–  95  —

„Der  andere!“  stöhnte  mein  Alter  in  sich  hinein,  und  ich  fiel
in  Ohnmacht  zu  Boden.

Da  vor  der  großen  Franzosenstadt  Paris  muß  ein  Berg  sein
—  ich  kann  den  Namen  nicht  ordentlich  aussprechen  —,  von  wo
man  die  Stadt  ganz  übersehen  kann.  Da  schossen  sie  zum  letztenmal
  aufeinander,  und  da  ist  auch  dem  Wilhelm  eine  Kugel  mitten
durch  die  Brust  gegangen,  wie  der  Kamerad  schrieb,  und  da  ist  er
begraben  mit  vielen,  vielen  andern  aus  Deutschland.  —

Das  ist  meine  Geschichte.  Den  Franzosen  aber  kurierten  wir
aus,  und  mein  Alter  gab  ihm  einen  Zehrpfennig  und  brachte  ihn
an  das  Tor,  wo  der  Weg  nach  Frankreich  geht,  den  auch  meine
Jungen  gezogen  waren,  sah  ihn  da  abhumpeln  und  kam  wieder
nach  Haus,  murmelnd:  „Nit  raus,  nit  raus!“

Gott  hab'  ihn  selig,  den  Mann,  es  war  ein  wunderlicher,  dein
Vater,  Annchen.

90.  Leutnant  und  Rekrut.  Von  Emil  Frommel.

n  dem  großen  Parke  hinter  einem  altertümlichen  Schlosse  der
Mark  Brandenburg  sagte  ein  Vater  zu  seinem  Sohne  Kurt:
„Junge,  halt  dich  brav!“  Und  die  Mutter  fügte  zum  Abschiede  noch
etwas  Besonderes  hinzu.  „Kind,  Kind!“  sagte  sie;  „es  lernt  niemand
  befehlen,  er  gehorche  denn  zuerst.  In  dieser  Welt  braucht
einer  den  andern;  verachte  niemand,  er  sei,  wer  er  wolle;  nur
das  Schlechte  und  Gemeine  hasse  von  ganzer  Seele.  Habe  Geduld
mit  dir  und  mit  den  andern,  versprich  es  mir!“  —

Auch  für  einen  Bauernsohn  aus  Westfalen  rückte  die  Zeit
herbei,  da  er  unter  die  Soldaten  mußte.  Er  fuhr  mit  dem  Vater
zur  Stadt.  Groß  und  breitschulterig  trat  er  vor  die  gestrengen
Herren.  Und  der  Doktor  und  der  General  sagten  aus  einem
Munde:  „Kürassier!  Rechts  um  —  marsch!“  und  kein  Wörtlein
sonst  dazu.  Als  Vater  und  Sohn  miteinander  heimfuhren,  saß
der  Junge  still  in  sich  versunken  da.  Der  Vater  sagte  auch  nichts,
aber  jeder  hatte  so  seine  Gedanken.  War's  doch  sein  einziger  Sohn,
auf  dem  seine  Hoffnung  ruhte.

Nun  geschah's  im  Jahre  1868  im  Herbste,  daß  die  Rekruten
mit  ihren  Zwerchsäcken  in  die  Garnison  einrückten  und  unter  ihnen
auch  unser  Bauernsohn  aus  Westfalen.  Hinter  ihm  lag  die  Heimat
mit  all  dem,  was  sie  Liebes  und  Teures  hatte.  Am  folgenden
Tage  ward  er  eingekleidet.  Er  beschaute  sich  und  kannte  sich  selbst