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Elternherzen  merken  das  zunächst  an  den  Briefen.  Anfangs  wird
auf  vier  enggeschriebenen  Seiten  von  all  der  Herrlichkeit  berichtet,
die  sich  dem  jungen  Auge  mit  jedem  neuen  Tage  ausschließt,  und
solche  Briefe  gehen  im  Familienkreise  von  Hand  zu  Hand  und  werden
  mit  stets  neuer  Freude  gelesen.  Dann  werden  die  Briefe  seltener,
  spärlicher  und  kürzer,  beginnen  mit  der  Phrase:  „Eigentlich
Neues  weiß  ich  nicht  zu  melden“  und  schließen  mit  dem  verlegenen
  Worte:  „Die  Zeit  drängt.“  Dann  werden  aus  Briefen  geschäftsmäßige
  Postkarten  und  aus  diesen  endlich  Ansichtskarten,  auf
denen  weniger  als  nichts  steht.  Da  ist  denn  der  Zeitpunkt  gekommen,
  wo  dem  Sohne  allen  Ernstes  die  dick  unterstrichene  Mahnung
zugestellt  werden  muß:  „Denke  an  die,  die  dich  liebhaben!“

Sollte  irgendein  Sohn  oder  eine  Tochter  diese  Zeilen  lesen,
so  mögen  sie  sich  sagen:  Es  gibt  nichts  in  deinem  Leben,  was  deinen
Vater  und  deine  Mutter  nicht  interessierte!  Und  du  magst  schreiben,
was  du  willst,  und  ob  du  von  deinem  Mittagstisch  erzählst  oder
von  deinem  kleinen  Stübchen,  ob  du  von  neuen  Bekannten  sprichst
oder  von  einem  Spaziergang,  den  du  am  Sonntag  gemacht  hast  —
alles,  alles,  was  du  erlebst,  was  du  empfindest,  hat  für  das  Elterngemüt
  eine  Bedeutung.  Du  sollst  dich  darüber  nicht  mit  Redensarten
  hinwegtäuschen,  als  ob  Dinge  und  Verhältnisse,  die  du  nur
aus  der  Ferne  schildern  kannst,  die  lieben  Deinen  nichts  angingen.
Kann  ich  dir  einen  guten  Rat  geben,  so  stellst  du  anstatt  des  beliebten
  Spruches:  „Mensch,  ärgere  dich  nicht!“  jenen  andern,  bei
weitem  segensvolleren  auf  deinen  Schreiblisch  oder  auch  auf  dein
Nachtlischchen:  „Denke  an  die,  die  dich  liebhaben!“

In  der  Tat:  ein  Blick  nur  auf  diesen  Spruch,  und  manchem
Sohne  müßte  das  Herz  schlagen.  Da  müht  sich  ein  Vater  jahraus,
jahrein  mit  Aufgebot  aller  seiner  Kräfte,  schafft  vom  Aufgang  bis
zum  Niedergang  der  Sonne.  Er  deukt  nicht  daran,  daß  sein  Scheitel
grau  wird  und  sein  Auge  glanzlos;  er  denkt  nur  immer  an  das  eine,
daß  er  dem  Sohne  das  Nest  behaglicher  ausstatten  möchte,  als  er
es  selbst  gehabt  hat.  Und  eine  alte  Mutter  spart  sich  den  kärglichen
  Bissen  vom  Munde  ab,  zählt  die  Torsstücke,  die  sie  in  das

Hanonenöfchen  stecken  darf,  sitzt  noch  spät  bei  der  dürftigen  Lampe
und  strickt  und  stopft  und  bessert  und  ist  glücklich,  wenn  sie  das
Wäschekistchen  auf  die  Post  tragen  kann.  Derweil  lebt  der  „Herr“
Sohn  in  den  Tag  hinein  und  redet  von  seinem  „Alten“  und  von
seiner  „Alten“  und  möchte  Wunder  was  für  Vorstellungen  von  dem
Neste  erwecken,  dem  er  entstammt.  Wer  doch  diese  „Herren“  Söhne
mit  grimmer  Faust  am  Gewissen  packen  könnte:  „Denkt  an  die,
die  euch  liebhaben!“