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von  zwölf  Jahren,  das  viel  kränkelte  und  endlich  gezwungen  war,
einen  längeren  Landaufenthalt  zu  nehmen.  Was  lag  näher  als  die
Aufnahme  in  meinem  Elternhause!  Der  Zustand  des  armen  Kindes
  war  bejammernswert.  Hohläugig  und  blaß,  war  es  kaum  imstande,
  sich  aufrechtzuhalten.  Meine  Eltern  erschraken  förmlich  und
zogen  unsern  alten  erfahrenen  Hausarzt  zu  Rate.  Er  untersuchte
die  Kranke,  erkundigte  sich  nach  den  Wohnungs=  und  Ernährungsverhältnissen
  und  polterte  dann  in  seiner  ihm  eigenen  derbkomischen
Art  los:  „Nichts,  reiu  gar  nichts  fehlt  der  Patientin.  Magen,  Herz,
Lunge,  alles  gesund.  Aber  falsch  ernährt!  Ganz  falsch  ernährt.
Ich  hab's  ja  immer  gesagt:  Die  Unvernunft  der  Leute  macht  die
Arzte  reich.  Mir  kann's  ja  recht  sein.  Hat  immer  im  Zimmer
gehockt,  statt  sich  draußen  in  frischer  Luft  zu  tummeln.  Verzärteltes
Ding,  dem  der  Magen  mit  Zucker  und  Schokolade  verdorben  ist.
Aber  „Milch“  sagte  sie,  „die  mag  ich  nicht,  die  schmeckt  so  —  so  —  so
häßlich#  Mag  sein,  daß  das,  was  ihr  da  in  der  Stadt  trinkt,  häufig
nur  so  aussieht.  Aber  warte  nur,  kleine  Stadtmamsell!  Es  ist
hoffentlich  noch  nicht  zu  spät  für  dich.  Sollst  den  alten  Landdoktor
kennen  lernen!“  Und  nun  gab  er  seine  Weisungen.  „Früh  ins  Bett!
Morgens  und  nachmittags  hinaus  in  die  Luft!  Wenn  die  Kräfte
wiederkommen,  auch  ein  bißchen  zugreifen  bei  der  Arbeit!  Medizin?
Ach  was,  braucht's  hier  gar  nicht.  Aber  Milchtrinken!  Milchtrinken!
sage  ich.  Eine  Milchkur  macht  das  Kind  in  weniger  als  sechs
Wochen  wieder  gesund,  oder  ich  will  nicht  Doktor  heißen.  Fangen
wir  vorsichtig  an:  Gebt  die  Milch  zunächst  löffelweise  mit  etwas
Kränchen  vermischt;  gebt  sie  in  der  Form  von  Puddiug  und  gewöhnt
unser  kleines  Trotzköpfchen  nach  und  nach  daran,  täglich  ein  bis
einundeinhalb  Liter  Milch  zu  trinken.  Auch  Buttermilch  laßt  sie
trinken.  Sie  ist  von  ebenso  vorzüglicher  Wirkung.  Wenn  die  Milch
für  Erwachsene  das  beste  Nahrungsmittel  ist,  so  ist  sie  es  für
Kinder  doppelt  und  dreifach.  So,  und  in  vierzehn  Tagen  komme
ich  wieder.“

Er  brauchte  gar  nicht  wiederzukommen,  der  böse  Doktor,  wie
Erwinchen  ihn  nannte.  So  schnell  und  prächtig  gedieh  sie,  daß  es
uns  fast  wie  ein  Wunder  vorkam  und  die  glücklichen  Eltern  fast
außer  sich  vor  Freude  waren.  Mir  aber,  fuhr  der  Erzähler  fort,
ist  der  kleine  Vorfall  treu  im  Gedächtnis  geblieben,  und  ich  habe
mir  eine  Lehre  für5  Leben  daraus  gezogen.  Im  nächsten  Frühjahr
kam  ich  nach  Elberseld  aufs  Gymnasium  und  mußte  fleißig  studieren.
Aber  meiner  alten  Gewohnheit  bin  ich  treu  geblieben.  Mein  Schulweg
  führte  mich  an  einem  jener  kleinen  saubern  Holzhäuschen
vorbei,  wo  täglich  gute  frische  Milch  verabreicht  wird.  Regelmäßig