—  86  —

ihr  Jungen,“  sagte  er,  „hier  ist  das  Schiff;  ich  schenke  es  euch.
Verwahrt  es  aber  gut!“  Die  Knaben  waren  zuerst  ganz  überrascht,
  dann  aber  bedankten  sie  sich  und  liefen  schnell  nach
Hause.

Als  sie  bei  ihren  Eltern  ankamen,  fragten  diese:  „Woher
habt  ihr  das  Schiff?'“  „Das  hat  uns  ein  Leutnant  geschenkt“,
antworteten  sie.  Der  Vater  ging  mit  ihnen  zu  dem  Kaufmann
und  erkundigte  sich,  wer  das  Schiff  gekauft  habe.  Da  hörte
er,  daß  Prinz  Wilhelm,  unser  jetziger  Kaiser,  es  gewesen  war.
Nun  war  die  Freude  der  Jungen  noch  größer.

122.  Der  Gruß  des  Kaisers.

Wer  am  Morgen  eines  Wochentages  die  Straßen  Berlins
durchwandert,  der  beobachtet,  daß  der  Verkehr  im  Sommer  kurz  nach
sieben  Uhr,  im  Winter  gleich  nach  acht  Uhr  ruhiger  wird.  Die
Kinder,  die  vorher  scharenweise  zur  Schule  eilten,  haben  sich  dann
in  ihren  Klassen  versammelt,  und  nur  hier  und  da  erblickt  man
noch  einen  Nachzügler,  wie  er  im  Trabe  das  Schulhaus  zu  erreichen
  sucht.

An  einem  Maitag  aber  war  es  anders.  Da  strömten  wenige
Minuten  nach  sieben  Uhr  die  Kinderscharen  wieder  aus  allen  Schulen
  heraus  und  füllten  die  Straßen  an.  Auf  ihren  Gesichtern  lag
die  Freude  wie  Sonnenschein,  und  ihre  Stimmen  erklangen  so  lustig
wie  noch  an  keinem  Tage  vor  sieben  Uhr.  Die  Fußgänger  auf  den
Straßen  wunderten  sich  darüber,  daß  der  Verkehr  plötzlich  wieder
so  lebhaft  wurde.  Sie  merkten  den  Kindern  an,  daß  etwas  Wichtiges
  sie  beschäftigen  mochte,  denn  sie  hörten  sie  eifrig  erzählen  und
sahen  sie  dann  spornstreichs  nach  Hause  eilen.  Andere  gingen  in
breiten  und  langen  Reihen  den  südlichen  Stadtgegenden  zu.  Ein
Vorübergehender,  der  an  der  fröhlichen  Kinderschar  seine  Freude
hatte,  fragte  eine  Reihe  elf=  bis  zwölfjähriger  Knaben,  warum  sie
aus  der  Schule  entlassen  worden  seien.  Glückstrahlend  antwortete
einer:  „Unser  Kaiser  hat  ein  Telegramm  geschickt,  wir  sollen  alle
zur  Parade  kommen!“  „So,  so“,  sagte  der  Herr  und  schaute  noch
lange  lächelnd  der  Schar  nach,  die  mit  dem  großen  Menschenstrome
nach  dem  Tempelhofer  Felde  wanderte.