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119.  Die  Barmherzige  Schwester.
Von  Friebrich  Rahel.

J  dem  kleinen  Neuen  Testament  las  ich  manchmal  im  ersten  Korintherbriefe
  die  Stelle:  „Die  Liebe  hört  nimmer  auf.“  Seit
ich  in  dem  Genesungshause  weilte,  hatte  ich  zu  jeder  Stunde  des
Tages  eine  andere  Auslegung  vor  mir.  Bei  den  Barmherzigen
Schwestern,  die  hier  pflegen,  hört  die  Liebe  nie  auf.  Sie  sind  Tag
und  Nacht  zur  Stelle,  immer  hilsbereit  und  immer  heiter;  für  sie
scheint  es  keine  Müdigkeit,  keine  Abspannung,  keinen  Ekel  zu  geben.
Ihr  Verbinden  der  Wunden  ist  wie  ein  Gebet,  von  dem  sie  sich  neugestärkt
  erheben.  Wie  wäre  die  Welt,  wenn  es  auch  außerhalb
dieser  Klostermanern  viele  solche  Frauen  gäbe?

Als  in  den  ersten  Dezembertagen  1870  bei  Paris  und  an  der
Loire  zugleich  blutige  Schlachten  geschlagen  worden  waren,  leerte
man  in  aller  Eile  die  Feldlazarette  hinter  der  Front  und  schickte
viele  Verwundete  rückwärts.  Es  war  fast  für  alle,  auch  die  im
Lazarett  des  Lebens  müde  geworden  waren,  eine  Erlösung.  Für
manche  mag  auch  die  Entfernung  vom  Kriegsschauplatze  willkommen
gewesen  sein,  denn  neue  französische  Armeen  waren  im  Anmarsch.
Es  war  ein  glückliches  Los,  das  mich  hierherverschlug.  Ich  war  nicht
kriegsmüde,  aber  müde  des  Bluts;  der  Trümmer,  des  Schmutzes
hatte  ich  genug.  Als  ich  in  dieses  Haus  eintrat,  sah  ich  zum  erstenmal
  wieder  ein  friedlich-heiteres  Antlitz.  Vielleicht  fesselte  mich  am
meisten  die  breitflüglige  Haube,  die  das  frische  rötliche  Gesicht  der
Schwester  einfaßte;  sie  war  so  weiß,  so  weiß.  Seit  wann  hatte  ich
nichts  so  Weißes  gesehen?  Jetzt  mochte  draußen  im  Felde  der
Schnee  liegen,  der  konnte  ähnlich  sein,  aber  nur  der  allein,  und
auch  auf  diesem  standen  manchmal  Blutlachen  mit  sonderbaren
bräunlichroten  Rändern.  Bei  uns  sah  man  nur  fahle,  brännliche,
gelbliche  Töne;  sogar  das  Weiß  im  Auge  war  trüb  vom  Blute,  das
in  den  müden  Gefäßen  stockte.  Ich  dachte  an  das  Weißeste,  das
ich  jemals  gesehen  hatte,  an  Firnfelder  im  Hochgebirge,  an  blendende
  Sommerwolken,  die  im  tiefen  Mittagsblau  schwimmen,  an
den  weißen  Frühlingskrokus,  dessen  Blüten  noch  klarer  als  Lilien
sind.  Ich  habe  dann  freilich  noch  viel  Helleres,  Leuchtenderes  gesehen.
  Denn  wie  ein  Stern,  der  aus  Sturmwolken  hervortritt,
mutete  mich  die  Menschenliebe  und  Frömmigkeit  an,  die  ich  hier
erfahren  habe.  „In  der  Krankheit  und  in  jeder  Art  von  Rot  steht
eine  Wolke  vor  dem  Himmel"“,  sagte  die  alte  Schwester  Eulalia,  die
Lothringerin;  „wir  Pflegerinnen  kämpfen,  daß  sie  sich  zerstreue  und
Gottes  Angesicht  uns  wieder  hell  ansehe.“