüchtigte  Pandurenoberst  Trenk  die  Bäche
durch  die  staatlich  bestellten  Fischer  zwangsweise  ausräumen  ließ.  Max  III.  Joseph
ließ  von  1758  ab  mit  großen  Kosten  viele  Tausende  von  Muscheln  in  den
Nymphenburger  Kanal  bei  München  einsetzen  um  so  in  nächster  Nähe  Beob-
        <pb n="458" />
        446  88.  Die  Perlfischerei  in  Bayern.

achtungen  und  Versuche  anstellen  zu  können;  allein  die  empfindlichen  Tiere
gingen  in  dem  für  sie  zu  kalkreichen  Wasser  der  Würm  bald  alle  zu  Grunde.
Dagegen  haben  sich  die  von  Karl  Theodor  gleichzeitig  in  einige  Bäche  bei
Heidelberg  im  Gebiet  des  kalkarmen  Buntsandsteins  eingesetzten  Tiere  bis  heute
erhalten.

Hernach  geriet  die  Perlfischerei  durch  eine  Reihe  von  Fehlern  und  verkehrten
  Maßregeln  immer  weiter  in  Verfall.  Man  ernannte  zu  Perlinspektoren
  statt  ortskundiger  Fischer  und  Forstleute  Münchener  Goldschmiede,  die
hohe  Reisespesen  verrechneten  und  vielleicht  mehr  auf  ihr  eigenes  Geschäft  bedacht
  waren  als  auf  den  Vorteil  des  Hofes,  so  daß  fortwährend  die  Ausgaben
  größer  waren  als  die  Einnahmen.  Endlich  wurde  in  den  unruhigen
Zeiten  Napoleons  durch  fortwährende  Truppendurchzüge  die  Ordnung  in  diesen
Gegenden  vielfach  gestört  und  die  Perlfischerei  hörte  ganz  auf.

Begreiflicherweise  erlosch  damit  auch  das  Interesse  für  diese  Tiere,  und
wenn  auch  unter  der  Regierung  der  Könige  Ludwig  I.  und  Maximilian  II.
wieder  ein  erfreulicher  Aufschwung  eintrat,  so  hatte  er  doch  keine  lange  Dauer.
Schließlich  wurde  der  Regiebetrieb  im  bayerischen  und  ehemals  passauischen
Gebiete  aufgegeben  und  von  1866  ab  sogar  eine  Anzahl  niederbayerischer
Bäche  samt  den  Perlenrechten  an  Private  verkauft.  Nun  riß  seitens  der
Berechtigten  sowohl  wie  von  Unberechtigten  eine  heillose  Ausbeutung  der  Bäche
ein.  Wagenladungsweise  führte  man  die  Schalen  in  gewisse  sächsische  Fabriken,
welche  sie  abschliffen  um  Geldtäschchen  und  andere  Galanteriewaren  daraus
herzustellen.  Um  daher  den  noch  vorhandenen  Beständen  einen  gewissen  Rechtsschutz
  zu  gewähren  erließen  von  1886  ab  die  Regierungen  von  Niederbayern
und  der  Oberpfalz  Verordnungen,  welche  heute  noch  zu  Recht  bestehen.  Neuerdings
  hat  sich  auch  die  bayerische  Staatsregierung  in  dankenswertester  Weise
entschlossen  zur  Wiedererhebung  und  Erhaltung  der  Perlfischerei  im  Bayerischen
  Walde  einen  alljährlichen  Zuschuß  zu  leisten.  Zunächst  wurde  bei
Regen  ein  Musterbach  eingerichtet,  aus  welchem  in  der  Folgezeit  die  nächstliegenden
  Bäche  neu  bevölkert  werden  sollen;  nach  und  nach  sollen  auch  in
anderen  Bezirken  solche  Musterbäche  entstehen  um  von  ihnen  aus  allmählich
alle  die  ausgeraubten  Perlenbäche  wieder  zu  besetzen.  Dieser  Musterbach
wird  auch  zugleich  als  Versuchsbach  benutzt;  denn  die  Lebensvorgänge  des
Tieres  wie  auch  die  Perlbildung  selbst  sind  noch  nicht  nach  allen  Richtungen
erforscht.

Ohne  Unterbrechung  erhalten  haben  sich  die  Fischereien  der  früheren
Markgrafschaft  Bayreuth.  Schon  Konrad  Celtes  erwähnt  um  11502  die
Perlen  des  Main,  später  werden  noch  Regnitz,  Göstrabach,  Selbitz  und  Lamitz
genannt,  weiterhin  der  Grünaubach,  die  Slschnitz  und  Schwesnitz  und  der
Lübitzer  Bach  bei  Gefrees.  In  diesen  Gewässern,  in  den  Rentämtern  Hof,
Marktschorngast  und  Selb,  wird  die  Perlfischerei  in  Regie  heute  noch  unter
der  Leitung  der  Forstbehörden  betrieben.  Die  gefundenen  Perlen  gelangen  zunächst
        <pb n="459" />
        89.  Das  Münchener  Künstlerfest  von  1840.  447

an  die  K.  General-Bergwerks=  und  Salinenadministration,  wo  sie  verwahrt
bleiben,  bis  das  Ergebnis  mehrerer  Jahre  die  Vornahme  einer  Versteigerung
verlohnt.  Vor  der  Versteigerung  werden  ausgesuchte  Stücke  der  Krone  zur
Einverleibung  in  den  K.  Hausschatz  angeboten.  Solche  Prachtstücke  sind  es,
die  wir  in  der  K.  Schatzkammer  bewundern;  aus  solchen  bestand  auch  die
Halskette,  welche  Prinzregent  Luitpold  der  Prinzessin  Gabriele  bei  ihrer  Vermählung
  mit  seinem  Enkel  Prinz  Rupprecht  überreichte.

89.  Das  Münchener  Künstlerfest  von  1840.

Von  Thomas  Stettner.“

Wenn  die  rasch  vorüberrauschende  Schönheit  eines  Maskenzuges  noch  im
Andenken  von  Kind  und  Enkel  nachklingt,  wenn  wir  noch  nach  zwei  Menschenaltern
  der  Erzählung  der  wenigen  überlebenden  Zeugen  desselben  andächtig
lauschen  wie  einem  schönen  Märchen  aus  guter  alter  Zeit,  dann  müssen
besonders  glückliche  Sterne  über  ihm  geleuchtet  haben.  Solche  waren  wie
kaum  je  einem  Fest  dem  Dürerfest  von  1840  beschieden.

Die  romantische  Schule  war  vornehmlich  unter  Münchens  Führung,
zum  vollen  Sieg  in  der  Kunst  gelangt  und  frohe  Tätigkeit  herrschte  allenthalben,
  doch  nirgends  mehr  als  in  München;  riesige  Baugerüste  stiegen  zum
Himmel  empor,  der  Meißel  des  Bildhauers  erklang,  im  stillen  Atelier  genügte
den  Malern  Pinsel,  Kohle  und  Stift  kaum  die  überquellende  Fülle  von
Erfindungen  aufs  Papier  zu  bringen;  die  Gußhäuser  rauchten  wie  einst  in
den  goldenen  Tagen  von  Florenz:  kurz,  es  war  eine  Lust  zu  leben.  Und  wie
die  Künstler  das  geistige  Leben  der  Hauptstadt  führten,  so  waren  sie  auch
gesellschaftlich  mit  allen  Kreisen  eng  verwachsen  und  überall  gern  gesehene
Gäste.  Da  mochte  denn  der  Wunsch  sich  regen  der  Freude  an  der  schönen
Gegenwart  und  der  Dankbarkeit  gegen  ihren  fürstlichen  Beschützer  dadurch
sichtbaren  Ausdruck  zu  verleihen,  daß  man  —  im  Verein  mit  allen  kunstliebenden
  Kreisen  der  Stadt  —  die  Schönheit  der  vergangenen  Zeit,  in  der
man  im  Gedanken  lebte,  im  lebendigen  Bild  erstehen  ließe.  Dies  Fest  mußte
gelingen.

Gedacht,  getan.  Das  Programm  war  bald  entworfen,  die  Vorbereitungen
bald  in  vollem  Gange.  Als  Stoff  lag  ihnen  zu  Grunde  die  Verleihung  des
Künstlerwappens  an  Dürer  durch  Kaiser  Maximilian.  Das  Ganze  sollte  aus
drei  Abteilungen  bestehen:  einem  Aufzug  der  Bürger,  dem  Zug  des  Kaisers
und  einer  Mummerei  zur  Belustigung  des  Kaisers.  Ausklingen  sollte  es  in
eine  Huldigung  für  König  Ludwig.

Im  Hauptquartier  ging  es  bald  lebhaft  zu.  Da  peinlichst  darüber
gewacht  wurde,  daß  jeder  zu  seiner  Rolle  passe  und  daß  die  Kostüme  ganz
der  Zeit  entsprächen,  ward  über  beides  strenges  Gericht  gehalten.  Jeden
Abend  fanden  sich  die  Teilnehmer  ein,  deren  Gewandung  vollendet  war,  und
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        448  89.  Das  Münchener  Künstlerfest  von  1840.

„auf  den  Tisch  gestellt,  umgab  sie  mit  kritischem  Blick  das  Komitee“  und
änderte  unerbittlich  alles  nicht  echt  Erscheinende.  Sorge  machte  vor  allem
die  Wahl  eines  passenden  Vertreters  des  Kaisers;  aber  während  eben  beraten
wurde,  trat  der  kurz  vorher  nach  München  gekommene  Lichtenheld  in  den
Saal,  eine  Verkörperung  des  ritterlichen  Max  —  diese  Sorge  war  gehoben.
Auch  die  Wahl  der  anderen  Figuren  gelang  so  gut,  daß  der  Bericht  stolz
melden  konnte:  „Jeder  war,  der  er  sein  sollte  und  wollte.“  Aus  einem  anderen
Raume  ertönten  die  Chöre,  die  Franz  Lachner,  Stuntz  und  Kunz  für  das
Fest  komponiert,  und  daneben  exerzierten  die  60  Landsknechte  —  es  gestaltete
sich  eine  originelle  Welt  im  kleinen.

Endlich  war  alles  fertig.  Am  Abend  des  17.  Februar  herrschte  im
Hoftheater  reges  Leben.  Die  Bühne  und  ein  Teil  des  Zuschauerraumes
waren  in  einen  Saal  verwandelt,  in  den  Gängen  drängten  sich  die  zum  Zuge
antretenden  Künstler  und  Kunstgenossen.  Die  Logen  und  das  Parterre  waren
von  einer  schaulustigen  Menge  gefüllt.  Trompeten  und  Pauken  ertönen,  der
Zug  betritt  den  Saal.

Voran  schritten  die  Zünfte  in  ihren  kleidsamen,  farbenreichen  Trachten:
zuerst  die  Zunft  der  Meistersänger  mit  dem  in  dunkelm  Pelzmantel  einherschreitenden
  Hans  Sachs,  daran  anschließend  die  Zunft  der  Bader  mit  Rosenblüth
  und  dem  hageren  Hans  Foltz.  Dann  kamen  die  Schlosser,  die  Buchdrucker
und  Formschneider  mit  Hans  Schäufelin  und  Koberger,  dem  größten  Buchhändler
  der  damaligen  Zeit,  die  Silber=  und  Goldschmiede  als  glänzendste
Gruppe,  jene  in  himmelblauen  und  roten  Gewändern  mit  weißem  Überwurf,
diese  hochrot  und  schwarz  mit  goldgestickten  Mänteln.  Als  Meister  der  Ornamentenschneider
  schreitet  im  polnischen  Rock  Veit  Stoß  einher.  Ein  rührender
Anblick  ist  die  Zunft  der  Gelb=  und  Rotgießer,  denn  Peter  Vischer  und  seine
Söhne  bilden  sie  allein;  er  ist  ein  Bild  des  Glücks,  wie  er  im  Arbeitskittel,
mit  Schurzfell  und  runder  Filzkappe  vorübergeht.  Die  hünenhaften  Zimmerleute
  folgen;  zuletzt  kommt  die  Zunft  der  Maler  und  den  Beschluß  macht
Albrecht  Dürer  zwischen  seinem  Lehrer  Michel  Wohlgemuth  und  Adam  Kraft.
Zwei  Edelknaben  tragen  ihm  das  Wappen  vor,  das  Maximilian  der  Malerzunft
  verliehen  haben  soll  und  das  seitdem  zum  allgemeinen  Künstlerwappen
geworden  ist.

Nun  kommen  die  Vertreter  der  Stadt  Nürnberg:  der  Stadthauptmann,
Bürgermeister  und  Rat  und  endlich  die  festlichen  Reihen  der  Geschlechter,  die
Männer  in  reichen  Seidengewändern  und  neben  ihnen,  von  Gold  und  Edelsteinen
  funkelnd,  die  Frauen  und  Töchter.

Eine  zweite  Reihe  von  Trompeten  und  Pauken  zieht  in  den  Saal,
gesolgt  von  einem  Haufen  Landsknechte  mit  einem  Wald  von  Spießen;  dann
wird  es  plötzlich  feierlich  still  —  der  Kaiser  naht.  Das  keiserliche  Panier
wallt  hoch  über  allen,  die  Leibwache  mit  Flambergen,  eine  Schar  Edelknaben
und  Jäger  gehen  voran,  dann  schreitet  in  wundervoller  Ruhe  im  goldenen
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        89.  Das  Münchener  Künstlerfest  von  1840.  419

Brustharnisch  und  Hermelinmantel  von  Goldstoff,  auf  dem  Barett  die  Krone,
umgeben  von  Fackelträgern  mit  vergittertem  Gesicht,  Maximilians  hohe  Gestalt
vorüber.  Hinter  ihm  aber  folgen  waffenklirrend  alle  die,  welche  durch  so  viel
Länder  in  Nord  und  Süd  für  ihn  die  Waffen  getragen,  ein  Frundsberg  und
Sickingen  und  Mark  Sittich  von  Ems  und  ungezählte  andere.  Gar  bescheiden
nimmt  sich  gegen  sie  das  Häuflein  Gelehrte  aus  mit  Wilibald  Pirkheimer  und
Melchior  Pfinzing  in  der  Mitte.  Unmittelbar  hinter  ihnen  rauscht  der  Mummenschanz
  einher  und  beendet  in  toller  Lustigkeit  den  Zug.

Nachdem  der  ganze  Aufzug  dreimal  den  Raum  durchschrikten,  traten  alle
in  der  Mitte  des  Saales  zusammen,  das  vom  Landschaftsmaler  Felix  v.  Schiller
gedichtete  und  von  Franz  Lachner  komponierte  Festlied  erscholl  im  mächtigen
Chor,  dann  ein  gewaltiges  Lebehoch  auf  den  König.  Dieser  dankte  sichtlich
erfreut;  er  wußte,  daß  diese  Huldigung  von  Herzen  kam.

Durch  die  Säle  und  Korridore  der  Residenz  und  durch  die  Arkaden  des
Hofgartens  zog  man  dann  gar  eilig  über  den  regenfeuchten  Platz  in  den  großen
Odeonssaal.  Dort  reihte  sich  Tafel  an  Tafel.  Chöre,  Schwänke,  Narreteien
kürzten  in  buntem  Wechsel  die  Zeit;  nach  dem  Mahle  ging  das  Fest  in  einen
Tanz  über;  —  als  die  Morgensonne  durch  die  Fenster  des  Saales  schien,
mahnten  die  Sprecher  den  Mummenschanz  zu  beschließen.

Der  Eindruck  des  ganzen  Festes  war  ein  gewaltiger.  Das  war  kein
Maskenzug,  es  war  ein  historisches  Gemälde,  die  Verkörperung  einer  großen,
vorbildlichen  Zeit.  Die  Blätter  brachten  begeisterte  Berichte;  künstlerische  und
historische  Betrachtungen  wurden  daran  geknüpft;  ein  Feld  im  Außenschmuck
der  Neuen  Pinakothek  wurde  der  Darstellung  des  Festes  gewidmet,  kurz,  das
Schauspiel  war  zu  einem  Ereignis  geworden.

Am  2.  März  mußte,  da  Bitten  und  Drängen  darum  nicht  nachließ,  der
Maskenzug  wiederholt  werden.  Es  war  ein  überwältigender  Anblick,  als  er
in  seinen  leuchtenden  Gewändern  und  schimmernden  Gewaffen  durch  die  lange
Reihe  von  Pechflammen  und  Fackeln,  diesmal  bei  klarem  Nachthimmel,  aus
dem  Theater  ins  Odeon  zog,  wo  scherzhafte  Aufführungen  und  Tanz  die  Zeit
füllten.  Die  Sonne  stand  schon  hoch,  als  der  Rest  des  Zuges  nach  dem
„Englischen  Cafe=  zog;  —  das  helle  Morgenlicht  umstrahlte  die  Pracht  der
Kostüme.  Dann  ging's  zu  Wagen  und  zu  Juß  nach  der  Menterschwaige  und
auch  die  zweite  Morgensonne  traf  noch  nicht  alle  als  Schlafende.

Das  gütige  Geschick  hat  aber  auch  dafür  gesorgt,  daß  uns  ein  Nachhall
von  der  Festesfreude  und  sschönheit  erhalten  blieb:  denn  in  jenen  Wochen
kam  ein  junger  Künstler  nach  München  und  warf  sich  mit  begeistertem  Herzen
in  die  Wogen  des  Künstlerlebens,  um  nach  jahrelangem  Ringen  zum  Entschluß
des  Entsagens  zu  kommen,  da  ihm  auf  anderen  Höhen  der  Lorbeer  winkte.
Es  war  Gottfried  Keller,  der  uns  im  „grünen  Heinrich“  eine  so  ausführliche
und  lebenswarme  Schilderung  des  Festes  gibt.

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  29
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        450  90.  Thorwaldsen  im  Knorrkeller.

Wir  können  uns  der  Erinnerung  an  dasselbe  mit  ganzem  Herzen  freuen;
denn  die  Künstlerfeste,  deren  Reigen  eben  jenes  Dürerfest  so  glänzend  eröffnete,
sind  in  München  bis  heute  heimisch  geblieben.  Mag  auch  im  Laufe  der  Zeit
mancher  Gegensatz  in  den  einzelnen  Lagern  der  Münchener  Künstlerschaft  sich
herangebildet  haben,  gilt  es  ein  solches  Fest,  so  treten  sie  alle  zu  fröhlichem
Beginnen  zusammen.  Und  wie  damals  nehmen  heute  alle  Kreise  der  Bevöl-=kerung
  Münchens  an  ihnen  genießend  Anteil  und  freuen  sich  der  Fülle  von
Schönheit  und  von  jugendfrischem  Humor,  der  in  ihnen  lebt.  Und  dieses  Erbteil
aus  der  Frühlingszeit  der  Münchener  Kunst  wird  auch  in  Zukunft  weiter  blühen.

90.  Thorwaldsen  im  Knorrheller.
München,  20.  Juli  1841.
Von  Ludwig  Steub.))

Wer  sich  unter  dem  Sommerkeller  eines  Münchener  Bräuers  etwa  einen
Keller  vorstellen  wollte,  wie  ihn  die  übrige  Welt  auch  hat,  der  befände  sich
in  einem  großen  Irrtum.  Es  sind  dies  keine  von  jenen  kleinen  Grüften,  wo“
die  Hausfrau  ihre  Weinfäßchen  aufstapelt  und  ihr  Flaschenbier,  sondern  vielmehr
  ungeheure  Gewölbe,  in  die  man  allenfalls  vierspännig  einfahren  kann
und  die  auf  ihrem  Rücken  mächtige  Gebäude,  wie  Edelsitze  und  Schlösser,  tragen,
welche  weit  rankende  Arme  ausstrecken,  mit  Sommerwohnungen  für  den  Eigentümer,
  kühlen  Hallen  für  die  heißen  Sommertage  und  netten  gemalten  Zimmerchen
für  die  Stammgäste.  Diese  Burgen  stehen  in  einem  weiten  Gehöft,  das  gar
Mannigfaltiges  aufzuweisen  hat.  So  vor  allem  die  vielen  Ruhebänke  für  die
labedurstigen  Gäste,  malerisch  auf  die  schönsten  Plätze  hingestellt,  unter  das
Dach  alter  Linden  oder  stolzer  Kastanienbäume.  Ferner  gehört  ein  kleiner  Wald
dazu,  durch  welchen  einsame  Kiespfade  ziehen  oder  auch  die  breite  Heerstraße
für  die  Bierwagen.  Im  Gehölze  selbst  aber  finden  sich  Blumengärtchen,  Rosenhecken,
  Stachelbeergebüsche,  grünes  Geländer,  ländliches  Treppenwerk,  stille,
stimmungsvolle  Lauben  und  endlich  auch  eine  wundervolle  Aussicht  über  die
Münchener  Hochebene  ins  Abendrot  oder  auf  die  blauen  Züge  der  fernen  Alpen.

In  einem  solchen  Keller  nun,  und  zwar  in  einem  der  schönsten,  bereiteten
am  Abend  des  20.  Juli  1841  die  Künstler  Münchens  dem  großen  Thorwaldsen
ein  Fest.  Der  lange  Sommertag  begann  sich  zu  neigen  und  der  Keller  mit
Haus  und  Hof,  Garten  und  Wald,  reichlich  geschmückt  mit  Laubbögen  zu  ebener
Erde,  mit  wallenden  Flaggen  auf  den  Zinnen,  war  voll  harrender  Verehrer,
voll  von  Jüngern  der  Kunst  aus  allen  deutschen  Gauen,  voll  von  anderen  Herren
und  Damen  und  voll  lieber  Jugend.

Ein  sanfter  Anstieg  führt  aus  der  waldigen  Talenge,  welche  die  Einfahrt
bildet,  allmählich  hinauf  gegen  die  kleine  Hochebene.  Dort  sammelte  sich  nun,

1)  „Kleinere  Schriften“,  IV.  Band,  S.  1  f.  Stuttgart  1875,  Cotta.
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        90.  Thorwaldsen  im  Knorrkeller.  451

als  der  gefeierte  Gast  von  der  hohen  Warte,  die  das  Dach  krönt,  erspäht  war,
der  Reigen  der  Festgeber,  voran  auf  grünem  Rasenflecke  ihre  jungen  Frauen,
deren  sie  sehr  schöne  haben,  hinter  ihnen  die  Haufen  der  kunstliebenden  Münchener,
die  den  Wundermann  erschauen  und  sein  Bild  zur  unvergeßlichen  Erinnerung
mit  nach  Hause  nehmen  wollten.  Der  Wagen  rollte  unter  Böllerkrachen  vor.
Thorwaldsen,  der  stattliche  Nordländer,  mit  dem  Löwenkopfe  und  den  langen
Silberhaaren,  begleitet  von  den  ersten  künstlerischen  Zelebritäten,  die  mit  ihm
gekommen  waren,  schritt  jugendlich,  alle  Blicke  auf  sich  ziehend,  den  Anstieg
hinauf,  während  alle  Häupter  sich  entblößten,  alles  sich  verneigte  und  ein
donnernder  Willkomm  ihm  entgegenscholl.  Dort  oben  bot  ihm  auch  der  gastfreundliche
  Herr  des  Kellers  seinen  Gruß,  den  der  schöne  Greis  mit  kraftvollem
Händeschütteln  erwiderte.

Jetzt  ging's  mit  fröhlichem  Drängen  hinein  in  die  Banketthalle.  Dazu
war  die  unermeßliche  Hausflur  eingerichtet  worden,  die  das  Erdgeschoß  des
Kellergebäudes  bildet.  Sie  ist  eigentlich  ein  Vorratshaus  für  die  tausend  Fässer,
die  unser  Brauherr  nötig  hat;  aber  jetzt  in  ihrem  Festschmucke  konnte  sie  niemand
mehr  dafür  erkennen.  Über  die  Gewände  spannten  sich  jene  schönen,  alten
Tapeten,  welche  nach  Peter  Candids  Zeichnungen  gewirkt  sind  und  die  Taten
Ottos,  des  tapferen  Wittelsbachers,  darstellen,  wie  er  für  Kaiser  Friedrich  focht
in  den  italienischen  Schlachten,  wie  er  die  Klause  bei  Verona  stürmte  oder  wie
er  die  Griechen  von  Byzanz  aus  der  Mark  Ankona  vertrieb.  Die  Decke  verschönerte
  eine  glückliche  Improvisation  dekorativer  Malerei;  die  rauhen  Dielen
des  Bodens  verhüllte  frisches  Grün;  in  der  Höhe  zogen  duftende  Blumengewinde
  durch  den  Saal.  Von  dem  vorjährigen  Dürerzug,  wo  die  ganze  Pracht
des  späteren  Mittelalters  wieder  auferstanden  war,  ist  den  Malern  und  Bildnern
eine  große  Vorliebe  geblieben  für  den  Geschmack  jener  gepanzerten  Zeiten,  so“
daß  ihnen  jetzt  Waffenglanz  und  gotische  Geräte  als  der  schönste  Schmuck
für  ihre  Trinksäle  gilt.  Demgemäß  starrten  die  Pfeiler  von  ritterlichen  Rüstungen,
Harnischen  und  Pickelhauben,  von  Turnierspeeren,  Panieren  und  alten  Flambergen.
  Ein  Dutzend  Kronleuchter  sandten  ihr  funkelndes  Licht  von  der  Decke;
unten  zog  sich  unabsehbar  die  festliche  Tafel  hin,  reich  verziert  mit  goldglänzenden
Kandelabern,  Blumensträußen  und  mit  einer  unendlichen  Front  von  glitzernden
Gläsern.  Auf  der  langen  Zeile  jener  Tische,  wo  die  „Löwen“  saßen,  prangten
die  vergoldeten  Statuetten  der  Wittelsbacher  Fürsten,  wie  sie  Schwanthaler
geschaffen,  auf  der  anderen  die  der  großen  Maler  des  16.  und  17.  Jahrhunderts
von  demselben  Meister.  Gigantische  Humpen  mittelalterlichen  Ansehens  standen
nachbarlich  neben  diesen  Bildern.  Zu  Handen  des  Gefeierten  war  ein  goldener
Pokal  zu  sehen  von  reicher,  gotischer  Arbeit,  vor  ihm  ein  kleines  Bronzebild
der  Reiterstatue  Maximilians,  seines  eigenen  Meisterwerkes,  ihm  gegenüber  auf
der  anderen  Tischreihe  ein  verjüngter  Gipsabguß  des  Schillerstandbildes,  hinter
diesem  aber  und  somit  gerade  im  Angesicht  des  Gastes  war  in  einem  Haine  von
Lorbeerbüschen  und  Pomeranzenbäumen  die  Büste  unseres  Königs  aufgestellt.

29  *
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        452  90.  Thorwaldsen  im  Knorrkeller.

Alles  das  glänzte  und  funkelte  herrlich  durcheinander  und  wer  weiß,  ob  der
pilgernde  Heros  auf  seinem  Triumphzuge  durch  Deutschland  eine  Festhalle
betreten  hat,  die  der  unfrigen  an  überraschender  Gewalt  des  Eindrucks  gleichstehen
  moöchte.

In  diesen  einladenden  Räumen  setzten  sich  also  die  Tischgenossen  zur  Tafel.
Was  München  von  artistischen  Berühmtheiten  aufzuweisen  hat,  war  da  zusammengekommen
  um  mit  dem  großen  Meister  des  Abends  froh  zu  werden  —  auch
mancher  Staatsmann,  mancher  Gelehrte  von  gutem  Namen  hatte  sich  eingefunden.
In  das  fröhliche  Summen  der  heitern  Zecher  traten  nach  und  nach  belebend
die  Trinksprüche  ein,  ausgebracht  in  feierlicher  Stille,  wogegen  donnernde
Vivatrufe  und  schmetternde  Trompetenstöße  ihnen  folgten.

Nun  muß  man  aber  wissen,  daß  es  unsere  Maler  an  solchen  Tagen
bei  gemütlichem  Zusammentrinken  nicht  bewenden  lassen,  sondern  immer  auch
zur  Erhöhung  des  Jubels  dramatische  Maskeraden  in  das  Treffen  führen,  die
geistreich  erfunden  sind  und  mit  drastischer  Komik  an  uns  vorübergehen.  So
gab's  denn  auch  heute  einen  Schwank,  den  wir  laut  dem  Libretto:  Schiedsrichterliches
  Urteil  des  alten  Vaters  Zeus  in  Sachen  München,  Stuttgart,  Mainz
und  Konsorten  wider  Ritter  Thorwaldsen  betiteln  dürfen.  Es  traten  da
die  berühmten  Städte  München,  Mainz,  Stuttgart,  Kopenhagen  und  Rom,
repräsentiert  durch  die  Bildwerke,  die  sie  von  dem  Meister  besitzen,  als  Gutenberg,
  Schiller,  Maximilian,  welcher  gar  zu  Pferde  war  u.  s.  w.,  angemeldet
durch  den  alten  Gott  Merkurius  als  den  Gerichtsboten,  vor  den  lächelnden
Feiergast  und  begannen  in  humoristischen  Streitreden  darüber  zu  hadern,  welcher
von  ihnen  er  eigentlich  angehöre.  In  das  Plaidoyer  mischte  sich  zuletzt  auch
die  weißarmige  Juno  von  hohem  Stuhle  herab,  leichter  erkenntlich  an  dem
Fächer  von  Pfauenfedern,  mit  dem  sie  agierte,  als  an  dem  braunen  Schnurrbarte,
  der  ihren  Göttermund  beschattete.  In  Anbetracht  des  letztgedachten
Charakteristikums  klang  es  komisch  genug,  als  sie  in  tiefem  Basse  also  sprach:

„Was  wollen  die  Menschen  in  dieser  Sache
Mit  ihrer  Rede  konfusem  Sinn?

Fürchten  sie  nicht  meine  glühende  Nache,
Wissen  sie  nicht,  daß  ich  Juno  bin?

Wissen  sie  nicht,  daß  du  all  meine  Söhne

Mit  der  Wahrheit  durchdringender  Macht
Nachgebildet  in  strahlender  Schöne,

Wie's  noch  kein  Sterblicher  jemals  vollbracht?“

Den  Streit  schlichtet  Zeus,  der  schreckliche  Donnerkeile  schwingt,  und
unwiderruflich  entscheidet,  wie  folgt:

„Nein,  dieser  Mann  gehört  nicht  einem  Lande,
Nicht  einer  Stadt  allein  gehört  er  an;

Denn  er  umfaßt  mit  seines  Geistes  Bande

Die  ganze  Welt,  nur  ihr,  der  Welt  gehört  er  an!“

ein  Urteilspruch,  der  von  stürmischem  Jubelruf  begrüßt  wurde.
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        91.  Des  Kronprinzen  Maximilian  Hochzeit  im  Oktober  1842.  453

Kaum  war  aber  der  Vater  der  Götter  und  Menschen  mit  seiner  Gemahlin,
mit  den  klagenden  Parteien  und  mit  dem  Gerichtsboten  Merkur  wieder  abgetreten,
  so  brach  der  Liederkranz  herein,  zweiundsechzig  Männer,  denen  füßer
Wohllaut  in  der  Kehle  schläft,  an  der  Spitze  Meister  Kunz,  der  treffliche  Musikus.
Diese  richteten  sich  in  der  Mitte  des  Saales  ein  und  sangen  nun  zum  Nachmahle
ihre  schönen  Lieder,  vor  allem  das  begeisterte  „Helden,  laßt  die  Waffen  ruhen“,
das  „Walhallalied“  mit  seinen  Heldentönen,  das  bei  uns  bereits  zum  Volksgesang
  geworden  ist.

So  ging  es  fort  in  herrlichster  Fröhlichkeit;  Trinksprüche,  Vivatrufe,
lustige  Scherze,  prächtige  Lieder  und  Musikstücke  wechselten  miteinander  ab,
bis  endlich  nach  Mitternacht  Thorwaldsen  in  milder  Rührung  dankend  Abschied
nahm.  Wie  einen  jungen  Hochzeiter  begleiteten  sie  mit  spielenden  Musikanten,
jauchzend  und  jodelnd,  den  greisen  Meister  an  den  Wagen  und  unter  hallendem
Lebehoch  fuhr  er  aus  ihrer  Mitte.

91.  Des  Kronprinzen  Maximilian  Hochzeit  im  Okhtober  1842.
Von  Ludwig  Steub.)

Bei  uns  ist  alles  voller  Freuden,  die  fröhlichste  Aufregung  geht  durch
alle  Gassen  der  Stadt,  von  einem  Ende  des  Weichbildes  bis  zum  anderen,  vom
Erdgeschoß  bis  ins  Dachstübchen.  Der  Reigen  unserer  Feste  ist  eröffnet  seit
dem  Tage,  als  die  junge  Kronprinzessin  ihre  neue  Heimat  in  unserer  Königsburg
  betrat.  Daß  die  liebliche  Braut,  die  Prinzessin  Marie  von  Preußen,
mit  herzlichem  Willkomm  werde  ausgenommen  werden,  war  vorauszusehen,
aber  die  jubelnde  Aufgeregtheit  bei  ihrem  Empfange  war  am  Ende  doch  noch
überraschend.  Es  war  in  der  Tat  ein  schöner  Tag,  als  selbst  die  kolossale
Ludwigstraße  zu  eng  wurde  für  die  Tausende,  welche  im  Sonnenschein  auf
und  ab  wogten,  die  voll  Freude  und  Spannung  durcheinander  drängten  in  der
festlich  geschmückten  Gasse,  aus  deren  Fenstern  ungeheure  Banner  flaggten.

An  ihrem  Anfange,  wo  das  Gebiet  der  Stadt  beginnt,  war  dagegen  ein
grüner  Triumphbogen  erbaut,  auf  welchem  der  Willkomm  zu  lesen,  den  die
Harrenden  der  Erwarteten,  längst  Ersehnten  mit  Herz  und  Mund  entgegentrugen.
  Alle  die  Freudenbezeugungen  der  Städte,  der  Märkte  und  Dörfer
an  der  Straße  —  noch  im  letzten  Orte,  zu  Schwabing,  standen  die  Landleute
mit  einem  sinnigen  Gruße  bereit  —  alle  diese  Huldigungen  hatten  die  Ankunft
etwas  über  die  angesagte  Stunde  verzögert;  endlich  aber  ging  ein  froher  Ruf
durch  die  Menge,  welcher  deutlich  kundgab,  daß  der  rechte  Augenblick  gekommen
sei.  Über  dem  bunten  Gewimmel  sah  man  die  Helme  der  Kürassiere  funkeln,
die  dem  Zuge  voranritten,  die  Gasse  öffnete  sich,  die  Reiter  zogen  vorüber,
der  Wagen  nahte,  ein  taufendfacher  Willkomm  stieg  donnernd  auf  und  in

1)  „Kleinere  Schriften.“  IV.  Band.  S.  33  ff.  Stuttgart  1875,  Cotta.
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        454  91.  Des  Kronprinzen  Maximilian  Hochzeit  im  Oktober  1842.

offenem  Viergespann  erblickten  wir  an  der  Seite  der  Eltern,  des  Prinzen
Wilhelm  von  Preußen  und  seiner  Gemahlin,  ein  holdes,  jugendliches  Frauenbild,
  lieblich  gerötet  von  der  Aufregung  des  Tages,  mit  zauberhafter  Freundlichkeit
  die  Bürger  grüßend,  die  sie  jubelnd  in  ihre  Stadt  geleiteten.  Es  ist
unter  allen,  die  da  waren,  nur  ein  Entzücken  über  die  frohe  Feierlichkeit  dieser
Stunde,  nur  eine  Freude  über  die  anmutige  Persönlichkeit  der  schönen
Fürstin.

Der  Vollständigkeit  nach  wäre  nun  zu  erzählen,  wie  sich  von  da  an
Feier  an  Feier  drängte:  es  wäre  der  reiche,  noch  lange  nicht  endende  Kranz
der  großen  und  kleinen  Feste  zu  besprechen,  die  vom  Hofe,  von  der  Stadt,
von  den  Familien  gefeiert  wurden,  die  hohe  Vermählung  selbst,  die  Theaterstücke,
  Festspiele,  beleuchteten  Häuser,  die  Bälle,  Gastmähler  und  Bankette  —
indes  wir  wollen,  um  bald  zum  heutigen  Festtage  zu  gelangen,  nur  etwa  den
unendlichen  Jubel  hervorheben,  der  an  dem  Abend  erscholl,  als  die  hohen
Neuvermählten  zum  erstenmal  das  Theater  besuchten  und  an  die  Brüstung  der
königlichen  Loge  vortretend  sich  dem  zahllosen,  glänzenden  Publikum  zeigten
—  diesen  Jubel,  der,  gar  nicht  mehr  zu  beschwichtigen,  in  immer  neuen  Salven
aufschlug  und  nur  spät  erst  die  Trompeten  nach  langen,  fruchtlosen  Versuchen
zu  Worte  kommen  ließ.

Seit  drei  Tagen  ist  nun  auch  die  ganze  Stadt  hochzeitlich  aufgeputzt.
Von  den  Firsten  herunter  senken  sich  mächtige  Fahnen,  blau  und  weiß,  schwarz
und  weiß,  in  die  volkreichen  Gassen  und  an  den  Wänden  hinauf  von  unterst
bis  zu  oberst  blühen  freundliche  Ziergärten  mit  Bildern,  Namenszügen,
Wappenschilden,  mit  Flaggen,  Tapeten  und  anderem  prangenden  Ornate  ausgelegt.
  Manche  Fronten  sind  so  reich  und  zierlich,  so  prachtvoll  und  so
glänzend,  daß  man  glauben  sollte,  das  Portal  führe  unmittelbar  in  einen
Feenpalast  —  am  besten  von  allen  Gegenden  der  Stadt  hat  uns  aber  der
feierliche  Schrannenplatz  1)  gefallen.

So  stehen  wir  denn  am  heutigen  Tage,  den  die  Freude  der  Bayern
über  die  Hochzeit  ihres  Königssohnes  so  bedeutsam  und  so  volkstümlich  verschönt
hat.  Wir  haben  nun  vor  allem  der  36  Brautpaare  zu  erwähnen,  welche  die
acht  bayerischen  Kreise  ausgestattet  und  hierher  gesendet  haben.  Es  war  gewiß
ein  preiswürdiger  Gedanke  alle  Gauen  des  Landes  durch  solche  Festgesandte
an  der  Feier  und  an  ihren  Freuden  teilnehmen  zu  lassen.  Die  Idee  hat  hier
höchlich  angesprochen  und  ebenso  groß  wie  die  Freude  unserer  Landsleute,  sich
als  Hochzeitsgäste  in  der  wunderreichen  Hauptstadt  zu  finden,  war  wohl  die
Neugier  der  Münchener  die  Stellvertreter  aller  Gebiete  des  Königreichs  im
Feierstaate  sich  gegenüber  zu  sehen.  Heute  früh  10  Uhr  war  nun  die  bestimmte
Stunde,  wo  der  Festzug  vom  Rathaus  herunter  über  den  Schrannenplatz  und
durch  die  Kaufingerstraße  zur  Trauung  in  die  Kirche  ziehen  sollte;  und  so

1)  Jetzt  Marienplatz  vor  dem  Rathause.
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        91.  Des  Kronprinzen  Maximilian  Hochzeit  im  Oltober  1842.  455

stand  denn  geraume  Zeit  vorher  schon  auf  dem  Platze  und  in  der  Gasse  unzähliges
  Volk.

Endlich  kommt  der  Zug.  Voraus  ein  Bannerträger  mit  der  Fahne  von
München,  dem  Mönche  im  goldenen  Felde,  und  dann  die  Bergschützen  von
Lenggries  und  Wackersberg,  über  100  Mann,  mit  ihren  Spielleuten,  welche
die  Schwegelpfeife  bliesen  und  die  Trommel  rührten,  prächtige  Hochländer  mit
buschigen  Schnurrbärten  und  roten  Backen  in  ruhig  fester  Haltung  einherschreitend,
  mit  grünen  Röcken,  den  grünbebänderten  Hut  mit  den  Spielhahnfedern
  und  dem  Gemsbarte  auf  dem  Haupte,  den  sichern  Stutzen  im  Arm.

Auf  die  grünen  Schützen  der  Berge  folgten  also  die  36  Hochzeitszüge.
Die  Brautleute  erschienen  mit  ihren  Brautführern  und  Hochzeitladern,  den
jugendlichen  Kränzeljungfern,  mit  dem  Ehrenvater,  der  Ehrenmutter  und  den
Gästen  —  alle  zusammen  an  400  Personen.  Einzelne  Genossenschaften  waren
zu  Fuß,  andere  saßen  in  langen,  reichverzierten  Wagen,  die  von  vier  stolzen,
urkräftigen  Rossen  gezogen  wurden.  Da  gab  es  viele  wunderliche  Trachten
zu  beschauen,  die  zum  größten  Teil  noch  jetzt  im  Ansehen  sind,  wenn  auch
hier  und  da  mit  lobenswertem  Takte  um  einige  Dezennien  zurückgegriffen  wurde
um  alte,  funkelnde  Prachtstücke,  die  jetzt  vielleicht  außer  libung  gekommen,
wieder  glänzen  zu  lassen.  Es  wäre  aber  zu  große  Arbeit  den  farbenreichen
Zug  nach  all  seinen  Gewandstücken  zu  schildern  und  die  36  Landsmamnschaften
gesondert  abzumalen  und  so  wollen  wir  denn  nur  einzelne  herausheben.

Zuerst  kam  also  der  elegante  Brautwagen  der  Landeshauptstadt,  von
welchem  die  hübschen  Töchter  von  München  herablächelten,  die  zierlichen
Gestalten  mit  dem  blitzenden  Riegelhäubchen  und  dem  reichverschnürten  Mieder,
an  dem  die  hundertjährigen  Hecktaler  hängen.  Mit  den  Oberbayern  erschienen
auch  die  Reichenhaller,  denen  die  heimatlichen  Bergschützen  das  Geleit  gaben,
mit  grauen  Joppen  und  spitzen  Hüten.  Mit  den  Mädchen  von  München  in
ihrer  modernen  städtischen  Zierlichkeit  mochte  man  die  Hochzeiterin  von  Schrobenhausen,
  „der  Stadt  an  der  stillen  Paar,  treu  dem  Königshause  immerdar“,
zusammenhalten,  die  in  alter  bäuerlicher  Pracht,  die  Haare  gepudert  und
abwärts  mit  roten  Bändern  in  einen  dicken  Zopf  geflochten,  eine  schwere,
weitausgreifende  Krone  auf  dem  Haupte  trug.  Nach  dem  Brautpaare  aus
dem  Gebirge  von  Rosenheim  fuhren  die  rotjackigen  Jungen  von  Straubing,
die  mächtig  auf  ihren  Trompeten  bliesen,  stolz  auf  ihre  Hochzeiterin,  die  auch
in  roter  Jacke  prangte.  Hierauf  in  offener  Kalesche  die  Passauer,  die  schönen
Mädchen  von  Passau  mit  den  goldenen  Hörnern  auf  den  Köpschen,  sämtlich
jenes  berühmten  Schlages,  der  am  Innstrom  erblüht  von  seinen  Quellen  in
Engadin  durch  Tirol  und  durch  das  bayerische  Hügelland  hinunter  bis  zu
seinem  Einfluß  in  die  Donau.  Dann  die  Rottaler  Bauernjungfern  mit  kufenförmigen
  Kronen  von  Flittergold  und  nach  diesen  die  ferne  Pfalz  in  städtisch
züchtiger  Einfachheit  —  den  Reichtum  ihrer  Herzen  beweist  das  Geschenk  der
Burg  Hambach,  das  die  Pfalz  am  Rhein  in  diesen  Tagen  dem  Königssohn
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        456  91.  Des  Kronprinzen  Maximilian  Hochzeit  im  Oltober  1842.

zu  Füßen  legte.  Ferner  die  Oberpfälzer  von  Kemnath,  wo  der  Bräutigam
mit  dem  Säbel  zur  Hochzeit  geht,  die  Mädchen  mit  hohen,  dünnen  Zylindem
auf  dem  Scheitel,  welche  seltsam  nicken,  und  die  Hemauer,  denen  der  Brautführer
  das  Schwert  vorantrug.  Mit  den  Oberpfälzern  waren  76  Bergknappen
gekommen,  die  nun  in  schwarzer  Bergmannstracht,  den  Hammer  im  Arme,  in
Reih  und  Glied  vorüberzogen,  ihre  Trompeter  voran  —  ein  in  unserer  Ebene
selten  gesehenes  Korps.  Dann  folgten  die  Bambergerinnen  mit  den  gigantischen
Barthauben  und  wieder  im  offenen  Wagen  die  Ratsherren  von  Kronach  in
schwarzem,  spanischem  Gewande  mit  goldenen  Ketten,  sehr  stattlich  anzusehen
—  ein  beneidenswertes  Bild  für  alle  anderen  schwarzfrackigen  Ratsherren  unserer
Zeit.  Hierauf  die  kräftigen  Männer  aus  dem  oberfränkischen  Mistelgau  mit
breiten  schwarzen  Hüten  in  alteigentümlicher  Landestracht.

Aus  Mittelfranken  waren  die  Knoblauchsbauern  da,  die  um  Nürnberg
wohnen  und  große  Blumenfreunde  sind  —  aus  Unterfranken  waren  Hochzeitleute
  von  Würzburg  gekommen  und  feine  Mädchen  damit,  mit  niedlichen  Florhäubchen
  geschmückt,  in  weiße  Stoffe  gekleidet,  leicht  und  elfenhaft  und  wohl
berechtigt  mit  den  Töchtern  von  München  und  Passau  um  den  Preis  der
Zierlichkeit  zu  ringen.  Diesen  folgte  ein  Hochzeitszug  aus  dem  reichen
Schweinfurtergan,  wo  das  Frauenvolk  hohe,  kegelförmige  Hauben  trägt,  deren
Ausläufer  als  breite  Bänder  über  den  Rücken  flattern.  Die  Mädchen  dieses
Gaues  erfreuen  sich  besonders  schmächtiger  Füßchen  und  behaupten  mit  koketter
Ironie,  sie  hätten  nicht  Geld  genug  sich  große  Schuhe  machen  zu  lassen.

Den  Schluß  bildeten  die  Schwaben.  Zuerst  ein  Zug  von  Trompetern
aus  Augsburg  in  altdeutschen  Sammetröcken  und  Baretten,  dann  die  zwei
Brautzüge  aus  der  alten  Augusta,  32  Personen.  Die  Frauen  von  Augsburg
trugen  noch  die  goldenen  reichsstädtischen  Boggelhauben,  die  Mädchen  von
Kempten  aber  jene  riesenhaften  scheibenförmigen  Gebäude,  die  sie  Radhauben
nennen.  So  zogen  also  in  spannender  Mannigfaltigkeit  der  Gewänder,  glitzernd
in  Gold  und  Silber  und  in  reichem  Spiel  der  Farben  die  jungen  Brautpaare,
ihre  Verwandten  und  Landsleute  in  die  Kirchen  zur  Trauung.  Von  den
Dächern  herunter  wallten  ihnen  die  Festbanner  entgegen,  aus  den  bekränzten
vollen  Fenstern  bewunderten  sie  die  Herren  und  Frauen,  auf  der  Gasse  freute
sich  unzähliges  Volk  an  den  stattlichen  Männern  und  den  anmutigen  Jungfrauen,
  welche  lächelnd  vorüberfuhren,  während  die  Trompeten  und  Waldhörner,
  die  im  Zuge  reichlich  verteilt  waren,  ermutigend  dareinschmetterten.

Als  sie,  die  Katholiken  in  der  Michaelskirche,  die  Protestanten  in  der
Matthäuskirche  getraut  waren,  kamen  sie  wieder  zusammen  und  begaben  sich
allerwege  durch  dichtes  Gedränge  des  Volkes  in  den  Pschorrkeller,  wo  ihnen
in  dem  weiten  Raume  ein  Mittagsmahl  bereitet  war,  das  die  Stadt  München
gab,  welche  überhaupt  die  Honneurs  des  Festes  mit  großartiger  Freigebigkeit
zu  machen  wußte.  Im  weiten  Hofe  des  Pschorrkellers  stellten  nun  die  Festordner
  den  Zug  wieder  auf  zum  feierlichen  Gange  über  die  Theresienwiese.
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        92.  An  die  Kronprinzessin  Marie  von  Bayern.  457

Hier  kamen  auch  die  festlichen  Symbole  hinzu,  die  ihm  die  letzte  Weihe  gaben
—  alle  Landsmannschaften  ließen  ihre  Banner  wehen  und  allen  voran  wehte
die  große  Fahne  mit  dem  Wappen  des  Königreichs.  Nun  ging's  freudig  hinab
in  die  Wiese,  auf  welche  eine  herrliche  Herbstsonne  herunterleuchtete,  und  vors
königliche  Zelt,  wo  die  Mistelgauer  einen  heimischen  Brauttanz  begannen  und
ihre  Jungfrauen  weidlich  schwangen,  zum  großen  Vergnügen  der  Hunderttausende,
  welche  auf  dem  Tanzplatz  standen.  Dann  reihten  sich  alle  auf  die
Bänke,  die  für  sie  aufgeschlagen  waren,  gegenüber  den  königlichen  Herrschaften,
um  das  Rennen  zu  beschauen.  Wir  unterlassen  die  weitere  Schilderung  der
Feier,  müssen  uns  aber  noch  bei  dem  tiefen  Eindruck  aufhalten,  den  der
Festzug  auf  alles  Volk,  hoch  und  nieder,  hervorbrachte.  Maͤnchem  Beschauer
wurden  die  Augen  feucht  und  selbst  weither  gekommene  ausländische  Gäste
gestanden  gern  ihre  Rührung  ein.  Es  ist  das  Volkstümliche,  das  so  wirkt,
die  Freude  an  der  Art  des  eigenen  Stammes,  der  Gedanke,  wie  viel  Schönes
und  Herrliches,  anscheinend  Unmögliches  sich  durch  einträchtigen  Sinn,  durch
Liebe  und  Begeisterung  für  teure  Namen  ermöglichen  lasse.  Es  ist  etwas
Prächtiges  um  ein  volkstümliches  Volksfest!  Wollte  Gott,  wir  Deutschen  alle
hätten  bald  Anlaß  ein  großes,  deutsches  Volksfest  zu  begehen,  sei's  an  den
Ufern  des  Rheins  oder  der  Donau,  wo  dann  die  Seemänner  von  Danzig
und  die  Weinbauern  der  Pfalz,  die  Dittmarschen  und  die  Zillertaler  nebeneinander
  erscheinen  mögen  im  pangermanischen  Festzug!

92.  An  die  Kronprinzessin  Marie  von  Bayern,
geb.  Prinzessin  von  Preußen.
Von  Franz  Graf  von  Pocci.“)

Zieh  ein,  o  königliche  Braut,

Ins  neue  Vaterland;

Wir  Bayern  harren  sehnsuchtsvoll,
Das  Banner  in  der  Hand.

Das  Freudenbanner  in  der  Hand,
Es  flattert  weiß  und  blau

Und  spricht  zu  dir  im  Farbenspiel:
„Komm  Unschuld!“  und  „Vertrau!“
Sieh  unfre  Scharen  dichtgedrängt,
Wie  sie  um  dich  sich  reih'n,

Und  dir  und  unserm  Königssohn
Die  Huldigungen  weih'n!

Der  Demant  aus  dem  tiefen  Schacht
Schmücht  deiner  Krone  Glanz,

 

Der  Morte  dunhelgrünes  Laub
Soll  winden  sich  zum  Kranz.

Und  wie  der  Demant,  stark  und  fest,
Wird  unfre  Liebe  sein,

Der  Bayern  Herzen  treubewährt  —
O  glaub  es!  —  sie  sind  dein.

Und  wie  der  Myrte  Blätter  nun
Um  deine  Stirne  blüh'n,

S##  werden,  wie  am  heut'gen  Tag,
Die  Herzen  stets  erglüh'n!

Das  Banner  weht,  die  Myrte  blüht,
Es  glänzt  der  Diamant;:

Zieh  ein,  o  holde  Königsbraut,

Ins  neue  Vaterland!

1)  „Dichtungen“.  S.  110.  Schaffhaufen  1843,  Hurter.
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        458  93.  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volkes.

93.  Ludwig  1.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volkes.
Von  Karl  Theodor  von  Heigel.)

Das  Wort  Goethes,  daß  „das  Große  doch  wieder  nur  von  bedeutenden
Menschen  richtig  erkannt  und  beurteilt  werden"  könne,  gilt  von  den  Lebenden.
Der  Richter  über  die  Toten,  ein  strenger,  aber  gerechter  Richter  ist  die  Zeit.

Ein  Jahrhundert  ist  seit  der  Geburt  des  Fürsten,  dem  mein  Festgruß
gilt,  vergangen,  ein  Jahrhundert,  reich  an  blutigen  Kriegen  und  glorreichen
Siegen,  an  politischen  Ereignissen,  welche  die  Wiedergeburt  von  Nationen  zur
Folge  hatten,  an  Errungenschaften  der  Wissenschaft  und  Technik,  welche  die  Welt
aus  den  Angeln  hoben,  aber  sein  Stern  leuchtet  heller  denn  je,  Bayerns  Ludwig
ist  nicht  nur  ein  Name,  sondern  lebt  heute  jenes  schönste  Dasein:  lebt  in  den
Idealen  des  deutschen  Volkes  fort.

Mit  dem  leidenschaftlichen  Herzen  eines  Künstlers  verband  er  einen
klaren  Verstand,  mit  Begeisterung  verband  er  Besonnenheit,  und  seine  Nerven
waren  ehern  wie  sein  Wille.  Vor  allem  hatte  er  bei  seiner  ungeheuren  und
verschiedenartigen  Tätigkeit  immer  feste  und  hohe  Ziele.  Nicht  allein  was  er
geschaffen,  ist  bewundernswert,  sondern  auch  wie  und  warum  er  es  schuf.
Nero  baute  Rom  nach  dem  Brande  prächtiger  wieder  auf.  Die  Geschichte  weiß
ihm  keinen  Dank  dafür.  Denn  daß  Macht  vor  Recht  geht,  mag  man  behaupten
und  beweisen,  doch  niemals  hörte  man  sagen,  daß  Macht  vor  Größe  geht!

Ein  Zug  von  Größe  aber  ist  das  bezeichnende  Merkmal  seines  Willens
und  Schaffens,  seines  Lebens  vom  Jünglings=  bis  zum  Greisenalter.

Nur  einige  Beispiele!

Während  Napoleon  die  entschcidenden  Schläge  gegen  das  alte  römische
Kaisertum  deutscher  Nation  führt,  muß  Prinz  Ludwig  in  seiner  Geburtsstadt
Straßburg  in  der  Umgebung  Josephinens  weilen.  Schon  war  für  ihren  Eugen
des  Prinzen  Schwester  als  Braut  ausersehen  und  die  bayerischen  Truppen
fochten  unter  den  französischen  Adlern.  Deshalb  überhäuft  die  Gattin  Napoleons
den  Prinzen  mit  Artigkeit;  sie  und  ihr  Hof  huldigen  dem  jungen  Fürstenblut;
Ludwig  darf  nur  wollen,  nur  ein  wenig  weniger  gerade  sein  und  er  ist  der
Erste  bei  den  glänzenden  Siegesfesten.  Was  sagt  er  da,  so  daß  die  Ergebenen
Josephinens,  seine  Schmeichler,  es  hören  können:  „Das  sollte  mir  die  teuerste
Siegesfeier  sein,  wenn  diese  Stadt,  in  der  ich  geboren  bin,  wieder  eine  deutsche
Stadt  sein  würde!“  Ist  das  nicht  selbstlos,  edel,  groß  gedacht?

Als  Kronprinz  muß  er,  dem  Vater  gehorsam,  unter  den  Franzosen
kämpfen.  Er  gehorcht  und  zeichnet  sich  bei  Pultusk  durch  Unerschrockenheit
und  Umsicht  aus.  Aber  er  hat  keine  Freude  an  diesem  Lorbeer.  Er  muß  im

 

1)  Festrede,  gehalten  am  29.  Juli  1888  im  Münchener  Rathaus  zur  Begrüßung  der
Festgäste  der  Zentenarfeier  Ludwigs  I.  Abgedruckt  in  „Quellen  und  Abhandlungen  zur
neueren  Geschichte  Bayerns“.  Neue  Folge  S.  409  u.  f.  München  1890,  M.  Rieger.
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        93.  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volkes  459

Gefolge  der  französischen  Marschälle  in  Berlin  einziehen.  Da  ist  sein  erster
Gang  zu  Schadow,  um  eine  Büste  —  Friedrichs  des  Großen  zu  bestellen;  inmitten
  der  deutschen  Zerrissenheit  und  Entmutigung  ahnt  er  die  Wende,  faßt
er  den  Entschluß,  dem  deutschen  Genius  einen  Ehrentempel,  die  Walhalla,  zu
bauen!  —  —

Den  Männern  in  seiner  Umgebung  ist  über  dem  persönlichen  Vorteil  und
über  dem  Buhlen  um  die  Gunst  des  Augenblicks  alle  politische  Fernsicht,  alles
Gemeingefühl  entschwunden.  Er  allein  erkennt,  wer  das  Recht  und  die  Zukunft
für  sich  habe.  Darum  sieht  er  in  den  Tirolern,  obwohl  sie  die  bayerischen
Wappenschilder  in  Trümmer  schossen,  nicht  Feinde,  sondern  natürliche  Bundesgenossen
  und  wünscht  ihrer  Erhebung  Glück  und  Erfolg!

Und  im  Befreiungsjahr  selbst!  Während  die  königlichen  Räte  aus  Furcht
vor  dem  Kommenden  und  in  der  Angst  um  das  Errungene  vor  jedem  entschiedenen
  Schritt  warnen,  schreibt  er  schon  im  Frühjahr,  während  Napoleon
noch  Sieg  über  Sieg  erkämpft,  an  den  leitenden  Minister:  „Es  gibt  nur  ein
Mittel  uns  die  Achtung  der  Nation  wieder  zu  gewinnen:  sofort  unsere  Waffen
von  der  französischen  Streitmacht  zu  trennen!“

War  es  nicht  groß  gedacht,  wenn  er  das  bayerische  Verfassungswerk,  um
dessen  Zustandekommen  er  sich  schon  großes  Verdienst  erworben  hatte,  gegen
die  Mächtigsten  des  Zeitalters  schirmte  und  an  den  Vater  die  Mahnung  richtete:
„Wir  haben  die  Verfassung  beschworen,  wovon  uns  niemand  entbinden  kann;  Sie
können  nicht  wollen,  daß  eine  Verletzung  derselben,  also  ein  Eidbruch  geschehe!“

Wer  hat  den  „anbrechenden  Tag  im  Osten“  mit  wärmerer  Begeisterung
begrüßt,  wer  mit  Rat  und  Tat  die  staatliche  Wiedergeburt  des  Griechenvolkes
gefördert  wie  er,  zu  einer  Zeit,  da  das  Wort  Hellene  an  allen  andern  Höfen
Europas  verpönt  war,  da  die  Freunde  der  hellenischen  Sache  noch  alle  Mächtigen,
alle  Spötter  und  die  stumpfe  Menge  wider  sich  hatten!  —

War  es  nicht  ein  mutiges  Wort,  mit  dem  er  an  die  Verschönerung
Münchens  ging:  „Ich  will  aus  München  eine  Stadt  machen,  daß  niemand
Deutschland  kennen  soll,  der  München  nicht  kennt!“

War  es  nicht  ein  erhabenes  Wort,  das  er  zu  Cornelius  sprach,  als  er
ihn  vor  dem  Bilde  der  Zerstörung  Trojas  in  der  Glyptothek  mit  seinem  Orden
schmückte:  „Man  schlägt  den  Sieger  auf  dem  Schlachtfeld  zum  Ritter,  Sie
sind  hier  gleichfalls  auf  Ihrem  Feld  der  Ehre,  ich  mache  Sie  also  hier  zum
Ritter!“  —

Schon  als  Knabe  hatte  er  den  Plan  gefaßt  dem  erkrankten  Schiller  ein
Heim  auf  dem  Palatin  in  Rom  zu  schaffen.  Als  Mann  und  Könng  reiste  er
1827  nach  Weimar,  wo  er  den  Geburtstag  Goethes  mitfeierte  und  dem  Dichter
das  Großkreuz  seines  Hausordens  überreichte  „um  den  Orden  zu  ehren!“

War  es  nicht  echt  königlich,  wenn  er  auf  einen  Kammerbeschluß,  der  ihm
die  Mittel  zum  Pinakothekbau  versagte,  mit  einer  großartigen  Spende  an  die
Armen  antwortete,  wenn  er  am  Tag  nach  seiner  Abdankung,  zu  der  ihn
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        460  93.  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volkes.

doch  namentlich  die  Haltung  der  Münchener  Bürgerschaft  bewogen  hatte,  die
Mittel  anwies  zum  Bau  eines  griechischen  Prachttores,  das  den  herrlichsten  Platz
Münchens,  den  Königsplatz,  würdig  abschließen  sollte!“"

Aber  solche  Züge  einer  großen  Seele  zu  erzählen  würde  ich  kein  Ende
finden.  Ich  muß  mir  versagen,  an  seinem  Lebenslauf  zu  zeigen,  daß  er  ein
echter  Fürst  von  Gottes  Gnaden  war;  ich  will  nur  einen  Punkt  seiner  Wirksamkeit
  herausgreifen,  will  nur  daran  erinnern,  wie  er  ein  Führer,  ein  Erzieher
seines  Volkes  gewesen  ist.

Diejenigen  sind  die  besten  Erzieher,  welche  sich  selbst  ihr  Leben  lang  als
Schüler  betrachten.  Von  solcher  Denkart  war  König  Ludwig.  „Wer's  ehrlich
meint  mit  Leben  und  Streben,"  schreibt  er  einmal  an  seinen  hochverehrten
Lehrer  Blumenbach,  „der  bleibt  Student  sein  Leben  lang.“  Ludwigs  Freude
zu  lernen  erlosch  nur  mit  seinem  Leben.  Eifrig  eignete  er  sich  noch  in  reiferen
Jugendjahren  diejenigen  Kenntnisse  an,  die  er  von  seinen  ersten  Lehrern  nicht
erlangen  konnte,  die  er  selbst  aber  für  wesentlich  zur  Bildung  hielt.  Er  ruhte
nicht,  bis  er  die  griechischen  und  lateinischen  Klassiker  geläufig  lesen  konnte,
und  das  hörte  nicht  mit  den  Jünglingsjahren  auf,  bis  an  sein  Lebensende  und
täglich  suchte  er  in  der  Lektüre  Homers  oder  Herodots  Erholung  nach  der
Arbeit.  Jakobs  und  Thiersch  haben  der  Belesenheit  wie  dem  Verständnis  des
königlichen  Schülers  hohes  Lob  gezollt.  Französisch  und  italienisch  sprach  er
fließend.  In  seinen  Studienjahren  trieb  er  russisch.  Zu  Rom  im  Jahre  1817,
als  alle  Zeichen  einen  Aufstand  der  Hellenen  ankündigten  und  er,  ein  Freund,
ein  Mitkämpfer,  nach  Griechenland  gehen  wollte,  lernte  er  neugriechisch.  Um
seine  Absicht  zu  vereiteln  ließ  König  Max  Joseph  die  Verfassung  rascher,  als
er  anfänglich  geneigt  gewesen  war,  veröffentlichen  und  rief  den  Kronprinzen
zur  Beeidigung  zurück.  Mit  dem  Studium  der  spanischen  Sprache  beschäftigte
er  sich  1846,  als  er  eine  Reise  durch  Spanien  zur  Erwerbung  von  Kunstschätzen
  plante.  Er  übertrug  in  der  Folge  sein  Lieblingsdrama  Don  Carlos
ins  Spanische  und  mehrere  spanische  Lustspiele  ins  Deutsche.  Kurz,  er  lernte
unermüdlich  um  Altertum  und  Gegenwart  zu  begreifen.  Er  erkannte  auch
den  vollen  Wert  historischer  Forschung  und  Betrachtung;  er,  der  in  seinen
Jugendtagen  begeisterte  Briefe  mit  Johannes  v.  Müller  gewechselt  hatte,
blieb  zu  allen  Zeiten  ein  Freund  der  Geschichtskunde  und  Geschichtskundigen.
Von  den  exakten,  den  streng  beweisfähigen  Wissenschaften,  zog  ihn  die  Rechtswissenschaft
  am  meisten  an;  ihr  Studium  galt  ihm  als  unerläßlich  für  einen
Fürsten.  Keine  bedeutende  literarische  Erscheinung  entging  ihm;  er  war  ein
eifriger  Benutzer  der  Hof=  und  Staatsbibliothek,  denn  nur  nachdem  er  ein  Werk
selbst  geprüft  hatte,  ließ  er  es  für  seine  eigene  Bücherei  anschaffen.  So  erlangte
  er  die  gründlichsten  Kenntnisse  in  allen  Zweigen,  die  für  Erledigung
seiner  Regierungsgeschäfte  von  Belang  waren.

Und  wie  gewissenhaft  oblag  er  diesen  Pflichten!  Man  kann  ohne  lÜbertreibung
  sagen,  daß  er  an  Arbeitsdrang  und  Arbeitskraft  dem  großen  Friedrich
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        93.  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volkes.  461

glich.  Tausend  und  aber  tausend  Urteile  und  Entscheidungen  in  fast  sämtlichen
Akten  der  höheren  Behörden  des  Königreichs  zeugen  von  seiner  allumfassenden
Tätigkeit.

"  Und  König  Ludwig  lebt,  als  müßt'  er

Werben  um,  die  er  besitzt,  die  Krone!“

„In  Eile  schreibe  ich  Ihnen  diesen  Abend,"“  schrieb  er  bald  nach  seiner
Thronbesteigung  (3.  Dezember  1825)  an  Martin  Wagner,  „der  ich  eben  Aufwartungen
  hatte  und  Aufwartungen  nachher  noch  bekomme;  meine  Zeit  ist
ungeheuer  in  Anspruch  genommen,  obgleich  ich  jetzt  schon  um  ½5  Uhr  in  der
Frühe  täglich  aufstehe!“  „Mein  Licht,“  bemerkte  er  zu  Graf  Pocci,  „ist  immer
das  erste,  wenn  ich  frühmorgens  auf  den  Mag--Josephsplatz  hinaussehe;  dann
kommen  nach  und  nach  Lichter  in  den  Bürgerhäusern  zum  Vorschein,  und  wenn
andere  auf  ihre  Bureaus  gehen,  habe  ich  schon  alle  Mappen  durchgearbeitet!“
Wie  er  sogar  auf  Erholungsreisen  der  Arbeit  oblag,  zeigt  uns  ein  Brief,  den
er  am  10.  April  1839  von  Neapel  aus  an  seinen  Sekretär  Kreuzer  richtete:  „Daß
ich  meinen  heiteren  Sinn  behalte  und  meine  innere  Jugend  und  die  Kräfte,
dieses  gehört  zu  meinen  hauptsächlichsten  Wünschen.  Nachdem  ich  zwei  Tage,
den  ersten  nur  sehr  kurz,  den  anderen  mit  längerer  Unterbrechung  von  ½¼
nach  5  Uhr  in  der  Frühe  bis  abends  gearbeitet,  arbeitete  ich  gestern  eilf  Stunden,
nur  unterbrochen  von  Frühstück,  und  war  recht  wohl  und  munter  dabei,  kann
weit  mehr  noch  arbeiten  wie  früher.“

Zu  dieser  rastlosen  Tätigkeit  spornte  den  Regenten  ernstes  Pflichtgefühl,
zur  Pflege  der  Kunst  drängte  ihn  die  Neigung  des  Herzens.  Die  Kunst  zu
schützen  und  zu  fördern  hatte  er  einst  gelobt,  da  er  als  Jüngling  in  den
Kreis  „der  guten  Geister,“  der  deutschen  Künstler  in  Rom,  getreten  war.

Denn  Kunst,  die  zwar  ihr  sich'res  Erbteil  droben
In  Himmel  hat,  bedarf,  solange  sie
Auf  Erden  geht,  des  ird'schen  Schutzes  wohl!

Wie  treu  hat  er  jenes  Versprechen  gehalten!  Wie  herrlich  ist  das  in
Rom  gelegte  Saatkorn  aufgegangen!  Im  Verhältnis  zu  den  Einkünften  des
Königs  waren  die  Ausgaben  für  Kunst  bedeutend,  an  sich  aber  die  Mittel  bescheiden,
  mit  denen  er  so  Stolzes,  so  Außerordentliches  leistete.  „Nur  zwei
Eigenschaften:  Einfachheit  und  Ordnung  miteinander  verbunden,“  sagt  Abt
Haneberg  in  seiner  Trauerrede  auf  Ludwig,  „machen  es  zum  Teil  erklärlich,
wie  er  Größeres  schaffen  konnte,  als  viele  Kaiser  oder  Beherrscher  von  zehnmal
  größeren  Ländern  vollbracht  haben!"

Doch  nicht  bloß  ihm  selbst  sollte  die  Kunst  Leitstern  seines  Lebens  sein:
in  ihr  erblickte  er  auch  die  edelste  Erzieherin  des  Volkes.

König  Ludwig  dachte  sich  die  Kunst  in  lebendiger  Wechselwirkung  mit
allem,  was  die  Nation  aus  den  Tiesen  der  Wissenschaft  und  der  Poesie  geschöpft
  hat;  er  wollte  nicht  bloß  gute  Maler,  sondern  echte  Künstler  um  seinen
Thron  versammeln.  „Alle  Künstler  sind  meine  Kinder!“  äußerte  er  oft  bei
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        462  93.  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volles.

ernstem  und  heiterem  Anlaß.  In  einem  Briefe  an  Minister  Eduard  Schenk
drückt  er  den  ernsten  Wunsch  und  Willen  aus,  daß  der  Künstler  in  allen
Kreisen  der  Bevölkerung  geachtet  und  geehrt  werde;  mit  Mißfallen  sehe  er,
daß  Künstler  und  Gelehrte  mit  den  Münchener  Adelskreisen  fast  keinen  Verkehr
  hätten.

Nur  zu  hohen,  kühnen,  ja  selbst  waghalsigen  Flügen  spornte  er  seine
Künstler.  Die  Tempelhallen  von  Agina  und  Pästum,  die  Athene  Promachos
der  Akropolis,  die  Sixtinischen  Fresken  des  Michel  Angelo  stellte  er  ihnen  als
Beispiel  hin.  Der  Meister  zeigt  sich  auch  im  kleinen,  aber  man  erzieht  am
großen  zum  Meister.  Unterschätzen  wir  doch  den  Anteil  nicht,  den  Begeisterung
und  Ehrgeiz  an  der  schöpferischen  Kraft  haben!  Und  wie  glänzend  wurde,
wenn  nicht  in  allen,  doch  in  vielen  Fällen,  das  Vertrauen  gelohnt!  Es  war
eine  schöne,  eine  große  Zeit  heiteren  Sinnes,  uneigennützigen  Strebens,  mutigen
Schaffens,  es  war  —  um  mit  Cornclius  zu  reden  —  „eine  gesunde,  lebenskräftige
  Wärme,  erzeugt  durch  die  hell  auflodernde  Flamme  der  Begeisterung,
wovon  jene  Werke  mit  allen  ihren  Mängeln  das  Zeichen  an  ihrer  Stirne  tragen!“

Allein  nicht  bloß  den  Künstlern  sollte  nach  des  Königs  Absicht  die  erziehliche
Kraft  echter  Kunst  zugute  kommen,  sondern  dem  ganzen  Volke.  Er  wollte
nichts  für  sich  allein  genießen,  alle  seine  Unternehmungen  waren  für  die  Offentlichkeit,
  für  die  Allgemeinheit  bestimmt.  Als  1829  die  Fresken  in  den  Münchener
Hofgartenarkaden  enthüllt  wurden,  gab  er  nicht  zu,  daß  eine  Wache  aufgestellt
werde.  „Man  muß,"  meinte  er,  „ohne  Mißtrauen  zu  zeigen,  den  Geringsten
im  Volke  an  den  Anblick  des  Schönen  gewöhnen  !“  Als  Rottmann  von  einer
Studienreise  nach  Italien  und  Griechenland,  die  er  in  des  Königs  Auftrag
unternommen  hatte,  eine  Fülle  herrlicher  Landschaftsbilder  seinem  königlichen
Gönner  heimbrachte,  beschloß  dieser  sofort  die  eines  Claude  Lorrain  würdigen
Kunstwerke  zum  Gemeingute  zu  machen.  Sie  wurden  allen  zugänglich  gemacht,
wie  sie  bis  heute  das  Entzücken  aller  sind.

König  Ludwig  glaubte  an  die  Aufgabe  und  Macht  der  Kunst  zu  sittigen  und
zu  bilden;  er  hoffte  von  ihrer  Pflege  einen  geistigen  Aufschwung  des  bayerischen
Stammes,  vor  allem  der  Bevölkerung  Münchens.  Und  daß  bei  dieser  der
Kunstsinn  erheblich  zugenommen  hat,  läßt  sich  mit  Leichtigkeit  beweisen.  Man
sehe  nur  die  Feste,  welche  von  den  Künstlern  Münchens  veranstaltet  werden.
Mit  ebensoviel  Freude  wie  Verständnis  kommt  man  ihnen  nicht  etwa  nur  im
Kreise  der  Wohlhabenden,  sondern  in  allen  Schichten  der  Bevölkerung  entgegen.
Die  Künstler  würden  nicht  so  volkstümlich  sein,  wie  sie  es  tatsächlich  sind,  wenn
das  Volk  keinen  Herzschlag  für  die  Kunst  hätte!

Aus  Ludwigs  Eifer  auf  die  geistige  und  sittliche  Entwicklung  der  Gesamt-=heit
  läuternd  einzuwirken  entsprang  auch  die  Fürsorge  für  die  öffentlichen  Sammlungen
  und  Kunsthallen.

Unablässig  sann  er  auf  Mehrung  der  Kleinodien,  die  heute  der  Stolz
der  Isarstadt  sind.  „Nur  das  Beste  ist  gut  genug!“  war  die  Losung,  die  er
        <pb n="475" />
        93.  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volkes.  463

immer  wieder  seinen  getreuen  und  uneigennützigen  Mitarbeitern  zurief.  Ich
erinnere  nur  an  die  Glyptothek,  nach  Professor  Urlichs'  Wort  König  Ludwigs
eigenstes  Werk.  Dua  ist  keine  Statue,  deren  Erwerbung  er  nicht  selbst  angeregt
oder  doch  mit  seinen  Künstlern  und  Vermittlern  beraten  hätte!  Ich  erinnere
an  die  Beoisseréesche  Sammlung  altdeutscher  Gemälde,  deren  Ankauf  Böhmer
für  eine  nationale  Tat,  ebenbürtig  dem  Ausbau  des  Kölner  Domes,  erklärte,
an  die  Erwerbung  der  Wallersteinschen  Galerie,  der  Altertumssammlung  des
Kardinals  Fesch,  der  Liponaschen  Vasen,  der  Dodwellschen  Terrakotten,  der
kostbaren  chinesischen  und  japanesischen  Altertümer,  —  welch  ein  Aufwand  von
Mühe,  Klugheit  und  Geld  war  zur  Ansammlung  aller  dieser  Schätze  erforderlich!
Keine  Statue  wurde  in  Rom  oder  Athen  ausgegraben,  kein  Wandgemälde  in
Pompeji  aufgedeckt,  keine  Kunstversteigerung  in  Köln  oder  Paris  abgehalten,
kein  antikes  Bildwerk  neu  gedeutet,  kein  Münzschatz  in  den  Handel  gebracht,
ohne  daß  sich  daran  eingehende  Anfragen  und  Weisungen  des  königlichen
Sammlers  an  seine  mit  seltenem  Geschick  gewählten  und  überall  hin  verteilten
Geschäftsvermittler  geknüpft  hätten.

Des  königlichen  Sammlers!  Denn  dieser  wahre  Freund  der  Kunst
und  Künstler  verbarg  seine  Herrlichkeiten  nicht  hinter  verschlossenen  Türen:  er
baute  Paläste  für  dieselben,  aber  Paläste,  die  als  Tempel  für  die  Eingeweihten,
als  Schule  für  die  Laien  immer  offen  stehen.  Unter  keinen  Umständen  duldete
er,  daß  von  den  Hunderttausenden  seiner  Gäste,  den  Besuchern  der  Sammlungen,
unter  irgend  welcher  Form  eine  Steuer  erhoben  werde.  „Was  Kunst  hervorgebracht,
  wie  die  Wissenschaft,  muß  auch  allgemein  sein  wie  das  Sonnenlicht!“

Wer  verargt  es  ihm,  daß  er  München  mit  seinen  großmütigsten  Geschenken
bedachte?  Hier  verweilte  er  die  längste  Zeit,  hier  war  die  Bevölkerung  am
dichtesten,  hier  war  ein  starker  Fremdenverkehr,  hier  waren  die  meisten  wissenschaftlichen
  Lehranstalten  und  bedeutendsten  Kunstschulen.  In  seinen  Tagen
fehlte  es  freilich  nicht  an  Kurzsichtigen,  die  gern  die  Boisseréesche  Sammlung
geteilt  und  die  knidische  Venus  zerstückelt  hätten,  damit  die  Engländer  genötigt
seien,  in  jedem  bayerischen  Städtchen  ein  Glas  Bier  zu  trinken.  Heute  hält
jeder  die  Bevorzugung  der  Haupt=  und  Residenzstadt  des  Landes  für  berechtigt.
Auch  beschenkte  er  keineswegs  nur  München.  Es  gibt  kaum  eine  größere  Stadt
in  Bayern,  wo  nicht  ein  Monumentalbau,  eine  Kunstsammlung,  ein  Standbild
von  der  erziehlichen  Fürsorge  des  Königs  Zeugnis  gäbe!  Lieb  und  wert  war
ihm  jede  Stätte,  wo  die  schönen  Künste  gehegt  und  gefördert  wurden.  So
war  es  z.  B.  seine  Absicht  in  Düsseldorf,  das  damals  allein  als  Kunststadt
mit  München  wetteiferte,  den  berühmten  Jakobischen  Garten  anzukaufen  um
für  die  dortige  Künstlerschaft  ein  trauliches  Heim  zu  schaffen.

König  Ludwig,  der  Schutzherr  und  Apostel  der  Kunst,  ist  weltbekannt.
Seine  Verdienste  um  die  Kunstbildung  sind  —  ich  möchte  sagen  —  allen
greifbar.  Dagegen  sind  die  Beweise  von  seiner  ebenso  werktätigen  Begeisterung
für  die  Wissenschaft  schwieriger  zu  erbringen.  Bei  allen  Völkern,  die  sich
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        464  93.  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volkes.

einer  hochentwickelten  Kultur  erfreuen,  werden  „Kunst  und  Wissenschaft“  immer
zusammen  genannt,  weil  überall  empfunden  wird,  daß  das  Streben  nach  Schönheit
  Hand  in  Hand  gehen  muß  mit  dem  Streben  nach  Wahrheit.  Diese
Überzeugung  war  auch  in  Ludwig  lebendig.  Indem  er,  wie  ich  schon  schilderte,
an  den  Fortschritten  des  menschlichen  Wissens  dauernden  Anteil  nahm,  konnten
ihm  der  Nutzen  und  die  Wichtigkeit  der  deutschen  Hochschule  nicht  entgehen.
Eine  seiner  frühesten  Regierungshandlungen  war  die  Verlegung  der  altbayerischen
Hochschule  in  die  Landeshauptstadt.  Damals  wurde  sie  von  wenigen  gebilligt,
heute  zählt  man  sie  zu  seinen  erfreulichsten  Taten.  Mit  Recht  hielt  er  den
Verkehr  in  einer  großen  Gemeinde  für  die  Charakterbildung  der  Studierenden
für  ersprießlich,  mit  Recht  erwartete  er,  daß  der  Hort  kostbarer  wissenschaftlicher
  wie  künstlerischer  Schätze  den  Gelehrten  Anregung  und  Schwung  geben,
hinwider  die  Gegenwart  der  Vertreter  der  Wissenschaft  auf  die  städtische
Bevölkerung  wohltätig  zurückwirken  werde.  Man  lese  die  Verordnungen  Ludwigs
zur  Neugestaltung  der  Akademie,  die  damals  nur  noch  ein  unfruchtbarer  überrest
aus  dem  Hausrat  der  Zopfzeit  war,  auf  daß  auch  sie  der  Wissenschaft  und
dem  Leben,  dem  Gelehrtenstaat  und  dem  Vaterland  Nutzen  bringe!  Man
lese  die  mit  Minister  Schenk  gewechselten  Briefe  wegen  Heranziehung  neuer
Lehrkräfte  nach  München!  Männer  wie  Oken,  Görres,  Schubert,  Thiersch,
Martius,  Schmeller  folgten  dem  Rufe.  Namen  von  verschiedenartigem  Klang,
aber:  „So  ist's  gut!“  urteilte  Anselm  von  Feuerbach,  „Wasser  und  Feuer  verträgt
  sich  in  der  Natur  auch  nicht  und  doch  grünt  die  Saat  und  keimt  die  Frucht!“
Nicht  nur  in  der  Chemie  sind  die  Gärungserreger  wichtig  und  nützlich.

Freilich  war  König  Ludwig  der  rein  atomistischen  Auffassung  der  Welt
abhold  und  allen  Leugnern  der  Gottesidee  ein  unversöhnlicher  Gegner.  Aus  diesen
Gesichtspunkten  mochte  er  in  einzelnen  Fällen  ein  Veto,  in  seinen  späteren
Regierungsjahren  sogar  ein  sehr  barsches  Veto  einlegen:  im  großen  und  ganzen
hielt  er  die  Freiheit  der  Forschung  hoch  und  war  überzeugt,  daß  die  Hochschule
in  ihrer  Gesamtheit  die  Wissenschaft  nach  allen  in  ihr  lebendigen  Strömungen
darzustellen  habe.  Als  Rektor  Dresch  bei  der  feierlichen  Eröffnung  der  Münchener
Hochschule  freimütige  Gedanken  über  die  Würde  der  Wissenschaft  äußerte,
erwiderte  der  König:  „Nichts  konnte  mir  besser  gefallen,  als  was  über  die  Unabhängigkeit
  der  wissenschaftlichen  Forschung,  über  Freiheit  des  Wortes  und
der  Mitteilung  gesagt  wurde.  Es  ist  auch  meine  lebendigste,  meine  tiefste
lberzeugung,  daß  hier  jeder  Zwang,  jede  Zenfur,  auch  die  billigste,  verderblich
wirkt,  weil  sie  statt  des  gegenseitigen  Vertrauens,  bei  dem  allein  die  menschlichen
Dinge  gedeihen,  den  Argwohn  einsetzt.“  —  —

Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  ein  Fürst,  der  so  hell  ins  Leben  blickte  wie
Ludwig  von  Bayern,  auch  auf  Ackerbau  und  Handel  und  Gewerbe  reformatorisch
einzuwirken  suchte.

Der  zwiefache  Nutzen  der  landwirtschaftlichen  Vereine,  „einerseits  die
Regierung,  anderseits  die  Landwirte  zu  belehren,“  bewog  ihn  neben  dem  seit
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        93.  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volles.  465

1768  bestehenden  Verein  eine  neue  landwirtschaftliche  Gesellschaft  zu  gründen.
Prämien  wurden  von  ihm  ausgesetzt  um  intensivere  Wirtschaftsmethoden  anzuregen,
  Ausstellungen  landwirtschaftlicher  Geräte  und  Erzeugnisse  veranstaltet,
landwirtschaftliche  Schulen  errichtet.  Ich  muß  mich  auf  diese  dürftigen  Fingerzeige
  beschränken,  kann  nur  im  allgemeinen  darauf  hinweisen,  daß  er  auch
auf  diesem  Gebiete  der  Volkserziehung  das  Goethesche  Wort  wahrhaft  und  aufs

schönste  erfüllte:
„Du  im  Leben  nichts  verschiebe,
Sei  dein  Leben  Tat  um  Tat!"“

Trotz  des  Gleichgewichts  und  der  harmonischen  Entwicklung  seiner  geistigen
Kräfte,  bei  aller  Energie  des  Charakters  blieben  innere  Kämpfe  nicht  aus.
Seine  Künstlerseele  empörte  sich  nicht  selten  gegen  die  Forderungen  seines
Verstandes.  Während  er  als  Kronprinz  Baaders  Erfindung  einer  Eisenbahn
die  wärmste  Teilnahme  zuwandte  und  1819  auf  eigene  Kosten  im  Nymphenburger
  Hofgarten  das  Modell  einer  solchen  herstellen  ließ,  war  er  der  großartigen
  und  dabei  so  vernunftgemäßen  Entwicklung  dieser  Idee  durch  Beiziehung
der  Dampfkraft,  wodurch  die  Erfindung  erst  ihre  unvergleichliche  Wichtigkeit
gewann,  durchaus  nicht  hold.  „Ein  schnelles  Beförderungsmittel  ist  die  Eisenbahn,“
  schreibt  er  (8.  Juni  1854)  an  Martin  Wagner,  „um  von  einem  Ort
in  einen  anderen  versetzt  zu  werden,  aber  das  Innere  der  Städte  umgeht  sie,
als  wenn  sie  nicht  beständen,  und  vom  Genuß  der  schönen  Natur  kann  nicht
mehr  die  Rede  sein,  einer  eingepackten,  willenlosen  Ware  gleich  schießt  durch
die  schönsten  Naturschönheiten  der  Mensch,  Länder  lernt  er  keine  mehr  kennen."“

Aber  ein  Geist  wie  der  seine  konnte  die  weltumgestaltende  Bedeutung
dieses  neuen  Beförderungsmittels  nicht  unterschätzen.  Nur  seiner  persönlichen
energischen  Einwirkung  ist  es  denn  auch  zu  danken,  daß  1837  der  bayerische
Landtag  für  eine  Eisenbahnlinie  von  der  südlichen  bis  zur  nördlichen  Grenze  des
Königreichs  die  nötigen  Mittel  und  gesetzlichen  Anordnungen  genehmigte.  Ohne
die  bessere  Einsicht  des  Königs  würde  Bayern  auf  lange  Zeit  vom  allgemeinen
Handelsverkehr  ausgeschlossen  worden  sein.

Von  seinen  wirtschaftlichen  Reformplänen  seien  nur  hervorgehoben  die
vom  König  angeregte  und  durchgeführte  Anlage  des  Kanals,  der  Nordsee  und
Schwarzes  Meer  in  Verbindung  setzte,  und  der  leider  nicht  ins  Werk  umgesetzte
Gedanke  München  mittels  Benutzung  von  Amper,  Ilm  und  Isar  und  ergänzender
  Kanalbauten  in  unmittelbare  Verbindung  mit  der  Donau  zu  bringen  und
dadurch  gewissermaßen  zu  einem  Hafen=  und  Stapelplatz  zu  erheben.

Vor  allem  sei  daran  erinnert,  daß  die  segensreichste  Tat  aus  den  Zeiten
des  Deutschen  Bundestags,  die  Zolleinigung  der  deutschen  Staaten,  nächst
König  Wilhelm  von  Württemberg  dem  weitblickenden,  opferwilligen  Bayernkönig
  zu  danken  ist.

Auch  auf  die  Veredlung  des  Gewerbes  erstreckte  sich  Ludwigs  erziehliche
Tätigkeit.  Daß  der  Aufschwung  der  schönen  Künste  günstigen  Einfluß  auf  das

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  30
        <pb n="478" />
        *

466  93.  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volkes.

Handwerk  üben  mußte,  liegt  zutage.  Ein  Frühlingshauch  drang  auch  in  die
bürgerlichen  Werkstätten.  Indem  die  Handwerker  Mitarbeiter  bei  der  Herstellung,
  Einrichtung  und  Ausschmückung  stilvoller,  großartiger  Bauwerke  wurden,
gewannen  sie  nicht  nur  Geld,  sondern  mehr:  ihr  Geschmack  ward  geläutert,
künstlerischer  Takt  auch  in  ihnen  entwickelt.  Und  ebenso  mußte  der  Anblick
so  vieler  in  den  Sammlungen  vereinigter  Meisterwerke  aus  der  Zeit,  da  jeder
Handwerker,  wie  Semper  sagt,  in  seiner  Art  ein  Künstler  war,  jedem  überhaupt
Empfänglichen  die  Brust  erweitern.  Daß  diese  Tatsache  in  den  gewerblichen
Kreisen  anerkannt  wurde,  zeigte  sich  1850  bei  dem  Festzug  gelegentlich  der
Enthüllung  der  Bavaria.  Der  König  selbst  berichtete  hocherfreut  an  Wagner
(13.  Oktober  1850):  „Erst  wollten  nur  die  Künstler  die  Enthüllung  feyern,
dann  gesellten  sich  die  bey  den  Bauten  betheiligten  Gewerbe  hinzu,  hierauf
alle,  denn  wenn  sie  auch  nicht  unmittelbaren  Gewinn  davon  zogen,  doch  mittelbaren,
  und  er  geht  fort,  nicht  nur  durch  die  bewirkte  Vervollkommnung  der
Gewerbe,  sondern  auch  durch  die  alljährlich  zuströmende  Menge  von  Fremden!“
Fachschulen  wurden  errichtet,  die  Gelegenheiten  für  den  Strebsamen  sich  zu
unterrichten  vermehrt,  durch  Preisausschreiben  und  Ausstellungen  ein  rühmlicher
  Wetteifer  zu  entfachen  gesucht.

Wohl  würden  die  edlen  Absichten  kräftiger  durchzuführen  und  noch  bedeutendere
  Wirkungen  zu  erzielen  gewesen  sein,  wenn  die  Mittel  reicher  geflossen
  wären.  Ludwig  besaß  jene  Eigenschaft,  welche  den  Glanz  einer  Regierung
in  den  Augen  der  Zeitgenossen  wesentlich  mindert  und  doch  zu  den  notwendigsten
  Merkmalen  großer  Regenten  gehört:  Sparsamkeit.  Wie  sehr  diese  sittliche
Kraft  unseres  Fürsten  seinem  Staat  zum  Heil  gereichte,  weiß  jeder,  der  den
kläglichen  Stand  der  Finanzen  und  die  Zerrüttung  im  Staatshaushalt  während
der  ersten  zwei  Jahrzehnte  des  Königreichs  kennt.  Als  1827  der  Finanzminister
  dem  Landtag  die  Erklärung  abgab,  daß  zum  erstenmal  seit  Bestehen
der  Verfassung  kein  Defizit  vorliege,  brachen  die  Mitglieder  aller  Parteien  in
Hochruse  auf  den  König  aus:  so  überraschend,  so  beglückend  wirkte  auf  sie
jene  Nachricht.

Und  abgesehen  von  der  Besserung  der  Finanzlage:  der  weise  Haushalter
  auf  dem  Throne  wurde  ein  Beispiel  für  das  Land!  Ludwigs  Ordnungsliebe,
  seine  Abneigung  nicht  gegen  große,  durch  höhere  Zwecke  gerechtfertigte
Ausgaben,  aber  gegen  jede  Verschwendung  waren  beim  wichtigen  Werke  der
Volkserziehung  unschätzbar  wesentliche  Kräfte.  Vorzüglich  dadurch  gewann  er
sich  das  Vertrauen  des  Volkes,  jenes  unerschütterliche  Vertrauen  zur  Krone,
ohne  welches  der  monarchische  Verfassungsstaat  nicht  denkbar,  sicherlich  nicht
haltbar  ist.  Ludwig  erinnert  darin  an  den  prunklos  tätigen  Vater  des  großen
Friedrich.  Wie  dieser  sah  auch  er  in  bürgerlichen  Tugenden  des  Regenten
und  seiner  Diener  die  Grundfesten  des  Staates,  wie  dieser  wurde  Ludwig  der
Schöpfer  eines  neuen,  strammen,  arbeitsamen  Beamtentums.  Er  selbst  war
unermüdlich  tätig,  er  hielt  seine  Mittel  zusammen  und  sah  auf  peinliche  Ordnung
        <pb n="479" />
        93.  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volles.  467

und  so  verlangte  er  auch  eisernen  Fleiß,  Pflichttreue  und  Pünktlichkeit  von
jedem,  der  sich  in  den  Dienst  des  Staates  stellte.  Mit  der  Vetternwirtschaft,
dem  Schlendrian,  dem  leeren  Formelwesen,  der  alten  Bureaukratie  hat  er
gründlich  gebrochen!  —

Alles  in  allem:  Ludwig  erkannte  und  erfüllte  die  Pflichten  des  Königtums.
  Auch  ihm  galt  als  erste  Sorge  das  Fridericianische:  Alles  für  Gott  und
das  Volk!

Erst  in  jüngster  Zeit  erfuhr  man  in  weiteren  Kreisen,  welch  bedeutsamen
Anteil  Ludwig  als  Kronprinz  am  bayerischen  Verfassungswerk  nahm  und  daß
in  der  Stunde  der  Gefahr  ihm  die  Rettung  dieses  Palladiums  zu  danken  war.

Später  freilich,  als  er,  der  sich  freudig  in  den  gemeinsamen  Dienst  mit  dem
Vollke  gestellt  hatte,  seinen  Eifer  durch  Lahmheit  oder  Übelwollen  in  manchen
Kreisen  gehemmt  glaubte,  empfand  er  die  Beschränkung  seiner  Machtbefugnisse
mit  Unbehagen.  Dann  mochte  er  wohl  wünschen:  Alles  für  das  Volk,  nichts
durch  das  Volk!

Doch  wie  stark  die  Versuchung  war,  niemals  erlaubte  er  sich  einen  Verfassungsbruch.
  Die  Begrenzung  der  Gewalt  ist  auch  eine  Verringerung  der
Verantwortlichkeit.  Ludwig  war  zu  lebendig  vom  Bewußtsein  seiner  Pflicht
durchdrungen,  als  daß  er  nicht  darin  eine  Wohltat  erblickt  hätte!

„Herrlich,  über  freies  Volk  zu  walten,
Nicht  nach  Willkür  grenzenlos  zu  schalten,
Sondern  in  den  Schranken,  die  bestehn:
In  dem  Edelen  sein  Volh  erhöh'n!“

Immerhin  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  Ludwig  seit  1831  den  Anteil
des  Volkes  an  der  Regierung  mit  wachsender  Eifersucht  betrachtete  und  lieber
vermindert  als  vergrößert  wünschte.  Er  faßte  den  Fürstenberuf  mehr  und
mehr  in  selbstherrlichem  Sinne  auf,  doch  niemals  im  vermessenen  des  Roi  soleil.
Die  Gewalt  —  dies  ist  seine  Auffassung,  seine  felsenfeste  Uberzeugung  —  ist  den
Fürsten  von  Gott  selbst  übertragen,  doch  nur  zur  Förderung  des  Gemeinwohls,
der  res  publica.  In  jenen  Tagen,  da  von  namhaften  Lehrern  des  Staatsrechts
  noch  das  persönliche  Eigentumsrecht  der  deutschen  Fürsten  an  Land
und  Leuten  verfochten  ward,  erkannte  er  selbstlos  an,  was  die  Völker  von  den
Fürsten  zu  beanspruchen  haben.  Deshalb  konnten  unter  ihm  trotz  Beschränkung
der  Presse  und  des  Vereinswesens  die  politischen  Tugenden  des  Volkes  für  eine
freiere  Zukunft  heranreifen.

Diese  glückliche  Fortentwicklung  des  politischen  Sinnes  in  Bayern  wurde
noch  dadurch  begünstigt,  daß  Ludwig  in  allen  Lebenslagen  ernst  und  treu  zum
deutschen  Vaterlande  hielt.  Davon  zeugen  die  Jugendgedichte,  die  Worte  und
Taten  des  Regenten,  die  großen,  dem  ganzen  deutschen  Volke  gewidmeten
Bauwerke.

In  verblendeter  Selbstgenügsamkeit  wiegte  man  sich  in  Bayern,  da
Kronprinz  Ludwig  schon  mit  Herz  und  Geist  aufseiten  der  Befreiungskämpfer  stand.

30-
        <pb n="480" />
        468  93.  Ludwig  I.  von  Bayern  als  Erzieher  seines  Volkes.

„  C'est  qu'il  faut  une  France  à  la  Bavière  lc  ist  der  Trostspruch  des  leitenden
Staatsmannes  beim  Scheiden  des  französischen  Gesandten  nach  Abschluß  des
Rieder  Vertrags.  Man  lese,  was  die  von  der  Regierung  beeinflußte  sowie
die  unabhängige  bayerische  Presse  auch  nach  der  Gründung  des  Deutschen  Bundes
von  den  Vorteilen  sogenannter  internationaler  Freundschaftsbeziehungen  preisend
sagte!  Und  dann  rufe  man  sich  die  stolzen  deutschen  Worte  ins  Gedächtnis,
die  bei  der  Eröffnung  der  Walhalla,  der  Befreiungshalle  der  königliche  Bauherr
sprach;  wie  er  sich  glücklich  nannte,  daß  er  zu  friedlicher  Beilegung  der  Kölner
Wirren  in  Preußen  beitragen  konnte;  wie  er  entzückt  die  lang  ersehnte,  endlich
erreichte  Eintracht  der  deutschen  Fürsten  feierte!

Die  Wende  des  germanischen  Schicksals!

Ludwig  selbst  kennzeichnet  sie  am  glücklichsten,  indem  er  von  der  „Nacht
im  Frühling  seines  Lebens“  und  dem  „lichten  Tage  seines  Herbstes“  spricht.
Die  Heranbildung  seiner  Bayern  zu  guten  Deutschen  preist  er  als  den  schönsten
Lohn  seines  erzieherischen  Waltens;  in  diesem  stolzen  Bewußtsein  ruft  er:  „Ich
hab'  vergebens  nicht  gelebt!““  —  —

Nein,  sicherlich  nicht  vergebens!  Von  seiner  Jugend,  da  der  Pulverdampf
der  Schlacht  sein  Antlitz  schwärzte,  bis  zum  Greisenalter  hat  er  die  Pflichten
eines  Fürsten  erfüllt.  Jeder  Tag  war  eine  Tat!

Und  so  sind  heute  nicht  nur  die  Söhne  Bayerlands  versammelt  um  den
großen  Toten  zu  ehren,  sondern  aus  allen  Gauen  des  Reiches  kamen  Vertreter
deutscher  Kunst  und  deutscher  Arbeit;  denn  ganz  Deutschland  trat  sein
Vermächtnis  an!  «

Und  wie  die  Erinnerung  an  ihn  als  einen  Edlen  und  Großen  lebendig
ist,  bezeugt  die  Botschaft  der  beiden  Städte,  deren  Verdienste  um  die  Erziehung
des  Menschengeschlechtes  ohnegleichen,  unerreichbar,  unvergänglich  sind.

Es  huldigt  Rom,  das  ewige  Rom,  das  Ludwig  als  seine  zweite  Heimat
liebte,  wo  er  zuerst  das  Gelübde  tat  ein  Schutzherr  der  Kunst  und  der  Künstler
zu  werden,  wo  ihn  die  Kraft  und  die  Herrlichkeit  der  Antile  und  des  Cinquecento
zu  immer  neuem  Schaffen  begeisterten  und  stärkten.

Es  huldigt  Athen,  die  Seele  Griechenlands,  für  dessen  Größe  Ludwig
wie  Winckelmann,  wie  Goethe  das  sonnenhafte  Auge  hatte,  dessen  Befreiung
aus  Sklavenbanden  er  glühend  wünschte  und  mutig  verlangte,  dessen  politische
Wiedergeburt  eine  seiner  schönsten  Lebensfreuden  war!

Dein  Italien,  dein  Hellas,  dein  Deutschland  huldigen  dir!  ...  Wir,  die
wir  dir  aufs  tiefste  verpflichtet  sind,  wir  wollen  dein  schönstes  Vermächtnis,  dein
Beispiel,  hochhalten!  Das  Vaterland  soll  uns  immer  treu,  die  geistigen  Güter  der
Menschheit  sollen  nie  bei  uns  einen  Verächter  finden!  Wir  geloben  es  freudig  und
voll  Vertrauens  in  die  Zukunft.  Denn  hier  ist  dein  Sohn,  hier  ist  dein  Blut,
hier  sind  deine  Ideale.  Scharen  wir  uns  um  ihn  und  unfre  Freude,  unfre
Dankbarkeit  finde  Ausdruck  in  dem  Rufe:

Gott  erhalte  und  beschirme  unser  Haus  Wittelsbach!
        <pb n="481" />
        94.  Ludwig  I.  und  die  Kunststadt  München.  469

94.  Ludwig  l.  und  die  Kunststadt  München.

Von  Siegmund  von  Riezler.)

Mit  Ludwig  I.  bestieg  den  Thron  Bayerns  eine  ganz  eigenartige,  scharf
ausgeprägte  Individnalität,  ein  Fürst  von  so  hervorragender  Begabung,  wie
Bayern  seit  dem  Kurfürsten  Maximilian  I.  wohl  keinen  gehabt  hatte,  und  von
einer  Art  der  Begabung,  wie  sie  unter  den  Wittelsbachern  noch  nie  aufgetreten
war.  Der  Kern  seines  Wesens  war  Schwung,  eine  stets  jugendfrische,  unbegrenzte
  Eindrucksfähigkeit,  Begeisterung  für  das  Schöne  und  Große.

Kronerbe  und  Träger  der  Krone  brauchte  er  nur  seinem  Genius  zu
folgen  und  sich  auszuleben  um  der  Erzieher  seines  Volkes  und  ein  Bahnbrecher
  für  die  bildenden  Künste  in  Deutschland  zu  werden.  Eine  Vorbedingung
seiner  großen  Leistungen  war  aber  auch,  daß  er  eine  Eigenschaft  besaß,  die
man  bei  schwungvollen  Naturen  selten  findet:  haushälterischen  Sinn  und
Spartalent.  Indem  Ludwig  sein  Volk  in  die  Bahnen  der  Kunstpflege  wies,
hat  er  schlummernde  Kräfte  der  Volksseele  geweckt,  ist  er  der  Begründer  der
modernen  Kunststadt  und  hierdurch  der  Großstadt  München  geworden.  Ein
Cornelius  hätte  seine  Eigenart  nie  voll  entfalten  können,  hätte  ihm  nicht  der
königliche  Mäcenas  monumentale  Aufgaben  gestellt,  und  München  wäre  nicht,
was  es  heute  ist,  wäre  nicht  durch  seine  Kunstsammlungen  und  sein  frisch  aufblühendes
  Kunstleben  der  Fremdenstrom  hingelenkt  worden.  Wie  richtig  man
jetzt  bemerkt,  daß  München  als  Kunstmarkt  zurückgehen  wird,  wenn  nicht  eine
blühende  Industrie  den  Reichtum  in  seiner  Bevölkerung  mehrt,  so  richtig  ist
es,  daß  erst  in  der  Kunststadt  Müunchen  allmählich  auch  Industrie,  Handel  und
Volkszahl  heranwuchsen.

Gleich  Nürnberg,  Augsburg,  Würzburg  hatte  ja  München  schon  seit
dem  16.  Jahrhundert  und  länger  eine  nicht  zu  unterschätzende  Kunsttradition.
Aber  die  napoleonische  Periode,  auf  lange  die  letzte,  die  ihren  eigenen,  wenn
auch  frostigen  Kunststil  erzeugte,  war  die  ärmste  an  Kunstsinn  gewesen.  Unter
Max  Joseph  ist  (1808)  die  Akademie  der  Künste  gegründet,  ist  die  Düsseldorfer
Galerie  nach  abenteuerlichen  Irrfahrten  mit  den  älteren  Münchener  Beständen
vereinigt  worden.  Aber  welchen  Einblick  in  den  vorherrschenden  Mangel  an
Kunstsinn  gewährt  uns  der  damals  erfolgte  Abbruch  des  berühmten  Kaisersaales
  in  der  Residenz,  des  Schönsten,  was  München  an  Innenarchitektur
besaß!  Der  Einsicht  und  Begeisterung  König  Ludwigs  I.  verdanken  wir  es
nun,  daß  das  Bayerland  und  seine  Hauptstadt  zu  Trägern  einer  besonderen,
den  Anlagen  und  Neigungen  seiner  Stämme  am  meisten  zusagenden  Kulturmission
  erhoben  und  der  deutschen  Kunst  in  München  ein  bleibender  Mittelpunkt
  begründet  wurde.

1)  „Das  glüchlichste  Jahrhundert  bayerischer  Geschichte“,  1806—1906,  S.  24—28.
München  1906,  O.  Beck
        <pb n="482" />
        470  94.  Ludwig  I.  und  die  Kunststadt  München.

Bayern  und  Berufene  haben  dabei  zusammengewirkt:  neben  den  Einheimischen
  Schwanthaler,  Miller,  Ainmiller,  Ohlmüller,  Stiglmayer,  Ziebland,
Schraudolph,  Bürkel,  Spitzweg  Männer  aus  allen  deutschen  Gauen:  Cornelius
und  Kaulbach,  Klenze  und  Gärtner,  Schwind  und  Schnorr  v.  Carolsfeld,
Rottmann  und  die  Heß.

Auch  von  der  Kunst  gilt  das  schöne  Wort,  mit  dem  Thiersch  die  allgemeine
  deutsche  Kultur  zeichnete:  ein  Baum,  der  seine  Wurzeln  nach  allen
Seiten  hin  ausstreckt,  aus  allen  Provinzen  Leben  zieht  und  dafür  freigebig  an
jeden  seine  Früchte  verteilt.  Aber  unter  den  Bäumen  deutscher  Kunst  steht
der  mächtigste  Stamm  auf  bayerischem  Boden  und  eine  unerläßliche  Voraussetzung
  seines  hier  besonders  fröhlichen  Gedeihens  ist  doch  die  durch  die  bayerische
  Stammesnatur  bedingte  erfrischende  Atmosphäre  eines  gesunden  und
farbigen  Volkslebens,  eines  unbewußten  Schönheitssinnes  im  Volke,  wie  er
sich  z.  B.  in  den  einzig  schönen  Bauernhäusern  des  bayerischen  Gebirges  und
der  Vorberge  ausspricht,  einer  zwanglosen  und  nicht  durch  allzu  starre  Standesunterschiede
  eingeschnürten  Geselligkeit.  Auf  unsere  Feste  darf  man  das  Wort
des  Dichters  anwenden,  daß  die  Zauber  der  Freude  wieder  binden,  was  die
Mode  streng  geteilt.  In  dem  gemütlichen  München,  sagt  Knapp,  haben  die
Berufe  das  Schöne,  daß  sie  ihren  Trägern  nicht  das  Mark  aussaugen.  „Ein
festlich  heiteres  Volk“  hat  Treitschke  die  Bayern  genannt  und  ein  solches  wird
in  der  Kunstpflege  vor  den  arbeitsameren  und  ernsteren,  aber  prosaischeren
Stämmen  des  Nordens  immer  viel  voraus  haben.

Dazu  kommt  die  engere  Fühlung  Münchens  mit  Italien,  dem  ewigen
Lande  der  Kunst.  1830  schrieb  Montgelas:  „München  ist  ein  wahrer  Leichnam,
bedeckt  mit  einem  Tuche  von  Goldbrokat,  der,  ohne  selbst  fetter  zu  werden,  die
Kräfte  der  Provinzen  aufsaugt.“  Jetzt  lächeln  wir  darüber,  nicht  nur  wegen
der  kühnen  Schiefheit  des  Bildes.  Wir  lächeln  ebenso  über  die  Prophezeiung
Lewalds  von  1835,  daß  es  zur  Ausführung  der  Ludwig=  und  Briennerstraße
in  der  Länge,  wie  sie  geplant  seien,  einer  Bevölkerung  bedürfe,  die  für  München
niemals  denkbar  sei.  Und  wenn  sich  anfangs  wohlverdienter  Spott  über  die
Münchener  ergoß,  daß  sie  in  ihren  Bilder=  und  Skulpturtheken  durch  ständige
  Abwesenheit  glänzten,  werden  heutzutage  München  und  Nürnberg  in  Liebe
und  Verständnis  für  die  Kunst  von  keiner  deutschen  Stadtbevölkerung  übertroffen,
  von  äußerst  wenigen  erreicht.  Mögen  nun  andere  deutsche  Städte,
darunter  Berlin,  mit  reicheren  materiellen  Mitteln  den  Wettstreit  in  der  Kunstpflege
  mit  der  bayerischen  Hauptstadt  ausgenommen  haben,  es  liegt  doch  keine
Überhebung  und  keine  Unklarheit  in  unserem  Bewußtsein,  daß  bei  uns  zwischen
dem  Durchschnittsfühlen  und  zdenken  des  Künstlers  und  der  großen  Masse  keine
so  breite  Kluft  gähnt  wie  in  Berlin  und  daß  unser  Boden  für  Kunstpflege
geeigneter  ist  als  der  nordische.
        <pb n="483" />
        96.  Vor  fünfundzwanzig  Jahren.  471

Heimat  der  Kunst.
Von  Martin  Greif.)
Glücklich  die  Stadt,  die,  geschmücht  mit  dem  bräutlichen  Kranze  der  Schönheit,
Ihren  Markt  mit  dem  Glanz  seliger  Bilder  erfüllt.
Frommer  die  Menschen  wohnen  darin;  gern  ziehen  die  Götter
Durch  das  geöffnete  Tor  in  ihr  beschütztes  Gebiet.

95.  An  München.

In  das  Goldene  Buch  der  Stadt  geschrieben  von  Martin  Greif.)

Mein  München,  du  vieltraute  Stadt,
Wer  mag  aus  dir  noch  scheiden,
Der  deinen  Hinn  erhkundet  hat,

In  Freuden  und  in  Leiden?

Du  trägst  dein  Antlitz  unverstellt
Und  hennst  hein  Überheben,
Gewohnt  nur  dich  vor  aller  Welt,
Ho  wie  du  bist,  zu  geben.

Mein  München,  o  wie  strebst  du  hühn
Dem  Raub  der  Zeit  zu  wehren!
Wohl  einer  Linde  gleicht  dein  Blühn,
Der  stets  die  Blätter  hehren.
Gesunken  sind  die  Mauern  dir

Wie  auch  die  grauen  Türme.

Du  prangst  dafür  in  junger  Zier,
Daß  Gott  dich  fürder  schirme!

Mein  München,  ja  du  thronst,  geschmücht
Durch  Tempel  und  Paläste,

Und  deiner  Schätze  Pracht  entzückt
Die  Scharen  deiner  Gäste.

 

Auch  dienen  dir  zu  hehrer  Schau
Die  Zinnen,  die  dort  blinken,
Wo  in  der  Ferne  zartem  Blau
Die  hohen  Alpen  winken.

Mein  München,  allen  Künsten  hold
Ehrst  du  auch  jed’  Gewerbe,

Doch  über  irdisch'  Gut  und  Gold
Gilt  Treue  dir  im  Erbe.

Es  malt  sich  ab  die  schlichte  Art,
Die  dir  seit  alters  eigen,

Im  Bild  der  Kuppen,  die  gepaart
Dir  himmelan  entsteigen.

Mein  München,  du  vieltraute  Stadt,
Wer  kann  aus  dir  noch  scheiden,
Der  deinen  Sinn  erkundet  hat

In  Freuden  und  in  Leiden?

Du  trägst  dein  Antlitz  unverstellt
Und  kennst  kein  Überheben,
Gewohnt  nur,  dich  vor  aller  Welt,
So  wie  du  bist,  zu  geben.

96.  Vor  fünfundzwanzig  Jahren.  (Februar  1893.)
Von  Karl  Theodor  von  Heigel.,)

In  Frankreich  wurde  einer  der  besten  Fürsten  und  Freunde  des  deutschen
Volkes,  Bayerns  großer  König  Ludwig  I.,  geboren,  in  Frankreich  ist  er
gestorben;  doch  Straßburg  war  auch  zur  Zeit  seiner  Geburt  deutscher
Boden,  Nizza  ist  heute  noch  in  Erscheinung  und  Lebensäußerung  eine  italienische
  Stadt.  Das  Münster  Erwins  v.  Steinbach  steigt  über  seinem  Vaterhaus

1)  „Gesammelte  Werke“,  I.  Band,  S.  384.  Leipzig  1895,  Amelang.

*)  Ebenda  S.  345.

*)  Vgl.  Das  Bayerland,  IV.  Jahrgang,  Nr.  23.  München,  1893,  R.  Oldenbourg.
        <pb n="484" />
        472  96.  Vor  fünfundzwanzig  Jahren.

empor;  aus  seiner  letzten  Wohnung  sah  er  auf  Palmen  und  auf  das  Meer,
wieder  auf  Sinnbilder  der  Unvergänglichkeit!

25  Jahre  sind  seit  seinem  Tode  vergangen.  Eine  Spanne  Zeit!  Doch
erwägen  wir  die  Fülle  von  Ereignissen,  die  Umwälzungen  im  Schicksal  der
Völker,  im  Staatsleben,  in  Kunst  und  Wissenschaft,  die  erstaunlichen  Wandlungen
  der  öffentlichen  Meinungen  gerade  innerhalb  dieser  Spanne!  Nichts
beweist  die  Eigenart,  Kraft  und  Wirkung  König  Ludwigs  I.  deutlicher  als  die
Tatsache,  daß  sein  Andenken  alle  diese  Stürme  überdauert  hat.

Eine  neue  Zeit  brach  an,  ein  anderes  Geschlecht  erstand,  doch  er  ist
für  sie  kein  Fremdling,  kein  Schatten;  die  Gegenwart  hat  hellere  Augen  und
wärmere  Dankbarkeit  für  ihn  als  seine  Zeitgenossen!  Wie  glänzend  gab  sich
dies  kund,  als  das  Zentenarium  seiner  Geburt  gefeiert  wurde!  Erinnern  wir
uns  an  die  Farbenpracht,  an  die  einmütige  Begeisterung  jener  Münchener
Tage!  Wie  kein  Haus  ungeschmückt  blieb:  wie  am  Vorabend,  von  tausend
Feuergarben  beleuchtet,  Bavaria  den  Kranz  zu  den  Sternen  hob;  erinnern
wir  uns  an  die  Huldigung  ohne  gleichen,  auf  welche  das  Standbild  des
Königs  niedersah,  an  den  endlosen  Pilgerzug  zu  seinem  schlichten  Grabe.

Wohl  hatte  München  vor  allen  anderen  bayerischen  Städten  Ursache
das  Zentenarium  mit  königlicher  Pracht  zu  feiern,  denn  glorreich  eingelöst
wurde  das  Wort,  das  er  kühn  als  Jüngling  sprach:  „Ich  will  aus  München
eine  Stadt  machen,  die  Deutschland  so  zur  Ehre  gereichen  soll,  daß  keiner
Deutschland  kennt,  wenn  er  nicht  München  gesehen  hat!“

Doch  das  ganze  bayerische  Volk  hat  den  Fürsten  zu  verehren,  der,  mit
einer  Künstlerseele  begabt,  das  Gemeinwohl  dennoch  über  den  Dienst  der
Schönheit  stellte.  Sehr  hoch  hielt  er  seine  Fürstenrechte,  doch  hat  er  jemals
seine  Fürstenpflicht  vergessen?  Bei  aller  Freude  an  der  Kunst,  bei  allen
Taten  und  Opfern  für  die  Kunst  verlor  er  nie  den  Sinn  für  das  Nützliche.
Er  war  voll  Schwung,  doch  ohne  Überschwang,  zugleich  ein  Künstler  und
ein  Hausvater  und  guter  Rechenmeister-Aber

  auch  an  der  Elbe  und  an  der  Spree  hat  man  alle  Ursache  des
Verstorbenen,  dennoch  Unsterblichen,  dankbar  zu  gedenken.  Denn  was  Ludwig
für  das  Wiedererwachen  deutscher  Kunst  getan,  war  Licht  und  Wärme  für
tausend  Aste,  von  unschätzbarem  Werte  für  die  geistige  Entwicklung  des  ganzen
deutschen  Volkes.

Auch  nach  seiner  Thronentsagung  fuhr  er  fort  für  gemeinnützige  Zwecke
zu  arbeiten,  zu  opfern,  zu  gründen  und  zu  bauen.  Streng  hielt  er  sein  Wort,
das  er  sich  und  dem  Sohne  gegeben,  die  Regierung  nicht  zu  beeinflussen;  er
ließ  die  Hand  von  aller  Politik,  widerstand  allen  Versuchungen  zu  einem
Griff  in  die  Zügel.  Oft  sicherlich  nicht  ohne  schweren  Kampf,  obwohl  er  in
Briefen  an  Martin  Wagner  und  andere  Vertraute  den  Verzicht  auf  politische
Tätigkeit  eine  Erlösung  nannte.  Doch  er  unterzog  sich  dem  schwersten  aller
Gelübde,  dem  Verzichte  auf  Macht,  nicht  um  die  behagliche  Ruhe  und  den
        <pb n="485" />
        96.  Vor  fünfundzwanzig  Jahren.  473

träumerischen  Frieden  eines  Einsiedlers  zu  gewinnen.  Auch  die  Jahre  des
Privatmannes  waren  volles,  tätiges,  erfolgreiches  Leben.  Er  war  keine  politische
  Macht  mehr,  aber  noch  im  Greisenalter  eine  weithin  wirkende  Kraft!

Trotz  der  Erfahrungen,  die  so  bitter  waren,  daß  ihn  der  Verlust  der
königlichen  Rechte  fast  ein  Glück  bedünkte,  bewahrte  er  sich  warme  Empfindung
für  Wohl  und  Wehe  des  Vaterlandes.  Es  genügt  ein  Beispiel  um  zu  zeigen,
wie  er  sich  bezwingen  und  das  beleidigte  Ich  vergessen  konnte,  wenn  es  sich
um  ein  Werk  handelte,  das  für  Volk  und  Stadt  von  dauerndem  Werte  war.
Am  20.  März  1848  legte  er,  durch  die  feindselige  Haltung  der  Münchener
Bürgerschaft  bewogen,  die  Krone  nieder;  am  21.  März  verordnete  er,  daß  der
schönste  Platz  Münchens  einen  würdigen  Abschluß  durch  ein  griechisches  Prachttor,
  die  Propyläen,  erhalte.

Bewundernswerte  Arbeitskraft,  geistige  und  körperliche  Rüstigkeit  blieben
ihm  treu  bis  ans  Ende  Wenn  erst  der  Briefwechsel  zwischen  ihm  und  seinem

ächti  Staatsrat,  Hofskulpteur,  Hausmeister,  Gärtner
und  Zimmermaler"  in  der  Villa  Malta  in  Rom,  Martin  Wagner,  veröffentlicht
  ist,  wird  alle  Welt  aus  den  hundert  und  hundert  Blättern  mit  Staunen
ersehen,  welche  Riesenpläne  den  greisen  Fürsten  noch  beschäftigt  haben.  Diese
Briefe  werden  auch  am  klarsten  zeigen,  wie  Ludwig  seine  Kunstunternehmungen
aus  langer  Hand  vorzubereiten  pflegte,  wie  jede  neue  Schöpfung  ein  notwendiges
  Glied  in  der  Kette  und  das  schön  Gedachte  zur  rechten  Zeit  in  das
Leben  tritt.

Sobald  er  für  seine  geistige  Spannkraft  fürchtete,  fuhr  er  über  die  Alpen
um  sich  in  der  ewigen  Stadt  gesund  zu  baden  im  Genuß  der  Antike  und  eines
fröhlichen,  bunten  Künstlerlebens.  In  welchem  Grade  er  sich  seiner  sicher
glaubte,  bewies  er  im  Herbste  1867.  Damals,  schon  81  Jahre  alt,  besuchte
er  seine  Vaterstadt  Straßburg,  dann  Paris  und  hier  wanderte  er  in  den  Hallen
der  Weltausstellung  von  früh  bis  spät  umher.  „Von  4  Uhr  morgens  bis
4  Uhr  abends  stehe  ich  allezeit  zu  Gebote“,  erwiderte  er  auf  die  Anfrage
Napoleons  III.,  um  welche  Zeit  er  den  Besuch  seines  Gastes  erwidern  dürfe.

Was  er  dort  in  der  exposition  des  beaux  arts  sah,  war  ein  anderes,
als  was  er  einst  von  Rom  nach  München  verpflanzt  hatte,  doch  war  er  geistig
so  reich  und  frei,  daß  er  keinen  Stillstand  der  Kunst  verlangte,  weil  sie  zu
anderen  Grundsätzen  als  den  seinen  sich  bekehrte.  Er  gab  zu,  daß  eben  das
echte  Künstlerstreben,  das  Suchen  nach  Wahrheit  und  Natur  immer  wieder
auf  neue  Wege  führt,  wenn  sie  uns  auch  zeitweilig  nur  Sackgassen  dünken.
Er  war  freudig  bewegt,  daß  die  Münchener  Pilotyschule  in  der  Seinestadt,
die  noch  immer  die  Metropole  der  Kunst  ist,  rühmliche  Triumphe  feierte.  „Lebe
die  Franzosen  nicht“,  schrieb  er  an  einen  Künstler,  „sie  sind,  so  lange  sie
wenigstens  Elsaß  nicht  herausgeben,  Teutschlands  Erbfeind;  aber  es  hat  mich
gefreut,  daß  sie  Münchens  Künstler  so  hoch  schätzen,  ihnen  so  viele  Medaillen
zuerkennend.“
        <pb n="486" />
        474  96.  Vor  fünfundzwanzig  Jahren.

Dieses  Mal  jedoch  hatte  er  seine  Kräfte  überschätzt.  Abgespannt,  geistig
müde  kam  er  im  November  nach  Nizza.  Wie  stärkend  die  milde  Seeluft  auf
seinen  Körper,  wie  berauschend  der  Zauber  des  Hesperischen  Gartens  auf  seine
Phantasie  wirkte,  beweisen  die  Strophen,  die  er  wenige  Wochen  vor  seiner
letzten  Erkrankung  an  einen  Abendzirkel  bei  der  Gräfin  Sophie  Lodron  richiete
(28.  Dezember  1867):

„O  könnte  ich  euch  doch  versetzen

In  diese  em'ige  Blumenflur,

Euch  fühlen  lassen  das  Ergötzen

In  der  bezaubernden  Natur,

Wo  auch  im  Winter  Rosen  blühen
Und  Immergrün  die  Bäume  schmückt,
Die  goldnen  Früchte  glänzend  glühen,
Wo  überall  es  uns  entzücht!
Vermöchte  doch  auf  Zephyrs  Schwingen
Ein  Zauberwort  ins  Zauberland
Euch,  Teuere,  zu  mir  zu  bringen

An  diesen  heitren  Meeresstrand  7“

Bis  Anfang  Februar  1868  liefen  über  den  Gesundheitszustand  des  greisen
Königs  aus  Nizza  nur  günstige  Nachrichten  ein.  Am  12.  Februar  zeigte  ein
Telegramm  an,  daß  sich  Se.  Majestät  infolge  rotlaufartiger  Anschwellungen
am  Fuße  einer  Operation  unterziehen  mußte,  daß  dieselbe  zwar  gelungen  sei,
der  Zustand  des  Kranken  aber  immerhin  Bedenken  errege.  Er  hatte  nicht
geduldet,  daß  zur  Operation  ein  Arzt  aus  Nizza  beigezogen  werde,  sein  Leibarzt
  mußte  alles  allein  besorgen:  „Ich  möchte  nicht,  daß  ein  Fremder  mich.
etwa  einen  Schmerzensschrei  ausstoßen  hörte!“  Auch  chloroformieren  ließ  er
sich  nicht;  er  hielt  die  Schmerzen  ruhig  aus  und  begann  unmittelbar  danach
in  gewohnter  Weise  zu  scherzen.  „Ich  danke  Ihnen,“  sagte  er  zum  Arzt,
„daß  Sie  mir  so  wohltätige  Schmerzen  verursacht  haben!“  Nachdem  er  auch
eine  zweite  Operation,  die  bald  darauf  notwendig  geworden  war,  geduldig.
ertragen  hatte,  fühlte  er  sich  wieder  so  wohl,  daß  er  schon  an  Wiederaufnehmen
  der  gewohnten  Spaziergänge  dachte,  doch  es  war  nur  ein  letztes  Aufflackern
  der  Lebenskräfte!  Wenige  Tage  nachdem  sein  Enkel  Ludwig  mit  einer
jugendschönen  Gattin  festlichen  Einzug  in  München  gehalten  hatte,  trafen  aus
Nizza  beunruhigende  Nachrichten  ein.  Die  Prinzen  Luitpold  und  Adalbert
eilten  ans  Krankenlager  des  Vaters.  Am  26.  Februar  wurde  für  den  König
in  seinem  Hause  eine  Messe  gelesen,  dann  empfing  er  bei  vollem  Bewußtsein
die  heiligen  Sterbsakramente.  Unmittelbar  darauf  nahm  die  Schwäche  zu,
auch  Delirien  stellten  sich  ein,  doch  rang  er  sich  immer  wieder  zu  voller  Besinnung
  durch.  Er  wußte,  daß  sein  Ende  bevorstehe,  aber  er  sah  der  Auflösung
  gefaßt  entgegen.  „Glauben  Sie  nicht,“  sagte  er  zu  Oberstabsarzt
Cabrol,  „daß  ich  den  Tod  fürchte,  ich  habe  ihm  schon  mehrmals  ins  Auge
geschaut!“  Am  Abend  des  27.  Februar  sagte  er:  „Wenn  ich  heut'  nacht
        <pb n="487" />
        96.  Vor  fünfundzwanzig  Jahren.  475

sterbe,  dann  ist  der  König  von  seinen  Leiden  erlöst!“  Etwas  später  richtete
er  sich  auf  dem  Lager  in  die  Höhe  und  sprach  mit  fester  Stimme:  „Allen,
allen  in  München  meinen  Dank!“  Nach  Mitternacht  erwachte  er  nochmals
aus  der  Betäubung  und  sagte:  „Ein  Uhr,  und  ich  bin  noch  nicht  tot!“  Das
waren  seine  letzten  Worte.  Am  nächsten  Tage  blieben  seine  Sinne  umnachtet.
Noch  einmal,  als  ihm  am  29.  Februar  frühmorgens  die  letzte  Olung  gereicht
wurde,  schien  er  zur  Besinnung  zu  gelangen,  doch  bald  darauf  um  8  Uhr
35  Minuten  entschlief  er  ruhig  —  ohne  Todeskampf.  Tieferschüttert  knieten
die  beiden  Söhne  am  Sterbelager.

Die  Leiche  wurde  einbalsamiert;  dann  blieb  sie,  bis  die  mit  der  Abholung
nach  München  beauftragte  Hofkommission  unter  Führung  des  Hofmarschalls
Freiherrn  v.  Laroche  in  Nizza  eintraf,  im  Totenhause  auf  dem  Paradebett
ausgestellt.  Das  Antlitz  des  Toten  war  nicht  entstellt,  sondern  durch  einen
rührenden  Zug  von  Milde  verschönt.

Am  6.  März  wurden  die  Exequien  mit  solcher  Pracht  und  unter  so
lebhafter  Beteiligung  der  Bevölkerung  abgehalten,  als  gälte  es  einem  Fürsten
des  Landes  die  letzte  Ehre  zu  erweisen;  der  Reèe  amante  delle  belle  arti
genoß  ja  in  ganz  Italien  einer  großen  Popularität.  Kaiser  Napoleon  III.,
der  schon  während  der  Krankheit  des  Königs  Beweise  seiner  Teilnahme  gegeben
hatte,  ließ  sich  bei  der  Trauerfeier  durch  seine  persönlichen  Adjutanten,  General
Reille  und  Herzog  von  Elchingen,  vertreten.  Die  gesamte  Garnison  von  Nizza
wurde  zur  Spalierbildung  aufgeboten;  eine  französische  Fregatte,  die  eigens
von  Toulon  herübergekommen  war,  stellte  sich  gegenüber  der  Behaufung  des
Königs  auf,  hißte  am  Hauptmast  die  bayerische  Flagge  und  gab,  solange  die
Exequien  dauerten,  Trauersalven.  Um  10  Uhr  wurde  die  Leiche  vom  Klerus
unter  Führung  des  Bischofs  von  Nizza  abgeholt;  auf  einem  von  acht  Rappen
gezogenen  Tranerwagen  wurde  sie  unter  dem  Geläute  aller  Glocken  nach  dem
Dom  gebracht,  viele  Offiziere,  Beamte,  Bürger  und  Fremde  gingen  in  feierlichem
  Zuge  mit.  Nachmittags  brachte  wieder  ein  prächtiger  Kondukt  den
Sarg  zum  Bahnhof;  eine  große  Menschenmenge  gab  auch  dahin  das  Geleite.
Die  Reise  ging  über  Marseille,  Lyon,  Straßburg  und  Ulm;  in  allen  größeren
Städten  wurde  die  Königsleiche  mit  Trauermusik  begrüßt  und  durch  Kranzspenden
  geehrt.

Längst  hatte  Ludwig  für  sein  Begräbnis  alle  Anordnungen  getroffen.
Seine  sterblichen  Überreste  sollten  an  der  Seite  seiner  Gemahlin  Therese  in
der  mit  schlichtem  Marmorsarkophag  geschmückten  Gruft  in  der  Basilika  bestattet,
an  Stelle  des  nach  Altötting  gebrachten  Herzens  sollte  sein  Trauring  gelegt
werden.

Am  9.  Mäzz  setzte  sich  von  der  Hofkapelle  aus  der  Leichenzug  in  Bewegung;
  der  Verstorbene  selbst  hatte  den  Weg  vorgezeichnet,  auf  welchem  er
als  „stiller  Mann“  zur  Gruft  gebracht  sein  wollte.  Ein  königlicher  Weg!
Der  Trauerzug  durchquerte  die  prächtige  Ludwigstraße,  welche  ihre  Anlage  und
        <pb n="488" />
        476  97.  Vor  dem  Königssarge  in  der  Münchener  Basilika.

eine  Reihe  monumentaler  Bauten  dem  Könige  verdankte,  dann  lenkte  er  ein  in
die  Briennerstraße,  deren  Name  an  eine  glänzende  Waffentat  der  Bayern  erinnert,
  vorbei  an  dem  Meisterwerk  Thorwaldsens,  dem  Standbild  Maximilians  I.,
am  Wittelsbacher  Palast,  dessen  östlicher  Eckturm  das  sonnige  Lieblingsgemach
des  Königs  umschloß,  am  ehernen  Obelisk,  an  der  Glyptothek,  die  den  guten
Münchenern  lange  Zeit  zur  Zielscheibe  ihres  Witzes  gedient  hatte,  bis  sie  erkennen
  lernten,  welch  unvergleichlichen  Schatz  das  Marmorhaus  für  München
und  die  Welt  bedeute,  durch  die  Propyläen,  das  Denkmal  der  großen  Gesinnung
  des  königlichen  Bauherrn,  das  Denkmal  des  kleinlichen  Undankes  des
Griechenvolkes  Und  nun  öffneten  die  Glocken  der  Basilika  ihren  ehernen
Mund,  das  Trauergeleite  wandte  sich  langsam  zur  Gruftkapelle,  Männerstimmen
  hoben  zu  klagen  an:  IIn  memoria  aeterna  erit  justus

Eine  eigene  und  eigenartige  Totenfeier  veranstalteten  die  Künstler  ihrem
fürstlichen  Freunde  und  Beschützer.  Am  Abend  des  12.  März  zogen  sie  mit
Fackeln  und  Fahnen  nach  dem  herrlichen  Königsplatz.  In  fahlgrünem  Flackerlicht
  schimmerten  die  Marmorwände  des  dorischen  Tempels.  Von  den  Stufen
der  Glyptothek  herab  klang  die  Gedächtnisrede,  aus  der  Säulenhalle  der  Propyläen
  die  Trauerhymne  auf  den  Geschiedenen.  Dann  öffneten  sich  die  ehernen
Torflügel  der  Glyptothek  und  aus  dem  Atrium  leuchtete  weithin  die  Büste  des
gefeierten  Toten.  Die  Fahnen  und  Standarten  der  Künstler,  Oriflammen
unblutiger,  dennoch  heißer  und  ruhmreicher  Kämpfe,  senkten  sich  und  der
Redner  bekränzte  das  Marmorhaupt  mit  goldenem  Lorbeer.  Draußen  aber
stand  Kopf  an  Kopf  eine  unübersehbare  Menge,  nicht  nur  Künstler,  alle  die
Seinen,  ein  trauerndes  Volk  schweigend  tief  erschüttert

97.  Vor  dem  Königssarge  in  der  Münchener  Basiliha.
Von  farl  Zettel.)

Die  Abendsonne  schickt  den  letzten  Glanz
Durch  matte  Fenster  diesem  Tempelhause;
Ihr  Strahl  verflattert  noch  in  müdem  Tanz,
Indes  verstummt  des  Tages  wirr  Gebrause.
Vom  Turme  zittert  noch  ein  Glochenschlag
Und  mählich  stirbt  die  Rosenglut

Um  jenen  würd'gen  Königssarkophag,

Auf  dem  nun  heil'ger  Friede  ruht.

O  welch  ein  Leben,  hehr  und  sonnengleich,
Liegt  hier  in  Staub  und  Todesnacht  gesunken!
Noch  schwelgen  wir  in  seinem  lichten  Reich,
Von  jenem  gottgegebnen  Feuer  trunken.

1)  „Dichtungen“  S.  298,  4.  Aufl.  Stuttgart  1894.
        <pb n="489" />
        98.  Ludwigslied.  477

Ein  Purpurleuchten  glüht  noch  jetzt  empor
Aus  dieses  Sarges  Heiligtum

Und  mächtig  schlägt  noch  lang  an  unser  Ohr
Des  großen  Bayernkönigs  Ruhm.

Denn  was  er  sann  und  fühlte,  war  geweiht

Dem  eu'gen  Reich  des  Wahren  und  des  Schönen;
Und  stets  war  ihm  die  stolze  Brust  gefeit

So  gegen  Torheit  wie  der  Mihgunst  Höhnen.
Was  klein  und  niedrig  sich  durch  Engen  wand,
Dem  zürnte  sein  erhabner  Sinn;

Und  all  sein  Denken  und  sein  Wollen  fand

Nur  in  der  Großheit  Vollgewinn.

Und  wenn  es  galt  im  weiten  Fürstenrat,

In  dem  er  lange  saß,  der  besten  einer,

Zu  wählen  rechtes  Wort  und  große  Tat,

War  weiser  wohl  kein  Haupt,  kein  Wille  reiner.
Sein  Lieben  glühte  heiß  dem  Bayerland,
Doch  auch  ein  grimmer  Bannerwart,

Entbot  er  Schutz  gen  welschen  Trug  und  Tand
Dem  deutschen  Sinn,  der  deutschen  Art.

Drum  steh'’  ich  traumverloren  manchen  Tag,
Wenn  sich  des  Abends  letzte  Strahlen  wiegen,
O  hoher  Fürst,  vor  deinem  Sarkophag

Und  kann  ein  Weh,  ein  tiefes,  nicht  besiegen,
Daß  auch  zu  Grab  der  Größte  sinken  muß,
Des  herben  Todes  flücht'ger  Raub.  —

Du  aber  nimm  der  Ehrfurcht  heil'gen  Gruß
Und  still  gesegnet  sei  dein  Staub!

98.  Ludwigslied.
Zur  100  jährigen  Geburtsfeier  (1887)  König  Ludwigs  I.  von  Bayern.
Von  Martin  Greif.,)

Für  das  Edle  zu  begeistern
War  dein  frühes  Trachten  schon

Vater  Ludwig,  Sproß  der  Schyren,
Der  du  für  dein  Volk  erglüht,

 

Großes  sannest  zu  vollführen  Und,  umschart  von  Deutschlands  Meistern,
Im  beharrlichen  Gemüt,  Saßest  du  auf  lichtem  Thron.

Deine  Saat  hat  Frucht  getragen,  Wertke,  von  der  Welt  bewundert

Die  noch  immerfort  gedeiht!  Rief  dein  Schöpferwort  hervor.

Aller  Bayern  Herzen  schlagen  Blichen  wird  ein  spät  Jahrhundert
Dir  voll  heißer  Dankbbarkeit.  Sehnsuchtsvoll  zu  dir  empor.

1)  „Gesammelte  Werke“,  I.  Band.  S.  299.  Leipzig  1895,  Amelang.
        <pb n="490" />
        48

Hochgestimmte  Lieder  melden
Deinen  Ruhm  dem  Vaterland,

Wo  die  Halle  strahlt  den  Helden,

Am  geweihten  Donaustrand.

100.  Burg  Hohenschwangau.

Ihnen  nach  hast  du  gerungen

Und  der  Sieg  hat  dich  gekrönt.
Mancher  Name  ist  verklungen,
Wenn  noch  laut  der  deine  tönt.

99.  Festgedicht  zur  Zentenarfeier  König  Ludwigs  I.
von  Bayern  (1888).
Von  Herman  Lingg?)

Schmettert,  Trompeten!
Festglochen,  läutet!
Einen  König  ragen
Sah  Bayerland,

Als  ob  von  Sagen
Aus  alten  Tagen

Ein  Held  auferstand!

Groß  war  und  heldenhaft
Seiner  Vaterlandsliebe  Kraft
Und  Feuer  in  ihm  und  Schwung
Edler  Begeisterung.

Hein  Walten  war  weise

Und  kühn  zugleich,

An  Huld  war  er  reich

Dem  Kind  wie  dem  Greise.

Er  mochte  gern

Den  Gruß  erwidern

Hohen  und  Niedern;

Auch  kam  von  nah  und  fern
Das  Volk  ihn  zu  schauen,

Den  mächtigen  Herrn,

An  dem  es  hing  mit  Vertrauen.

Wenn  er  die  Straßen  durchschritt
Seiner  erblühenden  Stadt,

Wo  Marmor  stieg  und  Akanthusblatt,
Unter  Gerüsten  zum  Mauerwerk

Und  den  edlen  Gebilden  darinnen,
ÜlÜberall  war  sein  Augenmerk,

Urteil,  Wink  und  großes  Ersinnen.  —

Jahre,  Jahrhunderte  ziehen

Über  den  Wertken  der  Menschen  dahin,

Deine,  großer  König,  beglänzt

Morgenlicht  deutscher  Einigkeit,

Deutscher  Macht  und  Größe,  deine
bekbränzt

Bayerns  Dank  in  fernster  Zeit.

Schmettert,  Trompeten!
Festglochen  läutet!

Töne,  Thorgesang!

Töne,  mächtig  durchdrungen
Vom  Geisterklang

Großer  Erinnerungen!

 

100.  Burg  Hohenschwangau.
Von  Karl  Stieler.)

Fast  in  jedem  Sinne  ist  Hohenschwangau  klassischer  Boden.  Alle  großen
Entwicklungsstufen  deutscher  Geschichte  und  deutschen  Lebens  von  der  Völkerwanderung
  bis  in  die  Tage  der  Reformation  sind  mit  dem  Namen  dieser  Burg
verknüpft,  mag  man  von  der  Kulturmission  der  ersten  Christenboten  sprechen
oder  von  den  Kaisergeschlechtern  des  Mittelalters,  von  kriegerischen  Taten  oder
vom  stilleren  Zauber  des  Liedes.  Immer  wieder  begegnet  uns  Schwangau

!1)  Jahresringe,  neue  Gedichte  von  H.  Lingg,  S.  287.  Stuttgart  1889.  Cotta.
*)  Natur=  und  Lebensbilder  aus  den  Alpen,  S.  133  ff.  Stuttgart,  A.  Bonz
&amp;amp;  Co.,  1890.
        <pb n="491" />
        100.  Burg  Hohenschwangan.  479

und  so  ist  die  schöne  Landschaft  gleichsam  erfüllt  von  schönen  Gestalten,  von
jenem  Reichtum  der  Begebenheiten,  der  sie  in  vollem  Maße  zur  historischen
Landschaft  macht.  Den  feinen  und  nachhaltigen  Reiz,  den  dieser  Umstand
verleiht,  wird  kein  Gebildeter  verkennen;  dadurch  allein  gewinnt  die  Betrachtung
immer  wieder  neue  Seiten;  die  geistige  Beleuchtung,  in  der  wir  eine  Ortlichkeit
erblicken,  ist  ja  nicht  minder  wirksam  als  die  Beleuchtung,  die  vom  Himmel
auf  sie  fällt.

Wer  zum  erstenmal  in  jene  Gebiete  kommt,  wird  überrascht  durch  die
mächtigsten  Gegensätze.  Es  ist  die  Grenze,  wo  bayerisches  und  schwäbisches
Volkstum  seit  uralter  Zeit  ineinander  greisen;  alamannische  Art,  die  bedächtiger,
kühler,  berechnender  ist,  hat  schon  das  rauhere,  kühne  Wesen  des  bayerischen
Gebirgscharakters  gedämpft.  Und  wie  die  Völkerstämme  —  grundverschieden
—  hier  ineinandergreifen,  so  stößt  ebenda  die  breite,  volle  Ebene  an  die
gewaltige  Bergeswildnis.  Wer  den  Blick  hinaussendet,  sieht  weit  in  niederes,
fruchtschweres  Land;  wer  ihn  bergwärts  wendet,  sieht  hart  vor  sich  die  himmelragenden
  Wände,  grüne  Tannenwälder  und,  zu  ihren  Füßen  eingeschlossen,
zwei  blaue  Seen,  die  den  Burgfelsen  bespülen.

Den  eigentlichen  Schlüssel  der  Landschaft  aber,  den  mächtigen  Angelpunkt
derselben  bildet  der  Durchbruch  des  Lech  bei  Füssen  (Fauces  Alpium),  der
einen  der  ältesten  Wege  und  Engpässe  zwischen  Deutschland  und  Welschland
bezeichnet.  Seine  Bedeutung  war  schon  dem  großen  Gotenkönige  Theodorich
bewußt,  der  die  strengste  Bewachung  desselben  befahl;  an  den  Namen  Füssen
knüpfen  sich  auch  die  Taten  des  Mannes,  der  als  geistiger  Held  dieses  Land
dem  Christentum  gewann.  Es  war  der  heilige  Magnus,  dessen  Kelch  und
Stab  noch  heute  daselbst  verwahrt  werden.

Wie  eine  holde  Idylle  lag  waldversteckt  und  abseits  von  dem  mächtigen
Heerwege  die  Burg  Hohenschwangau.  Es  war  nicht  bloß  eine,  es  waren
mehrere  Burgen,  die  übereinander  standen,  und  es  scheint  kaum  zweifelhaft,  daß
ehedem  ein  römischer  und  ein  gotischer  Wartturm  daselbst  gewesen.  Aber  mehr
und  mehr  streift  bald  die  Weltgeschichte  das  waldumsäumte  Idyll;  seine
Schönheit  mag  der  Pinsel  des  Malers  schildern;  wir  aber  wollen  erzählen
von  den  Taten,  die  sich  unvergeßlich  mit  dieser  Scholle  verbinden.

Aus  ihrer  dämmernden  Einsamkeit  treten  uns  bereits  im  10.  Jahrhundert
die  ersten  Urkunden  entgegen.  Als  Kaiser  Otto  III.  im  Jahre  997  nach
Italien  zog,  hielt  er  hier  seine  Rast;  auf  Hohenschwangau  empfing  Anno  1004
Kaiser  Heinrich  II.,  der  Heilige,  die  Gesandten  des  Ungarnkönigs  Stephan.
Als  gebietender  Name  tritt  uns  in  den  vergilbten  Pergamenten  jener  Zeit  das
uralte  Welfenhaus  entgegen,  das  in  diesen  Gauen  vor  allem  begütert  war,
und  als  Urkundszeugen  finden  wir  die  Schwangauer  unterzeichnet,  die  den
berühmten  Bischof  Wicterp  von  Augsburg  (750)  unter  ihre  Ahnherren  zählten.

Am  berühmtesten  unter  ihnen  aber  ist  wohl  Hiltebold  von  Schwangau
geworden,  der  gefeierte  Minnesänger,  dessen  Siegel  mit  dem  Schwane  uns  nicht
        <pb n="492" />
        480  100.  Burg  Hohenschwangau.

selten  begegnet  und  dessen  Liebeslieder  an  die  schöne  Elsbeth  in  der  Manesseschen
  Handschrift  stehen.  Er  war  um  1200  Burgherr  zu  Schwangau,  also  zur
eigentlich  klassischen  Zeit  des  deutschen  Minnegesanges.  Reich  bewegt  ging.
sein  Leben  dahin;  er  verkehrte  mit  den  bedeutendsten  Männern  seiner  Zeit
und  auch  Walter  von  der  Vogelweide,  der  eben  um  jene  Zeit  durch  die
bayerischen  Alpen  zog,  hat  aller  Vermutung  nach  auf  Hohenschwangau  Einkehr
gehalten.  Den  Höhepunkt  seiner  Fahrten  aber,  seiner  Taten  und  Leiden
bildete  der  Kreuzzug  nach  Syrien,  wo  er  aus  dem  tiefsten  aller  Liederbronnen
schöpfte,  aus  dem  Heimweh.

Bald  wandelt  sich  für  Schwangau  das  Bild;  die  sonnigen  Töne  verschwinden
  und  an  ihre  Stelle  tritt  die  tiefste  Tragödie,  welche  die  deutsche
Geschichte  jemals  gesehen:  es  ist  der  Abschied  Konradins.

Der  unglückliche  letzte  Sprosse  des  Staufengeschlechts  war  am  25.  März
1252  auf  der  Herzogburg  zu  Trausnitz  bei  Landshut  geboren;  sein  Vater,
Kaiser  Konrad  IV.,  hatte  ihn  nicht  mehr  gesehen.  Seine  Mutter  aber  war
Elisabeth,  die  Tochter  des  bayerischen  Herzogs  Otto  des  Erlauchten,  die  mit
15  Jahren  vermählt  und  mit  22  Jahren  verwitwet  war;  dann  lebte  sie  am
Hofe  ihres  Bruders  Ludwig  des  Strengen  und  längere  Zeit  auf  der  Burg  zu
Schwangau,  bis  sie  nach  fünfjährigem  Witwenstande  dem  mächtigen  Grafen
Meinhard  von  Tirol  die  Hand  reichte.  Der  kleine  Konradin  war  über  diese
zweite  Ehe  so  ungehalten,  daß  er  es  verweigerte  sich  zu  erheben,  wenn  seine
Mutter  in  den  Saal  trat;  er  war  das  Königskind,  sie  aber  hatte  sich  zur
Gräfin  erniedrigt.

Oft  genug  freilich  wich  diese  Härte,  die  bei  dem  leidenschaftlichen  und
stolzen  Sinne  des  Knaben  keineswegs  unglaublich  scheint,  weicheren  Herzenstönen
  und  dann  sehen  wir  nur  die  schöne,  junge  Mutter,  die  das  Verhängnis
ihres  Hauses  ahnend  in  der  Seele  trägt  und  bekümmert  niederschaut  auf  den
blonden  Sohn,  der  ahnungslos  diesem  Verhängnis  entgegenreift.

Die  alte  Streitfrage,  ob  Konradin  wirklich  in  Hohenschwangau  von
seiner  Mutter  und  von  der  Heimat  Abschied  nahm,  bevor  er  nach  Italien  ins
Verderben  zog,  „erwächst  beinahe  zur  urkundlichen  Gewißheit“  durch  einen
Stiftsbrief,  den  Elisabeth  mit  Bezug  auf  die  Abreise  ihres  Sohnes  den  Nonnen
von  Voldepp  ausgestellt.  Derselbe  ist  datiert  von  „Schloß  Schwangau“,  den
22.  August  1267,  und  als  Zeugen  dienen  die  sämtlichen  Edlen  und  Ritter,  denen
wir  nun  auf  dem  ganzen  Zuge  als  ständigen  Begleitern  Konradins  begegnen.
Sie  hatten  sich  offenbar  auf  der  Burg  Schwangau  zur  Heeresfolge  versammelt:
hier  war  demnach  der  Ort  ihres  Auszugs  und  Abschieds.

Das  Ende  dieses  Weges  freilich  ward  mit  Blut  in  die  Tafeln  der
Geschichte  geschrieben,  als  der  letzte  Staufe  auf  dem  Marktplatze  zu  Neapel
enthauptet  ward.

Noch  mancher  Held  aus  den  folgenden  Kaisergeschlechtern  hielt  auf
Hohenschwangan  Rast:  Ludwig  der  Bayer,  der  am  Plansee  sein  Jagdgebiet
        <pb n="493" />
        101.  Der  Schatz  auf  Hohenschwangan.  481

hatte,  wo  noch  heute  der  Kaiserbrunnen  nach  ihm  genannt  ist;  Maximilian,
der  letzte  Ritter  und  der  kühnste  Jäger  seiner  Zeit,  der  von  hier  bis  Zirl
und  Innsbruck  sein  Weidwerk  hegte.

Unter  Karl  V.  endlich  kam  die  Feste  an  ein  Augsburger  Patriziergeschlecht
  (v.  Paumgarten)  und  der  internationale  Charakter  dieses  Kaisers,
in  dessen  Reich  die  Sonne  nicht  unterging,  mag  schon  daraus  hervorgehen,
daß  die  Bestätigungsbriefe  über  das  einsame  Bergschloß  von  Neapel  und
Madrid  datieren.  Damals  soll  auch  Martin  Luther  als  Flüchtlingsgast  die
Feste  bewohnt  haben,  die  nun  bald  mehr  und  mehr  zerfiel.  Die  Boten  des
Erzherzogs  Ferdinand,  die  sie  besichtigen  sollten,  geben  bereits  eine  klägliche
Schilderung;  dann  kamen  der  Dreißigjährige,  der  Spanische  und  Osterreichische
Krieg  und  zuletzt  die  Zeit  Napoleons,  —  Hohenschwangau  wäre  auf  Abbruch
versteigert  worden,  wenn  nicht  Fürst  Ottingen  es  gerettet  hätte.  So  ward
die  Burg  für  den  feinsinnigen  König  Max  II.  erhalten,  der  sie  als  Kronprinz
(1832)  gleichsam  neu  entdeckte  und  durch  Künstlerhand  zu  dem  gemacht  hat,
was  sie  heute  bedeutet.

101.  Der  Schatz  auf  Hohenschwangau.
Von  Friedrich  Beck.#)

Von  Hohenschwangaus  alter  Burg
Geht  bei  dem  Volk  die  Sage,
Daß  ihres  Berges  hohler  Grund
Einen  Schatz  verborgen  trage.

Zuweilen  nur  erhebt  er  sich,

Von  Geisterhand  gezogen;

Dann  steht  auf  Öchwangaus  Höhen  licht
Ein  farb'ger  Regenbogen.

Und  ruht  bei  heitrer  Luft  die  Burg
Recht  in  des  Glanzes  Wonnen,

Dann  flüstert  man  sich  heimlich  zu:
„Nun  will  der  Schatz  sich  sonnen.“

Ja  glaubt!  Ich  hab'’  es  selbst  erlebt,
Der  Schatz,  der  will  sich  sonnen,

Und  wer  das  Märlein  euch  erzählt,
Hat  Lügen  nicht  gesponnen.

Nur  denket  nicht  an  rotes  Gold,
Ist  Gold  doch  nicht  das  Bestel!

Der  Schatz,  der  ist  das  Felsenschloß,
Die  kühne  Ritterfeste.

1)  „Stilleben,  lyrische  Dichtungen“,  S.

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Baoverns.

 

Es  schwebt  um  sie  manch  Heldenbild
Der  Welfen,  Staufen,  Schyren;

Sie  war  es  wert,  daß  Kunst  und  Lied
Wetteifern  sie  zu  zieren.

Doch  lange  blieb  sie  ungeschmückt,
Verstummt  war  Sang  und  Sage;

Da  kam  ein  edler  deutscher  Fürst
Und  hob  den  Schatz  zutage.

Und  willst  du  schau'n,  wie  reich  er  prangt,

Geschirmt  vom  Bergesschoße,

So  halt  im  Tale  fröhlich  Rast
Beim  Wirt  zur  Alpenrose.

Da  liegt  vor  dir  so  spiegelglatt
Der  grüne  See  gebreitet,

Durch  den  der  Silberschwäne  Schar
Am  Ufer  ruhig  gleitet.

Viel  goldne  Cichter  spielen  bunt
Auf  Blumen  rings  und  Bäumen:
Du  blichst  hinauf  zur  Königsburg,
Die  Fels  und  Wald  umsäumen.

83,  München  1861,  Fleischmann.
31
        <pb n="494" />
        482  102.  König  Maximilian  II.  von  Bayern.

Die  Türme  ragen  hell  empor,  Dir  aber  ward  die  Märe  klar,
Die  Rhühlen  Brunnen  springen,  Ihr  Schlüssel  ist  gewonnen:

Die  Luft  durchzieht's  wie  Harfenton,  1  Ein  Schatz,  der  lang  versunken  lag,
Und  Lied  und  Sage  klingen.  Stieg  hier  ans  Licht  der  Sonnen!

102.  König  Maximilian  II.  von  Bayern.
Aus  der  Erinnerung  gezeichnet  von  Wilhelm  Heinrich  Riehl  7.

König  Maximilian  II.  von  Bayern  hatte  in  seinem  ganzen  Wesen  wenig
Leidenschaftliches,  aber  eine  Leidenschaft  erfüllte  ihn,  welche  bei  Fürsten  selten
sein  mag:  die  Leidenschaft  zu  lernen.

Er  erzählte  gerne  von  seiner  Göttinger  Studentenzeit  und  versicherte,
daß  er  ein  echter  und  ganzer  Student  und  nicht  bloß  ein  „studierender  Kronprinz“
  gewesen  sei,  daß  er  jeden  Tag  pflichtgemäß  mit  der  Mappe  unterm
Arm  ins  Kolleg  gegangen  und  seine  Hefte  so  sorgsam  ausgearbeitet  und  studiert
habe  wie  irgend  einer.

Besonders  tiefgreifend  hatten  damals  Heerens  Vorträge  auf  ihn  gewirkt,
und  er  bewahrte  diesem  Gelehrten  durchs  ganze  Leben  das  treueste  Andenken.
Auch  seinen  philosophischen  Lehrer  Schelling  hielt  er  allezeit  in  höchsten  Ehren.
„Schelling  der  große  Philosoph“,  so  ließ  er  auf  den  Sockel  des  Denkmals
schreiben,  welches  er  ihm  in  München  errichtete.  Ein  dritter  Meister  und
Lehrer  des  Kronprinzen  war  Leopold  Ranke,  der  sich  trotz  vorschreitenden
Alters  auf  der  Höhe  seines  Wirkens  hielt.  Erschien  ein  neues  Werk  von  Ranke,
so  mußte  es  alsbald  und  von  Anfang  bis  zum  Ende  gelesen  werden,  auch  wenn
die  Zeit  des  Königs  gerade  knapp  bemessen  war  oder  der  Inhalt  des  Buches
seinen  Studien  fern  lag.  Er  wollte  den  Arbeiter  ehren,  indem  er  mitarbeitete,
den  Meister,  indem  er  von  ihm  lernte.  Dies  war  sein  oft  ausgesprochener
und  betätigter  Grundsatz.

In  dem  letzten  Lebensabschnitte  des  Königs  ist  diese  Ehre  des  Mitarbeitens
und  Lernens  wohl  keinem  unmittelbarer  zuteil  geworden  als  Liebig.  Poesie,
Philosophie  und  Geschichte  hatten  dem  Könige  seit  den  Jünglingsjahren  nahe
gelegen,  auf  ihrem  Gebicte  fühlte  er  sich  heimisch;  die  Naturwissenschaft,  namentlich
  nach  ihrer  exakten  Methode,  stand  ihm  fern.  Allein  er  ahnte  die  umbildende
theoretische  Macht  dieser  modernen  Wissensgruppe  und  erkannte  wohl  noch
klarer  ihren  praktischen  Einfluß  auf  das  ganze  Volksleben.  Darum  berief  er
nicht  nur  den  berühmtesten  deutschen  Forscher  an  die  Münchener  Hochschule,
sondern  er  zog  ihn  auch  persönlich  in  seine  Nähe  um  einige  Anschauung  der
neuen  und  fremden  Disziplin  zu  gewinnen  und  genügendes  Verständnis  ihrer
Anwendung  auf  die  Bedürfnisse  des  Lebens.  Die  naturwissenschaftlichen  Gespräche
  und  Vorträge  in  dem  gelehrten  Freundeskreise  des  Königs,  woran

1)  Kulturgeschichtliche  Charakterköpfe,  S.  175  ff.  Stuttgart  1899,  Cotta'sche
Nachfolger.
        <pb n="495" />
        102.  König  Maximilian  II  von  Bayern.  483

neben  Liebig  später  auch  der  Physiker  Jolly,  der  Anatom  Bischoff  und  andere
teilnahmen,  boten  für  den  Beobachter  des  Fürsten  ein  ganz  besonderes  Interesse.
Ich  habe  niemand  gekannt,  der  gleich  ehrlich  die  Lücken  seines  Wissens  und
die  Mühsal  seiner  Erkenntnis  eingestanden  hätte.

Mancher  Fürst  wähnt,  als  Prinz  habe  er  zwar  offenkundig  lernen  dürfen,
nach  der  Thronbesteigung  hingegen  heische  es  der  Nimbus  der  Majestät,  daß
er  vor  dritten  immer  nur  als  Wissender  erscheine  und  also  höchstens  noch
heimlich  nachlerne.  Und  vielleicht  hat  aus  diesem  Grunde  manches  gekrönte
Haupt  niemals  nachgelernt,  was  es  ungekrönt  zu  lernen  versäumte.  Von
Maximilian  II.  konnte  man  umgekehrt  sagen,  daß  er  als  König  noch  offener
und  eifriger  an  seiner  Fortbildung  arbeitete  denn  als  Kronprinz.  Schickte  er
doch  sogar  noch  im  Sommer  1854  einen  Stenographen  in  das  Kollegium  eines
Münchener  Professors,  dessen  Gegenstand  ihn  besonders  anzog,  um  sich  das
vollständige  Heft  zur  Herbstlektüre  nach  Hohenschwangau  mitzunehmen.

Der  Trieb  des  reinen  Forschers,  welcher  den  Gelehrten  macht,  führte
ihn  nicht  zur  Wissenschaft,  sondern  die  Erkenntnis,  daß  universellste  Bildung
dem  modernen  Fürsten  unerläßlich  sei.  Er  lernte  aber  auch  keineswegs  um
seiner  selbst  willen,  sondern  viel  mehr  noch,  weil  er  sein  Volk  zum  Lernen
drängen  wollte.  Sein  großer  Lebensplan  war:  Das  bayerische  Volk  durch
freie  Bildung  höher  zu  heben.

Ich  berühre  hier  eine  Schranke  in  der  Natur  des  Königs  und  will  meine
ehrliche  Überzeugung  noch  weiter  aussprechen.

König  Max  war  ein  rezeptives,  kein  schöpferisches  Talent;  ein  gesund
begabter,  kein  hochbegabter  Geist.  Sein  Vater,  der  alte  König  Ludwig,  überragte
  ihn  an  sprühender,  zündender  Geisteskraft;  er  überragte  den  Vater  —
als  Charakter.  Die  Bildung  des  Vaters  war  originaler,  autochthoner;  die
Bildung  des  Sohnes  harmonischer.  Die  Größe  des  Sohnes  quoll  darum  nicht,
wie  beim  Vater,  aus  der  Hingabe  an  die  Inspirationen  seines  Genius,  sondern
gegenteils  aus  dem  steten  pflichttreuen  Kampfe  mit  sich  selbst,  aus  der  Selbstbezwingung,
  die  ihn  zur  Leidenschaft  des  Lernens  führte  und  die  sich  ebensogut
  in  den  traulich-ernsten  Unterhaltungen  mit  seinen  Poeten  und  Gelehrten
aussprach  wie  in  dem  späteren  Umschwunge  seiner  Regierungspolitik.  Als  die
politische  Welt  im  Jahre  1848  sich  ganz  anders  drehte,  wie  König  Ludwig  I.
erstrebt  und  erwartet  hatte,  da  konnte  dieser  eigenherrische  Geist  nicht  weiter
mitgehen  und  sprach:  „Ich  will  nicht  länger  König  sein!“  Als  dagegen  König
Max  im  Jahre  1859  eine  Krisis  der  inneren  Politik  Bayerns  hereinbrechen
sah,  die  seinem  Dichten  und  Trachten  kaum  minder  widerstrebte,  zwang  er  sich
zum  Frieden  mit  seinem  Volke,  er  suchte  politisch  von  vorn  zu  lernen  und
wurde  nun  erst  recht  König.

Der  König  lernte  aus  Büchern,  aber  weit  lieber  noch  im  persönlichen
Umgange  mit  Männern  der  Literatur  und  Wissenschaft.  Diesen  Umgang  wußte
er  in  ganz  eigener  Weise  zu  organisieren.

31“
        <pb n="496" />
        484  102.  König  Maximilian  II.  von  Bayern.

Anfangs  sprach  man  nur  von  dem  „Dichterkreise“",  welchen  der  König
allwöchentlich  einmal  zum  Souper  und  Billard  bei  sich  versammele.  In  der
Tat  überwog  von  1853—55  das  poetisch-literarische  Interesse.  Der  Mann,
welchem  neben  der  königlichen  Initiative  das  Verdienst  der  ersten  Anregung
und  Organisation  dieser  Zusammenkünfte  gebührt,  Dönniges,  war  Diplomat,
Gelehrter  und  Poet  zumal;  Geibel,  der  nicht  bloß  durch  seine  Verse  sondern  auch
durch  seine  Persönlichkeit  die  besondere  Zuneigung  des  Königs  gewann,  entwarf
und  leitete  meist  das  poetische  Programm  des  Abends,  Heyse,  Schack,  Bodenstedt
kamen  hinzu,  Kobell,  Pocci,  Thiersch  vertraten  das  ältere  Münchener  Element.

Schon  um  die  Räume,  wo  wir  uns  versammelten,  wob  sich  der  Zauber
der  Poesie.  Durch  seit  Jahren  unbenutzte  Prunkzimmer  eines  Seitenflügels
gelangte  man  in  ein  schönes,  reiches  Rokokogemach  aus  der  kurfürstlichen  Zeit,
dessen  Wände  mit  alten  Historienbildern,  Porträts  und  Landschaften,  gleich  einer
Gemäldegalerie,  bedeckt  waren;  ein  völlig  einsamer,  stiller  Raum,  der,  wie  der
Überrest  eines  längst  verlassenen  Schlosses,  mitten  in  dem  belebten  modernen
Residenzschlosse  geborgen  lag.  Hier  stand  der  einfache  Tisch  mit  der  grünen
Lampe,  um  welchen  wir  so  manchen  Abend  saßen,  in  ernste  Gespräche  vertieft,
oft  auch  erregt  in  stürmischer  Debatte.  Dem  König  zur  Rechten  saß  allezeit
Liebig,  zur  Linken  Geibel.  Ein  an  das  Zimmer  unserer  Tafelrunde  anstoßender
kleiner  Saal  im  style  de  l’empire  aus  der  Zeit  Max  Josephs  enthielt  das
Billard,  auf  welchem  wir  nachgehends  eine  oder  zwei  Partien  spielten  um  dann
zum  Anhören  eines  Gedichtes  und  zum  Abendessen  noch  einmal  in  das  Rokokozimmer
  zurückzukehren.  Ein  Thronhimmel  an  der  Wand,  dem  aber  der  Thron
und  die  übrige  ebenbürtige  Ausstattung  des  Raumes  fehlten,  zeigte  an,  daß
dieser  Billardsaal  früher  vornehmeren  Zwecken  gedient  hatte.  Wie  der  König
erzählte,  war  er  selber  hier  getauft  worden  und  er  erklärte  es  für  ein  bedeutsames
Omen,  daß  Platen  bei  seiner  Taufe  als  Page  fungiert  habe.

Vor  allen  Künsten  liebte  er  nicht  nur  die  Poesie  zumeist,  er  übte  sie
auch  und  trug  sich  mit  dem  Gedanken  seine  Gedichte  drucken  zu  lassen.  Als
ihm  jedoch  Geibel,  dem  er  dieselben  zur  vorläufigen  Kritik  übergeben,  davon
abriet,  legte  er  sie  ruhig  wieder  in  das  Pult  mit  jener  Selbstbescheidung,  welche
ihm  durchweg  eignete.

Es  war  durchaus  bedeutsam,  daß  der  König  mit  den  Poeten  anfing  und
mit  den  gelehrten  Spezialisten  schloß.  Der  „Dichterkreis“  war  die  Ouvertüre,
die  „Historische  Kommission“  das  Finale.  Nur  auf  diesem  Wege  konnte  der
Fürst  zu  seinem  universellen  Wirken  kommen,  auf  dem  umgekehrten  wäre  er
selbst  im  gelehrten  Spezialismus  stecken  geblieben;  für  einzelne  Forschungen
hätte  er  vielleicht  mehr  geleistet,  für  den  geistigen  Umschwung  seines  Volkes
ohne  Zweifel  weniger.  Seit  länger  als  einem  Jahrhundert  hat  die  deutsche
Wissenschaft  immer  in  nächster  Fühlung  mit  der  Kunst,  insbesondere  mit  der
Poesie  gestanden,  und  der  wissenschaftliche  Geist  unserer  besten  Dichter,  der
künstlerische  unserer  größten  Gelehrten  bedingt  den  eigentümlichsten  Glanz  unserer
        <pb n="497" />
        102.  König  Maximilian  II.  von  Bayern.  485

Nationalliteratur.  Ob  der  König  dies  klar  erkannte,  ob  er  es  bloß  ahnte?
Ich  weiß  es  nicht.  Jedenfalls  handelte  er  demgemäß.

Ubrigens  hatten  die  gesellig  heiteren  Zusammenkünfte  des  Dichterkreises
schon  frühe  einen  lehrhaften  Anstrich.  Mit  dem  Vortrage  der  eigenen  neuesten
Arbeiten  wechselten  planvoll  geordnete  Proben  aus  der  Weltliteratur  aller
Zeiten  und  die  kritische  und  kunsthistorische  Debatte  ergab  sich  dann  von  selbst.

Nun  war  aber  schon  durch  Liebig  ein  rein  wissenschaftliches  Element  in
den  Dichterkreis  gekommen,  andere  Gelehrte  wurden  gleichfalls  als  Stammgäste
geladen  und  so  bildete  sich  —  seit  1855  —  der  Dichterkreis  unvermerkt  in
einen  Gelehrtenkreis  um.  Die  Dichter  fehlten  zwar  niemals  und  ein  Gedicht
gab  dem  Abende  auch  fürderhin  seinen  künstlerischen  Schmuck  und  Abschluß.
Allein  die  Wissenschaft  gewann  denn  doch  die  Vorhand,  ja  nicht  selten  leitete
sie  uns  von  der  Theorie  zur  Praxis,  zur  Erörterung  politischer,  sozialer,
religiöser  Fragen  des  Tages.  Wir  selbst  begannen  unsere  Tafelrunde  um  diese
Zeit  nicht  mehr  den  Dichterkreis,  sondern  das  „Symposion“)  zu  nennen;

1)  „Die  Symposien  folgten  einander  schon  in  kurzen  Zwischenräumen  weniger  Tage.
Der  König  schien  großes  Gefallen  daran  zu  finden  und  brachte  immer  neue  Fragen  aufs
Tapet,  über  die  er  zunächst  den  gerade  Sachverständigsten  unter  uns  zu  hören  wünschte.
Doch  verliefen  die  späteren  Abende  nicht  ganz  wie  die  ersten.  Mehr  und  mehr  wurde  es
Brauch,  daß  in  der  ersten  Stunde  ein  wissenschaftliches  Thema  aus  den  verschiedensten  Gebieten
durchgesprochen  wurde,  ein  naturwissenschaftliches  oder  ästhetische  und  literarhistorische,  dann
vorwiegend  soziale  und  völkerpsychologische  Probleme.  Hierauf  erhob  sich  der  König  und
ging  in  das  Billardzimmer  voran,  wo  eine  Partie  Boule  gespielt  wurde,  während  deren  er
einen  oder  den  anderen  in  eine  Fensternische  zog  und  mit  ihm  besprach,  was  im  Angendlicke
ihn  beschäftigte.  War  dies  beendet,  so  verfügte  man  sich  wieder  an  den  langen  Tisch  und  nun
hatten  die  Dichter  das  Wort,  die  sorgen  mußten,  daß  immer  etwas  zum  Vorlesen  bereit  war.

So  verklang  der  Abend  nach  manchen,  oft  stürmischen  Debatten  tönereich  und  harmonisch
und  man  blieb,  wenn  die  Majestät  sich  zurückgezogen  hatte,  in  heiterer  Stimmung  beisammen.
Was  diesen  Abenden  einen  besonderen  Reiz  und  Wert  verlieh,  war  die  unbedingte  Redefreiheit,
  die  zuweilen  sogar  in  sehr  unhösischem  Maße  an  die  Grenze  des  Zanks  sich  verirrte.
  Hatte  man  in  der  Hite  des  Gefechts  dann  vergessen,  daß  die  Gegenwart  des  Königs
doch  einige  Rücksicht  erheischte,  und  hielt  plötzlich  inne  mit  einer  Entschuldigung,  daß  man
sich  zu  weit  habe  fortreißen  lassen,  so  bemerkte  der  König  mit  freundlichem  Lächeln:  Ich
bitte  sich  ja  keinen  Zwang  anzutun.  Ich  habe  nichts  lieber,  als  wenn  die  Geister  aufeinander
  platzen“.

Als  es  tiefer  in  den  Sommer  hineinging,  wurden  die  Symposiasten  nach  Nymphenburg
  geladen,  in  die  reizenden  Rokokosäle  der  Amalienburg  und  Badenburg,  wo  man,  wenn
man  nicht  gerade  das  Protokoll  zu  führen  hatte,  die  Augen  zu  der  offenen  Flügeltür  hinaus.
über  den  kleinen  See  schweifen  lassen  und  sich  an  der  glänzenden  Sternennacht  erquicken  konnte.

So  sehr  war  der  König  von  der  Wichtigkeit  dieser  Abendunterhaltungen  durchdrungen,
  daß  er,  so  gütig  er  sonst  sich  mir  bewies,  meine  Bitte  einige  Tage  vor  dem
Schluß  der  damaligen  Symposien  entlassen  zu  werden  nicht  gewährte.  Ich  erhielt  nicht
eher  Urlaub,  als  bis  ich  die  Reinschrift  des  letzten  Protokolls  in  der  Kabinettskanzlei  abgeliefert
  hatte.“

Paul  Heyse,  „Jugenderinnerungen  und  Bekenntnisse.“  V.  König  Max  und  das  alte
München.  S.  230  ff.  Berlin  1900.
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        486  102.  König  Maximilian  II.  von  Bayern.

offiziell  und  im  Munde  des  Königs  hatte  sie  gar  keinen  Namen  die  Einladungen
lauteten:  „zum  Billard“.

Ich  bezeichne  aber  diese  zweite  Periode,  welche  unter  der  Hand  aus  der
rein  poetischen  hervorgewachsen  war,  als  die  enzyklopädische;  das  Wort  paßt  dann
nicht  bloß  auf  unsere  Zusammenkünfte  sondern  auch  auf  die  ganze  Kulturpolitik,
wie  sie  der  König  in  den  Jahren  1855—59  energischer  und  selbständiger  als
je  zuvor  und  hernach  entwickelte,  ja  mit  einer  drängenden  Hast,  als  fühle  er.
daß  ihm  nur  noch  kurze  Frist  vergönnt  sei.  Die  Hauptwerkstätte  seiner  mannigfachen
  Bildungspläne  war  in  jenen  vier  Jahren,  aber  auch  nur  damals,  ohne
Zweifel  das  Symposion.

Der  Kreis  der  geladenen  Gäste  erweiterte  sich  und  die  sehr  verschiedenartigen
  Persönlichkeiten  stellten  für  sich  schon  eine  kleine  Enzyklopädie  dar.
Aus  der  bunten  Reihe  erwähne  ich  neben  den  stammhaltenden  Dichtern  Geibel,
Heyse,  Schack,  Bodenstedt,  Kobell  und  meiner  Person  die  Gelehrten  Liebig,
Bischoff,  Jolly,  Thiersch,  Sybel,  Löher,  Bluntschli,  Dollmann,  Carriere,  Gietl,
Windscheid,  Siebold,  Pettenkofer,  Cornelius,  Hermann,  Ringseis,  Schafhäutl
und  die  Künstler  Kaulbach,  Piloty,  Klenze,  Adam  u.  a.,  wobei  nicht  vergessen
werden  darf,  daß  auch  unter  den  Kavalieren  des  königlichen  Dienstes  Männer
sich  fanden,  die,  wie  von  der  Tann  und  Spruner,  an  den  wissenschaftlichen  Aufgaben
  des  Abends  ebenso  berufen  als  eifrig  teilnahmen.  Bei  der  Zahl  der
Vorgenannten  ist  aber  dann  doch  wieder  ein  engerer  und  ein  weiterer  Ring
zu  unterscheiden:  regelmäßige  Gäste,  oder  richtiger  mitarbeitende  Gäste,  auf
welche  bei  den  Vorträgen  und  den  nachfolgenden  privaten  Beratungen  des
Königs  gezählt  wurde,  und  Ehrengäste,  die  ab  und  zu  einmal  gebeten  waren.
Ich  habe  bei  meiner  Aufzählung  die  ersteren  vorangestellt.  Meistens  waren
wir  unser  12,  selten  mehr;  13  durften  es  niemals  sein,  der  König  fürchtete
die  verhängnisvolle  Zahl.  Als  einmal  in  Hohenschwangan,  trotz  aller  Vorkehr,
dennoch  der  dreizehnte  Mann  durch  Zufall  an  den  Tisch  kam,  mußte,  einer  der
Adjutanten  an  einem  der  kleinen  Tischchen  in  der  Ecke  Platz  nehmen.  Wir
nannten  dies  „am  Altar  des  Aberglaubens  essen“.

Methodisch  in  allen  Dingen,  brachte  der  König  auch  eine  Art  Geschäftsordnung
  in  das  enzyklopädische  Symposion.  Er  gliederte  den  Abend  in  zwei
Teile,  ich  möchte  sagen  in  einen  theoretischen  und  einen  praktischen.  Der  zweite
war  wichtiger  als  der  erste,  aber  wer  nicht  zu  den  Eingeweihten  zählte,  wer  nur
gelegentlich  einmal  als  Ehrengast  erschien,  der  merkte  gar  nicht,  was  alles  im
zweiten  Teile  vorging  und  entschieden  wurde.  Der  eine  Akt  spielte  in  dem
Rokokozimmer,  wo  wir  bei  einem  kleinen  Imbiß  und  nachher  der  Zigarre
—  dem  modernen  Symbol  der  ausgleichenden  Vertraulichkeit  —  versammelt
saßen  um  einen  Vortrag  anzuhören  und  das  Thema  im  allgemeinen  Gespräch
weiter  zu  erörtern,  der  andere  Akt  im  Billardsaale.  Hier  bildeten  sich  Gruppen
während  der  Pausen  des  Spieles,  man  ging  auf  und  ab  und  der  König  sprach
mit  einzelnen  unter  vier  Augen.  Er  beriet  sich  über  seine  Pläne,  gab  und
        <pb n="499" />
        102.  König  Maximilian  II.  von  Bayern.  487

entwarf  Aufträge  und  nahm  mündliche  Berichte  über  den  Fortgang  der  von
ihm  angeregten  Arbeiten  entgegen.  Dazu  konnte  man  bei  dieser  Gelegenheit
auch  unaufgefordert  ein  offenes  Wort  mit  ihm  reden.  Fremde,  welche  sich
über  die  langen  Spielpausen  wunderten,  merkten  es  freilich  nicht,  daß  inzwischen
vielleicht  ein  weittragendes  Unternehmen  beredet  und  beschlossen  worden  war,
wenn  der  König  endlich  ein  paar  Worte  in  sein  kleines  Notizbuch  schrieb  oder
sich  auch  kurzweg  einen  Knopf  zu  mehreren  bereits  vorhandenen  Knöpfen  ins
Taschentuch  machte  um  dann  wieder  unter  die  seiner  Kugel  harrenden  Billardspieler
  zurückzukehren.

Ganz  im  Einklange  mit  seiner  methodischen  Art  sah  er  in  jedem  von  uns
den  Vertreter  eines  besonderen  Faches  und  praktischen  Erfolg  hatte  fast  allezeit
nur,  was  der  einzelne  aus  dem  Gebiete  dieses  Faches,  gefragt  oder  ungefragt,
vorbrachte.  Wohl  hörte  er  uns  mitunter  auch  gerne  über  Dinge  reden,  die
wir  nicht  gerade  aus  der  Schublade  unseres  „Faches“  holten,  aber  das  Notizbuch
  hat  er  dann  kaum  jemals  hervorgezogen,  ja  nicht  einmal  das  Taschentuch.
  Was  der  einzelne  je  aus  seinem  Fachkreise  mitteilte,  das  schien  ihm
beachtenswert,  was  er  etwa  darüber  hinaus  vortrug,  und  wäre  es  auch  noch
so  originell  und  bedeutsam  gewesen,  flüchtige  Unterhaltung.  Das  Symposion
als  Ganzes  war  enzyklopädisch  und  der  König,  welcher  unsere  Verhandlungen
an  kaum  merkbaren  Fäden  sicher  leitete,  die  Enzyklopädie  in  Person;  aber
der  einzelne  unter  uns  sollte  beileibe  kein  Enzyklopädist  sein.

Außerst  empfindlich  wurde  der  König  berührt,  sowie  er  merkte,  daß
irgend  jemand  persönliche  Ziele  anstrebte  oder  überhaupt  auch  sachlich  einen
dominierenden  Einfluß  üben  wollte.  Seine  Person  vordrängen  war  das  sicherste
Mittel  um  von  ihm  zurückgeschoben  zu  werden,  ja  selbst  die  beste  Sache,  welcher
man  dabei  etwa  dienen  wollte,  zu  verderben.

König  Max  fürchtete  sich  argwöhnisch  vor  allem  Günstlingswesen.  Wer
daher  seine  Freundschaft  —  ich  sage  absichtlich  nicht  seine  „Gunst“  —  dauernd  zu
bewahren  wünschte,  der  mußte  warten,  bis  er  gefragt  wurde,  dann  aber  ehrlich
und  geradeaus  antworten,  gleichviel  ob  er  angenehme  oder  unangenehme  Wahrheiten
  zu  sagen  hatte;  er  mußte  den  Umgang  mit  dem  Könige  durchaus  betrachten
wie  den  Umgang  mit  einem  hochgeachteten  Privatmanne,  wobei  das  Vergnügen
und  die  gegenseitige  geistige  Frucht  des  Verkehrs  das  einzige  Ziel  ist  und  der
einzige  Lohn.  Auch  der  König  faßte  den  geselligen  Umgang  mit  seinen  Freunden,
sei  es  an  den  Münchener  Abenden  oder  auf  der  Jagd  und  Reise,  durchaus  im
Geiste  des  liebenswürdigen  Wirtes  auf;  das  bekundete  seine  ganze  Haltung,  das
bezeugten  aber  auch  seine  ausdrücklichen  Worte:  er  ließ  niemals  merken,  als  wolle
er  uns  eine  Gunst  oder  Ehre  erweisen,  dagegen  dankte  er  uns  um  so  anmutiger
für  unsere  Ausdauer  und  frische  Teilnahme.  Das  war  denn  freilich  die  feinste
Gunst  und  Ehre  und  er  hatte  ein  Recht  zu  erwarten,  daß  wir  dieselbe  mit  gleichem
Zartgefühl  erwiderten  und  uns  allen  vordringlichen  Wesens,  aller  eigennützigen
Wünsche  und  Pläne  sowohl  ihm  selbst  gegenüber  wie  nach  außen  streng  enthielten.
        <pb n="500" />
        488  103.  Eine  Fußreise  mit  König  Max  II.

Der  König  war  karg  mit  seinem  Lobe;  er  erwartete  aber  auch  von  uns
keine  Schmeicheleien.  Jener  literarische  Kreis  zählte  Männer  genug,  welche
ihn  in  der  Presse  laut  hätten  lobpreisen  können  und  die,  was  mehr  ist,  auch
Geist  und  Geschick  besessen  hätten,  ihn  geschmackvoll  zu  preisen.  Keiner  von
uns  hat  das  getan  und  der  König  würde  es  auch  von  keinem  begehrt  haben.
Das  hätte  auch  dem  ganzen  Wesen  unseres  gegenseitigen  Verhältnisses  widersprochen:
  einen  Gönner  mag  man  öffentlich  rühmen,  einen  treuen  Freund
rühmt  man  nur  in  der  Stille.

Die  historische  Gestalt  dieses  so  originalen  und  doch  so  zart  und  gemischt
organisierten  Fürsten  läßt  sich  in  folgeüden  kurzen  Worten  plastisch  skizzieren:

König  Maximilian  förderte  und  ehrte  Kunst  und  Wissenschaft,  indem  er
mit  Künstlern  und  Gelehrten  arbeitete  und  lernte.  Die  Aristokratie  des  Geistes
stand  ihm  höher  als  die  Geburtsaristokratie.  Seiner  Natur  nach  ein  humaner,
ausgeklärter  Absolutist,  regierte  er  verfassungstreu  und  wurde  zuletzt  ein  freisinnig-konstitutioneller
  Monarch  aus  Pflichtgefühl  und  Rechtssinn.  Er  zeigte
die  Liebe  zu  seinem  Volke,  indem  er  es  mit  rastloser  Hingabe  studierte  und
förderte  und  den  eigenen  Frieden  an  den  Frieden  mit  seinem  Volke  setzte.
König  Max  war  nicht  der  letzten  einer  unter  den  eifrigen  Hütern  des  guten
deutschen  Geistes  in  schwüler  Zeit.  Und  wenn  sich  das  bayerische  Volk  in  den
schwersten  Stunden  des  Jahres  1870  als  echt,  treu  und  deutsch  erprobt  hat,
wenn  jetzt  ein  ganz  anderer  Geist  im  Lande  weht  als  vor  Jahrzehnten,  wenn
Bayerns  Volk  und  Staat  im  neuen  Deutschen  Reiche  eine  würdigere  und  bedeutendere
  Rolle  gewonnen  haben  als  jemals  im  alten  Deutschen  Bunde,  dann
vergesse  man  angesichts  alles  dessen  nicht,  daß  König  Max  es  war,  der  mit
redlicher,  mühevoller  Arbeit  zu  solchen  Früchten  den  Boden  bereiten  half.

103.  Eine  Fußreise  mit  König  Max  II.
Von  Wilhelm  Heinrich  Riehl.)

Es  war  am  4.  März  1864,  als  König  Max  von  Bayern  die  gelehrte
Tafelrunde  des  sogenannten  „Symposions“  nach  längerer  Pause  wieder  einmal
  bei  sich  versammelt  sah.  In  altgewohnter  Weise  hatten  wir  zuerst  in
dem  traulichen,  bildergeschmückten  Rokokosaale  der  „grünen  Galerie“  beim  einfachsten
  Abendbrot  und  dampfender  Zigarre  den  Vortrag  eines  poetischen  Fragmentes
  angehört  und  von  literarischen  Dingen  gesprochen,  bis  ein  Wink  des
Königs  das  Zeichen  zum  Aufstehen  gab  und  wir  uns  in  das  anstoßende
Zimmer  zum  Billard  verfügten.

Wir  spielten  meist  sehr  lässig;  denn  das  Spiel  sollte  mehr  nur  den  Anlaß
  bieten  uns  freier  zu  bewegen  und  in  Gruppen  zu  unterhalten  und  der
König  liebte  es,  während  der  oft  äußerst  langen  Pausen  mit  dem  einen  oder

1)  Kulturgeschichtliche  Charakterköpfe,  S.  245.  Stuttgart  18997,  Cotta.
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        103.  Eine  Fußreise  mit  König  Max  II.  489

anderen  auf  und  ab  zu  gehen  und  unter  vier  Augen  seine  wissenschaftlichen
und  künstlerischen  Pläne  zu  besprechen.  So  ist  bei  diesem  Billard  im  Laufe
der  Jahre  viel  Schönes  und  Bedeutsames  angeregt  und  beschlossen  worden.

Die  Partie  war  ausgespielt,  als  der  König  am  Abende  jenes  4.  März
noch  einmal  in  unseren  größeren  Kreis  trat  und  mit  lebhaften  Worten  einer
Reise  gedachte,  welche  er  im  Sommer  1858  gemacht  hatte,  vom  Bodensee  quer
durch  den  Bregenzer  Wald,  die  Algäuer  und  Bayerischen  Alpen  sowie  die  angrenzenden
  Tiroler  Täler  nach  Berchtesgaden  —  einer  langen  Reise  bei  kurzem
Wege;  denn  es  wurden  Seitenausflüge  nach  rechts  und  links  eingeschoben,
Berge  bestiegen  und  ausgiebige  Rasttage  an  besonders  fesselnden  Orten  gehalten,
  so  daß  die  kleine  Karawane  gegen  sechs  Wochen  unterwegs  war.

Mit  fast  wehmütiger  Freude  redete  der  König  von  jenen  Tagen  und
erklärte,  das  sei  seine  vergnügteste  Reise  gewesen,  nie  habe  er  sich  unterwegs
so  frei,  frisch  und  heiter  gefühlt  wie  damals.  Ich  hatte  die  Reise  mitgemacht
und  nach  meiner  Gewohnheit  ein  Tagebuch  geführt,  wovon  der  König  wohl
wußte.  Jetzt  entsann  er  sich  dessen  und  fragte,  ob  ich  ihm  nicht  eine  Abschrift
oder  einen  Auszug  geben  möchte,  da  er  auf  der  Gemsjagd  im  kommenden
Herbste  unseren  damaligen  Weg  auf  gar  manchen  Punkten  kreuzen  werde  und
dann  in  frischester  Erinnerung  Momente  jener  schönen  Zeit  noch  einmal  nachleben
  wolle.

Ich  versprach  eine  treue  Federzeichnung  unserer  bunten  Wandererlebnisse.
Dieses  Versprechen  war  das  letzte  Wort,  welches  ich  mit  dem  edlen  Fürsten
geredet  habe.  Unmittelbar  nachher  verabschiedete  er  sich,  rascher  und  plötzlicher,
als  er  sonst  pflegte,  nach  —  sechs  Tagen  war  er  gestorben.  —

Maximilian  II.  ist  bereits  eine  historische  Gestalt  geworden,  deren  vortreffliche
  und  liebenswürdige  Züge  man  warm  und  dankbar  darstellen  darf
ohne  den  Schein  der  Schmeichelei.  Die  Pietät  gab  mir  die  Feder  in  die  Hand,
die  echte  Pietät  aber  ringt  vor  allem  nach  ungefärbter  Wahrheit.  —

Die  Reisegesellschaft  des  Königs  bestand  aus  drei  Kavalieren  seines
Dienstes:  dem  General  von  der  Tann  als  Reisemarschall,  dem  Obersten  Graf
Pappenheim  und  dem  Hauptmann  Baron  Leonrod,  dann  aus  vier  Gästen:
dem  Grafen  Ricciardelli,  Franz  von  Kobell,  Friedrich  Bodenstedt  und  dem
Schreiber  dieser  Zeilen.  —

Der  originelle  Charakter  unserer  „Fußreise“  spiegelt  sich  vielleicht  am
schärfsten  in  einer  Skizze  unserer  Reisestrapazen.  Denn  Mühsal  und  Genuß,
Zwang  und  Freiheit,  Entbehrung  und  Überfluß  reichten  sich  fortwährend  in
abenteuerlichstem  Wechsel  die  Hand.  Es  herrschte  überhaupt  der  Reiz  der
Gegensätze.

Die  größte  körperliche  Ausdauer  von  uns  allen  bewies  der  König.  Ihm
war  kein  Weg  zu  weit,  kein  Wetter  zu  schlecht  und  nach  seinem  Sinne  hätten
wir  unsere  Reise  noch  wenigstens  zwei  Wochen  lang  durch  die  Tiroler  und
Salzburger  Täler  fortsetzen  sollen,  als  wir  anderen  schon  allesamt  froh  waren
        <pb n="502" />
        490  103.  Eine  Fußreise  mit  König  Max  II.

demnächst  Berchtesgaden  zu  erreichen  und  uns  dort  gründlich  zu  erholen  und
auszuruhen.

König  Max  konnte  die  Stubenluft  nicht  ertragen;  in  der  schwülen
Atmosphäre  des  höfischen  Repräsentationslebens  fühlte  er  sich  leidend;  auf
der  Jagd,  auf  der  Reise  hingegen  kehrten  ihm  Frische  und  Kraft  zurück.  Wer
ihn  darum  bloß  in  seiner  Residenz  sah,  der  ahnte  jene  schwache  Konstitution,
welche  leider  so  frühen  Tod  herbeiführte;  wer  ihn  hingegen  bloß  draußen  in
den  Bergen  beobachtete,  der  würde  dem  rüstigen  Weidmann  noch  ein  langes
Leben  prophezeit  haben.  —

Der  König  wußte  guten  Bescheid  in  seinem  Lande  und  ganz  besonders
war  er  mit  den  Ortlichkeiten  und  Volkszuständen  des  Hochgebirgs  vertraut.
Da  „kannte  er  sich  aus“,  wie  die  Bayern  sagen.  Unterwegs  wollte  er  aber
nicht  bloß  aus  den  Büchern  und  Akten,  die  wir  mitführten,  sich  noch  immer
genauer  über  die  Gegend  unterrichten:  er  wollte  auch  aus  dem  Munde  des
Volkes  lernen.  Und  manche  Kenntnis,  die  er  so  gewann,  führte  rasch  zur
fördernden  Tat.  „Ich  muß  studieren  um  zu  regieren“  war  sein  oft  wiederholter
  Wahlspruch.  —

Wir  waren  zum  Höllental  an  der  Zugspitze  hinaufgestiegen.  Dort  spannte
sich  ein  Steg,  aus  alten  mächtigen  Stämmen  gefügt,  wie  sie  jetzt  nicht  mehr
auf  diesen  Höhen  wachsen,  über  die  wohl  50  Fuß  breite  und  mehrere  100  Fuß
tiefe  Felsenschlucht.  Allein  die  alten  Balken  waren  vermorscht  und  eine
Warnungstafel  verbot  das  Beschreiten  des  baufälligen  Steges  bei  Strafe.
„Königliches  Landgericht  Werdenfels“  stand  mit  großen  Buchstaben  unter  dem
Verbot.  Der  König  hatte  das  gelesen;  trotzdem  gelüstete  es  ihn  in  hohem
Grade  über  oder  wenigstens  auf  den  Steg  zu  gehen;  denn  der  Blick  von
dort  in  die  Tiefe  mußte  grauenhaft  schön  sein  und  überdies  lagen  unten  die
Trümmer  einer  Lawine,  welche  wir  vom  diesseitigen  Rande  des  Abgrundes
nicht  erblicken  konnten.

Nun  hatte  einer  der  Führer  das  Wort  fallen  lassen,  man  könnte  sich
wohl  bis  zur  Mitte  des  Steges  wagen,  wenn  einer  hinter  dem  anderen
gehe  und  jeder  sich  genau  auf  dem  linken  Balken  halte.  Da  waren  denn  alle
unsere  Gegenreden  vergebens,  daß  der  König  sich  nicht  nutzlos  so  großer  Gefahr
  aussetzen  möge;  er  wollte  durchaus  die  Lawine  sehen  und  bestand  um
so  mehr  darauf,  als  er  ärgerlich  war  über  eine  andere  Lawine,  die,  nach  Anssage
  der  Jäger,  tags  vorher  weiter  oben  niedergegangen  sein  sollte  und  unseren
Plan  vereitelt  hatte  den  Gipfel  der  Zugspitze  zu  besteigen.

Als  aber  alles  Zureden  und  Bitten  nichts  half,  deutete  einer  von  uns
auf  die  landgerichtliche  Tafel  und  sprach:  „In  Ew.  Majestät  Namen  ist  dieses
Verbot  erlassen,  die  Strafe  in  Ihrem  Namen  angedroht;  Sie  dürfen  Ihr
eigenes  Gesetz  nicht  mißachten!  Betreten  wir  den  Steg,  so  bricht  höchstens  der
Balken;  betreten  Sie  ihn,  so  bricht  Ihr  eigener  Rechtsboden  unter  Ew.  Mojestät
Füßen,  auch  wenn  der  Balken  hält."
        <pb n="503" />
        103.  Eine  Fußreise  mit  König  Max  II.  491

Der  König,  schon  mit  einem  Fuße  auf  dem  Steg,  stutzte,  sah  den  Sprecher
lächelnd  an  und  sagte:  „Sie  haben  recht!“  und  kehrte  augenblicklich  um.

Wir  lagerten  uns  ein  paar  Schritte  seitab  unter  einer  Buche,  durch
deren  grünes  Gezweig  Graf  Pappenheim  unsere  zusammengesteckten  Plaids
ganz  malerisch  zu  einer  Art  schattenden  Baldachins  schlang,  und  frühstückten
aus  der  Faust,  was  wir  eben  mitgebracht  hatten,  bei  heiterem  Plaudern.  Ich
konnte  aber  in  nachklingendem  Eindruck  der  Szene  am  Steg  den  freundlichen
Herrn,  der  seine  Erdbeeren  verzehrte,  nicht  ansehen  ohne  zu  denken:  Das  ist
ein  wirklicher  König!  Und  die  mit  Stecknadeln  zusammengehefteten  Plaids  waren
so  gut  ein  Thronhimmel  wie  irgend  ein  anderer  von  Sammet  und  Goldstoff.

Nach  den  Lebensjahren  war  der  König  keineswegs  der  Jüngste  unter
uns,  aber  in  einem  Stücke  fühlte  er  jugendlicher  als  wir  alle:  er  hatte  sich
eine  Begeisterung  für  die  reine  Naturschönheit,  für  die  landschaftliche  Poesie
bewahrt,  wie  sie  nur  dem  Jünglingsalter  eigen  zu  sein  pflegt.  Sonst  ein  durchaus
  moderner  Mensch,  erschien  er  in  dem  feinen  Auskosten  der  Lyrik  eines
anmutigen  Naturbildes  fast  wie  ein  Zeitgenosse  Höltys  oder  besser  Hölderlins.
Denn  er  liebte  es,  gleich  letzterem,  den  sinnlich  reizenden  Eindruck  durch  Gedankenbilder
  zu  beseelen.  Wie  häufig  sahen  wir  ihn  mit  dem  Buche  in  der
Hand  unter  einem  Baume  rasten,  indes  er  wechselnd  in  der  Landschaft  schwelgte
und  stimmungsverwandte  Verse  las!

Bei  einem  Abendspaziergang  im  Nymphenburger  Park  führte  er  mich
einmal  —  es  war  lange  vor  unserer  Gebirgsreise  —  zu  einer  mit  dichtem
Gehölz  bedeckten  Insel,  welche  in  einem  Kanal  zwischen  den  verwachsenen
Ufern  gar  lauschig  versteckt  liegt,  und  erzählte  mir,  die  stille  Schönheit  dieses
Eilandes  habe  ihn  als  Knaben  zu  seinem  ersten  Gedicht  verlockt.  Damals  sei
ihm  nämlich  der  unwiderstehliche  Wunsch  erwacht  die  Insel  souverän  zu  besitzen
  und  er  habe  sich  dann  Besitz  und  Herrschaft  in  Versen  von
seinem  Vater  erbeten.  Der  König  wie  der  Poet  war  zugleich  in  ihm  geweckt
worden  durch  die  schöne  Natur.  Ob  ihm  der  Vater  die  Bitte  gewährte?  Ich
entsinne  mich  dessen  nicht  mehr.

Aber  was  der  Prinz  als  Knabe  gewünscht,  das  schuf  er  sich  in  späteren
Jahren  doch,  geraume  Zeit  bevor  er  den  Thron  bestieg:  Hohenschwangau
ward  dem  jungen  Manne  die  Verwirklichung  jenes  kindlichen  Wunsches,  der
freie,  fürstliche  Herrschersitz  in  der  einsamen  Hochgebirgsnatur.

Wir  rasteten  auf  unserer  Reise  einige  Tage  auf  dieser  reizenden  Burg.
Als  ich  mit  dem  Könige  eine  Rundfahrt  durch  die  nächste  Umgebung  Hohenschwangaus
  machte,  gestand  er  freilich,  daß  er  dem  einsamen  Asyle  neuerdings
etwas  untreu  geworden  sei:  „Die  Waldstille,“  so  etwa  sagte  er,  „zog  mich
hieher,  ich  suchte  die  schweigende,  von  Menschen  unberührte  Natur.  Denn  in
unserer  Jugend  lockt  und  befriedigt  uns  das  traumhafte  Naturleben  voll  und
ganz.  In  reiferen  Jahren  aber  wollen  wir  Menschen  sehen,  wir  suchen  das
Walten  des  gegenwärtigen  Volkes  oder  die  Denkmale  der  Geschichte,  verklärt
        <pb n="504" />
        492  103.  Eine  Fußreise  mit  König  Max  IH.

und  gehoben  durch  die  Landschaft.  Und  während  uns  früher  die  Menschen
bloß  Staffage  waren,  die  Landschaft  Hauptbild,  wird  uns  späterhin  die  Landschaft
  Hintergrund  und  das  menschliche  Treiben  fesselt  uns  als  Hauptgruppe.
Darum  zieht  es  mich  jetzt  aus  Hohenschwangau,  der  einsamen  Ritterburg,  fast
allzu  häufig  zu  der  modernen  Villa  bei  Berchtesgaden,  wo  das  bunteste  Menschentreiben
  so  anmutig  Tal  und  Matten  belebt.“

lber  solche  Dinge  pflegte  der  König  sinnig  nachzudenken  und  fein  sich
auszusprechen.  —

König  Max  liebte  es  den  Cicerone  zu  machen,  den  Weg  zu  führen,
versteckte  Schönheiten,  die  er  früher  entdeckt,  anderen  zu  zeigen  und  sich  an
ihrer  Überraschung  zu  erfreuen.  Jeder  echte  Wanderer  hat  ein  Stück  von
dieser  Leidenschaft  des  Cicerone,  mag  er  nun  Landschaften,  Kunstwerken,  Altertümern
  nachgehen  oder  dem  gegenwärtigen  Volksleben,  und  wir  wandern  darum
jeden  fesselnden  Weg  am  liebsten  zweimal:  zuerst  allein  um  selbständig  zu  suchen
und  zu  finden  und  dann  mit  Freunden  um  ihnen  das  Gefundene  wie  unser
Eigentum  zu  zeigen.  Mehrmals  sagte  mir  der  König  unterwegs,  da  ich  in
meinen  Büchern  den  Wald  so  kräftig  verteidigt  habe,  so  wolle  er  mich  nun
auch  selbst  durch  seine  Wälder  führen  und  mir  ihre  heimliche  Pracht  entdecken.

Bei  einem  Nachtlager  auf  dem  Brunnenkopf  hatten  wir  uns  abends  in
den  nahen  Wald  zerstreut;  der  König  war  arbeitend  in  dem  Jägerhäuschen
zurückgeblieben,  wo  ihn  Depeschen  aus  München  festhielten,  als  plötzlich  ein
prächtiges  Alpenglühen  von  den  Tiroler  Bergen  in  sein  Fenster  herüberleuchtete.
Sofort  eilte  er  in  den  Wald  und  suchte  uns,  laut  rufend,  im  Dickicht  und
ruhte  nicht,  bis  er  uns  alle  beisammen  hatte,  um  uns  „sein  Alpenglühen“,  wie
er's  nannte,  zu  zeigen.  Er  hätte  einen  Bedienten  nach  uns  schicken  können,
aber  die  Entdeckerfreude  will  sich  selber  mitteilen  und  mag  keinen  Bedienten.

Anm  liebsten  speiste  der  König  im  Freien,  an  einem  weittragenden  Aussichtspunkte
  oder  am  Gestade  eines  Sees,  unter  der  Linde,  in  tiefer  Waldeinsamkeit,
aber  auch  am  Rande  einer  belebten  Landstraße,  gleichviel,  wenn  der  Ort  nur
ein  malerisches  Bild  bot.  So  haben  wir  am  vorletzten  Reisetage  im  lauschigsten
Waldesdunkel  hinter  der  Unkener  Klamm  Tafel  gehalten  und  am  letzten  unmittelbar
  neben  der  Reichenhall-Berchtesgadener  Chaussee  bei  der  Schwarzbachwacht.
  Bei  unserer  unberechenbaren  Art  zu  reisen  hing  es  aber  von  hundert
Zufällen  ab,  ob  wir  mittags  oder  abends  zu  dem  ausgewählten  schönen  Punkte
gelangten.  Daher  ein  steter  Wechsel  von  Hunger  und  Entbehrung  und  von
lberfluß,  der  bei  so  vielerlei  Strapazen  eben  doch  nicht  überflüssig  war.  Der
König  allein  empfand  jene  Entbehrungen  nicht;  er  aß  äußerst  wenig,  trank
noch  weniger  und  hatte  von  dem  richtigen  Wanderhunger  eines  gesunden  Fußgängers
  eigentlich  gar  keinen  Begriff.  Geschah  es  doch  einmal,  daß  wir  von
morgens  sieben  bis  abends  sieben  fuhren,  ritten  und  stiegen  ohne  einen  Bissen
oder  Tropfen  über  die  Lippen  zu  bringen.  Dafür  tafelten  wir  dann  auch
abends  hoch  oben  unter  der  obersten  Felskuppe  des  Wendelsteins  bei  der
        <pb n="505" />
        103.  Eine  Fußreise  mit  König  Max  II.  493

Bayrisch-Zeller  Alm.  Und  während  wir  in  einer  Reihe  am  langen  Tische
saßen,  um  der  Aussicht  willen,  breiteten  sich  vor  uns  die  Tiroler  Berge  im
Abendsonnenschein  zum  wundervollsten  Panorama.  Seitab  rechts  und  links
lagerten  die  Leute  von  Zell,  welche  uns  den  ganzen  Tag  begleitet  hatten,  in
bunten  Gruppen.

Wir  hatten  zwei  Tage,  völlig  eingeregnet,  in  dem  Jagdschloß  der  Vorderriß
verweilt,  als  endlich  der  10.  Juli  den  sehnlich  erwarteten  blauen  Himmel
brachte.  Ein  sonnenheller,  kühler  Frühmorgen  weckte  uns,  die  Berge  waren
mit  frischgefallenem  Schnee  bedeckt,  „angeschneibt“,  was  als  gutes  Wetterzeichen
gilt,  und  wir  rüsteten  uns  zu  einem  Zuge  über  das  Plumser  Joch  (in  Tirol),
um  von  dort  zum  Achensee  niederzusteigen.  Durch  das  großartige  Alpental
zur  hinteren  Riß  wurde  gefahren;  dort  bestiegen  wir  die  Reitpferde,  während
unsere  Wagen  auf  großen  Umwegen  über  Bad  Kreuth  zum  Achensee  gingen,
wo  sie  uns  am  nächstfolgenden  Tage  erwarten  sollten.  Wir  ritten  zwei
Stunden  einen  rauhen  Fußpfad  hinan  bis  zur  Hagelhütte;  hier  mußten  wir
absitzen,  die  Pferde  wurden  zurückgeschickt  und  das  Steigen  begann.  Der  König
führte  bei  solchen  Gelegenheiten  einen  Spruch,  den  er  Saussure  beilegte,  im
Munde:  „Man  muß  auf  die  Berge  steigen,  als  ob  man  niemals  hinaufkommen
wollte“  —  und  richtete  sich  nach  dieser  Regel.  Er  stieg  äußerst  langsam,
aber  sicher  und  ausdauernd  und  kam  zuletzt  doch  immer  ans  Ziel,  obgleich  es
den  Begleitern  manchmal  schien,  als  sei  der  Gipfel  gar  nicht  zu  erleben.  So
erreichten  wir  denn  auch  den  wohl  gegen  6000  Fuß  hohen  Rücken  des  Joches)
erst  um  zwei  Uhr  nachmittags.  Da  droben  sah  es  prächtig  aus:  die  Julisonne
leuchtete  blendend  auf  den  frisch  gefallenen  Schnee,  aus  welchem  an  den
steileren  Seitenhängen  ganze  Fluren  rotblühender  Alpenrosen  hervorschauten,
hier  und  da  auch  ein  vereinzelt  blühendes  Edelweiß.  Nun  hätten  wir  oben
unseren  Mittagstisch  halten  sollen  angesichts  des  großartigen  Umblickes,  der
sich  links  in  die  tiefe  Schlucht  des  Achensees,  rechts  in  die  Wildnisse  der  Hochalpenkette
  öffnete.  Allein  mitten  im  Schnee,  der  obendrein  bereits  wieder  zu
schmelzen  begann,  ließ  sich  das  denn  doch  nicht  durchsetzen.  Rottenhöfer  (der
K.  Mundkoch)  war  schon  frühmorgens  mit  vielen  Trägern  und  seiner  ganzen
Küchenausrüstung  heraufgegangen.  Er  hatte  unfern  des  ungastlichen  Joches
eine  Sennhütte,  die  Plumser  Alm,  gefunden,  welche  wenigstens  Obdach  bot.  Aber
an  ein  Aufschlagen  der  Tafel  in  der  Hütte,  wo  nur  eben  das  Bett  der  Sennerin
neben  dem  Herde  und  dem  Käskessel  Platz  hatte,  war  freilich  nicht  zu  denken.
Rasch  entschlossen,  ließ  er  darum  den  einzigen  größeren  bedeckten  Raum,  den
Kuhstall,  ausräumen.  Der  Boden  wurde  zur  Vertilgung  ländlicher  Gerüche
dick  mit  frischem  Heu  belegt,  die  Wände  mit  Gewinden  von  Knieföhrenzweigen
und  Alpenrosen  malerisch  maskiert;  vor  der  schlimmsten  Partie  aber  waren
zwei  blendend  weiße  Bettücher  in  groß  stilisiertem  Faltenwurfe  aufgehangen

1)  Das  Plumser  Joch,  1653  m  hoch,  mit  großartiger  Aussicht.
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        494  103.  Eine  Fußreise  mit  König  Max  II.

und  reich  mit  Alpenrosen  bekränzt.  Die  Türöffnung  war  so  niedrig,  daß  man
nur  gebückt  hereinkommen  konnte,  Fenster  waren  nicht  vorhanden.  Zum  Ersatz
fiel  durch  die  zahlreichen  Löcher  des  Daches  eine  Art  Rembrandtisches  Oberlicht
in  das  geheimnisvolle  Helldunkel.  In  Ermangelung  eines  Tisches  diente  die
Stalltüre  als  Tafel,  zwei  Bänke  von  alten  Brettern,  auf  Klötze  gelegt,  statt
der  Stühle.  Da  jedoch  diese  Bänke  etwas  höher  geraten  waren  als  der  Tisch,
so  ragten  unsere  Kniee  einen  halben  Fuß  über  die  Tafel,  die  Füße  schwebten
in  der  Luft  und  wir  mußten  die  Teller  beim  Essen  in  den  Händen  halten.
Im  Gegensatze  zu  alledem  war  nun  aber  die  Stalltüre  mit  dem  feinsten  Tafelzeug
  gedeckt,  wir  speisten  auf  kostbaren  Tellern,  tranken  aus  silbernen  Reisebechern
  und,  wie  jeden  Tag,  lag  das  kalligraphisch  zierlich  geschriebene  „Menu“
neben  dem  Gedecke  des  Königs.  Der  Kontrast  gegen  die  Umgebung  war  so
abenteuerlich,  daß  uns  der  König  zur  feierlichen  Eröffnung  der  Tafel  dieses
nach  allen  Regeln  französisch  verfaßte  Menu  vorlas  —  von  der  Reissuppe
mit  Huhn,  zu  den  Forellen  mit  neuen  Kartoffeln,  dem  Rindsbraten  mit  Sauce
à  la  Montpensier,  den  Koteletten  mit  neuen  Erbsen  und  Bohnen,  dem  Rehziemer
  in  Lorbeerblättern  gebraten,  bis  zum  „Schmarren  à  la  Plumser  Alp“,
der  Erdbeertorte,  den  Kirschen  und  Melonen  und  dem  Konfekt,  woran  sich
zuletzt  die  Tasse  Mokka  reihte  mit  einer  Havanna,  welche  Seine  Majestät  vom
bayerischen  Konsul  in  Havanna  als  das  erlesenste  Produkt  der  berühmten  Insel
zum  Geschenk  erhalten  hatte.  Es  war  alles  echt  mit  einziger  Ausnahme  des
Gerichtes,  welches  eigentlich  das  echteste  hätte  sein  sollen,  des  „Schmarrens  à  la
Plumser  Alp“,  und  der  König,  welcher  auf  seinen  Jagdzügen  auch  die  Originalküche
  seines  Volkes  gar  wohl  kennen  gelernt  hatte,  meinte,  dieser  zivilisierte
Schmarren  erinnere  ihn  an  eine  gewisse  Sorte  von  Dorfgeschichten.  So  fanden
wir  auch  das  mitgebrachte  Hofbräuhausbier  nebst  Rheinwein  und  Champagner
echter  als  das  Trinkwasser,  welches  uns  der  Berg  bot;  denn  das  war  in  Ermangelung
  einer  Quelle  aus  einem  Schneebache  geschöpft  und  gewann  keinen
Beffall.

Bei  der  schneidenden  Kälte,  die  in  dem  Stalle  herrschte,  zogen  wir  unsere
Mäntel  und  lberzieher  an,  bedeckten  die  Kniee  mit  den  Plaids  und  zitterten
trotzdem  vor  Frost,  bis  Essen  und  Trinken  uns  die  gehörige  innere  Wärme
gab.  Die  wunderliche  Situation  entfesselte  unseren  Humor;  niemals  in  meinem
Leben  habe  ich  einer  fröhlicheren  Tafel  beigewohnt  Geist,  Witz  und  Laune
sprudelten  in  dem  Tischgespräche  und  die  heitere  Stimmung  erreichte  ihren
Gipfel,  als  wir  uns  beim  Braten  plötzlich  von  außen  belagert  sahen.  Den
Kühen  war  es  nämlich  draußen  zu  kalt  geworden,  sie  kamen  zu  ihrem  Stall
zurück  und  suchten  brüllend  durch  die  offene  Türe  einzudringen,  wurden  aber
von  den  servierenden  Bedienten  mit  ihren  Servietten  tapfer  bekämpft  und
endlich  zurückgeschlagen.  Schade,  daß  sich  kein  Maler  zur  Stelle  fand;  die
Hoftafel  im  Kuhstalle  würde  ihm  Stoff  zum  originellsten  und  stimmungsvollsten
Genrebild  geboten  haben.
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        103.  Eine  Fußreise  mit  König  Max  II.  495

Nach  Tische  besuchten  wir  alle  Rottenhöfers  improvisierte  Küche,  die  er
sich  in  der  Sennhütte  auf  einem  Herde,  der  bis  dahin  nur  einen  großen  Käskessel
  geheizt,  höchst  sinnreich  aufgebaut  hatte.  Es  war  ihm  in  der  Tat  gelungen
alle  jene  Gerichte  so  vollendet  zu  bereiten,  wie  nur  immerhin  in  der  Münchener
Schloßküche.  Also  ehrte  der  König  auch  hier  den  Künstler  nach  seiner  gewohnten
Weise,  nicht  indem  er  ihn  lobte,  sondern  indem  er  ihn  in  der  Werkstatt
belauschte.  —  —

Es  war  der  letzte  Reisetag.  Wir  hatten  in  Unken  übernachtet;  der  König
arbeitete  einsam  auf  seinem  Zimmer  noch  tief  in  den  Vormittag  hinein;  unsere
ganze  übrige  Gesellschaft  war  schon  frühe  vorausgeritten  über  Reichenhall  zur
Schwarzbachwacht,  wo  sie  uns  erwarten  sollte.  Da  mich  an  diesem  Tag  die
Reihe  traf  im  Wagen  des  Königs  zu  fahren,  so  war  ich  ganz  allein  bei  ihm
zurückgeblieben.  Wir  fuhren  erst  spät  ab.  Der  König  war  heiter,  gesprächig
und  doch  sichtbar  gemütlich  tiefer  bewegt;  er  empfand  den  Abschied  von  der
kurzen,  aber  reichen  Zeitspanne  dieses  originellen  Wanderlebens.

Als  wir  Reichenhall  passiert  hatten  und  das  Viergespann  etwas  gemäßigteren
  Ganges  unseren  Wagen  den  langen,  steilen  Berg  hinaufzog,  begann  er
vergleichend  und  fragend  auf  unsere  gesamten  Erlebnisse  zurückzublicken.  In
seiner  Jugend,  als  Kronprinz,  hatte  er,  nur  von  zwei  Herren  begleitet,  eine
Reise  durch  Niederdeutschland  und  Holland  nach  England  gemacht  unter  dem
Inkognito  eines  „Kaufmann  Schmidt"  „,Doch  ist  das  eben“  —  so  etwa
sagte  er  —  „ein  Stück  der  großen  Tour  durch  große  und  kleine  Städte  gewesen,
in  fremdem  Land;  und  so  habe  ich  diesmal,  wo  ich  als  König  im  eigenen
Lande  gewesen  bin,  die  Freiheit  des  Wanderers  voller  genossen  als  auf  jener
Fahrt,  wo  man  mir  nicht  einmal  überall  den  „Herrn  Schmidt“  hat  gelten
lassen  wollen  und  die  Maske  ahnte.  Ob  der  Fürst  dem  Volke  inkognito
gegenübertritt,  darauf  kommt  wenig  an;  wichtiger  ist  es,  daß  das  Volk  sein
Inkognito  angesichts  des  offenkundigen  Fürsten  ablege.“  Wie  er  nicht  mit
Unrecht  glaubte,  war  dies  oftmals  auf  der  gegenwärtigen  Reise  geschehen.  Und
darüber  freute  er  sich  von  Herzen.

Es  war  damals  des  Königs  Vorsatz,  nachdem  dieser  erste  Versuch  so
schön  gelungen,  jedes  kommende  Jahr  eine  ähnliche  Wanderfahrt  durch  einen
anderen  Teil  seines  Landes  zu  unternehmen.  Er  fühlte  tief  die  verjüngende
Kraft  der  innigeren  Berührung  mit  Land  und  Volk.  So  ward  fürs  nächste
Jahr  jetzt  schon  das  Fichtelgebirge  in  Aussicht  genommen.  Aber  im  nächften
Jahre  schrieb  man  18591  Der  italienische  Krieg  brach  aus,  die  Friedensepoche
war  vorüber,  die  beginnenden  politischen  Erschütterungen  ergriffen  das  Gemüt
des  Königs  gewaltiger,  als  die  meisten  ahnen  mochten.  Er  wurde  ein  anderer
Mann  in  seinen  letzten  fünf  Lebensjahren.  Der  feinen  poetischen  und  humanen
Sinn,  welcher  ihm  den  Plan  zu  unserer  Reise  eingegeben,  bewahrte  er  bis  ans
Ende;  aber  seine  Gesundheit  nahm  ab  und  die  ganze  Zeit  bot  nicht  Muße
und  Stimmung  dergleichen  zum  zweitenmal  auszuführen.
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        496  104.  Ein  Erinnerungsblatt  an  König  Maximilian  II.

Ich  komme  zum  Schluß.  Auf  der  Schwarzbachwacht  trafen  wir  mit
den  Gefährten  wieder  zusammen.  Der  König  rastete  nach  seiner  Gewohnheit
eine  halbe  Stunde,  indem  er  unter  einem  Baume  gelagert  las,  bis  wir  uns
unter  freiem  Himmel  zu  Tische  setzten.  Der  Rückblick  auf  die  ganze  jüngste
Vergangenheit  gab  dem  Tischgespräche  den  ernsten  und  heiteren  Grundton.
Dann  stiegen  wir  zu  Pferde.  Der  tiefblaue  Himmel  umzog  sich;  zwei  schwere
Gewitter  kämpften  gegeneinander  und  verfingen  sich  in  diesen  engen  Tälern,
der  Regen  rauschte  in  Strömen  auf  uns  herab,  die  Blitze  zuckten,  der  Donner
krachte  unaufhörlich  über  unseren  Häuptern,  während  wir  durch  die  Ramsau
trabten.  Das  Wasser  troff  von  uns  und  unseren  Pferden,  daß  wir  förmlich
am  Sattel  klebten,  als  wir  endlich  die  königliche  Villa  von  Berchtesgaden  in
Sicht  bekamen.  Da  zogen  die  Wetter  ab  und  mit  den  fernhin  rollenden  Donnerschlägen
  mischte  sich  jetzt  der  freundlichere  Donner  der  Böller,  die  uns  begrüßten.
Auf  der  Treppe  der  Villa  empfing  die  Königin  ihren  Gemahl.

Nur  eine  Viertelstunde,  und  wir  waren  alle  verwandelt,  der  nasse,  zuletzt
ganz  feldmäßig  gewordene  Reitanzug  war  mit  dem  jetzt  nicht  weiter  verpönten,
trockenen,  hoffähigen  Frack  vertauscht,  wir  versammelten  uns  im  Salon  und
freuten  uns,  wieder  einmal  unter  Damen  zu  sein,  deren  Umgang  wir  lange
entbehrt  hatten  und  denen  wir  nun  von  unseren  Abenteuern  erzählen  konnten.

Dies  war  die  erste  und  letzte  Fußreise  des  Königs  Max.

104.  Ein  Erinnerungsblatt  an  König  Maximilian  II.
Von  Franz  v.  Kobell.“)

Es  haben  andere  den  edlen  dahingegangenen  König  Maximilian  II.  gewürdigt
  in  seinen  großen  Schöpfungen,  wie  sie  zu  Bayerns  Wohl  und  Ehre
blühen  und  blühen  werden;  mir  sei  es  erlaubt  ein  Erinnerungsblatt  zu  geben,
welches,  wenn  auch  nur  mangelhaft,  den  erlauchten  Herrn  als  Freund  der
Natur  und  Gönner  des  Weidwerks  zeichnet  und  Verhältnisse  berührt,  die,  an
sich  unscheinbar,  seine  liebenswürdige  Persönlichkeit  bekunden,  unbeeinträchtigt
von  dem  Glanze  einer  Krone,  dem  Schimmer  des  Purpurs.

Der  König  liebte  Gottes  freie  Natur,  man  kann  sagen  mit  einem  kindlichen
  Gemüte,  und  ein  ritterlicher,  poetischer  Zug  in  seinem  Wesen  machte  ihn
empfänglich  für  die  Reize  des  Weidwerks,  die  ja  in  dem  Naturleben  ihre  Heimat
haben.  Die  Berge  unserer  Alpen  mit  ihren  großartigen  Schönheiten  waren  daher
sein  liebster  Aufenthalt.  Mit  ganzer  Seele  gab  er  sich  dem  Genusse  der  mannigfaltigen
  Szenerien  hin,  die  den  Morgen,  die  untergehende  Sonne  begleiten
oder  die  sternhelle  Nacht,  wenn  sie  über  die  phantastischen  Formen  der  Kuppen
und  Felshörner  und  über  die  mit  wogenden  Nebeln  verschleierten  Talgründe
sich  lagert.  Immer  wurden  die  schönsten  Plätze  für  die  Birschhäuser  gewählt

1)  München,  1864.
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        104.  Ein  Erinnerungsblatt  an  König  Maximilian  II.  497

und  sich  ihrer  auch  anderwärts  in  der  Erinnerung  zu  freuen  wurde  der  Maler
Rottmann  beauftragt  getreue  Bilder  derselben  zu  fertigen  und  in  ein  Album
zusammenzustellen.

Der  König  erkannte  wohl,  daß  sich  an  das  Treiben  des  Weidwerks  auch
ein  heiteres  und  wohltätiges  Begegnen  mit  dem  Volke  knüpfe,  und  er  liebte
ein  solches  mit  den  frischen  Männern,  die  beim  Jagen  beschäftigt  waren,  und
besprach  sich  gerne  mit  den  bei  diesen  Gelegenheiten  sich  einfindenden  Zuschauern.
  Es  wurde  darum  auch  überall  freudig  begrüßt,  daß  der  Herr  dem
Weidwerk  zugetan  war;  sein  Erscheinen  weckte  ja  die  Hoffnung  auf  Erfüllung  so
mancher  Wünsche  und  nie  fehlte  die  Hilfe,  wo  Not  und  Unglück  sich  kundgab.
Auch  der  geringste  Mann  wurde  dabei  berücksichtigt  und  ich  wüßte  viele  Fälle
zu  erzählen,  wo  der  Herr  unaufgefordert  den  überraschten  Beteiligten  den
trüben  Himmel  klärte,  der  sie  umfing,  und  Leid  in  Freude  verwandelte.

Es  waren  aber  diese  Verhältnisse  nicht  denen  zu  vergleichen,  wie  sie
wohl  aus  älteren  Zeiten  in  der  Jagdgeschichte  bekannt  sind,  es  waren  die  gespendeten
  Wohltaten  nicht  Pflaster  auf  verschuldete  Wunden,  welche  übertriebene
Weidlust  geschlagen,  denn  niemals  ist  unter  König  Max  II.  zum  Schaden  des
Landmannes  Wild  gehegt  worden,  niemals  durften  die  Jäger  ihre  Befugnisse
überschreiten.

Der  König  liebte  seine  Bayern  wie  ein  Vater  seine  Kinder  und  den
guten  Kern  von  Redlichkeit  und  Treue,  der  gottlob  noch  bis  auf  diese  Tage
trotz  der  Umtriebe  einer  schlechten  und  frivolen  Zeit  in  ihnen  steckt,  lebendig
zu  erhalten  war  fortwährend  sein  Bestreben.  Er  wollte  die  gesunde  Denkweise
  und  den  heiteren  Sinn,  wie  sie  namentlich  im  Gebirge  heimisch,  nicht
verkommen  lassen  und  wie  die  ernsten  Verhältnisse  Gegenstand  seiner  Sorge,
so  war  er  auch  bedacht  zu  Fest  und  Freude  eine  Spende  zu  geben.  Es  gehört
  hierher  unter  anderen  die  Stiftung  der  Königsschießen  und  die  von  ihm
angeordnete  Sammlung  der  oberbayerischen  Volkslieder.  Es  ist  damit  ein  von
der  Meisterhand  v.  Rambergs  illustriertes  Büchlein  1)  entstanden,  welches  in
Senn=  und  Jagdhütten  mit  Jubel  empfangen  wurde.  Vor  allen  die  „Singerinnen“
  freuten  sich  daran  und  brachten  die  Lieder  zu  neuem  Leben;  denn
viele  hatten  beim  Chorsingen  in  der  Kirche  die  Noten  kennen  gelernt  und  wußten
daher  die  Singweisen  andern  mitzuteilen.  Gab  es  dann  Gelegenheit,  so  sangen
sie  dem  König  bei  einem  Alpenbesuch,  bei  einer  Kirchweih  oder  Jagdfahrt

 

1)  „Oberbayerische  Lieder  mit  ihren  Singweisen“,  herausgegeben  von  Franz  von
Kobell,  im  Auftrage  und  mit  Unterstützung  Sr.  Majestät  des  Königs  gesammelt,
  erschienen  zu  München  bei  Braun  &amp;amp;  Schneider  in  vielen  Auflagen.  Die
3.  Strophe  der  Widmung  „an  die  Landsleut  in  die  Berg“  lautet:

„Und  weiln  der  Kini  d’  Gsangln  liabt
„Und  weil  er's  gern  tuat  hörn,
„So  will  er  enk  dees  Liederbuach
„Als  Andenka  verehrn“.
Kronseder,  Lesebuch  zur  Geichichte  Bayerns.  32
        <pb n="510" />
        498  104.  Ein  Erinnerungsblatt  an  König  Maximilian  II.

vor  und  es  gewährte  ihm  Freude,  wenn  sie  ihn,  teils  für  die  Gabe  dankend
teils  darum  bittend,  umringten  und  dann  in  lautem  Juchzen  ihren  Jubel
kundgaben.

Es  ist  bekannt,  wie  wohl  unterrichtet  der  König  war  und  wie  er  sich
namentlich  mit  historischer  und  poetischer  Literatur  gerne  beschäftigte;  es  war
daher  bei  seinen  Jagden  auch  darauf  Rücksicht  genommen  und  in  die  Gesellschaft
  mancher  Gelehrte  und  Dichter  gezogen,  die  eben  keine  Jäger  waren,
immer  aber  auch  leidenschaftliche  Freunde  des  Weidwerks,  damit  dem  Jagen
die  eigentümliche  Färbung  und  Aufregung  nicht  fehle,  welche  von  solchen  ausgeht.
  Wo  es  möglich  war,  hielt  man  das  Jagdmahl  im  Freien  und  dabei
wurden  dann  die  Erlebnisse  in  fröhlichster  Weise  besprochen.  Der  König  liebte
es  bei  solchen  Gelegenheiten,  wenn  ein  besonderer  Fall  in  launiger  Poesie
hervorgehoben  wurde.  Besonders  gefeiert  war  immer  der  Hubertustag,  dabei
durfte  ein  poetischer  Spruch  nie  fehlen.  Freudig  wurde  dann  getrunken  und
die  Gläser  klangen,  der  König  selbst  aber  war  so  mäßig,  daß  er  gewöhnlich
nur  ein  Glas  Champagner  trank,  andere  Weine  gar  nicht;  er  hielt  es
mit  dem  „5##coror  ##c00“  (das  Beste  ist  Wasser)  und  allerdings  spendeten
die  Bergquellen  einen  köstlichen  Kristall,  der  in  seiner  Art  oft  die  Gaben
der  Rebe  übertraf.  —

Die  Abende  wurden  bei  der  Zigarre  zum  Teil  mit  Vorlesen  zugebracht
und  immer  war  eine  reichliche  Auswahl  älterer  und  neuerer  Literatur  vorhanden.
  Gedichte  und  Novellen,  Fragmente  von  Reisebeschreibungen  oder
historischen  Werken  kamen  abwechselnd  an  die  Reihe  und  ebenso  die  Ortssagen,
welche  der  König  gerne  erzählen  hörte;  gab  er  doch  auch  Veranlassung,  daß
sie  in  einem  eigenen  Werke)  gesammelt  wurden.  Ehe  sich  der  König  zurückzog,
was  gewöhnlich  vor  10  Uhr  geschah,  wurde  noch  der  kommende  Tag  besprochen
  und  die  weitere  Jagdfolge.  So  oblag  man  oft  mehrere  Tage  nacheinander
  dem  Weidwerk,  wenn  das  Wetter  günstig  war,  aber  auch  bei  schlechtem
Wetter  wurde  zuweilen  gejagt  und  nicht  selten,  wenn  schon  Schnee  gefallen
war,  wobei  jedoch  der  König  immer  das  Gutachten  des  Forstmeisters  erholte,
ob  es  ohne  Gefahr  für  die  Treiber  geschehen  könne.  An  Sonn=  und  Feiertagen
ruhte  das  Weidwerk;  der  König  besuchte  regelmäßig  die  Messe;  war  kein  Geistlicher
  im  Orte,  so  wurde  einer  aus  der  Nachbarschaft  herbeibeschieden,  so  in
der  Riß,  wo  jedesmal  ein  Franziskaner  vom  sogenannten  Klösterl  in  der
Hinterriß  den  Gottesdienst  besorgte.  Ich  kann  nicht  umhin  hier  zu  erzählen,
daß  bei  einer  solchen  Messe  in  der  winzigen  Kapelle  der  Ministrant,  ein
Bauernbub  aus  der  Gegend,  sich  plötzlich  zum  König  wendete  und  ihm  ganz
gemütlich  zuflüsterte:  „Herr  Kini,  koa'  Wei'  is  nit  da!“  Der  König  über
diese  Naivität  lächelnd,  winkte  dem  nahestehenden  Adjutanten,  der  das  Gesagte

1)  „Sagenbuch  der  bayerischen  Lande“,  herausgegeben  von  A.  Schöppner,  3  Bände,
München  1852/63.
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        104.  Ein  Erinnerungsblatt  an  König  Maximilian  II.  499

auch  vernommen  hatte,  und  so  kam  der  Wein  noch  rechtzeitig  zur  Stelle.  —
Naive  Außerungen,  Fragen  und  Bitten  kamen  natürlich  oft  genug  vor  und
es  machte  dem  Könige  Vergnügen,  darauf  Bescheid  zu  geben,  wie  er  auch
immer  Interesse  bezeugte  an  den  Eigentümlichkeiten  des  Volksdialektes,  oder
wenn  ihm  von  den  Leuten  von  altem  Brauch  und  Herkommen  erzählt  wurde,
was  oft  in  sehr  ansprechender  Weise  geschah.

Bei  der  geistigen  Tätigkeit,  die  ihm  eigen  war,  möchte  man  sich  wundern,
wie  der  König  die  Geduld  gehabt  habe,  drei  bis  vier  Stunden,  denn  so  lange
und  oft  länger  dauerten  die  Gemstriebe,  auf  dem  Stande  auszuhalten;  er
hatte  aber  immer  Bücher  bei  sich  und  pflegte  zu  lesen,  bis  die  achthabenden
Leibjäger  ihn  aufmerksam  machten,  daß  das  Wild  im  Anzug  sei.  In  einsamer,
schöner  Gegend  sich  lesend  zu  beschäftigen  war  überhaupt  eine  Neigung
von  ihm.

Die  königliche  Kanzlei  folgte  stets  den  Jagdfahrten  und  der  König
arbeitete  gewöhnlich  schon  am  frühen  Morgen.  Wenn  der  Kaiser  Maximilian
im  Jahre  1495  schrieb:  „Wir  haben  den  Tag  zu  Wurms  auf  dem  Rein  gekurzt
  und  den  in  daz  gepirg  zu  den  wilden  Gemsen  gelegt“,  so  kam  Ahnliches
beim  Könige  nicht  vor  und  die  Jagd  durfte  die  Arbeit  der  Regierungsgeschäfte
nicht  beeinträchtigen.  Und  lag  auch  manche  Wolke  in  den  Papieren  der
Portefeuilles  und  manche  unerfreuliche  Kunde,  die  lebendig  strahlende  Sonne
in  der  freien  Natur,  die  Bewegung  in  Wald  und  Wildnis  und  die  frische  Luft
der  Höhen  wirkten  stets  wohltätig  auf  Geist  und  Körper  und  stählten  dem
Herrn  die  Kraft  und  das  Vertrauen  zu  jenem  höheren  Regiment,  welches  alle
Geschicke  lenkt  und  regelt.

Ho  war  dem  Könige  der  Berge  Lust

Ein  Wunderquell,  der  seine  Macht  bewies,
Daß  sorgenfrei  er  zauberte  die  Brust

Und  dem  Gemüte  Blumen  sprossen  ließ.

Und  wenn  der  Herr  im  Gemsgebiete  dann
Die  weite  Fernsicht  still  genießend  stand,
Wie  knüpfte  sich  da  stets  die  Freude  dran:
„Dies  schöne  Land,  es  ist  mein  Bayerland  “

Nun  nimmer  dringt  ein  Weidruf  an  sein  Ohr,
Die  Alpenrose  sieht  er  nicht  mehr  blüh'n,

Es  trugen  Engel  ihn  zum  Reich  empor,

An  dem  er  oft  begrüßt  der  Sterne  Glüh’n.

Wir  aber  trauern,  daß  es  so  gescheh'n,

Und  was  die  Zeit  auch  trümmert  und  zerstiebt,
Das  Zeugnis  wird  lebendig  fortbesteh'n,

Wie  treu  und  innig  ihn  sein  Volk  geliebt.
        <pb n="512" />
        500  105.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wissenschaft.

105.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wissenschaft.
Von  Ignaz  von  Döllinger.)

Fürstliche  Pflege  der  Wissenschaften  hat  zu  verschiedenen  Zeiten  in  der
Geschichte  des  menschlichen  Geistes  tiefgehende,  bleibende,  in  ihren  Wirkungen
jetzt  noch  fortlebende  Resultate  erzeugt.  Wenn  wir  absehen  von  den  auf  ein
engeres  Gebiet  beschränkten  Bestrebungen  der  Könige  von  Pergamum,  so  sind
es  die  Ptolemäer  in  Agypten,  welche  durch  weisen  Schutz  und  verständige
Unterstützung  ihr  Alexandrien  zum  geistigen  Mittelpunkte  der  Welt  in  den  zwei
letzten  Jahrhunderten  vor  Christus  und  noch  Jahrhunderte  nachher  machten.
Die  Bibliothek,  die  sie  gebildet,  war  die  vollständigste  der  Alten  Welt,  ihr
Museum  die  erste  Akademie  oder  ein  Vorspiel  einer  solchen.  Von  Alexandrien
empfing  Byzanz  hellenische  Wissenschaft  und  Literatur  und  von  Byzanz  kam
dieses  kostbare  Erbe  an  den  lateinischen  Westen,  so  daß  der  Einfluß,  welchen
die  Ptolemäer  auf  unsere  gesamte  geistige  Bildung,  auf  unsere  Wissenschaft
und  Literatur  mittelbar  geübt  haben,  wirklich  kaum  groß  genug  gedacht
werden  kann.

Sehen  wir  ab  von  dem,  was  Karl  der  Große  und  Alfred  geleistet,  in
deren  Zeit  eine  Wissenschaft  eigentlich  nicht  existierte,  so  müssen  wir  über  viele
Jahrhunderte  wegschreiten  um  Monarchen  zu  finden,  an  deren  Namen  sich
die  Erinnerung  großer,  der  Wissenschaft  geleisteten  Dienste  knüpfte.

Einzelne  Fürsten  des  Mittelalters  und  des  sechzehnten  Jahrhunderts
förderten  die  Wissenschaft  nicht  als  solche,  sondern  dieses  oder  jenes  spezielle
Studium  aus  ganz  persönlichen  Gründen;  sie  förderten  nicht  sowohl  die  Chemie
als  die  Alchimie,  nicht  sowohl  die  Astronomie  als  die  Astrologie  und  damit  ist
auch  das  Motiv  solcher  Förderung  schon  bezeichnet.

Dem  Kaiser  Friedrich  II.  hat  man  nachgerühmt,  daß  er  alle  Fürsten  des
Mittelalters  in  seiner  rastlosen  Tätigkeit  für  die  Wissenschaft  übertroffen  habe:
aber  diese  Tätigkeit  beschränkte  sich  doch  auf  die  Veranstaltung  von  Übersetzungen
  aus  dem  Griechischen  und  Arabischen.

Unter  den  zu  allen  Zeiten  sehr  seltenen  Fürsten,  welche  ihre  Liebe  und
ihre  hilfreiche  Teilnahme  nicht  bloß  einem  bevorzugten  Fache,  sondern  einem
erweiterten  Kreise  des  Wissens  geschenkt  haben,  war  Cosimo  de'  Medici  vielleicht
  der  erste.  Historiker,  Dichter,  Philologen,  Rechtsgelehrte,  Arzte,  Physiker
fanden  Zutritt  in  seinem  Palaste  zu  Florenz,  welcher  überhaupt  der  Sammelplatz
  der  ausgezeichnetsten  Männer  seiner  Zeit  geworden  war.  Er  und  sein
Enkel  Lorenzo  haben  gezeigt,  zu  welchem  Ruhm  und  Glanz  eine  einzelne  Stadt
als  geistige  Metropole,  als  Sitz  der  Kunst  und  Wissenschaft  unter  weisen
Fürsten  erhoben  werden  könne.  Lorenzos  Sohn,  Leo  X.,  dem  jedes  Mittel
der  Förderung  und  Belohnung  in  reichster  Fülle  zu  Gebote  stand,  vermochte

)  Rede,  gehaltenl  in  der  Festsitzung  der  K.  Akademie  der  Missenschaften  zu
München  am  30.  März  1864;  München,  im  Verlage  der  K.  Akademie.
        <pb n="513" />
        105.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wissenschaft.  501

noch  weit  Größeres  zu  leisten;  unter  ihm  wurde  das  päpstliche  Rom,  was  es
nie  vorher,  nie  mehr  nachher  gewesen,  ein  blühender  Sitz  klassischer  Gelehrsamkeit
  und  umfassender  wissenschaftlicher  Studien  und  so  ist  seine  Regierung  in
den  Augen  der  Nachwelt  in  den  Nimbus  eines  hellstrahlenden  Glanzes  gehüllt.

Das  Beispiel  Italiens  und  der  Medicis  hatte  damals  auf  Frankreich  und
dessen  König  gewirkt.  Unter  dem  Schutze  Franz'  I.  kam  zwar  nicht  gerade
ein  bedeutendes  wissenschaftliches  Werk  zustande,  aber  Künstler  und  gelehrte
Humanisten  erfreuten  sich  seiner  Gunst  und  die  Wirkung  reichte  weit  über
seine  Zeit  und  sein  Land  hinaus.

Nach  ihm  hat  das  Jahrhundert  der  kirchlichen  Kämpfe  kein  Bild  eines
die  Wissenschaften  ernstlich  pflegenden  Fürsten  aufzuweisen,  doch  wird  es  unter
den  deutschen  Kaisern  späterer  Zeit  dem  milden,  schwachen  Rudolf  II.  stets
als  Ehre  angerechnet  werden,  daß  die  Gründer  der  neuen  Astronomie,  Tycho
Brahe  und  Kepler,  an  seinem  Hofe  Schutz  und  Gunst  fanden,  wiewohl  dieser
Monarch,  allzusehr  wissenschaftlicher  Dilettant,  am  Schmelzofen  über  seinen  alchimistischen
  Hoffnungen  und  auf  der  Sternwarte  beim  Mitberechnen  astronomischer
Tafeln  der  Kaiserpflichten  und  der  Reichsgeschäfte  vergaß.

Bis  in  die  zweite  Hälfte  des  siebzehnten  Jahrhunderts  müssen  wir  herabsteigen
  um  eine  Regierung  zu  finden,  welche  endlich  den  Gedanken  faßte  und
ausführte,  die  Wissenschaft  im  großen,  in  ihrem  damaligen  Umfange,  durch
systematische  Pflege  auf  eine  höhere  Stufe  zu  erheben.  Zum  ersten  Male
geschah  dies  in  Frankreich  unter  Ludwig  XIV.  nicht  sowohl  durch  diesen
persönlich  allzu  ungebildet  gebliebenen  König,  der  nur  eben  dem  Kranze  seines
Ruhmes  auch  dieses  Blatt  einflechten  wollte,  als  durch  den  einsichtsvollen
Minister  Colbert.  Damals  wurden  jene  Akademien  gestiftet,  jene  Einrichtungen
geschaffen,  die,  wenn  auch  mit  veränderten  Namen  und  Formen,  heute  noch
fortbestehen,  die  reiche  Früchte  getragen  und  Frankreich  zu  einer  gebietenden
Weltmacht  auch  im  Reiche  der  Geister  gemacht  haben.  Zum  ersten  Male  in
Europa  kamen  jetzt  wissenschaftliche  Unternehmungen  von  größerem  Umfange
mit  Beihilfe  des  Staates  zustande.  Fremde  Gelehrte,  wie  Cassini,  Huyghens,
Römer,  wurden  nach  Paris  gezogen,  andere  empfingen  Jahresgehalte  und  Belohnungen,
  ohne  daß  man  sie  ihrem  bisherigen  Kreise  entrückt  oder  besondere
Anforderungen  an  sie  gestellt  hätte.

Seitdem,  in  anderthalb  Jahrhunderten,  ist  kein  Monarch  mehr  zu  nennen,
der  sich  die  Pflege  der  Wissenschaften  zur  persönlichen  Lebensaufgabe  gemacht
hätte.  Friedrich  II.  von  Preußen,  von  dessen  hoher  Geistesbildung  derartiges
zu  erwarten  gewesen  wäre,  war  zu  sehr  dem  damaligen  französischen  Literatentum
  ergeben  und  in  Voltaireschen  Anschauungen  befangen,  als  daß  deutsche
Bildung  und  Wissenschaft,  die  er  im  Grunde  verachtete,  auf  seinen  Schutz
hätten  hoffen  dürfen.

In  neuester  Zeit  haben  einzelne  Regierungen,  die  französische,  die  englische,
zeitweilig  auch  die  österreichische  und  preußische,  für  die  Herausgabe  bedeutender
        <pb n="514" />
        502  106.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wissenschaft.

Werke  große  Summen  aus  Staatsmitteln  gespendet,  aber  unter  den  Fürsten
ist  Maximilian  II.  der  einzige  gewesen,  der  mit  persönlicher  Liebe  und  persönlichen
  Opfern  seinem  Volke,  ja  der  Mitwelt  und  in  noch  höherem  Maße  der
Nachwelt  eine  reiche,  geistige  Ernte  bereitet  hat.  Es  war  besonders  Schelling,
der  durch  seine  Ratschläge  in  der  Seele  des  jungen  Prinzen  bereits  den  Entschluß
  geweckt  und  befestigt  hatte,  die  Pflege  der  Wissenschaft  nicht  bloß  für

Bayern,  sondern  für  ganz  Deutschland  in  die  Hand  zu  nehmen.  Der  König
hatte  sich  als  leitenden  Grundsatz  auf  Schellings  Empfehlung  das  zum  Augenmerke
  gemacht:

„Darauf  soll  bei  der  Wissenschaft,  bei  aller  sonstigen  Freiheit  gesehen
werden,  daß  die  Achtung  vor  göttlicher  und  staatlicher  Ordnung  stets  gewahrt
  bleibe,  daß  der  Mensch  das  Menschliche  dem  Göttlichen  unterzuordnen
  habe.“

Als  er  den  Thron  bestiegen,  da  hatte  er  nicht  gleich  anderen  Fürsten,
die  mitunter  als  Gönner  der  Gelehrten  gepriesen  werden,  eine  besondere  wissenschaftliche
  oder  künstlerische  Liebhaberei  zu  befriedigen.  Niemand  weiß  von  einer
exklusiven  Neigung  für  dieses  oder  jenes,  welcher  der  König  mit  Hintansetzung
anderer  Gebiete  und  Richtungen  gefrönt  hätte.  Er  betrachtete  das  Reich  der
Wissenschaft  nicht  mit  dem  Auge  eines  Gelehrten  oder  eincs  Dilettanten,  sondern
mit  dem  Auge  eincs  Königs,  der  das  Ganze  überschaut  und  alle  Teile  dieses
Ganzen  mit  unparteiischer  Liebe  umfaßt,  der  auch  hier  keine  Günstlinge  und
keine  Stiefkinder  hat,  gleich  der  Sonne,  die  ihre  Strahlen  aussendet,  nicht  etwa
um  einen  abgelegenen  Winkel  zu  erleuchten,  sondern  um  der  ganzen  Erde  und
allen  Geschöpfen  Licht  und  Wärme  zu  spenden.

.Wohl  wußte  der  König,  daß  Theologie  und  Rechtswissenschaft  wichtige
Aufgaben  zu  vollbringen  hätten,  aber  er  nahm  an,  daß  die  juristische  Leistung
keiner  besonderen  fürstlichen  Unterstützung  bedürfe,  da  der  Staat  selbst  und
die  ganze  Nation  bei  dem  Zustandekommen  der  Gesetzbücher  unmittelbar  beteiligt
  seien  und  die  Staatsmittel  vollkommen  dafür  ausreichten.  Die  Theologie
aber,  das  fühlte  er,  könne  nur  in  völliger  Unabhängigkeit,  nur  den  rein
religiösen  Impulsen  folgend,  nur  von  religiösen  Motiven  geleitet,  an  dem
schwierigen  Problem  der  Lösung  konfessionellen  Zwiespalts  mit  einiger  Hoffnung
des  Erfolges  arbeiten.

Maximilians  Geist  war  durchdrungen  von  Hochschätzung  der  deutschen
Philosophie.  Schellings  Vorträge,  die  er,  während  sie  ihm  gehalten  wurden,
aufzeichnen  ließ  und  sorgfältig  studierte,  hatten  bleibenden  Eindruck  auf  ihn
hervorgebracht.  Gleichwohl  galt  ihm  auch  die  Philosophie  nicht  als  eines  der
Gebiete,  auf  welche  seine  Fürsorge  sich  zu  erstrecken  habe.  Er  wußte,  daß  hier
mit  äußerer  Nachhilfe  nichts  zu  erreichen  sei;  nur  das  eine  glaubte  der  König
für  dieses  Gebict  tun  zu  können,  das  Erscheinen  von  Gesamtausgaben  der
Werke  deutscher  Denker  mit  ansehnlichen  Summen  zu  unterstützen,  und  das
hat  er  getan.
        <pb n="515" />
        105.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wissenschaft.  503

So  blieben  denn  die  historischen  und  politischen,  die  mathematischen  und
physischen  Wissenschaften  als  das  eigentliche  Feld  königlicher  Hilfe  und  Liberalität.
  Dabei  aber  erschienen  ihm  doch  immer  alle  einzelnen  Disziplinen  als
ebensoviele  Zweige  des  einen  mächtigen  Baumes  der  menschlichen  Erkenntnis,
an  welchem  jeder  Ast  und  jedes  Blatt  berechtigt  sei,  der  in  seinen  Wurzeln
Nahrung  ziehe  aus  der  Vergangenheit,  in  seinen  Früchten  Nahrung  biete  den
künftigen  Geschlechtern  und  seinen  erquickenden  Schatten  ausbreite  über  die
gegenwärtige  Menschheit.  Dieser  Baum  des  Wissens  war  es,  den  er  pflegen
wollte  zum  Gewinne  und  zur  Ehre  Bayerns,  Deutschlands,  der  Menschheit.
Denn  sein  erster  Gedanke  galt  immer  Bayern.  Was  frommt  meinem  Volke7
so  lautete  die  erste  Frage,  die  er  an  sich  stellte.  Die  zweite  war:  Was  ist
geeignet  das  deutsche  Wissensgebiet  zu  erweitern,  die  deutsche  Literatur  zu
bereichern  und  zugleich,  als  von  Bayern  ausgegangen,  Bayern  in  den  Augen
des  übrigen  Deutschland  zu  heben  und  ihm  Ehre  zu  bringen?

Wir  betonen  hier  Bayern  und  Deutschland,  aber  wir  wissen  wohl,  daß
die  Wirkung  der  königlichen  Gedanken  nicht  auf  dieses  Volksgebiet  beschränkt
bleiben  konnte.  Der  Monarch  eines  ansehnlichen  Reiches  nimmt  eine  Stellung
ein,  welche  ihm  die  richtige  Auffassung  und  Beurteilung  der  Dinge,  die  Schätzung
ihres  Wertes  einerseits  erschwert,  anderseits  aber  auch  in  hohem  Grade  erleichtert.
  Es  ist  wahr:  auf  der  einsamen  Höhe  seines  Thrones  befindet  er  sich
wie  auf  einem  hohen,  tiefer  abwärts  von  dichten  Wolken  umlagerten  Berge;
sein  Blick  vermag  nicht  durch  diese  dunkeln  Schichten  hindurch  zu  dringen;  was
unten  im  Tale  vorgeht,  das  Treiben  der  Menschen  im  einzelnen,  ihre  Leiden
und  Freuden,  ihre  Gebrechen  und  ihre  Bedürfnisse,  das  alles  entzieht  sich
seiner  Wahrnehmung  und  es  sind  großenteils  nicht  deutliche  Stimmen,  es  ist
häufig  nur  ein  wirres  Getöse,  das  von  da  unten  her  an  sein  Ohr  schlägt.
Dagegen  aber,  wieviel  freier,  klarer,  weiter  dringend  ist  sein  Blick  auf  der
Höhe,  wohin  ihn  seine  Würde  gestellt  hat,  wenn  er  nur  überhaupt  ein  gesundes
  Auge  besitzt  und  es  zu  gebrauchen  versteht!  Er  atmet  und  schaut  in
reineren,  ätherischen,  nicht  durch  die  Nebel  und  Dünste  des  Alltagslebens  und
seiner  Bedürfnisse  getrübten  Lüften,  er  erkennt  besser  die  Verknüpfung  der
Dinge,  die  Bedentung  des  einzelnen  für  das  staatliche  Ganze;  die  gemeinen,
niedern  Triebfedern  der  menschlichen  Handlungen  haben  keine  Macht  über  ihn.
Wir  Gelehrten,  die  wir  jeder  von  uns  ein  bestimmtes  Wissensgebiet  bebauen
und  pflegen,  sind  vor  allem  der  Versuchung  der  Einseitigkeit  ausgesetzt;  nur
schwer  und  selten  erheben  wir  uns  zu  jener  unbefangenen  und  großartigen
Auffassung,  die  das  eigene  Fach  nicht  überschätzt  und  dem  fremden  Fache  volle
Gerechtigkeit  widerfahren  läßt.  Wer  ist  nicht  schon  im  Leben  Gelehrten  begegnet,
welche  jeden  Kieselstein  in  dem  Garten  ihrer  Wissenschaft  für  einen  Diamant
ansehen,  dagegen  in  den  Diamanten  anderer  nur  Kieselsteine  erkennen  wollen?

Erhaben  über  solche  Täuschungen  und  Einseitigkeiten  urteilt,  handelt  ein
König,  welcher  der  Wissenschaft,  nicht  etwa  bloß  diesem  oder  jenem  Fache,  seine
        <pb n="516" />
        504  105.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wissenschaft.

Gunst,  seinen  Schutz  angedeihen  läßt.  Er  besitzt  nicht  die  durchdringende
Kenntnis  des  einzelnen,  aber  er  hat  hingegen,  und  das  ist  in  seiner  hohen
Stellung  wichtiger,  den  Maßstab  für  ihren  Wert  als  Ganzes.

Unser  Monarch  besaß  diesen  Maßstab,  aber  er  besaß  noch  überdies  als
eine  ihn  auszeichnende  Gabe  den  festen  Glauben  an  die  unvergängliche  Würde
der  Wissenschaft,  an  ihre  unfehlbar  zum  endlichen  Siege  sich  durchkämpfende
Wahrheit,  an  ihre  zuletzt  immer  wohltätigen  Wirkungen.  Diesen  Glauben
ließ  er  sich  auch  durch  widrige  Erfahrungen,  durch  das  egoistisch-unlautere
Treiben  einzelner  nicht  erschüttern.  Für  ihn  gab  es  im  Reiche  des  Geistes
keine  öden  Steppen,  die  den  Anbau  nicht  vertrügen  oder  nicht  lohnten.  Überall
zeigte  sich  seinem  durch  umfassende  Bildung  und  durch  steten  Umgang  mit
hochbegabten  Männern  geschärften  Blicke  treffliches  Ackerland,  welches  nur  der
rechten  Hände  harre  um  zum  Heile  der  Menschen  seine  Früchte  hervorzubringen.

Wenn  Goethe  im  Tasso  seinem  Herzoge  Alfons  die  Worte  in  den  Mund  legt:

„Ein  Feldherr  ohne  Heer  scheint  mir  ein  Fürst,

Der  die  Talente  nicht  um  sich  versammelt“  —
so  ist  damit  nur  das  selbstsüchtige  Bewußtsein  ausgesprochen,  daß  ein  Fürstenthron,
  gehoben  durch  die  Folie  eines  Kranzes  von  Gelehrten  und  Dichtern,
sich  stattlicher,  ansehnlicher  ausnehme.  Diese  sollen  dann  nur  als  Trabanten
den  fürstlichen  Planeten  umkreisen,  sollen  nur  leuchten  um  den  Glanz  seines
Gestirnes  zu  erhöhen.  Unser  König  dachte  größer,  sein  Patronat  war  uneigennütziger,
  edler.  Die  Wissenschaft  und  ihre  Priester  standen  ihm  zu  hoch.  Sie,
die  in  seinen  Augen  die  hehre  Lehrmeisterin  der  Kulturvölker  war,  konnte  er
nicht  als  ein  bloß  zum  Schmucke  seines  Hofes  bestimmtes  Prunkstück  ausnutzen
wollen;  ihren  Dienern  hatte  er  Besseres,  Würdigeres  zugedacht  als  die  Rolle
einer  zur  Erhöhung  des  königlichen  Pompes  dienenden  Gefolgschaft.  Darum
konnte  auch  der  entfernte,  persönlich  ihm  unbekannte  Gelehrte,  wenn  es  um
eine  bedeutsame  Bereicherung  der  wissenschaftlichen  Literatur  sich  handelte,  auf
seine  Teilnahme,  seine  Unterstützung  rechnen.

Wir  dürfen  es  also  sagen:  nicht  sich,  nicht  seiner  persönlichen  Verherrlichung,
  sondern  seinem  Volke  wollte  der  König  dienen;  ganz  Bayern  zunächst
  sollte  die  Früchte  seiner  Liberalität  ernten  und  genießen.)

1)  Man  vergleiche  die  Worte,  die  König  Maximilian  in  seinem  „letzten  Willen“
(schon  am  16.  Dezember  1851)  niederschriebö:  „Möge  der  Allmächtige  mein  teures,  braves,
herrliches  Bayernvolk  auch  ferner  und  in  alle  Zukunft  in  seinen  heiligen  Schutz  nehmen,
seinen  reichsten  Segen  ihm  verleihen!  Ich  habe  es  von  Jugend  auf  treu  im  Herzen  getragen,
  es  war  der  Gegenstand  meiner  Arbeiten,  meiner  Sorge,  meiner  Leiden  und  Freuden.
Sein  Glück  war  das  meine.  Mein  ennstes,  eifriges  Streben  ist  es  und  wird  es  immer
sein,  meines  Landes  materielle  und  geistige  Wohlfahrt  nach  allen  Kräften  zu  fördern  und
ihm  denjenigen  Rang  unter  den  Nationen  einzuräumen,  auf  welchen  es  durch  seine  Stellung
und  seine  alte,  ruhmreiche  Geschichte  Anspruch  hat.  Meine  Liebe  zu  ihm  wird  mein  Leben
überdauern.  Für  mein  Volk  werde  ich  wirken  und  beten,  solange  ich  wirken  und  beten
kann.“  J.  M.  Söltl,  „König  Max  II.  von  Bayern“,  S.  196.  Augsburg  1867,  Schlosser.
        <pb n="517" />
        105.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wissenschaft.  505

Vergessen  wir  nicht,  daß  der  König  in  einer  Sache,  die  ihm  so  sichtbar
persönliche  Herzensangelegenheit  war,  mit  Sicherheit  auf  den  tief  dynastischen
Sinn  seines  Volkes  rechnen  durfte.  Er  wußte,  daß  das  vom  Throne  herab
gegebene  Beispiel  im  Guten  wie  im  Bösen  mit  unwiderstehlicher  Anziehungskraft
  auf  dieses  Volk  wirke,  und  er  vertraute,  daß,  wenn  er  ihm  die  Fahne
des  wissenschaftlichen  Strebens  hochhalte,  die  begabteren  Geister  des  jüngeren
Geschlechtes  sich  freudig  um  dieselbe  scharen  würden.

Fassen  wir  um  unserem  unvergeßlichen  Monarchen  völlig  gerecht  zu
werden,  um  klar  zu  erkennen,  daß  er  nicht  etwa  erträumten  Gütern  und
phantastischen  Schattenbildern  nachjagte,  die  Sache  noch  etwas  tiefer  und  versetzen
  wir  uns  auf  seinen  Standpunkt,  in  seinen  Gedankenkreis.  Pflege  der
Wissenschaft  hieß  bei  ihm  nicht  etwa  bloß  Sorge  für  das  Zustandekommen
einer  Anzahl  gelehrter  Bücher,  noch  weniger  bedeutete  das  bei  ihm  soviel
als  gute  Bezahlung  einiger  Gelehrten  um  von  diesen  dann  als  großmütiger
und  erleuchteter  Mäzen  gepriesen  zu  werden.  Dem  Könige  war  es,  als  er
diesen  Beruf  sich  gab,  auch  nicht  etwa  bloß  um  den  Gewinn  an  Ehre  und
staatswirtschaftlichem  Nutzen  zu  tun,  der  für  Bayern  dabei  herauskommen
werde,  sondern  darum  vor  allem  war  es  ihm  zu  tun,  daß  in  seinem  Volke
der  wissenschaftliche  Geist  geweckt  und  verbreitet  würde,  jener  fein  ausgebildete,
  zugleich  auf  Reinheit  des  Willens  und  auf  Schärfe  der  Intelligenz
beruhende  Wahrheitssinn.

Der  König  hat,  indem  er  für  die  Erweckung  und  Erhaltung  des  wissenschaftlichen
  Sinnes  in  seinem  Lande  Sorge  getragen,  nicht  etwa  bloß  dem
Königreiche  Bayern  eine  Anzahl  von  Männern  geben  wollen,  welche  eine
größere  oder  geringere  Quantität  von  Kenntnissen  besäßen  und  sie  anderen
mitteilten,  sondern  er  hat  eine  Schule,  einen  Herd  des  wissenschaftlichen  Geistes,
das  heißt,  des  geübten  und  feinen  Wahrheitssinnes  in  Bayern  errichten  wollen,
überzeugt  wie  er  war,  daß  dieser  Geist,  wenn  er  nur  einmal  vorhanden  und
lebendig,  nicht  in  den  engen  Schranken  eines  Fachstudiums  eingeschlossen  und
festgebannt  bleiben  werde,  daß  er  vielmehr  als  ein  ungreifbares,  überall  gegenwärtiges
  Fluidum  in  alle  Poren  und  Offnungen  des  gesellschaftlichen  Körpers
eindringen  und  allenthalben  läuternd,  erleuchtend,  segensreich  wirken  werde.

Der  König  hat  überhaupt  die  geistigen  Kräfte  im  Volke  wecken,  durch
Darbietung  eines  würdigen  Stoffes  und  erhabener  Ziele  sie  in  Tätigkeit  setzen
wollen;  er  hat  geglaubt  und  mit  Recht  geglaubt,  daß  die  heilsame  Nachwirkung
  hiervon  sich  mit  der  Zeit  in  allen  Gebieten  menschlicher  Wirksamkeit,
auch  in  den  scheinbar  weit  abgelegenen,  fühlbar  machen  werde.  Und  man
wird  gestehen:  es  ist  das  vielleicht  der  größte  Dienst,  die  dankenswerteste
Wohltat,  welche  ein  Monarch  seinem  Volke  leisten  kann.  Denn  eine  solche
Geisteskraft  und  Geistestätigleit  ist  zuletzt  gleichbedeutend  mit  Macht  und
Würde,  mit  harmonischem  Gleichgewicht,  mit  Frische  und  Gesundheit  des
nationalen  Lebens.
        <pb n="518" />
        506  105.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wissenschaft.

Indem  Maximilian  zu  größeren,  ein  Zusammenwirken  von  mehreren
Kräften  erfordernden  Arbeiten  den  Anstoß  und  die  Mittel  gab,  hatte  er  noch
einen  besonderen  Vorteil  im  Auge,  den  er  seinem  Volke  damit  zuwenden  wollte.
Wer  nämlich  als  Autodidakt  sich  seine  Bahn  mit  Mühe  und  auf  mancherlei
Umwegen  und  Irrwegen  hat  brechen  müssen,  der  kann  später  nicht  ohne  ein
schmerzliches  Gefühl  daran  zurückdenken,  welcher  Verlust  an  Zeit,  welche  Vergeudung
  an  Kraft  sich  aus  dem  Mangel  eines  verlässigen  Führers  für  ihn
ergeben  habe.  Der  junge  aufstrebende  Gelehrte  bedarf  vor  allem  zweier  Dinge:
Schule  und  Ermunterung,  und  es  ist  für  ihn  eine  besondere  Gunst  des  Himmels,
wenn  er  zur  Mitarbeit  an  einem  wissenschaftlichen  Unternehmen  unter  der
Leitung  älterer,  erfahrener  Fachmänner  beigezogen,  wenn  ihm  so  die  doppelte
Sicherheit  des  richtigen  Verfahrens  und  des  nicht  vergeblichen  Arbeitens  von
vorneherein  geboten  wird.

Darum  gab  der  König  besonders  solchen  Unternehmungen  seinen  Beifall,
durch  welche  nicht  nur  neue  Werke  geschaffen  sondern  auch  Männer  gebildet
würden,  welche  das  Begonnene  einst  fortsetzen  und  eigene  neue  Werke  unternehmen
  könnten.  Bayern  wird  es  ihm  noch  lange  Dank  wissen,  daß  er  den
wissenschaftlich  strebenden  Söhnen  des  Landes  durch  solch  große,  literarische
Unternehmungen  sowie  durch  die  Errichtung  der  Seminarien  an  den  Universitäten
  Schulen  gelehrter  und  schriftstellerischer  Tätigkeit  eröffnet  und  damit
ein  wirksames  Heilmittel  dargeboten  hat  gegen  einen  nur  allzuhäufig  an  unseren
jüngeren  Männern  wahrgenommenen  Zug,  den  Zug  nänmlich:  über  sich  selbst
zu  brüten  ohne  etwas  auszubrüten.

Die  Stiftung  des  Maximilians-Ordens  für  Wissenschaft  und  Kunst,  dieser
Gesellschaft  der  fünfzig  ausgezeichnetsten  Gelehrten  und  Künstler  von  ganz.
Deutschland  mit  dem  Rechte  sich  selbst  durch  Neuwahlen  des  Ordenskapitels
zu  ergänzen,  war  eine  Ankündigung,  gleichsam  ein  Programm  dessen,  was  der
König  fernerhin  zu  tun,  zu  erstreben  gedachte.  An  diese  königliche  Schöpfung
schloß  sich  einige  Jahre  später  die  Stiftung  der  Maximilians-Medaille  an.
Sie  sollte,  mit  einem  beträchtlichen  Geldpreise,  jedes  Jahr  den  Verfassern  der
vier  besten  Werke  auf  den  Gebieten  der  Staatswissenschaften,  der  Geschichte,
der  Philologie,  der  Naturwissenschaften  zuerkannt  werden.  Auch  als  Preis
für  die  Lösung  einer  vom  Könige  zu  stellenden  wissenschaftlichen  Aufgabe  sollte
die  Medaille  zugleich  mit  der  ausgesetzten  Summe  gegeben  werden.

War  es  hier  das  Kapitel  des  Maximilians-Ordens,  welchem  der  König
das  Richteramt  übertrug,  so  empfing  auch  die  Akademie  bei  mehr  als  einer
Gelegenheit  sprechende  Beweise  seiner  Huld  und  teilnehmenden  Aufmerksamkeit.

Es  sind  wohl  nur  wenige  unter  uns,  die  er  nicht  zu  wissenschaftlichen
Unternehmungen  ermuntert  und  dabei  unterstützt  hätte.  Dann  gab  er  der
Akademie  in  der  freien  Wahl  aller  ihrer  Mitglieder  ihre  volle  Antonomie
zurück;  er  erweiterte  ihren  Wirkungskreis  durch  die  Stiftung  und  Ausstattung
        <pb n="519" />
        106.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wissenschaft.  507

zweier  ihr  einverleibten  Kommissionen,  der  historischen  und  der  naturwissenschaftlich-technischen.
  Durch  letztere  sollte  das  weite  Gebiet  der  Technik  allmählich
  wissenschaftlich  durchdrungen,  die  bisher  von  keinem  wissenschaftlichen
Sinne  getragene  Praxis  gereinigt,  vergeistigt  und  mit  unvergänglicher  Lebenskraft
  ausgestattet  werden.

Der  König  war  aufmerksam  geworden  auf  die  eigentümliche  Anlage  des
südbayerischen  Stammes  zu  technischen  Leistungen,  wie  sie  schon  in  der  Vorzüglichkeit
  der  in  manchen  Gebirgsgegenden  verfertigten  Schnitzwerke  und
Drechslerarbeiten  sich  kundgibt.  Er  hatte  beachtet,  wie  die  wissenschaftliche,
dem  technischen  Talente  beigesellte  Begabung  in  der  Verbindung  dreier  Männer:
Fraunhofer,  Reichenbach  und  Ustzschneider,  jene  bis  dahin  nicht  erreichten  Instrumente
  zustande  gebracht  habe,  durch  welche  im  Beginne  dieses  Jahrhunderts
eine  neue  Epoche  der  beobachtenden  Astronomie  angebahnt  wurde.  Damals
hatten  die  Stermwarten  aller  Länder  wetteifernd  mit  Instrumenten  aus  dem
Münchener  optischen  Institute  sich  versehen  und  so  war  Münchens  Ruhm  und
vieler  Bürger  Wohlstand  erhöht  worden.  Da  ließ  der  König  mittels  einer
jährlich  ausgesetzten  Summe  feine  physikalische  Instrumente  von  Mechanikern
der  Hauptstadt  ausführen,  die  dann  an  die  Lehranstalten  des  Landes  verteilt
wurden.  Die  Folge  war,  daß,  während  früher  alle  feineren  Instrumente  aus
dem  Auslande  bezogen  werden  mußten,  die  Werkstätte  eines  bis  dahin  mit
Armut  ringenden  Münchener  Mechanikers  sich  rasch  emporarbeitete  und  nun
nicht  nur  das  Inland  mit  Instrumenten  versieht,  sondern  sie  bereits  nach
England,  Rußland,  Amerika  versendet.

Bei  Betrachtung  der  königlichen  Tätigkeit  auf  dem  weiten  Gebiete  geschichtlicher
  Forschung  und  Darstellung  darf  wohl  daran  erinnert  werden,  daß
Maximilian  II.  bei  aller  wissenschaftlichen  Unparteilichkeit  doch  sich  persönlich
am  stärksten  zu  der  Geschichte  hingezogen  fühlte,  daß  er  die  bedeutenderen  Erscheinungen
  auf  diesem  Felde  mit  erhöhtem,  mitunter  mit  gespanntem  Interesse
verfolgte,  daß  die  Hervorrufung  gewisser  historischer  Werke  sogar  zu  seinen
liebsten,  schon  frühe  gehegten  und  beharrlich  festgehaltenen  Wünschen  gehörte.
Die  Geschichte  war  seiner  Geistesrichtung  am  meisten  verwandt.

Die  erste  größere  Tat  des  Königs  auf  diesem  Gebiete  galt  Bayern  speziell.
Er  schuf  im  Jahre  1855  eine  Kommission  für  die  Veröffentlichung  der  in  den
Archiven  und  Bibliotheken  des  Königreichs  vorhandenen,  noch  ungedruckten
Quellenschriften.  Diese  Kommission,  die  reichlich  mit  Geldmitteln  versehen
nur  wenige  Jahre  bestand,  bis  sie  in  die  für  die  deutsche  Geschichte  gebildete
Kommission  überging,  hat  in  der  kurzen  Zeit  ihres  Wirkens  und  obgleich  zwei
der  bedeutendsten  Mitglieder  ihr  bald  durch  den  Tod  entrissen  wurden,  doch
in  acht  Bänden  eine  Fülle  wertvoller  Geschichtsquellen  eröffnet.

Daß  dem  Könige  die  bessere  Erforschung  und  Bearbeitung  der  deutschen
Geschichte  vor  allem  am  Herzen  lag,  ist  nach  dem  Gesagten  selbstverständlich.
Gerade  der  Aufschwung,  den  die  deutsche  Geschichte  seit  der  Herausgabe  der
        <pb n="520" />
        508  105.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wisjenschaft.

Monumenta  Germaniae,  also  seit  etwa  30  Jahren,  genommen  hat,  machte
die  zahlreichen  Lücken,  an  denen  sie  noch  litt,  erst  recht  fühlbar.  Es  war,  wie
wenn  ein  dunkler  Saal  plötzlich  durch  ein  Licht  erleuchtet  wird  und  man  nun
erst  wahrnimmt,  wie  nackt  die  Wände,  wie  spärlich  noch  das  Geräte  in  diesem
Raume  sei.  Man  erkannte,  daß  wir  Deutsche  noch  weit  davon  entfernt  seien
unserer  großen  Vergangenheit  auch  nur  die  notdürftigste  Gerechtigkeit  erwiesen
zu  haben,  daß  noch  eine  große  Menge  von  vorbereitenden  Arbeiten,  von  monographischen
  Leistungen  not  tue,  bis  nur  einmal  daran  gedacht  werden  könne,
eine  der  Nation  würdige  deutsche  Geschichte  zu  schreiben.  Der  König  nahm
mit  vollem  Rechte  an,  daß  die  geistigen  Kräfte,  die  in  diesem  Gebiete  mit
glücklichem.  Erfolge  verwendet  werden  könnten,  in  Deutschland  reichlich  vorhanden
  seien,  daß  sie  aber  der  Ermutigung,  der  Leitung  und  in  vielen
Fällen  auch  einer  Remuneration  bedürften,  wie  sie  der  Verleger  nicht  gewähren
  kann.  «

Er  rief  daher  die  historische  Kommission  ins  Leben,  welche  unter
ihrem  Vorstande  Leopold  Ranke  die  angesehensten  Historiker  Deutschlands  umfaßt
  und  in  ihren  jedes  Jahr  wiederkehrenden  Sitzungen  über  eine  Dotation
von  jährlich  15000  Gulden  zu  verfügen  hat.  Es  ist  bemerkenswert,  wie  der
König  hier  und  auch  sonst  ganz  anders  verfuhr,  als  Monarchen  zu  verfahren
gewohnt  sind.  Diese  pflegen  ihre  Gaben  ganz  dem  eigenen  Ermessen  vorzubehalten,
  damit  sie  rein  als  persönliche  Gunst  und  Gnadenbezeugung  erscheinen
möchten  und  ihnen  allein  der  Dank  dafür  zuteil  werde.  Maximilian  hingegen
gab  die  Verwendung  der  ansehnlichen  Summen,  die  er  bewilligt  hatte,  ganz
aus  der  Hand;  er  setzte  einen  wissenschaftlichen  Gerichtshof  ein,  der  rein  im
Interesse  der  Sache  darüber  entscheiden  sollte,  und  selbst  die  Bezeichnung  der
ferner  hinzutretenden  Mitglieder  dieses  Tribunals  überließ  er  den  Männern,
die  nun  einmal  sein  volles  Vertrauen  besaßen.  Und  doch,  wenn  er  dann  in
seiner  huldreichen,  freundlich  ausdrucksvollen  Weise  dem  Empfänger  seine  Befriedigung
  über  das  Geleistete  oder  seine  Hoffnungen  bezüglich  eines  gewünschten
und  erwarteten  Werkes  aussprach,  wenn  er  eine  ihm  vorgelegte  Schrift  so  aufnahm,
  als  sei  damit  ihm  persönlich  ein  dankenswerter  Dienst  erwiesen  worden,
dann  hatte  wohl  jeder  die  Empfindung,  daß  es  nicht  bloß  der  Wahrspruch
eines  wissenschaftlichen  Gerichtshofes,  daß  es  mehr  noch  die  Güte,  das  Wohlgesallen
  des  trefflichen  Monarchen  sei,  worin  sein  schönster  Lohn  liege,  und
daß  für  solche  Gunst  und  Billigung  kein  Preis  zu  hoch,  keine  Anstrengung
zu  groß  sei.

Damit  noch  besser  erkannt  werde,  wie  ersprießlich  das  Eingreifen  des
Königs  in  den  Gang  unserer  geschichtlichen  Tätigkeit  gewesen,  so  sei  die  Bemerkung
  mir  hier  gestattet,  daß  große  wissenschaftliche  Werke  historischen  Inhaltes
  in  der  Regel  ohne  fürstliche  oder  staatliche  Unterstützung  heutzutage
nicht  mehr  zustande  gebracht  werden  können.  Früher  war  dies  teilweise  anders.
Die  zahlreichen  Klosterbibliotheken  im  südlichen  Europa  machten  das  Erscheinen
        <pb n="521" />
        105.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wissenschaft.  509

großer  und  kostspieliger,  dem  geschichtlichen  Gebiete  angehöriger  Werke  möglich.
Diese  Bibliotheken  sind  aber  verschwunden  und  überhaupt  werden  große  Privatbibliotheken,
  die  als  Fideikommisse  jahrhundertelang  bei  der  Familie  blieben,
heutzutage  nicht  leicht  mehr  gebildet  oder  auch  nur  fortgesetzt.  Jedermann  bedient
  sich  jetzt  der  öffentlichen  Bibliotheken;  die  Gelehrten  sind  eben  nicht  zugleich
  die  Reichen  und  die  Reichen  sind  nur  sehr  selten  die  Gelehrten.

Dank  der  königlichen  Aufträge  und  Mittel  sind  eine  Reihe  der  bedeutendsten
  Werke,  Denkmäler  deutscher  Forschung  und  Gelehrsamkeit,  ins  Leben
gerufen  worden:  es  entstand  die  Sammlung  der  deutschgeschriebenen  Chroniken
der  deutschen  Städte  (im  15.  und  16.  Jahrhundert);  die  deutschen  Reichstagsakten
  seit  dem  Erscheinen  der  goldenen  Bulle,  eine  großartige  Publikation,
versprechen  helles  Licht  nicht  nur  auf  die  deutsche  sondern  auch  auf  die  europäische
  Geschichte  zu  werfen;  die  Jahrbücher  der  deutschen  Geschichte,  die  Forschungen
  zur  deutschen  Geschichte,  die  Sammlung  mittelalterlicher  Formel=  und
Prozeßbücher,  die  Geschichte  der  deutschen  Wissenschaft  (aus  23  Einzelwerken
bestehend,  für  die  allein  der  König  die  Summe  von  50000  Gulden  aus  seiner
Privatkasse  bewilligte)  werden  Fundamentalwerke  wissenschaftlicher  Forschung
werden;  durch  Preisausschreibungen  für  Biographien  berühmter  Deutscher  und
verdienter  Bayern  sind  bereits  tüchtige  Werke  erzielt  und  viele  andere  bedeutungsvolle
  Bereicherungen  unserer  historischen  Literatur  (z.  B.  die  historischen
Lieder  der  Deutschen  vom  15.  bis  17.  Jahrhundert,  die  Korrespondenz  der
Fürsten  des  Wittelsbachischen  Hauses  von  1550—1650)  sind  durch  die  Munifizenz
  des  Königs  ermöglicht  worden;  der  König  war  es  auch,  der  zuerst
den  Gedanken  eines  Werkes  wie  die  Bavaria  faßte  und  nicht  bloß  den
Plan  im  allgemeinen  sondern  auch  im  Detail  entwarf,  und  der  jetzt
schon  sehr  günstige  Erfolg  des  nur  erst  zur  Hälfste  vollendeten  Werkes
beweist,  welch  treffendes  Urteil,  welch  richtigen  Blick  er  in  Dingen  des  eigenen
Landes  besaß.

Wenn  der  Verdienste  Maximilians  II.  um  die  Wissenschaft  gedacht  wird,
darf  über  das  bayerische  Nationalmuseum  nicht  geschwiegen  werden.
Denn  der  Gewinn  aus  dieser  einzigen  Sammlung  kommt  doch  auch  der  Geschichte
  zugute,  und  wer  immer  Bayerns,  ja  Deutschlands  frühere  Sitte,  Kultur
und  Kunsttätigkeit  in  dem  Jahrtausend  von  der  Karolingischen  bis  zur  Napoleonischen
  Zeit  gründlich,  das  heißt,  anschaulich  kennen  und  studieren  will,
der  muß  fortan  nach  München  zu  diesem  Museum  wandern  und  an  dieser
überraschenden  Fülle  künstlerischer  Erzeugnisse  Geist  und  Herz  erfrischen.  Wie
Vieles  und  Kostbares  ist  hier  vom  sicheren  Untergange  gerettet,  wie  Vieles,
das  in  seiner  Verborgenheit  bisher  unbeachtet,  in  seiner  Vereinzelung  tot  und
bedeutungslos  geblieben,  hat  hier  erst  durch  seine  Einfügung  in  ein  großes
symmetrisches  Ganzes,  durch  seine  örtliche  Verbindung  mit  Verwandtem  Leben
und  Gedankengehalt  empfangen!  Wir  dürfen  Paris  um  sein  Hötel  de  Cluny
nicht  mehr  beneiden,  denn  unser  Museum  ist  jetzt  schon  gehaltvoller  und  groß-
        <pb n="522" />
        510  105.  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wissenschaft.

artiger  und  wird  es  in  Zukunft,  da  es  für  fortwährendes  Wachstum  angelegt
ist,  noch  mehr  werden.)

Es  ist  mir  gestattet  worden  Einsicht  zu  nehmen  von  dem  authentischen
Verzeichnisse  aller  Summen,  welche  der  König  für  wissenschaftliche  Leistungen
bewilligt  hat.  Da  muß  ich  denn  bekennen:  durch  das  früher  darüber  Vernommene
  war  meine  Erwartung  hoch  gespannt;  sie  ist  aber  durch  den  Blick
in  dieses  Verzeichnis  noch  weit  übertroffen  worden  und  ich  darf  wohl  sagen:
mir  ist  im  ganzen  Umfange  der  Geschichte  kein  Fürst  bekannt,  der  aus  seiner
Privatkasse  mit  solch  einsichtsvoller  Liberalität  die  wissenschaftlichen  Forschungen
und  literarischen  Erzeugnisse  in  ihren  mannigfaltigen  Verzweigungen  unterstützt
und  gefördert  hätte  wie  König  Maximilian  II.  Da  finden  sich  zuerst  wahrhaft
  königliche  Unterstützungen  zu  wissenschaftlichen  Reisen,  dann  Stipendien
für  Studierende  und  angehende  Gelehrte  zum  Besuche  auswärtiger  Universitäten
  oder  auch  Gaben  an  fremde  Gelehrte  zum  Aufenthalte  in  München,
Summen  für  Anschaffung  wissenschaftlicher  Instrumente,  für  Herstellung  von
Apparaten  oder  für  Verfertigung  verschiedenartiger  Karten;  großartige  Unterstützungen
  für  Anstellung  von  Forschungen  im  Auslande;  beträchtliche  Beiträge
zur  Herausgabe  der  Werke  von  lebenden  oder  verstorbenen  Gelehrten.  Im  ganzen
und  großen  sind  die  Gaben  wohl  verwendet,  ist  bleibender,  geistiger  Gewinn  damit
erreicht  worden.  Nirgends  zeigt  sich  dabei  eine  Nebenabsicht,  eine  Bevorzugung

1)  Das  bayerische  Nationalmuseum  ist  wohl  das  vornehmste  Denkmal  von
König  Maximilians  hoher  Gesinnung,  der  Künste  und  Wissenschaften,  insbesondere  die
Erforschung  und  Darstellung  der  vaterländischen  Geschichte  mehrfache  Anregung  und  wahrhaft
  königliche  Förderung  zu  danken  haben.

Der  Plan  zur  Gründung  der  Sammlung  wurde  auf  Anregung  des  Freiherrn  Karl
Maria  von  Aretin  im  Januar  1854  aufgestellt,  die  neue  Sammlung  zuerst  in  der
Herzog-Maxburg  in  München  unter  dem  Namen  „Wittelsbacher-Museum“  untergebracht.
Nach  des  edlen  Königs  eigenster  Verfügung  aber  sollte  es  ein  bayerisches  historisches
Museum  im  weitesten  Sinne  des  Wortes  werden,  dessen  zeitlicher  Rahmen  die  Zeitabschnitte
  der  Agilolfinger,  der  romanischen  und  gotischen  Kunst  und  der  Renaissance
umfassen  sollte;  was  zur  Charakterisierung  der  vergangenen  Jahrhunderte  des  geistigen
und  materiellen  Volkslebens,  der  herrschenden  Zeitrichtungen,  besonders  in  Bezug  auf
Kunst  und  Gewerbe  diente,  sollte  gesammelt  werden.  Am  30.  Juni  1854  setzte  ein  K.
Handschreiben  die  endgültige  Bezeichnung  „Bayerisches  Nationalmuseum“  fest.

gem  nunmehr  geweckten  Sammeleifer  bot  die  damalige  Lage  des  Marktes  noch
besondere  Gunst.  Erfolgreiche  Tätigkeit  entfaltete  besonders  der  K.  Konservator  J.  H.
von  Hefner-Alteneck.  Bald  füllten  sich  die  verfügbaren  Räume  und  als  schon  im
Jahre  1865  die  Sammlungen  dort  30  Säle,  Hallen  und  andere  Räume  einnahmen,
mußte  an  die  Neubeschaffung  eines  geräumigen  Obdaches  gedacht  werden.  Die  Lösung  der
Frage  brachte  der  hochherzige  Entschluß  des  königlichen  Stifters  seiner  Lieblingsschöpfung
aus  eigenen  Mitteln  eine  neue  Stätte  zu  bereiten.  So  entstand  in  den  Jahren
1858—65  das  stattliche  Museumsgebäude  an  der  Maximiliansstraße,  an  dessen  Schauseite
die  Widmungsworte  des  Königs  prangen  „Meinem  Volk  zu  Ehr  und  Vorbild“.
Der  historische  Charakter  des  Gebäudes  sollte  im  Innern  durch  eine  Reihe  trefflicher
Wandgemälde  aus  der  Geschichte  des  bayerischen  Herrscherhauses  und  Volkes  zum  Aus-
        <pb n="523" />
        105  König  Maximilian  II.  von  Bayern  und  die  Wisseuschaft.  511

dieser  oder  jener  Richtung  oder  Partei;  vielmehr  ist  durchweg  nur  der  reine
objektive  Sinn  für  das,  was  der  Wissenschaft  wahrhaft  frommt,  für  Bayerns
und  Deutschlands  geistige  Bereicherung  zu  erkennen.  Und  wenn  die  Gaben,
welche  der  speziellen  Geschichte  Bayerns  und  den  Erforschungen  der  bayerischen
Zustände  gewidmet  wurden,  besonders  reichlich  ausgefallen  sind,  so  werden  wir
das  nur  natürlich  finden.  War  es  doch  sein  Wille,  daß  jedes  Talent,  welches  in
Bayern  für  irgend  ein  Gebiet  der  Wissenschaft  oder  Kunst  sich  hervortue,  gepflegt,
unterstützt  und  mit  fortwährendem  Wohlwollen  im  Auge  behalten  werden  solle.
Was  sagt  uns  nun  die  lange  Aufzählung  all  dieser  edlen  Stiftungen?  Sie
sagt  uns,  oder  vielmehr  der  verewigte  König  redet  durch  seine  Taten  und
Gaben  aus  dem  Jenseits  herüber  zu  uns:  Ein  reiches  Vermächtnis  habe  ich
euch  hinterlassen,  euer  Dank  dafür  möge  leuchten  in  Taten,  in  der  Benutzung
und  Fortführung  des  Begonnenen!  Beweiset,  daß  der  Same,  den  ich  ausgestreut
  habe,  nicht  auf  steiniges,  unfruchtbares  Erdreich  gefallen  ist!  Zeiget,
daß  ihr  mit  der  Empfänglichkeit  auch  die  zähe  Ausdauer,  den  nachhaltigen
Fleiß,  die  nicht  erkaltende  Begeisterung  für  hohe  Ziele  besitzet!  Das  Feuer
gründlicher  Wissenschaft  ist  nunmehr  auf  dem  Altare  des  Vaterlandes  entzündet
  und  verbreitet  weithin  seinen  Schein;  sorget  ihr,  daß  es  stets  unterhalten
  und  genährt  werde,  auf  daß  es  niemals  mehr  in  Bayern  erlösche!

 

druck  gebracht  werden.  Die  Überführung  der  Sammlung  aus  der  Herzog-Maxburg  erlebte
  der  edle  Herrscher  nicht  mehr;  sie  begann  im  Herbst  1865,  die  feierliche  Eröffnung
fand  am  Namenstag  des  Stifters  (12.  Okt.)  1867  statt,  und  würdig  trat  das  bayerische
Nationalmuseum  in  die  Reihe  der  großen  Sammlungen  der  Landeshauptstadt  ein,  ja  es
wurde  bald  die  volkstümlichste  unter  den  großen  Sammlungen  Münchens  und  übte
dank  den  unvergleichlich  mannigfaltigen  Schätzen  den  größten  Einfluß  aus  auf  das  emporstrebende
  Münchener  Kunstgewerbe.

Rasch  dehnte  sich  der  Umfang  der  überreichen  Sammlung  aus  und  bald  stellte  sich
neuerdings  ein  wesentlich  erhöhtes  Raumbedürfnis  ein.  Als  gründlichstes  Mittel  gegenüber
  diesen  und  manchen  anderen  Bedenken  wurde  die  Errichtung  eines  ausgedehnten
Neubaues  an  anderer  Stelle  mit  dem  dreifachen  Naume  und  allen  Einrichtungen  der
modernen  Technik  erkannt.  Für  den  Neubau  wurde  vom  Lande  die  Summe  von  4000000  M.
bewilligt  und  als  Stätte  die  in  der  Entstehung  begriffene  Prinzregentenstraße  gewählt  zu
Ehren  Sr.  K.  Hoheit  des  Prinzregenten  Luitpold  und  seiner  stets  bewährten
Kunstliebe.  Der  Bau  wurde  nach  den  Plänen  des  Architekten  Professors  Gabriel
von  Seidl  in  den  Jahren  1894—98  ausgeführt,  mit  der  Übersiedlung  der  Sammlungen
  im  Septemder  1898  begonnen,  die  innere  Einrichtung  von  dem  Ehrenkonservator
und  K.  Akademieprofessor  Rudolf  von  Seit  geleitet.  Die  Räume  sind  mit  ihrem
Inhalt  zu  einem  anziehenden  künstlerischen  Gesamtbilde  vereinigt.

So  hat  der  Schatz,  den  zunächst  und  im  reichsten  Maße  die  Liberalität  des  erlauchten
  bayerischen  Herrscherhauses,  sodann  die  fortdauernde  Fürsorge  der  K.  Staatsregierung
  und  zu  einem  beachtenswerten  Teil  auch  der  edle  Stiftersinn  aufopfernder
Bürger  anhäuften,  eine  neue  würdige  Heimstätte  erhalten,  die  seinen  hohen  Wert  in
künstlerisch  vollkommener  Weise  zur  Geltung  gelangen  läßt.  Mit  vollem  Recht  aber
prangt  auch  an  der  Schauseite  dieses  Neubaues  der  Wahlspruch  des  königlichen  Stifters
„Meinem  Volk  zu  Ehr  und  Vorbild“
        <pb n="524" />
        106.  Am  Ostersamstag  (10.  März  1864).

106.  Am  Ostersamstag  (10.  März  1864).
Von  Emanuel  Geibel.)

Am  Ostersamstag  war's,  da  schritt  ich  still
Ins  Land  hinaus;  zu  meinen  Füßen  schoß
Der  Isar  grüne  Woge  strudelnd  hin

Und  fern  im  Dufte  lag  das  Hochgebirg.

Und  wie  vom  halbentwölkten  Himmel  her
Ein  lindes  Säuseln  kam  und  über  mir

Die  erste  Lerch'’  unsichtbar  wirbelnd  stieg:

Da  schmolz  in  meiner  Brust  das  stumme  Leid
Und  feuchten  Auges  warf  ich  mich  ins  Gras
Und  dacht  an  unsern  teuren  König  Max.

Und  sieh,  mir  war's,  er  stände  vor  mir  da,
Lebendig  wieder,  mit  dem  milden  Blich

Und  doch  verklärt  von  ernster  Majestät:

Der  Friedensfürst,  den  mehr  als  jedes  Wort
Das  freie  Glüch  des  Stamms,  den  er  beherrscht,
Die  frohe  Blüte  seines  Reiches  preist;

Der  stille  Überwinder,  der  sich  selbst

Besiegt  um  seinem  Volk  genug  zu  tun

Und  jeder  Willnür,  jeder  Leidenschaft

Den  Zügel  des  Gewissens  angelegt:

Der  echte  Sohn  vom  Stamme  Wittelsbach,
Getreu,  beharrlich,  heil'gen  Willens  voll,

Der  mit  dem  letzten  Atemzuge  noch

Einstand  für  deutsches  Recht  und  dem  der  Zorn
Um  deutsche  Schmach  den  Todespfeil  geschärft.
Das  war  der  König!  Bayern  weint  um  ihn,
Wie  an  des  Vaters  Gruft  die  Tochter  weint,
Und  Deutschland  legt  den  Kranz  auf  seinen  Sarg.

Und  andre  Bilder  stiegen  vor  mir  auf.

In  seiner  Hofburg  sah  ich  ihn,  umringt

Vom  Kreise  seiner  Lieben,  frohgelöst
Aufatmen  von  der  Last  des  Herrscheramts,
Ein  fürstlich  Vorbild  reiner  Menschlichkeit;
Und  durchs  Gewühl  der  Gassen,  die  sein  Ruf
In  reichem  Schmuck  erstehn  hieß,  folgt  ich  ihm
Und  sah  ihn  wandeln  unter  seinem  Volk,
Leutselig,  liebreich,  jedes  fremden  Glüchs
Sich  miterfreuend,  hilfreich  jeder  Not.,

Denn  Böstlicher  als  seine  Krone  war

Das  Herz,  das  unter  seinem  Purpur  schlug,

!1)  Gesammelte  Werke,  3.  Band,  S.  238  ff.  Stuttgart  1888,  Cotta.
        <pb n="525" />
        106.  Am  Ostersamstag  (10.  März  1864).  513

Das  lautre,  stets  sich  selbst  getreue  Herz,

Aus  dem  auf  alles,  was  er  sprach  und  schuf,
Ein  Sonnenstrahl  der  reinsten  Güte  fiel.

Das  war's,  was  ihm  die  Seelen  unterwarf;
Und  wenn  er  grüßend  durch  die  Menge  schritt
Und  jedes  Auge  glänzte,  das  ihn  sah,

Wer  spürt'  es  nicht,  daß  noch  ein  schöner  Band
Als  angestammter  Treue  hier  sich  wob

Aus  Dankbbarkeit,  Hingebung  und  Vertraun!

Und  jener  trauten  Stunden  dacht'  ich  dann
Im  hohen,  bilderdunkeln  Teppichsaal,

Wo  er,  mit  ernsten  Männern  im  Gespräch,
Das  stillgeschäft'ge  Walten  der  Natur,

Der  Vorzeit  Bücher  sich  enträtseln  ließ.

Denn  eine  nimmermüde  Hehnsucht  zog

Ihn  zu  des  Lebens  Tiefen.  Nicht  begnügt
Mit  der  Erscheinung,  sucht'  er  ihr  Gesetz

Und  jede  neuerkannte  Wahrheit  galt

Ihm  eine  Stufe,  die  er  sich  erkämpft,

Und  oft,  wenn  vor  dem  wissensdurst'gen  Geist
Ein  Strahl  ihm  aufging  jener  Gotteskraft,
Der  ewig  Einen,  die  im  leisen  Blüh'n

Der  Pflanze  wie  im  Auf=  und  Niedergang
Der  Völker  und  der  Zeiten  sich  enthüllt:

Da  flog  ein  Leuchten  über  seine  Stirn

Und  häöher  schlug  sein  Herz,  als  wär'  er  selbst
Der  Weisheit  Jünger,  nicht  ihr  Vogt  und  Hort.

Doch  liebt’  er's,  wenn  um  solcher  Stunden  Ernst

Erheiternd  sich  der  Kranz  des  Schönen  flocht.

Und  wie  er  selbst  in  jungen  Jahren  wohl

Geprüft  die  Saiten,  bis  des  Izepters  Pflicht

Ungern  das  holde  Spiel  ihn  meiden  ließ,

Verlangt'  ihn  nach  der  Muse  Gastgeschenk.

Denn  göttlichen  Geschlechts  noch  ehrt'  er  sie

Und  in  der  Fuorscher  strengen  Kreis  entbot

Er,  die  ihr  dienten,  daß  sie  mit  Gesang

Des  Busens  Wellenschlag  ihm  schwichteten.

Auch  mir  beschied  sein  höniglicher  Ruf

Die  neue  Heimat;  hold  gewährt'  er  mir,

Wonach  des  Dichters  Herz  zumeist  begehrt:

Horglose  Freiheit  und  ein  freundlich  Ohr,

Das  seinen  Weisen  lauscht.  Und  was  ein  Gott

In  hohen  Stunden  mächtiger  beschwingt

Mir  auf  die  Lippen  legte,  wurde  sein.

Ach,  würd'ger  einst  die  vollgereifte  Frucht,
Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  33
        <pb n="526" />
        514  107.  Mit  einem  Königsherzen.

Die  unterm  Herbstlaub  meines  Lebens  schwillt,
Ihm  darzubringen  hofft'  ich  und,  dafern

Ein  Kranz  mir  je  noch  blühte,  sollt'  er  ihm
Zuerst  gehören,  der  ihn  mild  gepflegt.  —

Da  riß  ein  allzufrüh  Geschich  ihn  fort

Zu  jenen  Sphären,  die  kein  sterblich  Lied
Erreicht,  und  nichts  als  Tränen  heißen  Danks
Für  den  geliebten  Toten  hab'’  ich  heut“.

Den  Toten?  Nein!  Ob  auch  das  Gruftgewölb'
Den  schmerzensmüden  Leib  empfing:  er  lebt!
Nicht  in  den  Blättern  der  Geschichte  bloß,
Nicht  bloß  im  Mund  des  Liedes,  noch  im  Erz,
Das  fromme  Treue  dankbar  ihm  erhöht:

In  seines  Landes  Segen  und  Gedeihrn,

In  seines  Volks  Gesittung  lebt  er  fort,

Er  lebt  in  unsern  Herzen,  lebt  im  Sohn,

Der,  was  er  anhub,  zu  vollenden  ringt;

Und  daß  er  also  fortlebt,  sei  uns  Trost

In  unserm  Leid!  Denn  sein's  verging  in  Glanz.
So  dacht'  ich  und  erleichtert  hob  sich  mir

Die  schwerbeklemmte  Brust.  Ich  sprang  empor
Und  sah  zum  Himmel,  sah  den  Strom  hinab;
Da  brach  die  Sonne  leuchtend  durchs  Gewölk,
Daß  jede  Well',  in  ihren  Strahl  getaucht,

Der  Hoffnung  goldnes  Bild  zu  tragen  schien,
Und  durch  das  Tal  im  Wind  herwogend  ham
Der  Osterglocken  Auferstehungsruf.

107.  Mit  einem  Königsherzen.
Von  Oskar  von  Redwitz.:)

Das  edle  Herz  unseres  höchstseligen  Königs  Max  II.  hat  die  letzte  Stätte
seiner  irdischen  Ruhe  gefunden.  Und  es  ist  wohl  ein  sehr  natürliches  Gefühl,
wenn  es  mich,  als  einen  der  wenigen  beständigen  Augenzeugen,  nach  meiner
Rückkehr  drängt,  all  denen,  die  im  weiten,  treuen  Bayernlande  um  den  Hingang
  ihres  geliebten  Königs  vor  vier  Monaten  aus  aufrichtiger  Trauer  geweint
haben,  nun  auch  in  Wahrheitstreue  von  der  uns  allen  ewig  denkwürdigen  Fahrt
zu  erzählen,  auf  der  wir  das  königliche  Herz  von  der  prächtigen  Königsstadt
auf  der  Hochebene  der  Isar  bis  zur  unscheinbaren  Muttergotteskapelle  in  der
Niederung  des  Inn  im  letzten  Ehrendienste  begleiten  durften.

Möge  indessen  niemand  ungewöhnliche  Schilderungen  einer  durch  äußeren
Pomp  besonders  großartigen  Totenfeier  erwarten!  —  Ging  dieser  in  seiner

1)  „Eine  Fahrt  von  München  nach  Altötting,  dem  bayerischen  Volke  erzählt."
München  1864,  Manz.
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        107.  Mit  einem  Königsherzen.  515

Art  so  seltene  Trauerzug  1)  zwei  Tage  in  feierlichem  Schritte  doch  nur  durch
eine  einzige  kleine  Stadt,  durch  zwei  bescheidene  Märkte,  unbekannte  Dörfer
und  zerstreute  Weiler  und  gar  lang  oft  nur  auf  einsamer,  heißer  Landstraße
inmitten  wogender  Ahrenfelder  oder  am  schattigen  Saum  eines  rauschenden
Forstes!

Aber  von  einer  viel  wertvolleren  Totenfeier,  wie  sie  keine  Residenz  einem
beweinten  Monarchen  würdiger  bereiten  kann,  habe  ich  zu  berichten  —  von
der  Totenfeier  einer  wahrhaft  rührenden  Liebe  und  Pietät  für  den  königlichen
Verklärten,  die  seinem  gebrochenen  Herzen  auf  allen  Wegen  dieser  letzten  Fahrt
entgegenkam.

Wie  viele  von  den  Hunderten,  die  in  dichten,  sinnenden  Reihen  am  frühen
Morgen  des  11.  Juli  dem  aus  seiner  Residenzstadt  unter  dem  Trauerklang
aller  Glocken  scheidenden  Herzen  ihres  vielgeliebten  Königs  Max  den  letzten
stummen  Abschied  sagten,  überkam  nicht  eine  eigene  Wehmut,  als  der  Trauerzug
jene  herrliche  Straße  hinunterfuhr,  die  Entstehen  und  Namen  diesem  nun  längst
erkalteten  Herzen  verdankt,  an  dessen  stolzer  Schönheit  es  so  manches  Jahr
mit  solcher  Wärme  gehangen,  in  der  es  so  manche  neue  Zierde  nimmer  erleben
durfte!  —  Wie  vielen  Hunderten  sind  nicht  wie  vor  vier  Monaten  die  Augen
wieder  naß  geworden,  als  sich  die  Wagen  über  die  neue  Isarbrücke  bewegten
und  die  nach  langer,  düsterer  Regenzeit  zum  erstenmal  wieder  in  der  Morgensonne
  glänzenden,  prächtigen  Gasteiganlagen  diesem  für  Naturschönheit  so  begeisterten
  Herzen  ihres  königlichen  Schöpfers  den  letzten  Abschiedsgruß  herüberrauschten!
  —  Und  als  dann  die  alte  Leibgarde,  die  den  ernsten  Zug  von  der
Königsburg  durch  alle  die  vollendeten  Bauwerke  des  Höchstseligen  bis  zur  Höhe
des  noch  unfertigen  Maximilianeums  begleitet  hatten,  nun  ebenfalls  dem  Herzen
ihres  einstigen  Gebieters  Lebewohl  sagten  und  der  noch  formlose  Koloß  wie
ein  stummberedter  Mahner  an  irdische  Vergänglichkeit  auf  die  Silberurne  mit
dem  Herzen  seines  königlichen  Bauherrn  herniederschaute,  der  sich  an  seiner
Vollendung  nimmer  erfreuen  durfte:  welchen  denkenden  Zuschauer  hätte  da  nicht
tiefer  Lebensernst  ergriffen!

So  fuhren  die  drei  Wagen  dann  mit  den  funkelnden  Kürassieren  hinaus
aus  der  stolzen,  menschendurchwogten  Königsstadt  durch  die  einsamen  Gefilde
der  weiten  Hochebene.  Die  vaterländische  Alpenkette  glänzte  in  durchsichtiger
Bläue  zu  uns  herüber  und  die  Lerchen  stiegen  jubelnd  in  den  sonnigen  Himmel.
Das  Geläute  der  Dorfglocken  nah  und  fern  gab  der  ganzen  Landschaft  eine
sonntägliche  Stimmung.  Und  mitten  in  dieser  blühenden,  duftenden  und  klin-1)

  Den  Zug  eröffneten  zwei  berittene  Gendarmen,  dann  folgten  ein  vierspänniger,
hierauf  ein  sechsspänniger  Wagen  mit  den  beiden  K.  Kämmerern  Frhr.  v.  Redwitz  und
Graf  Prsch,  endlich  zwölf  Kürassiere  in  Gala  vor  und  zwölf  hinter  dem  mit  sechs
Rappen  bespannten  letzten  Wagen  mit  dem  königlichen  Herzen,  das  an  der  Seite
eines  K.  Hofkommissärs  der  K.  Hofstiftsdechant  Lehner  in  einer  umflorten  silbernen
Urne  trug.

33*
        <pb n="528" />
        516  107.  Mit  einem  Königsherzen.

genden  Natur  dieser  Zug  mit  dem  toten  Herzen  des  geliebten  Königs!  —  Ein
Gegensatz,  der  auf  der  langen,  zweitägigen  Fahrt  sich  auf  allen  Wegen  wieder
aufs  neue  geltend  machte.

Aber  auch  von  den  vielen  Tausenden,  denen  der  Trauerzug  begegnete,
störte  nicht  ein  einziger  diese  feierliche  Stimmung.  Mit  entblößten  Häuptern
in  lautloser  Ehrfurcht,  meist  auch  mit  gefalteten  Händen  und  im  sonntäglichen
Kleid  standen  sie  längs  den  Häusern  ihres  Dorfes  oder  sie  hatten  sich  an  den
Seitenwegen  auf  freiem  Feld  und  unter  Baumgruppen  versammelt,  während
der  Kirchturm  ihres  oft  in  weiter  Ferne  abseits  liegenden  Dorfes  sein  Trauergeläute
  zur  Landstraße  herübersandte.  —  Und  hatte  auch  gar  manche  dieser
erste  günstige  Tag  auf  Feld  und  Wiese  zur  lang  verschobenen  Arbeit  verlockt,
so  hielten  sie  doch  damit  ein,  sobald  sie  nur  aus  der  Ferne  den  Zug  gewahrten,
und  entblößten  das  Haupt  und  manch  eine  Gruppe  von  Landleuten  sahen
wir  mitten  in  ihrem  Felde  niederknien  und  dem  Herzen  ihres  Königs  ihr
gläubiges  Gebet  mit  auf  den  letzten  Weg  geben.  Wenn  dann  der  hochwürdige
Stiftsdechant  all  den  großen  und  kleinen,  andächtig  harrenden  Reihen  in  den
Dörfern,  am  Feldrain  und  am  Waldsaume  die  silberne  Urne  mit  dem  Trauerflor
  darhielt,  da  sah  man  es  den  Leuten  an  den  Augen  an:  das  war  keine
gemachte  oder  erheuchelte  Rührung,  sondern  der  schlichte  Ausdruck  altbewährter
bayerischer  Treue  und  Ehrfurcht  für  ihr  Königshaus,  daraus  dieses  Herz  als
eines  der  edelsten  für  das  Wohl  und  den  Frieden  des  Landes  so  aufrichtig
gesorgt,  so  wohlmeinend  geschlagen  hatte.

Auf  der  Höhe  von  Neufahrn  blickten  wir  nochmals  nach  München  zurück,
das  ein  sonniger  Hauch  überwob,  und  fuhren  dann  bergab,  während  der  Anzinger
  Forst  in  dunkler  Fläche  hinter  dem  gleichnamigen  Dorfe  sich  ausdehnte.

Schon  auf  der  Landstraße  wurde  der  Zug  in  feierlicher  Prozession  von
der  Geistlichkeit,  den  Beamten  und  dem  zusammengeströmten  Volke  eingeholt
und  so  zogen  wir  durch  das  Dorf  Anzing  und  geleiteten  unter  dumpfen  Posaunenstößen
  das  königliche  Herz  in  die  Kirche  an  demselben  Försterhause  vorüber,
  in  dem  es  so  manches  Jahr  nach  glücklich  vollbrachtem  Weidwerke  bei
fröhlichem  Mahle  sich  ergötzt  hatte.  —  Man  war  in  München  im  Zweifel  gewesen,
  ob  sich  wohl  zur  Ehrenwache  in  Anzing  genug  Landwehrmänner  vorfinden
  würden,  und  schon  waren  zur  Vorsorge  die  Kürassiere  zu  diesem  Dienste
beordert.  Aber  zwei  vollständige  Kompagnien  Landwehr,  von  je  einem  Major
geführt,  von  denen  die  eine  von  Grafing,  die  andere  von  dem  fünf  Poststunden
entfernten  Erding  aus  völlig  freiem  Antriebe  herübergekommen  waren  und
durch  das  Dorf  bis  an  die  Kirche  Spalier  gebildet  hatten,  bewiesen  deutlich,
wie  das  Volk,  das  einst  den  lebenden  König  so  hoch  gehalten,  nun  auch  jetzt
für  sein  totes  Herz,  ohne  jeden  amtlichen  Befehl,  aus  treuer  Liebe  von  selbst
zu  sorgen  wußte.  Nachdem  der  Stiftsdechant  unter  Assistenz  einer  Menge
von  Geistlichen  aus  der  Umgegend  das  königliche  Herz  auf  dem  würdig  verzierten
  Katafalk  beigesetzt  hatte,  während  ein  Männerchor  nach  besten  Kräften
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        107.  Mit  einem  Königsherzen.  517

einen  Trauergesang  ausführte,  nahm  der  Ortspfarrer  das  Offizium  ab.  Kinder
in  weißen  Kleidern  mit  schwarzen  Schärpen  standen  von  der  Türe  bis  zum
Altare  und  hier  wie  überall  hielten  Unteroffiziere  der  Landwehr  die  Totenwache.
  So  hatte  das  kleine  Dorf  im  Vereine  mit  der  weiten  Umgegend  sichtlich
  all  seine  bescheidenen  Kräfte  ausgewendet  um  das  königliche  Herz  so
würdig  als  nur  irgend  möglich  zu  empfangen  und  zu  beherbergen,  und  diese
Ülberzeugung  wirkte  ergreifender  als  ein  hundertmal  größerer  Pomp  bei  vielleicht
  mehr  denn  tausendmal  größeren  Mitteln.

Um  2  Uhr  zogen  wir  weiter  gegen  Haag,  das  wir  um  6  Uhr  erreichten.
  Schon  aus  der  Ferne  wehte  uns  von  dem  malerischen  Turm  des
alten  Schlosses  der  Grafen  von  Haag  eine  riesige  schwarze  Flagge  entgegen.
An  der  Grenze  des  Marktes  umwogte  den  Zug  eine  dichtgedrängte  Volksmenge
und  eine  für  diesen  bescheidenen  Flecken  über  alle  Erwartung  große  Prozession
von  Geistlichen,  Beamten,  Zünften  mit  wehenden  Fahnen,  Bürgern  mit  brennenden
  Fackeln,  zahlreichen  Abgeordneten  der  Gemeinden  und  einer  Schar  von
Mädchen  in  weißen  Kleidern  mit  über  die  Brust  niederwallendem  Flor  geleitete
den  Zug  durch  das  Spalier  der  Landwehr  unter  Trauermusik  in  das  Innere
des  Marktes.  Noch  mehr  aber  waren  wir  erstaunt,  als  wir  bei  dem  höchst
feierlichen  Einzug  fast  von  jedem  Giebel  eine  schwarze  Fahne  niederwehen  und
alle  Wände  der  Häuser  von  schwarzen  Tüchern  und  unzähligen,  mit  Flor
umschlungenen  Kränzen  geziert  sahen.  Auch  dem  kleinsten  Hause  fehlte  nicht
sein  so  gut  gemeinter  Trauerschmuck  und  wäre  es  auch  nur  ein  schwarzes  Halstuch
  gewesen,  das  zwischen  zwei  Tannenkränzen  mit  schwarzen  Papierstreifen
aus  dem  niedern  Fenster  niederhing,  aus  dem  ein  altes  Mütterlein  betend  herabschaute.
  Aber  sicherlich  war  die  Absicht  so  gut  und  ehrlich,  als  sie  das  größte
Banner  offenbarte,  das  mit  silbernen  Sternen  um  den  bayerischen  Schild  auf
dunklem  Grunde  von  einem  der  schönen,  im  gotischen  Stile  nach  dem  Brand
neuerbauten  Häuser  in  den  heiteren  Abend  flaggte.  Säulen  aus  grünem
Fichtenreis  standen  längs  der  Straße  bis  zum  Portale  der  Kirche,  die  zur
Nachtherberge  des  königlichen  Herzens,  seiner  völlig  würdig,  mit  allem  Aufwand
sinnigen  Geschmackes  und  völlig  auf  eigene  Kosten  der  Gemeinde  zu  einem
Hause  der  Trauer  auf  das  reichste  ausgeschmückt  war.  Nach  dem  Offizium
hielt  der  würdige  Pfarrer  des  Marktes  eine  sichtlich  aus  dem  Herzen  kommende
patriotische  Anrede  und  forderte  die  Kinder  auf,  einen  prachtvollen  Blumenkranz
  vor  dem  Katafalke  niederzulegen,  der  auf  seidenen  Bändern  die  Inschrift
trug:  „Dem  besten  Herzen  unseres  unvergeßlichen  Königs  die  dankbare  Marktgemeinde
  Haag.“  Darauf  bat  er  den  K.  Hofkommissär  den  Kranz  mit  in
die  Königsgruft  nach  München  zu  nehmen,  welche  Bitte  gerne  erfüllt  worden
ist.  Als  er  endlich  sich  gegen  die  silberne  Urne  wandte  und  sagte:  „Königliches
  Herz,  so  bleibe  gerne  hier  diese  Nacht,  du  sollst  bei  uns  gewiß  gut  aufgehoben
  sein!“  und  sodann  die  dichtgedrängte  Schar  in  der  Kirche  und  besonders
  auch  die  Kinder  zum  Gebet  in  dieser  Nacht  ermahnte,  da  sahen  wir
        <pb n="530" />
        518  107.  Mit  einem  Königsherzen.

gar  manche  aufrichtige  Träne  rinnen,  vor  allem  aber  auch  aus  den  Augen
der  treuen  Diener  ihres  verklärten  Herrn,  die  rechts  und  links  den  Katafall
umstanden.  Es  lag  eben  in  dieser  ganzen  Totenfeier  so  gar  nichts  Gemachtes
oder  Befohlenes.  Alles  ging  unmittelbar  zum  Herzen,  aus  dem  es  auch  ge.
kommen,  und  wirkte  darum  um  so  tiefer.

Bei  Anbruch  der  Nacht  loderten  aus  den  grünen  Säulen  vor  dem  Kirchenportale
  wie  in  den  Straßen  düster  qualmende  Pechflammen  in  den  unbewölkten,
sommermilden  Sternenhimmel  und  der  Mahnung  ihres  Seelsorgers  treulich
folgend  füllte  betendes  Volk  die  hell  erleuchtete  Kirche  bis  zum  frühen  Morgen.
Das  zwei  Stunden  entfernte  Redemptoristenkloster  Gars  am  Inn  hatte  zur
Nachtwache  seine  Patres  hergesandt.  Und  von  Stunde  zu  Stunde  der  Nacht
wechselten  vor  dem  blumenreichen  Katafalk  kniende  Mädchen.

Am  anderen  Morgen,  den  12.  Juli,  Schlag  6  Uhr,  nach  vorher  mit
Choral  sehr  würdig  abgehaltenem  Requiem  ging  der  Zug  weiter  gegen  Ampfing.
—  In  glühender  Sonnenhitze  gab  die  Landwehr  mit  Musik  dem  königlichen
Herzen  noch  eine  volle  Stunde  das  Ehrengeleite.  Und  als  wir  auf  der  steilen
Höhe  von  Ramsau  noch  einen  Blick  auf  den  malerischen  Markt  warfen,  den
auch  an  diesem  Morgen  die  Alpen  in  heiterster  Fernsicht  umsäumten,  da  war
unter  uns  allen  nur  ein  Gefühl,  daß  die  braven  Haager  wirklich  in  herzlichem
Patriotismus  alles  Erdenkliche  getan  hatten  um  das  Herz  ihres  „unvergeßlichen
Königs“  zu  ehren.

Auf  dem  Wege  von  Haag  nach  Ampfing  stand  mitten  auf  der  Landstraße,
  zu  der  aus  einem  unter  Obstbäumen  versteckten,  ziemlich  entfernten
Dorfkirchlein  der  Glockenklang  zu  uns  herüberwehte,  eine  kleine  Schar  Schulkinder
  in  sonntäglichem  Kleide  zu  beiden  Seiten  des  Weges  und  grüßten  mit
ihrem  Lehrer  mit  ganz  besonders  ehrerbietigen  Verbeugungen.  —  Als  wir
dann  nochmals  zurückschauten,  sahen  wir  die  Straße,  wo  die  Kleinen  standen,
mit  Laubwerk  und  Blumen  dicht  bestreut.  Wie  hieß  dieser  sinnige  Lehrer?
Wie  hieß  dies  entlegene  Dörflein?  Wir  wußten  es  nicht.  Aber  das  wußten
wir,  daß,  wenn  der  verklärte  König  von  diesen  seinem  Herzen  zu  Ehren  auf
einsamer  Landstraße  von  Kinderhänden  hingestreuten  Blumen  etwas  wissen
könnte,  sie  ihn  gewiß  ebenso  freudig  gerührt  haben  würden  wie  uns  selber.
Wir  sagten  uns  später  alle,  daß  dieser  also  überstreute  Weg  zu  den  schönsten
Erinnerungen  auf  dieser  ganzen,  an  erhebenden  Bildern  so  reichen  Fahrt
gehörte.

Um  10  Uhr  erreichten  wir  den  althistorischen  Boden  der  Ampfinger
Walstatt.  Welch  neuer  Vergleich  drängte  sich  unserer  Stimmung  wieder  von
selber  auf!  Das  Herz  des  kaiserlichen  Ahnherrn  vor  mehr  denn  fünf  Jahrhunderten
  auf  dem  damals  von  Eisen  und  Schlachtgeschrei  wild  durchdröhnten
Gefilde,  in  blutigster  Streitlust  entbrannt  und  heute  das  Herz  dieses  bayerischen
Friedensfürsten  durch  dieselben  von  Lerchen  umsungenen  Fluren  auf  seiner
stillen  Fahrt  zur  letzten  Ruhe!
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        107.  Mit  einem  Königsherzen.  519

Was  soll  ich  von  dem  Orte  selber  Neues  berichten?  Auch  Ampfing
zollte  dem  königlichen  Herzen  im  selben  Maße  wie  Anzing  den  vollen  Tribut
dankbarer  Liebe.

Nach  würdiger  Beisetzung  und  Abholung  des  königlichen  Herzens  begleitete
  die  Geistlichkeit  und  ein  Bataillon  Kraiburger  Landwehr  nebst  70  Zöglingen
  des  Salesianer-Institutes  aus  dem  nahe  gelegenen  großartigen,  vormals
  gräflich  Geldernschen  Schlosse  Zangenberg  noch  bis  an  die  Grenze  der
Ampfinger  Markung  den  Zug  durch  eine  zahllose  Volksmenge.  Auch  dieser
kleine  Ort  hatte  vollkommen  bewiesen,  daß  Treue  und  Liebe  des  Volkes  zu
seinem  Königshaus  in  Bayern  noch  keine  leeren,  unwahren  Begriffe  sind.

Gegen  halb  4  Uhr  kamen  wir  auf  die  Höhe  von  Ecksberg.  Unter
uns  rauschte  der  Inn  mit  wildgeschwollener  Flut  ins  weite,  fruchtbare  Talgefild.
  Die  Schneehäupter  der  Salzburger  Alpen  glänzten  in  hehrer  Majestät
zu  uns  herüber.  Die  Glocken  der  Kirche  von  Ecksberg  vermengten  ihren
Trauerklang  mit  einem  anderen  fernen  Geläute  tief  unten  im  Tal.  Und  als
der  Trauerzug  langsam  vorüberfuhr,  da  stand  —  welch  eigentümlich  wehmütiges
  Bild  in  dieser  freien,  erhabenen  Natur!  —  der  durch  seine  hochherzige
Anstalt  weithin  bekannte  Pfarrer  von  Ecksberg  an  der  Spitze  seiner  bemitleidenswerten,
  stumpfsinnigen  Pflegekinder  und  sie  hielten  alle  die  rechte  Hand
aufs  Herz  und  grüßten  mit  blödem  Antlitz  den  ernsten  Zug,  den  ihr  geistiges
Auge  wohl  nur  wie  durch  einen  Schleier  verdüstert  beschaute.

Bald  darauf  verkündeten  noch  auf  der  Höhe  ferne  Böllerschüsse  die
Nähe  von  Mühldorf  am  tiefen  Ufer  des  Inn.  Da  dort  nach  dem  ursprünglichen
  Programm  gar  nicht  still  gehalten  werden  sollte,  hatten  die  Bewohner
Mühldorfs  in  München  die  Bitte  gestellt,  daß  das  königliche  Herz,  wenn  auch
nur  eine  Viertelstunde,  in  ihrer  Stadtkirche  beigesetzt  werden  möge,  damit  sie
ihm  wenigstens  im  Gotteshause  ihre  Liebe  und  Dankbarkeit  sichtlich  beweisen
könnten.  Diese  Bitte  ward  ihnen  denn  auch  gewährt.

Ich  will  nun  gar  nicht  reden  von  der  überaus  zahlreichen  und  festlichen
Prozession,  die  den  Trauerzug  durch  die  mit  ihren  flachen  Dächern  und
arkadenartigen  Hallen  völlig  an  südlichen  Typus  mahnende  Hauptstraße  geleitete.
  Besonders  die  reichen  Standarten  der  Zünfte  und  die  Scharen  von
weißen  Mädchen  und  Jungfrauen  mit  weißen  Rosen  und  Myrten  im  Haar
schufen  einen  wahrhaft  poetischen  Anblick.  Dazu  der  Trauermarsch  der  Landwehr,
  durch  deren  Reihen  der  Zug  in  die  Kirche  wallte,  und  über  allem  ein
unbewölkter  Himmel,  schweigend  und  feierlich,  wie  die  an  den  Fenstern  und
auf  der  Straße  dichtgedrängte  Volksmenge  —  eine  Stimmung  so  ganz  des
toten  Königsherzens  würdig,  dem  dies  ehrfurchtsvolle  Schweigen  galt.

Aber  von  ihrer  Kirche  will  und  muß  ich  den  Mühldorfern  laut  zum
Ruhme  nachsagen,  daß  ich  wie  die  anderen  Mitglieder  der  Hofkommission
wohl  nicht  leicht  ein  mit  reicherem  Aufwand  und  ausgesuchterem  Geschmack
geschmücktes  Gotteshaus  gesehen  habe.  Der  ganze  Chor  der  alten,  auch
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        520  107.  Mit  einem  Königsherzen.

architektonisch  sehr  malerischen  Stiftskirche  war  in  einen  duftenden  Garten
umgezaubert.  Aus  großen  Beeten  von  Moos  leuchteten  die  seltensten  Blumengruppen,
  wie  sie  nur  der  hiesige  Glaspalast  im  Mai  uns  schauen  ließ,  und
Hunderte  von  Kerzen,  jede  von  einem  Flor  umschlungen,  umstrahlten  aus
funkelnden  Leuchtern,  stufenweise  aufgestellt,  den  sichtlich  völlig  neuen,  silberbefranzten
  Katafalk,  darauf  die  Silberurne  stand.  Den  dunkeln  Hintergrund
  schmückten  sehr  schön  ausgeführte  Wappen  und  Schilder.  Die  ganze
Ausschmückung  trug  den  Stempel  der  Wahrheit  an  sich,  daß  es  der  Stadt
mit  ihrer  Trauer  heiliger  Ernst  war.  Wahrhaftig,  ich  wünschte  beim  Anschauen
  dieser  Stiftskirche  eines  kleinen  Provinzialstädtchens  recht  von  ganzem
Herzen,  es  hätten  alle  Bayern,  die  Höchstgestellten  in  der  Residenzstadt  wie
der  ärmste  Bauer  eines  Dorfes  im  Spessart,  mit  uns  ansehen  und  bewundern
können,  mit  welcher  sinnigen  Pietät  und  opferfreudigen  Liebe  diese  bescheidene
Stadt  Mühldorf  das  Herz  ihres  Königs  zu  beherbergen  wußte  —  für  eine
einzige,  flüchtige  Viertelstunde!

Bald  darauf  fuhren  wir  über  die  bedeckte  Innbrücke,  ebenfalls  eine
Trägerin  des  königlichen  Namens  Maximilian.  Die  ganze  Schar  der  so
schön  geschmückten  Kinder  und  Jungfrauen  hatte  sich  dort  zu  beiden  Seiten
zum  Abschied  aufgestellt.  In  der  gehobensten  Stimmung  zogen  wir  in  der
Niederung  des  Inn  weiter  gegen  das  Ziel  dieser  unvergeßlichen  Fahrt  —  dem
altberühmten  Wallfahrtsorte  Altötting  zu.  Auf  dem  Wege  dahin  will  ich
indessen  auch  des  kleinen  Weilers  Teising  nicht  vergessen,  der  dem  königlichen
Herzen  eine  Einzugspforte  errichtet  hatte  mit  der  Inschrift:  „Ausdruck  der
innigsten  Liebe  und  tiefsten  Ehrerbietigkeit.“

Schon  weit  über  eine  Stunde  vor  Altötting,  dessen  schlanke  Türme  wir
längst  vor  uns  sahen,  wuchs  an  jedem  Seitenwege  die  Schar  der  dorthin
Wandernden  und  eine  Viertelstunde  vor  dem  Wallfahrtsort  umwogte  den  Zug
eine  solche  Volksmenge,  daß  er  sich  nur  mit  Mühe  bei  dem  stets  wieder
stockenden  Gedränge  fortbewegen  konnte.  Aber  trotzdem  störte  nicht  ein  einziges
lautes  Wort  die  feierliche  Haltung  des  immer  dichter  zusammenströmenden
Volkes,  das  längs  der  Straße  harrte  oder  auf  den  Bäumen  saß.  ja  bei  den
ersten  Häusern  in  Altötting  sogar  auf  den  Dächern  stand.

In  unabsehbarer  Prozession  an  das  Portal  der  Stiftskirche  geleitet  ward
die  Hofkommission  von  dem  hochwürdigsten  Herrn  Bischof  von  Passau  im
Pontifikalschmucke  nebst  vier  Domherren  empfangen,  ebenso  von  mehreren
Adeligen,  von  Beamten  des  Bezirkes  und  von  der  vollzähligen  Landwehr.

Hierauf  ward  das  königliche  Herz  in  der  Stiftskirche  auf  einem  reichen,
von  Kerzen  umstrahlten  Taburet  beigesetzt.  Vor  dem  Presbyterium  stand  ein
mit  Krone,  Szepter  und  dem  königlichen  Wappen  geschmückter,  prachtvoller
Katafalk.  Unter  Anwesenheit  von  mehr  als  150  Geistlichen,  deren  einige  aus
dem  tiefsten  Bayerischen  Wald  herbeigeeilt,  ward  hierauf  von  dem  hochwürdigsten
Herrn  Bischof  die  Vigil  abgehalten.  Die  Kirchentüren  blieben  während  der
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        107.  Mit  einem  Königsherzen.  521

ganzen  Nacht  offen.  Die  geräumigen  Hallen  waren  keine  Minute  von  betendem
  Volke  leer.  —  So  harrte  das  Herz  König  Max'  II.  bis  zum  andern
Morgen  auf  uralt  historischem,  geweihtem  Boden,  nur  wenige  Schritte  von
den  Gebeinen  Karlmanns,  des  Enkels  Karls  des  Großen.

Noch  bis  zum  Jahre  1861  waren  auf  einem  marmornen  Denkmale  auf
dem  Fußboden  des  Chores  die  mehr  als  merkwürdigen  Worte  zu  lesen,  die
aus  dem  Lateinischen  übersetzt  also  lauten:

„Im  Jahre  1119  nach  Christi  Geburt  sind  aus  der  Mitte  der  Kirche
hierher  übersetzt  worden  die  Asche  und  Überreste  der  wenigen  Gebeine  Karlmanns,
  Königs  von  Italien  und  Bayern  und  Erbauers  dieses  Gotteshauses,
welcher  im  Jahre  880  dahier  gestorben  ist.“  Die  Grausamkeit  der  Hunnen
hat  durch  Raub  und  Brand  alles  von  Grund  aus  zerstört.

Heute  befindet  sich  dieses  Denkmal  an  der  Seitenwand  der  Pfarrkirche
und  eine  einfache  Aufschrift  auf  einer  Marmorplatte  innerhalb  des  Speisegitters
  zeigt  an,  daß  die  wenigen  Gebeine  Karlmanns  noch  hier  liegen.

Karlmann  und  Maximilian  II.  —  Welches  welthistorische  Riesengrab
von  Vernichtung  liegt  zwischen  diesen  beiden  Namen!  —  Und  die  nun  noch
zwei  Jahrhunderte  ältere  „Heilige  Kapelle“,  dieses  winzige  Kirchlein  mit  seinem
hölzernen  Muttergottesbilde  des  heiligen  Rupert,  dem  Gegenstande  zwölfhundertjähriger
  gläubiger  Verehrung,  steht  noch  heute  unversehrt  auf  dem
alten  Platze.  Ein  Gedanke,  der  sich  jedem  Denkenden  hier  aufdrängt,  mag  er
noch  so  viel  oder  noch  so  wenig  von  dem  Glauben  jener  vielen  Millionen
halten,  die  seit  der  grauen  Vorzeit  der  ersten  Christen  in  Bayern  bis  zu  diesem
Tage  des  19.  Jahrhunderts  vom  erhabenen  deutschen  Kaiser  bis  herab  zum
niedrigsten  Untertan  um  Trost  und  Hilfe  hieher  gepilgert  sind.

Am  anderen  Morgen  ward  in  der  Stiftskirche  mit  aller  Pracht  des
katholischen  Kultus  von  dem  hochwürdigsten  Herrn  Bischof  das  Requiem
zelebriert  unter  Mozarts  tiefergreifenden  Tönen.  —  In  großartigem  Zug,  wie
ihn  das  Programm  vorschrieb,  trug  der  hochwürdige  Stiftsdechant  Lehner
unter  dem  Baldachin,  von  je  zwölf  Kürassieren  geleitet,  das  königliche  Herz
um  den  weiten,  freien  Platz.  Eine  Abteilung  Landwehr  schloß  den  ernsten,
langen  Trauerzug,  über  dem  aus  düsterem  Himmel  heute  schwere  Gewitterwolken
  drohend  niederhingen,  während  die  lang  gezogenen,  ergreifenden
Posaunenstöße  im  Verein  mit  dem  Geläute  aller  Glocken  und  den  vielen
schwarzen  Trauerflaggen  die  Stimmung  tiefsten  Ernstes  noch  erhöhten.  Dazu
diese  zahllose  Volksschar,  lautlos  harrend,  betend  und  ergriffen.  Wahrhaftig
eine  Haltung  von  all  den  Tausenden,  des  Verklärten  und  seines  treuen,  bayerischen
  Volkes  würdig.

Wie  könnte  ich  sie  alle  namentlich  erwähnen  diese  Abgesandten  der  Gemeinden
  aus  Ober=  und  Niederbayern,  die  freiwillig  herbeigeeilt  waren,  um
hier  wie  auf  dem  ganzen  Wege  dem  königlichen  Hofkommissär  den  Ausdruck
der  Trauer  um  den  Vater  und  der  Liebe  und  Ergebenheit  für  den  Sohn  in
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        522  107.  Mit  einem  Königsherzen.

den  herzlichsten  Worten  kundzugeben.  Aber  eine  Deputation  muß  ich  ausdrücklich
  mit  Namen  nennen.  Der  reiche  Kranz  von  Edelweiß  an  dem  Katafalke
  in  der  Stiftskirche,  der  von  ihr  aus  weiter  Ferne  hergebracht  ward,  um
das  Königsherz  auch  noch  hier  zu  ehren,  das  sich  so  manches  Jahr  in  ihrer
prächtigen  Gebirgsheimat  so  wohl  gefühlt  hatte,  dieses  letzte  sinnige  Pfand
der  Pietät  mahnt  mich  an  diese  Pflicht  zu  laut:  das  waren  die  Abgesandten
aus  den  Bergen  von  Berchtesgaden.

Vor  der  heiligen  Kapelle  bildete  der  große  Zug  einen  weiten  Kreis.
Das  königliche  Herz  zog  ein  in  das  von  fünf  Lampen  Tag  und  Nacht  erleuchtete,
  zwölfhundertjährige,  enge,  dunkle  Oktogon  mit  dem  Gnadenaltare.
Der  hochwürdigste  Bischof,  die  königliche  Hofkommission  und  die  Beamten
folgten.  In  der  anstoßenden,  größeren,  im  15.  Jahrhundert  von  Siegmund,
Erzbischof  von  Salzburg,  angebauten  Kapelle  erklang  ergreifend  ein  hundertstimmiges
  Benediktus  der  Priester.  —  Der  Bischof  sprach  die  letzten  Gebete.  Die
Silberurne  ward  des  Flores  entledigt.  Und  bald  darauf  hatte  das  königliche
Herz  seine  letzte  Stätte  gefunden  in  einer  mit  Glas  bedeckten  silberumrahmten
Nische,  dicht  über  dem  schmalen  Portale,  dem  uralten  Muttergottesbilde  zugewendet,
  vor  dem  in  so  vielen  Jahrhunderten  Kaiser  und  Könige,  Herzoge
und  Kurfürsten  gekniet  und  gebetet  haben.  Nach  altem  Brauch  bei  jeder  Beisetzung
  eines  fürstlichen  Herzens  nahm  der  Bischof  noch  das  Gnadenbild  aus
seinem  mit  Gold  und  Silber  reich  verzierten  Zelte  und  bot  es  der  Hofkommission
  zum  Kusse  dar.  —  Flüchtig  beschauten  wir  all  die  anderen  Nischen
mit  den  Herzen  aus  dem  bayerischen  Fürstenhause,  von  dem  des  großen  Kurfürsten
  Maximilian  I.,  das  seit  1651  hier  ruht,  bis  herab  zum  „besten  Herzen“
des  ersten  Bayernkönigs  Max.  Nochmals  warfen  wir  einen  scheidenden  Blick
auf  die  Urne  mit  dem  letzten  teuern  Herzen  und  der  inhaltsvollen  Inschrift
unter  dem  Königswappen:  „Gott  und  mein  Volk“.  Der  Trauergesang  verstummte;
  unsere  Kerzen  wurden  ausgelöscht.  Die  hehre  Totenfeier  war
zu  Ende.

Gewiß!"  —  Wenn  der  Verklärte  von  dem  ersten  Auszuge  aus  seiner
weiten  ehemaligen  Königsburg  bis  hierher  in  diese  enge  Nische  der  Altöttinger
Gnadenkapelle  sein  Herz  im  Geiste  hätte  mitbegleiten  können,  er  würde  bei
diesem  vollgefüllten  Maße  von  Pietät  und  Liebe  auf  diesem  langen  Wege
voll  freudiger  Rührung  ausgerufen  haben:  „Mein  Volk,  ich  danke  dir!“

Und  der  königliche  Sohn,  der  mit  dem  Szepter  auch  die  ganze  Liebe
des  treuen  Bayernlandes  erbte,  er  möge  auch  diese  glorreiche  Fahrt  mit  dem
Herzen  des  höchstseligen,  vielgeliebten  Vaters  als  ein  Pfand  dafür  erkennen,
welch  beneidenswertes  Los  ihm  unter  den  Fürsten  dieser  Welt  zugefallen,
der  König  eines  solchen  Volkes  zu  sein.
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        108.  An  König  Ludwig  II.  von  Bayern.

523

108.  An  König  Ludwig  lI.  von  Bayern.
Von  Martin  Greif.#)

Selig  der  Fürst,
Dessen  Thron  die  Musen
Nah  umstehn!

Ihrer  Anmut  Stimme

Füllt  sein  Haus  mit  Wohlklang;
Zwischen  der  Säulen  Dämmer
Fortgehallt  vom  Gewölbe
Tönt  ihr  Reigen;

Zugehbehrt  dem  Horchenden
Hingen  sie  wechselnd

Und  sie  kränzen  im  Chore
Seinen  huldgeneigten,

Mild  gebietenden,

Friedlichen  Szepter

Still  mit  unwelklichem  Lorbeer.

Werhat  je  gehört,  daß  ein  König  verging,
Dem  ein  dauerndes  Leben

Eine  der  Musen

Kundig  geweissagt?

Machtvoll  in  des  Ruhms  Posaune

Stößt  der  starke  Schlachtengott

Und  in  beneideten  Marmorgrüften

Schläft  nach  tatvollem  Leben,

Heiß  erstrittener  Ehren  müde,

Glorreich  gebettet  der  einsame  Sieger.

Helbst  Barbaren  stammeln  des  Eroberers
Ramen,

Hochgelobt  sind  der  Reiche  Gründer:

Aber  auch  ihren  Taten  folgt

Endlich  Vergessen.

Alle  gekreuzten  Trophäen

Und  im  Triumphkleid  strotzende  Riesenbogen


Wiegt  als  Denkmal  auf  das  trautere
Bild,

Das  in  des  treuen  Volhes  Herz

Unverwandelt  webend

Wie  im  Moos  die  Blume

Spät  noch  an  den  Helden  erinnert.

 

Aber  des  strahlendsten  Ruhms  erfreut  sich
Unter  den  waltenden  Herrschern

Doch  des  Gesanges  Freund.

An  der  Menschheit  heiligsten  Kämpfen

NRimmt  er  tätig  teil

Ohne  zu  erlegen  schichsalsvoll

Den  verhangenen  Preis  in  Blut  und
Tränen.

Seine  Scharen  bilden  Geister  ja

Und  die  Wasffen,  die  sie  klingend  führen,

Sind  der  mächtigen  Kunst

Lichte  Gedanken.

Doch  befeuernd  allen  voran

Zieht  er  selbst,  gewappnet  höniglich;

Weit  gepriesene  Großmut  ist  sein  Heerhorn


Und  sein  Schild  ist  die  Weisheit.

S#  gewinnt  er  ringend  ewige  Kränze.

Die  sonst  alles  verwüsten,  die  neidischen
Jahre,

Müssen  sein  Recht  ihm  lassen;

Seinen  Stern  bewältigt  nimmer  ein
Dunhel.

Ihn  lobpreist  das  entfernteste  Alter
Und  Geschlecht  von  Geschlecht  lernt
Rings  auf  der  Erde

Seinen  auf  des  Liedes  Fittich
Schwebenden,  dankbar
Fortgesungenen  Namen.

Zeiner  Tage  Morgenlicht,

Herrlich  glänzt  es  die  Bahn  zurüch
Und  es  dringt  zu  den  fernhin  Lebenden
Immerdar  sein  erwechender  Schimmer.
Aus  der  Gebilde  Reihen,

Die  sein  Wunsch  hervorrief,

Atmet  er  wieder.

Ihren  haftenden  Duft  beut
Auferschlossen  die  Blume  der  Dichtung
Stets,  wie  da  sie  zuerst  ihm  erschienen.

„Gesammelte  Werke“,  I.  Band,  S.  309.  Leipzig  1896,  Amelang.
        <pb n="536" />
        524

Heil  dir,  o  Herr,  der  du  dem  zagenden
Sänger  zuriesst,

Fühlend  in  teilnahmloser  Zeit:

Singe!

Voller  rauscht  sein  Saitenspiel,

Seit  er  weiß,  daß  manchmal

Du  ihm  lauschest.

Gern  auch  möchte  des  Beglückten
Hand

Dir  ein  Weihegeschenk  erheben,

Schimmernd  gefügt,

Reingestimmt  und  lauter,
Würdig  deines  ernsten  Sinnes;

 

109.  Richard  Wagners  Berufung  durch  König  Ludwig  II.

Aber  bewegt  vom  Gedanken
Hinkt  ihm  der  Mut  fast.

Statt  die  festliche  Halle

Dir  empor  zum  Giebel  zu  kränzen
Und  ins  verschlungene  Laubgewinde
Einzuweben  dichte  Knospen  in  Fülle,
Streut  er  in  Ehrfurcht  heute

Leicht  auf  den  Pfad  dir

Wenige  Blumen.

Helig  der  Fürst,
Dessen  Thron  die  Musen
Nah  umstehn!

109.  Richard  Wagners  Berufung  durch  König  Ludwig  lI.
Von  Sebastian  Röchl.  )

„Womit  kann  Eurer  Majestät  ein  Herzenswunsch  erfüllt  werden?“

„Ich  will  Richard  Wagner  kennen  lernen.“  —

Es  zeugt  von  freiem,  hochsinnigem  Mute  und  einer  wahrhaft  königlichen
Begabung,  daß  der  so  streng  erzogene  junge  Ludwig  II.  mit  stolzer  Vorurteilslosigkeit
  eine  geniale  Persönlichkeit  berufen  wollte,  die  in  seinen  Kreisen  schon
wegen  ihrer  politischen  Vergangenheit  schwerlich  der  schärfsten  Beurteilung  entgangen
  war,  daß  er  entschlossen  die  Bahn  seines  Vaters  und  Großvaters  verfolgte,
  die  beide  den  schöpferischen  Geistern  in  Kunst  und  Wissenschaft  überall
jene  Hochachtung  gezeigt  hatten,  die  man  damals  an  manchen  anderen  deutschen
Fürstenhöfen  vergeblich  suchte,  daß  er  ein  seit  mehreren  Dezennien  für  Bayern
als  segensreich  bewährtes  System  im  ganzen  übernahm  und  doch  wieder  eine
vollständig  neue  Richtung  in  demselben  einschlug.

Begründet  wird  die  Berufung  gewöhnlich  mit  dem  Entzücken,  welches
der  fünfzehnjährige  Kronprinz  über  Wagners  „Lohengrin“  empfand.  Gewiß
mußte  diese  Oper  aufs  lebhafteste  seine  Phantasie  erregen,  nicht  weil  sie  ihm
eine  neue  Welt  erschloß,  sondern  weil  sie  in  derjenigen  spielte,  welche  ihm  von
seinem  Lieblingsaufenthalt  Hohenschwangau  innig  vertraut  und  damals  seine
Welt  war.  Leopold  von  Ranke  äußerte  sich  1868  einmal,  er  habe  erfahren,
daß  gerade  das  Wort  „Zukunft“  Ludwig  für  die  Wagnersche  Musik  gewonnen
hat.  Der  phantasievolle  Jüngling,  der  seinen  Ideenflug  oft  durch  ein  nüchternes
  Wort  seiner  Umgebung  gehemmt  sah,  dessen  Traum  von  einem  schönen
Königtum  man  nicht  selten  die  rauhe  Wirklichkeit  gegenüberstellte,  fand  seine

1)  König  Ludwig  II.  und  Richard  Wagner  1864/65,  S.  1  ff.  München  1903,
Oskar  Beck.
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        109.  Richard  Wagners  Berufung  durch  König  Ludwig  II.  525

wünschenswerte  Welt,  die  Vorstellung  seiner  mehr  gefühlten  als  begrifflich
geordneten  Zukunft  vor  allem  in  den  Tönen  der  Musik  zum  Ausdruck  gebracht.
Als  er  nun  einmal  anläßlich  eines  Besuches  bei  den  Prinzessinnen  Max  von
demselben  Meister,  dessen  „Lohengrin“  und  „Tannhäuser“  auf  ihn  einen  so
tiefen  Eindruck  gemacht,  die  Schriften  „Das  Kunstwerk  der  Zukunft“,  „Zukunftsmusik“
  auf  dem  Klavier  liegen  sah,  da  griff  er  mit  brennender  Begierde
danach,  las  diese  Offenbarungen,  studierte  mit  glühendem  Eifer  auch  die
übrigen  Bücher  Wagners  und  erkannte  in  jenen  Schriften  das  Evangelium
der  Zukunft  der  Kunst.

Die  schmerzliche  Frage,  die  der  Meister  am  Schlusse  des  Vorwortes  zur
Dichtung  vom  Ring  der  Nibelungen  stellt:  „Wird  der  Fürst  sich  finden,  der
die  Aufführung  meines  Bühnenfestspiels  ermöglicht?“  beantwortet  der  Jüngling
  mit  dem  Ausruf:  „Wenn  ich  einst  den  Purpur  trage,  will  ich  der  Welt
zeigen,  wie  hoch  ich  das  Genie  Wagners  zu  stellen  wissen  werde."“

Kaum  besteigt  er  den  Thron,  so  rettet  er  den  im  äußersten  Elend
Schmachtenden  in  elfter  Stunde  und  mit  ihm  ein  wesentliches  Stück  Unsterblichkeit
  deutschen  Geistes.  Wagner  hält  diese  Rettung  für  ein  wundervolles
Glück  von  göttlicher  Abkunft;  denn  enge  Beziehungen  bestanden  zwischen  seinem
und  seines  Schirmherrn  Leben.

„In  dem  Jahre  (1845)  der  ersten  Aufführung  meines  Tannhäuser,"
schreibt  Wagner  an  Frau  Wille1),  „des  Werkes,  mit  dem  ich  meinen  neuen,
dornenvollen  Weg  betrat,  in  dem  Monat  (August),  in  welchem  ich  zu  so  übermäßiger
  Produktivität  mich  gestimmt  fühlte,  daß  ich  den  Lohengrin  und  die
Meistersinger  zu  gleicher  Zeit  entwarf,  gebar  eine  Mutter  mir  meinen  Schutzengel.“
  (25.  August  1845.)

„In  der  Zeit,  wo  ich  in  Luzern  meinen  Tristan  beendigte,  mich  unsäglich
mühte  die  Möglichkeit  einer  Niederlassung  auf  deutschem  Boden  mir  zu  gewinnen
  und  endlich  verzweiflungsvoll  mich  nach  Paris  wandte  um  dort  in
Unternehmungen  mich  abzumühen,  die  meiner  Natur  zuwider  waren,  damals
wohnte  der  fünfzehnjährige  Jüngling  zuerst  einer  Aufführung  meines  Lohengrin
bei,  die  ihn  so  tief  ergriff,  daß  er  seitdem  aus  dem  Studium  meiner  Werke  und
Schriften  seine  Selbsterziehung  in  der  Weise  bildete,  daß  er  offen  eingesteht,
ich  sei  sein  Erzieher  und  Lehrer  gewesen.  Er.  verfolgt  meinen  Lebenslauf  und
meine  Nöten,  meine  Pariser  Widerwärtigkeiten  und  nährt  nun  den  einzigen
Wunsch  die  Macht  zu  gewinnen  mir  seine  höchste  Liebe  beweisen  zu  können.
Im  Anfang  März  dieses  Jahres  ward  mir  das  Mißlingen  jeden  Versuches
meiner  zerrütteten  Lage  aufzuhelfen  klar:  allem  dem,  was  so  abscheulich  unwürdig
  eintraf,  sah  ich  offen  und  hilflos  verzweifelnd  entgegen.  Da  —  ganz
unerwartet  —  stirbt  der  König  von  Bayern  und  mein  mitleidvoller  Schutzengel
  besteigt  den  Thron.  Vier  Wochen  nachher  ist  bereits  seine  erste  Sorge

)  Brief  vom  26.  Mai  1864.
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        526  109.  Richard  Wagners  Berufung  durch  König  Ludwig  IH.

nach  mir  auszusenden:  während  ich  den  Leidensbecher  bis  auf  die  untersten
Hefen  leere,  sucht  mich  der  K.  Abgesandte  bereits  in  meiner  herrenlosen
Wohnung  in  Penzing#)  auf.“

Wagner  ist  aus  Penzing  vor  seinen  ungeduldigen  Gläubigern  entflohen,
wendet  sich  nach  Mariafeld  bei  Zürich  und  fällt  dort  der  ihm  befreundeten
Familie  Wille  als  Gast  ins  Haus.  Doch  auch  von  hier  treibt  ihn  nach  ungefähr
  sechswöchigem  Aufenthalt  die  Verzweiflung  weiter,  zunächst  nach
Stuttgart.  An  demselben  Tage,  da  er  sich  gerade  vorbereitet  „irgendwo  in
der  Welt  zu  verschwinden“,  wo  ihn  die  Dränger  nicht  finden  könnten,  als  er
den  Koffer  packt  um  in  die  Einsamkeit  der  Rauhen  Alb  zu  flüchten,  wird
ihm  ein  Besuch  gemeldet;  die  Visitenkarte  lautet:  v.  Pfistermeister,  secrétaire
aulique  de  S.  M.  le  roi  de  Bavièere.  Von  Wien  nach  Mariafeld,  nach
Stuttgart  war  der  Abgesandte  des  bayerischen  Herrschers  dem  Flüchtling
nachgereist.  Er  überreicht  Wagner  eine  Photographie  des  Königs  und  einen
kostbaren  Rubinring  und  verkündigt  ihm  im  Namen  Ludwigs  II.,  daß,  so  wie
dieser  Stein  glühe,  auch  er  vom  Verlangen  ihn  zu  sehen  brenne.

Wagner  eilt  in  Begleitung  des  Abgesandten  nach  München.  Am  andern
Tage  macht  er  dem  jungen  König  seine  erste  Aufwartung.  Noch  abends  berichtet
  er  freudetrunken  der  Freundin  in  Mariafeld  von  der  wunderbaren  Wendung
  seines  Geschickes:  „Sie  wissen,  daß  mich  der  junge  König  von  Bayern
aufsuchen  ließ.  Heute  wurde  ich  zu  ihm  geführt.  Er  ist  leider  so  schön
und  geistvoll,  seelenvoll  und  herrlich,  daß  ich  fürchte,  sein  Leben  müsse  wie
ein  flüchtiger  Göttertraum  in  dieser  gemeinen  Welt  zerrinnen.  Er  will,  ich
soll  immerdar  bei  ihm  bleiben,  arbeiten,  ausruhen,  meine  Werke  aufführen;
er  will  mir  alles  geben,  was  ich  dazu  brauche;  ich  soll  die  Nibelungen  fertig
machen  und  er  will  sie  aufführen,  wie  ich  will.  Ich  soll  mein  unumschränkter
Herr  sein,  nicht  Kapellmeister,  nichts  als  ich  und  sein  Freund.  Alle  Not
soll  von  mir  genommen  sein,  ich  soll  haben,  was  ich  brauche  —  nur  bei  ihm
soll  ich  bleiben.  Von  dem  Zauber  seines  Auges  können  Sie  sich  keinen  Begriff
machen.  Wenn  er  nur  leben  bleibt!  Es  ist  ein  zu  unerhörtes  Wunder

Voll  rührenden  Mitleids,  zarter  Sorge,  dankbarer  Liebe  und  glücklich
im  Bewußtsein  helfen  zu  können  schreibt  der  König  am  nächsten  Tage  an
den  über  seinen  mächtigen  Schutz  Überseligen:  „Seien  Sie  überzeugt,  ich  will
alles  tun,  was  irgend  in  meinen  Kräften  steht,  um  Sie  für  vergangene  Leiden
zu  entschädigen;  die  niedern  Sorgen  des  Alltagslebens  will  ich  von  Ihrem
Haupte  auf  immer  verscheuchen,  die  ersehnte  Ruhe  will  ich  Ihnen  bereiten,  damit
  Sie  im  reinen  Ather  Ihrer  Kunst  die  mächtigen  Schwingen  Ihres  Genius
ungestört  entfalten  können!  —  Unbewußt  waren  Sie  der  Quell  meiner  Freuden,
von  meinem  Jünglingsalter  an  ein  Freund,  der  mir  zum  Herzen  sprach,  mein
Lehrer  und  Erzieher."“

1)  bei  Wien.
        <pb n="539" />
        109.  Richard  Wagners  Berufung  durch  König  Ludwig  II.  527

Nach  einigen  Tagen  setzt  Wagner  seine  Reise  nach  Wien  fort.  „Was
nur  die  verzweifelte  Energie  mit  persönlicher  Aufopferung  hätte  erreichen  können,
ist  nun  zu  ordnen  ein  leichtes  Geschäft.“  Aus  königlichen  Mitteln  bezahlt
der  mit  Haft  Bedrohte  seine  beträchtlichen  Schulden.  Nach  wenigen  glücklichen
Stunden  im  Freundeskreis  kehrt  er  leichten  Herzens  in  seine  „neue,  letzte  Heimat"
zurück  um  hier,  „getragen  von  der  göttlichsten  Liebe,  das  wundervolle  Glück
zu  genießen,“  das  ihm  sein  Leiden  geboren.  —

„Eine  ruhige,  schöne  Wohnung,  ein  Garten  mit  ein  paar  prächtigen,
alten  Bäumen“  war  immer  einer  der  Lieblingswünsche  Wagners.  Am  14.  Mai
bewillkommnet  ihn  im  Auftrag  des  Königs  v.  Pfistermeister  im  Pelletschen
Landhaus  bei  Kempfenhausen  am  lachenden  Starnbergersee.  Hier  soll  er  ungestört
  ganz  seiner  Muse  leben.

Sein  Wonnegefühl  jubelt  aus  folgendem  Briefe  an  seinen  Freund
Weißheimer.  1)

„Nur  zwei  Worte,  um  Ihnen  das  unbeschreibliche  Glück  zu  bestätigen,
welches  mir  zuteil  geworden  ist.  Alles  ist  so  eingetroffen,  wie  es  sich  schöner
gar  nie  träumen  ließ.  Ich  bin  durch  die  Liebe  des  jungen  Königs  für  alle
Zeiten  gegen  jede  Sorge  geschützt,  kann  arbeiten,  habe  mich  um  nichts  zu  bekümmern;
  keinen  Titel,  keine  Funktion,  keine  Art  von  Verpflichtung.  Nur,  sobald
  ich  etwas  von  mir  aufführen  will,  stellt  mir  der  König  alles,  was  ich
irgend  brauche,  zur  Verfügung.“"

„Der  junge  König  ist  für  mich  ein  wundervolles  Geschenk  des  Schicksals.
Wir  lieben  uns,  wie  nur  Lehrer  und  Schüler  sich  lieben  können.  Er  ist  selig
mich  zu  haben  und  ich  ihn  Er  ist  dabei  so  schön  und  tief,  daß  der
Umgang  mit  ihm  jetzt  täglich  hinreißend  ist  und  mir  ein  völlig  neues  Leben  gibt.“

Am  25.  August  ist  des  Königs  Geburts=  und  Namensfest.  Wagner  eilt
zur  Beglückwünschung  nach  Hohenschwangau.  Als  Geburtstagsgabe  überreicht
der  Meister  den  „Huldigungsmarsch“,  in  dem  er  dem  Gefühl  der  Dankbarkeit
gegenüber  seinem  Genius  begeisterten  Ausdruck  gibt,  und  mit  dem  im  Juli
erschienenen  Klavierauszuge  der  „Walküre“  folgende  Widmung:

Dem  Röniglichen  Freunde.

O  fönig!  Holder  Schirmherr  meines  Lebens!
Du,  höchster  Güte  wonnereicher  Hort!
Wie  ring'ch  nun,  am  Ziele  meines  Strebens,
Nach  jenem  deiner  Huld  gerechten  Wort!
In  Sprach'  und  Schrift,  wie  such'  ich  es  vergebens:


Und  doch  zu  forschen  treibt  mich's  fort  und  fort
Das  Wort  zu  finden,  das  den  Hinn  dir  sage
Des  Dankes,  den  ich  dir  im  Herzen  trage.

1)  Vom  20.  Mai  1864.

Was  du  mir  bist,  kann  staunend  ich  nur  fassen,
Wenn  mir  sich  zeigt,  was  ohne  dich  ich  war.
Mir  schien  kein  Stern,  den  ich  nicht  sah  erblassen,

Kein  letztes  Hoffen,  dessen  ich  nicht  bar:
Auf  gutes  Glück  der  Weltgunst  überlassen,
Dem  wüsten  Spiel  auf  Vorteil  und  Gefahr,
Was  in  mir  rang  nach  freien  Künstlertaten,
Sah  der  Gemeinheit  Lose  sich  verraten.
        <pb n="540" />
        528

Der  einst  mit  frischem  Grün  sich  hieß  belauben


Den  dürren  Stab  in  seines  Priesters  Hand,

Ließ  er  mir  jedes  Heiles  Täuschung  rauben,

Da  auch  des  letzten  Trostes  Täuschung

wand,

Im  Inm'ren  stärkt'  er  mir  den  einen  Glauben,

Den  an  mich  selbst  ich  in  mir  selber  fand:

Und  wahrt  ich  diesem  Glauben  meine  Treue,

Nun  schmückt’  er  mir  den  dürren  Stab  aufs
neue.

Was  einsam  schweigend  ich  im  Inw'ren  hegte,
Das  lebte  noch  in  eines  andren  Brust;
Was  schmerzlich  tief  des  Mannes  Geist  erregte,

Erfüllt  ein  Jünglingsherz  mit  heil'ger  Lust:
Was  dies  mit  Lenzessehnsucht  hinbewegte
Zum  gleichen  Ziel,  bewußtvoll  unbewußt,
Wie  Frühlingswonne  mußt'  es  sich  ergießen,
Dem  Doppelglauben  frisches  Grün  entsprießen.


 

110.  Der  Feldzug  vom  Jahre  1866  in  Süddeutschland.

Du  bist  der  holde  Lenz,  der  neu  mich  schmückte

Der  mir  verjüngt  der  Zweig’  und  Aste  Saft:

Es  war  dein  Ruf,  der  mich  der  Nacht  entrüchte,


Die  winterlich  erstarrt  hielt  meine  Kraft.

Wie  mich  dein  hehrer  Segensgruß  entzüchte,


Der  wonnestürmisch  mich  dem  Leid  entrafft,

Ho  wandl  ich  stolzbeglüchkt  nun  neue  Pfade

Im  sommerlichen  Königreich  der  Gnade.

Wie  könnte  nun  ein  Wort  den  Sinn  dir

zeigen,
Der  das,  was  du  mir  bist,  wohl  in  sich  faßt?
Neun'  ich  kaum,  was  ich  bin,  mein  dürftig
Eigen,
Bist,  König,  du  noch  alles,  was  du  hast:
So  meiner  Werke,  meiner  Taten  Reigen,
Er  ruht  in  dir  zu  hold  beglüchter  Rast:
Und  hast  du  mir  die  Sorge  ganz  entnommen,
Bin  nun  ich  um  mein  Hoffen  selbst  gekommen.


Ho  bin  ich  arm  und  nähre  nur  das  eine,
Den  Glauben,  dem  der  deine  sich  vermählt:
Er  ist  die  Macht,  durch  die  ich  stolz  erscheine,
Er  ist's,  der  heilig  meine  Liebe  stählt.

Doch  nun  geteilt,  nur  halb  noch  ist  er  meine,

Und  ganz  verloren  mir,  wenn  dir  er  fehlt.
Ho  gibst  nur  du  die  Kraft  mir  dir  zu  danken
Durch  khöniglichen  Glauben  ohne  Wanken.

110.  Der  Feldzug  dom  Jahre  1866  in  Süddeutschland.
Von  Heinrich  Friedjung.))

Die  preußische  Hauptarmee  war  unter  persönlicher  Führung  Moltkes
binnen  vier  Wochen  von  der  sächsischen  Grenze  bis  an  die  Donau  vorgedrungen.
Auch  im  mittleren  Deutschland  fiel  den  Waffen  König  Wilhelms  ein  Erfolg
nach  dem  anderen  zu:  alle  deutschen  Stämme  bekamen  in  diesem  Feldzuge  die
militärische  Überlegenheit  Preußens  zu  sühlen.  Unmittelbar  nachdem  die  Hannoveraner
  bei  Langensalza  am  29.  Juni  die  Waffen  gestreckt  hatten,  erhielt
General  Vogel  von  Falckenstein  Auftrag  die  süddeutschen  Staaten  zu
unterwerfen.  Falckenstein  hatte  durch  den  Feldzug  im  Norden  alles  Wünschenswerte
  erreicht,  aber  nicht  ohne  von  seiner  Aufgabe  mehrmals  abgewichen  zu

1)  „Der  Kampf  um  die  Vorherrschaft  in  Deusschlan  1859  bis  1866“,  II.  Band,
S.  439  ff.  Stuttgart  und  Berlin  1905“,  J.  G.  Cott
        <pb n="541" />
        110.  Der  Feldzug  vom  Jahre  1866  in  Süddeutschland.  529

sein;  es  bedurfte  wiederholter  dringender  Mahnungen  seitens  Moltkes  um  ihn
rechtzeitig  zur  Umzingelung  des  Heeres  König  Georgs  zu  veranlassen.

Nun  wandte  er  sich  nach  Süden,  wo  er  es  mit  zwei  Gegnern  zu  tun
hatte.  Der  stärkere  Feind  waren  die  Bayern  unter  dem  Oberbefehle  ihres
Prinzen  Karl;  dann  sammelte  sich  bei  Frankfurt  das  8.  Bundeskorps,  aus
Württembergern,  Badensern,  Hessen  und  Nassauern  bestehend,  denen  die  österreichische
  Division  Neipperg  beigegeben  war.  Das  8.  Korps,  die  Reichsarmee
benannt,  zog  unter  schwarzrotgoldener  Fahne  ins  Feld.

Es  war  Falckensteins  natürliche  Aufgabe  die  Vereinigung  dieser  beiden
Truppenkörper  zu  hindern  und  jeden  Teil  vereinzelt  zu  schlagen.  Die  Bayern
waren  um  den  bedrängten  Hannoveranern  die  Hand  zu  bieten  nach  Norden
gezogen  und  bis  Meiningen  vorgedrungen,  wo  sie  die  Unglücksnachricht  von
der  Kapitulation  König  Georgs  erhielten.  Darauf  brachen  sie  nach  Westen
auf  um  ihre  Vereinigung  mit  dem  8.  Bundeskorps  zu  vollziehen.  An  dessen
Spitze  stand  Prinz  Alexander  von  Hessen,  der  in  der  österreichischen  Armee
die  Stellung  eines  Feldmarschalleutnants  bekleidete  und  defsen  in  Italien  gewonnene
  Kriegserfahrungen  ihn  zu  einem  leitenden  militärischen  Posten  zu  befähigen
  schienen.

Prinz  Alexander  wollte  den  Bayern  durch  Kurhessen  entgegenziehen  und
sich  etwa  bei  Fulda  mit  ihnen  vereinigen.  Das  aber  mußte  General  Vogel
von  Falckenstein  verhindern.  Auch  sein  Ziel  war  Fulda,  weil  er  sich  hier  am
leichtesten  zwischen  die  feindlichen  Heere  drängen  konnte.  Indem  nun  die
Preußen  und  Bayern  von  verschiedenen  Richtungen  demselben  Punkte  zueilten,
stießen  sie  früher,  als  beide  Teile  vermuteten,  aufeinander  und  maßen  sich  am
4.  Juli  in  dem  hitzigen  Gefechte  von  Dermbach.  Die  Preußen  zeigten  sofort
die  Überlegenheit  ihrer  Taktik,  aber  das  bayerische  Fußvolk  schlug  sich  wacker;
Prinz  Karl  hielt  sich  nicht  für  besiegt,  wich  aber  etwas  aus  um  sein  Heer  zu
konzentrieren  und  dann  den  Kampf  mit  besserem  Erfolge  aufzunehmen.  Er  sah
indessen,  daß  es  ihm  nicht  mehr  möglich  sei  sich  mit  dem  Bundeskorps  bei
Fulda  zu  vereinigen;  er  hielt  jedoch  den  richtigen  Gedanken  fest  sich  in  den
Hauptkampf  nicht  früher  einzulassen,  als  bis  er  seine  Bundesgenossen  an  sich
gezogen  hatte.  Deshalb  forderte  er  den  Prinzen  von  Hessen  dringend  auf  zu
ihm  zu  stoßen  und  bezeichnete  ihm  einen  südlicheren  Punkt,  Kissingen,  als
den  Ort  einer  gefahrlosen  Vereinigung.

Da  aber  zeigte  es  sich,  wie  ungeeignet  der  Deutsche  Bund  durch  seine
militärische  Verfassung  für  eine  tüchtige  Kriegführung  war.  Wohl  stand  der
Prinz  unter  dem  Oberbefehle  des  bayerischen  Heerführers,  aber  dieser  konnte
ihn  nicht  bestimmen  sich  dem  wohlerwogenen  Plane  unterzuordnen.  Denn  der
Bundestag,  der  noch  zu  Frankfurt  tagte,  wünschte,  daß  das  8.  Korps  vor
allem  diese  Stadt  decke,  und  ebenso  sträubten  sich  Württemberg  und  Baden
dagegen  ihre  Truppen  von  dem  unteren  Main  abziehen  zu  lassen,  weil  ihr
Land  dadurch  den  Preußen  geöffnet  wäre.  Jeder  Landesfürst  wollte  vor

Kronseder.  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  34
        <pb n="542" />
        530  110.  Der  Feldzug  vom  Jahre  1866  in  Süddeutschland.

allem  das  eigene  Gebiet  schützen  und  ließ  dabei  das  Hauptziel  des  Krieges.
Besiegung  des  gemeinsamen  Feindes,  außer  acht.  Es  widerfuhr  somit  de
Bayern  das  Schicksal,  das  sie  dem  österreichischen  Heere  bereiten  halfen.  Zwschen
  den  Generalen  Benedek  und  v.  d.  Tann  war  zu  Olmütz  verabredt
worden,  daß  die  bayerische  Armee  nach  Böhmen  ziehen  und  sich  mit  dem  öster
reichischen  Heere  vereinigen  solle.  Die  Münchener  Regierung  versagte  aber  de
Genehmigung  dieses  richtig  gedachten  Kriegsplanes  um  das  eigene  Land  3
schützen.

General  Falckenstein  hatte  nach  dem  Gefecht  von  Dermbach  von  der
Bayern  abgelassen  um  sich  Frankfurts  zu  bemächtigen  —  ganz  gegen  die  An
ordnungen  Molktes,  der  ihm  vorschrieb  vor  allem  über  die  Bayern  her
zufallen  und  mit  ihnen  reinen  Tisch  zu  machen.  Wie  ihm  aber  das  8.  Bundes
korps  bis  nach  Frankfurt  auswich,  wandte  er  sich  abermals  um  mit  der  Ab
sicht  den  Bayern  bei  Kissingen  an  den  Leib  zu  gehen.  Manches  läßt  sich
gegen  seine  Kriegführung  einwenden  und  wirklich  zürnten  der  König  um
Moltke  ernstlich  über  seine  Eigenmächtigkeit.  Aber  die  Schnelligkeit  seine
Märsche  zeigte,  daß  er  ein  Befehlshaber  von  großer  Energie  war,  und  treffem
wurden  seine  Bewegungen  mit  den  Zügen  des  Springers  auf  dem  Schachbrett
verglichen.

Bei  Kissingen  nun  griff  er  die  Bayern  am  10.  Juli  in  ihrer  Ver
einzelung  an.  So  tapfer  sie  auch  kämpften,  so  waren  sie  doch  dem  Angriff
Göbens  und  seiner  Westfalen  nicht  gewachsen  und  diese  eroberten  in  einen
blutigen  Straßenkampfe  die  Stadt.  Dann  hielten  ihnen  die  Bayern  auf  den
hinter  Kissingen  sich  erhebenden  Siernberg  stand,  doch  auch  diese  Stellung  er
stürmten  die  Preußen.  Wohl  wurde  sie  ihnen  von  den  zähen  Gegnern  noch
einmal  abgenommen,  aber  zuletzt  behielten  sie  auch  hier  die  Oberhand  und  beendeten
  den  Tag  mit  einem  entscheidenden  Siege.

Die  Bayern  zogen  sich  darauf  gegen  Osten,  mainaufwärts,  zurück,  sich
dadurch  immer  weiter  von  dem  Korps  des  Prinzen  von  Hessen  entfernend
Falckenstein  folgte  ihnen  nicht,  sondern  warf  seine  Truppen  jetzt  endlich  ras
gegen  Frankfurt,  wie  er  es  schon  längst  ersehnte.  Wohl  verlegte  ihm  do
Bundeskorps  den  Weg,  aber  er  schlug  dessen  Vortruppen,  die  Hessen,  zuert
bei  Laufach  am  13.  Juli  aus  dem  Felde  und  der  auch  hier  siegreiche  Göber
folgte  dem  Feind  mit  Macht  nach  Aschaffenburg.  Die  Stadt  wurde  von  700)
Osterreichern  unter  Neipperg  besetzt  gehalten,  die  sich  vereint  mit  100000  Hessei
aus  Darmstadt  am  14.  Juli  zur  Wehr  setzten.  Aber  die  Osterreicher  wurder
von  den  letzteren  im  Stiche  gelassen  und  dann  von  der  Überzahl  der  Feinde
überwältigt;  ein  Teil  von  ihnen  zog  über  die  Mainbrücke  ab,  aber  da  de
Preußen  sich  des  Übergangs  rasch  bemächtigten,  fielen  die  Zurückgebliebenen
in  die  Hand  des  Siegers.  Nun  konnte  Falckenstein  endlich  in  Frankfurt  eirziehen,
  der  Bundestag  war  auseinandergesprengt  und  floh  nach  Augsburg,  w
er  sein  ruhmloses  Dasein  beschloß.
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        110.  Der  Feldzug  vom  Jahre  1866  in  Süddeutschland.  531

In  Frankfurt  fand  Falckensteins  Triumphzug  ein  Ende.  „Die  Länder
nördlich  des  Mains  liegen  zu  Eurer  Königlichen  Majestät  Füßen“  meldete  er
dem  König  am  16.  Juli;  fünf  Tage  früher  jedoch  war  aus  Böhmen  der  Befehl
Wilhelms  I.  abgegangen,  der  ihn  des  Kommandos  enthob  und  ihn  zum  Generalgouverneur
  Böhmens  ernannte.  Er  war  Sieger,  aber  ihm  konnte  nicht  verziehen
  werden,  daß  er  im  Kampfe  gegen  König  Georg  wie  gegen  die  Bayern
zu  wiederholten  Malen  den  Weisungen  des  Hauptquartiers  nicht  entsprochen
hatte.  Moltke  verlangte  pünktlichen  Gehorsam  selbst  von  den  verdientesten
Generalen;  auch  im  französischen  Kriege  wurde  streng  darauf  gehalten  und
Steinmetz  büßte  seine  Eigenmächtigkeit  1870  gleichfalls  mit  dem  Verluste  seines
Kommandos.  General  Manteuffel  hatte  den  Oberbefehl  über  die  Mainarmee
  erhalten.

Wohl  hatte  inzwischen  das  bayerische  Heer  Zeit  die  längst  beabsichtigte
Vereinigung  mit  dem  Bundeskorps  zu  vollziehen;  die  Verbündeten  waren  jetzt
80000  Mann  stark;  aber  die  erlittenen  Niederlagen  führten  zu  Mißhelligkeiten
  und  allgemach  begann  jeder  Landesfürst  an  einen  Sonderfrieden  zu
denken,  zumal  da  zwischen  Preußen  und  Osterreich  am  22.  Juli  Waffenruhe
eintrat.  Die  letzten  Tage  dieses  Feldzuges  konnten  nicht  kläglicher  verlaufen.

Manteuffel  ergriff  mit  40000  Mann  die  Offensive  und  überschritt  den
Main;  er  hegte  die  Zuversicht,  daß  ihm  zudem  ein  Reservekorps  zu  Hilfe
kommen  werde,  welches  bei  Leipzig  gesammelt  wurde  und,  25000  Mann  stark,
unter  dem  Großherzog  von  Mecklenburg  über  Hof  im  östlichen  Bayern  einbrach.
  Die  Süddeutschen,  so  erfuhr  Manteuffel,  lagen  hinter  der  Tauber,  dem
Nebenfluß  des  Mains.  Es  gelang  ihm  zuvörderst  die  bayerischen  Generale  durch
einen  Scheinangriff  zu  täuschen;  sie  vermuteten  den  Feind  im  Norden,  zogen
acht  Meilen  in  dieser  Richtung  und  waren  so  wieder  von  dem  Bundeskorps
getrennt.  Über  dieses  nun  fiel  Manteuffel  her  und  erzwang  sich  in  den  Gefechten
  bei  Bischofsheim  und  Werbach  den  Übergang  über  die  Tauber.
Diesmal  waren  es  die  Badenser,  die  zuerst  das  Weite  suchten;  ihr  Prinz  Wilhelm
  zog  so  rasch  mit  ihnen  davon,  daß  der  Befehlshaber  Prinz  Alexander
erst  des  Nachts  erfahren  konnte,  wohin  sie  sich  in  Sicherheit  gebracht  hatten.
Rüstig  verfolgte  der  preußische  General  seinen  Vorteil;  er  schlug  in  einer
Reihe  kleinerer  Gefechte  das  Bundeskorps  und  die  allzu  spät  zu  Hilfe  kommenden
  Bayern  bei  Neubrunn  und  Roßbrunn.  Er  trieb  beide  so  glücklich
vor  sich  her,  daß  sie  nicht  nach  Süden  gegen  ihre  Heimat  ausweichen  konnten,
sondern  in  kläglicher  Verfassung  bei  Würzburg  auf  das  Nordufer  des  Mains
übertraten.

Inzwischen  begannen  auch  hier  die  Verhandlungen  über  den  Waffenstillstand;
  der  Großherzog  von  Baden  wartete  aber  ihren  Schluß  gar  nicht  ab,
sondern  berief  seine  Division  noch  früher  vom  Bundeskorps  ab.  Da  aber  der
Waffenstillstand  erst  am  2.  August  begann,  versagten  die  Preußen  noch  im
letzten  Hauche  des  Krieges  ihren  süddeutschen  Gegnern  Schonung,  und  während

34•
        <pb n="544" />
        532  111.  Eine  Reise  König  Ludwigs  II.

diese  schon  alles  beendet  glaubten,  zersprengte  der  Großherzog  von  Mecklenburg
bei  Seubottenreuth  am  29.  Juli  ein  vereinzeltes  bayerisches  Bataillon.

Die  verrottete  Wehrverfassung  des  Deutschen  Bundes  stürzte  die  tapferen
Truppen  ins  Unglück,  die  1870  unter  preußischer  Führung  Sieg  auf  Sieg.
errangen.

111.  Eine  Reise  König  Ludwigs  II.
Von  Friedrich  Lampert.)

Noch  gegen  das  Ende  des  traurigen  Jahres  (1866)  faßte  der  jugendliche
König  den  im  ganzen  Lande  jubelnd  begrüßten  Entschluß  die  durch  den  Krieg
am  meisten  bedrängt  gewesenen  Provinzen  Bayerns,  die  drei  Franken,
zu  besuchen  und  so  persönlich  seine  Teilnahme  an  seines  Volkes  Geschicken
zu  bezeugen.

Am  10.  November,  vormittags  11  Uhr,  erfolgte  die  Abreise  von  München.
Ohne  Aufenthalt  fuhr  der  Königszug  nach  Bayreuth,  als  der  ersten  Stadt,
welche,  in  die  Kriegsmitleidenschaft  hineingezogen,  nan  der  Ehre  des  tröstenden
Besuches  des  Landesherrn  teilhaftig  werden  sollte.  Um  ½6  Uhr  abends  war
die  Ankunft  des  Königs  erfolgt  und  er  durch  die  beleuchtete  Stadt  zum  neuen
Schloß  gefahren,  auf  dessen  Balkon  er  noch,  vom  Jubelrufe  des  dichtgescharten
Volkes  begrüßt,  erschien.  Der  Sonntag  und  Montag  wurden  in  Bayreuth
und  teilweise  auch  auf  der  Eremitage,  auf  welcher  der  König  schon  als  Kind
mit  seinen  Eltern  verweilt,  verbracht.  Am  Dienstag  den  13.,  um  10  Uhr
vormittags,  erfolgte  die  Weiterreise  nach  der  Grenzstadt  Hof,  wo  man  um
12  Uhr  anlangte.  Die  Stadt  hatte  festlichen  Schmuck  angelegt  und  prangte
abends  in  glänzender  Beleuchtung.

Gerade  nach  24  Stunden,  Mittwoch  den  14.,  mittags  12  Uhr,  verließ
der  König  Hof  und  traf  um  3  Uhr  30  Minuten  in  Bamberg  ein.  Hier
hatten  sich  der  Stadtmagistrat,  das  Offizierkorps  und  sämtliche  königlichen
Behörden  sowie  der  damals  in  Bamberg  hofhaltende  König  Otto  von  Griechenland
  zum  Empfange  eingefunden.  Letzeerer  geleitete  seinen  königlichen  Neffen
zur  Residenz,  wo  Familiendiner  stattfand.  Um  7  Uhr  abends  begann  die
Illumination  der  Stadt,  welche  der  König  mit  dem  griechischen  Königspaare
in  den  Hauptstraßen  durchfuhr.  Auf  dem  Rückwege  erstrahlte  der  alte  herrliche
  Dom  Kaiser  Heinrichs  II.  in  bengalischem  Lichte  und  die  Landwehr
brachte  einen  Fackelzug.  Der  folgende  Tag,  Donnerstag,  brachte  Audienzen,
große  Tafel  und  abends  einen  Ball  der  Gesellschaft  Konkordia  in  deren
schönem,  am  Flusse  gelegenen  Hause;  der  König,  munter  und  liebenswürdig
gegen  jedermann,  blieb  bis  nach  Mitternacht.  Am  16.,  dem  Freitag,  besuchte
er  den  schwer  erkrankten  Erzbischof  von  Deinlein  sowie  das  Schmidtsche  Institut

1)  Ludwig  II.,  König  von  Bayern,  ein  Lebensbild,  S.  68  ff.  München  1890.  J.  Roth.
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        111.  Eine  Reise  König  Ludwigs  II.  533

für  Porzellanmalerei  und  nahm  um  1  Uhr  mittags  auf  dem  Exerzierplatze
die  Besichtigung  der  gesamten  Garnison  vor,  nämlich  des  5.  Infanterie=  und
des  1.  Ulanenregiments.  Von  hier  aus  ritt  der  König  in  das  Militärkrankenhaus
  um  die  dort  befindlichen  verwundeten  und  kranken  Soldaten  zu  besuchen.
Am  Abend  war  Festtheater.  Für  den  17.  war  Hofball  angesetzt,  zu  welchem
180  Personen  geladen  waren.  Noch  heute  rühmt  sich  manche  vornehme  Bambergerin
  eine  Runde  mit  der  jugendlichen,  in  unvergleichlicher  Schönheit
prangenden  Majestät  getanzt  zu  haben.

Am  Sonntag  den  18.  hörte  der  König  früh  noch  eine  Messe  im  Domchore,
  worauf  alsbald  unter  demselben  Zeremoniell,  mit  welchem  er  empfangen
worden  war,  die  Abreise  über  Schweinfurt  nach  Kissingen  erfolgte.  Eine
katarrhalische  Affektion,  welche  er  sich  in  den  letzten  Tagen  zugezogen  hatte,
und  leichte  Fieberschauer  legten  ihm  den  Wunsch  möglichst  schnellen  Eintreffens
in  Kissingen  nahe,  wo  er  auch  erst  mehrstündiger  Bettruhe  pflegen  mußte,
ehe  er  die  erbetenen  Audienzen  zu  erteilen  vermochte.  Abends  wurde  ihm  eine
Serenade  gebracht,  die  geplante  Illumination  der  Stadt  machte  ein  heftiges
Schneegestöber  zunichte.

Ungänstiges  Wetter  erschwerte  auch  folgenden  Tages  die  Fahrt  über
das  Schlachtfeld  jenes  10.  Juli,  an  welchem  von  den  Bayern  so  todesmutig
und  doch  so  unglücklich  gekämpft  worden  war.

Am  20.,  am  Dienstag,  20  Minuten  vor  1  Uhr,  wurde  Kissingen  verlassen
  und  die  Reise  zu  Wagen  über  Hammelburg,  Gemünden  und  von
da  wieder  mit  der  Bahn  über  Lohr  nach  Aschaffenburg  fortgesetzt.  Auch
in  den  beiden  ersteren  Städten  erkundigte  sich  der  König  eingehend  nach  ihren
Kriegserlebnissen.  In  Aschaffenburg  läuteten  wiederum  die  Glocken,  überreichten
  Jungfrauen  Blumensträuße,  sangen  die  Gesangvereine  die  Volkshymne
  und  eine  Ehrengarde  berittener  Bürger  geleitete  den  König  nach  dem
über  dem  Steilufer  des  Mains  hochaufragenden  Schlosse,  das  sein  Großvater
erbaut  und  in  dem  er  mit  Vorliebe  geweilt.  Zwischen  dem  Aufenthalte  in
Aschaffenburg  und  dem  folgenden  in  Würzburg  lag  ein  Besuch  am  verwandten
  Hofe  von  Darmstadt,  für  den  König  eine  Erholung  von  den  Anstrengungen
  der  vergangenen  und  eine  vorbereitende  Ruhe  für  die  kommenden
Tage.  Denn  auch  die  weinumkränzte  Hauptstadt  Frankens  wollte  dessen  Herzog
die  gebührende  Ehre  erweisen.  Auch  sie  hatte  ja  lange  fremde  Fahnen  gesehen;
lustig  flatterten  nun  die  weiß-blauen  Fähnlein  in  der  Luft  und  durch  die  mit
vielen  Emblemen  geschmückte  Ehrenpforte  am  Bahnhofe  hielt  der  König  am
Samstag  den  24.  November,  nachmittags  4  Uhr,  seinen  Einzug  in  die  Stadt.
Deren  Bürgermeister  hatte  er  schon  auf  dem  Bahnhofe  versichert,  wie  es  ihn
freue  seine  treuen  Würzburger  besuchen  zu  können.  Die  freudigen  Zurufe
der  den  weiten  Residenzplatz  füllenden  Scharen  dankend  erwidernd  zeigte  sich
der  König,  gleich  nachdem  er  das  Schloß  betreten,  auf  dem  Balkon  desselben
und  fuhr  selben  Abend  noch  durch  die  beleuchteten  Straßen  zum  Thaater.
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        534  111.  Eine  Reise  König  Ludwigs  II.

Am  Sonntag  den  25.  nahm  der  König  am  Gottesdienste  im  Dome  teil,
hierauf  empfing  er,  jeden  einzelnen  mit  freundlichster  Ansprache  beehrend,  die
gemeindlichen  Kollegien,  die  Beamten,  das  Offizierkorps  der  Garnison  und
der  Landwehr  sowie  den  Lehrkörper  der  Universität.  Nach  einem  Fackelzuge
besuchte  er  den  von  der  Gesellschaft  Harmonie  in  ihren  prächtigen,  vollgedrängten
Räumen  gegebenen  Ball.  Dafür  mußten  am  Montag  den  26.  alle  geplanten
Festlichkeiten  sistiert  werden,  da  der  König  durch  einen  abermaligen  heftigen
Fieberanfall  genötigt  wurde  das  Bett  aufzusuchen.

Doch  trat  schon  am  nächsten  Tage  eine  Besserung  ein,  so  daß  der  König
einen  Spaziergang  machen  und  dem  russischen  Gesandten  Audienz  erteilen,  den
Hofkeller  und  die  Militärspitäler  besuchen  konnte.

Wie  es  schon  in  Kissingen  geschehen,  so  sollten  auch  in  Würzburgs  Umgebung
  die  traurigen  Erinnerungen  an  die  Unglückstage  des  Monats  Juli  nicht
vermieden  werden.  Der  König  suchte  sie  am  29.  November  auf  den  Schlachtfeldern
  von  Roßbrunn,  Helmstadt  und  Uttingen  auf.  In  letzterem  Orte
ging  er  auf  den  Friedhof,  auf  welchem  die  größte  Zahl  der  damals  heldenmütig
  Gefallenen,  Bayern  wie  Preußen,  zur  Ruhe  gebracht  worden  war,  von
Grab  zu  Grab;  dann  überreichte  er  der  dortigen  Gutsherrin,  Freifrau  von
Wolfskeel,  die  mit  ihrer  Tochter  durch  hingebendste  Pflege  der  Verwundeten
und  Kranken  sich  ausgezeichnet  und  diesen  ihr  ganzes  Schloß  eingeräumt  hatte,
eigenhändig  das  Militärverdienstkreuz.  Die  Rundfahrt  über  all  die  Stätten,
die  noch  so  unverkennbar  die  Spuren  des  über  sie  hingegangenen  Unheils
trugen,  hatte  den  König  so  ernst  gestimmt,  daß  er  es  nicht  über  sich  zu
bringen  vermochte,  an  jenem  Abende  noch,  wie  es  geplant  war,  das  Theater
zu  besuchen.

Der  Aufenthalt  in  Würzburg  war  um  das  Doppelte  der  anfänglich  in
Aussicht  genommenen  Tage  ausgedehnt  worden  und  hätte  vielleicht  noch  länger
gedauert,  wenn  nicht  der  Bürgermeister  von  Nürnberg  persönlich  beim
Monarchen  mit  der  Bitte  erschienen  wäre,  den  Nürnbergerinnen  nicht  die
Freude  des  Festballes  zu  vereiteln,  der  bei  Nichteinhaltung  des  Programmes
durch  die  eintretende  Adventzeit  unmöglich  gemacht  werden  würde.  Darum
versprach  der  König  seine  Wiederkehr  nach  Würzburg  für  den  Sommer  und
trat  am  Freitag  den  30.  die  Weiterfahrt  nach  Nürnberg  an.  In  Kitzingen
wurde  ihm  zum  Willkommgruß  durch  ein  Mädchen  ein  Gedicht  vorgetragen,
in  dem  eine  Stelle  lautete:

Als  guter  Engel  durch  das  Land

Gehst  du  zu  heilen  und  zu  stillen

Mit  rast=  und  ruheloser  Hand,

Wo  noch  des  Kummers  Tränen  quillen.
Gesegnet  sei  dir  Hand  und  Fuß!

Gott  schmücht  dich  mit  der  schönsten  Krone,
Des  Volkes  Blich,  des  Landes  Gruß
Folgt  dir  auf  Weg  und  Steg  zum  Lohne!“
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        111.  Eine  Reise  König  Ludwigs  II.  535

Kurz  vor  4  Uhr  bei  herrlichstem  Winterwetter  traf  der  Königszug  in
Nürnberg  ein.  Er  habe  sich  gefreut,  sagte  der  König,  nach  Nürnberg  zu
kommen  und  sich  vorgenommen  alle  Wunden,  die  leider  der  Krieg  geschlagen,
zu  heilen;  freuen  würde  es  ihn  auch,  wenn  Handel  und  Industrie  wieder  erblühten;
  für  die  loyale  und  taktvolle  Haltung  Nürnbergs  während  der  preu-Pßischen
  Besetzung  müsse  er  seine  vollste  Befriedigung  aussprechen.

Das  Hoflager  wurde  auf  der  alten  Hohenzollernburg  genommen.  Um
der  neubefestigten  Freundschaft  zwischen  den  beiden  Königshäusern  und  Staaten
einen  symbolischen  Ausdruck  zu  geben  hatte  König  Ludwig  in  einem  Schreiben
vom  30.  August  des  Jahres  dem  Könige  von  Preußen  angeboten  die  ehrwürdige
  Burg  seiner  Ahnen  gemeinsam  mit  ihm  zu  besitzen  und  bei  etwaiger
Anwesenheit  in  Bayern  zu  bewohnen.  Mit  Dank  nahm  König  Wilhelm  dies
entgegenkommende  Anerbieten  an  und  wenigstens  sein  Sohn,  Kronprinz  Friedrich,
  hat  später  davon  Gebrauch  gemacht.

Am  Abende  seines  Ankunftstages  erschien  der  König  noch  im  Theater,
wo  er  trotz  eines  wieder  auftretenden  Hustens  bis  zu  dem  erst  um  Mitternacht
erfolgten  Schlusse  der  Vorstellung  blieb.

Am  Samstag  den  1.  Dezember  brachten  die  vereinigten  Sänger  Nürnbergs
  dem  hohen  Burgherrn  ein  Morgenständchen,  worauf  wieder  großer
Empfang  erfolgte,  und  abends  8  Uhr  erschien  der  König  auf  jenem  in  der
festlich  geschmückten  Turnhalle  abgehaltenen  Bürgerballe,  für  welchen  der
Bürgermeister  schon  in  Würzburg  eingeladen  hatte.  „Wir  zweifeln,"  schrieb
am  anderen  Tage  ein  Korrespondent  der  „Allgemeinen  Zeitung“,  „ob  seit  der
Einführung  der  strengen  Hofetikette  durch  Louis  le  Grand,  der  nur  mit  dieser
atmen  zu  dürfen  glaubte,  ein  König  je  in  solcher  gemischten  Gesellschaft  als
Ballgast  aufgetreten  ist  und  im  vollsten  Sinne  diese  so  zu  beleben  wußte,  wie
es  unser  jugendlicher  Monarch  unter  herzlichster  Hingabe  und  wirklicher  Aufopferung
  tat.  Denn  er  hüstelte  etwas,  wohl  infolge  der  nicht  geringen  Ermüdungen,
  denen  er  auf  seiner  ersten  Provinzreise  tagtäglich  verfallen  muß,
wenn  er  überall  so  wie  hier  sich  allen  Anmutungen  hingibt.  Volle  vier
Stunden  tanzte  der  König  oder  unterhielt  sich  mit  Frauen  von  allen  Lebensaltern
  und  mit  Herren,  die  ihm  vorgestellt  wurden,  mit  der  ihm  eigenen,  gewinnenden
  Liebenswürdigkeit.  Die  Herzen  unserer  Damenwelt  faszinierte  er.
Er  versteht  es  den  Fluß  der  Rede  im  Geleise  zu  erhalten,  immer  neue  Wendungen
  sinnend,  gewöhnliche  Worte  meidend.“  Erst  nach  Mitternacht  entfernte
  er  sich,  nochmals  freundlich  dankend  für  das  ihm  zum  Geleite  zugerufene
  tausendfache  Hoch.

Der  Ausgang  des  Burghofes  wie  der  Burgberg  war  stets  von  Tausenden,
  namentlich  Landleuten,  belagert,  die  gekommen  waren  „um  ihren  jungen
König  zu  sehen.“  Am  2.  Dezember  gab  es  wieder  Audienzen,  darunter  an
die  Deputation  der  Universität  Erlangen  und  große  Hoftafel.  Um  7  Uhr
abends  kam  der  König  von  der  Burg  herab  um  die  große  Illumination  zu
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        536  111.  Eine  Reise  König  Ludwigs  II.

sehen.  Am  Fuße  der  Burg  brannte  ein  riesiges  gotisches  L  mit  der  Krone,
am  Rathause  umgaben  sprühende  Sterne  das  in  Gasflammen  gezeichnete
bayerische  und  städtische  Wappen.  An  den  Kirchen  und  auf  den  großen
Plätzen  glühten  farbige  Lichter  auf;  auch  manche  Dörfer  der  Umgebung  erschienen,
  als  ob  sie  in  Feuer  stünden.  Erst  gegen  9  Uhr  fuhr  der  König  am
Theater  vor,  wo  auf  allerhöchsten  Befehl  der  „Troubadour“  und  zwar  so
vollendet  gegeben  wurde,  daß  jener  durch  den  Bürgermeister  dem  gesamten
Personale  seinen  Dank  aussprechen  ließ.

Am  3.  Dezember  machte  der  König  einen  Spaziergang  durch  die  Stadt,
besuchte  die  Kirchen  und  andere  Gebäude,  gab  abermals  Tafel  und  erschien
dann  im  großen  Konzerte  im  Rathaussaale.

Auch  die  Truppen  sollten  ihren  Kriegsherrn  sehen;  darum  hielt  der
König  am  Dienstag  den  4.,  mittags  2  Uhr,  in  Marschallsuniform  auf  dem
Ludwigsfelde  große  Parade  über  die  Garnison  ab,  nestelte  mit  eigener  Hand
an  vier  Fahnen  das  Militärdenkzeichen  von  1866,  worauf  General  Stephan
eine  Ansprache  hielt,  die  er  mit  einem  von  den  Truppen  ausgenommenen  Hoch
auf  den  Monarchen  schloß.  Dieser  ließ  noch  einige  Evolutionen  im  Feuer
vornehmen  und  ritt  dann  allein  mit  einem  Adjutanten  nach  Fürth,  wo  er
am  Rathaus  abstieg  und  hier  vollständig  überraschte.  Allein  die  Fürther
wußten  sich  schnell  zu  fassen.  Als  der  König  mit  dem  Bürgermeister  und  dem
Rechtsrate  das  Rathaus  verließ  um  einen  Gang  durch  die  Stadt  zu  machen,
ertönte  das  Geläute  aller  Glocken  und  erstrahlten  alle  Häuser  in  schnell  improvisierter
  Beleuchtung;  der  König  besichtigte  noch  die  Synagoge  und  einige
nahe  gelegene  Fabriken  und  fuhr  dann  mit  der  Ludwigsbahn  wieder  nach
Nürnberg  zurück  um  noch  im  Theater,  dort  stürmisch  begrüßt,  dem  „Fidelio“
anzuwohnen.  Der  folgende  Tag,  der  5.  Dezember,  galt  dem  Besuche  industrieller
Etablissements,  wie  der  Bleistiftfabrik  von  Faber  in  Stein,  der  Zeltnerschen
Ultramarinfabrik  und  der  Cramer-Klettschen  Eisengießerei.  Letztere  betrat  der
König  in  dem  Augenblicke,  als  die  Arbeiter  die  riesige  Form  seines  Namenszuges
  mit  der  Krone  mit  flüssigem  Eisen  von  oben  durch  einen  Kanal  volllaufen
  ließen,  was  bei  der  bereits  eingetretenen  Dunkelheit  einen  prachtvollen
Anblick  gewährte.  Eine  volle  Stunde  weilte  König  Ludwig  mit  besonderem
Interesse  trotz  des  betäubenden  Maschinenlärmes  in  der  in  einer  Stunde
¼  Million  Stifte  liefernden  Stiftfabrik.  —  Auch  die  Universitätsstadt  Erlangen
  sollte  mit  dem  königlichen  Besuche  überrascht  werden.  Am  6.  Dezember
  nachmittags  2  Uhr  begab  sich  der  König  dahin,  der  akademische  Senat
und  die  Studentenschaft  fanden  sich  rasch  zur  Huldigung  für  den  erhabenen
Rector  magnificentissimus  zusammen.

Der  Freitag,  der  7.,  wurde  wieder  mit  Audienzen,  so  auch  an  die
Deputation  des  Lehrervereines,  und  Besichtigung  verschiedener  Anstalten  verbracht.
  Mit  großer  Aufmerksamkeit  wohnte  der  König  der  Zusammensetzung
des  eben  vollendeten  Keplerdenkmales  in  der  Lenzschen  Erzgießerei  bei,  besah
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        112.  Prinz  Karl  von  Bayern.  537

sich  in  der  Kunstgewerbeschule  das  Atelier  Meister  Krelings  und  die  Sammlungen
  des  Germanischen  Museums,  in  welchem  Direktor  von  Essenwein  den
Führer  machte.  Auch  die  Fleischmannsche  Papiermachefabrik  wurde  der  Ehre
des  allerhöchsten  Besuches  gewürdigt.

Auf  diesen  Gängen  war  der  König  von  seinem  Bruder  begleitet,  welchen
er,  von  dem  Aufenthalte  in  der  alten  Noris  so  befriedigt,  eingeladen  hatte,  an
den  letzten  Tagen  desselben  noch  teilzunehmen.  Prinz  Otto  war  am  5.  dieser
Einladung  gefolgt  und  mittags  auf  der  Burg  eingetroffen.  Das  Interesse
und  die  Huldigungen  der  Bevölkerung  teilten  sich  nun  zwischen  den  beiden
fürstlichen  Brüdern.  Hatte  schon  die  ideale  Erscheinung  des  älteren,  des
Königs,  alle  Herzen  erobert,  so  fielen  dem  jüngeren,  der  in  noch  größerer
Schönheit  zu  blühen  schien,  fast  noch  mehr  Triumphe  zu.  Auch  Prinz  Otto
war,  wo  und  mit  wem  er  verkehrte,  von  bezaubernder  Liebenswürdigkeit.
So  auch  bei  der  großen  Tafel,  die  am  8.  gegeben  wurde,  und  bei  dem
zweiten  Konzerte  im  Rathaussaale,  das  am  Abende  desselben  Tages  König  und
Prinz  besuchten.

Am  Samstag  den  10.  Dezember  mittags  2  Uhr  verließen  die  hohen
Herrschaften  Nürnberg  unter  den  Versicherungen  huldvollsten  Dankes  für  die
Aufnahme,  die  sie  dort  gefunden,  und  dem  Versprechen  baldiger  Wiederkehr,
ein  Versprechen,  das  dort  und  anderswo  nie  mehr  eingelöst  werden  sollte.

Reiche  Geldspenden  waren  in  allen  vom  Könige  berührten  Städten  für
die  Armen  und  Kranken  an  die  Bürgermeister  ausgehändigt  worden.  Mit
dem  gleichen  festlichen  Gepräge,  mit  dem  die  Königsreise  ihren  Anfang  genommen
  hatte,  ging  sie  auch  ihrem  Ende  zu.  Auch  auf  dem  Rückwege  wurde
der  König  an  allen  Stationen,  namentlich  in  Augsburg,  freudig  begrüßt,  in
München  selbst  jubelnd  empfangen.  Und  gleicher  Empfang  wurde  ihm  am
Abende  auch  im  Theater,  das  er  noch  besuchte.

Dies  war  die  einzige  Königsreise,  die  König  Ludwig  in  seinem  Lande
unternommen.  Mochte  er  vielleicht  auch  in  späteren  Jahren  noch  ähnliche
Entschlüsse  gefaßt  haben,  zur  Ausführung  sind  sie  nicht  mehr  gekommen.

112.  Prinz  Karl  von  Bayern  (f  16.  August  1875).
Von  Karl  Stieler.)

Die  Zeit  des  Todes  ist  nicht  der  Augenblick  um  den  historischen  Inhalt
eines  Lebens  zu  erschöpfen,  vor  allem,  wenn  ein  Leben  über  Generationen
Hinwegreicht.

Aber  es  ist  die  Stunde,  wo  wir  vielleicht  am  meisten  das  Bedürfnis
fühlen  die  menschliche  Gestalt,  die  ganze  Persönlichkeit  noch  einmal  voll  zu

1)  „Aus  Fremde  und  Heimat“,  S.  229  ff.  Stuttgart  1886,  A.  Bonz.
        <pb n="550" />
        538  112.  Prinz  Karl  von  Bayern.

erfassen  und  in  diesem  Sinne  sind  die  folgenden  Zeilen  geschrieben.  Mit
kurzen  Worten  möchten  wir  es  versuchen  das  Bild  eines  edlen  Mannes
darzustellen,  wie  es  der  eigene  Anblick  in  uns  zurückgelassen.  Auch  in
engen  Grenzen  mag  die  Schilderung  ein  gewisses  historisches  Gepräge  gewinnen,
  denn  er  selbst,  seine  ganze  Persönlichkeit,  war  eine  historische  Erscheinung.
  )

Prinz  Karl  war  der  Inbegriff  einer  vergangenen  Epoche,  deren  Verständnis
  dem  lebenden  Geschlecht  zum  Teil  verloren  ging,  aber  es  waren  nicht
die  Schatten,  sondern  die  schönen,  die  liebenswürdigen  Eigenschaften  dieser
Epoche,  die  er  vertrat.

Der  Grundzug  seines  Wesens  läßt  sich  in  einem  Worte  zusammenfassen
—  er  war  ein  Fürst  im  vollendetsten  Sinne.  Dazu  hatte  ihn  seine  Geburt
bestimmt  und  sein  ganzes  Streben  war:  der  Würde  seines  Namens  auch  die
Würde  der  Persönlichkeit  hinzuzufügen.  Schon  die  Natur  kam  ihm  dabei  zu
Hilfe,  indem  sie  ihm  jene  Art  von  vornehmer  Schönheit  gab,  die  sich  in  jeder
Hülle  und  in  allen  äußeren  Situationen  gleichbleibt.  Eine  dichte,  fast  unbändige
Lockenfülle  wuchs  ihm  in  die  gewölbte  Stirn,  tiefblaue  Augen  blickten  aus
den  feinen,  vornehm  weichen  Zügen,  etwas  Elastisches  lag  in  seiner  ganzen
Gestalt.

So  war  er  damals,  als  er  1814  den  König  Max  I.  zum  Wiener  Kongreß
  begleitete,  wo  man  ihm  bald  den  Namen  gab:  ble  beau  prince  de

1)  „Er  war  der  zweite  Sohn  des  Herzogs  von  Pfalz-Zweibrücken,  Maximilian
Josephs,  des  späteren  Kurfürsten  von  Pfalz-Bayern  und  ersten  Königs.  Geboren  am  7.  Jull.
1795  zu  Mannheim  wurde  er  für  die  militärische  Laufbahn  bestimmt  und  dieser  Bestinmung
  gemäß  erzogen.  1813  und  14  nahm  er  als  Generalmajor  an  Wredes  Seite  fast,
an  allen  Schlachten  des  Befreiungskrieges  teil,  in  welchen  das  bayerische  Korps  in  Aktion
trat.  In  der  Schlacht  bei  Brienne,  deren  glücklichen  Ausgang  die  Verbündeten  hauptsächlich
  Wredes  Eingreifen  zu  danken  hatten,  socht  Prinz  Karl  in  den  vordersten  Reihen:
rühmlich  war  auch  seine  Mitwirkung  in  der  Schlacht  bei  Arcis  (20.  März  1814).  Nicht
bösischer  Courtoisie,  sondern  allseitig  anerkanntem  Verdienst  verdankt  er  die  Ritterkreuze
der  militärischen  Orden  Bayerns,  Ssterreichs  und  Rußlands,  Auszeichnungen,  welche
statutengemäß  nur  auf  dem  Schlachtfelde  erworben  werden  können.  —  Nach  dem  Tode
Wredes  trat  er  an  die  Spitze  der  bayerischen  Armee.  Am  16.  Januar  1841  wurde  er
von  seinem  königlichen  Bruder  zum  Feldmarschall  und  Generalinspekteur  der  Armee  ernannt.
1860  wurde  ihm  der  Oberfehl  über  das  VII.  deutsche  Bundesarmeekorps  übertragen.
im  Kriege  des  Jahres  1866  erhielt  er  das  Kommando  über  die  bayerischen  und  die  übrigen
süddeutschen  Bundeskontingente,  das  VII.  und  VIII.  Korps.  Der  Plan  Prinz  Karls  mit
den  beiden  Korps  vereint  zu  operieren  wurde  durch  die  alsbaldige  Kapitulation  der
Hannoveraner  und  durch  die  Niederlage  der  Ssterreicher  auf  dem  böhmischen  Kriegsschauplatz
  vereitelt.  —  Nach  den  unglücklichen,  aber  nicht  unehrenhaften  Gefechten  bei
Kissingen  und  Hammelburg,  später  noch  bei  Würzburg,  kam  es  zum  Wafssenstillstand
  und  am  22.  August  zum  Frieden  zwischen  Bayern  und  Preußen.  Sofort
nach  dem  Friedensschluß  legte  Prinz  Karl  alle  militärischen  Würden  nieder  und  zog
sich  vom  öffemichen  Leben  ganz  zurück.“  C.  Theodor  von  Heigel,  Allgem,  deutsche
Biogr.  XV.
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        112.  Prinz  Karl  von  Bayern.  539

Bavière#;  so  steht  sein  Bild  in  der  Erinnerung  derer,  die  ihn  zu  Beginn  der
zwanziger  Jahre  in  Kreuth  gesehen,  wenn  er  neben  dem  Stuhle  seines  Vaters
stand  und  dieser  sachte  den  Arm  um  seine  Hüfte  legte.  Die  übrigen  Kinder
des  Königs  machten  sich  eben  zu  einem  Ausflug  auf  den  Weg.  „Möochtest
du  mitgehen,  Karl?"  fragte  ihn  der  Vater  in  seiner  milden  Weise.  „Wenn
du  nicht  recht  gern  mitgehen  willst,  dann  bleib  bei  mir!“  Und  wie  ein
Freudenstrahl  flog  es  über  das  Antlitz  des  guten  Max,  wenn  sich  der
Sohn  dann  plaudernd  bei  ihm  niederließ,  er  war  ja  vor  allen  anderen  sein
Liebling.

Bis  in  die  spätesten  Jahre  blieb  ihm  diese  vornehme  Schönheit  eigen,
aber  sie  war  nur  die  äußere  Erscheinungsform  jenes  fürstlichen  Zuges,  der
durch  sein  ganzes  Wesen  ging.  ·

Noch  unendlich  entschiedener  und  prägnanter  trat  dieser  Zug  in  seinen
geistigen  Eigenschaften,  in  seinem  Charakter,  in  seiner  Lebensgewohnheit  hervor.
All  sein  Denken  und  Fühlen  war  getragen  vom  Selbstbewußtsein  seiner  Würde,
aber  nicht  nur  der  Rechte,  sondern  vielleicht  noch  mehr  der  Pflichten,  die  ihm
diese  Würde  gab,  war  er  sich  bewußt.

Er  war  vielleicht  der  reinste  Typus  jener  echten  Aristokratie,  die  immer
mehr  in  unserer  Zeit  verschwindet;  er  war  die  lauterste  Verkörperung  der
historischen  Idee:  noblesse  oblige.

Selbst  in  den  kleinsten  Beziehungen  des  täglichen  Lebens  betätigte  sich
dieser  Zug;  nicht  nur  im  Sinne  des  Kavaliers,  sondern  im  höchsten  und  besten
Sinne  des  Wortes  war  er  ein  „ritterlicher  Charakter".  Auch  denen  gegenüber,
  die  unter  ihm  standen,  hat  er  niemals  diese  Noblesse  vergessen,  und  wenn
er  die  volle  Ehrerbietung  in  Anspruch  nahm,  die  seiner  Stellung  gebührte,  so
erwiderte  er  sie  seinerseits  durch  jene  feinfühlige  und  rücksichtsvolle  Art,  in  der
sich  die  Achtung  vor  den  Menschen  kundgibt.  Kein  geringschätziges  Wort  kam
über  seine  Lippen,  gegen  hoch  und  niedrig  wahrte  er  die  gleiche  Delikatesse
und  selbst  der  gemeine  Mann  fühlte  die  innere  Vornehmheit  heraus,  die  in
diesem  Benehmen  lag.

Seine  Pünktlichkeit  ist  beinahe  sprichwörtlich  geworden,  aber  auch  sie
beruhte  auf  seiner  rücksichtsvollen  Natur,  sie  war  ihm  keine  äußere,  sondern
eine  innere  Gewohnheit.  Wenn  er  nur  zehn  Minuten  später  kam,  als  seine
Ansage  gelautet,  so  sandte  er  einen  Diener  voraus  um  den  unfreiwilligen
Aufschub  zu  melden  und  mehr  als  einmal  entschuldigte  er  sich  nach  Wochen,
wenn  er  Personen  nicht  erkannt  und  sie  deshalb  vielleicht  weniger  herzlich
begrüßt  als  sonst.  Einen  Nachbar  hatte  er  mündlich  beruhigt,  daß  er  ihm
nicht  die  Aussicht  durch  Erhöhung  einer  gegenüberliegenden  Scheuer  verbauen
werde,  und  als  nach  30  Jahren  der  Neubau  jener  Scheune  wirklich  nötig
war,  da  konnten  die  dringendsten  Gründe  der  Zweckmäßigkeit  ihn  nicht  bewegen
  das  Dach  auch  nur  um  einen  Zoll  zu  erhöhen.  „Der  Mann,  dem
ich  es  versprochen,  ist  zwar  seit  15  Jahren  tot  und  die  Seinigen  wissen  viel-
        <pb n="552" />
        540  112.  Prinz  Karl  von  Bayern.

teicht  nicht  einmal  darum,  aber  dennoch  bin  ich  es  seinen  Kindern  schuldig
mein  Wort  zu  halten.“

Es  sind  dies  kleine  alltägliche  Züge,  allein  sie  sind  vielleicht  bezeichnender
für  seine  Denkart  als  seitenlange  Reflexionen;  sie  zeigen  uns  am  klarsten  jene
Rechtlichkeit  und  jenes  menschenfreundliche  Wohlwollen,  das  Prinz  Karl  selbst
dann  noch  festhielt,  als  er  sich  längst  von  den  Menschen  zurückgezogen.  Diejenigen
  aber,  denen  es  vergönnt  war  ihm  näher  zu  treten,  wurden  Zeugen
einer  Liebenswürdigkeit,  die  etwas  Herzgewinnendes  hatte:  niemals  vergaß  er
der  Dienste,  die  man  ihm,  wenn  auch  pflichtgemäß,  erwiesen;  niemals  war
seine  Sympathie,  wenn  man  sie  je  erworben,  dem  Wechsel  der  Stimmungen
oder  der  Jahre  preisgegeben.  Auch  hierin,  auf  dem  Gebiete  des  edelsten
Empfindens,  war  er  konservativ,  Pietät  war  ihm  ein  Lebensnerv;  er  übte  das
alte  Ritterwort  „Treue  um  Treue  bietend.“

Es  liegt  nahe,  daß  ein  Fürst,  der  seine  persönlichen  Beziehungen  mit
diesem  Vollgefühle  erhöhter  Pflichten  mißt,  auch  im  Bereiche  materieller  Verbindlichkeiten
  die  volle  Hand  betätigt;  Freigebigkeit  ist  ja  untrennbar  von
wahrer  Vornehmheit.

In  dieser  Hinsicht  aber  war  Prinz  Karl  beinahe  einzig,  seine  Generosität
war  ohne  Grenzen  und  sein  Wohltun  ist  zum  Segen  für  Tausende  geworden.
Einfach  und  bedürfnislos  für  sich  selbst,  machte  er  sofort  den  höchsten  Anspruch,
  sobald  es  galt  zu  repräsentieren;  die  Fülle  und  Pracht,  die  sich  beie
solchen  Gelegenheiten  entfaltete,  war  er  seinen  Gästen  und  seiner  eigenen
Stellung  schuldig.  Sie  schien  ihm  nicht  minder  eine  Pflicht  als  seine  Mildtätigkeit
  gegen  die  Armen.

Was  er  diesen  geleistet  hat,  beziffert  sich  auf  Millionen  (und  Millionen
betragen  die  Summen,  die  noch  nach  seinem  Tode  diesem  edlen  Zwecke  dienen),
in  allen  Nöten  war  Prinz  Karl  die  erste  und  letzte  Hilfe.  Freilich  konnte  es
dabei  nicht  fehlen,  daß  auch  so  mancher  Mißbrauch  mitunterlief;  es  gab  wohl
Leute,  die  sich  nicht  scheuten  ein  Reitpferd  für  ihren  Sohn  und  einen  Logenplatz
  für  ihre  Tochter  zu  erbitten  (wie  er  es  selbst  versicherte),  doch  er  war
großmütig  genug  nie  seine  Hand  dem  wirklichen  Bedürfnis  zu  entziehen,
weil  manch  erheucheltes  Bedürfnis  seine  Hilfe  in  Anspruch  nahm.  Auch  im
Gebrauche  seiner  Güter  galt  ihm  die  Norm  #n#o#blesse  obliger  und  man
fühlte  wohl  den  Gegensatz,  in  dem  dieser  historische  Reichtum  zum  modernen
Reichsein  stand.  Alles,  was  ihn  umgab,  sein  Hofhalt,  seine  Dienerschaft,  der
ganze  äußere  Apparat  seines  Lebens  war  nach  diesem  Stile  bemessen;  es  hätte
wohl  der  zehnte  Teil  für  sein  eigenes  Bedürfnis  genügt,  aber  sein  Grundsatz
war:  Ich  brauche  die  Leute  freilich  nicht,  allein  sie  brauchen  mich.

So  blieb  das  Bewußtsein  fürstlicher  Pflicht  und  Würde  gleichsam  der
Brennpunkt  seines  ganzen  Wesens,  in  dem  sich  all  seine  Neigungen,  all  seine
Vorzüge  und  kleinen  Schwächen  konzentrierten;  denn  welcher  Sterbliche  ist
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        112.  Prinz  Karl  von  Bayern.  541

ganz  von  solchen  frei?  Das  Fürstentum  war  der  Standpunkt,  von  dem  aus  er
die  Welt  und  ihre  Ereignisse  betrachtete;  die  Natur  selbst  hatte  ihn  auf  diesen
Standpunkt  gestellt  und  er  maß  sich  vielleicht  nicht  einmal  das  Recht  bei  ihn
zu  verlassen.

Wer  so  mit  dem  höchstgespannten  Pflichtgefühle  seine  Stellung  auffaßt
und  ihr  gerecht  zu  werden  strebt,  den  muß  es  freilich  erschütternd  berühren,
wenn  seiner  redlichsten  Bemühung  der  äußere  Erfolg  versagt  ist.  Und  dies  war
im  Jahre  1866  der  Fall,  es  war  der  Wendepunkt  in  seinem  äußeren  und.
inneren  Leben  —  eine  andere  Zeit  hatte  begonnen.

Kurz  nach  dem  Friedensschlusse  vom  22.  August,  bevor  die  bayerischen
Truppen  auseinandergingen,  war  noch  eine  große  Revue  bei  Ingolstadt.  In
Strömen  goß  der  Regen  auf  die  Tausende  herab,  die  da  versammelt  waren;
wir  standen  regungslos  in  Reih  und  Glied,  hier  sah  ich  den  Prinzen  Karl
zum  letztenmal  in  Uniform.  Blaß  und  gebückt  ritt  er  im  Schritt  die  Front
entlang;  es  lag  eine  Müdigkeit  in  seinen  Zügen,  die  nicht  den  Körper  allein
berührte.  Ohne  es  zu  ahnen  war  er  Zeuge  geworden,  wie  jener  morsche
Bau  zusammenbrach,  bei  dessen  prunkvoller  Gründung  er  einst  vor  50  Jahren
in  Wien  zugegen  war:  nun  stand  er  einer  neuen  Ara  und  einer  fremden  Welt
gegenüber.

Es  ist  bekannt,  daß  er  alsbald  seine  sämtlichen  Würden  und  Amter
niederlegte  und  völlig  aus  dem  politischen  Leben  schied,  aber  wenige  wissen,
wie  er  innerlich  dabei  gekämpft  und  gelitten.  Im  alten  Schlosse  zu  Tegernsee,
wo  ihm  einst  das  Glück  der  Jugend  erblühte,  suchte  er  nunmehr  ganz  seine
Heimat;  dort  lebte  er  im  Kreise  liebenswürdiger  Töchter  und  Enkel;  doch  wenn
der  Winter  kam,  dann  sandte  er  auch  sie  nach  Hause  und  blieb  allein  mit
seinen  Gedanken  und  Erinnerungen.

Es  ist  wahr,  er  lebte  in  der  Vergangenheit  und  ging  dem  Lärme  der
Menschen  fast  schen  aus  dem  Wege,  aber  dennoch  wäre  es  verfehlt  deshalb
zu  glauben,  daß  er  den  Menschen  gram  geworden  sei.  Im  Gegenteil,  mehr
als  man  es  ahnt,  waren  die  Tage  dieser  Einsamkeit  von  einem  vertieften
Innenleben  erfüllt  und  mit  wachem  Blicke  folgte  er  den  Fragen  der  Gegenwart,
  wenn  er  auch  nicht  mehr  tätig  in  dieselben  eingriff.  Wie  oft  und
schmerzlich  beklagte  er  den  jetzigen  Mangel  an  Heimatssinn,  wenn  er  sah,  wie
die  Leute  ihre  prächtigen  Höfe,  die  jahrhundertelang  im  Besitze  der  Familie
waren,  um  schnödes  Geld  verhandelten;  der  Schutz  der  Wälder  war  ihm  eine
stete  Sorge;  und  als  die  Truppen  im  Jahre  1871  siegreich  nach  Hause  kehrten,
nahm  er  an  dieser  Stunde  tiefer  teil,  als  wohl  die  meisten  wissen.  „Sie  alle,
alle  fanden  noch  Gelegenheit  und  Kraft  sich  wieder  hervorzutun  und  die
herben  Erinnerungen  von  „damals“  zu  tilgen  —  nur  ich,  nur  ich  .“  So
sprach  er  mit  zögernder  Stimme  und  feuchten  Augen;  er  machte  kein  Hehl
daraus,  wie  er  sich  damals  gewünscht,  daß  eine  Kugel  ihn  getroffen  hätte.
Seitdem  ging  ein  Zug  von  Wehmut  durch  sein  Wesen,  eine  Seelenstimmung,
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        542  113.  Der  Deutsch-Französische  Krieg  1870/71.

für  welche  die  Gegenwart  nur  schwer  ein  Verständnis  hat,  und  dies  war  es
vielleicht,  was  ihn  vom  Lärme  der  Welt  und  von  den  Menschen  am  meisten
trennte.  Allein  trotz  alledem  gehörte  er  der  Gegenwart  doch  weit  mehr  an,
als  er  es  selbst  wußte,  denn  der  Grundgedanke  unserer  Zeit,  der  unter
allem  Lärm  und  all  der  treibenden  Hast  pulsiert,  ist  doch  die  große,  echte
Humanität  und  sie  war  auch  der  Grundgedanke  seines  Lebens.  Sie  war
es,  die  ihm  den  Dank  und  die  Liebe  von  Tausenden  erwarb  und  die  ihm
selbst  die  Verehrung  derer  sicherte,  die  er  nicht  für  seine  Freunde  hielt.
Davon  gab  noch  die  Feier  seines  achtzigsten  Geburtstages  ein  lebendiges
Zeugnis  und  mit  inniger  Rührung  nahm  er  all  die  zahllosen  Beweise  fremder
Liebe  hin.

Es  war  zum  letztenmal,  daß  er  diesen  Tag  begehen  sollte,  nur  wenige
Wochen  später  —  dann  war  es  still  und  öde  im  Schlosse  zu  Tegernsee  und
einem  Toten  widmem  wir  dies  letzte  Wort.  Wir  glauben,  es  ist  im  Sinne
vieler  Tausende  gesprochen  und  vom  Segen  vieler  Tausende  begleitet,  denn
wohl  niemand,  der  je  mit  ihm  in  Berührung  kam,  wird  ohne  edle  Regung
seiner  gedenken  und  selbst  der  letzte  Wille,  den  er  hinterließ,  gibt  noch  ein
Zeugnis  seltener  Großmut  und  Menschenliebe.  Das  ist  die  Tat  eines  Fürsten!
Fürwahr,  wir  sind  mit  voller  Seele  die  Kinder  unserer  mächtigen  Gegenwart,
  aber  wir  würden  es  nur  begrüßen,  wenn  auch  die  Gegenwart  jene
Eigenschaften  reger  pflegen  möchte,  deren  edelster  Vertreter  Prinz  Karl  von
Bayern  war.

1133.  Der  Deutsch-Französische  Krieg  1870/71.
Einleitung.
Von  Graf  Helmut  v.  Moltke.))

Es  sind  vergangene  Zeiten,  als  für  dynastische  Zwecke  kleine  Heere  von
Berufssoldaten  ins  Feld  zogen  um  eine  Stadt,  einen  Landstrich  zu  erobern,
dann  in  die  Winterquartiere  rückten  oder  Frieden  schlossen.

Die  Kriege  der  Gegenwart  rufen  die  ganzen  Völker  zu  den  Waffen,
kaum  eine  Familie,  welche  nicht  in  Mitleidenschaft  gezogen  würde.  Die  volle
Finanzkraft  des  Staates  wird  in  Anspruch  genommen  und  kein  Jahreswechsel
setzt  dem  rastlosen  Handeln  ein  Ziel.

Solange  die  Nationen  ein  gesondertes  Dasein  führen,  wird  es  Streitigkeiten
  geben,  welche  nur  mit  den  Waffen  geschlichtet  werden  können,  aber  im
Interesse  der  Menschheit  ist  zu  hoffen,  daß  die  Kriege  seltener  werden,  wie  sie
surchtbarer  geworden  sind.

 

1)  „Geschichte  des  Deutsch-Französischen  Krieges  von  1870/71“.  Berlin  1895,
E.  S.  Mittler  &amp;amp;  Sohn.
        <pb n="555" />
        114.  Hurra,  Germania!  543

Ülberhaupt  ist  es  nicht  mehr  der  Ehrgeiz  der  Fürsten,  es  sind  die
Stimmungen  der  Völker,  das  Unbehagen  über  innere  Zustände,  das  Treiben
der  Parteien,  besonders  ihrer  Wortführer,  welche  den  Frieden  gefährden.
Leichter  wird  der  folgenschwere  Entschluß  zum  Kriege  von  einer  Versammlung
gefaßt,  in  welcher  niemand  die  volle  Verantwortung  trägt,  als  von  einem
einzelnen,  wie  hoch  er  auch  gestellt  sein  möge,  und  öfter  wird  man  ein  friedliebendes
  Staatsoberhaupt  finden  als  eine  Volksvertretung  von  Weisen!  Die
großen  Kämpfe  der  neueren  Zeit  sind  gegen  Wunsch  und  Willen  der  Regierenden
entbrannt.  Die  Börse  hat  in  unseren  Tagen  einen  Einfluß  gewonnen,  welcher
die  bewaffnete  Macht  für  ihre  Interessen  ins  Feld  zu  rufen  vermag.  Mexiko
und  Agypten  sind  von  europäischen  Heeren  heimgesucht  worden  um  die
Forderungen  der  hohen  Finanz  zu  liquidieren.  Weniger  kommt  es  heutzutage
darauf  an,  ob  ein  Staat  die  Mittel  besitzt  Krieg  zu  führen,  als  darauf,  ob
seine  Leitung  skark  genug  ist  ihn  zu  verhindern.  So  hat  das  geeinigte  Deutschland
  seine  Macht  bisher  nur  dazu  gebraucht  den  Frieden  in  Europa  zu
wahren;  eine  schwache  Regierung  beim  Nachbar  aber  ist  die  größte  Kriegsgefahr.

Aus  solchen  Verhältnissen  ist  auch  der  Krieg  von  1870—1871  hervorgegangen.
  Ein  Napoleon  auf  dem  Throne  von  Frankreich  hatte  seinen  Anspruch
  durch  politische  und  militärische  Erfolge  zu  rechtfertigen.  Nur  eine
Zeitlang  befriedigten  die  Siege  der  französischen  Waffen  auf  fernen  Kriegsschauplätzen,
  die  Erfolge  des  preußischen  Heeres  erregten  Eifersucht,  sie  erschienen
  als  Anmaßung,  als  Herausforderung  und  man  verlangte  Rache  für
Sadowa.  —  Die  liberale  Strömung  des  Zeitalters  lehnte  sich  auf  gegen  die
Alleinherrschaft  des  Kaisers,  er  mußte  Bewilligungen  zugestehen,  seine  Machtstellung
  im  Innern  war  geschwächt  und  eines  Tages  erfuhr  die  Nation  aus
dem  Munde  ihrer  Vertreter,  daß  sie  den  Krieg  mit  Deutschland  wolle!

114.  Hurra,  Germania!  (25.  Juli  1870.)
Von  Ferdinand  Freiligrath.)

Hurra,  du  stolzes,  schönes  Weib,  Du  dachtest  nicht  an  Kampf  und  Streit;
Hurra,  Germania!  In  Fried'’  und  Freud'  und  Ruh'
Wie  kühn  mit  vorgebeugtem  Leib  Auf  deinen  Feldern,  weit  und  breit,
Am  Rheine  stehst  du  dal  Die  Ernte  schnittest  du.
Im  vollen  Brand  der  Juliglut,  Bei  Sichelhlang  im  Ahrenbranz
Wie  ziehst  du  risch  dein  Schwert!  Die  Garben  fuhrst  du  ein:
Wie  trittst  du  zornig-frohgemut  Da  plötzlich,  horch,  ein  andrer  Tanzl!
Zum  Schutz  vor  deinen  Herd!  Das  Kriegshorn  überm  Rhein!
Hurra,  Hurra,  Hurra!  Hurra,  Hurra,  Hurra!
Hurra,  Germania!  Hurra,  Germania!

)  Gesammelte  Dichtungen,  II.  Band,  S.  298.  Stuttgart  1871.
        <pb n="556" />
        544

Da  warjst  die  Sichel  du  ins  Korn,
Den  Ahrenkranz  dazu,
Da  fuhrst  du  auf  in  hellem  Zorn,
Tief  atmend  auf  im  Nu;
Schlugst  jauchzend  in  die  Hände  dann:
Willst  du's,  so  mag  es  sein!
Aus,  meine  Kinder,  alle  Mann!
Zum  Rhein,  zum  Rhein,  zum  Nhein!
Hurra,  Hurra,  Hurra!
Hurra,  Germania!

Da  rauscht  das  Haff,  da  rauscht  der  Belt,
Da  rauscht  das  Deutsche  Meer;
Da  rücht  die  Oder  dreist  ins  Feld,
Die  Elbe  greift  zur  Wehr.
Rechar  und  Weser  stürmen  an,
Sogar  die  Flut  des  Mains;
Vergessen  ist  der  alte  Span:
Das  deutsche  Volk  ist  eins!
Hurra,  Hurra,  Hurra!
Hurra,  Germania!

Schwaben  und  Preußen  Hand  in  Hand!
Der  Nord,  der  Süd  ein  Heer!
Was  ist  des  Deutschen  Vaterland?
Wir  fragen's  heut'  nicht  mehr.
Ein  Geist,  ein  Arm,  ein  einz'ger  Leib,
Ein  Mille  sind  wir  heut'!
Hurra,  Germania,  stolzes  Weib!
Hurra,  du  große  Zeit!

Hurra,  Hurra,  Hurra!

Hurra,  Germania!

 

115.  Kriegserklärung,  Kräfteverhältnisse;  Feldzugsplan,  Aufmarsch.

Mag  hommen  nun,  was  kommen  mag,
Fest  steht  Germanial!
Dies  ist  All-Deutschlands  Ehrentag;
Nun  weh  dir,  Gallia!
Weh,  daß  ein  Räuber  dir  das  Schwert
Frech  in  die  Hand  gedrücht!
Fluch  ihm!  Und  nun  für  Heim  und  Herd
Das  deutsche  Schwert  gezücht!

Hurra,  Hurra,  Hurra!

Hurra,  Germania!

Für  Heim  und  Herd,  für  Weib  und  Kind,
Für  jedes  teure  Gut,
Dem  wir  bestellt  zu  Hütern  sind
Vor  fremdem  Frevelmut;
Für  deutsches  Recht,  für  deutsches  Wort.
Für  deutsche  Sitt'  und  Art,
Für  jeden  heil'gen  deutschen  Hort,
Hurra,  zur  Kriegesfahrt!

Hurra,  Hurra,  Hurral

Hurra,  Germanial!

Au,  Deutschland,  auf  und  Gott  mit  dir!
Ins  Feld!  Der  Würfel  klirrt!
Wohl  schnürt's  die  Brust  uns,  denken  wir
Des  Bluts,  das  fließen  wird;
Dennoch  das  Auge  kühn  empor!
Denn  siegen  wirst  du  jal
Groß,  herrlich,  frei  wie  nie  zuvor!
Hurra,  Germania!

Hurra,  Vihtoria!

Hurra,  Germania!

115.  Kriegserkhlärung,  Kräfteverhältnisse,  Feldzugsplan,
Aufmarsch.

Von  M.  Moser.:)

Bei  gespannter  europäischer  Lage,  aber  dem  Zeitpunkte  nach  doch  völlig
überraschend  führte  Frankreich  im  Juli  1870  den  seit  Sadowa  beschlossenen
Bruch  mit  Preußen  herbei.  Nationale  Eitelkeit  und  Eroberungssucht  sowie
dynastisches  Interesse  vereinigten  sich  in  dem  Wunsche  den  um  seinen  Waffenruhm
  beneideten  Nebenbuhler  zu  demütigen,  das  Erstehen  eines  Frankreichs
Vorherrschaft  in  Europa  gefährdenden,  einheitlichen  deutschen  Staates  zu  ver-)

  Kurzer  strategischer  Überblick  über  den  Krieg  1870/71.  Berlin  1900,  E.  S.  Mittler
4&amp;amp;  Sohn.
        <pb n="557" />
        115.  Kriegserklärung,  Kräfteverhältnisse,  Feldzugsplan,  Aufmarsch.  545

hindern  und  gleichzeitig  die  niemals  aufgegebene  Hoffnung  auf  den  Erwerb
des  linken  Rheinufers  zu  verwirklichen.  Mit  verdächtiger  Eile  und  Leidenschaft
  ergriff  die  französische  Regierung  die  Anfang  Juli  auftauchende  Frage
der  Hohenzollernschen  Thronfolge  in  Spanien  zu  dem  Versuche  diplomatischer
Brüskierung  des  Königs  Wilhelm  und  leitete  aus  dessen  gebührender  Abfertigung
  den  Kriegsvorwand  ab;  schon  am  15.  Juli  erging  auf  französischer,  am
16.  Juli  auf  deutscher  Seite  der  Befehl  zur  Einberufung  der  Reserven,  welchem
am  19.  Juli  die  förmliche  Kriegserklärung  Frankreichs  folgte.  So  blieb  denn
zu  Kriegsvorbereitungen  in  letzter  Stunde  auf  beiden  Seiten  keine  Zeit  mehr.
Alle  Mängel  und  alle  Vorzüge  der  militärischen  Organisation  mußten  daher
bei  dem  ersten  Akte  des  gewaltigen  Kampfes,  der  Mobilmachung  und  dem
strategischen  Aufmarsch,  als  das  Ergebnis  der  von  beiden  Kriegführenden  zu
erwartenden  äußersten  Krastanstrengung  voll  in  die  Erscheinung  treten.

In  Frankreich  hielt  und  erklärte  man  die  Armee  für  archiprêéte;  in
Wahrheit  aber  krankte  sie  an  schweren  inneren  und  äußeren  Gebrechen.

Die  kaiserliche  Armee  von  1870  befand  sich  inmitten  einer  von  Marschall
Niel  im  Jahre  1868  begonnenen  Reorganisation;  bei  vielen  Vorzügen  hatte
sie  doch  den  entscheidenden  Schritt  vom  Werbeheere  zum  Heere  der  allgemeinen
Wehrpflicht  nicht  getan.  Die  ungleichartige  Zusammensetzung  des  Mannschaftsstandes
  aus  jungen  Ausgehobenen  und  altgedienten  Stellvertretern,  des  Offizierkorps
  aus  der  Front  entstammenden  Troupiers  und  aus  Zöglingen  der
Offizierschulen,  die  von  jenen  durch  Herkunft  und  Erziehung  geschieden  und
in  der  Beförderung  übermäßig  bevorzugt  wurden;  ferner  Mißvergnügen  in
dem  materiell  unbefriedigend  gestellten  Unteroffizierkorps;  offenkundiges  Günstlingswesen
  und  bis  in  die  Armee  getragener  Parteigeist,  schließlich  die  Kämpfe
auf  den  außereuropäischen  Kriegsschauplätzen  hatten  zusammengewirkt  um  die
Disziplin  in  bedenklicher  Weise  zu  lockern,  den  Geist  der  Kameradschaft  und
der  Treue  zu  untergraben  und  an  deren  Stelle  vielfach  Egoismus  und  persönlichen
  Ehrgeiz  zu  setzen.  Der  Armee  und  ihren  Führern  fehlte,  trotz  der
fast  ununterbrochenen  Kämpfe  der  letzten  20  Jahre  in  allen  Weltteilen,  die
Schulung  für  den  großen  Krieg;  leicht  erworbene  Lorbeeren  hatten  vielmehr,
neben  einem  übermäßigen  Vertrauen  in  die  Allmacht  der  Routine,  ein  Gefühl
der  Selbstüberhebung  hervorgerufen,  welches  um  so  gefährlicher  war,  als  damit
Unkenntnis  der  Organisation  und  der  Leistungen  der  Nachbararmeen  sowie  der
Gesetze  der  modernen  Kriegführung  Hand  in  Hand  ging.  Aber  auch  taktisch
und  technisch  befand  sich  die  Armee  nicht  überall  auf  richtiger  Bahn;  insbesondere
  hatte  man,  verführt  durch  die  Güte  des  Chassepotgewehres,  die
Infanterie  durch  scharfe  Betonung  der  Vorzüge  der  Defensive  auf  eine  der
französischen  Tradition  wie  dem  französischen  Naturell  gleichmäßig  widersprechende
  Kampfweise  hingeleitet,  auch  war  die  Kavallerie  für  ihre  wichtigen
Aufgaben  ungenügend  vorbereitet,  die  Artillerie  mit  wenig  wirksamem  Geschützmaterial
  bewaffnet.

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  35
        <pb n="558" />
        546  115.  Kriegserklärung,  Kräfteverhältnisse,  Feldzugsplan,  Aufmarsch.

Ließ  so  die  Qualität  der  Armee  viel  zu  wünschen  übrig,  so  war  anderseits
  auch  ihre  numerische  Stärke  der  Bevölkerungszahl  und  Machtstellung  des
Landes  nicht  entsprechend.  Die  Armee  bestand  aus  der  aktiven  Armee,  deren
schwachen  Reserven  und  aus  der  Mobilgarde  (garde  nationale  mobile).  Da
aber  die  letztere  militärisch  nicht  ausgebildet  war,  Ausrüstung  und  Bekleidung
völlig  fehlten,  so  kann  sie  nicht  zu  den  sofort  mobilisierbaren  Streitkräften
Frankreichs  gerechnet  werden.  Nach  Abzug  der  zur  Bildung  eines  Beobachtungskorps
  gegen  Spanien,  zur  Besetzthaltung  Algiers  und  Roms  sowie  als  Besatzungs=
  und  Ersatztruppen  im  Innern  Frankreichs  erforderlichen  Kräfte  ergibt
sich  als  Gesamtleistung  Frankreichs  an  sogleich  nach  außen  verfügbaren  Feldjuppen
  die  überraschend  geringe  Zahl  von  300000  Mann.  Eine  nennenswerte
  Reservearmee  ist  bei  Ausbruch  des  Krieges  weder  vorhanden  noch  kann
sie  in  den  ersten  Wochen  ins  Leben  gerufen  werden.

Aber  selbst  diese  schwache  Armee  war  zum  schnellen  Übergang  auf  den
Kriegsfuß  keineswegs  bereit.  Die  getrennte  Unterbringung  der  Regimenter
und  ihrer  Depots,  die  Anhäufung  der  notwendigsten  Feldausrüstungsgegenstände
  an  wenigen  Orten,  weiterhin  eine  übertriebene  Zentralisation  des  Kommandos
  und  der  Verwaltung  in  dem  Kriegsministerium,  welche  der  selbsttätigen
  Mitwirkung  der  Unterführer  keinen  Spielraum  ließ,  mußten  den  Gang
der  Mobilmachung  in  hohem  Grade  erschweren;  vor  allem  aber  war  die
gründliche  Vorbereitung  der  Mobilmachungsgeschäfte  und  des  Massentransportes
durchaus  versäumt,  vielmehr  alles  der  Selbsthilfe  der  Truppen  wie  des  Personals
  der  Eisenbahnen  überlassen.

Im  lebendigen  Gegensatze  dazu  war  in  Preußen  und  in  den  mit  ihm
durch  geheime  Bündnisverträge  verbundenen  süddeutschen  Staaten  seit  dem
Jahre  1866  in  erfolgreichem  Wetteifer  danach  gestrebt  worden  die  Armee
zahlreich,  kriegstüchtig  und  kriegsfertig  zu  machen.  Aufgebaut  auf  dem
Grundsatze  der  allgemeinen  Wehrpflicht  umfaßte  sie  alle  Kreise  der  Bevölkerung;
ein  pflichttreues,  vortrefflich  geschultes  Unteroffizierkorps  und  ein  durchaus
gleichartiges  Offizierkorps  von  hoher  allgemeiner  und  militärischer  Bildung,
von  kameradschaftlicher  Gesinnung  und  charakterfester  Selbständigkeit  hatten
die  Armee  mit  dem  Geiste  wahrer  Manneszucht,  lebendiger  Treue  und  Vaterlandsliebe
  zu  erfüllen  gewußt.  In  gemeinsamer,  hingebender  Arbeit  der  Kriegsministerien
  und  des  Generalstabs  waren  die  reichen  Erfahrungen  der  Feldzüge
von  1864  und  1866  zu  Verbesserungen  auf  allen  Gebieten  des  Heerwesens
verwertet  worden;  die  Taktik  der  drei  Waffen,  insbesondere  der  Kavallerie
und  der  Artillerie,  war  den  Anforderungen  des  großen  Krieges  angepaßt,  die
letztere  durchweg  mit  gezogenen  Hinterladern  bewaffnet,  die  ganze  Armee  aber
in  dem  Geiste  energischer  Offensive  erzogen  worden.  In  der  Verwaltung
herrschten  mustergültige  Ordnung  und  planvolle  Dezentralisation;  das  Verpflegungs-,
  Etappen=  und  Lazarettwesen  waren  auf  großer  Grundlage  neu
geregelt.  Namentlich  aber  war  die  schnelle  Überführung  des  Heeres  auf  den
        <pb n="559" />
        115.  Kriegserklärung,  Kräfteverhältnisse,  Feldzugsplan,  Aufmarsch.  547

Kriegsfuß  und  sein  Transport  an  die  Grenze  in  bis  dahin  unerreichter  Vollendung
  vorbereitet.

Von  größter  Bedeutung  für  den  ganzen  Verlauf  des  Krieges  mußte
außerdem  das  Vorhandensein  einer  starken  Reservearmee  sein,  welche  die
Schule  des  aktiven  Heeres  durchlaufen  hatte  und  für  welche  Bewaffnung,
Ausrüstung  und  Bekleidung  vollzählig  bereit  lagen.  Im  ganzen  verfügte
Deutschland  für  den  bevorstehenden  Kampf  an  Kombattanten  über  eine  Feldarmee
  von  520000  Mann  und  eine  Armee  zweiter  Linie  von  364000  Mann
Besatzungs=  und  Ersatztruppen.  War  demnach  die  deutsche  Armee  der  französischen
  an  Zahl,  gleichmäßiger  Güte  und  Kriegsbereitschaft  weitaus  überlegen,
  so  gaben  ihr  anderseits  ein  von  Selbstüberhebung  freies,  aber  sicheres
Gefühl  der  eigenen  Kraft,  ein  festes  Vertrauen  in  die  obere  Führung  und
das  in  allen  deutschen  Stämmen  mit  elementarer  Gewalt  erwachte
  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit  in  dem  Kampfe  für  Deutschlands
  Einheit  und  Selbständigkeit  auch  ein  hohes  moralisches  Übergewicht.

Wenn  man  französischerseits  Geist  und  innere  Stärke  des  deutschen
Heeres  durchaus  verkannte,  so  hatte  man  doch  von  der  numerischen  Überlegenheit
  der  vereinigten  nord=  und  süddeutschen  Streitkräfte  Kenntnis.  Deshalb
  faßte  der  französische  Feldzugsplan  in  erster  Linie  eine  Trennung  beider
ins  Auge.

Man  nahm  an,  daß  die  preußische  Armee  in  defensiver  Absicht  hinter
ihrer  starken  Rheinfront  aufmarschieren  werde,  währenddem  sich  die  süddeutschen
Streitkräfte  zur  Verteidigung  des  Schwarzwaldes  versammelten.  Zwischen
beide  hinein  sollte  die  Masse  der  französischen  Feldarmee  —  250000  Mann  —
bei  und  unterhalb  Straßburg  den  Rhein  überschreitend  sich  als  trennender
Keil  einschieben  und  zunächst  die  süddeutschen  Staaten,  bei  welchen  man  französische
  Sympathien  voraussetzte,  mit  oder  ohne  Kampf  zur  Neutralität  bewegen.
  Dann  erst  sollte  die  preußische  Armee  aufgesucht  und  bekämpft
werden.  Von  dem  ersten  Waffenerfolge,  an  dem  man  nicht  zweifelte,  erhoffte
man  den  Anschluß  Osterreichs,  Italiens  und  vielleicht  auch  Dänemarks  zur
weiteren  Niederwerfung  Preußens.  Der  großen  Angriffsbewegung  der  französischen
  Hauptarmee  über  den  Rhein  hatte  ein  bei  Chälons  fur  Marne  zu
versammelndes  Reservekorps  von  50000  Mamn  durch  Vormarsch  auf  Metz
Flanke  und  Rücken  zu  decken;  gleichzeitig  sollte  die  französische  Schlachtflotte
mit  einem  starken  Landungskorps  die  Ostseeküste  anlaufen  um  dort  durch  ihr
Erscheinen  einen  Teil  der  preußischen  Streitkräfte  festzuhalten.

Schnelle  Versammlung  der  schlagfertigen  Armee  im  Unterelsaß  wäre
erste  Vorbedingung  dieses  weitausschauenden,  aber  auf  politisch  und  strategisch
unsicheren  Grundlagen  aufgebauten  Kriegsplanes  gewesen.  Allein  die  Gestaltung
des  französischen  Eisenbahnnetzes  war  für  den  beabsichtigten  Aufmarsch  keineswegs
  günstig;  nur  100000  Mann  konnten  im  Elsaß  ausgeschifft  werden,
150000  Mann  mußten  bei  Metz  ausladen  und  waren  von  dort,  in  der  Haupt-85“
        <pb n="560" />
        548  115.  Kriegserklärung,  Kräfteverhältnisse,  Feldzugsplan,  Aufmarsch.

sache  mit  Fußmarsch,  über  die  Vogesen  nach  der  Gegend  von  Straßburg
heranzuziehen.  Um  trotzdem  den  Aufmarsch  zu  beschleunigen,  griff  man  zu
einem  ebenso  gefährlichen  wie  trügerischen  Mittel:  man  befahl  den  Transport
der  Armee  in  immobilem  Zustande  an  die  Grenze.  Von  den  acht  Armeekorps,
  in  welche  nunmehr  erst  die  französische  Feldarmee  eingeteilt  wurde,
sollten  vier  —  das  2.,  3.,  4.  und  Gardekorps  —  vorwärts  Metz  zwischen
Mosel  und  Saar,  zwei  —  das  1.  und  7.  —  im  Elsaß  bei  Straßburg  und
bei  Belfort  sich  zur  Vollendung  ihrer  Mobilmachung  versammeln;  als  Verbindungsglied
  zwischen  beiden  Gruppen  wurde  das  5.  Korps  nach  der  Gegend
von  Bitsch  gewiesen,  während  das  6.  bei  Chälons  fur  Marne  die  Reserve  der
Armee  zu  bilden  hatte.  Die  ganze  Armee,  Rheinarmee  genannt,  unterstand
dem  Oberbefehl  des  Kaisers  Napoleon.  Ende  Juli  hoffte  man  zu  den
Operationen,  d.  h.  zu  dem  Rechtsabmarsch,  schreiten  zu  können.

Aber  diese  Hoffnung  erfüllte  sich  nicht.  Zwar  erreichten  die  immobilen
Korps  im  allgemeinen  die  ihnen  angewiesenen  Aufmarschpunkte,  aber  der  Eisenbahnbetrieb
  erlitt  schnell  schwere  Stockungen,  die  Reservisten  trafen  verspätet,
unvollzählig  und  mangelhaft  ausgerüstet  bei  den  Korps  ein,  die  Ausstellung
der  Stäbe  für  die  erst  zu  schaffenden  höheren  Kommandostellen,  ihre  Versorgung
  mit  Trains,  Lazaretten  und  Verwaltungspersonal  kam  nicht  zum  Abschluß.
  Da  die  Anlage  von  Magazinen  im  Aufmarschgebiet  versäumt  war,
so  trat  sogleich  empfindlicher  Verpflegungsmangel  ein;  ein  Zurückgreifen  auf
die  Bestände  der  Grenzfestungen  erwies  sich  als  unausführbar,  da  diese  sich
selbst  bezüglich  der  Verproviantierung  wie  auch  der  Armierung  im  übelsten
Zustande  befanden.  Am  31.  Juli  steht  die  französische  Armee,  in  vorderer
Linie  an  der  deutschen  Grenze  kaum  200  000  Mann  stark,  ungegliedert  und
innerlich  unfertig,  im  ganzen  auf  einer  Strecke  von  35  Meilen  von  Belfort
bis  Diedenhofen  zerstreut.  Der  überstürzte  Aufmarsch  ist  mißglückt,  der  Feldzugsplan
  in  der  ersten  Ausführung  gescheitert,  die  Initiative  verloren.  Die
Armee,  schon  jetzt  wankend  in  ihrem  Vertrauen  auf  Sieg  und  Führung,
bleibt  an  der  Grenze  stehen  und  nimmt  Front  gegen  den  Mittelrhein,  an
dem  sich  angeblich  ein  starkes  feindliches  Heer  versammelt.  Ein  französisches
Korps,  das  2.,  ist  seit  dem  19.  Juli  zur  Deckung  des  Aufmarsches  und  als
Beobachtungskorps  gegen  die  Saar  bei  Saarbrücken  vorgeschoben.

Demgegenüber  hat  sich  auf  deutscher  Seite  eine  gewaltige  und  zielbewußte
  Bewegung  vollzogen  und  hat  mit  Sicherheit  zu  dem  gewünschten
Ergebnis  geführt.

Der  deutsche  Feldzugsplan  gründete  sich  auf  eine  schon  im  Winter  1868/69
ausgearbeitete  Denkschrift  des  Generals  von  Moltke.  In  diesem  Meisterstück
strategischer  Weisheit,  Klarheit  und  Voraussicht  wird  zunächst  in  überaus  vorsichtiger
  Abwägung  der  Stärkeverhältnisse  die  numerische  Überlegenheit  der
deutschen  Armee  nachgewiesen  und  daraus  sogleich  die  Forderung  energischer
Offensive  abgeleitet.  Zu  dem  Zwecke  sollen  nach  planmäßig  beendigter
        <pb n="561" />
        115.  Kriegserklärung,  Kräfteverhältnisse,  Feldzugsplan,  Aufmarsch.  549

Mobilmachung  sämtliche  Streitkräfte  Deutschlands,  in  drei  Armeegruppen  gegliedert,
  vorwärts  des  Rheins,  etwa  in  der  Linie  Wittlich—Homburg—Landau,
versammelt  werden.  Sogleich  nach  bewirktem  Aufmarsch  soll  sodann  die  französische
  Hauptarmee  aufgesucht,  mit  überlegenen  Kräften  angegriffen  und  im
weiteren  Verlaufe  der  Operationen  sowohl  von  ihrer  Verbindung  mit  dem
reichen  Süden  Frankreichs  als  auch  von  derjenigen  mit  Paris  abgedrängt
werden,  dessen  Eroberung  von  vornherein  in  Aussicht  genommen
ist.  Schlagend  wird  nachgewiesen,  daß  die  Vereinigung  aller  Streitkräfte  in
der  Pfalz  wirksamer  als  jede  andere  Versammlung  Süddeutschland  und  den  Oberrhein
  schütze,  die  feindliche  Hauptmacht  an  die  lothringische  Grenze  fessele  und
gleichzeitig  das  schnelle  Ergreifen  der  Offensive  mit  vereinigten  Kräften  begünstige.

Auf  Grund  dieses  einfachen,  auf  den  sichersten  Voraussetzungen  beruhenden
  Feldzugsplanes  kam  der  deutsche  Aufmarsch  zur  Ausführung.  Als
schon  am  23.  Juli,  acht  Tage  nach  Einberufung  der  Reserven,  die  ersten
Truppen  ihre  Mobilmachung  beendigt  hatten,  war  der  immobile  Aufmarsch
der  französischen  Armee  von  den  an  der  Grenze  belassenen  schwachen,  aber
äußerst  tätigen  deutschen  Friedensgarnisonen  von  Trier,  Saarlouis,  Saarbrücken
  und  Landau  erkannt.  Dementsprechend  vollzog  sich  in  musterhafter
Ordnung  und  Schnelligkeit  auf  neun  durchlaufenden  Eisenbahnlinien  der
Massentransport  in  das  nach  rückwärts  durch  die  Linie  Trier—Mainz—  Karlsruhe
  begrenzte  Aufmarschgebiet,  in  welchem  für  alle  Korps  die  Versammlungsgebiete
  abgegrenzt,  die  Marschlinien  festgelegt  und  durch  Anlage  großer
Magazine  die  Verpflegung  sichergestellt  war.

Am  31.  Juli  steht  die  deutsche  Armee  in  glücklicher  Gruppierung  und
Gliederung,  ein  mächtiges  Zentrum  mit  zwei  vorgeschobenen  Flanken,  schon
jetzt  an  300000  Mann  stark,  vor  der  fertig  armierten  Mittelrheinfront,  strategische
  Avantgarden  am  Feinde,  ebenso  bereit  zur  Abwehr  wie  zum  demnächstigen
  Übergang  zur  Offensive.

*s
13  deutsche  Armee-Korps  haben  das  Aufmarschgebiet  erreicht  und  sind  in
3  Armeen  geteilt:  die  I.  mit  60000  Mann  unter  dem  General  der  Infanterie  Steinmetz
steht  östlich  Trier,  die  II.  mit  190000  Mann  vorwärts  Mainz  unter  dem
Prinzen  Friedrich  Karl  von  Preußen,  die  III.  Armee  mit  130000  Mann  —
bestehend  aus  dem  5.  und  11.  preußischen,  dem  württembergisch-badischen  und  den
beiden  bayerischen  Armee-Korps  (von  der  Tann  und  Hartmann)  —  unter  dem
Oberbefehl  des  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm  von  Preußen  steht  auf  der
Linie  Landau-Karlsruhe.
Während  die  I.  und  II.  Armee  gemeinsam  die  feindlichen  Hauptkräfte  an  der
Saar  angreift  und  sie  bei  Spichern  (6.  August)  zurückwirft,  sucht  die  III.  Armee
die  im  Elsaß  versammelten  französischen  Streitkräfte  auf  in  der  Absicht  sie  von
der  Verbindung  mit  ihrer  Hauptarmee  abzudrängen,  was  ihr  durch  das  Gefecht  bei
Weißenburg  (4.  August)  und  durch  den  entscheidenden  Sieg  bei  Wörth  (6.  August)
gelang.
        <pb n="562" />
        550  116.  Die  ersten  Siege.

116.  Die  ersten  Siege.
Von  Georg  Bleysteiner.)

Während  in  den  Zeiten  der  Uneinigkeit  Deutschlands  die  französischen
Armeen  meist  mit  unfehlbarer  Sicherheit  den  Vorstoß  gegen  die  deutschen
Grenzen  richten  und  das  alte  Ziel  ihrer  Eroberungsgelüste,  die  Pfalz,  mit
Truppen  überziehen  konnten,  war  es  diesmal  der  deutschen  III.  (Süd-,  Armee
gelungen  ihrerseits  die  Unternehmungen  im  Feindesland  zu  beginnen.  Weißenburg,
  der  Preis  des  ersten  deutschen  Sieges  in  diesem  Kriege,  war  eine  alte
deutsche  Stadt,  die  im  Jahre  1247  zu  einer  der  zehn  freien  Reichsstädte  des
Elsasses  erhoben,  aber  vom  französischen  König  Ludwig  XIV.  im  Jahre  1673
erobert  wurde.  Im  Jahre  1744  und  1793  wurde  sie  von  den  Deutschen  zwar
zurückerobert,  beidemale  aber  später  von  Frankreich  wieder  geraubt.  Dieses  legte
stets  den  größten  Wert  auf  den  Besitz  der  „Weißenburger  Linien“,  so  daß,  als
der  General  Beauharnais,  der  Großvater  Napoleons  III.  (mütterlicherseits),  sie
1793  gegen  das  deutsche  Heer  unter  General  Wurmser  und  dem  Prinzen  von
Waldeck  verlor,  Beauharnais  auf  Befehl  des  französischen  Konvents  aufs  Schaffot
geschleppt  und  hingerichtet  wurde.  Nur  infolge  der  Uneinigkeit  der  deutschen
Verbündeten  war  die  französische  Armee  damals  entkommen.  Gottlob,  daß
jetzt  die  Deutschen  einig  waren  und  unter  einem  Oberbefehlshaber  gegen  den
Enkel  jenes  Beauharnais  kämpften!

Der  4.  August  war  der  erste  der  glänzenden  Siegestage,  welche  die
deutsche  Armee,  nach  Ergreifen  der  Offensive  unaufhaltsam  auf  französischem
Boden  vorrückend,  auf  ihre  Fahnen  schrieb.  Da  an  dem  Erfolge  dieses  Tages
Preußen,  norddeutsche  Bundestruppen  und  Bayern  in  gleich  ruhmvoller  Weise
beteiligt  waren,  so  empfing  am  4.  August  zugleich  die  neue  Waffenbrüderschaft
der  deutschen  Stämme  ihre  erste  Feuerprobe  und  Bluttaufe.  Die  amtliche
Meldung  des  bayerischen  Kriegsministeriums  lautete:  „Preußen  und  Bayern
im  Vormarsch,  haben  am  4.  August  die  Lauter  überschritten  und  Weißenburg.
und  den  dahinter  liegenden  Geisberg  erstürmt."

Die  Siegesbotschaft  verbreitete  sich  noch  am  nämlichen  Tage  wie  ein
Lauffeuer  durch  ganz  Deutschland  und  wurde  überall  mit  endloser  Freude  aufgenommen.
  Schon  abends  11  Uhr  lief  an  das  Kriegsministerium  in  München
folgende  Depesche  vom  äußersten  Nordosten  Preußens  ein:  „Marienburg.  Die
treuen  deutschen  Brüder  an  der  Ostsee  ein  donnerndes  Hoch  den  tapferen
bayerischen  Waffenbrüdern!“  In  allen  Redaktionsräumen  wurden  massenhaft
Extrablätter  verlangt,  welche  die  Nachricht  augenblicklich  über  alle  Teile  des
Landes  und  besonders  auch  an  die  noch  durchziehenden  Truppen  gelangen
ließen.  Waren  doch  aller  Augen  und  Herzen  nach  dem  deutschen  Rheine  gerichtet,
  erwartete  man  doch  mit  fiebernder  Spannung  die  ersten  Nachrichten

1)  „Aus  großer  Zeit“,  S.  108  ff.  Augsburg  1897,  M.  Rieger.
        <pb n="563" />
        116.  Die  ersten  Siege.  551

über  den  Gang  der  Ereignisse.  Von  diesem
hing  es  ab,  ob  es  gelingen  würde  den  Krieg
in  Feindesland  hinüberzutragen,  oder  ob  er
unsere  eigenen  Gaue  überziehen  sollte.  Jetzt
durchzuckte  frohe  Hoffnung  ganz  Deutschland.
Im  Süden  begann  jetzt  insbesondere  die  Besorgnis
  vor  einem  Einfalle  der  französischen
Armee  zu  schwinden.

Hatte  schon  die  Nachricht  von  der  Erstürmung
  Weißenburgs  ganz  Deutschland  mit
freudiger  Zuversicht  erfüllt,  so  sollte  sich  diese
zum  hellsten  Jubel  steigern,  als  zwei  Tage
darauf  die  Kunde  von  der  Hauptschlacht  bei
Wörth  eintraf.  Hier  hatte  die  III.  Armee
mit  dem  Feinde  einen  zweiten  Kampf  bestanden,
  noch  heißer  und  blutiger,  aber  auch
noch  glänzender  und  entscheidender  in  seinen  Ergebnissen
  als  der  erste.  Der  berühmteste  Feldherr
  in  Frankreich,  Marschall  Mac  Mahon,
war  aufs  Haupt  geschlagen  und  die  unter
ihm  stehende  Südarmee  zersprengt  worden;
was  von  dieser  Armee,  die  ursprünglich  zum
Einfalle  in  Süddeutschland  bestimmt  war  und
der  man  absichtlich  die  dunkelfarbigen,  wilden  Turke  in  voller  Ausrüstung.
Krieger  und  die  Zuaven,  den  Abschaum  der
großen  Städte,  beigegeben  hatte,  nicht  aufgerieben  oder  gefangen  war,  wälzte
sich  in  wilder  Flucht  teils  auf  Reichshofen  teils  in  nordwestlicher  Richtung
auf  Jägertal  teils  auch  nach  dem  Süden  zurück.  Auch  diese  Siegesbotschaft
kam  von  der  Armee  des  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm,  der  neben  den  Preußen
auch  die  Bayern,  die  Württemberger,  die  Badener,  die  Hessen  und  die  Thüringer
angehörten.  So  war  in  den  beiden  ersten  Siegen  der  deutschen  Waffen  zugleich
  ein  bedeutsames  Wahrzeichen  der  nun  vollzogenen  Einigung  aller  deutschen
Stämme  gegeben.

Es  war  eine  gewaltige  Schlacht,  wie  schon  lange  keine  mehr  auf  französischem
  Boden  geschlagen  worden  war.  Nur  eine  Entfernung  von  wenigen
Kilometern  trennte  die  beiden  Schlachtfelder  von  Weißenburg  und  Wörth  und
doch  welch  bedeutsames  Stück  der  Geschichte  spielte  sich  auf  diesem  Boden  ab!

Die  Armee  des  Kronprinzen  war  am  5.  August  in  die  Linie  der  Selz
vorgerückt,  rechts  die  beiden  bayerischen  Korps,  in  der  Mitte  das  5.  und  das
11.  preußische  Korps,  auf  dem  linken  Flügel  die  württembergische  und  die
badische  Division,  in  der  Reserve  die  Reiterdivision.  Der  Kronprinz  setzte  an
diesem  Tage  seinen  Marsch  fort  ohne  auf  ernstlichen  Widerstand  zu  stoßen.
        <pb n="564" />
        552  116.  Die  ersten  Siege.

Die  von  ihm  durchschrittenen  Ortschaften  waren  von  französischen  Verwundeten
angefüllt.  Der  tiefe  Eindruck  des  Gefechtes  bei  Weißenburg  war  unverkennbar.
In  der  Nacht  vom  5.  bis  6.  August  biwakierten  die  einzelnen  Korps  bei  Lembach
  und  Ingelsheim,  bei  Preuschdorf  und  Sulz,  bei  Aschbach  und  Schönenburg.
  Jenseits  der  Sauer  erblickte  man  in  der  Nacht  zahlreiche  feindliche
Biwakfeuer;  die  französischen  Vorposten  standen  auf  den  Höhen  westlich  von
der  Sauer,  gegenüber  von  Wörth  und  Gunstett.  Für  den  6.  August  hatte
der  Kronprinz  noch  keine  Angriffsbefehle  ausgegeben,  da  es  ursprünglich  gar
nicht  in  der  Absicht  lag,  an  diesem  Tage  eine  Schlacht  zu  liefern.  Nur  eine
engere  Vereinigung  nach  vorwärts  war  angeordnet  worden.  Da  die  Nachrichten
  vom  Feinde  besagten,  daß  er  auf  den  Höhen  westlich  von  Wörth  mit
dem  Gesicht  nach  Osten  stehe,  mußte  die  gegen  Süden  aufmarschierte  Armee
des  Kronprinzen  eine  Schwenkung  nach  rechts  machen  und  es  mußten  hierbei
der  rechte  Flügel  und  die  Mitte  früher  an  den  Feind  gelangen  als  der  entfernter
  stehende  linke  Flügel.  Mit  Tagesanbruch  jedoch,  während  diejenigen
Korps,  die  ihre  Stellungen  zu  verändern  hatten,  soeben  ihre  Bewegungen  begannen,
  entspannen  sich  bei  den  beiderseitigen  Vorposten  der  Sauer  entlang
kleine  Scharmützel.  Um  6  Uhr  früh  sandte  das  5.  preußische  Artillerieregiment
dem  Feinde  den  Morgengruß  hinüber,  der  sofort  antwortete,  zunächst  ohne
großen  Schaden  zu  tun,  da  die  französischen  Granaten  fast  sämtlich  hier  in
dem  durch  anhaltende  Regengüsse  aufgeweichten  Boden  erstickten.  Noch  früher
waren  die  Bayern  mit  den  französischen  Wachen  auf  den  Höhenzügen  in  ein
Plänklergefecht  verwickelt  worden.  Man  stieß  auf  die  Hauptmacht  Mac  Mahons,
die  sich  hier  dem  Heere  des  Kronprinzen  in  den  Weg  stellte.

Mac  Mahon  hatte  gleich  nach  der  Nachricht  von  der  Niederlage  der
Division  Douay  bei  Weißenburg  Vorbereitungen  getroffen  in  der  Stellung
von  Wörth  und  Gunstett  eine  Schlacht  zu  liefern,  da  er  nicht  zweifeln  konnte,
die  Armee  des  Kronprinzen  werde  auf  der  von  hier  aus  beherrschten  Straße
nach  Hagenau  vorrücken.  Der  Marschall  hatte  ein  solches  Vertrauen  zu  der
Vorzüglichkeit  seiner  Stellung,  daß  er  ausrief:  „Meine  Herren  Preußen,  nun
hab'  ich  euch!“  In  der  Tat  war  seine  Stellung  in  taktischer  Hinsicht  vortrefflich
  gewählt.  Sie  wurde  gebildet  durch  das  etwa  800  Schritt  breite  Tal  der
von  Norden  nach  Süden  fließenden  Sauer,  dessen  Westrand,  von  steiler  Höhe
begrenzt,  die  natürliche  Front  des  französischen  Heeres  bezeichnete.  Das  südwestlich
  von  Wörth  gelegene  Dorf  Elsaßhausen,  durch  seine  Lage  auf  einem
steilen  Berge  eine  Art  rückwärtiger  Bastion,  war  der  Schlüsselpunkt,  das  Dorf
Fröschweiler  hinter  Wörth  der  Stützpunkt  der  Stellung.  Die  Hügel,  auf  denen
die  Franzosen  festsaßen,  waren  etwa  60  m  hoch,  sehr  steil  und  an  den  Abhängen
  größtenteils  mit  hochgestocktem  Wein,  oben  aber  mit  Laubholz  dicht
bewaldet.  Die  Hauptstellung  war  durch  Schützengräben,  Verhaue,  Schanzen
und  Drahtsperren  verstärkt.  Die  gegenüberliegenden  östlichen  Talabhänge,  teilweise
  ebenfalls  mit  Wein  bepflanzt,  was  den  Bewegungen  der  deutschen  Truppen
        <pb n="565" />
        116.  Die  ersten  Siege.  553

sehr  hinderlich  wurde,  fielen  steil  gegen  die  Sauer  ab  und  wurden  zudem  vom
jenseitigen  Ufer  überhöht.  Der  kleine  Fluß,  zwar  nur  zehn  Schritte  breit,
hatte  aber  einen  äußerst  steilen  Uferrand  und  nach  dem  anhaltenden  Regen
starkes  Gefälle.  Im  Tallessel  lag  das  Dorf  Wörth.

Als  sich  am  Morgen  des  6.  August  die  deutsche  Armee  gegen  diese  furchtbare
  Stellung  heranbewegte,  stieß  zuerst  die  Division  Bothmer  vom  2.  bayerischen
  Korps  Hartmann  mit  den  Vortruppen  der  französischen  Division
Ducrot  zusammen.  Das  Gesfecht  war  hitzig  und  ernsthaft,  die  Bayern  verfolgten
die  errungenen  Vorteile  über  Lembach  hinaus  auf  Langensulzbach.  Mac  Mahon,
überzeugt,  daß  der  Feind  noch  nicht  so  weit  vorgerückt  sein  könne,  hielt  dies
für  eine  bloße  Scheinbewegung  und  glaubte  auch  seinerseits,  daß  die  Schlacht
erst  für  den  folgenden  Tag  bevorstünde.  Somit  hatte  der  Marschall  hinsichtlich
  der  Entfernung  von  Weißenburg  bis  Wörth  und  der  hierauf  gegründeten
deutschen  Anordnungen  ganz  richtig  geurteilt.  Nur  hatte  er  die  außerordentliche
  Begeisterung  und  Kampfeslust  der  deutschen  Offiziere  und  Mannschaften
nicht  in  Rechnung  gezogen,  die  den  Sieg  um  24  Stunden  verfrühten,  entgegen
  der  ursprünglichen  Absicht  ihres  Oberbefehlshabers.  Bald  nach  dem
Vorgehen  der  Bayern  war  auch  der  Befehlshaber  der  Vorhut  des  preußischen
5.  Korps  in  der  Mitte  der  Schlachtreihe  in  einen  Kampf  verwickelt  worden.
Auch  die  Vortruppen  des  11.  Korps  stießen  auf  französische  Geschütze  und
Fußvolk  und  eröffneten  das  Feuer.  So  war  um  9  Uhr  auf  der  ganzen  Linie
der  Kampf  entbrannt,  obwohl  die  größere  Masse  der  deutschen  Korps  noch
weit  zurück  war.  Beim  5.  Korps  hatte  bereits  ein  ernstlicher  Angriff  gegen
Wörth  begonnen.  General  v.  Kirchbach  befahl,  als  sich  die  Uberlegenheit  der
deutschen  Geschütze  herausgestellt  hatte,  Wörth  zu  nehmen  und  sich  womöglich
auf  den  jenseitigen  Vorbergen  festzusetzen.  Das  Dorf  Wörth  war  zunächst
frei  von  Feinden;  diese  hatten  sich  auf  den  westlich  dahinter  liegenden  Weinbergen
  stark  verschanzt.  Aber  kurze  Zeit,  nachdem  die  Artillerie  des  5.  Korps
auf  den  östlichen  Höhen  gegen  Wörth  aufmarschiert  war,  hatte  der  Kronprinz
befohlen  das  Gefecht  so  lange  abzubrechen,  bis  die  übrigen  Korps  in  genügender
  Stärke  heranmarschiert  wären.  Ehe  aber  dieser  Befehl  beim  5.  Korps  anlangte,
  hatte  fälschlicherweise  auch  die  bayerische  Division  Bothmer,  die  bereits
über  Langensulzbach  hinaus  vorgedrungen  war,  den  Befehl  zum  Gesfechtsabbruch
  erhalten,  infolgedessen  sie  nach  Langensulzbach  zurückging.  Diese  Erleichterung
  auf  seiner  linken  Flanke  verschaffte  dem  Marschall  Mac  Mahon  die
Möglichkeit  seine  volle  Kraft  nach  Wörth  zu  wenden.  Dies  führte  zum  kritischen
Moment  der  Schlacht.  In  dreimal  wiederholtem  Ansturm  versuchte  das
5.  preußische  Korps  vergeblich  über  Wörth  hinaus  vorzugehen.  Die  Truppen,
die  den  Fluß  im  stärksten  Gewehr=  und  Granatfeuer,  bis  an  die  Brust  im
Wasser  stehend,  durchwatet  hatten,  erklommen  im  verheerenden  Feuer  des
Feindes  die  Höhen,  die  gelichteten  dünnen  Reihen  aber  wurden  durch  starke
Angriffe  französischer  Reserven  den  Berghang  wieder  heruntergeworfen.  Der
        <pb n="566" />
        554  116.  Die  ersten  Siege.

Feind  hatte  sich  auf  dem  mit  Hecken,  Steinwällen,  Gehöften  und  Anpflanzungen
  dichtbesäten  Abhang  derart  festgesetzt,  daß  er  überall  günstige  Gelegenheit
  fand  dem  preußischen  Fußvolke  überraschend  entgegenzutreten  und  es  mit
mörderischem  Kugelhagel  zu  überschütten.  Frische  Truppensendungen  hatten
während  des  ganzen  Vormittags  die  französischen  Regimenter  verstärkt;  man
konnte  bemerken,  wie  die  Eisenbahnen  ohne  Unterbrechung  neue  Truppenzüge
herbeibrachten,  die  aus  den  Wagen  stürzten  und  sofort  an  die  Schlachtstätte
eilten.  Die  Franzosen  drangen  sogar  mehrere  Male  bis  nach  Wörth  und  darüber
  hinaus  vor,  so  daß  Teile  des  Dorfes  einmal  in  französischer,  dann  aber
wieder  in  deutscher  Hand  waren.

 

Französische  Artillerie  auf  den  Höhen  hinter  Wörth.

So  stand  bis  gegen  1  Uhr  die  Schlacht,  anderthalb  Stunden  hin  und
her  wogend  unter  immer  wieder  zurückgewiesenen,  heftigen  Angriffsstößen  der
französischen  Armee,  bis  sich  um  diese  Zeit  der  Kronprinz,  begleitet  vom  Generalleutnant
  v.  Blumenthal,  auf  das  Schlachtfeld,  wo  der  Kampf  am  stärksten
wütete,  begab.  Durch  die  Ankunft  des  Kronprinzen  wurde  nun  der  Anfang
des  unaufhaltsamen  Vordringens  der  deutschen  Heersäulen  bezeichnet.  Nachdem
5  Stunden  lang  einzelne  Divisionen  den  Kampf  gegen  eine  große  französische
Übermacht  aufrecht  erhalten  hatten,  stellte  sich  erst  jetzt  ein  Gleichgewicht  in
der  Zahl  her,  das  sich  durch  das  Eintreffen  neuer  Scharen  mit  jedem  Augenblicke
  zu  Gunsten  der  Deutschen  vollendete,  bis  schließlich  das  Übergewicht  auch
in  dieser  Hinsicht  ganz  auf  deutscher  Seite  war.  Auf  dem  äußersten  linken
Flügel  erschien  die  württembergische  Division  und  verstärkte  in  Gunstett  das
11.  Korps  in  den  unternommenen  Angriffsbewegungen,  auf  der  äußersten
Rechten  nahm  das  2.  bayerische  Korps  das  Gefecht  von  neuem  auf,  an
seiner  Seite  begann  sich  das  sehnlich  erwartete  1.  bayerische  Korps  mit
den  Spitzen  bereits  der  Schlachtlinie  zwischen  Langensulzbach  und  Görsdorf
zu  nähern.
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        116.  Die  ersten  Siege.  555

Nun  griff  auch  das  5.  Korps  von  neuem  die  Stellung  von  Wörth  an.
Es  gelang  den  unwiderstehlich  vorrückenden  deutschen  Truppen,  das  Dorf  nach
hartnäckigem  Widerstande  ganz  zu  nehmen.  Die  Deutschen  drängten  in  das
Dorf,  stürmten  die  Häuser  und  gingen  mit  Hurra  durch  die  zwar  nicht  breite,
aber  verhältnismäßig  tiefe  und  reißende  Sauer.  Im  jenseitigen  Teile  des  Dorfes
nahm  der  Kampf  eine  äußerst  leidenschaftliche  Form  an,  Haus  für  Haus  mußte
genommen  werden  unter  beständigem  Granatfeuer  des  Feindes,  der  sich  auf
den  Höhen  hinter  dem  Dorfe,  auf  der  Straße  nach  Fröschweiler,  im  hochstämmigen
  Wein  verschanzt  hielt.  Festungsähnlich  waren  die  Stellungen  des
Feindes.  Dazu  empfing  der  Feind  die  Deutschen  mit  einem  Höllenfeuer.  Er
hatte  die  Entfernungen  vorher  gemessen  und  sich  durch  Beseitigung  zwischenliegender
  Gegenstände  ein  freies  Schußfeld  geschaffen,  weshalb  er  sehr  sicher
schoß.  Die  Kugeln  der  weittragenden  Chassepotgewehre  fielen  so  hageldicht
in  die  deutschen  Glieder  hinein,  als  würde  ein  Sack  voll  Erbsen  darüber  ausgegossen.
  Man  mußte  oft  fast  ausschließlich  sich  auf  dem  Bauche  weiterarbeiten;
denn  sobald  einer  aufstand,  war  er  weggepustet.  Und  doch  wich  keiner  der
Tapferen,  ja  sie  überhörten  wiederholt  das  Rückzugszeichen,  immer  weiter  vorwärts
  dringend.  Unter  den  französischen  Geschützen,  die  einen  Kugelhagel  ausspien,
  machten  sich  die  Mitrailleusen  durch  ihr  eigentümlich  rauschendes  Knattern
bemerkbar;  sie  spielten  wie  Drehorgeln  auf  und  rasselten,  wie  wenn  schwere
Ankerketten  niedergelassen  würden.  Als  die  erste  Ladung  dieser  Kugelspritzen
bei  den  Deutschen  einschlug,  pochte  manchem  das  Herz;  doch  bald  gewöhnte
man  sich  an  das  Schwirren.  Aber  auch  das  französische  Chassepotgewehr  schoß
viel  weiter  und  schneller  als  das  deutsche  Zündnadelgewehr.  Trotzdem  stürmten
die  Deutschen  immer  weiter  aufwärts.  Oft  erkannten  sie  dabei  die  Stellung
des  verschanzten  Feindes  nur  aus  dem  aufsteigenden  Pulverdampfe;  oft  aber
auch  stürzten  die  Turkos  und  Zuaven  mit  gellendem,  rasendem  Geheul  aus
den  Verhauen  plötzlich  den  Deutschen  bis  auf  20,  ja  5  Schritte  entgegen  und
eröffneten  das  Handgemenge.  Die  weißhosigen  Turkos,  diese  braunen  und
schwarzen  Schufte,  fochten  wie  der  leibhaftige  Teufel,  gaben  niemals  Pardon,
sie  kämpften  nicht,  sie  mordeten  und  sengten  aus  bestialischer  Leidenschaft.
Waren  sie  selber  aber  in  die  Enge  getrieben,  so  warfen  sie  das  Gewehr  weg,
fielen  auf  die  Kniee  und  jammerten  um  Gnade.  Zweimal  warfen  sich  neue  französische
  Kolonnen  auf  die  deutschen  Regimenter  ihnen  Wörth  wieder  zu  entreißen,
aber  es  ward  behauptet  und  während  die  deutschen  Tambours  unaufgefordert
Sturm  wirbelten,  ging  es  mit  Hurra  trotz  des  furchtbaren  Feuers  vor,  bis  die
Franzosen,  fortwährend  fechtend,  aus  einer  Stellung  in  die  andere  wichen.  Auf
der  Höhe  selbst  entbrannte  der  Kampf  aufs  neue,  das  Schlachtfeld  zog  sich
hier  über  eine  Stunde  lang  hin  bis  zu  dem  Dörschen  Fröschweiler,  in  dessen
großem  kaiserlichen  Schlosse  Mac  Mahon  sein  Hauptauartier  aufgeschlagen  hatte.

Unterdessen  griff  eine  Division  des  deutschen  11.  Korps  Elsaßhausen  an.
Unter  blutigem  Kampfe  drang  man  hier  Schritt  für  Schritt  vor,  bis  es  um
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        556  116.  Die  ersten  Siege.

2  Uhr  gelang  im  Verein  mit  Abteilungen  des  5.  Korps  das  brennende  Dorf
zu  nehmen.  Zwischen  1  und  2  Uhr  hatte  sich  der  Bogen  der  deutschen  Angriffsreihe
  enger  und  fester  um  die  französische  Stellung  zusammengezogen  und
begann  nun  von  Norden  und  Süden  umfassend  die  verzweifelten  Angriffsstöße
des  Marschalls  Mac  Mahon  zu  ersticken.  Vergeblich  unternahm  der  Marschall
von  Fröschweiler  aus,  in  der  Absicht  die  deutsche  Mitte  zu  durchbrechen,  mit
Infanterie-  und  Kürassierregimentern  einen  wütenden  Angriff.  Er  ward  abgeschlagen.
  An  das  5.  Korps  schloß  sich  jetzt  das  1.  bayerische  Korps,  das
trotz  des  zurückgelegten  langen  Marsches  sofort  entscheidend  in  die  Schlacht
eingriff,  und  an  dieses  von  Norden  her  das  2.  bayerische  Korps.  Die  tapferen
Bayern  —  das  1.  Korps  unter  von  der  Tann  —  trieben  mit  unwiderstehlicher
  Gewalt  den  französischen  linken  Flügel  vor  sich  her,  wobei  sie,  wie
der  Kronprinz  von  Preußen  nach  der  Schlacht  anerkannte,  durch  eine  geschickte
Flankenbewegung  viel  zur  Entscheidung  des  Tages  beitrugen.  Links  an
das  1.  Korps  reihte  sich  die  württembergische  Division.  So  wurde  Fröschweiler,
  der  Mittelpunkt  und  Hauptstützpunkt  der  französischen  Stellung,  angegriffen.


Ohne  zu  wanken  standen  sich  hier  längere  Zeit  beide  Linien  fast  wie
unbeweglich  gegenüber,  während  von  dem  ganzen  Schlachtfelde  überall  aus
brennenden  Gehöften  und  Dörfern  die  Rauchwolken  emporstiegen.  Jetzt  aber
stürmten  und  beschossen  die  Preußen  das  Dorf  von  vorn  und  die  Württemberger
  drangen  von  links  ein,  während  die  Bayern  nach  hitzigem  Kampfe,  der
sich  um  den  kleinen  Sulzbach,  einen  reißenden  Bergstrom  mit  steilen  Ufern,
drehte,  das  Dorf  von  der  rechten  Seite  angriffen.  Im  letzten  Augenblick
der  Entscheidung  warf  hier  Mac  Mahon  noch  zwei  Kürassierregimenter  den
Deutschen  entgegen  um  in  altnapoleonischer  Weise  durch  die  Wucht  ihrer
Massen  die  deutsche  Schlachtreihe  zu  durchbrechen.  Der  Marschall  Mac  Mahon
setzte  sich  selbst  mit  seinem  Stabe  an  die  Spitze  dieses  letzten  Angriffes.  Es
war  ein  großartiger  Anblick,  als  die  blanken  Panzergeschwader  zwischen  den
Waldpartien  glänzend  hervorbrachen;  sie  kamen  wie  ein  Gewittersturm,  die
Erde  dröhnte.  Als  sie  bis  auf  240  Schritte  heran  waren,  gab  das  deutsche
Fußvolk  Feuer,  die  Salven  rollten  von  drei  Seiten  her  und  wie  über  den
Tisch  gefächerte  Karten  sanken  die  vordersten  Glieder  Mann  an  Mann.  An
anderen  Stellen  lagen  sie  wie  ein  wirrer  Knäuel  von  Mann  und  Roß.  Gestürzte
  Reiter  hier,  ledige  Pferde  dort.  Der  Rest  sprengte  in  wilder  Flucht
zurück.  Zwei  Regimenter  auseinandergefegt  wie  Spreu.  Um  3½  Uhr  ward
Fröschweiler  endgültig  genommen.  Die  Bayern  im  Norden,  die  Preußen  im
Osten  und  Westen  und  die  Württemberger  im  Süden  drangen  umzingelnd  ein
und  nahmen  das  Dorf  samt  mehreren  Tausend  darin  eingeschlossener  Feinde.
Die  Hitze  in  dem  brennenden  Dorfe  war  stellenweise  unerträglich.  Einzeln
wurden  die  Häuser  gestürmt,  die  Türen  mit  dem  Kolben  eingestoßen.  Auf
Leitern  mußte  man  die  Scheunen  ersteigen,  aus  denen  die  Turkos  noch  schossen.
        <pb n="569" />
        116.  Die  ersten  Siege.  557

Am  Juße  des  zusammenstürzenden  Kirchturmes  trafen  die  einzelnen  deutschen
Regimenter  von  verschiedenen  Seiten  her  zusammen.

Endlich  war  der  letzte  Widerstand  in  Fröschweiler  gebrochen.  Die-Schlacht
  war  damit  endgültig  entschieden.  Der  Feind  warf  sich  auf  die  Rückzugsstraßen.
  Mac  Mahon  selbst,  der  von  dem  mißlungenen  Angriff  seiner
Reiterei  unverwundet  zurückgekommen  war,  leitete  den  Rückzug.  „Den  Degen“
—  so  schilderte  ihn  ein  französischer  Bericht  in  diesem  Augenblick  —  „hatte  er
an  der  Klinge  gefaßt  und  schwang  ihn  wie  eine  Keule.  Unablässig  bearbeitete
er  mit  den  Sporen  sein  großes,  schaumbedecktes,  schwarzes  Pferd,  das  dritte
Poferd  an  diesem  Tage.  Sein  Rock  hing  in  Fetzen,  seine  Krawatte  war  fort,
das  offene  Hemd  ließ  die  nackte  Brust  sehen.  Er  aber  zündete  sich  eine
Zigarre  an  und  gab  kaltblütig  die  Rückzugsbefehle."

Doch  was  halfen  Befehle,  wo  schon  alle  Ordnung  aufgelöst  war!  Schon
längst  hatte  die  sinnlose  Angst  alle  Truppenteile  erfaßt  und  trieb  sie  dahin,
wo  nur  ein  Ausweg  zur  Rettung  noch  zu  entdecken  war.  Der  Reiterangriff
hatte  wenigstens  einem  Teile  der  französischen  Armee  Luft  gemacht  und  ihm
Zeit  und  Gelegenheit  zum  Entweichen  verschafft;  diese  Gelegenheit  wurde  auch.
allerseits  so  schnell  wie  möglich  benutzt.  In  wilder  Flucht  zogen  sich  die  französischen
  Regimenter,  die  trotz  äußerster  Tapferkeit  keinen  Erfolg  hatten  erringen
  können,  zurück,  Geschütze,  Fahnen  und  zahlreiche  Gefangene  in  den
Händen  der  Sieger  zurücklassend.  Die  Straße  nach  Hagenau  bedeckte  sich
mit  Flüchtlingen;  es  war  ein  schauderhaftes  Durcheinander  unter  dem  nachgesendeten
  Geschützseuer  der  Deutschen,  das  sich  von  Minute  zu  Minute  zu
verdoppeln  schien.  Als  der  Abend  einbrach,  wurde  die  Unordnung  in  der
Dunkelheit  noch  entsetzlicher,  Geschrei,  Geheul,  Flüche,  ein  höllisches  Wettrennen
  nach  der  Eisenbahn  zu  der  Station  Brumath.  Hier  galoppierten
ledige  Pferde,  den  Sattel  unterm  Bauche  schleppend,  zum  Stadttore  von
Hagenau  herein;  dann  folgte  ein  Kürassier  auf  blut=  und  schaumbedecktem
Pferde,  ohne  Küraß,  ohne  Waffen;  dann  ein  Kanonier  auf  ungesatteltem
Pferde  —  auf  allen  Gesichtern  lag  unaussprechliche  Angst.  Dann  kamen
ganze  Schwärme  von  Reitern;  oft  saßen  zwei  Zuaven  auf  einem  Pferde.
Andere  schwangen  ihre  Säbel  und  hieben  wie  wahnsinnig  auf  die  armen
Pferde  ein;  wieder  andere  warfen  den  Helm,  den  wuchtigen  Säbel  und  den
schwerfälligen  Panzer  von  sich  um  schneller  vorwärts  zu  kommen.  Nun
mischte  sich  auch  Fußvolk  unter  die  Reiter;  die  militärische  Ordnung  war  vollständig
  gebrochen.  Das  waren  keine  Soldaten  mehr,  die  da  vorbeirasten;  das
waren  arme,  furchtsame  Kinder  geworden,  einzig  und  allein  auf  die  Sicherung
ihrer  schon  mehr  oder  weniger  schadhaften  Haut  bedacht.  Immer  größer  ward
der  Lärm;  unter  die  Haufen  der  Kürassiere  mischten  sich  Ulanen  und  Husaren;
alles  drängte  sich  durch  die  Straße;  ledige  Pferde  liefen,  als  wären  sie  von
gleicher  Furcht  getrieben,  an  allen  Orten  mit  dem  Schwarme;  Zugpferde  mit
abgeschnittenen  Zugsträngen,  von  Fußsoldaten  oder  Kanonieren  geritten.  Wie
        <pb n="570" />
        558  116.  Die  ersten  Siege.

die  wilde  Jagd  eilten  die  Reiter  der  Stadt  zu  und  ohne  Aufenthalt  durch.
An  den  Stationen  warfen  gesunde  Fußsoldaten  die  Verwundeten  aus  den
Bahnwagen  und  setzten  sich  selbst  hinein.  Als  der  Zug  davonsauste,  waren
alle  Wagen  überfüllt;  auf  den  Wagendächern  hingen  sie,  an  den  Türgriffen,
auf  den  Trittbrettern,  mit  halbem  Leibe  in  der  Luft,  einige  in  voller  Rüstung,
andere  halb  nackt.  Auf  der  Straße  kam  nun  Fuhrwerk  aller  Art,  Protzen
ohne  Geschütze,  Kanzleikorren,  Ambulanzwagen,  aber  mit  Gesunden  bepackt.
Jetzt  sauste  und  polterte  ein  zerbrochener  Munitionskarren  einher,  dann  ein
Bauernwagen  mit  Bettzeug  und  allerlei  Habseligkeiten  —  ohne  ihre  Besitzer.
Ein  Zuave  leitete  die  Pferde,  zwei  gräßlich  verstümmelte  Turkos  lagen  auf
dem  Wagen  quer  über,  ein  Haufe  unbewaffneter  Soldaten  klammerte  sich
außerdem  noch  oben  an.  Dann  kamen  verschiedene  Marketenderwagen.

Die  Reiterei  sämtlicher  deutscher  Divisionen  übernahm  sofort  die  Verfolgung
  und  setzte  sie  6  Meilen  weit  bis  Zabern  fort.  Wie  überstürzt  die
Eile  war,  womit  die  Franzosen  die  Flucht  antraten,  geht  schon  daraus  hervor,
daß  Marschall  Mac  Mahon  selbst  seinen  Stabswagen,  der  die  Papiere  seines
Bureaus  und  seine  Briefschaften  enthielt,  zurückließ.  Außerdem  wurde  die
Kriegskasse,  bestehend  in  360000  Francs,  erbeutet  sowie  zahlreiches  wertvolles
Troßgepäck.  Auch  die  Bevölkerung  der  ganzen  Umgegend  flüchtete  in  blinder
Flucht  karawanenartig  dem  Wasgenwalde  zu.

Der  Verlust  der  Franzosen  betrug  an  Toten  und  Verwundeten  5000  Mann,
an  Gefangenen  8000  Mann,  darunter  2500  Verwundete.  Vonseiten  der
Deutschen  war  der  Sieg  mit  einem  Verlust  von  489  Offizieren,  10  153  Mann
an  Toten  und  Verwundeten  erkauft.  Und  doch  erschien  beim  Anblick  der
eroberten  Stellungen  diese  schreckliche  Zahl  fast  gering!  Nachdem  die  Franzosen
  die  Vormittagsstunden  hindurch  auch  zahlenmäßig  die  Oberhand  gehabt
hatten,  waren  schließlich  den  60.000  Franzosen  in  ihrer  fast  uneinnehmbaren
Stellung  90000  Deutsche  als  Angreifende  gegenübergestanden.

Ein  trauriges  Bild  der  Zerstörung  bot  Wörth.  Die  Häuser  der  Hauptstraßen
  waren  alle  verwüstet,  Fenster  und  Türen  zerschlagen  und  zerschossen.

Langsam  brach  der  Abend  über  die  wechselnden,  oft  herzzerreißenden
Bilder  herein.  Aber  je  schwerer  der  Kampf,  um  so  herrlicher  der  Sieg.  Und
diesen  hatten  die  Deutschen  in  erhebendster  Weise  gewonnen.  Selten  wurden
Schlachten  mit  einer  solchen  idealen  Hingebung,  mit  solcher  überschäumenden
und  alles  durchdringenden  natürlichen  Begeisterung  geschlagen  wie  die  Anfangsschlachten
  dieses  Krieges  bei  Weißenburg  und  Wörth.  Der  Gedanke  „Vaterland!“
  und  das  Bewußtsein  dieses  vor  der  rücksichtslosen  Mißhandlung  eines
haßerfüllten  geschworenen  Feindes  zu  retten,  retten  zu  müssen  beseelte  die
Brust  jedes  einzelnen  Kämpfers  mit  feurigem  Mute  und  triumphierte  mächtig
über  alle  Gefahren,  Anstrengungen,  Nöten  und  Leiden  des  Kampfes.  Ja  auch
alle  Schrecknisse  des  Todes  besiegte  das  durchmannende  Gefühl  dieser  hohen
Aufgabe.  Ein  wahrhaft  homerischer  Geist  von  ursprünglichem  Kampfeszorn
        <pb n="571" />
        117.  Die  Schlacht  von  Beaumont,  30.  August.  559

und  unüberwindlichem  Heldentum  sprach  aus  den  einzelnen  Zügen  dieser  Tage.
Die  glühende  Liebe  zum  Vaterland,  der  Glaube  an  dessen  unbesiegliche  Macht,
die  Überzeugung  von  der  neuen  Herrlichkeit,  zu  der  dasselbe  aus  dem  blutigen
Kampfe  emporsteigen  mußte,  schuf  ihre  Taten.  Schon  zeigte  es  sich,  auf
welche  Seite  der  von  den  zwei  mächtigsten  Völkern  Europas  angerufene  „Gott
der  Schlachten“  treten  wollte.  Noch  vor  vier  Tagen  hörte  man  die  Pariser
Redensarten  von  der  promenade  militaire  à  Berlin  und  heute  bereits  war
eines  der  drohenden  französischen  Heere  zerbrochen  und  aufgelöst.

Sämtliche  deutsche  Truppen,  die  gefochten  hatten,  bezogen  auf  der  Walstatt
  ihr  Biwak.  Es  war  ein  schöner,  stiller  Sommerabend,  die  Fahnen  flatterten,
  die  Militärmusiken  bliesen  den  Choral  „Nun  danket  alle  Gott“,  die
„Wacht  am  Rhein“  und  Arndts  „Was  ist  des  Deutschen  Vaterland?“  Alles
umarmte  und  küßte  sich  vor  Freude;  manchem  tapfern  Kameraden  wurde  im
Sterben  die  Hand  gedrückt.  Manchem  Schwerverwundeten  reichte  man  die
Feldflasche  und  fragte,  wie  es  ihm  gehe.  „Gut,  denn  wir  haben  gesiegt!“
antwortete  der  eine  gefaßt;  „Ich  sterbe,  aber  für  Deutschland!“  ein  anderer,
als  er,  durch  den  Leib  geschossen,  sein  Leben  aushauchte.  Trotz  der  grausigen
Zerstörung  hörte  man  an  diesem  Abend  niemand  wimmern.

Der  Kronprinz  beritt  am  Abend  das  ganze  Schlachtfeld  und  begrüßte
unter  freudigem  Jubelgeschrei  von  Offizieren  und  Mannschaften  seine  siegreichen
Truppen.  Er  ritt  an  die  Brigadegenerale  heran  und  drückte  ihnen  die  Hand.
Dann  sich  zu  den  Truppen  wendend  sprach  er  seine  Anerkennung  in  mannhaften
  Worten  aus:  „Soldaten!  Ihr  habt  euch  wacker  gehalten!  Der  Sieg,
den  ihr  miterrungen  habt,  ist  zum  Wohle  und  zur  Ehre  Deutschlands  erfochten
worden!“

117.  Die  Schlacht  von  Beaumont,  30.  August.

Von  Karl  Tanera.:)

Wir  Jäger  waren  bei  Wörth  eigentlich  auch  dabei,  denn  wir  standen
dort  während  des  Kampfes  in  erster  Reserve  und  wurden  nachher  noch  ein
Stück  zur  Verfolgung  verwendet.  Aber  man  hatte  doch  nicht  das  Gefühl,
daß  man  wirklich  die  Feuertaufe  erhalten;  denn  wenn  auch  damals  einige  verlorene
  Granaten  über  uns  hinweggesaust  waren,  so  erlitt  doch  unser  Bataillon
keine  Verluste  —  und  die  gehören  einmal  dazu  wie  das  Wasser  zur  Taufe,
sonst  ist  sie  eben  nicht  echt.  Morgen  aber  sollten  wir  gründlich  daran  kommen.

Jeder  großen  kriegerischen  Aktion  gehen  Gerüchte  voraus,  von  denen
kein  Mensch  weiß,  wo  sie  herkommen.  Sie  sind  da  und  verbreiten  sich  bis
zu  den  jüngsten  Soldaten  und  meistens  haben  sie  wenigstens  einigen  Grund
und  darum  erzählt  sie  jeder  nach.

1)  Ernste  und  heitere  Erinnerungen  eines  Ordonnanzoffiziers  im  Feldzug  1870/71
1.  Reihe,  S.  18  ff.  Nördlingen  18887,  C.  H.  Beck.
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        560  117.  Die  Schlacht  von  Beaumont,  30.  August.

So  war  es  auch  in  unserem  Biwak  bei  Sommerance.  „Ihr  werdet
sehen,  morgen  kommen  wir  zum  Handkuß!“  meinte  unser  Adjutant  und  recht
hatte  er,  denn  24  Stunden  später  knatterten  unsere  Podewilsbüchsen  so  tüchtig,
daß  den  Franzosen  Hören  und  Sehen  verging.

Vor  und  nach  diesem  29.  August  haben  wir  oft  biwakiert;  aber  kein
Lager  ist  mir  in  so  schöner  Erinnerung  als  jenes  unübersehbare,  gewaltige
damals  bei  Sommerance.  Unsere  Division  biwakierte  bei  diesem  Dorfe  selbst;
links  von  uns  die  erste  bayerische,  neben  dieser  das  5.  preußische  Korps;
rechts  vorwärts  von  uns  die  Armeekorps  des  Kronprinzen  von  Sachsen,  hinter
uns  die  bayerische  Kürassierbrigade,  kurz,  wo  man  hinsah,  Soldaten,  nichts  als
Soldaten.

Das  war  herrlich  zu  sehen  und  wohl  jedermann,  nicht  mich  allein,  überkam
  damals  ein  Gefühl  unbedingten  Vertrauens  zu  unserer  oberen  Führung,
die  es  so  gut  verstand  uns  auf  dem  Marsche  auseinander  zu  halten,  damit
sich  die  Truppen  nicht  gegenseitig  genierten,  für  das  Gefecht  aber  alles  zusammenzuballen,
  damit  wir  jeder  auch  noch  so  schweren  Aufgabe  gewachsen
und  immer,  wenn  irgend  möglich,  stärker  als  der  zu  schlagende  Feind  waren.

Wir  hatten  uns  schon  so  recht  gemütlich  eingerichtet,  was  man  eben
unter  gemütlich  in  einem  Biwak  im  Feindesland  versteht.  Unsere  Jäger  hatten
Kartoffeln  in  Menge  gefunden,  Wasser  war  geholt  worden,  Holz  lieferte  der
nahe  Wald,  Salz  und  Brot  gaben  die  Tornisterbestände.  Die  Kochlöcher
waren  gegraben,  das  Feuer  loderte,  das  Wasser  brodelte,  kurz  alles  war  fertig:
nur  die  Hauptsache  fehlte:  das  Fleisch.

Endlich  kam  unser  Requisitionskommando  zurück.  Wir  Jäger  erhielten
einen  Prachtstier.  Der  Metzger  stand  bereit,  ein  Axthieb  und  —  der  Stier
ging  pleine  carrière  durch,  rannte  einen  Jäger  um,  daß  dem  das  Blut  von
der  Stirne  lief,  und  nahm  seine  Richtung  gerade  auf  unsere  Kompagnie.

„Achtung!  ein  Ochs  kommt!"  schrie  ein  Mann.

„Das  kann  ein  schönes  Unglück  geben,“  rief  unser  Hauptmann  und
„Macht  ninxn,  meinte  der  Gefreite  Mögele,  „dem  wer'n  mers  glei  zoagn!“  —
Kaltblütig  packte  er  seine  Büchse,  spannte  den  Hahn  und  zielte;  paff,  da  lag
der  Stier,  zuckte  noch  einige  Male  und  war  tot.  Der  gute  Schuß  hatte  alle
Jäger  herzlich  gefreut  und  —  jedermann  hatte  Hunger.  Sofort  spannten  sich
etwa  zehn  Mann  an  die  jetzt  so  zahme  Bestie;  sie  wurde  hinter  die  Wagen
geschleppt  und  bald  brodelte  sie,  in  etwa  1000  Teile  zerlegt,  in  den  Feldkesseln
  der  Leute.

Gegen  3  Uhr  war  das  Diner  fertig.  Suppe,  Brot,  Zunge,  Stierfleisch,
Kartoffeln,  Salz,  Wein;  was  wollte  man  mehr!  Am  Abend  bei  herrlichstem
Wetter  spielte  unsere  Musik.  Lange  saßen  wir  beisammen  und  plauderten  von
den  Aussichten  für  morgen.  Für  uns  gab  es  keinen  Zweifel  mehr,  daß  es
zur  Schlacht  kommen  würde.
        <pb n="573" />
        117.  Die  Schlacht  von  Beaumont,  30.  Augusi.  561

Ziemlich  spät  begab  man  sich  zur  Ruhe,  man  schlief  ziemlich  aufgeregt,
denn  am  Abend  vor  der  Schlacht  hat  man  an  so  mancherlei  zu  denken,  was
den  Schlaf  lange  fernhält.

In  aller  Frühe  ging's  los.  Ehe  die  Sonne  langsam  über  den  Wald
östlich  Sommerance  heraufkroch,  waren  wir  alle  munter  und  warteten  ungeduldig
auf  den  Marschbefehl.  Es  dauerte  noch  ziemlich  lange.  Endlich  5½  Uhr
setzte  sich  die  Avantgarde  in  Marsch,  leider  die  4.  Brigade.  Wir  folgten  beim
Gros.  Aber  unser  Bataillon  war  wenigstens  da  an  der  Spitze.  Es  ging
über  St.  Georges,  Champigneulle,  Verpel  nach  Buzancy.  In  den  Ortschaften
gewahrten  wir  an  den  Fensterläden  französische  Quartierbezeichnungen.  Genau
wie  wir  hatten  sie  es  gemacht  und  auf  Läden  und  Türen  konnte  man  mit
Kreide  angeschrieben  lesen,  daß  am  27.  August  hier  das  12.  Regiment  chasseurs
  à  cheval  und  das  4.  Regiment  chasseurs  d'’Afrique  übernachten
sollten,  hätten  sie  nicht  die  sächsischen  Ulanen  und  Reiter  des  Generals  von
Pilsach  unliebenswürdigerweise  wieder  fortgejagt.

Dicht  vor  dem  Städtchen  Buzancy  marschierten  wir  in  Bereitschaftsstellung
  auf.  Es  wurde  gehalten.  Ein  Ordonnanzoffizier  galoppiert  vorüber.
—  „Was  gibt's  Neues?“  —  „Wir  greifen  an!“  —  „Bald?“  —  „Weiß
nicht!““  —  Fort  war  er.  —

Also  wir  greifen  an!  Aber  wo  und  wann  denn?  Man  sieht  ja  weit
und  breit  nichts  vom  Feinde!  Und  doch  war  er  da,  keine  10  Kilometer  vor
uns.  Wir  in  der  Truppe  wußten  es  damals  nur  noch  nicht.  In  welcher
Aufregung  wir  uns  befanden,  läßt  sich  gar  nicht  beschreiben.  Es  war  aber
auch  zum  Verzweifeln.

Generalstabsoffiziere  und  Adjutanten  ritten  hin  und  her;  dort  vorne
stand  General  von  der  Tann  mit  seinem  Stabe,  Ordonnanzoffiziere  sausten
weg  und  kamen  zurück,  aber  keiner  ließ  etwas  hören,  sie  hatten  alle  keine
Zeit  mehr  mit  uns  zu  sprechen;  wir  wußten  nichts  als  „wir  greifen  an“

„An  die  Gewehre!“

O,  unsere  Leute  standen  schon  an  den  Pyramiden.  Vergingen  sie  ja
gerade  so  wie  wir  selbst  vor  Ungeduld  vorwärts  zu  kommen  und  den  Rothosen
zu  zeigen,  wie  baycrische  Jäger  schießen.  Wir  setzten  uns  in  Marsch  auf
Sommauthe.  Das  Tempo  wurde  immer  schärfer.  Jeder  drängte  vor.  Die
hinteren  Regimenter  mußten  oft  Laufschritt  machen.  Uns  Jägern  war  dies
einerlei.  Da  trabte  ein  preußisches  Dragonerregiment  an  uns  vorbei.  Herrgott,
daß  wir  nicht  auch  traben  konnten!  Jetzt  jagte  eine  Batterie  im  Galopp
links  vor.

„Was  ist  denn  das?  Die  protzen  ja  ab!“  —  Es  war  so;  aber  kein
Schuß  fiel.  Wir  marschierten  weiter.  Eigentlich  war  es  jetzt  ein  wahrer
Eilmarsch.

„Hört,  hört,  es  schießt!“  Rechts  vorne  krachte  es.  Da  kam  auch  Leben
in  die  Batterie,  die  links  vorwärts  stand.  Das  rechte  lnbelzshir  begann,

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.
        <pb n="574" />
        562  117.  Die  Schlacht  von  Beaumont,  30.  August.

die  anderen  folgten,  genau  so,  wie  es  zu  Hause  auf  dem  Kasernhof  geübt  wurde.
Wir  sahen  die  Granaten  in  die  Luft  fliegen,  dann  verschwanden  sie  hinter
einem  Hügel,  der  uns  jede  Aussicht  versperrte,  wir  wußten  nicht  wohin,  jedenfalls
  auf  den  Feind.  Wir  marschierten  weiter.

Es  ist  ein  eigentümliches  Gefühl,  wenn  man  so  direkt  in  die  Schlacht
geht.  Man  denkt  schneller  als  sonst;  man  sieht  und  hört  alles;  jeder  Sinn
ist  erregt,  das  Herz  schlägt  heftiger;  die  Pulse  fliegen.  Man  moöchte  sich  verdoppeln
  um  nur  recht  schnell  überall  zu  sein  und  alles  zu  erfahren.  Noch
sahen  wir  nichts.  Aber  das  Geschützfeuer  wurde  immer  stärker  und  nun  klang
es  dumpf,  als  ob  auch  Gewehrschüsse  vernehmbar  würden.

Plötzlich  kamen  wir  auf  den  Rand  des  Hügels,  der  uns  so  neidisch
bisher  jede  Aussicht  versperrt.  Das  ganze  Schlachtfeld  von  Beaumont  bis
Thibaudine  lag  offen  vor  uns.  —  Welch  ein  Anblick!

Als  ob  man  in  einem  Haufen  von  roten  Ameisen  mit  einem  Stocke
herumgestiert  hätte,  so  wimmelte  es  dort  unten,  kaum  2  Kilometer,  von  Rothosen
  bunt  durcheinander.  Der  Höhenrand  uns  zur  Linken  und  Rechten  spie
Feuer  hinunter  und  unten  im  Tal  selbst  vom  Waldrand  aus  krachte  und
knatterte  es,  daß  man  meinte,  ein  Hagelschlag  praßle  auf  die  Glasscheiben
eines  Gewächshauses  und  schlage  alles  kurz  und  klein.  Jenseits  auf  einem
langgestreckten  Höhenzug  stand  die  französische  Artillerie  und  wetterte  herüber
und  bald  galten  ihre  Grüße  auch  uns.

Jetzt  hatten  wir  das  Dorf  Sommauthe  passiert.  Links  an  der  Straße
lag  ein  Felsblock.  Auf  diesem  stand  unser  Feldgeistlicher.  Über  seinem
schwarzen  Talar  hing  eine  silberne  Stola.  Mit  einem  Kruzifix  erteilte  er  uns
den  Segen.  Unsere  Leute,  wir  selbst,  alles  befand  sich  in  wahrhaft  gehobener
Stimmung.  Do  stimmten  sie  hinter  uns  an,  alle  fielen  ein  und  noch  nie  erklangen
die  Lieder  unserer  Jäger  so  frisch  als  gerade  dort  auf  dem  Wege  von  Sommauthe
  bis  hinunter  an  den  Wald.  „Unser  König  soll  leben,  Prinz  Luitpold
daneben,  alle  Generäl  und  Offizier,  die  tapfern  Bayern  san  mir!"  hieß  es
vorne,  scholl  es  von  hinten.  —  „Rechts  heran!  —  Platz  machen!“

Unsere  Divisionsartillerie  trabte  vor.

„Hurra,  Kanoniere!“  —  „Hurra,  Jäger!  Heut'  gilt's!“  —

„Kavallerie  muß  attackieren,  Infanterie  gibt  Salven  ab,  das  ganze  Jägerkorps
  rückt  aus  mit  Sack  und  Pack!“  —

„Aufhören!  —  Ruhe!  —  Lad  's  Gewehr!“  —

Jetzt  wurde  es  ernst.  Als  ob  jeder  die  Macht  dieses  Augenblicks  zugleich
  empfunden  hätte,  herrschte  sofort  tiefe  Stille.  Nur  die  Gewehre  rasselten,
als  die  Zylinder  auf=  und  zugeklappt  wurden,  und  die  Hähne  knackten,  wenn
man  sie  in  Ruhe  setzte.  Von  der  Schlacht  sahen  wir  nichts  mehr,  desto  mehr
hörten  wir.  Man  meinte  damals,  ärger  könne  es  gar  nicht  zugehen,  und  doch
kam  es  dicker  bei  Sedan,  bei  Orleans,  Coulmiers,  Ligny  und  Beaugench.
        <pb n="575" />
        117.  Die  Schlacht  von  Beaumont,  30.  August.  563

Nun  bogen  wir  in  einen  Waldweg  ab.  Er  hatte  genau  die  Richtung
auf  jene  französische  Schimmelbatterie,  die  wir  schon  vorhin  von  oben  bemerkt
  hatten.

An  einer  Lichtung  passierten  wir  den  ersten  bayerischen  Verbandplatz.
Da  walteten  die  Arzte  schon  ihres  schaurigen  Amtes.  Wir  waren  froh,  daß
uns  der  Wald  bald  wieder  aufnahm.  Nichts  wirkt  auf  die  Leute  ungünstiger
als  der  Anblick  von  Amputationen,  wie  sie  dort  gerade  an  einem  Unteroffizier
des  10.  Regiments  vorgenommen  wurde.

 

„Vorwärts,  Jäger!  Laufschritt!  Vorwärts!“

Meine  Kompagnie  war  an  der  Spitze.  Der  Weg  verbreiterte  sich  zu
einer  Lichtung.

„Donnerwetter!  Was  soll  das  heißen?  Das  sind  ja  unsere  Leute,  die
zurückweichen!"“

Eine  schwache  Abteilung  unserer  Avantgarde  war  in  der  Flanke  gefaßt
worden.  Eine  ganze  feindliche  Division,  die  1.  des  7.  französischen  Korps,
hatte  sie  von  links  gepackt  und  drohte  sie  vollständig  aufzurollen.

„Meine  Herren,  halten  Sie  Ihre  Züge  fest  geschlossen!  Wir  dringen
durch  und  reißen  sie  mit!“  —  Ich  hatte  unserem  kleinen  Hauptmann  eine  so
mächtige  Stimme  gar  nicht  zugetraut.  Wir  sprangen  zu  unseren  Jägern.

„Uns  nach,  Jäger!  —  Fest  beisammen  bleiben!  —  Keinen  der  Unfrigen
durchlassen!  —  Vorwärts,  Jäger!  Laufschritt,  vorwärts!“

Kein  Mann  blieb  zurück.  Wie  eine  feste  Mauer  drang  unsere  Kompagnie
  durch  und  riß  die  Wankenden  mit  sich.  Rechts  von  uns  machten  es

36“
        <pb n="576" />
        564  117.  Die  Schlacht  von  Beaumont,  30.  August.

die  zweite  und  erste  ähnlich,  die  vierte  folgte  als  zweites  Treffen.  Dies  Beispiel
  wirkte.

Nun  wurde  der  Wald  lichter.

„Ausschwärmen!“  —  „Bajonette  aufpflanzen!“  —  „Vorwärts,  Jäger,
vorwärts!“

Die  Flügel  kamen  kaum  hinaus,  so  drängte  die  Mitte  vor.  Alles  war
jetzt  im  hellen  Lauf.  Und  wie  hielten  sie  aus,  die  braven  Kerls!  Für  diesen
Dauerlauf  verzieh  ich  ihnen  all  die  Müh'  und  Plag',  die  mir  das  Algäuer
Phlegma  in  der  Garnison  so  oft  verursacht  hatte.

Der  Wald  hörte  auf.  Eine  etwa  200  Schritt  breite  Lichtung  lag  vor
uns.  Eine  weiße  Dampflinie  bezeichnete  den  jenseitigen  Rand.  Dazwischen
beleuchtete  die  Sonne  rote  Hosen.  Dort  standen  sie  also,  die  Herren  Franzosen.
  Richtig,  das  sind  die  Chassepots,  die  so  lustig  uns  um  die  Ohren
pfiffen.  —

Tut  nichts;  werden  schon  aufhören.  —  Wir  aber  hörten  nicht  auf.
nämlich  zu  laufen.  Nicht  einen  Schuß  gaben  wir  ab.  „Vorwärts!“  schrie
der  Hauptmann;  „vorwärts,  Jäger!“  riefen  wir  ihm  nach  und  hinaus  ging's
aufs  freie  Feld.  Da  stürzten  freilich  gleich  einige  nieder.  „Hurra!  hurra!“  —
Wie  das  durch  die  Nerven  ging!  —  „Hurra!  hurra!“"  schrie,  nein,  brüllte  die
ganze  Kompagnie  und  vorwärts  ging's  in  einem  Lauf,  bis  wir  dort  waren,
mitten  unter  ihnen  drin,  daß  sie  meinen  mußten,  eine  Wolke  habe  uns  ausgespien
  zu  ihrem  Verderben.

Den  Waldrand  faßte  ein  kleiner  Graben  ein.  Do  stürzten  die  vordersten
der  Unfrigen  hinein;  ich  sprang  flott  drüber  weg,  war  noch  ein  junger  Kerl
damals  und  nicht  umsonst  von  jeher  ein  gewandter  Turner  und  Fechter.
Hinter  mir  folgte  mein  rechter  Flügelkorporal.  Dann  kamen  unsere  Jäger
und  von  den  Franzosen  riß  der  größte  Teil  aus,  als  wir  dicht  vor  ihren
Gewehrmündungen  standen  und  sie  nur  hätten  losdrücken  dürfen  um  noch
manchen  flotten  Jäger  dahinüber  zu  schicken,  wo  man  zwar  als  treuer  Soldat
gut  ausgenommen  wird,  aber  doch  nicht  gerne  freiwillig  hingeht.

Ein  anderer  Teil  jedoch  blieb  stehen  und  wehrte  sich  verzweifelt.  Half
ihnen  aber  nicht  viel.  Immer  mehr  Jäger,  auch  die  Zehner  kamen  heran  und
glichen  alsbald  das  Zahlenmißverhältnis  so  ziemlich  aus.  Noch  gellt's  mir
in  den  Ohren,  wie  unser  guter  Oberleutnant  v.  Z.  einen  großen  Burschen
anschrie:  „à  bas  les  armes!“  als  dieser  auf  zwei  Schritte  auf  ihn  anlegte.
Dem  Kerl  fiel  das  Gewehr  aus  der  Hand,  als  ob  es  glühend  geworden  wäre.

Dem  schmächtigen  Franzmann,  der  es  auf  meinen  armen  Schädel  abgesehen
  hatte,  ging  es  nicht  so  gut.  Er  lag  im  Anschlag  und  zielte;  da  rannte
ihm  ein  Jäger  das  Bajonett  mitten  durch  die  Brust.  Der  Schuß  war
in  die  Höhe  gegangen,  mir  hat  er  nichts  getan.  Einem  französischen  Feldwebel
  schlug  ich  den  Säbel  aus  der  Hand.  Er  bat  um  Pardon.
        <pb n="577" />
        117.  Die  Schlacht  von  Beaumont,  30.  August.  565

Wir  hielten  uns
nicht  lange  auf.
Was  noch  Widerstand
  leistete,  wurde
erschossen;  es  waren
  aber  nur  wenige;
  die  Mehrzahl
war  gefangen  oder
floh,  so  rasch  sie
konnte.  Jetzt  knallten
  auch  unsere
Büchsen;  nicht  so
hell  und  scharf  wie
die  Chassepots,  aber
gut  genug  um  zu
treffen  und  dies  ist
ja  doch  die  Hauptsache.


Etwas  langsamer
  —  denn  schließlich  geht  ja  sogar  einer  Lokomotive  der  Puster  aus,
geschweige  denn  einem  Jäger,  der  nur  eine  Lunge  im  Leibe  hat,  aber  einen
Tornister  und  noch  mehr  auf  seinem  Körper  —,  jedoch  immer  noch  schnell
genug  folgten  wir  den  Fliehenden  nach.  Bald  erreichten  wir  den  jenseitigen
Waldrand;  dort  hielten  wir  und  nun  ging  ein  echtes,  richtiges  Scheibenschießen
los  auf  die  armen  Kerls,  die  sich  todmüde  über  die  Felder  hinüberwälzten.

Als  es  nichts  mehr  zu  schießen  gab,  drangen  wir  wieder  vor;  unser
guter  „Alter“  marschierte  zu  Fuß  mit  geschwungenem  Säbel  voraus.  Wer
geglaubt  hatte,  der  „Alte“  sei  alt,  der  hatte  sich  gründlich  getäuscht.  Wenn
es  galt  Strapazen  zu  ertragen,  große  Leistungen  zu  machen,  den  Feind  anzugreifen,
  dann  war  er  jung;  da  tat's  ihm  keiner  zuvor  und  nur  wenige
waren  ihm  gleich.

Unterdessen  hatte  die  4.  Kompagnie  links  von  uns  einen  tüchtigen  Vorsprung
  erreicht.  Da  winkte  der  „Alte“  und  sprang  vor  die  Front.  „Auf,
Jäger!  Vorwärts!“  Von  neuem  ging  die  Jagd  los;  wir  hatten  ja  wieder
frische  Kräfte.  Jetzt  protzten  die  Franzosen  auf  und  jagten  davon.  Flink
machten  sie  ihre  Sache,  aber  doch  nicht  flink  genug,  daß  die  4.  Kompagnie
nicht  noch  zwei  Geschütze  samt  Bedienung  und  Bespannung  erwischte.  Freilich
waren  wir  auch  gleich  droben,  aber  die  4.  Kompagnie  war  dieses  Mal  die
erste.  Nun,  wir  gönnten  es  ihr;  denn  wir  waren  ja  schon  gründlich  getauft
worden,  sie  bisher  aber  noch  nicht.

Nachdem  das  ganze  Bataillon  sich  zusammengefunden  hatte,  und  zwar
allein,  denn  die  anderen  waren  noch  weit  zurück,  beglückwünschten  wir  uns

 

Französische  Batterien  auf  der  Flucht  vor  Beaumont.
        <pb n="578" />
        566  118.  Die  Schlacht  bei  Sedan.

gegenseitig  und  erzählten  und  fragten,  wie  es  eben  ein  solcher  Moment  mit
sich  bringt.

Unser  „Alter“  —  er  wird  verzeihen,  daß  ich  ihn  immer  so  nenne  —
strahlte  vor  Glück  und  Wonne.  Ja,  so  hatte  er  sich  seine  Jäger  gedacht,  so
hatte  er  sie  erzogen,  hart  gegen  Strapazen,  ausdauernd  in  Mühseligkeiten,
tapfer,  schneidig,  vorzüglich  im  Gefecht.  Da  rief  einer,  ich  weiß  nicht,  wer  es
war,  ich  glaube  ein  Gefreiter:  „Unser  Alter,  der  Herr  Oberstleutnant,  lebe
hoch!“  und  das  ganze  Bataillon  schrie  „hoch,  hoch  und  nochmals  hoch!“

So  von  Herzen  habe  ich  selten  jemanden  leben  lassen  als  dort  unseren
lieben,  guten  Oberstleutnant.  Er  war  aber  auch  gerührt  bis  zu  Tränen;  ja
wahrhaftig,  dem  wetterharten  Manne,  dem  wir  nachgesagt  hatten,  er  könne
nicht  einmal  lachen,  liefen  Tränen  über  die  Wangen  und  er  genierte  sich  nicht
und  wir  verargten's  ihm  nicht;  wir  haben  ihn  darum  nur  um  so  mehr  geehrt.

Für  uns  war  die  Schlacht  zu  Ende.  Wir  stellten  unsere  Züge  zusammen
  und  schauten,  wer  fehlte.  Es  gab  doch  bedeutendere  Lücken,  als  man
geglaubt.  Immerhin  hatten  wir  einen  ganz  außerordentlichen  Erfolg  verhältnismäßig
  billig  erkauft.  Wir  bekamen  viel  Lob  und  Lohn  für  diesen  flotten
Angriff  der  ersten  bayerischen  Jäger.  Was  uns  aber  doch  am  meisten  freute,
war,  daß  man  auch  höheren  Orts  unseren  „Alten“  erkannte  und  ihm  die
höchste  militärische  Auszeichnung  Bayerns,  den  Max-Josephs-Orden,  für  Beaumont
  verlieh.

In  der  folgenschweren  Nacht  von  Beaumont  wurde  der  rechte  Flügel
der  Armee  Mac  Mahons  schwer  erschüttert.  Zwei  Tage  darauf  schließt  sich
um  die  ganze  Armee,  die  mit  Aufbietung  ihrer  letzten  Kräfte  noch  den  trügerischen
  Schutz  der  Festung  Sedan  erreicht  hat,  der  eiserne  Ring,  den  zu  durchbrechen
  ihr  trotz  tapfersten  Verzweiflungskampfes  in  der  Schlacht  bei  Sedan
nicht  gelingt.

118.  Die  Schlacht  bei  Sedan.
Von  Hugo  Arnold.#)

Nach  den  vom  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm  ausgegebenen  Dispositionen
hatte  das  1.  bayerische  Korps  am  1.  September  in  seiner  Stellung  bei  Remilly
zu  verbleiben  und  in  die  Schlacht  nach  Maßgabe  des  Vorgehens  der  Maasarmee
einzugreifen,  die  um  4  Uhr  morgens  gegen  den  Givonneabschnitt  vorrückte.
Ausdrücklich  wurde  aber  die  Weisung  beigefügt,  es  bleibe  dem  General  Frhrn.
von  der  Tann  überlassen  auch  früher  anzugreifen,  wenn  dadurch  der  Feind
in  seiner  Stellung  festgehalten  werden  könne.

Schon  am  Abend  des  31.  August  hatte  es  den  Anschein  gewonnen,  als
ob  die  vor  uns  stehenden  Franzosen  sich  nach  rückwärts,  auf  den  Höhen  von
La  Morncelle,  konzentrierten,  was  auf  die  Absicht  eines  Rückzuges  gegen

1)  „Unter  General  von  der  Tann“,  1.  Bd.,  S.  121  ff.  München  1896,  Oskar  Beck.
        <pb n="579" />
        118.  Die  Schlacht  bei  Sedan.  567

Mezieres  deutete.
Zogen  die  bei  Bazeilles
  lagernden
Truppen  lautlos
  um  Mitter-  "„
nacht  ab,  s
konnten  sie  bis
Tagesanbruch  für
die  Maasarmee
und  unser
Korps  unerreichbar
  geworden
  sein.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
    

Deshalbentschloß
  sich  Ge-  *
neral  Frhr.  von

der  Tann  dazu
noch  vor  Tagesanbruch
  Bazeilles  anzugreifen,  den  Feind  dort  in  einen  Kampf  zu  verwickeln
und  ihn  gleichsam  festzubinden;  durch  die  Wegnahme  des  Ortes  wurde  ferner
die  Möglichkeit  gewonnen  über  die  Maas  zu  debouchieren  und  später  mit  der
vorrückenden  Armee  des  Kronprinzen  von  Sachsen  zu  kooperieren.  Das  Festhalten
  des  Feindes  war  aber  nur  möglich,  wenn  man  ihm  direkt  auf  den
Leib  ging;  er  mußte  überfallen  werden.

Nach  Mitternacht  war  mit  dem  Einfall  des  Nebels  drüben  bei  den
Franzosen  Ruhe  eingetreten,  bloß  dumpfe  Töne  drangen  polternd  herüber.
Es  mochte  3½  Uhr  geworden  sein,  da  krähte  im  Orte  Pont  Maugy  ein  unvorsichtiger
  Hahn  —  und  wir  hörten  ein  leises  Rascheln,  wie  wenn  der  Weidmann
  durch  das  Gebüsch  pirscht,  dazu  das  Klappern  und  Klirren  von  Waffen,
ein  Kollern  und  Poltern  ferne  zu  unserer  Rechten.  Das  war  das  2.  Regiment,
welches  die  Eisenbahnbrücke  überschritt,  während  die  1.  Brigade  über  die
Pontonbrücke  zum  Angriff  auf  Bazeilles  vorrückte.

Gleich  darauf  wurde  mir  der  Befehl  meine  Posten  einzuziehen  und  zum
Regiment  an  die  Eisenbahnbrücke  zu  marschieren.  Unser  Oberst  hatte  den
Auftrag  erhalten  mit  der  ihm  unterstellten  Halbbrigade  die  Brücke  und  den
Bahndamm  zu  besetzen  und  dort  weitere  Verfügungen  abzuwarten.  Wir
nahmen  nun  diesseits  der  Brücke  Aufstellung  und  harrten  lange  Stunden.
Sehen  konnten  wir  im  Nebel  absolut  nichts,  einzelne  verlorene  Kugeln  zischten
über  uns  weg.  Dafür  hörten  wir  um  so  mehr,  wiewohl  wir  glaubten,  der
dicke  Nebel  müßte  den  Schall  dämpfen.

Die  Besatzung  von  Bazeilles,  die  Marine-Infanteriebrigade  Martin
des  Pallieres,  hatte  die  Ortschaft  zu  hartnäckigster  Verteidigung  eingerichtet,

An  den  Ufern  der  Maas  vor  Bazeilles.
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        568  1183.  Die  Schlacht  bei  Sedan.

wobei  ihr  die  massive  Bauart  der  großen  steinernen  Häuser  sehr  zustatten
kam;  in  den  Straßen  waren  durch  Barrikaden  Abschnitte  hergestellt.  Allein
wie  fast  immer  handhabten  die  Franzosen  den  Sicherheitsdienst  so  gut  wie
gar  nicht,  sie  hatten  keine  Posten  aufgestellt  und  schlummerten  im  Schlafe  der
Gerechten  innerhalb  der  Häuser.  Unsere  Truppen  überfielen  sie  daher  im
buchstäblichen  Sinne  des  Wortes,  einzelne  kleinere  Abteilungen  drangen,  wie
tags  vorher  die  Jäger,  bis  an  die  Nordumfassung  des  Dorfes  vor.  Doch
plötzlich  tat  sich  der  Schlund  der  Hölle  auf:  aus  allen  Gebäuden  brach  rasendes
Feuer  auf  die  Eindringlinge  los,  die  ihrerseits  dahin  trachteten  die  Häuser
in  ihre  Gewalt  zu  bringen.  So  entspann  sich  von  Gasse  zu  Gasse,  von
Haus  zu  Haus  der  schrecklichste  Kampf,  der  noch  grausiger  dadurch  wurde,
daß  sich  die  in  den  Kellern  versteckten  Einwohner  daran  beteiligten  und  aus
den  bereits  genommenen  Häusern  den  Feinden  in  den  Räücken  schossen  oder
die  Verwundeten  massakrierten.  Schon  am  vorausgegangenen  Tage  hatten
unsere  Granaten  an  verschiedenen  Stellen  gezündet,  nun  brachen  durch  das
Gesecht  in  mehreren  Gehöften  die  Flammen  hervor,  dazu  wurde  an  einzelne
Gebäude,  in  denen  den  Verteidigern  nicht  beizukommen  war,  Brand  gelegt  und
bald  war  der  ganze  Ort  nur  ein  einziges  wogendes  Flammenmeer,  in  dessen
Lohe  und  Glut  der  Kampf  mit  um  so  größerer  Erbitterung  und  unter
wechselndem  Glücke  fortgeführt  wurde.

Zu  uns  hinter  dem  Bahndamm  tönte  das  plötzlich  losbrechende  Toben
des  Kampfeslärmes  ganz  unheimlich  herüber,  unaufhörlich  rollte  das  Knattern
des  Feuergefechtes  durch  die  tiefe  Stille  der  Nacht  und  in  die  wallenden
Nebel  hinein  wie  der  Aufruhr  von  Dampf  und  Lärm  im  Krater  eines
Vulkans.

Langsam  und  allmählich  lichteten  sich  die  Nebel  —  es  ging  auf  6  Uhr
—  dann  drang  über  Bazeilles  der  Schein  heller  Röte  herüber;  aber  es  war
nicht  die  rosenfingrige  Eos,  sondern  der  Schein  der  Flammen,  welche  die  Gebäude
  verzehrten.  Nach  und  nach  wurde  es  heller  und  heller,  der  dichte
Nebelbrei  ballte  sich  zusammen,  die  Wolken  hoben  sich  und  einzelne  gebrochene
Sonnenstrahlen  stahlen  sich  durch  die  wallenden  Schleier.  Nun  ward  es  auch
ober  uns  auf  der  Höhe  lebendig.  Schon  längst  waren  die  wackeren  Kanoniere
ungeduldig  an  ihren  Geschützen  gestanden;  wie  sich  jetzt  die  Nebelschleier  verzogen,
  begannen  sie  das  Feuer  gegen  die  nordöstlich  von  Bazeilles  sich  zeigenden
feindlichen  Heereshaufen  und  mit  einem  Male  rollte  dröhnender  Kanonendonner
über  das  weite  Tal  hin.  Eine  der  ersten  Granaten  verwundete  früh  6  Uhr
den  in  die  Nähe  von  Bazeilles  vorgerittenen  Marschall  Mac  Mahon.:)  Die

*  Den  Oberbefehl  über  die  Gesamtarmee  der  Franzosen  übertrug  der  verwundete
Marschall  mit  übergehung  von  zwei  älteren  Korpsführern  dem  General  Ducrot.  Dieser
erteilte  sofort  die  nötigen  Befehle  um  den  jeßt  vielleicht  noch  möglichen  Rückzug  nordwestwärts
  auf  Mezières  anzutreten.  Allein  der  erst  kürzlich  aus  Algier  eingetroffene
General  von  Wimpffen  trug  eine  ministerielle  Vollmacht  bei  sich,  die  gegebenen  Notfalls
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        118.  Die  Schlacht  bei  Sedan.  569

französischen  Batterien  blieben  die  Antwort  nicht  schuldig  und  nun  krachten
ohne  Pausen  die  Feuerschlünde,  das  Knattern  und  Toben  des  Kampfes  in
Bazeilles  verschlingend.  Wie  es  bei  Wörth  gewesen  war,  so  geschah  es  auch
hier.  Die  Erschütterung  der  Atmosphäre  durch  das  gewaltige  Schießen  fegte
das  Nebelgewölke  völlig  weg,  der  Himmel  lachte  im  freundlichsten  Blau  und
goldener  Sonnenschein  überflutete  die  Walstatt.

Nun  konnten  auch  wir  die  Blicke  auf  den  Kampfplatz  senden.  Die  Wut
schien  immer  mehr  zu  wachsen;  offenbar  hatte  der  Feind  Verstärkungen  herbeigeführt.
  Auch  von  uns  wurden  frische  Kräfte  herangezogen  und  in  das  Dorf
geworfen;  die  2.  Division  ging  über  die  Pontonbrücken.  Über  dem  größten
Teile  des  Ortes  schlugen  die  Flammen  empor  und  schwarze  Rauchwolken  verfinsterten
  den  Horizont.  So  schwer  es  war  bei  dem  rasenden  Getöse  sich  ein
Urteil  zu  bilden,  schien  das  Gefecht  immer  noch  unentschieden  hin  und  her  zu
schwanken;  bloß  das  eine  war  zu  erkennen,  daß  der  südliche  Teil  des  Dorfes
von  den  Unsern  festgehalten  werde.

Allmählich  nahm  die  Ausdehnung  der  Schlacht  zu.  Kronprinz  Albert
von  Sachsen  griff  ein,  die  Höhen  östlich  vom  Givonnebach  krönten  sich  mit
den  feuernden  Batterien  der  Sachsen,  die  wir  zwar  nicht  sahen,  aber  an  den
in  langen  Linien  aufsteigenden  weißlichen  Wolken  des  wallenden  Pulverdampfes
  erkannten.  Soweit  unser  Auge  reichte,  bis  an  die  waldigen  Höhen
fern  im  Norden  erdröhnten  Kanonen  und  ballten  sich  die  weißgrauen  Wolken
zusammen;  in  weitem  Gürtel  schoben  sich  die  Korps  der  Maasarmee  heran  —
unser  Korps  hatte  den  Feind  an  den  Hörnern  gepackt  und  festgehalten.
Der  Wunsch  besser  Umschau  halten  zu  können  trieb  einige  Offiziere  und
Mannschaften  auf  den  Bahndamm  hinauf;  kaum  aber  standen  sie  oben,  als
eine  ober  Bazeilles  auf  der  Höhe  stehende  Mitrailleusenbatterie  die  Lust  anwandelte
  den  Damm  zu  kehren.  Sie  sandte  einige  Lagen  herüber  und  ihre
Geschosse  verwundeten  mehrere  Leute,  so  daß  wir  das  gefährliche  Observatorium
  räumten.

Im  Fortgange  der  Schlacht  war  ein  Wendepunkt  eingetreten.  Über  die
Pontonbrücke  zu  unserer  Rechten  gingen  ununterbrochen  Batterien  auf  Bazeilles
vor;  über  die  Eisenbahnbrücke  an  uns  vorbei  marschierte  die  4.  Brigade,  dann
nach  einer  Pause  die  5.  und  nach  einiger  Zeit  auch  die  6.  Brigade,  die  beiden
letzteren  zum  2.  bayerischen  Armeekorps  gehörig,  sämtliche  auf  Bazeilles  zu,
wo  das  Gefecht  unverändert  zu  stehen  schien.  Unablässig  währte  auch  der
Artilleriekampf  fort.  So  weit  wir  schauen  konnten,  standen  auf  den  Höhen
des  linken  Maasufers  unsere  Batterien  im  lebhaftesten  Feuer,  die  sausenden

 

ihm  den  Oberbefehl  einräumte.  Da  General  Wimpffen  den  Rückzug  nordwestwärts  für
völlig  unausführbar  hielt  und  im  geraden  Gegenteil  nach  Carignan  durchdringen  wollte,
machte  er  —  zu  seinem  Unstern  —  die  ihm  erteilte  Vollmacht  geltend.  General  Ducrot
fügte  sich  ohne  Weigern;  es  mochte  ihm  vielleicht  nicht  unlieb  sein  sich  einer  schweren
Verantwortung  entledigt  zu  wissen.  Moltke,  S.  64.
        <pb n="582" />
        570  118.  Die  Schlacht  bei  Sedan.

Granaten  von  Freund  und  Feind  kreuzten  sich  über  unseren  Köpfen  und  die
in  den  weichen  Wiesengrund  einschlagenden  Projektile  rissen  tiefe  Furchen.
Dazwischen  rasselten  die  knarrenden  Mitraillensen  mit  ihrem  ohrenzerreißenden,
schrillen,  widerlichen  Spektakel.  Einzelne  Schüsse  und  Kanonenschläge  waren
nicht  mehr  zu  unterscheiden,  ununterbrochen  über  das  ganze  weite  Tal  hin
rollte  der  dröhnende  Donner  der  Geschütze,  daß  die  Erde  bebte  und  die  Lüfte
zitterten.  Von  allen  Höhen  und  den  Waldmauern  der  Forste  auf  den  fernen
Bergen  wurde  der  Widerhall  tosend  in  hundertfachem  Echo  in  das  Tal  zurückgeworfen,
  wo  die  Schallwellen  zusammenschlugen  und  in  einem  einzigen
dumpfen  Brausen  sich  vereinten,  daß  die  Kämpfer  noch  tagelang  es  im
Trommelfell  summen  zu  hören  vermeinten.  Nur  das  Rasseln  der  Mitrailleusen
drang  durch  diesen  tosenden  Chor  durch,  das  Knattern  der  Gewehre  wurde
vom  Brüllen  der  Kanonen  verschlungen.  —  Ich  bin  in  16  Schlachten  und
Gefechten  im  Feuer  gestanden,  habe  aber  niemals  ein  so  gewaltiges,  fürchterliches
  Höllenkonzert  erlebt.

Endlich,  es  war  um  die  Mittagstunde,  schien  das  Eingreifen  der  Abteilungen
  unserer  2.  und  3.  Division  sich  geltend  zu  machen,  indem  der  Kampf
sich  mehr  nach  Norden  und  Osten  zog.  Doch  brach  das  Gefecht  in  Bazeilles
nicht  ab.

Die  Häuser  und  Scheunen  am  Eingange  des  Dorfes  waren  mit  Verwundeten
  überfüllt  und  das  schöne  Schloß  Dorival  als  Aufnahmsspital  eingerichtet.
  Im  reizenden  Parke  lagen  und  saßen  die  Verwundeten  auf  dem
Rasen;  die  Arzte  hantierten;  Stöhnen,  Wimmern  und  Schmerzensschreie  erschollen.
  Fortwährend  wurden  Verwundete  hereingetragen,  darunter  auch
Hauptmann  Heinrich  Frhr.  von  Harold  vom  2.  Jägerbataillon,  dem  ich  noch
bei  Wörth  zugejubelt  hatte,  als  er  mit  einem  riesigen  Transporte  von  Gefangenen
  bei  uns  vorbeikam.  Jetzt  lag  er  mit  durchschossenem  Beine  auf  der
Bahre  und  nach  zwei  Monaten  erlag  er  seiner  Wunde  in  der  Heimat.  Die
Häuser  in  den  Straßen  vor  uns  standen  lichterloh  in  Flammen,  kein  Mensch
versuchte  zu  löschen;  unter  dem  Schutte  und  zwischen  den  glimmenden  Balken
lagen  zahlreiche  Leichen,  zum  Teil  angekohlt.  Patrouillen  brachten  Einwohner,
die  heimtückisch  aus  den  Kellern  den  Unsrigen  in  den  Rücken  gefeuert,  Verwundete
  massakriert  und  in  die  Flammen  geworfen,  sich  mit  den  Waffen  in
der  Hand  widersetzt  haben  sollten;  wir  mußten  ihre  Bewachung  übernehmen.
Die  Unglücklichen  sahen  schrecklich  aus,  viele  waren  mit  Kolben  und  Säbel
schlimm  zugerichtet  worden,  die  Kleider  hingen  ihnen  in  Fetzen  vom  Leibe.
Das  war  im  Kampfe  geschehen.  Auf  den  verzerrten  Gesichtern  aber  prägten
sich  die  wilden  Leidenschaften  aus,  der  Fanatismus,  der  ihnen  die  Waffen  in
die  Hand  gedrückt  hatte,  die  Haare  hingen  zerrauft  ins  Antlitz  und  die  blutunterlaufenen
  Augen  loderten  in  wilden  Gluten.  Wenige  werden  wohl  den
folgenden  Morgen  überlebt  haben;  über  ein  Ehepaar  saß  ich  selbst  tags  darauf
im  Standgerichte.
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        118.  Die  Sthlacht  bei  Sedan.  571

Während  rings  um  uns  die  Schlacht  in  ununterbrochener  Heftigkeit  forttobte
  und  auf  den  uns  so  wohlbekannten  Höhen  von  Remilly  statt  der  abgefahrenen
  Batterien  unseres  1.  solche  vom  2.  bayerischen  und  vom  4.  preußischen
  Korps  in  Aktion  getreten  waren,  erlosch  allmählich  vor  uns  der  Kampf;
unsere  3.  Division  hatte  Balan  genommen.

Doch  lange  vermochte  sie  es  nicht  zu  halten.  Sie  wurde  plötzlich  so
heftig  angegriffen,  daß  sie  dem  Stoße  weichen  mußte,  Balan  räumte  und  auf
Bazeilles  zurückging,  dessen  nördliche  Umfassung  von  der  4.  Brigade  besetzt
war.  Das  war  der  verzweifelte  Versuch,  durch  den  General  v.  Wimpffen  sich
den  Weg  nach  Carignan  (ostwärts  in  Richtung  auf  das  seit  zwei  Wochen  belagerte
  Metz)  bahnen  und  uns  Bayern  in  die  Maas  werfen  wollte.  Gegen
dieses  unerwartete  Vorgehen  fuhr  aber  jetzt  die  gesamte  hier  vorhandene
Artillerie  auf,  deren  Feuer  auch  von  den  auf  der  Höhe  oberhalb  Remilly
stehenden  Batterien  unterstützt  wurde;  zugleich  gelang  es  die  3.  Division  vor
den  an  den  Nordwestausgang  von  Boazeilles  vorgezogenen  Truppenteilen  des
1.  Armeekorps  zum  Gegenstoß  zu  verwenden.  Das  Feuer  der  Artillerie  und
Infanterie  brachte  jetzt  den  Feind  zum  Stehen.

Dieser  plötzliche  Vorstoß  rief  die  Besorgnis  hervor,  daß  die  Franzosen
doch  noch  den  Durchbruch  auf  Carignan  versuchen  könnten,  und  veranlaßte
Gegenmaßregeln.  Deshalb  wurden  alle  hier  disponiblen  Truppen  vorgezogen;
das  ganze  1.  Korps  und  nebenan  bei  La  Moncelle  die  Sachsen  und  die
Preußen  rückten  vor.  Es  war  ungefähr  5  Uhr  abends.  Die  2.  Brigade
marschierte  um  das  in  Flammen  stehende  Dorf  Bazeilles  an  der  Ost=  und
Nordseite  herum  und  nahm  rittlings  der  Straße  nach  Balan  Stellung,  das
2.  Regiment  südlich,  wir  (11.  bayer.  Inf.Reg.)  und  das  4.  Jägerbataillon
nördlich  der  Straße.  Es  war  ein  erhebender  Anblick,  als  wir  vor  Bazeilles
angelangt  waren,  die  Sonnenstrahlen  auf  den  glitzernden  Bajonettenwäldern
blitzten,  die  Kolonnen  mit  wehenden  Fahnen  und  unter  den  begeisternden
Klängen  des  Avanciermarsches  über  den  Boden  vorgingen,  den  unsere  Tapferen
am  Vormittage  mit  ihrem  Herzblute  getränkt  hatten,  mutig  bereit  im  letzten
Ringen  den  Feind  zu  werfen.  Doch  es  war  kein  Eingreifen  mehr  nötig.  Der
Angriff  Wimpffens  war  erlahmt,  die  Franzosen  fluteten  zurück.

Wir  machten  Halt.  Hinter  den  die  Ackergrenzen  säumenden  Hecken
lagen  die  Gefallenen,  herüben  meist  Angehörige  des  10.  und  13.  Regiments,
Mann  an  Mann,  wie  sie  in  Reih  und  Glied  gefochten  hatten,  die  meisten
durch  den  Kopf  geschossen,  und  ihnen  gegenüber  auf  100  Schritte  Entfernung
lagen  ebenso  die  Franzosen,  in  der  Mehrzahl  Mariniers.  Die  Toten  reihten
sich  so  dicht  aneinander,  daß  wir  sie  wegschieben  oder  über  sie  hinwegsteigen
mußten  um  unsern  Marsch  fortzusetzen.  So  weit  wir  nach  Norden  sehen
konnten,  erstreckten  sich  die  Reihen  der  entschlafenen  Tapferen,  Leute  aller
bayerischen  Regimenter,  die  hier  gefochten  hatten,  nebst  Preußen  und  Sachsen
und  Rothosen,  das  Hin=  und  Herwogen  des  Kampfes  und  die  einzelnen
        <pb n="584" />
        572  118.  Die  Schlacht  bei  Sedan.

Momente  markierend.  Die  Schauer  des  Leichenfeldes  machten  einen  tiefen
Eindruck  auf  unsere  Leute.

Gegen  6  Uhr,  nach  14  stündigem,  hartem  Ringen,  verstummte  das  tobende
Feuer  auf  allen  Punkten  des  blutgetränkten  Schlachtfeldes.  Die  französische
Armee  war  eingeschlossen  und  von  allen  Seiten  her  in  die  Festung  zurückgeworfen
  worden;  durch  unsere  Reihen  verbreitete  sich  die  frohe  Kunde,  daß
auf  den  Wällen  von  Sedan  die  weiße  Flagge  wehe.

Um  7  Uhr  erhielten  wir  den  Befehl  auf  die  Biwakplätze  am  Bahnhofe
zurückzukehren.  Mit  Einbruch  der  Dämmerung  erreichten  wir  sie.  Nun
machte  der  knurrende  Magen  seine  Ansprüche  geltend.  Auf  dem  Bahnhofe
stand  ein  langer  Proviantzug  der  Franzosen,  die  Wagen  gefüllt  mit  Rauchfleisch,
  Speck,  Zwieback,  Kaffee  und  Zucker.  Rasch  wurde  ausgeteilt,  noch
rascher  nahm  jeder  einige  Bissen  zu  sich,  die  Pferde  fütterten  wir  mit  dem
letzten  Stück  Brot  und  mit  Zucker  aus  der  Beute,  denn  Furage  war  nicht
vorhanden.  Dann  sank  ein  jeder  auf  der  Scholle  nieder,  wo  er  stand,  und
streckte  sich  zum  Schlafe.  Zwei  Nächte  hintereinander  hatten  wir  auf  Vorposten
  gewacht,  drei  Tage  hintereinander  hatten  wir  geschlagen,  jetzt  forderte
die  Natur  ihre  Rechte,  der  Schlummer  senkte  sich  auf  die  bleischweren  Lider.
Wir  wußten,  daß  wir  einen  großen,  herrlichen  Sieg  errungen  hatten,  aber  die
Größe  des  Erfolges  erfuhren  wir  erst  am  folgenden  Tage.

Der  Morgen  des  2.  September  brach  hell  herein,  er  sollte  nach  drei
Tagen  blutiger  Kämpfe  der  erste  friedliche  Tag  sein.  Aber  Ruhe  fanden  wir
wenig.  Von  Tagesbeginn  an  marschierten  preußische  Truppen  an  unserem
Freilager  vorbei,  sendeten  den  tapfern  Bayern  brausende  Hurrarufe  zu  und
empfingen  ebenso  begeisterte  Antwort;  dann  kamen  lange  Züge  von  französischen
Gefangenen,  die  gestern  auf  freiem  Felde  die  Waffen  gestreckt  hatten.  Sachsen
eskortierten  sie  nach  rückwärts,  sie  mochten  beiläufig  6000  Mann  zählen.
Später  rief  uns  traurige  Pflicht;  es  begannen  die  Bestattungen  der  Gefallenen
und  der  während  der  Nacht  auf  den  Verbandplätzen  und  in  den  Aufnahms-Feldspitälern
  ihren  Wunden  Erlegenen,  voran  der  Offiziere;  an  geeigneten
Stellen  in  den  Feldern,  an  den  Gartenhecken  oder  unter  den  Wipfeln  uralter
Bäume  fanden  die  Braven  ihre  letzte  Ruhestätte.  Die  Musikkapellen  an  der
Spitze  schritten  die  langen  Züge  heran,  Bahre  hinter  Bahre,  und  immer  neue
Bahren  schlossen  sich  aus  dem  Parke  des  uns  gegenüberliegenden  Schlosses
an;  der  Mantel  verhüllte  mitleidig  die  vom  Todeskampf  verzerrten  oder  von
den  Kugeln  entstellten  Gesichter;  gar  mancher  mir  persönlich  liebe  Kamerad
war  unter  ihnen.  Rührend  war  es  zu  schauen,  wie  die  Anhänglichkeit  und
treue  Liebe  der  Untergebenen  die  Bahren  gar  mancher  Offiziere  mit  Blumen
geschmückt,  die  letzten  blühenden  Rosen  aus  den  vom  Blute  der  Streiter  getränkten
  Gärten  über  das  letzte  Lager  gestreut  hatte.  Und  selten  wohl  ist
der  ergreifende  Trauermarsch  Beethovens  so  zu  Herzen  gedrungen  wie  damals
den  Leidtragenden.  —  Aber  der  Soldat  darf  sich  nicht  grämen!  Schlaft
        <pb n="585" />
        118.  Der  Straßenkampf  in  Bazeilles.  573

wohl,  ihr  Tapfern,  in  fremder  Erde!  Mit  uns,  euern  treuen  Kameraden,
trauert  um  euch  das  ganze  deutsche  Vaterland!

Es  mochte  ungefähr  10  Uhr  vormittags  sein,  als  sich  plötzlich  eine
ungemein  rege  Bewegung  geltend  machte.  Generalstabsoffiziere  und  Adjutanten
galoppierten  hin  und  her;  aus  der  Ferne  vernahmen  wir  brausende,  nicht
enden  wollende,  stets  stärker  anschwellende  Hurrarufe  und  die  Töne  rauschender
Musik.  Wir  standen  und  fragten.  Da  sprengte  unser  Divisionskommandeur,
der  ritterliche  Generalleutnant  von  Stephan,  in  unser  Biwak.  Der  alte  Herr
strahlte  vor  Begeisterung  und  rief  mit  weithin  schallender  Stimme:  „Sedan
ist  über!  83.000  Franzosen  sind  gefangen!  Kaiser  Napoleon  hat  dem  König
Wilhelm  seinen  Degen  übergeben!  Hurra  dem  König!  Hurra  unserm
König!“  Die  Luft  erbrauste  von  donnernden  Rufen,  die  Leute  warfen  ihre
Mützen  in  die  Luft,  die  Kameraden  fielen  einander  in  die  Arme  und  Tränen
der  Freude  rannen  gar  manchem  in  den  verwilderten  Bart.  Die  Kapellen
waren  rasch  versammelt  und  stimmten  die  Königshymne  an,  die  in  hellem
Jubel  vom  tausendstimmigen  Chor  der  Krieger  mitgesungen  wurde.  Se.  K.
Hoheit  Prinz  Luitpold  erschien  um  selbst  bei  der  Verkündigung  dieser
hehren  Botschaft  in  Mitte  seiner  treuen  Bayern  zu  sein  und  wurde  gleich
mehreren  Generalen,  die  zur  Begrüßung  der  Truppen  kamen,  mit  begeisterten
Zurufen  empfangen;  anfänglich  vermochte  der  erlauchte  Herr  der  stürmischen
Huldigungen  sich  kaum  zu  erwehren.

Unter  dem  Sturmliede  der  Kanonen  hatte  mit  gewaltigen  Hämmern
Glied  an  Glied  des  ehernen  Ringes  fest  die  deutsche  Siegerfaust  geschmiedet.
„Sieg!  Der  Kaiser  ist  gefangen!“  brauste  es  jubelnd  durch  die  Lüfte,  brauste
es  vom  Tale  zu  den  Bergen,  von  den  Bergen  zurück  ins  Tal  und  der  Wind
trug  den  Jubel  auf  seinen  Fittichen  hinüber  über  Vogesen  und  Rhein,  in  die
Häuser  und  Hütten  der  Heimat.  Der  Verwundete,  der  sich  stöhnend  auf
seiner  Schütte  Stroh  krümmte,  streckte  sich  und  der  Held,  um  dessen  brechendes
Auge  schon  der  Todesschatten  florte,  hob  sein  blutendes  Haupt  empor  und
legte  sich  zufrieden  zurück  zum  Sterben.  Dem  Franzmann  aber  klang  es  wie
die  Todesglocken  von  seines  Vaterlandes  Ehre.  Unter  Blut  und  Eisen  stürzte
jäh  der  Thron  des  welschen  Cäsars  zusammen  und  über  seine  Trümmer  weg,
auf  vom  blutigen  Schlachtgesilde,  hob  stolz  zur  Kronfahrt  seine  Schwingen
der  deutsche  Kaiseraar.

119.  Der  Straßenhampf  in  Bazeilles.
Von  Karl  Bleibtreu.:)

Von  beiden  Seiten  warf  man  immer  neue  Truppen  hinein  um  den
feuerspeienden  Krater  zu  speisen.  Ich  habe  von  diesem  tollen  Gemetzel  nur

)Dies  iraer,  Erinnerungen  eines  französischen  Offiziers  an  die  Tage  von  Sedan,
S.  84  ff.  Stuttgart  1882.  Karl  Krabbe.
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        574  119.  Der  Straßenkampf  in  Bazeilles.

noch  unvollkommene  Vorstellungen.  Es  wurde  mit  der  blutdürstigen  Rachgier
lebenslänglicher  Todfeinde  gestritten.  Auf  deutscher  Seite  langgenährter  Haß,
auf  französischer  die  Erbitterung  hochmütiger  Weltbeherrscher  über  die  Anmaßung
  herausfordernder  Parvenus.  War  es  doch  unbewußt  bei  jedem
einzelnen  ein  Zweikampf  der  zwei  kriegerischesten  Nationen  der  Neuzeit  um  die
Welthegemonie!

Dieses  instinktive  Bewußtsein  riß  wohl  auch  die  Einwohner  fort  sich
an  dem  Blutbade  zu  beteiligen.  Sie  taten  es  in  der  Uniform  von  Nationalgardisten,
  aber  wie  Meuchelmörder.  Man  hat  erzählt,  die  Bayern  hätten
ganze  Familien  in  die  Flammen  gestoßen;  aber  ich  habe  selber  gesehen,  wie
ein  bayerischer  Jäger  ein  altes  Mütterchen,  das  in  der  brennenden  Straße
vor  Mattigkeit  zusammenbrach,  durch  einen  Trunk  aus  seiner  Feldflasche  erquickte
  und  ihr  dann  half  das  Bündel  mit  ihren  Habseligkeiten  auf  den  Rücken
zu  heben.  Ich  habe  ferner  beobachtet,  wie  ein  Einwohner  einen  verwundeten
Bayern  in  ein  brennendes  Haus  zu  schleifen  suchte  und  wie  der  Frevler  von
den  herzueilenden  Kameraden  niedergemacht  und  dann  selber  in  die  Flammen
geschleudert  wurde.

Keiner  von  beiden  verdient  Vorwürfe:  Völkerhaß  ist  unerbittlich.

Bazeilles  war  längst  in  Brand  geschossen;  Hitze  und  Qualm  machten  es
in  vielen  Straßen  unmöglich  den  Kampf  fortzusetzen.  Teilweise  war  ja  auch
der  blühende  Flecken  schon  eingeäschert.  Uberall  geschwärzte  Ruinen!  Achtzig
Häuser,  nicht  Hütten,  nicht  Lehmkaten,  sondern  zweistöckige  Quaderbauten,  aus
massivem  Sandstein  aufgeführt,  lagen  in  Trümmern.  Die  heldenmütigen  Verteidiger
  ließen  sich  einfach  mit  den  Bauten  verbrennen.

Zuletzt  trat  der  elementare  Dämon,  der  in  jeder  Menschenbrust  steckt,  in
seine  Rechte.  Man  fiel  sich  mit  den  Naturwaffen  an,  man  umkrallte  und
würgte  sich.  Ich  sah  Leute,  die  mit  abgerissenem  Bajonett  aufeinander  losgingen
  und  sich,  nur  an  die  Vernichtung  des  Gegners  denkend,  zu  gleicher
Zeit  beim  ersten  Stoße  niedermachten;  Offiziere,  die  einander  ohne  zu  parieren
den  Degen  durch  den  Leib  rannten;  Sterbende,  die  sich  in  ihre  Sieger  krampfhaft
  verbissen  oder  Vorüberschreitende  umzureißen  suchten.  Man  warf  die
Verteidiger  summarisch  zum  Fenster  hinaus,  daß  das  Gehirn  umherspritzte.  Man
schmetterte  sie  von  hinten  mit  Steinen  nieder,  wo  sie,  obwohl  allerseits  umgangen,
bis  zuletzt  hinter  Schutthaufen  und  Mauerresten  am  Boden  liegend,  feuerten
ohne  sich  um  den  Todesstreich  zu  kümmern,  der  sie  vom  Rücken  her  bedrohte.

Es  war  ein  berserkerhafter  Kampfzorn.  Ich  sah  auf  der  Hauptstraße
einen  Marinesoldaten  mit  zerschmettertem  Beine  liegen,  in  seinem  Schmerze  fast
verschmachtend.  Ein  bayerischer  Oberst  bot  ihm  einen  Trunk  Wasser  und  Wein
aus  seiner  Feldflasche,  eine  aufopfernde  und  erbarmungsvolle  Tat  mitten  im  Feuer.
Aber  der  Sterbende  wies  ihn  zurück,  knirschte  mit  den  Zähnen  und  lästerte  Gott.—

Wilde  Flüche,  das  unheimliche  Klirren  des  Bajonettkampfes,  dazwischen
gellendes  Angstgeschrei  flüchtender  Weiber,  Schmerzensgebrüll!  Und  durch  das
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        119.  Der  Straßenkampf  in  Bazeilles.  575

Schmettern  der  Hörner  und  Rollen  der  Trommeln  hindurch  bestialisches  Tigergeheul
  und  hyänenhaftes  Wutgelächter!  —  Pardon  wurde  überhaupt  weder
verlangt  noch  gegeben.

Nur  eine  Tugend  scheint  noch  lebendig  —  denn  die  Tapferkeit  wird  bald
zu  wüstem  Morden  und  tierischem  Instinkt  —  das  ist  ein  gewisser  vager
Patriotismus.  Nicht  mehr  war  es  die  blinde  Vergötterung  militärischer  Götzen,
wie  bei  Waterloo,  wo  man  Grenadiere  den  linken  zerschmetterten  Arm  mit  dem
rechten  in  die  Lüfte  werfen  sah:  „Vive  I’Empereur  jusqu'’à  la  mort!“  —
nicht  mehr  folgte  man  allein  der  Trikolore,  der  Iris  des  Sieges,  und  dem  „heiligen
Kreuz“  des  Ruhmes,  dem  Stern  der  Ehrenlegion.  Die  Austerlitzsonne  war  im
Sinken.  Sie  leuchtete  uns  nicht  mehr  vor  in  die  ewige  Nacht.  —  Immer  vereinzelter
  scholl  das  „Vive  I’Empereur!“  der  Offiziere  und  immer  stärker  schwoll
das  donnernde  Schlachtgeschrei,  das  wir  dem  Feinde  entgegenschleuderten:  „La
France!“  Und  doch  mußten  die  Deutschen  siegen.  Sie  hatten  eine
Idee  auf  ihrer  Seite  —  und  die  siegt  immer.

Es  war  Mittag,  als  Bazeilles  verloren  ging.  Wimpffen  ordnete  mit
vieler  Umsicht  unsere  zweite  Position  in  Balan.  Mich  schickte  er  gegen  Givonne
vor  um  den  dortigen  Zustand  der  Dinge  zu  erkunden.

Es  war  ein  großartiger  Anblick,  wie  er  wohl  kaum  je  einem  menschlichen
Auge  geboten  ist.  Auf  einem  unverhältnismäßig  schmalen  Raume  kämpften
Zehntausende  von  Menschen.  Noch  wurde  unter  mir  im  Grunde  von  Daigny
um  die  Brücke  mit  Heldenmut  gerungen;  aber  das  unheimliche  Knarren  der
Mitrailleusen,  das  sonst  durch  allen  Schlachtenlärm  vernehmlich  gewesen  war,
ließ  sich  nur  noch  in  langen  Zwischenräumen  hören.  Unsere  auf  dem  Plateau
zusammengequetschten  Massen  wurden  um  so  mehr  von  schweren  Verlusten  heimgesucht,
  als  Wimpffen  die  Divisionen  Pellé  und  L'Hériller  zu  Douay,  dieser
aber  mehrere  Brigaden  zur  Verstärkung  nach  Balan  entsendet  hatte.  Diese
Truppen  drängten  und  kreuzten  sich  nun  im  Marsche.

Noch  jetzt  aber  zeigte  sich  keine  Spur  von  Entmutigung.  Obwohl  aus
tausend  Wunden  blutend  stellte  sich  der  umringte  Löwe  doch  überall  brav  und
trotzig  entgegen  und  versuchte  bald  hier  bald  da  einen  Vorstoß  zu  machen
um  dem  verderblichen  Netze  zu  entrinnen.  Überall  brachen  sich  unsere  dezimierten
  Sturmsäulen  an  dem  ehernen  Ring  und  wurden  in  den  Kessel  zurückgetrieben,
  in  welchem  Tod  und  Vernichtung  unbarmherzig  wüteten.  Die
feindlichen  Granaten  wirkten  Erstaunliches.  Sie  flogen  mit  der  Präzision
einer  gut  gezielten  Büchsenkugel.  Tiralleurschwärme  wurden  auf  eine  Entfernung
  von  300  Schritt  zur  Umkehr  gezwungen,  größere  Massen  zerstoben  wie
hilflose  Herden  von  Wölfen  angefallen.

Aus  der  Hölle  von  Bazeilles  auf  die  Höhe  von  Illy  gekommen  zu  sein
hieß  aber  nur  aus  dem  Regen  in  die  Traufe  geraten.  Das  Feuer  dort  oben  war
beispiellos.  Man  denke  sich  ein  schmales  Plateau,  von  einer  dicht  zusammengedrängten
  Armee  besetzt,  das  von  20000  Granaten  gefegt  wird!  Es  war  das
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        576  119.  Der  Straßenkampf  in  Bazeilles.

großartigste  und  entsetzlichste  Schauspiel,  das  ich  je  gesehen  habe.  Auf  den
amphitheatralisch  gelegenen  Waldbergen  ringsum  Hunderte  feindlicher  Geschütze,
die  Tod  und  Verderben  über  die  Täler  ergossen.  Die  ganze  Hölle  schien  losgelassen.
  Es  sauste  und  heulte  durch  die  Luft,  es  krachte  und  platzte  hierhin
und  dorthin.  Fortwährende  Explosionen!  —  Drei  Dörfer  brannten  lichterloh  —
aus  Sedan  leckte  bereits  eine  blutrote  Flamme  empor.  Feuerschein  und  Pulverqualm
  mischten  sich  zu  einer  unbeschreiblich  unheimlichen  Atmosphäre  und  über
der  ganzen  Szene  schien  eine  Wetterwolke  zu  hängen,  aus  der  es  unaufhörlich
blitzte  und  donnerte.  Es  war,  als  ob  die  Engel  des  Jüngsten  Gerichts  die
Schalen  des  Zornes  über  eine  Dantesche  Hölle  ausschütteten.

Endloses  Erdbeben  schüttelte  den  Boden  unter  den  Kämpfenden,  als  ob
die  große  Mutter  sich  in  Krämpfen  winde.  Die  Halme  und  Ahren  lagen  geknickt
  und  in  jeder  Ackerfurche  die  lebende  Blüte  des  Landes  in  Stücke  zerfetzt.
Fast  jeder  Baum  warf  zitternd  Splitter  und  Blätter  als  Bahrtuch  für  die  Gefallenen
  herab.  —  Ein  Chaos  der  Verwüstung,  so  weit  das  Auge  blickte!

Unablässig  drangen  die  Blauen  unten  vor,  unablässig  warfen  sich  ihnen  die
Unsern  entgegen.  Nie  ist  mit  standhafterer  Hingebung  gefochten  worden  als
hier  von  den  Besiegten  von  Wörth.

Da  fesselte  meine  Aufmerksamkeit  eine  merkwürdige  Szene.  Aus  einer
total  zerschossenen  Hütte,  welche  einzustürzen  drohte,  trat  ein  Mann,  warf  sich
aufs  Pferd  und  ritt  dann  mit  wenigen  Begleitern  langsam  guerfeldein  nach
Sedan  zu.  Jeder  erkannte  ihn:  der  Kaiser  war  es!  Sein  Gesicht  war  erdfahl,
  seine  Augen  stier  und  glanzlos,  als  wären  sie  nach  innen  gerichtet.  Ich
konnte  mich  nicht  des  Mitleids  für  den  unglücklichen  Monarchen  erwehren,  der
hier  buchstäblich  den  Tod  gesucht  hatte:  er  sollte  ihn  auf  dem  Felde  der  Ehre
nicht  finden.  Hier  und  da  begrüßte  den  Vorüberreitenden  ein  vereinzeltes:
„Vive  l’Empereur!“,  aber  auch  drohende  Rufe  erhoben  sich.  Nicht  selten  richtete
sich  ein  Verwundeter  auf  um  ihm  mit  geballter  Faust  und  schäumender  Lippe  ein
Schimpfwort  nachzuschleudern.  Es  war  seine  Kalvarienstraße.  Ich  mußte  an
Napoleons  I.  Abendritt  bei  Aspern  denken.  Ob  er  wohl  die  Leichenhügel
zählte?!  —  „Das  Gespenst  des  Kaiserreichs!“  dachte  ich,  als  ich  den  bleichen
Schemen  vorüberschlendern  sah

Dieser  Anblick  konnte  entmutigen.  „Angeschlossen!“  „En  avant!“  „Es
lebe  der  Kaiser!“

„Ach  was!“  knurrte  ein  alter  Sergeant.  „A  bas  Bonaparte!  Cochon!

Vive  la  France!“  Mit  Begeisterung  wurde  dies  Feldgeschrei  aufgenommen,
  und  während  Granate  nach  Granate  ganze  Sektionen  zu  Boden
riß,  ging  es  unter  dem  Gesange  der  Marseillaise,  die  wie  durch  elektrischen
Elan  von  allen  Seiten  angestimmt  wurde,  in  den  Kugelregen  hinein:

„Ihr  Söhne  des  Vaterlandes,  herbei!
Der  Tag  des  Ruhmes  ist  gekommen“
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        120.  Sedan.  577

120.  Sedan.
Von  Karl  Gerok.#)

Wie  Märchen  klingt's  und  doch  im  Jubelton
Durch  alle  Straßen  wälzt  sich's  freudebrausend:
„Sie  haben  ihn,  den  Schelm  Napoleon!

Hie  haben  ihn  und  seine  achtzigtausend!“

Die  Kinder  rufen's  in  den  Gassen  aus,

Den  Männern  rollen  Tränen  von  den  Wangen,
In  Flaggen  hüllt  sich  festlich  Haus  um  Haus;
„Viktoria!  Der  Kaiser  ist  gefangen!“

Vihtoria!  —  So  wuchtig  lag  die  Frucht
Vollreifen  Siegs  noch  nie  in  deutschen  Händen,
Seit  Hermann  in  der  Teutoburgerschlucht
Roms  Heer  zerquetschte  zwischen  Felsenwänden.
Nicht  Leipzig  ist's,  nicht  Waterloo  fortan,

Wo  deutscher  Kraft  ihr  Bestes  ist  gelungen,  —
Dort  hat  es  halb  Europa  mitgetan,  —

Bei  Sedan  haben  wir's  allein  gezwungen.

Viktoria!  —  So  jählings  lag,  so  tief

Der  Deutschen  Todfeind  niemals  noch  danieder,
Augustus  nicht,  als  er  verzweifelnd  rief:

Gib,  Varus  meine  Legionen  wieder!

Richt  König  Franz,  der  nach  Pavias  Strauß
Dem  deutschen  Ritter  übergab  die  Wehre

Und  aus  der  Haft  des  Kaisers  schrieb  nach  Haus:
Alles  verloren,  aber  nicht  die  Ehre.

Du  brachtest  nicht  die  Ehre  mit  ins  Feld,

Du  nimmst  sie  nicht  vom  Feld  mit  ins  Gefängnis.
Ein  kecher  Spieler  warst  du,  doch  kein  Held,
Richt  groß  im  Glüch  und  klein  in  der  Bedrängnis.
Des  Siegers  Mitleid,  deines  Heeres  Hohn

Und  deines  Volkes  Fluch  wird  mit  dir  gehn,

Und  zürnend  wird  dein  Ohm  Napoleon
Allnächtlich  neben  deinem  Lager  stehn.

Ein  Gottesurteil  ist's,  ein  Weltgericht,

Wie  heins  in  der  Geschichte  Buch  geschrieben.
Die  Lüge  bläht  sich,  doch  besteht  sie  nicht;
Gott  bläst  darein,  die  Blase  muß  zerstieben.
Der  Pharao  begrub  im  Roten  Meer,
Rebukadnezar  zwang  den  Staub  zu  essen

!)  „Eichenlaub“,  deutsche  Gedichte  aus  dem  Jahre  1870,  S.  27.  Berlin  18718.
Fr.  Lipperheide.
Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  37
        <pb n="590" />
        578  121.  Die  Waffenstreckung  bei  Sedan.

Und  Sanherib  zerschlug  mitsamt  dem  Heer,
Ist  wieder  einmal  zu  Gericht  gesessen.

Ihr  aber  rollt  aufs  neu'  die  Fahnen  auf,
Glorreiche  Helden,  deutsche  Gottesstreiter!
Mit  Gott  voran  im  blutigen  Siegeslauf!

Bis  hierher  half  er  und  noch  hilft  er  weiter!
Auf  nach  Paris,  ins  stolze  Babylon!
Kein  Halt,  bis  seine  trotzigen  Mauern  fallen!
Dann  soll's  noch  lauter,  soll  im  Donnerton
Vihtorial!  durch  die  deutschen  Lande  hallen!

121.  Die  Waffenstrechung  bei  Sedan;  Zusammenhunft
der  Generale  zu  Donchery.
Von  Wilhelm  Onken.)

Hier#)  schossen  die  Batterien  wie  auf  dem  Schießplatz  nach  der  Scheibe,
ohne  selbst  noch  irgend  welchen  Verlust  zu  haben.  Endlich  schien  der  Augenblick
  zum  Angriff  gekommen  und  eine  Salve  aus  sämtlichen  Geschützen  sollte
der  Infanterie  das  Zeichen  geben.  Die  Salve  krachte  Punkt  2½  Uhr  und  die
Infanterie  stieg  den  Berg  hinan.  Der  Widerstand  war  hier  fast  Null.  An
den  meisten  Stellen  kamen  die  entmutigten  Franzosen  unseren  Truppen  mit
dem  Rufe  entgegen:  pitié,  pitiéc,  nous  ne  pouvons  plus,  nous  sommes
éGcrasés  par  le  feu  de  votre  artillerie  .

Um  dieselbe  Zeit,  da  so  der  rechte  Flügel  der  Franzosen  gewissermaßen
in  Stücke  zerrissen  ward,  machte  ihre  heldenmütige  Reservereiterei  (Divisionen
Marguerite  und  Bonnemains)  die  letzten  verzweifelten  Anstrengungen  den  linken
Flügel  vor  demselben  Schicksale  zu  bewahren.  Drei-,  viermal  waren  bei  Floing
und  Cazal  Lanciers,  Kürassiere,  Chasseurs  und  Husaren  in  dichten  Massen
gegen  das  preußische  Fußvolk  der  43.  Brigade  vorgestürzt  und  durch  die  aufgelösten
  Schützenlinien  hindurchgesprengt,  dann  aber  überall  in  ein  vernichtendes
  Schnellfeuer  geraten,  das  die  geschlossenen  Kompagnien  von  vorn,  von
rechts  und  links  her  auf  sie  abgaben,  indem  sie  die  Reiter  ohne  Viereck  zu
bilden  bis  auf  100  —  150  Schritte  herankommen  ließen  und  dann  ihnen
kaltblütig  ihre  mörderischen  Salven  entgegensandten.  Mit  Hinterlassung  der
Hälfte  ihrer  Offiziere  und  Mannschaften,  die  sich,  Mann  und  Roß  durcheinander,
  zerfleischt  im  Staube  wälzten,  jagten  die  Reste  der  tapferen  Schwadronen
  zurück.

Der  ganze  äußere  Höhenhalbkreis,  welcher  den  inneren  mit  der  Stadt
Sedan  wie  ein  höheres  Stockwerk  überragte,  war  mit  500  deutschen  Geschützen
und  die  wichtigsten  Stellungen  innerhalb  waren  unwiderruflich  von  deutscher

1)  Das  Zeitalter  des  Kaisers  Wilhelm,  II.  Band,  S.  150  ff.  Berlin  1892.
)  D.  i.  um  die  Höhen  von  Illy,  nördlich  Sedan.
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        121.  Die  Waffenstreckung  bei  Sedan.  579

Infanterie  besetzt,
als  König  Wilhelm,
  der  auf  der
Höhe  hinter  Frenois
  auf  dem
linken  Maasufer,
östlich  von  Donchry,
  die  Oberleitung
  der  Schlacht  Leichenfeld  auf  den  Höhen  von  Illy.

geführt  hatte,  um

4  Uhr  den  Befehl  gab,  die  ganze  auf  dem  linken  Maasufer  verfügbare
Artillerie  solle  ihr  Feuer  auf  die  Stadt  Sedan  vereinigen  um  dadurch  eine
Waffenstreckung  zu  erzwingen,  die  dem  deutschen  Heere  fernere  Opfer  ersparen
würde.  Zu  dem  Zwecke  wurden  auch  die  württembergischen  Batterien  aus
Donchery  herangezogen  und  zu  beiden  Seiten  der  großen  Straße,  östlich  von
Frénois,  in  Stellung  gebracht.

Nach  den  ersten  Schüssen  des  nunmehr  verstärkten  Geschützfeuers  schlugen
in  Sedan  an  mehreren  Stellen  die  Flammen  in  die  Höhe.  Die  Spitzen  des
5.  bayerischen  Jägerbataillons  näherten  sich  dem  westlichen  Festungstore,  fanden
dort  nur  wenig  Widerstand  und  waren  eben  im  Begriffe  die  Palisaden  zu
übersteigen,  als  über  der  Stadt  die  weiße  Fahne  sichtbar  ward  und  auf  feindlicher
  Seite  das  Feuer  verstummte,  ein  Beispiel,  das  alsbald  auf  deutscher
Seite  allgemein  Nachahmung  fand.  Um  6  Uhr  war  der  Kampf  zu  Ende  und
seine  Beendigung  durch  das  Aufhissen  der  weißen  Flagge  war  das  persönliche
Werk  des  Kaisers  Napoleon  gewesen,  dem  die  Generale  Ducrot,  Lebrun,  Douay
vorgestellt  hatten,  jeder  Widerstand  sei  vergeblich,  die  Truppen,  seit  zwölf  Stunden
  im  Feuer,  ohne  Ruhe  und  ohne  Speise,  seien  vollkommen  entmutigt,  alle
die,  die  nicht  in  die  brennende  Stadt  zurückgekonnt,  seien  in  den  Gräben  und
an  den  Mauern  des  Platzes  angehäuft:  alles  in  allem  eine  Lage,  die  schleunige
Lösung  forderte.

Indem  er  diese  Entschließung  traf,  begriff  Napoleon  III.  die  ganze
Schwere  der  Verantwortung,  die  er  auf  sich  nahm,  und  hörte  in  Gedanken
all  die  Anklagen,  deren  Gegenstand  er  sein  würde.  Die  Lage  erschien  ihm
in  ihrem  ganzen  Ernste  und  die  Erinnerung  einer  ruhmvollen  Vergangenheit
vermehrte  ihre  Schmerzlichkeit  durch  den  Widerspruch  mit  der  Gegenwart.  Der
Ruhmesglanz,  den  die  französische  Armee  mit  Recht  genossen,  sollte  also  an
einem  Tage  erlöschen  und  angesichts  eines  Unheils  ohnegleichen  der  Kaiser,
obwohl  den  gefaßten  Entschließungen  fremd,  vor  den  Augen  der  Welt  allein
verantwortlich  bleiben  für  alles  Leid,  das  der  Krieg  im  Gefolge  haben  mußte?
Und  wie  wenn  in  dieser  Schreckensstunde  nichts  fehlen  sollte  um  das  Maß
des  Unheils  voll  zu  machen,  sandte  nun  auch  der  General  Wimpffen  dem
Kaiser  seine  Bitte  um  Entlassung  ein,  so  daß  diese  ungezügelte  Armee  sich

37%°
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        580  121.  Die  Waffenstreckung  bei  Sedan.

ohne  Haupt  und  ohne  Leitung  befinden  sollte,  gerade  da  die  äußerste  Tatkraft
nötig  war  um  nur  etwas  Ordnung  herzustellen  und  mit  etwas  besserer  Aussicht
  auf  Erfolg  mit  dem  Feinde  zu  unterhandeln.  Die  Entlassung  ward  nicht
angenommen  und  der  Obergeneral  begriff,  daß,  nachdem  er  in  der  Schlacht
befehligt,  er  auch  die  Pflicht  habe  in  so  kritischen  Umständen  seinen  Posten
nicht  fahnenflüchtig  zu  verlassen.

Während  die  weiße  Fahne  aufgezogen  ward,  erschien  ein  preußischer
Offizier,  Oberstleutnant  Bronsard  von  Schellendorf,  der  ins  Hauptquartier
geführt  werden  wollte.

Von  ihm  erfuhr  man,  daß  der  König  Wilhelm  vor  den  Toren  der  Stadt
sich  befinde,  und  darum  glaubte  der  Kaiser,  das  Beste  für  ihn  werde  sein  sich
unmittelbar  an  das  Haupt  des  Norddeutschen  Bundes  zu  wenden.  „Man  hatte",
schreibt  der  Kaiser,  „in  den  Zeitungen  so  oft  gesagt,  der  König  von  Preußen
führe  den  Krieg  nicht  gegen  Frankreich,  sondern  nur  gegen  den  Kaiser,  daß
dieser  überzeugt  war,  wenn  er  von  der  Bühne  verschwände  und  sich  in  die
Hände  des  Siegers  begäbe,  er  würde  vorteilhaftere  Bedingungen  für  die  Armee
erlangen  und  gleichzeitig  der  Regentin  leichter  die  Möglichkeit  verschaffen  in
Paris  Frieden  zu  schließen.“  Wir  wissen,  die  Unterscheidung  zwischen  Frankreich
  und  dem  Kaiser,  von  der  hier  Napoleon  redet,  war  wohl  im  Jahre  1814
und  1815,  aber  im  Jahre  1870  niemals  gemacht  worden,  niemals  vom  König
Wilhelm  und  niemals  von  irgend  einem  deutschen  Blatt.

Beim  Überschreiten  der  Grenze  Frankreichs  hatte  König  Wilhelm  ausgesprochen,
  er  fechte  nur  gegen  das  bewaffnete,  nicht  gegen  das  unbewaffnete
Frankreich,  nur  gegen  Soldaten,  nicht  gegen  friedliche  Bürger.

Aber  das  war  ja  etwas  ganz  anderes,  als  was  hier  der  Keaiser  sich
selber  vorgespiegelt  hat.

In  diesem  Wahn  schrieb  der  Kaiser  an  den  König  Wilhelm  den  berühmten
  Brief.)

Der  General  Reille  war's,  der  diese  Zeilen  auf  der  Höhe  von  Frenois
dem  König  Wilhelm  übergab  und  dann  dessen  Antwort  nach  Sedan  zurückbrachte.
  Der  Inhalt  des  Briefwechsels  hatte  sich  wie  ein  Lauffeuer  bei  den
Truppenteilen  verbreiket,  und  als  Reille  zurückkam,  da  vernahm  er  ein  tausendstimmiges
  Hurra,  das  fortrollte  von  Truppe  zu  Truppe,  von  Höhe  zu  Höhe
und  endlich  das  ganze  Tal  ausfüllte  mit  immer  neuem  Widerhall;  dies  Hurra
feierte  den  entscheidendsten  aller  Siege  und  begrüßte  den  Frieden,  den  alle
Welt  näher  glaubte,  als  er  wirklich  war.  Erst  offenbaren  sollte  sich,  was

1)  Monsieur  mon  frerc,

N’'ayant  pas  pu  mourir  au  milien  de  mes  troupes  il  ne  me  reste  du  ’à  remettre
mon  6Ppée  entre  les  mains  de  Votre  Majesté.  —  Je  suis  de  Votre  Majesté  le  bon  frre

Sedan  le  1.  sept.  1870.  Napoléon.
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        121.  Die  Waffenstreckung  bei  Sedan.  581

damals  niemand  ahnte:  der  Degen,  den  Napoleon  übergeben  hatte,  war  nur
der  Degen  eines  gewesenen  Kaisers,  aber  der  Degen  Frankreichs  war  es  nicht.

Die  eigenmächtige  Aufhissung  der  weißen  Fahne  war  die  letzte  Handlung,
welche  Napoleon  III.  kraft  seiner  rechtlich  noch  nicht  erloschenen  Eigenschaft
als  Souverän  verrichtet  hatte.  In  dem  Briefe,  den  er  gleich  danach  an  König
Wilhelm  schrieb,  sprach  kein  Staatsoberhaupt  und  kein  Oberfeldherr  mehr.
Weder  von  der  Festung  noch  vom  Heere,  weder  vom  Waffenstillstand  noch  vom
Frieden  war  darin  die  Rede;  nur  den  Verzicht  auf  die  Fortsetzung  eines  unwiderruflich
  verlorenen  Kampfes  hatte  er  persönlich  angemeldet,  aber  nicht  die
mindeste  Andeutung  hinzugefügt  über  den  Sinn  und  Umfang,  in  dem  dieser
Verzicht  auch  für  andere  gelten  sollte.  Der  Hintergedanke,  der  in  diesem  Verfahren
  lauerte,  offenbarte  sich  nicht  auf  den  ersten  Blick.  Einen  Brief  gerade
solchen  Wortlautes  hatte  der  König  Wilhelm  nicht  erwartet.

Als  am  Abend  des  1.  September  um  ½7  Uhr  General  Graf  Reille  mit
dem  Briefe  des  Kaisers  nach  der  Höhe  von  Frenois  heraufgeritten  kam,  stand
der  König  mit  dem  Krouprinzen,  den  er  von  Donchéry  hatte  herrüberrufen
lassen,  inmitten  eines  Halbkreises,  den  mit  Bismarck,  Moltke  und  Roon  die
anwesenden  Fürsten  um  ihn  bildeten.  Zehn  Schritte  vor  dem  König  stieg  der
Parlamentär  ab,  ging  auf  ihn  zu,  zog  die  Mütze  und  übergab  ihm  einen
großen,  rotgesiegelten  Brief.  Nun  traten  alle  von  dem  König  zurück,  der  das
Schreiben  öffnete  und  las.  Während  er  las,  herrschte  Totenstille  unter  der
immer  zahlreicher  gewordenen  Umgebung  und  nur  das  wirre  Summen  der
Tausende  von  Kriegern,  die  sich  im  Tal  noch  drohend  gegenüberstanden,  drang
den  Berg  herauf.  Nachdem  er  gelesen,  übergab  der  König  den  Brief  dem
Grafen  Bismarck,  der  ihn  dem  Kronprinzen  und  den  Generalen  von  Moltke  und
Roon  vorlas.  Hierauf  erhielt  Bismarck  den  Befehl  die  Antwort  zu  entwerfen,
die  dieser  dem  Grafen  Hatzfeld  diktierte.  Stehend  schrieb  dann  König  Wilhelm
an  den  Kaiser  in  französischer  Sprache:

„Mein  Herr  Bruder!  Mit  Bedauern  über  die  Umstände,  unter  denen
wir  zusammentreffen,  nehme  ich  den  Degen  Ew.  Majestät  an  und  bitte  Sie
einen  Ihrer  Offiziere  ernennen  zu  wollen,  der  bevollmächtigt  wird  über  die
Bedingungen  der  Ergebung  der  Armee  zu  unterhandeln,  die  sich  unter  Ihren
Befehlen  so  tapfer  geschlagen  hat.  Meinerseits  habe  ich  den  General  von  Moltke
dazu  bestimmt.

Ew.  Majestät  guter  Bruder
Wilheln.“

Vor  Sedan,  1.  September  1870.

Als  Reille  mit  der  Antwort  fort  war,  fielen  sich  der  König  und  der
Kronprinz  um  den  Hals.  Jetzt  drängte  sich  alles  herbei  um  Glück  zu  wünschen
zu  dem  entscheidendsten  aller  Siege.  In  unbeschreiblicher  Begeisterung,  in  Umarmungen,
  Freudentränen  und  Jubelrufen  löste  sich  die  bis  dahin  fieberhafte
Spannung  der  Gemüter  auf.  In  des  Königs  Augen  las  man  die  freudige
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        582  121.  Die  Waffenstreckung  bei  Sedan.

Bewegung,  die  sein  Inneres  erfüllte,  aber  auch  die  ernsten  Sorgen,  die  ihr
das  Gegengewicht  hielten.  Für  alle  Glückwünsche  und  verwegenen  Hoffnungsworte
  dankte  er  nur  mit  einem  Händedruck.  Unter  vielen  Trunkenen  schien
er  der  einzig  Nüchterne  zu  sein  und  zum  Grafen  Bismarck  sagte  er:  „Dies
weltgeschichtliche  Ereignis,  fürchte  ich,  bringt  uns  den  Frieden  noch  nicht.“

Noch  in  der  Nacht  fand  zu  Donchery  die  erste  Zusammenkunft  der  Bevollmächtigten
  statt,  deren  Aufgabe  war  den  Vertrag  über  die  Waffenstreckung
des  französischen  Heeres  abzuschließen.

Zu  dieser  Zusammenkunft  begab  sich  der  General  von  Moltke,  begleitet
von  seinem  Generalquartiermeister  und  dem  Generalstab;  auf  Befehl  des
Königs  wohnte  auch  der  Bundeskanzler  Graf  Bismarck  der  Unterredung  bei,
die  der  Rittmeister  Graf  Nostiz  an  Ort  und  Stelle  zu  stenographieren  hatte.
Auf  dem  Wege  nach  Donchèry  erwogen  Bismarck  und  Moltke  die  Frage,
inwieweit  es  möglich  sein  werde  die  Achtung  vor  der  Tapferkeit,  mit  der  der
Feind  sich  geschlagen  hatte,  in  den  Bedingungen  zu  betätigen,  die  ihm  jetzt
gestellt  werden  mußten,  und  sie  einigten  sich  rasch  in  dem  Entschlusse  den  Satz
festzuhalten,  daß  ein  Volk,  welches  vier  Jahre  lang  diesen  Krieg  gefordert  habe
um  eine  von  ihm  selbst  gar  nicht  erlittene  Niederlage  zu  rächen,  die  Niederlage,
  die  es  nunmehr  selbst  erfahren,  niemals  verschmerzen  und  folglich  auch
großmütige  Schonung  nie  verzeihen  werde.  Daraus  ergab  sich  von  selbst  die
Forderung:  Niederlegen  der  Waffen  und  Kriegsgefangenschaft  der  ganzen  Armee.

Im  Quartiere  des  Grafen  Bismarck  zu  Donchery  fand  nachts  10  Uhr
die  Unterredung  statt.

Die  Franzosen  waren  schon  seit  zehn  Minuten  versammelt,  als  General
von  Moltke  mit  Graf  Bismarck,  General  von  Blumenthal  und  einigen  Offizieren
eintrat.  Nach  kurzer  Begrüßung  fragte  er  den  General  von  Wimpffen,  ob  er
Vollmachten  besitze,  und  auf  dessen  bejahende  Antwort  verlangte  er  sie  zu  sehen
und  zu  prüsen.  Nachdem  dies  geschehen  war,  stellte  General  Wimpffen  seine
Begleiter,  den  General  Castelnau  und  den  General  Faure,  vor.  Auf  die  Frage
des  Generals  von  Moltke,  in  welcher  Eigenschaft  diese  beiden  Generale  gekommen
seien,  antwortete  General  Faure,  er  sei  gekommen  als  Stabschef  des  Marschalls
Mac  Mahon  um  General  Wimpffen  zu  begleiten,  habe  aber  sonst  keinen  amtlichen
  Auftrag,  und  der  General  Castelnau  sagte,  er  habe  eine  mündliche  und
halbamtliche  Mitteilung  des  Kaisers  zu  überbringen,  diese  Mitteilung  werde
aber  erst  am  Ende  der  Unterredung  ihre  Wirkung  tun;  an  der  Unterredung
selber  anderweitig  teilzunehmen  habe  er  keinen  Auftrag.  Darauf  nannte
General  von  Moltke  mit  einer  Handbewegung  den  Grafen  Bismarck  und  den
General  von  Blumenthal  und  man  setzte  sich  an  den  Tisch,  der  in  der  Mitte
des  Zimmers  stand.  Auf  der  einen  Seite  dieses  Tisches,  auf  dem  eine  rote
Decke  lag,  saß  Moltke  mit  Bismarck  zur  Linken  und  Blumenthal  zur  Rechten,
auf  der  anderen  saß  allein  der  General  von  Wimpffen;  hinter  ihm,  im  Schatten
fast  verloren,  die  Generale  Castelnau  und  Faure  und  die  anderen  französischen
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        121.  Die  Waffenstrecung  bei  Sedan.  583

Offiziere;  außerdem  waren  noch  sieben  oder  acht  preußische  Offiziere  anwesend,
von  denen  der  Graf  Nostitz  auf  einen  Wink  des  Generals  Blumenthal  sich  an
den  Kamin  setzte,  um  der  Unterredung  mit  der  Feder  zu  folgen.

Nachdem  man  sich  gesetzt  hatte,  trat  eine  Pause  erwartungsvoller  Stille
ein;  der  General  Wimpffen  wollte  nicht  anfangen,  aber  als  Moltke  in  eisigem
Schweigen  verharrte,  entschloß  er  sich  endlich  das  Wort  zu  nehmen.

„Ich  möchte,“  sagte  er,  „die  Bedingungen  kennen  lernen,  welche  Se.  Majder
  König  von  Preußen  geneigt  ist  uns  zu  bewilligen.“  „Sie  sind  sehr  einsach,“
  erwiderte  Moltke;  „die  ganze  Armee  ist  kriegsgefangen  mit  Waffen  und
Gepäck;  man  würde  den  Offizieren  ihre  Wassen  lassen  als  Zeichen  der  Achtung
vor  ihrem  Mut,  aber  sie  werden  Kriegsgefangene  wie  die  Mannschaften  auch.“
„Diese  Bedingungen  sind  sehr  hart,  General“,  erwiderte  Wimpffen,  „und  mir
scheint,  für  seinen  Mut  verdient  das  französische  Heer  ein  besseres  Schicksal.
Könnten  ihr  nicht  folgende  Bedingungen  eingeräumt  werden?  Ihner  bliebe  die
Festung  mit  den  Geschützen,  der  Armee  aber  würde  gestattet  mit  Waffen,  Gepäck
  und  Fahnen  abzuziehen  mit  der  Verpflichtung  während  der  Dauer  dieses
Krieges  nicht  mehr  gegen  Preußen  zu  dienen;  diese  Verpflichtung  würden  der
Kaiser  und  die  Generale  für  die  Armee,  die  Offiziere  jeder  für  sich  schriftlich
eingehen  und  dann  würde  die  Armee  in  einen  von  Preußen  zu  bestimmenden
Teil  Frankreichs  oder  nach  Algerien  geschickt  werden  um  dort  bis  zum  Friedensschlusse
  zu  bleiben.“  Ohne  eine  Miene  zu  verziehen  antwortete  General
von  Moltke,  seine  Forderung  sei  umviderruflich  und  unabänderlich.  Nun  hielt
ihm  General  Wimpffen  eine  große  Rede  über  die  ganz  unsagbar  peinliche  Lage,
in  die  er  persönlich  sich  gesetzt  finde,  er,  der  vor  48  Stunden  in  der  Sandwüste
  Afrikas  aufgebrochen  sei  um  jetzt  seinen  ehrlichen  Kriegernamen  für
immer  zu  beflecken  durch  Unterzeichnung  eines  Vertrages  von  solch  unerhörtem
Inhalte,  und  doch  habe  er  die  Schlacht,  um  deren  Ergebnis  es  sich  handle,
gar  nicht  selbst  eingeleitet,  müsse  vielmehr  büßen  für  das,  was  andere  getan
oder  unterlassen  hätten.  Als  er  sah,  daß  General  von  Moltke  sich  durch  diese
Betrachtungen  nicht  rühren  ließ,  rief  er  in  fast  drohendem  Tone:  „Wenn  Sie
mir  nicht  bessere  Bedingungen  gewähren,  so  lege  ich  Berufung  ein  an  meine
Armee  und  ihre  Ehre  und  es  wird  mir  gelingen  entweder  einen  Durchbruch
zu  machen  oder  mich  in  Sedan  zu  verteidigen!“

Da  fiel  General  von  Moltke  mit  den  Worten  in  die  Rede:  „Ich  habe
große  Achtung  vor  Ihnen,  ich  würdige  Ihre  Lage  und  bedaure  nichts  von
dem  tun  zu  können,  was  Sie  verlangen;  aber  ein  Durchbruch  ist  für  Sie
ebenso  unmöglich  als  ein  Aushalten  in  Sedan.  Gewiß,  Ihre  Truppen  sind  wirklich
  ausgezeichnet.  Ihre  Elite-Infanterie  ist  hervorragend,  Ihre  Reiterei  kühn  und
unverdrossen,  Ihre  Artillerie  bewunderungswürdig  und  hat  uns  viel  zu  viel
Schaden  getan;  aber  ein  großer  Teil  Ihrer  Infanterie  ist  außer  Rand  und
Band,  wir  haben  heute  mehr  als  21000  Mann  unverwundet  gefangen  genommen.
  —  Augerblicklich  haben  Sie  nur  noch  80000  Mann.  Unter
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        584  121.  Die  Waffenstreckung  bei  Sedan.

solchen  Umständen  können  Sie  sich  nicht  durchschlagen,  denn  ich  habe  jetzt
rings  um  Sie  her  noch  240000  Mann  mit  500  Feuerschlünden,  von  denen
schon  300  in  Stellung  sind  um  auf  Sedan  zu  schießen,  die  200  anderen
werden  morgen  bei  Tagesanbruch  in  Stellung  sein.  Wollen  Sie  sich  davon
überzeugen,  so  kann  ich  einen  Ihrer  Offiziere  in  die  verschiedenen  Aufstellungen
unserer  Truppen  führen  lassen  und  er  wird  die  Richtigkeit  dessen,  was  ich  sage,
bestätigen  können.  In  Sedan  aber  sich  zu  verteidigen  ist  Ihnen  erst  recht
unmöglich:  Sie  haben  nicht  für  48  Stunden  mehr  zu  leben  und  Munition
haben  Sie  gar  nicht  mehr.“

Jetzt  zog  General  Wimpffen  andere  Saiten  auf;  er  riet  durch  Großmut
den  Dank  Frankreichs  zu  erwerben  und  dadurch  dem  künftigen  Frieden  Bürgschaften
  der  Dauer  zu  geben.  „Sie  werden  Frieden  schließen,“  sagte  er,  „und
wünschen  ohne  Zweifel  ihn  bald  zu  schließen;  mehr  als  jede  andere  ist  die
französische  Nation  hochherzig  und  ritterlich  und  folglich  auch  empfänglich  für
die  Großmut,  die  man  ihr  erweist,  und  dankbar  für  die  Schonung,  die  man
ihr  zeigt.  Wenn  Sie  uns  Bedingungen  bewilligen,  die  dem  Selbstgefühle  der
Armee  schmeicheln,  wird  sich  das  Land  auch  geschmeichelt  fühlen,  das  wird  in
den  Augen  der  Nation  den  Schmerz  der  Niederlage  mildern  und  ein  unter
solchen  Umständen  geschlossener  Friede  wird  Aussicht  auf  Dauer  haben,  denn
Ihr  hochherziges  Handeln  wird  die  Türe  geöffnet  haben  für  die  Wiederkehr
der  Empfindungen  der  Gegenliebe,  wie  sie  zwischen  zwei  großen  Nachbarvölkern
bestehen  sollen  und  wie  Sie  sie  auch  wünschen  müssen.  Wenn  Sie  dagegen  auf
Maßregeln  der  Strenge  wider  uns  beharren,  so  werden  Sie  Zorn  und  Haß
in  jeder  Soldatenbrust  entzünden:  das  Ehrgefühl  der  ganzen  Nation  wird
unheilbar  verletzt;  denn  sie  wird  sich  eins  fühlen  mit  der  Armee  und  dieselben
Empfindungen  haben  wie  diese.  So  werden  Sie  alle  schlechten  Triebe  wieder
aufwecken,  welche  der  Fortschritt  der  Gesittung  eingeschläfert  hatte,  und  Sie
werden  zwischen  Frankreich  und  Preußen  endlosen  Krieg  entflammen."“

Das  war  das  Stichwort,  auf  das  Graf  Bismarck  gewartet  hatte.  Den
Wert  dessen,  was  man  im  Jahre  1815  „moralische  Garantien“  genannt,  die
Unausrottbarkeit  der  Rhein=  und  Rachegelüste  der  Franzosen  hatte  er  ja  in
vieljähriger  Erfahrung  gründlich  kennen  gelernt  und  alles,  was  er  früher  um
des  lieben  Friedens  willen  gewaltsam  in  sich  zurückgehalten,  das  strömte  er
jetzt  aus  in  einer  der  glänzendsten  Stegreifreden,  die  jemals  in  so  engem  Kreise
gehalten  worden  sind:  „Ihre  Schlußfolgerung,  Herr  General,“  sagte  er,
„scheint  beim  ersten  Blicke  bündig  zu  sein,  in  Wahrheit  ist  sie  bloß  bestechend
und  hält  keiner  Prüfung  stand.  Im  allgemeinen  muß  man  auf  Dank  sehr
wenig,  auf  die  Dankbarkeit  eines  Volkes  aber  gar  nicht  rechnen.  An  die
Dankbarkeit  eines  Souveräns,  im  Notfalle  an  die  seiner  Familie  kann  man
glauben,  unter  Umständen  sogar  mit  aller  Zuversicht  darauf  zählen,  aber  ich
wiederhole,  von  der  Dankbarkeit  einer  Nation  muß  man  nichts  erwarten.
Wäre  das  französische  Volk  ein  Volk  wie  andere,  hätte  es  gediegene  Ein-
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        121.  Die  Waffenstreckung  bei  Sedan.  585

richtungen,  erwiese  es  wie  das  unsere  diesen  Einrichtungen  den  Dienst  der
Achtung  und  Verehrung,  hätte  es  einen  Fürsten,  der  fest  auf  dem  Throne
säße,  so  könnten  wir  an  die  Dankbarkeit  des  Kaisers  und  an  die  seines  Sohnes
glauben  und  Wert  legen  auf  diese  Dankbarkeit;  in  Frankreich  aber  sind  seit
80  Jahren  die  Regierungen  so  wenig  dauerhaft,  so  buntscheckig  gewesen,  sie
haben  so  rasche  und  unberechenbare  Wechsel  durchgemacht,  daß  man  in  Ihrem
Lande  auf  nichts  bauen  kann  und  daß,  wenn  eine  Nachbarnation  ihre  Hoffnung
  auf  die  Freundschaft  eines  französischen  Souveräns  setzen  wollte,  dies
einfach  Torheit  sein  würde,  es  hieße  in  die  Luft  bauen.  Überdies  wäre  es  ja
sinnlos  sich  einzubilden,  Frankreich  könnte  uns  jemals  unsere  Erfolge  verzeihen.
  Sie  sind  ein  reizbares,  neidisches  Volk,  eifersüchtig  und  hochmütig  bis
zum  Übermaß.  Seit  200  Jahren  hat  Frankreich  dreißigmal  an  Preußen,  (sich
verbessernd)  an  Deutschland  den  Krieg  erklärt;  und  diesmal  haben  Sie  ihn
uns  erklärt,  wie  immer  aus  Eifersucht,  weil  Sie  uns  unsern  Sieg  bei  Sadowa
nicht  vergeben  konnten,  und  doch  hatte  Sadowa  Ihnen  nichts  gekostet  und
konnte  Ihren  Ruhm  nicht  schmälern.  Aber  es  schien  Ihnen,  als  wäre  der
Sieg  ein  Erbe,  auf  das  außer  Ihnen  niemand  ein  Recht  hätte,  als  wäre  der
Waffenruhm  für  Sie  ein  Monopol.  Sie  konnten  nicht  ertragen,  daß  an
Ihrer  Seite  eine  Nation  erstand,  ebenso  stark  wie  Sie.  Sadowa  haben  Sie
uns  nicht  verziehen,  wo  weder  Ihre  Interessen  noch  Ihr  Ruhm  im  Spiele
waren.  Und  Sie  sollten  uns  Ihren  Zusammenbruch  bei  Sedan  vergeben?
Niemals!  Wenn  wir  jetzt  Frieden  machten,  so  würden  Sie  in  fünf,  zehn
Jahren,  sobald  Sie  könnten,  den  Krieg  von  vorne  beginnen.  Das  wäre  die
ganze  Dankbarkeit,  die  wir  von  der  französischen  Nation  zu  erwarten  hätten!
Im  Gegensatz  zu  Frankreich  sind  wir  eine  rechtschaffene  und  friedliebende
Nation,  die  niemals  Eroberungslust  in  Versuchung  führt  und  die  nichts  anderes
möchte  als  im  Frieden  leben,  wenn  Sie  nicht  beständig  mit  Ihrem  Hange  zum
Streit  und  Ubergriff  dazwischen  kämen.  Heute  ist  es  endlich  genug.  Frankreich
  muß  gezüchtigt  werden  für  seinen  Dünkel  und  für  seinen  ewig  friedlosen
Angriffsgeist.  Endlich  wollen  wir  die  Sicherheit  unserer  Kinder  festlegen  und
dazu  brauchen  wir  ein  Glacis  zwischen  Frankreich  und  uns;  wir  brauchen  ein
Land,  Festungen  und  Grenzen,  die  uns  für  immer  gegen  jeden  Überfall  von
seiner  Seite  sicherstellen.“

Der.  General  Wimpffen  widersprach:  Die  französische  Nation  sei  nicht
mehr,  was  sie  im  Jahre  1815  gewesen  und  dürfe  nicht  beurteilt  werden  nach
den  Versen  einiger  Dichter  und  den  Artikeln  einiger  Zeitungsschreiber.  Dank
dem  Wohlstande,  den  das  Kaisertum  verbreitet,  hätten  sich  jetzt  alle  Köpfe
auf  Spekulation,  Geschäfte,  Gewerbe  und  Künste  geworfen.  Jeder  wolle  sein
persönliches  Behagen  steigern  und  denke  an  sein  Sonderinteresse  mehr  als  an
den  Ruhm.  Man  sei  in  Frankreich  ganz  bereit  die  Verbrüderung  der  Völker
auszurufen.  Welch  ein  Erbhaß  habe  nicht  zwischen  Frankreich  und  England
geherrscht  und  wo  sei  der  hingekommen?  Seien  die  Engländer  heute  nicht  die
        <pb n="598" />
        586  121.  Die  Waffenstreckung  bei  Sedan.

besten  Freunde  Frankreichs?  So  würden  die  Franzosen  auch  die  besten
Freunde  Deutschlands  werden,  wenn  dieses  sich  großmütig  zeige  und  nicht
durch  unzeitgemäße  Härte  erloschene  Leidenschaften  wieder  anfache.  Hier
unterbrach  ihn  Graf  Bismarck  mit  den  Worten:  „Nein,  Frankreich  hat  sich  nicht
geändert,  es  hat  selbst  den  Krieg  gewollt  und  um  diesem  nationalen  Ruhmeswahne
  in  dynastischem  Interesse  zu  schmeicheln  hat  der  Kaiser  Napoleon  III.
uns  herausgefordert.  Wir  wissen  sehr  wohl,  daß  der  vernünftige  und  besonnene
  Teil  der  Nation  nicht  zum  Kriege  trieb;  nichtsdestoweniger  hat  er  den
Gedanken  desselben  gerne  angenommen.  Wir  wissen  sehr  wohl,  daß  die  Armee
uns  durchaus  nicht  am  meisten  feind  war,  aber  der  Teil  Frankreichs,  welcher
zum  Kriege  trieb,  ist  eben  derjenige,  welcher  die  Regierungen  macht  und  stürzt.
Bei  ihnen  ist  es  das  Gesindel  und  auch  die  Journalisten  und  die  wollen  wir
züchtigen;  deshalb  müssen  wir  nach  Paris.  Wer  weiß,  was  geschieht?  Vielleicht
bildet  sich  bei  Ihnen  irgend  eine  Regierung,  die  vor  nichts  Achtung  hat,  die
Gesetze  nach  ihrem  Belieben  macht  und  den  Ergebungsvertrag  nicht  anerkennt,
den  Sie  für  die  Armee  schließen  werden,  die  vielleicht  die  Offiziere  zwingt  die
Versprechungen  zu  brechen,  die  sie  uns  gegeben  haben,  denn  ohne  Zweifel
wird  man  sich  verteidigen  wollen  um  jeden  Preis.  Wir  wissen  wohl,  daß
man  in  Frankreich  schnell  Soldaten  macht;  aber  junge  Krieger  wiegen  feuerfeste
  Krieger  nicht  auf,  und  was  man  nicht  aus  dem  Stegreif  macht,  das  ist
ein  Offizierkorps,  das  sind  selbst  die  Unteroffiziere.  Wir  wollen  den  Frieden,
aber  einen  dauerhaften  Frieden  und  unter  den  Bedingungen,  die  ich  Ihnen
schon  angegeben  habe;  zu  dem  Zweck  müssen  wir  Frankreich  unfähig  machen
uns  zu  widerstehen.  Das  Los  der  Schlachten  hat  uns  die  besten  Soldaten,
die  besten  Offiziere  der  französischen  Armee  in  die  Hände  gegeben;  sie  gutwillig
  freigeben  um  sie  von  neuem  gegen  uns  marschieren  zu  sehen  wäre
Wahnwitz,  hieße  den  Krieg  verlängern  und  sündigen  wider  das  Wohl  unserer
Völker.  Nein,  General,  wie  warmen  Anteil  wir  nehmen  mögen  an  Ihrer
Lage,  wie  schmeichelhaft  unsere  Meinung  sein  mag  von  Ihrer  Armee  —  wir
können  Ihre  Forderung  nicht  bewilligen  und  nichts  ändern  an  den  ersten  Bedingungen,
  die  Ihnen  gestellt  worden  sind.“  —  „Wohlan,“  sagte  General
Wimpffen  würdevoll,  „dann  ist  mir  ebenso  unmöglich  eine  solche  Kapitulation
zu  unterzeichnen  und  wir  fangen  die  Schlacht  von  neuem  an.“

Jetzt  ergriff  der  General  Castelnau  das  Wort  und  sagte  mit  stockender
Stimme:  „Ich  glaube,  der  Augenblick  ist  gekommen  die  Botschaft  des  Kaisers
auszurichten.“  —  „Wir  hören,  General,“  sagte  Graf  Bismarck.  —  „Der
Kaiser,“  fuhr  General  Castelnau  fort,  „hat  mich  beauftragt  Sr.  Majestät  dem
Könige  von  Preußen  zu  bemerken,  daß  er  ihm  seinen  Degen  ohne  Bedingung
zugesandt  und  sich  persönlich  ganz  seiner  Gnade  übergeben  habe,  aber  nur  in  der
Hoffnung,  daß  der  König  gerührt  sein  werde  durch  solch  vollständige  Hingabe,
daß  er  dies  Opfer  würdigen  und  darum  der  französischen  Armee  eine  ehrenvolle
Kapitulation  bewilligen  werde,  eine  solche,  wie  ihr  Mut  sie  verdient  habe."
        <pb n="599" />
        121.  Die  Waffenstreckung  bei  Sedan.  587

„Ist  das  alles?“  fragte  Bismarck.  —  „Ja“,  antwortete  der  General.
—  „IAber  wessen  Degen  ist  denn  eigentlich  der,  den  der  Kaiser  Napoleon  III.
übergeben  hat?  Ist  es  der  Degen  Frankreichs  oder  nur  sein  eigener  Degen?
Ist  es  der  Degen  Frankreichs,  so  können  die  Bedingungen  ganz  erheblich  gemildert
  werden  und  Ihre  Botschaft  hätte  ein  ganz  außerordentliches  Gewicht.“
—  „Es  ist  nur  der  Degen  des  Kaisers“,  antwortete  der  General.  —  „In
diesem  Falle,“  sagte  General  Moltke,  „ändert  sich  nichts  an  den  Bedingungen;
für  seine  Person  aber  wird  der  Kaiser  erhalten,  was  immer  er  verlangen
  mag."“

Der  Brief  des  Kaisers  war  also  nur  eine  Falle  gewesen,  welche  der
Großmut  des  Königs  Wilhelm  gestellt  war.  Wenn  er  nicht  durchschaute,
was  der  kaiserliche  Brief  absichtlich  im  Dunkeln  ließ,  so  sollte  er  in  dem
Glauben,  Frankreich  selber  liege  ihm  zu  Füßen  und  ein  rascher  Friede  sei
schon  ein  Opfer  wert,  so  lange  gelassen  werden,  bis  er  gerührt  durch  das
schreckliche  Schicksal  des  Kaisers  die  Zusage  gegeben  hätte,  er  wolle  die  Armee
entlassen  und  dann  erst  sollte  er  erfahren,  daß  er  nicht  das  Oberhaupt  Frankreichs,
  sondern  lediglich  einen  ganz  gewöhnlichen  Schlachtenbummler  gefangen
genommen  habe.  Das  war  die  Hinterlist,  die  durch  dieses  Gespräch  zu
Donchéry  gleichzeitig  aufgedeckt  und  vereitelt  ward.  Dem  General  Wimpffen
blieb  jetzt  nichts  übrig  als  Unterwerfung  oder  neuer  Kampf  und  zum  letztern
schien  er  entschlossen.  Er  erklärte  dem  General  Moltke:  „Wir  nehmen  den
Kampf  von  neuem  auf“,  worauf  Moltke  antwortete:  „Die  Waffenruhe  erlischt
morgen  früh  um  4  Uhr.  Genau  um  4  Uhr  eröffne  ich  das  Feuer.“

Alles  war  aufgestanden  um  nach  den  Pferden  zu  rufen.  Seit  den
letzten  Worten  des  Generals  Moltke  herrschte  ein  eisiges  Schweigen,  niemand
sprach  ein  Wort,  da  wandte  sich  Graf  Bismarck  von  neuem  an  den  General
Wimpffen  und  sagte:  „Ja,  General,  Sie  haben  tapfere  und  heldenmütige
Soldaten,  ich  zweifle  nicht  daran,  daß  Sie  morgen  Wunder  der  Tapferkeit
verrichten  und  uns  empfindliche  Verluste  beibringen  werden;  aber  was  würde
das  helfen?  Morgen  abend  werden  Sie  nicht  weiter  sein  als  heute,  nur
werden  Sie  das  ganz  unnütz  vergossene  Blut  Ihrer  und  unserer  Soldaten
auf  dem  Gewissen  haben.  Lassen  Sie  sich  durch  einen  Augenblick  des  Unmuts
nicht  bestimmen  die  Beratung  abzubrechen.  Der  General  von  Moltke  wird  Sie,
wie  ich  hoffe,  überzeugen,  daß  jeder  Widerstandsversuch  Ihrerseits  Torheit  wäre.“

Man  setzte  sich  wieder  und  General  Moltke  begann  von  neuem:  „Ich
wiederhole  Ihnen  die  Versicherung,  daß  ein  Durchbruch  niemals  gelingen
kann,  selbst  wenn  Ihre  Truppen  sich  in  den  allerbesten  Stellungen  befänden;
denn,  abgesehen  von  der  großen  Überlegenheit  meiner  Streiterzahl  und  meiner
Artillerie,  nehme  ich  Stellungen  ein,  aus  denen  ich  Sedan  in  einigen  Stunden
in  Brand  schießen  kann.  Diese  Stellungen  beherrschen  alle  Ausgänge,  durch
welche  Sie  versuchen  könnten  den  Kreis,  der  Sie  umschließt,  zu  verlassen  und
sie  sind  so  stark,  daß  es  unmöglich  ist  sie  wegzunehmen."“
        <pb n="600" />
        588  121.  Die  Waffenstreckung  bei  Sedan.

„Oh,  sie  sind  nicht  so  stark,  wie  Sie  behaupten,  diese  Stellungen“  —
warf  der  General  Wimpffen  ein.  Da  versetzte  General  Moltke  in  scharfem
Ton:  „Sie  kennen  einfach  die  örtliche  Lage  der  Umgebung  von  Sedan  nicht
und  das  ist  ein  sonderbarer  Umstand,  der  so  recht  geeignet  ist  den  Dünkel
und  den  Leichtsinn  Ihrer  Nation  zu  malen.  Beim  Beginne  des  Feldzuges
haben  Sie  an  Ihre  Offiziere  Karten  von  Deutschland  ausgeteilt,  aber  die
Geographie  Ihres  eigenen  Landes  konnten  Sie  nicht  studieren,  weil  Sie  die
Karten  Ihres  eigenen  Landes  nicht  besaßen.  Wohlan:  Ich  sage  Ihnen,  unsere
Stellungen  sind  nicht  bloß  sehr  stark,  sie  sind  furchtbar  und  unbezwinglich.“
—  Auf  diesen  Ausfall  wußte  General  Wimpffen  keine  Antwort,  denn  die
Tatsache  war  richtig  und  unwidersprechlich.  Nach  einer  Pause  sagte  er:  „Ich
werde  Gebrauch  machen,  General,  von  dem  Anerbieten,  das  Sie  beim  Beginne
  der  Besprechung  mir  gemacht  haben,  ich  werde  einen  Offizier  beauftragen
  diese  furchtbaren  Stellungen  einzusehen,  von  denen  Sie  sprechen,  und
bei  seiner  Rückkehr  werde  ich  zusehen  und  Beschluß  fassen."

„Sie  werden  niemand  schicken,  es  ist  unnütz,“  lautete  die  trockene  Erwiderung,
  „Sie  können  mir  glauben;  außerdem  haben  Sie  nur  noch  wenig
Zeit  zum  Überlegen,  denn  jetzt  ist  Mitternacht;  um  4  Uhr  läuft  die  Waffenruhe
  ab  und  ich  werde  Ihnen  keinen  Augenblick  Aufschub  bewilligen.“

Jetzt  verzichtete  General  Wimpffen  auf  die  Besichtigung  und  bat  nur  um
Frist  um  seine  Kollegen  zu  befragen,  ohne  diese  könne  er  doch  seinen  Entschluß
nicht  fassen,  und  da  er  sie  zur  Stunde  in  Sedan  gar  nicht  auffinden  könne,
so  sei  eine  Verlängerung  der  Waffenruhe  unbedingt  nötig.  Da  General  Moltke
nicht  nachgeben  wollte,  so  flüsterte  ihm  Graf  Bismarck  einige  Worte  zu  und
das  Ergebnis  war,  daß  die  Waffenruhe  bis  auf  9  Uhr  erstreckt  ward;  das
sollte  aber  die  äußerste  Frist  sein  und  so  trennte  man  sich  gegen  1  Uhr
morgens.  Da  die  Waffenstreckung  der  Armee  nunmehr  für  zweifellos  zugestanden
  gelten  konnte,  so  wurden  die  Bedingungen  derselben  noch  in  der  Nacht
vom  Generalstabe  des  Großen  Hauptquartieres  festgesetzt  und  darin  mit  Rücksicht
  auf  die  tapfere  Gegenwehr  der  Armee  allen  Generalen  und  Offizieren
sowie  den  höheren  Beamten  mit  Offiziersrang  die  Freilassung  samt  Waffen
und  Privateigentum  angeboten,  wenn  sie  sich  schriftlich  mit  ihrem  Ehrenwort
verpflichten  wollten  bis  zur  Beendigung  des  gegenwärtigen  Krieges  die  Waffen
gegen  Deutschland  nicht  zu  ergreisen  und  in  keiner  Weise  gegen  die  Interessen
Deutschlands  zu  handeln.

Der  Vertrag  gewährte  also  schließlich  doch  mehr,  als  ursprünglich  in
Aussicht  gestellt  war.

Bei  der  Unterzeichnung  des  weltgeschichtlichen  Schriftstückes  war  auch
Graf  Bismarck  zugegen.  In  seinem  Berichte  an  den  König  hebt  er  hervor,
das  Verhalten  des  Generals  von  Wimpffen  sei  ebenso  wie  das  der  anderen
Generale  am  Abende  vorher  ein  sehr  würdiges  gewesen  und  die  Bewilligung
        <pb n="601" />
        121.  Die  Waffenstreckung  bei  Sedan.  589

der  Entlassung  der  Offiziere  auf  ihr  Ehrenwort  mit  lebhaftem  Dank  entgegengenommen
  worden  als  ein  Ausdruck  der  Absicht  des  Königs  Wilhelm  den
Gefühlen  einer  Truppe,  die  sich  tapfer  geschlagen,  nicht  über  die  Linie  hinaus
zu  nahe  zu  treten,  die  durch  das  Gebot  der  eigenen  politisch-militärischen
Interessen  mit  Notwendigkeit  gezogen  werde.  Dies  Gefühl  habe  denn  auch
General  von  Wimpffen  nachträglich  in  einem  Schreiben  ausgesprochen,  in  dem  er
dem  General  Moltke  gedankt  habe  für  die  rücksichtsvollen  Formen,  in  denen
er  die  Verhandlung  geführt  habe.

Mit  der  unterschriebenen  Vertragsurkunde  erschienen  Graf  Bismarck  und
General  von  Moltke  um  halb  12  Uhr  beim  Könige,  der  sie  auf  den  Höhen
über  Freénois  erwartete.  Bei  dem  Könige  waren  der  Krouprinz,  der  Prinz
Karl,  der  Großherzog  von  Sachsen-Weimar,  Prinz  Luitpold  von  Bayern,
Herzog  Ernst  von  Sachsen-Koburg,  Prinz  Wilhelm  und  Herzog  Eugen  Erdmann
  von  Württemberg,  die  Erbgroßherzoge  von  Sachsen-Weimar  und
Mecklenburg-Strelitz,  der  Erbprinz  von  Hohenzollern  und  der  Prinz  von
Augustenburg.  Der  König  stand  mit  dem  Kronprinzen  und  den  Fürsten  im
Vordergrunde,  nahe  dem  Bergabhang,  im  Halbkreis  umher  standen  Generale
und  Adjutanten,  Minister  und  Räte,  die  Mitglieder  der  Hauptquartiere,  im
ganzen  wohl  200  Personen.

Der  König  ließ  die  Urkunde  durch  seinen  Generaladjutanten,  Generalleutnant
  von  Treskow,  vorlesen  und  sprach  dann  inmitten  des  Kreises,  der
sich  um  ihn  gebildet  hatte,  folgende  Worte:  „Sie  wissen  nun,  meine  Herren,
welch  großes  geschichtliches  Ereignis  sich  zugetragen  hat.  Ich  verdanke  dies
den  ausgezeichneten  Taten  der  vereinigten  Armeen,  denen  ich  mich  gerade  bei
dieser  Veranlassung  gedrungen  fühle  meinen  königlichen  Dank  auszusprechen,
um  so  mehr  als  diese  großen  Ereignisse  wohl  geeignet  sind  den  Kitt  noch
fester  zu  gestalten,  der  die  Fürsten  des  Norddeutschen  Bundes  und  meine
andern  Verbündeten  —  deren  fürstliche  Mitglieder  ich  in  diesem  großen
Moment  zahlreich  um  mich  versammelt  sehe  —  mit  uns  verbindet,  so  daß  wir
hoffen  dürfen  einer  glücklichen  Zukunft  entgegenzugehen.  Allerdings  ist
unsere  Aufgabe  mit  dem,  was  sich  unter  unseren  Augen  vollzieht,  noch  nicht
vollendet;  denn  wir  wissen  nicht,  wie  das  übrige  Frankreich  es  aufnehmen  und
beurteilen  wird.  Darum  müssen  wir  schlagfertig  bleiben;  aber  schon  jetzt
meinen  Dank  jedem,  der  ein  Blatt  zum  Lorbeer=  und  Ruhmeskranze  unseres
Vaterlandes  hinzugefügt."“

Dabei  reichte  er  dem  Prinzen  Luitpold  von  Bayern  und  dem  Prinzen
Wilhelm  von  Württemberg  die  Hand.
        <pb n="602" />
        590

123.  Ein  Siegesgruß  aus  den  bayerischen  Bergen.

122.  Moltke.
(Zum  90.  Geburtstage,  26.  Okt.  1890.)
Von  Ernst  von  Wildenbruch.“)

Er  hat  getan  gleich  seinem  Lande,
Das  lange  schweigt  und  stumm  erträgt,
Bis  das  Gedulden  schwillt  zum  Rande
Und  bis  zur  Tat  die  Stunde  schlägt.

Er  hat  gewartet  und  gewogen

Stumm  wie  der  Steuermann  am  Schiff,
Bis  daß  die  Wettervögel  flogen

Und  bis  der  Sturm  herüberpfiff.

Da,  als  der  Feinde  Stimmen  grollten,
Stand  er  bereit,  dem  Sturm  bewehrt,
Und  als  sie  uns  ans  Leben  wollten,
Gab  er  in  unfre  Hand  das  Schwert.

Es  kam  die  wundervolle  Stunde,
Da  Größe  sich  zu  Größe  fand,

Wir  sahen,  wie  im  mächtigen  Bunde
Das  Dreigestirn  von  Männern  stand.

 

Wilhelm  der  Held,  der  Gott-Erwählte,
Bismarch,  der  Mächtige  im  Rat,

Der  Plan  war  fertig,  eins  noch  fehlte,
Aus  Molthes  Händen  kam's:  die  Tat.

Vor  seinem  Geiste  lag  geglättet,

Was  andren  unentwirrbar  schien,

Er  hat  den  Kriegsgott  angebettet

Und  zwang  vor  Deutschlands  Wagen  ihn.

Und  als  auf  Sedans  grünen  Hügeln
Das  Banner  sich  der  Deutschen  schwang,
Wes  Name  war  es,  der  auf  Flügeln
Des  Jubels  da  zum  Himmel  drang?—

Sein  Name  war's,  den  kein  Jahrhundert
Verlöschen  wird  im  deutschen  Land;
Geliebt,  gepriesen  und  bewundert,
Von  jeglichem  Geschlecht  genannt.

So  wird  er  sein,  so  wird  er  bleiben;
So  wird  er  mit  den  Deutschen  gehn
Und  die  Geschichte  wird  ihn  schreiben
Dahin,  wo  ihre  Großen  stehn.

123.  Ein  Siegesgruß  aus  den  bayerischen  Bergen.
Von  Karl  Stieler.)

Gott  ist  mit  uns!  Auch  diese  Schlacht  ist  gewonnen!  Eine  furchtbare
Ergriffenheit  ging  durch  Deutschland  an  jenem  Tage,  da  die  Kunde  kam;
wir  zitterten  vor  Jubel,  wir  waren  starr  vor  all  dem  Herzeleid.

Wie  ein  Gewitter  über  das  Weltmeer  geht  und  die  Wogen  aus  der

Tiefe  an  den  Himmel  wirft,  so  ging  die  Kunde  durch  ganz  Deutschland.  Das
erste  Gefühl  war  fromm  —  es  war  fast  beklommen  von  Demut  und  Dank,
daß  wir  wieder  begnadigt  sind,  daß  der  Segen  so  sichtbar  auf  unserer  Sache  lag.
Dann  aber  brach  die  Freude  mit  allen  Stimmen  los,  nicht  die  dithyrambische
Freude,  mit  welcher  Frankreich  einst  seine  Siege  feierte,  sondern  jenes  Herzensglück,
  das  in  der  deutschen  Seele  so  tiefe  Wurzel  hat.

1)  „Lieder  und  Balladen",  7.  Auflage,  S.  246.  Berlin  1900,  G.  Grote.

:)  „Durch  Krieg  zum  Frieden“,  Stimmungsbilder  aus  den  Jahren  1870.71,  S.  60.
Stuttgart  1886,  Bonz.
        <pb n="603" />
        123.  Ein  Siegesgruß  aus  den  bayerischen  Bergen.  591

Bis  zum  fernsten  Ende,  wo  die  Nordsee  brandet,  drang  die  glückliche
Botschaft;  die  Kanonen  riefen  sie  weit  hinaus  übers  Meer;  in  der  Hütte
und  im  Palaste,  im  Herzen  des  Greises  und  im  Herzen  der  Kinder  stand
derselbe  Gedanke.

Wie  großartig  waren  diese  Stunden  nun  gar  in  den  gewaltigen  Städten,
wo  das  reiche  Leben  in  tausend  Sprachen  spricht,  wo  alle  Kirchen  ihr  Geläute
und  alle  Türme  ihre  Flaggen  zur  Feier  senden!  Zahllose  Menschenmassen
drängen  sich  durch  die  Straßen,  ohne  Unterlaß  schafft  die  Presse  und  der
elektrische  Draht;  jeder  freut  sich  seiner  Arbeit,  aber  niemand  schämt  sich  der
Rührung.  Jedes  Städtlein,  so  weit  die  deutsche  Zunge  reicht,  trägt  seine
deutsche  Fahne.  Das  ganze  Vaterland  ist  geeinigt  in  dieser  Freude,  ein  Fieber
hämmert  in  allen  Nerven,  wir  fühlen  es,  daß  wir  stark  sind.

Ferne  —  in  blauer,  unermeßlicher  Ferne  —  liegen  die  Alpen,  der  heilige
Wall,  mit  welchem  Deutschland  beschirmt  ist.

Wie  stille  ist  es  hier,  wie  einsam  und  friedvoll!  In  den  Wäldern  rauscht
der  Nachtwind,  am  Felsenhang  sprossen  die  Zyklamen;  aber  niemand  kommt
und  bricht  die  feinen  Blüten;  all  die  Fremden,  die  sonst  so  fröhlich  im  Grünen
waren,  sind  fort.  Sie  sind  im  Kriege  oder  daheim,  am  eigenen  Herde,  denn
der  Ernst  der  Pflicht  und  die  Größe  der  Zeit  hat  sie  abberufen.

Im  Kriege?  Wer  möchte  es  hier  ahnen,  daß  Krieg  ist!  Noch  nie  standen
die  Alpenhalden  so  schön  und  die  Blumen  so  dicht;  die  Glocken  der  Herden
tönen  so  friedvoll,  wenn  sie  abends  zur  Hütte  kommen.  Goldübergossen
sinkt  die  Sonne  hinab  über  den  einsamen  Bergen.  Wer  moöchte  es  ahnen,
daß  Krieg  ist!

Und  dennoch  tönt  kein  Jodler  hinaus  in  den  schweigenden  Abend,  dennoch
wissen  es  auch  die  Berge.  Vor  wenigen  Wochen,  als  die  Vollmondnacht  über
den  weiten  Wäldern  lag,  da  klopfte  es  leise  ans  Fenster  der  Sennerin,  da
kam  der  Jägerbursch  zu  seinem  Schatz  und  sagte  ihr,  daß  es  morgen  früh
„ins  Feld“  geht.  Kein  Zug  der  Trauer  lag  über  dem  kühnen  Gesicht,  frisch
und  freudig  ging  es  hinaus,  es  machte  ihn  so  stolz,  „daß  wir  alle  beisammen
stehen“.  Ja  fürwahr,  auch  der  schlichte  Bauer  hat  die  Vernunft  der  deutschen
Einheit  begriffen,  auch  die  Herzen  von  Sdsddeutschland  (nicht  bloß  die
Waffen)  sind  mit  in  den  Kampf  gezogen.

Wie  mag  es  wohl  gehen  draußen  im  Kampfe?

Es  ist  wieder  Abend,  die  Sennerin  sitzt  vor  der  Hütte  und  denkt  an
ihren  Liebsten,  bis  die  Sonne  versinkt,  bis  die  Sterne  am  Himmel  blinken.
Wie  mag  es  wohl  gehen?  Da  hallt  mit  einem  Male  ein  Juhschrei  herüber,  wo
der  Weg  über  den  steilen  Grat  emporführt.

Zwei  alte  Männer  mit  grauem  Schnurrbart,  mit  Rucksack  und  Axt
bewaffnet,  kommen  gegangen,  denn  die  jungen  sind  alle  fort.  Was  mag  es
sein,  daß  sie  noch  so  spät  in  die  Berge  kommen,  daß  sie  so  flink  und  rüstig
den  mühsamen  Weg  emporklettern?  Eine  schlimme  Botschaft  ist's  ja  kaum,
        <pb n="604" />
        592  123.  Ein  Siegesgruß  aus  den  bayerischen  Bergen.

denn  für  die  hat  ja  niemand  einen  Jodler  übrig.  Da  widerhallt  es  von
neuem  —  hutra,  die  beiden  kommen  zum  Freudenfeuer!

Auch  in  das  stille  Land  der  Alpen  war  der  Siegesruf  der  Deutschen
gekommen,  es  wußten  manche  nicht,  wo  Frankreich  liegt,  aber  das  wußten  alle
bald,  daß  die  Deutschen  Frankreich  überwunden  hatten.

Auf  dem  kleinen  Bahnhof  der  Station  war  die  Nachricht  von  der  siegreichen
  Schlacht  an  die  Mauer  geheftet;  der  Bote,  der  über  Land  ging,
nahm  sie  mit  und  wo  er  ins  Haus  trat,  schwenkte  er  schon  den  Hut  von
weitem.  Der  Postillon,  der  die  kleine  Karriole  fährt,  griff  heute  zum  schönsten
Federbusch  und  blies  auf  der  langen  Straße  ein  Lied  ums  andere.

So  kam  die  Siegesbotschaft  ins  Gebirge,  die  Zeitungsblätter  kamen  und
der  Jubel  hatte  kein  Ende!  Es  war  nirgends  ein  Befehl  von  oben  erschienen,
und  doch,  als  es  Abend  wurde,  brannten  auf  allen  Höhen  die  Freudenfeuer.
Das  ganze  Inntal  entlang  und  vom  Inn  bis  zu  den  Quellen  der  Isar,  im
Chiemgau  und  in  den  Bergen  des  Königssees,  überall  schlug  die  Freude  in
lichten  Flammen  empor.

Da  stand  der  Wendelstein,  die  alte  Warte  der  Bergesfreiheit  und  des
Berggesanges,  und  grüßte  leuchtend  hinüber  ins  Leizachtal;  da  stand  die  Kampenwand
  und  winkte  herab  auf  die  weiten  Gefilde  zu  ihren  Füßen.  Wie  ein
Freudenstrahl  leuchtete  der  Feuerschein  um  die  alten,  steinernen  Züge  des
Karwendelgebirges;  der  Watzmann,  ein  König  im  Osten,  trug  sein  brennendes
Diadem,  und  nun  gar  der  Untersberg,  dem  durfte  seine  Krone  nicht  fehlen!
Im  Untersberg  sitzt  ja  der  alte  Kaiser  und  harrt  auf  die  deutsche  Einheit  und
auf  die  Wiedererstehung  der  deutschen  Macht.  Es  ist  ein  weiter  Weg  von  den
Ufern  der  Maas  bis  zu  seiner  Gruft,  aber  mich  deucht,  er  hat  den  Schlag
gehört  und  die  Freudentränen  flossen  ihm  in  den  weißen  Bart.

O,  wer  in  solcher  Stunde  auf  den  Bergen  stand!  Es  war  eine  Sternennacht,
  so  klar  und  glühend,  als  hätte  der  Himmel  sich  geschmückt,  als  hätte
er  seinen  prächtigsten  Mantel  angetan  zu  unserem  Feste.  Hier  auf  den
steinernen  Wällen  brannten  die  Wachtfeuer  der  deutschen  Treue  und  drunten
lag  unermeßlich  das  schönc,  heilige  Deutschland.  Es  waren  dieselben  Sterne,
die  über  dem  Schlachtfelde  glänzten  und  über  den  Wogen  der  Nordsee!  Wir
waren  einig  und  sind  es;  wie  ein  Freudenschauer  ergreift  es  uns  —  die  Übermacht
  dieses  Gedankens.

In  den  Wäldern  rauschte  der  Wind;  auch  die  Wälder  sind  deutsch.  Mit
einer  Art  von  Frömmigkeit  hängt  der  Deutsche  an  seinem  Wald,  kein  Volk
hat  ihn  so  tief  verstanden  und  so  treu  gepflegt  wie  wir.  Er  hat  das  Gemüt
der  Jugend  erzogen  wie  das  der  Ahnen;  und  wenn  das  Gemüt  unser  Kleinod
vor  allen  Nationen  ist,  dann  ist  der  Wald  sein  Tempel;  wenn  das  deutsche
Gemüt  uns  den  Sieg  gegeben,  dann  war  es  recht,  daß  mitten  im  Kranze
der  deutschen  Wälder  die  Siegesfeuer  brannten!  Horch,  wie  es  rauscht!  Rings
liegt  die  tiefe,  schweigende  Einsamkeit,  und  doch  welche  furchtbare  Macht  der
        <pb n="605" />
        124.  Der  Volkskrieg  an  der  Loire  —  ein  neuer,  zweiter  Krieg.  593

Sprache  wohnt  in  dieser  Stille;  wie  wächst  die  Ergriffenheit  an  solchem
Schweigen!

Drunten  liegt  das  deutsche  Land,  das  Land,  das  mehr  getan  für  die
Erlösung  des  Geistes  als  irgend  ein  anderes  und  dennoch  mehr  gelitten
als  irgend  ein  anderes.  Seine  Geschichte  ist  eine  Messiade  in  der  Weltgeschichte.

Elend  und  Schmach  ist  über  uns  ergangen,  30  Jahre  hat  der  Krieg  in
unseren  Gauen  gewütet,  der  Druck  der  Fürsten  und  die  Gier  der  Eroberer
haben  das  deutsche  Volk,  das  edelste  unter  den  Völkern,  gebeugt.  Und  dennoch
schritt  es  in  stiller  Arbeit  weiter,  dennoch  konnten  sie  ihm  eines  nicht  rauben,
das  war  die  Treue  und  die  Kraft  seines  Herzens.

Mit  dem  Herzen  hat  es  heute  die  große  Tat  der  Befreiung  vollbracht
und  an  dieser  Tat  hat  der  ärmste  Mann,  hat  jedes  Kind  sein  Teil,  das  die
Hände  zum  Himmel  erhob  und  für  Deutschland  gebetet  hat.

Das  ist  der  wahre  Boden  unserer  Einigkeit;  im  Herzen  liegt  unsere  Kraft.
O  Vaterland,  wie  schön  bist  du,  wie  blühend  liegst  du  zu  unseren  Füßen,
so  reich  an  Schmerzen  und  so  reich  an  Ruhm!  Hell  lodern  die  Freudenfeuer
auf  allen  Alpen.  Und  wenn  sie  noch  so  ferne  sind,  aus  ihren  Flammen
schlägt  doch  ein  Stück  vom  deutschen  Geiste  zum  Himmel  und  der  Himmel
wird  ihn  beschirmen.

124.  Der  Volhskrieg  an  der  Loire  —  ein  neuer,  zweiter  Krieg.
Von  Fritz  Hoenig.:)

Mit  dem  Volkskrieg  an  der  Loire  trat  der  Krieg  unter  der  französischen
  Republik  in  eine  neue  politische  Phase.  Ursprünglich  nur  von  den
beiderseitigen  Heeren  geführt  nahm  er  nunmehr  einen  völlig  veränderten
Charakter  an  und  gestaltete  die  Aufgabe  der  Strategie,  je  nachdem  sich  die
Operationen  mehr  an  den  Grenzen  oder  im  Herzen  des  Landes  abspielten,
weit  schwieriger  und  erhöhte  die  Mühen  und  Anstrengungen  der  Truppen
erheblich.

Die  deutschen  Heere  kämpften  nicht  nur  gegen  eine  andere  Regierung,
sie  kämpften  vor  allen  Dingen  gegen  eine  andere  Armee.  Dabei  befanden  sie
sich  in  großer  Unterlegenheit  an  Zahl,  aber  in  der  Überlegenheit  an  Tüchtigkeit.
  Der  Kriegsschauplatz  an  der  Loire  war  sehr  verschieden  von  dem  im
Osten  Frankreichs.  Die  regnerischen  Novembertage  im  Verein  mit  den  kurzen
Tagen  und  langen  Nächten  legten  den  Operationen  empfindliche  Fesseln  an
und  ließen  in  vielen  Fällen  das  als  unmöglich  erscheinen,  was  zur  Sommerszeit
  auf  festen  Straßen  und  bei  langen  Tagen  ausgeführt  werden  kann.

Hiezu  trat  dann  noch  vor  allen  Dingen  die  Erhebung,  in  der  sich  das
republikanische  Frankreich  seit  dem  Tage  von  Coulmiers  (9.  November)

1)  „Der  Volkskrieg  an  der  Loire  im  Herbste  1870.“  I.  Bd.,  S.  5  ff.  Berlin  1893,
E.  S.  Mittler  &amp;amp;  Sohn.
Kronteder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  38
        <pb n="606" />
        594  124.  Der  Volkskrieg  an  der  Loire  —  ein  neuer,  zweiter  Krieg.

befand.  Man  kann  diese  Erhebung,  streng  genommen,  keinen  Aufstand  nennen,
etwa  in  dem  Sinne  des  spanischen  Aufstandes  gegen  Napoleon  I.  Allein  der
Grad  der  Volkserhebung  und  sein  Einfluß  auf  die  deutschen  Operationen  schuf
neue  Schwierigkeiten,  mit  welchen  nicht  nur  die  deutsche  Heeresleitung  in  Hinsicht
  der  Erlangung  von  Nachrichten  und  folgerichtig  ihrer  Anordnungen  und
Ziele,  sondern  auch  die  Truppenführung,  herunter  bis  zur  einfachen  Patrouille,
gerade  in  der  Periode  von  Coulmiers  bis  zur  zweiten  Einnahme  von  Orléans
zu  kämpfen  hatten.

Die  deutschen  Heere  an  der  Loire  hatten  im  November  zwei  Gegner:
der  eine  waren  die  neuen  Armeen,  der  andere  war  das  feindselige  und  bewaffnete
  Volk.  Beide  vereinigten  sich  darin,  der  deutschen  Heeresleitung
jeden  Schritt  zu  erschweren,  nämlich  durch  die  systematische  Zerstörung  aller
Kommunikations=  und  Verkehrsmittel,  durch  die  Absicht  der  mechanischen  Abschließung
  des  eigenen  Besitzes  von  Fremden.  Ob  die  Wege  zu  Nachrichten
überhaupt  verstopft  werden,  ob  die  Patrouille  von  einem  bewaffneten  Bauer
oder  einem  Soldaten  heruntergeschossen  wird,  ob  Straßen,  Wege,  Wegweiser,
Eisenbahnen,  Telegraphen  von  Soldaten  oder  Freischärlern  oder  Bauern  unbenutzbar
  gemacht  werden,  ob  die  Regierung,  die  Armee  oder  das  feindselige
Volk  die  Mittel  des  Unterhalts  für  die  gegnerische  Armee  vernichtet,  ob  ihre
rückwärtigen  Verbindungen  von  der  Armee  oder  dem  Volke  unterbrochen  und
bedroht  werden  usw.,  das  ist  für  die  einfache  Tatsache  nicht  von  Belang.  Die
verschiedenen  Tatsachen  zusammen,  besonders  wenn,  wie  es  hier  der  Fall  war,
System  darin  liegt,  verändern  nicht  nur  den  Charakter  des  Krieges,  sondern
erschweren  die  Operationen  in  einem  Grade,  der  wieder  nur  dann  richtig
abgeschätzt  werden  kann,  wenn  über  die  Gestaltung  und  den  Charakter  des
Kriegsschauplatzes  völlig  richtige  Begriffe  vorhanden  sind.  Hiebei  fällt  der
Charakter  des  Volkes,  sein  Temperament,  sein  nationaler  Stolz,  sein  Vertrauen
  in  seine  Mittel  und  die  geographische  Gestalt  samt  den  Kommunikationsmitteln
  zu  Lande  und  zur  See  ins  Gewicht,  und  wenn  dies  zusammen
berücksichtigt  wurde,  so  war  das  Frankreich  von  1870  ein  Land,  dessen  fernere
Widerstandsfähigkeit  seit  der  Vernichtung  der  kaiserlichen  Heere  bei  Sedan  und
Metz  schwer  genau  beurteilt  werden  konnte,  die  aber  auch  nicht  unterschätzt
werden  durfte.

Neben  allen  diesen  Gesichtspunkten  sprachen  aber  auch  die  Einheit  und
Gleichheit  eines  großen  Volkes  in  Bezug  auf  seinen  hohen  Kulturzustand
gewichtig  mit.  Es  gibt  Länder  und  Völker,  welche  nach  der  Beseitigung  ihrer
Feldarmee  ohne  weiteres  eines  längeren  Widerstandes  unfähig  werden,  weil  die
Hilfsquellen  sehr  ungleich  über  ihr  Gebiet  verteilt  sind  und  es  an  Kommunikationen
  u.  s.  w.  gebricht  Truppen  und  Armeebedarf  sicher  und  schnell  nach
jeder  beliebigen  Richtung  hin  überzuführen.  Ein  solches  Land  war  das
Frankreich  von  1870  nicht.  Selbst  wenn  es  zur  Hälfte  vom  Feinde  unterworfen
  war,  konnte  die  andere  Hälfte  vermöge  ihres  Reichtums  an  Menschen
        <pb n="607" />
        126.  Vormarsch  gegen  die  Loire.  595

und  Mitteln  sich  neu  organisieren,  weil  Frankreich  eben  ein  alter,  zentralisierter
  Staat  mit  einer  gleichmäßig  über  seine  Territorien  verteilten  Kultur
und  —  folgerichtig  in  diesem  Falle  —  Kriegsmitteln  war.  Südfrankreich
kann  z.  B.  noch  beträchtliche  Streitkräfte  aufstellen  und  erheblichen  Widerstand
  leisten,  wenn  ganz  Nordfrankreich,  Paris  eingeschlossen,  unterworfen
sein  sollte.  Die  Gründe  hiefür  sind  recht  mannigfaltig,  zustatten  kommt
Frankreich  hiebei  seine  maritime  Machtstellung  und  Lage,  seine  Rücken=  und
Flankensicherheit  sowie  für  die  Organisation  des  Widerstandes  die  Möglichkeit
einer  Verteidigung  nach  großen  strategischen  Abschnitten.

Der  Krieg  an  der  Loire  bedeutete  für  die  Deutschen  gewissermaßen  einen
neuen,  zweiten  Krieg  und  dieser  zweite  Teil  des  ganzen  Feldzuges  ist
dadurch  besonders  eigentümlich,  daß  die  Ungewißheit  über  Stärke  und  Absichten
  des  Gegners  etwas  lange  vorhielt,  daß  man  die  Anstrengungen  der
Republik  anfangs  unterschätzte,  seit  Coulmiers  an  manchen  Stellen  von  Gewicht
  überschätzte.

125.  Vormarsch  gegen  die  Loire.
Einnahme  von  Orleans  (11.  Oktober).
Der  Tag  von  Coulmiers  (9.  November).

Von  Theodor  Lindner.:)

Als  die  eiserne  Sperrkette  um  Paris  ihre  Glieder  schloß,  besaß  Frankreich
  an  Truppen  nur  eine  unvollständige  Division  bei  Bourges,  einige  Abteilungen
  im  Osten  und  Scharen  bretonischer  Mobilgarden  im  Westen.  Durch
das  Land,  soweit  es  von  den  Deutschen  berührt  war,  ging  ein  ziemlich  allgemeiner,
  wenn  auch  zerstreuter  Widerstand,  der  nicht  unbeachtet  bleiben
durfte.  Ihn  hatte  schon  die  kaiserliche  Regierung  hervorgerusen  und  die
Republik  sofort  nach  besten  Kräften  bestärkt  und  verstärkt.  Die  Behörden
verteilten  Waffen,  soweit  sie  nicht  schon  vorhanden  waren,  um  allenthalben
Scharen  von  unregelmäßigen  Kämpfern  auszurüsten.  Diese  nannten  sich
Franktireurs,  Freischützen  oder  Freischärler  und  führten  neben  den  in  die
Mobilgarde  und  in  die  Marschregimenter  gestellten  Mannschaften  den  Krieg
auf  ihr  eigenes  Glück  und  Wagen,  freilich  für  nicht  geringen  Sold.  Die
meisten  trugen  eine  Kleidung,  die  sie  als  Miliz  kennzeichnete,  kurze,  schwarze
Blusen,  Pluderhosen  mit  roten  Streifen  und  farbige  Schärpen  und  vereinigten
sich  zu  geschlossenen  Haufen.  Ihr  Zweck  war  der  kleine,  der  Guerillakrieg.
Sie  umschwärmten  die  Deutschen  auf  den  Märschen  und  schnitten  Zurückgebliebene
  ab,  suchten  kleine  Abteilungen  oder  Wagenkolonnen  zu  überfallen,
kurz,  taten  Abbruch,  wo  es  ging.  Meist  der  Gegend  genau  kundig,  mit  der

1)  „Der  Krieg  gegen  Frankreich“,  S.  102  ff.  Berlin  1895,  Asher.
387
        <pb n="608" />
        596  125.  Vormarsch  gegen  die  Loire.

Bevölkerung  im  Einverständnis  kamen  und  verschwanden  sie,  lagen  im  Hinterhalt,
  wichen  fliehend  einem  ernsten  Angriff  aus  und  erschienen  bald  wieder
an  einer  anderen  Stelle.  Sehr  viele  aber  trieben  ihr  Wesen  mit  Heimtücke.
Sie  trugen  nur  Schärpe  oder  farbiges  Halstuch  um  sich  vor  ihren  Landsleuten
  und  im  Falle  der  Gefangenschaft  als  Soldaten  auszuweisen.  Gar
oft  kam  es  vor,  daß  solche  „Hannes“  oder  „Pisangs“,  wie  unsere  Soldaten
die  Bauern  (paysans)  nannten,  in  der  landesüblichen  blauen  Bluse,  breitbeinig,
  die  Hände  tief  in  der  Hosentasche,  den  Pfeifenstummel  im  Munde,
ruhig  den  Vorbeimarsch  von  Truppen  mit  ansahen,  dann  rasch  ihre  Flinten
ergriffen  und  von  der  Seite  oder  von  hinten  feuerten;  wurde  dann  der
Wald  oder  das  Dorf  abgesucht,  versteckte  der  Franktireur  Gewehr  und  Abzeichen
  und  stand  in  aller  Unschuld  als  harmloser  Bauer  da.  Die  große
Kriegführung  konnte  dadurch  nicht  gehemmt,  wohl  aber  im  einzelnen  viel
Unheil  angerichtet  werden  und  das  Schlimmste  war  als  unvermeidliche  Folge
gegenseitige  wütende  Erbitterung.  Den  Franzosen  selber  trug  diese  veraltete,
nur  fälschlich  als  patriotisch  betrachtete  Kriegsweise  den  größten  Schaden  ein.
Die  moderne,  menschlich  gewordene  Zeit  führt  allein  Krieg  mit  den  Soldaten
und  will  die  bürgerliche  Bevölkerung  schonen;  das  kann  jedoch  nur  geschehen,
wenn  diese  sich  selber  jeder  kriegerischen  Handlung  vollständig  enthält.  Die
deutsche  Oberleitung  wachte  mit  eiserner  Strenge  über  der  Schonung  von
Privatleuten  und  ihrem  Eigentum;  um  so  weniger  durfte  jener  heillose  Unfug
geduldet  werden.  Daher  verfuhr  man  mit  diesem  feigen  Gesindel  sehr  kurz;
die  Ortschaften,  deren  Einwohner  die  Waffen  erhoben  hatten,  wurden  niedergebrannt,
  den  Gemeinden  außerdem  schwere  Geldstrafen  auferlegt.  Diese  vermeintliche
  Härte  kam  als  Warnung  den  Franzosen  selbst  zustatten  und  verfehlte
  nicht  ihre  Wirkung.  Gewöhnlich  wurden  in  den  besetzten  Orten  die
Waffen  eingefordert  und  vernichtet  und  die  Behörden  waren  oft  recht  eifrig
sie  aufzuspüren  und  einzuliefern.  Denn  die  Franktireurs  belästigten  auch  ihre
eigenen  Landsleute  und  neben  sonst  ehrlichen,  nur  verblendeten  Männern  gab
es  unter  ihnen  genug,  die  unter  dem  Deckmantel  der  Vaterlandsliebe  nur
schändliche  Räuberei  trieben.

Es  ließ  sich  gar  nicht  übersehen,  wie  stark  diese  Scharen  und  ob  sie
nicht  die  Vorläufer  von  regelmäßigen  Truppen  waren;  denn  sie  dienten  auch
zur  Deckung  und  Verschleierung  neu  entstehender  Truppenkörper.  Da  die
Armee  bei  Paris  vor  jedem  Angriff  gesichert  werden  mußte,  schwärmte  die
starke  deutsche  Reiterei,  sechs  Divisionen,  nach  allen  Seiten  aus  um  auszukundschaften
  und  auch  Lebensmittel  aufzutreiben.  Ringsum  fielen  kleine  Gefechte
  vor  und  als  die  4.  Kavalleriedivision  feststellte,  daß  sich  vor  Orléans
bedeutende  Streitkräfte  sammelten,  wurde  zu  ihrer  Bekämpfung  am  6.  Oktober
eine  besondere  Heeresabteilung  dem  General  von  der  Tann
unterstellt,  bestehend  aus  dem  1.  bayerischen  Korps  und  der  22.  Division  (die
thüringisch-hessischen  Regimenter  32,  95,  83,  94)  unter  General  von  Wittich.
        <pb n="609" />
        125.  Einnahme  von  Orléans.  597

Die  2.  und  4.  Kavallerie-Division

begleiteten  auf
beiden  Flügeln,
die  6.  sollte  westlich
  die  Flanke
sichern.

Nördlich  von
der  Loire  erstreckt
sich  die  eintönige,
aber  fruchtbare
Landschaft  der
Beauce,  der
Kornkammer  von  Paris.  Diese  „schöne  Au“,  eine  leicht  gewellte  Ebene,  erzeugt
auf  ihrem  weichen,  unerschöpflich  tragfähigen  Tonboden  die  herrlichsten  Getreideernten
  und  nährt  einen  bedeutenden  Viehstand,  besonders  Pferde  und  Schafe.
Daher  liegt  Dorf  an  Dorf,  Ferme  an  Ferme;  die  Bevölkerung  ist  dicht  und
wohlhabend,  doch  selbst  ihre  Landsleute  urteilen  über  sie  ungünstig.  Für  den
großen  Krieg  eignet  sich  das  Land  wenig;  die  Gegend  ist  schwer  zu  übersehen,
der  starke  Anbau  hindert  die  Truppenbewegungen,  beherrschende  Punkte  gibt
es  kaum.  Weder  die  Artillerie  noch  die  Kavallerie  vermögen  sich  dort  recht
zur  Geltung  zu  bringen  und  der  Kampf  muß  sich  meist  in  kleineren  Gefechten
von  Ort  zu  Ort  hinziehen.

Unter  den  zahlreichen  Städten  ist  die  wichtigste  das  nur  270  km
von  Paris  entfernte  altberühmte  Orléans,  am  rechten  Ufer  der  prächtigen,
schiffbaren  Loire,  mit  den  Vorstädten  auf  dem  linken  Ufer  durch  eine  schöne,
über  300  m  lange  Brücke  verbunden.  Reich  an  stattlichen  Bauten,  ein  Hauptsitz
  der  Industrie,  mit  wissenschaftlichen  Anstalten  ausgestattet  und  umgeben
von  breiten  Boulevards,  erfreut  sich  die  Stadt  mit  ihren  mehr  als  50000  Einwohnern
  eines  blühenden  Wohlstandes  und  vermittelt  den  Verkehr  des  Südens
mit  dem  Norden  und  namentlich  mit  Paris.

General  von  der  Tann  stieß  auf  das  erste  der  neu  aufgestellten  französischen
  Korps,  das  XV.,  unter  de  la  Motterouge,  das  128  Geschütze
und  60000  Leute,  fast  nur  junge  Mannschaft,  zählte.  Trotz  seiner  Stärke
wich  der  Feind,  in  seinen  Flanken  von  der  Kavallerie  umklammert,  nach
längerem,  für  ihn  verlustreichem  Gefecht  bei  Artenay  (10.  Oktober)  vor  den
ersten  drei  bayerischen  Brigaden.  Der  Rückzug  wurde  so  fluchtartig,  daß
Motterouge  das  nördliche  Loireufer  zu  räumen  beschloß.

Am  folgenden  Tage  marschierte  Tann  in  breiter  Front  nach  Süden
gegen  Orléans.  Die  22.  Division  auf  dem  rechten  Flügel  geriet  zuerst  an
den  Feind  und  stürmte  nach  langem  Gefecht  das  etwa  eine  Stunde  nordwestlich
  von  Orléans  gelegene  verschanzte  Dorf  Ormes,  konnte  dann  aber  nur
        <pb n="610" />
        598  125.  Einnahme  von  Orléans.

langsam  durch  Gärten  und  Häuser  bis  zur  Vorstadt  Le  Petit  St.  Jean  vorrücken.
  Auf  dem  linken  Flügel  fand  die  3.  bayerische  Brigade,  welche  die
große,  schnurgerade  Straße  von  Paris  her  verfolgt  hatte,  heftigen  Widerstand
bei  Bel  Air.  Da  von  hier  die  auf  beiden  Seiten  bis  in  die  Stadt  hinein
dicht  mit  Häusern  besetzte  Straße  leicht  zu  verteidigen  war,  suchten  die  Bayern
im  Rücken  zwischen  Straße  und  Eisenbahn  vorwärts  zu  kommen  und  gerieten
darüber  in  hartnäckigen  Kampf  gegen  die  Gasfabrik  und  den  Bahnhof
Les  Aubrays;  auch  die  4.  Brigade,  die  rechts  neben  der  3.  Brigade  über
Saran  die  feindliche  Linie  durchbrochen  hatte,  konnte  nur  die  westliche  Häuserreihe
  nehmen.  Daher  ließ  Tann  den  entscheidenden  Stoß  von  Nordwesten
her  führen,  indem  er  um  5  Uhr  die  1.  Brigade  zwischen  die  4.  und  die
22.  Division  einschob.  Es  gelang  den  32ern,  den  Bahndamm  zu  überschreiten
  und  den  Feind  zum  Weichen  zu  zwingen;  durch  die  Vorstadt  St.  Jean
stürmte  dann  das  1.  bayerische  Regiment  vor  bis  an  das  den  Eingang  in  die
Stadt  sperrende  Zollgitter.  Major  von  Lüneschloß  und  sämtliche  Offiziere
setzten  sich  an  die  Spitze;  durch  eine  gesprengte  Nebentür  drangen  sie  in  die
Stadt  ein  und  bis  zum  Martroiplatz,  auf  dem  das  Reiterstandbild  der
Jungfrau  von  Orléans  prangt,  die  einst  die  Stadt  vor  den  Engländern  gerettet
  hatte.  In  den  Straßen  trafen  sich  Bayern  und  Thüringer;  hier  an
der  Loire  wurde  die  bisherige  Waffenbrüderschaft  zur  innigsten  Freundschaft.
Die  1.  bayerische  und  die  43.  Brigade  besetzten  noch  am  Abend  die  wichtigsten
Gebäude  und  die  Loirebrücke.  Die  glänzenden  Siege  beider  Tage  kosteten  etwa
1100  Mann,  von  denen  ein  beträchtlicher  Teil  auf  die  3.  bayerische  Brigade
fiel.  Die  Franzosen  verloren  4200  Mann,  davon  2700  Gefangene.

Zwei  Tage  vor  der  Einnahme  von  Orléans  hatte  Gambetta  in
Tours  die  Regierungsgeschäfte  übernommen,  das  Innere  und  den  Krieg,
und  mit  mächtigem  Wort  das  Volk  zum  Kampfe  aufgerufen:  „Große  Pflichten
werden  euch  auferlegt!  Die  erste  dieser  Pflichten  ist,  daß  ihr  keinen  anderen
Gedanken  habt  als  den  Krieg!“  Gambetta  trat  auf  als  Diktator;  mit  der
gewaltigen  Kraft  seines  Willens  riß  dieser  einzige,  vielumfassende  Kopf  Frankreich
  mit  sich  fort  und  ergoß  einen  neuen  Geist  durch  das  Volk.  Ihm  allein
war  die  ungeheure  Anstrengung  zu  verdanken,  der  sich  das  Land  unterzog.
Nicht  weniger  als  elf  Armeekorps,  600000  Mann,  stampfte  er  innerhalb  von
vier  Monaten  wie  aus  der  Erde.  Bewaffnung  und  keineswegs  schlechte  Ausrüstung
  für  diese  Massen  wurden  blitzschnell  besorgt,  anfangs  unter  der  starken
Beihilfe  Amerikas  und  Englands,  deren  Kaufleute  bereitwilligst  Gewehre  und
Patronen  lieferten.  1404  neue  Feldgeschütze  kamen  ins  Feuer;  die  Granaten
erhielten  jetzt  Schlagzündung  und  wirkten  weit  mehr  als  die  früheren.  Schnell
hergestellte  Kriegskarten  belehrten  die  Offiziere  über  die  ihnen  unbekannten
Gegenden;  ein  tüchtiges  Geniekorps  bildete  sich  aus  Privatleuten,  meist  Technikern
  der  Fabriken.  Vortrefflich  verstand  die  Armeeleitung  das  Eisenbahnnetz
auszunutzen.  Ganz  Frankreich  war  ein  mobiles  Kriegslager.
        <pb n="611" />
        125.  Einnahme  von  Orléans.  599

Der  Krieg,  der  vielen  schon  fast  beendet  schien,  trat  in  völlig  neue  Verhältnisse
  ein  und  verlängerte  sich  ins  Ungewisse.  Wieder  nahm  er  einen
dramatischen  Zug  an,  der  seit  Metz  und  Sedan  geschwunden  war,  die  Entwickelung
  erregte  aufs  neue  erwartungsvolle  Spannung.  Ganz  Europa,
dessen  Völker  die  unerhörten  Siege  der  bisher  gering  geachteten  Deutschen
nicht  ohne  einige  Mißgunst  gesehen  hatten,  verfolgte  mit  höchstem  Interesse
den  wiederbelebten  Waffengang.

 

Bayerische  Artillerie  im  Kampfe  bei  Toulmiers.

Da  der  Feind  über  die  Loire  bis  nach  Salbris  gewichen  war,  beschränkte
sich  Tann  bei  der  geringen  Zahl  seiner  Truppen  darauf  den  Flußabschnitt
bei  Orléans  zu  halten,  während  die  22.  Division  und  die  4.  Kavalleriedivision
die  zahlreichen  Freischaren  im  Nordwesten  vertreiben  sollten.  Am  18.  Oktober
fanden  sie  die  offene  Stadt  Chäteaudun  durch  Barrikaden  verschlossen  und
von  Franktireurs,  denen  sich  die  Einwohner  kämpfend  zugesellten,  hartnäckig
verteidigt.  Die  Division  stürmte  die  in  Brand  geschossene  Stadt  noch  spät  abends
in  gräßlichem  Handgemenge;  Chäteaudun,  großenteils  ein  rauchender  Schutthaufen,
  büßte  mit  fast  völligem  Ruin.  Durch  sein  grausiges  Schicksal  gewarnt,
ergab  sich  am  21.  Chartres,  wo  den  regulären  Truppen  Abzug  gewährt
wurde.

Der  von  Gambetta  ernannte  neue  Oberbefehlshaber,  General  d'Aurelle
de  Paladines,  der  in  kurzer  Zeit  durch  Strenge  und  fleißige  Ubung  seine
        <pb n="612" />
        600  125.  Der  Tag  von  Coulmiers.

lockeren  Scharen  zu  leidlich  brauchbaren  Kriegern  machte,  vereinigte  das  XV.
und  das  unter  General  Chanzy  eben  gebildete  XVI.  Korps  und  zog,  von
starker  Artillerie  und  Kavallerie  begleitet,  von  Blois  her  auf  dem  rechten
Loireufer  gegen  Orléans  mit  der  Absicht  zugleich  dem  Gegner  den  Rückzug
abzuschneiden.

General  von  der  Tann,  der  die  Stärke  des  Feindes  nicht  kannte  und
durch  den  Abmarsch  der  22.  Division  geschwächt  war,  beschloß  den  Feind
westlich  von  der  Stadt  zu  empfangen,  da  sie  selbst  zur  Verteidigung  ungeeignet
war.  Am  Morgen  des  9.  November  mußten  die  Bayern  vor  der  Mehrzahl
und  dem  starken  Geschübfeuer  der  Franzosen,  die  in  guter  Haltung  heranrückten,
  erst  Baccon,  dann  nach  langem  Widerstand  um  2  Uhr  auch  La  Renardière
  aufgeben  und  sich  nach  dem  Saume  des  Waldes  von  Montpigeau  zurückziehen.
  Im  Norden  vereitelte  die  2.  Brigade  unter  General  von  Orff  alle
Umgehungsversuche  und  erstritt  Vorteile,  bis  die  Übermacht  des  Feindes  es
ratsam  machte  vom  Angriff  abzusehen  und  nur  die  Stellung  bei  St.  Sigismond
  aufs  äußerste  zu  verteidigen.  Nachdem  die  4.  Brigade  mehrere  Gewaltanstürme
  des  Feindes  auf  Coulmiers  kräftig  zurückgewiesen  hatte,  wollte
Tann  nicht  seine  Reserve  daransetzen  und  ließ  deshalb  das  Gefecht  um  4  Uhr
abbrechen.  In  bester  Ordnung,  den  Feind  stets  zurückhaltend,  zog  das  Korps
über  Artenay  nach  Toury  zurück,  wo  es  stehen  blieb.  Die  Stadt  Orléans
war  bereits  am  Nachmittage  geräumt  worden,  nur  die  Lazarette  mit  den  Verwundeten
  und  Kranken  blieben  zurück.  Am  Abend  besetzten  die  Franzosen  die
Stadt  aufs  neue.  ½

Dieses  Treffen  von  Coulmiers  ist  das  einzige  größere,  das  die  Deutschen
in  diesem  Kriege  verloren  haben.  Aber  ihrer  15000  mit  90  Geschützen  hatten
71000  Feinde  mit  140  Geschützen  gegen  sich.  Mit  Ruhm  und  ohne  allzu
große  Verluste  war  sieben  Stunden  lang  gestritten  worden  und  die  Franzosen
wagten  keine  Verfolgung.  Und  wenn  diese  nach  jeder  verlorenen  Schlacht
der  Auflösung  anheimfielen,  kamen  die  Deutschen  nicht  einen  Augenblick  in
Verwirrung,  obgleich  manche  Abteilungen  seit  36  Stunden  nicht  geruht  hatten.)
Die  Franzosen  zauderten  daher  ihren  Erfolg  auszunutzen;  dennoch  waren  sie

1)  Erst  nach  schweren  Kämpfen  bei  Beaune  la  Rolande  (28.  Nov.),  Villepion
  (1.  Dez.),  Loigny-Poupry  (2.  Dez.),  Orléans  (3.  und  4.  Dez),  nachdem
die  Armee  d'Aurelle  de  Paladines'’  auf  der  ganzen  Linie  geworfen,  im  Zentrum  durchbrochen
  und  zu  exzentrischem  Rückzug  auf  Bourges  bzw.  Tours  genötigt  worden  war,
fällt  Orléans  zum  zweitenmal  und  dauernd  in  die  Hände  der  Deutschen.

*)  „Der  Rückzug  nach  einem  Gesecht  bleibt  immer  die  bitterste  Prüfung  des
militärischen  Wertes  einer  Truppe,  aber  sie  mag  noch  so  gut  bestanden  werden,  ein  verdrießlicher
  Moment  ist  es  doch.  Das  1.  bayerische  Korps  hatte  bis  jetzt  in  sechs  Schlachten
und  Gefechten  gekämpft,  ohne  daß  es  jemals  zurückweichen  mußte;  wir  waren  etwas  verwöhnt
  und  mehr  erstaunt  als  geärgert,  daß  das  siebente  Mal  der  Sieg  nicht  gelungen.
Wenn  man  sich  auch  wiederholt  die  große  überlegenheit  des  Gegners  in  das  Gedächtnis
rief,  gegen  welche  mit  unseren  geringen  Kräften  einen  dauernden  Widerstand  zu  leisten
        <pb n="613" />
        126.  Eine  gefährliche  Eisenbahnfahrt.  601

höchst  befriedigt  und  dieser  Sieg  half  ihnen  sogar  über  die  Bestürzung  hinweg,
  welche  die  Kapitulation  von  Metz  (27.  Oktober)  hervorgerufen  hatte.

So  viel  hatten  sie  auch  wirklich  erreicht:  die  Loirearmee,  an  deren  Wert
viele  nicht  hatten  glauben  wollen,  war  eine  Tatsache  geworden,  mit  der  ernstlich
  gerechnet  werden  mußte.  Die  deutsche  Heeresleitung  hatte  mit  den  größten
Schwierigkeiten  zu  kämpfen;  Paris  fesselte  zu  viele  Kräfte,  während  fortwährend
  ringsum  neue  Armeen  aus  der  Erde  schossen.  Es  war  die  höchste
Zeit,  daß  Metz  fiel,  sonst  wurde  die  weitere  Belagerung  der  Hauptstadt  in
Frage  gestellt.

126.  Eine  gefährliche  Eisenbahnfahrt.
Von  Adolf  von  Erhard.K½)

Von  der  Eisenbahn-Geniekompagnie  des  Genie-Regiments  (heute  1.  und
2.  Pionier-Bataillon),  die  selbst  zur  bayerischen  „Feldeisenbahn-Abteilung“  gehörte,
  war  ein  Detachement  in  der  Stärke  von  3  Unteroffizieren  und  36  Mann
am  14.  Oktober  1870  zu  Bahnhofsarbeiten  in  Etampes  zurückgeblieben,
am  22.  in  Orléans  eingetroffen  um  daselbst  bis  9.  November  den  Betrieb
auf  der  Strecke  Orléans-Juvisy  zu  leiten  und  vereinigte  sich  erst  nach  verschiedenartigen
  Verwendungen  am  20.  Januar  1871  wieder  mit  der  Abteilung.

Kaum  graute  der  Morgen  des  9.  November,  so  begannen  die  Geschütze
bei  Coulmiers  zu  spielen  und  bald  ließ  der  ununterbrochene  Donner  der
Kanonen  auch  in  Orléans  erkennen,  wie  heftig  im  Westen  der  Stadt  um  den
Sieg  gerungen  wurde.  Von  der  großen  Übermacht  der  entgegenstehenden
französischen  Loirearmee  hatte  man  in  den  uneingeweihten  Kreisen  keine  Ahnung,
wohl  aber  zeigten  die  freudigen  Mienen  der  gut  unterrichteten  Stadtbewohner
und  deren  plötzlich  schroff  hervortretendes,  feindseliges  Gebahren  gegen  die
noch  anwesenden  Deutschen,  welchen  Hoffnungen  sie  sich  hingaben.

Von  dem  Generalstabschef  des  1.  bayerischen  Armeekorps  von  Heinleth
  war  der  Feldeisenbahn-Abteilung  morgens  der  Befehl  übermittelt  worden,
den  ganzen  im  Bahnhof  von  Orléans  vorhandenen  Fahrpark  zum  Rückzug  in
der  Richtung  gegen  Paris  bereit  zu  halten  und  sobald  die  Meldung  erfolge,
daß  auch  die  letzte  Kompagnie  des  Infanterie-Leibregiments,  welche  am  Vornicht
  möglich  war,  —  der  Eindruck,  daß  man  bei  Nacht,  in  Schnee  und  Regen,  still,  ohne
Signale  zurückmarschierte,  ließ  sich  nicht  verwischen  und,  gestehen  wir  es  ein,  das  Bewußtsein,
  daß  gerade  uns  Bayern  dies  passieren  mußte,  milderte  diesen  fatalen  Eindruck  eben
nicht.“  Vgl.  Hugo  Helvig  „Das  1.  bayerische  Armeekorps  von  der  Tann  im  Kriege
1870/71.“  S.  207.  München  1872,  R.  Oldenbourg.

„General  von  der  Tann  hatte  sich  mit  Geschick  und  Glück  einer  mißlichen  Lage
entzogen;  eine  Verfolgung  fand  überhaupt  nicht  statt.“  Moltke  a.  a.  O.  S.  127.

1)  „Bayerische  Einzeltaten  und  Gefechtsbilder  aus  dem  Deutsch-Französischen  Kriege
1870/71.“  Nr.  15,  S.  47.  München  1899,  J.  Lindauer.
        <pb n="614" />
        602  126.  Eine  gefährliche  Eisenbahnfahrt.

mittag  des  9.  noch  die  Wache  in  Orléans  hielt,  abgezogen  sei,  mit  dem  ganzen
Fahrpark  und  allem,  was  in  demselben  untergebracht  werden  könnte,  den
Bahnhof  zu  verlassen.  Hierzu  stand  aber  nur  eine  seit  7.  November  notdürftig
  zusammengeflickte,  französische  Lokomotive  „Bucephale“,  mit  höherer
Erlaubnis  „von  der  Tann“  umgenannt,  zu  Gebote.  Deren  Leistungsfähigkeit
  war  nicht  zu  viel  zuzumuten,  während  der  Ernst  der  Dinge  immer
klarer  wurde.

Schon  in  den  Morgenstunden  gingen  Gerüchte,  in  der  Stadt  sei  auf
Deutsche  geschossen  worden.  Der  Ingenieur  Gustav  Ebermayer,  Führer  der
hier  tätigen  Arbeitssektion  der  Feldeisenbahn-Abteilung,  teilte  die  sämtlichen
vorhandenen  Wagen,  etwa  40  an  der  Zahl,  in  zwei  Transporte,  um  sie  nacheinander
  aus  Orléans  wegzubringen.  Um  ½9  Uhr  vormittags  kam  von  der
Stadtkommandantschaft  der  Befehl  mit  der  Abfahrt  noch  zu  warten,  bis  die
ersten  Nachrichten  vom  Schlachtfelde  da  seien.  Gegen  ½11  Uhr  traf  die
Ordre  ein  nunmehr  alles  nach  Artenay,  der  nahezu  20  km  von  Orléans
gelegenen  Station  der  Pariser  Linie,  in  Sicherheit  zu  bringen  und  kurz  darauf
dampfte  die  Maschine  mit  dem  ersten  Zug  zum  Bahnhof  hinaus.  Der  Führer
hatte  Auftrag  von  Artenay  sogleich  mit  der  Maschine  zurückzukehren  um  auch
den  zweiten  Zug,  für  dessen  gleichzeitige  Fortschaffung  die  Stärke  der  Lokomotive
  nicht  ausgereicht  hätte,  fortzuführen.

Inzwischen  begannen  die  Ereignisse  zu  drängen.  Um  ½12  Uhr  zog  die
Bahnhofwache  mit  der  letzten  Kompagnie  des  Leibregiments  ab  und  mit  derselben
  befehlsgemäß  auch  der  auf  der  Straße  mit  den  Rüstwagen  sich  bewegende
  Teil  des  Detachements.  Am  Bahnhof  befand  sich  jetzt  nur  noch  ein
kleines  Häuflein  von  Geniesoldaten,  welches  zur  Deckung  des  Zuges  dienen
sollte,  ungefähr  25  Mann,  und  außer  dem  Ingenieur  ein  Maschinenmeister
und  Bahnmeister,  nebst  Hilfspersonal,  alle  sehnsüchtig  der  rückkehrenden  Maschine
  harrend,  denn  die  Lage  im  Bahnhofe  fing  an  höchst  ungemütlich  zu
werden.  Massen  von  Pöbel,  Blusenmännern,  deren  Orléans  als  Fabrikstadt
viele  Tausende  zählte,  hatten  sich,  sobald  die  Stadt  von  allem  deutschen  Militär
entblößt  war,  in  den  Bahnhof  hineingedrängt  und  näherten  sich  unter  Geschrei
und  Gejohle  immer  mehr  dem  bayerischen,  zur  Abfahrt  bereit  stehenden  Zuge.
Es  war  bereits  ½1  Uhr  und  von  der  Lokomotive,  welche  längst  zurück  sein
sollte,  ließ  sich  noch  immer  nichts  sehen.  Wenn  nun  der  notdürftig  geflickten
Maschine  ein  Unfall  begegnet  wäre,  der  sie  überhaupt  an  der  Rückkehr  hinderte?
—  Diese  schlimme  Möglichkeit  mußte  allmählich  in  Erwägung  gezogen  werden,
und  als  auch  gegen  1  Uhr  dem  in  die  Ferne  spähenden  Auge  von  der  ersehnten
  Rauchsäule  sich  nichts  zeigte,  der  Andrang  der  Volksmenge  aber  immer
stärker  wurde,  durfte  Ebermayer  die  Verantwortung  für  längeres  Zuwarten
nicht  mehr  übernehmen  und  befahl  daher  den  Abmarsch.

Dieser  wurde  zu  Fuß  auf  der  Bahnlinie  bewerkstelligt  und  das  notwendigste
  Gepäck  auf  kleinen,  mit  der  Hand  geschobenen  Bahnwagen  mitgeführt.
        <pb n="615" />
        126.  Eine  gefährliche  Eisenbahnfahrt.  603

Die  wenigen  in  dem  zurückgelassenen  Bahnzuge  befindlichen  bayerischen  Kranken,
Verwundeten  und  Rekonvaleszenten,  welche  noch  marschfähig  waren,  schlossen
sich  an  und  mit  tiefer  Betrübnis  den  Bahnzug  im  Stiche  lassend  kehrten  die
Angehörigen  der  Feldeisenbahn-Abteilung  als  die  Letzten  der  Stadt  Orléans
den  Rücken.  Zögernd  marschierten  die  Bayern  rückwärts,  aber  noch  war  die
Hoffnung  nicht  erloschen,  daß  die  rettende  Lokomotive  sich  nahe.  Erst  als
der  Bahnhof  allmählich  außer  Sicht  kam,  schwand  alle  Hoffnung  den  zurückgelassenen
  Zug  zu  bergen.  So  erreichte  die  kleine  Schar  Les  Aubrais,  den
wenige  Kilometer  von  Orléans  gelegenen  großen  Rangierbahnhof  und  hier,
wo  alles  noch  in  tiefer  Ruhe  und  kein  Mensch  zu  sehen  war,  machten  die
Bayern  nochmals  Halt,  sich  fast  die  Augen  nach  ihrer  Retterin  ausschauend.
Da  —  plötzlich  —  lieblicher  hat  kaum  je  eine  Musik  lauschenden  Ohren  geklungen
  —  der  Pfiff  einer  Lokomotive;  das  konnte  nur  der  „von  der  Tann“
sein  und  mit  Jubelruf  empfangen  dampfte  auch  schon  die  Maschine  heran.
Allerlei  kleine  Unfälle,  Rostverschlackung,  Wasseraufnahme  u.  a.  m.  hatten  sie
aufgehalten.

Nun  aber  war  guter  Rat  teuer.  Sollte  man  nochmals  in  die  Löwenhöhle
  zurück,  wo  vermutlich  der  bayerische  Zug  schon  gestürmt  und  demoliert
und  das  Schicksal  der  Gefangenschaft,  wenn  nicht  Argeres,  den  Umkehrenden
sicher  war?  Befehlen  konnte  man  das  nicht;  so  rief  der  Ingenieur:  Freiwillige
  vor,  und  im  Augenblicke  saßen  und  standen  etwa  20  der  wackeren
Geniesoldaten,  alle  mit  den  gefürchteten  Chassepots  wohlbewaffnet,  auf  dem
Tender,  während  Ebermayer  mit  dem  Bahnmeister  die  Maschine  bestiegen  hatte;
und  vorwärts  ging  es  wieder  nach  Orléans,  was  die  Maschine  laufen  konnte.

Da  stand  noch  der  verlassene  Zug,  unangetastet,  wenn  auch  wild  umtobt
von  dem  andrängenden  Volke.  Einzelne  deutsche  Soldaten,  welche  erst  nach
dem  Abmarsch  der  Bayern  sich  noch  aus  der  Stadt  an  den  Bahnhof  gerettet,
hatten  mit  ihren  Waffen  die  andrängende  Menge  immer  noch  im  Schach  gehalten.
  Im  Nu  war  die  Maschine  an  den  Zug  angekuppelt,  alles  schien  gewonnen,
  da  —  meldet  der  Zugführer  ganz  phlegmatisch,  daß  die  Maschine
kein  Wasser  mehr  habe!  Man  muß  wissen,  was  eine  Lokomotive  ohne  Wasser
ist,  eine  unbehilfliche,  tote  Masse,  um  den  ganzen  Schrecken  der  Leute  zu  ermessen.
  Und  die  Wasservorrichtungen  im  Bahnhof  unheilbar  zerstört!  Hatte
man  doch  auch  schon  tags  vorher  und  desselben  Tages  früh  die  Maschine  nur
mittels  Schlauches  und  einer  von  der  Stadt  requirierten  Feuerspritze  mit
Wasser  versehen  können!  Aber  die  Spritze  mußte  noch  an  einem  benachbarten
Weiher  stehen  und  richtig,  sie  zeigte  sich  unberührt,  und  als,  wie  auf  einem
lecken  Schiffe,  das  Kommando  ertönte:  „Alle  Mann  an  die  Pumpe!“",  da
wurde  die  Pumpe  mit  einem  Feuereifer  bedient,  wie  vielleicht  vorher  selten  bei
der  größten  Feuersbrunst.  Es  vergingen  peinliche  Minuten,  bis  endlich  das
Wasser  am  ersten  Probierhahnen  sprang.  Nun  genug!  Schon  will  der
Führer  Dampf  geben,  doch  Halt!  Man  mußte  auch  sorgen,  daß,  wenn  unter-
        <pb n="616" />
        604  126.  Eine  gefährliche  Eisenbahnfahrt.

wegs  wieder  Wassernot  eintritt,  man  nicht  hilflos  sei;  also  schnell  mit  vereinten
Kräften  die  Feuerspritze  beigefahren,  aufgepackt  und  in  einen  Bahnwagen
hinein  und  mit  ihr  die  rasch  auseinandergeschraubten  Schläuche  —  kein  Stück
davon  wurde  zurückgelassen.  Nun  aber  fort!

Triumphierend  dampft  der  „von  der  Tann“  mit  seinem  Bahnzuge,  teils
besetzt  von  Kranken  und  Verwundeten,  teils  beladen  mit  allen  möglichen
Gegenständen:  Ersatzmonturen,  namentlich  Stiefeln  und  Wäsche,  Liebesgaben,
Furage  u.  s.  w.  unter  dem  Wutgeheul  und  den  Verwünschungen  der  angesammelten
  Volkshaufen  zum  Bahnhof  hinaus.  Vor  dem  Bahnhof  führte  eine
Wegbrücke  über  das  Geleise,  dicht  besetzt  von  Franzosen,  welche  bei  unserem
Abzuge  zu  Fuß  vor  einer  Stunde  ein  Hohngeschrei  aufgeschlagen  hatten,  bei
unserer  Wiederkehr  mit  der  Maschine  uns  mit  Verwünschungen  überschütteten,
jetzt  aber,  als  wir  den  von  ihnen  schon  als  gute  Beute  erachteten  Bahnzug
davonführten,  Miene  machten  Steine  und  was  sie  sonst  zur  Hand  bekommen
konnten  auf  uns  niederzuschmettern;  einzelne  von  ihnen  waren  mit  Waffen
versehen.  Aber  die  20  vom  Tender  aus  auf  sie  gerichteten  Chassepots  hielten
sie  doch  in  Respekt  und  ihr  Verwünschungsgejohle  tat  den  Abziehenden  nicht
weh.  In  Les  Aubrais  luden  diese  ihr  Gepäck  und  die  zurückgebliebenen  Genossen
  ein  und  kamen  unbehelligt  nach  Artenay,  wo  der  erste  Zug  schon  hinterstellt
  war.

Hier  erhielt  das  Detachement  der  Feldeisenbahn-Abteilung  gegen  Abend
die  Kunde  von  dem  Ausgang  des  Treffens  bei  Coulmiers  und  brachte  noch
den  einen  der  beiden  Bahnzüge  bis  Etampes,  einer  zwischen  Paris  und  Orléans,
etwas  näher  an  ersterer  Stadt  gelegenen  Bahnstation,  wo  die  Maschine  übernachtete
  um  am  andern  Morgen  (10.  November)  mit  Tagesgrauen  wieder  aufzubrechen
  und  die  Sachlage  bei  Artenay  zu  erkunden.

Wiederum  verzögerten  kleine  Unfälle  an  der  Maschine  die  Fahrt.  Auf
dem  Wege  nach  Toury  —  etwa  13  km  vor  Artenay  —  wurde  dem  Ingenieur
von  der  Weiterfahrt  dringend  abgeraten,  da  Artenay  bereits  von  den  deutschen
Truppen  geräumt  sei.  Aber  auch  der  dort  noch  stehende  Zug,  obwohl  zum
weitaus  größten  Teile  bereits  geleert,  sollte  nicht  im  Stiche  gelassen  werden,
da  schon  das  Wagenmaterial  an  sich  für  die  Bayern  zu  wertvoll  war.  Das
Detachement  machte  sich  daher  trotz  aller  Warnungen  auf  den  Weg.  Zwischen
Toury  und  Artenay  zieht  die  Bahnlinie  fortwährend  in  geringer  Entfernung
von  der  Landstraße  hin,  auf  welcher  die  von  Coulmiers  herkommenden  deutschen
Truppenkörper  sich  gegen  Toury  bewegten.  Alle  Augenblicke  kamen  nun
Offiziere  von  der  Straße  her  gegen  unsere  Maschine  angesprengt  mit  dem  Zurufe,
  Artenay  sei  geräumt,  wir  sollten  uns  hüten  noch  dahin  zu  fahren.  Mit
dem  oftmaligen  Aufhalten  verlor  man  viel  Zeit.  Da  bedeutete  halbwegs
Artenay  dem  tapferen  Ingenieur  ein  Generalstabsoffizier,  daß  die  Abholung
des  dort  stehenden  Zuges  noch  nicht  unmöglich  sei,  und  nun  war  kein  Halt
mehr.  Mit  Volldampf  sauste  die  Lokomotive  trotz  alles  Winkens  von  der
        <pb n="617" />
        127.  Ergebnisse  der  Schlacht  von  Orléans  am  3.  und  4.  Dezember.  605

Landstraße  mit  Taschentüchern  und  Gewehren,  trotzdem  ganze  Truppenabteilungen
  stehen  blieben  vor  Verwunderung  über  das  unsinnige  Beginnen  im
tollen  Jagen  in  Feindesrachen  zu  rennen.  Nichts  hielt  den  Ingenieur  und.
seine  Begleiter  mehr  auf,  der  Bahnhof  war  in  Sicht,  von  französischem  Militär
nichts  zu  bemerken;  daher  ward  mit  gemäßigter  Geschwindigkeit  in  den  einsam
und  verlassen  daliegenden  Bahnhof  eingefahren,  die  Maschine  vor  den  Zug
gelegt  und  angekoppelt.  Zurück  geht  es  mit  dem  Zuge  an  den  Augen  der
eben  noch  so  besorgten  Leute  an  der  Landstraße  vorüber.  Nach  weniger  als
einer  halben  Stunde  befand  sich  auch  dieser  Zug  zu  Toury  in  Sicherheit  und  das.
Detachement  konnte  stolz  sein,  die  bei  dem  Rückzuge  von  Orléans  ihm  zugewiesene
  Aufgabe  trotz  der  schwierigsten  Umstände  voll  und  ganz  erledigt  zu
haben.

127.  Ergebnisse  der  Schlacht  von  Orléans
am  3.  und  4.  Dezember.

Von  Hermann  Kunz.1)

Die  Ergebnisse  der  zweitägigen  Schlacht  von  Orléans  waren  glänzend,
die  eigenen  Verluste  der  Sieger  dabei  gering  zu  nennen.  Der  Haupterfolg
der  Schlacht  liegt  aber  nicht  in  der  Masse  der  gemachten  Gefangenen  und  der
eroberten  Geschütze,  sondern  in  der  Zersprengung  der  französischen  Loirearmee
und  in  dem  großen  Niedergang  des  moralischen  Elements  bei  den  Franzosen.

Nicht  leicht  dürfte  es  schärfere  Gegensätze  in  der  moralischen  Verfassung
eines  und  desselben  Heeres  geben,  wie  wir  sie  bei  der  Loirearmee  binnen
weniger  Tage  feststellen  konnten.  Am  1.  Dezember  gingen  die  Massen  dieses
Heeres  mit  frohester  Siegeszuversicht  vorwärts,  begeistert  durch  die  Lügenproklamationen
  Gambettas,  stolz  auf  die  angeblichen  Erfolge  der  Pariser
Armee,  begierig  darauf  es  den  Pariser  Kameraden  gleichzutun.  Heitere
Fröhlichkeit  herrschte  vor,  die  berühmte  #gaité  gauloise,  auf  welche  die
Franzosen  nicht  ohne  Grund  stolz  sind,  spiegelte  sich  auf  den  Gesichtern  der
Tausende  ab,  die  bei  Villepion  in  den  Kampf  zogen.  Als  nun  gar  noch  ein
Sieg  die  Anstrengungen  dieses  Tages  lohnte,  da  gab  es  kein  Halten  mehr.
Jetzt  war  nur  noch  von  Enthusiasmus  die  Rede.  Man  fürchtete  ordentlich,
die  verhaßten  „Prussiens  würden  sich  dem  gallischen  Ansturme  noch  rechtzeitig
  entziehen  und  dadurch  einer  Niederlage  entgehen.  Aber  der  Erfolg
war  sicher;  wehe  dem,  der  etwa  daran  gezweifelt  hätte!  Wer  aber  gar  gewagt
  hätte  solche  Zweifel  auszusprechen,  den  hätte  man  einfach  für  einen
Verräter  gehalten.

So  war  die  Stimmung  am  Morgen  des  2.  Dezember,  am  Jahrestage
der  Schlacht  von  Austerlitz.

 

„Die  Schlacht  von  Orléans“,  S.  239.  Berlin  1894,  Mittler.
        <pb n="618" />
        606  128.  Das  Ende  der  dreitägigen  Schlacht  bei  Beaugency-Cravant.

Am  späten  Abend  des  4.  Dezember  fluteten  dieselben  französischen  Massen,
an  Zahl  sehr  herabgemindert,  durch  Feuer  und  Schwert  zersprengt,  blutend,
hungrig,  vor  Frost  zitternd,  hoffnungslos,  vielfach  auch  führerlos,  im  Dunkel
der  Nacht  trübselig  zurück,  nach  Westen,  nach  Süden,  nach  Osten.  Schlag  auf
Schlag  hatte  die  siegestrunkenen  Franzosen  getroffen,  einer  immer  vernichtender
als  der  andere.  Die  vielgeschmähten  Prussiense  waren  nicht  ausgewichen,
sie  hatten  sich  vielmehr  mit  vollster  Wucht  dem  Feinde  entgegengeworfen  und
den  wilden  gallischen  Ansturm  am  2.  Dezember  gründlichst  abgewiesen.  Dann
waren  sie  sogleich  selbst  zum  Angriff  vorgegangen,  nicht  so  leidenschaftlich
enthusiasmiert  wie  die  Franzosen,  dafür  aber  ruhiger,  zielbewußter  und  von
vortrefflich  bewährten  Führern  geleitet.  Jetzt  lag  das  stolze  Feldzeichen  Frankreichs
  danieder.  Tiefste  Entmutigung  war  an  Stelle  der  hell  lohenden  Begeisterung
  getreten.  Alles  eilte  nach  rückwärts,  vielfach  ohne  zu  wissen  wohin.
Nur  fort  aus  der  Nähe  der  siegreichen  Deutschen,  möglichst  weit  fort,  das  war
das  Losungswort  auf  französischer  Seite.  „Wir  können  nicht  mehr  und  wir
wollen  nicht  mehr“,  sagten  dieselben  Soldaten,  welche  vier  Tage  früher  sich
schon  die  Freuden  eines  Einzugs  in  das  befreite  Paris  ausgemalt  hatten.

So  stellt  sich  die  Bilanz  der  Schlacht  von  Orléans  dar.  An  Stelle  einer
an  Zahl  den  deutschen  Heeren  weitaus  überlegenen  Armee,  welche  soeben  noch
siegesfreudig  auf  den  Stern  Frankreichs  vertraute,  gab  es  jetzt  nur  noch  geschlagene
  Armeekorps,  zersprengte  Divisionen,  welche  nach  drei  verschiedenen
Richtungen  hin  sich  dem  Nachdrängen  des  Siegers  zu  entziehen  trachteten.

Wenn  es  wahr  ist,  daß  die  Franzosen  sich  leicht  für  eine  Idee  begeistern,
daß  sie  sogar  mit  glänzendem  Elan  für  eine  Idee  zu  sterben  bereit  sind  und
dabei  nach  der  Zahl  der  Opfer  nicht  fragen,  so  ist  es  nicht  minder  wahr,  daß
schwere  und  plötzliche  Mißerfolge  die  Stimmung  der  Nachkommen  der  alten
Gallier  aufs  nachhaltigste  beeinflussen  und  daß  Mutlosigkeit,  ja  Verzweiflung
ebenso  schnell  dort  Platz  greift,  wo  zündende  Begeisterung  sich  kurz  vorher  ganz
allein  gezeigt  hat.

128.  Das  Ende  der  dreitägigen  Schlacht  bei  Beaugency-Cravant
(8.—10.  Dezember);  Rüchhehr  der  Bayern  nach  Orleans.

Von  Karl  Tanera.  #)

Bis  zum  vollständigen  Eintritt  der  Dunkelheit  hatte  das  Gefecht  gedauert.
Nun  aber  erkannte  man  deutlich,  daß  der  Feind  auf  allen  Teilen  des  Schlachtfeldes
  entschieden  abgewiesen  sei  und  daß  man  jetzt  doch  hoffen  dürfe,  die
Armee  des  Generals  Chanzy  werde  sich  endlich  zur  Flucht  wenden.

Wie  von  einem  Alp  entlastet  begrüßte  man  bei  den  höheren  Stäben
die  am  Abend  des  9.  Dezember  einlaufenden  Meldungen.

1)  „An  Loire  und  Sarthe“,  S.  207  ff.  München  1892,  Oskar  Beck.
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        128.  Das  Ende  der  dreitägigen  Schlacht  bei  Beaugency-Cravant.  607

Dennoch  wollte  bei  uns  Bayern  keine  rechte  Freude  aufkommen.

Wir  hatten  wieder  am  meisten  verloren,  nämlich  8  Offiziere  und  320  Mann,
und  unsere  Truppen  waren  auf  Zahlen  herabgesunken,  die  einfach  eine  jede
größere  Leistung  für  die  nächste  Zeit  ausschlossen.  Die  meisten  Bataillone
mußten  in  zwei,  eine  ganze  Reihe  sogar  in  eine  Kompagnie  zusammengestellt
werden;  viele  Bataillone  wurden  von  Leutnants,  die  Mehrzahl  der  Kompagnien
von  Feldwebels  geführt  trotz  des  nun  auch  für  die  erste  Division  angekommenen
  Ersatzes  an  Offizieren  und  Mannschaften  und  die  Artillerie  war  selbst
durch  Ausgleich  nicht  mehr  imstande  jedes  Geschütz  mit  der  unbedingt  notwendigen
  Bespannung  und  Bedienung  zu  versehen.

Ich  selbst  habe  in  der  Nacht  zum  10.  Dezember  den  Rapport  der
3.  Brigade  ausgestellt.  Er  ergab  33  Offiziere,  123  Unteroffiziere  und  2124
Mann.  Unter  letzteren  befanden  sich  102  Landwehrjäger,  603  ältere  und
1298  Ersatzleute,  welch  letztere  kaum  drei  Monat  ausgebildet  waren.  So  sah
eine  aus  7  Bataillonen  bestehende,  normal  160  Offiziere  und  7000  Mann
starke  Brigade  aus.

Mit  solchen  Truppen  haben  wir  wieder  am  9.  Dezember  stundenlang  fest
und  ruhig  im  ärgsten  Feuer  ausgehalten;  mit  solchen  Truppen  haben  wir  am
9.  Bauvert  und  Villorceau  gestürmt,  und  mit  solchen  Truppen  haben  wir  bewiesen,
  daß  man  die  Bayern  physisch  vernichten,  niemals  aber  ihr  soldatisches
Ehrgefühl,  ihre  Pflichttreue  untergraben  kann.

Alles  aber  hat  eine  gewisse  Grenze,  und  daß  unsere  physischen  Kräfte
nachließen  —  nachstehende  Tabelle  beweist,  warum.  Nach  den  Strapazen,
Märschen  und  Gesechtsverlusten  des  November,  als  wir  dachten,  durch  die
2.  Armee  abgelöst  zu  werden  um  uns  zu  erholen,  trafen  uns  folgende  Verluste:

Gefecht  bei  Villepion  1.  Dez.  37  Offiziere  802  Mann
Schlacht  bei  Loigny=  Poupry  2.  „  100  „  2203  „
Schlacht  bei  Orlkans  3.  3  „  20  „
4.  „  9  „  301  „
Gesccht  bei  Meung  7.  8  „  94  „

Schlacht  b.  Beaugench-  Cravant  B.,  9.,  10.  Dez  88  „  1986
245  Offiziere  5406  ##unn-„Somit

  hatte  das  1.  Korps  in  10  Tagen  8  Gefechtstage  und  hierbei
ein  Dritteil  der  Mannschaft  und  mehr  als  die  Hälfte  der  Infanterieoffiziere
auf  dem  Schlachtfelde  verloren."“

Von  den  Erfrorenen,  durch  Krankheiten  und  Marschstrapazen  Zugrundegegangenen
  spricht  man  nicht  einmal.

In  der  Nacht  zum  10.  Dezember  standen  die  17.  und  22.  Division  in
erster  Linie  mit  Vorposten  von  Beaugency  über  Clos  Moussu  bis  Cernay,  dahinter,
  bei  und  südlich  Montigny,  die  Bayern  und  rechts  von  ihnen  die  4.,
links  die  2.  Kavalleriedivision.
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        608  128.  Das  Ende  der  dreitägigen  Schlacht  bei  Beaugency-Cravant.

Ein  Befehl  des  Prinzen  Friedrich  Karl  bestimmte,  daß  unsere  Armeeabteilung
  am  10.  Ruhetag  haben  und  das  bayerische  Korps  als  Besatzung
nach  Orléans  abrücken  sollte.  Die  Freude  hierüber  wurde  jedoch  wieder  zu
Wasser.  Bei  General  Chanzy  war  nämlich  Gambetta  eingetroffen.  Dieser  bestimmte
  jenen  Armeeführer  noch  einmal  stehen  zu  bleiben  und  sogar  angriffsweise
  vorzugehen.

Schon  früh  7  Uhr,  gerade  als  sieben  Kompagnien  der  32er  (Thüringer,
vom  X.  preußischen  Korps)  auf  den  Sammelplatz  der  Brigade  nach  rückwärts
abmarschiert  waren,  stürmten  dichte  Massen  des  Feindes  gegen  Crigny  an.  Die
dortigen  fünf  Kompagnien  der  32er  wehrten  sich  wie  verzweifelt,  allein  schließlich
  erlagen  sie  der  Übermacht  und  verloren  das  Dorf.  150  wurden  gefangen,
die  übrigen  schlugen  sich  mit  der  blanken  Waffe  durch,  nachdem  sie  ihre  Munition
verschossen.  Das  war  ein  schlechter  Ruhetag.

Kaum  gelangten  die  Meldungen  hiervon  nach  rückwärts,  so  machten  sich
Preußen  und  Bayern  auf,  die  Kameraden  zu  rächen.  Letztere  stellten,  der  Aufforderung
  des  Generals  von  Wittich  folgend,  sofort  ihren  Abmarsch  ein  und
kehrten  freiwillig  ins  Gefecht  zurück.  Die  34.  und  44.  preußische  sowie  die  2.
und  4.  bayerische  Brigade  drangen  nun  vor.  An  Artillerie  kamen  aber  nur
zwei  preußische  und  vier  bayerische  Batterien  zur  Tätigkeit,  denn  fast  alle  Geschütze
  der  22.  Division  und  ein  Teil  der  bayerischen  waren  durch  Ausbrennen
der  Zündlöcher  unbrauchbar  geworden.  Für  diese  reichte  auch  die  noch  vorhandene
  Bedienungsmannschaft  annähernd  aus.

So  war  es  also  mit  der  Rückkehr  nach  Orléans  noch  nichts!  Nur  das
schon  dorthin  abgerückte  Leibregiment  und  die  ler  beließ  man  im  Marsche.
Wir  andern,  wir  schlugen  wieder  drein.  Bald  kamen  unsere  sämtlichen  noch
gefechtsfähigen  Batterien  angefahren  —  angetrabt  konnte  man  nicht  mehr
sagen,  weil  die  wenigen  abgehetzten  Skelette  von  Pferden  keinen  Trab  mehr
zuwege  brachten  —  und  bald  war  wieder  der  Rummel  los  wie  alle  Tage.

Das  unerwartete  Vorgehen  des  Feindes  am  10.  hatte  zur  Folge,  daß
der  Befehl,  die  Bayern  sollten  am  11.  Orleans  besetzen,  um  einen  Tag  verschoben
  wurde.  Die  ganze  Armeeabteilung  des  Großherzogs  von  Mecklenburg
bereitete  sich  also  in  der  Nacht  vom  10.  zum  11.  noch  einmal  zum  Kampfe
vor.  Uberall  bedauerte  man,  daß  es  so  sein  mußte,  aber  niemand  murrte.
Doch  heute  täuschten  wir  uns  zu  unser  aller  Freude.  Die  Franzosen,  selbst
ihr  energischer  General  Chanzy,  hatten  nun  endlich  doch  genug.  Die  erlittenen
Verluste,  der  mit  Riesenschritten  zunehmende  Verfall  jeder  Disziplin  und  Ordnung
  und  schließlich  das  den  Rücken  der  Loirearmee  bedrohende  Vorgehen  des
IX.  preußischen  Korps  und  der  6.  Kavalleriedivision  auf  Blois  bestimmten
Chanzy  noch  am  Abend  des  10.  am  folgenden  Tage  den  Rückzug  auf  Vendöme
anzutreten.  Damit  hatte  also  die  dreitägige  Schlacht  der  zweiten  französischen
Loirearmee  gegen  die  Armeeabteilung  des  Großherzogs  bei  Beaugency-Cravant
  ihr  Ende  erreicht.  Wir  konnten  uns  nicht  einen  so  glänzenden
        <pb n="621" />
        128.  Rückkehr  der  Bayern  nach  Orléans.  609

Sieg  zuschreiben
  wie  bei
Loigny-Poupry
  oder  Orléans.
  Allein
drei  Tage  hatten
wir  der  vierfachen
  Übermacht,
großenteils  ganz
frischen  Truppen,
  erfolgreichen
  Widerstand
geleistet,  alle
ihre  Versuche
waren  an  unserer
  Gegenwehr
vollständig  geicheitert
  und  vergeblich
  erwiesen
sich  selbst  die  Bemühungen  Gambettas  die  Entsatzarmee  von  Paris  vorwärts
zu  bringen.  Das  hatte  des  Großherzogs  Armeeabteilung  geleistet;  die  Armee
des  Prinzen  Friedrich  Karl  konnte  jetzt  an  die  Vernichtung  des  entmutigten,
abgewiesenen  Gegners  denken.

Am  11.  früh  standen  alle  Truppen  fast  auf  den  gleichen  Plätzen  wie
am  10.  kampfbereit.  Es  kam  aber  nur  zu  unbedeutenden  Scharmützeln  mit
den  Arrièregarden  des  abziehenden  Feindes.  Das  nun  vollständig  herangerückte
X.  Korps  schob  sich  vor  die  Truppen  des  Großherzogs.

Am  12.  schied  das  bayerische  Armeekorps  als  solches  aus  der  Armeeabteilung
  des  Großherzogs  von  Mecklenburg  aus.  Nur  die  4.  Infanteriebrigade
und  sechs  Batterien  verblieben  noch  in  ihrem  Verbande  und  kamen  wiederholt
ins  Feuer.

Am  gleichen  Tage  zwischen  1  und  3  Uhr  rückten  die  2.  und  3.  bayerische
Brigade  nach  herzlichen  Begrüßungen  mit  den  aus  der  Stadt  ausmarschierenden
Brandenburgern  wieder  in  Orléans  ein.  Voran  ritt  der  jetzt  ganz  weiß  gewordene
  General  von  der  Tann.  Wie  verschieden  war  dieser  Einzug  von  den
vorhergehenden!  Beim  ersten  (am  11.  Okt.)  strahlte  alles  in  der  Siegesfreude
und  war  fröhlich  und  guter  Dinge;  der  zweite  (am  4.  Dez.)  fand  schon  unter
dem  Drucke  großer  Strapazen  statt;  jetzt  aber  zog  der  Rest  eines  schönen,
starken  Korps  ernst  und  still,  trauernd  um  so  viele  schmerzliche  Verluste  ein.
Von  uns  allen  im  Juli  mit  ausmarschierten  Offizieren  waren  nur  noch  sehr
wenige  da.  Über  530  lagen  auf  unseren  mehr  als  20  Schlachtfeldern.  Trotzdem
ließen  wir,  als  wir  durch  das  wohlbekannte  Tor  Faubourg  Madeleine  einzogen

Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Baverns.  39

 

Auf  der  Rüchkehr  nach  Orleans  (12.  Dezember).
        <pb n="622" />
        610  129.  Das  Lied  vom  von  der  Tann.

und  vor  unserem  kommandierenden  General  defilierten,  die  Köpfe  nicht  hängen.
Im  Gegenteil!  Frei  konnten  wir  trotz  der  Lumpen,  die  uns  kleideten,  trotz
der  zerrissenen  Stiefel,  die  kaum  mehr  die  Füße  bedeckten,  trotz  der  klepperdürren
  Rosse,  auf  denen  wir  ritten,  seinem  festen  Blick  begegnen,  denn  ein  erhebendes
  Bewußtsein  durchwogte  uns  alle  und  wir  lasen  die  Bestätigung  davon
in  seinem  Auge,  das  stolz  auf  seinen  Bayern  ruhte  und  es  deutlich  aussprach:
„Ihr  habt  euere  Pflicht  erfüllt  bis  aufs  äußerste!"

Das  Korps  von  der  Tann  blieb  nunmehr  bis  zum  24.  Dezember  in
Orléans  mit  Ausnahme  der  oben  erwähnten  Truppen.  Es  erholte  sich  in  dieser
Zeit  und  war,  als  es  im  Januar  bei  der  Belagerung  der  Hauptstadt  wieder
Verwendung  fand,  bei  frischen  Kräften.

Durch  den  Abzug  der  Bayern  nach  Orléans  löste  sich  deren  engere  Verbindung
  mit  jenen  preußischen  Divisionen,  mit  denen  sie  im  Süden  von  Paris
so  manchen  Sieg  erfochten,  so  manches  Ernste  durchgemacht.  Treue  Kameradschaft
  hatten  wir  gefunden  und  gewahrt;  gleicher  Opfermut,  gleiches  Streben
hat  uns  Bayern  von  Iller,  Lech,  Isar,  Inn  und  Donau,  aus  den  südlichsten
Gauen  des  Reiches  mit  den  Mecklenburgern  und  Hanseaten  des  äußersten  Nordens,
  mit  den  Thüringern  und  Hessen  der  Mitte  und  mit  schlesischen,  pommerschen,
  posenschen  und  preußischen  Reitern  des  Ostens  vereint;  wir.  haben
uns  gegenseitig  kennen  und  achten  gelernt  und  wir  haben  empfunden,  daß  wir
alle  zu  einem  großen,  mächtigen  Volke  gehören,  daß  wir  alle  nur  eine  Heimat
haben,  unser  geliebtes  deutsches  Vaterland.

Von  ihnen  jeder  ist  ein  Held,

Sie  stehen  auf  dem  Siegesfeld

Vom  ersten  Tag  an  sichtbarlich.

Hier  hat  der  Sänger  nur  zu  preisen,

Auf  Opferleichen  hinzuweisen,

Und  betend  zu  verhüllen  sich.  (Martin  Greif.)

129.  Das  Lied  vom  von  der  Tann.
Von  Franz  Trautmann.  )

En  avant,  marchons,  en  avant,  marchons,
Liebe  Bruder  von  dere  grrrande  Nation!
Wire  sein  sie  sicher  der  Victoire,

Wire  hab'  sie  schone  unserige  Gloire!

La  la  Gloire,  la  Gloire,  la  Gloire,  la  Gloire,
La  Cloire,  la  grande  Victcirel

Wire  fürcht’  sie  heiner  Preuß-Poltrons,

Wire  fürcht'  sie  heiner  Herr  Saxons,

Keiner  Bademann,  Würtenberbouregois.
Keine  böse,  blauer  Bavarois!

1)  „Aus  der  Kriegszeit  1870“,  S.  30.  Berlin  1870,  Fr.  Lipperheide.
        <pb n="623" />
        130.  Die  Bayern  an  der  Loire.

611

En  avant,  en  avant,  Enfants,  Enfants,
Wire  flag'  ihre  tot  bei  die  Orleans!
He,  he,  le  Tann,  le  le  Tann,  le  Tann,
Hie  sie  seine  eine  geslagene  Mann,
Geflagene  Mann,  die  Tann!

Und  es  sprengt  heran  der  von  der  Tann,
Der  deutsche  Held,  der  deutsche  Mann.
Und  kaum  geschaut,  schon  schlägt  er  los  —
Ei  da  macht  er  Augen,  der  Franzos!
Ha  parbleu,  parbleu,  parbleu,  parbleu,
Sauv',  sauv',  sauv’,  sauv',  qui  peut!
Ere  hau  sie  drein,  schieß  mit  Canons,
Ere  gib  sie  gare  kein  Pardon!
Pfiffi  paff,  wir  fall  sie  um  wie  die  Much,
Lauf,  lauf  sie,  Frdres,  lauf  sie  suruch!
KRetirons,  retirons,  sacre  Bataillon,
Retirons,  retirons,  retirons!!
Le  le  Tann,  le  Tann,  le  le  Tann,

le  Tann,
Hie  sie  seine  eine  sehr  böse  Mann,
Sacre  bleu,  die  Tann,  die  Tann!

 

So  nun  kennt  ihr  unsern  von  der  Tann

Und  wißt,  wenn  Bayern  rüchen  an,

Ja  da  ist's  vorbei  mit  der  Victoire

Und  da  ist  es  aus  mit  euriger  Gloire!

Ja,  da  hilft  euch  nichts,  als  Reißreißaus,


Erzählt's  zu  Haus,  zu  Haus!

Und  wenn  euer  Hochmut  gar  nicht  ruht

Und  euchwiedersteigt  zum  Kopf  die  Wut  —

Denkt  an  „Pfiffi  paff,  fall  sie  um  wie
die  Muck“,

An  die  „Lauf  sie,  Frdres,  lauf  sie  fsuruch!“

Sonst  geht  es  euch,  chéris  Enlants,

Als  wie's  euch  ging  dort  bei  Orléans!

General,  Soldat,  ein  jeder  Mann,

Ist  bei  uns  ein  von  der  Tann!

Ja  das  merk,  Franzos,  ein  jeder  Mann
Ist  bei  uns  ein  von  der  Tann;

Ja  ein  von  der  Tann

Ist  im  Herzen  jeder  deutsche  Mann!

130.  Die  Bayern  an  der  Loire.
Von  Karl  Bleibtreu.))

Da  das  Korps  von  der  Tann  jetzt  (11.  Dezember)  vom  Schauplatz

abtrat,  ziemt  sich  ein  Rücklick.

Die  Süddeutschen  haben  vornehmlich  an  der  zweiten  Hälfte  des  Deutsch-Französischen

  Feldzugs  hervorragenden  Anteil  genommen,  ja  sie  sind  hier
geradezu  in  den  Vordergrund  getreten.

Die  Württemberger  empfingen  bei  Champigny  in  der  großen  Pariser
Ausfallschlacht  (30.  November)  ihre  hauptsächliche  Feuertaufe  und  bestanden
sie  mit  Ruhm,  die  Badenser  in  gleicher  Weise  bei  Dijon  (21.  und  23.  Jannar).
Die  bayerischen  Truppen,  so  glänzend  sie  bei  Wörth,  Sedan  und  vor  Paris
fochten,  haben  ihre  schönsten  Lorbeeren  an  der  Loire  gepflückt,  so  besonders
bei  Coulmiers  am  9.  November  die  Artillerie.  Zwischen  Coulmiers  und
Ormeteau  waren  fünf  Batterien  aufgefahren  und  ihre  aufopfernden  Bemühungen

1)  Kritische  Beiträge  zur  Geschichte  des  Krieges  1870/71,  S.  214  ff.  Jena  1896,
H.  Costenoble.
39.
        <pb n="624" />
        612  130.  Die  Bayern  an  der  Loire.

retteten  die  dünne  Linie  des  weichenden  Fußvolkes  vor  dem  Durchbruch  feindlicher
  Ubermacht.  Sie  avancierten  mehrere  hundert  Schritt  um  die  feindlichen
Geschütze  näher  zu  fassen  und  Batterie  Baumüller  stand  am  rechten  Flügel
der  Verteidiger  des  Parkes  von  Coulmiers,  unerschüttert  trotz  herbster  Verluste,
  vorne  in  der  Plänklerlinie.

Ungewöhnlich  zeichnete  sich  hier  auch  Oberst  Graf  Penburg  aus,  der
mit  dem  13.  Infanterieregiment  und  versprengten  Abteilungen  des  10.  Schloß
und  Park  Coulmiers  hielt,  nachdem  er  die  Verteidigung  durch  Distanzmarkierungen
  und  Schließung  einzelner  Mauerlücken  vorbereitet.  So  wehrten  sich
die  Bayern  6  Stunden  lang  gegen  die  Massen  der  Division  Barry  vom  16.
und  der  Brigade  Dariès  vom  15.  Korps.)

In  der  Schlacht  bei  Beaugency-Cravant  tat  sich  auch  Prinz  Leopold
von  Bayern  als  Batteriechef  besonders  hervor  und  ermutigte  die  Mannschaften
  durch  kaltblütige  Haltung.  Die  fünf  Batterien  der  Artilleriereserve
unter  Major  Schleitheim  wirkten  hier  mit  ähnlicher  Hingebung  wie  jene  bei
Coulmiers.  Die  3.  Infanteriebrigade  avancierte  unter  heftigem  Feuer  auf
ebenem  Gelände  gegen  zahlreiche  Weinberge  und  trotz  herbster  Verluste
(schon  im  Treffen  von  Orleans  hatte  diese  Brigade  den  stärksten  Verlust  am
11.  Oktober  und  ebenso  bei  Loigny)  stockte  der  Angriff  keinen  Augenblick.
Doch  gelang  es  erst  der  2.  Brigade  Orff  und  der  etwas  später  eingreifenden
1.  Brigade  den  Feind  zurückzudrängen.  Dabei  machte  Munitionsmangel
mehrere  Bataillone  fast  kampfunfähig.  Das  nachfolgende  Biwak  der  Sieger
stellte  letztere  auf  harte  Geduldprobe.  Es  war  bitterkalt,  die  Verpflegung  glänzte
durch  Abwesenheit,  da  die  Proviantwagen  sich  in  der  Dunkelheit  nicht  zu  ihren
Truppenteilen  durchfinden  konnten.  Am  Flügel  rechts  bei  Cravant  nahm  das
bayerische  9.  Jägerbataillon  „am  Kampfe  rühmlichen  Anteil“,  wie  der  preußische
Divisionsgeneral  von  Wittich  (22.  Division)  in  seinem  Tagebuch  bezeugt.

Am  folgenden  Tage  (9.  Dezember)  focht  wieder  das  13.  Infanterieregiment
  bei  Villechaumont  mit  Energie  und  Graf  enburg,  jetzt  Kommandierender
  der  4.  Brigade,  harrte  aus,  bis  die  22.  Division  ihn  aus  der
kritischen  Lage  befreite.  Hiebei  hatte  die  Sechspfünderbatterie  Kriebel,  der
sich  zwei  Vierpfünder  anschlossen,  einen  besonders  schweren  Stand.  Feindliche
Granaten  räumten  unter  Stücken  und  Bemannung  dermaßen  auf,  daß  nur
noch  14  Mann  und  3  Geschütze  übrigblieben.  Am  rechten  Flügel  nahm  General
Orff  den  wichtigen  Ort  Beauvert  glänzend  mit  Sturm.  Am  10.  Dezember
beschäftigte  das  arg  gelichtete  bayerische  Korps  das  21.  französische  Korps
am  Walde  von  Marchenoir.

Am  11.  Dezember  schied  es  aus  der  Front  und  kehrte  am  12.  Dezember
nach  Orléans  zurück  um  endlich  auf  einige  Wochen  Feierabend  zu  machen.

 

1)  Graf  Psenburg  und  Major  Baumüller  erhielten  den  Max-Josephs-Orden,
ebenso  später  Hauptmann  Reder,  ein  anderer  Chef  der  obengenannten  5  Batterien.
        <pb n="625" />
        131.  Deutschlands  Frauen  1870/71.  613

Seine  Kompagnien  zählten  durchschnittlich  nur  noch  100  Mann,  1  Offizier.
Seit  dem  8.  November  (Vorabend  vor  Coulmiers)  bei  Kälte,  Wind,  Regen  auf
dem  Marsche  und  immer  am  Feinde,  hatte  es  allein  seit  dem  1.  Dezember
5750  Mann  (darunter  245  Offiziere)  in  acht  Gefechten  verloren,  überhaupt
seit  Anbeginn  539  Offiziere  und  9303  Mann.  Das  2.  bayerische  Infanterieregiment
  —  mit  58  Offizieren  ausmarschiert  —  verlor  62  inklusive  späteren
Ersatzes.  Kein  anderes  deutsches  Korps  hatte  so  viele  Schlachten
und  Strapazen  durchstritten  und  durchlitten.  Die  stärkste  Einbuße
erlitt  es  bei  Loigny  durch  rund  2300  Mann;  die  3.  Brigade  allein  39  Offiziere
und  765  Mann,  dazu  2  Offiziere  beim  Brigadestab.

Bei  Coulmiers  hatte  sich  bereits  eine  Batterie  genötigt  gesehen  ihre
Bedienungsmannschaften  mit  Chassepots  auszurüsten  und  so  einen  Anlauf
französischer  Tirailleurs  abzuwehren.  Bei  Villepion  (Schlacht  von  Loigny
am  1.  und  2.  Dezember)  sah  sich  beim  ungestümen  Andrang  der  Brigade
Deplanque,  kurz  vorher  ward  Divisionsgeneral  von  Stephan  durch  Granatsplitter
  und  Infanteriegeschoß  schwer  verwundet,  die  dritte  Sechspfünderbatterie
zum  Abfahren  genötigt.  Da  brachte  Prinz  Leopold  den  vorstürmenden
Feind  zum  Halten.

Nur  noch  vier  seiner  Geschütze  waren  gefechtsfähig,  er  aber  gab  unerschrocken
  Schnellfeuer  mit  Granatkartätschen  ab.  Zwei  Kompagnien  des  Leibregiments,
  die  sich  total  verschossen  hatten,  hielten  gleichwohl  bei  den  feuernden
Geschützen  als  Bedeckung  aus  um  sie  im  Notfall  mit  dem  Bajonett  zu  verteidigen.
  Erst  als  ein  Regiment  der  Brigade  Bourdillon  unter  persönlicher
Führung  des  opfermutigen  Kontre-Admirals  Jaureguiberry  in  der  Dunkelheit
vordrang,  wich  die  schwache  bayerische  Gefechtslinie  auf  Loigny  zurück.  Rechnet
man  die  Verluste  der  bayerischen  Artillerie,  die  hier  durchweg  das  Höchste
leistete,  zusammen,  so  betrug  ihr  Verlust  bei  Villepion  37,  bei  Loigny  121  Mann
(die  Reservebatterie  des  Regiments  „Königin-Mutter“  davon  allein  45),  beie
Beaugency  204  Mann,  ein  relativ  ganz  außerordentlicher  Verlust.  Bei  Gravelotte
  z.  B.  verlor  das  7.  preußische  Korps  an  Artillerie  122,  das  9.  Korps
bei  Verneville  232  Mann,  —  größte  sonstige  Artillerieverluste  in  einer  Hauptschlacht.



131.  Deutschlands  Frauen  1870/71.
Von  Alois  Dreyer.)

Wenn  ihr  den  Enheln  stolz  erzählt  Wo  dies,  vom  argen  Zwist  befreit,
Von  jenem  Krieg,  dem  großen,  hehren,  1  Den  Erbfeind  glüchlich  hat  bezwungen,
Wo  jeder  deutsche  Mann  ein  Held  Dann  fragt  auch,  wer  in  dieser  Zeit
Des  Vaterlandes  Ruhm  half  mehren;  Den  schönsten  Lorbeer  hat  errungen!

 

1)  „Auf  lichten  Höhen",  S.  27.  Dresden-Leipzig.  1897,  E.  Pierson.
        <pb n="626" />
        614  132.  Auf  Vorposten  vor  Paris.

Es  standen  fest  in  heißer  Schlacht  Es  honnte  sich  in  größter  Not

Die  Männer  all  aus  Deutschlands  Gauen,  Ihr  herrlich  Wirken  voll  entfalten.
Doch  Großes  haben  auch  vollbracht,  Man  sah  sie,  von  Gefahr  umdroht,
Wie  sie,  die  edlen  deutschen  Fraun.  Gleich  Engeln  ihres  Amtes  walten.

Wo  mit  dem  Tod  ein  Krieger  rang,  Wenn  oftmals  schon  verloren  schien
Daniederlag  an  schwerer  Wunde,  Des  wackern  Helden  junges  Leben,
Da  halfen  sie  und  es  erklang  Hat  ihre  treue  Pflege  ihn

Gar  reicher  Trost  aus  schönem  Munde.  Den  Seinen  noch  zurüchgegeben.
Drum,  preiset  ihr  die  große  Zeit,
Die  Kämpen  all  aus  deutschen  Gauen,
Ein  voller  Kranz  sei  auch  geweiht
Dem  Opfermut  der  deutschen  Frauen!

132.  Auf  Vorposten  vor  Paris.
Von  Karl  Stieler.)

Folgen  wir  der  Kompagnie,  die  heute  Nacht  den  Vorpostendienst  zu  versehen
  hat  und  lautlos  durch  die  Dämmerung  dahinzieht!

Eine  Grabesstille  herrscht  unter  den  Soldaten;  in  gebückter  Stellung
geht  es  weiter,  an  den  Mauern  entlang,  zwischen  den  Gängen  der  Gärten  und
Häuser  hin;  immer  näher  kommen  wir  an  den  Feind;  man  kann  die  Mündung
der  Geschütze  erkennen,  die  hinter  den  Schießscharten  vorstarren,  man  kann
das  Weiße  im  Auge  des  Gegners  sehen,  wie  der  Soldatenausdruck  lautet.
Kaum  150  Schritte  stehen  sich  die  Vedetten  gegenüber,  hinter  ihnen  wartet
das  Feldpikett,  das  von  den  Trümmern  einer  zerstörten  Villa  gedeckt  ist.  Nur
sachte  —  sachte!  —  Wie  ein  Mann  sich  bewegt,  fällt  drüben  ein  Schuß  auf
ihn.  Und  „drüben“  liegt  Paris  —  Paris,  die  Magdalena  dieses  Jahrhunderts;
sie,  die  einst  im  Jubel  der  Weltlust  glänzte  und  jetzt  in  Sack  und  Asche  daniederliegt!
  Paris,  das  Medusenhaupt,  vor  dessen  finstern  Blicken  Europa
bebte,  dem  unter  allen  Völkern  nur  das  deutsche  Volk  furchtlos  in  die  Augen
geschaut.  Fürwahr,  es  ist  ein  Vulkan  an  Kraft  und  ein  Ozean  an  Stürmen,
dies  stolze  Paris,  und  heute  stehen  die  deutschen  Heere  zum  dritten  Male  auf
seiner  Erde  und  pochen  an  seine  Pforten.

So  glühen  wohl  die  Gedanken,  wenn  man  draußen  steht  auf  dem  einsamen
  Posten,  wenn  Auge  und  Ohr  hinüberspäht.

Alles  ist  still  in  weiter  Runde  —  man  hört  das  Getöse  und  das  Gewoge
  der  Weltstadt,  wie  man  auf  Meilen  hin  die  Wogen  des  Meeres  hört,
die  ans  Ufer  branden;  man  hört  die  Glocken  läuten  und  die  Arbeit  dröhnen
in  all  den  langen  Straßen,  man  atmet  die  Seufzer  der  sterbenden  Magdalena.
So  stehen  wir  auf  unserem  Posten  die  lange,  bange  Nacht,  eigentlich  recht
allein  und  verlassen,  —  aber  auch  die  Weltstadt  ist  allein;  und  was  ist  Ein-1)

  „Durch  Krieg  zum  Frieden“.  S.  142  ff.  Stuttgart  1886,  Bonz.
        <pb n="627" />
        132.  Auf  Vorposten  vor  Paris.  615

samkeit  des  einzelnen  gegen  jene,  die  in  der  Seele  von  Paris  lebt!  Es  war
ja  gewohnt  die  leuchtende  Hauptstadt  der  Welt  zu  sein.  Hunderte  von  Wegen
führten  zu  ihren  Toren  und  Millionen  von  Menschen  lagen  an  ihrem  Herzen,
jede  Stunde  gab  neuen  Wechsel,  an  jedem  Orte  wohnten  ihre  Neider,  es  war
eine  Königin  von  Saba.  —  Und  nun?  Nun  kommt  nicht  einer  mehr  in  die
verfemten  Mauern,  nicht  einer  entrinnt  aus  dem  Innern;  Paris  ist  abgeschnitten
  von  der  Welt,  —  es  ist  zur  Waise  geworden  und  lebendig  begraben.


 

Bayerische  Batterie  im  Süden  vor  Paris.

Fast  ist  es  schwer  sich  dieser  Gedanken  zu  entschlagen,  in  denen  ja
eigentlich  die  Vorsehung,  man  möchte  sagen  die  Gerechtigkeit,  dieses  Krieges
liegt  und  doch  darf  man  nicht  allzuviel  denken,  wenn  man  draußen  auf
Posten  steht.  Jede  Minute  droht  ein  Überfall,  jeden  Augenblick  kann  die
feindliche  Kugel  treffen  und  diese  Spannung,  in  welcher  Leib  und  Seele  gehalten
  wird,  ist  wohl  die  größte  aller  Kriegsmühen.

Dazu  kommt  das  Gefühl  der  ungeheuren  Verantwortung;  denn  die
Sinne  eines  Sterbenden  sind  scharf  und  die  Wachsamkeit,  welche  das  hoffnungslose
  Paris  besitzt,  übertrifft  selbst  die  Erwartung  der  deutschen  Führer.  Man
ist  fast  zum  Tode  erschöpft,  wenn  nach  20  Stunden  die  Ablösung  kommt  und
die  verhängnisvolle  Pflicht  auf  andere  Schultern  legt.  Mühsam  gewinnt  man
        <pb n="628" />
        616  133.  Wir  bleiben.

eine  kurze  Ruhe  und  will  sich  schlafen  legen,  aber  plötzlich  wird  von  neuem
alarmiert,  man  plaudert  mit  den  Kameraden  und  zu  gleicher  Zeit  fällt  eine
Granate  mitten  ins  Biwak  und  reißt  zwei  Soldaten  wörtlich  in  Stücke.

Auch  die  Verpflegung  legt  den  Truppen  herbe  Entbehrung  auf;  denn
das  Fleisch  ist  oft  viele  Tage  lang  ferne  und  die  Kartoffeln  der  umliegenden
Felder  sind  zerstört  oder  aufgebraucht.

Ein  lichter  Punkt  in  all  den  Mühen,  ja  fast  ein  festlicher  Moment  ist
es,  wenn  abends  der  Bataillonstambour  erscheint  und  die  Feldpost  unter
Namensaufruf  verteilt  wird.  Wie  viel  Freude  machen  die  wenigen  Zeilen,
wie  viel  Glück  umschließt  oft  ein  kurzer  Gruß!  Das  ganze  liebe  Bild  der
Heimat  steht  auf  einem  zerknitterten  Blatt  vor  uns.  Und  wenn  nun  vollends
ein  Zeitungsblatt  kommt,  —  ein  Brief  für  alle,  —  das  ist  ein  Luxus,  ein
Leckerbissen  der  wertvollsten  Art.  Auch  hier  fehlt  es  nicht  an  reizenden
Szenen;  so  erhielt,  um  nur  ein  Beispiel  anzuführen,  ein  junger  Gelehrter,
der  als  Landwehrmann  im  Felde  stand,  als  er  kaum  aus  dem  Treffen  kam,
eine  Nummer  der  Zeitung,  in  welcher  sein  jüngstes  Werk  auf  das  rühmlichste
  besprochen  ward.  Dieser  Mann  ist  gemeiner  Soldat  im  deutschen

eere!

133.  Wir  bleiben.
Von  Abdolf  Erhard.)

Auf  den  4.  Januar  1871  war  die  Eröffnung  des  Feuers  für  die  Batterien
des  Südangriffes  vor  Paris  befohlen  worden,  doch  des  dichten  Nebels
wegen  konnte  man  weder  ein  feindliches  Fort  noch  eine  Batterie  des  Gegners
erkennen.  Man  mußte  also  warten.  Der  Befehl  vom  4.  kam  tags  darauf
zum  Vollzug.  Um  9  Uhr  früh  begann  die  deutsche  Batterie  Nr.  17,  erbaut
und  besetzt  von  der  2.  Fußbatterie  „Limprun“  des  1.  bayerischen  Artillerie-Regiments
  „Prinz  Luitpold“,  das  Feuer,  welches  völlig  erst  in  der  Nacht  vom
26.  zum  27.  Januar  enden  sollte.

In  diese  Batterie  kam  am  8.  Januar  1871  abends  die  Ablösung  unter
Kommando  des  Oberleutnants  Karl  Landmann,  wegen  des  hohen  Krankenstandes
  zur  Hälfte  aus  preußischen  und  bayerischen  Kanonieren  zusammengesetzt.
Mit  Rücksicht  auf  die  ungewöhnlich  starken  Verluste,  welche  die  Batterie  erlitten,
und  darauf,  daß  sie  ihre  Aufgabe  die  feindlichen  Geschütze  in  und  bei  Issy
niederzukämpfen  vollständig  erfüllt  hatte,  gab  Hauptmann  Ritter  von  Limprun
dem  ablösenden  Oberleutnant  im  Einvernehmen  mit  dem  Stabsoffizier  vom
Tage  den  Auftrag,  falls  die  Herstellung  der  Schulterwehr  zur  Deckung  gegen
Flankenfeuer  nicht  gelingen  sollte,  die  Batterie  zu  räumen.

Obschon  nun  diese  für  längeres  Besetzthalten  gestellten  Bedingungen
mangels  genügender  Arbeitskräfte  nicht  erfüllt  werden  konnten,  wollte  Ober-„Bayerische

  Einzeltaten  und  Gefechtsbilder“.  Nr.  30,  S.  85.
        <pb n="629" />
        134.  Aus  dem  Briefwechsel  zwischen  König  Ludwig  II.  und  Graf  Bismarck.  617

leutnant  Landmann  die  Batterie  gleichwohl  nicht  verlassen,  da  diese,  wenn  sie
auch  ihren  Hauptzweck  erreicht  hatte,  dennoch  bei  einem  etwaigen  Ausfall  der
Franzosen  sehr  wirksam  werden  konnte.  Anderseits  mochte  den  Offizier  große
Verantwortung  treffen,  falls  im  Laufe  des  9.  Januar  abermals  erhebliche
Verluste  durch  das  Flankenfeuer  verursacht  würden.  Er  entschloß  sich  daher
mit  nur  zwei  Geschützbedienungen  in  der  Batterie  zu  bleiben,  hierzu  Freiwillige
zu  verwenden  und  die  übrige  Mannschaft  abrücken  zu  lassen.  „Freiwillige
vor!“  hieß  es  und  rasch  hatte  sich  die  nötige  Geschützbedienung  gefunden.

Mit  Spannung  sah  die  kleine  Besatzung  dem  anbrechenden  Tage  entgegen,
aber  dichter  Nebel  machte  langsames  Feuer  notwendig,  welches  auch  von
französischer  Seite  nur  matt  erwidert  wurde.  Infolgedessen  konnte  man  mit
den  Instandsetzungsarbeiten  fortfahren,  so  daß  der  Abend  des  9.  die  Batterie
in  bester  Ordnung  fand.  Beim  Eintreffen  der  Ablösung  herrschte  kein  Zweifel,
daß  die  Batterie  sich  auch  in  den  kommenden  Tagen  halten  müsse.  Die  Art,
wie  die  bayerischen  Artilleristen  auf  diesem  verlorenen,  Tod  und  Verderben
bringenden  Posten  ausharrten  und  kämpften,  ist  das  schönste  Ruhmesblatt  der
Fußartillerie  in  dem  letzten  Feldzuge.  Zur  Anerkennung  erhielt  die  Batterie
Nr.  17  am  15.  Jannar  den  Ehrentitel  „Generalinspekteur“  und  sie  wird  stets
unter  den  ersten  genannt  werden,  wenn  es  gilt  auf  Beispiele  unerschütterlicher
Disziplin,  freudigen  Opfermutes  und  echt  bayerischer  Tapferkeit  hinzuweisen.

Die  Fußbatterie  „Limprun“  war  die  einzige  bayerische  Truppe,  welche  an
der  Parade  vor  dem  Deutschen  Kaiser  am  3.  März  in  Longchamps  teilnahm.
Hiebei  riefen  mehrere  höhere  preußische  Offiziere  aus  dem  Gefolge  Kaiser
Wilhelms  l.  der  Batterie  Beifallsbezeugungen  zu  und  der  Kaiser  selbst  sprach
sich  gegenüber  dem  kommandierenden  General  des  2.  bayerischen  Armcekorps,
Jakob  Ritter  von  Hartmann,  bezüglich  der  Leistungen  der  Batterie  höchst
lobend  aus.

134.  Aus  dem  Briefwechsel  zwischen  König  Ludwig  lI.  von
Bayern  und  Graf  Bismarch.))
a)  Versailles,  27.  November  1870.
Allerdurchlauchtigster,  Großmächtigster  König,
Allergnädigster  Herr!

Für  die  huldreichen  Eröffnungen,  welche  mir  Graf  Holnstein  auf  Befehl
  Eurer  Majestät  gemacht  hat,  bitte  ich  Allerhöchstdieselben  den  ehrfurchtsvollen
  Ausdruck  meines  Dankes  entgegennehmen  zu  wollen.  Das  Gefühl
meiner  Dankbarkeit  gegen  Eure  Majestät  hat  einen  tiefern  und  breitern  Grund
als  den  persönlichen  in  der  amtlichen  Stellung,  in  welcher  ich  die  hochherzigen

1)  „Gedanken  und  Erinnerungen“  von  Otto  Fürst  von  Bismarck,  I.  Band,  S.  353  ff.
Stuttgart  1898,  Cotta.
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        618  134.  Aus  dem  Briefwechsel  zwischen  König  Ludwig  II.  und  Graf  Bismarck.

Entschließungen  Eurer  Majestät  zu  würdigen  berufen  bin,  durch  welche  Eurer
Majestät  beim  Beginne  und  bei  Beendigung  dieses  Krieges  der  Einigkeit  und
der  Macht  Deutschlands  den  Abschluß  gegeben  haben.  Aber  es  ist  nicht  meine,
sondern  die  Aufgabe  des  deutschen  Volkes  und  der  Geschichte  dem  durchlauchtigen
  bayerischen  Hause  für  Eurer  Majestät  vaterländische  Politik  und  für
den  Heldenmut  Ihres  Heeres  zu  danken.  Ich  kann  nur  versichern,  daß  ich)
Eurer  Majestät,  solang  ich  lebe,  in  ehrlicher  Dankbarkeit  anhänglich  und  ergeben
  sein  und  mich  jederzeit  glücklich  schätzen  werde,  wenn  es  mir  vergönnt
wird  Eurer  Majestät  zu  Diensten  zu  sein.  In  der  deutschen  Kaiserfrage  habe
ich  mir  erlaubt  dem  Grafen  Holnstein  einen  kurzen  Entwurf  vorzulegen,
welchem  der  Gedankengang  zu  Grunde  liegt,  der  meinem  Gefühl  nach  die
deutschen  Stämme  bewegt:  der  deutsche  Kaiser  ist  ihrer  aller  Landsmann,  der
König  von  Preußen  ein  Nachbar,  dem  unter  diesem  Namen  Rechte,  die  ihre
Grundlage  nur  in  der  freiwilligen  Übertragung  durch  die  deutschen  Fürsten
und  Stämme  finden,  nicht  zustehn.  Ich  glaube,  daß  der  deutsche  Titel  für
das  Präsidium  die  Zulassung  desselben  erleichtert,  und  die  Geschichte  lehrt,
daß  die  großen  Fürstenhäuser  Deutschlands,  Preußen  eingeschlossen,  die
Existenz  des  von  ihnen  gewählten  Kaisers  niemals  als  eine  Beeinträchtigung

ihrer  eigenen  europäischen  Stellung  empfunden  haben.  )
v.  Bismarck.

b)  Hohenschwangau,  2.  Dezember  1870.
Mein  lieber  Graf!

Mit  lebhaftem  Vergnügen  habe  ich  bemerkt,  daß  Sie  trotz  zahlreicher
und  dringender  Geschäfte  Muße  gefunden  Ihren  Gefühlen  gegen  mich  Ausdruck
  zu  verleihen.

Ich  sende  Ihnen  deshalb  meinen  wärmsten  Dank;  denn  ich  lege  hohen
Wert  auf  die  ergebene  Gesinnung  eines  Mannes,  nach  dem  das  ganze  Deutschland
  freudigen  Stolzes  seine  Blicke  richtet.

Mein  Brief  an  Ihren  König,  meinen  vielgeliebten,  hochverehrten  Oheim,
wird  morgen  in  dessen  Hände  gelangen.  —  Ich  wünsche  von  ganzem
Herzen,  daß  mein  Vorschlag  beim  Könige,  den  übrigen  Bundesgliedern,  welchen
ich  geschrieben,  und  auch  bei  der  Nation  vollsten  Anklang  finde,  und  ist  es
mir  ein  befriedigendes  Bewußtsein,  daß  ich  vermöge  meiner  Stellung  in
Deutschland  wie  beim  Beginne  so  beim  Abschlusse  dieses  ruhmreichen  Krieges
in  der  Lage  war  einen  entscheidenden  Schritt  zu  Gunsten  der  nationalen
Sache  tun  zu  können.  Ich  hoffe  aber  auch  mit  Bestimmtheit,  daß  Bayern
seine  Stellung  fortan  erhalten  bleibt,  da  sie  mit  einer  treuen,  rückhaltlosen
Bundespolitik  wohl  vereinbarlich  ist  und  verderblicher  Zentralisation  am
sichersten  steuert.

!)  Der  Kürze  halber  sind  bei  Brief  a  und  c  die  Kurialien  weggelassen.
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        135.  Die  feierliche  Verkündigung  des  deutschen  Kaiserreichs.  619

Groß,  unsterblich  ist  das,  was  Sie  für  die  deutsche  Nation  getan  haben,
und  ohne  zu  schmeicheln  darf  ich  sagen,  daß  Sie  in  der  Reihe  der  großen
Männer  unseres  Jahrhunderts  den  hervorragendsten  Platz  einnehmen.  Möge
Gott  Ihnen  noch  viele,  viele  Jahre  verleihen,  damit  Sie  fortfahren  können
zu  wirken  für  das  Wohl  und  Gedeihen  unseres  gemeinsamen  Vaterlandes.
Meine  besten  Grüße  Ihnen  sendend  bleibe  ich,  mein  lieber  Graf,  stets

Ihr  aufrichtiger  Freund
Ludwig.

c)  Versailles,  24.  Dezember  1870.

Allerdurchlauchtigster  König,
Allergnädigster  Herr!

Das  huldreiche  Schreiben  Eurer  Majestät,  welches  Graf  Holnstein  mir
überbracht  hat,  ermutigt  mich  mit  meinem  Danke  für  den  gnädigen  Inhalt
desselben  Eurer  Majestät  meine  untertänigsten  Glückwünsche  zu  dem  bevorstehenden
  Jahreswechsel  darzubringen.  Wohl  selten  hat  Deutschland  von
einem  neuen  Jahre  mit  gleicher  Zuversicht  wie  von  dem  bevorstehenden  die
Erfüllung  nationaler  Wünsche  erwartet.  Wenn  diese  Hoffnungen  sich  verwirklichen,
  wenn  das  geeinte  Deutschland  dahin  gelangt,  daß  es  seinen  äußeren
Frieden  in  gesicherten  Grenzen  durch  eigene  Kraft  verbürgen  kann,  gleichzeitig
ohne  die  freie  Entwicklung  der  einzelnen  Bundesglieder  zu  beeinträchtigen,  so
wird  die  entscheidende  Stellung,  die  Eure  Majestät  zu  der  Neugestaltung
des  gemeinsamen  Vaterlandes  gewonnen  haben,  in  der  Geschichte  und  in  der
Dankbarkeit  der  Deutschen  jederzeit  unvergessen  bleiben.

Eure  Majestät  setzen  mit  Recht  voraus,  daß  auch  ich  von  der  Zentralisation
  kein  Heil  erwarte,  sondern  gerade  in  der  Erhaltung  der  Rechte,  welche
die  Bundesverfassung  den  einzelnen  Gliedern  des  Bundes  sichert,  die  dem
deutschen  Geiste  entsprechende  Form  der  Entwicklung  und  zugleich  die  sicherste
Bürgschaft  gegen  die  Gefahren  erblicke,  welchen  Recht  und  Ordnung  in  der
freien  Bewegung  des  heutigen  politischen  Lebens  ausgesetzt  sein  können.

Eure  Majestät  wollen  sich  in  Gnaden  versichert  halten,  daß  ich  mich
glücklich  schätzen  werde,  wenn  es  mir  gelingt  mir  Allerhöchstdero  gnädige  Gesinnung
  zu  erhalten.  v.  Bismarck.

135.  Die  feierliche  Verkündigung  des  deutschen  Kaiserreichs
am  18.  Januar  1871  zu  Versailles.
Von  Georg  Bleysteiner.)
Die  deutschen  Fürsten  hatten  den  Ruf  der  Geschichte  und  den  Wunsch
der  Nation  verstanden,  sie  hatten  nach  dem  Vorantritt  des  wahrhaft  deutsch-1)

  „Aus  großer  Zeit“.  S.  611  ff.  Augsburg  1897,  M.  Rieger.
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        620  135.  Die  feierliche  Verkündigung  des  deutschen  Kaiserreichs.

gesinnten  Königs  Ludwig  von  Bayern  aus  freier  Entschließung  die  deutsche
Kaiserwürde  dem  greisen  Heldenkönig  Wilhelm  von  Preußen  angeboten.

Auf  Befehl  des  Königs  Wilhelm  sollte  die  feierliche  Verkündigung  des
deutschen  Kaiserreiches  am  18.  Januar,  dem  Tage  der  preußischen  Königskrönung,
  vorgenommen  werden.  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  war  mit  der
obersten  Leitung  der  Anordnungen  für  diese  Feier  betraut  worden.  Er  erließ
am  16.  einen  Befehl,  der  die  Teilnahme  der  Truppenteile  an  der  großen
Staatshandlung  regelte.  Die  Verhältnisse  der  Zeit  brachten  es  mit  sich,  daß
bei  dieser  für  ewig  denkwürdigen  Feier  das  Heer  das  deutsche  Volk  vertrat.
Die  obersten  Führer  und  mit  ihnen  Abgesandte  der  Offiziere  wurden  von
sämtlichen  Abteilungen  zur  Feier  entboten,  ebenso  alle  mit  dem  Eisernen  Kreuze
I.  Klasse  geschmückten  Offiziere  und  Mannschaften.  Jedes  Fuß=  und  Reiterregiment
  der  einzelnen  Korps  sollte  eine  Fahne  oder  Standarte  in  Begleitung
eines  Offiziers,  eines  Fahnenträgers  und  zweier  Feldwebel,  Wachtmeister  oder
Unteroffiziere  nach  Versailles  entsenden.  Auch  ein  großer  Teil  der  bayerischen
Fahnen  (10  des  1.  und  8  des  2.  bayerischen  Korps)  war  nach  Versailles  abgeschick
  worden  und  außerdem  waren  die  sämtlichen  Prinzen  des  bayerischen
Königshauses,  die  im  Felde  vor  Paris  standen,  viele  Offiziere  und  mehrere
Abteilungen  bayerischer  Soldaten  anwesend.

In  der  berühmten  Spiegelgalerie  des  prunkvollen,  zum  Tempel  und
zum  Museum  des  französischen  Waffenruhmes  umgeschaffenen  Königsschlosses,
wo  einst  der  schlimmste  Feind  deutscher  Macht  und  deutschen  Wesens  —
Ludwig  XIV.  —  seine  Befehle  zur  Erniedrigung  Deutschlands  ausgegeben
hatte,  sollte  zu  Versailles  die  vollzogene  geschichtliche  Tatsache  der  erfolgten
Gründung  des  neuen  Kaiserreiches  deutscher  Nation  nun  der  Welt  verkündet
werden.  Diese  prächtige  Halle,  der  Schauplatz  so  vieler  feierlich-pomphafter
Haupt=  und  Staatsaktionen  französischer  Herrscher  seit  zwei  Jahrhunderten,
sollte  nun  auch  der  größten  Staatshandlung  der  neuen  deutschen  Geschichte
zur  Stätte  dienen.  Während  Se.  Majestät,  umgeben  von  den  Prinzen,  den
Fürsten,  den  Generalen  und  den  Ministern,  noch  einige  Augenblicke  in  den
Vorzimmern  der  Festräume  verweilte,  hatte  sich  im  Spiegelsaale  einstweilen  die
Versammlung  geordnet.

Um  ½1  Uhr  trat  Se.  Majestät  in  den  Festsaal  ein,  während  ein  Sängerchor,
  zusammengesetzt  aus  Mannschaften,  unter  Musikbegleitung  das  „Jauchze
dem  Herrn,  alle  Welt!“  anstimmte.  Der  König  nahm  in  der  Mitte  vor  dem
Altare  Aufstellung,  im  Halbkreise  um  ihn  die  Prinzen  und  die  Fürsten:  der
Kronprinz  Friedrich  Wilhelm,  die  Prinzen  Karl  und  Adalbert  von  Preußen,
die  Prinzen  Otto,  Luitpold  und  Leopold  von  Bayern,  Kronprinz  Albert  und
Prinz  Georg  von  Sachsen,  die  Prinzen  von  Württemberg,  der  Großherzog
von  Baden,  der  Erbgroßherzog  von  Mecklenburg-Schwerin  und  viele  andere
deutsche  Fürsten.  Hinter  diesen  und  ihnen  zur  Seite  standen  die  Generale  und
die  Minister;  an  der  Spitze  des  linken  Flügels  der  Bundeskanzler  Graf  Bismarck.
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        135.  Die  feierliche  Verkündigung  des  deutschen  Kaiserreichs.  621

Welch  gewaltige,  weltumgestaltende  Ereignisse  hatten  geschehen  müssen,
daß  diese  glänzende  deutsche  Versammlung  in  diesen  Räumen  zu  solchem  Zwecke
tagen  konnte!  Es  war  ein  Zug  großartiger  Ironie  der  Geschichte,  daß  sich
König  Wilhelm  im  Versailler  Königsschlosse  zum  Deutschen  Kaiser  ausrufen
ließ,  an  derselben  Stätte,  wo  seit  den  Tagen  Richelieus  so  viele  Pläne  zum
Verderben  Deutschlands  gefaßt  worden  waren,  wo  so  viele  bildliche  Darstellungen
  an  die  Zeiten  der  Schmach  und  der  Zerrissenheit  des  deutschen
Volkes  und  an  die  ehemaligen  Gewalttaten  Frankreichs  erinnerten.

Nach  dem  Chorgesange  wurde  die  Liturgie  in  der  für  den  Militärgottesdienst
  üblichen  Weise  ausgeführt.  Es  folgten  a  capella-Gesang,  Choräle
von  Posaunen  geblasen,  Gebet  und  Predigt.

Nach  Beendigung  der  religiösen  Feierlichkeit  trat  der  74jährige  König
frisch  und  rüstig  wie  ein  Jüngling  durch  die  Reihen  der  Versammlung  auf  die
erhöhte  Estrade  zu.  Hier,  auf  der  teppichbedeckten  Estrade,  standen  die  Fahnenund
  Standartenträger  im  Halbkreise  geordnet;  jeder  Träger  in  voller  Ausrüstung
  mit  helmbedecktem  Haupte,  den  gerollten  Mantel  über  Schulter  und
Brust.  Unter  Vortritt  der  Hofmarschälle  betrat  König  Wilhelm  mit  den
Fürsten  und  den  Prinzen  die  Estrade,  wo  die  letzteren  in  leicht  gekrümmter
Reihe  ihren  Stand  nahmen.  Nahe  vor  der  Fahnengruppe  stand  in  der
Mitte  der  König  und  zwar  in  voller  Generalsuniform.  So  hielt  er  folgende
Ansprache:

„Durchlauchtigste  Fürsten  und  Bundesgenossen!  In  Gemeinschaft  mit
der  Gesamtheit  der  deutschen  Fürsten  und  freien  Städte  haben  Sie  sich  der
von  des  Königs  von  Bayern  Majestät  an  Mich  gerichteten  Aufforderung
angeschlossen,  mit  Wiederherstellung  des  Deutschen  Reiches  die  deutsche  Kaiserwürde
  für  Mich  und  Meine  Nachfolger  an  der  Krone  Preußen  zu  übernehmen.
Ich  habe  Ihnen,  durchlauchtigste  Fürsten,  und  Meinen  anderen  hohen  Bundesgenossen
  bereits  schriftlich  Meinen  Dank  für  das  Mir  kundgegebene  Vertrauen
und  Meinen  Entschluß  ausgesprochen  Ihrer  Aufforderung  Folge  zu  leisten.
Diesen  Entschluß  habe  Ich  gefaßt  in  der  Hoffnung,  daß  es  Mir  unter  Gottes
Beistand  gelingen  werde  die  mit  der  kaiserlichen  Würde  verbundenen  Pflichten
zum  Segen  Deutschlands  zu  erfüllen.  Dem  deutschen  Volke  gebe  Ich  Meinen
Entschluß  durch  eine  heute  von  Mir  erlassene  Proklamation  kund,  zu  deren
Verlesung  Ich  Meinen  Kanzler  auffordere.“

Hierauf  verlas  der  Bundeskanzler  Graf  Bismarck  die  ewig  denkwürdige
Proklamation.  Graf  Bismarck  stand  im  Saale  an  der  unteren  Estradenstufe
als  der  erste  der  versammelten  Minister  und  Generale  im  blauen  Waffenrock
seiner  Kürassiere  und  in  hohen,  schweren  Reiterstiefeln.  Er  hielt  das  aufgerollte,
  inhaltschwere  Dokument  an  beiden  Kanten  mit  der  rechten  und  der
linken  Hand;  an  der  linken  hing  zugleich  der  Stahlhelm  am  Riemen.  So
dastehend  las  er  zum  König  gewendet  bei  lautloser  Stille  der  Versammlung
diese  Proklamation:
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        622  135.  Die  feierliche  Verkündigung  des  deutschen  Kaiserreichs.

„An  das  deutsche  Volk!  Wir  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  König
von  Preußen,  nachdem  die  deutschen  Fürsten  und  freien  Städte  den  einmütigen
Ruf  an  uns  gerichtet  haben,  mit  Herstellung  des  Deutschen  Reiches  die  seit
mehr  denn  60  Jahren  ruhende  deutsche  Kaiserwürde  zu  erneuern  und  zu  übernehmen,
  und  nachdem  in  der  Verfassung  des  Deutschen  Bundes  die  entsprechenden
Bestimmungen  vorgesehen  sind,  bekunden  hiermit,  daß  Wir  es  als  eine  Pflicht
gegen  das  gemeinsame  Vaterland  betrachtet  haben  diesem  Rufe  der  verbündeten
  deutschen  Fürsten  und  Städte  Folge  zu  leisten  und  die  deutsche  Kaiserwürde
  anzunehmen.  Demgemäß  werden  Wir  und  Unsere  Nachfolger  an  der
Krone  Preußen  fortan  den  kaiserlichen  Titel  in  allen  Unseren  Beziehungen
und  Angelegenheiten  des  Deutschen  Reiches  führen  und  hoffen  zu  Gott,  daß
es  der  deutschen  Nation  gegeben  sein  werde  unter  dem  Wahrzeichen  ihrer  alten
Herrlichkeit  das  Vaterland  einer  segensreichen  Zukunft  entgegenzuführen.  Wir
übernehmen  die  kaiserliche  Würde  in  dem  Bewußtsein  der  Pflicht  in  deutscher
Treue  die  Rechte  des  Reiches  und  seiner  Glieder  zu  schützen,  den  Frieden  zu
wahren,  die  Unabhängigkeit  Deutschlands,  gestützt  auf  die  geeinte  Kraft  seines
Volkes,  zu  verteidigen.  Wir  nehmen  sie  an  in  der  Hoffnung,  daß  dem  deutschen
Volke  vergönnt  sein  wird  den  Lohn  seiner  heißen  und  opfermutigen  Kämpfe
in  dauerndem  Frieden  und  innerhalb  der  Grenzen  zu  genießen,  welche  dem
Vaterland  die  seit  Jahrhunderten  entbehrte  Sicherung  gegen  erneute  Angriffe
gewähren.  Uns  aber  und  Unseren  Nachfolgern  an  der  Kaiserkrone  wolle
Gott  verleihen  allzeit  Mehrer  des  Deutschen  Reiches  zu  sein,  nicht  an  kriegerischen
  Eroberungen,  sondern  an  den  Gütern  und  Gaben  des  Friedens  auf
dem  Gebiet  nationaler  Wohlfahrt,  Freiheit  und  Gesittung.“

Ernst  und  doch  freudestrahlend,  die  Stimme  gehoben  von  innerer  Genugtuung,
  hatte  Graf  Bismarck  das  weltgeschichtliche  Aktenstück  verlesen.  War
er  es  doch,  der,  als  leitender  Geist  hinter  allen  notwendig  gewordenen  Vorbereitungen
  und  Vorereignissen  stehend,  durch  jahrelange  deutschnationale  Politik
das  Erscheinen  dieses  großen  Tages  ermöglicht  hatte  und  dadurch,  daß  er  als
treuer  Diener  seinem  Herrn  nun  die  von  ihm  geschmiedete  deutsche  Kaiserkrone
darbot,  zugleich  sein  eigenes,  größtes  und  schönstes  Lebenswerk  krönte.  Der
Eindruck  dieses  feierlichen  Augenblicks,  wo  Graf  Bismarck  die  bedeutungsvolle
Proklamation  verlas,  war  für  alle  Anwesenden  unvergeßlich,  gewaltig  und
ergreifend.

Graf  Bismarck  hatte  geendet.  Da  ergriff  der  Großherzog  Friedrich  von
Baden  den  richtigen  Augenblick  das  erste  Lebehoch  auf  den  neugekürten  Deutschen
Kaiser  auszubringen.  Plötzlich  zum  Rande  der  Estrade  vortretend,  rief  er,
die  Rechte  hoch  erhoben,  mit  lauter,  vor  Begeisterung  bebender  Stimme:
„Seine  Kaiserliche  und  Königliche  Majestät,  Kaiser  Wilhelm,  er  lebe  hoch!
und  hoch!  und  hoch!“  Und  während  die  von  ihren  Trägern  geschwungenen
Standarten  und  Fahnen  zu  Häupten  der  Fürsten  wehten  und  sich  senkten,
brach  der  Hochruf  aus  der  Versammlung  mit  einer  Sturmesgewalt  und  einem
        <pb n="635" />
        135.  Die  feierliche  Verkündigung  des  deutschen  Kaiserreichs.  623

brausenden  Donner  hervor,  als  ob  jenes  Wort  des  Großherzogs  der  elektrische
Funke  gewesen,  der  in  eine  Mine  geschlagen.  Die  Hände  reckten  sich  zum
Gruß  und  Schwur  empor,  die  Helme  wurden  geschwungen,  die  Blicke  flammten
und  dreimal  rollte  unter  den  Klängen  der  deutschen  Volkshymne  der  Ruf  an
den  Spiegeln  und  Marmorwänden  hin  und  hallte  von  der  gewölbten  Decke
wider.  Das  deutsche  Volk  in  Waffen  hatte  seinen  Kaiser  proklamiert  und
ihm  aus  voller  Brust  seinen  kräftigsten  Willkomm  entgegengerufen.  Aus  des
Königs  Augen  stürzten  Tränen  innigster  Bewegung;  er  drückte  dem  Großherzog
  die  Hand.  Nun  war  es  ein  erhabener  Augenblick,  wie  der  Kronprinz
Friedrich  Wilhelm,  als  der  erste  der  Reichsmannen  und  Erbe  des  Reiches,
vor  dem  Kaiser  zur  Huldigung  die  Kniee  beugte,  der  Kaiser  den  Prinzen  erhob
und  ihn  mit  herzlichster  Bewegung  in  seine  Arme  schloß.  Auch  den  Prinzen
Karl  und  die  ihm  verwandten  Fürsten  umarmte  der  Kaiser  tief  gerührt.  Dann
ließ  er  die  sämtlichen  Abordnungen  der  Offiziere  an  sich  vorüberziehen  und  ging
an  den  Reihen  der  im  Saale  aufgestellten  Truppen  entlang.  Die  Musikchöre
hatten  sich  inzwischen  in  dem  an  den  Saal  östlich  anstoßenden  „Friedenssaal“
aufgestellt.

Von  dorther  begrüßten  sie  den  Kaiser  mit  dem  Hohenfriedberger  Marsch,
als  er,  begleitet  von  den  Fürsten  und  den  Prinzen,  in  den  Saal  hinabstieg
und  langsam  die  ganze  Galerie  abschritt  um  darauf  den  Festraum  zu  verlassen.

Das  Große  und  Wunderbare  war  geschehen!  Bald  wehten  die  Fahnen
und  Standarten  der  Regimenter  wieder  unten  auf  dem  Vorhof  des  Schlosses,
von  wo  sie  an  Ludwigs  XIV.  Reiterstatue  und  den  Standbildern  französischer
Feldherren  vorüber  zur  Kommandantur  getragen  wurden.  Vom  Schlosse  aber
wurde  alsbald  das  rote  Königsbanner  hinweggenommen  und  statt  seiner  wehte
und  wallte  nun  dort  über  dem  Mittelbau  des  à  toutes  les  gloires  de  la
France“  geweihten  stolzen  Palastes  zum  ersten  Male  das  schwarz-weiß-rote
Nationalbanner  des  neu  erstandenen  Deutschen  Reiches.  Alle  aber,  die  der
denkwürdigen  Feier  beigewohnt,  waren  mit  hohem  Glücksgefühl  darüber  erfüllt,
daß  sie  das  noch  erlebt,  mit  eigenen  Augen  gesehen  und  mit  eigenen  Ohren
gehört  hatten.  Ein  weltgeschichtlicher,  unvergeßlicher  Akt  hatte  sein  Ende  erreicht.

Das  Deutsche  Reich  steht  aufgerichtet

Von  Fels  zum  Meer  auf  festem  Grund,

Was  wir  ersehnt,  erträumt,  erdichtet,

Getan  ist's,  —  allen  Völkern  kund.

Wer  uns  nicht  liebt,  der  mag  uns  scheuen,

Wir  aber  wollen  uns  in  Treuen

An  unserm  blutgeschweißten  Bund

Für  Kaiser  und  für  Reich  erfreuen!  (Jutius  Wolff.)
        <pb n="636" />
        136.  An  Deutschland.

136.  An  Deutschland.  (Januar  1871).
Von  Emanuel  Geibel!)

Nun  wirf  hinweg  den  Witwenschleier,
Nun  gürte  dich  zur  Hochzeitsfeier,

O  Deutschland,  hohe  Siegerin!

Die  du  mit  Klagen  und  Entsagen
Durch  vier  und  sechzig  Jahr'  getragen,
Die  Zeit  der  Trauer  ist  dahin;

Die  Zeit  der  Zwietracht  und  Beschwerde,
Da  du  am  durchgeborst'nen  Herde

Im  Staube  saßest  tiefgebücht

Und  kaum  dein  Leid  mit  leisem  Weinen
Mehr  fragte  nach  den  Edelsteinen,
Die  einft  dein  Diadem  geschmücht.

Wohlglaubtensie  dein  Ichwertzerbrochen,
Wohl  zuchten  sie,  wenn  du  gesprochen,
Die  Achsel  hühl  im  Völkerrat;

Doch  unter  Tränen  wuchs  im  stillen
Die  Sehnsucht  dir  zum  heil'gen  Willen,
Der  Wille  dir  zur  Kraft  der  Tat.

Und  endlich  satt  die  Ichmach  zu  tragen
Zerrissest  du  in  sieben  Tagen

Das  Netz,  das  tödlich  dich  umschnürt,

Und  heischtest,  mit  beherztem  Schritte

Hintretend  in  Europas  Mitte,

Den  Dlatz  zurüch,  der  dir  gebührt.

Und  als  der  Erbfeind  dann,  der  Franze,
Nach  deiner  Ehren  jungem  Kranze
Die  Hand  erhub  von  Neid  verzehrt:
Zur  Riesin  plötzlich  umgeschaffen,

Wie  stürmtest  du  ins  Feld  der  Waffen,
Behelmte,  mit  dem  Flammenschwert!

O  große,  gottgesandte  Stunde,

Da  deines  Haders  alte  Wunde
Die  heil'ge  Not  auf  ewig  schloß
Und  wunderhräftig  dir  im  Innern
Aus  alter  Zeit  ein  stolz  Erinnern,
Ein  Bild  zuhünft'ger  Größe  sproß!

Cotta.

 

Wie  Erz  durchströmte  deine  Glieder
Das  Mark  der  Nibelungen  wieder,
Der  Geist  des  Herrn  war  über  dir
Und  unterm  Schall  der  Kriegsposaunen
Aufpflanztest  du  der  Welt  zum  Staunen
In  Frankreichs  Herz  dein  Siegspanier.

Da  war  dir  bald  mit  Blut  beronnen
Des  Rheins  Juwel  zurüchgewonnen,
Dein  Kleinod  einst  an  Kunst  und  Pracht,
Und,  dessen  leuchtend  Grün  so  helle
In  Silber  faßt  die  Moselwelle,

Der  lotharingische  Smaragd.

O  laß  sie  nicht  verglüh'n  im  Dunkeln!
Verjüngten  Glanzes  laß  sie  funkeln
Ins  Frührot  deiner  Osterzeit!

Denn  horch,  schon  brausen  Jubellieder
Und  über  deinem  Haupte  wieder

Geht  auf  des  Reiches  Herrlichkeit!

Durch  Orgelton  und  Schall  der  Glochen
Vernimmst  du  deines  Volks  Frohlochen?
Den  Heilruf  deiner  Fürstenschar?

Sie  bringen  dir  der  Eintracht  Zeichen,
Die  heil'ge  Krone  sondergleichen,

Der  Herrschaft  güldnen  Apfel  dar.

Auf  Recht  und  Freiheit,  Kraft  und  Treue
Erhöh'n  sie  dir  den  Stuhl  aufs  neue,
Drum  Barbarossas  Adler  kreist,

Daß  du  vom  Fels  zum  Meere  waltend,
Des  Geistes  Banner  hoch  entfaltend
Die  Hüterin  des  Friedens  seist!

Drum  wirf  hinweg  den  Witwenschleier!

Drum  schmüche  dich  zur  Hochzeitsfeier,

O  Deutschland,  mit  dem  grünsten  Kranz!

Flicht  Myrten  in  die  Lorbeerreiser!

Dein  Bräut'gam  naht,  dein  Held  und
Kaiser,

Und  führt  dich  heim  im  Siegesglanz.

1)  „Von  1866  bis  1871“.  Gesammelte  Werke,  IV.  Band,  S.  255.  Stuttgart  1888,
        <pb n="637" />
        137.  Einzug  der  bayerischen  Truppen  in  München.  625

137.  Einzug  der  bayerischen  Truppen  in  München.
Von  Hugo  Arnold.1)

Zum  festlichen  Einzuge  in  München  wurde  von  unserem  Regiment  eine
Abordnung  kommandiert,  bestehend  aus  mir,  dem  Oberleutnant  und  Bataillonsadjutanten
  Brand,  1  Sergenten,  6  Korporälen  und  68  Mann;  unser  Bataillon
stellte  dazu  25  Mann.  Am  14.  Juli  brachte  ein  endlos  langer  Sonderzug
uns  und  eine  Reihe  anderer  Abteilungen  nach  München,  wo  die  Mannschaft
in  der  Türkenkaserne  untergebracht  wurde.  Gleich  darauf  eilte  ich  nach  Hause,
in  die  Arme  der  Eltern  und  Geschwister.  Das  bewegte  Wiedersehen  zu  schildern
habe  ich  keine  Worte.  Mein  Bruder  ging  damals  noch  an  Krücken  —  er  war
zum  Krüppel  geworden;  aber  er  und  die  Eltern  klagten  nicht;  auch  unsere
Familie  hatte  dem  Vaterlande  ein  Opfer  gebracht.

Ein  wunderbarer  Sommertag  voll  Sonnenglanz  und  flutenden  Lichtern
brach  am  16.  Juli,  einem  Sonntage,  an;  auch  der  Himmel  zeigte  hochfestliche
Stimmung.  Das  Detachement  unseres  Regiments  gehörte  zu  dem  kombinierten
Linienbataillon,  das  unter  dem  Befehle  des  Oberstleutnants  Grafen  von  Joner
unseres  Regiments  aus  den  Abordnungen  der  nicht  zur  Garnison  München
gehörenden  Infanterieabteilungen  gebildet  und  mit  dem  2.  Regiment  und  dem
kombinierten  Landwehrbataillone  bei  der  2.  Brigade  eingeteilt  war.  Morgens
6  Uhr  formierte  sich  das  Bataillon  im  Kasernenhofe  und  marschierte  auf  den
Exerzierplatz  Oberwiesenfeld,  damals  noch  „Kugelfang“  genannt.  Um  8  Uhr
war  die  Aufstellung  der  Truppen  in  drei  Treffen  vollendet;  hierauf  wurden
der  Armeebefehl,  in  welchem  unseres  Königs  Majestät  dem  Heere  huldreichen
Dank  aussprach,  und  die  neuverliehenen  Ordensauszeichnungen  bekanntgegeben;
ich  selbst  hatte  das  Eiserne  Kreuz  II.  Klasse  erhalten.  Dann  kamen,  von
Musik,  Trommelwirbel  und  lauten  Hurrarufen  begrüßt,  unsere  Feldherren,
die  Generale  von  der  Tann  und  von  Hartmann,  hierauf  Se.  K.  Hoheit  Prinz
Luitpold  und  gegen  9½  Uhr  verkündeten  Kanonendonner  und  nimmer  endende
Hochrufe  das  Nahen  Sr.  Majestät  des  Königs  von  der  Theresien=  und  Sr.  K.
Hoheit  des  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm  von  der  Dachauerstraße  her,  dann
die  Ankunft  Ihrer  Majestät  der  Königin-Mutter,  der  Prinzen  und  Prinzessinnen
des  Königlichen  Hauses.

Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  meldete  sich  beim  König.  General  Freiherr
von  der  Tann  erstattete  den  Frontrapport,  die  Regimenter  präsentierten  das
Gewehr,  die  Fahnen  senkten  sich  zur  Huldigung  vor  ihrem  Allerhöchsten  Kriegsherrn,
  donnernd  wie  der  Siegesruf  auf  dem  Schlachtfelde  erscholl  aus  den
Kriegerkehlen  das  begeisterte  Hurra  und  von  den  Kapellen  her  klang  feierlich
der  Fahnenmarsch.  Langsam  ritten  der  König  und  ihm  zur  Linken  der  Kronprinz,
  dieser  mit  dem  Marschallstab  in  der  Hand,  die  Fronten  ab,  Bataillon

1)  „Unter  General  von  der  Tann“,  Feldzugserinnerungen,  2.  Bändchen,  S.  257  ff.
München  1896,  Beck.
Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Baverns.  40
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        626  137.  Einzug  der  bayerischen  Truppen  in  München.

um  Bataillon  präsentierte  und  die  Musiken  huldigten  mit  der  Intonierung  der
Königshymne.  Nachdem  der  König  die  Fronten  abgeritten  hatte,  ertönte  das
Kommando  zum  Gebet  und  auf  zum  Herrn  der  Heerscharen,  der  so  sichtlich
mit  uns  gewesen  war  und  unseren  Waffen  den  Sieg  verliehen  hatte,  stiegen
die  feierlich  getragenen  Akkorde  der  schönen  Hymne  Kaspar  Aiblingers.  Im
Fluge  überschaute  das  geistige  Auge  das  hinter  uns  liegende  Jahr  und  das
große  Werk,  an  dem  wir  mitgeschaffen,  und  auf  den  Schwingen  der  erhabenen
Klänge  rauschten  heiße  Dankgebete  zum  Himmel.

Der  König  ritt  zur  Stadt  zurück,  die  Truppen  formierten  sich  zum  Abmarsch.
  Es  war  mittlerweile  11  Uhr  geworden.  Heiß  brannte  die  Sonne,  so
heiß  wie  über  Frankreichs  Gefilden,  und  heiß  wurde  der  Weg  durch  die  Fluren
nach  Schwabing.  Von  da  an  standen  die  Menschen  Kopf  an  Kopf  und  jubelten
uns  zu;  aber  gut  war  es,  daß  es  Münchener  und  altbayerische  Stammgenossen
waren,  die  verständnisinnig  erkannten,  warum  der  Schweiß  über  die  wetterbraunen
  Stirnen  rinne  und  wonach  die  ausgetrockneten  Kehlen  lechzten.  Ihre
Arme  streckten  sich  mit  hilfreichen  Spenden  entgegen  und  die  Steinkrüge  wanderten
  im  Fluge  durch  die  Kriegerreihen;  auch  ich  tat  einen  Zug  bis  auf  die
Tiefen  des  Kruges.  Auf  Oberwiesenfeld  aber  donnerten  französische  Geschütze
zum  Salut  und  auf  den  Kirchtürmen  läuteten  mit  ehernen  Zungen  die
Glocken.

In  prophetischer  Ahnung  hat  der  edelste  Sohn  der  wiedergewonnenen
Reichsstadt  Straßburg,  der  „teutsche“  König  Ludwig  I.,  dem  bayerischen  Heere
das  Siegestor  gewidmet.  Laubgewinde  und  Waffenschmuck  umkleideten  seine
Massen  und  vom  Sonnenglanz  umfflossen  leuchtete  die  Bavaria  mit  der  mächtigen
  Löwenquadriga  auf  uns  hernieder.  Nachdem  wir  das  Tor  passiert  hatten,
wußten  wir  nicht,  wohin  wir  die  Blicke  wenden  sollten,  so  sehr  nahm  Prunk
und  Zier  sie  gefangen.  In  imposanter  Fernsicht  dehnte  sich  die  weite  Ludwigsstraße,
  eingefaßt  durch  ein  Spalier  von  Flaggenmasten  mit  riesigen  Schilden,
auf  denen  die  unserm  Ohre  so  wohlvertrauten  Namen  der  Siegesfelder,  der
eroberten  Festungen,  der  Feldherren  und  die  Ordensembleme  prangten.  Auf
dem  Universitätsplatze  reihte  sich  in  reichem  Schmuck  von  Laubgewinden  und
wehenden  Fahnen  Tribüne  an  Tribüne,  dicht  besetzt  mit  Zuschauern,  und  auf
hohen  Sockeln  aus  Blumen  und  Girlanden  erhoben  sich  die  Kolossalbüsten
des  Kaisers  und  unseres  Feldherrn,  des  Kronprinzen.  Wie  ein  Traum  aus
Wallalla  beschlich  es  das  Herz.  Das  war  der  Dank  des  Vaterlandes.  Und
wie  der  Jubel  uns  entgegenjauchzte  und  die  Tausende  von  Schulmädchen  in
weißen  Kleidern  mit  ihren  kindlichen  Stimmen  uns  den  Willkomm  entgegensangen,
  da  übermannte  mich  die  Rührung  und  in  den  langen  Feldzugsbart
rollten  die  Tränen.  Und  dort  im  Hause  neben  der  Kirche  von  St.  Ludwig,
da  winkt  und  grüßt  meine  Schwester  und  schleudert  mir  einen  Kranz  zu  —
der  kranke  Vater  weilt  zu  Haus,  er  sinnt  über  vergangene  Tage  nach,  er  lauscht
dem  Kanonendonner  und  dem  Glockengruße  und  dem  Flügelschlage  der  Raben
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        137.  Einzug  der  bayerischen  Truppen  in  München.  627

um  den  Kyffhäuser  und  bei  ihm  sitzt  die  treue  Mutter  und  sie  gedenken  des
Tages,  an  dem  ihr  Segen  die  Söhne  weihte  zur  Heerfahrt  wider  den  Erbfeind.

Fort  geht  der  Marsch  zwischen  rauschenden  Flaggen  und  jubelnden
Menschenmauern.  Dort  hoch  auf  dem  Sockel  ragt  König  Ludwigs  I.  Gestalt;
seine  Manen  schweben  segnend  um  den  Enkel,  der  ohne  Zaudern  die  Treue
bewährt  hat.  Hörtest  du,  teutscher  König,  den  Donnerruf  in  deine  stille  Gruft
„Straßburg  ist  über“?

Einst  sprachst  du  zu  mir,  dem  neubeförderten  Leutnant:  „Sagen  Sie
Ihrem  Herrn  Papa,  daß  es  mich  freut,  daß  sein  Sohn  Meines  Sohnes  Offizier
geworden  ist!“  Und  nun  streckt  sich  jeder  Mann  in  den  Hüften  und  ich  senke
den  Säbel  salutierend  vor  deinem  Enkel,  dessen  majestätisches  Auge  ernst  auf
seinen  Kriegern  ruht;  von  ihm  wandert  mein  Blick  zu  „Unserm  Fritz“,  der
zur  Seite  hält  auf  dem  Rosse,  das  ihn  bei  Wörth  getragen.  Und  dann  lenke
ich  den  Blick  hinüber  auf  die  andere  Seite  der  Straße;  dort  auf  der  Tribüne
der  Verwundeten  sitzt  mein  Bruder,  die  Krücke  ans  lahmgeschossene  Bein
gelehnt!

Fort  geht  der  Marsch.  Die  Feldherrnhalle  ist  in  einen  Garten  umgewandelt,
  aus  dessen  Grün  im  Vordergrund  eines  halbgeöffneten  Tempels  die
Kolossalbüste  des  Königs  Ludwig  II.  sich  erhebt,  zu  ihren  Füßen  Medaillons
mit  den  Porträts  der  Generale  von  der  Tann  und  von  Hartmann  und  zu
deren  Seiten  Siegesgöttinnen,  rechts  und  links  stehen  die  Bildsäulen  der  Feldherren
  Tilly  und  Wrede.  Wer  trägt  ein  dunkleres  Kolorit,  die  ehernen  Statuen
oder  wir  sturm=  und  wettergebräunten  Kriegsleute?  Hinter  den  düsteren  Gestalten
  leuchtet  ein  heller  Kranz  weißblauer  Fahnen  und  zu  ihren  Füßen  ragen
dunkle  Kanonenläufe  aus  der  Verkleidung  wie  aus  Schießscharten  hervor  um
an  den  Krieg  zu  erinnern,  aus  dem  der  Frieden  entsproß.  In  weitem  Kreise
vor  der  Loggia  sind  erbeutete  Geschütze  aufgestellt,  eines  dicht  am  andern,  und
dort  stehen  auch  die  Leibgarde  der  Hartschiere  in  ihrer  prachtvollen  Galatracht
und  die  frohe  Hoffnung  des  Heeres,  die  jugendlichen  Kadetten:  vorbei,  vorbei!
Wie  die  Wogen  der  Brandung  umrauscht  uns  unnnterbrochen  jubelnde  Begrüßung,
  aus  allen  Fenstern  winken  und  neigen  sich  schöne  Frauen  und  holde
Mädchen  und  der  Arm  ermüdet,  um  alle  die  Blumen  und  die  Kränze  aufzufangen,
  die  auf  uns  niederregnen  wie  der  Geschoßhagel  aus  des  Feindes  Reihen.
Durch  die  Theatiner-,  Wein-,  Kaufinger-,  Neuhauserstraße  —  eine  einzige  via
triumphalis  —  erreichen  wir  das  Karlstor.  Es  war  1  Uhr.  Dort  auf  dem
Platze  löste  sich  der  Zug  auf,  die  Bataillone  marschierten  in  ihre  Quartiere
und  Kasernen.

Nun  hieß  es  sich  sputen,  vom  Staub  und  Schweiß  des  Marsches  sich
reinigen  und  in  Gala  werfen,  denn  ich  war  zu  der  großen  Tafel  befohlen,  die
der  König  seinen  Offizieren  im  Schlachtensaale  der  K.  Residenz  gab  und  die
um  3  Uhr  begann.  Der  König  erschien  mit  dem  Kronprinzen  und  sämtlichen
Angehörigen  des  K.  Hauses  und  hielt  einen  kurzen  Cercle,  wobei  er  verschiedene

40
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        628  137.  Einzug  der  bayerischen  Truppen  in  München.

Herren  mit  huldvollen  Ansprachen  auszeichnete;  dann  wurde  im  genannten
Saale  an  langen  Tafeln  zu  Füßen  der  Gemälde  Platz  genommen,  welche  die
Kriegstaten  während  der  Feldzüge  im  Beginn  des  Jahrhunderts  verherrlichen.
Ruhmvolle  Siege  hatten  die  Ahnen  erkämpft,  die  Enkel  hatten  sie  übertroffen!
Nicht  in  gemessener  Etikette  schmausten  die  Kriegshelden,  nicht  nach  dem  Rang
geordnet  saßen  die  Reihen,  sondern  wie  der  Zufall  den  Kameraden  zum  Kameraden
  gesellte,  und  vor  der  freien  Weise  des  Feldlagers  flüchtete  der  fesselnde
Zwang  der  Hofluft.  Sinnend  ließ  die  Majestät  wiederholt  das  ernste,  vom
Schatten  der  Schwermut  angehauchte  Auge,  über  die  glänzende  Versammlung
schweifen,  dann  erhob  er  sich  und  trank  auf  das  Wohl  seiner  treuen,  tapferen
Armee  —  und  zum  Kronprinzen  sich  wendend  —  auf  das  ihres  erlauchten
ruhmgekrönten  Führers.  Ehrfurchtsvoll  lauschten  die  Offiziere  dem  nicht  laut
gesprochenen,  aber  deutlich  im  weiten  Raume  vernehmbaren  Toaste  ihres  Allerhöchsten
  Kriegsherrn,  worauf  der  Kronprinz  mit  hellen,  gleich  Trompetenfanfaren
  klingenden  Worten  erwiderte,  indem  er  anführte,  wie  vor  Jahresfrist
Frankreich  Preußen  zum  Kriege  herausgefordert  habe,  wie  nur  die  Bundestreue
unseres  Königs  und  seine  rasche  nationale  Tat  einen  so  glänzenden  Beginn
und  Ausgang  des  Krieges  ermöglichte,  wie  das  dem  Bayernkönig  nie  vergessen
sei  und  wie  dereinstens  die  Geschichte  ihn  deshalb  hoch  feiern  werde  für  alle
Zeit.  Zum  Schlusse  forderte  er  die  Waffengenossen  auf,  einzustimmen  in  das
Hoch  auf  Seine  Majestät  den  König!  Zündend  wirkten  diese  von  lohender
Begeisterung  getragenen  Worte  unseres  gefeierten  Feldherrn,  brausende  Hochrufe
  folgten  seinen  Worten  und  majestätisch  erklang  die  Königshymne.

Bald  nach  Aufhebung  der  Tafel,  um  7  Uhr,  begann  die  Festvorstellung
im  prachtvoll  beleuchteten  Hoftheater,  das  mit  glänzenden  Uniformen  gefüllt
war.  Als  der  König  mit  dem  Kronprinzen,  der  Königin-Mutter  und  dem
Prinzen  Otto  die  königliche  Loge  betrat,  empfing  das  ganze  Haus  die  Allerhöchsten
Herrschaften  mit  donnernden  Hochrufen,  worauf  der  Kronprinz  an  die  Brüstung
trat  um  sich  zu  bedanken.  Auf  das  fortdauernde  Rufen  trat  auch  der  König
hervor  und  verneigte  sich  freundlich  lächelnd  nach  allen  Seiten.  Nach  Webers
Jubelouverture  sprach  Hofschauspieler  Possart  einen  weihevollen  Prolog.  Derselbe
  feierte  den  Heldenführer  der  III.  Armee,  dem  bei  den  Worten:  „Heil
Friedrich  Wilhelm,  Deutschlands  erstem  Ritter!“  alle  Anwesenden  zujubelten.
Noch  höhere  Begeisterung  entflammte  der  Schluß  des  Prologes,  der  dem
Freundesbunde  Ludwigs  und  Friedrich  Wilhelms  galt,  in  ihre  Hände  lege
Jungdeutschland  vertrauensvoll  sein  ferneres  Geschick.  Beide  Fürsten  erhoben
sich  hierbei  Hand  in  Hand  und  erweckten  damit  neuen  stürmischen  Jubel.  Mit
dem  Festspiel  Paul  Heyses:  „Der  Friede“  endete  die  Feier.

Als  wir  das  Theater  verließen,  traten  wir  in  ein  strahlendes  Lichtmeer
hinaus;  die  Stadt  hatte  beleuchtet,  Straßen  und  Pläte  boten  einen  märchenhaften
  Anblick  und  eine  ungeheuere  Menschenmenge  wogte  hin  und  her.  Die
freudige  Feststimmung  steigerte  sich  auf  das  höchste,  als  der  König  mit  dem
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        138.  Gruß  an  das  Heer.  629

Kronprinzen,  der  Königin-Mutter,  den  Prinzen  Otto  und  Ludwig,  den  Prinzessinnen
  Ludwig  und  Therese,  dem  General  von  Blumenthal  u.  s.  w.  in  vier  Karossen
  die  illuminierten  Straßen  durchfuhren,  überall  auf  Sas  freudigste  begrüßt.
Erst  um  Mitternacht  erloschen  die  Lichter.

Am  folgenden  Tage  waren  die  Truppen  Gäste  der  Residenz,  indem  die
Bürgerschaft  die  Soldaten  bewirtete  und  die  Stadt  den  Offizieren  ein  Bankett
im  Glaspalaste  gab.  Ich  war  durch  eine  Einladung  an  der  Teilnahme  verhindert.
  Der  Tag  verging  rasch  mit  der  Besichtigung  der  wundervollen,  echt
künstlerisch  durchgeführten  Ausschmückung  der  Stadt.

Am  18.  Juli  brachte  mich  und  meine  Leute  wiederum  ein  langer  Zug
nach  Ingolstadt  zurück  und  am  nächsten  Tage  trat  ich  einen  längeren  Urlaub
an,  um  am  Herde  der  Meinen  auszuruhen  von  den  Strapazen  des  Krieges
und  des  Friedens  mich  zu  freuen,  den  unser  Schwert  erkämpft  hatte.

Frieden  waltet  seitdem  über  unseren  Gauen  und  in  seinem  Segen  blüht
das  erstarkte  Reich.  In  Erfüllung  ging,  was  die  Väter  kaum  zu  hoffen  wagten.
Sollten  dereinst  wiederum  die  Fanale  durch  die  deutschen  Gauen  flammen  und
die  Fahnen  sich  entfalten,  so  werden  unsere  Söhne  und  Enkel  mit  scharfem
Stahle  zu  wahren  wissen,  was  wir  im  größten  aller  Kriege  Schulter  an  Schulter
mit  den  verbündeten  deutschen  Stämmen  errangen:  die  Einheit,  Größe  und
Macht  unseres  deutschen  Vaterlandes,  den  Kaiser  und  das  Reich!

138.  Gruß  an  das  Heer.
Von  Wilhelm  Hertz.:)

Ihr  Helden  von  der  Wacht  am  Rhein,]  Noch  eh'  bereit  des  Feindes  Macht,
In  Pracht  und  Jubel  zieht  ihr  ein  Stand  schon  Alldeutschland  auf  der  Wacht
Und  aller  Augen  glühen.  Ihn  würdig  zu  empfangen.
Solang  noch  tönt  ein  deutsches  Wort,
Tönt  auch  die  Siegeshunde  fort
Von  euch  und  euren  Mühen.

Und  vorwärts  gings,  in  gleichem  Tritt
Der  Bayer  mit  dem  Preußen  schritt,
Der  Sachse  mit  dem  Schwaben.

Der  Altfeind  sann  auf  neuen  Raub:;  Ihr  jagtet  sie  bis  fern  ans  Meer,
Er  schrie  sich  prahlend  toll  und  taub,  Ihr  finget  sie,  ein  zahllos  Heer,
Fuhr  aus  mit  Roß  und  Wagen.  Die  andern  sind  begraben.

Noch  gärt  der  Deutschen  alter  Zwist,
Ho  dacht'  er,  was  zerspalten  ist,  ..
...  .  Den  wir  mit  Sorgen  ausgesandt,
Das  läßt  sich  leicht  zerschlagen.  Und  frische  Rarben  schmerzen;
Doch  sieh,  durchs  ganze  deutsche  Land  Doch  der  Getreuen  Opfertat,
Schloß  sich  vertrauend  Hand  in  Hand  Sie  lebt  und  wirkt  als  edle  Saat
Und  neue  Weisen  klangen.  In  jedem  deutschen  Herzen.

Wohl  mancher  blieb  im  fremden  Land,

 

1)  Gesprochen  beim  Festmahl  für  bayerische  Krieger  im  Museum  zu  München.  „Gesammelte
  Dichtungen“,  S.  114.  Stuttgart  1904,  J.  G.  Cotta.
        <pb n="642" />
        630  139.  Schloß  Neuschwanstein.

Und  wie  ihr  standet  Mann  an  Mann,  Drum  Deutschland  Heil  im  Siegesglanz,

So  soll  es  bleiben  nun  fortan,  Daß  sich  sein  grüner  Ehrenkranz
Auch  wenn  die  Waffen  rasten:  In  jedem  Sturm  erneue!

Ein  Volhk,  vereint  in  Freud  und  Leid,  ]  Ein  Hoch  der  Waffenbrüderschaft,

Dem  Frieden  hold,  doch  stark  zum  Streit  —  Ein  Hoch  der  deutschen  Heldenkraft,
Wer  wagt's  uns  anzutasten?  1  Ein  Hoch  der  deutschen  Treue!

139.  Schloß  NReuschwanstein.

Von  Karl  von  Heigel.)

„Zu  bauen  liebt  er,“  schreibt  König  Ludwig  I.  über  seinen  jugendlichen
Enkel,  „vorzüglich  überraschend  sah  ich  Gebäude  von  ihm  ausgeführt.  Ich
erkenne  auffallende  Ahnlichkeit  im  künftigen  Ludwig  lI.  mit  dem  politisch  toten
Ludwig  I.“"

König  Ludwigs  II.  Baulust,  die  seinen  Großvater  ergötzte,  machte  seine
Minister  wehklagen.  Kostbar  war  das  Haus,  kostbar  die  Einrichtung;  denn
Ludwig  baute  weniger  um  zu  wohnen  als  um  zu  schauen.  Ein  anderer  liest,
er  baute  Kulturgeschichte.  Seine  rätselreiche  Bautätigkeit,  sein  wandelbarer
Geschmack  in  der  Wahl  dramatischer  Stoffe  für  sein  „Haustheater“  hingen
mit  seiner  Lektüre  zusammen.  Weil  er  oft  allein  war,  auch  den  Trieb  besaß
sich  weiterzubilden,  las  er  zahllose  Bücher.  Er  las  ohne  Auswahl,  vielerlei,
doch  alles  gründlich,  am  liebsten  geschichtliche  Werke  und  unter  diesen  mit
Vorliebe,  Denkwürdigkeiten  und  Briefe.  Und  da  er  nur  deutsch  und  französisch
las,  die  Literatur  Frankreichs  aber  ihm  das,  was  ihn  am  stärksten  anregte,
Selbstbiographien,  Denkwürdigkeiten,  Briefsammlungen  am  reichlichsten  bot,
wurde  der  romantische  Jüngling  sachte,  sachte  zum  Schwärmer  für  den  Hof
von  Versailles.  Es  ist  nicht  genau,  wenn  man  sagt,  Ludwig  XIV.  sei  das
Eins  und  Alles  unseres  Königs  gewesen.  Wir  suchen  unser  Ideal  unter
solchen,  denen  wir,  wenn  nicht  gleich,  doch  ähnlich  werden  können.  In
welchen  Punkten  stimmten  aber  der  Bourbon  und  der  Wittelsbacher  überein?
Für  jenen  war  Kriegführen  das  Salz  des  Königtums,  dieser  verabscheute
den  Krieg.  Ludwig  XIV.  war  für  die  Jagd,  für  das  Spiel,  für  die  Frauen,
Ludwig  II.  jagte  nicht,  spielte  nicht  und  blieb  beim  Anblick  schöner  Frauen
gelassen.  Im  hohen  Begriff  von  der  Königswürde  treffen  beide  zusammen,
doch  unser  Ludwig,  auch  mit  der  Machtfülle  jener  Bourbonen  ausgestattet,
würde  nie  die  Bahnen  des  Sonnenkönigs  gewandelt  sein.  Bezaubert  hat  ihn
nicht  Louis  der  Eroberer,  nicht  Louis,  der  das  Edikt  von  Nantes  widerrief,
sondern  der  Schöpfer  und  Herr  von  Versailles,  Ludwig  XIV.  in  der  Spiegelhalle
  mit  dem  farbigen,  schimmernden  Gewühl.  Und  welche  Ahnlichkeit  hätte
unser  Ludwig  zwischen  sich  und  Ludwig  XV  gefunden,  mit  diesem  Schlemmer

1)  „König  Ludwig  II.  von  Bayern“,  ein  Beitrag  zu  seiner  Lebensgeschichte,  S.  231  ff.
Stuttgart  1893,  Bonz.
        <pb n="643" />
        139.  Schloß  Neuschwanstein.  631.

und  Wüstling,  der  auf  seine  Kriegstaten  so  eitel,  auf  seine  Würde  so  wenig
bedacht  war!

Wie  gesagt,  der  König  blätterte  nicht  in  seinen  Büchern;  als  wenn
ihm  der  Hofmeister  noch  über  die  Schulter  sähe,  las  er  das  bändereichste
Werk  gewissenhaft  zu  Ende.  Doch  wie  gewissenhaft  er  studierte,  seiner  Jugend,
Eigenart,  Begabung  gemäß  verlangte  er  nach  Anschauung.

Von  der  Rindenbank  im  Schwangau,  die,  ich  weiß  nicht,  von  ihm  oder
anderen  „Die  Jugend“  genannt  wurde,  sah  er  auf  das  väterliche  Schloß
Hohenschwangau.  Ein  trautes  Daheim,  doch  von  der  Burg,  die  er  träumte,
verschieden  wie  ein  zartes  Rosa  von  Scharlachrot.  Er  sah  einen  stolzen  Bau
mit  Palas  und  Bergfried  aufleuchten  über  dem  Waldgebirge,  die  Burg  auf
dem  Felsen  über  der  tobenden  Pöllat,  sah  den  Thronsaal  würdig  der  Gralsburg,
  die  fröhliche  Sängerhalle,  die  mit  ihren  Erkerfenstern  ins  weite  Land
schaute.

Auch  geschichtliche  Erinnerungen  waren  nicht  ohne  Einfluß.  Dort  auf
dem  steilen  Tegelfelsen  hatten  die  Ritter  von  Schwangau  gewohnt,  sein  väterliches
  Hohenschwangau  war  der  Sitz  der  Emporkömmlinge  Paumgarten
gewesen.  Als  diese  Paumgarten  den  Schwangau  erworben  hatten,  wählten
sie  —  wahrscheinlich  der  freundlichen  Lage  zuliebe  —  Schwanstein  zu  ihrem
Sitz.  Das  alte  Gebäude  wurde  1538  niedergerissen  und  machte  einem
prächtigeren  Platz.  Als  im  Laufe  der  Zeiten  auch  dies  Werk  zerfallen  war,
stieg  Maximilians  II.  Hohenschwangau  aus  dem  Getrümmer.  Ludwig  II.
jedoch  wollte  seine  Schwanenburg  dort,  wo  das  altadelige  Geschlecht  gewohnt
hatte,  wollte  seine  Burg  eins  mit  dem  Felsen,  von  dem  Konradin  in  die
sinkende  Sonne  sah.

Wie  sein  Traum  traumhafte  Wirklichkeit  geworden,  weiß  heute  die  Welt.
Im  Jahre  1869  wurde  der  Grundstein  gelegt.  1873  lugte  der  Torbau,  eine
kleine  Burg  für  sich,  aus  dem  Tannicht  über  der  Pöllatschlucht.  Das  erste
Stockwerk  über  dem  Tore  enthält  Dienerzimmer,  die  Gemächer  im  zweiten
Stock  wurden  für  den  König  eingerichtet.  Hier  wohnte  er  oft  wochenlang
um  den  Königsbau  wachsen  zu  sehen.

Vom  Dorfe  Schwangau  führt  eine  bequeme  Fahrstraße  hinauf  zum
Tegelfelsen,  aus  dem  der  vierstöckige  Königsbau  200  m  über  der  Talsohle
herauswächst.  Die  Straße  ist  natürlich  eigens  für  das  Bedürfnis  dieses  Königsbaues,
  der  mehr  als  12  Jahre  währte,  bis  sein  Bauherr  in  ihm  sich  behaglich
niederlassen  konnte,  hergestellt  worden.  Pulver  und  Dynamit  mußten  das
widerstrebende  Gestein  sprengen  um  den  Zugang  breit  und  bequem  zu  machen.
Da,  wo  der  Boden  nachgiebiger  war,  mußten  gewaltige  Aufmauerungen  ausgeführt
  werden.  Im  Westen  fällt  der  Fels  steil  gegen  die  Ebene  ab,  im
Süden  und  Osten  gähnt  der  Schlund  mit  dem  stürzenden  Wildbach.  Von
welcher  Seite  man  den  Palas  betrachtet,  ist  er  von  herrlicher  Wirkung,  der
Blick  aus  jedem  Fenster  schön,  über  Waldeswipfel  auf  das  Gebirge  oder  über
        <pb n="644" />
        632  140.  Bayreuth.

den  Abgrund  in  die  verdämmernde  Ferne.  Freude  an  satten  Farben,  an
Mannigfaltigkeit  der  Formen,  an  gediegener  Pracht  offenbart  sich  im  größten
wie  im  kleinsten  Raum;  Schönheit  ist  überall;  Schilderungen,  selbst  Abbildungen
lassen  sie  nur  ahnen,  beide  versagen  die  Stimmung.

Feierliche  Stille  lagert  über  der  Natur.  Wie  für  die  Ewigkeit  geschaffen
ragt  diese  königliche  Burg,  auf  ehernem  Untergrund  emporgewachsen,  in  die
Lüfte.  Und  dieser  Untergrund  ist  von  Menschenhand  ertrotzt,  die  in  jahrelangem
  Mühen  den  Felsen  bezwang  und,  wo  dessen  Zerklüstung  dem  Bau
wehrte,  ganze  Berge  unwiderstehlicher  Quadern  einfügte.  Das  sieht  man  schon
hier:  dieser  Bau  ist  geschaffen  zu  dauern,  und  wenn  je  einmal  Schloß  Herrenchiemsee
  und  Linderhof  verfallen  von  ihrem  einstigen,  prunkvollen  Märchendasein
  träumen,  dann  wird  Neuschwanstein  noch  immer  die  eherne  Sprache
einer  unverwüstlichen  Gegenwart  reden.

Weiter  hinauf  gegen  das  Gebirge  zu  ist  die  tiefe  Pöllatschlucht  überbrückt.
  Ein  schmaler  Eisensteg  schwebt  300  Fuß  hoch  über  dem  lebenden
Wasser.  Wer  hier,  von  der  Marienbrücke,  hernieder  oder  durch  die  Pöllatschlucht
  hindurchschaut  oder  von  Westen  aus  den  Blick  über  Tannendunkel
hinwegsendet,  der  wird  sein  Sehnen  von  einer  Götterburg  verkörpert  sehen,
denn  hier  blickt  er  auf  Walhall.  Dort  auf  der  Marienbrücke  stand  Ludwig
gern  und  oft  in  wolkiger  Sommernacht  oder  unter  dem  brennenden  Sternenhimmel
  des  Winters.  Dann  funkelte  im  dunklen  Gemäuer  auf  dem  Tegelfelsen
  da  und  dort  ein  Fenster  auf;  dann  grüßte  ihn  aus  seinem  Erker  freundliches
  Licht;  dann  erstrahlte  festlich  der  Thronsaal  seiner  stolzen  Königsburg.
Und  er  hatte  seine  Freude.

140.  Bayreuth.
Von  Rudolf  Louis."

Zwischen  dem  nordöstlichen  Ende  des  Fränkischen  Jura  und  den  südwestlichen
  Ausläufern  des  Fichtelgebirges,  am  linken  Quellflüßchen  des  Mains,
dem  sogenannten  „Roten  Main“,  liegt  in  weiter,  von  lieblich  bewaldeten  Hügeln
abgeschlossener  Talebene  Bayreuth,  die  Hauptstadt  des  bayerischen  Regierungsbezirks
  Oberfranken.  Wie  so  manch  andere  mittlere  Stadt  des  deutschen
Vaterlandes  verbindet  Bayreuth  den  Reiz  einer  glänzenden  und  an  Erinnerungen
  reichen  Vergangenheit  mit  dem  Vorzug  einer  kräftig  emporstrebenden,
fortschreitend  sich  entwickelnden  Gegenwart.  Daß  sein  Name  aber  über  die
ganze  gebildete  Welt  erklingt,  daß  er  mit  Begeisterung  genannt  wird,  wo  immer
auf  Erden  sich  Verständnis  und  Liebe  findet  für  die  Taten  und  Werke  hoher
Kunst,  daß  mit  ihm  sich  unwillkürlich  die  Erinnerung  verbindet  an  einen  der
stolzesten  Siege,  die  deutscher  Geist  jemals  auf  künstlerischem  Gebiete  errungen
hat,  das  verdankt  Bayreuth  dem  überragenden  Genie  des  großen  Künstlers,
der  vor  35  Jahren  die  kleine  Frankenstadt  zum  Mittelpunkt  seiner  künst-
        <pb n="645" />
        140.  Bayreuth.  633

lerischen  Pläne  und  Bestrebungen  gemacht  und  damit  das  erst  geschaffen  hat,
woran  heute  zunächst  ein  jeder  denkt,  wenn  er  den  Namen  Bayreuth  aussprechen
  hört.

Als  Richard  Wagner  in  jenen  Tagen  allgemeinen  nationalen  Aufschwungs,
  die  unmittelbar  auf  den  französischen  Krieg  und  die  Begründung
des  neuen  Deutschen  Reiches  folgten,  seinen  Freunden  und  Anhängern  bekanntgab,
  daß  er  nunmehr  daran  gehen  wolle  seine  lange  gehegte  Absicht  der  Errichtung
  eines  „Deutschen  Nationaltheaters“,  einer  zunächst  für  die  möglichst
vollkommene  und  stilgemäße  Aufführung  seiner  eigenen  Werke  bestimmten
Opernbühne,  der  Verwirklichung  entgegenzuführen  und  daß  er  Bayreuth  wie
zu  seinem  dauernden  Wohnort  so  auch  zu  seiner  künftigen  Festspielstadt  ausersehen
  habe,  da  konnten  sich  die  Fernerstehenden  nicht  genug  verwundern  und
zwar  nicht  nur  über  die  wahnwitzige  Kühnheit  des  Planes  selbst  sondern
vor  allem  auch  über  die  ersichtlicherweise  so  unpraktische  Wahl  des  Ortes.
Wenn  ein  Künstler  wie  Wagner,  der  damals  zwar  schon  viele  opfermutige
Gönner  und  Verehrer,  aber  immerhin  doch  unendlich  viel  mehr  Gegner  und
Widersacher  als  Freunde  seiner  Kunst  besaß,  wenn  ein  solcher  Mann  sich  einer
ganz  ungewohnten  und  außergewöhnlichen  Sache  unterfing,  der  nur  die  tatkräftigste
  Teilnahme  der  ganzen  Nation  Erfolg  und  Gedeihen  gewährleisten  zu
können  schien,  so  hätte  er,  meinte  man,  allen  Grund  gehabt  diese  Teilnahme
dem  deutschen  Volke  nach  Kräften  zu  erleichtern,  anstatt  sie  zu  erschweren,  ja,
wie  fast  allgemein  geglaubt  wurde,  unmöglich  zu  machen  durch  die  Bevorzugung
  eines  kleinen,  abgelegenen  Städtchens,  das  nur  schwer  zu  erreichen
und  dazu  kaum  in  der  Lage  zu  sein  schien  die  Massen  von  Festgästen,  auf
die  man  doch  rechnen  mußte,  auch  nur  entsprechend  zu  beherbergen.  Wollte
Wagner  sein  Festspielhaus  durchaus  nicht  in  einer  der  größeren,  vom  allgemeinen
  Weltverkehr  durchbrausten  Hauptstädte  Deutschlands  errichten,  so
mochte  doch  zum  mindesten  die  Wahl  eines  auch  ohnedies  gern  und  viel  besuchten
  Ortes,  etwa  eines  Bade=  oder  Fremdenplatzes  von  internationalem
Rufe,  weit  praktischer  dünken  und  man  begreift  die  Einladung,  die  der
Stadtrat  von  Baden-Baden  im  November  1871  an  den  Meister  ergehen
ließ,  dieser  möchte  sein  geplantes  Theater  doch  lieber  dort  am  Abhang  der
Schwarzwaldberge  erbauen,  ein  Umstimmungsversuch,  der  in  ähnlicher  Weise
unter  anderm  auch  von  Darmstadt,  Berlin,  London,  ja  sogar  von  Chicago
aus  erfolgte.

Für  Wagner  konnte  all  das  nicht  in  Frage  kommen.  Der  Festspielgedanke
  hatte  sich  bei  ihm  festgesetzt  und  entwickelt  in  ausgesprochener  Opposition
  zu  der  Art  des  Kunstbetriebs,  die  er  während  seiner  ganzen,  vielbewegten
  Künstlerlaufbahn  an  den  stehenden  deutschen  Opernbühnen  kennen
gelernt  hatte.  Er  war  überzeugt  davon,  daß  das  stärkste  Hindernis  für  die
Erreichung  dessen,  was  er  sich  als  Ziel  seines  Lebens  gesteckt  hatte,  in  dem
seiner  Ansicht  nach  unkünstlerischen  Wesen  dieser  Theater  begründet  liege.
        <pb n="646" />
        634  140.  Bayreuth.

Sein  eigenes  Unternehmen  wollte  dagegen  ein  durchaus  künstlerisches
sein  und  dieser  Gegensatz  zu  den  ständigen  Opernbühnen  sollte  und  mußte
auch  in  der  Wahl  des  Festspielortes  zum  Ausdruck  kommen.  Wie  die  Aufführungen
  selbst  als  „Festspiele“  schon  durch  ihren  Charakter  einer  Ausnahmeveranstaltung
  über  das  Niveau  der  Alltäglichkeit  gewöhnlicher  Opernvorstellungen
  sich  erheben  sollten,  so  durften  sie  auch  nicht  an  einem  Orte
stattfinden,  wo  ein  stehendes  Theater  bereits  das  Unterhaltungsbedürfnis  der
Großstadtgesellschaft  befriedigte.  Aber  auch  ein  von  fremden  Gästen  ohnehin
viel  besuchter  Platz,  wie  etwa  Baden-Baden  gewesen  wäre,  mußte  dem  Meister
ungeeignet  erscheinen;  denn  seine  Festspiele  wollten  sich  nicht  einem  künstlerisch
gleichgültigen  Allerweltspublikum  anbieten,  sondern  sie  erhoben  den  Anspruch
um  ihrer  selbst  willen  aufgesucht  zu  werden,  weil  sie  sich  eben  nur  an  solche
wenden  wollten,  in  denen  eine  wirkliche  Sehnsucht  nach  edler  Kunst  lebendig
war;  ja  in  diesem  Sinne  ließ  es  sich  sogar  viel  leichter  verschmerzen,  wenn
der  Besuch  der  Aufführungen  mit  einiger  Unbequemlichkeit  für  die  Festgäste
verbunden  war,  als  wenn  eine  nach  gewöhnlicher  Meinung  „günstigere“  Lage
des  Festortes  es  denen  allzu  leicht  gemacht  hätte,  die  nur  ein  oberflächliches
Interesse  der  Neugier  befriedigen  wollten.

Daß  Wagner  nun  gerade  auf  Bayreuth  verfiel,  dazu  gab  ein  bloßer
Zufall  den  ersten  Anstoß.  Von  vornherein  dachte  der  Künstler  „an  irgend
eine  schöne  Einöde,  fern  von  dem  Qualm  und  dem  Industriepestgeruche  unserer
großstädtischen  Zivilisation“.  Auch  ein  bayerischer  Ort  sollte  es  sein;  dazu
verpflichtete  den  Meister  die  dankbare  Ehrfurcht  für  König  Ludwig  II.,  seinen
hohen  Gönner.  Da  geschah  es,  daß  er  eines  Tages  im  Konversationslexikon
blätterte  und  um  im  Artikel  „Bayern“  etwas  nachzulesen  den  Buchstaben  „B“
aufschlug.  Fast  achtlos  ließ  er  seinen  zerstreuten  Blick  auf.,  Bayreuth“  haften,
und  was  er  da  las,  das  fesselte  in  wachsendem  Grade  seine  Aufmerksamkeit:
das  lange  und  mühevoll  Gesuchte  schien  endlich  gefunden.  Eine  protestantische
Stadt,  zum  katholischen  Bayern  gehörig,  im  Herzen  Deutschlands  gelegen,
norddeutsche  Erinnerungen  mit  süddeutschem  Besitz  verschmelzend!  Der  erste
Besuch  Bayreuths  im  April  1871  vermittelte  dem  Künstler  so  günstige  Eindrücke,
  daß  der  Gedanke  an  diesem  Orte  seine  Festspiele  zu  veranstalten  bald
zum  festen  Entschlusse  ward.  Zwar  daß  das  alte  markgräfliche  Opernhaus,
das  er  anfänglich  mit  in  Rechnung  gezogen  hatte,  für  seine  Zwecke  gar  nicht
in  Betracht  kommen  könne,  stellte  sich  bald  heraus.  Aber  anderseits  fand  er
von  seiten  der  Bevölkerung  und  der  städtischen  Behörden  so  viel  freundliches
Entgegenkommen,  daß  bereits  am  22.  Mai  1872,  dem  62.  Geburtstage  des
Meisters,  die  Grundsteinlegung  des  Festspielhauses  stattfinden  konnte,  das  auf
dem  von  der  Stadt  unentgeltlich  zur  Verfügung  gestellten  Platze,  am  Abhang
der  „hohen  Warte“,  in  abgeschiedener  und  doch  bequem  und  rasch  zu  erreichender
Lage  sich  erheben  sollte.  Um  die  Geldmittel  zum  Bau  des  Hauses  und  zur
Vorbereitung  der  Festspiele  aufzubringen  hatte  sich  Wagner  in  mehreren  Auf-
        <pb n="647" />
        140.  Bayreuth.  635

rufen  an  die  Freunde  und  Verehrer  seiner  Kunst  gewandt.  Daß  das  deutsche
Volk  sich  selbst  eine  Stätte  edelster  nationaler  Kunstausübung  errichte,  das
war  sein  idealer  Gedanke.

Aber  die  Nation  ließ  ihn  im  Stiche.  Trotz  der  von  einzelnen  betätigten
Opferwilligkeit  flossen  die  Gelder  nur  sehr  spärlich  Zwar  konnte  im  August  1873
die  „Hebefeier“  auf  dem  Festspielhügel  stattfinden;  aber  dann  trat  eine  längere,
bedenkliche  Stockung  ein,  die  wohl  kaum  so  bald  überwunden  worden  wäre,
wenn  nicht  König  Ludwig  II.,  dessen  hochherziger  Entschluß  einst  den  Künstler
aus  tiefster  Not  und  Bedrängnis  befreit  hatte,  auch  diesmal  wieder  als  Helfer
und  Retter  sich  erwiesen  hätte.  So  konnten  im  Sommer  des  Jahres  1876
(13.—30.  August)  die  ersten  Festspiele  stattfinden,  zu  denen  ein  auserlesenes
Publikum  von  Fürsten,  Dichtern,  Künstlern,  Musikern,  Journalisten  und  Kunstfreunden,
  an  ihrer  Spitze  der  deutsche  Kaiser  Wilhelm  I.,  sich  eingefunden
hatte.  Trotz  des  glänzenden  künstlerischen  Erfolges  der  Aufführungen,  bei
denen  Wagners  vierteiliger  Dramenzyklus  „Der  Ring  des  Nibelungen“  zur
ersten  vollständigen  Darstellung  gelangte,  war  aber  das  Bayreuther  Werk
auch  jetzt  noch  nichts  weniger  als  gesichert.  Die  ersten  Festspiele  schlossen
finanziell  mit  einem  gewaltigen  Fehlbetrage  ab,  der  den  Meister  von  neuem
zwang  die  Hilfe  seines  Königs  in  Anspruch  zu  nehmen.  Nur  diese  Unterstützung
  ermöglichte  die  Weiterführung  des  Unternehmens,  obgleich  nicht  einmal
sie  es  verhindern  konnte,  daß  die  Pforten  des  Festspielhauses  sechs  volle  Jahre
bis  zur  ersten  Aufführung  des  „Parsifal“  im  Jahre  1882  geschlossen  bleiben
mußten;  so  groß  war  damals  noch  die  Teilnahmslosigkeit  des  deutschen  Volkes
gegenüber  einem  seiner  größten  Künstler.  Es  mag  zweifelhaft  sein,  ob  es
Richard  Wagner  jemals  möglich  gewesen  wäre  seine  letzten  Werke:  „Die
Meistersinger",  den  „Ring“  und  „Parsifal“  zu  vollenden,  wenn  er  nicht  in
König  Ludwig  den  erhabenen  Schutzherrn  seines  Lebens  und  seines  Wirkens
gefunden  hätte.  Aber  ganz  gewiß  ist  es,  daß  wir  „Bayreuth“  einzig  und
allein  der  tatkräftigen  Begeisterung  und  selbstlosen  Treue  dieses  edlen  Fürsten
zu  verdanken  haben.

Wer  heutigentags  zur  Festspielzeit  in  Bayreuth  anlangt,  dem  bietet  sich
schon  beim  Verlassen  des  Eisenbahnwagens  der  Anublick  jenes  vielbewegten
Lebens  und  Treibens,  wie  es  einer  aus  ihrem  Alltagsdasein  heraustretenden,
im  Sonntagskleide  sich  zeigenden  Feststadt  eigen  zu  sein  pflegt.  Und  was
an  diesem  Treiben  sofort  auffällt,  es  trägt  durchaus  internationalen  Charakter.
Fremde  Laute  dringen  an  unser  Ohr:  hier  hören  wir  englisch,  da  französisch,
dort  wieder  italienisch  oder  irgend  eine  slavische  Sprache  reden.  Aus  aller
Herren  Ländern,  aus  ganz  Enropa,  ja  selbst  über  den  Ozean  herüber  sind  diese
Menschen  nach  dem  kleinen  oberfränkischen  Städtchen  gekommen  um  sich  an
dem  Kunstwerke  des  großen  deutschen  Meisters  zu  begeistern,  die  einen  getrieben
durch  ein  edles  und  echtes  Bedürfnis  nach  seelischen  Eindrücken  erhabenster
        <pb n="648" />
        636  140.  Bayreuth.

Art,  die  anderen  angelockt  vielleicht  nur  durch  ein  oberflächliches  Kuriositätsinteresse.


Schon  allein  diese  Ausländer,  die  in  stets  wachsenden  Scharen  Bayreuth
besuchen,  können  uns  einen  Begriff  geben  von  der  nationalen  Bedeutsamkeit
der  Kunst  Richard  Wagners.  Große  Künstler  hat  es  in  Deutschland  auch
vor  ihm  schon  gegeben;  aber  er  war  der  erste,  der  den  Glauben  an  die
deutsche  Kunst  auch  dem  Auslande,  der  ganzen  Welt  aufgezwungen  hat.  In
früheren  Jahrhunderten  schickte  man  junge  deutsche  Musiker  zu  ihrer  höheren
Ausbildung  nach  Italien  und  auf  keinem  Gebiete  ist  die  leidige  „Ausländerei“
der  Deutschen,  ihre  Vorliebe  auch  dem  minderwertigen  Fremden  den  Vorzug
zu  geben  vor  den  köstlichen  Schätzen  der  Heimat  so  oft  und  so  mit  Recht
getadelt  worden  wie  auf  dem  der  dramatischen  Kunst.  Wenn  heute  darin
eine  wesentliche  Wandlung  eingetreten  ist,  wenn  heute  Amerikaner  und  Engländer,
  Franzosen,  Russen  und  Italiener  nach  Deutschland  kommen  um  die
Tonkunft  zu  studieren,  wenn  der  deutsche  Musiker  jetzt  in  der  allgemeinen
Schätzung  der  Welt  ungefähr  dieselbe  Stellung  einnimmt  wie  im  18.  Jahrhundert
  der  italienische,  wenn  wir  heute  nicht  nur  nationale  Kunstwerke
sondern  auch  die  Mittel  und  Einrichtungen  zu  ihrer  stilgemäßen  Darstellung
besitzen,  Einrichtungen,  die  dem  Ausland  ein  Gegenstand  des  Neides  und  der
Nachahmung  sind,  so  ist  das  in  erster  Linie  das  Verdienst  des  Meisters  von
Bayreuth  und  seines  königlichen  Gönners.

Beim  Verlassen  des  Bahnhofs  verstärkt  das  Bild  der  menschenbelebten
Straßen  den  festlichen  Eindruck.  Überall  auf  Schritt  und  Tritt  begegnen  uns
Hinweise  auf  die  Veranstaltung,  die  alle  diese  Tausende  von  Festgästen  herbeigelockt
  hat.  Die  ganze  Stadt  steht  unter  dem  Zeichen  Richard  Wagners  und
seiner  Festspiele.  An  den  Schaufenstern  der  Buch=  und  Musikalienhändler
erblicken  wir  fast  ausschließlich  Wagnersche  Werke,  Partituren,  Klavierauszüge
und  Arrangements,  dazu  die  neuesten  Erscheinungen  der  immer  gewaltiger
anwachsenden  Wagnerliteratur,  Bildnisse  des  Meisters,  seiner  Jünger  und
Freunde,  der  bei  den  Festspielen  mitwirkenden  Dirigenten,  Sänger  und
Sänugerinnen,  Szenenbilder  aus  den  aufgeführten  Dramen,  Plastiken,  Gemälde,
  Photographien,  das  denkbar  Verschiedenartigste  in  Form  und  Ausführung,
  aber  alles  in  irgend  einer  Beziehung  stehend  zu  dem  Meister  und
seinem  Werke.

In  diesen  Tagen  ist  Bayreuth  ausschließlich  Festspielstadt.  Daß  es  noch
ein  anderes  Bayreuth  gibt,  ein  zwar  der  Vergangenheit  angehöriges,  aber
mit  seinen  Monumenten  bis  in  die  Gegenwart  hineinragendes  und  heute  noch
sichtbares  historisches  Bayreuth,  daran  muß  man  sich  fast  gewaltsam  erst
erinnern.  Und  doch  gewährt  es  einen  ganz  besonderen  Reiz,  diese  beiden
großen  Gegensätze,  die  alte  Markgrafenresidenz  und  die  moderne  Wagnerstadt
gleichzeitig  zu  genießen,  in  dem  heutigen  Bayreuth  den  Spuren  der  alten,
längst  verklungenen  Fürstenherrlichkeit  nachzugehen.
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        140.  Bayreuth.  637

Der  Zufall  hat  es  nicht  ohne  sinnvolle  Beziehung  so  gefügt,  daß  eines
der  bedeutendsten  und  besterhaltenen  Denkmäler  des  markgräflichen  Bayreuth
ein  Theatergebäude  ist,  das  im  Februar  1745  begonnene,  im  August  1749
unter  Dach  gebrachte  Opernhaus,  als  dessen  Architekt  wohl  der  seit  1743  am
Bayreuther  Hofe  tätige,  sonst  ganz  unbekannte  Franzose  Joseph  St.  Pierre  zu
gelten  hat.  Wenn  wir  auf  dem  Wege  vom  Bahnhof  zur  Stadt  die  Mainbrücke
  überschritten  und  eine  kleine  Allee  passiert  haben,  biegen  wir  in  südöstlicher
  Richtung  in  die  Opernstraße  ein  und  treffen  an  deren  linker  Seite
bald  auf  das  Gebäude,  das  der  Straße  ihren  Namen  gibt.  Die  zwischen
Privathäuser  eingebaute  Front  fällt  zunächst  nicht  allzusehr  auf.  Erst  bei
genauerem  Zusehen  würdigt  man  ihre  imposante,  etwas  schwere  Schönheit
und  einen  richtigen  Begriff  von  der  Größe  des  gewaltigen  Gebäudes,  das
trotz  seines  riesigen  Mansardendaches  von  außen  angesehen  verhältnismäßig
unscheinbar  wirkt,  gewinnt  man  bei  der  Erwägung,  daß  allein  die  Bühne
14,60  m  hoch  ist,  bei  einer  Breite  von  13,90  m  und  einer  Länge  von  30  m.
Aber  der  eigentliche  künstlerische  Wert  des  Opernhauses  liegt  in  seiner
Innendekoration,  die  im  Jahre  1748  von  dem  eigens  zu  diesem  Zwecke
nach  Bayreuth  berufenen  Italiener  Giuseppe  Galli  Bibiena  innerhalb  sechs
Monaten  hergestellt  wurde,  in  Anlage  und  Ausführung  ausgesprochener
italienischer  Barock.

Echtes  Rokoko  zu  studieren  finden  wir  dagegen  beim  Besuche  eines
anderen  Denkmals  markgräflicher  Bauleidenschaft  reiche  Gelegenheit.  Wir
meinen  die  Eremitage,  das  reizende  Lustschloß,  eine  kleine  Wegstunde  östlich
  von  Bayreuth  gelegen,  mit  prunkvollen  Baulichkeiten,  lauschigen  Parkanlagen,
  Wasserkünsten  u.  a.  Ihre  heutige  Gestalt  erhielt  die  in  ihren  älteren
Teilen  zu  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  entstandene  Eremitage  unter  Markgraf
  Friedrich  (1  1763),  demselben  Fürsten,  der  auch  das  Opernhaus  errichten
  ließ.  Im  Jahre  1736  hatte  er  die  Anlage,  wie  er  sie  von  seinem
Vorgänger  überkommen  hatte,  seiner  Gemahlin  Friederike  Sophie  Wilhelmine,
der  geistreichen  Schwester  des  großen  Preußenkönigs  Friedrich  II.,  zum  Geburtstag
  geschenkt.  Und  der  Geist  dieser  merkwürdigen  Frau,  die  ihrem
genialen  Bruder  so  vielfach  wesensverwandt  und  auch  wieder  so  unähnlich
war,  dieser  rastlos  unbefriedigte  Geist,  dessen  vielseitiges  Interesse  für  Kunst
und  Wissenschaft  den  Anstoß  zu  all  dem  gegeben  hat,  was  in  jener  Glanzzeit
des  Bayreuther  Markgrafenhofes  an  Kulturarbeit  geleistet  wurde  —  dieser
Geist  ist  es,  dessen  Andenken  uns  kein  anderer  Ort  in  so  lebendiger  Weise
wachruft  wie  die  Eremitage.  Diese  pikanten  Boudoirs,  die  so  getren  die
Grazie  des  echten  Rokoko  widerspiegeln,  sind  die  Räume,  in  denen  die  vielberedeten
  Memoiren  der  Markgräfin  entstanden  sind.  Der  ganz  in  Weiß  und
Gold  gehaltene,  mit  Bildnissen  schöner  Hofdamen  und  Trophäen  von  Musikinstrumenten
  geschmückte  Salon  war  ihr  Musikzimmer.  An  die  bizarren
Launen  ihres  extravaganten  Geschmacks  erinnert  das  anstoßende  Spiegel=
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        638  140.  Bayreuth.

zimmer,  in  dessen  einfache  Holztäfelung  zerbrochene  Spiegelstücke,  Uberreste  des
Schloßbrandes  von  1753,  in  bunter  Unordnung  eingesetzt  sind;  an  die  nur
vorübergehend  getrübten  herzlichen  Beziehungen  zu  ihrem  königlichen  Bruder
dessen  kostbares  Geschenk,  das  in  den  Memoiren  so  interessant  und  ausführlich
beschriebene  Chinesische  Zimmer.

Die  düstere  Kehrseite  all  dieser  prunkvollen  Herrlichkeit  tritt  uns  dann
freilich  entgegen,  wenn  wir  von  den  riesigen  Summen  hören,  die  hier  verbaut
wurden.  Auf  die  1749  begonnene,  1753  vollendete  Neue  Eremitage  wurden
in  den  beiden  ersten  Baujahren  32  346  fl.  geliehenen  Geldes  verwendet  und
der  sogenannte  „Sonnentempel“  soll  allein  94000  Reichstaler  gekostet  haben.
Der  Gedanke  an  die  Opfer,  die  das  Volk  der  Verschwendungssucht  seiner
Fürsten  zu  bringen  hatte,  vergällt  uns  einigermaßen  die  Freude  an  den  reizvollen
  Bildern,  die  das  glückliche  Zusammenwirken  von  Landschaft  und  Architektur
  hier  geschaffen  hat.  Wir  bewundern  billigerweise  den  raffinierten  Geschmack
  in  der  Einrichtung  der  ursprünglich  für  die  Orangerie  bestimmten
Wohnräume  und  die  wieder  gänzlich  anders  geartete  imposante  Dekoration
des  Sonnentempels.  Aber  der  Eindruck  der  künstlichen  Ruinen,  Eremitenhäuschen,
  wasserrieselnden  Grotten  und  ähnlicher  Spielereien  überzeugt  uns
nur  allzu  deutlich  davon,  wie  fremd  diese  Zeit  und  ihre  Liebhabereien  unserem
Gefühl  und  unseren  Bedürfnissen  geworden  sind.

Auf  dem  Rückwege  nach  der  Stadt  versäumen  wir  es  nicht  dem  alten
Rollwenzelhäuschen  einen  kurzen  Besuch  abzustatten.  Da  grüßt  uns  die  Erinnerung
  an  ein  drittes  Bayreuth,  gleich  verschieden  von  der  Markgrafenresidenz
  wie  von  der  modernen  Festspielstadt  und  doch  zwischen  beiden  eine
Art  von  geistiger  Brücke  schlagend:  das  Bayreuth  Jean  Pauls.  Der  echt
deutsche,  gemütvoll  geniale  Dichter,  der  in  demselben  Jahre,  da  Richard  Wagner
das  Licht  der  Welt  erblickte,  in  merkwürdig  prophetischen  Worten  den  kommenden
  Mann  herbeigesehnt  hatte,  der  in  gleicher  Weise  poetisch  und  musikalisch
  begabt  „eine  echte  Oper  zugleich  dichten  und  setzen“  werde  —  er  hat
die  letzten  20  Jahre  seines  Lebens  (1804—1825)  in  demselben  Bayreuth  zugebracht,
  das  dereinst  die  Stätte  für  die  ungeahnte  Erfüllung  seiner  musikdramatischen
  Zukunftsträumereien  werden  sollte.  Das  kleine  Wirtshaus  der
originellen  „Rollwenzlin“  war  sein  Lieblingsaufenthalt.  Täglich,  im  Winter
um  8,  im  Sommer  um  6  Uhr  ging  er,  einen  weißen  Pudel  am  Strick  führend,
seinen  Dachsranzen  mit  Büchern,  Manuskripten  und  einer  Flasche  Wein  beschwert,
durch  den  Hofgarten  und  die  nach  der  Eremitage  führende  Allee  nach  Rollwenzel,
  wo  er  bis  1  Uhr  arbeitete.

Wir  wandern  weiter  und  bald  umbraust  uns  wieder  das  bewegte  Festtreiben
  der  Stadt.  Das  am  ehemaligen  Rennweg,  der  jetzigen  Richard  Wagnerstraße
  gelegene  Wohnhaus  des  Bayreuther  Meisters  ist  unser  nächstes  Ziel.
Das  nach  den  Angaben  des  Bauherrn  von  dem  Bayreuther  Architekten  Wölfel
entworfene  und  ausgeführte  Gebäude  zeigt  vornehm  einfachen  Villenstil.  Die
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        140.  Bayreuth.  639

Fassade  trägt  die  Inschrift:  „Hier,  wo  mein  Wähnen  Friede  fand,  Wahnfried
  sei  dieses  Haus  von  mir  benannt.“  Darüber  eine  allegorische  Komposition
  in  Sgraffito-Manier,  darstellend  Wotan  als  Wanderer  (den  deutschen
Mythus)  mit  zwei  Frauengestalten  (Tragödie  und  Musik)  und  dem  Knaben
Siegfried  (Kunstwerk  der  Zukunft).  Vor  dem  Hause  erhebt  sich  aus  einem
Boskett  die  Büste  König  Ludwigs  II.  Hinter  dem  Hause  gegen  den  Hofgarten  zu
liegt  die  Grabstätte  des  Meisters;  eine  efeuumrankte  mächtige  Steinplatte
ohne  jegliche  Inschrift  deckt  die  Gruft.

Nun  ist  es  Zeit  geworden,  daß  wir  uns  zum  Festspielhause  aufmachen,
wo  eine  Aufführung  „Der  Meistersinger  von  Nürnberg“  uns  heute  erwartet.
Zu  Fuß  und  zu  Wagen  streben  gleich  uns  Hunderte  und  aber  Hunderte  den
Hügel  hinan.  Schon  von  weitem  leuchtet  uns  der  rote  Bau  des  Theaters
entgegen,  bei  dessen  Anblick  sich  ganz  unwillkürlich  der  Vergleich  mit  dem
markgräflichen  Opernhause  aufdrängt.  Größere  Gegensätze  sind  kaum  denkbar.
Dort  ein  üppiges  Prunkgebäude,  bei  dem  auf  das  praktische  Bedürfnis  kaum
Rücksicht  genommen  war,  hier  ein  schlichter  und  schmuckloser,  ja  architektonisch
dürftiger  Nutzbau,  bei  dem  der  Gedanke  möglichster  Zweckmäßigkeit  als  einzige
Richtschnur  für  Plan  und  Ausführung  gedient  hatte.  Die  offen  zutage  tretende
konstruktive  Gliederung  in  zwei  scharf  voneinander  sich  abhebende  Teile,  das
Halbrund  des  Zuschauerraums  und  das  fast  turmartig  hoch  darüber  emporragende
  Viereck  der  Bühne  gibt  dem  Hause  seine  charakteristische  Silhouette.
Für  das  Auge  imponierend  sind  an  dem  durchaus  das  Gepräge  des  Provisorischen
  tragenden  Fachwerkbau  eigentlich  nur  die  Größenverhältnisse.  Die
Gesamthöhe  (von  der  Versenkungssohle  bis  zur  Dachspitze)  beträgt  rund  48  m,
die  Bühne  ist  (einschließlich  der  ungefähr  12  m  langen  und  breiten  Hinterbühne)
  fast  24  m  lang  und  29  m  breit,  die  bebaute  Grundfläche  hat  3284  qm.

Inzwischen  hat  das  Gedränge  und  Gewühle  der  Menschen  auf  dem
Platze  immer  mehr  zugenommen.  Helle  Trompetenklänge  dringen  an  unser
Ohr.  Es  sind  die  Fanfaren,  die  den  Beginn  der  Aufführung  anzeigen.
Ihrer  Aufforderung  folgend  betreten  wir  das  Innere  des  Festspielhauses.  Die
ganze  Anlage  des  Zuschauerraumes  weicht  durchaus  ab  von  dem,  was  wir
von  unseren  gewöhnlichen  Opernhäusern  her  kennen  und  gewohnt  sind.  Alles
ist  so  eingerichtet,  daß  das  Auge  des  Zuschauers  einzig  und  allein  auf  die
Betrachtung  des  Bühnenbildes  hingewiesen  wird.  Nichts  lenkt  ihn  ab;  wie
an  der  Außenseite,  so  ist  auch  im  Innern  auf  jeglichen  dekorativen  Schmuck
verzichtet.  Von  allen  Plätzen  des  großen,  über  1600  Personen  fassenden
Hauses  ist  der  Ausblick  auf  die  Bühne  gleich  gut;  Seitenlogen  fehlen  vollständig,
  ebensowenig  gibt  es  Stehplätze.  Ein  nach  rückwärts  allmählich  ansteigendes
  und  sich  verbreiterndes  Amphitheater  enthält  die  Sitzplätze  für  das
Publikum.  Im  Hintergrunde  schließen  zwei  die  ganze  Breite  des  Raumes
ausfüllende  Logenreihen  (die  Fürstenloge  und  darüber  die  obere  Galerie)  das
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        640  140.  Bayreuth.

Auditorium  ab.  Das  Orchester  ist  so  tief  versenkt,  daß  der  Zuschauer  gam
nichts  von  ihm  gewahr  wird.  So  fällt  hier  nicht  nur  für  das  Auge  eine  die
Konzentrierung  auf  das  Bühnenbild  empfindlich  störende  Zerstreuung  weg,  es
erscheinen  auch  die  über  den  „mystischen  Abgrund“  des  versenkten  Orchesters
hinweg  erblickten  szenischen  Vorgänge  wie  in  eine  ideale  Ferne  entrückt  und
überdies  werden  akustische  Vorteile  höchst  wertvoller  Art  erzielt.

Das  letzte  Fanfarenzeichen  draußen  ist  verklungen,  die  Lichter  im  Zuschauerraum
  verlöschen  und  mächtig  brausen  die  gewaltigen  Töne  des  Orchestervorspiels
  auf  uns  ein.  Dann  öffnet  sich  der  Vorhang.  Wir  sehen  das
Innere  der  Nürnberger  Katharinenkirche  und  hören  die  Gemeinde  ihren
frommen  Choral  singen.  An  eine  Säule  gelehnt  steht  Walter  von  Stolzing,
der  edle  Ritter  aus  Franken.  Der  hat  sein  altes  Ahnenschloß  verlassen  und
ist  nach  Nürnberg  gekommen,  wo  er  in  rasch  entflammter  Liebe  zu  Eva,  dem
holden  Töchterlein  des  reichen  Goldschmiedmeisters  Veit  Pogner,  entbrennt.
Eva  und  ihre  Amme  Magdalena  verlassen  mit  den  übrigen  Kirchgängern  das
Gotteshaus.  Walter  redet  sie  an  und  erfährt,  daß  Evas  Vater,  ein  eifriger
Anhänger  und  Förderer  des  Meistergesangs,  gelobt  habe  demjenigen  seine
Tochter  zur  Braut  zu  geben,  der  am  morgigen  Johannisfesttage  im  feierlichen
Wettsingen  den  Preis  davontrüge.  Der  Ritter  beschließt  sofort  die  unerläßliche
  Bedingung  für  die  Teilnahme  an  diesem  Wettsingen  zu  erfüllen:  er  will
selbst  in  die  Zunft  eintreten,  selbst  ein  Meistersinger  werden.  Er  hat  es
gerade  günstig  getroffen;  denn  eben  jetzt  findet  in  derselben  Katharinenkirche
„Freiung“  statt,  d.  h.  eine  Sitzung  der  Meistersingerzunft,  in  der  neue  Mitglieder
aufgenommen  und  ausgelernte  Gesellen  zu  Meistern  befördert  werden  sollen.
Walter  begrüßt  den  zuerst  erscheinenden  Pogner,  den  er  schon  kennt  und  dem
er  zu  dessen  großer  Freude  seinen  Entschluß  mitteilt.  Weniger  erfreut  ist  darüber
der  gelahrte  Herr  Stadtschreiber  Sixtus  Beckmesser,  der  als  Meistersinger  das
Amt  des  „Merkers“  bekleidet,  jenes  Aufpassers,  der  dazu  bestellt  ist  bei
jedem  Singen  und  namentlich  beim  Probesingen  der  Novizen  auf  die  Fehler
des  Vortragenden  zu  achten  und  sie  auf  einer  Tafel  anzukreiden.  Dieser
Beckmesser  möchte  nämlich,  obgleich  er  gar  nicht  mehr  zu  den  Jungen  gehört,
sich  selbst  die  reiche  Goldschmiedstochter  erringen;  deshalb  sieht  er  in  dem
Ritter  von  vornherein  nur  den  unwillkommenen  Rivalen.  Aber  er  wird  ihn
schon  fernzuhalten  wissen,  ist  er  doch  nicht  umsonst  der  „Merker“!  Stolzing
schickt  sich  zum  Singen  an  und  jugendlich  kühn  schmettert  er  sein  Lied  zum
Preise  der  Geliebten  hinaus.  Die  Meister  stutzen  und  werden  nicht  klug  aus
diesen  so  fernab  von  ihrem  eigenen  pedantischen  Regelkram  sich  bewegenden
Worten  und  Tönen.  Der  Merker  überzeugt  sie  leicht  davon,  daß  der  Ritter
nicht  geeignet  zur  Aufnahme  in  die  Zunft  sei,  daß  er  „versungen  und  vertan“
  habe.

Nur  einem  hat  Walter  die  lebhafteste  Teilnahme  abgewonnen:  Hans
Sachs,  dem  Schuster  und  Poeten,  dem  einzigen  echten  Dichter  unter  all  diesen
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        140.  Bayreuth.  641

rreimenden  Spießbürgern.  Fest  und  besonnen  tritt  er  für  seinen  Schützling
vein  —  umsonst;  die  Meister  hören  nicht  auf  ihn.  Immer  lebhafter  und  erregter
  wird  der  Meinungsaustausch,  bald  steigert  er  sich  zum  wilden  Tumult,
aber  siegreich  über  allem  Lärm  der  Streitenden  erhebt  sich  das  Lied  des
Ritters,  dieser  stolze  Gesang  voll  Kampfeslust  und  Frühlingssehnen.

Der  erste  Aufzug  ist  zu  Ende.  Wir  treten  ins  Freie.  Noch  ist  heller
Tag.  Im  milden  Glanze  der  Spätnachmittagssonne  liegt  die  freundliche
Stadt  zu  unseren  Füßen.  Wir  mischen  uns  unter  die  vorüberflutenden
Menschenmengen,  die  in  sehr  verschiedener  Weise  die  Pause  zu  ihrer  Erholung
benutzen.  Die  einen  eilen  in  eines  der  eleganten  Restaurants  um  rasch  ihr
Diner  einzunehmen,  während  andere  die  Einsamkeit  aufsuchen  um  die  empfangenen
  Eindrücke  ruhig  in  sich  ausklingen  zu  lassen.  Manch  hochgestellte
Persönlichkeit,  mancher  Träger  eines  berühmten  Namens  begegnet  uns,  und
mit  stiller  Wehmut  gedenken  wir  der  Zeit,  da  der  greise  Meister  hier  selbst
noch  inmitten  seines  Werkes  wandelte,  an  der  Seite  der  ehrwürdigen  Gestalt
seines  großen  Freundes  Franz  Liszt,  der  auf  dem  Bayreuther  Friedhof  die
letzte  Ruhestätte  gefunden.

Der  zweite  Aufzug  beginnt.  Nach  heißem  Tage  kühler  Abendfriede,
Fliederduft,  Johannisnacht!  Hans  Sachs  sitzt  sinnend  vor  seinem  Laden.
Die  Weise,  die  der  Ritter  gesungen,  will  ihm  nicht  aus  dem  Kopfe.  Doch
es  heißt  auf  der  Hut  sein.  Walter  von  Stolzing,  dem  keine  Hoffnung  mehr
bleibt  die  Geliebte  auf  dem  von  ihrem  Vater  gewiesenen  Wege  zu  gewinnen,
will  Eva  entführen.  Das  muß  verhindert  werden.  Und  wie  Sachs  das
verhindert,  wie  er  dabei  zugleich  Gelegenheit  findet  an  dem  boshaften  Beckmesser
  sich  zu  rächen  und  schließlich  noch  die  in  Nürnbergs  engen  Gassen  sich
entspinnende  Rauferei  für  seine  Zwecke  nutzt,  das  entwickelt  sich  nun  vor
unseren  Augen  in  unvergeßlich  köstlichen,  von  sonnigstem  Humor  durchleuchteten
Szenen.

Dann  bringt  der  letzte  Akt  die  glückliche  Lösung  allen  Zwiespalts  und
Mißverständnisses.  Der  junge  Ritter  hat  in  Sachsens  Haus  sein  Unterkommen
für  den  Rest  der  Nacht  gefunden.  Das  wunderbar  verheißungsvolle  nächtliche
Traumbild  in  einem  Liede  festzuhalten  wird  er  von  dem  Schusterpoeten  aufgefordert.
  So  entsteht  das  Preislied,  mit  dem  er  die  Braut  sich  ersingen
wird.  Beckmesser  erscheint.  Der  hatte  mit  seinem  Preisliede,  das  er  in  der
vergangenen  Nacht  dem  Goldschmiedstöchterlein  als  Ständchen  darbrachte,  kein
Glück  gehabt.  Nun  ist  er  in  großer  Verlegenheit,  aus  der  ihn  Sachs  errettet.
Das  Blatt  —  Walters  Preislied  —  das  der  Stadtschreiber  auf  Sachsens
Tische  findet  und  das  er  für  ein  Gedicht  des  Schusters  hält,  wird  ihm  geschenkt,
  und  froh  eilt  er  von  dannen,  ohne  etwas  von  der  List  zu  merken,  der
er  zum  Opfer  gefallen.  Und  nun  geht  es  hinaus  auf  die  Wiese,  hinaus  in
den  Jubel  und  Trubel  des  Festes.  Beckmesser  singt  zuerst  und  zwar  Walters
Lied  in  gänzlich  entstellter  Weise.  Verhöhnt  und  verspottet  muß  er  abziehen.

Kronseder.  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  41
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        642  141.  König  Ludwigs  II.  Persönlichkeit.

Nun  kann  Sachs  für  seinen  Schützling  eintreten.  Das  ganze  Volk,
nicht  mehr  die  Zunft  allein  soll  Richter  sein.  Walter  von  Stolzing  wird  vorgerufen.
  Er  singt  und  jubelnd  spricht  ihm  die  Menge  den  Siegespreis  zu.
Aber  noch  immer  nicht  ist  Sachs  am  Ziele  angelangt.  Der  Ritter  sträubt  sich
gegen  die  Aufnahme  in  die  Meistergilde  und  neues  Mißverständnis  droht  zu
entstehen.  Da  ruft  ihm  Sachs  mit  tiesem  Ernst  die  Mahnung  zu:  „Verachtet
mir  die  Meister  nicht  und  ehrt  mir  ihre  Kunst.“  Nicht  dürfe  er  eine  Kunst
gering  schätzen,  der  er  sein  höchstes  Glück  verdanke,  wenn  sie  auch  nur  eine
Kunst  von  Bürgern  und  Handwerkern  sei.

„Daß  unfsre  Meister  sie  gepflegt  Blieb  sie  nicht  adlig,  wie  zur  Zeit,
Grad'  recht  nach  ihrer  Art,  Wo  Höf'  und  Fürsten  sie  geweiht,
Nach  ihrem  Sinne  tren  gehegt,  Im  Drang  der  schlimmen  Jahr'

Das  hat  sie  echt  bewahrt:  Blieb  sie  doch  deutsch  und  wahr.“

Und  dieser  treue  Sinn  der  bürgerlichen  Meister  wird  auch  der  deutschen
Kunst  und  dem  deutschen  Geiste  über  alles  Unheil  und  alle  Bedrohung  der
nächsten  Zukunft  hinweghelfen.  Sachs  sieht  es  voraus:

„In  falscher  welscher  Moajestät  Ehrt  eure  deutschen  Meister,

Kein  Fürst  bald  mehr  sein  Volk  versteht;  Dann  bannt  ihr  gute  Geister!  —
Und  welschen  Dunst  mit  welschem  Tand  Und  gebt  ihr  ihrem  Wirken  Gunst,
Hie  pflanzen  uns  in  deutsches  Land.  Zerging'  in  Dunst

Was  deutsch  und  echt,  wüßt'  keiner  mehr,  Das  heil'ge  röm'sche  Reich,

Lebt's  nicht  in  deutscher  Meister  Ehr“.  Uns  bliebe  gleich

Drum  sag'’  ich  euch:  Die  heil'ge  deutsche  Kunst!

Begeistert  stimmen  Ritter,  Meister  und  Volk  mit  ein  in  diesen  stolzen
Sang  von  deutscher  Art  und  Kunst  und  jauchzend  vereint  sich  alles  in  dem
Rufe:  „Heil  Sachs!  Hans  Sachs!  Heil  Nürnbergs  teurem  Sachs!“

141.  König  Ludwigs  II.  Persönlichkeit.

Von  Theodor  Bitterauf.  1)

Der  König  war  eine  wundervolle  Erscheinung.  Sein  harmonischer  Wuchs,
sein  dunkles  Haar,  sein  blitzendes  Auge  gewannen  ihm  die  Herzen,  wo  er  sich
zeigte.  Aber  die  Zudringlichkeiten  des  Publikums  waren  ihm  oft  lästig.  „Ich
kann  keine  Illusion  im  Theater  haben,  solange  die  Leute  mich  unausgesetzt
anstarren  und  mit  ihren  Operngläsern  jede  meiner  Mienen  verfolgen,“  klagte
er  nach  einer  Vorstellung  von  Goethes  Iphigenie.  „Ich  will  selbst  schauen,
aber  kein  Schauobjekt  für  die  Menge  sein.“  „Es  verstimmt  mich,“  meinte  er
ein  andermal,  „wenn  ich  meine  harmlosen  Liebhabereien  an  die  große  Glocke
gehängt  sehe  und  dieselben  dann  in  gehässiger  Weise  kritisiert  finde.  Man  hat

1)  „Bayern  als  Königreich  1806—1906;  hundert  Jahre  vaterländischer  Geschichte",
S.  182  ff.  München  1906,  Oskar  Beck.
        <pb n="655" />
        141.  König  Ludwigs  II.  Persönlichkeit.  643

mir  auf  diese  Weise  schon  manche  trübe  Stunde  bereitet.  Warum  mir  nur  die
Menschen  meine  Neigungen  mißgönnen,  durch  die  ich  doch  niemand  beeinträchtigen
  werde.“

Schon  in  seiner  Jugend  war  er  viel  isoliert  gehalten  worden;  seiner  Erziehung
  fehlte  der  Ansporn,  der  durch  die  Konkurrenz  mit  anderen  Knaben
erwächst.  Wenn  er  auch  nie  gern  Audienzen  erteilte,  so  bezwang  Ludwig  sich
doch  im  Anfang  seiner  Regierung.  Wie  bezaubernd  wirkte  das  Auftreten  des
jugendlichen  Monarchen  gelegentlich  seiner  Reise  in  die  fränkischen  Provinzen
1866,  besonders  bei  jenem  Ball  in  Nürnberg!  Schon  1871  war  Ludwig  jedoch
solcher  Aufopferung  nicht  mehr  fähig  und  immer  häufiger  wurden  seine  Absagen
  bei  offiziellen  Gelegenheiten.  Sein  Bedürfnis  nach  Sammlung  ist  gewiß
anzuerkennen,  wenn  er  fragt:  „Ziemt  es  dem  Fürsten  denn  nicht,  über  die
Pflichten  seines  Berufes  nachzudenken,  was  doch  besser  mit  Gott  und  der  Natur
als  im  Geräusch  des  Hoflebens  geschehen  kann?“  Auch  sein  Wort  an  Wagner
klingt  noch  verständlich:  „Trotzen  wir  den  Launen  des  tückischen  Tages  dadurch,
  daß  wir  uns  nicht  beirren  lassen,  ziehen  wir  uns  zurück  von  der  Außenwelt,
  sie  versteht  uns  nicht!“

Der  Adler  sliegt  allein,
Der  Rabe  scharenweise:;
Gesellschaft  braucht  der  Tor
Und  Einsambkeit  der  Weise.

Aber  die  Menschenscheu  mußte  auch  wieder  ihre  Rückwirkung  üben  auf
das  der  Außenwelt  immer  fremder  werdende  Gemüt  des  Königs.  „Er  ist  leider
so  schön  und  geistvoll“,  meinte  R.  Wagner  schon  1864,  „so  seelenvoll  und
herrlich,  daß  ich  fürchte,  sein  Leben  müsse  wie  ein  flüchtiger  Göttertraum  in
dieser  gemeinen  Welt  zerrinnen  Von  dem  Zauber  seines  Anges  können
Sie  sich  keinen  Begriff  machen.  Wenn  er  nur  leben  bleibt.  Es  ist  ein  unerhörtes
  Wunder.“  Die  Welt  mit  ihrer  Gemeinheit,  die  Menschen  mit  ihrem
Egoismus  mußten  auf  eine  solche  Seele  eine  abschreckende  Wirkung  ausüben.
Enttäuschungen  und  Kränkungen  aller  Art  kamen  hinzu.  Uberall  wurden  seine
idealen  Ziele  mißverstanden;  die  politischen  Parteien  traten  in  Gegensatz  zu
den  Ministern.  In  der  jüngsten  Tochter  des  Herzogs  Maximilian  von  Bayern,
Sophie,  glaubte  er  den  Engel  gefunden  zu  haben,  der  ihn  durchs  Leben  geleite;
wieder  eine  schmerzliche  Erfahrung,  welche  die  Auflösung  der  Verlobung  herbeiführte.
  Aber  rein  und  keusch  blieb  sein  Empfinden  den  Frauen  gegenüber,
wenn  er  auch  außer  Prinzessin  Gisela  und  seiner  Mutter  niemand  mehr  näher
trat.  In  zartem  Gefühl  hatte  er  der  letzteren  nach  der  Thronbesteigung  statt
des  sonst  üblichen  Titels  „Königinwitwe“  die  Bezeichnung  „Königinmutter“
verliehen.  Als  sie  einmal  einen  Tannenbaum  von  ihrem  Fenster  in  Hohenschwangau
  aus  bewunderte,  ließ  er  denselben  an  Weihnachten  mit  Lichtern
schmücken  zur  Überraschung  für  die  Königin.  Erst  später  wurde  auch  dieses  zarte
Verhältnis  durch  die  immer  weiterschreitende  Krankheit  des  Sohnes  gestört.

41
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        644  141.  König  Ludwigs  II.  Persönlichkeit.

Ludwig  las  viel,  aber  wie  sein  Urgroßvater  war  er  eigentlich  kein  besonderer
  Freund  der  Gelehrten.  Doch  sicherte  er  den  Fortgang  der  Münchener
Historischen  Kommission,  indem  er  ihr  mit  seinem  Bruder  Otto  zusammen  die
Zinsen  der  Wittelsbacher  Stiftung  überwies.  Erst  unter  seiner  Regierung  hat
sich  die  Münchener  Hochschule  zur  zweitgrößten  in  Deutschland  erhoben.  Bei
ihrer  400  jährigen  Jubelfeier,  an  der  er  regen  persönlichen  Anteil  nahm,  stiftete
er  zur  Förderung  des  Studiums  der  Geschichte  ein  Stipendium  für  jüngere
Historiker.  Indem  er  Döllinger  als  Liebigs  Nachfolger  für  den  Präsidentenstuhl
  der  Akademie  ersah,  hat  er  den  rechten  Mann  an  die  richtige  Stelle  gesetzt.
Sein  früherer  Stiftspropst  war  fortan  sein  wissenschaftlicher  Berater,  von  dem
er  sich  öfters  Vorträge  halten  ließ,  und  auf  die  Wahl  des  Themas  für  seine
Festreden  in  der  Akademie  hat  er  mehrfach  bestimmend  gewirkt;  kaum  konnte
er  den  Druck  abwarten  und  mit  dem  größten  Interesse  und  Genuß  pflegte
er  sie  zu  lesen.

Der  König  war  aber  auch  ein  gediegener  Kunstkenner  und  Kunstbeurteiler.
Die  Architektur  ist  seine  Lieblingsbeschäftigung  geblieben.  Wenn  auch  die  projektierte
  Kunststraße  in  München,  da,  wo  sich  jetzt  die  Prinzregentenstraße  hinzieht,
  unausgeführt  blieb,  so  sichert  Ludwigs  Andenken  doch  eine  Reihe  von
Schöpfungen  auch  in  seiner  Hauptstadt.  Des  Polytechnikums  und  der  neuen
Akademie  sei  nur  nebenbei  gedacht;  das  Nationalmuseum  wurde  erst  unter
ihm  eingeweiht,  am  28.  Oktober  1864.  Er  wünschte,  daß  das  Museum  immer
mehr  eine  Bildungsanstalt  für  Künstler,  Gelehrte  und  insbesondere  für  Kunsthandwerker
  werden  möge.  In  Verbindung  mit  den  Sammlungen  wurde  eine
Gipsformatorei,  eine  photographische  Anstalt  und  eine  Fachbibliothek  angelegt.
Im  Interesse  der  Feuersicherheit  wurden  mehrfach  bauliche  Verbesserungen  vorgenommen,
  auch  wurde  nunmehr  der  Garten  hinzugefügt.  Das  Maximilianeum
wurde  erst  1874  vollendet.  In  der  Residenz  wurde  eine  Reihe  von  Prunkräumen
  im  Stile  Ludwigs  XIV.  mit  unerhörtem  Luxus  ausgestattet  und  der
neue  Wintergarten  entzückte  die  wenigen  Besucher  durch  seine  märchenhafte
Gestalt,  wenn  auch  das  Äußere  keineswegs  zur  Verschönerung  der  Nordfassade
beitrug.  Noch  eine  ganze  Reihe  von  Profanbauten,  meist  im  Stile  der  Hochrenaissance,
  entstand,  dagegen  ist  die  kirchenbauliche  Entwicklung  Münchens  in
dieser  Zeit  etwas  zurückgeblieben.  Auf  dem  Gebiete  der  Plastik  sei  hier  nur
das  Goethemonument  von  Widnmann  und  das  Denkmal  Max'  II.  von  Zumbusch
  genannt.  Von  Helbig  rührt  die  kolossale  Kreuzigungsgruppe  auf  dem
Osterbichel  her,  ein  Geschenk  Ludwigs  für  Oberammergau.  Auch  sonst  fehlte
es  den  schaffenden  Künstlern  in  München  nicht  an  Gelegenheit  zur  Anregung
und  zur  Betätigung.  Die  allgemeine  Kunst=  und  Gewerbeausstellung  in  der
Hauptstadt  1876  war  von  den  günstigsten  Folgen  für  den  Aufschwung  des
deutschen  und  bayerischen  Kunstgewerbes  und  in  ähnlichem  Sinne  ist  auch  des
Königs  Bautätigkeit  in  den  Bergen  der  Allgemeinheit  zugute  gekommen.  Er
hat  hier  das  Höchste  noch  nicht  erreicht  —  so  wenig  wie  unsere  Zeit  —  aber
        <pb n="657" />
        141.  König  Ludwigs  II.  Persönlichkeit.  645

er  ist  der  Pionier  einer  neuen  Kunst  geworden,  die  wir  heute  mit  ihrer  bestimmten
  Stilrichtung  besser  schon  ahnen  können,  als  es  noch  bei  Ludwigs  Lebzeiten
  der  Fall  war.

Das  Naturgroße,  das  Erhabene,  das  Naturschöne  durch  die  Kunst  zu
idealisieren  hat  Ludwig  selbst  einmal  als  eine  seiner  billigen  Privataufgaben
bezeichnet,  wo  ihn  weder  Neid  noch  Falschheit  stören  könne.  Für  seine  Kunstrichtung
  und  seinen  Geschmack  bezeichnend  ist  nicht  allein  die  getreue  Kopie  von
dem  Versailles  Ludwigs  XIV.  in  Herrenchiemsee  oder  die  bizarre  und  barocke
Stilklitterung  in  Linderhof,  wo  Kleintrianon  Pate  gestanden  hat;  Neuschwanstein
  ist  im  reinsten  romanischen  Stile  gebaut.  Das  Landhaus  auf  dem  Schachen
ist  auch  in  der  inneren  Einrichtung  zum  Teil  sehr  einfach  gehalten;  in  der
schlichten  Behaglichkeit  des  Schlosses  Berg,  das  sein  Lieblingsaufenthalt  während
seines  ganzen  Lebens  geblieben  ist,  hat  der  König  nicht  viele  Veränderungen
vorgenommen.  So  hat  er  auch  einmal  in  der  Schweiz  auf  dem  Axenstein  die
für  ihn  bestimmten  Gemächer  verschmäht  und  die  einfacheren  Zimmer  bezogen.
Nicht  der  feenhafte  Zauber  der  Wasserkünste  und  Grotten,  die  überladene
Pracht  der  reich  ausgestatteten  Wohnräume,  die  romantische  Verkörperung  der
Ideen  eines  exzentrischen  Geistes  ist  es,  was  der  Kunstkenner  in  den  Königsschlössern
  am  meisten  bewundert,  sondern  die  stilistische  Reinheit,  mit  der  die
einmal  gehegten  Gedanken  von  Anfang  bis  zu  Ende  festgehalten  und  zumeist
zu  klarem  Ausdruck  gebracht  worden  sind.  Und  vielleicht  nur  die  wenigsten,
die  da  sehen  und  staunen,  kennen  die  engsten  Beziehungen,  in  denen  alles  zu
dem  königlichen  Bauherrn  stand.  „Jedes  Detail,  ja  jede  Linie  der  Muster,
jeden  künstlerischen  Gebrauchsgegenstand  prüfte  der  König  nach.  Sein  Scharfsinn,
  seine  Erfindungsgabe,  sein  Sachverständnis,  seine  aufreibende  Tätigkeit
hierbei  sind  bewunderungswert.“  Es  ist  anzunehmen,  daß  Ludwig  bei  längerer
Gesundheit  auch  von  seiner  Verehrung  für  den  Stil  Ludwigs  XIV.  wieder
zurückgefunden  hätte  zur  Verkörperung  echt  deutscher  Muster.  Dazu  berechtigt
der  Plan  zur  Burg  Falkenstein,  und  sein  byzantinisches  Schloß,  das  ebenfalls
unausgeführt  blieb,  hätte  sich  wohl  berührt  mit  den  archaisierenden  Tendenzen
der  jüngsten  Vergangenheit.  Auch  wurden  die  Bauten  durchaus  nicht  unverhältnismäßig
  teuer  ausgeführt.  Heute,  wo  die  Schulden  zumeist  getilgt  sind,
hat  das  Land  in  der  Tat  allgemeinen  Nutzen  von  dem  Fremdenverkehr,  den
alljährlich  die  Königsschlösser  in  das  Gebirge  ziehen.  Schon  als  18  ähriger
Jüngling  zeigte  Ludwig  jene  liebenswürdige  Freude  am  Geldausgeben,  die  ihm
später  so  verhängnisvoll  geworden  ist;  als  er  das  erste  Portemonnaie  erhielt,
eilte  er  zu  einem  Juwelier,  dem  er  den  Preis  für  ein  der  zärtlich  geliebten
Mutter  zugedachtes  Medaillon  selbst  entnehmen  ließ.

Wenn  die  Schlösser  ihren  Platz  am  Saume  des  Gebirges  oder  inmitten
der  Alpenlandschaft  fanden,  so  erklärt  sich  das  aus  der  Vorliebe  Ludwigs  für
die  bayerischen  Berge,  die  er  mit  allen  unseren  Königen  teilte.  Größere  Reisen
hat  er  während  seiner  Regierung  nicht  gemacht.  Abgesehen  von  zwei  Aus-
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        646  142.  Unser  Prinzregent  Luitpold.

flügen  in  die  Schweiz  und  den  Besuchen  heimatlicher  Gegenden,  vor  allem  der
fränkischen  Provinzen,  hat  er  die  Wartburg  sich  angesehen  und  zweimal  weiltee
er  in  Paris.  Nach  Spanien,  für  das  er  eine  größere  Vorliebe  hatte  als  für-Italien,
  ist  er  nicht  gekommen.

So  wurde  es  im  Laufe  der  Jahre  um  den  Monarchen,  den  die  Welt
mit  ihrer  Alltäglichkeit,  die  Menschen  mit  ihrer  Selbstsucht  immer  mehr  abstießen,
  stets  einsamer  und  stiller;  seine  Neigungen  wurden  immer  launenhafter
und  sonderbarer;  sein  Gemüt  umdüsterte  sich  mehr  und  mehr,  seine  innere
Unruhe  und  Angst  steigerten  sich.  Und  so  kam  endlich,  was  kommen  mußte:
über  das  Leben  des  hochbegabten,  hoffnungsvollen  Fürsten  brach  die  furchtbare
  Katastrophe  herein.  Und  wenn  der  kranke  König,  anders  als  sein  Großvater,
  als  König  ohne  Krone  nicht  mehr  sein  wollte,  wenn  ihm  Leben  schließlich
  gleichbedeutend  war  mit  Bauen,  so  können  wir  vor  der  erschütternden
Tragik  seines  Geschickes  nur  schweigend  trauern.  Wir  betrachten  eine  Kerze,
nicht  weil  sie  sich  schließlich  selbst  verzehrt,  sondern  weil  sie  uns  Licht  spendet.
Napoleon  I.  nennt  die  Leute  von  Genie  die  Meteore,  die  brennen  müssen,
ihr  Jahrhundert  zu  erleuchten.

Ludwig  II.  wird  in  der  Geschichte  fortleben  nicht  als  der  kranke  Mann,
sondern  als  der  begeisterte  Herold  des  Deutschen  Reiches,  der  ideale  Führer
seines  Volkes  zum  Edlen,  Guten,  Wahren,  Schönen.  Und  so  dürfen  wir  ihm
das  Lob  spenden,  das  Goethe  dem  Lieblingsdichter  des  Königs  in  die  Gruft

nachgerufen  hat:
—  hinter  ihm,  im  wesenlosen  Scheine,
Lag,  was  uns  alle  bändigt,  das  Gemeine.

142.  Unser  Prinzregent  Luitpold.
Von  Karl  Theodor  von  Heigel.)

Wenn  heute  einer  jener  Bayern,  die  unter  des  Pfalzgrafen  Otto  von
Wittelsbach  Führung  in  der  Veroneser  Klause  die  Ehre  des  deutschen  Reichsbanners
  und  den  Kaiser  retteten,  in  sein  Heimatland  zurückkehrte,  würde  er
über  die  veränderte  Welt  staunen,  bei  jedem  Schritt  und  Tritt  auf  Wunder
stoßen.  Und  doch  fühlte  er  sich  trotz  alledem  daheim!  Das  Ringsum  hat
sich  verändert.  Aus  dem  Dorfe  Munichen  wurde  eine  volkreiche,  schöne  Stadt,
Tracht  und  Hausrat,  Wehr  und  Waffen  wechselten,  aber  die  Menschen  blieben
in  ihrem  Kern  und  Wesen  die  gleichen.  Die  deutschen  Stämme  ließen  nicht
von  ihrer  Art,  und  wie  sie  in  allem  Wandel  der  Schicksale  unerschüttert  im
Bewußtsein  ihrer  Einheit  blieben,  so  fest  und  den  Vorfahren  ähnlich  blieben
sie  auch  durch  die  Jahrhunderte  bis  heute  in  der  Liebe  und  Treue  zu  ihren
Stammesfürsten.  Als  den  Deutschen  noch  der  Kampf  Zweck,  Inhalt  und

 

1)  „Festrede  zur  Feier  des  80.  Geburtstages  des  Prinzregenten  Luitpold,  gehalten
im  Akademischen  Gesangverein  zu  München“.  München  1901,  Oskar  Beck.
        <pb n="659" />
        142.  Unser  Prinzregent  Luitpold.  647

Gipfel  des  Lebens  war,  schrieb  der  Römer  von  ihnen:  Principes  pro  victoria
  pugnant,  comites  pro  principe.#  (,Die  Fürsten  kämpfen  für  den
Sieg,  die  Gefolgschaft  für  den  Fürsten.“)

Pro  principe!  ist  auch  heute  unsere  Losung,  doch  nicht  zu  Kampf  und
Fehde,  sondern  zu  einem  schönsten  Friedens=  und  Freudenfest.

Heute  weht  die  weißblaue  Fahne  am  Gestade  des  Bodensees  wie  an  der
Isar,  im  stillen  Waldland  an  der  Saale  wie  in  der  fröhlichen  Pfalz,  nach
uraltem  Brauch,  dem  Wiegenfest  des  Landesherrn  zu  Ehren.  Doch  Bayern
feiert  nicht  allein;  alle  Deutschen  im  Reich  wie  in  der  Fremde  huldigen
dem  achtzigjährigen  Fürsten,  von  dem  das  Wort  des  weisen  Königs  gilt:
„Eine  Ehrenkrone  ist  das  Alter,  auf  dem  Wege  der  Gerechtigkeit  wird  sie
gefunden!“  Wo  wäre  eine  Partei,  die  nicht  vor  einem  achtzigjährigen  makellosen
  Leben  Ehrfurcht  empfände?  Wessen  Herz  wäre  so  verhärtet,  daß  es  nicht
dem  greisen  Herrn  entgegenschlüge,  der,  hochgefürstet,  immer  schlicht  und  recht
seine  Pflicht  getan,  der  darin  den  Mächtigen  der  Erde  wie  dem  „kleinen  Manne“
als  Beispiel  dienen  kann?  Das  ist  die  wahre  Weihe,  die  reine  Freude  dieses
Märztages:  freiwillig  neigt  sich  alt  und  jung,  reich  und  arm  vor  einem
Ehrwürdigen!

Ehrwürdig  macht  ihn  nicht  bloß  sein  Alter,  seine  Abkunft,  sondern  auch
sein  persönliches  Verdienst.  Er  war  immer  ein  guter,  ein  leutseliger  und  doch
ein  ganzer  Mann.  Der  unvergängliche  Schimmer  einer  großen  Zeit  verklärt
seine  Gestalt,  sein  Leben  und  Wirken  gereichte  seinem  Stammland  wie  der
ganzen  deutschen  Nation  zum  Heil.

Wer  aufrichtig  und  unbefangen  den  Zeitlauf  seit  den  verhängnisvollen
Junitagen  des  Jahres  1886  prüft,  muß  die  Stetigkeit  einer  günstigen  Entwicklung
  in  den  bayerischen  Landen  einsehen.  Furcht  und  Hoffnung  knüpfen
sich  an  jeden  Regierungswechsel.  Jene  schwand  sehr  bald,  diese  dagegen  wurde
nicht  enttäuscht.  Selbst  der  galligste  Nörgler  muß  wenigstens  zugestehen,  daß
sich  der  bayerische  Staat  und  seine  Angehörigen  niemals  besser  befunden  haben.

Schmerzliche  Stunden,  schwere  Prüfungen,  Trauer  um  unersetzliche  Verluste
  blieben  auch  dem  Gefeierten  nicht  erspart.  Doch  ruhige  Naturen  wie  er
wandeln  unter  einem  freundlichen  Gestirn.  Ihm  war  das  schöne,  vielleicht
das  schönste  Glück  vergönnt  von  seiner  Knabenzeit  bis  ins  Alter  sich  selber
treu  bleiben,  sich  harmonisch  ausleben  zu  können,  wie  Goethe  sagt:  sich  unbewußt
  seines  Daseins  zu  erfreuen!  —  —

Wenn  unser  Fürst  seinem  Leben  nachsinnt,  welche  Fülle  von  unvergeßlichen
  Eindrücken,  bedeutenden  Gestalten,  großartigen  und  erschütternden  Ereignissen
  stellt  sich  ihm  dar!  Die  Kuppel  von  San  Pietro  steigt  vor  ihm  auf,
die  Akropolis  im  rosigen  Morgenlicht,  die  Cheops  Pyramide  im  Sonnenbrand!
Er  sah  Versailles  im  trügerischen  Glanze  des  zweiten  Kaiserreiches  und  in
der  hehren  Stunde,  die  den  Deutschen  einen  Kaiser  gab.  Furchtbare  wie
        <pb n="660" />
        648  142.  Unser  Prinzregent  Luitpold.

erhabene  Szenen  eines  großen  Krieges  sah  er  und  dann  wieder  als  frohgemuter
  Jäger

„Felsenhörner,  verklärt  im  goldnen  Strahl,

Und  dämmernd  mitten  inne  das  grünste  Alpental

Seine  Kindheit  war  ein  Idyll.  Über  die  deutschen  Schlachtfelder  schritt
wieder  der  Säemann,  einer  lohnenden  Ernte  gewiß.  Des  Neugeborenen  Großvater,
  König  Max  Joseph,  durfte  nun  ganz  und  voll  das  sein,  wozu  ihn  sein
heiteres  und  gütiges  Gemüt  bestimmte:  ein  Friedensfürst,  ein  väterlicher  Freund
seines  Volkes.  Daß  der  drittgeborene  Sohn  des  Kronprinzen  in  der  Taufe
den  echt  deutschen  Namen  Luitpold  erhielt,  war  wohl  nicht  allein  dem  Stammvater
  des  Hauses,  dem  tapferen  Ungarnbesieger  zu  Ehren,  es  entsprach  so
ganz  Ludwigs  nationaler  Gesinnung.  Wie  entschieden  dieser  königliche  Patriot
auf  deutsche  Erziehung  in  seiner  Familie  drang,  beweist  die  bekannte  Stelle
in  den  Verhaltungsmaßregeln,  die  er  dem  Lehrer  seines  Erstgeborenen,  dem
Schottenpriester  Mac  Iver,  erteilte:  „Teutsch  soll  mein  Sohn  werden,  ein
Bayer,  aber  teutsch  vorzüglich,  nie  Bayer  zum  Nachteil  der  Teutschen!“  Den
Erzieher  Luitpolds,  von  Hohenhausen,  ermahnt  der  König,  daß  er  den  Prinzen
unermüdlich  ansporne  sich  durch  eigenen  Wert  seines  bevorzugten  Standes
würdig  zu  erweisen.  Eine  tüchtige  Erziehung  traf  mit  glücklicher  Veranlagung
zusammen.  Auch  unsere  Tugenden  bedürfen  einer  Schule.  Dank  dieser  ist
unser  Fürst  bei  tiefer  Religiosität  nicht  unduldsam,  immer  wohltätig  und  doch
kein  Verschwender,  für  die  schönen  Künste  begeistert  und  doch  ein  Mann  von
common  sense,  von  vollem  Verständnis  für  die  Bedingungen  und  Schranken
der  realen  Welt.

Auf  körperliche  Kräftigung  und  Abhärtung  des  Prinzen  wurde  großer
Wert  gelegt,  der  Jüngling  in  allen  den  Künsten  unterrichtet,  welche  die
Muskeln  stählen,  die  Sinne  schärfen,  und  indem  sie  uns  gewandt,  beweglich,
selbstsicher  machen,  unsere  Willens=  und  Tatkraft  steigern.  Gewiß  wird  der
Fürst  im  Wohlgefühle  seiner  fast  jugendlichen  Rüstigkeit  seines  Lehrers,  des
Turnvaters  Maßmann,  dankbar  gedenken.  Ein  unermüdlicher  Tänzer,  vorzüglicher
  Fechter,  schneidiger  Reiter,  unübertroffener  Schütze  und  Bergsteiger
—  so  wird  uns  der  Jüngling,  von  denen,  die  ihm  näher  standen,  geschildert.
Wie  er  als  Sohn,  was  er  den  Seinen  war,  erfahren  wir  aus  einem  Gedicht,
das  ihm  König  Ludwig  zum  12.  März  1843  widmete:

„Zweiundzwanzig  Jahre  schon  sind  Dir  geworden,  doch  niemals
Hast  Du  die  Eltern  gekränkt,  Freude  bereitend  allein!“

Eine  Fürstenerziehung  nach  edelsten  Grundsätzen  ließ  König  Ludwig
seinem  Liebling  angedeihen.  „Luitpold  soll  alle  erforderlichen  Kenntnisse  erwerben“,
  schrieb  der  König  1838  an  seinen  Sohn  Otto,  „denn  sollte  er  einstmals
  auf  den  Thron  gelangen  (mein  Vater  und  Du  waren  auch  Nachgeborene),
soll  er  wohl  vorbereitet  sein!“  Ein  prophetisches  Wort,  ein  gutes  Wort!
Bereit  sein“  ist  alles.
        <pb n="661" />
        142.  Unser  Prinzregent  Luitpold.  649

Sobald  der  Prinz  großjährig  geworden  war,  bestürmte  er  den  Vater
ssich  dem  Heeresdienst  widmen  zu  dürfen.  Daß  er  sich  für  die  Artillerie  entsschied,
  beweist  den  Ernst  und  die  Einsicht  des  Königssohnes.  „Man  sagt,
idaß  nach  dem  Beispiel  der  Römer  die  Legion  eine  Armee  im  Kleinen  sein
müsse,“  sagt  Napoleon  in  der  Kritik  einer  militärischen  Schrift,  „und  doch
nimmt  man  ihr  das  Notwendigste,  das  Wichtigste,  die  Artillerie.“  Doch  trotz
der  hohen  Meinung,  die  der  größte  Feldherr  der  neuen  Zeit  von  ihr  hegte,
war  die  Bedeutung  der  Artillerie  damals  keineswegs  allgemein  anerkannt,  die
Mißachtung  der  Waffe  in  der  friederizianischen  Zeit  wirkte  noch  nach.  Auch
für  diese  Zukunftsmusik  kam  erst  nach  und  nach  das  Verständnis.

„Luitpold  sahen  wir,“  schreibt  König  Ludwig  am  31.  August  1840  an
seinen  Sohn  Otto,  „zwei  Batterien  im  Feuer  manövrierend,  und  das  sehr
gut:  er  ist  ein  ganz  anderer  Mensch  bei  seinen  Kanonen!“  Das  heißt:  im
Dienst  kannte  der  Prinz  nur  die  militärischen  Tugenden.  Mit  Leutseligkeit
und  Nachsicht,  die  einem  hohen  Herrn  sonst  so  wohl  stehen,  zieht  man  keine
Soldaten.  Im  Dienste  streng  und  stramm,  im  außerdienstlichen  Verkehr  freundlich
  ohne  Vertraulichkeit,  so  gewann  er  das  Zutrauen  des  Soldaten  und  den
Respekt  der  Kameraden.

Auch  seine  Aufgabe  als  Reichsrat  nahm  er  ernst.  König  Friedrich  Wilhelm
  IV.  von  Preußen  rühmt  in  Briefen  an  den  Kronprinzen  Maximilian
wiederholt  die  Rechtschaffenheit  und  den  Eifer  des  Neffen  in  seiner  parlamentarischen
  Tätigkeit  und  dessen  Takt  in  bedenklichen  Krisen.

Auf  die  Lehrjahre  folgten  die  Wanderjahre.  Natürlich  zog  es  den  Sohn
Ludwigs  I.  zunächst  nach  Italien.  Ein  junger,  liebenswürdiger  Grandseigneur,
für  die  Schönheit  der  bildenden  Kunst  ebenso  empfänglich  wie  für  die  Schönheit
  der  lebendigen  Natur,  verlebte  er  sicherlich  herrliche  Tage  in  Venedig,  in
der  Blumenstadt,  in  der  ewigen  Roma.  Doch  die  köstlichste  Frucht  und  den
besten  Segen  brachte  ihm  sein  Aufenthalt  in  Neapel.  Dort  in  der  Villa
Chiatamone  begegnete  er  der  Prinzessin  Augusta.  Tochter  des  Großherzogs
von  Toskana.  Damit  brach  für  ihn  ein  beglückender  Liebesfrühling  an.  Nicht
oft  können  Söhne  und  Töchter  fürstlicher  Familien  nach  ihrer  Herzensneigung
wählen,  anderseits  führen  Neigungsheiraten  nicht  immer  zu  einer  glücklichen
Ehe.  Unser  Prinz  warb  aus  Liebe  um  die  Hand  des  Mädchens  und  seine
zwanzigjährige  Ehe  war  ununterbrochenes  Glück.  Eins  waren  die  Gatten  in
ihrer  Weltanschauung,  in  der  Auffassung  ihrer  Pflichten,  in  den  Grundsätzen,
nach  denen  sie  ihre  Kinder  erzogen.  Auf  dieses  stillfreudige,  nie  getrübte  Eheleben
  in  einem  fürstlichen  Hause  muß  heute,  da  wir  unsere  beste  Kraft  zum
Kampfe  um  die  Zukunft  nur  aus  unserm  ureigensten  germanischen  Wesen
schöpfen,  mit  besonderem  Nachdruck  hingewiesen  werden.  „Severa  illic  matrimonialt
  („Ernst  und  streng  ist  dort  das  Eheleben“).

Bald  nach  der  Rückkehr  des  Prinzen  in  die  Heimat  fand  die  Werbung
statt  und  nach  neuen  Reisen  in  Spanien,  Portugal  und  Marokko  führte
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        650  142.  Unser  Prinzregent  Luitpold.

der  Prinz  seine  Verlobte  im  schönsten  Dome  der  Welt,  im  Dom  zu  Florenz,
zum  Traualtar.  Der  deutsche  Prinz  muß  einen  liebenswürdigen  Eindruck  auf  die
Landsleute  seiner  Braut  gemacht  haben.  Als  ich  vor  zehn  Jahren  auf  einer
Wanderung  durch  umbrisches  Gelände  in  dem  bescheidenen  Dörfschen  Ripafratta
Rast  machte,  wurde  ich  vom  greisen  Wirtspaar  mit  gutmütiger  Neugier  nach
dem  Wohin  und  Woher  gefragt.  Als  ich  meine  Heimat  nannte,  erinnerten  sich
die  Alten  sofort  des  principe  bavarese,  der  —  molto  tempo  faà  —  in  Firenze
Hochzeit  hielt,  und  wurden  bei  meinen  Nachrichten  von  ihm  jugendlich  lebendig!

Das  glückliche  Familienleben  trug  wesentlich  dazu  bei,  im  reifenden
Manne  das  schöne  Gleichgewicht  von  Wollen  und  Können,  von  Ehrgeiz  und
Einsicht  zu  festigen,  das  den  Hochgestellten  sowohl  vor  abenteuerlichen  Wagnissen,
  zu  denen  das  Jahr  1848  genugsam  Gelegenheit  bot,  wie  vor  verhängnisvollem
  Widerstreben  gegen  das  Unabwendbare  schützte.  Eine  neue  Zeit  im
Völkerleben  meldete  sich  stürmisch  an.  Der  Prinz  blieb  der  rechtschaffene,
pflichtgetreue  Mann  wie  immer.  Die  Unruhe  und  Schwüle  der  Gemüter
bei  der  Veränderung  Jahrhunderte  gültiger  Werte,  wenn  sie  je  seiner  sich  bemächtigten,
  trug  er  nicht  in  den  Frieden  seines  Daheims.  Erst  in  den  sechziger
Jahren  kamen  die  Prüfungen,  unter  denen  er  um  ein  Wort  Schillers  zu  gebrauchen
  „die  Erfahrung  seiner  Kraft  machte“  und  bewies,  daß  es  nicht  nur
die  glücklichen  Umstände  waren,  die  ihm  „alle  Pflichten  zum  leichten  Spiel“
gestalteten.  Entrissen  ward  ihm  in  einer  kurzen  Spanne  Zeit  der  Bruder
und  treueste  Freund,  sein  edler  König  Max,  die  Schwester  Hildegard,  die  treue,
geliebte  Lebensgefährtin  und  Mutter  seiner  Kinder!

Das  Jahr  1864  hatte  heiter  begonnen.  Im  Fasching  fand  auf  Befehl
und  nach  den  Angaben  des  Königs  ein  glänzendes  Kostümfest  im  Residenztheater
  statt.  Die  Hofgesellschaft  erschien  zu  demselben  in  der  Tracht,  die
100  Jahre  früher  bei  der  Eröffnung  des  Theaters  am  Hofe  des  Kurfürsten
Max  III.  Joseph  die  übliche  war.  Prinz  Luitpold  stellte  den  Kurfürsten  dar,
Königin  Marie  die  Kurfürstin.  König  Max,  fröhlich  mit  den  Fröhlichen,
hatte  dem  Schauspiel  und  Tanz  bis  zum  Schlusse  beigewohnt.  Schon  ein
paar  Wochen  später  harrte  die  kalte  Winternacht  hindurch  eine  tausendköpfige
Menge  vor  dem  erleuchteten  Königsschloß  und  betete  für  ihren  tödlich  erkrankten
  Fürsten  und  brach  in  Schluchzen  und  Wehklagen  aus  bei  der  Botschaft,
  daß  sich  die  guten  Augen  des  Königs  für  immer  geschlossen  hatten.
An  seiner  Bahre  weinte  ein  ganzes,  wehzerrissenes  Volk,  denn  wir  Deutsche
danken  ehrlich  unsern  Fürsten  Lieb'  mit  Liebe!

Am  14.  März  gab  Prinz  Luitpold  dem  Bruder  das  letzte  Geleit.  Unmittelbar
  darauf  rief  ihn  die  Nachricht  von  der  schweren  Erkrankung  der  Erzherzogin
  Hildegard,  Gemahlin  Erzherzog  Albrechts,  nach  Wien.  Er  traf  an
einem  Totenbette  ein.  Die  erst  38  jährige  war  dem  Excelsior!  ihres  königlichen
  Bruders  nachgefolgt.  In  schwarzen  Gewändern,  in  aller  Stille
beging  der  Heimgekehrte  am  15.  April  mit  seiner  Familie  die  20jährige  Hoch-
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        142.  Unser  Prinzregent  Luitpold.  651

Feitsfeier.  Unter  einem  Porträt  aus  ihrer  Brautzeit  hing  ein  Bild  der  hohen
Frau  aus  den  letzten  Tagen  mit  einer  Widmung  ihrer  Hand:  „Wenn  auch  im
Außern  verändert,  so  doch  im  Herzen  die  alte

Zwei  Wochen  später  tat  auch  dieses  edle  Herz  den  letzten  Schlag

Den  noch  immer  Tiefgebeugten  rief  im  Jahre  1866  das  Vaterland.
Wieder  einmal  —  heute  dürfen  wir  getrost  sagen  ein  letztes  Mal  —  kämpften
Deutsche  gegen  Deutsche.  An  Stelle  des  gefallenen  Generals  Zoller  mit  dem
Kommando  über  die  3.  Division  des  bayerischen  Heeres  betraut,  kam  der  Prinz
bei  Helmstadt  zum  ersten  Male  ins  Gefecht,  sein  Altester,  Prinz  Ludwig,  war  sein
Ordonnanzoffizier.  Vater  und  Sohn  zeichneten  sich  durch  persönlichen  Mut  aus,
tapfer  bewiesen  sich  auch  die  Truppen,  doch  der  Gegner  war  besser  geschult  und
besser  gerüstet.  Das  Treffen  ging  verloren,  nicht  aber  die  bayerische  Waffenehre.

Und  der  Tag  brach  an,  da  die  deutschen  Stämme  ihre  Kraft,  ihr  Recht
und  Heil  erkannten:

„Wir  sind  eines  Herzens,  eines  Bluts!
Wir  sind  ein  Volk  und  einig  wollen  wir  auch  handeln!“

Die  dämonische  Natur  König  Ludwigs  II.  hatte  manches  mit  der  Art
Heinrichs  des  Löwen  gemein.  Daß  er  trotzdem  bei  der  Kriegserklärung
Preußens  an  Frankreich  nicht  den  trotzigen  Herzog,  sondern  seinen  reichstreuen
Ahn,  den  Pfalzgrafen  Otto  von  Wittelsbach,  sich  zum  Beispiel  nahm,  ist  die
Glorie  seines  Lebens.  Und  unvergessen  bleibt  auch  die  große  politische  Tat
der  bayerischen  Reichsräte,  daß  sie  —  Prinz  Luitpold  an  der  Spitze  —  einmütig
  und  einstimmig  die  Mittel  zur  Kriegführung  bewilligten!

Doch  jene  herzerhebenden  Tage  forderten  vom  Prinzen  ein  schweres
Opfer.  Er  sollie  als  der  vertrauenswürdigste  Mann  seinen  königlichen  Neffen
im  Hauptquartier  vertreten.  Also  darauf  verzichten  die  Landessöhne  gegen
den  nach  deutschem  Boden  lüsternen  Feind  zu  führen,  durch  sein  Beispiel  sie
anzufeuern,  Wagnisse  und  Gefahren  mit  ihnen  zu  teilen,  vereint  mit  ihnen  in
diesem  heiligen  Krieg  zu  siegen  oder  ruhmwoll  unterzugehen  —  auf  alle  diese
flammenden  Wünsche  und  Gelübde  eines  Braven  verzichten?  In  den  Gefahren
  der  Bergjagd

„auf  schwindlichtem  Weg,

auf  Feldern  von  Eis“
hatte  er  sich  für  körperliche  Anstrengungen  und  Leiden  abgehärtet,  hundertmal
den  coup  d'’oeil,  Entschlossenheit  und  Geistesgegenwart  erprobt.  Und  der
Ruhm  seines  Geschlechts  und  seines  Bayerlandes  ging  ihm  über  alles.

Und  nun  sollte  er,  den  Säbel  in  der  Scheide,  nur  kritischer  Zeuge  und
Zuschauer  sein?  Wir  können  ihm  nachempfinden,  wie  schwer  ihm  der  Gehorsam
  gegen  seinen  König  fiel.  Heute  ist  nicht  nur  Bayern,  sondern  ganz
Deutschland  König  Ludwig  für  seine  weise  Wahl  verpflichtet.  Erst  durch
Moritz  Buschs  Tagebuch  ward  es  bekannt,  was  für  einen  wichtigen  Dienst
Prinz  Luitpold  in  seiner  damaligen  Stellung  der  deutschen  Sache  geleistet
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        652  142.  Unser  Prinzregent  Luitpold.

hat.  Unter  besonders  kritischen  Verhältnissen  war  er  der  Vermittler  zwischen
dem  deutschen  Hauptquartier  und  dem  Wiener  Hofe  und  seinem  Einflusse  war
es  zu  danken,  daß  die  deutsche  Heeresleitung  nicht  länger  mehr  besorgt  das
österreichische  Grenzgelände  im  Auge  zu  behalten  brauchte.

Und  am  Ende  standen  die  Begleiter  des  obersten  Kriegsherrn,  die
Fürsten  und  ihr  Gefolge,  nicht  auf  einem  Olymp,  waren  gegen  Kugeln  nicht
gefeit,  waren  gegen  die  unberechenbaren  Überraschungen  und  Wenden  einer
Schlacht  schutzlos.  Der  Mann  im  Gefecht  sieht  nur  das  Nächste;  der  Offizier,
der  auf  dem  linken  Flügel  kommandiert,  weiß  nichts  von  den  Vorgängen  auf
dem  rechten.  Nur  wer  die  ganze  Walstatt  überschaut,  wer  in  diesen  schwärmenden
Wolken  von  Jußvolk  und  Reiterei,  deren  Feuer  verderblicher  als  die  elektrischen
Schläge  eines  Gewitters,  deren  Anprall  schrecklicher  als  stürzende  Lawinen  ist,
den  regierenden  Willen  weiß,  hat  den  vollen  Eindruck  einer  Schlacht.  Ihm  wird
klar,  was  Friedrich  der  Große  schrieb,  „wie  gefährlich  die  Zufälligkeiten  im  Krieg
und  wie  die  armen  Generale  unter  allen  Umständen  beklagenswert  sind.“

Noch  während  der  Reise,  in  Mainz,  empfing  der  Prinz  die  Nachricht,
daß  sich  die  bayerischen  Truppen  sogleich  in  den  ersten  Kämpfen  in  den  alten
Reichslanden  zwischen  Rhein  und  Vogesen  glänzend  bewährt  hatten.  Wurde
der  Prinz  auf  dem  Schlachtfeld  von  Gravelotte  Zeuge  von  der  heldenhaften
Ausdauer  der  Preußen,  so  hatte  er  am  30.  August  die  Genugtuung  zu  sehen,
wie  das  erste  bayerische  Korps  unter  von  der  Tann  bei  Beaumont  den  Kampf
zu  Gunsten  der  deutschen  Waffen  entschied.  Und  so  reihte  sich,  wie  Tag  an
Tag,  Sieg  an  Sieg.  Der  ruhmvolle  Anteil  der  Bayern  an  den  Hauptschlachten
  bei  Bazeilles,  Balan,  Sedan  ist  bekannt.  Weniger  das  Samariterwerk
  des  Prinzen  Luitpold  für  die  vielen  Braven,  die  im  Straßenkampfe  von
Bazeilles  verwundet  worden  waren.

Als  Napoleon  seinen  Degen  übergab,  stand  Prinz  Luitpold  an  König
Wilhelms  Seite.  Eine  erschütternde  Begegnung!  Der  Napoleonide,  an  dessen
Lippen  einst  die  Blicke  aller  Diplomaten  ängstlich  hingen,  besiegt,  gebrochen,
bedauernswerter  als  Varus!

In  den  gemeinsam  durchlebten  Tagen  im  Feindesland  knüpfte  sich  die
Freundschaft,  die  den  ehrwürdigen  Wilhelm  mit  seinem  Neffen  verband,  fest
und  fester.  An  Wilhelms  Seite  sah  der  Prinz  von  der  Höhe  von  Villiers
zum  ersten  Male  die  Vorwerke  von  Paris;  mit  dem  König  weilte  er  unter
dem  Feuer  der  feindlichen  Granatkanonen  in  der  Schanze  von  Chatillon;  mit
ihm  bezog  er  in  St.  Germain  und  Versailles  die  Gemächer  des  roi  soleil.
In  der  Präfektur  zu  Versailles  übergab  Prinz  Luitpold  am  3.  Dezember  das
Schreiben  Ludwigs  II.,  das  den  siegreichen  Führer  der  deutschen  Heere  einlud
  die  Würde  eines  Deutschen  Kaisers  anzunehmen.  Die  künftige  Forschung
über  jene  Werke  und  Tage  wird  erst  den  Anteil  des  Prinzen  an  der  Einigungsarbeit
  offenbaren.  Ihm  war  das  tausendjährige  Recht  Bayerns,  aber  auch  das
Heil  und  der  Ruhm  Deutschlands  das  Testament  seines  großen  Vaters!
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        142.  Unser  Prinzregent  Luitpold.  653

Am  18.  Januar  1871  war  Luitpold  Zeuge  der  Kaiserproklamation  in
der  Spiegelgalerie  zu  Versailles.  Eine  ernste  militärische  Feier!  Mit  Recht,
denn  Blut  und  Eisen  haben  das  Werk  getan.

Am  2.  März  nahm  Luitpold  am  Einzug  der  Deutschen  in  der  Hauptstadt
  teil.

Und  dann  kam  die  Heimkehr  und  den  Fluren  kehrte  der  goldene
Friede  wieder!

Nun  konnte  der  hohe  Herr  auf  die  wohlverdiente  Muße,  auf  einen
ruhigen  Lebensabend  im  Kreise  der  Seinen  hoffen.  Doch  die  tragischen  Ereignisse
  im  Jahre  1886  rissen  ihn  auf  eine  neue  Bahn,  stellten  ihn  auf  einen
Posten,  den  nur  sehr  naive  Menschen  als  ein  beneidenswertes  Amt  betrachten
können.  Mit  männlicher  Tatkraft  trat  der  Prinz  selbst  dafür  ein,  daß  dem
aufgeregten  Volke  die  Ruhe,  der  Krone  die  gefährdete  Würde  wiedergegeben
werde.  Man  merkte  bald:  eine  nicht  harte,  aber  feste  Hand  führt  die  Zügel,
ein  Fürst  mit  redlichem  Willen  und  offenen  Augen  befiehlt.  Nicht  nur  durch
Ahnlichkeit  des  Charakters  sondern  auch  durch  die  unverhoffte  Lebenswende
erinnert  unser  Regent  an  die  ehrwürdige  Gestalt  Kaiser  Wilhelms  I.  Wie
dieser  wurde  er  hoch  in  Jahren  durch  ein  düsteres  Familienverhängnis  zur
Regierung  berufen,  wie  dieser  hatte  er  einen  glänzend  begabten  Romantiker
zum  Vorgänger.  Uns  allen  ist  das  Gedächtnis  des  so  großherzigen,  so  unglücklichen
  Königs  teuer,  doch  in  einem  Bundesstaat  bietet  der  Fürst  für  eine
ruhige  Entwicklung  die  sicherste  Bürgschaft,  der  die  klarsten  politischen  Gedanken
  hat.  Abgesehen  von  dem  Segen  einer  geordneten,  sparsamen  Verwaltung
  für  Bayern  ist  das  innige  Verhältnis  unseres  Regenten  zum  Kaiser
und  zu  den  Bundesfürsten  ein  unschätzbarer  Gewinn  für  das  ganze  Reich.

Es  war  ein  herzerfrischender,  ein  glückverheißender  Anblick,  als  Prinz
Luitpold  gemeinsam  mit  dem  König  von  Sachsen  und  dem  Großherzog  von
Baden  neben  dem  jungen  Kaiser  Wilhelm  II.  stand,  als  dieser  zum  ersten
Male  den  Reichstag  eröffnete.  Damit  war  vor  aller  Welt  Zeugnis  gegeben:
nicht  die  Verehrung  für  den  Heldenkaiser  Wilhelm  I.  allein  war  das  Band,
das  die  deutschen  Stämme  zusammenhielt,  sondern  die  Schönheit,  Fruchtbarkeit
  und  Notwendigkeit  der  Einheit  selbst  ist  der  Zauber,  der  diesen  Bund
unauflösbar  macht.  Bayern  hält  zum  Reich,  jetzt  und  allezeit!

An  diesem  rocher  de  bronze  vermögen  die  kleinen  Reibungen,  Eifersüchteleien
  und  Sticheleien  zwischen  Nord  und  Süd,  Stämmen  und  Städten  nicht
zu  rütteln.  übrigens  ist  dieser  Zank  unter  Landsleuten  nicht  bloß  germanische
Eigentümlichkeit.  Im  klassischen  Hellas  ließ  die  Höflichkeit  zwischen  Athenern
und  Böotiern  viel  zu  wünschen  übrig;  die  Bewohner  der  italischen  Provinzen
und  Städte  redeten  und  reden  einander  nicht  immer  Gutes  nach.  Die  seit
1870  nie  getrübte  Eintracht  der  deutschen  Fürsten  ist  der  Ausdruck  und  die
Gewähr  deutscher  Bundestreue.  Selbst  der  unbeugsame  Treitschke  mußte  vor
seinem  Lebensausgang  der  gegenwärtigen  Ordnung  der  Dinge  den  Vorzug  vor
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        654  142.  Unser  Prinzregent  Luitpold.

dem  Unitarismus  zugestehen,  wie  denn  auch  Treitschke  dem  schlichten  Wesen
und  dem  bescheidenen  und  doch  zielbewußten  Walten  unseres  Prinzregenten
wärmste  Anerkennung  zgollte.

So  zeugen  auch  die  Spaltungen  innerhalb  des  Königreichs,  die  Redekämpfe
  in  den  Kammern,  die  Federkriege  in  der  Presse  keineswegs  gegen  die
Gesundheit  unseres  Staatswesens,  sie  sind  kein  Zeichen  des  Niederganges,  sie
beweisen  nur,  daß  wir  nicht  in  Byzanz,  sondern  in  einem  Verfassungsstaat
leben.  Aufrichtig  zu  sein  kann  ich  versprechen,  schrieb  Goethe,  unparteiisch
zu  sein  aber  nicht.

Der  Rechtssinn  unseres  Regenten  gibt  jedem  das  Seine.  Den  wahrhaft
christlichen  und  tief  religiösen  Mann  dünken  Haß  und  Fehde  nicht  ins  jus
canonicum  gehörig,  er  schützt  jeden  in  seinem  Bekenntnis.  Eine  soldatische
Natur,  im  Heerdienst  erfahren,  im  Feuer  erprobt,  weiß  der  Regent  die  ungeheuere
  Wichtigkeit  der  militärischen  Volkserziehung  zu  schätzen.  Dank  seinem
Einfluß  und  Sporn  steht  das  bayerische  Heerwesen  heute  auf  der  Höhe  der
Zeit,  ist  der  bayerische  Soldat  heute  ebenso  stramm  und  geschult  wie  der  Preuße.
Bei  allem  Kunstenthusiasmus  des  klaren  Verständnisses  für  das  Nützliche  und
Notwendige  nicht  entbehrend  nimmt  er  am  Aufschwung  der  Volkswirtschaft,  am
Gedeihen  von  Handel  und  Gewerbe,  am  Wachstum  und  Blühen  der  Städte
herzlichen  Anteil.  Ein  welterfahrener  Mann  schätzt  er  keine  Arbeit  gering;  ein
milder  Menschenfreund  unterstützt  er  jede  Einrichtung,  welche  die  Wohlfahrt  der
Arbeiter  steigert.  Nie  wenden  sich  Unglückliche  und  Hilflose  vergeblich  an  ihn.

Wer  wie  unser  Regent  Tag  für  Tag  Gelehrte  und  Künstler  in  seine
unmittelbare  Umgebung  zieht,  ehrt  Wissenschaft  und  Kunst  und  „das  Beispiel
des  Fürsten  wirkt  mächtig  um  sich  her!“  Die  Begeisterung  des  Fürsten  für
die  schönen  Künste  brachte  in  das  Kunstleben  Münchens  frisches  Blut  und
neuen  Schwung.  Jünger  und  Meister  blicken  verehrungsvoll  auf  ihren  Schutzherrn.
  Denn  der  Schöpfer  gab  ihm  wie  seinem  königlichen  Vater  das  Auge
für  die  Kunst  und  ein  Herz  für  die  Künstler.

Unter  seiner  Agide  stieg  der  herrliche  Bau  empor,  die  Schatzkammer  für
die  Kleinode  bayerischen  Kunstgewerbes,  das  Landesmuseum  in  der  Prinzregentenstraße.
  Am  Englischen  Garten  wie  an  einem  Waldessaum  zieht  sich  die  neue
Straße  hin,  spannt  über  den  reißenden  Gebirgsfluß  den  kühnen  Bogen  und
führt  wieder  zu  anmutigen  Anlagen  hinan.  Sie  vereinigt  Kunst  und  Natur,
Pracht  und  Heiterkeit,  sie  entspricht  so  ganz  der  Persönlichkeit,  an  die  ihr  Name
die  nachfolgenden  Geschlechter  erinnern  wird.

Ihm  beugt  das  Alter  nicht  den  Nacken,  aufrecht  steht  er  vor  uns  mit
seinen  80  Jahren,  mit  hellem  Aug'  und  festem  Willen.

Gottes  freie  Natur,  das  edle  Weidwerk,  die  Hochgebirgsjagd  und  die
Birsch  im  Hochwald  sind  sein  unversieglicher  Jungbrunnen.

„Kein  Sturm  und  auch  kein  Regen
Verleiden  ihm  den  Gang.“
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        143.  An  Prinz  Luitpold,  Regenten  von  Bayern.  655

„Dem  tut's  koana  nach“,  sagen  die  Gebirgler  von  ihm.

„Dem  tut's  keiner  nach!“  Das  Wort  gilt  nicht  nur  vom  Bergsteiger.
Die  Krone  ist  ein  Symbol  der  höchsten  Würde,  doch  nicht  immer  ziert  sie  das
rechte  Haupt,  unsern  Fürsten  krönt  sein  Leben!

Seitdem  Machiavell  den  Fürsten  riet  sich  besser  gefürchtet  als  geliebt  zu
machen,  haben  sich  die  Zeiten  geändert  und  mit  den  Zeiten  wandelt  sich  auch
die  staatsmännische  Weisheit.  In  der  Furcht  erzieht  man  Knechte.  Ein
glückliches,  ein  freies  Volk  jubelt  nur  dem  geliebten  Fürsten  zu.

Und  so  schwingen  auch  wir,  brave  Bayern  und  gute  Deutsche,  die  weißblaue
  Fahne  und  geloben  aufs  neue  Ergebenheit,  Liebe,  Treue!  Heil  unserm
Regenten,  dem  Rechtschaffenen,  dem  Gütigen,  Heil!

143.  An  Prinz  Luitpold.  Regenten  von  Bayern,
zum  12.  März  1905.
Von  Paul  Heyse.)

Auch  mich,  o  Herr,  an  diesem  Freudentag
Treibt  das  Gemüt  in  Ehrfurcht  dich  zu  grüßen,
Da  rings  dein  Volk  mit  wärmstem  Herzensschlag
Dir  treue  Wünsche  huldigend  legt  zu  Füßen.
Denn  was  in  Tausenden  verstummen  mag,

Dess  darf  der  Mund  des  Dichters  überfließen,
Der  manch  ein  Lied  im  langen  Leben  sang,
Doch  keines,  das  nach  Höflingsrede  Rlang.

Wie  fühlte  sich  nicht  auch  von  jedem  Zwange,
Wer  vor  dein  Antlitz  treten  darf,  befreit,

Auf  dem  so  freundlich  glänzt  von  Stirn  und  Wange
Der  milde  Schimmer  echter  Menschlichkeit!

Und  jener  Name  von  so  holdem  Klange

„Vater  des  Vaterlandes“  —  wer  dir  ihn  leiht,
Der  sah  in  deinem  Aug’  der  Hoheit  Blüte,

Die  Majestät  der  schlichten  Seelengüte.

Wohl  ward  dir's  an  der  Wiege  nicht  gesungen,
Das  Schmeichellied  von  Diadem  und  Thron.
Der  goldne  Reif  hat  deine  Stirn  umschlungen,
Erst  da  dein  Haar  sich  färbte  silbern  schon.

Doch  um  so  freier  in  die  Niederungen

Des  Lebens  blichtest  du,  als  höchsten  Lohn,
Der  einem  Herrschenden  zu  hoffen  bliebe,
Erkennend  eines  Volhs  Vertrau'n  und  Liebe.

Und  da  die  Zeit,  die  große,  naht'’  heran
Von  langer  Not  und  Schmach  uns  zu  befreien,
Bezeugtest  du,  daß  auf  des  Krieges  Bahn
Die  Wittelsbacher  nie  die  letzten  seien.

 

1)  Paul  Heyse  hat  dieses  Gedicht  Sr.  K.  Hoheit  dem  Prinz-Regenten  zu  dessen
Geburtstag  von  Gardone  aus  übersandt.
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        144.  An  das  Bayerland.

So  gingst  den  tapfern  Söhnen  du  voran,

Die  früh  gelernt  sich  ernster  Pflicht  zu  weihen,
Wo  Deutschlands  Stämme  treu  verbrüdert  stritten
Den  Bau  des  neuen  Reichs  mit  Blut  zu  kitten.

Doch  dann,  als  dir  ein  trauervoll  Geschich
Die  schwere  Last  der  Herrschaft  auferlegte,
War's  nur  der  Wunsch  nach  deines  Volbes  Glüch,
Der  für  und  für  in  deiner  Brust  sich  regte.
Du  sahst  mit  sorgend  immerwachem  Blich
Der  Not  der  Zeit  ins  Aug'  und  dich  bewegte
Der  Wille  nur,  hoch  über  den  Partei'n
Der  Schirm  und  Hort  des  heil'gen  Rechts  zu  sein.
Schwer  ist  die  Zeit  und  feindliche  Gewalten
Bedroh'n  das  Reich.  O  bleibe  drum  noch  lang
Die  Weisheit  deines  Alters  uns  erhalten,
Die  maßvoll  immerdar  sich  selbst  bezwang
So  wird  zum  Segen  uns  dein  ruhig  Walten
In  dieses  Kampfes  ungestümem  Drang,
Und  wie  der  Schiffer,  wenn  die  Wellen  toben,
Blichst  du  getrost  nach  den  Gestirnen  droben.

Dir  aber  bleib’,  ein  freundliches  Geleite,
Das  Doppelglüch  des  Alternden  getreu:
Natur,  die  stets  dir  frisches  Blut  bereite,
Und  edle  Kunst,  die  Aug’  und  Herz  erfreu'!
Und  schaust  von  deinen  Bergen  du  ins  Weite,
Magst  du  dir  sagen,  daß  du  täglich  neu
Auf  Gott  vertrauend  redlich  hingegeben
An  dieses  schöne  Land  dein  Müh'n  und  Streben.

144.  An  das  Bayerland.
Von  Martin  Greif.))

Gott  mit  dir,  du  Bayerland,
Und  mit  deinen  Gauen,

Die  der  Treue  starke  Hand
Hält  umfaßt  mit  ihrem  Band,
Mit  dem  weiß  und  blauen!

Ragend  stehn  voll  Herrlichkeit
Deines  Ruhmes  Zeichen;

Deine  Erde  ist  geweiht,
Wo  der  Reben  Blut  gedeiht,
Wo  das  Mark  der  Eichen.

Von  der  Alpen  schnee'gem  Zug
Bis  zur  Hardt  im  Westen
Blühn  der  Städte  dir  genug
Und  Erinn'rung  weilt  im  Flug
Uber  grauen  Festen.

 

 

Uberall  zur  Seele  spricht
Eine  traute  Kunde;
Sinnmreich  tönt  sie,  voll  Gewicht,
Und  doch  wie  die  Herzen  schlicht
Fort  von  Mund  zu  Munde.
Doch  am  höchsten  steigt  die  Glut,
Die  dein  Stolz  entfaltet,
Wo  seit  alters  hochgemut
Unser  edles  Schyrenblut
Schirmend  hat  gewaltet.
Gott  mit  dir,  du  Bayerland,
Und  mit  deinen  Gauen,
Die  der  Treue  starhe  Hand
Hält  umfaßt  mit  ihrem  Band,
Mit  dem  weiß  und  blauen!

*1)  Gesammelte  Werke,  Band  I.  S.  300  ff.  Leipzig  1895  6,  Amelang.

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