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Traubenmesser  geschliffen,  und  erwartungsvoll  sieht  man  dem
Beginn  der  Lese  entgegen,  denn  niemand  darf  vor  dem  angesctten
  Termin  des  „allgemeinen  Herbstes“  die  Ernte  einheimsen.
  Angstliche  Gemüter,  zu  denen  besonders  die  Besitzer
ganz  kleiner  Weinberge  gehören,  drängen  fortwährend  den
Gemeinderat,  er  möge  die  Lese  gestatten,  während  die  Besitger
größerer  Weinberge  das  Herbsten  immer  noch  hinausgeschoben
wissen  wollen.  „Je  länger  wir  warten,“  so  sagen  sie,  „desto
besser  wird  der  Wein,  und  diese  Herbstnebel  in  der  Frühe  und
des  Nachmittags  die  warme  Sonne  tun  den  Trauben  noch  gar
zu  gut,  sie  werden  noch  täglich  süßer.  Es  geht  nichts  über  die
Spätlese."

Endlich  eines  Abends  schallt  die  Trommel  des  Ausrukers
durch  die  Gassen  des  Städtchens.  „Ubermorgen  beginnt  der
allgemeine  Herbst!“  So  ruft  jubelnd  einer  dem  andern  zu.  Nun
entfaltet  sich  ein  rastloses  Treiben.  Leser  werden  bestellt,
Krüge  und  Flaschen  mit  Wein  gefüllt,  Brot,  Käse  und  Würste
gekauft,  kurz,  alles  wird  beschafft,  was  etwa  noch  fehlt.  Welches
  Leben  füllt  die  Stadt!  Man  kennt  sie  kaum  wieder.  Lange
vor  Tagesanbruch  schon  knallen  Peitschen  und  rasseln  Räder:
Fässer  und  Bütten  werden  hinausgefahren,  und  in  der  Morgendämmerung
  zicht  es  scharenweise  zu  allen  Toren  hinaus,  in  den
Belz,  auf  den  Kauzenberg,  die  Ley,  den  Hinkelstein,  und  wie
die  Berge  alle  heißen,  die  mit  vielen  Tausenden  der  edeln
Traubenstöcke  bededktt  sind.  Oberall  lachen  uns  die  reifen
Trauben  entgegen  und  scheinen  zu  sagen:  Schneidet  uns  ab,
Wir  platzen  sonst!

Die  Abhänge  sind  mit  der  kleinbeerigen  Rieslingtraube
bepflanzt,  der  edelsten  Rebensorte,  die  den  teuern  Wein  mit
dem  lieblichen  Wohlgeruch  gibt,  während  oben  auf  der  Höhe
in  bunter  Abwechslung  vielerlei  andere  Traubenarten  wachsen.

Und  nun  beginnt  die  schönste  der  Ernten.  Jedem  Leser
und  jeder  Leserin  wird  eine  „Zeile“  zugeteilt,  die  jedes  für
sich  allein  zu  lesen  hat.  Da  stellt  man  nun  das  Büttchen  oder
den  Eimer  neben  die  Weinstödte,  und  nachdem  man  bier  und
da  einige  Blätter  abgestreift  hat,  um  auch  die  versteckten
Trauben  zu  finden,  wird  mit  dem  krummen  Messer  oder  der
Traubenschere  ein  Träublein  nach  dem  andern  abgeschnitten.
Viele  sind  schon  faul,  aber  das  liebt  man  gerade;  es  ist  ja  die
„Edelfäule“,  die  den  Wein  nur  um  so  vorzüglicher  macht.  Die
zu  Boden  gefallenen  Beeren  werden  sorgsam  aufgerafft,  oft
unter  Laub  und  feuchtem  Weinbergsgrase  hervorgescharrt.  Der