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Eine  Stunde  der  Versuchung.

Von  Bertold  Auerbach.

#  weiß  wohl,“  sagte  der  Tischler  Stuber  auf  dem  Sterbe-1
  bett,  „ich  hab’  viele  Sünden  begangen  und  vieles  Gute
unterlassen,  das  ich  hätte  tun  können.  Wenn  ich  aber  denke,
wie  ich  die  Versuchung  bestanden,  da  kühlt  mir's  das  heiße
Kissen,  und  ich  atme  leichter.

Und  doch,“  begann  er  wieder,  „wenn  man's  genau  besieht,
  ist  eigentlich  nichts  dran.  Ich  war  nur  nicht  schlecht;
aber  ich  war  in  großer,  schwerer  Versuchung,  und  ich  hätte
mich  nicht  mein  Leben  lang  so  zu  plagen  gehabt  und  könnte
meinen  Kindern  jetzt  ein  schönes  Erbe  binterlassen.  Es  ist
jetzt  Winter  und  ist  Nacht,  und  ich  liege  da  und  kann  mich
nicht  rühren.  Aber  wenn  ich  mich  jener  Stunde  erinnere,  ist
Sommer,  ist  heller,  schöner  Abend,  und  ich  stehe  noch  in  den
besten  Jahren  und  höre  ganz  deutlich  den  Kupferschmied  neben
dem  Hause  des  Stot  einen  Kessel  klopfen.  —

Es  war  ein  paar  Tage  nach  dem  Tode  des  Holzhändlers
Stotz.  Er  war  ein  kluger  Kopf.  Er  hat  nicht  bloß  Stämme
nach  Holland  geschickt,  er  hat  zwei  Sägemühlen  angelegt,  den
größten  Teil  der  Stämme  versägen  lassen  und  damit  viel  an
Arbeitslohn  verdient.  Er  war  ein  harter  Mann,  und  Sie  wissen
ja,  wie  er  gestorben  ist  —  von  einem  Baum  im  Gewitter  erschlagen.
  Ich  gehe  also  nach  seinem  Hause  und  trete  in  die
Schreibstube,  gleich  rechter  Hand,  wenn  man  zur  Tür  hereinkommt.
  Wie  ich  eintrete,  steht  der  Buchhalter,  ich  nenne
keinen  Namen  und  bitte,  forschen  Sie  auch  nicht  nach  —  der
Buchhalter  steht  also  an  dem  eichenen  Pult,  hat  beide  Ellenbogen
  auf  das  Pult  aufgelegt  und  hält  den  Kopf  mit  den  Händen.
  Er  schaut  auf,  wie  ich  eintrete,  und  sagt:  Eil  Herr
Stuber,  Sie  erwarte  ich  schon.“

„Ich  will  eigentlich  zur  Witwe  des  Stotz“  erwidere  ich;
„aber  ich  kann  doch  nicht  da  vorbeigehen  und  will-  zuerst  mit
Ihnen  reden.  Sie  wissen,  ich  bin  dem  Verstorbenen  Geld
schuldig.“  .

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nach  einem  Papier.  Hier  ist  lhr  Schuldschein;  ich  habe  ihn
beiseitegelegt,  er  ist  noch  nicht  ins  Buch  eingetragen.“

Ja,  ja,  und  da  wollte  ich  eben  der  Witwe  sagen".

„Sie  weiß  nichts  davon  und  sonst  niemand  als  wir.“

lch  will  nur  gleich  hinaufgehen,  ich  komme  bald  wieder.“

Lesebuth  für  Cberklassen.  #h.  8