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65.  Der  erste  Wochenlohn.

Der  langersehnte  Tag  war  gekommen,  meine  Lehrzeit  war  beendet.
Mein  Meister  erklärte,  er  wolle  mich  in  Arbeit  behalten,  und
bot  mir  2,50  Mark  Tagelohn.  In  meiner  Lehrzeit  hatte  ich  nur  Kost
und  Wohnung  gehabl.  Mit  klopfendem  herzen  eille  ich  nach  hause,
um  meinen  Eltern  die  gute  Nachricht  zu  bringen.

„Gut,“  sagte  mein  Vater,  „du  bist  nun  Geselle  und  dein  eigener
Uerr.  Sieh  wohl  zu,  wie  du  deine  Freiheit  benützt,  mein  Sohn:
wenn  du  auch  nicht  reich  wirst,  so  hoffe  ich  doch,  daß  du  einmal
beinen  Uindern  einen  ehrlichen  Tamen  hinterläßt.“

Meine  Mutter  sah  mich  schweigend  und  traurig  an.  Endlich
wandte  ich  mich  wieder  an  meinen  Vater.  „Wie  geht  es  mit  deinem
Geschäft?“  fragte  ich.

„Ja,  es  geht  eben  nicht  flokt,  mein  Sohn.  Hin  und  wieder
fällt  eine  Reparaturarbeit  für  mich  ab,  und  so  haben  wir  unser  Auskommen,
  von  der  Hand  in  den  Mund.“

„Habt  ihr  augenblicklich  etwas  Geld  nötig?“  fragte  ich  schüchtern.
  Keine  Antwort  erfolgte.  Endlich  sagte  meln  Dater:  „Darum
sollst  du  dich  nicht  bekümmern,  mein  Sohn.  Bisher  hat  uns  Gott
gegeben,  was  wir  brauchten.  Denke  daran,  daß  du  dein  Geld  selber
nötig  hast.  Der  Winter  steht  vor  der  Tür,  und  deine  Stiefel  und
deine  Mleider  sind  nicht  in  der  besten  Verfassung."

„Oh,  so  schlimm  ist  es  denn  doch  noch  nicht“,  sagte  ich.  Meine
Mutter  sah  mich  noch  immer  schweigend  und  traurig  an;  mir  wurde
ganz  wunderlich  zumute.  Ich  stellte  mich  neben  meine  Mutler  an
die  alte  Kommode,  wo  bis  vor  drei  Jahren  mein  Beit  gestanden
hatle.  „Diese  Mommode  muß  fort!"  sagte  ich  halblaut.  „Warum
denn?“  fragte  meine  Mutler.  „Jo,  hier  soll  mein  Bett  wieder  stehen.“
Da  sah  ich  eine  Freudenträne  im  Auge  der  Mutter.  Mein  Bett
wurde  wieder  auf  seinen  allen  Hlatz  gestellt,  und  jeden  Abend  kam
ich  nach  hause;  aber  meine  Eltern  sprachen  gar  nicht  über  meinen
Wochenlohn.

Endlich  kam  der  Sonnabend,  ich  hielt  15  blanke  Markstücke  in
meiner  Hand  und  war  außer  mir  vor  Freude.  Ghne  mich  lange  zu
bedenken,  eilte  ich  nach  Hause,  legte  meiner  Mutter  das  Geld  in  die
Hand  und  fiel  meinem  Valer  in  die  Arme.  Und  mein  Dater  legte
seinen  Arm  um  meinen  Nacken,  während  seine  Augen  naß  wurden.
„Du  weißt  nicht,  welche  Angst  wir  deinetwegen  ausgestanden  haben"“,
sagte  er.  „Wir  zweifelten  nicht  an  deiner  Mindesliebe,  aber  in  deinem
Aller  gibt  man  leicht  den  Dersuchungen  nach,  deren  es  in  einer  so
großen  Stadt  viele  gibt.  Wir  sehen  beständig,  daß  viele  arme  Ellern