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6.  Die  Hauptaufgabe  des  Gesangunterrichtes  liegt  im  angewendeten
  Gesange,  mit  dem  sogleich  zu  beginnen  ist,  nachdem  die  ersten
Gehör-,  Treff-,  Zähl-  und  Tonbildungsübungen  erfolgt  sind.  In  den
beiden  unteren  Klassen  bestimmen  die  einzuübenden  Lieder  das  ganze
Schuljahr  hindurch  den  Gang  der  theoretischen  Belehrungen  und  der
praktischen  Vorübungen.  Alle  allgemein  musikalischen  und  gesanglichen
Übungen  sind  also  stets  in  Verbindung  mit  dem  angewendeten  Gesange
zu  halten  und  so  einzurichten,  daß  dieser  niemals  vernachlässigt  wird.
In  dieser  Beziehung  empfiehlt  es  sich,  in  der  Sexta  und  teilweise  auch
in  der  Quinta  das  einzuübende  Lied  oder  seine  wichtigeren  Teile  an
der  Schultafel  entstehen  zu  lassen,  ehe  von  dem  Liederbuch  Gebrauch
gemacht  wird.

Eine  angemessene  Zahl  von  Volksliedern  und  Chorälen  muß  den
Schülern  zum  festen  Eigentum  werden.

Besondere  Aufmerksamkeit  ist,  der  Natur  des  Liedes  gemäß,  auf
allen  Stufen  dem  Texte  zuzuwenden.  Der  Lehrer  trage  zunächst  selbst
den  Text  mit  guter  Betonung  vor,  am  besten  ohne  Zuhilfenahme  des
Buches,  und  bringe  schwierigere  Stellen  zum  Verständnis.  Hinweise
auf  den  prosodischen  Rhythmus,  auf  besonders  betonte  Silben  oder
Wörter  führen  zum  Verständnis  der  Melodie,  insbesondere  des  gewählten
  Taktes  und  des  musikalischen  Rhythmus.  Nicht  nur  die  erste,
sondern  auch  die  übrigen  Strophen  sind  zu  singen,  damit  die  Aneignung
des  Textes  den  Schülern  erleichtert  wird.

7.  Bei  den  Chorübungen  treten  Ubungen  im  Hören  von  Harmonien,
  Aufschlüsse  über  Akkordverbindungen  und  musikalische  Formen
hinzu,  jedoch  nur  im  unmittelbaren  Anschluß  an  die  einzuübenden
Chöre  und  in  Form  anregender  Hinweise,  nicht  als  zusammenhängende
Darstellungen.  Dabei  ist  dem  Altersunterschied  zwischen  den  oberen
und  unteren  Stimmen  Rechnung  zu  tragen.

Tonbildung,  Aussprache,  Atmung,  Phrasierung  und  straffe
Rhythmik  sind  auch  bei  den  Chorübungen  immerfort  im  Auge  zu
behalten  und  nach  Bedarf  durch  eingestreute  besondere  Übungen  auf
der  richtigen  Höhe  zu  erhalten.

8.  Die  Bildung  eines  aus  Sopran,  Alt,  Tenor  und  Baß  bestehenden
  gemischten  Chors  ist  bei  den  neunklassigen  Anstalten  die
Regel.

Wo  an  sechsklassigen  Anstalten  sich  ein  gemischter  Chor  nicht
bilden  läßt,  nehme  man  seine  Zuflucht  zu  Bearbeitungen  für  zwei
oder  drei  Knabenstimmen  und  eine  Männerstimme.  Dabei  ist  zu  beachten,
  daß  die  Bearbeitung  dem  Original  möglichst  entspreche;  in
allen  Fällen  ist  die  Auswahl  der  Kompositionen  so  zu  treffen,  daß  der
Chor  in  stimmlicher  Beziehung  nicht  überanstrengt  wird.

9.  Kompositionen  für  Männerstimmen  dürfen  nur  ausnahmsweise
  und  nur  mit  besonders  sorgfältiger  Berücksichtigung  der  jugend-