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124.  Ein  Kinderfest  der  Kaiserin.

In  Lothringen  liegt  bei  dem  Dörfchen  Kurzel  das  Schloß  Urville,
  das  unserm  Kaiser  gehört.  Als  die  Kinder  des  Kaisers  noch
kleiner  waren,  kam  er  oft  mit  ihnen  auf  sein  Schloß.  Die  Kinder
von  Kurzel  freuten  sich  das  ganze  Jahr  auf  die  Zeit,  wo  der  Kaiser
mit  seiner  Familie  eintraf.  Denn  bei  jedem  Besuch  wurden  die
Kinder  einmal  eingeladen,  und  die  Kaiserin  gab  ihnen  ein  fröhliches
Fest.  So  war's  auch  im  Frühling  des  Jahres  1900.

Als  die  kaiserliche  Familie  einige  Zeit  da  gewesen  war,  wurden
  alle  Kinder  des  Dorfes  wieder  in  das  Gemeindehaus  eingeladen.
Da  war  die  Freude  groß,  und  am  Festtage  standen  214  Knaben
und  Mädchen  auf  dem  Platze  vor  dem  Gemeindehause  und  warteten
auf  die  Kaiserin.  Die  Kinder  hatten  ihre  schönsten  Kleider  angezogen.
  Mitten  zwischen  ihnen  stand  ein  größeres  Mädchen  im  weißen
  Kleide  mit  einem  Blumenstrauß  in  der  Hand.  Den  sollte  die
Kaiserin  haben.  Und  dann  kam  die  Kaiserin  und  hatte  ihren  jüngsten
  Prinzen  Joachim  und  die  Prinzessin  Viktoria  Luise  mitgebracht.
Als  sie  die  vielen  Kinder  sah,  lächelte  sie  freundlich  und  nickte  ihnen
gütig  zu.  Das  Mädchen  mit  dem  Blumenstrauß  aber  trat  auf  die
Kaiserin  zu,  machte  einen  artigen  Knicks  und  sagte  ein  Gedicht  auf.
Darüber  freute  sich  die  Kaiserin,  zog  das  Kind  an  sich  und  gab
ihm  einen  Kuß.  Dann  wurde  die  Tür  aufgemacht,  und  die  Kinder
strömten  in  den  Saal.  Dort  standen  auf  langen  weißgedeckten
Tischen  große  Schüsseln  voll  Kuchen,  und  für  jedes  Kind  waren  eine
Tasse  und  ein  Teller  da.  Hei,  wie  da  die  Augen  der  Kinder  leuchteten!
  Dann  trat  die  Kaiserin  mitten  zwischen  sie  und  sagte:  „Nun
aber  setzt  euch,  Kinder!“  Das  brauchte  nicht  zweimal  gesagt  zu
werden;  schnell  waren  alle  Plätze  besetzt.  Nun  gab  es  ein  lustiges
Schmausen,  und  wenn  die  Kuchenschüsseln  leer  waren,  so  wurden
neue  hereingebracht.  Auch  Prinz  Joachim  und  seine  Schwester
hatten  eine  Schüssel  mit  Kuchen  und  teilten  sie  unter  die  Kinder
aus.  Die  Kaiserin  ging  mit  einer  Kanne  von  Platz  zu  Platz  und
schenkte  die  Schokolade  ein.  Und  als  die  Gäste  gesättigt  waren,  da
mußten  die  Mädchen  die  Schürzen  offen  halten  und  Kuchen  für  ihre
Geschwister  und  Eltern  mitnehmen,  die  zu  Hause  geblieben  waren.
Das  war  ein  schöner  Tag,  und  die  Kinder  erzählten  noch  lange  von
dem  Kuchenfest  im  Gemeindehause.