—  274  —

scheines  in  der  Hand.  Der  Türhüter  führt  uns  in  das  Arbeitszimmer
  des  Direktors,  unter  dessen  sachkundiger  Führung  wir  die
Besichtigung  beginnen.

„Das  Glas"“,  so  belehrt  uns  der  Direktor,  „wird  zur  Hauptsache
  aus  Kalkstein,  Kieselerde  und  Ton  hergestellt.  Diesen  Stoffen
wird  in  einem  genau  bestimmten  Verhältnis  Glaubersalz  und  Pottasche
  zugeseßzt.  Zur  Färbung  des  Glases  verwendet  man  eisenhaltige
  Vulkansteine  oder  Braunsteine,  je  nachdem  man  grüne  oder
braune  Flaschen  herstellen  will."“

Ein  gewaltiges  Getöse  dringt  in  unser  Ohr.  Wir  sind  bei  den
Steinbrechern  angelangt.  Leichter,  als  du  eine  Nuß  knackst,  zerbrechen
  die  unermüdlichen  und  unersättlichen  Zermalmungsmaschinen
die  schwersten  Kalksteinblöcke.  Die  zerbrochenen  Stücke  werden  in
Mühlen  zu  Staub  gemahlen  und  dann  den  Lagerplätzen  zugeführt.
In  der  Mengstube  wird  das  Kalksteinpulver  mit  Sand  und  Glaubersalz
  vermischt  und  durch  Elevatoren  in  die  Höhe  geschafft.  Mittels
einer  elektrischen  Hochbahn  wird  nun  das  Material  zu  den  Schmelzösen
  gebracht,  und  zwar  täglich  20  Doppelwagen  oder  200  000  kg.

„Jetzt  sollen  Sie  sehen,  wie  eine  Flasche  entsteht",  sagt  der
Direktor,  und  wir  folgen  ihm  zu  einem  mächtigen  Glasofen,  der
aus  feuerfesten  Tonquadern  errichtet  ist.  Das  Innere  des  Ofens
ist  eine  große  Wanne,  in  der  das  Gemenge  durch  breunendes  Gas
auf  die  höchste  Weißglut  erhitzt  wird.  Auf  einen  Wink  des  Direktors
wird  eine  Tür  des  Ofens  geöffnet.  Wir  sehen  ein  weißglühendes
flutendes  Meer.  Unser  Auge  wird  geblendet  von  dem  grellen  Licht
und  der  Glut,  die  aus  dem  Ofen  dringt.  Ein  Arbeiter  reicht  uns
ein  blaugefärbtes  Glas.  Durch  dieses  blicken  wir  ohne  Gefahr  in
die  Glut.  Um  die  Tätigkeit  der  Glasbläser  näher  zu  betrachten,
wandern  wir  zur  andern  Seite  des  Ofens.  Dort  stehen  die  Glasbläser
  auf  einer  Bühne,  die  mit  einer  Brüstung  umgeben  ist.  Zur
Seite  eines  jeden  steht  ein  Tisch.  Darauf  liegen  die  Werkzeuge.
Vorn  auf  der  Brüstung  befindet  sich  ein  gabelförmiges  Eisen,  das
sogenannte  Pfahleisen.  Mit  wachsender  Anteilnahme  betrachten  wir
die  glutbeschienenen  halbnackten  Gestalten.  Wie  flink  und  sicher
verrichten  sie  ihre  Arbeiten!  Aber  um  einen  Einblick  in  ihre  Tätigkeit
  zu  gewinnen,  müssen  wir  unsere  Aufmerksamkeit  einem  einzelnen
  zuwenden.

Das  wichtigste  Werkzeug  eines  Glasbläsers  ist  die  Pfeise.  Sie
besteht  aus  einer  etwa  1  m  langen  Röhre,  die  mit  ihrem  oberen
Teil  in  einer  Holzhülse  steckt.  Oberhalb  der  Hülse  ist  ein  Metallansatz,
  das  Mundstück.  Es  dient  zum  Einblasen  der  Lust.  Der
unterste  Teil  der  Pfeife  ist  trompetenförmig  erweitert.  Für  je