—  68  —

Fluß  führte,  so  trug  er  die  Leute,  die  hinüber  wollten,  auf  seinen
Schultern  durch  den  Fluß  und  war  allzeit  bereit,  bei  Tag  und  Nacht.

Einmal  nun,  in  der  Nacht,  meinte  er,  ein  Kind  habe  ihn  gerufen.
  Da  stand  er  schnell  auf,  um  zu  sehen,  wer  da  sei.  Aber
er  sah  niemand.  Da  legte  er  sich  wieder  schlafen;  und  bald  darauf
meinte  er  zum  zweitenmal,  ein  Kind  habe  ihn  gerufen.  Er  stand
wieder  auf,  aber  es  war  niemand  da.  Er  legte  sich  wieder  zu  Bett,
und  da  hörte  er  zum  drittenmal  die  Stimme  eines  Kindes.  Als  er
sich  nun  aufrichtete,  da  stand  ein  schönes  Knäblein  an  seinem  Bett
und  wollte  gern  über  den  Fluß  getragen  werden.  Und  der  Riese
nahm  das  Kind  auf  seinen  Rücken  und  trug  es  durch  das  Wasser.

Aber  das  Wasser  wurde  immer  tiefer,  und  das  Kind  wurde
schwerer,  so  daß  der  Riese  seinen  Nacken  beugen  mußte.  Und  er
wandte  sich  um  und  sagte:  „Mein  Kind,  was  bist  du  schwer;  es
ist  mir,  als  hätte  ich  die  ganze  Welt  auf  dem  Rücken!“  Das  Kind
aber  sagte:  „Du  trägst  noch  mehr  als  die  Welt  auf  dem  Rücken;
du  trägst  Christus,  deinen  Gott,  der  die  ganze  Welt  erschaffen  hat!“
Und  als  sie  an  das  Ufer  gekommen  waren,  nahm  das  Kind  Wasser
in  seine  Hand  und  taufte  den  Riesen  und  sagte:  „Von  nun  an  sollst
du  Christophorus  heißen,  weil  du  Christus  getragen  hast.  Deinen
Stab  sollst  du  in  die  Erde  stecken,  und  am  andern  Tage  sollen
grüne  Blätter  daraus  hervorgewachsen  sein,  zum  Zeichen,  daß  alles
wahr  ist,  was  ich  dir  gesagt  habe."“

Darauf  verschwand  das  Knäblein.  Christophorus  steckte  seinen
Stab  in  die  Erde,  und  am  andern  Tage  waren  grüne  Blätter  daran.
  Christophorus  war  jetzt  ein  Christ.  Er  blieb  nicht  lange  mehr
an  dem  Flusse,  sondern  ging  in  ein  fernes  Land,  wo  die  Christen
gemartert  wurden,  und  da  ist  er  Christus  zuliebe  den  Martertod
gestorben.

96.  Wie  die  Menschen  einander  helfen.

Mein  Vater  ist  ein  Schuster.  Er  macht  neue  Stiefel  und  slickt
die  alten.  Aber  wenn  er  einen  Rock  oder  eine  Hose  braucht,  muß
er  zum  Schneider  gehen.  Der  Schneider  will  neue  Hemden  haben,
ja  —  da  muß  ihm  die  Näherin  helfen.  Die  Näherin  kann  ihre
Wäsche  nicht  selber  waschen,  sie  hat  dazu  keine  Zeit  und  versteht  es