hier  habe  ich  die  klarsten  Veweise  für  mein  gutes  Recht,  und  doch
kann  ich  armer  Mann  es  gegen  den  mächtigen  Junker  und  die
ungerechten  Richter  nicht  behaupten.“  Damit  warf  er  das  Bündel
Papier,  das  er  unter  dem  Arme  trug,  auf  die  Erde.  „Laßt  doch
sehen",  sagte  der  Narr,  nahm  die  Papiere,  setzte  sich  auf  einen  Stein
und  begann  zu  lesen.  „Die  Schelme,  die  Schelme“.  rief  er  aus  und
schüttelte  dabei  mit  dem  Kopfe.  „Hört,  guter  Freund,  ich  will  Euch
helfen,  wenn  Ihr  mir  folgen  wollt.“  Der  Bauer  war  damit  zufrieden.
  Dann  gingen  die  beiden  zu  den  Glöcknern  der  Stadt,  und
der  Vauer  gab  sein  letztes  Geld  dahin,  damit  sie  alle  zur  Mittagstunde
  die  Totenglocken  läuten  sollten.

Der  Bauer  aber  stellte  sich  auf  den  Hof  des  Schlosses,  wo  der
Herzog  sein  Mittagsmahl  zu  halten  pflegte.  Als  dieser  nun  bei
Tisch  saß  und  hörte,  wie  alle  Glocken  der  Stadt  läuteten:  Bum  —
bam,  bum  —  bam,  da  fragte  er  seine  Hofleute,  was  für  ein  vornehmer
  Mann  denn  gestorben  sei.  „Ja,  Herzog,"  rief  da  der  Narr
laut  über  den  Tisch  hinüber,  „das  ist  fürwahr  ein  trauriges  Geläute;
darob  werden  heute  und  immerdar  noch  gar  viele  Augen  weinen.
Deines  Landes  Zierde  ist  dahin,  das  gute  Recht  liegt  auf  der  Bahre
und  wird  heute  zu  Grabe  getragen.“  Da  fuhr  der  Herzog  zornig
empor:  „Wie  wagst  du  solches  zu  sagen,  Narr?"  „Herr  Herzog,
weil  die  Narren  die  Wahrheit  sagen,  wenn  die  Weisen  sie  aus  Klugheit
  verschweigen“,  versetzte  der  Narr  und  berichtete  nun  die  Sache
des  Bauern.  Dann  holte  er  diesen  mit  seinen  Papieren  herbei  und
bewies  alles  aufs  klarste.  Der  Herzog  hob  den  ungerechten  Urteilsspruch
  auf  und  jagte  die  Richter  davon.  Dem  Bauern  aber  gab  er
alles,  was  sein  eigen  war,  zurück.

54.  Das  Ei  des  Kolumbus.  Von  Friedrich  Forster.

De-  Kardinal  Mendoza  veranstaltete  dem  Entdecker  Amerikas  zu
Ehren  ein  Fest.  Er  spendete  ihm  in  einer  Rede  großes  Lob.
Die  anwesenden  Herren  nahmen  es  übel  auf,  daß  einem  Ausländer,
noch  dazu  einem  Manne,  der  nicht  einmal  von  vornehmer  Herkunft
sei,  so  große  Auszeichnung  erwiesen  würde.  „Mich  dünkt,“  hub
einer  der  königlichen  Kammerherren  an,  „der  Weg  nach  der  sogenannten
  Neuen  Welt  war  nicht  so  schwer  zu  finden;  der  Ozean
stand  überall  offen,  und  kein  spanischer  Seesahrer  würde  den  Weg
verfehlt  haben.“  Mit  vornehmem  Gelächter  gab  die  Gesellschaft
dieser  Außerung  ihren  Beifall  zu  erkennen,  und  mehrere  Stimmen
riefen:  „Oh,  das  hätte  ein  jeder  von  uns  gekonnt!“