Wohl  gab  es  nun,  nachdem  der  Kaiser  vorbeigeritten  war,
noch  viel  zu  schauen,  die  Fahnenkompanie,  die  Fußsoldaten,  die
Reiter  und  Kanoniere;  wohl  schauten  sich  unsere  Jungen  auch  alles
an;  aber  kaum  waren  die  letzten  Truppen  vorübergezogen,  da  verließen
  die  Knaben  die  Mauer,  gingen  durch  den  Garten  auf  die
Straße  und  eilten  nun  schnellen  Fußes  nach  Hause.  Sie  hatten
jetzt  keinen  andern  Gedanken,  als  den  Eltern  zu  berichten,  daß  sie
den  Kaiser  so  genau  hatten  betrachten  können,  daß  er  sie  unter  den
unzähligen  Zuschauern  bemerkt  und  ihren  Gruß  erwidert  hatte.
Unterwegs  wußte  einer  dem  andern  immer  noch  etwas  Besonderes
zu  sagen,  was  ihm  aufgefallen  war,  und  jedem  Knaben,  der  sich
ihnen  anschloß,  erzählten  sie  stolz  ihr  Erlebnis.  Einer  von  ihnen
aber  ging  stillvergnügt  hinter  den  andern  her.  Mit  langen  Schritten
marschierte  er  im  Takte  der  Militärmusik  und  pfiff  dabei:

„Lieb  Vaterland,  magst  ruhig  sein,
fest  steht  und  treu  die  Wacht  am  Rhein!“

123.  Aus  der  Jugend  unserer  Kaiserin.

Als  unsere  Kaiserin  noch  ein  Kind  war,  lebte  sie  lange
Zeit  auf  dem  Schloß  zu  Primkenau  im  schönen  Schlesierland.
Eines  Tages  machte  sie  mit  ihrer  Schwester  Luise  Sophie  einen
Spaziergang.  Auf  dem  Rückwege  kamen  sie  über  einen  Berg.
Auf  halber  Höhe  trafen  sie  eine  arme  alte  Frau,  die  eine
schwere  Karre  vor  sich  herschob.  Mit  Mühe  hatte  sie  ihre  Last
bis  hierher  gebracht,  aber  nun  konnte  sie  nicht  mehr.  Sie  setʒte
sich  auf  die  Karre,  um  etwas  auszuruhen.  Dann  versuchte  sie
von  neuem,  die  Karre  vorwärtszubringen.  Sie  keuchte,  und  der
Schweiß  stand  ihr  vor  der  Stirn,  aber  alle  Mühe  war  umsonst.
Als  die  beiden  Prinzessinnen  die  Not  der  armen  Frau
sahen,  warfen  sie  sich  einen  Blick  zu,  als  ob  sie  sagen  wollten:
„Wozu  sind  wir  denn  zu  zweien  und  haben  kräftige  Arme?“
Und  ehe  die  Frau  noch  recht  wußte,  wie  ihr  geschah,  wurde  auf
einmal  ihre  Karre  von  jugendlichen  Armen  bis  oben  auf  den
Berg  geschoben.  Die  alte  Frau  versuchte,  schnell  hinterdrein  zu
Kommen.  Aber  als  sie  endlich  oben  angekommen  war  und
ihren  Dank  abstatten  wollte,  waren  die  beiden  Prinzessinnen
nicht  mehr  zu  sehen.