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99.  Das  Glockenwunder.  Bon  Robert  Walter.

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Üee#-  der  Pfalz  zu  Aachen  lag  weit  ein  heißer,  zitternder  Sommertag.


Durch  den  weißen  Staub  der  engen  Gassen  an  den  Lehm-  und
Holzhütten  vorbei  trappten  und  stapften  die  schnellen  Füße  der  Vorübereilenden.
  Die  Hast  zog  sich  mit  Gekreisch,  Lachen  und  Schwatzen
nach  dem  Teil  der  Ansieblung,  der  prächtig  und  fest  aus  Steinen
erbaut  war.  Dort  vollzog  sich  heute  das  seltenfte  Fest  der  Gottesfeier.
  Kaiser  Karl  der  Große  war  vor  Tagen  mit  seinem  ganzen
Hofstaat  aus  Italien  heimgekehrt.  Nun  begannen  wieder  die  fröhlichen
  Wochen  des  Jahres.

In  der  Nachener  Pfalz  strömten  schimmernde  Pracht  und  bittere
Armut  zusammen:  Fürsten.  Grafen  und  Herren,  geistliche  und  weltliche,
  Abgesandte  aller  Länder,  die  dem  Mächtigen  treue  Ergebenheit
bezeugten,  Sänger  und  Spieler,  Gaukler  und  Fahrende,  Dankende
und  Bittende,  mit  Geschenken  und  frommen  Spenden  beladen,  reisige
Ritter  und  Mannen.

Durch  den  Dunst  strahlten  und  prunkten  die  stolzen  Türme
des  Mariendomes.  Gewaltig  und  erhaben  wie  ein  Werk  Gottes  lag
er  da,  wie  eine  ragende  steinerne  Burg  des  Allmächtigen.  Dorthin
strömte  das  Volk,  um  die  wirkenden  Wunder  zu  schauen,  von  denen
man  in  allen  Landen  mit  lauten  Zungen  rühmte.  Koaiser  Karl  hatte
ihn  errichtet.  Zehn  Jahre  lang  baute  ein  Heer  von  Meistern  und
Gesellen  aus  allen  Ländern  daran,  Tag  für  Tag.  Nun  war  das
Werk  getan.  Fromme  prophetische  Bilder  schmückten  die  Gewölbe
und  Decken  und  Kuppeln,  und  an  den  Wänden  wehten  prächtig  gewebte
  Teppiche  herab.  Hochoben  aber  auf  dem  Chore  standen
zwei  Orgeln,  von  welschen  Meistern  gefertigt,  die  die  Wunder  des
Ewigkeitswerkes  wie  mit  himmlischen  Tönen  preisen  sollten.

Auf  dem  großen  Platze  vor  dem  Dome  verweilte  die  Menge.
Niemand  durfte  vor  dem  Kaiser  das  Gotteshaus  betreten.  Man
bestaunte  und  lobte  das  Werk,  desgleichen  man  nie  gesehen  hatte,
und  ließ  die  Blicke  an  den  wuchtigen  Türmen  aufwärts  bis  in  den
Himmel  schweifen.  Die  große  Glocke  sollte  das  Zeichen  geben,  wenn
der  Kaiser  kam.  Aber  sie  schwieg  noch,  und  immer  leiser  wurde
das  Gemurmel  im  Volke.

In  dem  Vorzimmer  zum  Kaisersaal  standen  die  hohen  Würdenträger,
  die  Kämmerer,  Kardinäle  und  Bischöfe,  mit  ihnen  die  Meister
des  Domes,  die  Stein=  und  Farbenkünstler,  Glockengießer  und  Sänger,
und  harrten  auf  den  Befehl  des  Kaisers,  mit  der  Feier  zu  beginnen.