8

terrichtes  mit  den  mäßigsten  Ansprüchen  an  die  Arbeitskraft  der  Schüler
  erreichen.  Aber  die  Gefahr  ist  vorhanden,  daß  der  einzelne
Lehrer  in  den  Anforderungen  für  sein  Gebiet  das  Maß  außer  Acht
lasse,  welches  demselben  in  dem  ganzen  Organismus  des  Schulunterrichtes
  zugewiesen  ist,  und  daß  die  von  den  verschiedenen  Seiten
an  den  Schüler  gestellten  Forderungen  drückend  auf  das  Gesammturtheil
  über  denselben  wirken.

Schon  aus  diesem  Grunde  hat  an  mehreren  Stellen  der  Erläuterungen
  auf  das  Einhalten  des  richtigen  Maßes  hingewiesen
werden  müssen;  ein  besonderer  Anlaß  dazu  liegt  außerdem  in  der
Entwickelung,  welche  mehrere  mit  ihren  Elementen  in  den  Schulunterricht
  reichenden  Wissenschaften  in  den  letzten  Jahrzehnten  erfahren
  haben.  Es  genügt,  an  ein  Beispiel  zu  erinnern.  Die  grammatische
  Wissenschaft  der  beiden  klassischen  Sprachen  des  Alterthums
hat  in  den  letzten  vier  Jahrzehnten  eine  erheblich  veränderte  Gestalt
gewonnen.  ie  Formenlehre  ist  auf  historische  Sprachvergleichung
begründet;  für  die  Syntax  ist  eine  ungleich  spezieller  eingehende
Beobachtung  zur  Grundlage  gemacht  und  zugleich  die  historische
Entwickelung  als  maßgebender  Gesichtspunkt  anerkannt.  Der  Lehrstand
  unserer  höheren  Schulen  muß  allerdings,  wie  er  darin  bisher
seine  ehrenvolle  Aufgabe  erkannt  hat,  für  seine  Unterrichtsgebiete
auf  der  Höhe  der  gegenwärtigen  wissenschaftlichen  Forschung  stehen)
und  der  Unterricht  an  den  höheren  Schulen  darf  nicht  die  Tradition
eines  Inhaltes  bewahren,  welchen  die  wissenschaftliche  Forschung  beseitigt
  hat.  Aber  gefährdet  wird  der  Unterricht  an  unseren  höheren
Schulen,  wenn  das  für  die  wissenschaftliche  Forschung  erforderliche
Spezialisiren  maßgebend  wird  für  den  Umfang  der  an  die  Schüler
estellten  Ansprüche.  Diese  Gefahr  ist  noch  gesteigert  durch  die  umschtige-
  aber  ihren  Zweck  verfehlende  Abfassung  nicht  weniger
Uebungsbücher,  welche  womöglich  jedes  Wort  zu  einem  Anlasse  des
Nachdenkens  für  den  Schüler  zu  machen  suchen  und  durch  die  jede
Zuversicht  des  Arbeitens  ausschließende  Häufung  von  Schwierigkeiten
  eine  Freudigkeit  des  Gelingens  nicht  aufkommen  lassen.
Werden  dann  überdies  die  extemporirten  Leistungen  der  Schüler
in  dieser  Richtung  zum  Maßstabe  des  gesammten  über  sie  zu  fällenden
  Urtheiles  gemacht,  so  wird  begreisic-  daß  dieser  Unterricht,  obgleich
  auf  anerkennenswerthen  wissenschaftlichen  Studien  und  auf
methodischer  Erwägung  beruhend,  dennoch  zu  einer  drückenden  Bürde
für  die  Schüler  werden  kann.  An  diese  Gefahr  muß  durch  das
Beispiel  eines  Lehrgebietes  erinnert  werden,  weil  dieselbe  in  beachtenswerthem
  Umfange  zur  Wirklichkeit  geworden  ist.

In  anderer  Weise  übt  der  namentlich  in  den  letzten  fünfzehn
Jahren  in  reißender  Schnelligkeit  gesteigerte  Zudrang  zu  den  höheren
  Schulen,  insbesondere  den  Gymnasien,  einen  erschwerenden  Ein-