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die  ganze  Größe  des  Unglücks  der  Blinden  kaum  mitempfinden.  Denn
geradezu  staunenswert  ist  die  Sicherheit,  mit  der  die  Blinden  hier  eine
Mauerecke  vermeiden,  dort  einem  Baum  ausweichen,  die  Treppen
hinauf=  und  hinuntereilen  und  zwischen  den  Möbeln  der  Zimmer  hindurch
  ihren  Weg  finden;  unbegreiflich  ist  die  Gewandtheit,  mit  der
sie  in  den  verschiedensten  Werkstätten  tätig  sind.

In  der  rheinischen  Hrovinzialblindenanstalt  zu  Düren  werden
hauptsächlich  vier  verschiedene  Gewerbe  gelehrt  und  ausgeübt,  die
Korb.,  Matten=  und  Stuhlflechterei,  die  Seilerei,  die  Bürstenmacherei
und  weibliche  Handarbeit.  Km  überraschendsten  ist  wohl  die  Arbeit
in  der  Seilerei;  denn  die  Schnelligkeit,  mit  der  die  Arbeiter  in  dem
langgestrechten  Gebäude  hin  und  her  laufen,  ohne  irgendwo  anzustoßen
  oder  mit  dem  Seil  in  Berührung  zu  hommen,  läßt  es  dem  Zuschauer
  haum  glaublich  erscheinen,  daß  er  völlig  Blinde  vor  sich  hat.
Und  doch  ist  es  so;  ein  Blinder  dreht  das  Seilerrad,  zwei  andere  führen
  das  Seil.

Sind  es  hier  die  Hüße,  die  sich  so  sicher  bewegen,  so  müssen  in
der  Bürstenmacherei  die  Hände  ohne  Hilfe  der  Zugen  fertig  werden.
Kus  dem  dichen  Pack  Borsten,  der  vor  jedem  Arbeiter  auf  dem  Werktisch
  liegt,  greifen  sie  die  nötige  Menge  heraus,  umwicheln  sie,  tauchen
  sie  in  den  Leimhkessel,  ohne  sich  zu  verbrennen,  und  befestigen
sie  mit  Stahldraht  an  dem  holz.  Richt  nur  rohe  Bürsten,  sondern
auch  die  feinsten  Haarstäuber  und  Kleiderbürsten  mit  Borsten  in  den
verschiedensten  Farben,  ja  mit  Buchstaben,  Namen  und  Sprüchen,  entstehen
  unter  den  flinken  Händen  der  blinden  Knaben.

In  der  Korbmacherel  fällt  uns  gleich  beim  Eintritt  ein  Knabe
auf,  der  Weidenstäbe  sortiert.  Mit  flinker  hand  befühlt  er  die  Ruten
nach  Länge  und  Diche  und  hält  sie  sorgfältig  getrennt,  wie  es  ein
Sehender  nicht  besser  könnte.  Die  andern  Jungen  flechten  emsig:
Papierkörbe,  Mäsche=  und  Reisekörbe,  Sessel,  Stühle,  Blumentische,
Matratzenklopfer,  Huppen=  und  NKinderwagen,  Wiegen,  Binsen=  und
Kohosmatten.

Die  Mädchen  strichen;  aber  sie  verfertigen  nicht  etwa  nur
Strümpfe,  nein,  hunstvolle  Spitzen,  Bettbechen,  Kinderkleidchen,  Schlumserrollen,
  Sofakissen  und  ähnliche  Sachen.  Ruch  große  Ueppiche  stellen
ie  her.

Don  dem  Mädchensaale  gehen  wir  zur  Schule.  Die  Ninder  haben
gerade  Leseunterricht.  Ihr  tastender  Finger  eilt  über  die  Fibeln,  die
natürlich  ganz  anders  aussehen  als  die  Bücher  sehender  Kinder.
Schon  durch  ihre  Größe  fallen  sie  auf,  da  die  Blindenschrift  mehr  Platz
einnimmt  als  der  Druck.  Die  Buchstaben  sind  in  das  Hapier  hineingestochen
  und  werden  auf  der  erhabenen  Seite  abgefühlt.  Es  sind