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Kann  ich  die  Geschichte  der  Eefällten  lesen.  Da  nun  ein  Baum  keine
einzelne  Pflanze  wie  ein  Hund  ein  einzelnes  Uier  ist,  sondern  ein
hundertjähriger  Staat,  der  zum  HFallen  kam,  so  ist  mir  sein  Baumsiamm
  immer  sein  Stammbaum.  Das  ist  er  freilich  nur  dann,  wenn
ich  die  Ringe  seiner  Kbschnittfläche  zu  deuten  verstehe.

Seht,  hier  liegt  ein  schlanker  Fichtenstamm,  der  auf  dem  Abschnitte
  von  beträchtlichem  Durchmesser  nur  40  Jahresringe  zählt.
Einer  ist  so  breit  wie  der  andere,  und  jeder  bildet  um  die  übrigen
einen  regelmäßigen  Reif.  Du  hast  40  behagliche  Jahre  durchlebt,
du  Schlanker,  an  Jahren  fast  noch  ein  Baumjüngling!  Du  standest
auf  nahrhaftem  Boden  im  Kreise  zahlreicher  Genossen,  und  eure  Wipfeläste
  verschränkten  sich  zum  schattenden  Dache.  Dein  Leben  war  geschirmt
  vor  der  Wucht  des  Sturmes;  die  häßlichen  Borkenkäfer  zehrten
nicht  an  deinem  Lebensmark,  und  deiner  Wurzel  fehlte  nie  das  erquichende
  Naß.  Das  alles  sagen  mir  die  breiten  gleichen  Jahresringe
  deines  Innern.  Daß  du  nicht  einsam  standest,  sondern  im  dichten
Schluß  —  wie  der  Förster  sagt  —  mit  deinen  Brüdern,  das  sehe  ich
aus  der  Glätte  und  Kstlosigkeit  deines  Schaftes,  der  nur  oben  einen
kurzen  Kronenwipfel  quirlförmiger  äste  hatte.

Jetzt  komme  ich  zu  dir,  alter  Knabe,  aus  dem  edeln  GEeschlechte
der  langnadeligen  Kiefern.  Du  hast  ein  bewegteres  Leben  geführt.
Ich  zähle  über  200  Jahre,  darunter  Jahre  des  hungers  und  Jahre
des  üppigsten  Genusses.  Ich  sehe  deutlich,  daß  du  im  dürren  Jahre
1842  auch  Mangel  littest;  denn  dein  Ring  von  jenem  Jahre  ist  sehr,
sehr  ärmlich.  Du  hast  dich  dein  Leben  lang  viel  umgeschaut.  Standest
du  auf  einer  Feldkuppe  als  treuer  Hüter  der  Ernte  oder  auf  hahlem
Selsrande?  Frei  standest  du  —  denn  schon  unten  sehe  ich  die  Stellen,
wo  die  starken  äste  abgehauen  sind  —  und  zuletzt  auch  einsam,  nachdem
  du  fast  200  Jahre  einen  treuen  Gefährten  dicht  an  deiner  Seite
hattest.  Dor  acht  Jahren  riß  man  ihn  von  dir.  hat  es  der  Sturm
getan  oder  die  Zxt  delnes  Herrn?  Seitdem  standest  du  ganz  allein
und  strechtest  deine  Knorrigen  äste  hinaus  in  die  warme  Maienluft,
die  mit  deinen  Nadeln  koste,  wie  in  den  rauhen  Mord,  der  deine  Krone
durchwühlte.  Kls  dir  der  Nahrungssaft  kärglich  zufloß,  kamen  wahrscheinlich
  auch  die  Schnitter  bangen  herzens  auf  ihren  Kcher;  denn
die  halme  waren  dünn  und  die  kähren  klein.  Die  alten  Wirtschaftsbücher
  jenes  Gutes,  auf  dessen  Kluren  du  standest,  würden  ohne  3weifel
ebenso  sprechen  wie  diese  hümmerlichen  Jahresringe  deines  holzes.
Oder  war  es  der  häßliche  Vielfraß,  die  Niefernraupe,  die  deine  Nadeln
fraß  und  also  dich  der  schaffenden  hände  beraubte,  die  die  Jahresringe
  bereiten?  Willst  du  wissen,  wer  es  mir  sagte,  daß  du  vor  acht
Jahren  deinen  alten  treuen  Gefährten  verloren  hast,  der  seine  Wurzel