„Ja,  das  will  ich“,  gelobte  der  Angeklagte  mit  lauter,
feierlicher  Stimme.

„So  komm  her  und  gib  mir  die  Hand  darauf!“

Der  Knabe  streckte  die  kleine  Rechte  über  den  Tisch  hin,
aber  sie  hatte  einen  festen  Griff,  einen  so  festen,  daß  dem
Mann  hinter  dem  grünen  Tisch  ein  feuchter  Glanz  in  die
Augen  stieg.

„Halte  dein  Wort,“  sprach  er,  die  Kinderhand  mit  seiner
Rechten  umsiuießend,  „damit  dein  Vergehen  dir  zum  Segen
Eereiche  und  du  von  deinem  Fehl  erstehest  als  ein  besserer
Mensch;  und  noch  eins  —  nimm's  als  Geschenk  zum  Heiligen
Christ,  daß  du  unbestraft  aus  diesem  Hause  gehen  magst.“

Der  Mann,  der  Vater,  brach  in  ein  lautes  Schluchzen  aus,
der  Knabe  aber  schaute  groß  zu  dem  menschenfreundlichen
Richter  auf  und  neigte  sich  dann  vor  ihm,  keines  Wortes
mächtig.

Ein  paar  Augenblicke  später  standen  sie  draußen,  Vater
und  Sohn,  ohne  recht  zu  wissen  wie,  und  vor  ihnen,  weiß  besämeit
  und  regungslos  wie  eine  Bildsäule,  stand  das  Weib
und  starrte  ihnen  entgegen  mit  Augen,  aus  denen  die  Todesangst
  glühte.

„Nein,  nein,  Mutter,““  stammelte  der  Mann,  „gräm  dich
nicht,  Mutter,  er  ist  frei,  er  ist  kein  bestrafter  Mensch!““  —

Da  stürzte  sie  laut  weinend  ihrem  Mann  in  die  Arme;
auf  das  Schreckliche  war  sie  gefaßt  gewesen,  auf  die  Freude
nicht.  Und  sie  gingen  miteinander  Hand  in  Hand  durch  den
wirbelnden  Schnee  und  unter  dem  feierlichen  Geläute  der
Christglocren  an  den  Häusern  voll  weihnachtsfroher  Menschen
Vorbei,  ohne  ein  Wort  zu  reden,  nur  fest  sich  aneinander  auklammernd.
  Da  und  dort  glänzte  sie  ein  Bäumchen  aus  niedrigem
  Erdgeschoß  an,  oder  aus  irgendeinem  Stockwerk  von
oben  brach  ein  Lichtmeer  über  den  Weg;  auch  jubelnde  Kinderstimmen
  drangen  gedämpft  in  die  jettt  stillen,  menschenleeren
Gassen.  —

Die  drei  waren  ganz  warm  geworden  von  ihrem  inneren
Glück,  trot  der  weißen  Schneekruste,  die  sich  über  sie  gelegt;
sie  eilten  nicht  heim,  denn  ihrer  wartete  kein  Bäumcben,  keine
Bescherung  und  Oberraschung,  sie  hatten  ihr  Geschenk  schon
erhalten,  das  größte,  das  ihnen  hatte  werden  können  —  das
göttliche  Geschenk  ihrer  Ehre,  ihrer  unangetasteten  Menschenwürde.
