67.  Das  Erkennen.  Von  Johann  Nepomuktk  Vogl.

Ein  Wanderbursch  mit  dem  Stab  in  der  Hand

Kommt  wieder  heim  aus  dem  fremden  Land.
Sein  Haar  ist  bestäubt,  sein  Antlig  verbrannt  —
Von  wem  wird  der  Bursch  wohl  zuerst  erkannt?

2.  So  tritt  er  ins  Städtchen  durchs  alte  Tor,
Am  Schlagbaum  lehnt  just  der  Zöllner  davor.
Der  Zöllner,  der  war  ihm  ein  lieber  Freund,
Oft  hatte  der  Becher  die  beiden  vereint.

3.  Doch  sieche  —  Freund  Zollmann  erkennt  ihn  nicht,
Zu  sehr  hat  die  Sonn’  ihm  verbrannt  das  Gesicht.
Und  weiter  wandert  nach  kurzem  Gruß
Der  Bursche  und  schüttelt  den  Staub  vom  Fuß.

4.  Da  schaut  aus  dem  Fenster  sein  Schätel  fromm:
„Du  blühende  Jungfrau,  viel  schönen  Willkomm!“
Doch  sieh  —  auch  das  Mägdlein  erkennt  ihn  nicht,
Die  Sonn’  hat  zu  sehr  ihm  verbrannt  das  Gesicht.

5.  Und  weiter  geht  er  die  Strab’  entlang,
Ein  Tränlein  hängt  ihm  an  der  braunen  Wang“.
Da  wankt  von  dem  Kirchsteig  sein  Mütterchen  her;
%°  Cott  grüß’  Euch!“  So  spricht  er  und  sonst  nichts  mehr.

6.  Doch  siech  —  das  Mütterchen  schluchzet  voll  Lust:
„Mein  Schn!“  —  und  sinkt  an  des  Burschen  Brust.
Wie  sehr  auch  die  Sonne  sein  Antlitz  verbrannt,

Das  Mutteraug’  hat  ihn  doch  gleich  erkannt.

68.  Deuke  an  die,  die  dich  liebhaben!
Von  Karl  Storch.

Ein  Sohn,  der  in  die  Ferne  zieht,  hat  keine  Ahnung  davon,  daß

er  einen  leeren  Plah  im  Elternhause  zurückgelassen  hat.  Er
stürmt  hinaus,  als  ob  die  Welt  nicht  weit  genug  sei.  Des  Zwanges
ledig,  will  er  seine  Freiheit  mit  vollen  Zügen  genießen.  Er  denkt
dabei  an  nichts  Böses,  und  fern  liegt  es  ihm,  die  Geliebten  daheim
betrüben  zu  wollen;  aber  der  Gedanke  an  die,  die  ihn  liebhaben,
tritt  vor  der  Fülle  neuer  Erscheinungen  unmerklich  und  leise  zurück.