komme  ich  ja  doch  nie  mehr  dazu,  damit  zu  spielen.“  Und  sie
brach  in  Tränen  aus.  —  „Aun  wird  Anneliese  ein  braves,  vernimftiges
  Mlädchen  werden“,  entgegnete  ihre  Mutter.  „Denbe  daran,
  sooft  du  monatlich  mit  fünf  Mark  kommst!  Das  ist  etwas
anderes  als  mit  der  Puppe  spielen.“

Die  Tränen  trochneten  ein  wenig,  und  die  Sonne  schien  so
freundlich  auf  Annellese,  als  wollte  sie  sagen:  Ich  komme  ja  überall
  mit,  wo  du  auch  hin  gehstl

Ein  wenig  später  saß  Anneliese  als  Kindermädchen  bei  Müllersleuten
  draußen  vor  der  Stadt  an  der  Wiege  und  wiegte  einen
kleinen  Jungen  so  still  und  ernsthaft,  daß  man  denken  Ronnte,  sie
wäre  vierundzwanzig,  aber  nicht  vierzehn  Jahre.  Sie  wiederholte
sich  immer  wieder,  was  ihre  Mutter  ihr  eingeprägt  hatte  beim  Abschied:
  „Nie  darfst  du  lügen,  und  wenn  es  noch  so  schlimm  wäre,
was  du  gemacht  hast,  sage  die  Wahrheit,  die  reine  Wahrheit!  —
Aie  darsst  du  anrühren,  was  dir  nicht  gehört,  und  wenn's  noch
so  gering  wäre.  Auch  darsst  du  nichts  nachtragen  und  nicht  klatschen.“
  Anneliese  fing  schon  an,  sich  darauf  zu  freuen,  wenn  sie
eimmal  nach  der  Wutter  sehen  würde.  Wieviel  würde  es  da  zu
erzählen  geben!  Sie  hatte  ja  so  viel  Neues  gesehen;  hier  war
alles  so  groß  im  Vergleich  mit  ihrem  kleinen  Heim.

Allmählich  aber  kamen  trübe  Zeiten  für  das  kleine  Kindermädchen.
  Die  Müllersfrau  wurde  sehr  krank,  und  Anneliese  mußte
deshalb  nicht  bloß  am  Tage  auf  den  kleinen  Jungen  passen,  sondern
auch  des  Nachts.  Das  war  nicht  so  leicht!  Auch  kam  der  Müller
ab  und  zu  in  die  Schlaftammer  des  Jungen,  wenn  er  nachts
den  Kleinen  schreien  hörte,  um  zu  sehen,  ob  Anneliese  auch  nicht
schlafe.  Aber  er  traf  sie  immer  wach  und  auf  ihrem  Posten.  Anneliese
  gewöhnte  sich  schnell  ans  Wachwerden,  sobald  der  Kleine  sich
rührte,  und  auch  daran  gewöhnte  sie  sich,  daß  die  Mläuse  in  der
Aacht  von  allen  Seiten  hnabberten.  Es  war  nämlich  eine  Unmenge
  Mäuse  in  der  Mühle.  Sie  ängstigte  sich  freilich  manchmal
des  Nachts  vor  dem  klappernden  Geräusch,  wenn  der  Sturm  die
Muhlenflũgel  schüttelte  oder  durch  die  Aste  der  Linde  vorm  Hause
jagte,  so  daß  die  Zweige  an  das  Fenster  klopften;  aber  dann  betete
  sie  ihr  Baterunser  und  schlief  bald  ruhig  ein.

Eines  Tages,  als  sie  in  die  Küche  kam,  um  Milch  für  den
Kleinen  zu  Rochen,  lag  eine  kleine  Maus  in  dem  großen  Milchtopf
und  arbeitete  mit  aller  Macht,  an  den  glatten  Seiten  des  Topfes
in  die  Höhe  zu  kommen.  „Hal  Du  trinkst  also  meines  kleinen
Jungen  Milch,  du  Diebl“  sagte  sie  und  fischte  den  kleinen  Sünder
mit  dem  Löffel  heraus.