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Was  sind  so  ängstlich  ihre  nächt'gen  Träume?
Was  scheint  die  Sonne  durch  so  öde  Räume?
—  Auch  heute  kam  kein  Brief,  auch  heute  nicht.

2.  Seit  Wochen  weckte  sie  der  Lampe  Schein,
Hat  bebend  an  der  Stiege  sie  gelauscht;
Wenn  plötzlich  am  Gemäuer  knackt  der  Schrein,
Ein  Fensterladen  auf  im  Winde  rauscht  —
Es  kommt,  es  naht,  die  Sorgen  sind  geendet!
Sie  hat  gefragt,  sie  hat  sich  abgewendet
Und  schloß  sich  dann  in  ihre  Kammer  ein.

3.  Kein  Lebenszeichen  von  der  liebsten  Hand,
Von  jener,  die  sie  sorglich  hat  gelenkt,
Als  sie  zum  erstenmal  zu  festem  Stand
Die  zarten  Kindersüßchen  hat  gesenkt;
Versprengter  Tropfen  von  der  Quelle  Rande,
Harrt  sie  vergebens  in  dem  fremden  Lande;
Die  Tage  schleichen  hin,  die  Woche  schwand.

4.  Was  ihre  rege  Phantasie  geweckt?
Ach,  eine  Leiche  sah  die  Heimat  schon,
Seit  sie  den  unbedachten  Fuß  gestreckt
Auf  fremden  Grund  und  hörte  fremden  Ton;
Sie  küßte  scheidend  jung'  und  frische  Wangen,
Die  jetzt  von  tiefer  Grabesnacht  umfangen;
Ist’s  Wunder,  daß  sie  tödlich  aufgeschreckt?

5.  In  Träumen  steigt  das  Krankenbett  empor,
Und  Züge  dämmern  wie  in  halber  Nacht;
Wer  ist's?  —  Sie  weiß  es  nicht  und  spannt  das  Ohr,
Sie  horcht  mit  ihrer  ganzen  Seele  Macht;
Dann  fährt  sie  plößlich  auf  beim  Windesrauschen
Und  glaubt  dem  matten  Stöhnen  noch  zu  lauschen
Und  kann  erst  spät  begreifen,  daß  sie  wacht.

6.  Doch  sieh,  dort  fliegt  sie  übern  glatten  Flur,
Ihr  aufsgelöstes  Haar  umfließt  sie  rund,
Und  zitternd  rust  sie  mit  des  Weinens  Spur:
„Ein  Brief,  ein  Brief,  die  Mutter  ist  gesund!“
Und  ihre  Tränen  stürzen  wie  zwei  Quellen,
Die  übervoll  aus  ihren  Usern  schwellen.
Ach,  eine  Mutter  hat  man  einmal  nur!