—  338  —

bis  zum  Kaiser,  besuchen  an  diesem  ernsten  Gedenktage  Preußens
unvergeßliche  Königin.

Großartig  wie  die  Stadt  ist  auch  das  Leben  und  Treiben  in
Berlin.  Schon  früh  am  Morgen  fängt  es  an,  und  mit  jeder  Stunde
wächst  das  Gewoge  von  Menschen  und  Fuhrwerken,  bis  es  abends
Unter  den  Linden,  auf  der  Leipziger  Straße  und  der  Friedrichstraße
den  Höhepunkt  erreicht.  Da  sieht  man  vor  den  mächtigen  Spiegelscheiben
  der  Prunk=  und  Kunstläden  das  bunteste  Volksgewühl.

Eine  Ringbahn,  die  in  weitem  Umkreise  um  die  ganze  Stadt
führt,  verbindet  die  sämtlichen  in  Berlin  mündenden  Eisenbahnen.
Die  Stadtbahn  fährt  auf  einer  hohen  Überbrückung  durch  die  Häuserreihen;
  sie  dient  dem  Verkehr  der  einzelnen  Stadtteile  unter  sich.
Auf  den  Straßen  fahren  Tausende  von  Droschken,  zahlreiche  Omnibusse,
  Automobile  und  elektrische  Bahnen  vom  frühen  Morgen  bis
in  die  Nacht  unaufhörlich  hin  und  her.  Für  10  kann  man  wohl
zwei  Stunden  weit  fahren.  Eine  besondere  elektrische  Bahn,  die  Hochund
  Untergrundbahn,  fährt  bald  auf  Brückenbogen  über  das  Getriebe
hinweg  und  bald  wieder  durch  Tunnels  unter  den  Straßen  und
Häusern  her.  Den  Fernverkehr  vermitteln  dreizehn  Eisenbahnen,
und  auf  den  Spreearmen  und  kanälen  bewegen  sich  über  30000
Flußfahrzeuge.

Berlin  ist  die  erste  Handelsstadt  des  Deutschen  Reiches.  Besonders
  hervorragend  ist  die  Maschinen-,  Eisen-,  Seiden-,  Silberwaren=
  und  Baumwollenfabrikation.  Die  Hälfte  aller  Einwohner
Berlins  findet  ihren  Unterhalt  durch  den  Handel  und  durch  das
Gewerbe  der  Großstadt.

Als  Haupt=  und  Residenzstadt  des  Königreichs  Preußen  und
des  Deutschen  Reiches  ist  Berlin  der  Sitz  der  höchsten  Behörden.
Hier  wohnt  auch  der  Reichskanzler,  und  die  fremden  Staaten  unterhalten
  hier  ihre  besondern  Vertreter.

217.  Die  Schrippenkirche  in  Berlin.
Von  Ernst  Cremer.

Es  ist  ein  kalter  Dezembermorgen.  Fröstelnd  trete  ich  auf  die

noch  stille  Straße,  in  der  ein  dicker  feuchter  Nebel  lagert.  Am
Oranienburger  Tore  besteige  ich  den  Omnibus,  der  mich  für  einen
„Sechser“  in  den  Norden  Berlins  führt.  Dort  liegt  die  zur  Erinnerung
  an  die  gnädige  Befreiung  Kaiser  Wilhelms  I.  aus  Mörderhand
errichtete  Dankeskirche  und  gleich  dahinter  ein  einfaches,  unscheinbares
  Haus.  Ich  trete  ein  und  werde  in  einen  großen  Saal  geführt.