—  181  —.

9.  Den  Meister,  groß  und  milde,  den  nenne  mir  geschwind,
Der  dich  mit  seinem  Bilde  geziert,  mein  liebes  Nind,

10.  Und  der,  bist  du  gegangen  dem  stillen  Grabe  zu,
Dich  jenseits  wird  empfangen  in  seiner  ewm'gen  Ruh'.

11.  Und  hannst  du  mir  ihn  nennen,  so  folge  ihm  auch  fromm,
Dann  wird  er  dich  auch  kennen  und  sprechen:  „Sei  willkomm'!"

142.  Der  Fuchs.  Von  Hermann  Masius.

Der  Regen  verzieht,  der  Wald  schüttelt  die  lauen  Tropfen  aus  dem

Haupt,  und  von  der  Heide  steigt's  erfrischend  und  würzig  in
die  Abendluft.  In  allen  Schlupswinkeln  regen  sich  Flügel  und  Füße.
Die  Mücken  beginnen  ihre  Tänze;  die  Ameisen  kriechen  hervor,  ihre
verschwemmten  Straßen  wiederherzustellen;  der  Fink  schmettert  aus
dem  Buchenwipfel  herab;  der  Hase  schießt  Kapriolen,  und  auch  der
Fuchs  verspürt  ein  heimliches  Rühren.  Dort  lauscht  er  zwischen  den
Wurzeln  einer  alten  Eiche.  Er  „windet“.  —  Alles  ist  sicher,  mit
einem  Satz  ist  Reineke  vor  der  Tür.

Er  macht  sich  auf,  allein  er  eilt  mit  Weile.  Gelassen  schlendert
er  mit  schleppendem  Schweife  durch  Busch  und  Kraut,  immer  querseldein.
  Er  verläßt  die  Heerstraße  und  mag  sich  gern  im  Riedgras,
Korn  und  Hag  verlieren,  wo  bunte  Blumen  blühen  und  muntere
Vögel  singen.  Endlich  ist  er  mitten  im  Waldbann.  Er  schleicht
langsamer,  leiser,  vorsichtiger.  Der  Abend  haucht  kühl  aus  Halm
und  Blatt.  Die  Bäume  heben  ihre  Wipfel  regungslos  in  die  Stille.
Nur  die  Vogelkehlen  sind  noch  laut.  Die  Drossel  lockt  mit  hellem
Ton;  die  Meise  schlüpft,  ihr  Liedchen  schrillernd,  von  Busch  zu  Busch;
der  Waldschreiner  Specht  hackt  und  hämmert  am  Eichenstumpf.
Reineke  ist  am  Rande  der  Waldwiese  angekommen.  Er  lauscht.  Die
Blumen  neigen  ihre  Kelche.  Da  und  dort  summt  noch  eine  Biene,
oder  ein  schwergepanzerter  Käfer  schweift  behaglich  brummend  in
geschwungenem  Bogen  dahin.  Jetzt  knackt  es  in  den  Zweigen.
Der  Fuchs  spitt  das  Ohr:  ein  Pfeifen  läßt  sich  hören.  Da
tritt  das  Keh  heraus,  das  Haupt  keck  emporgerichtet,  die  Augen
nach  allen  Seiten  rollend.  Wieder  pfeift  es,  und  in  schlankem
Sprunge  ist  das  Kälbchen  der  Alten  zur  Seite.  Die  Mutter
leckt  ihm  kosend  den  Nacken.  Plöhlich  hebt  die  Ricke  den  Kopf.
Ihre  Augen  funkeln,  ein  Zittern  fliegt  über  die  Flanken;  sie  macht
ein  paar  Sprünge  und  stampft  zornig  mit  den  Läufen.  Es  ist
klar:  sie  hat  den  Räuber  gewittert.  Der  hat  sich  herangestohlen,