—  118  —

105.  Der  Wunschring.

LVon  Richard  von  Volkmann-Leander.

Ein  junger  Bauer,  mit  dem  es  in  der  Wirtschaft  nicht  recht  vorwärtsgehen
  wollte,  saß  auf  seinem  Pfluge  und  ruhte  einen
Augenblick  aus,  um  sich  den  Schweiß  vom  Angesichte  zu  wischen.
Da  kam  eine  alte  Hexe  vorbeigeschlichen  und  rief  ihm  zu:  „Was
plagst  du  dich  und  bringst's  doch  zu  nichts?  Geh  zwei  Tage  lang
geradeaus,  bis  du  an  eine  große  Tanne  kommst,  die  frei  im  Walde
steht  und  alle  andern  Bäume  überragt.  Wenn  du  sie  umschlägst,
ist  dein  Glück  gemacht.“  ç

Der  Bauer  ließ  sich  das  nicht  zweimal  sagen,  nahm  sein  Beil
und  machte  sich  auf  den  Weg.  Nach  zwei  Tagen  fand  er  die  Tanne.
Er  ging  sofort  daran,  sie  zu  fällen,  und  in  dem  Augenblicke,  wo  sie
umstürzte  und  mit  Gewalt  auf  den  Boden  schlug,  fiel  aus  ihrem
höchsten  Wipfel  ein  Nest  mit  zwei  Eiern  heraus.  Die  Eier  rollten
auf  den  Boden  und  zerbrachen,  und  wie  sie  zerbrachen,  kam  aus
dem  einen  Ei  ein  junger  Adler  heraus,  und  aus  dem  andern  siel
ein  kleiner  goldener  Ring.  Der  Adler  wuchs  zusehends,  bis  er  wohl
halbe  Manneshöhe  hatte,  schüttelte  seine  Flügel,  als  wollte  er  sie
probieren,  erhob  sich  etwas  über  die  Erde  und  rief  dann:  „Du  hast
mich  erlöst.  Nimm  zum  Danke  den  Ring,  der  in  dem  andern  Ei
gewesen  ist!  Es  ist  ein  Wunschring.  Wenn  du  ihn  am  Finger  umdrehst
  und  dabei  einen  Wunsch  aussprichst,  wird  er  alsbald  in  Erfüllung
  gehen.  Aber  es  ist  nur  ein  einziger  Wunsch  im  Ringe.  Ist
der  getan,  so  hat  der  Ring  alle  weitere  Kraft  verloren  und  ist  nur
wie  ein  gewöhnlicher  Ring.  Darum  überlege  dir  wohl,  was  du  dir
wünschest,  auf  daß  es  dich  nicht  nachher  gerene.“

Darauf  erhob  sich  der  Adler  hoch  in  die  Luft,  schwebte  lange
noch  in  großen  Kreisen  über  dem  Haupte  des  Bauern  und  schoß
dann  wie  ein  Pfeil  nach  Morgen.

Der  Bauer  nahm  den  Ring,  steckte  ihn  an  den  Finger  und
begab  sich  auf  den  Heimweg.  Als  es  Abend  war,  langte  er  in  einer
Stadt  an;  da  stand  der  Goldschmied  im  Laden  und  hatte  viele  köstliche
  Ringe  feil.  Da  zeigte  ihm  der  Bauer  seinen  Ring  und  fragte
ihn,  was  er  wohl  wert  wäre.  „Einen  Pappenstiel!“  versetzte  der
Goldschmied.  Da  lachte  der  Bauer  laut  auf  und  erzählte  ihm,  daß
es  ein  Wunschring  sei  und  mehr  wert  als  alle  Ringe  zusammen,
die  jener  feilhielte.  Der  Goldschmied  aber  war  ein  falscher,  ränkevoller
  Mann.  Er  lud  den  Bauern  ein,  über  Nacht  bei  ihm  zu
bleiben,  und  sagte:  „Einen  Mann  wie  dich  mit  solchem  Kleinode
zu  beherbergen,  bringt  Glück;  bleibe  bei  mir!“  Er  bewirtete  ihn