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Wurzeln,  während  am  Stocke  Blätter  und  Blütenkätzchen  hervorsprießen.
  In  den  Bast,  der  zwischen  Rinde  und  Holzkörper  liegt,
tritt  reichlich  Saft,  der  bewirkt,  daß  sich  die  Weidenruten  leichter
schälen  lassen.  Bei  der  Schälarbeit,  die  mit  dem  Monat  Mai  beginnt,
  bedient  man  sich  der  sogenannten  Klemme.  Dieses  Gerät  hat
zwei  nahe  beieinanderstehende  eiserne  Zinken,  die  oben  ein  wenig
seitwärts  gebogen  sind.  Die  Weidenruten  werden  einzeln  zwischen
die  Zinken  geschlagen  und  ihrer  ganzen  Länge  nach  hindurchgezogen.
  Dabei  wird  die  saftige  Rinde  der  Weiden  gequetscht  und
kanu  nun  bequem  abgelöst  werden.  Die  geschälten  Weiden  werden
getrochnet  und  dann  bis  zur  Verarbeitung  in  dunkeln  Lagerräumen
aufbewahrt.

Aus  den  weißen  Weiden  werden  —  manchmal  in  Verbindung
mit  indischem  Rohr  —  Wasch-,  Reise=  und  Papierkörbe,  Sessel,  Blumentische
  und  viele  andere  Geräte  geflochten.  Die  Verzeichnisse
großer  Korbwarenhäuser  zählen  bis  zu  200  verschiedenartige  Gegenstände
  auf,  die  alle  im  Rurgebiet  aus  weißen  Weiden  verfertigt
werden.  Die  aus  den  ungeschälten  grauen  Weiden  hergestellten
Körbe  sind  weniger  Runstvoll;  sie  werden  in  großen  Massen  für  den
Versand  von  Obst,  Gemüse  und  Waren  aller  Art  angefertigt.  Die
Heinsberger  Lehranstalt  für  Korbflechterei  bildet  junge  Leute  in
allen,  besonders  in  den  feineren  Flechtarbeiten  gründlich  und  vielseitig
  aus.

Die  Korbweidenzucht  und  das  Korbflechtgewerbe  sind  für  das
ganze  untere  Rurtal  in  den  letzten  Jahrzehnten  zu  einer  reichen
Quelle  des  Segens  geworden.  Durch  die  großen  Weidenanlagen
sind  die  vielen  sumpfigen  Stellen  an  der  Rur  und  Wurm  mit  ihren
schädlichen  Ausdünstungen  nach  und  nach  verschwunden.  Auf  diese
Weise  haben  sich  die  gesundheitlichen  Verhältnisse  in  der  Gegend
erheblich  gebessert.  —  An  die  Stelle  der  früher  hier  blühenden,  jetzt
aber  fast  gänzlich  eingegangenen  Handweberei  ist  die  Korbflechterei
als  eine  neue,  der  Gesundheit  sehr  zuträgliche  Hausinduftrie  getreten.

In  den  Kreisen  Jülich,  Geilenkirchen  und  Heinsberg  gibt  es
etwa  1500  Familien,  die  das  Korbflechterhandwerk  im  Hauptberufe
ausüben.  Aicht  bloß  der  Hausvater  ist  in  diesem  Gewerbe  tätig,
sondern  auch  Frau  und  Kinder  helfen  mit  bei  der  Anpflanzung  der
Stechlinge,  beim  Reinigen  und  Lochern  der  Anlagen,  beim  Abschneiden,
  Sortieren  und  Abrinden  der  Weidenruten.  Selbst  solche
Arbeiter,  die  im  Winter  ihren  Berufsgeschäften  nicht  obliegen  können,
  wie  Maurer,  Pllesterer,  Anstreicher,  finden  in  diesem  Gewerbe
während  der  ungünstigen  Jahreszeit  einen  lohnenden  Verdienst.

Lesetzuch  für  Oberklassen.  Rh.  14