186.  Der  größte  Betrüger.  Von  Wilhelm  Vodee.

Der  Alkohol  ist  der  größte  Betrüger  der  Welt.  Er  betrügt  uns
zuerst,  indem  er  sagt:  „Ich  mache  euch  stark,  ich  helfe  euch
bei  der  Arbeit.“

Viele  glauben,  sie  könnten  die  schwere  Arbeit  in  ihrem  Berufe
  nicht  ohne  ihr  Schnäpschen  verrichten.  Sie  bedenken  nicht,  daß
die  Welt  Jahrtausende  gestanden  hat,  ehe  der  Schnaps  erfunden
wurde;  er  ist  in  Deutschland  erst  vierhundert  Jahre  bekannt  und
recht  verbreitet  erst  seit  etwa  120  Jahren.  Die  wunderbaren  Bauwerke
  des  Altertums  und  des  Mittelalters,  die  Pyramiden  im  ägyptischen
  Sande,  die  Burgen  auf  hohen  Felsen,  die  Paläste  und  Dome
in  alten  Städten  sind  ohne  ihn  gebaut.  Die  Soldaten  werden  zu
Strapazen  erzogen,  die  oft  hart  an  die  Grenze  des  Menschenmöglichen
  gehen;  man  gibt  ihnen  aber  auf  den  Märschen  keine  berauschenden
  Getränke  mehr,  man  verbietet  den  Schnaps,  rät  den  Kaffee
an,  und  zur  Durstlöschung  dient  Wasser  mit  Essigessenz.  Unsere
Nadfahrer  muten  sich  in  ihrem  Eifer  und  Übereifer  auch  oft  Anstrengungen
  zu,  die  einem  Arbeiter  selten  geboten  werden;  sie  setzen
ja  nicht  selten  Gesundheit  und  Leben  ein,  um  den  Sieg  zu  erringen.
Diese  Radfahrer  sind  sonst  vielleicht  keine  Feinde  des  Trinkens,  aber
wenn  sie  etwas  leisten  müssen,  da  mag  keiner  von  Bier  und  Schnaps
etwas  wissen,  da  trinken  sie  Wasser,  Milch  und  Limonade,  wenn  sie
überhaupt  etwas  trinken.  Und  die  Rennfahrer  enthalten  sich  während
  Wochen  und  Monaten,  wenn  sie  ihr  sogenanntes  Training
durchmachen,  ganz  aller  geistigen  Getränke,  um  recht  stark  und  leistungsfähig
  zu  werden.  Ahnliches  könnte  ich  von  Bergbesteigern,
von  Afrikaforschern  und  Nordpolreisenden  erzählen.  Wir  sehen  überall,
  die  wirklichen  Kenner  von  großen  körperlichen  Strapazen  lehren
  Enthaltung  von  Alkohol  vor  und  während  der  Anstrengung.
Was  Nansen  am  Nordpol  und  Livingstone  in  der  Glut  des  #quators
erfuhren,  das  gilt  auch  für  unsere  gemäßigten  Zonen:  der  Alkohol
taugt  nicht  für  die,  die  Großes  leisten  wollen.

Vielleicht  denkt  mancher:  Ich  habe  es  aber  doch  selbst  gespürt,
daß  nach  einem  Schluck  Branntwein  meine  Arbeit  flotter  vonstatten
ging,  daß  ich  etwas  leisten  konnte,  wozu  ich  eben  vorher  zu  matt
war.  Aber  hier  eben  zeigt  sich  der  Alkohol  als  der  große  Betrüger.
Er  gibt  nicht  in  Wahrheit  neue  Kraft,  sondern  er  betäubt  nur  das
Müdigkeitsgefühl,  er  stärkt  augenblicklich  unsern  Willen  und  reizt
uns  dadurch  zu  neuer  Anstrengung.  Er  wirkt  geradeso  wie  die
Peitsche  beim  Pferde;  sie  ist  für  den  Augenblick  nützlich.  Aber  der
Fuhrmann,  der  seinem  Pferde  mit  der  Peitsche  auf  die  Dauer  Kraft.