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In  langen  Reihen  sind  Tische,  nicht  breiter  als  zwei  Spannen,  aufgestellt
  und  hölzerne  Bänke,  die  dicht  mit  Menschen  beseht  sind;  kein
Plätzchen  ist  leer.  Und  was  für  Menschen!  Halbwüchsige  Burschen
von  15  und  16  Jahren  und  kahlköpfige  Alte;  hier  ein  heruntergekommener
  Student  mit  schmutziger  Krawatte  und  dort  ein  Bettler
in  zerlumpten  Kleidern.  Ich  durchschreite  die  langen  Reihen  und
sehe  von  Hunger  abgezehrte  und  von  Alkohol  rot  aufgedunsene  Gesichter.
  Wir  befinden  uns  im  „dunkelsten  Berlin“.  Bedürftigere  gibt
es  nicht,  ärmer  ist  niemand  in  der  großen  reichen  Stadt  als  sie:
Obdachlose,  ohne  Heimat,  ohne  Arbeit,  fremd  untereinander,  fremd
auch  uns.  Niemand  fragt  nach  Stand  und  Namen,  nach  Herkunft
und  Beruf.  Einsam  und  still  trägt  jeder  sein  Elend.  Auf  keinem
Gesicht  ruht  ein  Lächeln,  kein  munteres  Gespräch  kommt  auf;  stumm,
ernst,  finster  schauen  sie  darein.  Und  der  eine  dort  —  er  hat  gewiß
einst  bessere  Tage  gesehen  —,  er  duckt  sich  scheu  hinter  der  breiten
Schulter  seines  Nebenmannes,  als  ob  er  sich  schäme.

Mittlerweile  ist  es  73  Uhr  geworden.  Da  tritt  der  Leiter
der  Versammlung  vor  und  spricht,  nachdem  sich  alles  erhoben  hat:
„Meine  lieben  Freunde!  Lasset  uns  unsere  Gedanken  zuerst  zu  dem
erheben,  von  dem  alles  Gute  kommt!“

Darauf  nimmt  jeder  seinen  Platz  wieder  ein,  und  diensteifrige
Hände  sind  alsbald  bereit,  große  Kannen  warmen  Kaffees  aufzutragen.
  Weitwandige  Körbe,  mit  frischen  Brötchen  gefüllt,  machen  die
Runde.  In  die  umfangreiche  Tasse  ergießt  sich  nun  der  dampsende
Mokka,  und  alles  macht  sich  her  über  die  zwei  mächtigen  Stollen
oder  „Schrippen“,  wie  sie  der  Berliner  nennt,  die  jedem  Gaste  dargereicht
  werden.  Allgemach  heitern  sich  die  Gesichter  auf;  man  knüpft
mit  seinem  Nachbarn  eine  Unterhaltung  an;  es  bemächtigt  sich  der
Gäste  eine  fast  behagliche  Stimmung.  Auf  einen  Augenblick  haben
sie  den  kalten  Winter  draußen  und  die  schreckliche  Ode  sowie  den
Jammer  ihres  eigenen  Innern  vergessen.

Kaufleute,  Lehrer  und  Studenten  machen  den  Kellner,  hier  und
da  mit  der  freundlich  dargereichten  Gabe  auch  ein  freundliches  Wort
austeilend.  Wer  aber  ist  jener  vornehme  menschenfreundliche  Greis
dort,  der  mit  dem  zerlumpten  Krüppel  sich  in  ein  Gespräch  eingelassen
  hat?  „Es  ist  ein  Millionär,“  wird  uns  geantwortet,  „einer
unserer  größten  Wohltäter,  der  noch  vor  kurzem  für  60  000  Mark
ein  Grundstück  erwarb,  worauf  nun  ein  eigenes  Haus  für  unsere
Veranstaltungen  errichtet  werden  soll.“  Weit  mehr  noch  als  eine
solche  hochsinnige  Gabe  aber  erregte  es  unsere  Bewunderung,  daß
der  Sechzigjährige  jeden  Sonntagmorgen  so  früh  hier  unter  den
Verworfenen  umhergeht  und  mit  zuvorkommenden  Fragen  und  güti-227

