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22.  Die  Karwoche  auf  dem  Dorfe.

Von  Maria  Herbert.

4#  ist  nichts  rührender  als  die  Pflege  des  kirchlichen  Lebens

in  einer  kleinen  Gemeinde,  wo  der  Priester,  der  seine
Herde  segnet  und  ermahnt,  jedes  einzelne  der  zu  ihm  aufgerichteten
  Gesichter  kennt.  Die  ausgetretenen  Steine  tragen  die
Spuren  ganzer  Geschlechter.  An  dem  Taufbecken  wurden  Vater
und  Kindeskind  in  die  christliche  Gemeinschaft  aufgenommen.
In  den  Weihwasserkessel,  in  den  so  oft  die  Hand  sich  gesenkt,
taucht  sich  später  der  Wedel,  der  den  Sarg  jedes  einzelnen
besprengt.  Die  Dorfleute  können  nicht  an  der  Kirche  vorbei;
sie  ist  vielen  eine  halbe  Heimat;  mit  kindlicher  Ehrfurcht  hangen
  sie  an  ihren  Gebräuchen.

Wer  einmal  die  Kartage  und  Ostern  aus  ganzem  Herzen
mitgefeiert  hat  in  einer  Dorfkirche,  vergißt  es  nimmermehr.

Karfreitagsstille!  Müde  und  schläfrig  blinzelt  die  Sonne
herein  durch  die  niedern  Kirchenfenster  und  gleitet  mihmutig
über  die  feuchtkalten  Wände.  Mit  schwarzem  Flor  verhangen
steht  das  Kreuzbüld,  und  die  sieben  Schwerter  ragen  aus  dem
Herzen  der  schmerzhaften  Mutter.  Der  Schein  des  Ewigen
Lichtes  vor  dem  Hochaltar  ist  erloschen;  umgestürzt  liegen  die
Kerzen;  verbannt  sind  die  alten  bunten  Zunftfahnen  von  den
Säulen;  kein  Schellengeläute,  kein  Orgelklang  —  nur  leise,  wie
von  fern,  klingt  das  alte  düstere  Lied  durch  die  enge  arme  Kapelle:
  „Christi  Mutter  stand  mit  Schmerzen.“  Der  alte  Priester
kommt  geneigten  Hauptes  aus  der  Salristei,  und  mit  einem
gewissen  Heimweh  gedenkt  er  der  großen  Pracht,  die  die
katholische  Kirche  an  andern  Orten  heute  entfaltet,  während
er  demütig  durch  die  kleine  Versammlung  schreitet.  Vor  seinem
  Ohr  klingt  das  Miserere  der  Priester,  die  jetzt  in  der
Bischofsstadt  auf  hohem  Chore  versammelt  sind,  während  er
bier  einsam  steht  und  betet:  „Erbarme  dich  meiner,  Herr,  nach
deiner  großen  Barmherzigkeit!““  Aber  auch  hier  finden  die
Worte  ihren  Weg  zu  dem  barmherzigsten  aller  Herzen.  Auf
einem  Seitenaltar  brennt  ein  flackerndes,  unsicheres  Licht  vor
einem  halbverblichenen  Bilde,  darstellend  das  Tuch  der  Veronika.
  Darunter  stehen  Strophen  des  alten  tief  ergreifenden