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Man  kann  kurz  sagen:  nur  diejenigen  Körperteile  sind  schmerzempfindlich,
  denen  die  Schmerzen  von  Nutzen  sein  können;  sie  sind
um  so  empfindlicher,  je  verletzlicher  und  schutzbedürftiger  sie  sind,  und
je  mehr  sie  von  uns  mit  Absicht  stillgelegt  werden  können.  «

Man  kann  sich  danach  vorstellen,  was  der  Schmerz  für  uns
wert  ist,  und  was  eintreten  wird,  wenn  das  Schmerzgefühl  zerstört
ist.  Es  gibt  Kranke,  denen  die  Schmerzempfindung  für  bestimmte
Körperteile  vollständig  fehlt.  Mir  ist  eine  Dame  in  Erinnerung,  die
im  Gesicht  gar  keine  Schmerzempfindung  hatte.  Eines  Tages
wärmte  sie  sich  am  eisernen  Ofen.  kam  mit  der  Stirn  der  heißen
Kante  zu  nahe  und  —  roch  plötzlich  unangenehmen  Brandgeruch.
Die  Haut  war  bis  auf  den  Knochen  durchgebrannt.  Es  gibt  auch
Rückenmarkskranke,  die  an  Armen  und  Händen  ganz  unempfindlich
für  Schmerz,  für  Hitze  und  Kälte  sind.  Solche  Kranke  fassen  kaltblütig
  in  glühende  Kohlen,  in  kochendes  Wasser  und  arbeiten  in  ätzenden
  Flüssigkeiten.  Wie  die  Hände  banach  in  kurzer  Zeit  aussehen,
kann  man  sich  denken.  Und  wenn  die  Finger  eitern,  treibt  sie  der
Schmerz  nicht  zum  Arzt,  sie  operieren  sich  selbst  „schmerzlos“",  nehmen
  sich  den  zerstörten  Knochen  heraus  und  arbeiten  seeleuruhig
weiter.

Der  Schmerz  schreit  uns  ins  Bewußtsein:  Hilf  dem  verletzten
Teil!  Und  wir  entziehen  ihn  sofort  dem  Unheil,  das  Zerstörung
birgt,  und  dann  befiehlt  der  Schmerz  Schonung  und  Ruhe,  und  wir
gehorchen.  Das  ist  also  der  „Zweck“  des  Schmerzes,  die  Notwendigkeit,
  uns  durch  eigenes  Eingreifen  vor  Zerstörung  zu  sichern.

183.  Erste  Hilfe  bei  Unglücksfällen.

Von  Friedrich  von  Esmarch.

Es  war  an  einem  schönen  Sommertage,  als  auf  schaumbedecktem
  Rosse  ein  Reiter  vor  mein  Haus  sprengte  mit  der  Nachricht,
  daß  auf  einem  großen  Gute,  das  mehr  als  zwei  Meilen
von  hier  entfernt  liegt,  der  einzige  Sohn  der  Besitzerin,  einer
Witwe,  in  den  Teich  gefallen  und  ertrunken  sei.  Sie  ließ  mich
bitten,  so  rasch  wie  möglich  zu  ihr  zu  kommen.  Ich  ließ  sofort
anspannen  und  fuhr,  was  die  Pferde  laufen  konnten,  hinaus,  allerdings
  ohne  Hoffnung,  noch  helfen  zu  können;  denn  vor  zwei  Stunden
konnte  ich  kaum  an  Ort  und  Stelle  des  Unglücks  sein.  Als  ich  eintraf,
  kam  mir  die  Mutter  jubelnd  entgegen  mit  der  Nachricht,  daß
der  Knabe  gerettet  sei.
Lese  uch  für  Oberklossen.  D.  17