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„Wo  sind  denn  alle  deine  Kinder?“  fragten  die  Regentropfen
den  Bach.

„Ach,  die  Sonnenstrahlen  haben  sie  mir  weggeholt!  Die  sind
immer  so  heiß  und  durstig,  wenn  sie  uns  besuchen,  da  kommen
ihnen  meine  Tröpflein  gerade  recht.“  Da  hatten  nun  die  Regen—
tropfen  wieder  ihre  liebe  Not,  bis  sie  den  armen  Bach  getröstet  hatten.

„Wir  wollen  bei  dir  bleiben  und  deine  Kinder  sein“,  sagten
sie  und  sprangen  zu  ihm  hin.  Es  waren  aber  viele  tausend  Tröpflein
  nötig,  ehe  der  Bach  wieder  so  voll  war  wie  früher.  Ihr  hättet
aber  auch  einmal  sehen  sollen,  wie  froh  und  stolz  er  dann  wieder
daherrauschtel

Nicht  alle  Regentropfen  bekamen  so  viel  von  der  Welt  zu
sehen  wie  die,  die  nun  mit  dem  Bache  weiterreisen  durften;  aber
etwas  erlebten  sie  alle,  manche  sogar  etwas  recht  Niedliches.

Da  waren  welche,  denen  hatte  die  Wolke  gesagt,  sie  sollten
den  großen  Baum  rein  waschen,  der  mitten  auf  der  Wiese  stand.
Das  hatten  sie  getan  und  ruhten  nun  auf  den  grünen  Blättern
von  ihrer  Arbeit  aus.

„Piepl  Piep!“  hörten  sie  da  jemand  sagen.  „Es  ist  doch  gut,
daß  der  Regen  das  große  Reinemachen  besorgt,  es  ist  doch  allemal
eine  sehr  schwere  Arbeit  in  dem  großen  Hause.“

Nun  wußten  die  Tropfen,  daß  der  Baum  einer  Vogelfamilie
zur  Wohnung  diente.  Sie  wollten  aber  die  Familie  gern  einmal
sehen  und  durchsuchten  die  ganze  Wohnung  nach  ihr.  Alle  Zimmer
darin  waren  grün,  es  schien  die  Lieblingsfarbe  der  Vogelfamilie
zu  sein.  Endlich  fanden  sie  sie  im  Schlafzimmer,  das  natürlich  auch
grün  war.  Nur  die  Vogelmutter  und  das  Jüngste  waren  zu  Hause,
das  Kleine  lag  in  der  Wiege  und  piepste.

„Piep!  Sei  ruhig!“  sagte  die  Mutter  und  zog  die  grünen
Wiegenvorhänge  zusammen.  „Hörst  du,  wie  es  draußen  regnet?
Das  ist  gut  für  uns,  da  kommen  alle  Würmchen  und  Käfer  aus
der  Erde  herausgekrochen.  Wenn  du  jetzt  brav  einschläfst,  hole  ich
dir  morgen  ein  paar  recht  fette.“

Da  war  das  kleine  Vogelkind  mäuschenstill.

Was  die  andern  Regentropfen  erlebten.

Oben  am  Himmel  stand  die  Wolkentür  noch  immer  offen,  es
kamen  immer  noch  neue  Tropsen  herunter,  und  alle  wollten  noch

etwas  sehen  und  erleben.
Lesebuch  für  Unterklassen.  Rh.  8