—  256  —

haben  die  äußerste  Ruhe  nötig  zur  Heilung,  und  um  zu  verhindern,
daß  der  Eiter  in  den  Körper  gepreßt  wird.  Durch  nichts  läßt  sich
aber  Ruhe  so  leicht  erzwingen,  als  wenn  jede  Bewegung  Schmerz
bereitet.  Hat  jemand  ein  entzündetes  oder  sonst  schmerzhaftes
Bein,  er  wird  sich  hüten,  darauf  zu  treten,  er  legt  sich  —  und  die
Heilung  kann  beginnen.  Genau  so  ist  es  bei  den  Sehnen.  Die  Sehnen
  selbst  sind  empfindungslos,  nicht  aber  die  Futterale,  die  Lager,  in
denen  sie  gleiten.  Sie  entzünden  sich  zuweilen,  und  es  folgt  Schmerz,
Ruhe,  Heilung.  So  bringt  der  Schmerz  der  Entzündung  den  ersten
Schritt,  der  zur  Heilung  führt.  Das  entzündete,  äußerst  schmerzhafte
  Auge  erzwingt  sich  seine  Ruhe  durch  krampfhaften  Verschluß
der  Lider.  Bei  der  Bauchfellentzündung  treten  so  gewaltige  Schmerzen
  auf,  daß  der  Mensch  aufs  Lager  geworfen  wird  und  kaum  zu
atmen  wagt.  Nur  diese  äußerste  Ruhe  bietet  die  Möglichkeit  einer
Rettung.  Der  Arzt  hat  es  hier  leicht,  seinen  Anordnungen  Geltung
  zu  verschaffen,  denn  er  hat  den  Schmerz  als  Bundesgenossen,
und  wenn  der  befiehlt,  gehorcht  man  gern.  —

Die  Laien  haben  die  Vorstellung,  daß  die  Schmerzen  um  so
stärker  seien,  je  tiefer  man  in  den  Körper  eindringe.  Das  ist
grundfalsch.  Da  die  inneren  Organe  vor  Hitze  und  Kälte  und
Zerstörungen  geschützt  sind,  da  sie  von  äußeren  Gewalten  nicht  überrumpelt
  werden  können,  so  haben  sie  nicht  das  Bedürfnis,  Schmerzen
  zu  empfinden.  Gar  oft  haben  Arzte  Gelegenheit  gehabt,  bei
nichtbetäubten  Kranken  Magen,  Darm  oder  Eingeweide  zu  berühren,
sie  zu  ätzen  oder  dergleichen  —  nichts  von  Schmerzen.  Leber  und
Milz,  Nieren,  Sehnen,  Knorpel,  Knochen  sind  völlig  unempfindlich,
ebenso  wohl  auch  das  Gehirn,  wie  man  nach  Zertrümmerung  des
Schädels  oft  bemerkt  hat.

Die  Schmerzen  zwingen  uns,  ein  Organ  oder  einen  Körperteil
ruhig  zu  stellen.  Das  ist  gut  für  die  Heilung.  Wenn  aber  der
Körperteil  nicht  ruhig  gestellt  werden  kann?  Dann  wäre  es  fürchterlich,
  wenn  das  Organ  mit  Schmerzen  gequält  würde.  In  der  Tat,
das  Herz,  das  ja  nie  stillestehen  darf,  ist  durchaus  gefühllos.  Es
kann  sich  entzünden,  Klappen  können  zerreißen,  alles  ohne  Schmerzen.
Man  male  sich  aus,  wie  fürchterlich  es  wäre,  wenn  bei  jedem  Herzschlag
  das  erkrankte  Herz  sich  peinigend  in  Erinnerung  brächte.
Ebenso  gefühllos  sind  die  rastlos  arbeitenden  Lungen.  Große  Teile
der  Lungen  können  zerstört  werden  ohne  alle  Schmerzen,  es  darf
nur  das  Rippenfell  nicht  mit  angegriffen  werden.  Unempfindlich
sind  die  immer  pulsierenden  Adern,  das  atembewegende  Zwerchfell,
der  nimmer  ruhende  Darm.